Chapter 1 of 2 · 3988 words · ~20 min read

Part 1

Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist _so ausgezeichnet_.

Typographische Fehler sind stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Heimat und Fremde.

Gedichte von Franz S. Gschmeidler.

[Illustration]

1920. Verlag der »Mödlinger Nachrichten«, Mödling bei Wien.

Donauland.

Heiliger Name, der fromm wie Gebet Auf den Lippen von Tausenden steht, Schmeichelnd ums Herz wie Mutterhand: Donauland!

Rebenumsponnen spiegelt dein Bild Tief sich im Strom, dem mächtigen, mild, Der dich umkränzt mit silbernem Band, Donauland!

Uralter Boden, mit Herzblut gedüngt, Immer erhobst du dich wieder verjüngt Gleich einem Phönix aus glutendem Brand, Donauland!

Deine Schollen trat oft der Tod, Oft, seit der Nibelungen Not, Viel des Streits deinem Boden entstand, Donauland!

Aber du prangst wie die schönste der Frau’n: Deine Reben sind Gold, blührot deine Au’n Und vom Brote duftet dein Ackersand, Donauland!

Donauland — wer das Wort nur spricht, Redet Musik, formt ein Gedicht, Wie’s noch kein Dichter schöner erfand: Donauland!

Wer dich nennt, ruft Erinnerung wach, Wer dich kennt, geht dir sehnend nach, Immer in Liebe dir zugewandt, Donauland!

Mödling.

Willst du Mödling lieb gewinnen, Steig den Frauenstein hinan Oder auf des Kirchbergs Zinnen, Schau die Stadt von oben an!

Unter dir, ein Riesenfächer, Liegt der Häuser bunte Meng’, Hohe Giebel, graue Dächer, Wirre Gassen, breit und eng.

Über all dem siehst du ragen Hoch der Othmarkirche Bau Als ein Hort von frommen Sagen, Stolz und ernst und wettergrau.

Und das alte Rathaus drüben, Von Jahrhunderten umkreist, Ist sich immer gleich geblieben, Herrscht auch drin ein neuer Geist.

Noch ein Zeuge ferner Jahre Steht im lauten Stadtgewühl: Dunkler Kirchturm ragt ins Klare, Wo die Straße weist zur Brühl.

Niedre Häuser, schmale Gärten Schmiegen sich ans Felsgestein, Schwarze Föhren von den Höhen Trotzig schau’n ins Tal hinein.

Und die Wälder, die da grünen In verschwiegner heil’ger Pracht, Halten mit den Burgruinen Hoch auf Bergen treue Wacht.

Halten Wacht, daß deutsche Sitte Und der Väter Brauch und Recht Walte fort in Haus und Hütte, Rein bewahrt und ungeschwächt.

Segne Gott euch, deutsche Schollen! Dich, du Stadt, die drauf erblüht! Segen jedem, dessen Wollen Sich um dein Gedeih’n bemüht!

Am Frauenstein.

Als mild der Tag die Augen zum Schlummer zugetan, Stieg ich auf dunkeln Pfaden den Frauenstein hinan. Tief unter mir lag friedlich die große, bunte Stadt, Die hohe und niedere Häuser mit Gärten dahinter hat. Schon blitzten in manchen Fenstern die ersten Lichter auf, Und von der Othmarkirche klang Aveläuten herauf. Blaunebel stiegen und woben ums graue Felsgestein, Wie warmes Herzblut tauchte das sinkende Sonnlicht drein. Und seltsam leise harfte der Wind durch Tann und Ried, Es klang als säng’ einem Kinde die Mutter ein Wiegenlied. Mir war so ernst zumute, als wehte Geisterhauch Durchs schwarze Geäst der Föhren und um mich selber auch. Da griff’s mir an der Seele, da legt’ ich Hand in Hand Und schaute feuchten Auges hinunter aufs stille Land. »Herrgott«, so sprach ich betend, »laß du mein Österreich Von Streit und Schmerzen gesunden, an denen es überreich! Gieb Friede wie am Abend in Hütte und in Haus Und scheuch aus allen Herzen den finstern Haß hinaus! Gib Friede allen, allen, soweit das Auge reicht, Und mach die Lebensbürde, die schwere, allen leicht! Gib allen Müden Träume, die süß und selig sind...« Mir war’s, als spräch’ ein Amen in mein Gebet der Wind.

Eine alte Stadt...

Eine alte Stadt, eine liebe Stadt, Die hohe und niedere Häuser hat Und tief in Gärten liegt versteckt, Mit Duft und Blüten zugedeckt. Zwei finstere Kirchen mit steilen Türmen Schaun drüber, als wollten die Stadt sie schirmen Und all die vielen heimlich segnen, Die in den Straßen sich begegnen.

Eine stille Stadt, eine graue Stadt, Die ringsum schwarze Wälder hat Und Bergeshöhn und Burgruinen, Die viel von Not und Waffenstreit Aus längst verrauschter ferner Zeit, Von guten und von bösen Tagen Zu künden wissen und nicht sagen...

Eine liebe Stadt, eine traute Stadt, Die plätschernde Brunnen am Marktplatz hat Und winklige Gassen und Mühlen und Brücken Und Linden vorm Tor, die bedächtig nicken. Dies alles lieb’ ich und halt’ ich in Ehr, Als ob’s meiner Eltern Erbteil wär’, Mit ihrem Segen mir verschrieben, Es bis ans Lebensend’ zu lieben.

Eine alte Stadt, eine stille Stadt, Die mir das Herz bezaubert hat Und mich mit Eisenklammern hält, Nicht fortzugeh’n in die fremde Welt. Denn draußen weit am Friedhofsrain, Da schließt ein Grab mein Liebstes ein...

An den Frühling.

(1919.)

Wieder blühts in Busch und Bäumen Und auf Wiesen gelb und blau — Aber ach wie viele liegen Tot auf ferner, fremder Au!

Durch die Aecker gehn die Pflüge Und das Korn liegt ausgesät — Bitter ist es sterben müssen, Wenn die Welt in Blüten steht!

Laut der Kuckuck schreit im Walde, Lauer Wind geht düfteschwer — Wie tut weh da der Gedanke: Den du liebst, der kommt nicht mehr!

Und der Lenz bringt Rosen wieder, Junge Sonne, neues Glück — Warum bringt er aus den Gräbern Uns die Toten nicht zurück?

Unsre Söhne, die gefallen, Die verströmt ihr Herzblut rot? Unsre Besten, die gegangen Für die Heimat in den Tod?

Jetzt, da Eisentritt der Schlachten Stampft durchs maiengrüne Land, Willst du, Frühling, Rosen zaubern Aus der Gärten Qualm und Brand?

Geh und wasch dein Sonntagslächeln Lieber dir vom Angesicht Mit den Tränen, die wir weinen, Doch mit Rosen schmück dich nicht!

Nimm den Bäumen ihre Knospen, Scheuch die Lerchen aus der Höh’ Und den Himmel hüll in Wolken, Denn dein Blühen tut uns weh!

Ich ging durch die Felder.

Ich ging durch die Felder zur Mitternachtszeit, Da prangte der Himmel im Sternengeschmeid. Ein Wässerlein schlich sich entlang den Rain, Das blinkte wie Silber im Mondenschein. Längst schliefen die Winde in Rohr und Halm; Blau dampfte der Nebel wie Weihrauchqualm Und fegte mir Düfte über den Weg. Müd rauschte der Bach unterm Brückensteg, Auf dem ich wie traumversonnen stand Und Ausschau hielt auf das schlafende Land, Das blankte und gleiste aus Fernen her Tauperlenvoll und blütenschwer. Ganz nah im Busch wo am Wiesenhang Nur spät ein Vogellied noch klang, Das trunken aus Heckenrosen stieg Und schluchzte, bis es plötzlich schwieg, Als hätte jäh sein süßes Lallen Die Müdigkeit des Schlafs befallen. Ich horcht’ ihm zu, bis schwand sein Ton. Dann ging ich leis’ und scheu davon, Um nicht durch meinen Tritt zu wecken Den kleinen Vogel in den Hecken, Der noch im Schlaf sich sang so spät Ein glückdurchhauchtes Nachtgebet.

In sternenarmen Nächten...

In sternenarmen Nächten, Wenn feuchter Nebel braut Und durch die Wolken der bleiche, Wehmütige Vollmond schaut;

Wenn schwarze Wasser rauschen Durch Feld und Heidemoor, Der Nachtwind verstohlen wispert Im schläfrigen Binsenrohr;

Wenn längst in den stillen Gassen Das letzte der Lichter verglüht: Dann geh ich, das Herz voll Träume, Durchs Land wie ein spätes Lied

Im Schweigen der schlafenden Dörfer Ganz mutterseelenallein, Und niemand ist mein Begleiter Als der traurige Mondenschein.

Das erste Schneeglöckchen.

Der Tauwind ist kichernd durchs Land geschlichen, Sein warmer Wind zerküßte den Schnee, Frostblumen sind an den Fenstern verblichen, Seine Eisketten sprengte klirrend der See.

Am Waldrand ein Schneeglöckchen, das erste von allen Im weißen Hemdchen steht frierend im Moos: Ein Liebesgedanke, zu früh entfallen Dem Frühling, der selbst noch heimatlos.

Osterglocken.

Die Verstummten singen wieder Hoch von steiler Türme Rand Und ihr Dröhnen rauscht hernieder Schwerem Regen gleich ins Land. In die Tiefe, durch die Düfte, Die aus Aun und Wiesen wehn, Über Klüfte, über Grüfte Hallt ihr Lied vom Auferstehn.

Nach dem Liede lauschen alle, Die im Staub der Straße ziehn, Überwältigt von dem Schalle Hoher, heiliger Melodien, Die den dumpfen Glockenhöhlen Sich entrungen selbstbefreit, Sturmbeschwingte Jubelseelen, Kündiger der Ewigkeit.

Alle, die nach Glück noch fragen, Deren Gang ein Blütengang; Alle, die ein Leid beklagen, Ruft zu sich der mächtge Sang Aus den Höhn, der durch die Trübe Trägt die traute Wundermär Von der gottgewordnen Liebe, Die viel tiefer als das Meer.

Von der Liebe, die noch größer Als der Menschheit ganzes Leid, Die mit uns geht als Erlöser Ungesehn durch Raum und Zeit; Von der Liebe, die gestorben, Die von Tod zu Tode drängt, Dennoch lebt und lichtumworben Gräber öffnet, Särge sprengt...

Und die Glocken singen’s allen, Die mit Mühn beladen sind; Brausend ist ihr ehern Schallen Wie der wilde Märzenwind: Menschen laßt den Haß vergehen, Daß nur Liebe fürder spricht Und auf jeder Stirn zu sehen Glanz vom Heilandsangesicht!

Wie aus winterdunkeln Stunden Aufersteht das weite Land, Das aus Blüten sich gewunden Selbst ein schimmernd Brautgewand, Sollt auch ihr beim Osterläuten Auferstehen unbetrübt Und die Hände segnend breiten Über alle, die ihr liebt!

März.

Im Gäßchen spielt eine Kinderschar. Am nahen Hausdach singt ein Star Hinein in den Lärm der Buben. Weit offen Türen und Fenster stehn. Die Düfte von Hyazinthen wehn Heraus aus den stillen Stuben.

Ein lauer Wind streicht übers Dach Und küßt die ersten Blumen wach, Die vielen blauen und weißen. Der Star am Hausdach singt sein Lied, Er singt und singt und wird nicht müd, Den Lenz willkommen zu heißen.

Ich will vergessen...

Die jungen Finken lärmen Im dunkeln Tannenhag. Ich muß mich grämen und härmen Um Dich bei Nacht und Tag.

Durch Wipfel und Blütenbäume Die Schauer des Frühlings weh’n. Ich spür’ durch meine Träume Ein trauriges Sehnen geh’n.

Wild stäubt um Hochlandsfirnen Der Wind mit Singen und Schrei’n. Ich bin ganz stille geworden Und schweig in mich hinein.

Ich will ins Elend wandern So weit mich trägt der Fuß Und fern von Dir vergessen, Was ich vergessen muß.

Stummes Scheiden.

Die Nacht war ohne Sterne, Blaunebel zog durchs Laub, Er wirbelte durch die Lüfte Wie aufgewühlter Staub.

Da gingen wir miteinander Weit über die Wiesen fort, Gesenkt die Häupter traurig Und sprachen nicht ein Wort.

Am Rain nur, als wir schieden, Da blickten vom Boden wir auf — Du gingst den Weg hinunter Und ich den Weg hinauf.

Wir reichten uns nicht die Hände Und blieben ernst und stumm; Wir gingen und keines schaute Sich nach dem andern um.

Die letzten Rosen.

Die letzten Rosen fielen Verblichen in den Staub Und wilde Winde spielen Sich mit dem Blütenraub.

Im Hain, wo’s still geworden, Regt sich kein Singen mehr. Die Wolken ziehen von Norden Wie Nebelfrauen daher.

Verwelkte Gärten breiten Sich weit ins Land hinaus. Nun kommen stille Zeiten Und alles Blühen ist aus.

Nun muß der Frühlingsglaube In grauer Luft verwehn Und tief im Menschenherzen Die Sehnsucht schlafen gehn.

Hochsommernacht.

Wie Sonnwendfeuer auf Berghöhn betet, So flammt, von Blut der Rosen umrötet, Brennende Sommerblumenpracht In der durchsichtig klaren Mitternacht.

Hochmütig stehn als irrlichternde Wacht Die Sterne drüber. Sie funkeln wie goldene Nägel, Die der Herrgott mit weißen Fingern In die Himmelsbläue schlug, Dran Wolken sich blähn, leichtfertige Dinger, Wie schwanenweiße Fischersegel Im Windesflug.

Die Fenster stehn offen wie ein Ohr, das lauscht. Ein Röhrbrunnen schläfrig rauscht. Ein später Schritt hallt durch die Gassen, Verweht, zerflattert wie ein verklingender Akkord, Wie ein letztes Wort, das Verliebte getauscht, Die einander nur zögernd verlassen.

Der Mondglanz rieselt um Blüten und Baum Gleich flüssigem Silber aus Marmorbronnen. In einem Garten wo singt dünn und schrill Ein kleiner Vogel ein Lied noch im Traum. Und sonst ist’s still.

Die ganze Welt liegt tief ins weite, weiße Spinnennetz Der Ruhe eingesponnen...

Einsames Wachen.

Lenzschwüles Nachtblau deckt die Wege zu. Das Dorf liegt dunkel da. Rings tiefe Ruh. Still rinnt der Bach vorbei an Wies’ und Weiden. Nur noch mein Herz schlägt heiß in später Stund’ Und träumt hinaus und schreit sich sehnsuchtswund In seinem Trotz und will sich nicht bescheiden.

Duft steigt aus Blütengärten überall Und will das ganze, endlos weite All Mit seinem schwülen Hauch verschütten. Nur noch mein Herz ist wach, weil’s wachen mag, Ist jung und heiß, drum hat’s so wilden Schlag: Es fragt nicht viel nach Traum in Tal und Hütten.

Ich bin allein, allein, der ruft und wacht In dieser stillen, großen, finstern Nacht; Der Nebel faßt mich an mit seinen weichen Armen. Die Stunden geh’n und geh’n zur Ewigkeit... Ich träum’ und träum’, mein Herz ist wild und schreit Und niemand sieht’s und will sich mein erbarmen.

Es geht mit leisem Wehen...

Es geht mit leisem Wehen Der Frühling durch das Land — Ich weiß nicht, was ich habe, Meine Seele steht in Brand!

Es fangen die ersten Veilchen Schon an zu blühn am Rain — Ich möchte jubeln und weinen Vor lauter Seligsein!

Ich geh unter blauem Himmel, Durch Blüten und grüne Au Und denk bei jedem Schritte An eine geliebte Frau.

An eine Frau, deren Augen Mir Glück und Heimat sind, Und ach! deren Lippen brennen Heiß wie der Sommerwind...

September.

Zugvögel ziehn. Und kränkelnd färben Die Wipfel sich. Feldblumen sterben Auf Wiesen, Auen und am Rain. Marienfäden fliegen leicht und linde Im kühlen Winde

Und wiegen sich im letzten Sonnenschein. Fruchtschwere Äste neigen sich in Lauben Und von den Hügeln leuchten blau und weiß Die runden, vollen, reifen Trauben. Es steigt aus ihnen herb und heiß Der Duft von Most, von süßem, jungen Wein Und Frühherbstwehmut des Ans-Sterbenglauben...

Mittagsstille.

Blauer Himmel breitet seine Schleier Uebers weiße, wegdurchfurchte Land, Nicht ein Lufthauch stört die müde Feier In dem heißen, grellen Mittagsbrand.

Schüchtern rieselt fort am Rain die Quelle Und die gelben Ähren rascheln leis’, Sensenklirren zittert durch die Helle, Und auf Bauernstirnen glänzt der Schweiß.

Nicht ein Vogellied durchbebt die Stille, Nicht ein Ruf, ein Hall zieht übers Feld, Eingelullt in Schlafheit liegt der Wille Einer ganzen großen weiten Welt.

In der Fremde.

Einst war’s, da bin gefahren Hinein ich in fremdes Land, Wo fremd die Menschen waren, Wo niemand mich verstand; Wo die Wolken und der Himmel, Die leuchtende Sonnenzier Und nachts die tausend Sterne So fremd erschienen mir.

Und als da mit den Leuten Zu reden ich begann, Da schüttelten alle die Köpfe Und blickten mich hilflos an; Sie hörten mich wohl, doch keiner Den Sinn meiner Worte verstund; Ich sprach und sprach zu ihnen Aus einem fremden Mund.

Da fühlt ichs jäh, wie Heimweh Durchs innerste Herz mir ging Und des Leids eine bittere Träne Mir einsam im Auge hing. Und da — da blickten die Leute Mitleidig mir ins Gesicht, Da hat mich jeder verstanden, Verstand er mein Wort auch nicht!

Es gibt ein Land...

Es gibt ein Land, wo nie die Blumen welken Und nie der Frostwind tötlich weht, Ein Land, wo nie die Sterne sinken, Nie eine Nacht am Himmel steht.

Es gibt ein Land, wo tiefes Schweigen Wie in der Kirche wohnt, Ein Land, so schön und wundereigen, Wie keins auf Erden thront.

Es ist ein Land, wo nie die Stunden tauschen, Die Gärten blütenüberschüttet stehn, Wo klare Wasser silberfädig rauschen Und lichte Glückgestalten Einander umschlungen halten Und auf und niedergehn.

Es ist ein Land, das liegt in blauer Ferne, Vom Glanz der Ewigkeit umweht, Ist Gottes Heimat auf dem unerreichten Sterne, Nach dem die Sehnsucht aller Staubgebornen geht.

Glück.

Ein leise zitternder Geigenton, Der singend kommt und zieht davon; Ein vergess’ner Gedanke, der unbegehrt Wie ein Blitz am Himmel vorüberfährt; Ein Wort, das aus Tiefen der Seele steigt Und, kaum erklungen, schon wieder schweigt; Ein Lächeln, das über ein Antlitz fuhr Und drauf zurückläßt keine Spur; Und aus Frauenaugen ein flüchtiger Blick: — So kurz von Dauer ist alles Glück.

Heimweh.

Am Meeresstrand bin ich gesessen, Vom Wogengischt umbraut, Und hab mit verlorenen Blicken Hinaus aufs Meer geschaut.

Viel Schiffe glitten draußen In blauer Flut vorbei, Seemöven zogen mit ihnen Und lärmten mit heiserem Schrei.

Von steilen Hügeln hernieder Trug’s schwülen Blütenstaub. Der Seewind schmiegte sich zärtlich Ins schimmernde Myrthenlaub.

Mich aber zog zur Heimat Ein brennender Sehnsuchtstraum, Zur Heimat, wo auf Bergen Grünt ewig der Tannenbaum.

Wo über den Aehrenfeldern Schwebt silberner Lerchenton Und gütige Sonne leuchtet Gluttrunken wie roter Mohn.

Wo liebliche Dörfer sich breiten Mit Mühlen an Fluß und Wehr — Da weint’ ich vor Heimweh leise Und die Tränen rannen ins Meer.

Heilige Nacht.

Dämmerstille Gassen, Sterne schaun herein. Alle Fenster funkeln voller Lichterschein. Schmucke Gabenbäume in den Stuben stehn, Reichbeglückte Menschen Aug’ in Aug’ sich sehn. Mistelzweige grünen und der Tannenbaum Duftet herb durchs Zimmer — o du Kindertraum! O du heller Zauber heil’ger Weihenacht, Web’ durchs Dunkel wieder heimlich, fromm und sacht! Liebe ist gekommen aus verschneitem Land, Liebe, die der Heiland einst für uns empfand, Und sie redet wieder, keusch und silberbleich, Von verschollnen Wundern und vom Gottesreich. In ihr süßes Raunen hallen Glocken drein, Die ihr Beten tragen auf zum Sternenschein. Weiße Engel haben in des Ew’gen Raum Wispernd angezündet einen Weihnachtsbaum: Goldne Lichtlein steckten sie der Nacht ins Haar Und sie glänzt hernieder licht und wunderbar.

Menschen und Sterne.

Am Himmel kreisen die Sternlein Urewig die gleiche Bahn Und achten treuen Scheines, Daß keines Stößt je ans andre an.

Auf Erden wandern die Menschen Nur wenige Jahre hin, Und doch kaum zwei hienieden In Frieden Die Lebensstraße ziehn.

Das weiß nur Gott allein.

(1918.)

Wer sieht und zählt die Tränen Seit Monden schon geweint Um ungezählte Kämpfer, Geblieben vor dem Feind?

Und wer beschreibt den Jammer, Der wild und wilder klagt, Mit dem ein Heer von Müttern Nach seinen Söhnen fragt?

Wer weiß um all die Kinder, Die ohne Väter stehn, Für die soviele Liebe Hat müssen sterben gehn?

Wer weiß, wie viele Bräute, Hold in der Myrthe Grün, Nun tragen glückzerbrochen Ein Sträußlein Rosmarin?

Wer’s weiß? Vor so viel Elend Wird jede Lippe stumm — Wenn’s Einer weiß, so weiß wohl Nur Gott allein darum!

Stephan Milow.

(Prolog zur Enthüllungsfeier seiner Gedenktafel am Wohn- und Sterbehause des Dichters in Mödling am 25. Juli 1915.)

Im Lenzmond war’s. Ein Sonntag, hell und klar wie heute, Da klang vom Stadtdom her ein dumpfes Grabgeläute Und eine Menge Volks umdrängte stumm dies Haus, Aus dem sie weinend trugen einen Sarg heraus, In dem ein Dichter lag, der Lied um Lied gesungen, Bis daß vom Schmerz erdrückt sein armes Herz zersprungen. Ein Dichter war’s, der mit der Seele ganzem Sehnen Voll heißem Heimweh suchte nach dem Ewigschönen; Ein Träumer war’s, der irrte fort in weite Fernen Hoch über sich hinaus nach unerreichten Sternen; Ein Einsamstiller war’s, ein Welt- und Wegemüder, Der sich verschenkte in dem Goldquell seiner Lieder; Und auch ein Dulder war’s, der bis ans Ziel geschritten Mit stolzem Haupt, wie viel und schwer er auch gelitten!

Nun ruht er längst da draußen vor der lauten Stadt, Die er geliebt als seine zweite Heimat hat, Auf der sein ernstes Auge zärtlich oft geruht, Wenn er vorm Hause saß in stiller Abendglut, Voll weisem Sinn der dunkeln Lebensrätseln sann Und leidverklärt sich tief in lichte Träume spann, Bis eine letzte Nacht ihm gab die letzte Ruh: — Und dieser Dichter, Stephan Milow, der warst du! Du warst’s, der wunschlos still im Lenzmond schied von hier Für ewig — weh, ein Unsterblicher starb mit dir! Ein Güterreicher, der sein ganzes Lebenlang Ums Herz des deutschen Volkes warb, bis er’s bezwang, Bis er ein Heimrecht fand im deutschen Sprachgebiet Für sich und das, woran sein Herzblut hing; sein Lied!

Sein Lied, das wie Gebet klingt durch die Not der Welt, Wie Sonntagsglocken, die sich schwingen übers Feld, Und hoch erhebt, so hoch ein Lied es nur vermag, Zu Licht und Frieden und der Seele Feiertag... Was du im Lied verschenkt an Menschentrost und Glück, Gab, Milow, zögernd nur das Schicksal dir zurück! Denn spät, als schon dein Weg in Dämmrung sich verlor, Grünte aus Dornen erst der Lorbeer dir empor; Und als zu müd du warst, um dich noch laut zu freu’n, Goß über dich der Ruhm erst seinen Spätherbstschein, Um zu versöhnen dich noch vor des Lebens Endung Mit deinem Erdgeschick und deiner Dichtersendung. Doch weil du abseits gingst, fern allem Marktgedränge, Wardst du verkannt, zu spät verstanden von der Menge. Zu spät! Das war die Lebenstragik schon von Vielen Und war es auch bei dir und deinen höchsten Zielen! Mehr aber noch: dein Glück und Unglück war’s zugleich, Daß du ein deutscher Dichter warst in Oesterreich!

Wie dem auch sei, an deines Hügels Grabzypressen Seufzt deutsches Leid um dich — du bleibst uns unvergessen! Und als der Nachwelt Dank blinkt hell in Erz gebaut An diesem Haus dein Bild, wie Liebe dich geschaut. Dein Bild in Erz und Stein, das Kind und Kindeskind Soll mahnen noch an dich, wenn längst wir nicht mehr sind; Soll wie dein Lied uns sein von dir noch eine Fährte, Wenn längst dein Staub zerfiel in kühler, deutscher Erde!

— Dir, Milow, ward zuletzt, was du ersehnt, beschieden. Nur uns umklirrt noch Kampf. Wann kommt für uns der Frieden? Allmächt’ger Gott, zu dem wir betend flüchten In dieser wirren Zeit, da Völker sich vernichten, Laß endlich Friede sein! Tilg aus den Weltenbrand Und gib uns Sieg und segne unser Vaterland!

An Franz Keim.

(Zu seinem 75. Geburtstage.)

Die Zeiten sind ernst und voll Not und Tod, Sie reden jetzt eisern und bleiern — Wie tief mußt du da ins Herz hinein Gewachsen dem Volk als Dichter sein, Wenn es trotzdem nicht läßt, dich zu feiern!

Und wenn es dich feiert, wir feiern dich mit Als ein Sandkorn im deutschen Volke; Und was wir dir wünschen, wir wünschen ’s dir gern: Nie welke dein Kranz, nie sinke dein Stern, Dein Weg sei voll rosiger Wolke!

Dein Singen war immer ein heiliger Sang, Er rauschte aus Herzensgründen. Durch jedes Lied deine Seele sich schwang Wie Geigenjubel und Glockenklang Und seliges Heimwärtsfinden.

Und Liebe zur Heimat, zu deinem Volk Ließ deine Saiten erklingen, Durchwehte dein Singen, bergwasserklar, Wie noch kein Sang je frömmer war, Seit deutsche Dichter singen.

Wer pries wie du den deutschen Wald? Des Frühlings Weben und Wehen? Wer deutscher Treue Eichenkranz Und Frauenminne und Waffentanz Wie du so voll Verstehen?

Wer sang wie du von Sturm und Kampf In lauten, flammenden Liedern? Und wer wie du so warm zugleich Von der Liebe zum Bruder draußen im Reich Und seines Grußes Erwidern?

Wer schaute mit gleichem Seherblick Voraus den Gang der Zeiten? Und wem erschloß sich der Töne Schacht Wie dir? Wer meisterte so mit Macht Das spröde Gold der Saiten?

Dein Lebensbekenntnis liegt in dem Wort: »Für Andere kämpfen und leiden Und (muß es sein) auch untergehn!« Gibts noch ein höheres Wunschlosstehn Und ein tiefres Sichselbstbescheiden?

Mag’s Dichter geben von andrer Art, Du bist ein deutscher Dichter! Stolz kannst du’s weisen und ohne Hehl — Wer’s zweifelt, les deinen »Mephistophel« Oder deinen »Königsrichter«!

Der les, wenn sein Herz nicht schönheitstaub, Deine »Lieder aus Fernen und Weiten«, Dann wird er segnend dir küssen die Hand Und König dich nennen im Dichterland, Einen Großen in großen Zeiten!

Und so segnen auch wir dich mit Liebe heiß, Wie sie Männerherzen empfinden Und geben dir treu alle Liebe zurück, Die du für deines Volkes Glück Und Größe gewußt zu entzünden.

Geh lieb mit allen Menschen um...

Geh lieb mit allen Menschen um Und trag durch diese Welt voll Weh Der Liebe Evangelium Als Stern im Sturm, als Lenz im Schnee!

Geh lieb mit allen Menschen um Und tröst, wo eine Träne rinnt! Der Menschheit großes Duldertum Läßt klein uns werden wie ein Kind.

Geh lieb mit allen Menschen um Und pflücke in der Liebe Land Ein Rosensträußlein, leg es stumm In jede arm gewordne Hand!

Geh lieb mit allen Menschen um Und heb das Kreuz, das mancher trägt! Das ist bei mir ein größ’rer Ruhm Als der ist, der nur Wunden schlägt...

Eins ist, was bitter stimmt...

Eins ist, was gar so bitter stimmt: Daß alle Liebe, die wir je erfahren, Und alle Güte, die ein Herz vernimmt, Vergessen wird und schwindet mit den Jahren; Daß mit dem Lenz, der auf den Wangen stirbt, Auch alle Freudenfeuer niederbrennen Und unsre Seele sich das Eine nur erwirbt: An totes Glück sich spät erinnern können!

Trag’s still.

Wenn je ein Liebes von dir schied Mit wehem, gramverschwiegnem Munde, Trag’s still! Es war ein Schicksalslied, Das dir erklang in dunkler Stunde.

Und stürzte dir ein Himmel ein Und ging dir eine Welk zugrunde, Trag’s still! Leicht kann’s zum Segen sein, Dir aufgeblüht in dunkler Stunde!