Chapter 1 of 10 · 3993 words · ~20 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1887 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

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DIE

ANTHROPOPHAGIE.

EINE ETHNOGRAPHISCHE STUDIE

VON

RICHARD ANDREE.

[Illustration]

LEIPZIG, VERLAG VON VEIT & COMP.

1887.

Von demselben Verfasser erschien früher:

DIE METALLE

BEI DEN NATURVÖLKERN.

MIT BERÜCKSICHTIGUNG

PRÄHISTORISCHER VERHÄLTNISSE.

Mit 57 Abbildungen im Text, gr. 8. 1884. geh. 5 _M._

_Demnächst_ erscheint:

GRUNDRISS

DER

ANTHROPOLOGIE.

Von

Dr. E. Schmidt, Privatdozenten an der Universität Leipzig.

gr. 8. Mit zahlreichen Abbildungen im Text.

Leipzig. Veit & Comp.

DIE

ANTHROPOPHAGIE.

EINE ETHNOGRAPHISCHE STUDIE

VON

RICHARD ANDREE.

[Illustration]

LEIPZIG, VERLAG VON VEIT & COMP. 1887

Das Recht der Herausgabe von Übersetzungen vorbehalten.

Druck von +Metzger+ & +Wittig+ in Leipzig.

Vorwort.

Bei der Anthropophagie ist zu unterscheiden zwischen der zufälligen oder notgedrungenen und der gewohnheitsmäßigen. Die erstere, welche infolge von Hungersnot, bei Belagerungen, Schiffbrüchen u. s. w. überall und zu allen Zeiten vorkommt, ist hier ausgeschlossen. Sie bietet kein ethnologisches Interesse. Zur Darstellung soll dagegen die gewohnheitsmäßige Anthropophagie gelangen, welche einen Teil der Sitten eines Volkes ausmacht. Mit dieser allein habe ich es zu thun; die Thatsachen sollen möglichst vollständig vorgeführt, die verschiedenen Stufen und die Ursachen, die gleichfalls sehr mannigfacher Art sind, erläutert werden. Zunächst behandle ich die Anthropophagie in vorgeschichtlicher Zeit, woran sich eine kurze Übersicht der alten geschichtlichen Nachrichten über den Kannibalismus anschließt, kurz deshalb, weil dieses Thema bereits wiederholt bearbeitet worden ist. Es schließt sich daran ein Kapitel über die anthropophagen Überlebsel Europas, über dasjenige, was in Sagen, Märchen, Volkssitten und Aberglauben auf ehemaligen Kannibalismus in Europa schließen läßt. Dann folgt jener Teil meiner Arbeit, auf welchen ich den Nachdruck lege: die heutige Verbreitung und Ausübung der Anthropophagie, wobei die Thatsachen in geographischer Ordnung vorgeführt werden. Eine Ableitung der Ergebnisse aus dieser Stoffsammlung ergiebt sich dann von selbst und die verschiedenartigen Beweggründe, sowie die allgemeinen Betrachtungen über die noch bei Millionen heute herrschende Menschenfresserei, das allmähliche Schwinden derselben, gleichlaufend mit dem Vordringen der europäischen Einflüsse und unserer Civilisation, können klar gelegt werden.

Bereits in den Mitteilungen des Vereins für Erdkunde zu Leipzig 1873 habe ich eine Abhandlung über die Verbreitung der Anthropophagie veröffentlicht, welche der nachstehenden Darstellung zu Grunde liegt. Seit jener Zeit hat sich der Stoff gehäuft, es sind nicht nur zahlreiche Belege, namentlich Afrika betreffend, hinzugekommen, sondern auch die Frage nach der prähistorischen Anthropophagie ist jetzt eingehender erörtert worden, als es nach dem damaligen Stande der Wissenschaft der Fall sein konnte. Da jene kleine Abhandlung oft verlangt wurde und an einem weniger zugängigen Orte sich befindet, so habe ich mich entschlossen, dieselbe in ausführlicherer und mit den neuesten Ergebnissen der Wissenschaft vermehrter Form hier wieder zu veröffentlichen.

+Leipzig+, im Juli 1886.

=Dr. R. Andree.=

Inhalt.

Seite

+Die prähistorische Anthropophagie+ 1

Der primitive Mensch als Jäger 1. -- Höhlen der Quaternärzeit mit Menschenknochen 2. -- Zweifel an der prähistorischen Anthropophagie 2. -- Kannibalen von Chauvaux 3. -- Analogien mit heutigen Naturvölkern 3. -- Prähistorische Anthropophagie in Frankreich 4. -- Grotta dei Colombi 5. -- Grotte von Peniche 5. -- Die Höhle von Holzen 5. -- Höhle von Scharzfeld 6.

+Überlebsel im Volksglauben+ 6

Mythen und Überlieferungen der klassischen Völker 6. -- Anthropophagie und Folklore 7. -- Der wilde Jäger und deutsche Menschenfressermärchen 7. -- Striglen der Neugriechen 8. -- Aberglauben verknüpft mit dem Genusse von Menschenfleisch 8. -- Kannibalismus in der russischen Volkslitteratur 9. -- Finnische Sagen und Märchen 9. -- Märchen der Turkvölker Sibiriens 10. -- Grabschändungen und anthropophager Aberglauben 11.

+Alte geschichtliche Nachrichten über Anthropophagie+ 12

Nachrichten bei Herodot und Strabo 12. -- Massageten, Issedonen, Derbiker 13. -- Irland 13. -- Griechische Mysterien 14. -- Römischer Aberglaube 14.

+Asien+ 15

Malayischer Archipel 15. -- Marco Polos Bericht über Sumatra 15. -- Die Batta 16. -- Die Dajaks 18. -- Philippinen 19. -- Die Manobos 19. -- Die Asuan 19. -- Samojeden 20.

+Afrika+ 21

Guineaküste und Nigerdelta 21. -- Sierra Leone 22. -- Bonny 22. -- Bassam 22. -- Aschanti 23. -- Dahomeh 24. -- Hutchinsons Schilderungen aus dem Nigerdelta 25. -- Bischof Crowthers Zeugnis 26. -- Altcalabar 27. -- Die Tangale 27. -- Äquatoriales Westafrika 27. -- Die „Anziquen“ 27. -- Die Fan 28. -- Die Kissama 30. -- Die Kimbunda 31. -- Die Jagas und das Sambamentofest 31. -- Kannibalenhöhlen im Basutolande 32. -- Südafrika 35. -- Centralafrika 36. -- Darfor 36. -- Burum 36. -- Die Niam-Niam 36. -- Die Monbuttu 38. -- Mambanga 39. -- Manjuema 40. -- Kongovölker 41. -- Haiti und der Wodudienst 42.

+Australien+ 43

Westaustralien 43. -- Südaustralien 44. -- Victoria 45. -- Neu-Süd-Wales 46. -- Queensland 46. -- Nordaustralien 48. -- Tasmania 48.

+Die Südsee+ 48

Die Polynesier eine Kannibalenrasse 48. -- Mythologisches 49. -- Neu-Guinea und Nachbarschaft 49. -- Louisiade-Archipel 51. -- Bismarck-Archipel 52. -- Salomonen 52. -- Neu-Hebriden 54. -- Neu-Caledonien 57. -- Loyalty-Inseln 59. -- Fidschi-Inseln 59. -- Sandwich-Inseln 63. -- Markesas-Inseln 64. -- Paumotu 65. -- Gesellschafts-Inseln 66. -- Samoa-Inseln 67. -- Tonga-Inseln 68. -- Neu-Seeland 68. -- Mikronesien 71.

+Amerika+ 72

Die Cariben Westindiens 72. -- Mexiko 73. -- Yukatan 76. -- Centralamerika 76. -- Peru 76. -- Gebiet des Amazonas 77. -- Südamerika 78. -- Die Kaschibos 79. -- Mesayas und Miranhas 80. -- Die Apiacas 82. -- Die Tupi 83. -- Die Botokuden 87. -- Die Puris 89. -- Araukaner 89. -- Die Feuerländer 90. -- Eskimos 91. -- Tinné-Indianer 91. -- Chippeways 92. -- Potowatomis 93. -- Sioux und Mohawks 94. -- Prähistorischer Kannibalismus in Florida 95. -- Die Hametze auf Vancouver 96.

+Ergebnisse+ 98

+Die prähistorische Anthropophagie+.

Schon die weite Verbreitung, welche die Anthropophagie bei niedrigstehenden Naturvölkern der Gegenwart besitzt und die zahlreichen Nachrichten über dieselbe bei frühgeschichtlichen Völkern in den Werken des klassischen Altertums legen die Vermutung nahe, daß auch in vorgeschichtlicher Zeit Völker existierten, welche unter die Anthropophagen gerechnet werden müssen. Es scheinen aber auch direkte Beweise hierauf hinzudeuten.

Der prähistorische Mensch, der gleichzeitig mit den großen, jetzt meist ausgestorbenen Säugetieren, dem Höhlenbären, dem Mammut, Ren, Höhlenlöwen, dem haarigen Rhinoceros u. s. w., lebte, war Jäger und ernährte sich zum großen Teil vom Fleische der Jagdtiere, deren Felle wohl zu Kleidungsstücken verarbeitet wurden. Die Knochen der erlegten Tiere wurden, wie zahlreiche Höhlenfunde beweisen, mit der Steinaxt oder dem Feuersteinmesser geöffnet; an der Art und Weise nun, wie namentlich die langen Röhrenknochen zerbrochen oder geöffnet sind, will man erkennen können, ob dieses von Menschenhand geschehen sei. Für die Zeitbestimmung der Funde ist dieses von der größten Wichtigkeit, denn wenn die Knochen im +frischen+ Zustande von den Menschen geöffnet waren, so konnte über die Gleichalterigkeit des Menschen und der betreffenden Tiere kein Zweifel aufkommen.

Die Jagdmittel, welche die primitiven Höhlenmenschen besaßen, waren sicher nur unvollkommener Art, schwer wurde es ihnen, die großen Tiere zu überwältigen und wenn einmal die Jagd versagte und Hungersnot herrschte, so ist es nur zu leicht erklärlich, daß der primitive Mensch prähistorischer Zeit zum Anthropophagen wurde, wie heute noch der Hunger selbst in Kulturländern zum Kannibalismus zwingt. Jenem, dem zahlreiche Empfindungen und Begriffe noch fehlten, die uns heute geläufig sind, wie z. B. Schamhaftigkeit oder Pietät, konnte es kaum einen Unterschied machen, ob er Fleisch von einem Jagdtiere oder Menschen verzehrte, wenn er nur seinen Hunger zu stillen vermochte. Verzehrte der Mensch in der Quaternärzeit seinesgleichen, so wird er sich auch an dem Mark der Menschenknochen erlabt haben, wie er sicher die Markknochen der großen Säugetiere mit Steinhammer und Flintmesser öffnete, um deren Inhalt zu verzehren. Findet man daher im Inhalt der Höhlen der Quaternärzeit Menschenknochen, welche in absichtlicher Weise geöffnet erscheinen und die Spuren der menschlichen Bearbeitung zeigen, so kann man wohl schließen, daß sie zu dem Zwecke zerbrochen wurden, um das Mark zu Nahrungszwecken zu erlangen. Eine große Anzahl Entdeckungen sind nach dieser Richtung hin in der letzten Zeit gemacht worden; man hat die deutlichsten Beweise künstlicher Öffnung von Markknochen, die Schnitte der Feuersteingeräte an denselben finden wollen und sich immer mehr der Ansicht zugeneigt, daß man es mit Überresten prähistorischer Kannibalenmahlzeiten in solchen Fällen zu thun hat.

Allemal kommt es hierbei aber auf eine sehr genaue Untersuchung der Menschenknochen an, auf die Art und Weise, wie dieselben geöffnet wurden. Das Zerschlagen und Öffnen kann zu verschiedenen Zwecken stattgefunden haben; es ist bekannt, daß heute noch einzelne Völker das Mark von Röhrenknochen nur gewinnen, um damit Felle zu gerben. Das kann auch bei einem prähistorischen Volke der Fall gewesen sein und dann ist es ausgeschlossen, hier aus dem Knochenbefunde auf Anthropophagie zu schließen. Mit absoluter Sicherheit wird sich niemals sagen lassen: die und die aufgefundenen, zerschlagenen und geöffneten Menschenknochen sind die Überreste einer kannibalischen Mahlzeit oder das prähistorische Volk, welches in dieser oder jener Höhle hauste, bestand aus Kannibalen. Es hat daher auch die Vorstellung von prähistorischen Anthropophagen wiederholt Gegner gefunden. Mögen nun aber auch die Schlüsse, welche man auf prähistorischen Kannibalismus aus den zerschlagenen Menschenknochen zieht, hinfällig sein -- die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit für letztere ist trotzdem vorhanden; sie werden gestützt durch die Analogie, welche zwischen den vorgeschichtlichen Völkern und den heute der Anthropophagie ergebenen Naturvölkern besteht, eine schlagende Analogie, die nicht mehr besonders hervorgehoben zu werden braucht.

Der erste, welcher auf Kannibalismus in vorgeschichtlicher Zeit schon vor vierzig Jahren hinwies, war Professor ~A. Spring~ in Lüttich, welcher die Höhlen von Chauvaux bei Namur in Belgien durchforschte und hier in großer Masse Menschen- und Tierknochen mit Asche und Kohlenstücken vermengt vorfand. Alle Röhrenknochen waren zerschlagen, „um zu dem Marke zu gelangen“, und ein Unterschied zwischen Menschen- und Tierknochen fand hierbei nicht statt. Wohl aber durfte ~Spring~ sich wundern, daß kein einziger Knochen einem alten Mann oder einer alten Frau angehört hatte, denn sämtliche Überreste stammten von Jünglingen, jungen Frauen oder Kindern, woraus ~Spring~ auf Feinschmeckerei der alten kannibalischen Höhlenbewohner schließt, die nicht von der Not gedrängt, nur das zarte Fleisch jugendlicher Genossen verzehrten. ~Spring~s Darlegungen erregten anfangs heftigen Widerspruch, aber dem massenhaften von ihm vorgelegten Material gegenüber neigte sich die Wagschale mehr zu gunsten seiner Ansicht.[1]

Nachdem durch ~Spring~ einmal der Kannibalismus des vorhistorischen Menschen angeregt worden war, begannen die Forscher eifrig nach neuen Belegen zu suchen und die aufgefundenen Menschenknochen unter dem Gesichtspunkte der Anthropophagie zu betrachten. Besonders reiche Beweise brachte man aus Frankreich bei, denen gegenüber die Zweifel zu schwinden begannen, zumal es ja an und für sich nicht die geringste Unwahrscheinlichkeit darbietet, daß unsere Vorfahren demselben Gelüste gehuldigt haben, welches unter den heutigen Naturvölkern noch so weit verbreitet ist. Wie bei den Australiern und nach ~Schweinfurth~ bei den Niam-Niam, nach ~Bowdich~ bei den Aschanti noch heute Schädel- und Knochenstücke von Menschen als Zierat getragen werden, so schmückten die alten Bewohner des Departements Aveyron in Südfrankreich sich mit durchbohrten Menschenzähnen, die, an Schnüren aufgereiht, als Ketten getragen wurden, wie ~Cartailhac~ nachgewiesen hat.[2] Es mag uns in diesem Falle freistehen, ein pietätvolles Erinnerungszeichen an einen Verstorbenen nach Art der Australier oder an eine Siegestrophäe nach Art der Niam-Niam zu denken, die von einem erschlagenen, möglicherweise verzehrten Feinde herrührt. ~F. Garrigou~, der es sich zur besondern Aufgabe setzte, die Anthropophagie der „Renntierfranzosen“ nachzuweisen, hat dafür eine Anzahl Beweise gesammelt.[3] Er führt aus, daß die Menschenknochen, welche zuerst mit Tierknochen in den zur Renntierzeit gerechneten Höhlen des Thals von Tarascon (Ariège), von Sabart (Sounchut) von Niaux-Grande und Niaux-Petite, von Bédeillac etc. im südlichen Frankreich vorkommen, für ihn als _restes de repas faits par l’homme_ gelten. Er hat dann seine Beweise durch Belege aus dem Departement Lot vermehrt, wo namentlich in der Höhle Cuzoul de Mousset viele zerschlagene und kalcinierte Menschenknochen auf Kannibalismus deuten.[4] In den Dolmen des Departements Lozère hat ~Prunières~ neben einem mit Bronzeschmuck versehenen Skelette, Knochen von alten und jungen Menschen, nur Bruchstücke, im „angenagten“ Zustande, nebst einem aufgeschlagenen Röhrenknochen gefunden, die auf Kannibalismus hinwiesen; Zweifel, welche der verdiente ~Broca~ erhob, schienen durch eingesandte Belegsstücke widerlegt.[5] ~Felix Regnault~ behauptete mit vielen Beweisstücken den Kannibalismus der alten Bewohner von Montesquieu im Departement Ariège. Die zerbrochenen Menschenknochen wurden dort zusammen mit Feuersteingeräten und den Knochen vom Höhlenbär, Hirsch, Ochs, Pferd, Hund und der Höhlenhyäne gefunden; die Menschenknochen waren _cassés par des instruments tranchants_ und zwar nach einer ganz bestimmten Weise, die ~Regnault~ als _bec de flûte_ bezeichnet.[6] ~A. Roujou~ bringt von der Station Villeneuve St. Georges (Steinzeit) Beweise für die Anthropophagie bei.[7]

In der vortrefflichen Arbeit von ~Eduard Piette~ über die Grotte von Gourdan, Departement Haute Garonne[8], wird die Frage aufgeworfen, ob die alten Renntierjäger, deren Spuren dort massenhaft vorhanden sind, auch Anthropophagen waren? Zahlreiche menschliche Schädelfragmente mit sehr deutlichen Spuren von Schnitten, als ob die Schädelhaut mit Feuersteingeräten abgezogen worden wäre, wurden dort aufgefunden. Dann zerlegte man den Schädel, wie die Bruchstücke beweisen, und suchte wohl zum Gehirn zu gelangen. Bemerkenswert ist, daß man nur Schädel und Atlasknochen, keine anderen menschlichen Teile in der Grotte fand. ~Piette~ meint, daß die Renntierjäger von Gourdan eine Art von Kopfschneller gewesen seien, welche die Häupter ihrer Feinde als Siegestrophäen in die Grotte hineinbrachten, diese dort skalpierten und dann das Gehirn verzehrten. Für diese Ansicht sprechen genau die Kopfjäger von der Insel Lazon, über welche freilich damals ~Piette~ noch nicht unterrichtet sein konnte (siehe unten).

Bei den Ausgrabungen in der Grotta dei Colombi auf der Insel Palmaria (Golf von Spezia) hat ~Capellini~ neben rohen Feuersteinwerkzeugen, Topfscherben und Knochennadeln, Knochen von Ziegen, Schweinen, Rindern etc. auch Oberschenkelbeine gefunden, die vom Feuer versengt sind und an der hinteren Fläche Einschnitte tragen, „die daher rühren, daß man mit einem Feuerstein das Fleisch abgeschnitten hat“. Nach ~Capellini~s Meinung gehören sie einem Affen (_Macacus inuus_) an; aber die Untersuchungen von ~Boyd Dawkins~ und Prof. ~Busk~ haben ergeben, daß es sich hier um das Oberschenkelbein eines etwa achtjährigen Kindes handelt. Aus der Roheit der aufgefundenen Artefakte geht hervor, daß in der Höhle sehr niedrig stehende Wilde lebten, welche auf Grund des obigen Fundes für Kannibalen angesehen werden.[9]

Auf der iberischen Halbinsel sind die Menschenknochen, welche sich in den neolithischen Ablagerungen der Grotte von Peniche vorgefunden haben, von ~Delgado~ als Beweise für den Kannibalismus der Vorzeit angesprochen worden. Ein zur Prüfung dieser Frage auf dem Lissabonner prähistorischen internationalen Congress 1880 niedergesetzter Ausschuß war geteilter Ansicht, indem einzelne Mitglieder zustimmten, andere die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit prähistorischer Anthropophagie in diesem Falle zugaben und wieder andere dieselbe leugneten.[10]

Was schließlich unser Vaterland betrifft, so ist auch dieses nicht frei befunden von prähistorischen Kannibalen. In einer der Bronzezeit zugerechneten Höhle beim Dorfe Holzen, unweit Eschershausen, hat ~A. Wollemann~ an den Herdstellen Anhäufungen von Menschenknochen gefunden, deren Röhrenknochen sämtlich zerschlagen und angebrannt waren, „so daß an den Feuern ohne Zweifel einst Menschen verbrannt wurden“. Unverletzt dagegen waren die kein Mark enthaltenden Knochen; ~Wollemann~ deutet daher die Knochenreste als Überbleibsel kannibalischer Mahlzeiten[11], eine Ansicht, der sich unter näherer Begründung auch Prof. ~Nehring~ angeschlossen hat.[12]

Mindestens den Verdacht der Anthropophagie erregen die alten Höhlenbewohner der neolithischen Zeit, welche in der Einhornhöhle bei Scharzfeld am Harze wohnten. ~C. Struckmann~, der diese Höhle untersuchte, fand darin zahlreiche menschliche Gebeine ohne jede Ordnung wild durcheinander zwischen den zerschlagenen Tierknochen und Topfscherben, also inmitten der Küchenabfälle. Ein Knochen scheint nachweisbar von Menschenhand gespalten. Sichere Beweise aber, daß die Mehrzahl der Knochen absichtlich wegen der Markgewinnung geöffnet wurde, fehlen.[13]

[1] ~A. Spring~, Rapport sur un mémoire sur l’éthnographie de l’homme du renne par ~Ed. Dupont~. Bull. de l’acad. royale du Belgique. T. XXII. No. 9 und 10.

[2] In ~Mortillet~s Matériaux pour l’histoire positive et philosophique de l’homme III. 65.

[3] L’Anthropophagie chez les peuples des âges du renne etc. Bull. de la soc. d’Anthropol. 1867. 326.

[4] Bull. d. l. soc. de Géologie de France. T. XXVI. 461.

[5] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1868. 317. 404.

[6] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1869. 476. 485.

[7] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1866. 607. 611 und 1867. 239.

[8] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1873. 407.

[9] ~Boyd Dawkins~, Die Höhlen. Deutsch. Leipzig 1876. 208. und Archiv für Anthropologie. IV. 163.

[10] Archiv für Anthropologie. XIII. Supplement. 106-108.

[11] Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. 1883. 517.

[12] Daselbst. 1884. 88.

[13] Archiv für Anthropologie. XIV. 227-229.

+Überlebsel im Volksglauben+.

Wie die vergleichende Mythologie in den Volksmärchen und Sagen reichen Stoff zum Wiederaufbau der alten Götterwelt gefunden hat, so können, und mit noch größerem Rechte, die Anklänge, welche Märchen und Sagen verschiedener, heute auf einer hohen Kulturstufe stehender Völker an Menschenfresserei zeigen, als Überlebsel aufgefaßt werden und dazu dienen, das ehemalige Vorhandensein der Anthropophagie bei solchen Völkern darzuthun. Mit größerem Rechte sage ich, weil die Analogie der Naturvölker, bei denen heute noch die Anthropophagie in ausgedehntem Maße herrscht, hier bestätigend zu Hilfe kommt, eine Analogie, die bei Götterrekonstruktionen nicht im gleichen Maße zur Seite steht.

Was in den Mythen und Überlieferungen der klassischen Völker von menschenfressenden Göttern und Helden berichtet wird, gehört auch in das Gebiet, welches hier berührt wird; die Anschauung ist dieselbe, wie in unseren heutigen Märchen und Sagen von Menschenfressern, wenn auch eine Niederschrift schon vor tausenden von Jahren erfolgte. An das Treiben der Höhlenkannibalen, wie prähistorische Funde es uns kennen lehren, oder wie es unsere Zeit in den Höhlen des Basutolandes gesehen hat, erinnert die Schilderung der Odyssee, wo der Kyklop Polyphem nach den Gefährten des Dulders von Ithaka griff,

Deren er zween anpackt, und wie junge Hund’ auf den Boden Schmettert: blutig entspritzt ihr Gehirn und netzte die Erde. Dann zerstückt’ er sie Glied vor Glied, und tischte den Schmaus auf, Schluckte drein, wie ein Leu des Felsengebirgs, und verschmähte Weder Eingeweide, noch Fleisch, noch die markichten Knochen.

Tantalus, der am Tische der Götter speisen durfte, suchte deren Allwissenheit zu prüfen, indem er ihnen das Fleisch seines wegen Blutschande zerstückelten Sohnes Pelops vorsetzt. Nur Demeter ißt aus Versehen von der Schulter, während die übrigen Götter die Speise erkennen. Atreus tötet die beiden Söhne des Thyestes, läßt die zerstückelten Leichname teils kochen, teils braten und setzt dem Vater beim Gastmahle das Fleisch zu essen, das Blut unter den Wein gemischt zum Trinken vor. Und so öfter.

Sehr reich an Beziehungen zur Anthropophagie ist das Gebiet dessen, was wir heute unter der Bezeichnung „Folklore“ zusammenfassen. Jedoch kann dieses Kapitel nicht eingehend hier behandelt werden, da der Schwerpunkt meiner Arbeit auf ethnographischem Gebiete liegt; aber zeigen läßt sich, daß in der Volkslitteratur die wesentlichen Gesichtspunkte, welche bei der Anthropophagie in Betracht kommen, von dem rohen, sättigenden Genuß des Menschenfleisches, also der rein materiellen Seite, bis zu den damit verknüpften verfeinerten abergläubigen Wahnvorstellungen vorhanden sind.

Der wilde Jäger oder Wod jagt und erlegt (in den pommerschen Sagen) ein paar Frauenzimmer und wirft denen, die ihm bei der Jagd behilflich waren, als Speise und Belohnung ein Frauenbein zu. „Hast mit jacht, kâst uk mit frête.“[14] So verlangt der wendische Bauer von Dissenchen in der Lausitz im Übermut vom Nachtjäger die Hälfte des Jagdertrags. Da bekommt er die Hälfte eines Menschen.[15] Als die Hexen in Swinemünde hungrig waren, sagte die eine zur anderen: Drüben unsere Nachbarin liegt in den Wochen, da wollen wir ihr Kind holen und es schlachten.[16]

Nach dem altertümlichen serbischen Volksglauben fressen die Hexen das Herz aus dem Leibe des Menschen. In einem Liede[17] ruft ein Hirtenknabe, den seine Schwester nicht erwecken kann: Hexen haben mich ausgegessen, Mutter nahm mir das Herz, Base leuchtete ihr. Daß der nämliche Wahn unter den alten Deutschen herrschte, bezeugen Stellen der Volksrechte: _si stria hominem comederit_.[18] Unsere heutigen Märchen stellen die Hexen als Waldfrauen dar, die sich Kinder zur Speise füttern und mästen[19], also rein materiell das Fleisch genießen.

Die Striglen der Neugriechen hingen mit den Strigen des griechisch-römischen Altertums zusammen, jenen boshaften Zauberfrauen des populären Aberglaubens, von denen man erzählt, daß sie des Nachts in Vogelgestalt zu den Wiegen der Kinder flögen und diesen das Blut aussaugten. In einer unter Johannes’ von Damaskus Namen überlieferten Abhandlung werden die στριγγαι nach damaliger volkstümlicher Auffassung geschildert als nachts durch die Luft fahrende Frauen, welche die kleinen Kinder erwürgen oder ihnen die Leber ausfressen. Der altertümliche Strigenglaube hat sich noch an einzelnen Orten Griechenlands erhalten.[20]

Auch jener Zug, welcher bei den heutigen Anthropophagen charakteristisch ist und häufig wiederkehrt, die völlige Vernichtung des gehaßten Feindes dadurch, daß man ihn verspeist, ist schon vorhanden in unseren Volksmärchen. Die Stiefmutter Schneewittchens verzehrt Leber und Lunge von einem Frischlinge im Wahne es seien Leber und Lunge des von ihr gehaßten Schneewittchen.

Es zeigen sich desgleichen in der Volkslitteratur jene abergläubischen Vorstellungen, die mit dem Genusse von Menschenfleisch noch heute bei den anthropophagen Naturvölkern verknüpft sind, nämlich, daß der Verspeisende besondere Kräfte und Eigenschaften dadurch erhalte. „Wer ein gekochtes Menschenherz ißt, wird unsichtbar.“[21]

Nicht anders die Chinesen noch heute, bei denen dieser Aberglaube bis zur Ausführung herrscht. _The people in the district Cheung-lok seized a youth, carried him to the top of a hill, where they killed him and ate his heart_ (1871).[22] Ein englischer Kaufmann in Schanghai betraf seinen chinesischen Diener darüber, wie er ein Menschenherz nach Hause brachte, um es dort zu kochen und zu verzehren. Es sei das Herz eines Taipingrebellen, sagte er, und er esse es, um tapfer zu werden.[23]

Auch dämonische Verwandlungen werden durch den Genuß von Menschenfleisch bewirkt. So wird bei den Indern der Knabe Vijayadatta dadurch, daß ihm Menschenhirn an die Lippen spritzt, zum mörderischen, leichenzerfleischenden Rakschasa[24] und nach dem Volksglauben im Braunschweigischen, muß jeder, der Menschenfleisch kostet, auf immer Menschenfresser werden. Bei Seesen ging ein Mädchen durch den Wald, dem begegnete eine Menschenfresserin, die der Kleinen Wurst anbot. Da kam eine weiße Katze, die warnte das Mädchen, ja die Wurst nicht anzunehmen, denn sie war aus Menschenfleisch. Die Katze hängte hierauf die Würste an die Büsche, da kamen Raben und Wölfe und fraßen sie auf. Seit jener Zeit mögen Raben und Wölfe am liebsten Menschenfleisch.[25]

Daß in der russischen Volkslitteratur Spuren vorhanden sind, die auf alte Menschenopfer und Kannibalismus hindeuten, hat ~Wojewodsky~ nachzuweisen unternommen. Er führt ein Volkslied an, in welchem ein Rätsel aufgegeben ist: Ein menschlicher Körper wird in seine Teile zerlegt und diese werden zu allerlei verbraucht, z. B. aus dem Blut wird Bier gebraut, aus dem Fette macht man Lichter u. dergl. Mit Rücksicht auf die einzelnen Teile werden einzelne Fragen vorgelegt, wie: Was ist das? Etwas Liebes brennt vor mir als Licht. ~Wojewodsky~ leitet die Entstehung jener Gedichte aus einer Zeit her, in welcher noch Kannibalismus herrschte.[26] Auch das russische Märchen von der schönen Wasilissa gehört hierher. Sie kommt zu einer Hexe, Baba-Jaga, welche im dichten Walde eine Hütte bewohnt. Der Zaun um die Hütte besteht aus Menschenknochen, auf denselben sind Menschenschädel befestigt, an der Thür statt der Pfosten Menschenbeine, statt der Riegel Hände; in der Nacht leuchten an den Schädeln die Augen u. s. w. Den knöchernen Schädeln werden auch heute noch magische Wirkungen in Rußland zugeschrieben.[27]

Die Märchen und Sagen der finnischen Völker im Innern des europäischen Rußland zeigen ebenfalls Anklänge an ehemalige Menschenfresserei. Ein wotjäkisches Märchen[28] berichtet von dem schlauen Knaben Wanka, den eine Hexe durch ihre Tochter braten lassen will. Die Tochter befiehlt ihm sich auf die Schaufel zu setzen, um ihn in den geheizten Backofen zu schieben; er stellt sich aber ungeschickt und als die Tochter es ihm vormacht, schiebt er diese schnell in den Ofen, wo sie gebraten wird. Nun kommt die Alte zu Hause, sieht in den Ofen und spricht: „Ach, Wanka, wie schön du gebraten bist.“ Sie zieht den Menschenbraten hervor und verzehrt ihn. Sie verspeist somit ihr eigenes Kind und diesen Zug finden wir auch anderweitig und die Backofengeschichte spielt gleichfalls in deutschen Märchen.

In den Märchen und Sagen der Turkvölker Südsibiriens leben auch die Menschenfresser fort, wiewohl wir bei den heutigen Viehzüchtern jener Gegenden keinerlei Spuren von Kannibalismus nachzuweisen vermögen. In dem von den Altajern erzählten Märchen von Tardanak und Täktäbäi Märgän werden deutliche Menschenfressergeschichten erzählt, wie in unseren Kindermärchen.[29]

Tardanak wird von dem siebenköpfigen Jälbägän in einen Sack gesteckt um als Speise zubereitet zu werden; mit List befreit er sich daraus, schneidet den Kindern Jälbägäns die Köpfe ab und kocht deren Leiber in einem Kessel. Da kehrt Jälbägän zurück: