ERSTES KAPITEL
Wer mit dem Stock erzieht, verwandelt den physischen Widerstand des Kindes in Ironie. Deshalb haben wir den Klöstern die köstlichste Frucht des menschlichen Geistes zu danken.
Jappes war ein Kerl.
Die Instinkte ersetzten bei ihm die bestvernachlässigte Erziehung. Ein wild-stürmischer Gang, ein krauser Tituskopf, eine kühne Nase, am linken Arm drei Pockennarben: Originalstiche! Weshalb gleich ein Steckbrief, er hat ja noch nichts verbrochen! Vielleicht noch ein Wort zum Hausklatsch für die Vorwitzigen: Seine Mutter hatte neun Monate mit ihm unter gesegneten Umständen verbracht und ihn ihrem Mann am Geburtstag ins Bett geworfen: Da hast du das Balg!
Sein Vater war ein alter Narr, der keinen Namen hatte, denn die Mutter nannte ihn immer: Du. Eines Tages sprach er zu Jappes: „Du wirst gewiß in einem Sumpf sterben – und ich wünsche immer, du wärest als Kröte auf die Welt gekommen.“ Dann hatte Jappes geweint und die tröstende Mutter sagte: „Spar deine Tränen, dein Vater ist ja ein Simpel!“
Und darum weinte er eben.
Als „Du“ starb, trug man ihn feierlich durchs Dorf unter Gesang und Weihrauchduft. Es war ein sonnenlichter Tag. Die Mutter freute sich, daß Jappes schon geboren war.
Die Gute, sie hieß Angelica.
Eines Tages weinten beide um den Tod des Vaters: „Geh in deine Kammer,“ sagte Angelica, „das Gute müssen wir im Verborgenen tun.“ Und Jappes fragte: „Das Böse auch?“
Es kamen viele Tage, an denen nichts geschah, außer, daß Jappes körperlich und geistig gegerbt wurde. Mit der Beize wurde nicht gespart, denn Jappes war eine rohe Haut. Der Lehrer und Angelica schlugen sich abwechselnd außer Atem und wenn Jappes dann die Luftknappheit zu seinem Vorteil ausnutzte, geschah es mehr aus Instinkt als aus Feigheit – wenn nicht gar Feigheit ein Instinkt ist! Jappes war nicht feig. Er hatte mehr Hosenböden und mehr vorsätzliche Katzenmorde auf dem Zivil-Gewissen, als eine ganze keimende Dorfgeneration zusammen. Wie für den Indianer der Skalp das Kriterium der Tapferkeit, so für Jappes die Katzen- und Hosenleichen.
Angelica wunderte sich, daß ihr Sohn immer unter Arbeitern steckte, wo es nur Schnaps und Hering und Limburger Käse geben konnte. An einem grauen Regentage untersuchte sie ihn, ob er noch keine Tätowierungen habe. „Gottlob,“ sagte sie, „du bist blank wie ein gescheuerter Bottich,“ und Jappes erhielt einen freundschaftlichen Klaps. Angelica war eine gute Mutter, die ihren Sohn immer schlug, nur die Beweggründe wechselten. Jappes wurde auf diese Art ein gutgedrillter Bursche, der mit den schlagenden Beweisen einer schonungslosen und unerbittlichen Erziehungsmethode vertraut war.
Beim Arbeitervolk ging es auch nicht immer sachte zu und deshalb liebte er das gewohnte Milieu! Er war klug und dachte in seinem jungen Hirn: Arbeit ist kein Laster, steckt also nicht an.
Denkende Köpfe finden ein anderes Betätigungsfeld, dachte Angelica, und war stolz auf ihre Leibesfrucht.
Dann kam die Wandlung.
Jappes wurde den Musen geweiht und Angelica wußte, daß sie etwas tat, was sie sich und ihrer Stellung schuldig war.
Ungeratene Söhne pflegen immer wohlgeratene Mütter zu haben!
Angelica ging mit dem Sohne das pfarrherrliche Orakel zu befragen. Pfarrer Trumb war ein grundgütiger Herr, denn er predigte immer Demut. Weil er stets zur Enthaltsamkeit und Mäßigkeit mahnte, hatte ihn Gott mit einer Fettschicht begabt, durch welche die Transpiration vollkommen nach göttlich weiser Anordnung funktionierte. Die Köchin, ein jovialisiertes Frauenzimmerchen mit einem heilig ergebenen Demutsblick, wie eine süße Raffaelmadonna, empfing Angelica: „So, Frau Angelica, Sie kommen wegen dem Sohn“ – und hier unterbrach sie sich, um die gute Mutter von der Last eines Schinkens – in größter Ausgabe – zu befreien. Pfarrer Trumb kam. Gut-gütig lächelnd: „Ach! Herr Studiosus“ – und verstohlen schaute er den Schinken an, „dann beginnt jetzt ein neues Leben.“ Segnete Jappes, sprach ein paar Worte von aufopfernder mütterlicher Hingabe, redete, bis die gute Angelica mit der pfarrherrlichen Magd Gottes weinte, und fand noch ein paar rührende Trostesworte. Darauf gingen Mutter und Sohn.
Angelica sagte: „Der Herr Pfarrer ist ein grundguter Mann. Er redet mit Worten, die selten sind und Trost bringen. Sein Segen wird dir nützen.“
Jappes fragte: „Mutter, welchem Armen wird er unseren Schinken wohl schicken!“
Angelica: „Das wird Gott ihm eingeben.“
Jappes war interner Pennäler bis zu seiner Emanzipation. In der fünften Lateinklasse trat der Typus Weib in sein Leben. Die Romanfiguren nahmen greifbare Gestalt an. Gott schickte das Weib, auf daß sich der Mann nicht selbst quäle. Die Technik des Umgangs war Nebensache, denn junge Mädchen lieben unter normalen Verhältnissen die Pennälermützen nur. Gerissen und verschmitzt wie ein Fuchs, verstand er nach einer klugtaktischen Strategie das Weib mit ihren eigenen Mannen zu schlagen. Er wußte: Der Feind der Frau steht in ihr selbst. Er kämpfte seine Vorpostengefechte der Liebe, eroberte lodernde Küsse, stürmte zuckende Brüstchen, die Redouten der Festung. Manchmal fand er freies Gelände und offene Schanzen und freie Bastionen. Er wußte, dort hatte der Feind gehaust.
Als die Sonne der Weisheit sein Hirn gereift hatte, und er das Pennal verließ, wußte er aus Caesar: Greife den Feind eher durch List als mit deinen Kräften an, und aus Erfahrung wußte er, daß noch kein Mädchen an hysterischen Weinkrämpfen gestorben war.
Er sagte der Verziehungsanstalt Valet.
Angelica war voll stolzer Bedenken, ob ihr Sohn, der nun geistig reif war, nicht etwa auch vom Bazillus der modernen Ungläubigkeit angesteckt sei. Sie klebte drei Wachskerzen hinter die Tür und ließ eine zweipfündige Kerze in der Kirche verbrennen.
Jappes bezog die Universität mit einem klaren Kopf, tollen Erinnerungen, mit krauser Stirnlocke, Reifezeugnis und seligbangen Zukunftsplänen.
Das wurde alles immatrikuliert.