Part 11
Und diesmal las er weiter und las das Ruhmeslob, das ihr gezollt wurde als einer der stärksten und urtümlichsten Eigenarten auf nachschaffendem Gebiet.
Er warf sich zurück und blickte mit weit offenen Augen in das funkelnde Licht. Und merkte es nicht, daß er vor sich hinlachte, mit den stolzen, hellen Augen, die sie so geliebt hatte, mit dem frohen und herrischen Klang seiner Stimme. »Angela. Engel. Stärkste und urtümlichste Eigenart. Urtümlichste! Der Kerl hat dich begriffen.«
Er hätte auch wohl den Schöpfer und Erwecker ihrer Eigenart, er hätte wohl auch Kornelius Vanderwelt in seiner Urtümlichkeit begriffen, wie ihn die Männer des Hafengebiets begriffen und ihm nacheiferten. Doppelte Arbeit mußte geleistet werden, für die Tausende mit, die aus den Schiffsparks, aus den Hafenanlagen, aus den Industriebetrieben herausgezogen und in die Reihen der Kämpfenden eingereiht worden waren. Und Kornelius Vanderwelts anfeuerndes Wort, zupackender Griff war überall, wo die Erschlaffung drohte, und versagte die Peitsche des Wortes und der Tat, so wußte seine wilde Laune zu siegen.
»Heda, Jungens, wollen wir zwischendurch mal Fußball spielen? Die faulsten Fötte nach vorne! Und hinein mit dem Stiebel! Wer über Bord geht, soll mit den gefallenen Brüdern in die Zeitung!«
Und die Leute stießen sich wiehernd in die Rippen, dachten an die Kameraden, die mit dem Tode Brüderschaft machten und spuckten in die Hände. Die Frauen halfen mit, und das Rüstzeug für das Heer konnte bald in unversiegbarem Flusse verladen werden. --
Im Mai des folgenden Jahres fanden in den verschwägerten Häusern die frohen Familienereignisse statt. In den ersten Tagen des Monats schenkte die junge Frau Juliane, in den letzten Tagen des Monats die junge Frau Antonie einem Sohne das Leben. Der Draht trug die Nachricht hinaus ins Feld. Klaus Beckenried und Thomas Vanderwelt vermochten einen gemeinsamen Urlaub zu verabreden, kehrten auf die Dauer knapper Tage heim und hielten die Taufe ab.
Todernsten Gesichtes, aber die Augen voll Glück erschien der Leutnant Beckenried, mit einer verlegenen Lässigkeit in Wort und Gebärde der Unteroffizier Vanderwelt. Das erste Wiedersehen mit ihren Frauen blieb ohne Zeugen. Dann hatte die Welt das Wort. Mit der Miene leiser Selbstverspottung ließ sich Thomas Vanderwelt von seiner Frau ins Schlepptau nehmen. Seiner Jugend wollte die Rolle als Vater ein wenig lächerlich erscheinen, und seine Hagerkeit im verblichenen Waffenrock stach ihm allzusehr ab von der körperlich so wohlgepflegten und in Kleidung und Gebaren das Aufsehen herausfordernden jungen Dame, die an seiner Seite weniger die Frau des Mannes als die Zugehörige zu einer der bekanntesten Familien der Stadt hervorzukehren wußte. Lieber als er gekommen, kehrte er ins Feld zurück, während der Schwager Klaus Beckenried, in Unruhe aus seiner männlichen Sammlung herausgerissen, eine Verlängerung seines Urlaubs beantragte, um die Übersiedlung von Frau und Kind in das väterliche Haus zu bewerkstelligen und die Fülle der Rechnungen zu prüfen, die er auf dem Tische seiner Frau Juliane vorgefunden hatte.
»Wenn dein Sinn nach einem Dienstmädchen stand, hättest du deine Augen nicht zu den Vanderwelts erheben sollen, mein lieber Klaus.«
»Wir dienen alle, Juliane. Mach' mir die Dienstmädchen nicht verächtlich, wenn du ihnen die Arbeit nur deswegen aufbürdest, um im Nichtstun feiern zu können. Wer eine Ehe schließt, muß erwerben wollen und nicht verschleudern.«
»Lieber Klaus, du bist fast zehn Jahre älter als ich, hast dich zur Genüge in der Welt herumgetrieben und des Schönen so viel erlebt, daß du satt bist. Ich aber spüre jetzt erst den rechten Hunger. Und das Verlangen, ihn an allem, was ich schön finde, zu stillen, lasse ich mir von meinem Manne wirklich nicht nehmen.«
»Ich bin weder satt, noch habe ich in meinem Arbeitsleben genug an Schönem erlebt. Ich will es an dir und mit dir erleben. Die Gemeinsamkeit ist die tiefste Erfüllung der Ehe.«
»Leg' den ererbten Krämer ab, und du wirst die bezauberndste Frau haben.«
»Juliane,« fragte der ernste Mensch mit ruhelos forschenden Augen, »weshalb hast du mich eigentlich zum Manne gewollt?«
Sie hielt ihm neckend die Augen zu.
»Weil du ein stattlicher Mann bist und wir beide das schönste Paar abgeben.«
»Deshalb -- -- --?«
Und auch Klaus Beckenried kehrte zu seiner Truppe zurück, in die Einsamkeit und in die Entbehrung.
Aus einem heißen Hoffnungsjahr in das andere sprang der Weltkrieg, und nur wenige Male kehrten die jungen Väter auf Urlaub bei ihren Frauen ein, um ihre Enttäuschungen spöttisch oder erregt in ein neues Hoffnungsjahr des Krieges hineinzutragen. Es wurde kein frohes Familienfest mehr in den verschwägerten Häusern begangen. --
Im letzten Kriegsjahre ging es auch mit den Kräften des vorzeitig gealterten und gänzlich ermatteten Fräulein Bilsenbach zu Ende. Die Füße trugen sie nicht mehr aus ihrer Stube heraus. Ein kleines noch, und die Füße konnten aus dem Bette nicht mehr den Boden gewinnen. Da gab sie nach.
Nie war Kornelius Vanderwelt im Geschäft, im Hafengetriebe, in den Versammlungen notwendiger gewesen als in diesen Tagen. Aber er brach seine Arbeiten ohne zu zögern ab, ließ den alten Beckenried die laufenden Geschäfte betreiben, lud die Sorgen um das Gemeinwohl auf andere kräftige Schultern und saß bei der Sterbenden. In ihrem altjüngferlichen Stübchen saß er und an ihrem Altjungfernbette und hielt ihre dürre Hand.
»Liebe, alte Freundin ...« sagte er. »Liebe alte Freundin -- mit dem Krieg geht es zu Ende. Anders, als wir es vor vier Jahren in der Aufwallung der Gemüter ahnen konnten. Wir wollen nicht darüber sprechen. Wir wollen unsere Toten begraben und so nahe zusammenrücken, daß sich die Reihen wieder schließen. Ich bin immer ein Mann des Zukunftsglaubens gewesen und durfte es, weil ich in Ihnen die beste Hüterin meines Hauses wußte.«
Sie lehnte mit einer matten Kopfbewegung ab und sprach leise und angestrengt aus den Kissen heraus.
»Das liegt dahinten, Herr Vanderwelt. Es ist das alte Haus nicht mehr. Die Kinder haben es verlassen, und der Hausherr braucht für die Einsamkeit eine andere Hüterin.«
Er schüttelte lächelnd den Kopf und streichelte so lange ihre Hand, bis sie ruhig in der seinen lag.
»Nein, der Hausherr braucht keine andere Hüterin. Die Hüterin sind und bleiben Sie. Nicht aufbegehren. Hätte ich Sie nicht gehabt, die den Hausfrieden hütete, woher hätte ich die Ruhe und die Spannkraft zu allen meinen Arbeiten da draußen nehmen sollen. Wenn man mir einmal einen Denkstein setzt, Fräulein Bilsenbach, muß Ihr Name mit darauf. ›Hier ruht im Tode sanft Kornelius Vanderwelt, weil seinem Leben Auguste Bilsenbach die nötige Ruhe schuf!‹«
Sie zog, wie erschrocken, die Augenlider hoch, als er ihren Vornamen nannte. Und dann griff ihre Hand in die seine.
In den wenigen Tagen, die noch folgten, sprach er mit ihr von nichts als den heiteren Tagen der Vergangenheit. Er erzählte von Justus, dem ältesten, der im Kriege ein so draufgängerischer Offizier geworden war, wie er sich schon als Knabe der Schulmeister erwehrt hatte. Er erzählte von Thomas, dem frühbegabten, der so zierlich den Weltmüden zu spielen wußte, bis jählings die Urnatur über den Weichling zu siegen strebte. Er erzählte von Juliane und ihren Zickzacksprüngen, den Schularbeiten und Klavierstunden aus dem Wege zu gehen und doch die erste Geige zu spielen. Nicht immer leicht wurden ihm die Erinnerungen, da die Gegenwart verschärftere Bilder vor seine Augen stellte. Aber er erzählte, weil es der Erschöpften wohl tat, den Geschichten aus fröhlicheren Tagen zu lauschen, und sie den Abgesang ihrer Jugend im verklärten Schein darin wiederfand.
Es war in der Nacht, und der Puls der Sterbenden flatterte noch einmal auf.
»Herr Vanderwelt -- ich bin ganz klar. Es war doch schön -- bei Ihnen zu leben -- bei Kornelius Vanderwelt. -- Aber das schönste von allem -- ist doch -- bei Ihnen zu sterben. -- Ganz allein -- bei Ihnen -- --«
Er drückte ihr die Augen zu, legte ihre Hände zusammen und in die gefalteten Hände ihr geliebtes Gesangbuch. Und während er sie betrachtete, wurde ihm zum Wissen, was er der eingeengten Welt dieses gealterten und in ihrem Pflichtleben geräuschlos gewordenen Menschenkindes bedeutet hatte, daß eine Liebe aus seinem Leben fortgegangen war und daß er die Einsamkeit spürte wie eine würgende Hand.
Er beugte sich tief über die Tote hinab und streichelte ihr erkaltetes Gesicht. -- --
Mit dem Ausgang des Krieges hatte das erschöpfte Fräulein Bilsenbach ihren Ausgang gehalten. Millionen von Männern fluteten zurück aus allen Heerlagern der Welt. Kornelius Vanderwelts Haus wurde nicht voller davon. Justus, der älteste, war heimgekehrt, zornbebend über die deutsche Schmach, und hatte nach Tagen schon in jagender Unrast das Vaterhaus und die Vaterstadt wieder verlassen. Zu neuem Soldatendienst irgendwo. Zu neuem Handeln, neuem Sicheinsetzen und Sichausleben, statt der Unerträglichkeit dieser faulig stinkenden Ruhe.
Und Thomas war heimgekehrt, hohnvoll bis in die Mundwinkel, und hatte sich im Hause der kränkelnden Frau Ausdemwerth, in den duftenden Zimmern ihrer lebenslustigen Tochter, seiner, ja seiner Frau, niedergelassen wie ein angeketteter blinzelnder Sperber.
Und auch Klaus Beckenried war heimgekehrt in sein väterliches Haus, zu der Schönheit seiner Juliane und ihrer kühlrechnenden Vergnügungssucht, und aus dem begeisterten Verehrer war ein stiller und in sich gekehrter Ehegatte geworden. Keiner von ihnen allen dachte anders an Kornelius Vanderwelt, als wenn die leibliche oder geistige Not ihn trieb.
Kornelius Vanderwelt fror in der Einsamkeit seines Hauses, und die von Tagedieben und Großmäulern überfüllten Kneipen ekelten ihn an. In den ›Fünf Erdteilen‹ saß er wohl an seinem Ecktisch und trank, aber er tat es Nacht für Nacht ohne Gesellschaft, und die Zudringlichkeit der platten Burschen wagte sich an die Kälte seiner Augen nicht heran.
Oft saß er und las die Zeitungen, die er zur Ausfüllung der leeren Stunden von daheim mitgebracht hatte, und es wurde Frühlingsbeginn, und er las in der Zeitung ~ihren~ Namen.
~Angela Freydag~ ...
Angela Freydag war in Deutschland gelandet und zeigte im Kölner Gürzenichsaal ihr erstes Konzert an. Angela Freydag war in Rufnähe, und sie rief ihn: Komm und sieh, ob mein Maß ausreicht.
Und wieder merkte Kornelius Vanderwelt, daß er in kurzen Stößen vor sich hin lachte. »Engel, du findest mich beim Matthes. Beim Matthes, Engel, und doch so gut wie auf deinem Grund und Boden.«
Und dann verließ er augenblicks die Wirtsstube und stand barhäuptig am Hafen, und der nächtliche Frühlingswind ratterte und knatterte in den Zeitungsblättern, die er in der Hand trug.
Angela Freydag ... Angela Freydag ist heimgekehrt aus Amerika ... Angela Freydag spielt morgen für Kornelius Vanderwelt im Gürzenichsaal zu Köln. -- --
Diesmal mußte er es zweimal sagen: »Los, Wilm. Wir fahren nach Köln.« Dann hatte der Fahrer begriffen, und er steuerte stumm in den weichen, regenwolkenverhangenen Märzabend hinein, der den Geruch von junggewordener Erde trug. Über Düsseldorf ging die Fahrt, und bevor zwei Stunden vorüber waren, hielt der Wagen vor einem Gasthof der turmreichen Domstadt, und der Fahrer wandte sich fragend um.
»Gut, Wilm. Hier oder anderswo. Wir bleiben über Nacht.«
Er ließ seinen schmalen Reisekoffer auf sein Zimmer bringen, folgte ihm nach und kleidete sich um. Kurz vor acht Uhr schritt er zu Fuß dem Gürzenich zu und suchte in dem dichtgefüllten Saale seinen Platz. Die Künstlerin, so besagten die Ankündigungszettel, spielte mit der auserlesenen Schar des städtischen Orchesters.
Schon harrten die Musiker auf der Empore, die zuvorderst den mächtigen Konzertflügel trug. Ein paar prüfende Geigenstriche, ein paar verklingende Flötentöne, und im Saale erlosch das Licht, und nur die Empore lag wie eine Insel der Verheißung in strahlender Beleuchtung.
Das Raunen und Rauschen im Saale machte feiertäglicher Stille Platz.
Durch die Gasse der Musiker schritt der große Kapellmeister. Am Arme führte er eine hochaufgerichtete, kraftvolle und biegsame Frauengestalt, und wie sie an den Flügel trat und vom Begrüßungssturm umwogt den Kopf neigte, sprang Kornelius Vanderwelt ein Schrei auf die Lippen, den er nur mit verhaltenem Atem zu bändigen vermochte, und er murmelte in sich hinein: »Die Angela. Die Angela. Guten Abend, Engel.«
Sie saß am Flügel, den strenggeschnittenen Kopf lauschend vorgeneigt, fast als ob sie schliefe. Von den nackten Armen waren die Ärmel zurückgeworfen. Der seidene Kleiderrock ließ das Bein mit der schmalen Fußfessel frei. Und plötzlich zuckte die Frau auf, und Kornelius Vanderwelt gewahrte ihre Hände, die Hände, die er unter tausenden und im Dunkel der Nacht erkannt haben würde, weil sie für ihn Gottes auserlesenstes Kunstwerk waren. Ein Anschlag auf den Flügeltasten, ein hinströmender Laut, der die Seelen aufschreckte und sie aus dem Erdendunst aufwärts riß in die Bezirke der Riesen und Gottmenschen.
Von diesem Augenblicke an hörte Kornelius Vanderwelt nichts mehr. Nicht ob Beethoven sprach oder Brahms, nicht ob Mozart oder Händel. Daß es die alten, heißgeliebten Klänge aus dem Musikzimmer zu Ruhrort waren, was ging es ihn an? Er hörte nicht mehr mit dem Gehör, er hörte nur noch mit den Augen. Ihre Hände, die sich sprungbereit bäumten und klingende Quellen aus den Felsquadern der Meisterwerke schlugen. Ihre zärtlichen Finger, die den Odem Gottes über die Tasten fächeln lassen konnten. Ihre schlankgerundeten Arme, die in Pausen niederhingen, als sögen sie die Kraft aus geheimnisvollen Tiefen, und sich jählings streckten und hoben und wie im jubelnden Mitklang die Höhen meisterten. Und er hörte mit den Augen die Dehnung der schlanken Fessel, wenn die Fußspitze das Pedal suchte und ließ, die Kraft der weißen Schultern, die Schmiegsamkeit des Frauenleibes, den Drang der Brüste, die ihr Herz umschlossen. Und auch dies Hören verlor er, denn seine Augen waren sehend geworden.
Denn seine Augen hatten Angela Freydags große graue Augen gesehen, wolkenverhangenes Liebesland, jetzt von Sonne durchzittert, jetzt von Funken erfüllt wie von jäh über den Himmel springender Blitze Triumph. Die Pantherkatze, lachte es in Kornelius Vanderwelts Seele. Nein, fort mit dem Bild. Es ist die Wölfin, die vor den Augen des Gefährten jagt. Die Wölfin im Engel der Liebe. Hussa, Horrido!
Aus -- --!
Sie saß mit schlaff herniederhängenden Armen, ein unerklärliches Lächeln um den festgeschlossenen Mund. --
Hatte die Menschen um ihn her der Irrsinn gepackt? Was tobte die Meute wie beim Halali der Jagd? War er nicht allein im Saal, er, Kornelius Vanderwelt, für den die Naturgewalten gejauchzt und gejubelt, gestürmt und geschrien hatten, um die Lüfte zu klären und das Herz zur Ruhe der Seligen zu bringen? Was wollten die Menschen um ihn her, die aufgesprungen waren, während er saß und in den wiedererleuchteten Saal hinein erwachte, daß sie im tobenden Beifall die Hände zusammenschlugen? Ach, es galt der Künstlerin, die so meisterhaft gespielt hatte und sich jetzt vor der Vielheit der Menschen erhob und sich verbeugen mußte, wieder und wieder, als dankte sie der tobenden Vielheit.
Nein, Herrgott, nein! Es war nicht die Künstlerin, die er vor der blendenden Rampe der Empore sah. Es war ja Angela! Angela war es, die die Vielheit nicht gewahrte, weil sie für den einen gespielt hatte. Sie schüttelt den Kopf. Sie kann nicht mehr zugeben. Sie mag die billigen Zugaben nicht. Sie verbeugt sich und geht, kehrt wieder unter den begeisterten Zurufen und verbeugt sich aufs neue. Wieder und wieder. Das Spiel ist an die Menge übergegangen, die sich jubelfroh ihrer Macht bewußt wird und Hervorruf über Hervorruf erzwingt. Um ein Ende zu machen, wird der Saal abgedunkelt. Die beifallerregte Menge bleibt bei ihrem Willen. Und plötzlich eilt ein Mann auf die Empore zu, schwingt sich hinauf, bietet der todblassen Künstlerin den Arm, führt sie durch die Gasse der Musiker in ihr Ankleidezimmer.
»Da bist du, Engel, und da bin ich.«
Kornelius Vanderwelts Arme bebten, als er sie um Angela Freydags Nacken schlang.
Und dann fühlten sie beide, wie das Beben durch ihre Körper rann, als wären sie Äste und Gezweig desselben Baumes, und wie es hinüberrann in die Ruhe der Vereinigung, während sie, Brust an Brust, sich umschlungen hielten.
»Komm,« sagte er, »jetzt bring' ich dich heim.«
»Ja,« wiederholte sie, löste sich aus seinem Arm und hielt doch die flachen Hände gegen seine Brust gepreßt, »jetzt bringst du mich heim.«
»Angela!«
»Kornelius!«
»Engel, so hat mich seit Menschengedenken kein Mädchenmund mehr genannt.«
»Es ist auch kein Mädchenmund,« murmelte sie, »es ist der Mund einer Frau,« und sie hob die Hände, zog seinen Kopf herab und drückte ihre Wange gegen die seine.
»Nun wollen wir gehen, Kornelius. Das Haus hat sich geleert. Auch der Kapellmeister wird aus schöner Rücksichtnahme vorausgegangen sein.«
»Vorausgegangen? Mußt du noch mit ihm zusammensein?«
»Ich muß nur mit dir zusammensein, Kornelius. Alles andere ist nur wesenloser Schein.«
Sie schritten durch die leeren Hallen, und es huschte wie Geisterschritte neben ihnen her.
»Als ob Kehraus wäre, Kornelius, aus einem vergangenen Leben.«
»Es regnet, Angela. Wo wohnst du hier?«
Sie nannte ihren Gasthof. Und lachte an seiner Schulter.
»Auch als du mich aus den ›Fünf Erdteilen‹ holtest, regnete es in Strömen. Und es regnete im Walde.«
»Im Walde war es ein Wolkenbruch, Angela. Nie -- nie warst du schöner.«
Und einer spürte den festen Schulterdruck des anderen, als sie durch den nächtlichen Regen schritten und sich dem Gasthof näherten.
»Morgen, in aller Frühe, steht mein Wagen am Bahnhof, Engel. Dort übernimmt er dein Gepäck, du steigst zu mir ein, und wir fahren heim. Weltflüchtige, die das Leben suchen.«
»Weshalb suchtest du, wo du mich bei dir wußtest -- --?«
»Weil ich, seit du gingst, in der Welt keine Farben mehr sehe. Frage nicht. Jetzt ist ja alles gut.«
Ihre Finger verstrickten sich mit den seinen zu einem schmerzhaften Druck.
Er stand und blickte ihr nach, wie sie in ruhigem Gange die Straße überschritt und die Türe des Gasthofes sich hinter ihr schloß.
6
Durch die Morgendämmerung kämpften sich die ersten Strahlen der Märzsonne, als Kornelius Vanderwelts Wagen vor dem Kölner Hauptbahnhof vorfuhr. Es war noch schlummerstill in der großen Rheinstadt. Der Dom reckte seine ernste Pracht gegen den Himmel, und als Kornelius Vanderwelts scharfer Blick ihn streifte, gewahrte er, daß es tausend feine und verborgene Schönheiten, Frohheiten und Lieblichkeiten waren, die durch ihr edles Maß den Zusammenklang bewirkten und zum Ernste des Himmelssuchers emporwuchsen.
Wie schön und eindringlich dies Gotteshaus predigt, dachte der morgenfrühe Beschauer. Alle Schönheit, Frohheit und Lieblichkeit des Erdenlebens zu edlen Maßen gestalten, und aus der Fülle wird die weihevolle Einheit.
Seine Gedanken sprangen über auf Angela Freydag, und während sie an ihrem Bilde formten, guckte das Bild zum Fenster des Wagenschlags herein, und er wußte für die Länge eines Augenblicks nicht, ist es das Traumbild oder ist es das Leben? Aber es war das Leben, das an die Scheibe pochte und ihm zunickte, und er sprang aus dem Wagen und ergriff es bei den Händen.
»Angela ... Du schon zur Stelle?«
»Kornelius! Guten Morgen! Ich wollte dich nicht warten lassen, und als ich erwacht war, hatte ich nichts anderes mehr zu tun.«
Als wäre eine Erwartete nach nächtlicher Reise angelangt, half er ihr in den Wagen, gebot er dem Fahrer, das Gepäck aufzunehmen und die Koffer auf den Wagen zu schnallen. Und während er die Hantierung des Mannes zu überwachen schien, klangen ihm ihre kurzen Sätze im Ohr: »Ich wollte dich nicht warten lassen. Als ich erwachte, hatte ich nichts anderes mehr zu tun.« Elf Jahre hatte er warten müssen, sechs Jahre durch ihr Wachstum, ihren Werdegang, fünf Jahre fast durch den Krieg, und plötzlich waren es ein paar winzige Minuten, die das Warten nicht mehr ertrugen und nichts mehr mit sich anzufangen wußten. Es gab nichts anderes mehr zu tun, als beieinander zu sein.
»Nach Hause, Wilm.«
Ein verschlafener Gepäckträger lugte aus der Bahnhofstür hinter ihnen her und wunderte sich, daß ein Zug angekommen sein sollte. Er rieb sich die Augen, und der Morgenspuk war verschwunden. Stehend schlief er weiter.
Über die gewaltige Rheinbrücke glitt der Wagen, vor der hüben und drüben die vier Preußenkönige auf ihren Gäulen trabten, und er wand sich schnell durch die morgenöden Straßen des alten Deutz und des rheinischen Mülheims und gewann an Schloten und Fabriken vorbei rasch die freie Bahn.
»Sag' mir, Engel, weshalb du vor dich hinlachst?«
»Weil wir immer das umgekehrte tun, wie andere Leute. Weil wir uns in den hellerwerdenden Morgen hinein entführen, statt in den dunklerwerdenden Abend. Deshalb, Kornelius.«
»Tun wir das umgekehrte wie andere Leute -- gut, Engel, dann wird es das richtige sein.«
»Kornelius,« sagte sie leiser und nahm seine Hand in die ihre, »glaube nicht, daß ich dich nicht verstehe. Ich erkenne die alte Ritterlichkeit wieder, und sie gibt uns Frauen mehr als glühende Liebesbeteuerungen.«
»Nun --?«
»Den Ruf wolltest du mir wahren in der Musikstadt Köln und vor den Augen der Neugierigen, und da die Klugheit Kornelius Vanderwelts so groß ist wie seine Ritterlichkeit, wählte sie den harmlosen frühen Morgen, weil --«
»Nun? Weil?«
»Weil in der Nacht das halbe lebenslustige Köln auf den Beinen ist und in dieser Morgenstunde kaum ein verschlafener Gepäckträger.«
»Hast du ihn auch bemerkt?«
»Jetzt schläft er schon wieder wie das ganze heilige und unheilige Köln. Guten Morgen Kornelius. Du hast meinen Gutenmorgengruß vorhin überhört.«
»Mein Gott,« sagte Kornelius Vanderwelt und zog sie an sich. »Guten Morgen, Angela. Guten Morgen, Engel. Gib mir deinen Mund, damit ich fühle, daß ich wach bin.«
Eine Weile fiel kein Wort. Der Wagen brauste über die Landstraße gen Benrath. Zur Rechten türmten sich die Hügelketten des Bergischen Landes, und die Sonne blitzte und funkelte auf den Zinnen der hohen fernen Städte.
»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »nun fühle ich die Wachheit noch weniger. Jetzt, da ich deinen lebendigen Mund spüre, komme ich nicht aus dem Traumzustand heraus. Ach, du hast recht, Engel, wir beide leben eine umgekehrte Welt.«
Sie antwortete ~nicht~ mehr. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter und ihre Augen blickten in die Sonne.
In Düsseldorf trafen sie auf das erste Leben. Malerjünglinge zogen zum Hofgarten aus, das Kommen des Frühlings zu belauschen. Arbeiter gingen im Gleichschritt ihren Werkstätten zu, um die Frühschicht zu stellen.
Nahe dem verwunschenen Städtlein Kaiserswerth blinkte, pappelumsäumt, eine weite, breite Wasserstraße auf. Der Niederrhein. Ein Schlepper stampfte zu Berg. Seine Schlote qualmten, und der Rheinwind riß die Rauchsäulen zu hundertmeterlangen Fahnen über die Reihe der angefüllten, bis an den Wasserrand beladenen Schleppkähne hin.
»Meine Kähne,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Meine Kähne.«
Sie setzte sich aufrecht, wischte mit der Hand das Fensterglas klar und schaute über den Strom, über die Schleppzüge, die sich rastlos folgten, über seine Arbeitswelt. Kohle, Kohle, immer das gleiche Bild, und die Kähne glichen sich. Aber der Mann an ihrer Seite glich nicht den anderen und suchte die glühenden und blühenden Farben in das Einerlei zu mischen. Und als ob er ihre Gedanken wie aus einem offenen Buche läse, sagte er: »Du mußt mit deiner Hand ganz fest um die meine herumfassen. Erst dann ist es Kornelius Vanderwelts Welt.«
So fuhren sie in das erwachte Duisburg ein und über die Brücke des Innenhafens, die Brücken der Ruhr und der Kanäle und Hafenbecken, hinein nach Ruhrort. Die Krane kreischten, die Kipper donnerten, die Kähne ächzten und die Dampfer stöhnten vor Ungestüm. Wildes Eisengeklirr der Werkstätten in der Luft, rote Flammen der Hochöfen, weiße Kesselschwaden und schwarzer Rauch der Schlote. Und die junge, warme Frühlingssonne arbeitete sich nur mühsam durch die kohlengeschwängerte Luft.
In gewaltigen Bogen schwang sich die Rheinbrücke von einem Ufer zum anderen, riß das Drüben zum Hüben und kettete Arbeit an Arbeit.
»Zu Hause,« sagte Kornelius Vanderwelt, und der Wagen glitt durch die Toreinfahrt und stand.
Wie mit geschlossenen Augen, so schritt Angela Freydag an Kornelius Vanderwelts Arm ins Haus, über die Diele, in des Hausherrn Arbeitszimmer. Anders war ihr Eingang wie einst, als sie gejagt und regennaß aus des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ bei der Nacht in dies Haus eingetreten war. Aber es war derselbe Arm, der sie führte. Nein, es war alles wie einst.
Sie stand ganz still und öffnete die Augen ganz weit.
Ihre Brust hob sich unter einem drängenden Atemzug, die Lippen mühten sich voneinander los, und ganz hell und hoch rang sich ein einzelner Ton hindurch. Wie ein Weinen und Lachen.
Mit behutsamen Händen nahm Kornelius Vanderwelt ihr den Mantel von den Schultern, den Reisehut vom flechtenumschlungenen Haupt. Ging hinaus, gab den Mädchen Aufträge, das Fremdenzimmer zu richten, kehrte zurück. Hinter sich schloß er die Tür und sah mit einem seltsamen Wehmutsempfinden, das ihn bis zum Augenblicke nie zu überrumpeln vermocht hatte, zu, wie Angela Freydag, die Heimgekehrte, Wiedersehen feierte.