Chapter 1 of 15 · 3880 words · ~19 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~

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Paul Landbeck

Kongoerinnerungen

[Illustration]

Einband und Schutzumschlag zeichnete ~Richard Duscheck~, Berlin

[Illustration: _Landbeck P._]

Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten. =Copyright 1923 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.= Druck von August Scherl G. m. b. H., Berlin SW68.

Kongoerinnerungen

Zwölf Jahre Arbeit und Abenteuer im Innern Afrikas

Von

Konsul Paul Landbeck

[Illustration]

August Scherl G. m. b. H., Berlin SW68

+Vorwort.+

Dies Buch widme ich allen Lesern, die die Sehnsucht in die Ferne, diesen Grundzug deutschen Wesens, in sich fühlen. Möge es insbesondere mit dazu beitragen, dieses Gefühl im Herzen der deutschen Jugend, denen die heute verschlossene Welt einst wieder offenstehen wird, zu wecken und wachzuhalten.

Mich selbst, der ich nun schon seit Jahren jener wilden, abenteuerlichen Umwelt entrückt bin, die während des besten Teiles meiner Jugend mir Heimat war, hat bei der Niederschrift meiner Erinnerung oft so etwas wie Heimweh erfaßt.

Wenn sich auch mein Buch in erster Linie an einen weiteren Leserkreis wendet, so darf ich mir wohl schmeicheln, daß auch der Kaufmann, ja auch der Forscher manches Wissenswerte meinen Berichten entnehmen wird. Ist doch jede Zeile auf eigener Anschauung, eigenem Erleben gegründet.

An dieser Stelle sei auch Herrn =Dr.= Karl Soll, der sich mit regem Eifer und eingehender Sachkenntnis der Durchsicht meines Werkes unterzogen hat, mein herzlicher Dank für seine mühevolle Mitarbeit zum Ausdruck gebracht.

+Der Verfasser.+

Inhalt.

Seite

Vorwort 7

Einleitung 11

An Bord des Dampfers »Albertville« 13

Auf hoher See. Die Kanarischen Inseln 15

Freetown. Äquatortaufe 21

Ankunft in Banana 27

Meine erste Beschäftigung. Ein Jagdausflug 30

Die Fahrt nach Fuca-Fuca. Faktoreibeamter 33

In Boma. Eine Nilpferdjagd 51

Produktenhandel mit den Eingeborenen 57

Die Fahrt zum Stanley-Pool. Leopoldville. Brazzaville 65

Die Fahrt zum oberen Kongo. Die Faktorei Stanleyville 77

Erste Besuche bei den Araberhäuptlingen 95

Das Leben auf der Faktorei. Zwei Leopardenbesuche 108

Eine Fahrt zum ersten Stanleyfall. Fieberkrank 128

Faktoreichef. Reisen ins Innere des Landes 138

Einiges über die Gewinnung des Kautschuks 174

Faktoreichef. Tausend gefährliche Seuchen. Heimreise 179

Abergläubische Vorstellungen der Neger 186

Negermärchen 191

Nachwort 195

Einleitung.

Es wird manche Leser, insbesondere solche, die selbst eine koloniale Laufbahn anstreben, interessieren, welche Vorbildung der Verfasser dieser Erinnerungen genossen hat.

In Wien im Jahre 1877 geboren, absolvierte ich dort die Volks- und ersten Realschulklassen. Da ich von Kind auf ein äußerst lebhaftes Temperament hatte und viel mehr zu allen möglichen tollen Streichen als zum ernsten Studium aufgelegt war, wurde ich als Unruhestifter von zwei Realschulen weggewiesen, was meinen Vater veranlaßte, mich im Alter von zwölf Jahren in stramme »deutsche Zucht«nach Deutschland zu einem Professor in Pension zu geben. Unter strenger Aufsicht absolvierte ich in Halle meine Einjährigen-Prüfung, ging von dort für eineinhalb Jahre in die französische Schweiz, um mich in der französischen und englischen Sprache gründlich auszubilden, und kehrte dann nach Wien zurück, wo ich meine kaufmännische Laufbahn bei einer großen Kaffee-Importfirma begann. Lange hielt es mich hier nicht. Der Trieb nach Übersee war stärker als das Gefühl des Wohlbehagens im Familienkreise. Nach kaum einjähriger Lehrzeit bot sich mir Gelegenheit, unter günstigen Bedingungen meine Laufbahn bei einer großen Firma der gleichen Branche in Amsterdam mit der Aussicht fortzusetzen, nach ein- bis zweijähriger Vorbereitung auf eine der Kaffeeplantagen, die mein Chef in Holländisch-Indien besaß, als Verwalter hinauszukommen. Doch das Schicksal wollte es anders.

Im Jahre 1896/97 trat eine große Kaffeekrise ein, bei welcher viele bedeutende Unternehmen -- darunter auch die Firma, bei der ich in Stellung war -- binnen wenigen Monaten zugrunde gerichtet wurden. Die Kaffeeplantagen auf Java gingen in andere Hände über oder wurden ganz aufgelassen und zu anderen Kulturen, z. B. Kautschukplantagen, umgearbeitet. Eine Annonce der holländischen Gesellschaft N. A. H. V. (=Nieuwe Afrikaansche Handels Vennootschap=) und die zufällige persönliche Bekanntschaft mit einem ihrer früheren Direktoren, dessen Erzählungen meine jugendliche Phantasie gefangennahmen, brachten mich auf den Gedanken, mein Glück im Innern Afrikas zu versuchen und mich um die ausgeschriebene Stelle zu bewerben.

Meine Bemühungen waren von Erfolg gekrönt, und nun begann für mich ein Leben voll von harten Prüfungen, von Entsagungen jeglicher Art, von Kämpfen gegen heimtückische Seuchen, Gefahren des Urwaldes, aber auch von Stunden der höchsten Befriedigung. Kann es etwas Schöneres geben als den Gedanken, Vorkämpfer und Träger der Zivilisation in Gegenden gewesen zu sein, in welchen bis zum heutigen Tage der Kannibalismus herrscht, als Pionier der friedlichen Arbeit und des Fortschritts aufklärend gewirkt zu haben unter Völkern, die -- auf der tiefsten Kulturstufe stehend -- von ihren Medizinmännern zu Tausenden hingemordet und im Schreckenswahn der Abhängigkeit von bösen Geistern gehalten werden?

An Bord des Dampfers »Albertville«.

Der Hafen von Antwerpen feierte am 5. Juli 1897 einen Festtag. Die schmalen, zumeist nur zwei Stock hohen charakteristisch flandrischen Giebelhäuschen entlang der Schelde prangten in herrlichstem Flaggenschmuck. Lustig flatterten die Fahnen sämtlicher Nationen der Welt aus den Dachluken der Häuser und von den Masten der an den Kais verankerten Ozeanriesen und verliehen dem Hafen durch ihre leuchtenden Farben ein anmutiges Gepräge.

Eine Fahne vor allem fesselte sofort die Aufmerksamkeit des Fremden: ein leuchtend gelber fünfzackiger Stern auf himmelblauem Untergrund, die Fahne des belgischen Kongostaates. Sie war neben den belgischen Nationalfarben am häufigsten vertreten, und ihr zu Ehren galt auch die heutige Festtagsstimmung, veranlaßt durch die Abreise des Passagierdampfers »Albertville« nach dem zweiten Belgien am Äquator, dem Kongostaate, dieser Perle Zentralafrikas.

Auf der breiten Straße entlang den Kais, die sonst, von Lastfuhrwerken und der Hafenbevölkerung abgesehen, ziemlich vereinsamt und abseits vom großen Verkehr liegt, herrschte ein lebhaftes Treiben. Automobile, Straßenbahnen und Droschken, vollgepfropft mit Menschen und beladen mit Gepäckstücken aller Art, füllten den Straßendamm und kamen infolge des großen Verkehrsandranges und der sorglos dem gleichen Ziel zustrebenden Menschenmassen nur langsam vorwärts.

Vor dem Schiff, das am Kai Plantin vertaut lag, nahm das Gedränge und Gestoße der unübersehbaren Menge geradezu bedrohliche Formen an. Ein Trupp berittener Polizei hielt den Zugang zum Schiff besetzt und bildete Spalier zu beiden Seiten einer Gasse, die nur von Leuten mit ordnungsmäßigem Passagierschein betreten werden durfte.

Auch an Bord des Dampfers »Albertville« herrschte dichtes Menschengewühl. Männer, Frauen und Kinder aller Gesellschaftsklassen, dazwischen bunte Uniformen, stürzten und hasteten durcheinander, große Gepäckstücke wurden unter dem Kettengerassel der Winden in den Bauch des zur Abfahrt bereiten, unter Dampf zitternden schwimmenden Kolosses gebracht.

Während am Kai die Menge dem Treiben, Hasten und Jagen bei den Klängen einer Regimentskapelle zusah, fanden an Bord herzzerreißende Abschiedsszenen statt. Hier umarmte eine Mutter, ganz in Tränen aufgelöst, ihren Sohn, dort, in einer Ecke, weinte ein Greis am Halse seines einzigen Kindes, weiter drüben, in Trauergewändern, sah man eine tiefgebeugte Witwe mit zwei Kindern und ihrem Ältesten, der Familie Hoffnungsstrahl und Ernährer, der seine bescheidene Beamtenstelle in Belgien mit einem gutdotierten Überseeposten eingetauscht hatte, um seine Lieben daheim vor Armut und Not zu bewahren.

Die Dampfpfeife ließ in dem Chaos ihre tiefe Baßstimme ertönen und mahnte zum Aufbruch. Kurze Kommandoworte erklangen; die Laufbrücke wurde eingezogen, nachdem die letzten Nachzügler, die sich von den davonreisenden Söhnen, Enkeln oder Neffen absolut nicht trennen konnten, von den diensthabenden Offizieren höflich, aber bestimmt von Bord geleitet waren.

Einige schrille Pfiffe, ein leichtes Zittern und Beben unter den Füßen -- der Herzschlag des schwimmenden Riesen --, und unter dem Hurrageschrei und Tücherwinken der vieltausendköpfigen Menge, die das ganze Ufer, die Kais und Hafenanlagen wie eine Ameisenschar bevölkerten, ging es langsam die Schelde hinab. An der Stelle, an der der Dampfer gelegen, schwammen Hüte, Kappen und Taschentücher, die beim stürmischen Abschiednehmen verlorengegangen waren, friedlich nebeneinander.

Lange noch stand ich, in tiefes Sinnen versunken, an der Bordbrüstung und blickte hinab auf den träge dahinfließenden Strom. Das Bewußtsein dessen, was um mich vorging, schwand. Allein, völlig allein, fern von Familie und jeglichem Schutz, ging ich einem ungewissen Schicksal entgegen. Grau in grau, gleich jenen Nebelschwaden, die bei Einbrechen der Dunkelheit sich über den Fluten ausbreiten, lag die Zukunft vor mir.

Während ich, in trübe Gedanken versunken, vor mich hinstarrte, trat mein Reisegefährte, Herr Lukas, ein alter erfahrener Afrikaner, zu mir. Gemeinsames Leid bringt die Menschen merkwürdig rasch einander näher. Auch er kam, wie ich, ohne Eltern an Bord, da er aus dem Norden Hollands stammte und seine beiden Eltern die weite Reise nicht mehr machen konnten. Auch ihm waren die Abschiedsszenen, deren Augenzeuge er gewesen, nahegegangen, und ganz in sich versunken, meinte er: »Wie viele werden die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen, wie viele gesund zurückkehren? -- Kaum zehn Prozent!«

Dieser Ausspruch des ernsten, erfahrenen Mannes ließ mich erschauern. Die Zukunft sollte mich lehren, daß dieser Prozentsatz sogar noch zu hoch gegriffen war.

Auf hoher See. Die Kanarischen Inseln.

Wir waren nachmittags 2 Uhr abgefahren. Abends 9 Uhr fuhren wir an Vlissingen vorbei, und bald darauf war an der scharfen Brise und an dem Schaukeln des Schiffes zu merken, daß wir uns auf hoher See befanden und in den Ärmelkanal eingefahren waren.

Die ersten Symptome der Seekrankheit stellten sich ein: Schwindel, ein unsagbar elendes Gefühl der Verlassenheit, schließlich vollständiges Erschlaffen jeder Widerstandskraft und das stille Ergeben in das Schicksal. Auf Anraten meines Reisekollegen hatte ich mich beizeiten mittschiffs auf dem Promenadendeck in meinen Streckstuhl gelegt und verbrachte da den größten Teil des Tages mit geschlossenen Augen. Es war übrigens herrliches Wetter, und eine steife Brise wehte von Norden her. In der Ferne, zur Rechten, die von der Brandung umspülten Küsten Englands, zur Linken eine unermeßliche Wasserwüste, von Zeit zu Zeit von Seglern, Fischerkuttern und Dampfern belebt. Wir passierten Brighton und liefen in den Golf von Biscaya ein.

Hier begann nun der eigentliche Neptunsreigen. Dieser Teil des Meeres ist unter den Seeleuten ganz besonders berüchtigt. Lange Wogen brachen sich am Bug des Dampfers, das ganze Vorderdeck mit Gischt und Sprühregen überschüttend. Tief tauchte der Bug des Schiffes in die gähnende Wasserfurche, um von der nächsten Woge haushoch emporgehoben zu werden. »Stille See« nennen die Seeleute, was wir in den nächsten acht Stunden durchzuhalten hatten. Eine bleierne Schwere lastete auf meinem Kopf, und im Innern verspürte ich das Gefühl, als ob sämtliche Eingeweide durcheinandergeworfen und verdreht worden wären.

Als ich am nächsten Morgen nach langem, tiefem Schlafe erwachte, hatte ich das unangenehme Gefühl der Seekrankheit völlig abgestreift, und nach einem erfrischenden Bad genoß ich bei herrlich strahlender Sonne das vielgepriesene, wonnige Gefühl einer Seereise. Um uns her nichts als das weite, in Sonne getauchte Weltmeer, über uns südlicher, wolkenloser Himmel. Auch das störende Schaukeln schien etwas nachgelassen zu haben, oder wir hatten uns derart daran gewöhnt, daß wir es nicht mehr merkten. Nach dem Frühstück hielt ich Umschau unter meinen Mitpassagieren und ließ mich von meinem Reisebegleiter Lukas, der bereits die Bekanntschaft des Kapitäns, sämtlicher Offiziere und Notabilitäten gemacht hatte, den Mitreisenden vorstellen. Der Vormittag verging mit »=Shevel board=«, einer Art Krocketspiel, welches an Bord von Schiffen allgemein getrieben wird, sowie mit dem »=Jeu de palais=«[1] um den Cocktail zur Aperitifstunde[2], in welchem Spiel besonders die Offiziere eine erstaunliche Gewandtheit besitzen.

Nachmittags kamen die Küsten Spaniens in Sicht. Wir passierten das Kap Ortegal und das Kap Finisterre, und unsere Augen weideten sich an den majestätischen Felsen, an deren Fuße die wilde Brandung tobt. Reizende Schlößchen, wie aus Gold ziseliert, von den Sonnenstrahlen überflutet, stehen trotzig und zugleich zierlich auf ihren Hängen -- =véritables chateaux d'Espagne=. -- Unwillkürlich tauchten Bilder aus vergangener Zeit vor meinen geistigen Augen auf, wo stolze Ritter und Knappen diese Burgen belebten und Spaniens Macht sich über die ganze Welt erstreckte. Bald schwanden auch Spanien und Portugal -- mit Cap da Roca -- aus unserem Gesichtskreis.

Da, mit einem Male, große Bewegung an Bord! Alles stürzte nach vorne an die Reling. Eine muntere Schar von Delphinen umtummelte in weitem Bogen unser Schiff. Wie Pfeile schossen die gewandten, fünf bis sechs Meter langen Walzen bis zu Meterhöhe über die Wasserfläche, knapp am Bug des in voller Fahrt befindlichen Schiffes vorbei, gleichsam eine Probe ihrer Geschicklichkeit und Schnelligkeit abgebend.

Am ersten Sonntag, den wir an Bord feierten, hatte sich sämtlicher Passagiere eine merkwürdige, weihevolle Stimmung bemächtigt. Um 10 Uhr fand eine Messe statt, an der ich, obgleich ich für gewöhnlich kein Kirchenbesucher bin, aus Neugierde teilnahm. Alle Passagiere und Offiziere des Schiffes sowie ein Teil der Mannschaft, soweit sie der Dienst nicht in Anspruch nahm, waren anwesend, und unter einer feierlichen Stimmung, wie ich sie am Festlande nie empfunden, ging die gottesdienstliche Handlung vorüber. Auch nach der Messe gehobene Sonntagsstimmung. Die Spielplätze für das =Shevel board= und das =Jeu de palais=, welche bisher stets eine übermütig lustige Gesellschaft vereinigten, blieben vollständig verwaist; die sonst so frohsinnigen, lebenslustigen Gesichter zeigten ernste Mienen; man plauderte im Flüsterton, um diejenigen nicht zu stören, die mit dem Prayerbook oder Brevier in der Hand, in Gedanken versunken, auf und ab schritten. Mich als Fremden, der mit den englischen Sitten und Gebräuchen völlig unbekannt war, mutete all dies sonderbar an. Ich benutze die Gelegenheit, einiges über unser Schiff zu sagen.

Belgien besitzt keine eigentliche Handelsmarine. Ein großer Teil der unter belgischer Flagge laufenden Schiffe ist englischen Ursprunges und von belgischen Reedereien gechartert. Dies traf auch auf unser Schiff »Albertville« zu. Es war ein modern ausgestattetes Passagierschiff der »Compagnie Belge Maritime du Congo« für den regelmäßigen Dienst Antwerpen-Kongo, mit etwa 6700 Tonnen Laderaum. Der Kapitän, sämtliche Offiziere und ein Teil der Mannschaft waren Engländer, während der Rest, in Antwerpen angeheuert, zumeist aus Flamen bestand. Der Dampfer lief durchschnittlich zwölf Seemeilen, besaß zwei übereinandergebaute Promenadendecks mittschiffs und faßte 48 Kabinen erster und 36 Kabinen zweiter Klasse. Wenn er auch mit den in der neueren Zeit konstruierten Ozeanriesen im Verkehr mit Amerika keinen Vergleich aufnehmen konnte, so enthielt er doch an Komfort alles, was man durchschnittlich bei nicht allzu unbescheidenen Ansprüchen verlangen konnte.

Nach drei langen Tagen und Nächten, in denen wir nichts als das unermeßliche Weltmeer um uns und einen wolkenlosen Himmel mit seinem tiefen, reinen Blau über uns gesehen hatten, näherten wir uns den Kanarischen Inseln. O Insel der Seligen, Oase in dieser Wasserwüste, wie schlugen dir alle unsere Gedanken, all unser Sehnen entgegen!

Wir sollten in der Nacht eintreffen; die Aufregung an Bord gegen Abend wuchs von Minute zu Minute. Das Diner, sonst eine Stunde üppigen Wohlbehagens, wurde in aller Eile eingenommen, und alles stürmte an Deck. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, eine milde, tropische Nacht, der Himmel mit strahlenden Sternen übersät, eine Nacht so recht geeignet zum Träumen. Ich schob meinen Lehnstuhl ganz nach vorne an die Brüstung, und mein vereinsamtes Herz hielt Zwiesprache mit den Gestirnen. Langsam stieg aus dem Meeresspiegel der Vollmond hervor, mit seinen silbernen Strahlen eine leuchtende Bahn über die Wasserfläche zu uns herwerfend, und in seinem zarten Schimmer erglänzten die Mastspitzen unseres Schiffes in mildverklärtem Licht. Allmählich erschienen am Horizont kleine Wolkengebilde, die langsam sich immer mehr zu einem Ganzen ballten. Bald unterschied das Auge auf diesen Lichter, und mit einmal kam die Erkenntnis: dies ungewisse Etwas sind nicht Wolken, sondern gigantische Felsmassen, die aus dem Meer emporragen. Wir nahten uns unserem Bestimmungsort; bald kamen wir ganz nahe heran und konnten die gewaltigen Massive genau unterscheiden, die sich vor unserem Bug etwas verflachten. Zur Linken, auf einem Abhang, der sich wie eine Landzunge weit hinaus ins Meer erstreckt, konnten wir viele Tausende kleiner Lichter wie Leuchtkäfer wahrnehmen.

Ein Klingeln »Stop« von der Kommandobrücke, die Schraube hielt für einen Augenblick inne; ein Lotse kletterte an Bord, und unter sicherer Führung fuhren wir in die kleine Bucht ein und warfen Anker. Wir waren in Las Palmas. Es war inzwischen 12 Uhr nachts geworden, und da keine Dampfbarkassen zum Ausbooten vorhanden waren, suchten wir unsere Ruhestätten auf.

Morgens 1/2-5 Uhr erwachte ich vom Lärm und Getrappel an Bord. Ich begab mich sofort an Deck, und das Panorama, das sich vor meinen staunenden Augen entrollte, war ein geradezu überwältigendes. Hinter den ersten Felspartien, deren Umrisse bereits in der Nacht sichtbar waren, erhob sich Spitze auf Spitze, Gebirge auf Gebirge, die höchsten Spitzen teils noch von Wolken eingehüllt. Arenenartig sind auf den verschiedenen Kuppen und Höhen kleine Forts errichtet, deren Kanonen in der aufgehenden Sonne blinkten. Bald erschien eine Unmenge kleiner Boote, deren braune Insassen wie Affen zu uns an Bord kletterten; und nun begann ein Schnattern und Feilschen dieser kleinen Gesellen, um uns in ihren Nußschalen an Land zu bringen. Da wir bis 1 Uhr mittags hier liegenblieben, um Kohlen einzunehmen, begab ich mich mit drei Reisegefährten, einem schwedischen Hauptmann, meinem holländischen Afrikaner Lukas und Baron Misco, einem Italiener -- in späteren Jahren Staatsprokurator des Kongostaates -- in einem dieser kleinen Boote an Land.

[Illustration: Las Palmas.]

Am Hafen erwartete uns bereits ein vierspänniger Wagen, der uns in die Stadt hineinbringen wollte. Mißtrauisch musterten meine Gefährten das Vehikel, dem wir unser Leben anvertrauen sollten: eine elende, wacklige Kutsche, aus dem vorigen Jahrhundert stammend, vernachlässigt und zusammengeflickt, gezogen von vier staubigen, verhungert aussehenden Rosinanten und geführt von einem fortwährend fluchenden, verlotterten Spanier mit einem riesigen Manilahut, unter dem der Kopf fast vollständig verschwand. So ungefähr sah die Equipage aus, in der wir scharf an den Klippen und Felsen entlang wie vom Teufel besessen dahinsausten, bei jedem Anprall an einen größeren Stein uns gegenseitig um den Hals fallend.

Bald erreichten wir die Stadt, ein winkeliges Gewirr von Straßen und niederen, nach orientalischer Art in hellen Farbentönen gehaltenen Häusern. Wir passierten ein bis zwei verlassene »Plazzas«, ein ausgetrocknetes Flußbett, an dem gearbeitet wurde, und landeten schließlich in einem der englischen Hotels. Nach kurzem Imbiß bummelten wir in Begleitung des belgischen Konsuls durch die Stadt.

Diese besteht aus der sogenannten Altstadt und dem Fremden- und Geschäftsviertel. Die Altstadt ist entschieden der interessantere Teil, und diesem wandten sich unsere Schritte zu. Die in amphitheatralischer Anordnung in die Felsen gehauenen Wohnstätten der Ureinwohner haben sich als solche bis heute erhalten. Als einzige Errungenschaft der Neuzeit ist eine Art Vorbau aus Lehm und Erde, mit grellen Farben angetüncht, hinzugekommen, um zu verhüten, daß Wind und Regen direkt in die Behausung hineinschlagen. In diesen Höhlen, die aus einem oder höchstens zwei Räumen bestehen, wohnen ganze Familien. Die Kinder, zum Teil völlig unbekleidet, spielen vor den Eingängen oder laufen bettelnd auf den Straßen den Fremden nach. Diese terrassenförmig übereinanderliegenden Höhlen sehen aus der Ferne höchst pittoresk aus; wenn man sie aus der Nähe betrachtet, bemerkt man, das sie von Schmutz und Unrat starren und von Ungeziefer wimmeln.

Das Geschäfts- und Fremdenviertel ist ein Gewirr von kleinen, flachen, anspruchslosen Häuschen, die sich um die Kathedrale, das Rathaus und die Garnisonkaserne planlos herumgruppieren und ohne jegliches Interesse sind. Als Sehenswürdigkeit hervorzuheben ist einzig und allein die Kathedrale, ein aus dem Mittelalter stammender Bau mit reichgeschnitzter Kanzel und alten Meisterwerken im Innern.

Wir besuchten den Fruchtmarkt, wo tausende Bushels Bananen, Ananas, grüne Feigen, Kürbisse, Melonen und Mangos, die die Landbevölkerung aus dem Innern auf Mauleseln und Tragtieren herangebracht, von europäischen Händlern aufgekauft werden, um mit dem nächsten Dampfer über England nach dem Kontinent weiterzuwandern. Hinter den zu Bergen aufgehäuften Früchten stehen die Verkäuferinnen, ganz nach orientalischer Art in wallende weiße Tücher gehüllt, und bieten ihre Waren mit lautem Geschrei aus.

Wenn auch im allgemeinen die Züge, vor allem der Frauen, sehr rasch verblühen und verrohen, findet man doch auch mitunter Mädchen darunter, die geradezu ein Schönheitsideal darstellen. Üppiges schwarzes Haar, feurige dunkle Augensterne mit blendend weißem Augapfel, stolz und edel geformte Gesichtszüge, zierlich kleine Hände und Füße und eine leicht gebräunte Haut sind die Kennzeichen des Schönheits-Typus der Inselbewohner, ganz im Gegensatz zu den eingewanderten Spanierinnen, welche sich durch die auffallend weiße Gesichtsfarbe von ihnen unterscheiden.

Ehe wir an Bord zurückkehrten, besorgten wir noch einige Einkäufe, und ich hatte dabei oftmals Gelegenheit zu bemerken, daß die Leute, die trotz des großen Fremdenverkehrs in bezug auf Sprachkenntnisse geistesfaul sind, doch ganz genau verstehen, ihren Vorteil zum Schaden der Fremden zu wahren und sie tüchtig übers Ohr zu hauen.

Unser Dampfer war bis zum Augenblick der Abfahrt von einem Schwarm kleiner Boote belagert, deren Insassen verzweifelte Anstrengungen machten, uns Passagieren Tabak und Zigarren, Kanarienvögel und Madeirahündchen aufzuschwatzen oder nach den ihnen zugeworfenen Münzen zu tauchen. Ganz erstaunlich war die Gewandtheit und Ausdauer, mit welcher diese kleinen, braunen Gesellen aus beträchtlicher Höhe kopfüber ins Wasser sprangen und die blitzenden Geldstücke aus ansehnlicher Tiefe herausholten.

Fußnoten:

[1] Ein Wurfspiel mit Bleischeiben.

[2] Eine halbe Stunde vor der Mahlzeit wird ein Appetit anregendes Getränk verabfolgt.

Freetown. Äquatortaufe.

In den nächsten Tagen umfing uns tropische Hitze, die die meisten Passagiere zwang, ihr europäisches Kostüm gegen die schmucke weiße Tropentracht zu vertauschen. Fliegende Fische kamen nunmehr in ganzen Scharen vor. Sie flohen entsetzt vor unserem Dampfer und strichen tänzelnd über die Wasserfläche. Des Nachts wurden sie durch unsere Lichter angelockt und fielen dann an Deck. Am 16. Juli früh erschien zum ersten Male die Küste Afrikas, das felsige Kap Verde und in der Ferne eine der Kapverdischen Inseln. Die Gegend schien trostlos öde und sandig zu sein und war nur mit spärlichen Kokos- und Dattelpalmen bedeckt.

Am 18. Juli betraten wir -- in der Sierra Leone -- zum ersten Male afrikanischen Boden, und mein Herz hüpfte und jauchzte im Vorgefühl herrlicher Stunden. Doch das afrikanische Klima, die feuchte, heiße Luft, die ungewohnte Ausdünstung der vielen nackten Negerleiber hatten eine derart erschlaffende Wirkung auf mich Neuling, daß es schwer hielt, die Unmasse neuer Eindrücke festzuhalten.

Während in Las Palmas ungeheure Felsenmassen unbewaldet gen Himmel ragen, scheint hier die Natur ihr möglichstes in der Vegetation getan zu haben. Stufenweise ragen mächtige Berge mit üppigem Grün in allen Schattierungen aus dem in der Sonne leuchtenden Meeresspiegel empor. Unser Auge labte sich nach dem Anblick der glitzernden Wasserflächen an dem saftigen Grün der Palmen und des Urwaldes. Einen echt tropischen Anblick gewährt das an einer Berglehne im Schatten schlanker Dattel- und Kokospalmen liegende Freetown, dessen Häuser mit den weißen, unter dem Grün hervorleuchtenden Dächern einzelner Faktoreien untermischt sind. Mein erster Eindruck beim Betreten dieses Landes war: Hier ist das Paradies auf Erden -- hier laßt uns Hütten bauen. Die Flora steht auf höchster Stufe. Aus dem saftigen Grün der schattigen Mangos, Goyaven und Alven schießen, gleich mächtigen Feuergarben »Flamboyants«, Jasmin, Goldregen und Lilas sowie eine Menge mir unbekannter exotischer Pflanzen in leuchtenden Farben empor. Die Luft ist erfüllt von dem Duft tropischer Blüten, die, von Menschenhand aus dem Urwald herbeigeholt, in verschwenderischer Pracht, sowohl im Park des Regierungsgebäudes als in den vielen kleinen Gärten und Anlagen angepflanzt sind. Auf den Häusern und im Schatten der Palmen sitzen melancholisch große Adler und eine kleine Art Kondor mit braunem Gefieder, weißer Halskrause und weißem Hals und Kopf, die -- wie die Hunde Konstantinopels -- für die Reinlichkeit der Straßen sorgen. Sie gehören dort ebenso wie zahme Affen und Papageien, die sich auf den Palmen und den Schlingpflanzen schaukeln und klettern, zu den Haustieren.

Doch bald nach Betreten des Landes, vor allem, wenn um die Mittagszeit die sengenden Sonnenstrahlen die Glieder erschlaffen, und die feuchtheiße, von fremdartigen Gerüchen durchschwängerte Luft einem den Atem benimmt, merkt man, daß dieses von der Natur so herrlich bedachte Land giftige Keime für den Fremden in sich birgt.

Die Stadt besteht aus einem Kunterbunt von kleinen ebenerdigen Lehmhäuschen in allen möglichen Stilarten, vorwiegend »=à la marocaine=« gebaut, sowie Hütten, aus alten Kisten errichtet, an deren Außenseite noch die Bestimmungsadresse ersichtlich ist, mit Dächern aus getrockneten Palmblättern. Ich bemerkte außerdem noch das Garnisongebäude, drei kleine Forts und eine Anzahl Kirchen, in denen gesungen und gepredigt wurde. Das Volk spricht durchweg außer der Eingeborenensprache ein fürchterliches »Pidgin-Englisch«.

[Illustration: Freetown.]