Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Buches versetzt.
Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in gesperrter Schrift wurden mit +Pluszeichen+ hervorgehoben.
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Der deutsche Spielmann
Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk
Herausgegeben von Dr. Ernst Weber
Bach und Strom
Der deutsche Strom, wie er wird und was er uns bedeutet
Bildschmuck von Ernst Liebermann
Zweite, veränderte Auflage
✤
München 1923 Georg D. W. Callwey ✤ Verlag des deutschen Spielmanns
Druck von Kastner & Callwey, München.
Inhalt
Seite
Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3
Der Wanderer und der Bach (Greif) 4
Bachesgemurmel (Grillparzer) 4
Das Gerede der Wellen (Tanner) 4
Der junge Bach (Greif) 6
Großes Geheimnis (Reinick) 7
Bestimmung (Greif) 7
Am Mühlbach (Greif) 8
Wandlung (Greif) 8
Wellenleben (Keller) 11
Am Bach des Lebens (Weber) 11
Wie lustige Gesellen einen Müller foppen und wie er’s ihnen eintränkt (Aurbacher) 12
Die verlassene Mühle (Schnezler) 15
Als ich der Müller war (Rosegger) 16
Fisch und Falke (Keller) 22
Die Forelle (Müller) 23
Die Libelle (Goethe) 24
Der Fischer von Gotin (Kopisch) 24
Nixe Binsefuß (Mörike) 26
Am Schilfe (Greif) 29
Die Nixen (Rückert) 30
Vetter Michel und der Wassermann (Kopisch) 31
Mein Fluß (Mörike) 34
Das Lied vom braven Manne (Bürger) 36
Die vexierten Frösche (Kopisch) 41
Schlittschuhläufer (Plönnies) 44
Abendschiffahrt (Kerner) 45
Der Rheinborn (Meyer) 46
Am Vorderrhein (Keller) 47
Warnung vor dem Rhein (Simrock) 47
Sie sollen ihn nicht haben! (Becker) 48
„Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze!“ (Herwegh) 50
Bischof Hatto (Rollenhagen) 51
Der Mäuseturm (Kopisch) 52
Das Tal (Keller) 53
Rheinfahrt (Greif) 53
Die Zwingburg (Meyer) 54
Auf einer Burg (Eichendorff) 57
Gute Landung (Greif) 57
Vor dem Münster (Greif) 58
Sonntags am Rhein (Reinick) 58
Rheinbild (Scheffel) 59
Die Lorelei (Heine) 60
Die Jungfrau auf dem Lurlei (Schreiber) 60
Der Drachen-Schläger (Dahn) 62
Frühgesicht (Keller) 63
Siegfrieds Tod (Simrock nach dem Nibelungenlied) 63
Hagen und Volker (Weber) 69
Hagen (Scholz) 69
Der versenkte Hort (Simrock) 71
Rheinweinlied (Claudius) 71
Die Weinmörder (Kernstock) 73
Der Ritter vom Rheine (Geibel) 75
Das Lied vom Rhein (Schenkendorf) 75
Erhöre mich! (Schüler) 77
Wenn er uns könnte künden, Was er geschaut, erlauscht, Wenn wir das Wort verstünden, Das seine Woge rauscht, Ich glaube, wir vernähmen Alldeutschlands reich Geschick, Sein Trauern und sein Grämen, Sein Jubeln und sein Glück.
Er schuf die Heeresstraßen Der alten deutschen Mark, Daran die Väter saßen In Burgen stolz und stark, Wo sie gewölbt die Hallen Manch hohem, heilgem Dom -- Sei mir gegrüßt vor allen, Gegrüßt, du deutscher Strom!
Ich weiß, es ist dein Raunen Ein ewiges Gedicht, Das allen Lebenslaunen In seiner Art entspricht. Die Sänger ferner Zeiten, Sie hörten schon dir zu Und griffen in die Saiten Und sangen gern wie du.
Der deutsche Spielmann heiß ich, Drum stimm auch ich mit ein. Des Bächleins Mären weiß ich Und die vom deutschen Rhein. Und wer die blauen Wellen Und Lieder liebt darauf, Der nehm mich als Gesellen Und Fahrtgenossen auf!
Der deutsche Spielmann
Der Wanderer und der Bach
Wohin, o Bächlein, schnelle? „Hinab ins Tal.“ Verhalte deine Welle! „Ein andermal.“
Was treibt dich so von hinnen? „Ei, hielt ich je?“ Willst du nicht ruhn und sinnen? „Ja, dort im See.“
Bist du schon gram der Erden? „Ich eile zu.“ Du wirst schon stille werden. „Nicht minder du!“
Martin Greif
Bachesgemurmel
Erste Welle: Nu, nu! Was willst du? Zweite Welle: Hinunter! Erste Welle: Hier ist mein Platz. Zweite Welle: Kann nicht sein, Schatz! Erste Welle: Ai! Ai! Sie schlägt mich! Übrige Wellen: Nu, nu! Keine Ruh? Fließen doch alle dem Frieden zu.
Franz Grillparzer
Das Gerede der Wellen
Eine Welle sagt zur andern: „Ach! Wie rasch ist dieses Wandern!“ Und die zweite sagt zur dritten: „Kurz gelebt ist kurz gelitten!“
K. R. Tanner
[Illustration]
[Illustration]
Der junge Bach
Kaum, daß es geboren Im Bergesschoß, So reißt sich das Bächlein Von Klippen los!
Wie wählt es so sicher Den rechten Lauf, Wie nimmt es so treulich Die Brüder auf!
Und wann es beruhigt Erst ganz und gar, Wie leuchtet das Antlitz Ihm frisch und klar!
Wie plaudert es gerne Mit sich allein, Dabei es doch möchte Vernommen sein.
O dürfte noch lange Es wandern so, Trotz nahender Sorgen Noch jugendfroh!
Martin Greif
Großes Geheimnis
Es sitzt ein Knab am Bach Und sieht den Wellen nach. Sie sprudeln und sie rauschen, Er denkt: „Ich muß doch lauschen Was all die Wellen plaudern.“ Und ’s Knäblein ohne Zaudern Es bückt sich zu dem Quellchen; Da kommt ganz flink ein Wellchen Gesprudelt und gerauscht -- Was hat es da gelauscht! Doch kann es nichts verstehen, Und eh es sich’s versehen, Bückt es sich tiefer hin -- Und liegt im Wasser drin. Zum Glücke war der Bach Ganz hell und klar und flach: Schnell sprang der Knab heraus Und sah ganz lustig aus. Und als ich ihn gefragt, Was ihm der Bach gesagt, Sprach er nach kurzem Zaudern: „Ihr dürft es keinem plaudern. Ein groß Geheimnis ist, Was er mir sagte, wißt! Er sagte: -- Wißt Ihr, was? -- „Das Wasser, das macht naß!““
Robert Reinick
Bestimmung
Tob aus dich, junger Bach, Wo du im Niederwälzen Erhältst das Echo wach: Im Schoße deiner Felsen, Hier oben darfst du drohn Als freier Bergessohn, Als Nachbar der Lawinen -- Im Tale mußt du dienen.
Martin Greif
Am Mühlbach
Wie herrlich ist’s zu träumen Von ungehemmter Kraft, Wo sich in Überschäumen Der Gießbach Wege schafft.
Der, während seine Stärke Dem ganzen Tale frommt, Vom Mühl- und Hammerwerke Im Schaume triefend kommt!
Heil ihm, wenn bis zum Ziele Er also tätig bleibt, Daß er noch manche Mühle Auf seinem Wege treibt!
Martin Greif
Wandlung
Ich weiß in einem Tale Einen Bach, der rührt sich kaum, Zwei Mühlen mit einem Male Bedecken ihn mit Schaum.
Sanft steigt er mit dem Rade, Wild stürzt er mit Getos Und netzt am Wiesenpfade Wohl manche wilde Ros.
Erst geht er widerspenstig, Doch bald schon wird er mild, Da malt er ab vom Fenster Einer lachenden Rose Bild.
Martin Greif
[Illustration]
Wellenleben
Sah ich eine junge Welle, Die durch Alpenrosen floß Und sich rauschend mit der Quelle, Mit dem Strom ins Tal ergoß.
Schien der Himmel drin versunken, Und war doch so leicht und klar, Und ich hab davon getrunken, Wie so frisch und rein sie war!
Bin dann auf dem Meer gelegen, Wo das Kreuz am Himmel steht; Nicht konnt unser Schiff sich regen, In der Glut kein Lüftchen weht!
Schaut ich in die Wasser nieder, In die Tiefen unverwandt Und sah meine Welle wieder Aus den Bergen, wohlbekannt.
Von dem heißen Strahl durchzittert, Ja, sie war es, deutlich, nah! Doch versalzen und verbittert, Still und mutlos lag sie da.
Gottfried Keller
Am Bach des Lebens
Es saß im frischen Frühlingswind Mit Augen, unschuldsfrommen, Am klaren Bach ein Menschenkind, Und wie halt Menschenkinder sind: Es harrte auf sein Glück, sein Glück -- Doch dies wollt nimmer kommen.
Wohl schwammen Blumen rot und weiß Den Wellenbach hinunter; Da ward ihm Stirn und Wange heiß Im Haschen nach dem Blütenpreis -- Im Haschen nach dem Glück, dem Glück -- Glücksblümlein war nicht drunter.
Und eine Frau, gar licht und schön, Strich tröstend ihm die Wangen, So oft der Mut ihm wollt vergehn: „Bleib nur noch ein klein Weilchen stehn! Es kommt schon noch, dein Glück, dein Glück! Du brauchst nicht drob zu bangen!“
Und Stund um Stund und Jahr um Jahr Verrannen gleich der Welle. Das Kind schon längst kein Kind mehr war; Denn weiß wie Schnee ward ihm das Haar; Doch immer noch: „Mein Glück? Mein Glück!“ Rief’s an der gleichen Stelle.
Und immer noch stand licht und schön Das hohe Weib zur Seite Und sprach, wollt ihm der Mut vergehn: „Bleib nur noch ein klein Weilchen stehn! Es kommt schon noch, dein Glück, dein Glück!“ Und wies in ferne Weite. --
Und wer die beiden auf der Au Nicht gleich erkennen sollte, Der wähl sein eigen Herz zur Schau; Ich glaub, drin wohnt die lichte Frau Mit ihrem Trost, mit ihrem „Glück“ -- „Frau Hoffnung“ nennt sich die Holde!
Ernst Weber
Wie lustige Gesellen einen Müller foppen und wie er’s ihnen eintränkt
Es kamen einstmals einige lustige Gesellen, die sich auf dem Wege verirrt hatten, spät abends in einer einsam gelegenen Mühle an, wo sie um Herberg nachsuchten. Der Müller, ein leutseliger Mann, nahm sie freundlich auf und versah sie aufs beste mit Brot, Käs und Bier dazu. Also aßen und tranken sie bis in die späte Nacht hinein und trieben dazu allerlei Kurzweil mit guten Schwänken, an denen auch der Müller großen Gefallen hatte. Da konnte es denn nicht fehlen, daß es zuletzt auch über die Müller herging, welchen freilich viel Böses nachgesagt wird, nicht mit Unrecht. So fragte denn der erste den Müller, ob er wohl wisse, was das Beste sei in der Mühle? Der Müller antwortete: „Nun, ja wohl, die vollen Säcke.“ „Nein,“ sagte jener, sondern daß die Säcke nicht reden können; denn -- --“ „Schon gut,“ sagte der Müller, „ich versteh’s, wo’s hinaus will.“ Ein zweiter fragte den Müller, ob er wisse, warum die Störche auf keiner Mühle ihr Nest bauen? Der Müller sagte: „Nun ja, weil die klappernden Störche die klappernden Mühlen nicht leiden mögen.“ „Schlecht erraten,“ sagte jener, „sondern weil die Störche wissen, daß nicht einmal ihre Eier vor den Müllern sicher seien.“ „Oho!“ sagte der Müller und lachte, „aufs Dach gehen wir doch nicht hinauf, solang es was zu fischen gibt in der Mühle.“ -- Ein dritter nahm das Wort und sprach: „Welcher Müller versteht am besten sein Handwerk?“ Der Müller sagte: „Wohl derjenige, der aus dem wenigsten Korn das meiste Mehl macht.“ „Mitnichten,“ sagte jener, „sondern der das Korn und das Mehl so fein mahlt, daß die Leute kaum wieder die Säcke finden.“ -- Der vierte sagte: „Ich verstehe auch etwas vom Handwerk und habe oft auf der Mühle zugeschaut, wie’s da zugeht. Wenn man das erste Wasser in der Mühle anläßt, so geht sie anfangs gar langsam und sagt gleichsam: Es ist ein Dieb da! Es ist ein Dieb da! Wenn man das zweite laufen läßt, so geht sie schon etwas geschwinder und spricht gleichsam: Wer ist er? Wer ist er? Endlich, wenn das dritte Wasser dazukommt, so geht sie gar geschwind und antwortet: Der Müller, der Müller, der Müller.“ Es sagte darauf der fünfte: „Wenn denn alle Müller Diebe sind, wie kommt es denn, daß man sie nicht alle aufhängt gleich andern Dieben?“ „Narr,“ sagte der sechste, „da würde ja das ganze Handwerk in Abgang kommen, und man kann es doch nicht missen.“ Zuletzt langte der siebente seine Fiedel hervor und sprach: „Ich will dem Müller lieber eins aufgeigen,“ und er sang:
„Müller, Müller, Metzendieb, Hast die jungen Mädle lieb, Eile, Müller, schütte drauf, Gib der Mühle schnellen Lauf. Nimm fein recht das Beutelgeld, Daß kein Heller neben fällt.“
[Illustration]
So ging’s denn fort und die Gesellen hatten ihr Gespött mit dem Müller, und der Müller machte auch kein schiefes Maul dazu. Er dachte aber bei sich: „Wartet, ich will’s euch schon eintränken.“ -- Als sie nun schlafen gehen wollten, sprach der Müller, er habe nur eine einzige Kammer leer, unter dem Taubenschlag droben, und zu der müsse man auf schlechter Stiege unter freiem Himmel hinaufsteigen. Den Gesellen war das gleichviel. Und sie brachen auf und stiegen die Staffeln hinan, und sie merkten wohl, daß sie steil und schlecht seien zum Halsbrechen. Und als sie nun alle auf der Stiege standen -- es war aber das große Wasserrad -- so zog der Müller unversehens den Schluß auf, und, hopps! purzelte einer nach dem andern in den Gumpen hinab wie Frösche, und sie zwatzelten und plätscherten drin herum wie Pudelhunde, die das Schwimmen lernen. Ersoffen ist jedoch keiner, und das kalte Bad hat ihnen weiter auch nicht geschadet. Der Müller sagte, es tue ihm leid, daß die Stiege gebrochen sei, und sie müßten nun schon in der Stube vorlieb nehmen. Das taten sie denn auch, und sie schliefen gar wohl. Des andern Tags sahen sie nun freilich, was das für eine Bewandtnis gehabt habe mit der Stiege, und der Müller lachte sie brav aus und sagte: „Da habt ihr nun ein Stückchen mehr zu erzählen von den Müllern.“ Der Fiedler aber stimmte seine Geige und spielte ihnen was auf und sang:
„Die Mühlen, die klappen, Die Knappen, die schnappen, Die Beutel, die strotzen, Die Müller, die trotzen --“
und so weiter.
Als sie endlich aufbrechen wollten und nach der Zeche fragten, sagte der Müller, sie hätten dieselbe schon gestern bezahlt; sie sollten nur damit vorlieb und nichts für ungut nehmen. Also sind sie als gute Freunde voneinander gegangen.
Ludwig Aurbacher
Die verlassene Mühle
Das Wasser rauscht zum Wald hinein, Es rauscht im Wald so kühle, Wie mag es wohl gekommen sein Vor die verlaßne Mühle? Die Räder stille, morsch, bemoost, Die sonst so fröhlich herumgetost, Dach, Gäng und Fenster alle Im drohenden Verfalle.
Allein bei Sonnenuntergang, Da knisterten die Äste, Da schlichen sich den Bach entlang Gar sonderbare Gäste, Viel Männlein grau, von Zwergenart, Mit dickem Kopf und langem Bart, Sie schleppten Müllersäcke Daher aus Busch und Hecke.
Und alsobald im Müllerhaus Beginnt ein reges Leben, Die Räder drehen sich im Saus, Das Glöcklein schellt daneben; Die Männlein laufen ein und aus, Mit Sack hinein und Sack heraus, Und jeder von den Kleinen Scheint nur ein Sack mit Beinen.
Und immer toller schwärmten sie Wie Bienen um die Zellen, Und immer toller lärmten sie Durch das Getos der Wellen; Mit wilder Hast das Glöcklein scholl, Bis alle Säcke waren voll Und klar am Himmel oben Der Vollmond sich erhoben.
Da öffnet sich ein Fensterlein, Das einzige noch ganze, Ein schönes, bleiches Mägdelein Zeigt sich im Mondesglanze Und ruft vernehmlich durchs Gebraus Mit süßer Stimme Klang heraus: „Nun habt ihr doch, ihr Leute, Genug des Mehls für heute!“
Da neigt das ganze Lumpenpack Sich vor dem holden Bildnis, Und jeder sitzt auf seinem Sack Und reitet in die Wildnis; Schön Müllerin schließt’s Fenster zu, Und alles liegt in alter Ruh. Des Morgens Nebel haben Die Mühle ganz begraben.
Und als ich kam am andern Tag In trüber Ahnung Schauern, Die Mühle ganz zerfallen lag Bis auf die letzten Mauern; Das Wasser rauschet neben mir hin, Es weiß wohl, was ich fühle, Und nimmermehr will aus dem Sinn Mir die zerfallne Mühle.
August Schnezler
Als ich der Müller war
Nicht gar weit vom Hause, zwischen und unterhalb von Feldrainen und Wiesenlehnen, ist eine Schlucht. Sie ist voll dichten und hohen Erlen- und Haselnußgebüsches, zwischen welchen Germen, Schierling und Sauerampfer wuchern. Unter diesen Gewächsen rieselt ein Wasser, das seinerzeit zuweilen nur von einem durstigen Krötlein aufgesucht wurde, sonst aber, so klar und frisch es war, ganz unbeachtet blieb, bis unser Nachbar, der Thoma, dem die Schlucht gehörte, eine Mühle in dieselbe baute. Die Mühle stand so versteckt im Gebüsche, daß ich, wenn ich bei meiner Rinderherde auf dem Wiesenraine stand, vergebens nach derselben gespäht hätte, wenn an ihr und hoch über den Gesträuchen nicht zwei Tannen emporgeragt haben würden. Auf diesen Tannen saß gern ein Habicht und pfiff zu mir und meinen Rindern herüber, daß ich vor Grauen in Gedanken oft ein heilig Vaterunser betete. Auch vor der Mühle fürchtete ich mich; sie kam mir mit ihren ewigen Schatten und traurigem Wasserrauschen schier so schauerlich vor, wie jene im Märchen meiner Mutter, in der die schöne einschichtige Müllerstochter zwölf Räuber mit der breiten Mühlhacke geköpft hat.
Da kam aber eine Zeit, in der ich näher mit der Mühle im Schierlinggraben Bekanntschaft machen sollte.
+Unsere+ schöne Mühle im lichten Wiesentale, in der ich meinem Vater so oft das Korn mahlen half, war in einer Nacht niedergebrannt bis auf die zahllosen Eisennägel und die zwei Mühlsteine, die ganz dunkelrot angelaufen und dann in mehrere Stücke auseinander gefallen waren. Das Wasserrad am halbverkohlten Gründel allein war stehen geblieben, und auf dasselbe schoß der Mühlbach nieder, und das Rad lief und tanzte in hastiger Eile wie närrisch. Verrückt war es geworden ob des Unglückes. Und erst, als mein Vater den Mühlbach ab in den Fluß leitete, blieb das Rad stehen und stand viele Jahre lang hoch und kohlschwarz und unbeweglich über dem Schutt.
Ich und mein Vater hatten alle Eisennägel zusammengesucht auf der Brandstätte, aber der Schmied gab uns dafür nur fünfundzwanzig Groschen, und die Mühle konnten wir nicht mehr aufbauen.
Da ging mein Vater zum Nachbar Thoma und fragte an, was er Gegendienstes leisten müsse, wenn er die Mühle im Schierlinggraben an Tagen, da sie leer stehe, benützen dürfe.
Der Thoma legte meinem Vater einen Brotlaib vor; er möge sich abschneiden, nur ein recht groß Stück, er, der Nachbar, habe gut Korn gebaut. Ja, und von wegen der Mühle, die könne er, mein Vater, schon haben; so einen, zwei Tage die Woche stehe sie ja leer; und eines Gegendienstes wegen könne keine Rede sein; er, mein Vater, sei mit dem Feuer unglücklich gewesen; ja, und das könne jedem geschehen, solle sich nur noch Brot abschneiden, ein rechtschaffen Stück. Gesegne Gott! Gesegne Gott!
In unserem Hause ist mein Vater selbst der Mühlesel gewesen. Und so stieg er eines Tages, den Kornsack auf der Achsel, nieder in den Schierlinggraben. Ich, ein blöder Junge, war entweder hinter meinen Rindern oder hinter meinem Vater her; mein Vater war mir stets der unfehlbarste und erste Mensch auf Erden, und alle andern Leute liefen nur so neben mit; nur der Pfarrer und der Amtmann ausgenommen, die standen höher; der eine hielt’s ganz mit Gott, der andere mit dem Kaiser -- und mit uns hielt’s keiner von beiden.
So wand ich mich denn hinter meinem Vater durch das Erlen- und Haselnußgebüsch der Mühle zu. Und als wir vor derselben standen, zog mein Vater einen hölzernen Schlüssel aus dem Sack, sperrte die graue, niedrige Tür auf, und wir standen jetzt in der finsteren Mühle, in welcher nur der staubige Mehlkasten und über demselben das Steingehäus und die Aufschüttmulde uns matt entgegenblickten. Wir stiegen über sechs oder acht Stufen empor zum Schüttboden; an die braune, spinnwebige Wand desselben waren mehrere Heiligenbilder geklebt, eine Art Hausaltar, an dem auch ein grünes Weihbrunngefäßchen gängelte. Mein Vater besprengte sich damit; dann leerte er seinen Kornsack in die Schüttmulde und guckte noch ein wenig durch ein Fensterchen auf das stetig rauschende Wasserfloß hinaus und zwischen den Fugen in die Radstube hinab, aus welcher erst eine rechte Finsternis hervorglotzte. Und als er sah, daß alles in Ordnung, tauchte er mit beiden Händen eine aus der Wand stehende Stange nieder. Da wurde es lebendig. Zuerst hörte ich einen einzelnen Klapper, bald einen zweiten, dritten; der Boden hub sachte an zu dröhnen, zu schütteln; das Klappern wurde schneller und schneller und kam endlich in ein gleichmäßiges Rollen und Klirren und Schrillen. Es ging die Mühle.
Von dem zitternden Schnabel der Schüttmulde rieselte das braungelbe Brünnlein des Kornes in den Steinhals, an welchem seines raschen Laufes wegen weder ein Kern, noch ein Maserchen zu erkennen war.
Mein Vater unterwies mich in den Dingen, auf daß auch ich das Müllern lerne, und machte endlich die Decke des Mehlkastens auf, in dem bereits der feine, weiße Staub des Mehles flog.
Erst spät abends -- als es schon so finster war, daß ein zur Tür hereinsprühendes Johanniswürmchen mich ins Herz hinein erschreckte, weil ich im Augenblick wähnte, es sei ein Feuerfunke und es hebe auch diese Mühle zu brennen an -- drückte mein Vater wieder an der Wandstange; da wurde das Klirren und Klappern langsamer, noch dröhnte und ächzte das Räderwerk träg und träger, dann stockte es und war verstummt. -- Mir klang es in den Ohren, und draußen rauschte wieder das Wasser.
[Illustration]
Mein Vater besprengte Steingehäus und Mehlkasten mit dem Weihwasser, auf daß über Nacht kein Unglück komme; dann verschloß er die Tür mit dem hölzernen Schlüssel, und wir stiegen durch das wilde Gesträuche und über die Wiesen- und Feldlehnen hinan zu unserm Hause. Als wir über die Leinwandbleiche gingen, huschte ein Weibsbild an uns vorbei und hin über den Anger, auf welchem die Eschen und die Kirschbäume standen.
„Ich denk gar, das ist die kohlschwarze Stina gewesen,“ sagte mein Vater vor sich hin, „wie närrisch lauft denn die herum in der Nacht!“
„Der wäre es sicher nicht uneben gewesen, wenn sie unsere Bleichleinwand noch gefunden hätt auf dem Anger,“ meinte meine Mutter daheim.
„Ei, das kannst nicht wissen,“ sagte mein Vater ablehnend. „Sie macht sich ihr Brot bei der Kohlenbrennerei, und Schlechtes kann man ihr doch just gerade eben nicht gar recht viel nachsagen.“
„Gutes auch nicht,“ versetzte die Mutter, dann war nicht weiter mehr davon die Rede.
Wir gingen zum Abendessen. Nach diesem setzte sich meine Mutter zum Spinnrad und sang ein Lied und erzählte ein Märchen. Das Märchen von der weißen Frau, wie sie um Mitternacht durch das Ritterschloß schwebt und mit dem blutigen Dolche eine Unglücksprophezeiung an die Wand schreibt -- es ließ mir die ganze Nacht keine Ruhe, und ich kroch aus Angst und Furcht vor der weißen Frau dem alten Einleger-Jobst, bei dem ich schlief, schier hinters Hemd hinein.
Am andern Morgen, als wir aufstanden, war die Nachricht da, mein Vater müsse eilends roboten gehen. Zwar war es schon ein Stück Weile nach dem Jahre des Heiles achtundvierzig, aber unser guter Verwalter hielt stets noch an der ehrwürdigen Sitte, die Bauern ins Joch zu spannen, und die Bauern bogen willig ihre sonst so steifen Nacken.
Mich aber traf’s an diesem Morgen wie ein Donnerschlag; „Bub,“ sagte der Vater zu mir, „so mußt heut du der Müllner sein unten im Schierlinggraben.“
Noch ging er mit mir hinab, um die Tür aufzuschließen und die Mühle anzurichten.
Ersteres wäre nicht nötig gewesen; die Tür war kaum verriegelt und mein Vater brummte: „So ein hölzern Schloß ist just für die Katz; der erst best Bettelmann taucht mit dem Stock den Riegel in Scherben.“
Dann gab mir der Vater noch Verhaltungsmaßregeln; unterwies mich, wie man mittels der Wandstange das Wasser vom Holzfloße leite, daß es seitwärts tief in das steinige Bett hinabstürze und die Mühle stehen bleibe. Ferner bereitete er mir einen Kübel Wassers auf dem Schüttboden, „im Falle, daß was sein sollte“. Er dachte ans Feuer. Dann ging er, und ich war allein in der dunklen, klappernden Mühle.
Mir war, als obläge mir die Sorge über eine ganze wildwirbelnde Welt. Ich schlich und spähte herum, ob überall alles in Ordnung; ich guckte in die Aufschüttmulde; es rieselte immer aus ihr, aber sie wollte nicht leerer werden. Ich hub in Gedanken an zu zählen und dachte, bis ich fünftausend gezählt hätte, würde das Korn wohl zur Rüste sein; aber ich zählte bis zehntausend, zählte bis -- da war mir plötzlich, als stiege aus dem Mehlkasten Rauch empor.
Ich stürzte zur Stange, bald stand das ganze Radwerk still und ich sah, es war nicht Rauch, es war nur Mehlstaub gewesen.
Ich richtete die Mühle wieder an und wurde nun etwas zuversichtlicher. Aber in dieser ewigen Dunkelheit des alten Baues, in diesem fortwährenden Tosen und Klirren wurde ich anderartig aufgeregt ... Ich spähte nach rechts und nach links und gegen die dunkelsten Winkel hin. Was gängelt doch das Weihbrunngefäß in einem fort! -- Schon wieder wollt ich zur Wandstange eilen, da ist plötzlich ein Gepuster und Gepolter -- siehe dort! -- langsam und von sich selbst hebt sich der Deckel des Mehlkastens, eine Gestalt, eine Menschengestalt richtet sich auf im Kasten, -- bleich ist sie bis in die Augen, bis in den Mund hinein. Jesus und Heiland! Die weiße Frau! -- Meine Augen wollen vergehen vor Schreck; aber sie sehn es noch, wie die Gestalt polternd aus dem Kasten steigt und hinaushuscht zur Tür.
Ich bin sehr erschrocken; aber der Schreck war verhältnismäßig kurz gewesen. Die Hast und Eile des Gespenstes kam mir verdächtig vor; ein ordentlicher Geist weiß sonst stets Würde und Anstand zu bewahren.