Chapter 5 of 12 · 3964 words · ~20 min read

Part 5

»Seine Überlegenheit ist Ihnen störend – das ist es!« sagte mit Feuer Alexandra Pawlowna, »das ist es, was Sie ihm nicht vergeben können. Ich aber bin überzeugt, daß er nicht nur Verstand, sondern auch ein vortreffliches Herz hat. Betrachten Sie nur seine Augen, wenn er …«

»Von hoher Tugend spricht …«[3], setzte Leschnew hinzu.

»Sie werden mich böse machen und zum Weinen bringen. Es tut mir in der Seele leid, daß ich bei Ihnen geblieben und nicht zu Darja Michailowna gefahren bin. Sie waren es nicht wert. Hören Sie auf, mich zu reizen,« setzte sie mit weinerlicher Stimme hinzu. »Es wird besser sein, Sie erzählen mir etwas aus seinen Jugendjahren.«

»Aus Rudins Jugendjahren?«

»Ja doch. Sie sagten mir ja, Sie kennten ihn gut und seien schon lange mit ihm bekannt.«

Leschnew erhob sich und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ja,« begann er, »ich kenne ihn gut. Sie wollen, daß ich Ihnen seine Jugend erzähle? Wohlan! Er ist in T. geboren, eines armen Gutsbesitzers Kind. Sein Vater starb früh und er blieb mit der Mutter allein. Sie war eine herzensgute Frau und liebte ihn über alles; sie lebte sehr sparsam, und das wenige Geld, was sie hatte, gab sie für ihn aus. Seine Erziehung hat er in Moskau erhalten, anfänglich auf Kosten eines Oheims, dann aber, als er aufgewachsen und flügge geworden war, auf Rechnung eines reichen Fürstensöhnchens, den er ausgewittert hatte … schon gut, verzeihen Sie, ich werde nicht mehr … mit welchem er sich befreundet hatte. Dann bezog er die Universität. Dort wurde ich mit ihm bekannt und sehr intim. Von unserem damaligen Leben erzähle ich Ihnen ein anderes Mal. Jetzt geht es nicht. Dann reiste er ins Ausland …«

Leschnew ging noch immer im Zimmer auf und ab; Alexandra Pawlowna folgte ihm mit den Blicken.

»Aus dem Auslande«, fuhr er fort, »schrieb Rudin seiner Mutter äußerst selten und hat sie nur einmal besucht, auf zehn Tage … Die Alte starb auch in seiner Abwesenheit in fremden Armen, hat aber bis zu ihrem Todesstündchen nicht das Auge von seinem Bildnisse verwandt. Als ich in T. lebte, besuchte ich sie. Sie war eine gute, überaus gastfreie Frau und pflegte mir immer eingemachte Kirschen vorzusetzen. Ihren Mitja liebte sie unsäglich. Die Herren aus der Petschorinschen Schule[4] werden Ihnen sagen, daß wir immer diejenigen lieben, die selbst wenig fähig sind, Liebe zu fühlen; mir aber scheint es, daß alle Mütter ihre Kinder lieben, besonders die fern von ihnen Weilenden. Später traf ich mit Rudin im Auslande zusammen. Dort hatte ihn eine Dame, eine unserer russischen Damen, an sich gezogen, ein Blaustrumpf, weder jung noch hübsch, wie sich’s auch für einen Blaustrumpf schickt. Ziemlich lange schleppte er sich mit ihr umher und ließ sie dann im Stich … doch nein, entschuldigen Sie: sie ließ ihn im Stiche. Und auch ich verließ ihn zu jener Zeit. Das ist alles.«

Leschnew schwieg, strich mit der Hand über die Stirn und ließ sich wie erschöpft auf einen Lehnstuhl nieder.

»Wissen Sie aber wohl, Michael Michailitsch,« begann Alexandra Pawlowna, »Sie sind, wie ich sehe, ein boshafter Mensch; wahrhaftig, Sie sind nicht besser als Pigassow. Ich bin überzeugt, daß alles, was Sie gesagt haben, wahr ist, daß Sie nichts hinzugedichtet haben, und dennoch, in welch mißgünstigem Lichte haben Sie das alles dargestellt! Die alte Frau, ihre Mutterliebe, ihr einsamer Tod, jene Dame … Wozu alles das? … Wissen Sie wohl, man kann das Leben des allerbesten Menschen mit solchen Farben schildern – ohne etwas hinzuzufügen, wohl verstanden –, daß sich jeder davor entsetzen wird! Das ist auch Verleumdung in ihrer Art!«

Leschnew erhob sich und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen Entsetzen einzuflößen, Alexandra Pawlowna,« brachte er endlich heraus. »Ich bin kein Verleumder. Übrigens«, setzte er nach einigem Schweigen hinzu, »in dem, was Sie gesagt haben, ist ein Teil Wahrheit. Ich habe Rudin nicht verleumdet; doch – wer weiß! – vielleicht hat er sich seit jener Zeit verändert – vielleicht bin ich ungerecht gegen ihn.«

»Da haben Sie es! … Versprechen Sie mir also, daß Sie die Bekanntschaft mit ihm erneuern, ihn gehörig ergründen und mir dann erst Ihre schließliche Meinung über ihn sagen wollen.«

»Wenn Sie es wünschen … Warum schweigst du aber, Sergei Pawlitsch?«

Wolinzow fuhr zusammen und erhob den Kopf, als hätte man ihn aus dem Schlafe gerüttelt.

»Was sollte ich sagen? Ich kenne ihn nicht. Übrigens habe ich heute Kopfweh.«

»Du bist wirklich etwas bleich,« bemerkte Alexandra Pawlowna.

»Ich habe Kopfweh,« wiederholte Wolinzow und verließ das Zimmer.

Alexandra Pawlowna und Leschnew sahen ihm nach und tauschten einen Blick miteinander, doch ohne ein Wort zu sprechen. Weder ihm noch ihr war es ein Geheimnis, was im Herzen Wolinzows vorging.

VI

Über zwei Monate waren vergangen. Während dieser ganzen Zeit war Rudin fast nicht aus Darja Michailownas Hause gekommen. Sie konnte ihn nicht mehr entbehren. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, ihm von sich zu erzählen und sich von ihm erzählen zu lassen. Einmal hatte er abreisen wollen, unter dem Vorwande, seine Geldmittel seien erschöpft – sie gab ihm fünfhundert Rubel, was ihn nicht hinderte, weitere zweihundert von Wolinzow zu borgen. Pigassow besuchte Darja Michailowna bedeutend seltener als vorher: Rudin übte durch seine Gegenwart auf ihn einen Druck aus, den übrigens Pigassow nicht allein empfand.

»Ich mag ihn nicht, diesen eingebildeten Menschen,« pflegte er zu sagen, »seine Ausdrucksweise ist unnatürlich, ganz so wie bei den Helden in russischen Romanen. Mit einem: Ich! fängt er an, hält dann wie gerührt inne … Ich, also, ich … Und er zieht die Worte so lang. Habt ihr geniest, so wird er euch sogleich auseinandersetzen, warum Ihr geniest und nicht gehustet habt … lobt er euch, so klingt es, als befördere er euch zu einer höheren Rangstufe … fängt er aber an, sich selbst zu schelten, dann zieht er sich geradezu in den Schmutz herab – nun, denkt ihr, der darf sich jetzt nicht mehr bei Tageslicht zeigen! Nichts davon! Noch heiterer stimmt es ihn, so daß man glauben könnte, jene bitteren Worte hätten ihm nur zu Erfrischung und Kräftigung gedient, wie ein Schluck bitteren Schnapses!« Pandalewski empfand eine gewisse Scheu vor Rudin und machte ihm mit einiger Vorsicht den Hof. Wolinzows Stellung, Rudin gegenüber, war eigentümlicher Art. Dieser nannte ihn einen Ritter und rühmte ihn, er mochte zugegen sein oder nicht, über die Maßen; Wolinzow aber konnte ihn nicht liebgewinnen, und seine schmeichelhaftesten Komplimente erzeugten in ihm unwillkürlich Ungeduld und Ärger. ›Er macht sich wohl gar über mich lustig!‹ dachte er, und eine feindselige Stimmung überschlich ihn dann. Wolinzow versuchte Herr über sich zu werden; es ging nicht: die Eifersucht nagte heimlich an ihm. Aber auch Rudin, der Wolinzow stets geräuschvoll entgegenkam, ihn einen Ritter nannte und Geld bei ihm borgte, fühlte sich nichts weniger als zu ihm hingezogen. Es wäre nicht leicht zu bestimmen gewesen, was in beiden Männern vorging, wenn sie einander freundschaftlich die Hände drückten und ihre Blicke sich begegneten …

Bassistow fuhr fort, vor Rudin die äußerste Hochachtung zu empfinden und jedes seiner Worte im Fluge zu haschen. Dieser aber beachtete ihn wenig. Einmal brachte er mit ihm einen ganzen Morgen zu, unterhielt sich von den wichtigsten Weltfragen und Weltaufgaben und erregte in ihm das lebhafteste Entzücken, nachher beachtete er ihn nicht mehr … Es war demnach nur eitles Gerede gewesen, wenn er nach reinen und ergebenen Seelen Verlangen geäußert hatte. Mit Leschnew, der mit seinen Besuchen bei Darja Michailowna begonnen hatte, ließ Rudin sich niemals in einen Wortstreit ein, ja er schien ihm auszuweichen. Leschnew seinerseits behandelte ihn gleichfalls kalt, ließ aber immer noch nicht seine letzte Meinung über ihn laut werden, was Alexandra Pawlowna sehr unangenehm berührte. Sie beugte sich vor Rudin – zu Leschnew aber hatte sie Vertrauen. Alle im Hause Darja Michailownas unterwarfen sich den Launen Rudins: seinen geringsten Wünschen wurde nachgekommen. Die Verteilung der täglichen Beschäftigungen hing von ihm ab. Nicht eine einzige ~partie de plaisir~ konnte ohne ihn zustande kommen. Alle unerwarteten Ausflüge und Überraschungen waren übrigens nicht sehr nach seinem Geschmack, und er nahm teil daran wie Erwachsene am Spiel der Kinder, mit freundlicher und etwas gelangweilter Miene. Dagegen mischte er sich in alles: räsonierte mit Darja Michailowna über Gutsverwaltung, Kindererziehung, Wirtschafts- und Geschäftsangelegenheiten überhaupt; hörte ihre Pläne an, schätzte auch Unwichtiges nicht zu gering und schlug Verbesserungen und Neuerungen vor. Darja Michailowna war entzückt darüber – doch dabei blieb es. Bezüglich der Gutsverwaltung folgte sie den Ratschlägen ihres Verwalters, eines ältlichen, einäugigen Kleinrussen, eines gutmütigen, doch listigen Schelmes. – »Das Alte ist fett, das Neue ist hager,« pflegte er zu sagen und schmunzelte und blinzelte dabei wohlgefällig.

Außer mit Darja Michailowna hatte Rudin mit niemandem so häufige und lange Unterredungen wie mit Natalia. Er steckte ihr insgeheim Bücher zu, vertraute ihr seine Pläne und las ihr die ersten Seiten künftiger Aufsätze und Werke vor. Das Verständnis dafür fehlte ihr oft, doch daran lag Rudin anscheinend wenig, wenn sie ihn nur anhörte. Dieses nahe Verhältnis zu Natalia war Darja Michailowna nicht ganz unangenehm. Mag sie immerhin – dachte sie – mit ihm hier auf dem Lande schwatzen. Er findet Gefallen an ihr, wie an einem kleinen Mädchen. Gefahr ist nicht dabei, und jedenfalls lernt sie von ihm … In Petersburg will ich das alles anders einrichten.

Darja Michailowna täuschte sich. Nicht wie ein kleines Mädchen schwatzte Natalia mit Rudin: sie lauschte gierig seinen Worten, bemühte sich, in den Sinn derselben einzudringen und unterwarf seinem Urteile ihre Gedanken, ihre Zweifel; er war ihr Erzieher, ihr Führer. Fürs erste kochte es bei ihr nur im Kopfe … in einem jungen Kopfe kocht es aber nicht lange, ohne daß das Herz auch ein Wort mitredet. Was für wonnevolle Minuten verbrachte Natalia, wenn, wie es oft vorkam, Rudin im Garten auf einer Bank, im leichten und lichten Schatten einer Esche, anfing ihr Goethes Faust, Hoffmann, die Briefe Bettinas oder Novalis vorzulesen, und er sich dabei beständig unterbrach, um ihr zu erläutern, was ihr dunkel schien! Sie sprach das Deutsche nicht gut, wie fast alle unsere jungen Damen, verstand es aber vollkommen, und Rudin war ganz in deutscher Poesie, deutscher Romantik und deutscher Philosophie versunken und zog Natalia nach sich in jene höheren Regionen. Eine unbekannte, erhabene Welt enthüllte sich dem aufmerksamen Blicke des jungen Mädchens. Von den Seiten des Buches, das Rudin in der Hand hielt, strömten gleich einer Flut entzückender Musik wunderbare Bilder, neue, lichte Gedanken unaufhörlich in ihre Seele über, und in ihrem Herzen, das von edler Freude hoher Empfindungen erschüttert worden, erglimmte und entbrannte sanft der heilige Funken der Entzückung …

* * * * *

»Sagen Sie doch, Dmitri Nikolaitsch,« redete sie ihn einst an, als sie vor ihrem Stickrahmen am Fenster saß, »Sie werden für den Winter wohl nach Petersburg fahren?«

»Ich weiß es nicht,« erwiderte Rudin, das Buch, in welchem er herumblätterte, auf die Knie sinken lassend, »wenn ich die Mittel dazu auftreibe, fahre ich hin.«

Er sprach träge: er fühlte sich ermattet und war den ganzen Morgen über müßig gewesen.

»Wie sollten Sie die nicht finden?«

Rudin schüttelte den Kopf.

»Ihnen deucht es so!«

Und er warf einen bedeutsamen Seitenblick auf sie.

Natalia wollte etwas sagen, hielt jedoch inne.

»Sehen Sie,« begann Rudin und wies mit der Hand nach dem Fenster, »sehen Sie jenen Apfelbaum: er ist gebrochen unter der Last und Fülle seiner Früchte. Ein treues Sinnbild des Genies …«

»Er ist gebrochen, weil er keine Stütze gehabt hat,« erwiderte Natalia.

»Ich verstehe Sie, Natalia Alexejewna; es ist aber für den Menschen nicht so ganz leicht, sie zu finden, diese Stütze.«

»Mir scheint, das Mitgefühl anderer … Einsamkeit aber muß jedenfalls …«

Natalia verwirrte sich ein wenig und wurde rot.

»Und was wollen Sie im Winter auf dem Lande anfangen?« setzte sie rasch hinzu.

»Was ich anfangen werde? Ich werde meine große Abhandlung beendigen – Sie wissen – vom Tragischen im Leben und in der Kunst – ich setzte Ihnen vorgestern den Plan auseinander – und werde Ihnen den Aufsatz zustellen.«

»Und werden ihn drucken lassen?«

»Nein.«

»Warum aber nicht? Für wen wollen Sie denn arbeiten?«

»Nun, wenn es für Sie wäre?«

Natalia senkte den Blick.

»Das wäre für meinen Verstand zu hoch.«

»Wovon handelt, wenn ich fragen darf, der Aufsatz?« fragte bescheiden Bassistow, der in einiger Entfernung saß.

»Vom Tragischen im Leben und in der Kunst,« wiederholte Rudin. »Hier, Herr Bassistow wird ihn auch lesen. Übrigens bin ich, was den Grundgedanken angeht, noch nicht mit mir im reinen. Ich habe mir bis jetzt noch nicht hinreichend die tragische Bedeutung der Liebe klargemacht.«

Rudin ließ sich gern und häufig über Liebe aus. Beim Worte Liebe war Mlle. Boncourt bisher immer zusammengefahren und hatte die Ohren gespitzt wie ein alter Schlachtgaul, der die Trompeten hört; nachher aber wurde sie es gewohnt und begnügte sich, die Lippen zusammenzuziehen und in Zwischenräumen Tabak zu schnupfen.

»Mich dünkt,« bemerkte Natalia schüchtern, »das Tragische in der Liebe – das ist die unglückliche Liebe.«

»Keineswegs!« erwiderte Rudin, »das ist eher die komische Seite in der Liebe … Man muß diese Frage ganz anders stellen … tiefer hineingreifen … Die Liebe!« fuhr er fort, »in ihr ist alles Geheimnis, wie sie kommt, wie sie sich entwickelt, wie sie verschwindet. Bald zeigt sie sich plötzlich, unzweideutig, freudig, wie der Tag; bald glimmt sie lange, wie die Glut unter der Asche, und bricht als Flamme in der Seele aus, wenn alles bereits zerstört ist; bald schleicht sie sich schlangenhaft ins Herz hinein und unerwartet wieder hinaus … Ja, ja; das ist eine bedeutsame Frage. Und wer liebt wohl zu jetziger Zeit? Wer erkühnt sich zu lieben?«

Rudin wurde nachdenkend.

»Weshalb zeigt sich aber Sergei Pawlitsch schon so lange nicht mehr?« fragte er plötzlich.

Natalia wurde über und über rot und senkte den Kopf auf ihren Stickrahmen.

»Ich weiß es nicht,« antwortete sie leise.

»Was für ein herrlicher, vortrefflicher Mensch,« sagte aufstehend Rudin. »Das ist einer der besten Vertreter des jetzigen russischen Adels …«

Mlle. Boncourt betrachtete ihn von der Seite mit ihren kleinen, französischen Augen.

Rudin ging einige Male durchs Zimmer.

»Haben Sie vielleicht die Bemerkung gemacht,« hub er an, sich rasch auf den Absätzen umdrehend, »daß die Eiche – und die Eiche ist ein starker Baum – ihr altes Laub erst dann abwirft, wenn das neue bereits hervorzubrechen beginnt?«

»Ja,« erwiderte langsam Natalia, »ich habe das beobachtet.«

»Ganz dasselbe ist auch der Fall mit alter Liebe in einem starken Herzen: sie ist bereits abgestorben, hält sich aber noch immer; und nur eine andere, neue Liebe vermag sie zu verdrängen.«

Natalia erwiderte nichts.

»Was soll das bedeuten?« dachte sie.

Rudin blieb eine Weile stehen, schüttelte die Haare und entfernte sich.

Natalia ging auf ihr Zimmer. Lange blieb sie in Nachdenken versunken auf ihrem Bettchen sitzen, lange dachte sie über die letzten Worte Rudins nach, drückte plötzlich die Hände zusammen und brach in Tränen aus. Worüber sie geweint hat – das weiß Gott allein! Sie selbst wußte nicht, warum sie so plötzlich weinen mußte. Sie trocknete ihre Tränen, doch von neuem flossen sie, gleich dem Wasser einer lange verhaltenen Quelle.

* * * * *

An eben diesem Tage war Rudin der Gegenstand eines Gesprächs zwischen Alexandra Pawlowna und Leschnew. Anfangs wollte letzterer sich durch Schweigen abfinden; sie hatte es aber darauf angelegt, etwas aus ihm herauszubringen.

»Ich sehe,« sagte sie zu ihm, »Dmitri Nikolajewitsch gefällt Ihnen nach wie vor nicht. Ich habe Sie absichtlich bis heute nicht befragt; jetzt aber müssen Sie die Gewißheit gewonnen haben, ob in ihm eine Veränderung vorgegangen ist, und ich wünsche zu erfahren, weshalb er Ihnen nicht gefällt.«

»Sehr wohl,« erwiderte Leschnew mit gewohntem Phlegma, »wenn Sie wirklich so ungeduldig sind; doch, merken Sie sich’s, Sie müssen nicht böse werden …«

»Nun, fangen Sie an, fangen Sie an.«

»Und lassen Sie mich ausreden, bis zu Ende.«

»Gut, gut; fangen Sie an.«

»So will ich Ihnen denn sagen,« begann Leschnew, sich langsam auf den Diwan niederlassend, »mir gefällt Rudin in der Tat nicht. Er ist ein kluger Mensch …«

»Das ist nicht zu leugnen!«

»Er ist ein auffallend kluger Mensch, wenn auch im Grunde gehaltlos …«

»Das ist leicht gesagt!«

»Obgleich im Grunde gehaltlos,« wiederholte Leschnew, »das tut aber weiter nichts: wir sind alle gehaltlose Menschen. Ich rechne es ihm sogar nicht als Schuld an, daß er herrschsüchtigen Geistes ist, träge, nicht sehr kenntnisreich …«

Alexandra Pawlowna schlug die Hände zusammen.

»Rudin nicht sehr kenntnisreich!« rief sie aus.

»Nicht sehr kenntnisreich,« wiederholte Leschnew ganz in demselben Tone, »auch daß er es liebt, auf Kosten anderer zu leben, eine Rolle spielen will und so weiter … das ist alles in der Ordnung. Schlecht ist es aber, daß er kalt ist wie Eis.«

»Er, diese feurige Seele, kalt!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna.

»Ja, kalt wie Eis, und er weiß es und spielt den Feurigen. Schlecht ist das,« fuhr Leschnew, allmählich sich belebend, fort, »denn es ist ein gefährliches Spiel, das er spielt – gefährlich, nicht für ihn, versteht sich, keinen Kopeken, kein Härchen setzt er auf die Karte – andere dagegen setzen ihre Seele ein …«

»Von wem, wovon reden Sie? Ich verstehe Sie nicht,« sagte Alexandra Pawlowna.

»Schlecht ist, daß er nicht ehrlich ist. Weil er ein Mann von Geist ist, muß er den Wert seiner Worte kennen, – und doch läßt er sie von seinen Lippen fallen, als ob sie ihm aus dem Herzen kämen … Nun ja, er ist beredt; seine Beredsamkeit ist aber nicht die eines Russen. Und dann – verzeiht man auch der Jugend Schönrednerei, in seinem Alter ist es eine Schande, am Getön eigener Worte Gefallen zu finden, eine Schande, sich derartig zur Schau zu stellen.«

»Mich dünkt, Michael Michailitsch, für den Zuhörer ist es ganz gleich, ob man sich zur Schau stellt oder nicht …«

»Bitte um Vergebung, Alexandra Pawlowna, es ist nicht ganz gleich. Es kann mir jemand ein Wort sagen und es dringt mir durch Mark und Bein, ein anderer sagt mir genau dasselbe Wort und vielleicht noch schöner – und es wird mir nicht einmal das Ohr kitzeln. Woher kommt das?«

»Das heißt, _Ihr_ Ohr wird es nicht kitzeln,« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna.

»Ja, mein Ohr,« erwiderte Leschnew, »obgleich ich vielleicht große Ohren habe. Die Sache ist die, daß Rudins Worte eben nur Worte bleiben und niemals zu Taten werden, dennoch aber können diese seine Worte Verwirrungen erzeugen in einem jungen Herzen und dasselbe zugrunde richten.«

»Von wem, von wem reden Sie aber, Michael Michailitsch?«

Leschnew zögerte.

»Sie wünschen zu wissen, von wem ich rede? Von Natalia Alexejewna.«

Alexandra Pawlowna wurde für einen Augenblick verwirrt, lächelte aber gleich darauf.

»Du lieber Gott!« begann sie, »was für sonderbare Einfälle Sie immer haben! Natalia ist noch ein Kind; und dann, gesetzt es wäre auch etwas daran, so werden Sie doch nicht glauben, daß Darja Michailowna …«

»Darja Michailowna ist vor allem eine Egoistin und lebt nur für sich; dann aber ist sie so sehr von ihrer Erfahrung in Erziehung der Kinder überzeugt, daß es ihr nicht einmal einfällt, um ihre Tochter besorgt zu sein. Bewahre! Wie könnte sie das! Ein Wink, ein majestätischer Blick – und alles muß wie am Drahte gehen. Das ist’s, woran diese Gnädige denkt, die sich eine Beschützerin der Künste und Wissenschaften dünkt, sich für einen hohen Geist und Gott weiß was noch hält, in der Tat aber weiter nichts ist als ein altes Weltdämchen. Natalia ist kein Kind; glauben Sie mir, sie gibt sich häufigeren und tieferen Betrachtungen hin als wir beide. Und da mußte solch ein ehrliches, leidenschaftliches Gemüt auf diesen Schauspieler, diesen Gecken stoßen! Übrigens ist auch dies in der Ordnung.«

»Gecken! Sie nennen ihn einen Gecken?«

»Natürlich ihn … Sagen Sie doch selbst, Alexandra Pawlowna, was für eine Rolle spielt er bei Darja Michailowna? Den Götzen, das Orakel des Hauses vorstellen, sich in die Wirtschaft, in häusliche Klatschereien und Lappalien mischen – ist das wohl eines Mannes würdig?«

Alexandra Pawlowna blickte Leschnew mit Erstaunen an.

»Ich erkenne Sie nicht wieder, Michael Michailitsch,« sagte sie. »Das Blut ist Ihnen ins Gesicht gestiegen, Sie sind in Aufregung. – Nein, wahrhaftig, da steckt etwas anderes dahinter …«

»Nun, da haben wir’s! Sagt man einer Frau die Wahrheit auf sein Gewissen – sie wird sich nicht zufrieden geben, bevor sie nicht irgendeinen nichtigen Nebengrund erdichtet, weshalb man gerade so und nicht anders geredet hat.«

Alexandra Pawlowna wurde böse.

»Bravo, Monsieur Leschnew! Sie fangen an, die Frauen nicht besser zu behandeln, als Herr Pigassow es tut; doch, mit Ihrer Erlaubnis, wie scharfsichtig Sie auch sein mögen, wird es mir doch schwer, zu glauben, daß Sie in so kurzer Zeit alle und alles durchdringen konnten. Mir scheint, Sie sind im Irrtum. In Ihren Augen wäre Rudin eine Art Tartüffe.«

»Das ist’s eben, daß er nicht einmal ein Tartüffe ist. Tartüffe, der wußte wenigstens, um was es ihm zu tun war; dieser aber, trotz seines Verstandes …«

Leschnew hielt inne.

»Nun denn, dieser also? Reden Sie aus, Sie ungerechter, garstiger Mensch!«

Leschnew erhob sich.

»Hören Sie, Alexandra Pawlowna,« begann er, »ungerecht sind Sie, nicht ich. Sie zürnen mir wegen meines strengen Urteils über Rudin: ich habe ein Recht, mich über ihn streng zu äußern! Vielleicht habe ich dieses Recht nicht um billigen Preis erkauft. Ich kenne ihn gut: habe lange mit ihm zusammen gelebt. Erinnern Sie sich, ich versprach Ihnen gelegentlich, unser Leben in Moskau zu erzählen. Wie es scheint, muß ich es wohl jetzt tun. Werden Sie aber die Geduld haben, mich bis zu Ende anzuhören?«

»Reden Sie, reden Sie!«

»Wohlan denn!«

Leschnew begann langsamen Schrittes durch das Zimmer zu gehen, von Zeit zu Zeit blieb er stehen und senkte den Kopf nach vorn.

»Vielleicht ist es Ihnen bekannt,« hub er an, »vielleicht auch nicht, daß ich früh als Waise zurückblieb und bereits im siebzehnten Jahre keine andere Autorität über mich kannte als die eigene. Ich lebte im Hause meiner Tante in Moskau und tat, was ich wollte. Ich war ein ziemlich hohler und selbstsüchtiger Bursche und liebte mich zu brüsten und großzutun. Als ich die Universität bezogen hatte, war mein Betragen das eines Schuljungen und verwickelte mich bald in eine höchst fatale Geschichte. Ich will sie Ihnen nicht erzählen: es lohnt nicht. Ich hatte mir eine Lüge zuschulden kommen lassen, eine ziemlich garstige Lüge … Die Sache kam heraus, ich ward überführt, beschämt … ich war verwirrt und weinte wie ein Kind. Das ereignete sich in der Wohnung eines Bekannten, in Gegenwart unserer Gefährten. Alle machten sich lustig über mich, alle, einen Studenten ausgenommen, der, bitte zu beachten, mehr als die übrigen unwillig über mich gewesen war, solange ich verstockt blieb und meine Lüge nicht eingestanden hatte. Tat ich ihm vielleicht leid – genug, er nahm mich unter den Arm und führte mich zu sich.«

»Das war Rudin?« fragte Alexandra Pawlowna.

»Nein, es war nicht Rudin … das war ein Mensch … er ist jetzt schon tot … das war ein ungewöhnlicher Mensch. Er hieß Pokorski. Ihn mit wenigen Worten zu schildern, bin ich nicht imstande, kommt sein Name mir auf die Lippen, dann vergeht mir die Lust, von jedem anderen zu sprechen. Das war eine erhabene reine Seele und ein Geist, wie er mir nachher nicht wieder vorgekommen ist. Pokorski bewohnte ein kleines, niedriges Stübchen im Halbgeschosse eines alten, hölzernen Häuschens. Er war sehr arm und schlug sich, so gut es ging, mit Unterrichtgeben durch. Es kamen Zeiten, wo er nicht einmal mit einer Tasse Tee seinen Gast zu bewirten imstande war, und sein einziger Diwan war dermaßen eingesessen, daß er einem Boote nicht unähnlich sah. Dennoch, trotz des Mangels an Bequemlichkeiten, besuchten ihn viele. Es hatten ihn alle lieb und er zog die Herzen an. Sie können sich nicht vorstellen, wie angenehm und heiter es sich in seinem ärmlichen Stübchen saß! Bei ihm wurde ich mit Rudin bekannt. Er hatte sich damals bereits von seinem Fürstensöhnchen getrennt.«

»Was hatte denn jener Pokorski Besonderes an sich?« fragte Alexandra Pawlowna.