Chapter 9 of 12 · 3999 words · ~20 min read

Part 9

»Was läßt sich dazu sagen!« erwiderte Leschnew. »Alles, was man tun kann, ist, wie die Morgenländer: Allah! Allah! ausrufen und den Finger als Zeichen der Verwunderung in den Mund stecken. – Er reist ab … Nun! Möge der Weg vor ihm eben sein! Interessant ist’s aber, daß er diesen Brief zu schreiben für Pflicht gehalten hat, ebenso wie er auch aus Pflicht getrieben wurde, dir einen Besuch zu machen … Bei diesem Herrn dreht sich’s immer um den Pflicht- und Schuldbegriff,« setzte Leschnew, mit einem Lächeln auf das Postskriptum deutend, hinzu.

»Und was für Phrasen er da macht!« rief Wolinzow. »Hat sich in mir getäuscht: er hätte erwartet, ich werde mich über einen gewissen Kreis erheben … Himmel! Ist das ein Gewäsch! Noch ärger als Gedichte!«

Leschnew erwiderte nichts; nur in den Augen ward ein Lächeln bemerkbar. Wolinzow erhob sich.

»Ich will zu Darja Michailowna fahren,« sagte er, »ich will hören, was dies alles bedeutet …«

»Warte, Bruder: gib ihm Zeit, sich davonzumachen. Warum wolltest du wieder mit ihm zusammentreffen? Er verschwindet ja – was willst du mehr? Besser, du legst dich hin und schläfst aus; du hattest dich ohnehin gewiß die ganze Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt! Jetzt wird es ja besser mit deinen Angelegenheiten …«

»Woraus schließt du das?«

»Nun, mir kommt es so vor. Lege dich aber hin und schlafe ein wenig, ich will unterdessen zu deiner Schwester – und ihr Gesellschaft leisten.«

»Ich will ja nicht schlafen. Weshalb sollte ich schlafen! … Ich will lieber die Felder besichtigen,« sagte Wolinzow, die Schöße seines Mantels zurecht zupfend.

»Auch das! Reite hin, Bruder, reite hin, besichtige die Felder …«

Und Leschnew begab sich in die andere Hälfte des Hauses zu Alexandra Pawlowna. Er traf sie in ihrem Gastzimmer. Sie bewillkommnete ihn freundlich. Sie war wie immer über seinen Besuch erfreut, doch behielt ihr Gesicht einen betrübten Ausdruck. Der gestrige Besuch Rudins beunruhigte sie.

»Sie kommen vom Bruder?« fragte sie Leschnew, »wie ist er heute?«

»Es macht sich, er ist auf die Felder geritten.«

Alexandra Pawlowna schwieg.

»Sagen Sie mir,« begann sie, den Rand ihres Schnupftuches mit Aufmerksamkeit betrachtend, »Sie wissen nicht, warum …«

»Rudin gekommen ist?« setzte Leschnew hinzu. »Ich weiß es: er kam, um Abschied zu nehmen.«

Alexandra Pawlowna erhob den Kopf.

»Wie – um Abschied zu nehmen?«

»Jawohl. Haben Sie denn nicht gehört? Er verläßt Darja Michailowna.«

»Verläßt sie?«

»Für immer; so sagt er wenigstens.«

»Aber wie kann das sein, wie ist das zu verstehen, nach allem, was …«

»Ja, das ist eine andere Sache! Verstehen läßt sich’s nicht, es ist aber so. Es muß dort etwas vorgefallen sein. Er hat wohl die Sehne zu stark gespannt, und sie ist – gerissen.«

»Michael Michailitsch!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich verstehe nichts; Sie wollen, dünkt mich, Spaß mit mir treiben …«

»Nein! Bei Gott nicht … Ich sage Ihnen, er reist fort und teilt dies seinen Bekannten sogar brieflich mit. Von einem gewissen Gesichtspunkte aus betrachtet, ist das, wenn Sie wollen, nicht übel; seine Abreise verhindert indessen die Ausführung eines der merkwürdigsten Unternehmen, welches Ihr Bruder und ich soeben erst zu besprechen begonnen hatten.«

»Was ist das für ein Unternehmen?«

»Sie sollen es hören. Ich machte Ihrem Bruder den Vorschlag, zur Zerstreuung auf Reisen zu gehen und Sie zu entführen. Ich übernahm es, speziell für Sie Sorge zu tragen …«

»Wie ist das schön!« rief Alexandra Pawlowna, »ich kann mir denken, auf welche Weise Sie für mich Sorge tragen würden. Sie ließen mich vermutlich Hungers sterben.«

»Das sagen Sie, Alexandra Pawlowna, weil Sie mich nicht kennen. Sie glauben, ich sei ein Klotz, ein wahrer Klotz, ein Holzblock! Wissen Sie aber, daß ich imstande bin, zu schmelzen wie Zucker und tagelang auf den Knien zu liegen?«

»Das möchte ich wahrhaftig sehen!«

Leschnew erhob sich plötzlich. »Nun, nehmen Sie mich zum Manne, Alexandra Pawlowna, dann werden Sie es erleben.«

Alexandra Pawlowna wurde bis über die Ohren rot.

»Was haben Sie da gesagt, Michael Michailitsch?« brachte sie verwirrt hervor.

»Gesagt habe ich,« erwiderte Leschnew, »was mir schon längst und tausendmal auf der Zunge geschwebt hat. Ich habe es nun ausgesprochen und Sie können nach Gutdünken verfahren. Um Ihnen jedoch nicht störend zu sein, will ich mich jetzt entfernen. Ja, ich entferne mich … Wenn Sie meine Frau werden wollen … Wenn es Ihnen nicht zuwider ist, lassen Sie mich nur rufen; ich werde es schon verstehen …«

Alexandra Pawlowna wollte Leschnew zurückhalten, er ging aber rasch hinaus und begab sich ohne Mütze in den Garten und starrte, auf die Gartentür gestützt, ins Weite hinaus.

»Michael Michailitsch!« ließ sich hinter ihm die Stimme des Kammermädchens hören, »die gnädige Frau läßt Sie zu sich bitten.«

Michael Michailitsch wandte sich um, faßte das Mädchen zu seinem großen Erstaunen beim Kopfe, küßte es auf die Stirn und begab sich zu Alexandra Pawlowna.

XI

Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen mit Leschnew, nach Hause zurückgekehrt war, hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen und zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow, den der Leser bereits kennt, und einen an Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er lange gearbeitet, vieles in demselben gestrichen und umgeändert, und nachdem er ihn säuberlich auf einen Bogen feines Postpapier ins reine geschrieben und ihn dann so klein als möglich zusammengelegt hatte, steckte er ihn in die Tasche. Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige Male im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl ans Fenster und stützte sich auf den Arm; eine Träne zitterte auf seinen Wimpern … Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse zusammen, erhob er sich, knöpfte seinen Rock bis an den Hals zu, rief den Diener und hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen, ob sie für ihn sichtbar sei.

Der Diener kehrte bald zurück und meldete, Darja Michailowna erwarte ihn.

Rudin begab sich zu ihr.

Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das erstemal, zwei Monate vorher. Jetzt aber war sie nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch, sauber und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr.

Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich, und dieser begrüßte sie mit anscheinender Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die lächelnden Gesichter beider wäre jeder einigermaßen weltkundige Mensch jedoch leicht gewahr geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt worden sei. Rudin wußte, daß Darja Michailowna böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er bereits von ihrem Vorhaben unterrichtet sei.

Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt. Der Standeshochmut hatte sich in ihr geregt. Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt noch unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer Tochter – der Tochter Darja Michailowna Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!!

»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!« sagte sie, »was folgt denn daraus? Es könnte demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn zu werden?«

»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,« hatte Pandalewski eingewandt. »Wie es möglich ist, seinen Platz in der Welt nicht zu kennen, das wundert mich!«

Darja Michailowna war sehr aufgebracht und Natalia hatte darunter zu leiden.

Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es, aber nicht mehr wie der Rudin von ehemals, der fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht wie ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast und nicht sehr befreundeter Gast. Alles dies war das Werk eines Augenblicks … So verwandelt sich Wasser plötzlich in festes Eis.

»Ich komme, Darja Michailowna,« begann Rudin, »Ihnen für Ihre Gastfreundschaft Dank zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten von meinem Gütchen bekommen und muß heute noch dahin abreisen.«

Darja Michailowna blickte Rudin scharf an.

Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht, dachte sie. Er überhebt mich der lästigen Erklärungen, um so besser. Es leben die klugen Köpfe!

»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm ist! Was ist da zu machen! Ich hoffe, Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir reisen auch bald von hier fort.«

»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es mir möglich sein wird, nach Moskau zu kommen; sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden haben, werde ich es für meine Pflicht erachten, Ihnen meine Aufwartung zu machen.«

Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt bei sich: vor kurzem noch hast du hier als Sultan geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt in diesem Tone aus?

»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten von Ihrem Gute erhalten?« fragte er mit gewohnter Ziererei.

»Ja,« erwiderte Rudin trocken.

»Mißernte vielleicht?«

»Nein … etwas anderes … Glauben Sie mir, Darja Michailowna,« fuhr Rudin fort, »ich werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem Hause verbracht habe.«

»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde mich immer mit Vergnügen unserer Bekanntschaft erinnern … Wann reisen Sie?«

»Heute nach Tische.«

»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise! Übrigens, wenn Ihre Geschäfte Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie uns vielleicht hier noch treffen.«

»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte Rudin, sich erhebend. »Entschuldigen Sie mich,« setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich meine Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem Gute …«

»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Darja Michailowna, »wie können Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an der Zeit?« fragte sie.

Pandalewski langte aus seiner Westentasche eine kleine, goldene, emaillierte Uhr hervor und die rosige Wange bedachtsam an den weißen, steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das Zifferblatt.

»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er.

»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf Darja Michailowna hin. »Auf Wiedersehen, Dmitri Nikolaitsch!«

Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit Darja Michailowna trug ein eigenes Gepräge. So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen miteinander auf Konferenzen Diplomaten ihre zum voraus verabredeten Phrasen …

Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die Erfahrung gemacht, wie Leute von Welt einen Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz einfach fallen lassen: wie einen Handschuh nach dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett der Tombola, das nichts gewonnen hat.

Rasch packte er seine Sachen ein und wartete mit Ungeduld auf die Stunde der Abreise. Alle im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal blickte ihn befremdet an. Bassistow verhehlte nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar, seinen Blicken nicht zu begegnen; es gelang ihm aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals, sie hoffe, Rudin noch vor ihrer Abreise nach Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf. Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski an ihn das Wort, und mehr als einmal spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen und sein blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen. Mit eigentümlich verschmitztem Ausdruck in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige Blicke auf Rudin: solch einen Ausdruck kann man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen, so also behandelt man dich jetzt!

Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß fuhr vor. Er nahm eilig von allen Abschied. Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er hatte nicht erwartet, daß er so aus diesem Hause scheiden werde: es hatte den Anschein, als triebe man ihn davon … Wie ist das alles gekommen? und warum brauchte ich so zu eilen? Doch das Ende bleibt dasselbe, – das war es, was ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem Lächeln nach allen Seiten hin grüßte. Zum letzten Male warf er einen Blick auf Natalia, und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen waren auf ihn gerichtet und gaben ihm ein trauriges, vorwurfsvolles Geleit.

Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang in den Tarantaß. Bassistow hatte sich erboten, ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte sich zu ihm.

»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem der Wagen aus dem Hofe auf die breite, mit Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern Sie sich, was Don Quijote zu seinem Knappen sagt, als sie das Schloß der Herzogin verließen? ›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist, wem der Himmel sein tägliches Brot beschert hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet zu sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand, empfinde ich jetzt … Gebe Gott, mein guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage kommen, dies zu empfinden!«

Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und das Herz des ehrlichen Jünglings klopfte heftig in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station sprach Rudin von der Würde des Menschen, von der Bedeutung der wahren Freiheit – seine Worte waren warm, edel und aufrichtig – und als es zum Scheiden gekommen war, hielt es Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm um den Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin ließ einige Tränen fallen; doch weinte er nicht darüber, daß er von Bassistow schied, es waren Tränen der Eigenliebe, die er vergoß.

* * * * *

Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las Rudins Brief.

»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er – »ich habe mich entschlossen, abzureisen. Ein anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe mich entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden sagt, daß ich mich entfernen möge. Mit meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu also noch zögern? … Dies alles ist richtig, werden Sie denken, warum aber schreibe ich an Sie?

»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer, und es wäre gar zu hart, müßte ich annehmen, daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene, hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt. Ich will weder mich rechtfertigen, noch irgend jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich will, so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse der letzten Tage sind so unerwartet, so plötzlich hereingebrochen …

»Die heutige Zusammenkunft wird mir als Lehre dienen. Ja, Sie haben recht: ich kannte Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder Gattung zu schaffen gehabt, bin mit vielen Frauen und Mädchen in Berührung gekommen; doch als Sie mir begegneten, fand ich zum ersten Male eine vollkommen reine und gerade Seele. Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie zu würdigen. Ich fühlte mich gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen hingezogen – Sie müssen es bemerkt haben. – Viele Stunden verbrachte ich mit Ihnen und habe Sie nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich habe mir einbilden können, ich empfinde Liebe zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt die Strafe.

»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt … Das Gefühl, das ich für sie empfand, war ein gemischtes, und so war auch das ihrige; sie war aber kein Naturkind und so paßte denn eines zum anderen. Die Wahrhaftigkeit zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie auch jetzt nicht erkannt, als sie vor mir stand … Zuletzt erst erkannte ich sie, doch zu spät … Was vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben hätte sich in eins verschmelzen können – und wird es nun nimmer. Wie beweise ich Ihnen, daß ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des Herzens und nicht der Einbildung hätte lieben können, wenn ich selbst nicht weiß, ob ich einer solchen Liebe fähig bin!

»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß es und will nicht aus falsch verstandener Scham bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in dieser für mich so bitteren, so schmachvollen Stunde … Ja, viel gab mir die Natur; und ich werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was meiner Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne von mir die geringste heilsame Spur zu hinterlassen. Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden: ich werde die Frucht meiner Aussaat nicht ernten. Es gebricht mir … ich selbst weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich gebricht … Es gebricht mir vermutlich an dem, ohne welches weder die Herzen der Menschen sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern läßt; die Herrschaft aber über die Geister allein ist eben so unsicher als nutzlos. Sonderbar, fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich ganz, mit wahrer Gier, vollständig hin – und kann mich doch nicht hingeben. Das Ende wird sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich nicht einmal glaube, opfern werde … Mein Gott! fünfunddreißig Jahre alt und immer noch sich zur Tat zu rüsten!

»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen, wie jetzt – dies ist meine Beichte.

»Doch genug von mir. Mich verlangt, von Ihnen zu sprechen, Ihnen einige Ratschläge zu erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie sind noch jung; doch wie lange Sie auch leben mögen, folgen Sie stets den Eingebungen ihres Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen, noch von fremdem Verstande beherrschen. Glauben Sie mir, je einfacher, beschränkter der Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt, desto besser ist es; es kommt nicht darauf an, neue Seiten in demselben zu entdecken, wohl aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung gewesen‹[5] … Ich bemerke jedoch, daß diese Ratschläge weit mehr mich als Sie betreffen.

»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir ist sehr schwer ums Herz. Ich habe mich niemals in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können; ich lebe jedoch der Hoffnung, einen, wenn auch nur temporären Hafen gefunden zu haben … Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren. Was ersetzt mir Ihre Unterhaltung, Ihre Gegenwart, Ihren aufmerkenden und klugen Blick? … Ich bin selbst daran schuld; Sie werden aber zugeben, daß uns das Schicksal wie vorsätzlich hart mitgespielt hat. Vor einer Woche ahnte mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern abend im Garten vernahm ich zum ersten Male aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich Ihnen ins Gedächtnis rufen, was Sie an dem Abend sagten – und schon heute reise ich ab, reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung mit Ihnen und trage keine Hoffnung mit mir davon … Und noch wissen Sie nicht, in welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen bin … Ich bin nun einmal so tölpelhaft offenherzig und geschwätzig … Doch wozu davon reden! Ich reise ab für immer.« (Hier hatte Rudin Natalia von seinem Besuche bei Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze Stelle jedoch nach einigem Überlegen gestrichen und sodann in dem Briefe von Wolinzow das zweite Postskriptum hinzugefügt.)

»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie Sie heute früh mit grausamem Lächeln zu mir sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich doch imstande, mich in der Tat diesen Beschäftigungen zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit zu überwinden … Doch nein! Ich werde dasselbe unvollendete Wesen, das ich bisher gewesen bin, bleiben … Beim ersten Hindernis – falle ich auseinander; der Vorfall mit Ihnen hat es mir bewiesen. Hätte ich mindestens doch meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach eigenem Berufe zum Opfer gebracht; es war aber nur die Verantwortlichkeit, die ich auf mich nehmen sollte, über die ich erschrak, und darum bin ich wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht wert, daß Sie sich für mich aus Ihrer Sphäre losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles gut gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich vielleicht reiner und kräftiger hervorgehen.

»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie wohl! Erinnern Sie sich zuweilen meiner. Ich hoffe, Sie sollen noch von mir hören.

Rudin.«

Natalia ließ den Brief Rudins auf ihre Knie fallen und blieb lange unbeweglich mit auf den Boden gesenktem Blicke sitzen. Dieser Brief bewies ihr klarer als irgendwelche Gründe es vermocht hätten, wie recht sie gehabt hatte, als sie an diesem Morgen beim Abschiede von Rudin unwillkürlich ausgerufen hatte, daß er sie nicht liebe! Doch fühlte sie sich dadurch nicht erleichtert. Regungslos saß sie da; es däuchte ihr, dunkle Wogen wären geräuschlos über ihr zusammengeschlagen und sie versänke in den Abgrund, stumm und erstarrt. Eine erste Enttäuschung preßt jedem das Herz ab; fast unerträglich aber ist dieselbe für eine offene Seele, die keine Selbsttäuschung sucht, und welcher Leichtfertigkeit und Übertreibung fremd sind. Natalia gedachte ihrer Kinderzeit, wie sie abends, wenn sie spazierenging, jedesmal bemüht gewesen war, dem erleuchteten Rande des Himmels, dorthin, wo das Abendrot glühte, und nicht der dunklen Seite desselben entgegenzuwandeln. Dunkel stand jetzt das Leben vor ihr, und sie hatte dem Lichte den Rücken gekehrt …

Tränen traten ins Natalias Augen. Tränen sind nicht jedesmal wohltuend. Erquickend und heilbringend sind sie, wenn sie, lange in der Brust verhalten, endlich hervorbrechen – anfangs mit Anstrengung, dann immer leichter, immer ruhiger; die stumme Angst des Grames löst sich in ihnen auf … Es gibt jedoch kalte, spärlich rinnende Tränen: tropfenweise entpreßt sie dem Herzen mit seinem schweren und steten Druck das auf demselben lastende Leid; erquickungslos sind sie und bringen keine Erleichterung. Solche Tränen weint die Not, und wer sie nicht vergoß, war noch nicht unglücklich. Natalia lernte sie heute kennen.

Zwei Stunden vergingen. Natalia faßte ein Herz, stand auf, trocknete die Augen, zündete ein Licht an, verbrannte an der Flamme desselben Rudins Brief bis auf das letzte Stück und warf die Asche zum Fenster hinaus. Dann schlug sie aufs Geratewohl Puschkin auf und las die ersten Zeilen, die ihr in die Augen fielen (sie pflegte sich häufig auf diese Weise aus ihm wahrsagen zu lassen). Auf folgende Stelle fiel ihr Blick:

Wer tief gefühlt, dem gönnt nicht Ruhe Das Schattenbild entschwundnen Glücks … Für ihn hat alles Reiz verloren, Erinnerung nur und Reue bohren Gleich Nattern sich ins Herz ihm ein …

Sie blieb eine Zeitlang stehen, warf mit kaltem Lächeln einen Blick auf ihre Gestalt im Spiegel, machte mit dem Kopfe eine leichte Bewegung von oben nach unten und begab sich ins Gastzimmer hinab.

Kaum hatte Darja Michailowna Natalia erblickt, so führte sie dieselbe in ihr Kabinett, hieß sie neben sich Platz nehmen, streichelte ihr freundlich die Wange und blickte ihr dabei aufmerksam, fast neugierig in die Augen. In Darja Michailowna waren geheime Mutmaßungen aufgestiegen: es kam ihr zum ersten Male der Gedanke – daß sie in der Tat ihre Tochter nicht kenne. Als sie durch Pandalewski von der Zusammenkunft mit Rudin hörte, war sie weniger entrüstet als erstaunt gewesen, daß ihre verständige Natalia sich zu einem solchen Schritte hatte entschließen können. Als sie sie aber zu sich rief und sie zu schelten begann, nicht etwa im Tone einer feinen Weltdame, sondern ziemlich schreiend und unmanierlich, da machten die festen Antworten Natalias, ihre Entschlossenheit in Blick und Haltung Darja Michailowna verwirrt, ja erschreckten sie sogar.

Die unerwartete, gleichfalls nicht ganz erklärliche Abreise Rudins nahm eine Zentnerlast von ihrem Herzen; doch war sie auf Tränen, hysterische Anfälle gefaßt … Und abermals machte Natalias äußerliche Ruhe sie irre.

»Nun, mein Kind,« nahm Darja Michailowna das Wort, »wie geht es heute?«

Natalia blickte ihre Mutter an.

»Er ist ja fort … jener Herr. Weißt du nicht, weshalb er sich so schnell davongemacht hat?«

»Mama!« sagte Natalia mit leiser Stimme, »ich gebe Ihnen mein Wort, wenn Sie nicht selbst seiner Erwähnung tun, sollen Sie von mir nie etwas über ihn hören.«

»Du siehst also dein Unrecht gegen mich ein?«

Natalia senkte den Kopf und wiederholte:

»Sie werden von mir nie etwas über ihn hören …«

»Nun nimm dich in acht!« erwiderte Darja Michailowna lächelnd. »Ich glaube dir. Vorgestern aber, erinnerst du dich, wie … Nun, nichts mehr davon. Er sei beendigt, abgetan und vergessen. Nicht wahr? Jetzt erkenne ich dich wieder; ich war aber wirklich ganz irre geworden. Nun, gib mir doch einen Kuß, mein liebes, kluges Kind …«

Natalia führte Darja Michailownas Hand an ihre Lippen und diese drückte einen Kuß auf den niedergebeugten Kopf ihrer Tochter.

»Beachte immer meine Ratschläge, vergiß nicht, daß du eine Laßunski und meine Tochter bist,« setzte sie hinzu, »und du wirst glücklich sein. Jetzt aber geh.«

Natalia ging schweigend hinaus. Darja Michailowna sah ihr nach und dachte: so war ich – die wird sich auch fortreißen lassen: ~mais elle aura moins d’abandon~. Und Darja Michailowna versank in Erinnerungen an Vergangenes … längst Vergangenes …

Dann ließ sie Mlle. Boncourt rufen und blieb lange unter vier Augen mit ihr eingeschlossen. Nachdem diese entlassen worden war, rief sie Pandalewski zu sich. Sie wollte durchaus den wirklichen Grund der Abreise Rudins erfahren … Pandalewski beruhigte sie indessen vollkommen. So etwas schlug in sein Fach.