Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
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[Illustration: Cover]
Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen Heft 7 bis 8
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Band XIV
_Inhalt_: Zum Geleite – Das alte Leipziger Rathaus – Leipziger Barockhäuser – Die Götterfiguren von Permoser – Die Frauenberufsschule in Leipzig, ein klassizistischer Bau – Leipziger Bauten aus der Schinkelzeit – Vom alten Johannisfriedhof in Leipzig – Leipziger Kirchen
Einzelpreis dieses Heftes 3 Reichsmark
Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 Stadtbank Dresden 610
Bankkonto: Commerz- und Privatbank, Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden Bassenge & Fritzsche, Dresden
Dresden 1925
An unsere Leipziger Mitglieder!
Wir nehmen Bezug auf unser Rundschreiben vom 9. September 1925 und teilen ergebenst mit, daß sich, abgeschlossen am 17. September 1925, bisher für die Vortragsreihe mit den von Herrn Regierungsrat Dr. Berger empfohlenen Themen 20 Besucher gemeldet haben und 670 Besucher für die von Herrn Hofrat Professor Seyffert ausgewählten Vorträge.
Drei Mitglieder machten nicht mit Unrecht geltend, daß Herr Regierungsrat Dr. Berger wohl die Themen vorgeschlagen, aber sicherlich nicht eine _einzige_ Vortragsreihe mit allen seinen Vorschlägen besetzt hätte. Herr Dr. Berger hat dies in einer Karte noch besonders ausgedrückt.
Da wir _handeln_ mußten, weil der Beginn unserer Herbstvorträge vor der Tür stand, wollten wir durch unser obiges Rundschreiben nur einmal ein Gesamtbild der Stimmung erhalten, etwas anderes war nicht beabsichtigt.
Wir werden, wenn es möglich ist, mehr wie bisher in Leipzig örtliche Themen in unsere Vortragsreihen aufnehmen und damit berechtigten Wünschen in jeder Weise entgegenkommen. Wir glauben somit im Sinne von Herrn Regierungsrat Dr. Berger und seiner Freunde zu handeln. Wenn es manchmal aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich war, örtliche Themen aufzunehmen, wie dies die Kriegs- und nachfolgende Inflationszeit leider zur Bedingung machten, so bitten wir, die damaligen Verhältnisse freundlichst in Betracht zu ziehen und zu würdigen, da unsere Themen nicht nur für eine Stadt, sondern für ungefähr 60 Orte bestimmt sind.
Die jetzt beginnende Vortragsreihe, die – genau wie dieses Heft – monatelang vor der Bergerschen Anregung zusammengestellt war, zeigt, daß wir durch das zeitgemäße Harth-Thema auf bedeutungsvolle Leipziger Fragen die gebührende Rücksicht nehmen und auch in Zukunft nehmen werden.
Mit deutschem Gruß
=Landesverein Sächsischer Heimatschutz=
i. V. Dr. =Adolph=, Ministerialrat.
=Werner Schmidt=, geschf. Direktor.
Vortrags-Folge:
Die Vorträge beginnen Punkt ½8 Uhr im _Centraltheater_, Eingang Gottschedstraße, und dauern in der Regel 1 Stunde.
Freitag, den 25. September: Lichtbildervortrag: »Aus Sachsens Vorzeit«. Dr. Bierbaum, Dresden.
Freitag, den 2. Oktober: Lichtbildervortrag (bunte Bilder): »Die Schlösser Potsdams«. Professor Franz Goerke, Direktor der Urania, Berlin.
Freitag, den 9. Oktober: Lautenabend Sepp Summer.
Freitag, den 16. Oktober: Filmvortrag: »Vom Vogelparadies der Dobrudscha zu den Siebenbürgener Sachsen«. Oberlehrer Paul Bernhardt, Dresden.
Freitag, den 23. Oktober: Lichtbildervortrag: »Das Deutsche Museum in München«. Dr. Ernst Heinz Büttner, Leipzig.
Freitag, den 30. Oktober: Liederabend: Max Hirzel, Heldentenor der Sächsischen Staatsoper, Dresden.
Freitag, den 6. November: Lichtbildervortrag: »Die Harth und ihr Wert für die Großstadt Leipzig«. Bürgermeister Dr. Köhler, Zwenkau.
Eintrittskarten zu 5 Mark – gültig für alle sieben Vorträge – im Meßamt, bei _Ad. Müller & Co._, Brühl 10/12, und bei Bauunternehmung _Rudolf Wolle_, Gottschedstraße 17.
Band XIV Heft 7/8 1925
[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben
Abgeschlossen am 31. Juli 1925
Zum Geleite
Von Dr. _Friedrich Schulze_
Über einer frühen Ansicht der Stadt Leipzig in Braun und Hogenbergs Städtebuch steht 1572 die kurze schlagwortartige Charakteristik: »Leipzig, eine durch Pflege der Wissenschaft und durch Handel berühmte meißnische Stadt«; in der Universitätsgründungsurkunde Papst Alexanders V. empfing, fast zwei Jahrhunderte früher, nicht nur die Höflichkeit der Einwohner, sondern sogar die liebliche Umgebung des Ortes, mit allerdings gewohnter diplomatischer Schmeichelei, ihren Lobspruch. Der Heimatfreund von heute, der auch die Sachlichkeit liebt, tritt mit bescheidenerem Anspruch auf. Er erkennt, daß zwar die geistig-merkantile Regsamkeit der Leipziger durch die Jahrhunderte geblieben ist; aber er weiß auch, daß der Natur wie den Menschen die lässige Grazie des deutschen Südens fehlt, – den Menschen insbesondere deshalb, weil sie zu sehr vom Arbeitstempo erfaßt werden. Doch wie wir diesen Eigencharakter der Bewohner nicht ändern können, vielleicht nicht einmal missen wollen, so sollte von uns meer- und gebirgshungrigen Großstädtern auch der Reiz unserer Auenlandschaft nicht übersehen werden. Und schließlich: schön oder nicht schön, es ist für uns die Heimat.
Das alte Leipziger Rathaus
Von Dr.-Ing. _Hubert Ermisch_, Dresden
Aufnahmen des Städtischen Hochbauamtes Leipzig, sowie Eigenaufnahmen des Heimatschutzes
Unter den alten Rathäusern Sachsens ist, wenn man die heutige Grenze als maßgebend ansieht, zweifellos das alte Leipziger Rathaus der bedeutendste und schönste Bau. Bedeutsam, weil er der rechte Vertreter der sächsischen Rathäuser seiner Zeit ist. Typisch die Folge der aufgereihten hohen Dachaufbauten und der mittlere vorgestellte Treppenturm. Und schön muß der Bau genannt werden, weil er bei aller malerischen Freiheit dennoch das schöne Gleichmaß zeigt, weil er, ohne seine Umgebung zu ertöten, dennoch kaum schöner an seinen Platz am Markt hätte gestellt werden können. Das alte Rathaus wurde 1556 von Hieronymus Lotter gebaut. Es entstand in einer Epoche, die in Obersachsen eine Blütezeit für alle Künste und nicht zum wenigsten für die Baukunst war. Hier, wo die Wiege der Reformation stand, war fruchtbarer Boden für die Kunstpflege. Die Reformation gab dem künstlerischen Schaffen, besonders im Kirchenbau, Freiheit und der »~nervus rerum~« floß reichlich aus dem Bergsegen des Landes, an dem nicht nur der Fürst, sondern in hohem Maße auch alle Städte beteiligt waren. So war für das städtische Bauwesen gute Zeit.
[Illustration: Abb. 1. =Gesamtansicht, jetziger Zustand=]
Es ist bezeichnend für die Epoche der Renaissance, in der alle Welt von künstlerischen Ideen erfüllt war, daß der Architekt des Baues kein zünftiger Maurermeister oder Steinmetz – letztere wurden ja damals im allgemeinen als Architekten genannt – sondern ein kunstliebender und kunstgeübter Kaufherr, der damalige Bürgermeister Hieronymus Lotter war. Ihm zur Seite stand allerdings ein künstlerisch hochbefähigter Steinmetz: Paul Wiedemann. Daß sich in dieser Zeit höchster Bautätigkeit zwei künstlerisch so hochbefähigte Männer zusammenfanden, muß als besonders glücklicher Zufall bezeichnet werden. (Abb. 1.)
[Illustration: Abb. 2. =Rathausturm, durch die Katharinenstraße gesehen=]
Ich möchte behaupten, daß die wenigsten Leipziger wissen, daß die Front des alten Rathauses einen Knick macht und daß der Turm gar nicht in der Mitte des Baues steht. Ein Beweis, daß der Erbauer das richtige Gefühl gehabt hat, daß diese künstlerische Freiheit erlaubt sei und nicht stören würde. Der Grund ist hinsichtlich des Knickes natürlich kein rein künstlerischer, sondern ein sehr praktischer. Der neue Bau wurde auf vorhandenen Grundmauern errichtet, und zwar stand an der Ecke nach der Grimmaischen Straße zu das kleine alte Rathaus, das uns im Stadtbild von 1547 sehr anschaulich dargestellt wird. Aber auch dies ist schon aus zwei Gebäuden zusammengesetzt gewesen, dem eigentlichen Rathaus und dem Kaufhaus. Zwischen beiden lag eine enge Gasse, das Loch, eine Örtlichkeit, die in alten Urkunden oft vorkommt. Rathaus und Kaufhaus standen nicht genau in einer Front, und als man Ende des 15. Jahrhunderts beide Gebäude zusammenzog und »das Loch« überbaute, blieb der heute noch sichtbare Knick bestehen. Die andere Unregelmäßigkeit des Baues, der seitlich stehende Turm, mag wohl im wesentlichen künstlerische Gründe gehabt haben. Das ganze Marktbild sollte vom Turm aus beherrscht werden, den der Architekt deshalb näher der Mitte der gesamten Marktseite stellte. (Abb. 2.)
[Illustration: Abb. 3. =Rathausturm mit Mittelteil des Rathauses=]
In einem erhaltenen Schriftstück Lotters, das bei einer Erneuerung des Turmknopfes 1573 von ihm verfaßt und in diesen gelegt wurde, sagt er, er habe 1556 das alte Rathaus lassen einreißen und habe zum Teil die alten Grundmauern und »einiges Mauerwerk zu Hilfe genommen und wie es jetzt steht in neun Monaten« erbaut. Der Bau scheint allerdings riesig rasch vonstatten gegangen zu sein. In einem alten Tagebuch steht, daß die Kaufleute, die zur Ostermesse den Beginn des Neubaues mit angesehen hatten, »über so unverhofften Fortgang fast erstarrt waren«, als sie zur Herbstmesse wieder nach Leipzig kamen.
[Illustration: Abb. 4. =Großer Bürgersaal, jetziger Zustand als Museumsraum. An der Abschlußwand der Pfeiferstuhl=]
Wenn man die alten Abbildungen des Leipziger Rathauses in zeitlicher Folge betrachtet, wird man mit Verwunderung sehen, daß ursprünglich die Erdgeschoßfenster über den Lauben heraussahen, daß zum Haupteingang eine Treppe hinaufführte, kurz, das Gebäude eine größere Höhenentwicklung hatte, wie es heute sich uns zeigt. Das hat auch bestätigt gefunden, wer sich den Oberflächendurchschnitt durch den Markt gelegentlich der Ausgrabung für das unterirdische Marktmeßhaus angesehen hat. Der Markt hat sich allmählich gehoben und das Rathaus versank entsprechend. Hierzu kommt allerdings, daß man die heutigen Lauben wesentlich höher baute, als die ursprünglichen waren.
[Illustration: Abb. 5. =Kamin im großen Bürgersaal=]
Der obere Abschluß des Rathausturmes stammt vom Jahre 1744. Die alte Uhr ist noch erhalten. Der überdeckte Austritt über dem Haupteingang wurde im Jahre 1599 angefügt. Es ist der Platz, von dem aus die Stadtmusikanten ihre Ständchen brachten. (Abb. 3.)
[Illustration: Abb. 6. =Große Ratsstube, jetziger Zustand=]
Das Äußere des Baues war uns gottlob noch ziemlich unberührt bis in unser Jahrhundert erhalten und wurde 1906/09 unter Scharenberg in vorbildlicher Weise wieder hergestellt, wobei der ganze Bau zu einem stadtgeschichtlichen Museum umgestaltet wurde. Wenn man die alten Zeichnungen zu den vielfachen Umbauplanungen ansieht, muß man dankbar sein, daß sie nicht ausgeführt wurden. Meist war es allerdings lediglich Geldmangel, der davon abhielt. So hat auch die Not der Zeiten für die Stadt ihr Gutes gehabt. (Abb. 4.)
[Illustration: Abb. 7. =Museumsraum für kirchliche Kunst= (ursprünglich Schöffenstube)
Das Kreuzgewölbe ist unter Benutzung von Gewölbemalereien des Paulinerkreuzgangs ausgemalt]
Es war ein überaus glücklicher Gedanke, das alte Rathaus als stadtgeschichtliches Museum umzubauen. Der größte Teil des Gebäudeinnern war zu Verwaltungsräumen ausgebaut. Trotzdem haben sich eine Anzahl schöner Architekturstücke erhalten, so vor allem der vortreffliche Renaissance-Kamin von 1610 (Abb. 5) und der Pfeiferstuhl, der wohl noch von 1556 stammt und die Handschrift Wiedemanns zeigt. Diese Musikempore erinnert daran, daß der Rathaussaal _der_ Saal der Stadt war. Hier fanden die Bürgerversammlungen statt, hier wurden die Ratsschmäuse abgehalten, hier feierten die angesehenen Bürger ihre Hochzeitsfeste und hier war auch der öffentliche Tanzboden. Der Umbau von 1906/09 hat mit großem Verständnis die Räume wieder in ihren ursprünglichen Zustand gebracht. Man bekommt so recht ein anschauliches Bild, wie weiträumig und großzügig unsere Altvordern bauten. Wie schön der große Bürgersaal sich als repräsentative Diele des Rathauses zeigt, kann das beigefügte Bild am besten zeigen. (Abb. 6.)
[Illustration: Abb. 8. =Museumsräume für kirchliche Kunst, anschließend an den großen Saal im Hauptgeschosse=]
Leipziger Barockhäuser
Von _Nikolaus Pevsner_, Dresden
Mit Eigenaufnahmen des Heimatschutzes
Wenn Leipzig unter den deutschen Großstädten nicht im Rufe einer Kunststadt steht, soweit es die bildenden Künste angeht, so hat das seinen Grund im wesentlichen darin, daß es hier in der Tat niemals eine eigentliche Maler- oder Bildhauerschule von Bedeutung gegeben hat. Und auch für die Baukunst mußten die Dinge, sollte man meinen, ungünstig liegen. Für die Errichtung großer Bauten weltlicher Natur etwa, wie Schlösser oder Paläste, kam Leipzig, das nie der ständige Wohnsitz eines Herrschers gewesen ist, nicht in Frage. Um so mehr muß es Bewunderung erregen, daß die bürgerliche Architektur der Stadt es vermocht hat, sie überall mit Gebäuden von viel höherem Werte zu schmücken, als gemeinhin bekannt ist. Denn wenn der Leipziger wie der Reisende auch die Denkmäler der deutschen Renaissance des sechzehnten Jahrhunderts, wie das Alte Rathaus und das Fürstenhaus, kennt und schätzt, so gehen beide doch fast stets achtlos an all den Bauten vorbei, die den alten Straßen Leipzigs eigentlich ihr Gepräge und ihren nur ihnen eigentümlichen Wert verleihen. Ich meine die Wohn- und Handelshäuser der Barockzeit, also des Jahrhunderts zwischen dem Dreißigjährigen Kriege und dem Beginn der Aufklärungsperiode, der Zeit unserer Klassiker. Nur den wenigsten dürfte bekannt sein, daß keine deutsche Stadt eine solche Fülle größter Bürgerbauten von guter künstlerischer Qualität aus dieser Zeit besitzt, wie es in Leipzig noch vor dreißig Jahren der Fall war. Es wäre sonst nicht möglich gewesen, daß so wenig für die Pflege dieser Kunstdenkmäler geschah, daß wieder und wieder wichtige Häuser in der inneren Stadt abgerissen wurden, um Meßpalästen oder Banken Platz zu machen[1], und daß manche der bedeutendsten in ernstlichen baulichen Verfall gerieten. Noch bis vor kurzem ließ man ruhig die Fassaden abbröckeln, entfernte man große Teile ihrer Stuckverzierungen, ließ im Inneren, um die Zimmereinteilung zu ändern, Stuckdecken zerstören und verunzierte vor allem Portale und Torwege durch Schaukästen, ganze Fassaden durch Reklameschilder.
So hat es eine besondere Begründung, gerade an dieser Stelle auf die geschichtliche und ästhetische Bedeutung der Leipziger Häuser hinzuweisen, die zu allem übrigen bisher auch kunsthistorisch weit weniger bekannt waren, als es ihr Wert verdiente[2].
Je mehr man es sich überlegt, um so stärker muß es Wunder nehmen, daß Leipzig nicht schon deshalb diesen Baudenkmälern mehr Beachtung geschenkt hat, weil es in ihnen die aufrechten Zeugen seiner größten Zeit verehren muß. Denn das war ohne Frage jenes Jahrhundert nach dem großen Kriege, als hier an der Universität längere oder kürzere Zeit ein Leibniz, Thomasius, Christian Wolff, Carpzov, Gottsched, Gellert oder Christ tätig waren, oder als hier entscheidende Jugendeindrücke an die Großen der Dichtung, an Goethe und Lessing, an Günther und Klopstock vermittelt wurden. Und es war das nämliche Jahrhundert, da in den Kirchen als Kantoren oder Organisten Joh. Seb. Bach, Kuhnau, Schein und Telemann wirkten. Und wie sehr nahmen damals die führenden Kreise der Stadt an diesem Kunstleben teil, indem sie ihre Söhne selbst zu Gelehrten erzogen oder indem sie als Handelsherren ein offenes Auge und eine natürliche Vorliebe für die Künste hatten, sich Sammlungen anlegten und – vor allem – sich Villen, Parks und Stadthäuser bauten. Denn gerade die Baukunst war im achtzehnten Jahrhundert nicht nur eine Vorliebe der Gebildeten, sondern eine Leidenschaft, die Unsummen verschlang und der sich jeder widmete, der nur irgendwie die Mittel aufbringen konnte, ihr zu dienen. Die Überfülle herrlichster Bauten des Barock und Rokoko in Deutschland ist der schönste Zeuge dieser Passion. Wie ernstlich die Bauherren es damit meinten, beweist am besten, daß gründlicher Unterricht in der Architektur in Fürsten-, Adels- oder Patrizierfamilien zur notwendigsten Erziehung der Jugend gehörte, so daß die Bauherren fast stets imstande waren, selbst bei den Planungen mitzureden, selbst zu messen, zu zeichnen, ja zu entwerfen[3].
So fehlte es damals in Leipzig weder an vielseitiger Anregung, noch an Verständnis gerade für die Baukunst, noch gar an Mitteln. Alle Voraussetzungen waren gegeben, und ziemlich genau mit dem Jahre 1700 setzt nach etwa zwei vorbereitenden Jahrzehnten die eigentliche Blütezeit ein. Denn unmittelbar nach dem großen Kriege war die Stadt, die allein zwischen 1631 und 1642 fünf Belagerungen erlitten hatte, noch zu sehr geschwächt, um an monumentale Gebäude denken zu können. Immerhin entstand schon damals, in den fünfziger Jahren, das erste große und wertvolle Bürgerhaus der Barockperiode, _Deutrichs Hof_, dessen Hauptschauseite am Nikolaikirchhof, – ein erstes Opfer der Leipziger Achtlosigkeit – abgerissen wurde. Wie hoch aber auch in diesen Anfangsjahren schon die Qualität der Architektur war, lehrt neben den zahlreichen schönen, mit üppigem Pflanzenornament bedeckten Erkern, von denen auch viel zu viele Neubauten zum Opfer fielen, besonders das Kleinod der _Alten Börse_ am Naschmarkte (Abb. 1), die 1678/87 von _Christian Richter_ erbaut wurde und deren von _Simonetti_ geschaffene schwungvolle Stuckdecke im Inneren dem reich und lebhaft geschmückten Äußeren mit seinen girlandenbehängten Pilastern, dem hohen Portal und der ausladenden Freitreppe ebenbürtig ist.
[Illustration: Abb. 1. Christ. Richter: =Alte Börse am Naschmarkt= (1678–1687)]
Der Anstoß aber zum höchsten Aufschwung wurde erst 1701 gegeben, mit dem Amtsantritt des Bürgermeisters Franz Conrad _Romanus_, eines erst sechsunddreißigjährigen Schützlings August des Starken, der dem protestierenden Rate aufgezwungen wurde und die ganze lebenserfüllte Beweglichkeit seines Kurfürsten nach Leipzig einführte. Sofort begann er mit dem Bau eines Stadthauses, eines Palastes kann man wohl sagen, wie Leipzig ähnliches bisher noch nicht gekannt hatte, und verschaffte sich als Bauleiter einen Dresdner Meister, der eben damals, auch gegen den Wunsch der Zunft und der leitenden Stellen, zum Leipziger Ratsmauermeister ernannt worden war: _Johann Gregor Fuchs_, der nun bis zu seinem Tode, 1715, der tonangebende Künstler Leipzigs bleibt.
[Illustration: Abb. 2. Joh. Gregor Fuchs: =Romanushaus, Katharinenstraße Ecke Brühl= (1701–1704)]
Das 1701 bis 1704 gebaute _Romanushaus_ am Brühl (Abb. 2) mußte damals einen sehr starken Eindruck auf die Leipziger machen. Eine solche Größe, eine solche Pracht, die Monumentalität dieser hohen Pilaster der Mittelvorlage, der Schwung dieser Giebel, die saftige Schwere dieser Dekoration waren unerhört und regten die reichen Handelsherren der Stadt an, es dem neuen Bürgermeister gleich zu tun. Ein wahres Baufieber ergreift die Stadt und hält nun ununterbrochen Jahrzehnte hindurch an. Der beste Beweis für die Stärke dieser Leidenschaft ist ja das Schicksal des Romanus selbst, der, um sein Haus bauen zu können, städtische Gelder veruntreute und nach kaum vier Jahren der fürstlichen Herrlichkeit für immer in der Festung Königstein verschwand.
[Illustration: Abb. 3. Joh. Gregor Fuchs: =Äckerleins Hof, am Markt= (1708–1714)]
Allein das schreckte niemand ab. 1705 ließ _Dietrich Apel_, derselbe, der später den schönsten Leipziger Park – Apels Garten – sein eigen nannte, das große »_Königshaus_« am Markt durch Fuchs errichten. Und mit dem Jahre 1708 beginnt _Peter Hohmann_, der reiche Bankier, seine Laufbahn als Bauherr mit einem der wichtigsten Leipziger Gebäude, _Äckerleins Hof_ am Markte (Abb. 3). Die Größe solcher Stadthäuser ist natürlich nur dadurch zu erklären, daß von Anfang an außer der Wohnung des Herrn seine Geschäftsräume, Lagergewölbe und Mietswohnungen vorgesehen waren. Ja, auch diese letzten waren noch einem geschäftlichen Zwecke dienstbar; denn in der Messezeit, in der also schon damals Raumknappheit herrschte, wurden sie an Kaufleute für ihre Waren vermietet, wie wir es von Goethes Zimmer in der »Feuerkugel« aus Dichtung und Wahrheit wissen. Auch Äckerleins Hof, wie alle Hauptbauten der betreffenden Jahre, ist ein Werk Fuchsens, der hier beweist, ein wie entwicklungsfähiger Künstler er gewesen ist. Denn ein gut Teil der Schwere und Kraft des Romanushauses hat sich hier in Eleganz und eine – wenn auch krafterfüllte – Beherrschtheit verwandelt. Alle Bauglieder sind zarter und zurückhaltender geworden, die ganze Fassade hat weniger Reliefausladung und betont mehr ihren Flächencharakter. Auch hat Fuchs erst hier den so bezeichnenden Leipziger Durchgangshof ausgebildet.
[Illustration: Abb. 4. Christian Döring: =Hohmannsches Haus, Katharinenstraße 16= (1715)]
Ein neuer Beweis für die Bauleidenschaft der Zeit ist es, daß Hohmann ein Jahr nach der Vollendung dieses umfangreichen Gebäudes sogleich an den Bau eines an Fassadenbreite noch größeren desselben Zweckes geht. Mit dem 1715 begonnenen Hause _Katharinenstraße 16_ (Abb. 4) – neben dem Romanushause und Äckerleins Hof sicher das schönste der Stadt – konnte sich der Bauherr aber nicht mehr an Fuchs wenden und suchte sich mit bemerkenswert sicherem Urteil den weitaus begabtesten unter dessen Leipziger Kollegen, den jungen Mauermeister _Christian Döring_, aus. Dieser, ein Künstler von ganz eigenem und starkem Charakter, schuf in der Fassade des neuen Hohmannhauses ein Meisterwerk dekorativer Phantasie, stilgeschichtlich ebenso bedeutsam wie künstlerisch vollendet mit der wirkungsvollen Verteilung des Schmuckes auf die Mittel- und Seitenvorlagen, mit den merkwürdig gebrochenen Fensterverdachungen und -rahmungen, mit dem Ausklingen in den schwingenden Giebelungen der Dachluken. Mit Häusern wie diesem erreichte Leipzig das, was sich dem Charakter der Stadt als am gemäßesten erwies. Dieser Stil dekorativer Überfülle und Unmäßigkeit, schon seit Deutrichs Hof und der Börse vorklingend, wurde beibehalten, wenn auch natürlich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verändert. Döring gehört das Schönste der Zeit zwischen 1715 und 1725 an, Häuser wie Katharinenstraße 14, Grimmaische Straße 20 oder vor allem _Neumarkt 12_ (Abb. 5), von ganz besonders saftiger Üppigkeit in der Ornamentik. Auch der »Kaffeebaum« mit seinem bekannten Türrelief des sitzenden, Kaffee trinkenden Türken muß auf ihn zurückgeführt werden.
[Illustration: Abb. 5. =Neumarkt 12= (Etwa 1718–1720)]
Nach 1725 wird _George Werner_ der führende Meister in der Stadt, auch er vom Geiste äußerster Schmuckfreudigkeit erfüllt. Dies ist bei ihm um so beachtenswerter, als Dresden, das nächste Kunstzentrum neben Leipzig, und ebenso ganz Norddeutschland, ebenso Wien sich damals schon vom eigentlichen deutschen Barock abgewandt hatten und den Zielen des von Frankreich beeinflußten Rationalismus nachgingen. Nur Böhmen, Sachsens südlicher Nachbar, hielt mit ebensolcher Zähigkeit an dieser, gerade seiner deutsch-slawischen Mischkultur sehr entsprechenden Freude an überquellender Zier und den phantastischsten Schmuckformen fest. In Leipzig herrscht im wesentlichen bis 1740 dieser eigentliche deutsche Barock; denn Werners Hauptbauten, der 1728 bis 1729 errichtete _Hohmanns Hof_ auf der Petersstraße (Abb. 6), das dritte der großen Leipziger Hohmannhäuser, und _Kochs Hof_ am Markt von 1735 bis 1739 (Abb. 7), das größte von allen Bürgerhäusern der Stadt, dessen Errichtung Hohmanns Kompagnon Koch 133000 Taler gekostet hat, sind ganz von ihm durchdrungen, wenn der stilgeschichtlich schärfer Blickende gerade in Kochs Hof auch schon Ansätze zu einer Rückbildung finden kann; ein beginnendes Streben nach Beruhigung der Formen, der Fensterverdachungen z. B., und nach einer Beschränkung der reichen Dekoration auf die baulich wichtigsten Teile der Fassade.
[Illustration: Abb. 6. George Werner: =Hohmanns Hof, Petersstraße 15= (1728–1729)]
Aber selbst als gegen 1740 von Dresden her jener stillere und dabei französisch elegantere Stil einzieht, wandelt auch er sich unter den Händen der Leipziger Baumeister sogleich ins Belebtere und Dekorative. Gerade für diese Zeit hat die traurige Umgestaltung der inneren Stadt um 1900 besonders viele Lücken gerissen und das Schönste vom Erdboden verschwinden lassen. Doch zeigen immerhin noch Häuser wie _Katharinenstraße 19_ oder _21_ (Abb. 8), wie in diesen Jahren die Künstler – Werner und Fr. Seltendorff kommen vor allem in Betracht – klare und ruhige Gliederung der Fassaden mit noch immer blühender und phantasievoller Ornamentik zu vereinen verstanden.
[Illustration: Abb. 7. George Werner: =Kochs Hof, am Markt= (1735–1739)]
Ihr wirkliches Ende findet diese Blütezeit der Leipziger Kunst erst durch den Siebenjährigen Krieg mit der Besetzung der Stadt und den schweren Kontributionen und durch die gleichzeitig überall einsetzende Abwendung vom Rokoko, die schon in Goethes Leipziger Studentenzeit ihre Rolle spielt. Ein Jahrhundert ziemlich genau ist es also, dem die Leipziger Barockhäuser ihr Entstehen verdanken, Häuser von hohem Werte, wie wir gesehen haben, die von Leipziger Meistern stammen und vom Geiste der Stadt erfüllt sind. Und wenn all das, was ein jeder in der Stadt mit Augen sehen kann, noch nicht hinreichte, um über die Bedeutung dieser Bauten aufzuklären, dann sollte doch die Erinnerung an die Hochachtung, mit der Goethe so viele Jahre nach seiner Leipziger Zeit in Dichtung und Wahrheit von ihnen spricht, ein übriges tun.
Nicht eindringlich genug kann also davor gewarnt werden, daß Leipzig seinen wichtigsten Denkmälerbestand aus Fahrlässigkeit allmählich zugrunde gehen läßt. Zu viel ist bereits geschehen, und man muß mit dem, was übrig ist, sparsam sein. Unvernünftige Wiederherstellungen der Kirchen »im alten Stil« haben in den achtziger und neunziger Jahren dazu geführt, daß die barocken Altäre und Einbauten schonungslos entfernt und durch trocken neugotische Geräte ersetzt wurden, wobei auch Stücke von so großer Schönheit, wie der Fürstenstuhl der Thomaskirche (jetzt im Stadtgeschichtlichen Museum) keine Gnade fanden. Und wie gut hatten all diese malerischen Gebilde in die Leipziger Hallenkirchen der Reformationszeit gepaßt! Ja, an der Matthäikirche hat man sogar die Vorhalle der Barockzeit und den Dacherker derselben Epoche beseitigt.
Um so schonender muß die Stadt und müssen die Bürger mit ihren weltlichen Baudenkmälern umgehen. Denn hier ist trotz so vieler Sünden noch genug vorhanden, um Leipzig den Ruhm einer wirklichen Bauschule in der Barockzeit zu sichern. An dieser Stelle ist es, wo die Denkmalpflege einsetzen muß, und zwar nicht nur die amtliche, sondern vor allem die private der Besitzer wertvoller Häuser und die städtische, d. h. die Vorsorge des Rates und der Baupolizei.
Fassen wir in diesem Sinne zusammen, welche Maßnahmen notwendig sind, und welche Schäden ihre Nichtachtung der Stadt und ihren Denkmälern bringen würde: Zunächst ist selbstverständlich Sorge zu tragen, daß nicht mehr zu Meß- oder ähnlichen Zwecken Häuser von kunstgeschichtlicher Bedeutung abgerissen werden. Noch dem Neubau der Darmstädter Bank am Markt fiel kurz vor dem Krieg eines der besten Leipziger Rokokogebäude zum Opfer. Es handelt sich ferner nicht nur darum, die Häuser vor dem Abbruch zu schützen, sondern auch, wo ein solcher unvermeidlich ist, darum, ihren beweglichen Kunstbesitz zu retten. Durch das Eingreifen des Kunsthistorikers Dr. Holtze wurde beispielsweise der völlige Ruin der besten Gartenfiguren des Barock verhindert, die Leipzig aus der Blütezeit seiner Parks noch besaß: des Jupiter und der Juno von Permoser, die nun in den Palmengarten überführt wurden[4].