Chapter 2 of 4 · 3797 words · ~19 min read

Part 2

Zum zweiten ist es durchaus erforderlich, bei Neubauten im Inneren alter Häuser historisch gebildete Sachverständige zu Rate zu ziehen. Wie viele gute Stuckdecken, die noch in Gurlitts Werk aufgezählt sind, hätten dadurch erhalten bleiben können, – von dem absoluten Werte der alten, beabsichtigten Zimmereinteilung gar nicht zu reden.

Drittens – und gerade das ist für die Wirkung der Häuser so sehr wichtig – sollte behördlicherseits gegen die Verunzierung schöner Fassaden durch Reklameschilder und Schaukästen vorgegangen werden. Daß dies so oft nötig wäre, liegt eben auch daran, wie wenig bekannt der Wert dieser Barockhäuser in weiten Kreisen ist. Denn aufdringlich angebrachte Geschäftsauslagen und Plakate bringen nicht nur die ganze Schauseite um ihre Wirkung, sie können auch wirklichen Sachschaden anrichten. So hat sich ein solcher z. B. gezeigt, als jüngst das Hohmannhaus in der Katharinenstraße von dem Schild befreit wurde, das in der Höhe des Fußbodens der ersten Etage den ganzen Erker verdeckte. Der Regen, der jahrelang durch das Schild am Abfließen verhindert worden war, hatte sich gesammelt und schwere Zerstörungen an den Figuren des Portalgiebels angerichtet. Ebenso würde man beim Abnehmen von Schaukästen an den Haustoren erst sehen, wie die feine Ornamentik gerade dieser Teile gelitten hat. Aber selbst von solchen Schäden abgesehen, genügten auch reichlich die anderen, die der Schönheit der Häuser durch diese Reklamen angetan werden, um städtischen oder staatlichen Einspruch zu rechtfertigen. Freilich, besser noch wäre es, die Besitzer der Häuser sähen das von selbst ein und gingen endlich alle dagegen vor.

[Illustration: Abb. 8. Fr. Seltendorff oder George Werner: =Katharinenstraße 19=

Fr. Seltendorff, =Katharinenstraße 21= (1748–1750)]

Und gerade hier – das muß erfreulicherweise gesagt werden – scheint sich eine Wendung zum Guten zu zeigen. In den letzten Jahren ist man daran gegangen, die schönsten der Leipziger Häuser abzuputzen und hat öfters dabei auch das Reklameunwesen abgestellt. Mit Äckerleins Hof begann es, Kochs Hof und Hohmanns Hof folgten, so daß ein Anfang jedenfalls gemacht ist. Diese anscheinende Besserung der Sachlage offenbart, daß den Gebildeten der Stadt allmählich aufgeht, welchen Schatz bedeutender Kunst sie an ihren alten Handelshäusern noch besitzen. Trotzdem muß man immer noch nur zu oft die Beobachtung machen, daß diese Erkenntnis noch viel zu wenig verbreitet ist, und, da darin sicher der Urquell aller der gezeigten Schäden beruht, so mußte es die Hauptaufgabe dieser Betrachtung sein, darauf hinzuweisen und auf die Notwendigkeit sorgfältigster Schonung und Pflege dieser Denkmäler mit Nachdruck aufmerksam zu machen.

Fußnoten:

[1] Nur durch die reiche Photographien-Sammlung in den Schaukästen und Schränken des Stadtgeschichtlichen Museums kann man sich noch einen Begriff von all dem verschaffen, was zu Grunde gegangen ist.

[2] Trotz der Besprechung Cornelius Gurlitts in den Älteren Bau- und Kunstdenkmälern Sachsens, Heft 18, die sich eingehend und liebevoll mit dem Leipziger Barock befaßt, leider aber ganz ohne archivalische Fundierung blieb. In einer größeren Arbeit über die Leipziger Baukunst der Barockzeit (Dissert. Leipzig 1924) konnte ich das außerordentlich reichlich vorhandene Aktenmaterial verwenden und auf Grund der dadurch sich ergebenden Daten eine kunstwissenschaftliche Geschichte der Leipziger Barock-Architektur vorlegen, auf die ich für alles folgende verweise.

[3] Auch in Leipzig findet sich mehrfach der Fall, daß als Entwerfer von Bauten keine Berufs-Architekten, sondern Patrizier der Stadt überliefert sind, für das ehemalige Georgenhaus z. B. der Kaufherr Georg Bose oder für das alte Gewandhaus der Appellationsrat Chr. Ludw. Stieglitz.

[4] Vgl. Otto Holtze: Leipziger Barockplastik. Ein Rettungsversuch. Leipz. Tageblatt, 26. Januar 1922. – Darüber den folgenden Artikel.

Die Götterfiguren von Permoser

Von Stadtbaudirektor _Max Reimann_, Leipzig

Eigenaufnahmen des Heimatschutzes

Von den berühmten Barockgärten Leipzigs war der Apelsche, später Reichelsche Garten genannt, vor dem Thomaspförtchen der größte. Von der ganzen Pracht der alten Gartenschönheit und der Erinnerung an die heiteren prunkenden Feste hat sich nur ein Teil der Gartenplastik auf unsere Zeit gerettet. Es sind die Sandsteinfiguren des Jupiter, der Juno, des Mars und der Venus von dem Bildhauer Balthasar Permoser, gebürtig aus dem oberbayrischen Weiler Kammer. Permoser war zunächst im Jahre 1704 von Friedrich I. nach Berlin berufen worden; dann aber wirkte er vom Jahre 1710 bis zu seinem Tode im Jahre 1732 als ein Hauptverkünder der Prunk- und Kunstfreude Augusts des Starken in Dresden. Seine Werke für den Zwinger, auf dem katholischen Friedhof und in der Hofkirche seien hier nur gestreift.

[Illustration: Abb. 1. =Jupiter=, von Permoser (Leipzig, Palmengarten)]

Die vier Götterfiguren in Leipzig haben zum Teil schwere Schicksale erlitten, die wohl nicht zum wenigsten der verständnislosen Geringschätzung zuzuschreiben sind, die lange Zeit der Kunst des Barock entgegengebracht wurde. Jupiter und Juno standen noch lange in der Nähe ihres ursprünglichen Standortes, im Vorgarten des Sophienbades in der Otto-Schill-Straße. Als das Bad im April 1922 abgebrochen wurde, ließ der Rat beide Figuren nach dem Palmengarten überführen, wo sie eine Aufstellung gefunden haben, die ihrer ursprünglichen Bestimmung jedenfalls näherkommt als es an dem bisherigen Platze der Fall war. Die beigegebenen Aufnahmen zeigen ihren jetzigen Stand. Im Sommer bei belaubtem Baumhintergrund ist ihre Wirkung am günstigsten. Jupiter schleudert mit großer Anstrengung seinen Blitz. Sein Adler sitzt auf einem Gebilde, das eher versteinerter Meeresbrandung als einer Wolke gleicht. Juno mit ihrem Pfau in majestätischer Haltung, mit wallendem Gewande, das sie kokett rafft, um dem Beschauer anzudeuten, welche Formen sich dahinter verbergen. – Zwei treffliche Beispiele barocker Bildnerei. Von der Venus wußte man, daß sie im Erdreich des Vorgartens in der Otto-Schill-Straße schlummerte, seitdem ein Sturm sie vom Sockel geworfen hatte. Ich ließ sie freilegen, fand aber leider einen Torso, der die Reize der Liebesgöttin kaum mehr ahnen ließ. Der Sockel fehlte ganz, es war nichts hinüber zu retten. Der Mars in mittelalterlicher Rüstung führte bisher in einem Lagerschuppen hinter dem alten Johannishospital kopflos ein verschwiegenes und unrühmliches Dasein. Gesicht und Helm sind bis zur Unkenntlichkeit beschädigt. Besser ist der kapitälartige Sockel erhalten. Ohne eine weitgehende Ergänzung dürfte eine Wiederaufstellung nicht denkbar sein. Ob sich in unserer Zeit ein pietätvoller Retter findet?

[Illustration: Abb. 2. =Juno=, von Permoser (Leipzig, Palmengarten)]

Die Frauenberufsschule in Leipzig, ein klassizistischer Bau

Von Dr.-Ing. _Hermann Kuhn_, Leipzig

Eigenaufnahmen des Heimatschutzes

Wohl die Mehrzahl von Leipzigs Einwohnern geht tagtäglich gedankenlos an manch altem schönen Baudenkmal früherer Zeiten vorbei, ohne zu wissen, welchen baugeschichtlichen Zusammenhängen oder welchem Manne die betreffende Bauschöpfung ihren Ursprung verdankt. Ich habe es mir zur Aufgabe gestellt, in der vorliegenden Abhandlung eines Mannes zu gedenken, der am Ende des achtzehnten Jahrhunderts lebte und in Leipzig für die Einführung des klassizistischen Baustiles von großer Bedeutung war, des Baudirektors Johann Carl Friedrich Dauthe. – Wie wenigen der Jetztzeit wird dieser Name bekannt sein! Und doch haben wir noch heute in unserer Stadt ein Bauwerk, welches beredtes Zeugnis ablegt für die großen Fähigkeiten jenes Mannes. Es ist dies die jedem Leipziger wohlbekannte Frauenberufsschule in der Schillerstraße, welche als erste Bürgerschule von Dauthe geschaffen wurde. Zweck dieser Zeilen soll es sein, die interessante Entstehungsgeschichte dieses in seiner ursprünglichen Form erhaltenen Gebäudes in kurzen Worten zu skizzieren.

[Illustration: Abb. 1. =Frauenberufsschule Leipzig, altes Wappen der Moritzbastion=]

Nach Abschluß des Hubertusburger Friedens (1763) stellte der damalige regierende Kurfürst von Sachsen die gesamten Festungswerke Leipzigs, die sich während des Siebenjährigen Krieges als völlig ungeeignet und zwecklos erwiesen hatten, dem Rate der Stadt mit der Bedingung zur Verfügung, daß die Festungsanlagen beseitigt und die gewonnenen Plätze »gemeinnützig« gemacht werden sollten. Die Stadt nahm wohl das Anerbieten an, kam jedoch den gestellten Bedingungen aus Geldmangel nur langsam nach. Die festen Basteien blieben zunächst noch bestehen, doch wurde ein großer Teil der Schanzen (»Ravelins«) abgetragen, das Erdreich zur Ausfüllung des Festungsgrabens verwandt, und auf dem so gewonnenen Boden teils Alleen, teils Obst- und Gemüsegärten angelegt. Erst Bürgermeister Müller trat mit Energie für die restlose Erfüllung der vom Kurfürsten gestellten Bedingungen ein. Es waren die Befestigungsanlagen zwischen dem Grimmaischen und Halleschen Tore längs der Stadtmauer, die noch der Umwandlung bedurften; so war auch die alte Moritzbastion an der Südostecke der Stadt noch erhalten geblieben. Um das gewaltige Mauerwerk dieser Anlage sachgemäß auszunutzen, hatte man die Absicht, die Moritzbastion als Untergrund für eine zu errichtende Bürgerschule zu verwenden. Der Gedanke zur Schaffung dieser Schule ist der nimmermüden Regsamkeit des Bürgermeisters Müller zu verdanken. Bereits im Jahre 1792 war auf dessen Betreiben eine Ratsfreischule errichtet worden. Für die arme Stadtbevölkerung Leipzigs war dadurch Sorge getragen, aber auch für die mittleren Volksklassen, die gern ein mäßiges Schulgeld bezahlt hätten, mußte eine öffentliche Schule geschaffen werden. Im Februar 1795 richteten auf Müllers vorherige Anregung hin fünfundzwanzig Leipziger Innungen ein Schreiben an den Rat, worin sie die Bitte aussprachen, der Rat möge ihnen »eine allgemeine Bürgerschule schenken«, in welcher ihre Kinder »gegen ein billiges Schulgeld einen ebenso wohltätigen und zweckmäßigen Unterricht als die armen Kinder in hiesiger Freischule genießen könnten«. Die Stadtbehörde kam der Eingabe wohlwollend entgegen. Mit dem Entwurfe und der Ausführung wurde der damalige Baudirektor der Stadt Leipzig, Dauthe, betraut. Im März 1796 legte er die Pläne zu dem Schulgebäude vor, das auf der Moritzbastei seinen Platz finden sollte, da man dort in dem Mauerwerk der alten Festung den besten Untergrund zu finden hoffte.

[Illustration: Abb. 2. =Frauenberufsschule Leipzig, altes Wappen der Moritzbastion= (Rekonstruktion nach Gurlitt)]

Diese Festungsbastion war in den Jahren 1551 bis 1553 in offener Fünfeckform erbaut worden, und zwar auf Veranlassung des Kurfürsten Moritz, der auch weiterhin die alten Befestigungswerke Leipzigs aufbauen und noch mehrere neue Bastionen dazu errichten ließ. Die Leitung der Bauten lag dem damaligen Bürgermeister Lotter ob. Aus dem ersten Baujahre (1551) existiert ein altes kurfürstliches Wappen an der Spitze der alten Zwingmauer, das heute noch, allerdings stark verwittert, von den Anlagen aus zu sehen ist. Die Festungskeller der Bastion sind mit der Zeit zum großen Teile zugeschüttet worden, nur etwa ein Sechstel der gesamten Kelleranlage ist noch zugänglich. Diese starken äußeren Bastionsmauern bewiesen sich als standhaft zum Aufbau der Schule und sind es auch heute noch, aber das Innere der Bastion bot nicht den Baugrund, den man zu finden hoffte. Man war gezwungen, die nach dem Hofe zu liegenden Umfassungsmauern des Schulgebäudes auf die Gewölbe der Bastion zu setzen. Diese gaben jedoch nach, da außerdem der tiefere Baugrund nicht aus »gewachsenem Boden« bestand, sondern aus den ehemals bei der Ausgrabung des Stadtgrabens hier aufgeschütteten Erdmassen, ein Baugrund, »in dem der Rammel noch bei den längsten Pfählen keinen Halt gefunden«. Man sah sich deshalb veranlaßt, die Gewölbe zu untermauern, nachdem außerdem durch Pfahlroste ein einigermaßen geeigneter Baugrund geschaffen worden war. Trotzdem waren aber späterhin noch des öfteren Reparaturarbeiten an der Gründung nötig. – Die Form der Bastion bedingte eine auch nicht alltägliche Grundrißlösung. Ein Blick auf den Grundriß der Schule zeigt das Festhalten Dauthes an einem damals bereits überholten Baustile[5]. Man könnte meinen, es hier mit einem Bau aus der Rokokozeit zu tun zu haben, während die Fassade dementgegengesetzt das Wiederaufleben des Klassizismus zur Schau trägt. Auffällig und eigentümlich ist die Gestaltung der Aula, die stark an den alten Gewandhauskonzertsaal Dauthes in Form und Abmessung erinnert (rund 11 Meter × 23 Meter). Auch hier in dieser Schulaula zeigt sich wie dort eine gute Akustik; es scheint, als ob der Architekt hierauf ebenfalls großen Wert gelegt hat, denn es sind ähnliche Prinzipien befolgt wie bei jenem Saale.

[Illustration: Unterer Keller.]

Abb. 3]

[Illustration: Oberer Keller.]

Abb. 4]

[Illustration: Abb. 5]

[Illustration: Durchschnitt im nordöstlichen Flügel

Durchschnitt im südwestlichen Flügel

Abb. 6]

[Illustration: Abb. 7. =Hofansicht der Schule aus heutiger Zeit=]

[Illustration: Abb. 8. =Bürgerschule.= Außenansicht der Schule aus dem Jahre 1830]

Die genauen Fortschritte des Baues lassen sich aus den Akten nicht feststellen, man kann lediglich die verbrauchten Bausummen hierbei zu Rate ziehn. 1796 war begonnen worden, 1802 war erst ein Drittel der Gesamtanlage äußerlich vollendet. Schuld an der Verzögerung waren die Gründungsarbeiten, die in unvorhergesehenem Maße Zeit und Geld verschlangen. Müller sollte die Vollendung des Baues nicht mehr erleben, da er 1801 verstarb. Mit ihm war der Hauptförderer dahingegangen, was auf dem weiteren Fortgang der Bauarbeiten von wenig gutem Einfluß war. 1803 wurde versuchsweise in dem inzwischen ausgebauten linken Flügel mit dem Unterricht begonnen. Bis 1804 wurde dann noch der Mittelbau fertiggestellt, während die nun folgenden Jahre nur geringen Fortschritt der Bauarbeiten zeigen. Erst Dauthes Nachfolger im Leipziger Bauamte, der Bauinspektor August Wilhelm Kanne, stellte die Schule vollständig bis zum Jahre 1834 fertig. In der Grundrißgestaltung ist deutlich zu erkennen, daß beim Ausbau des rechten Flügels eine andere Architektenhand als bisher gewirkt hat. Bei Dauthe ist ein Festhalten an barocker Grundrißgestaltung unverkennbar, Kanne ist jedoch darauf bedacht, den Grundriß so übersichtlich wie möglich auszubilden: alle Räume sind bei ihm fast durchweg rechteckig gehalten. Im Äußeren mußte sich Kanne an den bereits bestehenden Flügelbau halten und ihn in derselben Weise ausführen. Durch die schlechten Erfahrungen Dauthes über die Gründungen der Hofumfassungsmauern war Kanne gewitzigter geworden; er ließ die darunter befindlichen Keller einfach ausfüllen und gut verstampfen und schaffte sich dadurch einen guten Baugrund, den Dauthe erst nach großer Mühe, durch viele Kosten und dann auch noch unvollkommen erreicht hatte. Gleichzeitig wurden bei dem weiteren Ausbau an den bereits bestehenden Gebäudeteilen verschiedene Ausbesserungen vorgenommen, da sich dort die Gründungsmauern wieder wesentlich im Laufe der Jahre gesenkt hatten. Im Schulhofe ließ Kanne einen Brunnen aufführen, der später wieder weggerissen wurde. Der neuausgebaute Flügel wurde zunächst der Lehrerschaft zur Verfügung gestellt, erst im Jahre 1848 wurde er seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt. Äußerlich vollendet war das Gebäude im Jahre 1826, die inneren Ausbauarbeiten zogen sich jedoch noch längere Zeit hin, so daß die Schule erst 1834 als endlich fertig gelten konnte.

[Illustration: Abb. 9. =Heutige Ansicht der Aula=]

[Illustration: Abb. 10. =Die Bürgerschule=]

Führt heute die Leipziger ihr Weg an diesem Gebäude vorüber, so wird wohl selten jemand bei Anblick der Schule sich bewußt sein, ein baugeschichtlich wertvolles und typisches Beispiel reinsten Klassizismus vor sich zu haben. Es liegt dies wohl daran, daß sich unsere heutigen Begriffe über bauliche Schönheiten in ganz anderen Bahnen bewegen. Sollte aber dennoch dieser oder jener durch meine Ausführungen dazu angeregt werden, sich eingehender mit diesem Baustil zu befassen, so möchte ich es nicht versäumen, auf einige andere Schöpfungen Dauthes hinzuweisen. Man besichtige nur einmal das Innere der Nikolaikirche, um verstehen zu können, daß Dauthe durch diese geniale Arbeit den Ruf eines der bedeutendsten Vertreter des Neu-Klassizismus (des sogenannten Zopfstiles) erlangt hat. Und welchem Leipziger ist es unbekannt, daß dem alten, vor drei Jahrzehnten beseitigten Gewandhauskonzertsaal eine Akustik innewohnte, die der ganzen Welt bekannt und vorbildlich war; wer aber wußte bis heute, daß das Verdienst, diese überragende Anlage geschaffen zu haben, Dauthe gebührt? Wie oft auch eilen wir im Hasten der Großstadt gedankenlos durch Anlagen unserer Stadt, ohne sie einer näheren Würdigung zu unterziehen. Man nehme sich nur einmal die Zeit, unsere Schwanenteichanlage, deren Gestaltung wir ebenfalls Dauthe verdanken, in Muße zu betrachten, und man wird erkennen, welch imposante Schönheit und reizvolle Anmut dieser Promenadenteil bietet. Viele andere Schöpfungen dieses Architekten sind der Zeit zum Opfer gefallen; wer sich restlos mit diesen Dingen zu befassen gedenkt, dem möge mein eingehendes Werk »Leipzigs Bauwesen in der Zeit von Dauthe bis zu Geutebrück« als Wegweiser dienen[6].

Fußnoten:

[5] Der rechte Flügelbau des Schulgebäudes ist nicht eigentliches Werk Dauthes, er ist später nach dessen Tode fertiggestellt worden, worauf später nochmals hingewiesen wird.

[6] Exemplare zur Einsicht befinden sich im Stadtgeschichtlichen Museum und in der Leipziger Stadtbibliothek.

Leipziger Bauten aus der Schinkelzeit

Von Dr.-Ing. _Gero Schilde_

Mit Eigenaufnahmen des Heimatschutzes

Um die Wende des vorletzten Jahrhunderts erlebte die Baukunst bei dem wirtschaftlichen Tiefstand in Deutschland, welchen der Siebenjährige Krieg und das napoleonische Jahrzehnt mit sich brachte, eine äußerst dürre Zeit. Die Geschichte der Baukunst hat die damalige Stilbewegung des Klassizismus an Schinkels Namen geknüpft und nennt bis auf Schinkel und Klenze nur wenige Architekten, die sich in bescheidener Weise bei ihren spärlichen Bauaufträgen als Baukünstler auswirken konnten. In Sachsen, welches durch die vergangenen politischen Wirren zu besonderer Einschränkung gezwungen worden war, kann sich Leipzig rühmen, in dieser Zeit Architekten besessen zu haben, die immerhin zu den bedeutenderen der Klassizisten zählen, und die Leipzig als Stätte der Baukunst für die Periode des Klassizismus betonen.

In Leipzig setzte frühzeitig die Bewegung des Klassizismus ein. Hier hatte bereits der Zopfstil, der Vorläufer der klassizistischen Periode, in Adam Friedrich Oeser, dem Maler und Lehrer Goethes, seinen Hauptvertreter. Der praktische Vertreter des Klassizismus wurde nach ihm der Architekt Johann Friedrich Dauthe, der in seinen Bauten dem Zuge der Zeit zur Antike einen starken Ausdruck zu geben verstand. Als eines seiner besten Werke kann noch heute die Innenarchitektur der Nikolaikirche gelten, deren ehemals gotischen Stil Dauthe in eine mustergültige naturalistische Form des Klassizismus brachte. Ein weiterer Bau dieses Architekten, die Frauenberufsschule auf der alten Moritzbastei, hat im vorausgehenden Artikel eine ausführliche Darlegung gefunden. Der Architekt von heute wird bei einem näheren Studium der schlichten Fassade viel schöne Einzelheiten und feine Gedanken klassizistischen Empfindens wiederfinden.

Neben diesen wenigen erhaltenen Werken Dauthes besitzt Leipzig noch eine Reihe anderer klassizistischer Gebäude, die nach den Befreiungskriegen als erste große Bauten entstanden und das Stadtbild wesentlich beeinflußten und auch heute noch bereichern.

Diese hat es seinem damaligen Baudirektor und spätklassizistischen Architekten Albert Geutebrück zu verdanken. Geutebrücks Name wird in der Baugeschichte meistens in Verbindung mit dem Schinkels genannt, der ihn bei dem Bau des Augusteums, der alten Universität, als seinen Vasallen erscheinen läßt. In Wirklichkeit hat Geutebrück als Architekt weit mehr bedeutet.

[Illustration: Abb. 1. =Augusteum und Paulinerkirche in ihrer Gestaltung durch Geutebrück=

(Nach einer Lithographie)]

Vier Bauwerke sind es, welche heute dem Besucher des Augustusplatzes durch ihren gleichartigen Stil besonders in das Auge fallen: Universität, Post, Theater und Museum. Diese Gebäude präsentieren sich ihm in ihrem italienischen Renaissancestil als scheinbar gleichaltrige Gefährten aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts; doch dem ist nicht so.

Die Gestaltung des Augustusplatzes begann in den dreißiger Jahren bereits mit den Bauten der Universität und des Postgebäudes. Mit beiden ist der Name Geutebrücks eng verbunden. In den Jahren 1836 und 1838 hatte Geutebrück mit dem Augusteum und der Post die ersten Seitenlinien dieses großen Platzes ziehen können und damit den Mittelpunkt der baulich sich entfaltenden Stadt angelegt. Wenn auch für die Ausführung der Fassade des Augusteums ein Entwurf Schinkels maßgebend wurde, so hatte doch Geutebrück nach eigenen Plänen den Innenbau durchführen können und sich dabei als Universitätsbaumeister großes Verdienst erworben. Seine Ausgestaltung der Aula, die später umgebaut wurde, verdient als vorbildlicher Saalbau seiner Zeit im Bilde wiedergegeben zu werden.

[Illustration: Abb. 2. =Universitätsaula im Geutebrückschen Augusteum=]

Schonender ist die alles umgestaltende Zeit an dem Postbau Geutebrücks vorübergegangen. Hier sind die Hauptteile der Fassade von 1838 zum großen Teil noch erhalten. Das Quaderwerk der alten Sandsteinstücke, die Fenster bis auf ihre Verdachungen im Obergeschoß, als auch die seitlichen Pilaster der mittleren Vorlage und die Gesimse blieben bestehen. In ihnen grüßt uns heute noch der Geutebrücksche Bau. Die Eckrisalite, die Säulenvorlage mit Giebelfeld und figurengekrönte Attika, sowie die Balustrade oberhalb des Hauptgesimses sind neu.

[Illustration: Abb. 3. =Portal des Geutebrückschen Universitätsgebäudes, heute südlicher Nebeneingang der neuen Universität.= Nach Schinkels Entwurf von Ernst Rietschel ausgeführt]

Das Augusteum und das Postgebäude wollten nach dem Bau des Theaters von 1867 und dem projektierten Umbau des städtischen Museums von 1883 nicht mehr recht zu dem Gesamtbilde des Augustusplatzes passen. Ihre schlichten Fassaden mußten reicher gegliederten Platz machen, die in der Form der italienischen Renaissance gehalten wurden.

[Illustration: Abb. 4. =Geutebrücks Postgebäude am heutigen Augustusplatz=; rechts davon das alte Teubnersche Haus]

Als Spätklassizist strebte Geutebrück in seinen weiteren Bauten der antikisierenden Renaissance zu. Einzelne davon haben sich im Stadtbild bis auf heute unverändert erhalten. Das Konviktsgebäude der Universität in der Ritterstraße zum Beispiel ist ein solcher Bau. Ursprünglich hatte es anderen Zwecken als den jetzigen gedient. 1836 war es als erste Buchhändlerbörse Deutschlands vom Buchhändlerbörsenverein errichtet worden. Wie damals Geutebrück selbst sich äußerte, hat er bei dem Fassadenentwurf wesentlich unter dem Eindruck italienischer Studien gestanden. Das Renaissancemotiv des Rundbogenfensters kehrt an seinem Postbau wieder.

[Illustration: Abb. 5. =Postgebäude nach dem letzten Umbau=]

Einen weiteren Bau Geutebrücks stellt das Preußische Haus in der Goethestraße dar. Auch dieses zeigt bis auf die modernisierten Ladeneinbauten noch seine alte Gestalt. Die Universität hatte es zu Messe- und Buchhandelszwecken entworfen und 1841 errichten lassen. Der Stil dieses Baues weist nicht mehr den schlichten Klassizismus auf. Lebhafter gliedert sich die Fassade und reicher werden die Profile; zwei Balkone auf kräftigen Konsolen betonen Eingang und Mitte.

[Illustration: Abb. 6. =Alte Buchhändlerbörse an der Ritterstraße=]

Noch feinere Architektur findet man am Fridericianum in der Schillerstraße. Hier schuf Geutebrück seinen letzten größeren Bau, ebenfalls im Auftrage der Universität. Auch an ihm hat die Zeit nichts geändert. Deutlich kann man die Bewegung des Baustiles vom Klassizismus zum Renaissancismus verfolgen, wenn man den gegenüberliegenden Schulbau Dauthes betrachtet. Dort noch die einfache klassizistische Architektur; deren Wirken allein durch monumentale Größe. Hier in der Fassade des Fridericianums bereits das Aufteilen und Verlieren in Einzelheiten. Es ist nicht mehr nur das Portal, welches durch einfache Zusammenstellung von Säule oder Pilaster mit Fries und Giebel ausgestattet wird. In den Mittel- und Seitenrisaliten bauen sich korinthisierte Pilaster übereinander auf, vielfacher wird der Schmuck, reicher die Profilierungen der Fenstergewände. Der reine Klassizismus, wie ihn Schinkel der Fassade des Augusteums aufprägte, ist hier verschwunden.

[Illustration: Abb. 7. =Das Fridericianum an der Schillerstraße=]

Wie anfangs erwähnt wurde, hat Schinkel den in Deutschland vertretenen Klassizismus mit seinem Namen beherrscht. Seine Bedeutung für diese Zeit war so groß, daß man ihr später allgemein die Bezeichnung Schinkelzeit zulegte, ohne damit immer den Begriff des reinen Klassizismus decken zu können. So hat dann auch Leipzig in seiner baulichen Entwicklung eine Schinkelzeit gehabt. Die Werke Dauthes und Geutebrücks geben von ihr noch lebhafte Kunde. Noch haben sie ihren Platz als stattliche Bauten im Stadtbilde behalten; noch bedeuten sie der Baugeschichte Leipzigs ein Stück steinerne Chronik!

Vom alten Johannisfriedhof in Leipzig

Von Dr.-Ing. _Hugo Koch_, Leipzig-Nerchau

Mit Eigenaufnahmen des Heimatschutzes

»Liebe und Leid« ist die hohe Melodie der Totenstätte zu allen Zeiten gewesen und hat doch so verschiedenen Ausdruck gefunden. Jahrhunderte hindurch war der Friedhof eng verwachsen mit der Kirche. Die Namen »Kirchhof«, »Gottesacker« reden eine deutliche Sprache. Nicht anders in Leipzig. Die Friedhöfe der Peters-, Thomas-, Nikolai-, Pauliner- und Barfußkirche haben freilich schon lange der Stadtentwickelung weichen müssen. Erhalten ist nur in einem Teil der Friedhof zu St. Johannis. Heute liegt er im innersten Kern der Großstadt Leipzig, einst aber vor den Toren der Stadt. Seine erste Anlage soll um 1278 erfolgt sein mit der Gründung eines Leprosen- oder Aussätzigenhospitals, das Hospital zu St. Johannis genannt, und mit der Erbauung einer, Johannis dem Täufer geweihten, Kapelle zusammenfallen. So berichtet Paul Benndorf in seinem gründlichen Buche über diesen Friedhof (Verlag von Georg Merseburger, Leipzig 1907, in zweiter Auflage 1922 bei H. Haessel), dem wir unsere geschichtlichen Daten entnehmen. Bereits 1476 wird der Friedhof vergrößert. Nach einer Verordnung vom Kurfürsten Ernst sollen von nun an alle Verstorbenen aus den eingepfarrten Dörfern, aus den Vorstädten und den Stadtteilen, deren Bewohner nicht volles Bürgerrecht besitzen, nicht mehr auf den Kirchhöfen oder in den Kirchen der inneren Stadt, sondern auf dem Gottesacker vor dem Grimmaischen Tore beerdigt werden. Durch Ratsbeschluß von 1531 bzw. 1536 wird der Friedhof zu St. Johannis allgemeiner Begräbnisplatz.

[Illustration]