Chapter 3 of 4 · 3963 words · ~20 min read

Part 3

Die Anlage umfaßte zu jener Zeit den abgestumpften keilartigen Platz an der Johanniskirche, umschlossen von Mauern, die in achtundachtzig Schwibbogen für die Familienbegräbnisse, zumeist mit gemauerten Grüften, aufgeteilt waren. Gegen den Friedhof waren die Gruftkapellen mit eisernen Gittertüren abgeschlossen. Die meist unverdeckten Grüfte ließen Gewölbe und Särge sichtbar. Schon 1580 machte sich eine Erweiterung um etwa das Doppelte nötig und 1616 eine zweite, so daß nun schon 259 Erbbegräbnisse an den Mauern gezählt wurden. 1623 begann man mit der Belegung des Hospitalgartens. Dann kamen schlimme Kriegsjahre. Zwar verschonten 1631 die Tillyschen Truppen den Friedhof, aber 1637 und 1644 wurden von den Schweden bei der Belagerung Leipzigs viele kunstvolle Denkmäler und Grüfte barbarisch zerstört und fast alle Schwibbogen eingerissen. Nach 1644 ging sogar eine Zeitlang die Landstraße über die niedergetretenen Grabhügel. Eine Urkunde vom 19. August 1647 berichtet: »Des hiesigen Gottes-Ackers mit wenigen denen Nachkommen zur Nachricht zu gedenken, so ist derselbe auff zweymal (weil die Stadt am Volcke sich gemehret) erweitert worden, und zum Unterscheid der Alte, der Mittlere und der Neue Gottesacker genannt worden, welcher mit hohen Mauern, Dächern und Schwibbogen um und um gar zierliches gebauet, und mit schönen und herrlichen kostbaren Epitaphien aus Marmorsteinen, Holtzwerck und Mahlwerck, mit biblischen Gemählden, Sprüchen, Figuren, Historien und anderen Gemählden von Bildhauern, Mahlern und Künstlern herrlich geziehret gewesen; die alten Geschlechter, welche vorlängst abgestorben, die hat man nebst ihren rühmlichen Thaten und Herkommen, nach ihren alten Gebräuchen, Trachten, Kleidungen und anderen Monumentis allda finden können. In Summa, dieser Leipzigische Gottes-Acker ist so wohl erbauet gewesen, daß, wenn fremde Nationes und Völcker anhero kommen, sie denselben als ein Wunder angeschauet, und ist dergleichen Gottes-Acker an Zierath, Gebäuden und Gemählden im gantzen Römischen Reiche nicht zu finden gewesen, und ob wohl der schädliche Krieg diese Lande vielmahl betroffen, und die Stadt Leipzig zu unterschiedenen mahlen von Kaiserlichen und Schwedischen Armeen belagert worden, dadurch die Vor-Städte abgebranndt und ruinieret worden, da sich denn auch bey denen Armeen Calvinische Bilder-Stürmer befunden, welche theils denen auff dem alten Gottes-Acker befindlichen Bildnissen und Gemählden die Augen ausgestochen, Nasen und Ohren abgeschnitten und sonst verstümmelt und geschimpfet, so ist doch der Gottes-Acker an alten Gebäuden und andere Zierathen, wie auch alten Gedächtnissen stehen geblieben, biß Anno 1642, als die Königlich Schwedische Armee unter dem Herrn General Feld-Marschall Leonhard Torstensohn am 16. Oktober diese Stadt belagert und sich mit der Armee in den Gottes-Acker gelagert ...«

Nach Überwindung der Kriegsschäden wurde 1680 eine dritte Erweiterung um vierundneunzig Schwibbogen erforderlich, da die Pest in diesem Jahre nicht weniger als dreitausendzweihundertzwölf Personen dahinraffte. Eine vierte Erweiterung erfolgte 1805 und schließlich die letzte 1827. Noch einmal wurde der Friedhof durch Kriegsgreuel schwer heimgesucht. In der Völkerschlacht vom 16. bis 19. Oktober wurde er zum Lagerplatz der Verwundeten und Gefangenen. »In den Schwibbogen war das hölzerne Gevierte an den Senklöchern herausgerissen und verbrannt; in den Grüften lagen die Leichen, aus den Särgen geschüttet, mit grinsenden Schädeln umher, inmitten mancher hinabgestürzter Soldat, der da unten seinen Geist ausgehaucht hatte. Auf vielen hundert Wagen wurde der Kirchhof von dem Unflat gesäubert, und mehrere Eigentümer der Schwibbogen ließen dieselben wieder herstellen und die Leichen, so gut sich dies tun ließ, wieder in ihre Ruhestätte bringen.«

[Illustration: Abb. 1. =Durchblick, der die Anlage der Wandstellen zeigt=]

Was heute vom alten Johannisfriedhof noch erhalten ist, sind die von 1628 bis 1827 geschaffenen Teile, während die übrigen, soweit sie nicht schon früher beseitigt waren, durch die Anlegung der Promenadenanlagen 1883 fielen. Zwei Jahrhunderte also sprechen aus dem noch erhaltenen Friedhofsteil und doch, welche Einheit tritt zu Tage, gegenüber der Fülle und Unklarheit der Friedhöfe im letzten Jahrhundert. Jede Erweiterung des Friedhofes ist gewissermaßen als ein Friedhof für sich aufgefaßt. Die Abmessungen sind so gewählt, daß das Ganze als ein einheitlicher Raum noch empfunden werden kann. Die Raumgrenzen ergaben die Friedhofsmauern, welche zu Erbbegräbnissen ausgestaltet sind. So ist ein Motiv durch die Jahrhunderte klar durchgeführt. Durch diese Wiederholung des einfachen Grundmotivs ist ein klarer Rhythmus gewonnen, er gibt der ganzen Friedhofsschöpfung die Ruhe und Größe, das Versöhnende, was wir auf den Friedhöfen unserer Zeit mit ihren verschiedenartigsten, individualistischen Denkmälern so schmerzlich vermissen. Das große Geheimnis aller wahren Kunst, die Einheit und Größe der Grundform ist hier gewahrt durch die Jahrhunderte – ohne den Zeitgeist zu verleugnen. Der spricht sich lebendig aus in den dekorativen Einzelheiten. An diesen noch heute erhaltenen Mauern kann man die Formenwelt von zwei Jahrhunderten verfolgen, vom ausgehenden Zeitalter der Renaissance über das Barock-Rokoko zum Klassizismus und der Neugotik des 19. Jahrhunderts.

[Illustration: Abb. 2. =Wendler-Fockesche Gruft.= Vom Ende des 17. Jahrhunderts]

In der ältesten Gruft, der Ruhestätte der Familien Augustin, Schillbach und Weinedel ist das sich früher vielfach wiederholende Motiv der bescheidenen Bogenstellung auf toskanischen Säulen heute noch gut erhalten. (Abb. 3.) Reich ausgestattete Barockgitter grenzen die Gruft nach außen ab. An diese Gruft schließt sich das 1833 errichtete Leichenhaus an in den einfachen Formen der Biedermeierzeit, in dessen Kammer sich ein Weckapparat für Scheintote erhalten hat. An Händen und Füßen wurden Ösen und Ringe befestigt, welche durch Schnuren mit einer Rolle in Verbindung standen, die eine Weckglocke in Tätigkeit setzte.

[Illustration: Abb. 3. =Gruft der Familien Augustin, Schillbach, Weinedel von 1687=]

Am Eingange zum heutigen Friedhof ist die Gruft der Familie Baumgärtner als Pavillonbau errichtet, die in Umriß und Detail ganz den barocken Geist ihrer Entstehungszeit um 1720 atmet. (Abb. 4.) Wohl das schönste schmiedeeiserne Ziergitter der Barockzeit ist an der Eingangstür zur Löhrschen Gruft erhalten, die um 1740 erbaut wurde und in ihren reichen Architekturmotiven schon den Geist des Rokoko charakterisiert. (Abb. 5.) In der klassizistischen Zeit werden die Formen einfacher. Die Friedhofsmauer erhält meist nur eine Inschriftstafel oder eine Nische mit plastischem Schmuck, wie beispielsweise die Grüfte der Familien Storch und Meißner um 1790 und Weinhold und Sixdorf um 1804.

[Illustration: Abb. 4. =Baumgärtnersche Gruft.= Um 1720]

Ausgangs des achtzehnten Jahrhunderts entstand auch die Hospitalgruft, die in ihren klaren Formen so recht ein charakteristisches Beispiel der Zeit ihrer Entstehung darstellt. Sie wurde in den Jahren 1783 bis 1786 an der Westseite der ehemaligen II. Abteilung des Friedhofes auf drei eingegangenen Begräbnisstellen erbaut und diente zur Beisetzung für Ratsmitglieder, Universitätsverwandte und angesehene Bürger und Mitglieder des Adelsstandes, die bisher in der Pauliner Kirche beigesetzt worden waren. Ein schönes Beispiel der Neugotik ist in der Gruft der Familie Kistner von 1810 noch gut erhalten.

[Illustration: Abb. 5. =Barock-Grüfte am Eingang des alten Johannisfriedhofs=

Rechts die Löhrsche Gruft von 1740. Das Gitter ist jetzt entfernt]

[Illustration: Abb. 6. =Grabmal Simon Sperlings von 1714=]

Freilich zeigen aus dieser und der nachfolgenden Zeit manche Grabstätten deutlich die Not der Zeit und den langsamen Verfall künstlerischer Ursprünglichkeit.

[Illustration: Abb. 7. =Jägersches Grabmal.= Um 1730, 1800 erneuert]

Die Erbbegräbnisse umschließen die drei Friedhofsteile. Sie geben die Grenzen für die so gebildeten Friedhofsräume. Innerhalb dieser festen Raumgrenzen kann sich die Grabmalkunst individuell an den Einzelgräbern entfalten, ohne die gewisse Einheit des Friedhofsbildes zu zerstören. Und wie aus der Umgrenzung sprechen auch aus den Einzelmalen die Jahrhunderte zu uns. Köstliche Beispiele des Barocks und Rokokos bringen in ihren anstrebenden, koketten, graziösen Formen selbst im Tode noch die Lebensfreude dieser Zeit zum Ausdruck, die Tage der Feste und des königlichen Glanzes. Das Zeitalter der Romantik zog herauf. Die teils bewußte, teils unbewußte Unbehaglichkeit und Unzufriedenheit mit den vorhandenen Zuständen, diese Art von Weltschmerz über die Verbildung und Falschheit der Zeit macht sich geltend in sentimentaler Wehmut, in dem Suchen nach einer besseren und einfacheren Lebensweise. Eine Zeit der inneren Einkehr, des Schmerzes, der Sehnsucht brach an: Das Zeitalter der Empfindsamkeit. Wo konnte sie klareren Ausdruck finden als im Friedhof, da doch Friedhofsstimmung sie im Innersten beherrschte.

[Illustration: Abb. 8. =Poletscher Grabstein von 1806=]

Kindergenien, die man in der vorausgegangenen Zeit Amoretten nannte, die Genien mit der Fackel, die weinenden Grazien, die trauernden Nymphen und Dryaden, Psyche selbst, der Schmetterling als Psyche, endlich Blumenkränze, Festons und Inschriften sind die Ausdrucksmittel der Empfindung. Sie schmücken Obelisken, Pyramiden, abgebrochene Säulen, Sarkophage. Die Totenurne spielt auf einmal eine merkwürdige Rolle in der Plastik. Wir finden sie überall, nicht nur im Friedhof, verwendet, ohne daß sie irgendwie eine andere Begründung hätte, als die allgemeine Stimmung der Zeit zum Ausdruck zu bringen.

[Illustration: Abb. 9. =Grabmal der Familie Gehricke=]

Wenn wir einen alten Friedhof aus diesen Zeiten betreten, so spüren wir unbewußt diese Wahrhaftigkeit im Ausdruck und werden ergriffen von der stillen Weise seines Charakters, wie alles zusammenzugehören scheint, wie nicht nur das einzelne Grab, sondern die Friedhofsgemeinschaft zu reden beginnt von der Seele, die jener Zeit innewohnte. Nicht Wissenschaft und Logik, noch weniger Originalitätssucht leiten die Künstler, sondern innige Schlichtheit als Ausdruck eines tiefen echten Gemütes. So entstehen die einfach schmucklosen Grabplatten oder die in ihrem Umriß so fein abgewogenen kubischen Steine, und wo reichere Formen auftreten, gehören sie mehr oder weniger dem antikisierenden Stil des Empire an, aus dem ja überzeugend der empfindsame Geist spricht. Hierzu kommen die intimen Reize, die die Natur im Laufe der Zeit hervorgezaubert hat. Die aus gleichem Material geschaffenen Steine sind gleichmäßig verwittert und mit der Natur eng verwachsen. Sie webt einen dichten Schleier von eigenem Zauber um diese Monumente von Stein. Die beschattenden Bäume breiten schützend ihr Blätterdach über das Ganze, der Efeu klettert schirmend am Gestein empor oder überzieht die vielfach verwendeten Grabplatten, die so feierlich wirken und bis vor kurzem so ganz von uns vergessen waren. Welch malerische Stimmung und unvergleichliche Ruhe und Anmut liegt in solchem Friedhofsbild.

Wie anders auf unseren Friedhöfen, hundert Jahre später, mit dem wirren Wald von Kreuzen, Denksteinen und prunkenden Malen in den verschiedensten Materialien, als die Denkmalkunst in die Hände betriebsamer Steinmetzgeschäfte überging. Und wie im Leben sucht auch an der Stätte des Todes einer den anderen zu überbieten, keiner nimmt Rücksicht auf den Nachbar, niemand fragt, ob er mit seinem aufwendigen Mal alles andere totschlägt, im Gegenteil, letzten Endes verfolgt man dieses Ziel. So charakterisieren diese Steinfelder unserer Friedhöfe das Zeitalter der Unkultur treffender noch als manches Straßen- und Platzgebilde der Großstadt.

Mit der Wende des Jahrhunderts haben wir die Reformierung der Grabmalkunst in Angriff genommen. Seitdem erinnert man sich wieder der Schönheiten alter Friedhöfe. Die Höhe der Denkmäler, die Größen, das Material wird vorgeschrieben. Alles mit teilweise gutem Erfolg. In formaler Beziehung ist schon manches gewonnen, in zwecklicher Hinsicht viel erreicht, die Organisation des Begräbnisbetriebes ist mustergültig. Trotz allem aber haben wir noch keinen Friedhof wieder, wie ihn uns die Vorfahren hinterlassen haben. Wir Architekten und Gartengestalter mühen uns um die Form. Der Friedhof als Ganzes aber ist erst zu bauen mit Hilfe der Gemeinschaft des Volksganzen, getragen von einem Fühlen, einem Sehnen, einem Wollen. Diese Grundlage gab einst die Religion. Wir aber sind heute vielfältig zersplittert in unseren religiösen und geistigen Anschauungen, was in allen unseren Werken der Kunst zum Ausdruck kommt. Wir werden auch keine neue überzeugende Friedhofsgestaltung erreichen, bevor wir nicht einen gemeinschaftlichen Boden der Anschauung gefunden haben, der in der Seele des Volkes Wurzel geschlagen hat. Das Friedhofsproblem ist nur zu lösen, wenn es gelingt, den Friedhof wieder eng mit der Volksgemeinde verwachsen zu lassen. Das ist im großen Zentralfriedhof nicht möglich. So müssen die Friedhöfe wie die Großstädte selbst zu Einzelgebilden aufgeschlossen werden. Die Dezentralisation scheint mir die notwendige Voraussetzung zu sein für die Gewinnung einer neuen Friedhofskultur. Und wenn wir im an und für sich zu großen Friedhof reformierend eingreifen wollen, so müssen wir vor allem eine Gliederung in klar erkennbare Einzelteile durchführen.

[Illustration: Abb. 10. =Sommerbild vom Friedhof=]

Der alte Johannisfriedhof in Leipzig kann dafür manchen Hinweis geben. Hier können wir die Bedeutung der Abgeschlossenheit studieren, die wir für unseren neuen Friedhof so dringend bedürfen. Sie wird durch Schaffung nicht zu großer, als Räume noch fühlbarer Teile erreicht. Hier ist die Konzentration der Gedanken erst möglich. Wir müssen uns bewußt werden, daß die Stimmung des Friedhofes um so friedlicher wird, je größer und tatsächlicher die Abgeschlossenheit ist. Sie kann, wie im Johannisfriedhof, durch die Erbbegräbnisse ausgestaltete Mauern erzielt werden, oder auch durch Hecken, und deren beider raumbildende Wirkung durch begrenzende Baumpflanzung erhöht werden. In solch geschlossenem Raum fügen sich dann die Gedenksteine um so besser und harmonischer ein, je bescheidener und gleichartiger sie gestaltet sind. Hier wird Beratung und gelinder Zwang von hoher Warte aus heute noch notwendig sein, um Geschmacklosigkeiten, wie wir sie vielfach in den Steinlagern unserer Steinmetzbetriebe finden, zu verhindern. Dann wird sich das Friedhofsbild auch wieder zu einem harmonischen entwickeln und Ruhe und Frieden über solchem Totengarten liegen.

Möchte das Gemeinschaftsleben, das breite Volksschichten ersehnen, sich stark und mächtig entfalten. Das wird auch der Kunst förderlich sein, um so eher werden Vorschriften für den Einzelnen entbehrlich werden und unsere Friedhöfe wieder zu Stätten wahrer Volkskunst sich entwickeln. Nach welcher Richtung wir streben müssen, vermag in vielem solch alte Friedhofsschöpfung, wie der Johannisfriedhof, zu zeigen.

Schon rüttelt die fortschreitende Zeit an seinen Grundmauern. Das neue Grassimuseum rückt ihm gewaltig nahe und das Zukunftsprojekt zieht diesen Friedhof, wenn auch nach Möglichkeit weise schonend, in die Museumsanlage ein. Möchte der Geist solch alter Friedhofsstätte darum bald vielfältig lebendig werden in unseren neuen Schöpfungen, damit auch unsere Friedhöfe wieder charakteristisch Ausdruck geben von der Stimmung, die der Tod auslöst im menschlichen Gemüt.

Leipziger Kirchen

Von _Hans Nachod_

Eigenaufnahmen des Heimatschutzes

Leipzig kann keine Kirchenbauten aufweisen, die in der Geschichte der Architektur als Marksteine des Baugeistes der Nation Erwähnung verdienten. Bis zum Ende des Mittelalters war es, wie ja allgemein bekannt ist, ein Ort von geringer Bedeutung, und vollends in den frühen Jahrhunderten dieser Periode wird es nur ein kleiner Burgflecken gewesen sein, der eine ganz untergeordnete Rolle spielte. Als Stadt gehört Leipzig nicht zu den Neugründungen, die der großen Kolonisation der slawischen Gebiete am Ostrande des Reiches unter den sächsischen Kaisern ihre Entstehung verdankten, und denen in dieser Zeit allgemeinen Aufschwunges westliche Kultur in breitem Strome zufloß. Es ist damals und auch späterhin nicht Sitz eines Bischofs geworden und hat keine Kathedralkirche erhalten, und keiner der großen Mönchsorden, die sich die Bekehrung und Zivilisierung des neugewonnenen Landes als Aufgabe gestellt hatten, hat in den entscheidenden Jahrhunderten eine Niederlassung in dem Sumpfwinkel zwischen Elster, Pleiße und Parthe anlegen wollen. So hat sich die deutsche Ansiedlung bei dem slawischen Fischerdorfe Lipzk als ein kleiner lokaler Mittelpunkt eines der Burgwarte der Mark Meißen bis ins zwölfte Jahrhundert mit einem Kirchlein von ganz bescheidenen Ausmaßen begnügt, von dem wir nichts weiter wissen, als daß es durch eine Schenkung Kaiser Heinrichs II. im Jahre 1017 an das Bistum Merseburg gekommen ist und daß es möglicherweise an der Stelle der Nikolaikirche gestanden hat. Nachdem um 1160 Markgraf Otto dem Ort Stadtrecht verliehen und die offenbar schon bestehenden Märkte bestätigt hatte, machte sich noch im zwölften Jahrhundert für die rasch angewachsene Stadtgemeinde eine größere Kirche nötig. Von dieser sind jetzt nur noch wenige Bauteile übrig, die vor etwa zwanzig Jahren nahe dem Chor der Nikolaikirche zutage gekommen und an dessen Außenwand eingemauert worden sind. Im dreizehnten Jahrhundert sind zwar die beiden Bettelorden, die in der ganzen damaligen Welt den Anstoß zu neuen großen Kirchenbauten gegeben haben, verhältnismäßig früh nach Leipzig gekommen, die Dominikaner schon 1229, die Franziskaner noch vor Mitte des Jahrhunderts, und sie errichteten ihre Kirchen. Vorher hatte aber Markgraf Dietrich seiner 1212 bestätigten Gründung, dem Thomaskloster, nicht nur eine Kirche gebaut, sondern auch die Nikolaikirche unterstellt. Diese Zersplitterung der Kräfte hat gewiß verhindert, daß ein größerer Bau in Leipzig entstand, und erst das erstarkende Bürgertum der nächstfolgenden Zeit hat die Mittel zu Umbauten und Erweiterungen der vier Kirchen der Stadt gegeben. Zunächst wurden im fünfzehnten Jahrhundert die Thomaskirche der Augustinerchorherrn und die Ordenskirchen der Franziskaner (Barfüßer) und der Dominikaner (Pauliner) den neuen Bedürfnissen der Predigt entsprechend umgestaltet, bereits im sechzehnten Jahrhundert, kurz vor der Reformation, folgte dann die Nikolaikirche.

[Illustration: Abb. 1. =Thomaskirche.= Blick auf die Orgel vom Chore aus. Heutiger Zustand]

So steht in Leipzig keine Kirche, die in ihren Hauptteilen über die spätgotische Periode zurückginge, und alle haben im Laufe der letzten Jahrhunderte noch durchgreifende Veränderungen erfahren, die ihre äußere und innere Erscheinung wesentlich beeinflußt haben. Drei dieser Kirchen sind aber auch so noch sehenswerte Denkmäler früherer Perioden der Stadtgeschichte.

[Illustration: Abb. 2. =Thomaskirche.= Zustand vor 1877, nach Zeichnung von Kratz

Über der Empore links der Fürstenstuhl]

[Illustration: Abb. 3. =Thomaskirche.= Grab des Ritters Hermann von Harras († 1451)

(Das Denkmal ist erst gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts entstanden)]

Der Thomaskirche, deren unvergänglicher Ruhm es geworden ist, daß Johann Sebastian Bachs unsterbliche Werke zum ersten Male in ihr erklungen sind, und die noch heute die große, fast vierhundertjährige Tradition der protestantischen Kirchenmusik in vorbildlicher Weise pflegt, hat die letzte Restauration in der schlimmsten Epoche deutscher Baugeschichte (um 1880) im Inneren die imponierende Raumwirkung nicht rauben können, obwohl aus dieser Zeit die Bemalung stammt, die ihrer Würde so ganz und gar nicht entspricht. Sie präsentiert sich beim Eintritt durch das ganz moderne Westportal und ebenso vom Chore aus mit ihren drei gleichhohen Schiffen, deren Gewölbe von schlanken aufstrebenden Achteckspfeilern getragen werden, als eine helle geräumige Halle von vornehmen ruhigen Proportionen, und die an drei Seiten umlaufenden, bis annähernd in Drittelhöhe heraufreichenden Emporen, die man gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts eingebaut hat, würden diesen Eindruck viel weniger stören, wenn sie nicht durch den auffallenden, wenig erbauenden Bilderschmuck, den sie vor einigen Jahrzehnten erhalten haben, noch besonders hervorgehoben würden.

[Illustration: Abb. 4. =Thomaskirche.= Grabsteine des Ehepaars von Wiedebach (1517)]

Das achtjochige Langhaus ist nach einem einheitlichen Plane von 1483 bis 1496 dem eigentümlich verkümmerten Querschiff und dem niedrigen einschiffigen Chor aus einer etwa siebzig Jahre früheren Bauperiode vorgelegt worden, die gegen das Langhaus schief orientiert sind. Dieser ältere Bauteil wirkt als eine dunkle Masse, da er sein Licht nur durch die nicht besonders hohen, heute zudem mit dunklen Glasbildern versehenen Fenster im fünfeckigen Chorabschluß erhält. Von dem Aussehen der Kirche in katholischer Zeit werden wir uns heute schwerlich mehr ein Bild machen können, da von ihrer inneren Ausstattung, wie auch von der Ausschmückung der Kapellen, die an die Seitenschiffe anschließend, noch bis zur Zeit des letzten Umbaus standen, das Meiste längst verloren ist. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert hatten sich über den Emporen und sogar über dem Triumphbogen vor dem Chore balkonartige Logen von den verschiedensten Formen eingenistet, die ein sehr malerisches Bild geboten haben müssen, allerdings zum Teil die Seitenschiffenster verdeckt haben werden. Die moderne puristische Restauration hat damit aufgeräumt. Dadurch ist eine gewisse freudlose Nüchternheit in die alte Kirche eingezogen – bekanntlich das Schicksal vieler alter Kirchen in protestantischen Gegenden. Die prächtigste Loge, der 1683 zur Erinnerung an die Türkensiege Kurfürst Johann Georg III. über der linken Seitenempore aufgebaute »Fürstenstuhl« ist sogar noch 1889 abgebrochen worden, »weil er in den Stil der Renovation nicht paßte.« Er konnte aber später wenigstens Aufnahme im Stadtgeschichtlichen Museum finden.

Von den zahlreichen Grabmälern aus älterer Zeit sind immerhin noch mehrere in der Kirche erhalten, z. B. der gut gearbeitete Grabstein des Hermann von Harras, ein ausgezeichnetes Beispiel einer Ritterfigur aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, aus dem Jahre 1517 der Doppelgrabstein des kurfürstlichen Amtmanns Georg von Wiedebach und seiner Frau Apollonia mit den sehr charakteristischen Porträtfiguren des Paares, dessen Züge uns auch durch Cranachsche Bildnisse im Museum überliefert sind, und die ausgezeichneten Bronzeplatten mit Reliefbildern der beiden in der Geschichte des sächsischen Protestantismus berühmten Pfarrer Nikolaus Selnecker († 1592) und Johann Benedikt Carpzow († 1699). Die Kirche ist außerdem noch reich an architektonisch gestalteten und meist mit Reliefs gezierten Epitaphien des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts.

Außen dominiert für den Eindruck das hohe Satteldach und der über dem südlichen Querschiffrest aufragende Turm mit seinem sich zu achteckigem Baukörper verjüngenden schlanken Oberbau, der in eine kupfergedeckte Haube des achtzehnten Jahrhunderts ausgeht.

[Illustration: Abb. 5. =Nikolaikirche.= Blick in den Chor. Heutiger Zustand]

Die Nikolaikirche ist heute in ihrem Inneren das Ergebnis des höchst interessanten Versuches einer architektonischen Neuschöpfung des achtzehnten Jahrhunderts. Dem damaligen Baudirektor der Stadt, Johann Friedrich Dauthe, einem Künstler von starker Individualität, war die Aufgabe gestellt worden, die aus den Jahren 1513–1525 stammende dreischiffige spätgotische Hallenkirche von fünf Jochen, die in ihren Maßen etwa denen der Thomaskirche entsprachen, umzubauen, und er machte aus den schon ursprünglich eigenartig als Palmenstämme dekorierten achteckigen Pfeilern des Schiffes und dem gotischen Rippengewölbe einen ganzen Palmenwald in klassizistischem Stile. Wie Gurlitt hervorgehoben hat, war auch die zu dieser Zeit herrschende Ansicht, daß das gotische Netzgewölbe mit Erinnerungen an Palmen zusammenhinge, für diese Wahl maßgebend. Die Pfeiler wurden zu wuchtigen kanellierten Säulen, und eine breite Kapitellzone, die mit aufgereihten flach gehaltenen Palmenblättern bedeckt und von einer Rundplatte mit schön gerundetem Eierstab bekrönt erscheint, angeblich ein ägyptisches Kapitell, vermittelt nach oben zu den dichten Bündeln von Palmwedeln und Fruchtstengeln, die der Architekt mit noch ganz barockem Empfinden an den Gewölbeansätzen in Stuck hat auftragen lassen. Das Gewölbe selbst ist äußerst geschickt zu einer Kassettendecke umgedeutet. Diese architekturgeschichtlichen »Unmöglichkeiten« sind nun mit einem so sicherem Geschmack und einem so klaren Gefühl für die Proportionen des Raumes gestaltet worden, daß der Eindruck eines festlichen Saales erreicht ist, ohne daß die Würde des Kirchenraumes einen Augenblick außer acht gelassen wäre. Zu der geschlossenen Haltung des Ganzen tragen auch die breiten Horizontalen der streng geformten Doppelemporen bei, deren oberes Stockwerk das Gebälk einer ganz klassisch durchgebildeten korinthischen Säulenordnung ist. Auch farbig ist der Raum außerordentlich wohltuend in seiner bis zu den Sitzbänken einheitlich durchgeführten weiß-goldenen Dekoration und selbst die kleinsten Einzelheiten, wie der Schriftduktus der Nummern an den Bänken, sind dem Ganzen angepaßt. Dem Chorabschluß sind durch Dauthe je zwei hohe Fensteröffnungen zu beiden Seiten einer schlicht gehaltenen Altararchitektur belassen worden, und er wirkt daher in seiner guten Beleuchtung als gleichwertige Fortsetzung des Hauptsaales.

[Illustration: Abb. 6. =Nikolaikirche.= Blick in den Chor nach Aquarell von K. B. Schwarz (um 1784)]

Von dem ursprünglichen Aussehen des Kircheninnern hat man durch zwei kurz vor Dauthes Umbau gemalte Aquarelle Kenntnis, und wenn man auch bedauern mag, daß manche hübsche Einzelheiten völlig verschwunden sind, wird man doch angesichts einer so mutigen und künstlerisch bedeutenden Tat, wie sie diese Umwandlung darstellt, sehr zufrieden sein, daß ein so eigenartiger Baugedanke Verwirklichung gefunden hat. Das hervorragendste Einzelkunstwerk aus der älteren Kirche ist die wahrscheinlich 1521 entstandene Kanzel, an deren Brüstungswänden unter reichen gotischen Baldachinen die Gestalten des Schmerzensmannes und der vier Kirchenväter in hohem Relief erscheinen. Sie ist ein Zeugnis für die mit dem zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts rasch aufsteigenden Reichtum der Stadt verbundene letzte üppige Blüte der Spätgotik in unserer Gegend.

[Illustration: Abb. 7. =Nikolaikirche.= Blick auf die Orgelwand nach Aquarell von K. B. Schwarz (um 1784)]

In ihrem Äußeren ist die Nikolaikirche ein merkwürdig formloses Gebilde von geringem künstlerischem Wert. Doch hat die massige Westfassade mit ihrem mitten zwischen zwei alten Turmstümpfen sich erhebenden Barockturm, der dem der Thomaskirche verwandt ist, entschieden einen malerischen Reiz.

[Illustration: Abb. 8. =Nikolaikirche.= Kanzel von 1521]

[Illustration: Abb. 9. =Paulinerkirche.= Blick auf die Orgel vom Chore aus]

Die Paulinerkirche, die mitsamt dem umfangreichen Gebäudekomplex des dazugehörigen Klosters nach dessen Säkularisation 1543 an die Universität kam und seitdem als Universitätskirche dient, hat ihren letzten Umbau zusammen mit dem Neubau der Universitätsgebäude in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts durchgemacht. Sie ist dabei im Inneren ihrem allgemeinen Charakter nach eine spätgotische Hallenkirche von etwas kleineren Dimensionen mit drei Schiffen und einem dreigeteilten Chor geblieben. Auch die Einzelformen, die sie durch die zwei letzten Bauperioden der Dominikaner erhalten hatte (um 1485 und 1520), sind im allgemeinen erhalten worden. Für die Beleuchtungsverhältnisse und die Raumwirkung des Langhauses ist es von Bedeutung, daß, wahrscheinlich im sechzehnten Jahrhundert, das obere Stockwerk über dem an die Südwand der Kirche anstoßenden Kreuzgangflügel als Erweiterung der rechten Empore in den Kirchenraum einbezogen worden ist. Die Emporen, die das Schiff auf drei Seiten umrahmen, stammen in ihrer heutigen Gestalt aus dem Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, die prachtvolle geschnitzte Kanzel in frühem Rokoko aus dem Jahre 1738.

[Illustration: Abb. 10. =Paulinerkirche.= Kanzel von Valentin Schwarzenburger (1738)]

[Illustration: Abb. 11. =Paulinerkirche.= Epitaphien G. T. Schwendendörffer (1685), M. H. Horn (1686), J. J. und H. E. Pantzer (1673)]