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Part 1

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Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden

Mitteilungen Heft 7 bis 10

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XV

_Inhalt_: Vom Werden und Sein des Leipziger Landes – Vom Auenwald – Leipziger Land – Altertümliche Lehmwandmuster aus Nordwestsachsens Grenzdörfern – Die Harth und ihr Wert für die Großstadt Leipzig – Werden und Verändern der Vogelwelt im Leipziger Gebiet innerhalb der letzten Jahrzehnte – Leipziger Volksbräuche in alter und neuer Zeit – De Heimat – Bücherbesprechungen

Einzelpreis dieses Heftes 6 Reichsmark

Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24

Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 Stadtbank Dresden 610

Bankkonto: Commerz- und Privatbank, Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden Bassenge & Fritzsche, Dresden

Dresden 1926

_Zur freundlichen Beachtung!_

Im Grundstück _Dresden_-A., Altmarkt 4

(neben Goldmann) haben wir im 1. Stock

_Ausstellungsräume_

eröffnet, wo monatlich abwechselnd kleinere Ausstellungen aus dem weiten Tätigkeitsgebiet unseres Vereins stattfinden sollen.

Als erste Ausstellung ist von jetzt ab eine

Weihnachts-Verkaufsausstellung

heimatlicher Volks- und Kleinkunst

veranstaltet. Wir bitten um regsten Besuch.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

/4 Band XV Heft 7/10 1926 4/

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben

Abgeschlossen am 30. September 1926

Vom Werden und Sein des Leipziger Landes

Von _Richard Buch_

Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Es hat lange gedauert, bis man der Eigenart und damit der Schönheit des Leipziger Landes gerecht geworden ist. Noch vor fünfzig, sechzig Jahren galt unsere Heimat wegen ihres Mangels an ausgeprägter oder auch nur deutlicher Romantik ganz allgemein für öde, reizlos und langweilig. Diejenigen, die heute noch mit Geringschätzung auf sie herabsehen, können sich auf berühmte Namen berufen (H. v. Treitschke, Ratzel u. a.). Und wer es liebt, »klassische Zeugen« für sich in Anspruch zu nehmen, der könnte hinweisen auf Goethe, auf jene bekannte Beurteilung der Leipziger Gegend in den aus Dichtung und Wirklichkeit gewobenen Lebenserinnerungen des Dichters. Es war ja, nach Goethes eigenen Worten, neben anderen Umständen vor allem der Mangel an schönen und erhebenden Natureindrücken, der ihn während seines Leipziger Aufenthalts jener Richtung des Schaffens zutrieb, die ihn alles in sich selbst suchen ließ und so seine Dichtungen zu Bruchstücken einer großen Konfession machte.

Aber die Anschauungen haben sich gewandelt. Wie sich in der Kunst ein Wechsel vollzogen hat von der sogenannten »erhabenen Landschaft«, die kaum ohne ruinengekrönte Felsen und stürzende Wasserfälle zu denken war, bis zur Darstellung des schlichten im Sonnenflimmer daliegenden Ährenfeldes, so hat sich auch in der Landschaftsbetrachtung ganz allgemein ein Wandel geltend gemacht, bei dem das Was hinter das Wie der Erscheinung stark zurückgetreten ist. In unseren Tagen, wo uns die Kunst gelehrt hat, daß keine Gegend ohne Schönheit ist, wo die einst landschaftlich gänzlich verachtete Heide für Tausende zum Gegenstand schwärmerischer Verehrung geworden ist, wo ein Richard Linde uns die herben Reize der weiten Geest- und Marschbreiten an der Niederelbe in Wort und Bild begeistert verkünden durfte, da kann es auch nicht mehr als Wagnis gelten, von den Schönheiten unserer Leipziger Heimat zu reden. Seitdem uns die Malerei die Augen dafür geöffnet hat, daß selbst im flachen, eintönigen Bauernland jede schlichte Ackerfurche im Wechselspiel von Licht und Farbe eine Fülle malerischer Eindrücke offenbaren kann, wird kein sinniger und empfänglicher Betrachter unserer Leipziger Landschaft in Abrede stellen, daß auch sie Schönheiten über Schönheiten in sich birgt. Freilich liegen die Schönheiten nicht an der Straße. Sie sind dem Tagesgetriebe entrückt. Man muß sie suchen, mit der Seele suchen. Darum aber kann man sie auch still genießen, sie mit ruhigen geistigen Atemzügen in sich aufnehmen. Und wer das gelernt hat, der weiß, daß man sich Stimmungen nicht nur in den Bergen oder am weiten unendlichen Meere suchen kann, und der versteht, daß eine gemütvolle Heimatkunst, wie sie ein Max Heiland und andere Landschafter neben und nach ihm gepflegt haben, auch im Leipziger Lande wohl eine Stätte haben kann.

Wenn man sich der anmutigen Züge unserer Landschaft freuen will, dann darf man sich nicht an anderen Gegenden verdorben haben. In fremden Landen sich umgeschaut zu haben, ist der Betrachtung der schlichten Heimat noch niemals abträglich gewesen; man darf nur keine falschen Maßstäbe aus der Ferne mitbringen und sie unberechtigter Weise auf die Heimat übertragen. Unser Leipziger Land ist _Tiefland_, Flachland, ein Teil jener großen Ebene, die sich von Frankreich bis zu den baltischen Provinzen breitet. Als Ebene will das Leipziger Land betrachtet, als Ebene landschaftlich genossen sein. Wer unsere Gegend ob ihres Mangels an überraschenden Gegensätzlichkeiten tadelt, wer sie verachtet und langweilig schilt, weil ihr kühnanstrebende, reizvolle Steilformen fehlen, der verlangt – ja was verlangt der eigentlich? – der verlangt, daß das beschauliche, abgeklärte Alter das himmelstürmende, trotzige Feuer der Jugend besitzen soll.

Denn unsere Landschaft ist, erdgeschichtlich betrachtet, alt – sehr alt; sie zeigt durchaus die milden, vom Abendschimmer verklärten Züge des Greisenantlitzes. Unsere so hochgeschätzte Alpenlandschaft mit ihren zackigen Firnen, mit ihren tollkühnen, sich überstürzenden Wildbächen, mit ihren kindlich-träumerisch blickenden blauen Seeaugen ist von knabenhafter Jugendlichkeit gegen unser weites flachwelliges Tiefland. Im Gleichklang ihrer weichen, ruhigen Formen läßt uns diese Ebene kaum mehr ahnen, daß auch hier einst kühne Bergwellen mit zackigen Kämmen und hochaufstrebenden Firsten sich dahingezogen haben. Es war einmal! Aber nicht vor hundert oder vor tausend Jahren wie im Märchen, sondern vor Zeiten, denen gegenüber unser Vorstellen und Denken versagt. – »Mitteldeutsche Alpen« hat man dieses Gebirge urvergangener Tage genannt; »variskisches Gebirge« pflegt es die Wissenschaft zu nennen. – Das Wasser, das talwärts stürzende, strömende, fließende, rieselnde, sickernde Wasser mit seiner unwiderstehlich nivellierenden, einebnenden Macht hat das vielgestaltige Bergland so lange erniedrigt, bis die letzten Hügel und Bergkämme entfernt und die letzten Rinnen und Schluchten mit Schutt- und Trümmermassen ausgefüllt waren, bis die abtragenden Gewässer im trägen Lauf dahinschlichen, bis selbst dem Winde, dem treuen Arbeitsgenossen des nagenden Tropfens, kein Angriffspunkt mehr blieb, weil er die letzten Splitterstäubchen des letzten Felsenkammes längst über die weite Niederung hingebreitet hatte.

Tief, tief im Schoße unserer Heimaterde, unter weitausgedehnten Lehm-, Kies-, Sand-, Braunkohlen- und Porphyrdecken, in Tiefen, die zum Teil nur das Auge der Wissenschaft erreicht, die sich nur den Mitteln der modernen Technik erschließen, da liegt heute der felsige Rumpf _unserer_ Alpen begraben, der übrig gebliebene Kern, der Stumpf dieser Uralpen. Meilenlange Risse und Spalten haben ihn in der Folgezeit zerrüttet. Gigantische Schollenverlagerungen, die die Erde bang erzittern ließen, haben bewirkt, daß die uralte Grauwacke des unterirdischen Gebirgsklotzes bis in die Höhen der heutigen Erdoberfläche »verworfen« wurde, so daß die Menschen einer späteren Zeit unmittelbar vor den westlichen Toren Leipzigs (Kleinzschocher) und auch südlich der Stadt (Otterwisch, Hainichen) im Flachlande Steinbrüche, richtige Steinbrüche, anlegen konnten. Leider ist es trotz angestrengter Bemühungen nicht möglich gewesen, die merkwürdigen Steinbruchswände von Kleinzschocher als die interessantesten geologischen Naturdenkmäler der Leipziger Umgebung vor der Verschüttung zu bewahren.

Seitdem das Wasser das nordsächsische Grauwackengebirge abtrug, ist es der bildende und formende Meister unserer Landschaft bis heute geblieben. Als rollende Meereswoge, als verlandender Sumpfsee, als breiter Wannenfluß und vor allem als blaues kristallnes Inlandeis hat es erniedrigend und auffüllend, hier grobschichtig formend, dort feingliedrig ziselierend, an dem Antlitz unserer Heimat gearbeitet, langsam und oft unmerklich, so daß sich seine tausendjährigen Arbeitsstunden zu Jahrmillionen der Erdgeschichte rundeten.

Nur noch einmal in dieser langen Geschichte unserer Heimat, und zwar noch im Frührot derselben, als der gewaltige Gebirgsabtragungsprozeß noch im Gange war, hat sich die Erde bei uns darauf besonnen, daß ihr noch andere Werkmeister zu Gebote stehen als der stetig und still schaffende Wassertropfen. Dämonenhafte Mächte aus Plutos unterirdischem Reiche türmten mit titanenhafter Kraft und gewaltigem Ungestüm aus glutigem Magma und heißen Aschenmassen trotzige Berge, breite Felsdecken und runde Aschentuffhügel empor. Keines Menschen Auge hat das grandiose Schauspiel ihrer Tätigkeit geschaut; aber wir wissen: die größten Lavaausbrüche mit ihren verheerenden Begleiterscheinungen, die die Menschheit erlebt hat, verschwinden im Vergleich zu den Ereignissen, die damals unsere Heimat erschütterten. Die Luft war weithin durch Aschenmassen verfinstert, aus denen Steine, Aschen und rauschender Regen niederstürzten. Ausgedehnte Sumpfwälder versanken unter Aschenschichten. Farnbäume, Riesenschachtelhalme und altertümliche Nadelhölzer wurden von strömenden Schlammassen verschlungen; glühende Lava, deren rotglutiger Schein die Finsternis kaum zu durchdringen vermochte, brach in rascher Folge an den verschiedensten Stellen unserer Heimat hervor, hier runde Quellkuppen, dort breite Decken formend; kochend heiße Schlammströme verhärteten zu roten ungeschichteten Tuffen.

[Illustration: Abb. 1. =Blick von der Kirche zu Röglitz ins Auenland=]

Der weithin schauende Rochlitzer Berg, die dunkelbewaldeten Porphyrkolmen (Kohlenberg), die heute aus der Gegend von Beucha und Brandis in die Leipziger Ebene grüßen, die burgengekrönten Felsen bei Colditz und Grimma, die in einem tiefeingeschnittenen malerischen Tale die heutige Mulde bergen, die breiten Porphyrdecken, die sich bei Buchheim, Ebersbach, Frohburg und anderorts zum Teil unterirdisch dahinziehen, der Petersberg bei Halle, von dem in frühgeschichtlicher Zeit fromme Klosterglocken ins Land hineinriefen, die Höhen, die im Norden bei Landsberg in blauer, dunstiger Ferne schimmern, der kleine Kreuzberg drüben bei Taucha-Cradefeld, an dem der Leipziger Rat seine Straßensteine bricht, diese und viele andere Erhebungen wurden damals geboren, in der ersten Hälfte der Dyaszeit, in der Zeit des Rotliegenden, wie die Gelehrten sagen. – Heute ertönt in den erstarrten Porphyrbergen der Umrandungszone der Leipziger Tieflandsbucht das lustige Klingklang der Steinhämmer und das dumpfe Dröhnen der Schotterschlagmaschinen, denn das reichbesiedelte Leipziger Land braucht Werksteine für Häuser, Monumentalbauten und Denkmäler und Steinschlag für die Wege im weichen Boden des Schwemmlandes. Das gewaltigste Wahrzeichen der Leipziger Ebene türmt sich empor aus den grünlichen Quadern des harten Beuchaer Granitporphyrs, und eben erstehen vor dem alten Lotterbau auf dem Leipziger Marktplatz aus dem warmgetönten rötlichen Rochlitzer Porphyrtuff die Eingänge zu der großen Untergrundmeßhalle. – Der Steinbruchsbetrieb hat vielfach die Schönheit der Landschaft beeinträchtigt, er hat aber auch Bilder von besonderer Eigenart geschaffen, wie die Beuchaer Kirchwand, deren starren Linien sich die oft gemalte trutzige Wehrkirche da oben auf der Höhe so wunderbar anpaßt. Geheimnisvoll wie kleine grüne Bergseen muten uns oft die tiefen klaren Wasseransammlungen an, die zwischen den moosfarbenen und flechtengrauen Bruchwänden alter aufgelassener Steinbrüche träumen.

[Illustration: Abb. 2. =Kirche zu Beucha=]

Nach den vulkanischen Umwälzungen der Rotliegendenzeit hat in unserer Heimat, wie gesagt, nur noch das Wasser erdbildend und landschaftsgestaltend gewirkt. Die Einebnung der variskischen Alpenzüge, Hand in Hand mit einer starken Senkung des mitteldeutschen Bodens gestattete es, daß ein weites flaches Meer, vom Ural bis in die Mitte Englands reichend, über den größten Teil Deutschlands hinweggriff. Es war das Zechsteinmeer, das an Ausdehnung, Gliederung, Tiefe und Salzgehalt proteusartig wechselnd, dem deutschen Vaterlande seine gewaltigen Steinsalzlager mit den heute darüberliegenden uralten Hallorten und Sulzbädern, ferner die wichtigen Kalilagerstätten und den versteinerungsreichen Kupferschiefer schenkte, der schon zu den Zeiten bergmännisch gewonnen wurde, da Luthers Vater zu Eisleben und Mansfeld ein armer Häuer »gewest«. – Unser Leipziger Land ist vom Zechsteinmeer wahrscheinlich mit der Randzone berührt worden, aber die Niederschlagsgesteine dieser Zone – Plattenkalke und schöne bunte Letten oder Tone – sind zu unbedeutend, als daß sie Einfluß auf das Landschaftsbild unserer Gegend hätten gewinnen können. Steinbrüche bei Ottenhain-Geithain geben uns von ihrem Dasein Kunde.

Der nicht vom Zechsteinmeer bespülte Teil unseres Vaterlandes war Flachküste. Dünenhügel und Dünenkämme mögen ihr das Gepräge gegeben haben. Je mehr sich das Zechsteinmeer zurückzog und in seinen Resten der Eindampfung verfiel, mußte sich dieser Wüstencharakter über Deutschland verbreiten. Sand, Sand, unendlicher Sand, das wurde die Signatur des trocken gelegten Landes. »Die Luftströmungen, die über der sonnendurchglühten Ebene emporstiegen, führten von allen Seiten stürmische Winde herbei«, und mit ihnen zogen samumartig rötliche Sandmassen daher, deren ungeheures Material den vom Wasser zerstörten Graniten und Gneisen der südlichen Züge der variskischen Alpen entstammte. – »Buntsandsteinzeit« hat man diese Wüstenperiode der Erdgeschichte genannt, denn die vielfarbigen Sande sind in der Folgezeit zu festem Sandstein verkittet worden. Vielfach mag das fließende und nagende Wasser die bunten Sandsteinbänke wieder beseitigt haben, auch bei uns in unserer Heimat. Aber da, wo Schnauder und Rippach ihre Bachbetten in das Leipziger Land gruben, da können wir ihre Reste noch heute beobachten. Weiter nach Süden, Westen, an der Elster und an der Saale gewinnen sie dann auch bestimmenden Charakter für die Landschaft.

In der Buntsandsteinzeit grüßen wir schon das Morgenrot jener umfassenden, Jahrmillionen dauernden Erdepoche, die, als Mittelalter der Erdgeschichte bezeichnet, drei Schöpfungsperioden einschließt: die Trias-, Jura- und Kreidezeit. Es ist der Abschnitt der Erdentwicklung, wo sich die aufbauende Tätigkeit der Ozeane und Meere ins Allgewaltige steigert. Aus dem Muschelkalkmeere schlagen sich die zweihundert Meter mächtigen Muschelkalkbänke nieder, von deren Höhe heute stolze Burgen ins freundliche Saaletal herabschauen. Im Jurameer, in dessen Wogen sich die fabelhaften durch Viktor Scheffels feuchtfröhliche Laune so berühmt gewordenen Saurier tummelten, bauen sich aus tierischen Kalkresten die gewaltigen Juragebirge auf. In den Flachseen der Kreidezeit bilden sich aus den Kalkgehäusen unzähliger mikroskopischer Kleintiere die weißen Felsen der Schreibkreide, auf Rügen zum Beispiel und in der Champagne, aus eingeschwemmten und eingewehten Sandmassen aber auch die Quadersandsteine unserer Sächsischen Schweiz. Von all diesen Schöpfungsvorgängen aber bleibt unsere Heimat unberührt. Während sich das Land umher senkt und so den ozeanischen Fluten Zutritt gewährt, bleibt das böhmische Massiv mit einem nordwestlichen Ausläufer, also auch unsere Scholle, Festland, oft inselartiges Festland. Und so fehlen in der Schichtung unseres heimatlichen Bodens wichtige erdgeschichtliche Nachweise; die Chronik unserer Heimaterde zeigt hier eine schmerzliche Lücke.

Als nun die Neuzeit der Erdgeschichte anbricht, als die Alpen von heute zu strahlender Schönheit aufsteigen, als von der Eifel bis zum schlesischen Gebirge erneut lava- und aschespeiende Vulkane lohen und die Basaltkuppen des Erzgebirges der Tiefe entquellen, als zwischen Schwarzwald und Wasgenwald der Graben einbricht, der heute die lachenden Fruchtgefilde des Oberrheins birgt, als die südliche Flanke des Erzgebirges zur böhmischen Tiefe hinabsinkt, da liegt unsere Heimat inmitten all dieses gewaltigen Geschehens da als eine weite flache, nach Norden und Westen sich senkende offene Wanne. Die weiten Porphyrdecken, die die vulkanischen Gewalten der Rotliegendenzeit einst ausbreiteten, sind an der Oberfläche längst in Verwitterungsschutt zerfallen, und die feinsten Teile dieses Schuttes hat das aufbereitende Wasser als ausgedehnte Lehm- und Sandschichten über das flache Wannenland hingelagert. Subtropisches Klima, wie es heute etwa am Mississippi herrscht, brütet über der Heimat. Zwischen flachwelligen Höhen breiten sich weite Sumpfgewässer und Moore aus. Auf ihren Verlandungszonen und auf dem Waldmoorboden wachsen üppige Sumpfzypressen. An den Ufern grünen Zimt- und Feigenbäume, blühen prächtige Magnolien, duften blühende Oleander, stehen Myrte und Lorbeer. Von den flachen Landrücken grüßen immergrüne Eichen, Ahorne, Birken und andere Waldbäume meist heutigen Charakters. – In regenreichen Perioden räumen breite, wasserreiche Flüsse die Täler des sich hebenden erzgebirgischen Nordflügels, der mittelsächsischen Hügelketten und des heutigen Vogtlandes aus, mit den gewaltigen Schuttmassen das Flachland immer mehr einebnend und die überschwemmten, untergehenden Moordecken und Sumpfwälder unter mächtige Schichten von Sand und Schlamm bettend. Da sich das Flachland senkt, bricht von Norden her das Meer ein. Bis dahin, wo heute die Blütenpracht der Röthaer Obsthaine unser frühlingstrunkenes Auge entzückt, plätschern die Wellen der Flachsee. Seicht und breit mündende Ströme tragen von Süden her Kies- und Sandbänke in die See hinein. Und wenn es dem schürfenden Wasser gelang, im südlichen Teil der Tieflandsbucht längst begrabene, verkohlende Moordecken anzuschneiden, dann führen sie wohl in braunschmutzigen Fluten das Material herbei, um es zwischen die Schichten des Deltas als bodenfremde Braunkohlenflöze und -schmitzen einzulagern. Und als dann das Meer sich wieder nordwärts zurückzieht, grünen noch einmal üppige Sumpfwälder empor, um schließlich wiederum unter den Sinkstoffen der Flüsse eingeschichtet zu werden.

Die hohen Schornsteine, die heute an der Wyhra, im Altenburger Land und in der weiten Lützener Ebene wegweisend am Horizonte emporragen, kennzeichnen die Stellen, wo menschlicher Fleiß die ausgedehntesten und mächtigsten Flöze, die immer bedeutungsvoller werdenden braunen Schätze der Tertiärzeit abbaut. Die tiefen, sich weithin erstreckenden Tagebaue, die grüne Saaten verschlingen und Dorf und Wald bedrohen, die keuchenden Bagger, die hochaufgeschütteten Erdhalden, die fauchenden und zischenden Zechenbahnen, die neuerstandenen Brikettfabriken und Kraftwerke mit hochaufragenden Schloten, die Eisenbahnladeplätze mit ihren Schienensträngen und Wagenreihen, die neuzeitlichen Arbeiterviertel in den Dörfern, deren alte Bauernhäuser sich verschüchtert um das verwitterte Dorfkirchlein scharen, die landfremden Kohlenarbeiter mit ihrer dem Tagesberuf angepaßten Tracht, – das und noch vieles andere zeigt, wie eng menschliches Sein und Schicksal von heute mit der unendlichen Vergangenheit der heimatlichen Scholle verbunden ist. Ist es _nur_ neue Form, die wir hier im Braunkohlengebiet schauen, oder ist es nicht auch neue Schönheit? – Die Kunst, die schon eifrig hier ihre Motive sucht, wird uns auch lehren, in diese von menschlichem Willen und menschlicher Kraft so stark beeinflußte Landschaftsgestaltung unsere Seele hineinzutragen.

[Illustration: Abb. 3. =An den Braunkohlenwerken Dora und Helene bei Lobstädt=]

Das Relief, das die Heimat am Ende der Braunkohlenzeit zeigte, haben die kommenden Jahrtausende der erdgeschichtlichen Entwickelung nicht ganz verwischen können. Der flache Höhenzug zwischen Pleiße und Parthe zum Beispiel, der heute das Völkerschlachtdenkmal trägt und sich nach Nordwesten bis zum Leipziger Alten Theater, bis in den Mündungswinkel der Pleiße und Parthe hineinschiebt, dieser unbedeutende Rücken, der den Kern unserer Stadt, die Altstadt trägt und ihm Schutz vor den Überschwemmungen der Pleiße bot, ist tertiären oder braunkohlenzeitlichen Alters. Ihm verdanken wir, daß bei uns die Kinder am »Barfußberge« spielen, daß wir in Connewitz ein »Oberdorf«, in der Südvorstadt eine »Hohe Straße« verzeichnen können. Von seiner Höhe grüßt heute an Stelle der alten Zwingburg Dietrichs des Bedrängten die Matthäikirche.

Den stärksten Einfluß auf die Formung des heutigen Landschaftsbildes im Leipziger Kreise hat die jüngstvergangene erdgeschichtliche Periode erlangt, die Eiszeit oder die große Schneezeit (Diluvium). Wasser war es wieder, das hier die letzte Arbeit meisterte, – Wasser, diesmal in Gestalt des blauen Gletschereises.

Die subtropische Hitze, die einst die Braunkohlenwälder dem Sumpfboden unserer Heimat entlockt hatte, war längst einem kühleren Klima gewichen. Die mittlere Jahrestemperatur war langsam stetig gesunken, so daß sie noch um einige Grade tiefer lag als unser heutiges Jahresmittel. Dazu hatte das Klima ozeanischen Charakter angenommen. Die Niederschläge mehrten sich; im hohen Norden Europas, sowie in den Bergen der Alpen und auf den Höhen der deutschen Mittelgebirge häuften sich die Schneemassen. Bald quollen in den Bergen die Firnbecken über. Von den Alpen, vom Schwarzwald, vom Odenwald, vom Harz und von den Sudeten stiegen die Gletscher in die Vorlande. Und von den höchsten Höhen Skandinaviens verbreitete sich nach allen Seiten hin dickes Inlandeis, wie wir es heute aus Grönland kennen. Vom Ural bis Holland und England begrub es Nordeuropa unter seine gewaltige Last. Auch über unsere Heimat schreitet das Eis bei seinem stärksten Vorstoß von Norden her in einer Dicke von dreihundert Metern hinweg. Erst der Fuß des Erzgebirges gebietet ihm Halt. – Wie ein Riesenbagger schürft das langsam vorrückende Eis das Land unter sich auf. Es bricht gewaltige Blöcke und Platten der norwegischen und schwedischen Felsgesteine los, es hebt ganze Schollen der feuersteinreichen Kreide auf Rügen ab, es preßt die ungeheuren Lager von weichen Tonen und lockeren Sanden in der norddeutschen Ebene auf und schleppt alles im Weiterschreiten und Weitergleiten als Grundmoräne in seiner Sohle mit sich fort. Wo das Eis über anstehende Felskuppen hinweggleitet, da scheuert es das harte Gestein mit dem feinen Sand-, Ton- und Kalkschlick seiner Sohle ganz blank und kratzt in die fast spiegelglatten Flächen feine Ritzen und Schrammen hinein. Wenn drüben bei Beucha oder Kleinsteinberg die Steinbrecher neue Sprengungen vornehmen wollen und vorher die fruchtbare Ackerkrume vom Porphyrgestein abdecken, dann finden sie solche »Gletscherschliffe« als Erinnerungsmerkmale der eiszeitlichen Vergangenheit unserer Heimat. – Als die klimatischen Verhältnisse Europas ganz allmählich sich denen von heute näherten, da trat das Eis seinen Rückzug nach Norden an. Oft aber unternahm es bei eintretenden Klimaschwankungen erneute Vorstöße, so daß auch für unsere Heimat Zeiten der Vereisung mit Zwischeneiszeiten wechselten, in denen die Leipziger Tieflandsbucht eisfrei blieb. Mit Sicherheit sind wenigstens zwei stärkere Vereisungen unserer Gegend anzunehmen. Das zurückgehende Eis ließ als kostbares Geschenk den mit Blöcken und Steinen gespickten zähen Lehmbrei seiner Grundmoräne zurück, den sogenannten Geschiebelehm. Er bildet heute die fruchtbare Ackererde unserer Felder mit ihrem Reichtum an Lesesteinen, mit ihren zahlreichen einsamen Irr- und Wanderblöcken in stiller Feldflur.

Zwischen Saale und Elster im Westen, zwischen Pleiße und Parthe im Osten und vor allem im Norden ins Provinzialsächsische hinein hat der Geschiebelehm unübersehbare tischglatte Gemarkungen geschaffen. Hier werden wir uns des Flachlandcharakters unserer Heimat am deutlichsten bewußt. Hier reiht sich Feld an Feld, Ackerstreifen an Ackerstreifen. Nichts als die regelnde Hand des menschlichen Fleißes ist in dem schachbrettartigen Getäfel erkennbar. Geradlinig ist alles, die Straßen und Schienen oft wie mit dem Lineal gezogen. Selbst das langgestreckte Straßendorf bringt wenig Abwechselung in das Bild. Und doch ist dieses flache Bauernland schön und wird dem, der es kennen lernt, zum tiefen Erlebnis. Der weite in die Ferne hinausführende Horizont, der hohe unendliche Himmel mit seiner zu Herzen gehenden Wolkensprache, die unerschöpflichen Feinheiten der Luftperspektive, die unvergleichlichen Sonnenuntergänge, die prachtvollen Gewitter, die in der Ebene viel mehr dem Auge als dem Ohre predigen, das alles wirkt bedeutend – und erhebend. Glücklicherweise steigert sich die Ebenflächigkeit nirgends zur Monotonie. Das bunte Mosaik der Felder, die im Blütenschnee schimmernden Reihen der Straßenbäume, die von blumigen Wiesengründen begleiteten und von Erlen und Weiden gesäumten Bäche und Rinnsale, die weithin blinkenden Teiche, die duftigblau fernschimmernden Waldsäume der Diluvialwaldungen, die zahlreichen mit ihren Dächern und Türmen aus segenspendenden Obstbäumen hervorlugenden Dörfer, die weithin leuchtenden Wassertürme, das alles gruppiert sich zu immer neuem, fortwährend wechselnden Bildern von schlichter, lieblicher Schönheit. Vieles ist in dieser Landschaft charakteristisch und typisch. Nicht zuletzt das Menschenleben. Der »uralt heilige Beruf des Landmannes«, in Bildern von unerschöpflicher Schönheit tritt er uns hier entgegen. Der ernst schreitende Säemann, der rüstige Schnitter, die flinke Garbenbinderin, der hochbeladene Erntewagen, der Pflüger mit den strebenden Rossen. »Oft sind sie zu fünf, sechs oder mehr auf der sonnigen Erdscheibe zu sehen, bis zu Fernen, in denen sie sich zu winziger Kleinheit verlieren«. Und darüber im blauen Frühjahrshimmel windzerrissene Märzwolken. Wenn es wahr ist, daß Schönheit mit der Schlichtheit wächst, hier im flachen Bauernland wird es Ereignis.

[Illustration: Abb. 4. =Die Femlinden auf Ehrenberger Revier im Leipziger Auenwald=]

Indem das Inlandeis bei seinen einstigen vor- und rückläufigen Bewegungen die Erhebungen des Bodens einebnete und die Senken mit dem Material seiner Grundmoräne ausfüllte, hatte es dem Leipziger Land noch einförmigere Linien verliehen, als es wohl schon am Ausgange der Braunkohlenzeit aufgewiesen hatte. Gleichsam unzufrieden mit dieser seiner Arbeit, brachte es vor seinem endgültigen Rückzuge ganz neue belebende Züge in das Bild der Landschaft. Da wo der Rand des Inlandeises auf längere Zeit, Jahrhunderte, Jahrtausende, zur Ruhe, zum Stillstand kam, häuften sich die Gesteinstrümmermassen des Gletschers zu langen Hügelreihen, zu riesigen eiszeitlichen Stirn- oder Endmoränen. Die von den Steilwänden des Gletscherrandes herabstürzenden, gurgelnden Schmelzwässer durchspülten unaufhörlich die gewaltigen Schuttanhäufungen der Endmoräne und entführten ihr die lehmigen und tonigen Bindemittel, so daß schließlich nur noch lose Haufwerke von Sanden, Kiesen, Blöcken und Gesteinsgrus blieb.

[Illustration: Abb. 5. =Blick von der Beuchaer Kirche über den Steinbruch nach dem Kohlenberg=]