Chapter 2 of 6 · 3784 words · ~19 min read

Part 2

Der bewaldete Bienitz mit dem benachbarten Wach- und Sandberg im Westen Leipzigs und die zahlreichen Höhen, die uns nördlich und östlich der Parthe grüßen, sind solche Endmoränenzüge. Wallartig geschlossen und nur am Bienitz durch die breite Elster-Luppen-Niederung unterbrochen, erstrecken sie sich von Dehlitz drüben bei Weißenfels an der Saale bis nach Eilenburg an der Mulde hin. Während sie aus weiter Ferne geschaut fast untertauchen in dem gewaltigen Gleichklang unserer Ebene, treten sie, aus der Nähe betrachtet, oft recht auffällig hervor. Einzeln für sich gesehen riesigen Maulwurfshaufen gleichend, bieten sie Freunden schöner Linienführung in ihrer Aneinanderreihung (Gordemitz) großen Genuß. Da wo die Gegenstücke unserer Landschaft, Moränenhügel und Aue unmittelbar nebeneinander auftreten (Parthenlauf), wo sich dem sanftanstrebenden Decksandhügel die Aue mit blumigen Wiesen anlehnt, da ist die Landschaft von überraschender Lieblichkeit. Die Windmühle mit den lustig im Winde sich drehenden Flügeln auf kahler luftiger Moränenhöhe und die stille Wassermühle am Auenfluß, tief eingebettet in das Grün buschiger Erlen und Weiden, mit dem schwerfälligen unterschlächtigen Mühlrade, sind Symbole einer Gegensätzlichkeit, die man im Leipziger Land nicht sucht. Oft sind die sandigen Hügel von Beständen der genügsamen Kiefer gekrönt. Ihr düsteres Grün gibt einen feinen Kontrast zur hellgrauen, spärlichen Ackerscholle oder zum gelblich-weißlichen Sande der abgebrochenen Sandgrubenwand. Wenn man da oben sitzt und das Auge die sandig welligen Abhänge hinabgleiten läßt, wenn man den weichen, sonnenheißen Sand durch die Finger rieseln läßt und das sandholde Pflanzen- und Tierleben belauscht, dann kommt Heidestimmung über einen, und Heidesehnsucht quillt im Herzen auf. Häufig tragen die Hügel kleine trutzige Wehrkirchen (Panitzsch, Thekla, Frankenhain u. a.) aus den Zeiten, da unser Land heißumstrittener Kolonialboden war und deutsche Ansiedler die neugewonnene Heimat gegen die von Osten heranbrandenden slawischen Sturmfluten verteidigen mußten. Obwohl die Moränenhügel die Höhe von einhundertundachtzig Meter nirgends überschreiten, sieht der anspruchslose Bewohner der Ebene doch in ihnen Berge. Als Wach-, Kreuz-, Wein-, Fuchs-, Galgenberge usw. sind sie in den Heimatkarten verzeichnet. Gelegentlich hat man sie sogar mit Aussichtstürmen geschmückt. Und es lohnt sich reichlich, einen solchen Ausguck zu besteigen. Bei der Ebenflächigkeit des Landes gibt es Ausblicke von überraschender Tiefe ins weite, weite Land hinein. Wo zwischen die Hügelreihen einsame Dörfer eingebettet liegen, da atmet die Heimat fast den Frieden und die Abgeschiedenheit stiller Gebirgsdörfchen.

Als sich das nordische Eis unserer Heimat näherte, schob es mächtige Eiszungen in die breiten Strombetten der heimatlichen Gewässer vor. Haushohe Stauwehre von Eis zwangen unsere Elster und Pleiße, die ursprünglich in nördlicher Richtung flossen, nach Westen dem Eisrande entlang auszubiegen. Auch die Mulde gab damals ihren nördlichen Lauf in der Gegend von Grimma auf und wälzte ihre durch Gletscherwässer verstärkten Fluten in zwei breiten Armen dem Lauf der heutigen Gösel und Parthe folgend über Leipzig der Saale zu. In der Eiszeit entsteht so die breite Entwässerungsrinne zwischen Leipzig und Merseburg, in der jetzt alles fließende Wasser des Leipziger Landes der Saale zuströmt. – Nach der Eiszeit brach für Norddeutschland und auch für unsere Ebene eine Trockenperiode an, eine Steppenzeit, in der gewaltige, lößaufhäufende Staubstürme über die Gegend dahinbrausten. Die Flüsse büßten mehr und mehr ihre Wasserfülle ein. – Und nach dieser Steppenperiode nahm dann infolge erneuter klimatischer Veränderungen unsere heutige Pflanzenwelt von der Heimat Besitz. Blumige Wiesen und schimmernde Laubwälder breiteten ein farbenfreudiges Gewand über die Landschaft. Trotz reichlicherer Niederschläge aber blieben die Flüsse jetzt klein und unbedeutend bis auf den heutigen Tag. – Nur wenn im Frühjahr die Schneeschmelze eintritt, scheinen sich die schwächlichen Epigonen der riesigen Eiszeitströme ihrer gewaltigen Vergangenheit zu erinnern. Sie steigen aus ihren schmalen Ufern und verwandeln die breite Aue in einen blinkenden See. Dann gibt es südlich bei Markkleeberg und im Nordwesten bei Modelwitz und Papitz trotz aller Dämme und Flutrinnen eine Fülle reizvollster Überschwemmungsbilder. – Die gelbe Flußtrübe der Überschwemmungsfluten setzt sich zu Boden, und eine dünne Schlammkruste bleibt zurück. Der Märzwind trocknet sie, und aus den tausend Rissen und Sprüngen sproßt hoffnungsfreudig neues Grün hervor. Unzählige Male ist die Flußaue so überschwemmt worden. Aus den dünnen Schlammschichten ist eine mächtige Lehmdecke geworden. Es ist der Aulehm unserer Flußtäler, ein feuchter, schwerer, steinfreier Lehm, der zahlreichen Ziegeleien ein ausgezeichnetes Material liefert. Unter ihm liegen zuweilen Sand- und Schottermassen, die die Flüsse hier ablagerten, wenn sie besonders transportfähig waren.

[Illustration: Abb. 6. =Auenwaldbild bei Rübsen=]

Aus der Höhe von Papitz schauen wir heute hinein in die lachende Aue. Wie eine ebene Tafel ist das Schwemmland der Aue eingelagert in die höher gelegene Geschiebelehm- und Endmoränenlandschaft. Bald ist der Gegensatz von Aue und Auenrand scharf, bald klingen die Höhen des Randes sanft in die Aue hinein aus. Es sind zwei verschiedene Welten, die sich hier berühren, Hochland und Tiefland, Steppe und Wasserland, Geest und Marsch, Ackerland und Bruchland, Kultur und Wildnis, uralte Gegensätze, die sich auf Erden so oft wiederholen. – Wasser, Wiese und Wald sind die drei Landschaftselemente, die sich in der Aue in immer neuen überraschenden Gruppierungen zusammenfinden und so den Reichtum an Landschaftsbildern ergeben, der die Aue auszeichnet. Ihrer eigensten Natur nach ist die Aue uraltes Wasserland. Wasser quillt im sumpfigen Boden; Wasser rinnt in den Flüssen mit ihren vielen Armen und Gräben; Wasser erfüllt die zahlreichen Überschwemmungstümpel, die stillen Altwässer, die verträumten Lachen, die waldumgürteten Sümpfe, die schilfreichen alten Lehmstiche; Wasser braut um Busch und Baum, wenn am Abend den tiefen Wiesengründen graue Nebelschwaden entsteigen. Was die Aue unter allen Landschaftsformen der Heimat obenanstellt, das ist der prächtige Auwald mit seinem Reichtum an Laubbaumarten, mit seinen weichen Blättermassen und seinen weichen runden Laubformen, mit seinen vielhundertjährigen Rieseneichen, seinem dichten aus Strauchwerk und Stockausschlag bestehendem Unterholz, mit seiner eigenartigen Frühlingsflora und seinen üppigen Schattenstauden im Sommer. Wo sich dieser Wald kulissenartig hinausschiebt in die Wiesenlandschaft der Aue, da gibt es Bilder von hoher landschaftlicher Wirkung; im Mondenlicht gesehen sind diese Bilder von überraschender Plastik, so daß sie das Auge fast körperlich aufnimmt. Im Strahl der Herbstsonne lohen die reichen Blättermassen der zahlreichen Baumarten in einer unvergleichlichen Farbensymphonie auf. Herbstfahrten durch die Aue! Einen höheren Naturgenuß kann es kaum geben! Die Laubgänge leuchten rot und gelb, als blicke farbendämmerndes Licht durch bunte Kirchenfenster. Von Tag zu Tag werden Farben flammender, bis der erste Frost der Herrlichkeit ein jähes Ende bereitet. – Die Auenwiesen, die besonders in der Elster-Luppen-Aue (Oberthau) in manchmal kaum übersehbarer Weite hingebreitet sind, können sich an Blumenreichtum und Farbenpracht nicht mit Gebirgswiesen messen. Der kühle Aulehm ist der Farbenfülle nicht günstig. Zumeist ist es eine bestimmte Pflanze, die mit ihrer Blütenfarbe die Wiese eine Zeit lang beherrscht. Das tiefe Gelb der duftenden Schlüsselblume wird abgelöst vom zarten Blaßblau des Wiesenschaumkrautes; das prächtige Rosa des Wiesenknöterichs weicht dem Scharlachrot des Ampfers usw. – Die menschlichen Siedelungen fliehen die Aue wegen der Überschwemmungsgefahr. Es sind zumeist Einzelsiedelungen, die uns in der Aue begegnen, Gasthäuser an Querwegen, Wassermühlen und Ziegeleien. Gering ist die Zahl der Auendörfer. Aber oben auf dem Auenrand, da reihen sich schon seit vorgeschichtlichen Zeiten die Siedelungen aneinander wie die Perlen an der Schnur. Die Großstadt hat die Wassernatur des Landes überwunden und die Aue erobert. Aber in hundert Zügen hat ihr das Wasser den Charakter der »Auenstadt« aufgeprägt. Als köstliches Geschenk der engen Beziehung seiner Stadt zur Auenlandschaft schätzt der Leipziger, daß er wenige Minuten von dem alten Marktplatz, dem Mittelpunkt der Stadt, und vom Hauptbahnhof, dem heißklopfenden Herzen des Großstadtverkehrs, in Waldungen eintreten kann, die nach Roßmäßlers Urteil zu den schönsten in Deutschland zählen.

[Illustration: Abb. 7. =Auenlandschaft bei Oberthau=]

* * * * *

So liegt das Leipziger Land vor uns als ein Geschenk des Wassers: Schwemmland von uraltem Schwemmlandscharakter. – Das menschliche Schicksal von Jahrtausenden ist heute in diese große Schwemmlandstafel eingegraben. »Alles Schaffen, alles Hoffen und Leiden, alles Gewinnen und Verlieren längst vergangener Menschengeschlechter ist hier verzeichnet.« Selbst da, wo die Landschaft noch am ursprünglichsten zu uns spricht, im weiten Wasserland der Aue, gibt es wohl keinen Schrittbreit Boden, den menschlicher Wille nicht beeinflußt hätte. Und doch kann die Landschaft die Züge, die ihr die Weltenjahre erdgeschichtlicher Vergangenheit aufgedrückt haben, nirgends verleugnen. Die Urnatur des Landes, gewissermaßen die Wildnis, schaut überall durch den dünnen Schleier der Kultur hindurch. »Gewaltiger als der Mensch ist die Natur, die ihn selbst mit unlösbaren Banden umspannt.«

Vom Auenwald

Von Professor Dr. _Naumann_

Als Muster eines Auenwaldes bezeichnet Roßmäßler die artenreichen, feuchtkühlen Laubwälder der Leipziger Umgebung. Er sagt darüber: »Die Nähe eines gepflegten Auenwaldes schützt die große Stadt der Tiefebene vor dem Hereinbrechen der Langweiligkeit, welche dem vordringenden Feldbau auf dem Fuße folgt. Und in solch glücklicher Lage befindet sich Leipzig, welches aus seinem westlichen Tor unmittelbar in einen der schönsten Auenwälder Deutschlands tritt.«

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Abb. 1. =Am Hemmschuh bei Rehefeld, im Vordergrund Märzbecher=]

Jeder Auenwald verdankt seine Entstehung und seine Zusammensetzung der überschwemmenden Tätigkeit eines Flußsystems.

[Illustration: Abb. 2. =Karte des Auwaldgebietes westlich von Leipzig; das Flußnetz der weißen Elster und Luppe umfassend=

Durch die starke Verkleinerung der Karte sind die Beschriftungen schwer zu erkennen, und sind deshalb die im Aufsatz genannten malerischen Gegenden, Wasserläufe und dergleichen zur schnelleren Auffindung auf der Karte mit Pfeilen und Nummern versehen worden, die in der nachstehenden Erläuterung erläutert sind.

=Erläuterung=:

1 = Weiße Elster 2 = Luppe 3 = Hundewasser 4 = Burgauer Forstrevier 5 = Polenz 6 = Park vom Lützschenaer Rittergute 7 = Malerische Altwassertümpel zwischen Gundorf und Lützschena 8 = Auwaldzauber der Luppelandschaft bei Leutzsch 9 = Malerische Baumbestände an der Luppe in der Gegend von Maslau und Horburg 10 = Maslauer Eiche 11 = Kaisereiche 12 = Polenzeiche 13 = Königseiche ]

Während der Oberlauf des Flusses sich eingeengt sieht durch die ansehnlichen Bodenerhebungen eines Berglandes, dringt der Mittellauf meist durch liebliches Hügelgelände. Solch begleitende Höhen lassen eine breite Überschwemmungszone kaum aufkommen. Der schmale Ufersaum ist meist blockreich und schotterbedeckt, so daß sich Baumbestände auf vereinzelte Weiden, Erlen und Espen beschränken, wie wir an den schmalen Uferstreifen unserer Erzgebirgsflüsse wahrnehmen können. Der meist gewundene Lauf ist einer ruhigen und steten Ablagerung feinerer Anschwemmungsprodukte nicht günstig, und infolge des noch starken Gefälles im jugendlichen Strom bleiben nur kiesige Massen an den Uferrändern, während die aufschwemmbaren Produkte bis weit hinab ins Niederland geführt werden. Hierzu kommen die reißenden Schmelzwässer des Frühjahrs, welche etwa angehäuften Feinboden wieder zerstören. Nur selten zeigt sich in breiteren Gebirgsmulden, wie am Hemmschuh bei Rehefeld im Flußgebiet der Wilden Weiseritz, ein auwaldähnlicher Holzbestand, welcher als Auwaldpflanze noch den _Märzbecher_ führt. (Abb. 1.) Der Prallhang der Bergflüsse bietet den Holzgewächsen gar keinen Raum, und der kiesige Gleithang ist meist mit _strauchigen Weiden_[1], einem _~Salicetum~_, bestanden.

Erst in der Niederung fließt der Strom in majestätischer Breite und altersträger Ruhe ohne besondere Richtungsänderung dahin. Nach starkem Herbstregen oder durch die Schmelzwässer des Frühlings tritt er weit über seine Uferränder hinaus und setzt feinkörnige fruchtbare Verwitterungsmassen ab, die wir als _Aulehm_ bezeichnen, und welche aus Ton und feinem Sande bestehen. Nur dann weicht der Strom der Niederung von seiner eingeschlagenen Hauptrichtung ab, wenn sich ihm leichtgewellte Höhenzüge, wie bei der Elbe der Fläming, entgegenstellen, oder wenn seitliche, wasserreiche Zuströme ihm eine andere Richtung aufdrängen, wie dies bei der Weser durch die Aller geschieht. Dort, wo mehrere gleichgerichtete Flüsse sich auf engem Raum vereinigen, wo also ein engmaschiges Flußnetz gewebt ist, wird sich die günstigste Gelegenheit zur Auwaldbildung finden, und hier dürfen wir auch typische Auenwälder erwarten. _In Sachsens Nordwesten, in Leipzigs Umgebung_, ist ein solches Gebiet geschaffen durch den Zusammenfluß von Elster, Parthe, Pleiße und Luppe (Abb. 2), und die malerische Gruppierung verschiedenartigster Laubbäume am Hundewasser gibt uns einen Begriff von den Schönheitswerten solcher Bestände.

[Illustration: Abb. 3. =Das den Polenz im Süden umfließende Hundewasser mit Weißbuchen und Ulmenaltholz=]

Schon im Jahre 1912 fand eine Anregung unseres Landesvereins Heimatschutz auf Schaffung eines _Auwaldschutzbezirkes_ durch die einsichtige Stadtverwaltung Leipzigs Erfüllung, indem vom Rate der Stadt beschlossen wurde, einen Teil des sogenannten Burgauer Forstreviers, den Polenz, der in der Nähe des Parkes vom Lützschenaer Rittergute liegt und dem Verkehr nur schwer zugänglich ist, bis auf weiteres in der bisherigen Gestaltung zu erhalten, d. h. von forstlicher Nutzung abzusehen. Dieser Teil wird von einem Elsterarm, eben dem Hundewasser, umflossen und zeigt den Typus des Auenwaldes mit seiner üppigen Vegetation noch recht unverfälscht. Weißbuchen und Ulmenaltholz bilden längs des Ufers eine Laubwand von gewaltiger Wirkung (Abb. 3). Auch der Anblick des Polenz von Osten her zeigt uns einen geschlossenen Laubwalddom, hinweg über einen vorgelagerten Hochwasserspiegel, welcher trotz wechselnder Wasserfülle den stolzen Fischreihern vorübergehend als Aufenthalt dient (Abb. 4).

[Illustration: Abb. 4. =Östliche Seite des Polenz mit vorgelagertem Hochwasserrest= (nur zeitweise Wasser vorhanden)]

Zum eigentlichen Heimatschutzgebiet aber wurde dieser köstliche Landesteil erst im Jahre 1922. Von diesem Jahre konnte man durch eine entsprechende Tafel mit der Inschrift:

=Naturschutzgebiet=

Urwüchsiger Auenwald des Elstergebietes

Mit zahlreichen Baumarten (außer Rotbuche) mit reichhaltigem Unterholz mit üppigem Kräuterwuchs

Helft alle dazu, dieses Naturdenkmal unversehrt der Nachwelt zu erhalten.

Der Rat der Stadt Landesverein Leipzig Sächsischer Heimatschutz

gemeinsam unterzeichnet vom Heimatschutz und der Stadt Leipzig den Auwald am Hundewasser als »geschützt« bezeichnen. Abbildung 5 zeigt den Eingang zum Schutzgebiet, und der Blick fällt auf ein Baumgemisch von Eschenaltholz und stattlichen Rüstern. Wohl gibt es noch andre, vielleicht auch naturwissenschaftlich reichere Orte in Leipzigs Flußnetz, aber wir dürfen mit dieser Wahl zufrieden und Leipzigs Stadtverwaltung recht dankbar sein. Zwischen Gundorf und Lützschena finden sich malerische Altwassertümpel, die als Reste früherer Überschwemmungen verblieben sind (Abb. 6), und noch immer einer interessanten, leider immer weniger werdenden Groß- und Kleintierwelt günstige Lebensbedingungen gewähren. Diese Plätze sind daher als Sammelgebiet ein Dorado für Aquarienliebhaber geworden, und man ist damit umgegangen, dort eine biologische Arbeitsstätte zu schaffen. Leider wollte man auch Ansiedelungsversuche mit verschiedenen, auch fremdländischen Tieren machen. Ein solches »Ansalben« ist höchst bedenklich! Als _Naturschutzgebiet im eigentlichen Sinne_ darf man derartige Orte, selbst wenn sie für bestimmte naturwissenschaftliche und Liebhaberzwecke der Allgemeinheit entzogen sind, nicht betrachten. Ein solches muß sich selbst überlassen bleiben, d. h. frei von forstlichen Eingriffen und frei von neugieriger Begängnis gehalten sein, um für unsere Nachfahren das Walten einer ursprünglichen Natur zu retten.

[Illustration: Abb. 5. =Eingang zum geschützten Auwaldgebiet der Burgau im Stadtwald zu Leipzig=]

[Illustration: Abb. 6. =Zwischen Gundorf und Lützschena=]

Nahe Leutzsch liegt ein stiller Auwald-Zauber über einer Luppenlandschaft, und man kann es der städtischen Forstverwaltung (Forstmeister Zacharias) nicht genug danken, daß auch dieser Winkel in seinem ursprünglichen Zustand gepflegt und erhalten wird (Abb. 7). Auch weiter westlich, in der Umgebung von Maslau und Horburg (vgl. Karte Abb. 2) bietet die Luppe malerische Baumbestände und wird mit dem wechselnden Grün und dem Silbergrau der Weiden, deren Spiegelbild in dem ruhenden Wasser zu uns leuchtet, zu einem landschaftlichen Kleinod (Abb. 8). Aber nicht bloß die herrlichen Baumgestalten entzücken uns; das träg fließende Wasser schmückt sich am Ufer weithin mit flüsterndem Ried und raschelndem Röhricht, und eine reizvolle Spiegeldecke lichtgrüner Schwimmpflanzen belebt anmutig die majestätische Ruhe (Abb. 9). Kaum satt kann sich das Auge trinken an dieser grünen Dämmerpracht, durchfunkt von den Goldblüten der Mummel. Darum darf wohl ein zweites Bild des Maslauer Auenwaldes (Abb. 10) auch dem verwöhnteren Leser nicht überflüssig erscheinen.

[Illustration: Abb. 7. =Luppenlandschaft, im jetzigen Zustand gepflegt und erhalten von der Leipziger Städtischen Forstverwaltung=

(Forstmeister Zacharias)]

[Illustration: Abb. 8. =Auenlandschaft bei Horburg=]

Auch im Muldenlande, südlich von Leipzig, zeigen die restlichen Baumbestände um Rochlitz noch den Charakter des Auenwaldes, wie er sich vor Zeiten, anstelle der jetzigen fruchtbaren Auwiesen und Felder, zu beiden Seiten des Flusses ausgebreitet hat (Abb. 11).

[Illustration: Abb 9. =Auenwald bei Maslau= (Luppe)]

[Illustration: Abb. 10. =Auenwald bei Maslau= (Schwimmpflanzendecke)]

In der norddeutschen Niederung erlangen naturgemäß die periodischen Überschwemmungsgebiete ihre weiteste Ausdehnung und erzeugen, wie _Drude_ sagt, scharfe Gegensätze zwischen Heide- und Auenwald. Hier werden auch die Flußauen, soweit der Eisgang das Aufkommen von Baumbeständen hindert, von sumpfigen Grasfluren und Grünmooren begleitet, wie uns die Abbildung 12 eines Flußtales in Posen durch den reichen Bestand an Wollgras mit seinen weißleuchtenden Fruchtfahnen dartut. Am Horizont erkennt man den dunkelgrünen Wall des Auenwaldes, soweit nicht _dauernd_ nasses Gelände einen _Bruchwald_ schafft, einen Sumpfwald aus Erlen und stattlichen Weiden, durchsetzt mit Birken und Schwarzpappeln[2].

[Illustration: Abb. 11. =Muldenlandschaft bei Lastau= (zwischen Rochlitz und Colditz)]

Der _Auenwald_ ist ein _ausgesprochener Laubmengwald_, der Nadelbäume ursprünglich völlig ausgeschlossen hat; wenn sie heute darin erscheinen, verdanken sie ihren Ursprung dem Zufall oder künstlicher Anpflanzung[3].

Wie schon früher bemerkt, ist der Auwaldboden größtenteils zusammengesetzt aus Feinsand und Ton. Solcher Feinboden ist wenig luftdurchlässig und wird daher nur in geringem Maße das Sauerstoffbedürfnis tiefgreifender Wurzeln befriedigen können. Es bleiben daher auf solchem Überschwemmungsboden Bäume mit lufthungrigen Wurzeln ausgeschaltet: _die sandgewohnte Kiefer, die bergfrohe Tanne und die sonst anspruchslose Fichte_. Es fehlt daher zumeist auch die Rotbuche, welche blockreiches Gelände bevorzugt. Wenn die Fichte im Gebirge trotzdem in versumpften, torfmoosbedeckten Böden auftritt, so ist sicherlich ihre Wurzel gebettet in Boden von gröberer Struktur, also »luftumgeben«. Schließlich wird der ~Sphagnum~-Bestand und der von ihm gebildete Moostorf den Fichtenwald doch ersticken.

[Illustration: Abb. 12. =Flußtal in Posen=]

An dieser Stelle möchte ich ganz besonders auf das _Sauerstoffbedürfnis_ aller lebenden Pflanzenorgane, also auch der Wurzel, aufmerksam machen. Auch Wurzeln müssen atmen, um sich die zum Wachstum nötige Betriebswärme zu schaffen. Wie es unter den Bakterien aërobe, d. h. sauerstoffbedürftige und anaërobe Arten gibt, die mit geringen Sauerstoffmengen auskommen können, so besteht sicher für die Wurzeln der verschiedenen Waldbäume ebenfalls ein abgestuftes Sauerstoffbedürfnis. Dasselbe ist noch wenig studiert, wird aber so manches Standortsrätsel bei Formationen und Assoziationen der Lösung entgegenführen.

Bäume, deren Wurzeln vorübergehenden Sauerstoffmangel vertragen können, werden auf periodisch überschwemmten Standorten, also Auwaldböden, gedeihen. Hierzu scheinen graduell geordnet: Eiche, Hainbuche, Ulme und Esche zu gehören. Andere Bäume müssen dauernd mit der äußerst geringen Sauerstoffmenge in stagnierenden Gewässern fürlieb nehmen. Dies sind die Moor und Bruch gewohnten Erlen, Espen, Birken und Weiden. In den berühmten Sumpfwäldern (~cypress-swamps~) von Florida und Südgeorgien gedeiht auch eine nadelwerfende Konifere ~Taxodium distichum~, da sie ihr Luftbedürfnis durch über die Erde ragende Atemwurzeln decken kann. Natürlich können auch Erle, Espe und Birke im Auenwald eingesprengt erscheinen, sind aber die Hauptbestandteile der Bruchwälder.

[Illustration: Abb. 13. =Wurzelknöllchen der Erle= (~Mycorrhiza~)]

Für die _Rotbuche_ ist zur Besiedelung des Auenwaldes neben dem ungestillten Sauerstoffbedürfnis wohl auch die Kalkarmut des ausgelaugten Schwemmlandbodens ein Hindernis.

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Abb. 14. =In den Donau-Auen bei Melk, Bodenbedeckung durch ~Cardamine amara~=]

In der Auenwaldfrage verdient auch eine eigenartige _symbiotische Erscheinung_ unsere Aufmerksamkeit: Das Zusammenwirtschaften von Baumwurzeln und Pilzmycel, die _Mycorrhiza_. Noch ist der Nutzen der Mycorrhiza für den Baum nicht völlig geklärt, doch läßt sich annehmen, daß diese verpilzte Wurzel eine Nützlichkeitserscheinung darstellt, die auch in die Frage der Besiedelung von Überschwemmungsböden hineinspielt. Auch die _pilzdurchsetzten Wurzelknöllchen aller Erlenarten_ mögen hier Erwähnung finden. Abbildung 13 zeigt uns solche später verholzende, traubige Wurzelknöllchen, welche bis zur Größe einer Kinderfaust heranwachsen können. Diese Gebilde werden hervorgerufen durch in das Wurzelgewebe eindringende Pilzfäden, welche in bakterienähnliche Kleinstäbchen bzw. kugelige Zellketten zerfallen. Nach Kulturversuchen von Nobbe und Hiltner, Tharandt, wissen diese Pilze den freien Stickstoff der Luft zu binden, so daß der von Stickstoffsalzen ausgelaugte Schwemmland- bzw. Uferboden den Erlen ein freudiges Gedeihen ermöglicht.

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Abb. 15. =Wilder Hopfen auf der Pillnitzer Elbinsel=]

Während bei uns die _Schwarzerle_ sich meist auf Bruchland findet, spielt in den prächtigen Auenwäldern der Donau (vgl. Schlußverzierung, aufgenommen von L. Kniese, Pillnitz) die _Weiß-_ oder _Grauerle_ eine hervorragende Rolle, wie ich auf meinen Wanderungen in der Wachau beobachten konnte. In den Donauauen Ungarns vergesellschaftet sie sich mit der südosteuropäischen Schwarzpappel, mit stolzen Baumweiden und der prächtigen Silberlinde zu Baumbeständen, in welchen als häufige Liane der Hopfen rankt, Jelängerjelieber die Zweige umspinnt und die Waldrebe ihre weißen Blütenzweige von Ast zu Ast in reizvollen Girlanden zieht, während der Boden von üppigem Kräuterwuchs, in Abbildung 14 von bitterem Schaumkraut, weithin bedeckt ist. Wir könnten meinen, das Bild eines tropischen Regenwaldes vor uns zu sehen, wie auch bei diesem hopfendurchrankten Teil der Pillnitzer Elbinsel (Abb. 15). Auch die Pillnitzer Insel besitzt übrigens noch schöne Schwarzpappeln, und es ist meines Erachtens eine müßige Frage, ob dieselben einheimisch sind. Bei Gelegenheit solcher Uferbegleiter sei noch auf eine spezifische, d. h. artverschiedene Eigenschaft der Bäume hingewiesen: auf das _leichte oder schwere Vernarben_ von Wunden. Es sind besonders die Eisschollen, welche beim Eisgang des Frühjahres die Stämme schürfen und den Bäumen oft häßliche und gefährliche Rindenwunden schlagen. Manche Baumarten würden dadurch zu dauernder Kümmerung verurteilt, aber _Weichhölzer, zumal Pappel und Weide, heilen sich rasch wieder aus_. Auch der _Wurzeltracht_ der Bäume muß bei der Besiedelungsfrage Aufmerksamkeit geschenkt werden, gibt es doch _Tief- und Flachwurzler_. Flachwurzelnde Bäume sind selbstverständlich in dem tiefgründigen Auwaldboden bei dem Flutendrang jährlicher Überschwemmungen völlig ausgeschlossen. Bei der diesjährigen anhaltenden Frühsommerüberschwemmung sind auf der Pillnitzer Elbinsel so manche Baumriesen durch Flutendrang und durch Unterspülung und Wirbelbildung gefallen (Abb. 16) andere Holzleichen zeigen ein vom Sturm gewaltsam abgerissenes Wurzelsystem (Abb. 17), so daß geradezu wertvolle Zerstörungsbilder eines Urwaldes geschaffen sind.

Nachdem ich die allgemeinen Ursachen der Auwaldbildung und die natürliche Auswahl der dazu geeigneten Bäume besprochen habe, soll ein typischer Auenwald eine plastische Schilderung erfahren und dazu dürften die Auenwälder der Leipziger Umgebung besonders geeignet sein.

Als Charakterbäume derselben zeigen sich: _Stieleiche_, _Hainbuche_, _Esche_ und _Ulme_ oder Rüster. Selten finden sich Spitzahorn und Linde ein. Die machtvollste Erscheinung ist unbestreitbar die Eiche. Es ist die besondere Art der _Stieleiche_, welche im Auenwald zur Herrschaft gelangt. In Mitteleuropa besitzen wir zwei, durch allerlei Übergänge miteinander verbundene Unterarten der Eiche: Die Stieleiche mit _langgestielten_ Einzelfrüchten und _herzförmigem_ Blattgrund und die Steineiche mit _kurzstieligen_ Fruchtbüscheln und keilförmigem Blattgrund.

[Illustration: Abb. 16. =Durch Hochwasser geworfene Bäume der Pillnitzer Elbinsel=]

[Illustration: Abb. 17. =Abgerissene Wurzeln eines durch Sturm und Hochflut 1926 geworfenen Baumriesen der Pillnitzer Elbinsel=]

Ich erinnere mich von meiner Studienzeit her noch einer _Rieseneiche_ im Auenwald bei Leutzsch. Sie sollte ein tausendjähriges Alter haben und besaß einen Stammdurchmesser von zwei Meter. Auf der Fahrstraße Leipzig–Leutzsch–Böhlitz–Ehrenberg sehen wir noch jetzt berühmte Eichenbestände von ähnlichem Ausmaß (Abb. 18), und eine Eiche der Maslauer Auwaldbestände darf sich in ihrer Wuchskraft und stolzen Baumschönheit diesen Veteranen getrost zur Seite stellen (Abb. 19). In Abbildung 20 erblicken wir einen solchen Auwaldriesen im _Rhedenholz bei Roßwein_ längs der Freiberger Mulde.

[Illustration: Abb. 18. =Leipzigs berühmte Eichenbestände an der sogenannten »Weide«=]

[Illustration: Abb. 19. =Maslauer Eiche=]

Alte Eichen beanspruchen mit ihren weitausgreifenden Ästen einen weiten Standraum und gestatten bei der Lockerheit ihrer Krone dem hereinflutenden Licht einen Durchgang, der dem Auwaldinneren einen grüngoldenen Schimmer von zauberhaftem Reiz gewährt. Von Ulmenarten findet sich besonders die Feldulme mit glatter Blattoberseite und kurzer Blattspitze. Doch kommt auch die rauhblättrige Bergulme im Überschwemmungsgebiet der Elster und Saale vor. Eine wohltuende Abwechslung bieten im Auenwald auch _Farbe und Musterung der Stämme_: Glattrindige, grüngelbe Espen neben weißstämmigen Birken, der dunkle Borkenstamm der Eiche neben den graugemusterten Säulen der Hainbuche, die braune Schuppenborke der Feldulme neben dem Silbergrau der Eschen.

[Illustration: Abb. 20. =Eichenbestand im Rhedenholz bei Roßwein=]

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Abb. 21. =Bestand von Aronstab= (~Arum maculatum~)]