Part 3
Bei der reichen Artenzahl der Waldbäume von verschiedener Wuchskraft und Wuchshöhe, bei wechselnder Verästelung und vielgestaltigem Blattbau, ist die einfallende Lichtmenge immerhin groß genug, um auch einen artenreichen Unterholzbestand aufkommen zu lassen. _Gerade das Unterholz_, welches eine reiche Vogelwelt beherbergt und dem lieblichsten Sänger, der Nachtigall, ihre leichtsinnig ausgewählten niederen Brutplätze bietet, ist ein besonderer Wesenszug des Leipziger Auenwaldes. Auch hierbei herrscht eine reichhaltige Mannigfaltigkeit der Arten. Dr. Reiche sagt in einer netten, in den Dresdner Isis-Berichten 1886 veröffentlichten Skizze, daß das _Unterholz_ in gleicher Zusammensetzung sich innerhalb Sachsens nur zweimal, um _Leipzig_ und _Meißen_, entwickelt findet. Es besteht aus _Ulmen_, _Feldahorn_, _Hasel_, _Weißdorn_, _Faulbaum_, _Traubenkirsche_, schwarzem Holunder, Pfaffenhütchen und – als besondere Erscheinungen – aus _Liguster_ und _Hartriegel_. Die meisten derselben schmücken sich im Spätsommer und Herbst mit saftig-fleischigen Früchten, die eben der Vogelwelt diese grünen Laubhallen zum beliebten Aufenthalt machen. Die gefiederte Welt besorgt gewiß auch die weitere Ansaat dieser Pflanzen, und wir sollten bei unseren Formationsbetrachtungen dem zoogenen Einfluß weit mehr Aufmerksamkeit schenken. Wasserläufe, welche als Kanäle oder Flußverzweigungen den Auenwald reichlich durchziehen, schmücken ihre Ufer weithin mit Strauchweiden (vgl. Abb. 8). Infolge der späteren Belaubung von Eiche und Esche wirkt die Frühlingssonne lebenweckend auf den sonst feuchtkühlen Auwaldboden und zaubert eine Fülle frühblühender Kräuter hervor, deren meist breite und tiefgrüne Blätter als erster Lenzesschmuck dem winterfahlen Waldboden entsprießen. Erst heben sich nach Reiches Schilderung die grünen Spitzen der Laubblätter des massenhaft vorhandenen _Märzbechers_ empor, ihnen folgt das kräftige Blattwerk des _Aronstabs_ (Abb. 21) und das zarte Grün des _Bärenlauches_ (Abb. 22), der alsbald seine weißen Sterndolden entfaltet, aber leider auch seinen Knoblauchduft, welcher unser Entzücken über die Waldespracht etwas herabstimmt. Zur Osterzeit läuten die Großglocken des _Märzbechers_, es leuchten die trübpurpurnen oder weißen Trauben des _Lerchensporns_, die rotknospigen Blaublüten des _Lungenkrautes_, die goldgelben Blütenbüschel des _Goldsterns_, die Blumensonnen der _Feigwurz_. Dazu erfreuen _weiße und gelbe Anemonen_ und Blütendolden der _Himmelschlüssel_ unser Auge, und ein zarter Duft wird von dem niedlichen _Moschusblümchen_ in die Lenzluft gehaucht. In den pflanzenreichen Auwäldern der Eger südlich Theresienstadt mit ihren Millionen von Märzbechern (Abb. 23) gesellt sich zu den genannten Pflanzen noch der Blaustern der Scilla und das zarte _Gedenkemein_ (~Omphalodes~), die beide auch in _Sachsens Elbegebiet_ als Reste früheren Auwaldes, wenn auch als Seltenheiten, erhalten geblieben sind (Abb. 24). Eine ähnliche entzückende Auenwaldflora aus Frühlingsblühern gewebt, schmückt in Sachsen auch den _Jahnalauf bis Riesa_ und streckenweise auch die _Ufergehölze der Döllnitz_, so daß wohl als sicher gelten darf, daß auch die jetzigen Wermsdorfer Forsten früher ein Auenwaldgebiet darstellten, welches sich über Wurzen bis nach Leipzig hinzog. Auch _an der Röder_ war sicherlich ein Auenwald entwickelt, und der Schloßgarten zu Wachau bei Radeberg (Abb. 25) bietet uns noch einen Restbestand. Überhaupt hat sich Auwaldgelände zu Parkanlagen englischen Stiles besonders geeignet und ist vielfach entsprechend benutzt worden.
[Illustration:
Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Abb. 22. =Bärenlauch= (~Allium ursinum~)]
[Illustration: Abb. 23. =Märzbecher im Auenwald der Eger bei Budin=]
[Illustration:
Aufnahme des Verfassers
Abb. 24. =Scillabestände in einem Grasgarten an der Elbe= (Auenwaldrest)]
[Illustration: Abb. 25. =Schloßpark Wachau bei Radeberg, auf altem Auwaldgelände=]
All die vorher genannten Lenzesboten müssen sich beeilen, an die Sonne zu dringen, ehe der zartgrüne Schleier des Unterholzes sich dichter webt, und ehe noch das grüne Laubdach in geschlossener Schwere dem Sonnenlicht den Zugang wehrt. Das doppelte Laubdach von Ober- und Unterholz hemmt aber nicht bloß das Licht, sondern sättigt auch die Waldluft reichlich mit Wasserdampf, so daß die _Blätter_ der bodendeckenden Pflanzen _den Bau von Hygrophyten_ (Feuchtpflanzen) zeigen: breite und zarte, chlorophyllreiche und daher dunkelgrüne Blattspreite ohne jede Trockenschutzeinrichtung. Da sind selbst die Blätter der Waldgräser breit, biegsam, bogenförmig herabgeneigt und besitzen Spaltöffnungen auf Ober- und Unterseite. Von solchen nenne ich die _Waldhirse_ mit ihrem schwankenden Gehälm, das _Waldrispengras_ mit dem oberseits abgespreizten Blatt, den stattlichen _Riesenschwingel_ und den grünen _Hundsweizen_, vier Gräser, die sich auch im Auwald der Pillnitzer Elbinsel finden. Im Frühsommer sprießen die _Waldveilchen_ – im Leipziger Auwald auch das seltene pfirsichblättrige –, _Maiblumen_ duften und die _Weißwurz_ schüttelt ihre Hängeglöckchen, während die familienverwandte giftige _Einbeere_ mit der Vierzahl ihrer Blatt- und Blütenorgane kokettiert. Die meisten Gewächse schließen ihre Blütezeit im Juni ab, denn alsdann wird für den nötigen Lichtgenuß das Laubdach zu dicht. Darunter sind viele Allerweltspflanzen wie _Brennessel_, _Zaungiersch_, _Benediktenkraut_, _Knoblauchshedrich_, _Gamanderehrenpreis_. An Wasserläufen und Wasserlachen, die der Sonne Zugang gewähren, so daß das Waldesdunkel zu Halbschatten herabgemindert ist, entwickeln sich meterhohe Hochstauden, ich nenne davon _Kerbelrübe_, _Waldklette_, _Engelwurz_ und _Krausdistel_. Eine große Anzahl der genannten Pflanzen finden sich noch heute _als Begleiter unserer Zäune und Hecken_, vielfach auch in bäuerlichen Grasgärten. Es sind eben die _Reste vergangener Auwaldherrlichkeit_, die durch Rodungen seit vielen Jahrhunderten unwiederbringlich dahin ist. Es ist sicher, daß in allen Flußniederungen Auenwälder vorherrschten, daß aber auch jene tiefgründigen Gelände, die durch jährliche, schichtenweise Bodenanschwemmung sich allmählich _selbst über die Schwemmlandzone erhöhten_, die auch durch hohe Dämme leicht vorm Hochwasser geschützt werden konnten, von den Ansiedlern zuerst zu Wohnstätten, zu Wiese und Weide benutzt wurden. Der stolze Auenwald wurde der Axt überantwortet, bot er doch zur Zimmerung von Buhnen und Wohnstätten vortreffliches Material. Die ursprünglichen Wälder der Niederung verschwanden und an ihrer Stelle wogen segenschwere Getreidefelder oder breitet sich das grüne Meer der Graswiese. _Wo aber, wie in Leipzigs Umgebung und auf unserer Pillnitzer Elbinsel, sich jene Naturgebiete von höchster Eigenart, jene Lebensgemeinschaften von charakteristischer Prägung noch erhalten haben, sollten sie nach Möglichkeit geschont werden._ So hat sich auch unser Landesverein dieser schwindenden Ursprünglichkeit angenommen, und es ist ihm gelungen, durch Mitarbeit und Geneigtheit von staatlichen und städtischen Behörden die _Elbinsel zu Pillnitz_, vor allem aber die weit reichere _Auwaldherrlichkeit um Leipzig_ im Burgauer Forstrevier in ihrer Eigenart als Schutzgebiete erhalten zu sehen.
[Illustration]
Fußnoten:
[1] ~Salix Caprea~, ~cinerea~, ~fragilis aurita~ u. Bastarde.
[2] Spreewald und Oderbruch.
[3] So dankbar wir dem Finanzministerium für den Schutz der Pillnitzer Insel sein müssen, so bedauerlich ist es, daß es noch immer Widerständen nachgibt, welche die störenden Fremdbilder, vor allen Dingen die undeutschen Robinien (als Bienenfutter!!) erhalten möchten.
Leipziger Land
Von Dr. Dr. _Karl Berger_, Leipzig
Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Leipziger Land! Ihm ist dies Heft gewidmet. Vermögen aber nicht erst recht wenige selbst von den Leipzigern damit eine bestimmte Vorstellung zu verbinden? Und doch kam das glückliche Wort schon vor dem Krieg auf. Damals, als – trotz des Offenstehens aller Grenzen – jäh zunehmend die lastende innere Leere der unaufhaltsam Wälder, Felder und Menschen fressenden Großstädte gerade die Besten aus Hörsälen und Werkstätten sehnsüchtig am Wochenende ausziehen lehrte, um Wiesen, Wolken und Wind wiederzufinden und mit Auge und Lunge ein wenig davon für den Werktag sich einzufangen. Damals, also zugleich mit dem alten Wandervogel und mit den Pfadfindern, ward »Leipziger Land« zuerst Heimatfreunden rings um das Völkerschlachtdenkmal zur Bezeichnung voll leisen Wohllauts und voll spröder Innigkeit für die Leipziger Landschaft als eigenes und heimatliches Wandergebiet.
Das Leipziger Land umfaßt annähernd gerade die Leipziger Tieflandsbucht. Denn die Auen der Saale und Mulde rahmen es nicht nur mit breitem silbergrünen Samt im Westen und Osten ein: Sie scheiden es auch durchaus fühlbar von den Vorbergen Thüringens jenseits Weißenfels und Roßbach und auch von den sandigen, ins Märkische hinübergeleitenden Heiden und den fetten Lößlehm-Fruchtebenen, wie sie wenige Stunden nordöstlich und südöstlich von Wurzen beginnen und bis Wittenberg und Meißen reichen. Und hebt nicht auch im Norden der Linie Wettin–Petersberg–Eilenburg die Landschaft der Cöthener Zuckerrüben-Kultursteppe und des Bitterfelder Braunkohlenreviers sich ebenso ab wie im Süden, etwa die jenseits von Teuchern–Borna, besonders seitdem auch sie der Bergbau immer mehr verwandelt?
Freilich droht auch dem Leipziger Land mannigfache Gefahr, daß durch fortschreitende Industrialisierung seine Ursprünglichkeit und, was schlimmer, seine Eigenart, die Weite seiner einsamen Ebenen und die Unberührtheit seiner Auenlandschaften beeinträchtigt, ja mehr als vielleicht bei eingehenderer Würdigung ihrer herben und verhaltenen Schönheit nötig wäre, zerstört wird. Freilich, die Umgebung einer Großstadt ist nun einmal der Nährboden, aus dem diese ihre beste Kraft zieht. Und je mehr diese in tausendjährigem Wuchs aufblüht und ihre Mauerkrone rundet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit daß, von ihr überschattet, gerade zarteste Gebilde in ihrem Umkreis verkümmern. Dazu tritt die zunehmende Dezentralisation der Industrie und das gleichfalls an sich aus ethischen wie gesundheitlichen Gründen begrüßenswerte Trabantensystem der modernen Großstadterweiterung, d. h. die bewußte Anlegung von größeren, die Hauptstadt entlastenden Verkehrs- und Siedlungsmittelpunkten in deren weiterem Umkreise, also im Gegensatze zur bisherigen mechanischen Vorstadtbildung. Für das Leipziger Land kommt noch in Sonderheit der, zumal im Süden um Borna und Böhlen, seit dem Kriege unaufhaltsam zunehmende Braunkohlentagebau hinzu, der der Landschaft so ganz besonders tiefe Wunden schlägt.
[Illustration: Abb. 1. =Theklakirche=]
Das alles erfüllt die Leipziger Heimatfreunde mit schwerer, ja mit immer mehr zunehmender Sorge um die Zukunft der gewiß oft bescheidenen und vielfach recht spröden Reize der Leipziger Umgegend. Dem Fremden aus reicheren Landstrichen mögen sie simpel und jene Sorgen unverständlich erscheinen. Aber auch karge Erde ist als Muttererde heilig. Und es sind vielleicht nicht immer die Klügsten, aber oft die Weisesten und Besten, denen sie es am meisten ist. Es handelt sich hier auch nicht um die Sorgen einiger Dutzend oder etlicher Hundert Ästheten oder Altertümler. Was bedeutet denn das wachsende Drängen der vielen Ruder- und Schwimmvereine, Baugenossenschaften und einzelnen Siedler nach Naturnähe, nach Ruhe und Fernblick, oft trotz vieler Unbequemlichkeiten und Kosten? Was vor allem die große Zunahme der »Schrebergärten«, – jener für die anderen deutschen Großstädte vorbildlich gewordenen Schöpfung des verdienten Leipziger Arztes Dr. Schreber vor zwei Menschenaltern, – auch nach Beendigung der Lebensmittelblockade? All das beweist doch schlagend, wie jede neue Generation unseres mechanisierten Maschinenzeitalters unbewußt oder bewußt, still oder leidenschaftlich, zunehmende Sehnsucht nach der Verbindung mit der Allmutter Natur empfindet, ja empfinden muß. Und der wäre kein Staatsmann und kein Volkswirt, der den rechnungsmäßigen Hektarertrag für Kleingartenland um den Goldwert all der unzähligen Sonnenstunden aufzuwerten unterließe, die der Garten vor der Stadt – ebenso wie rechtes, echtes Wandern über Land – gerade dem Bewohner einer so dichtgebauten Stadt wie Leipzig bedeutet, die keine lachenden Uferhöhen oder lockenden Bergwälder hier und da als Straßenabschluß oder als Platzkulisse, so wie etwa Dresden oder Plauen, besitzt.
* * * * *
[Illustration: Abb. 2. =Theklakirche=]
Innerhalb des Leipziger Landes fehlt es fast völlig an umfänglichen Ortschaften, wie sie das Erzgebirge oder die südöstliche Lausitz so zahlreich aufweist, wenn man absieht von den mit Leipzig verwachsenen Industrie- und Arbeiterwohnsitzgemeinden, die indes zum größten Teil in den letzten fünfzehn Jahren und schon vorher um 1890 einverleibt worden sind. So liegt keine Gemeinde von mehr als 10000 Einwohnern im eigentlichen Leipziger Lande. Merseburg, Eilenburg, Wurzen, auch Borna liegen schon an seinen Grenzen. Städte wie Naunhof, Zwenkau, Delitzsch, denen größtenteils die Industrie ihr Gepräge als Landstadt noch nicht oder nur teilweise genommen hat, und Bauerndörfer überwiegen noch immer, im ganzen betrachtet, die Industrie- und räumlich und ihrer Zahl nach fast auch die Arbeiterwohnsitzgemeinden. Auch Einzelsiedlungen, so häufig im Dresdner Lande und um Hamburg oder Berlin, sind jenseits des Leipziger Stadtgebietes, etwa von der Pleißenaue abgesehen, noch recht selten, z. T. auch wohl infolge der nahen Landesgrenze, die die Stadt im Halbkreis umzieht und manche Verkehrserschwerungen nach wie vor im Gefolge hat, die ungerechtfertigtsten, und in der großen Handelsstadt besonders schmerzlich empfundenen, bekanntlich im Eisenbahnverkehr.
[Illustration: Abb. 3. =Theklakirche: Neuer Eingang=]
Aber der Wandersmann braucht darum freilich sich nicht zu grämen. Und so besteigt er denn auch großmütig den preußischen Zug, um zwei Stationen weit nordwärts nach Rackwitz zu fahren. Hei, wie jagt schon beim Verlassen des Wagens der West ganz anders schneidig vom fernen Landsberger Kapellenberge mit der kunstreichen Doppelkapelle aus Barbarossas Zeiten herüber, als eben noch im gemütlichen Sachsen. Rein ländliche Gefährte und Gefährten am kleinen Bahnhof, der auch in seinem Ziegelrohbau und mit der Birkenallee als Zufahrt uns leise schon die Überschreitung der Grenze veranschaulicht. Bald verläuft sich der kleine Schwarm. Die unwahrscheinliche Stille und Weite der großlinigen Ebene schluckte sie unversehens auf.
[Illustration: Abb. 4. =Theklakirche: Friedhof=]
[Illustration: Abb. 5. =Buschnaukirche=]
Denn meilenweite Felder umfrieden wie im Westen um Lützen, Großgörschen und Kitzen, und im Südosten um Wachau und Liebertwolkwitz, so besonders hier im Norden, fast unmittelbar jenseits des Weichbildes die Stadt. Schon Breitenfeld, einst gleichfalls blutige Walstatt, drüben wenig Kilometer von der Stadtgrenze, könnte ebensowohl ein Gutsbezirk in Pommern sein mit seinen weiten, ausnahmslos dem Rittergut gehörenden Flächen, der Brennerei und den Landarbeiterkasernen und mit dem dunklen Forst, der auch in den letzten Jahren und Jahrzehnten noch so manche blutigen Kämpfe zwischen Wilderern und Förstern erlebte.
[Illustration: Abb. 6. =Landschaft bei Hayna=]
[Illustration: Abb. 7. =Blick von Hayna nach Radefeld=]
[Illustration: Abb. 8. =Bei Gumlitz=]
Wundersam wandernde und wechselnde Wolkengebirge treiben uns entgegen. Oh, ja, auch der Wanderer im Leipziger Lande kann es verstehen lernen, hat er nur Sinn und Andacht dafür, was der Wilde Jäger unseren Urvätern, was die Windsbraut den Romantikern mit ihrem Fernweh bedeutete, und was auch uns neunmal Weisen und Geschäftstüchtigen ein Luftschloß für ein narrendes und doch beglückendes Ding sein kann. Stieg da nicht eben eines blau auf, dort links hinter dem Kapellenberge? Ja, nein, doch ja. Und es ist diesmal wahrlich kein Luftschloß nur: Der Petersberg ist es mit Kirche und Ruine des Klosters, das vor achthundert Jahren sich Otto der Reiche, derselbe, der 1160 Leipzig mit Stadtrecht begabte, als Alterssitz erkor, um hier auf dem ~mons serenus~, dem Lauterberge des Mittelalters, der Wiege seines Geschlechts und dem Himmel zugleich näher zu sein.
[Illustration: Abb. 9. =Hayna=]
[Illustration: Abb. 10. =Alt-Schkeuditz=]
[Illustration: Abb. 11. =Kirche zu Horburg=]
[Illustration: Abb. 12. =Kirchenportal Hayna=]
Unterdessen haben wir ein paar hundert Meter jenseits der Delitzscher Staatsstraße ein anderes und kaum jüngeres, ganz einsam in den Feldern wachendes Gotteshaus erreicht. Eine Fichtenhecke säumt es und hegt den verwunschenen »Gottesacker«, darauf nur noch wenig Dutzend Gräber eines abgelegenen Dörfchens, überdacht von hohen Lebensbäumen, träumen. Der Rest der Kirchfahrt ward, spätestens im Dreißigjährigen Kriege, Wüstung, wie so viele Orte des schlachtenreichen Leipziger Blachfeldes. Aber wenn die Nebel aus den Erlen des nahen Löberbachs aufsteigen, dann steigen auch die Tillyschen Reiter und die schwedischen Musketiere aus ihren eingesunkenen Gräbern. Dann geht es hoch her: Der Würfelbecher kreist, und die Knöchel klappern so laut auf das Kalbfell, daß der abendliche Wanderer drüben nicht daran denkt, daß es vielleicht nur das Rütteln des morschen Fensterladens der Glockenstube war, was ihn schreckte, der Glockenstube des alten, einsamen Gotteshauses mit dem Märchennamen Buschnaukirche.
[Illustration: Abb. 13. =Freiroda=]
[Illustration: Abb. 14. =Sonnenaufgang im Leipziger Tiefland= (Freiroda)]
[Illustration: Abb. 15. =Blick über Röglitz in die Aue=]
Doch wir steuern im flutenden Lichte der gütigen Nachmittagssonne unbeirrt weiter westwärts. Ja, bei windigem Wetter, – und der Wind ist häufig längs der Nordgrenzen Sachsens, – bei Föhn- und Äquinoktialstürmen zumal ist Wandern durch, nein Wandern über das Leipziger Land, außerhalb der Auen, oft wie eine Seefahrt. Ungehemmt brausen die Stürme hier dahin, jagen und hetzen hundertfältige Wolkengebilde, Schleiern, Rauchfahnen, Reitern gleich, von der Saale zur Mulde. Schneestürme, Wolkenschatten, Sonnengarben wandern auf Sturmesflügeln märchenschnell und märchensam, stundenweit auf der endlosen Ebene verfolgbar, über die meilenweite Fläche in einem jäh wechselnden Reichtum der Farben, der an Hochgebirge und wiederum an Meereslandschaften erinnert. Kein Hindernis hemmt Fuß oder Auge: Nur ab und zu schüttere Pappel- und Pflaumenalleen, aussterbende sperrige Windmühlen und ab und zu ein einsamer Baumriese, ein vergessener Moränenhügel und bei klarem Wetter immer wieder einmal eine verblauende Wald- oder eine leise, ferne Hügellinie. Von Menschenwerk sind da und dort eine romanische Wehrkirche, ein hochgiebeliges Herrenhaus aus der Reformations- oder aus der Barockzeit und neuerdings einzelne Wassertürme und das großmaschige, zu mancher Stunde seidig knisternde Netz der elektrischen Überlandleitungen noch immer dem Wanderer im Leipziger Land vielfach bald nach dem Überschreiten der Stadtgrenze die einzigen Landmarken. Und sie sind zugleich Symbole der Herren des Landes im Mittelalter, in der neueren Zeit und in der Gegenwart, der Kirche also, dann des Feudalherrn und nun der Volksgemeinschaft.
[Illustration: Abb. 16. =Auwald bei Schkeuditz=]
[Illustration: Abb. 17. =Auenlandschaft zwischen Elster und Luppe bei Schkeuditz=]
[Illustration: Abb. 18. =Elsteraue bei Quasnitz=]
[Illustration: Abb. 19. =Auwald= (Maslau)]
[Illustration: Abb. 20. =An der Luppe bei Quasnitz=]
[Illustration: Abb. 21. =Auwald= (Maslau)]
[Illustration: Abb. 22. =Parthenaue=]
Die seltenen Dörfer Hayna, Radefeld, Freiroda sind zeitlos und typisch: Lehmmauern und vielfach schon norddeutsche Ziegelbauweise längs der Dorfstraße, rührende ernste Gotteshäuser aus Findlingsblöcken, noch nicht wie in den Städten überschattet von den Menschenmassenbehausungen, sowie diese hier noch nicht überwuchert werden von den Werkstätten. Und doch waren diese verwitterten Kirchen leicht längere Jahrhunderte schon katholisch, als sie nun protestantisch sind. In Hayna fesselt ein unverhofftes kunstvolles Portal mit romanischem Tympanon aus der Kreuzzugszeit und davor ein Gedächtnismal für die Helden des Weltkriegs in so einfachen edlen Formen, wie einst die alten Mäler aus den Jahrzehnten nach 1813 rings im Leipziger Lande.
[Illustration: Abb. 23. =An der Luppe bei Wehlitz= (Schkeuditz)]
[Illustration: Abb. 24. =Elsterlandschaft mit Anlandungen=]
[Illustration: Abb. 25. =Auenlandschaft bei Schkeuditz= (Auenrand)]
[Illustration: Abb. 26. =Auen(Luppen)landschaft bei Maslau=]
Und immer wieder weite leise Wellen blauenden Landes. Die Elsteraue taucht auf. Schkeuditz lugt über ihren steilen Nordhang. Großdölzig, Bienitz und Wachberg und wieder weites Leipziger Land dahinter, winkt von Süden westwärts Röglitz, die Sommerresidenz des Merseburger Geigenherzogs und seines Hofes, und Gröbers, Vorposten des Hallischen Kohlenreviers, wo in den Tagen des unseligen Kapputsches so viele Tapfere ihre Pflichterfüllung mit dem Tode besiegelten. Den Horizont aber begrenzen vor den hauchzarten Linien der ersten Thüringer Berge längs der Saale das vieltürmige Merseburg, das architektonische Kleinod des Leipziger Landes, Dürrenberg, die jahrtausende alte Salzstätte und eine preußisch tadellos ausgerichtete kilometerlange Linie von dreizehn, weit über hundert Meter hohen Schornsteinen – gottlob vier, fünf Stunden von uns entfernt: Das Leunawerk, das neueste große Denkmal deutscher Hand- und Geistesarbeit und das neue westliche Grenzmal des weiten, einsamen, unbekannten Leipziger Flachlandes.
[Illustration: Abb. 27. =Lehmiges Hochufer der Elster=]
[Illustration: Abb. 28. =Teich bei Wehlitz=]
[Illustration: Abb. 29. =Trockenrisse bei Hartmannsdorf= (Elsteraue)
(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)]
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Über die verraste mittelalterliche Salzstraße von Halle nach Schlesien und über die Eisenbahn von Leipzig nach Halle steigen wir durch Hänichen oder Schkeuditz nun bald den Hang der Elster- und Luppenaue hinab, die sich vier Kilometer breit als Elsteraue von Pegau–Groitzsch nach Leipzig und von Leipzig bis zur Saale zieht. Erst nach der letzten der – nach Jeckels neuesten Forschungen – wohl vier Eiszeiten, ist die Elsteraue in geologisch sehr junger, schätzungsweise hundert bis hundertundfünfzigtausend Jahre zurückliegender Zeit durch Erosion des nach dem Schmelzen des Inlandeises viel wasserreicheren Flusses entstanden. Andere, ähnliche Auen des Leipziger Landes, sind vor allem die der Pleiße und der Parthe, dann die der Saale und Mulde zwischen Weißenfels und Halle und zwischen Grimma, mehr noch zwischen Wurzen und Eilenburg. Diese für das Leipziger Land ganz besonders kennzeichnenden Flußauen sind bald urwald- und sumpfartig. Bald aber sind sie, wie besonders an der Mulde, insbesondere bei Nischwitz, Püchau und Thalheim, aber auch an der Pleiße und an der Parthe, mehr wald-, park- oder wiesenartig. So sind auch zahlreiche große Parks in den Auen angelegt worden; von den öffentlich zugänglichen sind wohl die schönsten die der Schlösser Knauthain, Machern, Lützschena und Dölkau. Zu jeder Jahreszeit aber bescheren die Auen die sinnfälligsten und mannigfachsten Natureindrücke im Leipziger Land. Häufige Überschwemmungen verändern auch heute noch, oft binnen weniger reißender Stunden, durch Dammbrüche auf weite Strecken, zumal an der Elster bei Bösdorf und Eythra und bei Gundorf, das Land und machen mühsam angelandeten Wiesen- oder gar Haferboden für lange Jahre wieder zu Schilfland, wenn nicht gar zu Lehmlachen. Dem Naturfreunde freilich gewähren sie, und zwar schon vielfach innerhalb des Gebiets seiner Seestadt Leipzig, unerwartet eindrucksvolle und mannigfache Bilder.
[Illustration: Abb. 30. =Löwenzahn bei Abtnaundorf=
(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)]
Und die Rückstände dieser Überschwemmungen, feine Ton- und Sandteilchen, oft durch Trockenrisse weithin netzartig geädert wie manche Porzellane, bringen eine in Sachsen unübertroffen üppige Wald-, Sumpf- und Wiesenvegetation hervor.
[Illustration: Abb. 31. =Fahrende Siebmacher unter der Linde bei Wehlitz=]
Freilich bis zur Kaisereiche bei Maslau, wohl dem größten Baume Sachsens und seiner Grenzgebiete mit weit über acht Meter Umfang etwa einen Meter über dem Boden, mit achtunddreißig Meter Höhe und hundert Festmetern Kubikinhalt, ist der Weg zu weit und verschlungen, nun langsam der Abend niedersinkt. Fast ein wenig unheimlich wird es im weiten Röhricht und unter den Espen und Erlen, die im aufkommenden Abendwinde gespenstisch schauern. Weben und werben dort auf den Wiesen gen Papitz nicht Erlkönigs Töchter in den Weiden über den Wassern? Locken nicht Irrlichter ganz nahe vom schmalen abschüssigen Damm in ihr feuchtes Reich? Und jetzt hebt auch ein Käuzchen hier an zu klagen und ein zweites antwortet drüben über der Luppe her als Stimme und Symbol der fast plötzlich verwandelten dunkelblauschwarzen Einsamkeit. Und als wir nun auf oft verwachsenem Jägerpfad nach der Gundorfer Ziegelei zur Straßenbahn hinüberschreiten, denken wir an manche Mär, die auch unsere Aue, so wie den längst viel nüchterner gewordenen alten Sumpfwald der Schratte, den Schraden bei Ortrand, mit Gestalten der Sage beleben, an den Schatz im Attnitzberge bei Oberthau und an den Mann ohne Kopf an der Kahlen Hufe bei Kleinliebenau, an den Drachen zu Zschöcherchen und an den Köckeritz bei Möritzsch mit seinen mancherlei altgermanischen Funden und mit seinen Sagen vom Wilden Jäger. Vielleicht ist es nicht restlos Zufall, daß gerade am Rande der Aue die althochdeutschen Zaubersprüche zur Bannung böser Geister noch in der Zeit lebendig waren, aus der auch unserem Leipziger Lande in den Merseburger Chroniken und Zaubersprüchen erste literarische Urkunden überliefert sind.
[Illustration: Abb. 32. =Sumpfdotterblume, Püchau bei Wurzen=
(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)]
[Illustration: Abb. 33. =Gasthaus zur grünen Eiche in Eythra=]
[Illustration: Abb. 34. =Eiche bei Oberthau=]
[Illustration: Abb. 35. =An der Luppe bei Schkeuditz, unweit Gaststätte »Waldkater«=]
=Literaturhinweise= (nur eine kleine Auswahl guter Werke).
1. Leipziger Land, herausgegeben vom Leipziger Dürerbund und Wandervogel. 2. Auflage. 1912. Fritz Eckardts Verlag. 132 Seiten. Ein noch jetzt brauchbarer Führer unter Betonung des Landschaftlichen und Geschichtlichen.
2. Leipziger Lehrausflüge. Herausgegeben von Kurt Krause. 1920. Ferdinand Hirt und Sohn in Leipzig. 164 Seiten. Überwiegend erdkundlich-geologisch. Auch für Anspruchsvollere.
3. Sächsische Wanderbücher, Rund um Leipzig. Herausgegeben von Dr. Kurt Krause. 1924. Verlag von Kommerstädt und Schobloch, Dresden-Wachwitz. 330 Seiten. Sehr inhaltsreich und gründlich; hauptsächlich geologisch und siedelungsgeschichtlich. Bis Gera und zur Dübener Heide reichend.
4. Leipziger Land im Bild, Heft 1. Herausgegeben von der Sektion Jung-Leipzig des Deutschen und Österreichischen Alpenverein 1912. Fritz Eckardts Verlag. Die leider nicht fortgesetzte Veröffentlichung von neunundsiebzig ausgezeichneten kennzeichnenden Landschaftsaufnahmen aus dem Leipziger Land.
[Illustration: Abb. 36. =Alt-Schkeuditz=]
Altertümliche Lehmwandmuster aus Nordwestsachsens Grenzdörfern
Von _Rudolf Moschkau_, Leipzig
Mit sieben Zeichnungen vom Verfasser
Zu den unscheinbarsten Blüten alter heimatlicher Volkskunst gehört eine Gruppe von Hausornamenten, die mir an Sachsens Landesgrenze bei Leipzig häufiger vorzukommen scheinen, als sonst in Leipzigs näherer Umgebung. Daß hierbei die erst hundertjährige politische Grenze keinerlei Rolle als Kulturscheide spielt, bedarf kaum der Erwähnung. Tatsächlich finden sich die in Rede stehenden Verzierungsmuster an bäuerlichen Lehmhäusern hüben wie drüben. Die reizvolleren Beispiele freilich traf ich jenseits der grün-weißen Grenzpfähle auf provinzialsächsischem Boden an. In unmittelbarer Umgebung der Großstadt dagegen hat großstädtische Bauweise mit den alten Lehmhäusern auch die alte Verzierungsweise verschwinden lassen. Ob heute die Technik der Lehmwandmusterung in dem unberührteren landwirtschaftlichen Nachbargebiete, in dem sie besser erhalten blieb, auch noch ausgeübt wird, entzieht sich meiner sicheren Kenntnis. Ich bezweifle es; auf jeden Fall könnte es sich nur um ein örtlich begrenztes, letztes Aufflackern einer verlöschenden Gepflogenheit handeln.
Die Hausornamente bestehen aus geometrischen Furchen- und Stichmustern, die in den noch bildsamen feuchten Lehm der eben fertiggestellten Hauswände eingetieft wurden. Das drei- bis sechszinkige Gerät, dessen sich der bäuerliche Handwerker hierzu bediente, ist kammartig zu denken. Zu Gesicht ist mir ein solches Instrument bisher nicht gekommen. Vielleicht genügte für einfache Muster das fünfzinkige Urbild aller Kämme, die menschliche Hand. Wo die gemusterte Lehmwand vor Schlagregen geschützt blieb, erhielten sich Furchen und Einstiche sehr wohl.