Chapter 4 of 6 · 3901 words · ~20 min read

Part 4

So kann man noch ganze Außenwände, mit unbegrenzten Mustern gefüllt, antreffen. Für Innenwände schuf man sich auf gleiche Art einen billigen Tapetenersatz. Als Beispiel mag ein Bauernhaus des siebzehnten Jahrhunderts aus Leipzig-Wahren dienen, das von seinem Besitzer pietätvoll geschont ward. (Abb. 1.) Ohne Kalk- oder Farbtünche geben seine Zimmerwände ein Bild armseliger und doch nicht schmuckloser Einfachheit: Der Balkenrichtung angepaßt, verlaufen vierfurchige Wellenbänder in Begleitung von Stichgruppen ziemlich sorglos zwischen senkrechten Furchenbändern oder folgen schrägen Streben des Balkenwerkes. An anderen Stellen tritt durch regelmäßige Kreuzung geradliniger Bänder ein strengeres Rautenmuster mit gewellten kurzen Mittelstrichen auf. Der Bauer hat die letztgenannte Art, eine Wandfläche im Ganzen aufzuteilen, entschieden vor anderen Möglichkeiten bevorzugt, so daß sie über weite Landstriche Sachsens und der Nachbarländer Verbreitung gefunden hat.

Durch besseren Wetterschutz vor der Wandfläche begünstigt, zeigt das Dachgesims die empfindlichen Kammuster in besserer Erhaltung. Die ausgewählten Beispiele sprechen für sich selbst. Was die Konstruktion des Simses angeht, so war ich um Ansichten in Übereckstellung bemüht. An den Ecken liegen die wunden Stellen des Lehmhauses, die nicht selten erkennen lassen, wie der Sims gebaut und mit Lehm verkleidet worden ist. Die Muster selbst werden an dem überschatteten Sims von ungeübten Augen leicht übersehen. Nur bei guter Erhaltung und Seitenbeleuchtung sind sie so deutlich wie auf unseren Zeichnungen sichtbar. (Abb. 2–7.)

Was an der Bemusterung der Simse sogleich auffällt, ist der größere Reichtum an Formen. Zickzack- oder Wellenbänder mit Überschneidungen folgen der Hauptrichtung des Simses und werden meist begleitet von Stichgruppen, die sinngemäß die freien Mittelfelder und Zwickel füllen. Aus der Zahl der Furchen, die ein Band bilden, oder der Punktzahl einzelner Stichgruppen ist die Zinkenzahl des verwendeten Kammes ohne weiteres erkennbar. Eine Reihung einzelner Elemente wie in Abbildung 5 mag durch die Reihe der vorstehenden Dachbalkenköpfe eingegeben worden sein. Diese Balkenköpfe werden gern durch Lehmauftrag verdeckt, um eine glatte Durchführung des Musters über den ganzen Sims hin zu ermöglichen. Da aber der dünnere Lehmauftrag an dem Balkenende weniger fest haftet, treten sie meist wieder zutage, wie in Abbildung 4. Hier hält überdies ein kahler, späterer Mörtelputz das freundliche alte Girlandenmuster bis auf eine Bruchstelle verdeckt.

In geschmacklicher Hinsicht verdient dieser bescheidene Hausschmuck fast ausnahmslos ein Lob. Es scheint, als ob die Hersteller Kenntnis gehabt hätten von den Ornamentgesetzen der Reihung. Nicht nur, daß die rhythmisch geordneten Zierteile und die rhythmisch bewegten Linien Gefallen erregen – selbst der Rhythmus des unbegrenzten, denkbar bescheidenen Musters in Abbildung 7 hat noch seinen Reiz – nein, auch die Logik dieses Schmuckes ist zwingend: Der Schmuck ist werk- und materialgerecht; denn der Kamm, der nur stechen und ritzen kann, wird allein in diesem Sinne verwendet, und zwar an einem Material, das eben diese Tätigkeiten mühelos erlaubt. Es sind nichts weiter als Werkzeugspuren in gefälliger Anordnung, die so entstehen, keine andere Herstellungsweise, kein fremder Werkstoff wird vorgetäuscht. Und auch die Stelle, wo der Schmuck sitzt, ist sinnvoll gewählt. Es ist der obere Wandabschluß des Hauses, wo das Muster wirkt wie der säumende, abschließende Besatz eines Kleides.

[Illustration: _Bäuerliche Ritzkamm-Muster an der Innenseite der Lehmfachwände des Hauses No. in Wahren bei Leipzig. 17. Jahrhundert._

Abb. 1]

[Illustration: _Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in Döllnitz westl. Schkeuditz_

Abb. 2]

[Illustration: _Bäuerliches Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in Raßnitz westl. Schkeuditz._

Abb. 3]

Man sehe noch einmal ein Beispiel wie Abbildung 3 an, und man wird gestehen, daß der so erzielte Eindruck von Harmonie zwischen baulichen und schmückenden Gliedern ungetrübt ist. Ein ehrlicher, derber Menschenschlag mit Sinn für Zweckmäßigkeit und Freude an bescheidener Schmückung steht hinter solchem Werk. Aber noch ein anderer Eindruck drängt sich uns auf: Der Eindruck, daß es »so lange her« sei, daß hier eine uraltertümliche Kunstübung vorliegen müsse; und dem ist auch so. Wer in Europas vorgeschichtlicher Kunst Bescheid weiß, der kennt bereits diese Kreuzchen und Stichgruppen, Zickzack- und Wellenmuster. Sie sind zu allen Zeiten in mehr oder weniger primitiven Kulturen in Gebrauch gewesen. Vom Volk erfunden und angewandt, stellen sie im eigentlichen Sinne primitives Gemeinschaftsgut dar.

[Illustration: _Bäuerliches Wohnhausgesims mit altem Ritzkamm-Muster unter jüngerem schmucklosem Mörtelputz. Klein-Kugel, östlich Halle, Kreis Halle._

Abb. 4]

[Illustration: _Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in Wöllmen südw. Eilenburg._

Abb. 5]

[Illustration: _Bäuerliches Wohnhausgesims mit Ritzkamm-Muster, Kl.-Kugel, östl. Halle, Kr. Halle._

Abb. 6]

[Illustration: _Groß-Kugel, östlich Halle, Kreis Halle, Scheunengesims mit Ritzkamm-Muster._

Abb. 7]

Schon die eiszeitlichen Fundstellen der Aurignackultur liefern auf Knochengeräten schön entwickelte Beispiele. Auf nacheiszeitlichen Rentierstäben der Yoldiaperiode tauchen sie wieder auf. Die reichste Entwicklung aber findet das primitive, geometrische Ritzornament in der Keramik der jüngeren Steinzeit Deutschlands. Hier läßt es sich auch zum erstenmal an Häusern – Grabhäusern freilich, wie das berühmte Merseburger Steinkistengrab, sowie an tönernen Hausmodellen aus Mähren – neben bildhaft symbolischen Zeichen beobachten. Für die viel spätere Zeit der Römerherrschaft bekundet Tacitus, Germania XVI, in einer vielgenannten Stelle, daß die Germanen manche Teile des Hauses mit feiner glänzender Lehmmasse überzögen, wodurch Malerei und Zeichnung gleichsam vertreten würden. Die merkwürdigste technische Übereinstimmung mit unseren Lehmwandmustern liefert jedoch der slawische Kulturabschnitt unserer Heimatgeschichte. Die slawischen Gefäße vom Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrtausends kennen als ausschließliche Verzierung nur die Ritzkammusterung. Sehen wir von der viel kleineren Ausführung derselben ab, so ist die Ähnlichkeit dieser tausendjährigen Gefäßmuster mit unserem Lehmhausschmuck verblüffend. Davon kann sich jeder Besucher einer heimatlichen Vorgeschichtssammlung, die slawische Scherben enthält, überzeugen. Wenn heute noch in slawischen Ortschaften an der March[4], wie auch anderwärts in slawischem Siedlungsgebiet, Lehmwände in gleicher Weise mit Kammustern geschmückt werden, so darf auch eine ununterbrochene Tradition wenigstens für slawische Stämme vermutet werden. Ebenso wird für unsere Heimat eine Fortdauer vor- und frühgeschichtlicher Tradition bis zur Gegenwart nicht zu bestreiten sein.

Außer der primitiven Technik unseres Lehmhausornamentes weist aber noch ein zweiter Umstand in die graue Vorzeit als den Nährboden solcher Kunstübung, ein Umstand, der uns die Muster nicht mehr allein aus reiner, primitiver Schmuckfreude herleiten läßt. Das ist das Auftreten symbolartiger Bildzeichen. So erscheint, von mir freilich nur erst einmal in Leipzigs Umgebung beobachtet (Wölpern, südöstlich Eilenburg), in Verbindung mit Zickzackmusterung ein Bäumchen auf gestellartigem Untersatz, beides in Stichmanier ausgeführt. Ganz gleiche primitive Bäumchen mit aufwärtsweisenden Zweigen, wiederum verbunden mit Dreieckzacken und Punktmusterung sind im Hannöverschen als gelegentliche Malerei an Hausbalken bekannt. Auf Befragen eines volkskundlich eingestellten Forschers gaben Einheimische eine bildliche Ausdeutung der abstrakten Muster bis auf die Punktdreiecke, deren Erklärung mit einem »zweideutigen Schmunzeln« abgelehnt wurde[5]. Sie dürften wohl geschlechtliche Beziehung haben. Und da solche Zeichnungen einer Braut im Hause gelten, so ist die Beziehung auf künftige eheliche Fruchtbarkeit offensichtlich. Was hier im symbolischen Sinne geschieht, ist in alten Zeiten als zeichnerischer Fruchtbarkeits- und Abwehrzauber geübt worden. Darauf weist auch das Auftreten der Symbolzeichen in jenen steinernen Grabkammern des Neolithikums hin, in denen gerade das primitive Bäumchen, mit einem Sonnenrad beziehungsvoll verbunden, wiederholt beobachtet worden ist.

So kann vergleichende Volkskunde und Vorgeschichte die bescheidensten Zeugnisse heimatlicher Volkskunst in ein neues Licht rücken. Mochten die heutigen Lehmwandmuster auch von ihren Herstellern nur als Schmuck angebracht und empfunden worden sein, so gehen sie doch letzten Endes auf alte Vorbilder zurück, in denen sich Schmuckwirkung mit zauberischer Absicht verband. An anderem Bauzierat des Hauses läßt sich diese Verwurzelung in primitiver magischer Denkweise vorgeschichtlicher Kulturen deutlicher erkennen. Doch liegt hier durch die Sammlung von Wetterfahnen, Giebelzeichen, Dachluken, Hausinschriften usw. ein ungleich reicheres Material vor. Möchten sich auch für unsere aussterbenden Lehmwandmuster einige Heimatforscher finden, die durch zeichnerische Sammelarbeit das Material vermehren helfen, das auf diesen Seiten nur erst teilweise veröffentlicht worden ist, und das zusammenzutragen mir manche Freude bereitet hat.

Fußnoten:

[4] Mitteilungen der Anthropolog. Gesellschaft in Wien. Bd. VII, S. 318, mit Abbildung.

[5] Zeitschrift für Ethnologie. Verhandlungen 1896, S. 589, mit Abbildung.

Die Harth und ihr Wert für die Großstadt Leipzig

Von Dr. _Gustav Schulze_, Leipzig

Es ist jetzt vielfach die Rede von großzügigen Bebauungs- und Wirtschaftsplänen, durch die nicht nur die eigentlichen Siedlungsflächen, Bau- und Industrieland, sondern auch die Adern des Personen- und Güterverkehrs zu Wasser und Lande, Eisenbahnlinien, Autostraßen, vor allen Dingen aber die Grünflächen, die Lungen der Großstadt, weitblickend festgelegt werden sollen.

[Illustration: Abb. 1]

Künstlich angelegte Grünflächen, Promenaden, Volksparks werden immer etwas Gewolltes, Unnatürliches an sich haben, die wahre Erholungsstätte für alt und jung bleibt doch der Wald. Nur schade, daß er sich in seiner natürlichen Unberührtheit, sei es auch nur Kulturwald, nur selten noch nahe dem Weichbild einer Großstadt finden wird. Bei Leipzig, dessen Lage ja, mit Unrecht allerdings! für besonders reizlos gilt, wird man das am wenigsten vermuten und doch ist es der Fall. Zehn Kilometer Luftlinie vom Marktplatz, vier Kilometer von der Stadtgrenze entfernt, befindet sich ein echter Nadelwald von acht Quadratkilometern Fläche, das Staatsforstrevier Harth. Der Name bedeutet soviel wie Weidewald.

[Illustration: Abb. 2. =Aus der Harth=]

Die Harth, Leipzigs Stolz und meistgewähltes Ausflugsziel – jede Leipziger Schulklasse tobt sich hier einmal wenigstens im Jahr aus, – liegt auf einer diluvialen Halbinsel zwischen den kilometerbreiten Talauen der Elster und Pleiße, die sich noch südlich der Stadt Leipzig vereinen und als breiter Auwaldstreifen die westlichen Vororte von dem eigentlichen Stadtkern scheiden. Die diluviale Tafel erhebt sich etwa fünfzehn Meter über die Auen und erreicht innerhalb der Harth im Südwesten ihren höchsten Punkt mit 133 Meter, an der Straße südlich Prödel liegt die tiefste Stelle mit 122 Meter. Die geringe Erhebung über den Grundwasserspiegel hat genügt, hier einen typischen Trockenwald, eine kleine Heide entstehen zu lassen, der allerdings alle dünenartigen Bodenwellen völlig fehlen. Die Eigenart der diluvialen Bodendecke hat diese Heidebildung noch begünstigt.

[Illustration: Abb. 3. =Maientag im Harthwalde=]

[Illustration: Abb. 4. =Alter Kiefernbestand in der Harth=]

Den Boden der Harth bildet eine sechzig bis hundert Zentimeter dicke Lößschicht, ein durchaus gleichförmiges Gebilde, dem Geschiebe fast gänzlich fehlen. Dieser Löß liegt über lockeren und daher leichtdurchlässigen altdiluvialen Flußschottern. So war es möglich, daß durch Auslaugung der feinen Bestandteile und ihre Wegführung nach unten eine Decke von sandartigem Habitus übrig blieb, die, physikalisch betrachtet, wohl einen guten Boden darstellt, aber bei rund fünfundachtzig Prozent Kieselsäure doch recht arm an Nährstoffen ist. Sandliebende Pflanzen werden sich hier wohlbefinden und so entstand ein echter Heidewald mit Kiefern, Fichten, Lärchen und Birken; den Boden besiedeln Heidekraut und Heidelbeeren, Farne und Maiblumen, die der Leipziger natürlich weit mehr schätzt als den Knoblauch, der ihm zuzeiten die schönen Auenwälder fast vergällt.

[Illustration: Abb. 5. =Am Wege nach Zwenkau=]

[Illustration: Abb. 6. =Kiefernbestand in der Harth=]

Im Gegensatz zur feuchten, nebel- und mückenerfüllten Aue stellt die Umgebung der Harth ideales Siedlungsgelände dar. Das mag schon immer so gewesen sein, denn rings im Umkreis weisen Erdfunde, in der Harth selbst der Rennstieg, Wallanlagen und Brandgräber mit Aschen- und Knochenresten (Bronzezeit?) auf eine vorgeschichtliche Besiedlung hin. Auch die Siedlungen der geschichtlichen Zeit haben sich aus der Gefahrenzone des Überschwemmungsgebietes und vor seinen kalten Nebeln hinaufgeflüchtet auf das diluviale Hochplateau. In engem Kreise schließen Gaschwitz, Debitz-, Groß- und Probstdeuben, Stöhna, Zeschwitz, Zwenkau, Prödel, Zöbigker und Großstädteln die Harth ein. Es ist gar kein Zweifel, daß ihre ackerbautreibende Bevölkerung in früheren Zeiten der Harth manchen Quadratmeter Boden abgerungen hat, denn der Heideboden reicht viel weiter, als sich heute die Harth erstreckt. Sie war darauf angewiesen, dort ihren Pflug anzusetzen, denn die Aue eignete sich nur für Wiesenkultur. Alle diese Orte haben sich bis heute frei von Industrieunternehmungen gehalten, und kein giftiger Qualm, kein ohrenbetäubender Lärm belästigt hier den Erholung suchenden Menschen. Die meisten der Orte wußten die Vorzüge ihrer Lage wohl zu schätzen und hoben sie durch vorzüglich ausgebaute Straßen und mustergültige Beschleusung. Wohlgepflegte Wege führen von all diesen Orten hinüber zur Harth, und Gaschwitz, Deuben und Zwenkau schieben sich heute schon mit Villenkolonien dicht an sie heran.

[Illustration: Abb. 7. =Lärchen in der Harth=]

Alles in allem, die Harth ist das Ideal eines natürlichen Großstadtgrünfleckes. Die Eisenbahn hat die Bedeutung dieser Tatsache voll erfaßt und bringt die Ausflügler der Altstadt, wie auch der östlichen, südlichen und westlichen Vororte vom Hauptbahnhof, vom Schönefelder, Stötteritzer, Gautzscher und vom Plagwitzer Bahnhof her Sonn- und Wochentags mit vierundfünfzig Zügen heran, und von Gaschwitz, Deuben, Großstädteln, Böhlen oder Zwenkau mit siebenundfünfzig Zügen bei einer Fahrzeit von rund zwanzig Minuten wieder in die Großstadt zurück. Bis zum Gaschwitzer Bahnhof, dessen Verkehr dem einer Großstadt wenig nachsteht, ist die Strecke viergleisig ausgebaut, und die neuzeitlich ausgestattete Bahnhofsanlage ermöglicht auch die glatte Abwicklung des Feiertagsverkehrs, der durch Sonderzüge gewöhnlich noch eine Steigerung erfährt.

[Illustration: Abb. 8. =Eichen in der Harth=]

Eine der besten Autostraßen Leipzigs führt über Connewitz, Gautzsch, Zöbigker, Prödel geradlinig zur Harth, und über Knauthain, Eythra, Zwenkau sowie Ötzsch, Städteln, Gaschwitz ist die Zufahrt im Auto nach der Harth ebenfalls günstig.

Der Hauptvorteil der Harth gegenüber anderen Nadelwäldern in Leipzigs weiterer Umgebung liegt darin, daß sie durch Fußgänger auf schattigen, staubfreien Wegen fast von allen Teilen der Stadt aus zu erreichen ist, ohne daß man dabei vom Groß- und Schnellverkehr belästigt wird. Vom Westen und Süden der Stadt aus kann man ohne großen Umweg in der Elsteraue über Lauer, Cospuden, Eythra, Zwenkau oder vom Osten aus in der Pleißenaue über Lösnig, Dölitz, Markkleeberg, Crostewitz, Gaschwitz zur Harth gelangen. Die Karte vermöchte dieses weitverzweigte Wegenetz doch nicht vollständig wiederzugeben, darum wurde gar nicht erst der Versuch gemacht, um den Eindruck der Geschlossenheit der Auen zwischen Stadt und Harth nicht zu verwischen.

[Illustration: Abb. 9. =Am Rande der Harth bei Zwenkau=]

Schon auf der Wanderung zur Harth findet der Naturfreund vieles, was sein Herz erfreut, breite schattige Wege durch den hochstämmigen Auenwald oder enge verschlungene Pfade durch Weiden- und Erlengebüsch, ständig wechselnde Bilder längs der zahlreichen Wasserläufe, lauschige Plätzchen an stillen, von Wasserlinsen überzogenen Altwässern, breit hingelagerte Ziegeleien inmitten blumiger Wiesen, in entlegenen Talwinkeln und Flußschleifen verträumte alte Wassermühlen und efeuumsponnene Herrenhäuser hinter halb ausgetrockneten Schutzgräben. So gelangt man auf immer neuen, immer schönen Wegen in zwei, drei, höchstens vier Stunden hinaus zur Harth. Und nun hat man den doppelten Genuß. Der Laubwald ist reizvoll, es ist doch aber immer wieder etwas Eigenes um den Nadelwald in seiner herben, straffen Schönheit. Kerzengerade streben Fichten und Kiefern zum Himmel empor, in geraden Reihen, Soldaten gleich, wies ihnen die sorgende Hand des Försters den Platz. Gradlinig ziehen Schneisen und Wege dahin, weite Durchblicke gewährend, die dunklen ernsten Massen gesäumt von lichten, freundlichen Birken und Lärchen.

Mag an den Pfingstsonntagen die Harth noch so stark von Tausenden und Abertausenden besucht sein – »hier ist des Volkes wahrer Himmel« – der Kundige findet immer noch ein ruhiges, friedliches Plätzchen in verschwiegenem Gebüsch und vergißt für einige glückliche Stunden das Großstadtgetümmel und ruht und träumt, daß kluge Menschen und ein weitblickender Staat aus diesem unersetzlichen Kleinod einen Naturschutzpark gemacht hätten, den keine frevle Hand berühren darf und wenn das mächtigste Braunkohlenflöz der Erde darunter läge. – Ein schöner Traum, aber vielleicht wird er doch noch Wirklichkeit, wenn auch die Gefahr groß ist, die der Harth vom Staatlichen Braunkohlenwerk Böhlen her droht.

Werden und Verändern der Vogelwelt im Leipziger Gebiet innerhalb der letzten Jahrzehnte

Von _Richard Schlegel_

Vergehen und Werden, Unbeständigkeit und Wechsel sind die ehernen Gesetze, denen sich alles Naturgeschehen vom »ersten Schöpfungstage« an beugt. Und dieser Wechsel im Aufbau unseres Planeten prägte in langen erdgeschichtlichen Epochen die reich differenzierte Pflanzen- und die mit ihr in innigster Wechselbeziehung stehende Tierwelt, deren Zahl sich in Legionen verliert. Der Wechsel in der Vergangenheit rief der Vielgestaltigkeit der Lebewesen sein Werde!, und der Wechsel in der Zukunft beugt sie wieder unter seine zwingende, umformende Gewalt. Der Wechsel in Bodenbeschaffenheit und Klima nagte an der Starrheit der Art und schuf in den Rassen Abwechselung und Vielgestalt. Wie wirkt aber der Wechsel auch in geschichtlich absehbaren Zeitabschnitten noch heute verändernd und umgestaltend auf die uns umgebende Lebewelt? Das zu verfolgen, soll hinsichtlich einer scharf umrissenen Tierklasse, der Klasse der Vögel, der Zweck meiner kurzen Ausführungen sein, soweit dies auf engbemessenem Raume möglich ist. Zu Untersuchungen nach dieser Richtung bietet gerade ein Lebensraum mit einer Millionenstadt, wie sie annähernd Leipzig ist, im rastlosen Wechsel des Werdens und Veränderns die denkbar beste Gelegenheit. Ja, fordert sie den Natur- und Heimatfreund, der jahrzehntelang nicht achtlos am lauten Herzschlag des Naturgeschehens auch inmitten des hastenden Räderwerkes einer Großstadt vorüberging, nicht geradezu zu solchen Vergleichen heraus? Zwar dürfen wir nicht erwarten, daß in so kurzen, übersehbaren, am Leben des Menschen gemessenen Zeitabschnitten sich die Veränderung der Umwelt auch morphologisch und physiologisch im Vogel widerspiegelt, solche Umformung mißt man mit Meilenmetern und Millionenjahren; sie finden nur in biologisch-ökologischen Faktoren sichtbaren Ausdruck. –

Die lawinenartig wachsende Zunahme der Bevölkerungszahl in der Vorkriegszeit forderte gebieterisch Neuland für Siedlungszwecke. Wo einmal goldene Ähren im Winde nickten, und frischgrüne, bunt durchwirkte Wiesenflächen die Häusermauern malerisch säumten, da machen sich neue Straßen breit und greifen weit hinein in die einst ländlich stille Landschaft, wo der Pflug friedlich seine Furchen zog. Damit im Zusammenhange steht, daß die Wellen des Großstadtverkehrs weit hinaus in ländliche Gefilde schäumen, auf die ehemals Ruhe und Frieden ihre Fittiche breiteten. Verödet und entheiligt vom Tritt und Lied naturfremder Wanderscharen liegen die Gefilde, wo einstmals unser stolzester und ansehnlichster Vertreter der deutschen Vogelwelt, der _Großtrappe_, in reicher Besiedlung heimatete und bis in Stadtnähe heran dem Brutgeschäfte obliegen konnte. Nur noch ganz sparsame Reste dürften es sein, die uns in südwestlichen und nördlich-nordöstlichen Gebieten, nahe der preußischen Landesgrenze, erhalten geblieben sind. Wir wünschen den Bestrebungen des sächsischen Heimatschutzes von Herzen Erfolg bei seinen Bemühungen um Erhaltung dieses vaterländischen Naturdenkmals ganz hervorragender Art. –

Noch in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstreckten sich, vom hinteren Rosentale an, über Gohlis, Möckern und Wahren hinaus ausgedehnte Ausstichsümpfe und Lachengebiete mit interessanten feuchtigkeits- und wasserliebenden Pflanzengemeinschaften, die einer ebenso interessanten und vielseitigen Lebewelt von der Amöbe bis zur Wasserspitzmaus in lückenloser Aufstiegreihe die Daseinsbedingungen schufen. Auf diesen wahrhaft klassischen Stellen, nun ausgefüllt mit allem Unrat der Retorte Großstadt, baut gegenwärtig der Schrebergärtner Salat und Sellerie. Hier »erfreuten« sich einst _Höckerschwan_, _Zwergrohrdommel_, _Knäkente_, _Blaukehlchen_ und allerlei heimliches, lichtscheues _Rallenvolk_ ungestörten Daseins. Wiesen- und Gartengelände wurden gewonnen, aber die Mücken leben dort scheinbar alle noch, und _Höckerschwan_ und _Blaukehlchen_ sind aus der Liste Leipziger Brutvögel zu streichen. Andere Stellen gleicher Beschaffenheit, beispielsweise die Luppensümpfe bei Gundorf, verlanden mehr und mehr. Wo man noch im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts dort auf den Schlammbänken und Seichtwasserstellen zur Zugzeit allerlei artenreiches Stelzvogelvolk anzutreffen die sichere Aussicht hatte, wetzt zwar noch Bläßhuhn und knärren die Entenerpel, aber Reichtum und Vielseitigkeit gehören der Vergangenheit an. Die fortschreitende Entwässerung des Geländes überhaupt war einer der einschneidendsten Faktoren in der veränderten Physiognomie der Vogelwelt des Leipziger Gebiets. Vom Nisten des _weißen Storches_ berichten uns Vogels Annalen aus früheren Jahrhunderten, und selbst aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind uns noch drei Stadtbrutstellen bekannt. Heute sind sämtliche Niststellen der näheren und weiteren Umgebung verlassen, und selbst bis zur Elbe hin war 1924 Malkwitz, östlich der Mulde, der einzige Ort überhaupt, der noch eines Nistpaares sich rühmen durfte. In einer im Druck erschienenen Broschüre, Verlag von Max Weg, Leipzig, über die Vogelwelt Nordwestsachsens, habe ich aller uns bekannt gewordenen Niststätten eingehender gedacht. Wer sich näher für das Werden und Verändern der Vogelwelt dieses Gebiets interessiert, den verweise ich auf die dortigen Ausführungen. –

Ein Zeitgenosse Chr. L. Brehms, der alte Leipziger Ornithologe Heinrich Kunz, berichtet uns, daß in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf der sogenannten Kuhweide, einem sumpfigen, mit Hecken durchsetzten Wiesengelände an der Frankfurter Straße, der _graurückige Würger_ so häufig genistet habe, daß die Sammler die Eier überhaupt nicht mehr beachteten, und daß auf Schimmels Teich – in der Gegend des Reichsgerichts – u. a. auch die niedliche _kleine Rohrdommel_ und die _große Rohrdommel_ gebrütet haben. Heute ist der graue Würger wohl schon allenthalben in deutschen Gebieten als Seltenheit zu werten. Den Schönefelder Rohrteich kannte Kunz als Brutort der _Rohrweihe_ und _Sumpfohreule_, Arten, von denen es heute wie im Märchen heißt: »Es war einmal«. Teils ohne ersichtlichen Grund, teils des Eierraubs wegen, wie behauptet wird, sind die _Lachmöwen_kolonien der Rohrbacher, Haselbacher und Eschefelder Teiche sowie die Brutgebiete der _Fluß-_ und _Zwergseeschwalbe_ im Muldengebiete bei Wurzen bzw. an den Rohrbacher Teichen gegenwärtig völlig erloschen. Hinsichtlich des _Wachtelkönigs_ sei erwähnt, daß gegen Jahrzehnte zurückliegende Zeiten eine stetige und sichere Abnahme zu verzeichnen ist. Ein jahreweises Aufleben des Bestandes kann die Tatsache zwar verschleiern, aber nicht entkräften. Das einstige Vorkommen erstreckte sich ausnahmslos auf die ausgedehnten üppigen Wiesenflächen der heimatlichen Fluß- und Bachläufe, sowie der grün umrahmten Teich und Lachengebiete, ohne in den mehr trockenen Gebietsstrichen des Nordens und Ostens ganz zu fehlen. Selbst ganz stadtnahe Wiesen beherbergten den Wiesenknarrer jahrelang und nicht selten. Ich muß ferner als äußerst bemerkenswerte Tatsache darauf hinweisen, daß nach dem Berichte des zuverlässigen Oberförsters Fritzsche in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch Wodans Vogel, der reckenhafte _Kolkrabe_, im nahen Harthwalde Heimatsrecht genoß. Leider fehlen eingehendere Aufzeichnungen hierüber, aber zwei Belegstücke im Zoologischen Universitätsmuseum aus Connewitzer- und Kleinzschocherschem Gebiet zeugen noch von dem Märchen aus vergangenen Zeiten. Bei der Sippe der Schwarzkittel angekommen, darf nicht unerwähnt bleiben, daß die letzten städtischen _Saatkrähen_kolonien am Eingange zum Rosentale und an der nördlichen Promenade 1895 bzw. 1908 erloschen. Von den weiteren einstigen zahlreichen Kolonien der Leipziger Flußgebiete besteht gegenwärtig nur die bei Kahnsdorf-Zöpen noch, vielleicht die einzige des engeren Vaterlandes. Auch unsere schmucke, einst in Stadtnähe brütende _Elster_ ist selten geworden und scheinbar noch völliger Vernichtung preisgegeben; schade um den reizenden Burschen. Mir ist sie unter solchen Umständen auch als Waidmann heilig. –

Was das ritterliche Geschlecht der gefiederten Räuber betrifft, so bleibt die tief bedauerliche Tatsache bestehen, daß es mit ihrem Bestande tief nach abwärts gegangen ist. Heute muß schon ein brütendes _Bussard_pärchen als seltenes Beobachtungsobjekt gewertet werden. Wie arm ist doch die Natur geworden, wenn wir der Zeiten gedenken, da der _Fischadler_ nach Ludwig Thienemann noch Brutvogel »in der Nähe Leipzigs« war und der König der Lüfte, der braune und rote Milan, im Landschaftsbilde stolz seine Kreise zog, dahin, unwiederbringlich; »ein Loch in der Natur« schließt sich nur in den seltensten Fällen wieder. Ich kann an dieser Stelle leider nur andeutungsweise berichten und muß wiederum auf die bereits erwähnte Broschüre verweisen. –

Noch dürfen wir Leipziger in unserem landschaftlich reizvollen Niederungsgebiete uns gewiß einer reichen, sangesfrohen Kleinvogelwelt erfreuen, aber auch an ihr sind mancherlei schädigende Einflüsse nicht spurlos vorübergegangen. Die _Uferschwalben_kolonien peripher gelegener Stadtteile gehören seit langen Jahren schon der Vergangenheit an; sie wurden, auch weniger an Individuenzahl, in weiter abseits gelegene ländliche Bezirke gedrängt. Der rotrückige _Würger_, der einstige Hauptbrutpfleger des Kleinvogelmörders Kuckuck, ist dort infolge seines Pflegeramtes schon mehr ein Seltling geworden, und Cuculus sucht nach neuen Ammenvögeln. Von den einstigen wenigen Brutstellen des prächtigen _Rotkopfwürgers_ ist uns nur die Aufzeichnung im Schrifttum geblieben. Jammer und Empörung greifen mir gleichzeitig ans Herz, wenn ich nun auch der Sängerkönigin _Nachtigall_ gedenken muß. Wohin sind die Zeiten, da wir ihrem Schlage noch in Stadtnähe und selbst in städtischen Grünlandstellen andächtig und ergriffen lauschen und uns rühmen durften, das reichstbesiedelte Nachtigallengebiet des Vaterlandes unser Eigen nennen zu können! Und alle dicht bebuschten Auen der Flußläufe klangen im Wonnemonat wieder vom Jubel der zahlreichen Sänger. Vielfach fielen das Buschholz und die Heckensäume des Waldes, und Raubtier ~homo insipiens~ vollendete, was dem tierischen Großstadtraubwild noch entgangen war. Selbst die städtischen Anlagen wurden einer rücksichtslosen, gemeinen Fängerzunft tributpflichtig. »Der Moor hat seine Schuldigkeit getan« in Stadt und Stadtnähe, aber das tückische Schlaggarn lauert weiter draußen, wo die Welt noch »vollkommener« ist im königlichen Sänger. Wie lange, bis auch dort nur noch das rauhe Lied »des Raben« durch die Öde hallt. Es ist erschreckend rückwärts gegangen mit dem Bestand unserer Nachtigall. Selbst von den nordwestlichen Gegenden der Elsteraue, wo man vor etwa fünf Jahren noch den Sänger in erfreulicher Zahl verhören konnte, lauteten die letztjährigen Berichte niederschmetternd und hoffnungslos. –