Chapter 6 of 6 · 48419 words · ~242 min read

Sechstes Kapitel.

Bären- und Menschenjagd.

Am andern Morgen weckte uns der Bey in eigner Person mit den Worten:

»Emir, erhebet Euch, wenn Ihr wirklich mit nach Mia wollt! Wir werden sehr bald aufbrechen.«

Da wir nach dortiger Gewohnheit in unsern Kleidern geschlafen hatten, so konnten wir ihm fast augenblicklich folgen. Wir erhielten Kaffee und kalte Bratenstücke, und dann setzte man sich zu Pferde. Der Weg nach Mia führte durch mehrere kurdische Dörfer, welche von gut bewässerten Gärten umgeben waren. Kurz vor dem Dorfe erhebt sich das Terrain bedeutend, und wir hatten einen Paß zu überschreiten, an dem wir von einigen Männern erwartet wurden. Dies schien dem Bey aufzufallen, denn er fragte sie, warum sie nicht in Mia geblieben seien.

»Herr, es ist seit gestern vieles geschehen, was wir dir berichten müssen,« antwortete einer von ihnen. »Daß die Nestorah das untere Dorf verlassen haben, wird dir Dohub gesagt haben. Heute in der Nacht nun ist einer von ihnen in dem oberen Dorfe gewesen und hat einem Manne, dem er Dank schuldet, dringend geraten, schnell aus Mia fortzugehen, wenn er sein Leben retten wolle.«

»Und da fürchtet ihr euch?« fragte der Bey.

»Nein, denn wir sind stark und tapfer genug, es mit diesen Giaurs aufzunehmen. Aber wir haben in der Frühe erfahren, daß die Christen bereits moslemitische Einwohner von Zawitha, Minijanisch, Murghi und Lizan getötet haben, und hier in der Nähe von Seraruh sind einige Häuser weggebrannt worden. Wir ritten dir entgegen, damit du diese Kunde so bald wie möglich empfangen solltest.«

»So kommt. Wir wollen sehen, was davon zu glauben ist!«

Wir ritten im scharfen Tempo die Höhe hinunter und kamen bald an die Stelle, wo der Weg sich nach dem obern und dem untern Dorfe zu teilt. Wir schlugen die erstere Richtung ein, da der Bey in dem oberen Dorfe ein Haus besaß. Er wurde an demselben von einer Schar Kurden erwartet, welche mit langen Lanzen und vielen kurzen Wurfspießen bewaffnet waren. Es war die Jagdgesellschaft.

Wir stiegen ab, und der Aufseher des Hauses brachte uns Speise und Trank herbei. Während wir uns labten, hielt der Bey draußen vor dem Hause ein Verhör bezüglich der Unruhen der Nestorianer. Das Ergebnis desselben schien ein sehr befriedigendes zu sein, denn als er bei uns eintrat, lächelte er wie ein Mann, der unnötigerweise belästigt worden ist.

»Ist Gefahr vorhanden?« fragte ich ihn.

»Gar nicht. Diese Nestorah haben uns verlassen, um hinfort keine Dscherum[121] mehr bezahlen zu müssen, und da drüben bei Seraruh ist ein altes Haus verbrannt. Nun reden diese Memmen von Aufstand und Blutvergießen, während die Giaurs doch froh sind, wenn wir sie ungeschoren lassen. Kommt; ich habe Befehl zum Aufbruch gegeben. Wir reiten nach Seraruh zu, und da haben wir sogleich Gelegenheit, zu erfahren, daß die Männer von Mia zu ängstlich gewesen sind.«

»Werden wir uns teilen?« fragte ich nun.

»Warum?« erwiderte er, einigermaßen erstaunt.

»Du sprachst von zwei Bärenfamilien.«

»Wir werden beisammen bleiben und erst die eine und dann die andere Familie vernichten.«

»Ist es weit von hier?«

»Meine Männer haben die Spuren verfolgt. Sie sagten mir, daß wir nur eine halbe Stunde zu reiten haben. Willst du wirklich mit uns gegen die Bären kämpfen?«

Ich bejahte, und er sagte dann:

»So will ich dir einige Wurfspieße geben.«

»Wozu?«

»Weißt du nicht, daß keine Kugel einen Bären tötet? Er stirbt erst dann, wenn viele Spieße in ihm stecken.«

Das brachte mir keinen guten Begriff von den Kurden und ihren Waffen bei. Entweder waren die ersteren feig oder die letzteren schlecht.

»Du magst deine Spieße immerhin behalten; es reicht eine Kugel vollständig hin, um einen Bären zu töten.«

»Thue, was du willst,« meinte er überlegen, »aber bleibe stets in meiner Nähe, damit ich dich beschützen kann.«

»Allah erhalte dich, so wie du mich erhalten willst!«

Wir ritten zum Dorfe hinaus. Der ganze Reitertrupp hatte das Aussehen, als ob wir auf die Gazellenjagd auszögen, so wenig gediegen erschien mir alles. Es ging erst in das Thal hinab und dann drüben wieder empor über Berge, durch Schluchten und Wälder, bis wir endlich in einem Buchenwalde halten blieben, in dem es viel Unterholz gab.

»Wo ist das Lager der Tiere?« fragte ich den Bey.

Er deutete nur so vor sich hin, ohne einen bestimmten Punkt anzugeben.

»Man hat die Spuren gefunden?«

»Ja, auf der andern Seite.«

»Ah! Du lässest das Lager umstellen?«

»Ja, die Tiere werden auf uns zugetrieben. Du sollst zu meiner Rechten bleiben, und dieser Emir aus dem Abendlande, der auch keinen Wurfspieß haben will, zu meiner Linken, damit ich euch beschützen kann.«

»Sind die Bären alle drin?« fragte ich wieder.

»Wo sollen sie sein? Sie gehen nur des Nachts stehlen.«

Es war eine wunderbare Anordnung, welche jetzt getroffen wurde. Wir waren sämtlich zu Pferde und bildeten einen Halbkreis, dessen einzelne Glieder beim Beginne des Treibens etwa vierzig Schritte voneinander halten sollten.

»Sollen wir schießen, wenn der Bär kommt?« fragte ich ungeduldig.

»Ihr könnt es thun, aber ihr werdet ihn nicht töten; dann jedoch flieht sofort!«

»Und was thust du?«

»Wenn der Bär kommt, so wirft ihm der nächste den Dscherid[122] in den Leib und flieht so schnell, als das Pferd laufen kann. Der Bär setzt ihm nach, und der nächste Jäger verfolgt den Bären. Er wirft ihm auch seinen Dscherid in den Leib und flieht. Nun wendet sich der Bär, und der erste Jäger auch. Es kommen mehrere herbei. Wer seinen Spieß geworfen hat, der wendet sich rasch zur Flucht, und der Bär wird von den andern abgehalten. Er bekommt so viele Spieße in den Leib, daß er sich endlich verbluten muß.«

Ich übersetzte das dem Engländer.

»Feige Jagd!« räsonnierte er. »Schade um den Pelz! Wollen wir einen Handel machen, Sir!«

»Welchen?«

»Will Euch den Bären abkaufen.«

»Wenn es mir gelingt, ihn zu erlegen.«

»Pshaw! Wenn er noch lebendig ist.«

»Das wäre kurios!«

»Meinetwegen! Wie viel wollt Ihr haben?«

»Ich kann doch den Bären nicht verkaufen, wenn ich ihn noch gar nicht habe!«

»Sollt ihn eben gar nicht haben! Wenn er ja hier herauskommt, so werdet Ihr mir ihn wegschießen. Aber ich selbst will ihn schießen, und darum werde ich ihn Euch abkaufen.«

»Wie viel gebt Ihr?«

»Fünfzig Pfund, Sir. Ist's genug?«

»Mehr als genug. Aber ich wollte nur sehen, wie viel Ihr bietet. Ich verkaufe ihn nämlich nicht.«

Er machte mir ein sehr grimmiges Gesicht.

»Warum nicht, Sir? Bin ich nicht Euer Freund?«

»Ich schenke ihn Euch. Seht, wie Ihr mit ihm fertig werdet!«

Er zog das gewohnte Parallelogramm seines Mundes so in die Breite, nämlich vor Vergnügen, daß es schien, als ob sich unter der Riesennase ein Bewässerungsgraben von einem Ohre zum anderen befinde.

»Sollt die fünfzig Pfund dennoch haben, Master!« sagte er.

»Nehme sie nicht!«

»So werden wir auf andere Weise quitt! +Yes+!«

»Ich stehe bereits weit höher in Eurer Schuld. Aber eine Bedingung muß ich dennoch stellen. Ich bin begierig, die Art und Weise kennen zu lernen, wie diese Kurden den Bären jagen, und darum wünsche ich nicht, daß Ihr sofort schießt. Laßt ihm erst einige Speere geben! Nicht?«

»Werde Euch den Gefallen thun.«

»Aber nehmt Euch wohl in acht! Schießt ihm in das Auge oder grad in das Herz, sobald er sich erhebt. Die hiesigen Bären sind zwar nicht sehr schlimm, aber man kann doch immerhin Gefahr laufen.«

»Ha! Wollt Ihr mir einen Gefallen thun?«

»Recht gern, wenn ich kann.«

»Tretet mir für diese Weile Eure Büchse ab. Sie ist viel besser als die meinige. Tauscht Ihr mit mir so lange?«

»Wenn Ihr mir versprecht, daß sie dem Bären nicht zwischen die Tatzen kommen soll!«

»Werde sie in meinen eigenen Tatzen behalten!«

»So gebt her!«

Wir tauschten die Gewehre. Der Engländer war ein guter Schütze, aber ich war doch neugierig, wie er sich einem Bären gegenüber verhalten werde.

Die Schar der Kurden löste sich auf. Die Hälfte derselben ritt mit den Hunden fort, um als Treiber zu dienen, und wir andern blieben zurück, um die bezeichnete Linie zu bilden. Halef und die beiden Araber hatten Wurfspieße angenommen und wurden in die Zwischenräume eingereiht; ich aber mußte mit dem Engländer bei dem Bey halten bleiben. Meinen Hund hatte ich nicht zum Treiben hergegeben; er blieb an meiner Seite.

»Eure Hunde holen den Bären nicht, sondern sie treiben ihn?« fragte ich den Bey.

»Sie können ihn nicht holen oder stellen, denn er flieht vor ihnen.«

»So ist er feig!«

»Du wirst ihn kennen lernen.«

Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir an dem Lärmen merkten, daß sich die Treiber in Bewegung gesetzt hatten. Dann erscholl lautes Bellen und Halla-Rufen. Das Bellen näherte sich schnell, das Rufen etwas langsamer. Nach einigen Minuten verkündete uns ein lautes Geheul, daß einer der Hunde verwundet worden sei. Nun krachten Schüsse, und die Meute fiel mit verdoppelter Stärke ein.

»Paß auf, Emir!« warnte der Bey. »Jetzt wird der Bär kommen.«

Er hatte richtig vermutet. Es knackte in dem nahen Unterholze, und ein schwarzer Bär erschien. Es war kein Goliath; ein guter Schuß mußte ihn töten. Bei unserm Anblick blieb er stehen, um sich gemächlich zu überlegen, was unter so mißlichen Umständen zu thun sei. Ein halblautes Brummen verriet seinen Verdruß, und seine Aeuglein blitzten mißmutig zu uns herüber. Der Bey ließ ihm keine Zeit. Da wo wir hielten, standen die Bäume lichter, so daß man sich zu Pferde genügend bewegen konnte. Er ritt auf das Tier zu, schwang einen seiner Spieße und warf ihn dem Bären in den Pelz, wo er stecken blieb. Dann aber riß er sein aus Furcht vor dem Bären zitterndes Pferd herum.

»Fliehe, Emir!« rief er mir noch zu, dann sauste er zwischen mir und dem Engländer hindurch.

Der Bär stieß ein lautes schmerzliches Brummen aus, suchte den Spieß von sich abzuschütteln, und da ihm dies nicht gelang, so rannte er dem Bey nach. Sofort brachen die beiden nächsten Nachbarn von uns hinter ihm her und warfen bereits von weitem ihre Spieße, von denen nur einer traf, aber ohne stecken zu bleiben. Sofort wandte sich der Bär nach ihnen. Der Bey merkte dies, kehrte um, ritt wieder auf ihn zu und warf den zweiten Spieß, welcher noch tiefer eindrang, als der erste. Das jetzt wütende Tier erhob sich und versuchte, den Schaft abzubrechen, während die beiden anderen Reiter von neuem auf dasselbe eindrangen.

»Soll ich jetzt, Sir?« rief mir Lindsay zu.

»Ja, macht der Qual ein Ende!«

»So haltet mein Pferd.«

Er ritt, da wir dem Bären ausgewichen und dabei auseinander gekommen waren, wieder auf mich zu, stieg ab und übergab mir das Pferd. Schon wollte er sich abwenden, da prasselten die Zweige nieder und es erschien ein zweiter Bär. Es war die Bärin, welche nur langsam zwischen den Büschen hervortrat, weil ein schutzbedürftiges Junges bei ihr war. Sie war größer als das Männchen, und ihr zorniges Brummen konnte schon mehr ein Brüllen genannt werden. Es war ein nicht ungefährlicher Augenblick: dort der Bär, hier die Bärin, und wir zwischen ihnen. Aber die Kaltblütigkeit meines Master Fowling-bull kam nicht aus der Fassung.

»Die Bärin, Sir?« fragte er mich.

»Gewiß!«

»+Well+! Werde galant sein. Die Dame hat den Vorzug!«

Er nickte vergnügt, schob sich den Turban aus der Stirn und schritt mit angelegter Büchse auf die Bärin zu. Diese sah den Feind kommen, zog das Junge zwischen ihre Hinterbeine und erhob sich, um den Nahenden mit ihren Vorderpranken zu empfangen. Dieser trat bis auf drei Schritte zu ihr heran, hielt ihr die Mündung des Gewehres so ruhig, als ob er auf ein Bild schieße, vor den Kopf und drückte ab.

»Zurück!« warnte ich ihn.

Es war unnötig, denn er war sofort auf die Seite gesprungen und hielt das Gewehr für den zweiten Schuß bereit. Dieser war nicht nötig. Die Bärin schlug die Tatzen in die Luft, drehte sich langsam und zitternd herum und stürzte zu Boden.

»Ist sie tot?« fragte Lindsay.

»Ja, aber wartet noch, ehe Ihr sie berührt.«

»+Well+! Wo ist der andere?«

»Da drüben!«

»Bleibt hier. Werde ihm die zweite Kugel geben.«

»Gebt die Büchse her! Ich will zuvor den leeren Lauf laden.«

»Dauert mir zu lange!«

Er schritt dem Platze zu, wo sich der verwundete Bär noch immer mit seinen Verfolgern abmühte. Eben wollte der Bey dem Tiere einen neuen Spieß geben, als er den Engländer sah und erschrocken inne hielt. Er hielt ihn für verloren. Lindsay aber blieb ruhig stehen, als er sah, daß der Bär auf ihn losrannte. Er ließ ihn herankommen, wartete, bis er sich zur tödlichen Umarmung erhob, und drückte los. Der zweite Schuß hatte denselben Erfolg wie der erste: -- das Tier war tot.

Es erhob sich ein lauter Jubel, der nur von dem Geheul der Hunde übertönt wurde, die mit Mühe von den toten Bären abzuhalten waren. Der Engländer aber kehrte sehr gleichmütig zu seinem Pferde zurück und übergab mir die Büchse.

»Jetzt könnt Ihr wieder laden, Sir! +Yes+!«

»Da, nehmt Euer Pferd!«

»Wie habe ich die Sache gemacht?«

»Sehr gut!«

»+Well+! Freut mich! Ist schön in Kurdistan, wunderschön!«

Die Kurden kamen aus dem Erstaunen nicht heraus; es war ihnen unerhört, daß ein Fußgänger mit nur einem Gewehre mit zwei Bären fertig zu werden vermochte. Allerdings hatte sich Master Lindsay mehr als musterhaft benommen. Ein größeres Rätsel noch war es mir, die Bärenfamilie beisammen zu finden, da das Junge bereits ziemlich erwachsen war. Die Kurden hatten sehr große Mühe, es zu überwältigen und zu binden, da der Bey es lebendig in Gumri zu haben wünschte.

Nun wurde das Lager der Tiere aufgesucht. Es befand sich im dichtesten Gestrüpp, und die vorhandenen Spuren zeigten, daß die Familie nur aus den Alten mit diesem einen Jungen bestanden hatte. Einer der Hunde war tot, und zwei waren verwundet. Wir konnten mit dieser Jagd zufrieden sein.

»Herr,« sagte der Bey zu mir, »dieser Emir aus dem Abendlande ist ein sehr tapferer Mann!«

»Das ist er.«

»Ich wundere mich nicht mehr, daß euch die Berwari gestern nicht überwältigen konnten, bis sie euch zu schnell überraschten.«

»Auch da hätten sie uns nicht überwältigt; aber ich gebot den Gefährten, sich nicht zu wehren. Ich bin dein Freund und wollte deine Leute nicht töten lassen.«

»Wie ist es möglich, alle beide Bären in das Auge zu treffen?«

»Ich habe einen Jäger gekannt, der jedes Wild und jeden Feind in das Auge traf. Er war ein guter Schütze und hatte ein sehr gutes Gewehr, welches niemals versagte.«

»Schießest du auch so?«

»Nein. Ich habe sehr viel geschossen, aber nur in schlimmen Fällen auf das Auge gezielt. Wo ist der zweite Jagdplatz?«

»Nach Osten, näher nach Seraruh hinüber. Wir wollen aufbrechen.«

Es wurden einige Männer mit den erbeuteten Tieren zurückgelassen; wir andern ritten weiter. Wir verließen den Wald und kamen in eine Schlucht hinab, in welcher ein Bach floß, dessen Ufern wir zu folgen hatten. Der Bey ritt mit den beiden Haddedihn bei den Führern an der Spitze des Zuges; Halef befand sich im dichtesten Haufen der Kurden, mit denen er sich mittels Gebärden zu unterhalten suchte, und ich ritt mit dem Engländer hinterher. Wir waren im Gespräche über irgend einen Gegenstand vertieft und merkten nicht, daß wir soweit zurückgeblieben waren, daß wir die Kurden nicht mehr sehen konnten. Da fiel ein Schuß vor uns.

»Was ist das?« fragte der Engländer. »Sind wir schon bei den Bären, Sir?«

»Wohl nicht.«

»Wer schießt aber?«

»Werden es sehen; kommt!«

Da krachte eine ganze Salve, als ob der Schuß vorher nur als Signal gegolten habe. Wir setzten unsere Pferde in Galopp. Mein Rappe flog wie ein Pfeil über den schmierigen Boden, aber -- da blieb er mit dem Hufe an einer Schlingwurzel hangen; ich hatte sie gesehen und wollte ihn emporreißen, aber es war bereits zu spät. Er überschlug sich, und ich wurde weit aus dem Sattel geschleudert. Das war in zwei Tagen zum zweitenmale; aber ich fiel jetzt nicht so glücklich, wie gestern. Ich mußte mit dem Kopfe aufgefallen sein, oder ich hatte mir den Büchsenkolben an die Schläfe geschlagen -- ich blieb völlig besinnungslos liegen.

Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich eine Erschütterung, die mir den ganzen Körper schmerzen machte. Ich öffnete die Augen und sah mich zwischen zwei Pferden hangen. Man hatte Stangen an die Sättel befestigt und mich darauf gebunden. Vor und hinter mir ritten gegen dreißig kriegerische Gestalten, von denen mehrere verwundet zu sein schienen, und unter ihnen befand sich -- Master Lindsay, aber gefesselt. Der Anführer der Schar ritt meinen Hengst und trug auch meine Waffen. Mir hatte man nur Hemd und Hose gelassen, während Lindsay außer diesen beiden notwendigen Kleidungsstücken auch noch seinen schönen Turban behalten durfte. Wir waren vollständig ausgeraubt und gefangen.

Da wendete einer der Reiter den Kopf und sah, daß ich die Augen geöffnet hatte.

»Halt!« rief er. »Er lebt!«

Sofort stockte der Zug. Alle hielten an und bildeten einen Kreis um mich. Der Anführer drängte meinen Hengst heran und fragte mich: »Kannst du reden?«

Schweigen konnte zu nichts führen; ich antwortete daher mit einem Ja.

»Du bist der Bey von Gumri?« begann er das Verhör.

»Nein.«

»Lüge nicht.«

»Ich rede die Wahrheit.«

»Du bist der Bey!«

»Ich bin es nicht!«

»Wer bist du sonst?«

»Ein Fremder.«

»Woher?«

»Aus dem Abendlande.«

Er lachte höhnisch.

»Hört ihr's? Er ist ein Fremdling aus dem Abendlande, geht mit den Leuten von Gumri und Mia auf die Bärenjagd und spricht die Sprache dieses Landes!«

»Ich war ein Gast des Bey, und daß ich eure Sprache nicht gut spreche, das müßt ihr hören. Seid ihr Nestorah?«

»So nennen uns die Moslemim.«

»Auch ich bin ein Christ!«

»Du?« Er lachte wieder. »Du bist ein Hadschi; du hattest den Kuran am Halse hängen; du trägst die Kleidung eines Moslem; du willst uns betrügen.«

»Ich sage die Wahrheit!«

»Sage uns, ob Sidna Marryam die Mutter Gottes ist!«

»Sie ist es.«

»Sage uns, ob ein Priester ein Weib nehmen soll!«

»Er soll unvermählt bleiben.«

»Sage mir, ob es mehr oder weniger als drei Sakramente giebt!«

»Es giebt mehr.«

Es fiel mir trotz der Gefahr, in welcher ich schwebte, nicht ein, meinen Glauben zu verleugnen. Die Folge bekam ich sofort zu hören:

»So wisse, daß Sidna Marryam nur einen Menschen geboren hat, daß ein Priester sich verheiraten darf, und daß es nur drei Sakramente giebt, nämlich das Abendmahl, die Taufe und die Ordination. Du bist ein Moslem, und wenn du ja ein Christ bist, so bist du ein falscher Christ und gehörst zu jenen, welche ihre Priester senden, um die Kurden, Türken und Perser gegen uns aufzuhetzen, und das ist noch schlimmer, als wenn du ein Anhänger des falschen Propheten wärest. Deine Leute haben einige von uns verwundet; du wirst diese Schuld mit deinem Blute bezahlen.«

»Ihr wollt Christen sein und dürstet nach Blut! Was haben wir beide euch gethan? Wir wissen nicht einmal, ob ihr den Bey angefallen habt, oder ob ihr von ihm angefallen worden seid.«

»Er wurde von uns erwartet, denn wir wußten, daß er in die Schlucht auf die Jagd kommen würde; aber er ist uns mit all den Seinen entkommen. Das wollen wir dir sagen.«

»Wohin führt ihr uns?«

»Das wirst du erfahren, wenn wir dort sind.«

»So befreit mich wenigstens aus dieser Lage, und laßt mich auf einem Pferde sitzen.«

»Das ist auch uns lieber. Aber wir werden dich anbinden müssen, damit du uns nicht entkommen kannst.«

»Thut es immerhin!«

»Wer ist dein Gefährte? Er hat zwei Männer von uns verwundet und ein Pferd erschossen und redet in einer Sprache, die wir nicht verstehen.«

»Er ist ein Engländer.«

»Ein Engländer? Er trug ja kurdische Kleidung!«

»Weil sie in diesem Lande die bequemste ist.«

»Ist er ein Missionar?«

»Das ist er nicht.«

»Was will er hier?«

»Wir reisen in Kurdistan, um zu sehen, was es hier für Menschen, Tiere und Pflanzen, für Städte und Dörfer giebt.«

»Das ist sehr schlimm für euch, denn dann seid ihr Spione. Was habt ihr euch um dieses Land zu kümmern! Wir kommen auch nicht in das eurige, um eure Menschen, Städte und Dörfer auszukundschaften. -- Setzt ihn auf das Pferd und bindet ihn mit dem Manne zusammen, der ein Engländer sein soll. Auch ihre beiden Tiere hängt ihr aneinander!«

Diesem Befehle wurde Folge geleistet. Diese Leute führten so viele Stricke und Riemen bei sich, daß sie sicher auf einen viel größeren Fang ausgegangen waren, als sie mit uns gemacht hatten. Es wurden Stricke zwischen mir und Lindsay herüber und hinüber gezogen, so daß die Flucht eines einzelnen von uns gar nicht möglich war. Der Engländer sah diese Veranstaltungen mit einem unbeschreiblichen Blick über sich ergehen; dann wandte er sich mit einem Gesichte zu mir, an welchem alle bitteren Gefühle der Welt herumzerrten. Der fest zusammengekniffene Mund bildete einen Halbkreis, dessen Enden das Kinn abknüpfen wollten, und die Nase hing farblos nieder, wie eine eingeschneite und steif gefrorene Trauerflagge.

»Nun, Sir?« fragte ich.

Er nickte sehr langsam zwei- oder dreimal und sagte dann: »+Yes!+«

Er brauchte nicht mehr zu sagen, als dieses eine Wort, denn in dem Tone desselben lag eine ganze Welt voll Ausrufezeichen.

»Wir sind gefangen,« hob ich an.

»+Yes+!«

»Und halb nackt.«

»+Yes!+«

»Wie ist das gekommen?«

»+Yes!+«

»Geht zum Kuckuck mit Eurem +Yes!+ Ich habe gefragt, wie es gekommen ist, daß wir gefangen werden konnten.«

»Wie heißt Schelm oder Spitzbube auf Kurdisch?«

»Schelm heißt Heilebaz, und Spitzbube Herambaz.«

»So fragt diese Heile- und Herambazes, wie es ihnen gelungen ist, uns wegzufischen!«

Der Anführer mußte die kurdischen Ausdrücke vernommen haben. Er drehte sich um und fragte: »Was habt ihr zu reden?«

»Ich lasse mir von meinem Gefährten erzählen, wie wir in eure Hände geraten sind,« erwiderte ich.

»So redet kurdisch, damit wir es auch hören!«

»Er versteht ja das Kurdische nicht!«

»So redet ja nicht etwa Dinge, die wir nicht erlauben können!«

Er drehte sich wieder hinum, wohl in der Ueberzeugung, uns einen guten Befehl gegeben zu haben. Ich war jedoch sehr froh, daß er uns das Sprechen nicht überhaupt verboten hatte. Ein Kurde hätte dies sicherlich gethan. Auch waren unsere Fesseln keineswegs beschwerlicher Art. Unsere Füße waren so zusammengebunden, daß der Strick unter dem Bauche des Pferdes hinweglief, und von meinem linken Arme und Beine führte je eine Leine zu den genannten rechten Gliedmaßen des Engländers. Außerdem waren unsere Pferde zusammengekoppelt; die Hände aber hatten wir frei -- man ließ uns die Zügel führen. Unsere jetzigen Herren hätten in einem Kursus bei den wilden Indianern sehr viel lernen können.

»Also, erzählt, Sir!« bat ich Lindsay.

»+Well!+ Ihr schlugt einen Purzelbaum, grad wie gestern. Scheint überhaupt seit neuester Zeit in dieser Motion etwas zu leisten! Ich ritt hinter Euch. Versteht Ihr wohl!«

»Verstehe sehr gut; fahrt fort!«

»Mein Pferd stürzte über Euren Rappen, der jetzt diesem Gentleman gehört, und ich -- -- hm! +Yes!+«

»Aha! Ihr schlugt auch einen Purzelbaum?«

»+Well!+ Aber der meinige gelang besser als der Eurige --«

»Vielleicht habt Ihr in dieser Motion eine größere Uebung als ich!«

»Sir, was heißt Schnabel auf Kurdisch?«

»Nekul.«

»Schön! Gebt also auf Euren Nekul besser acht, Master!«

»Danke für die Warnung, Sir! Eure Ausdrucksweise scheint sich, seit Ihr Euch mit dem Kurdischen beschäftigt, sehr verästhetisiert zu haben. Nicht?«

»Ist auch kein Wunder bei diesem Aerger! Also ich kam zur Erde zu liegen und konnte nur langsam wieder auf. Es mußte sich etwas in mir verbogen haben. Die Büchse war weit fortgeschleudert und der Gürtel aufgegangen; alle Waffen lagen an der Erde. Da kamen diese Herambaz und machten sich über mich her.«

»Ihr wehrtet Euch?«

»Natürlich! Ich konnte aber nur das Messer und eine der Pistolen erwischen; darum gelang es ihnen, mich zu entwaffnen und zu binden.«

»Wo blieb der Bey mit seinen Leuten?«

»Habe keinen von ihnen zu sehen bekommen, hörte aber weiter vor uns noch schießen.«

»Sie werden zwischen zwei Abteilungen dieser Leute hier geraten gewesen sein.«

»Wahrscheinlich. Als man mit mir fertig war, machte man sich an Euch. Ich dachte sehr, daß Ihr tot wäret. Man hat Beispiele, daß selbst ein schlechter Reiter einmal den Hals entzweifällt; nicht, Sir?«

»Möglich!«

»Ihr wurdet zwischen die zwei Mähren gebunden; dann ging es fort, nachdem man unsere beiden Pferde annektiert hatte.«

»Hat man Euch verhört?«

»Sehr! Habe auch geantwortet! Und wie! +Yes!+«

»Wir müssen zunächst aufmerken, in welcher Richtung wir transportiert werden. Wo liegt die Schlucht, in der uns das Unglück passierte?«

»Grad hinter uns.«

»Dort steht die Sonne; wir reiten also Ostsüdost. Gefällt es Euch noch so in Kurdistan wie vorhin, als Ihr die Bären getroffen hattet?«

»Hm! Ein miserables Land zuweilen! Wer sind diese Leute?«

»Es sind Nestorianer.«

»Vortreffliche christliche Sekte! Nicht, Sir?«

»Sie sind von den Kurden oft mit einer solchen unmenschlichen Grausamkeit behandelt worden, daß man sich nicht wundern darf, wenn sie einmal Vergeltung üben.«

»Konnten aber damit warten bis zu einer andern Zeit! Was ist nun zu thun, Sir?«

»Nichts, wenigstens jetzt.«

»Nicht fliehen?«

»In dem Zustande, in welchem wir uns befinden?«

»Hm! War ein schöner Anzug! Wunderschön! Nun ist er fort! In Gumri werden wir andere Kleider erhalten.«

»Das wäre das wenigste. Aber ohne mein Pferd und meine Waffen fliehe ich nicht. Wie steht es mit Eurem Gelde?« fragte ich.

»Fort! Und das Eurige?«

»Fort! Es war übrigens nicht sehr viel,« lautete meine Antwort.

»Schöne Wirtschaft, Sir! Was glaubt Ihr, daß sie mit uns thun werden?«

»In Lebensgefahr befinden wir uns nicht. Sie werden uns früher oder später entlassen. Aber ob wir unser Eigentum zurückerhalten, das ist sehr zu bezweifeln.«

»Laßt Ihr Eure Waffen im Stich?«

»Nie, und müßte ich sie einzeln in Kurdistan wieder zusammensuchen!«

»+Well;+ ich suche mit!«

Wir ritten durch ein breites Thal, welches zwei Höhenzüge trennte, die sich von Nordwest nach Südost erstreckten; dann ging es links zwischen den Bergen empor, bis wir auf eine Hochebene gelangten, von welcher aus man im Osten die Häuser mehrerer Ortschaften und einen Fluß erblickte, in welchen sich mehrere Bäche ergossen. In dieser Gegend mußten Murghi und Lizan liegen, denn nach meiner Ansicht waren wir bereits über Seraruh hinaus.

Hier oben wurde unter Eichen Halt gemacht. Die Reiter stiegen von den Pferden. Auch wir durften herab, wurden aber miteinander an den Stamm eines Baumes gebunden. Ein jeder holte hervor, was er an Eßwaren bei sich hatte, und wir erhielten die Erlaubnis, zuzusehen. Lindsay räusperte sich verdrießlich und knurrte:

»Wißt Ihr, worauf ich mich gefreut hatte, Sir?«

»Nun auf was?«

»Auf Bärenschinken und Bärentatzen.«

»Dieses Gelüste laßt Euch vergehen! Habt Ihr Hunger?«

»Nein, bin satt vor Aerger! Schaut den Kerl! Kann sich mit den Revolvern nicht zurechtfinden!«

Die Leute konnten jetzt mit Ruhe alles betrachten, was sie uns abgenommen hatten. Wir sahen unser Eigentum durch alle Hände wandern, und nächst dem Gelde, welches aber sehr sorgfältig wieder aufgehoben wurde, erregten besonders unsere Waffen die Aufmerksamkeit der neuen Inhaber. Der Anführer hielt meine beiden Revolver in der Hand. Er konnte über sie nicht klug werden, drehte sie hin und her und wandte sich endlich an mich mit den Worten: »Das sind Waffen?«

»Ja.«

»Zum Schießen?«

»Ja.«

»Wie macht man es?«

»Das kann man nicht sagen, sondern man muß es zeigen.«

»Zeige es uns!«

Dem Manne kam es nicht in den Sinn, daran zu denken, daß das kleine Ding ihm gefährlich werden könne.

»Du würdest es nicht begreifen,« sagte ich.

»Warum nicht?«

»Weil du zuvor den Bau und die Behandlung des anderen Gewehres begriffen haben müßtest.«

»Welches Gewehr meinst du?«

»Das zu deiner Rechten liegt.«

Es war der Henrystutzen, den ich meinte. Er war ebenso wie die Revolver mit einer Sicherung versehen, welche der Mann nicht zu behandeln verstand.

»So erkläre es mir!« sagte er.

»Ich habe dir ja bereits gesagt, daß man dies nur zeigen muß!«

»Hier hast du das Gewehr!«

Er reichte es mir, und sobald ich es in meiner Hand fühlte, war es mir, als ob ich nichts mehr zu befürchten brauche.

»Gieb mir ein Messer, damit ich den Hahn öffnen kann,« sagte ich nun.

Er gab mir ein Messer, und ich nahm es, schob die Sicherung mit der Spitze desselben zurück, obgleich ich dies mit dem leisesten Druck meines Fingers hätte thun können, und behielt das Messer dann noch in der Hand.

»Sage mir, was ich dir schießen soll?« hob ich nun an.

Er blickte sich um und sagte dann: »Bist du ein guter Schütze?«

»Ich bin's!«

»So schieße mir einen jener Galläpfel herab!«

»Ich werde dir fünf herunterschießen und doch nur einmal laden.«

»Das ist unmöglich!«

»Ich sage die Wahrheit. Soll ich laden?«

»Lade!«

»So mußt du mir den Beutel geben, der an meinem Gürtel hing. Du hast ihn da an deinen eigenen Gürtel befestigt.«

Das Gewehr war vollständig geladen, aber es war mir um meine Patronen zu thun.

»Was sind das für kleine Dinger, welche sich darin befinden?« fragte er.

»Das werde ich dir zeigen. Wer so ein Ding hat, braucht weder Pulver noch Kugel, um schießen zu können.«

»Ich sehe, daß du kein Kurde bist; denn du hast Sachen, die es noch nie in diesem Lande gegeben hat. Bist du wirklich ein Christ?«

»Ein guter Christ.«

»Sage mir das Vaterunser!«

»Ich spreche nicht gut das Kurdische, aber du wirst es mir verzeihen, wenn ich einige kleine Fehler mache.«

Ich gab mir Mühe, die Aufgabe zu lösen. Er fiel zwar einige Male verbessernd ein, weil ich die Worte >Versuchung< und >Ewigkeit< nicht kannte, meinte aber dann doch befriedigt: »Du bist wirklich kein Moslem, denn ein solcher würde das Gebet der Christen niemals sagen. Du wirst das Gewehr nicht mißbrauchen, und darum will ich dir den Beutel geben.«

Seine Gefährten schienen sein Verfahren nicht anstößig und unvorsichtig zu finden. Sie gehörten alle einer Bevölkerungsklasse an, der durch die Gewalt ihrer Unterdrücker eine lange Zeit die Waffen aus der Hand gerungen gewesen waren, und verstanden darum den Wert derselben in den Händen eines entschlossenen Mannes kaum zu schätzen. Und übrigens waren alle wohl neugierig auf die Unterweisung, welche ich geben sollte.

Ich nahm eine der Patronen heraus und that, als ob ich lud. Dann zielte ich in die Höhe und gab den Zweig an, von welchem fünf Galläpfel verschwinden sollten. Ich drückte fünfmal los, und die Aepfel waren fort. Das Erstaunen dieser einfachen Leute war grenzenlos.

»Wie vielmal kannst du mit diesem Gewehre schießen?« fragte mich der Anführer.

»So vielmal, als ich will.«

»Und hier mit diesen kleinen Gewehren?«

»Auch sehr vielmal. Soll ich sie dir erklären?«

»Thue es!«

»Zeige sie einmal her!«

Ich legte den Stutzen neben mich und langte nach den beiden Revolvern, welche er mir gab. Lindsay beobachtete eine jede meiner Bewegungen mit der größten Spannung.

»Ich habe euch gesagt, daß ich ein Christ aus dem Abendlande bin. Wir töten niemals ungezwungen einen Menschen, aber wenn wir angegriffen werden, so kann man uns nie besiegen; denn wir haben wunderbare Waffen, gegen die es keine Rettung giebt. Ihr seid über dreißig tapfere Krieger; aber wenn wir zwei nicht an diesen Baum gebunden wären und euch töten wollten, so würden wir mit diesen drei Gewehren in drei Minuten damit fertig sein. Glaubst du das?«

»Wir haben auch Waffen!« antwortete er mit einem leisen Anflug von Besorgnis.

»Ihr würdet sie nicht brauchen können, denn der erste, der nach seiner Flinte, nach seiner Lanze oder nach seinem Messer griffe, wäre auch der erste, welcher sterben müßte. Versuchtet ihr aber keine Gegenwehr, so würden wir euch nichts zuleide thun, sondern in Frieden mit euch reden.«

»Das alles könnt ihr nicht, denn ihr seid an den Baum gebunden.«

»Du hast recht; aber wenn wir wollten, würden wir bald frei sein,« antwortete ich in einem ruhigen, erklärenden Tone. »Dieser Strick geht nur um unsern Leib und um den Baum. Ich würde meinem Gefährten diese beiden kleinen Gewehre geben, so wie ich jetzt thue; dann nähme ich dein Messer, und ein einziger Schnitt mit demselben zertrennt den Strick, und wir sind frei. Siehest du wohl?«

Grad so, wie ich gesprochen, hatte ich es auch gethan. Ich stand aufrecht am Baume mit dem Stutzen, Lindsay neben mir mit den Revolvern. Er nickte mir mit seinem breitesten Lächeln zu, gespannt auf alles, was ich that, da er meine Worte nicht verstehen konnte.

»Du bist ein kluger Mann,« sagte der Anführer; »aber diesen Strick brauchtest du uns nicht zu ruinieren. Setze dich wieder nieder, und erkläre uns auch die beiden kleinen Gewehre!«

»Ich habe dir bereits zweimal gesagt, daß man das nicht erklären, sondern zeigen muß. Und zeigen werde ich es euch, wenn ihr nicht das thut, was ich von euch verlange.«

Jetzt endlich begann ihm klar zu werden, daß ich Ernst machte. Er stand auf, und auch die andern erhoben sich, nach ihren Waffen greifend.

»Was verlangst du?« fragte er drohend.

»Höre mich ruhig an! Wir sind keine gewöhnlichen Krieger, sondern Emire, denen man Achtung schuldig ist, selbst wenn sie in Gefangenschaft geraten. Ihr aber habt uns beraubt und gefesselt, als ob wir Diebe und Räuber seien. Wir verlangen, daß ihr uns alles zurückgebt, was ihr uns genommen habt!«

»Das werden wir nicht thun!«

»So werde ich deinen Wunsch erfüllen und dir den Gebrauch unserer Waffen zeigen. Merke wohl auf: der erste, der auf uns schießen oder stechen will, wird auch der erste sein, der sterben muß! Es ist besser, wir sprechen in Frieden miteinander, als daß wir euch töten.«

»Ihr werdet auch fallen!«

»Aber die meisten von euch vorher!«

»Wir müssen euch binden, denn wir müssen euch zu unserm Melek bringen.«

»Ihr bringt uns nicht zu eurem Melek, wenn ihr uns fesseln wollt; denn wir werden uns wehren. Aber wenn ihr uns alles wiedergebt, was uns gehört, so werden wir euch freiwillig folgen; denn wir können dann als Emire vor ihm erscheinen.«

Diese guten Leute waren gar nicht blutgierig und hatten eine große Angst vor unsern Waffen. Sie blickten einander an, flüsterten leise, und endlich fragte der Anführer:

»Was verlangst du zurück?«

»Die Kleider alle.«

»Die sollst du haben.«

»Das Geld und alles, was in unsern Taschen war.«

»Das müssen wir behalten, um es dem Melek zu geben.«

»Und die Waffen.«

»Auch sie müssen wir behalten, sonst gebraucht ihr sie gegen uns.«

»Und endlich verlangen wir unsere Pferde.«

»Du verlangst das Unmögliche!«

»Nun gut; so habt ihr allein die Schuld, wenn wir uns selbst nehmen, was uns gehört. Du bist der Anführer und hast unser Eigentum eingesteckt. Ich muß dich töten, um es wieder zu bekommen.«

Ich erhob das Gewehr. Lindsay hielt seine beiden Läufe vor.

»Halt, schieße nicht!« gebot der Mann. »Folgest du uns wirklich, wenn wir euch alles geben?«

»Ja,« erwiderte ich.

»Schwöre es uns!«

»Ich sage es. Das gilt wie ein Schwur!«

»Und wirst auch deine Waffen nicht gebrauchen?«

»Nein; es sei denn aus Notwehr.«

»So sollst du alles haben.«

Er sprach wieder leise mit den Seinen. Es schien, als ob er ihnen erkläre, daß unser Eigentum ihnen ja sicher bleibe. Endlich wurde uns alles hingelegt, so daß wir nicht den geringsten Gegenstand zu vermissen hatten. Wir zogen unsere Kleider an, und während dieser Beschäftigung forderte mich Lindsay auf, ihm das Ergebnis meiner Verhandlung mitzuteilen. Als ich seiner Aufforderung nachgekommen war, legte sich sein Gesicht in sehr bedenkliche Falten.

»Was habt Ihr gethan, Sir! Hatten unsere Freiheit so schön in den Händen!«

»Glaubt Ihr? Es hätte auf alle Fälle einen Kampf gegeben.«

»Hätten sie alle erschossen!«

»Fünf oder zehn, dann aber wäre es aus mit uns gewesen. Seid froh, daß wir unsere Sachen wieder haben; das weitere wird sich dann auch noch finden!«

»Wohin führen sie uns?«

»Das werden wir erst noch erfahren. Uebrigens könnt Ihr versichert sein, Sir, daß uns unsere Freunde nicht verlassen werden. Von Halef weiß ich es ganz genau, daß er alles in Bewegung setzen wird, um uns nützlich zu sein.«

»Glaube es auch. Braver Kerl!«

Als wir alles zu uns genommen hatten, stiegen wir auf und setzten unsern Ritt fort. Es hätte mich jetzt nur einen Schenkeldruck gekostet, um wieder frei zu sein; aber ich hatte mein Wort gegeben, und das mußte ich halten. Ich ritt an der Seite des Anführers, der seine besorgten Blicke nicht von uns wendete.

»Ich frage dich abermals, wohin du uns führst?« hob ich an.

»Das wird der Melek entscheiden.«

»Wo befindet er sich?«

»Wir werden am Abhange des Gebirges auf ihn warten.«

»Welcher Melek ist es?«

»Von Lizan.«

»So ist er jetzt in Lizan und wird später kommen?«

»Er ist dem Bey von Gumri nachgejagt.«

»Ah! Und warum habt ihr euch von ihm getrennt?«

»Er bedurfte unserer Hilfe nicht, weil er sah, daß der Bey so wenige Leute bei sich hatte, und als wir umkehrten, trafen wir auf euch.«

Nun war das Rätsel gelöst. Der Feind war so zahlreich gewesen, daß es unseren Freunden nicht möglich geworden war, sich durchzuschlagen und zu uns zu kommen.

Unser Weg führte uns sehr bald wieder bergab und wir sahen das Thal des Zab in einer Länge von vielen Stunden vor uns liegen. Nach Verlauf von vielleicht zwei Stunden gelangten wir an einen einsamen Weiler, der nur aus vier Gebäuden bestand, von denen drei aus Lehm ausgeführt waren, während das vierte starke Steinmauern besaß. Es hatte ein Stockwerk über dem Erdgeschoß und einen ziemlich großen Garten an seiner hinteren Seite.

»Hier bleiben wir,« meinte der Anführer.

»Wem gehört dieses Haus?«

»Dem Bruder des Melek. Ich werde dich zu ihm führen.«

Wir hielten vor dem Gebäude still, und eben als ich am Absteigen war, vernahmen wir ein lautes, heulendes Schnaufen. Wir drehten uns um und sahen einen Hund, der in gewaltigen Sätzen den Abhang herabgesprungen kam. Es war mein Dojan, den ich kurz vor dem Ueberfall der Obhut Halefs übergeben hatte. Die Schnur, an welcher ihn der Diener geführt hatte, war zerrissen, und sein Instinkt hatte das brave Tier auf meine Spur geführt. Er sprang laut jauchzend an mir empor, und ich hatte alle Mühe, ihn zur Ruhe zu bringen. Ich gab ihm den Zügel meines Pferdes zwischen die Zähne und war nun sicher, daß niemand es mir unbemerkt entführen könne. Dann wurden wir in das Haus gewiesen. Der Anführer stieg mit uns eine Treppe empor und bedeutete uns, in einem Zimmerchen auf ihn zu warten. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er zurückkehrte.

»Ihr sollt kommen,« meinte er. »Aber legt vorher die Waffen ab.«

»Warum diese Zumutung?«

»Der Bruder des Melek ist ein Priester.«

»Bei dem du selbst deine Waffen getragen hast!«

»Ich bin sein Freund.«

»Ah! Er fürchtet sich vor uns?«

»So ist es.«

»Du kannst ruhig sein. Wenn er es ehrlich meint, wird er sich bei uns in keiner Gefahr befinden.«

Der Mann führte uns durch eine Thüre in ein Gemach, in welchem der Besitzer des Hauses sich befand. Es war ein schwacher, ältlicher Mann, dessen blatternarbiges Gesicht auf mich keinen sehr angenehmen Eindruck machte. Er winkte, und der Führer entfernte sich.

»Wer seid ihr?« fragte er, ohne uns zu begrüßen.

»Wer bist du?« fragte ich in ganz demselben kurzen Tone wie er.

Er runzelte die Stirn.

»Ich bin der Bruder des Melek von Lizan.«

»Und wir sind Gefangene des Melek von Lizan.«

»Dein Benehmen ist nicht so, als ob du ein Gefangener seist.«

»Weil ich freiwillig ein Gefangener bin und sehr genau weiß, daß ich es nicht lange bleiben werde.«

»Freiwillig? Man hat dich doch gefangen genommen!«

»Und wir haben uns wieder frei gemacht und sind euren Männern aus freiem Willen gefolgt, um nicht gezwungen zu sein, ihnen das Leben zu nehmen. Ist das dir nicht erzählt worden?«

»Ich glaube es nicht.«

»Du wirst es glauben lernen.«

»Du bist bei dem Bey von Gumri gewesen!« fuhr er fort. »Wie kommst du zu diesem?«

»Ich hatte ihm Grüße von einem Verwandten auszurichten.«

»So bist du nicht ein Vasall von ihm?«

»Nein. Ich bin ein Fremdling in diesem Lande.«

»Ein Christ, wie ich hörte?«

»Du hast die Wahrheit gehört.«

»Aber ein Christ, der an die falsche Lehre glaubt!«

»Ich bin überzeugt, daß sie die wahre ist.«

»Du bist kein Missionar?«

»Nein. Bist du ein Priester?« fragte ich dagegen.

»Ich wollte einst ein solcher werden,« antwortete er.

»Wann wird der Melek hier ankommen?«

»Noch heute; die Stunde aber ist unbestimmt.«

»Ich soll bis dahin in deinem Hause bleiben?«

Er nickte, und ich fragte weiter:

»Aber als was?«

»Als das, was du bist, als Gefangener.«

»Und wer wird mich festhalten?«

»Meine Leute und dein Wort.«

»Deine Leute können mich nicht halten, und mein Versprechen habe ich bereits erfüllt. Ich sagte, daß ich ihnen folgen würde; das habe ich gethan.«

Er schien zu überlegen.

»Du magst recht haben. So sollst du also nicht mein Gefangener, sondern mein Gast sein.«

Er klatschte in die Hände. Ein altes Weib erschien.

»Bringe Pfeifen, Kaffee und Matten!« gebot er ihr.

Die Matten wurden zuerst gebracht, und wir mußten zu beiden Seiten des Mannes Platz nehmen, der ein Priester genannt wurde, weil er einst gewillt gewesen war, ein solcher zu werden. Er wurde jetzt freundlicher, und als die Pfeifen mit dem Tabak gebracht wurden, hatte er sogar die Herablassung, sie uns selbst anzubrennen. Ich erkundigte mich bei ihm nach den Verhältnissen der nestorianischen Chaldäer und erfuhr allerdings Dinge, bei deren Erzählung einem sich die Haare sträuben konnten.

Die Krieger hatten sich um das Haus gelagert; es waren, wie ich erfuhr, arme, einfache Ackerbauer, also unangesehene Leute nach den Begriffen der Nomaden und anderen Bevölkerungsklassen, welche das Handwerk des Krieges treiben. Sie kannten den Gebrauch der Waffen nicht, und einige unbewachte Andeutungen unsers Wirtes brachten mich zu der Ueberzeugung, daß von zehn ihrer Luntenflinten kaum fünf losgegangen wären.

»Nun aber werdet ihr ermüdet sein,« meinte er, als auch der Kaffee eingenommen war. »Erlaubt, daß ich euch ein Zimmer anweise, welches das eurige sein soll!«

Er erhob sich und öffnete eine Thüre. Scheinbar aus Höflichkeit stellte er sich zur Seite, um uns zuerst eintreten zu lassen; kaum aber hatten wir die Schwelle überschritten, so warf er die Thüre zu und schob den Riegel vor.

»Ah! Was ist das?« fragte Lindsay.

»Heimtücke. Was weiter!«

»Habt Euch übertölpeln lassen!«

»Nein. Ich ahnte so etwas.«

»Warum tratet Ihr ein, wenn Ihr es ahntet?«

»Weil ich mich ausruhen wollte. Mir thun die Glieder noch weh von dem Sturze.«

»Das konnten wir wo anders thun und nicht hier als Gefangene!«

»Wir sind nicht gefangen. Seht Euch diese Thüre an, die ich mir bereits während der Unterhaltung betrachtet habe. Einige Fußtritte oder ein guter Kolbenstoß reichen hin, sie zu zertrümmern.«

»Wollen das sofort thun!«

»Wir befinden uns in keiner Gefahr.«

»Wollt Ihr warten, bis noch mehr Leute kommen? Jetzt fällt es uns nicht schwer, aufzusitzen und fortzureiten.«

»Mich reizt dieses Abenteuer. Wir haben jetzt die beste Gelegenheit, die Verhältnisse dieser christlichen Sektierer kennen zu lernen.«

»Bin nicht sehr neugierig darauf; die Freiheit ist mir lieber!«

Da hörte ich meinen Hund zornig knurren und dann in jener bestimmten Weise anschlagen, die mir sagte, daß er sich gegen einen Angreifer zu wehren habe. Die einzige Fensteröffnung, welche es in dem Raume gab, und die so klein war, daß man den Kopf nicht hindurchstecken konnte, befand sich an der andern Seite. Ich konnte also nicht sehen, was es gab. Da hörte ich ein kurzes Bellen und bald darauf einen Schrei. Unter diesen Umständen war hier oben meines Bleibens nicht.

»Kommt, Sir!«

Ich stemmte mich mit der Achsel gegen die Thüre -- sie gab nur wenig nach.

»Nehmt den Kolben!« meinte Lindsay, indem er zugleich seine eigne Büchse ergriff.

Einige Schläge genügten, die Thüre zu zertrümmern. In dem Raume, wo wir vorhin gesessen hatten, standen vier Männer, welche jedenfalls die Aufgabe hatten, uns zu bewachen; denn sie traten uns mit erhobenem Gewehr entgegen, hatten aber gar nicht das Aussehen, als ob sie Ernst machen würden.

»Halt! Bleibt hier!« meinte der eine sehr freundlich.

»Thut dies einstweilen an unserer Stelle!«

Ich schob ihn beiseite und eilte hinab, wo die Anwesenden einen weiten Kreis um unsere Pferde geschlossen hatten. Bei denselben lag der gastfreundliche Wirt an der Erde und der Hund auf ihm.

»Fort, Sir?« fragte Lindsay.

»Ja.«

Im nächsten Augenblick saßen wir auf.

»Halt! Wir schießen!« riefen mehrere Stimmen.

Es richteten sich allerdings mehrere Gewehre gegen uns, aber wir achteten nicht darauf.

»Dojan, geri!«

Der Hund sprang auf. Ich nahm die Büchse in die Hand, wirbelte sie um den Kopf; Lindsay that dasselbe, und unsere Pferde schnellten durch den Kreis hindurch. Zwei einzelne Schüsse fielen hinter uns: sie schadeten uns nicht. Aber sämtliche Nestorah stiegen unter lautem Geschrei zu Pferde, um uns zu verfolgen. Das Abenteuer hatte seit dem Augenblick unserer Gefangennehmung einen beinahe komischen Verlauf genommen; es bildete einen sehr überzeugenden Beleg dazu, daß die Tyrannei im stande ist, ein Volk zu entnerven. Was wären wir zwei gegen diese Uebermacht gewesen, wenn die Nestorianer noch einiges Mark besessen hätten!

Wir achteten gar nicht weiter auf sie und ritten so schnell wie möglich den Weg zurück, auf welchem wir gekommen waren. Als wir die Höhe erreicht hatten, waren die Verfolger weit hinter uns geblieben.

»Vor diesen sind wir sicher!« meinte Lindsay.

»Aber vor den andern nicht.«

»Warum nicht?«

»Sie können uns begegnen.«

»So weichen wir ihnen aus!«

»Das ist nicht an jeder Stelle möglich.«

»So hauen wir uns durch! +Well+!«

»Sir, das würde uns wohl schwerlich gelingen. Ich habe nämlich die Ahnung, daß unsere Nestorianer in der Schar des Melek nur der überflüssige, mutlose und schlecht bewaffnete Troß gewesen sind, den er zurückgeschickt hat, um nicht gehindert zu sein. An uns haben sie sich gewagt, da wir nur zu zweien waren und uns in keiner verteidigungsfähigen Lage befanden.«

»Lasse mich aber nicht wieder fangen! +Yes+!«

»Ich habe auch nicht Lust dazu, aber der Mensch kann nicht wissen, was ihm begegnet.«

Wir kamen schnell über die Hochebene zurück, auf welcher wir vorher Rast gehalten hatten. An dem diesseitigen Rande derselben hielten wir an, und ich zog das Fernrohr aus der Satteltasche, um die unter uns liegenden Thäler und Abhänge zu betrachten. Ich konnte nichts Besorgnis Erregendes bemerken, und so setzten wir unsern Weg thalabwärts fort. Endlich gelangten wir nach langem Ritt auch an die Stelle, an welcher wir gefangen genommen worden waren. Lindsay wollte nach rechts abbiegen, weil dorthin Mia und unser Jagdplatz lag, aber ich hielt zaudernd an.

»Wollen wir nicht einmal hier links hinab, Sir?« fragte ich. »Dort sind die Unsrigen überfallen worden. Es ist beinahe notwendig, sich den Kampfplatz anzusehen.«

»Wir werden alle in Mia oder Gumri treffen!« entgegnete er.

»Gumri liegt nach links. Kommt!«

»Ihr werdet Euch in neue Gefahr begeben, Sir!«

Ich schwenkte ohne weitere Antwort links ab, und er folgte mir ein wenig verdrossen.

Hier sah ich die Wurzel, über welche mein Pferd gestrauchelt war, und vielleicht achthundert Schritte weiter abwärts fanden wir ein getötetes Pferd daliegen, dem man Sattel und Zaum abgenommen hatte. Der spärliche Graswuchs und das niedrige Gestrüpp war zertreten; auch das mit Blut bespritzte Gestein zeigte, daß hier ein Kampf stattgefunden habe. Die Spuren desselben führten abwärts: die Kurden waren geflohen und die Nestorianer ihnen gefolgt. Das regte den Engländer auf. Er dachte nicht mehr an seine vorige Warnung und setzte sein Pferd in Trab.

»Kommt, Sir! Müssen sehen, wie es gegangen ist!« rief er mir zu.

»Vorsichtig!« warnte ich. »Das Thal ist breit und offen. Wenn der Feind grad jetzt zurückkehrt, wird er uns bemerken; dann ist es aus mit uns.«

»Geht mich nichts an! Müssen den Unserigen helfen!«

»Sie werden uns jetzt nicht mehr brauchen!«

Er aber ließ sich nicht halten und ich war gezwungen, ihm auf dem offenen Terrain zu folgen, während ich mich lieber unter den Schutz der Bäume zurückgezogen hätte.

Weit unten machte das Thal eine Krümmung. Die innere Ecke derselben stieß beinahe bis an das Ufer des Baches heran und hinderte uns, weiter zu sehen. Unweit davon lag ein nackter Leichnam. Es war ein toter Kurde; das sah man an dem Haarbüschel. Wir bogen um die Ecke. Kaum aber hatten wir hundert Schritte gemacht, so raschelte es in den Bäumen und Sträuchern der Thalwand, und wir sahen uns augenblicklich von einer Menge bewaffneter Gestalten umringt. Zwei von ihnen hielten die Zügel meines Pferdes, und mehrere faßten mich an den Beinen und am Arme, um mich an der Gegenwehr zu verhindern. So ging es auch dem Engländer, der in einem solchen Knäuel von Feinden stak, daß sein Pferd sich kaum zu bewegen vermochte. Er wurde angerufen, konnte aber nichts verstehen und deutete auf mich.

»Wer seid ihr?« fragte mich einer.

»Wir sind Freunde der Nestorah. Was wollt ihr von uns?«

»Wir sind keine Nestorah. So nennen uns nur unsere Feinde und Bedrücker. Wir sind Chaldäer. Aber ihr seid Kurden?«

»Wir beide sind weder Kurden, noch Türken, noch Araber. Wir tragen nur die Tracht dieses Landes. Wir sind Feringhis[123].«

»Woher seid ihr?«

»Ich bin ein Nemtsche, und mein Gefährte ist ein Inglis.«

»Die Nemtsche kenne ich nicht, aber die Inglis sind böse Menschen. Ich werde euch zum Melek führen, der über euch urteilen mag.«

»Wo ist er?«

»Weiter unten. Wir sind die Vorhut und sahen euch kommen.«

»Wir werden euch folgen. Laßt mich los!«

»Steige ab!«

»Erlaube mir, daß ich sitzen bleibe! Ich habe einen Fall gethan und kann nicht gut gehen.«

»So mögt ihr reiten, und wir werden eure Pferde führen. Aber sobald ihr versucht, zu fliehen oder eure Waffen zu gebrauchen, werdet ihr erschossen!«

Das klang sehr bestimmt und kriegerisch. Diese Männer machten allerdings einen ganz andern Eindruck als diejenigen, welche uns vorher gefangen genommen hatten. Wir wurden thalabwärts geführt. Mein Hund schritt, die Augen immer auf mich gerichtet, neben mir her; er hatte keinen der Feinde angegriffen, weil ich mich ruhig verhalten hatte.

Ein kleines Nebenwasser floß von rechts her in den Bach. Es kam aus einem Seitenthale, welches bei seiner Mündung in das Hauptthal eine ziemlich breite Einbuchtung bildete. Hier lagerten wohl gegen sechshundert Krieger in vielen Gruppen beieinander, während ihre Pferde in der Umgebung weideten. Unser Erscheinen erregte Aufsehen; aber niemand rief uns an.

Wir wurden zu einer der größten Gruppen geführt, in deren Mitte ein kräftig gebauter Mann saß, welcher unsern Begleitern zunickte.

»Ihr bringt sie?« sagte er zu ihnen. »Kehrt wieder auf euren Posten zurück!«

Man hatte ihm also unser Kommen bereits gemeldet, als wir im Begriffe waren, ihnen ahnungslos in die Hände zu laufen. Der Melek hatte einige Aehnlichkeit mit seinem Bruder, aber meine Augen richteten sich von ihm ab und auf eine andere Gruppe. Dort saßen der Bey von Gumri, Amad el Ghandur und Halef nebst mehreren Kurden unbewaffnet und rings von Wächtern umgeben; aber keiner von ihnen war gebunden. Sie hatten die Geistesgegenwart, sich bei unserm Anblick ruhig zu verhalten.

Der Melek winkte uns, abzusteigen.

»Kommt näher!« gebot er.

Ich trat in den Kreis und setzte mich ungeniert neben ihm nieder. Auch der Engländer that so. Der Anführer blickte uns etwas überrascht an, sagte aber nichts über unser dreistes Benehmen.

»Habt ihr euch bei eurem Ergreifen gewehrt?« fragte er.

»Nein,« antwortete ich kurz.

»Ihr tragt doch Waffen!«

»Warum sollen wir die Chaldäer töten, da wir ihre Freunde sind? Sie sind Christen, wie wir.«

Er horchte auf und fragte dann:

»Ihr seid Christen? -- Aus welcher Stadt?«

»Die Stadt, aus der wir stammen, kennst du nicht. Sie liegt weit von hier im Abendlande, wohin noch kein Kurde gekommen ist.«

»So seid ihr Franken? Vielleicht aus Inglistan?«

»Mein Gefährte stammt aus Inglistan. Ich aber bin ein Nemtsche.«

»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen. Wohnen sie mit den Inglis in einem Lande?«

»Nein; es liegt ein Meer zwischen ihnen.«

»Das hast du wohl von andern gehört, denn ein Nemtsche bist du nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich sehe, daß du einen Kuran trägst, wie ihn die Hadschi tragen.«

»Ich kaufte ihn nur, um zu sehen, was die Moslemim für einen Glauben und für eine Lehre haben.«

»So handelst du sehr unrecht. Ein Christ darf keine andere Lehre kennen lernen, als nur die seinige. Aber wenn ihr Franken seid, warum kommt ihr in unser Land?«

»Wir wollen sehen, ob wir mit euch Handel treiben können.«

»Welche Waren habt ihr mitgebracht?«

»Wir haben noch nichts mitgebracht. Wir wollen erst sehen, was ihr braucht, und es dann unsern Kaufleuten erzählen.«

»Warum tragt ihr so viele Waffen, da ihr doch nur des Handels wegen zu uns kommt?«

»Die Waffe ist das Recht des freien Mannes; wer ohne Waffen reist, der wird für einen Knecht gehalten.«

»So sagt euren Kaufleuten, daß sie uns Waffen senden sollen; denn hier giebt es sehr viele Männer, welche frei werden wollen. Ihr müßt sehr mutige Männer sein, daß ihr euch in so ferne Länder wagt. Habt ihr jemand, der euch hier beschützt?«

»Ja. Ich habe ein Bu-djeruldi des Großherrn bei mir.«

»Zeige es her!«

Ich gab ihm den Paß, und ich sah, daß er lesen konnte. Dieser Melek war also ein unterrichteter Mann. Er gab mir das Schreiben wieder.

»Du stehest unter einem Schutze, welcher dir hier nichts helfen kann; aber ich sehe, daß ihr keine gewöhnlichen Krieger seid, und das ist gut für euch. Warum redest du allein und warum spricht nicht auch dein Gefährte?«

»Er versteht nur die Sprache seiner Heimat.«

»Was thut ihr hier in dieser entlegenen Gegend?«

»Wir sahen die Spuren des Kampfes und sind ihnen gefolgt.«

»Wo habt ihr die letzte Nacht geschlafen?«

»In Gumri,« antwortete ich ohne Zögern.

Er erhob den Kopf mit einem überraschten, scharfen Blick.

»Das wagst du, mir zu sagen?«

»Ja, denn es ist die Wahrheit.«

»So bist du ein Freund des Bey! Wie kam es, daß du nicht an seiner Seite kämpftest?«

»Ich war zurückgeblieben und konnte ihn in der Gefahr nicht mehr ereilen, denn deine Männer kamen zwischen ihn und uns.«

»Sie griffen euch an?«

»Das thaten sie.«

»Ihr habt euch gewehrt?«

»Wenig. Wir beide waren in dem Augenblick, als sie kamen, mit unsern Pferden gestürzt; ich lag ganz ohne Besinnung, und mein Gefährte hatte die Waffen verloren. Es wurde ein Pferd getötet, und zwei Männer sind verwundet.«

»Was geschah dann?«

»Wir wurden ausgezogen bis auf die Unterkleider, auf die Pferde gebunden und zu deinem Bruder geführt.«

»Und jetzt seid ihr wieder hier! Wie ist das gekommen?«

Ich erzählte ihm alles genau vom ersten Augenblick unserer Gefangenschaft an bis zur gegenwärtigen Minute. Seine Augen wurden immer größer, und zuletzt brach er in einen Ausruf des größten Erstaunens aus:

»Katera Aïssa. -- Um Jesu willen, Herr, das alles sagst du mir? Entweder bist du ein großer Held oder ein sehr leichtsinniger Mann, oder du suchst den Tod!«

»Es ist keines von diesen dreien der Fall. Ich sagte dir alles, weil ein Christ nicht lügen soll und weil mir dein Angesicht gefällt. Du bist kein Räuber und kein Tyrann, vor dem man zittern soll, sondern ein redlicher Fürst der Deinen, welcher die Wahrheit liebt und sie auch hören will.«

»Chodih, du hast recht, und daß du so handelst, wie du gethan hast, das ist dein Glück. Hättest du die Unwahrheit gesprochen, so wärest du verloren gewesen, wie diese andern verloren sind!«

Er deutete auf die Gruppe der Gefangenen.

»Woher hättest du gewußt, daß ich die Unwahrheit rede?«

»Ich kenne dich. Bist du nicht der Mann, der mit den Haddedihn gegen ihre Feinde kämpfte?«

»Ich bin es!«

»Bist du nicht der Mann, der mit den Dschesidi gegen den Mutessarif von Mossul kämpfte?«

»Du sagst die Wahrheit!«

»Bist du nicht der Mann, der Amad el Ghandur aus dem Gefängnisse von Amadijah befreite?«

»Das that ich!«

»Und der auch die Befreiung zweier Kurden von Gumri bei dem Mutesselim erzwang?«

»Es ist so!«

Ich ward immer mehr erstaunt. Woher hatte dieser nestorianische Anführer diese Kenntnis über meine Person?

»Woher weißt du dies alles, Melek?« fragte ich jetzt.

»Hast du nicht ein Mädchen in Amadijah gesund gemacht, welches Gift gegessen hatte?«

»Ja. Auch das weißt du?«

»Ihre Ahne heißt Marah Durimeh?«

»Das ist ihr Name. Kennst du sie?«

»Sie war bei mir und hat mir viel von dir erzählt, was sie mit den Ihrigen von deinem Diener erfahren hat, der dort sich unter den Gefangenen befindet. Sie wußte, daß du vielleicht in unsere Gegend kommen würdest, und hat mich gebeten, dann dein Freund zu sein.«

»Wie kannst du wissen, daß gerade ich dieser Mann bin?«

»Hast du nicht gestern in Gumri von euch erzählt? Wir haben einen Freund dort, der uns alles berichtet. Darum wußten wir auch von der heutigen Jagd, und daß du dabei sein würdest. Und darum sandte ich auch, als ich im Hinterhalte lag und bemerkte, daß du zurückgeblieben seist, eine Abteilung der Meinigen, die dich gefangen nehmen und fortführen sollten, damit dir im Kampfe kein Leid geschehe.«

Das klang ja so abenteuerlich, daß es kaum zu glauben war. Und nun konnte ich auch das Verhalten der Männer, welche uns gefangen genommen hatten, begreifen, obgleich sie mit der Wegnahme unserer Kleidungsstücke zu weit gegangen waren.

»Was wirst du nun thun?« fragte ich den Melek.

»Ich werde dich mit nach Lizan nehmen, damit du mein Gast seist.«

»Und meine Freunde?«

»Dein Diener und Amad el Ghandur werden frei sein.«

»Aber der Bey?«

»Er ist mein Gefangener. Unsere Versammlung wird über ihn beschließen.«

»Werdet ihr ihn töten?«

»Das ist möglich.«

»So kann ich nicht mit dir gehen!«

»Warum nicht?«

»Ich bin der Gast des Bey; sein Schicksal ist auch das meinige. Ich werde mit ihm kämpfen, mit ihm siegen oder unterliegen.«

»Marah Durimeh hat mir gesagt, daß du ein Emir bist, also ein tapferer Krieger. Aber bedenke, daß die Tapferkeit sehr oft in das Verderben führt, wenn sie nicht auch besonnen ist. Dein Gefährte hat nicht verstanden, was wir sprechen. Rede mit ihm und frage ihn, was du beschließen sollst!«

Diese Aufforderung kam mir ungemein erwünscht, denn sie gab mir Gelegenheit, mich mit dem Engländer zu verständigen.

Ich wandte mich also zu diesem:

»Sir, wir haben einen Empfang gefunden, wie ich ihn mir nicht träumen lassen konnte!«

»So! Schlimm?«

»Nein, freundlich. Der Melek kennt uns. Die alte Christin, deren Enkelkind ich in Amadijah heilte, hat ihm von uns erzählt. Wir sollen als seine Gastfreunde mit nach Lizan gehen.«

»+Well!+ Sehr gut! Vortrefflich!«

»Aber dann handeln wir, sozusagen, undankbar an dem Bey; denn er bleibt gefangen und wird vielleicht getötet.«

»Hm! Unangenehm! Ist ein guter Kerl!«

»Freilich! Vielleicht wäre es möglich, mit ihm von hier zu entkommen.«

»Wie so?«

»Die Gefangenen sind nicht gefesselt. Jeder von ihnen bedarf nur ein Pferd. Wenn sie schnell aufspringen, sich auf die Gäule werfen, die ganz in ihrer Nähe grasen, und augenblicklich forteilen, so könnte ich ihnen vielleicht den Rückzug decken, da ich Grund habe, zu glauben, daß die Nestorianer nicht auf mich schießen werden.«

»Hm! Schöner Coup! Ausgezeichnet!«

»Müßte aber schnell geschehen. Seid Ihr dabei?«

»+Yes!+ Wird interessant!«

»Aber wir schießen nicht, Sir!«

»Warum nicht?«

»Das wäre undankbar gegen den Melek.«

»Aber dann werden sie uns fangen!«

»Ich glaube nicht. Mein Pferd ist gut, das Eurige auch, und wenn die andern Klepper schlecht sind, so entweicht man in die Büsche. Also seid Ihr bereit?«

»+O, yes!+«

»So paßt auf!«

Ich drehte mich wieder zu dem Melek.

»Was habt Ihr beschlossen?« fragte er.

»Wir bleiben dem Bey treu.«

»So lehnt ihr meine Freundschaft ab?«

»Nein. Aber du wirst uns erlauben, unsere Pflicht zu thun. Wir werden jetzt gehen, doch ich sage dir aufrichtig, daß wir alles aufbieten werden, um ihn zu befreien.«

Er lächelte und sagte:

»Und wenn ihr geht und alle seine Krieger ruft, so werden sie dennoch zu spät kommen, weil wir dann bereits fort sind. Aber ihr werdet gar nicht gehen, denn wenn ihr ihm helfen wollt, so muß ich euch zurückbehalten.«

Ich hatte mich erhoben, und Lindsay stand bereits bei seinem Pferde.

»Zurückbehalten?« fragte ich, aber nur um Zeit zu gewinnen; denn ich hatte Halef einen Wink gegeben und dabei auf die in der Nähe grasenden Tiere und nach dem Ausgange des Thales zu genickt. »Ich denke, ich soll nicht dein Gefangener sein?«

»Du zwingst mich, obgleich du dir sagen könntest, daß alle deine Bemühungen erfolglos sein werden.«

Ich sah, daß Halef mich verstanden hatte; denn er flüsterte mit den andern, die ihm zunickten, und sah dann bedeutungsvoll zu mir herüber.

»Melek, ich will dir etwas sagen,« meinte ich, indem ich zu ihm trat und ihm die Hand auf die Achsel legte; denn ich sah, daß der Augenblick gekommen war. »Blicke einmal hier das Thal hinauf!«

Er drehte sich um, so daß er den Gefangenen den Rücken zuwandte, und sagte: »Warum?«

»Während du nach dieser Seite blickst,« erwiderte ich, »wird sich hinter deinem Rücken das begeben, was du für unmöglich hältst!«

»Was meinst du?« fragte er verwundert. Ich antwortete ihm nicht sogleich.

Wirklich waren in diesem Moment die Gefangenen auf- und zu den Pferden gesprungen. Sie hatten dieselben bestiegen, noch ehe der erste Alarmruf erscholl. Auch der Engländer saß auf und folgte ihnen in der Weise, daß er eine Anzahl von Männern, die sich zur Verfolgung erhoben hatten, über den Haufen ritt.

»Deine Gefangenen entfliehen,« antwortete ich jetzt gemächlich.

Es war eine sehr kindliche List gewesen, die ich anwandte, um seine Augen und auch diejenigen der Umsitzenden in dem entscheidenden Moment von den Gefangenen abzulenken; aber sie war gelungen. Er fuhr herum.

»Ihnen nach!« rief er und sprang zu seinem Pferde. Es war ein kurdischer Falbenhengst von ausgezeichneter Bauart. Mit diesem Tiere wären die Flüchtlinge sehr bald eingeholt gewesen. Ich mußte das verhindern, sprang ihm nach und zog den Dolch. Eben wollte er zum Zügel greifen, als ich das Tier in den hintern Oberschenkel stach und ihm einen derben Schlag versetzte. Es schlug wiehernd mit allen vieren aus und sprang davon.

»Verräter!« rief der Melek und drang auf mich ein.

Ich schleuderte ihn zurück, war mit einigen Sprüngen bei meinem Rappen, schwang mich hinauf und sauste davon.

Die Flüchtigen wußten, daß aufwärts im Thale ein Vortrupp stand, und hatten sich deshalb nach rechts abwärts gewandt. Ich eilte an den vordersten der Verfolger vorüber, bis ein Zwischenraum zwischen mir und ihnen lag; dann hielt ich an und legte das Gewehr an den Backen.

»Haltet an! Ich schieße!«

Sie hörten nicht; ich drückte also zweimal ab und schoß die beiden ersten Pferde nieder. Die andern Reiter stutzten und blieben halten; aber die hinteren drängten, und so gab ich noch drei Schüsse ab. Der dadurch verursachte Aufenthalt hatte aber doch den Flüchtlingen Zeit gegeben, uns aus dem Gesichte zu kommen. Jetzt erschien der Melek auf seinem Falben, den er sich wieder eingefangen hatte. Er überblickte die Scene und riß sein Pistol heraus.

»Schießt ihn nieder!« rief er zornig und ritt auf mich ein.

Jetzt wandte ich mein Pferd und floh. Es kam alles auf die Schnelligkeit des Rappen an. Ich legte ihm die Hand zwischen die Ohren.

»Rih -- --!«

Da bog er sich lang und flog dahin, als sei er von einer Sehne geschnellt. Seine lange Mähne wehte mir wie eine Fahne um das Knie. In einer Minute konnte mich der Melek mit keinem Gewehr mehr erreichen. Jetzt am hellen Tage war es noch ein ganz anderes Jagen als damals in dunkler Nacht vom Thale der Stufen nach dem Lager der Haddedihn zurück. Ich erreichte die erste Krümmung des Thales, als eben die Meinigen hinter der zweiten verschwanden. Da kam mir ein Gedanke. Ich machte mich so leicht wie möglich in dem Sattel, und der Hengst schoß dahin, daß sogar der Windhund weit dahinter blieb. In drei Minuten hatte ich die Gefährten erreicht, die ihre Pferde auf das möglichste anstrengten.

»Reitet schneller!« rief ich. »Nur kurze Zeit noch schneller. Ich werde den Melek irre führen.«

»Wie so?« fragte der Bey.

»Das kümmert euch nicht. Habe keine Zeit, es zu erklären. Aber heut abend treffen wir uns in Gumri.«

Ich hielt mein Pferd an, während sie fortgaloppierten. Bald waren sie hinter einer neuen Krümmung verschwunden. Ich ritt zur vorigen zurück und sah die Verfolger weit oben, den Melek ihnen allen voran. Ich rechnete mir den Augenblick, in welchem sie meinen jetzigen Standort erreichen mußten, aufs ungefähre aus und kehrte langsam wieder um, setzte mein Pferd in Trab und dann abermals in Galopp. Der Windhund erreichte mich wieder, und bald erschienen auch die Verfolger, welche mich erblickten und natürlich glaubten, daß ich die Gefährten noch gar nicht erreicht habe, aber genau den Weg einschlagen werde, auf dem sie fortgeritten waren.

Wieder kam ein kleines Wasser aus einem Seitenthale hervor, und ich bog in dieses Thal ein. Es war sehr steinig und hatte sehr wenig Pflanzenwuchs. Ich mußte hier langsamer reiten und sah sehr bald, daß der Melek mir folgte. Jedenfalls ritten auch die Seinen ihm nach, und die Kurden waren gerettet.

Nun aber mußte ich sehr bald eine Bemerkung machen, die mir nicht angenehm sein konnte. Der Falbe des Melek war nämlich ein besserer Bergsteiger noch als mein Rappe. Diesen mußte ich immer mehr anstrengen, und dennoch verkleinerte sich die Distanz zwischen mir und dem Verfolger. Am beschwerlichsten war der obere Teil der Schlucht, wo es eine ziemliche Steilung zu überwinden gab, die aus losem Gestein bestand, welches unter den Hufen des Pferdes nachgab. Ich streichelte und liebkoste das Tier; es stöhnte und schnaufte und that sein möglichstes -- endlich waren wir oben.

Da aber krachte hinter mir auch schon der Schuß des Melek; glücklicherweise traf er nicht.

Nun galt es vor allen Dingen, das Terrain zu überblicken. Ich sah nichts als unbewaldete, kahle Höhen, zwischen denen es keinen Pfad zu geben schien. Am gangbarsten hielt ich eine Bergwand, welche mir zur Rechten lag, und lenkte auf sie zu. Die Kuppe, auf welcher ich mich befand, war eine ziemliche Strecke lang beinahe eben; darum gewann ich wieder etwas Vorsprung.

Jetzt ging es bergab, wo sich mir eine natürliche Felsenbahn zeigte, die einem Wege glich. Ich erreichte denselben und ritt auf ihm rasch vorwärts.

Ueber mir ertönte ein lauter Schrei. Der Melek hatte ihn ausgestoßen. War es ein Ruf des Aergers, mich entkommen zu sehen? Fast klang es aber wie ein Warnungsruf. Ich ritt vorwärts und sah den Melek mir vorsichtig folgen. Die Terrainverhältnisse wurden immer schwieriger. Zu meiner Rechten stieg der Fels steil in die Höhe, und zu meiner Linken fiel er beinahe lotrecht zur Tiefe hinab, und dabei wurde der Pfad immer schmaler. Mein Pferd war von den Schammarbergen her wohl solche Tiefen gewöhnt; es scheute nicht und schritt vorsichtig und langsam weiter, obgleich der Pfad eine Breite von nicht über zwei Fuß mehr hatte. Stellenweise allerdings war er breiter, und ich hoffte, als ich eine Krümmung des Berges vor mir sah, daß sich der Fels hinter derselben wieder gangbar zeigen werde. Dort angelangt, blieb das Pferd stehen, ohne daß ich es anzuhalten brauchte. Wir blickten, Roß und Reiter, in eine Tiefe von mehreren hundert Fuß hinab.

Ich befand mich in einer geradezu schauderhaften Lage. Vorwärts konnte ich nicht, umwenden auch nicht, und da hinten sah ich den Melek an der Felsenkante lehnen. Vielleicht hatte er diese Gegend gekannt, denn er war abgestiegen und mir zu Fuße gefolgt. Hinter ihm sah ich mehrere seiner Leute ankommen.

Ich konnte allerdings hinter meinem Pferde herabrutschen und zurückkehren; aber dann war mein herrlicher Rappe verloren. Darum beschloß ich, alles zu wagen. Ich redete ihm freundlich zu und ließ ihn rückwärts gehen. Er gehorchte und tastete sich mit ungeheurer Vorsicht, aber schnaubend und zitternd zurück. Wenn ihn nur ein kleiner Schwindel überfiel, so waren wir verloren. Aber der beruhigende und ermutigende Ton meiner Stimme schien ihm doppelten Scharfsinn zu verleihen. Wenn es auch langsam ging, so gelangten wir doch Schritt um Schritt weiter und endlich an eine Stelle, wo der Platz mehr als doppelt so breit war, als bisher.

Hier ließ ich das Pferd ausruhen. Der Melek erhob sein Gewehr.

»Bleib dort, sonst schieße ich!« rief er mir zu.

Sollte ich es zum Schusse kommen lassen? Wenn mein Pferd erschrak, konnte es mit mir in die Tiefe springen. Oder es konnte sich eine Partie des Gesteines ablösen und uns zerschmettern. Aber bleiben konnte ich nicht. Daher beschloß ich, selbst zu schießen; denn wenn der Rappe die Vorbereitung dazu bemerkte, so erschrak er wahrscheinlich nicht.

Uebrigens war die Entfernung zwischen mir und dem Melek immerhin so bedeutend, daß ich seine Kugel nicht zu fürchten brauchte. Erreichte sie uns aber dennoch, so brauchte sie nur das Pferd zu ritzen, um es scheu zu machen. Ich drehte mich also im Sattel um, legte die Büchse an und rief:

»Geh fort, sonst bin ich es, welcher schießt!«

Er lachte und erwiderte:

»Du machst wohl auch nur Spaß. So weit her trifft niemand.«

»Ich werde dir ein Loch in den Turban machen!«

Ich schwenkte die Büchse noch einmal weit in die Luft und ließ den Hahn laut knacken, damit der Rappe vorbereitet sei. Dann zielte ich, drückte ab und wandte mich sofort wieder um. Diese letztere Vorsicht war unnötig, denn das Pferd stand still. Hinter mir aber erscholl ein Ruf, und als ich mich wieder umdrehte, war der Melek verschwunden. Schon fürchtete ich, ihn erschossen zu haben; aber ich bemerkte bald, daß er sich nur in sichere Entfernung zurückgezogen hatte.

Ich lud den abgeschossenen Lauf wieder und ließ dann das Pferd abermals rückwärts gehen. Der Hund verhielt sich während dieser Zeit außerordentlich still. Er blieb stets in ziemlicher Entfernung von dem Pferde; es war, als ob er wisse, daß er dasselbe durch keinen Laut und keine Bewegung stören dürfe.

Jetzt dauerte es sehr lange, ehe wir wieder eine Ruhestelle erreichten. Sie war vielleicht fünf Ellen lang und vier Fuß breit.

Sollte ich es wagen? Es war wohl besser, alles auf einen Augenblick zu setzen, als uns noch stundenlang zu quälen. Ich drängte den Rappen hart an den Felsen hinan, damit er rückwärts die Platte überblicken könne. Dann -- gnädiger Gott, hilf! -- gab ich dem Tiere die Schenkel, zog es empor und riß es herum.

Einen Augenblick lang schwebten seine Vorderhufe über der Tiefe, dann faßten sie festen Fuß; die gefährliche Wendung war geglückt. Aber das Tier zitterte am ganzen Leib, und es dauerte einige Zeit, ehe ich es ohne Besorgnis weitergehen lassen konnte.

Nun aber war uns geholfen -- Gott sei Dank! Wir legten den gefährlichen Pfad schnell zurück, dann jedoch sah ich mich gezwungen, halten zu bleiben. In geringer Entfernung von mir stand der Melek mit vielleicht zwanzig seiner Leute. Alle hatten die Gewehre angelegt.

»Halt!« gebot er mir. »Sobald du eine Waffe ergreifst, werde ich schießen!«

Hier wäre Widerstand ein Frevel gewesen.

»Was willst du?« fragte ich.

»Steige ab!« lautete seine Antwort.

Ich that es.

»Lege deine Waffen ab!« gebot er weiter.

»Das thue ich nicht.«

»So schießen wir dich nieder!«

»Schießt!«

Sie thaten es doch nicht, sondern besprachen sich leise. Dann sagte der Melek:

»Emir, du hast mein Leben geschont, ich möchte dich auch nicht töten. Willst du uns freiwillig folgen?«

»Wohin?«

»Nach Lizan.«

»Ja, aber nur dann, wenn du mir läßt, was ich besitze.«

»Du sollst alles behalten.«

»Du schwörst es mir?«

»Ich schwöre!«

Ich ritt nun auf sie zu, nahm aber den Revolver in die Hand, um auf eine etwaige Hinterlist gefaßt zu sein. Aber der Melek reichte mir seine Hand entgegen und sagte:

»Emir, war das nicht entsetzlich?«

»Ja, in der That.«

»Und du hast den Mut nicht verloren?«

»Dann wäre auch ich verloren gewesen. Gott hat mich beschützt!«

»Ich bin dein Freund!«

»Und ich der deinige.«

»Aber dennoch mußt du mein Gefangener sein, denn du hast als Feind an mir gehandelt.«

»Aber doch hoffentlich mit Offenheit! Was wirst du in Lizan mit mir thun? Mich einsperren?«

»Ja. Aber wenn du mir versprichst, nicht zu fliehen, so kannst du als mein Gast bei mir wohnen.«

»Ich kann jetzt noch nichts versprechen. Erlaube, daß ich es mir noch überlege!«

»Du hast Zeit dazu!«

»Wo sind deine andern Krieger?«

Er lächelte überlegen und erwiderte:

»Chodih, die Gedanken deines Kopfes waren klug, aber ich habe sie dennoch erraten.«

»Welche Gedanken?«

»Glaubst du, daß ich denken kann, der Bey von Gumri werde zu Pferde in diese Berge fliehen, die er ebenso gut kennt, wie ich? Er weiß, daß er hier nicht entkommen könnte.«

»Was hat dies mit mir zu thun?«

»Du wolltest mich irre leiten. Ich folgte dir, weil ich des Bey sicher bin und auch dich zugleich wieder haben wollte. Diese wenigen Männer kamen mit mir; die andern aber haben sich geteilt und werden die Flüchtlinge sehr bald in ihre Gewalt bekommen.«

»Sie werden sich wehren!« warf ich ein.

»Sie haben keine Waffen.«

»Sie werden zu Fuße durch den Wald entkommen!«

»Der Bey ist zu stolz, ein Pferd zu verlassen, welches noch laufen kann! Du hast umsonst dich in Gefahr begeben und umsonst unsere Tiere getötet und verwundet. Komm!«

Wir machten denselben Weg wieder zurück, den wir gekommen waren. Da, wo ich aus dem Hauptteile in die Seitenschlucht eingelenkt hatte, hielten einige Reiter.

»Wie ging es?« fragte sie der Melek.

»Wir haben nicht alle wieder.«

»Wen habt ihr?«

»Den Bey, den Haddedihn, den Diener dieses Chodih und noch zwei Kurden.«

»Das ist genug. Haben sie sich gewehrt?«

»Nein. Es hätte ihnen nichts geholfen, denn sie wurden umzingelt; aber einige der Kurden entschlüpften in die Büsche.«

»Wir haben den Anführer, und das ist genug!«

Nun kehrten wir nach dem Orte zurück, an welchem ich die Gefangenen zuerst getroffen hatte. Wunderbar war es mir, daß man den Engländer nicht erwischt hatte. Wie war er entkommen, und wohin hatte er sich gewendet? Er verstand kein Kurdisch. Was mußte da aus ihm werden!

Als wir den Lagerplatz erreichten, saßen die Gefangenen bereits wieder an ihrem vorigen Platze, waren aber jetzt gebunden.

»Willst du zu ihnen oder zu mir?« fragte mich der Melek.

»Zunächst zu ihnen.«

»So werde ich dich ersuchen, deine Waffen vorher abzulegen!«

»So bitte ich dich, mich und die Gefangenen bei dir sein zu lassen. In diesem Falle verspreche ich dir, bis wir nach Lizan kommen, keinen Gebrauch von meinen Waffen zu machen und auch nicht zu fliehen.«

»Aber du wirst den andern zur Flucht verhelfen!«

»Nein. Ich hafte auch für sie, stelle aber die Bedingung, daß sie ihr Eigentum behalten und nicht gefesselt werden.«

»So sei es!«

Wir nahmen beieinander Platz, die meisten wohl, das gestehe ich, mit einem Gefühle der Beschämung; denn wir hatten uns alle wieder einfangen lassen. Da aber erscholl ein Ruf des Erstaunens: -- es erschien ein Reiter, den man zu erblicken wohl nicht erwartet hätte: Master Lindsay.

Er blickte sich um, sah uns und kam auf uns zugeritten.

»Ah, Sir! Auch wieder da?« fragte er erstaunt.

»Ja. +Good day+, Master Lindsay!«

»Wie kommt Ihr wieder her? Waret ja über alle Berge.«

»Wenigstens nicht so freiwillig wie Ihr.«

»Freiwillig? Mußte ja!«

»Warum?«

»He! Schauderhafte Lage! Weiß nur, was Esel heißt und Maulschelle im Kurdischen, und soll ganz allein durch dieses Land reiten! Sah, daß alles wieder gefangen wurde, und bin langsam hinterher geritten.«

»Wo habt Ihr gesteckt, als man die andern erwischte?«

»War ein wenig vorangekommen, weil mein Pferd besser laufen konnte, als die andern. Aber wohin waret Ihr verschwunden?«

»Sir, ich habe heute eine der gefährlichsten Stunden meines Lebens gehabt; das könnt Ihr mir glauben. Steigt ab. Ich werde es Euch erzählen!«

Er ließ sein Pferd laufen und setzte sich zu uns. Ich erzählte ihm meinen Ritt über den Felsensteig.

»Master,« meinte er, als ich fertig war, »das ist heut ein schlimmer Tag, ein sehr schlimmer! +Well+! Habe keine Lust, gleich wieder auf die Bärenjagd zu gehen! +Yes+!«

Auch zwischen mir und dem Bey nebst Halef und Amad el Ghandur gab es viel zu erzählen. Der erstere hoffte, daß Mohammed Emin nach Gumri geeilt sei, um Hilfe zu holen, und freute sich bereits darauf, daß die Nestorah noch hier im Lager überfallen würden; aber seine Erwartungen erfüllten sich nicht.

Es wurde bald, nachdem wir einen frugalen Imbiß von unsern Besiegern erhalten hatten, aufgebrochen. Man nahm uns in die Mitte, und der Zug setzte sich in Bewegung, um ganz dieselben Wege zu passieren, die ich mit dem Engländer bereits zweimal zurückgelegt hatte. Durch die Beerdigung der liegen gebliebenen Kurden trat eine Verzögerung ein, dann aber ging es so schnell vorwärts, daß wir noch vor Einbruch der Nacht den Weiler erreichten, in welchem der Bruder des Melek wohnte.

Dort wurden wir auf eine nicht sehr freundliche Weise empfangen. Die Nestorah, denen wir hier entkommen waren, hatten sich nach einer kurzen und erfolglosen Verfolgung in dieses Haus zurückbegeben. Sie empfingen ihre Kameraden mit großem Jubel, uns aber mit drohenden Worten und Blicken. Der Bruder des Melek stand an der Thüre, um denselben zu begrüßen.

»Hast du den großen Helden wiedergefangen, der so tapfer ist, daß er am liebsten flüchtet? Er ist rückwärts gelaufen wie ein Keftschinik[124], der nur unreines Fleisch verzehrt. Binde ihm die Hände und Füße, damit er nicht nochmals entlaufen kann!«

So fragte höhnisch der Bruder des Melek.

Das durfte ich mir allerdings nicht bieten lassen. Nahm ich eine solche Beleidigung ruhig hin, so war es ganz sicher um den Respekt geschehen, dessen wir so notwendig bedurften. Darum gab ich Halef die Zügel meines Pferdes und trat hart an den Sprecher heran:

»Mann, du hast zu schweigen! Wie kann ein Lügner und Verräter es wagen, ehrliche Leute zu beschimpfen!«

»Was wagest du!« schrie er mich an. »Einen Verräter nennst du mich? Sage noch einmal dieses Wort, so schlage ich dich zu Boden!«

Ich antwortete kühl, aber ernst:

»Versuche doch einmal, ob du dies zu stande bringst! Ich habe dich einen Lügner und Verräter genannt, und das bist du auch. Du nanntest uns deine Gäste, um uns sicher zu machen, und nahmst uns dann gefangen, um mein Pferd zu stehlen. Du bist nicht nur ein Lügner und Verräter, sondern auch ein Dieb, der seine Gäste betrügt.«

Da erhob er die Faust; aber noch ehe er zu schlagen vermochte, lag er am Boden, ohne daß ich ihn angerührt hatte. Mein Hund war jeder seiner Bewegungen gefolgt und hatte ihn niedergerissen. Er stand über ihm und legte seine Zähne so fühlbar an die Gurgel des Mannes, daß dieser weder einen Laut noch eine Bewegung wagte.

»Rufe den Hund zurück, sonst steche ich ihn nieder!« befahl mir der Melek.

»Versuche es!« antwortete ich. »Ehe du das Messer erhebst, ist dein Bruder zerrissen, und du liegst an seiner Stelle an der Erde. Dieser Hund ist ein Slogi von der reinsten Rasse. Siehst du, daß er dich bereits im Auge hat?«

»Ich gebiete dir, ihn wegzurufen!«

»Gebieten? Pah! Ich habe dir gesagt, daß wir dir nach Lizan folgen wollen, ohne Gebrauch von unsern Waffen zu machen; aber ich habe dir nicht erlaubt, dich als unsern Herrn und Gebieter zu betrachten. Dein Bruder hat bereits einmal unter diesem tapfern Hunde gelegen, und ich gab ihm seine Freiheit wieder. Jetzt werde ich dies nicht mehr thun, als bis ich die Ueberzeugung habe, daß er fortan Frieden hält.«

»Er wird es thun.«

»Giebst du mir dein Wort darauf?«

»Ich gebe es!«

»Ich halte es fest und warne dich, es nicht zu brechen!«

Auf ein Wort von mir ließ Dojan von dem Chaldäer ab. Dieser erhob sich, um sich eiligst zurückzuziehen; aber ehe er unter der Thüre verschwand, hob er die geballte Rechte drohend gegen mich empor. Ich hatte einen schlimmen Feind an ihm bekommen.

Auch auf den Melek schien der unangenehme Vorgang einen für uns nicht vorteilhaften Eindruck hervorgebracht zu haben. Seine Miene war strenger und sein Auge finsterer geworden, als vorher.

»Tretet ein!« gebot er, auf die Thüre des Hauses deutend.

»Erlaube, daß wir im Freien bleiben!« sagte ich.

»Ihr werdet in dem Hause sicherer und auch besser schlafen,« antwortete er in sehr entschiedenem Tone.

»Wenn es dir auf unsere Sicherheit ankommt, so glaube mir, daß wir hier besser aufgehoben sind, als unter diesem Dache, unter welchem ich bereits einmal betrogen und verraten wurde.«

»Es wird nicht wieder geschehen. Komm!«

Er nahm mich bei dem Arme; ich aber zog denselben zurück und trat zur Seite.

»Wir bleiben hier!« sagte ich sehr bestimmt. »Wir sind nicht gewohnt, uns von unsern Pferden zu trennen. Hier wächst Gras genug für sie zum Futter und für uns zum Lager.«

»Ganz wie du willst, Chodih,« antwortete er. »Aber ich sage dir, daß ich euch sehr scharf bewachen lassen werde.«

»Thue es!«

»Sollte einer von euch zu entfliehen versuchen, so lasse ich ihn erschießen.«

»Thue auch das!«

»Du siehst, daß ich dir deinen Willen lasse; aber einer muß mir doch in das Haus folgen.«

»Welcher?«

»Der Bey.«

»Warum dieser?«

»Ihr seid nicht eigentlich meine Gefangenen; er aber ist ein solcher.«

»Er wird dennoch bei mir bleiben, denn ich gebe dir mein Wort, daß er nicht entfliehen wird. Und dieses Wort ist sicherer als die Mauern, zwischen denen du ihn einschließen willst.«

»Du bürgst für ihn?«

»Mit meinem Leben!«

»Nun wohl, so geschehe, wie du willst. Aber ich sage dir, daß ich dein Leben wirklich von dir fordern werde, wenn er sich entfernt! Ich werde dir Matten schicken zum Lager, Holz zum Feuer und Speise und Trank für dich und die andern. Suche dir eine Stelle, welche dir passend erscheint!«

Unweit des Gebäudes gab es einen weichen Rasen, auf welchen wir uns niederließen. Die Pferde wurden nach Art der Indianer »angehobbelt«, so daß sie zwar grasen, sich aber nicht weit entfernen konnten, und wir machten uns ein mächtiges Feuer, um welches wir auf den uns zur Verfügung gestellten Matten einen Kreis schlossen. Bald erhielten wir auch ein soeben erst geschlachtetes Schaf mit der Weisung, es uns selbst zu braten. Dies geschah, indem wir es an einen starken Ast befestigten, den wir als Bratspieß gebrauchten.

An eine Flucht war nicht zu denken, denn die ganze Schar der Nestorianer hatte sich an vielen Feuern um uns her gelagert. Sie brieten sich ihre Hämmel und Lämmer ganz in derselben Weise, wie wir, und waren voll des Jubels über den Sieg, den sie heute errungen hatten.

»Wie ist Euch zu Mute, Master?« fragte mich Lindsay, welcher zu meiner Linken saß.

»Wie einem, der Hunger hat, Sir.«

»+Well!+ Habt recht!«

Er wandte sich von mir ab und nach Halef hin, welcher jetzt den Braten vom Feuer nahm, um ihn zu zerlegen. Der Master Lindsay war zu hungrig, um dies ruhig erwarten zu können; er zog sein Messer, schnitt sich schleunigst einen riesigen Appetitsbissen ab und öffnete seinen Mund in der Weise, daß die Lippen zwei Hypotenusen und vier Katheten bildeten, zwischen denen der Bissen seiner irdischen Auflösung entgegen gehen sollte.

In diesem Momente blickte ich ganz zufälligerweise nach dem Hause hin. Dasselbe war von den zahlreichen Feuern ziemlich hell erleuchtet, und so war es mir möglich, einen menschlichen Kopf zu erkennen, welcher sich langsam vom Dache erhob. Dem Kopfe folgte ein Hals, diesem zwei Schultern, und dann gewahrte ich den langen Lauf einer Flinte, welcher sich grad nach unserem Feuer richtete. Im Nu hatte ich auch meine Büchse ergriffen und angelegt: droben blitzte ein Schuß, und fast zu gleicher Zeit krachte unten auch der meinige; droben erscholl ein Schrei, und unten wurde ein zweiter ausgestoßen. Dieser letztere Schrei kam zwischen den Hypotenusen und Katheten des Engländers hervor, welchem die Kugel des heimtückischen Schützen das Messer samt dem Bissen vor dem Munde aus der Hand gerissen hatte.

»+Zounds+!« rief er. »Wer war der Halunke, he?«

Das alles war so ungemein schnell geschehen, daß niemand den Schuß auf dem Dache hatte aufblitzen sehen. Einer der nahe lagernden Nestorianer, welcher vielleicht den Rang eines Unteranführers begleitete, trat herbei.

»Warum schießest du, Chodih?« fragte er.

»Weil ich mich verteidigen muß.«

»Wer greift dich an? Ich sehe ja keinen Feind.«

»Aber ich habe ihn gesehen,« antwortete ich. »Er lag dort oben auf dem Dache und schoß nach mir.«

»Du irrst, Chodih!«

»Ich irre nicht. Es wird der Bruder des Melek sein, und weil er sich nicht warnen läßt, so habe ich ihn bestraft.«

»Du hast ihn erschossen?« fragte der Mann erschrocken.

»Nein. Ich zielte auf seinen rechten Ellbogen und bin sicher, ihn dort getroffen zu haben.«

»Herr, das ist schlimm für dich! Ich werde sofort nachsehen.«

Die sämtlichen Nestorianer hatten sich von ihren Plätzen erhoben und zu den Waffen gegriffen. Ganz dasselbe thaten auch wir. Nur allein der Englishman saß noch am Boden. Sein Mund klappte in allen möglichen geometrischen Figuren auf und zu, und seine Nase war von einer so außerordentlichen Bestürzung ergriffen, daß sie matt und hoffnungslos hernieder hing.

»Seid ihr perplex, Sir?« fragte ich ihn.

Er holte tief Atem, nahm sein Gewehr und stand langsam auf.

»Master, bald hätte mich der Schlag gerührt!« gestand er aufrichtig.

»Eines Schusses wegen? Pah!«

»Oh, nicht dieses Schusses wegen!«

»Weshalb sonst?«

»Des Hiebes wegen, den ich erhalten habe. Mein Messer ist in alle Welt gefahren, und dieses Stück Fleisch vom Schafe flog mir in das Gesicht mit einer Gewalt, als hätte ich von dem Obersteuermann eines Orlogschiffes eine riesige Ohrfeige erhalten. Da, seht meine Wange, und hier liegt das Fleisch im Grase!«

»Sihdi, kommt es zum Kampfe?« fragte Halef, indem er seine Pistolen im Gürtel lockerte.

»Ich glaube es nicht.«

»Und wenn auch; wir fürchten uns nicht!«

Der kleine, wackere Mann warf einen verächtlichen Blick auf die Chaldäer, welche allerdings noch keine feindseligen Bewegungen machten, sondern ruhig abwarteten, was der Unteranführer für eine Botschaft bringen werde.

Er kam sehr bald zurück, und zwar in Begleitung des Melek, welcher mit drohender Miene zu unserm Feuer trat.

»Wer hat hier geschossen?« erkundigte er sich.

»Ich,« antwortete ich. »Weil auf mich geschossen wurde.«

»Es ist nicht wahr! Nur dein Hund sollte erschossen werden.«

»Wer hat dies befohlen? Etwa du selbst?«

»Nein. Ich wußte nichts davon. Aber, Chodih, nun seid ihr alle verloren. Du hast eines Hundes wegen auf meinen Bruder geschossen!«

»Ich habe das Recht, einen jeden niederzuschießen, der meinen Hund töten will, und von diesem Rechte werde ich auch ferner Gebrauch machen; das merke dir. Wie aber will dein Bruder beweisen, daß er nicht mich, sondern meinen Hund töten wollte?«

»Er sagt es.«

»So ist er ein sehr schlechter Schütze, denn er hat nicht den Hund, sondern diesen Emir aus Inglistan getroffen.«

»Er hat wirklich nur den Hund gemeint. Es giebt keinen Menschen, der des Abends seiner Kugel sicher ist.«

»Das ist keine Entschuldigung für eine so heimtückische That. Die Kugel ist vier Schritte entfernt an dem Tiere vorübergegangen; eine Handbreit höher, so wäre dieser Emir eine Leiche gewesen. Uebrigens giebt es Leute, welche auch des Nachts sicher schießen; das werde ich dir beweisen. Ich habe nach dem rechten Ellbogen deines Bruders gezielt, und sicher habe ich ihm denselben zerschmettert, obgleich ich weniger Zeit zum Zielen hatte, als er selbst.«

Er nickte grimmig.

»Du hast ihm den Arm genommen; du wirst's mit deinem Leben bezahlen!«

»Höre, Melek, und sei froh, daß ich nicht nach seinem Kopfe zielte, welcher viel leichter als der Arm zu treffen war! Ich sehne mich nicht nach Menschenblut, denn ich bin ein Christ; aber wer es wagt, mich oder die Meinen anzugreifen, der wird uns und unsere Waffen kennen lernen.«

»Wir fürchten sie nicht, denn wir sind euch überlegen.«

»So lange mein Wort uns bindet; sonst aber nicht.«

»Ihr werdet uns sofort eure Gewehre geben müssen, damit ihr nicht ferneren Schaden damit anrichtet.«

»Und was wird dann geschehen?«

»Ich will über die andern zu Gerichte sitzen; dich aber werde ich meinem Bruder überlassen. Du hast sein Blut vergossen; also gehört das deinige nun ihm.«

»Sind die Chaldani[125] Christen oder Barbaren?«

»Das geht dich nichts an! Gieb deine Waffen ab!«

Seine ganze Schar hatte einen weiten Kreis um uns geschlossen, und es war jedes Wort zu hören, welches von uns beiden gesprochen wurde. Bei seinem letzten Befehle griff er nach meiner Büchse.

Ich warf Sir Lindsay einige englische und den andern einige arabische Worte zu, und dann fuhr ich gegen den Melek fort:

»So betrachtest du uns von jetzt an als Gefangene?«

Als er bejahte, erwiderte ich:

»Du Unvorsichtiger! Glaubst du wirklich, daß wir euch fürchten müssen? Wer die Hand gegen einen Emir aus Germanistan erhebt, der erhebt sie doch nur gegen sich selbst. Wisse, nicht ich bin dein Gefangener, sondern du bist der meinige!«

Bei diesen Worten faßte ich ihn mit der Linken beim Genick und drückte ihm den Hals so fest zusammen, daß ihm sofort die Arme schlaff herniederhingen, und zugleich bildeten die Gefährten mit nach auswärts gerichteten schußfertigen Waffen einen Kreis um mich. Dies geschah so schnell und unerwartet, daß die Nestorianer ganz sprachlos auf uns starrten. Ich benutzte diese jedenfalls nur kurze Pause und rief ihnen zu:

»Seht ihr den Melek hier an meinem Arme hangen? Es bedarf nur noch eines einzigen Druckes, so ist er eine Leiche, und dann wird die Hälfte von euch durch unsere verzauberten Kugeln sterben. Kehrt ihr aber ruhig an eure Feuer zurück, so lasse ich ihm das Leben und werde mit ihm und euch in Güte verhandeln. Merkt auf! Ich zähle bis drei. Steht dann noch ein einziger an seiner jetzigen Stelle, so ist der Melek verloren! -- Je --, du --, seh --, eins --, zwei --, drei -- -- -- --«

Ich hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, so saßen die Chaldäer alle an den Feuern auf ihren früheren Plätzen. Das Leben ihres Anführers hatte demnach einen großen Wert für sie. Wären Kurden an ihrer Stelle gewesen, so wäre mir das gefährliche Experiment ganz sicher nicht so wohl gelungen. Nun aber ließ ich den Melek los. Er fiel mit matten Gliedern und krampfhaft verzerrtem Angesicht zu Boden, und es dauerte einige Zeit, ehe er sich wieder vollständig bei Atem befand. Er hatte das Haus verlassen, ohne eine einzige Waffe zu sich zu nehmen, und nun stand ich vor ihm und richtete den Revolver scharf nach seinem Herzen.

»Wage es nicht, dich zu erheben!« gebot ich ihm. »Sobald du es ohne meine Erlaubnis thust, wird dich meine Kugel treffen.«

»Chodih, du hast mich belogen!« stöhnte er, indem er mit beiden Händen seinen Hals untersuchte.

»Ich weiß nichts von einer Lüge,« antwortete ich ihm.

»Du hast mir versprochen, deine Waffen nicht zu gebrauchen!«

»Das ist wahr; aber ich habe dabei vorausgesetzt, daß wir nicht feindlich behandelt würden.«

»Du hast mir auch versprochen, daß du nicht fliehen willst!«

»Wer hat dir gesagt, daß wir fliehen wollen? Verhaltet euch als Freunde, so wird es uns bei euch ganz wohl gefallen.«

»Du selbst hast ja die Feindseligkeiten begonnen!«

»Melek, du nennst mich einen Lügner und sagst doch soeben selbst eine Lüge. Ihr selbst habt uns und die Kurden von Gumri überfallen. Und als wir im Frieden hier am Feuer lagen, hat dein Bruder auf uns geschossen. Wer also hat die Feindseligkeit begonnen, wir oder ihr?«

»Es galt nur deinem Hund!«

»Deine Gedanken sind ganz kurz, Melek! Mein Hund sollte getötet werden, damit er nicht mehr im stande sei, uns zu schützen. Er hat für mich einen größeren Wert, als das Leben von hundert Chaldani. Wer ihm ein Haar krümmt, oder wer nur einen Zipfel unseres Gewandes beschädigt, der wird von uns behandelt, wie der Vorsichtige einen tollen Hund behandelt, den man, um sich zu retten, töten muß. Das Leben deines Bruders stand in meiner Hand; ich habe ihm nur eine Kugel in den Arm gegeben, damit er sein Gewehr nicht wieder meuchlings erheben kann. Auch das deinige gehörte mir, und ich habe es dir gelassen. Was wirst du über uns beschließen?«

»Nichts anderes, als was ich dir bereits sagte. Oder weißt du nicht, was die Blutrache bedeutet?«

»Habe ich deinen Bruder getötet?«

»Sein Blut ist geflossen!«

»Er selbst trägt die Schuld daran! Was überhaupt geht denn dich seine Rache an?«

»Ich bin sein Bruder und Erbe!«

»Jetzt lebt er noch und kann sich selbst rächen. Oder ist er ein Kind, daß du schon vor seinem Tode für ihn handeln mußt? Du nennst dich einen Christen und sprichst von Blutrache! Von wem hast du dieses Christentum erhalten? Ihr habt einen Katolihka[126], einen Mutran[127], einen Khalfa[128]; ihr habt Arkidjakoni[129], Keschihschi[130], Schammaschi[131], Huhpodjakoni[132] und viele Karuhji[133]. Ist denn unter diesen vielen nicht ein einziger gewesen, der euch gesagt hat, was der Sohn der Mutter Gottes lehrte?«

»Es giebt keine Mutter Gottes. Marrya war nur die Mutter des Menschen Aïssa!«

»Ich will nicht mit dir streiten, denn ich bin weder ein Priester noch ein Missionär. Aber du glaubst doch, daß dieser Mensch Aïssa[134] zugleich wahrer Gott gewesen ist?«

»Das glaube ich.«

»So wisse, daß er uns und euch geboten hat: Liebet eure Feinde; segnet die, welche euch fluchen; thut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen; dann seid ihr Kinder eures Vaters im Himmel!«

»Ich weiß, daß er diese Worte gesagt hat.«

»Warum aber gehorchst du ihnen nicht? Warum redest du von Blutrache? Soll ich, wenn ich in mein Land zurückkehre, erzählen, daß ihr keine Christen, sondern Heiden seid?«

»Du wirst nicht zurückkehren!«

»Ich werde zurückkehren, und du am allerwenigsten wirst mich halten können. Siehe dieses Holz, welches ich in das Feuer werfe! Ehe es verbrannt ist, bist du eine Leiche, oder du hast mir versprochen, uns als deine Gastfreunde zu behandeln, deren Mißachtung die größte Schande deines Hauses und deines Stammes sein würde.«

»Du würdest mich töten?«

»Ich würde sofort aufbrechen und dich als Geisel mit mir nehmen; ich müßte dich aber töten, wenn man mich am Weggehen hinderte.«

»Dann bist du auch kein Christ!«

»Mein Glaube gebietet mir nicht, mich feig und unnütz abschlachten zu lassen, sondern er erlaubt mir, das Leben zu verteidigen, welches mir Gott gegeben hat, um den Brüdern nützlich zu sein und mich auf die Ewigkeit vorzubereiten. Wer mir diese kostbare Zeit gewaltsam verkürzen will, gegen den werde ich mich verteidigen, so weit es meine Kraft gestattet. Und daß diese Kraft nicht die eines Kindes ist, das hast du wohl erfahren!«

»Chodi, du bist ein gefährlicher Mensch!«

»Du irrst. Ich bin ein friedfertiger Mensch, aber ein gefährlicher Feind. Blicke in das Feuer! Das Holz ist beinahe verbrannt.«

»Gieb mir Zeit, mit meinem Bruder zu sprechen!«

»Nicht einen Augenblick!«

»Er verlangt dein Leben!«

»Er mag es sich holen!«

»Ich kann dich nicht frei geben.«

»Warum nicht?«

»Weil du gesagt hast, daß du den Bey nicht verlassen willst.«

»Dieses Wort werde ich halten.«

»Und ihn darf ich nicht entlassen. Er ist der Feind der Chaldani, und die Kurden von Berwari werden sicher kommen, um uns anzugreifen.«

»Hättet ihr sie ihres Weges ziehen lassen! Ich erinnere dich zum letztenmal, daß dieses Holz bereits in Asche zerfällt.«

»Nun wohl, Herr; ich muß dir gehorchen, denn du bist im stande, deine Drohung wahr zu machen. Ihr sollt meine Gäste sein!«

»Auch der Bey?«

»Auch er. Aber auch ihr müßt mir versprechen, Lizan nicht ohne meine Erlaubnis zu verlassen!«

»Ich verspreche es.«

»Für dich und alle anderen?«

»Ja. Doch stelle ich einige Bedingungen.«

»Welche?«

»Wir dürfen alles behalten, was uns gehört?«

»Zugestanden!«

»Und sobald man sich feindselig gegen uns verhält, bin ich meines Versprechens entbunden?«

»So sei es!«

»Nun bin ich zufrieden. Reiche uns deine Hand, und dann magst du zu dem Verwundeten zurückkehren. Soll ich ihn verbinden?«

»Nein, Herr! Dein Anblick würde ihn zur größten Wut entflammen, und es wird wohl andere Hilfe geben. Ich zürne dir, denn du hast mich besiegt. Ich fürchte mich vor dir, aber ich habe dich dennoch lieb. Eßt euer Lamm, und schlaft dann in Frieden. Es wird euch niemand ein Leid thun!«

Er reichte uns allen die Hand und kehrte dann in das Haus zurück. Dieser Mann war mir nicht mehr gefährlich. Und auch den Mienen der anderen sah man es an, daß unser Verhalten nicht ohne tiefen Eindruck geblieben sei. Dem Mutigen gehört die Welt, und Kurdistan gehört ja auch zu derselben.

Jetzt konnten wir ohne Besorgnis dem Spießbraten zusprechen, und während des Essens mußte ich den Gefährten meine mit dem Melek geführte Verhandlung verdolmetschen. Der Engländer schüttelte bedenklich den Kopf; die vereinbarten Friedensbedingungen gefielen ihm nicht.

»Habt doch eine Dummheit begangen, Sir!« sagte er.

»Inwiefern?«

»Ha! Konntet den Kerl ein bißchen fester drücken. Mit den anderen wären wir auch noch fertig geworden.«

»Seid nicht unverständig, Sir David! Es sind der Leute zu viel gegen uns.«

»Wir schlagen uns durch; +yes!+«

»Einer oder zwei von uns kämen vielleicht durch; die andern aber wären verloren.«

»Pshaw! Seid ihr feig geworden?«

»Ich glaube nicht. Wenigstens rührt mich nicht gleich der Schlag, wenn mir ein Fleischbissen noch hart vor dem Munde abhanden kommt.«

»Danke für diese Erinnerung! Werden also dort in Lizan bleiben? Was für ein Nest? Stadt oder Dorf?«

»Residenz mit achtmalhunderttausend Einwohnern, Pferdebahn, Theater, Viktoria-Salon und Skating-Ring.«

»+Away!+ Hole Euch der Kuckuck, wenn Ihr keine bessern Witze fertig bringt! Wird gewiß ein schönes Nest sein, dieses Lizan.«

»Nun, es liegt sehr schön an den Ufern des Zab; aber da es wiederholt von den Kurden zerstört wurde, so wird man es nicht gerade mit London oder Peking vergleichen können.«

»Zerstört! Vieles zu Grunde gegangen?«

»Jedenfalls.«

»Herrlich! Werde nachgraben. Fowling-bulls finden. Nach London schicken. +Yes!+«

»Habe nichts dagegen, Sir!«

»Werdet mithelfen, Master. Auch diese Nestorianer. Bezahle gut, sehr gut! +Well!+«

»Verrechnet Euch nicht.«

»Inwiefern? Giebt es keine Fowling-bulls dort?«

»Gewiß nicht!«

»Warum aber schleppt Ihr mich so unnütz in diesem verwünschten Lande herum?«

»Thue ich das wirklich? Oder seid Ihr mir nicht von Mossul aus ganz gegen meinen Willen nachgefolgt?«

»+Yes!+ Habt recht! War zu einsam dort. Wollte ein Abenteuer haben.«

»Nun, das habt Ihr ja gehabt, und auch noch einige dazu. Also gebt Euch zufrieden und laßt das Räsonnieren sein, sonst lasse ich Euch hier sitzen, und Ihr geht so zu Grunde, daß man Euch später als Fowling-bull auffinden und nach London senden wird.«

»+Fie!+ Noch viel schlechter, dieser Witz! Habe genug! Mag keinen mehr hören!«

Er wandte sich ab und gab so dem Bey von Gumri Gelegenheit, einige Bemerkungen zu machen. Dieser hatte sich sehr finster und schweigsam verhalten; jetzt aber sagte er mir aufrichtig:

»Chodih, die Bedingungen, auf welche du eingegangen bist, gefallen mir nicht.«

»Warum nicht?«

»Sie sind zu gefährlich für mich.«

»Es war nicht möglich, bessere zu erhalten. Hätten wir dich verlassen wollen, so befänden wir übrigen uns wohler, du aber wärst Gefangener gewesen.«

»Das weiß ich, Herr, und darum danke ich dir. Du hast dich als ein treuer Freund erwiesen; aber ich werde doch nichts als ein Gefangener sein.«

»Du wirst Lizan nicht verlassen dürfen; das ist alles.«

»Aber dies ist schon genug. Wo wird Mohammed Emin sich jetzt befinden?«

»Ich hoffe, daß er nach Gumri gegangen ist.«

»Was meinst du, daß er dort thun wird?«

»Er wird deine Krieger herbeiholen, um dich und uns zu befreien.«

»Dies wollte ich von dir hören. Es wird also einen Kampf, einen sehr schlimmen Kampf geben, und du glaubst dennoch, daß der Melek uns als Gäste behandeln wird?«

»Ja, ich glaube es.«

»Euch, aber nicht mich!«

»So bricht er sein Wort, und wir können dann nach unserm Belieben handeln.«

»Auch mußt du bedenken, daß es gegen die Ehre ist, wenn ich unthätig in Lizan sitze, während die Meinen ihr Blut für mich vergießen. Hättest du doch den Melek getötet! Diese Nestorah waren so erschrocken, daß wir entkommen wären, ohne einen Schuß von ihnen zu erhalten.«

»Die Ansicht eines kurdischen Kriegers ist verschieden von der Meinung eines christlichen Emirs. Ich habe dem Melek mein Wort gegeben, und ich werde es halten, so lange er an das seinige denkt.«

Mit diesem Bescheide mußte der Bey sich zufrieden geben. Unser einfaches Mahl war verzehrt, und so streckten wir uns zum Schlafe auf die Matten aus, nachdem wir zuvor die Reihenfolge der Wachen bestimmt hatten. Ich traute dem Melek vollständig, wenigstens für heute, aber doch war Vorsicht nicht überflüssig, und so hatte stets einer von uns die Augen offen zu halten.

Die Nacht verging ohne jede Störung, und am Morgen erhielten wir abermals ein Lamm, welches wie das am vorigen Abend zubereitet wurde. Dann kam der Melek herbei, um uns zum Aufbruch aufzufordern. Schon während der Nacht waren einige Gruppen der Chaldäer aufgebrochen, und so war unsere Begleitung nicht so zahlreich wie am vorigen Tage.

Wir ritten vom Abhange des Gebirges in das hier sehr breite Thal des Zab hernieder. Fruchtfelder gab es hier gar nicht. Höchstens sah man in der Nähe eines einsamen Weilers ein wenig Gerste ihren Halm erheben. Der Boden ist außerordentlich fruchtbar, aber die ewige Unsicherheit benimmt den Bewohnern die Lust, eine Ernte für ihre Feinde heranzuziehen.

Dagegen kamen wir an prächtigen Eichen- und Walnußwäldern vorüber, die hier in einer Kraft und Frische gediehen, wie sie sonst nicht häufig anzutreffen ist.

Wir hatten eine Vor- und eine Nachhut und wurden von dem Haupttrupp ringsum eingeschlossen. Mir zur Rechten ritt der Bey, und zur Linken der Melek. Dieser aber sprach nur wenig; er hielt sich bei uns jedenfalls nur des Beys wegen auf, welcher ein sehr kostbarer Fang für ihn war, und den er nicht aus dem Auge lassen wollte.

Höchstens eine halbe Stunde hatten wir noch bis Lizan zu reiten, als uns ein Mann entgegen kam, dessen Gestalt sofort in die Augen fallen mußte. Er war von einem wirklich riesigen Körperbau, und auch sein kurdisches Pferd gehörte zu den stärksten, die ich jemals gesehen hatte. Bekleidet war er nur mit weiten Kattunhosen und einer Jacke aus demselben leichten Stoffe. Ein Tuch bedeckte anstatt des Turbans oder der Mütze seinen Kopf, und als Waffe diente ihm eine alte Büchse, welche jedenfalls nicht orientalischen Ursprunges war. Hinter ihm ritten in ehrerbietiger Entfernung zwei Männer, die im dienstlichen Verhältnisse zu ihm zu stehen schienen.

Er ließ die Vorhut an sich vorüber und hielt dann bei dem Melek an. »Sabbah'l ker -- guten Morgen!« grüßte er mit volltönender Baßstimme.

»Sabbah'l ker!« antwortete ihm auch der Melek.

»Deine Boten,« fuhr der Ankömmling fort, »sagten mir, daß ihr einen großen Sieg errungen habt.«

»Katera Chodeh -- Gott sei Dank, es ist so!«

»Wo sind deine Gefangenen?«

Der Melek deutete auf uns, und der andere musterte uns mit finstern Blicken. Dann fragte er:

»Welcher ist der Bey von Gumri?«

»Dieser.«

»So!« sagte gedehnt der Riese. »Also dieser Mann ist der Sohn des Würgers unserer Leute, der sich Abd-el-Summit-Bey nannte? Gott sei Dank, daß du ihn gefangen hast! Er wird die Sünden seines Vaters zu tragen haben.«

Der Bey hörte diese Worte, ohne sie einer Entgegnung zu würdigen; ich aber hielt es nicht für geraten, diesem Manne eine falsche Vorstellung von uns zu lassen. Darum wandte ich mich nun an den Anführer mit der Frage:

»Melek, wer ist dieser Bekannte von dir?«

»Es ist der Raïs[135] von Schuhrd.«

»Und wie heißt er?«

»Nedschir-Bey.«

Das Kurmangdschi-Wort Nedschir bedeutet: >tapferer Jäger<, und da sich der Riese zugleich den für einen Chaldäer so ungewöhnlichen Titel >Bey< zugelegt hatte, so war sehr leicht zu erraten, daß er keinen gewöhnlichen Einfluß besitzen müsse. Dennoch aber sagte ich ihm:

»Nedschir-Bey, der Melek hat dir die Wahrheit nicht vollständig gesagt. Wir sind -- --«

»Hund!« unterbrach er mich drohend. »Wer redet mit dir? Schweige, bis du gefragt wirst!«

Ich lächelte ihm sehr freundlich in die Augen, zog aber dabei mein Messer recht auffällig aus dem Gürtel.

»Wer giebt dir die Erlaubnis, die Gäste des Melek Hunde zu nennen?« fragte ich ihn.

»Gäste?« sagte er verächtlich. »Hat der Melek nicht soeben euch seine Gefangenen genannt?«

»Eben darum wollte ich dir sagen, daß er dir die Wahrheit nicht vollständig mitgeteilt hat. Frage ihn, ob wir seine Gäste oder seine Gefangenen sind.«

»Seid, was ihr wollt; gefangen hat er euch dennoch. Aber stecke dein Messer in den Gürtel, sonst schlage ich dich vom Pferde!«

»Nedschir-Bey, du bist ein sehr spaßhafter Mann; ich aber bin sehr ernst gestimmt. Sei in Zukunft höflich gegen uns, sonst wird es sich zeigen, wer den andern vom Pferde schlägt!«

»Hund und abermals Hund! Da hast du es!«

Bei diesen Worten erhob er die Faust und versuchte, sein Pferd an das meinige zu drängen; aber der Melek hielt ihn bei dem Arme fest und rief:

»Beim heiligen Jesujabos, halte ein, sonst bist du verloren!«

»Ich?« rief der Riese ganz verdutzt.

»Ja, du!«

»Warum?«

»Dieser fremde Krieger ist kein Kurde, sondern ein Emir aus dem Abendlande. Er hat die Kraft des Bären in der Faust und er trägt Waffen bei sich, denen niemand widerstehen kann. Er ist mein Gast; sei fortan freundlich mit ihm und den Seinigen!«

Der Raïs schüttelte den Kopf.

»Ich fürchte keinen Kurden und keinen Abendländer. Weil er dein Gast ist, so will ich ihm verzeihen; aber er mag sich in acht nehmen vor mir, sonst erfährt er, wer der Starke ist: er oder ich. Laß uns weiterziehen; ich kam nur, um dir Willkommen zu sagen.«

Dieser Mann war mir ganz sicher an Körperstärke weit überlegen; aber es war nur eine rohe, ungeschulte Kraft, die mir keineswegs bange machen konnte. Daher erwiderte ich zwar kein einziges Wort auf seine >Verzeihung<, fühlte aber auch nicht etwa einen übermäßigen Respekt vor ihm. Dabei hatte ich eine gewisse Ahnung, daß ich mit ihm doch auf irgend eine Weise näher zusammengeraten werde.

Wir setzten den unterbrochenen Ritt weiter fort und gelangten bald an den Ort unserer Bestimmung.

Die elenden Häuser und Hütten, aus denen Lizan besteht, liegen zu beiden Seiten des Zab, der hier sehr reißend ist. In seinem Bette liegen zahlreiche Felsblöcke, die das Flößen und Schwimmen außerordentlich erschweren, und die Brücke, die ihn überspannt, ist aus rohem Flechtwerk gefertigt und mittels großer, schwerer Steine über einige Pfeiler befestigt. Dieses Flechtwerk giebt bei jedem Schritte nach, so daß mein Pferd nur sehr ängstlich die Brücke passierte; doch kamen wir wohlbehalten alle an dem linken Ufer an.

Bereits drüben auf der andern Seite war unser Zug von Frauen und Kindern mit Jubelgeschrei empfangen worden. Die wenigen Häuser, welche ich erblickte, waren jedenfalls als Wohnort so vieler viel zu eng, und so vermutete ich, daß unter den Anwesenden auch zahlreiche Bewohner benachbarter Orte zu finden seien.

Das Haus des Melek, wo wir absteigen wollten, lag auf dem linken Ufer des Zab. Es war ganz nach kurdischer Art, aber halb in das Wasser des Flusses hineingebaut, wo der kühlende und stärkere Luftzug die Mücken verscheuchte, an denen diese Gegenden leiden. Das obere Stockwerk des Gebäudes hatte keine Mauern; es bestand einfach aus dem Dach, welches an den vier Ecken von je einem Backsteinpfeiler getragen wurde. Dieser luftige Raum bildete das Staatsgemach, in welches uns der Melek führte, nachdem wir abgestiegen waren und ich mein Pferd Halef übergeben hatte. Es lag da eine Menge zierlich geflochtener Matten, auf denen wir es uns leidlich bequem machen konnten.

Der Melek hatte natürlich jetzt nicht viel Zeit für uns übrig; wir waren uns selbst überlassen. Bald aber trat eine Frau herein, die einen starken, breiten, aus Bast geflochtenen Teller trug, der mit allerlei Früchten und Eßwaren belegt war. Ihr folgten zwei Mädchen, im Alter von ungefähr zehn und dreizehn Jahren, und trugen ähnliche, aber kleinere Präsentierbretter in den Händen.

Alle drei grüßten sehr demütig, und dann stellten sie die Speisen vor uns nieder. Die Kinder entfernten sich, die Frau aber blieb noch stehen und musterte uns mit verlegener Miene.

»Hast du einen Wunsch?« fragte ich sie.

»Ja, Herr,« antwortete sie.

»Sage ihn!«

»Welcher von euch ist der Emir aus dem Abendlande?«

»Es sind zwei solcher Emire hier: ich und dieser da.«

Bei den letzten Worten deutete ich auf den Engländer.

»Ich meine denjenigen, welcher nicht nur ein Krieger, sondern auch ein Arzt ist.«

»Da werde ich wohl gemeint sein,« lautete meine Antwort.

»Bist du es, der in Amadijah ein vergiftetes Mädchen gesund gemacht hat?«

Ich bejahte, und sie sagte darauf:

»Herr, die Mutter meines Mannes wünscht sehnlich, einmal dein Angesicht zu sehen und mit dir zu sprechen.«

»Wo befindet sie sich? Ich werde gleich zu ihr gehen.«

»O nein, Chodih. Du bist ein großer Emir; wir aber sind nur Frauen. Erlaube, daß sie zu dir kommt!«

»Ich erlaube es.«

»Aber sie ist alt und schwach und kann nicht lange stehen -- -- --!«

»Sie wird sich setzen.«

»Weißt du, daß in unserm Lande sich die Frau in Gegenwart solcher Herren nicht setzen darf?«

»Ich weiß es, aber ich werde es ihr dennoch erlauben.«

Sie ging. Nach einiger Zeit kam sie wieder herauf und führte eine Frau am Arme, deren Gestalt vom Alter weit vornüber gebeugt war. Ihr Gesicht hatte tiefe Runzeln, aber ihre Augen blickten noch mit jugendlicher Schärfe umher.

»Gesegnet sei euer Eingang in das Haus meines Sohnes!« grüßte sie. »Welcher ist der Emir, den ich suche?«

»Ich bin es. Komm und laß dich nieder!«

Sie erhob abwehrend die Hand, als ich auf die Matte deutete, die in meiner Nähe lag.

»Nein, Chodih; es ziemt mir nicht, in deiner Nähe zu sitzen. Erlaube, daß ich mich in einer Ecke niederlasse!«

»Nein, das erlaube ich nicht,« antwortete ich ihr. »Bist du eine Christin?«

»Ja, Herr.«

»Auch ich bin ein Christ. Meine Religion sagt mir, daß wir vor Gott alle gleich sind, ob arm oder reich, vornehm oder niedrig, alt oder jung. Ich bin dein Bruder, und du bist meine Schwester; aber deiner Jahre sind viel mehr als der meinigen; daher gebührt dir der Platz zu meiner rechten Seite. Komm und laß dich nieder!«

»Nur dann, wenn du es befiehlst.«

»Ich befehle es!«

»So gehorche ich, Herr.«

Sie ließ sich zu mir führen und setzte sich an meiner Seite nieder; dann verließ ihre Schwiegertochter das Gemach. Die Alte blickte mir lange forschend in das Gesicht; dann sagte sie:

»Chodih, du bist wirklich so, wie du mir beschrieben wurdest. -- Kennst du Menschen, bei deren Eintritt sich der Raum zu verfinstern scheint?«

»Ich habe viele solche Leute kennen gelernt.«

»Kennst du auch solche Menschen, welche das Licht der Sonne mitzubringen scheinen? Wohin sie nur immer kommen, da wird es warm und hell. Gott hat ihnen die größte Gnade gegeben: ein freundliches Herz und ein fröhliches Angesicht.«

»Auch solche kenne ich; aber es giebt ihrer wenig.«

»Du hast recht; aber du selbst gehörst zu ihnen.«

»Du willst mir eine Höflichkeit sagen!«

»Nein, Herr. Ich bin ein altes Weib, welches ruhig nimmt, was Gott sendet; ich werde niemand eine Unwahrheit sagen. Ich habe gehört, daß du ein großer Krieger bist; aber ich glaube, daß du deine besten Siege durch das Licht deines Angesichtes erringst. Ein solches Angesicht liebt man, auch wenn es häßlich ist, und alle, mit denen du zusammentriffst, werden dich lieb gewinnen.«

»Oh, ich habe sehr viele Feinde!«

»Dann sind es böse Menschen. Ich habe dich noch nie gesehen, aber ich habe viel an dich gedacht, und meine Liebe hat dir gehört, noch ehe dich mein Auge erblickte.«

»Wie ist dies möglich?«

»Meine Freundin erzählte mir von dir.«

»Wer ist diese Freundin?«

»Marah Durimeh.«

»Marah Durimeh!« rief ich überrascht. »Du kennst sie?«

»Ich kenne sie.«

»Wo wohnt sie? Wo ist sie zu finden?«

»Ich weiß es nicht.«

»Aber wenn sie deine Freundin ist, mußt du doch wissen, wo sie sich befindet.«

»Sie ist bald hier, bald dort; sie gleicht dem Vogel, welcher bald auf diesem, bald auf jenem Zweige wohnt.«

»Kommt sie oft zu dir?«

»Sie kommt nicht, wie die Sonne, regelmäßig zur bestimmten Stunde, sondern sie kommt wie der erquickende Regen, bald hier, bald dort, bald spät und bald früh.«

»Wann erwartest du sie wieder?«

»Sie kann noch heute in Lizan sein; sie kann aber auch erst nach Monden kommen. Vielleicht erscheint sie niemals wieder, denn auf ihrem Rücken lasten viel mehr Jahre, als auf dem meinigen.«

Das klang alles so wunderbar, so geheimnisvoll, und ich mußte unwillkürlich an Ruh 'i Kulian, den >Geist der Höhle< denken, von welchem die alte Marah Durimeh in ebenso geheimnisvoller Weise zu mir gesprochen hatte.

»So hat sie dich besucht, als sie von Amadijah kam?« fragte ich.

»Ja. Sie hat mir von dir erzählt; sie sagte, daß du vielleicht nach Lizan kommen würdest, und bat mich, für dich zu sorgen, als ob du mein eigner Sohn seist. Willst du mir dies erlauben?«

»Gern; nur mußt du auch meine Gefährten mit in deine Fürsorge einschließen.«

»Ich werde thun, was in meinen Kräften steht. Ich bin die Mutter des Melek, und sein Ohr hört gern auf meine Stimme; aber es ist einer unter euch, dem meine Fürbitte nicht viel helfen wird.«

»Wen meinst du?«

»Den Bey von Gumri. Welcher ist es?«

»Der Mann dort auf der vierten Matte. Er hört und versteht ein jedes deiner Worte; die andern aber reden nicht die Sprache deines Landes.«

»Er mag hören und verstehen, was ich sage,« antwortete sie. »Hast du gehört von dem, was unser Land gelitten hat?«

»Man hat mir vieles erzählt.«

»Hast du gehört von Beder-Khan-Bey, von Zeinel-Bey, von Nur-Ullah-Bey und von Abd-el-Summit-Bey, den vier Mördern der Christen? Sie fielen von allen Seiten über uns her, diese kurdischen Ungeheuer. Sie zerstörten unsere Häuser, verbrannten unsere Gärten, vernichteten unsere Ernten, entweihten unsere Gotteshäuser, mordeten unsere Männer und Jünglinge, zerfleischten unsere Knaben und Mädchen und hetzten unsere Frauen und Jungfrauen, bis sie sterbend niederstürzten, noch in den letzten Atemzügen von den Ungeheuern bedroht. Die Wasser des Zab waren gefärbt von dem Blute der unschuldigen Opfer, und die Höhen und Tiefen des Landes waren erleuchtet von den Feuersbrünsten, welche unsere Dörfer und Flecken verzehrten. Ein ~einziger~, fürchterlicher Schrei tönte durch das ganze Land. Es war der Todesschrei von vielen tausend Christen. Der Pascha von Mossul hörte diesen Schrei, aber er sandte keine Hilfe, weil er den Raub mit den Räubern teilen wollte.«

»Ich weiß es; es muß gräßlich gewesen sein!«

»Gräßlich? O, Chodih, dieses Wort sagt viel zu wenig. Ich könnte dir Dinge erzählen, bei denen dir das Herz brechen müßte. Siehst du die Brücke, auf welcher du über den Berdizabi[136] gekommen bist? Ueber diese Brücke wurden unsere Jungfrauen geschleppt, um nach Tkhoma und Baz geführt zu werden; sie aber sprangen hinab in das Wasser, um lieber zu sterben. Keine einzige blieb zurück. Siehst du den Berg mit seiner Felsenmauer dort zur Rechten? Dort hinauf hatten sich die Leute von Lizan gerettet, weil sie sich dort sicher glaubten, denn sie konnten von unten gar nicht angegriffen werden. Aber sie hatten nur wenig Speise und Wasser bei sich. Um nicht zu verhungern, mußten sie sich Beder-Khan-Bey ergeben. Er versprach ihnen mit seinem heiligsten Eid die Freiheit und das Leben; nur die Waffen sollten sie abliefern. Dies geschah; er aber brach seinen Schwur und ließ sie mit Säbel und Messer ermorden. Und als den Kurden von dieser blutigen Arbeit die Arme weh thaten, da machten sie es sich leichter: sie stürzten die Christen von der neunhundert Fuß hohen Felsenwand herab: Greise, Männer, Frauen und Kinder. Von mehr als tausend Chaldani entkam nur ein einziger, um zu erzählen, was da oben geschehen war. Soll ich dir noch mehr erzählen, Chodih?«

»Halte ein!« wehrte ich schaudernd ab.

»Und nun sitzt der Sohn eines dieser Ungeheuer hier im Hause des Melek von Lizan. Glaubst du, daß er Gnade finden wird?«

Wie mußte es bei diesen Worten dem Bey von Gumri zu Mute sein! Er zuckte mit keiner Wimper; er war zu stolz, um sich zu verteidigen. Ich aber antwortete:

»Er wird Gnade finden!«

»Glaubst du dies wirklich?«

»Ja. Er trägt nicht die Schuld von dem, was andere thaten. Der Melek hat ihm Gastfreundschaft versprochen, und ich selbst werde nur dann Lizan verlassen, wenn er sich in Sicherheit an meiner Seite befindet.«

Die Alte senkte nachdenklich den ergrauten Kopf. Dann fragte sie:

»So ist er dein Freund?«

»Ja. Ich bin sein Gast.«

»Herr, das ist schlimm für dich!«

»Warum? Denkst du, daß der Melek sein Wort brechen wird?«

»Er bricht es nie,« antwortete sie stolz. »Aber der Bey wird bis an seinen Tod hier gefangen bleiben, und da du ihn nicht verlassen willst, so wirst du deine Heimat niemals wiedersehen.«

»Das steht in Gottes Hand. Weißt du, was der Melek über uns beschlossen hat? Sind wir nur auf dieses Haus beschränkt?«

»Du allein nicht, aber die andern sämtlich.«

»So darf ich frei umhergehen?«

»Ja, wenn du dir einen Begleiter gefallen lässest. Du sollst nicht Gastfreundschaft wie sie, sondern Gastfreiheit erhalten.«

»So werde ich jetzt einmal mit dem Melek sprechen. Darf ich dich geleiten?«

»O Herr, dein Herz ist voller Güte. Ja, führe mich, damit ich rühmen kann, daß mir noch niemals solche Gnade widerfahren ist!«

Sie erhob sich mit mir und hing sich an meinen Arm. Wir verließen das luftige Gemach und stiegen die Treppe nieder, die in das untere Geschoß führte. Hier trennte sich die Alte von mir, und ich trat hinaus auf den freien Raum vor dem Hause, wo eine große Anzahl der Chaldäer versammelt war. Nedschir-Bey stand bei ihnen. Als er mich erblickte, trat er auf mich zu.

»Wen suchest du hier?« fragte er mich in rohem Tone.

»Den Melek,« antwortete ich ruhig.

»Er hat keine Zeit für dich; gehe wieder hinauf!«

»Ich bin gewöhnt, zu thun, was mir beliebt. Befiehl deinen Knechten, nicht aber einem freien Mann, dem du nichts zu gebieten hast!«

Da trat er näher an mich heran und streckte seine mächtigen Glieder. In seinen Augen funkelte ein Licht, das mir sagte, daß der erwartete Zusammenstoß jetzt geschehen werde. So viel stand sicher: wenn ich ihn nicht gleich auf der Stelle unschädlich machte, so war es um mich geschehen.

»Wirst du gehorchen?« drohte er.

»Knabe, mache dich nicht lächerlich!« entgegnete ich lachend.

»Knabe!« brüllte er. »Hier nimm den Lohn!«

Er schlug nach meinem Kopfe; ich parierte mit dem linken Arme den Hieb und ließ dann meine rechte Faust mit solcher Gewalt an seine Schläfe sausen, daß ich glaubte, sämtliche Finger seien mir zerbrochen. Er stürzte lautlos zusammen und lag steif wie ein Klotz.

Die Umstehenden wichen scheu zurück; einer aber rief:

»Er hat ihn erschlagen!«

»Ich habe ihn betäubt,« antwortete ich. »Werft ihn in das Wasser, so wird er die Besinnung bald wieder finden.«

»Chodih, was hast du gethan!« erscholl es hinter mir.

Ich wandte mich um und erblickte den Melek, welcher soeben aus der Thür getreten war.

»Ich?« fragte ich. »Hast du diesen Mann nicht vor mir gewarnt? Er schlug dennoch nach mir. Sage ihm, er soll es ja nicht wieder thun, sonst werden seine Töchter weinen, seine Söhne klagen, und seine Freunde trauern!«

»Ist er nicht tot?«

»Nein. Beim nächsten Male aber wird er tot sein.«

»Herr, du bereitest deinen Feinden Aerger und deinen Freunden Sorge. Wie soll ich dich schützen, wenn du dich nach immerwährendem Kampfe sehnst?«

»Sage dies dem Raïs, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß du zu schwach bist, ihn vor meinem Arme zu beschützen. Erlaubst du ihm, mich zu beleidigen, so gieb nicht mir die Schuld, wenn ich ihn Anstand lehre.«

»Herr, gehe fort; er kommt jetzt wieder zu sich!«

»Soll ich vor einem Manne fliehen, den ich niedergeschlagen habe?«

»Er wird dich töten!«

»Pah! Ich werde keine Hand zu rühren brauchen. Passe auf!«

Meine Gefährten hatten von ihrer offenen Wohnung aus den ganzen Vorgang mit angesehen. Ich winkte ihnen mit dem Auge, und sie wußten, was ich von ihnen begehrte.

Man hatte den Kopf des Raïs mit Wasser gewaschen. Jetzt richtete er sich langsam empor. Auf einen Faustkampf durfte ich es nicht ankommen lassen, denn sowohl mein Arm, mit dem ich seinen Hieb pariert hatte, als auch meine rechte Hand war in den wenigen Augenblicken ganz beträchtlich angeschwollen; ich mußte froh sein, daß mir dieser Goliath nicht den Arm zerschmettert hatte. -- Jetzt erblickte er mich, und mit einem heiseren Wutschrei stürzte er auf mich zu. Der Melek suchte ihn zu halten; auch einige andere griffen zu, aber er war stärker als sie und rang sich los. Jetzt wandte ich das Gesicht nach dem Hause hin und rief ihm zu:

»Nedschir-Bey, blicke da hinauf!«

Er folgte der Richtung meiner Augen und sah die Gewehre aller meiner Gefährten auf sich gerichtet. Er hatte doch genug Besinnung, um diese Sprache zu verstehen. Er blieb halten und erhob die Faust.

»Mann, du begegnest mir wieder!« drohte er.

Ich zuckte nur die Achsel, und er ging davon.

»Chodih,« meinte der noch vor Anstrengung keuchende Melek, »du befandest dich in einer großen Gefahr!«

»Sie war sehr klein. Ein einziger Blick hinauf nach meinen Leuten hat diesen Mann unschädlich gemacht.«

»Hüte dich vor ihm!«

»Ich bin dein Gast. Sorge dafür, daß er mich nicht beleidigt!«

»Man sagte mir, daß du mich suchest?«

»Ja. Ich wollte dich fragen, ob ich frei in Lizan umhergehen kann.«

»Du kannst es.«

»Aber du wirst mir eine Begleitung geben?«

»Nur zu deiner Sicherheit.«

»Ich verstehe dich und füge mich darein. Wer wird mein Aufseher sein?«

»Nicht Aufseher, sondern Beschützer, Chodih. Ich gebe einen Karuhja an deine Seite.«

Also einen Vorleser, einen Geistlichen! Das war mir lieb und recht.

»Wo ist er?« fragte ich.

»Hier im Hause wohnt er bei mir. Ich werde ihn dir senden.«

Er trat in das Innere des Gebäudes, und bald darauf kam ein Mann heraus, der in den mittleren Jahren stand. Er trug zwar die gewöhnliche Kleidung dieser Gegend, aber in seinem Wesen hatte er etwas an sich, was auf seinen Beruf schließen ließ. Er grüßte mich sehr höflich und fragte nach meinem Begehr.

»Du sollst mich auf meinen Wegen begleiten!« sagte ich.

»Ja, Herr. Der Melek will es so.«

»Ich wünsche vor allen Dingen, mir Lizan anzusehen. Willst du mich führen?«

»Ich weiß nicht, ob ich darf, Chodih. Wir erwarten jeden Augenblick die Nachricht von dem Eintreffen der Berwarikurden, welche kommen werden, um euch und ihren Bey zu befreien.«

»Ich habe versprochen, Lizan nicht ohne den Willen des Melek zu verlassen. Ist dir dies genug?«

»Ich will dir trauen, obgleich ich verantwortlich bin für alles, was du während meiner Gegenwart unternimmst. Was willst du zunächst sehen?«

»Ich möchte den Berg besteigen, von welchem Beder-Khan-Bey die Chaldani herabstürzen ließ.«

»Es ist sehr schwer emporzukommen. Kannst du gut klettern?«

»Sei ohne Sorge!«

»So komm und folge mir!«

Während wir gingen, beschloß ich, den Karuhja nach seinen Religionsverhältnissen zu fragen. Ich war mit denselben so wenig vertraut, daß mir eine Aufklärung nur lieb sein konnte. Er kam mir mit einer Frage recht glücklich entgegen:

»Bist du ein Moslem, Chodih?«

»Hat dir der Melek nicht gesagt, daß ich ein Christ bin?«

»Nein; aber ein Chaldani bist du nicht. Gehörst du vielleicht zu dem Glauben, welchen die Missionare aus Inglistan predigen?«

Ich verneinte, und er sagte:

»Das freut mich sehr, Herr!«

»Warum?« fragte ich.

»Ich mag von ihrem Glauben nichts wissen, weil ich von ihnen selbst nichts wissen mag.«

Mit diesen wenigen Worten hatte dieser einfache Mann alles gesagt, was sich überhaupt über diese Leute sagen läßt.

»Bist du mit einem von ihnen zusammengetroffen?« fragte ich.

»Mit mehreren; aber ich habe den Staub von meinen Füßen geschüttelt und bin wieder fortgegangen. Kennst du die Lehren unsers Glaubens?«

»Nicht genau.«

»Du möchtest sie wohl auch nicht kennen lernen?«

»O doch, sehr gern. Habt ihr ein Glaubensbekenntnis?«

»Jawohl, und ein jeder Chaldani muß es täglich zweimal beten.«

»Bitte, sage es mir!«

»Wir glauben an einen einzigen Gott, den allmächtigen Schöpfer und Vater aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Wir glauben an den Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der da der einzig geborene Sohn seines Vaters ist vor aller Welt, der nicht geschaffen wurde, sondern der da ist der wahre Gott des wahren Gottes; der da ist von demselben Wesen mit dem Vater, durch dessen Hände die Welt gemacht und alle Dinge geschaffen wurden; der für uns Menschen und zu unserer Seligkeit vom Himmel herabgestiegen ist, durch den heiligen Geist Fleisch ward und Mensch wurde, empfangen und geboren von der Jungfrau Maria; der da litt und gekreuzigt wurde zur Zeit des Pontius Pilatus, und starb und wurde begraben; der da am dritten Tage wieder auferstand, wie in der Schrift verkündigt war, und fuhr gen Himmel, um zu sitzen zur Rechten seines Vaters und wiederzukommen, um zu richten die Lebendigen und die Toten. Und wir glauben an einen heiligen Geist, den Geist der Wahrheit, welcher ausging von dem Vater, den Geist, der da erleuchtet. Und an eine heilige, allgemeine Kirche. Wir erkennen zur Erlassung der Sünden eine heilige Taufe an und eine Auferstehung des Leibes und ein ewiges Leben!«

Nach einer Pause fragte ich:

»Haltet ihr auch die Fasten?«

»Sehr streng,« antwortete er. »Wir dürfen während hundertzweiundfünfzig Tagen keine Nahrung aus dem Tierreiche, auch keinen Fisch essen, und der Patriarch genießt überhaupt nur Nahrung aus dem Pflanzenreiche.«

»Wie viele Sakramente habt ihr?«

Er wollte mir eben antworten; aber unsere für mich so interessante Unterhaltung wurde von zwei Reitern unterbrochen, die im Galopp auf uns zugesprengt kamen.

»Was giebt es?« fragte er sie.

»Die Kurden kommen,« ertönte die Antwort.

»Wo sind sie?«

»Sie haben bereits die Berge überschritten und kommen in das Thal hernieder.«

»Wie viel sind ihrer?«

»Viele Hunderte.«

Dann ritten sie weiter. Der Karnhja blieb halten.

»Chodih, laß uns umkehren!«

»Warum?«

»Ich habe es dem Melek versprochen, falls die Berwari kommen sollten. Du wirst nicht wollen, daß ich mein Wort breche!«

»Du mußt es halten. Komm.«

Als wir den Platz vor dem Hause des Melek erreichten, herrschte dort eine außerordentliche Aufregung; aber ein planvolles Handeln gab es nicht. Der Melek stand mit einigen Unteranführern beisammen; auch der Raïs war bei ihnen.

Ich wollte still vorübergehen und in das Haus eintreten; aber der Melek rief mir zu:

»Chodih, komm her zu uns!«

»Was soll er hier?« zürnte der riesige Raïs. »Er ist ein Fremder, ein Feind; er gehört nicht zu uns!«

»Schweig!« gebot ihm der Melek; dann wandte er sich zu mir: »Herr, ich weiß, was du im Thale Deradsch und bei den Dschesidi erfahren hast. Willst du uns einen Rat geben?«

Diese Frage kam mir natürlich sehr willkommen, dennoch aber antwortete ich:

»Dazu wird es bereits zu spät sein.«

»Warum?«

»Du hättest schon gestern handeln sollen.«

»Wie meinst du dies?«

»Es ist leichter, eine Gefahr zu verhüten, als sie zu bekämpfen, wenn sie schon eingetreten ist. Hättest du die Kurden nicht angegriffen, so brauchtest du dich heute nicht gegen sie zu verteidigen.«

»Das will ich nicht hören.«

»Aber ich wollte es dir dennoch sagen. Wußtest du, daß heute die Kurden kommen würden?«

»Wir alle haben es gewußt.«

»Warum hast du nicht die jenseitigen Pässe besetzt? Du hättest feste Stellungen erhalten, die gar nicht einzunehmen waren. Nun aber haben die Kurden das Gebirge bereits hinter sich und sind dir überlegen.«

»Wir werden kämpfen!«

»Hier?«

»Nein, in der Ebene von Lizan.«

»Dort also willst du sie empfangen?« fragte ich verwundert.

»Ja,« antwortete er zögernd.

»Und du stehst noch hier mit deinen Leuten?«

»Wir müssen ja erst unser Hab und Gut und die Unsrigen retten, ehe wir fort können!«

»O Melek, was seid ihr Chaldani für große Krieger! Seit gestern wußtet ihr, daß die Kurden kommen würden, und habt nichts gethan, um euch zu sichern. Ihr wollt mit ihnen kämpfen und sprecht doch davon, die Euren und euer Eigentum zu flüchten. Ehe ihr damit fertig seid, ist der Feind bereits in Lizan. Gestern habt ihr die Kurden überrascht, und darum wurden sie besiegt; heut aber greifen sie selbst euch an und werden euch verderben!«

»Herr, das mögen wir nicht hören!«

»So werdet ihr es erfahren. Leb wohl, und thue, was du willst!«

Ich machte Miene, in das Haus zu treten; er aber hielt mich am Arme zurück.

»Chodih, rate uns!«

»Ich kann euch nicht raten; ihr habt mich vorher auch nicht um Rat gefragt.«

»Wir werden dir dankbar sein!«

»Das ist nicht notwendig; ihr sollt nur vernünftig sein. Wie kann ich euch beistehen, diejenigen Männer zu besiegen, welche herbeigekommen sind, um mich und meine Gefährten zu befreien?«

»Ihr seid ja nur meine Gäste, nicht aber meine Gefangenen!«

»Auch der Bey von Gumri?«

»Herr, dränge mich nicht!«

»Nun wohl, ich will nachgiebiger sein, als ihr es verdient. Eilt dem Feinde entgegen und nehmt eine Stellung, an welcher er nicht vorüber kann. Die Kurden werden nicht angreifen, sondern einen Boten senden, der sich zuvor nach uns erkundigen soll. Diesen Boten bringt hierher, und dann will ich euch meinen Rat erteilen.«

»Gehe lieber mit, Chodih!«

»Das werde ich gern thun, wenn ihr mir erlaubt, meinen Diener Halef mitzunehmen, der dort hinter der Mauer bei den Pferden ist.«

»Ich erlaube es,« sagte der Melek.

»Aber ich erlaube es nicht,« entgegnete der Raïs.

Es entspann sich jetzt ein kurzer, aber heftiger Streit, in welchem schließlich der Melek recht behielt, da die andern alle auf seiner Seite standen. Der Raïs warf mir einen wütenden Blick zu, sprang auf sein Pferd und ritt davon.

»Wo willst du hin?« rief ihm der Melek nach.

»Das geht dich nichts an!« scholl es zurück.

»Eilt ihm nach und beschwichtigt ihn,« bat der Melek die andern, während ich Halef rief, mein Pferd und das seinige bereit zu machen.

Dann stieg ich in unsern Raum hinauf, um die Gefährten zu instruieren.

»Was ist los?« fragte der Engländer.

»Die Kurden von Gumri kommen, um uns zu befreien,« antwortete ich.

»Sehr gut! +Yes!+ Brave Kerls! Meine Flinte her! Werde mit dreinschlagen! +Well!+«

»Halt, Sir David! Fürs erste werdet Ihr noch ein wenig hier bleiben und meine Rückkehr erwarten.«

»Warum? Wo wollt Ihr hin?«

»Hinaus, um zu unterhandeln und die Sache vielleicht im Guten beilegen zu helfen.«

»Pshaw! Sie werden wenig Kram mit Euch machen. Sie werden Euch erschießen! Yes!«

»Das ist höchst unwahrscheinlich.«

»Darf ich nicht mit?«

»Nein. Nur ich und Halef.«

»So geht! Aber wenn ihr nicht wiederkommt, schlage ich ganz Lizan in Grund und Boden! +Well!+«

Auch die andern fügten sich. Nur der Bey machte eine Bedingung:

»Chodih, du wirst nichts ohne meinen Willen thun?«

»Nein. Ich werde entweder selbst kommen oder dich holen lassen.«

Damit nahm ich meine Waffen, stieg hinab und sprang in den Sattel. Der Platz vor dem Hause war leer geworden. Nur der Melek wartete auf mich, und einige Bewaffnete waren geblieben, um die gefangenen >Gäste< zu bewachen.

Wir mußten die gebrechliche Brücke wieder passieren. Drüben auf der andern Seite des Stromes ging es wirr zu. Landesverteidiger zu Fuß und zu Roß ritten und liefen bunt durcheinander. Der eine hatte eine alte Flinte, der andere eine Keule. Ein jeder wollte kommandieren, aber nicht gehorchen. Dazu war das Terrain mit Felsen, Bäumen und Büschen besetzt, und bei jedem Schritte hörte man eine andere Neuigkeit von den Kurden. Zuletzt kam gar die Kunde, daß der Raïs von Schuhrd mit seinen Leuten davongezogen sei, weil sich der Melek mit ihm gestritten hatte.

»Herr, was thue ich?« fragte der Melek in nicht geringer Sorge.

»Suche zu erfahren, wo sich die Kurden befinden.«

»Das habe ich ja bereits gethan, aber ein jeder bringt mir eine andere Kunde. Und siehe meine Leute an! Wie soll ich mit ihnen zum Kampf ziehen?«

Der Mann dauerte mich wirklich. Es war sehr leicht zu erkennen, daß er sich auf seine Leute nicht verlassen könne. Der so lange auf ihnen lastende Druck hatte sie entmannt. Zu einem hinterlistigen Ueberfall hatten sie gestern den Mut gehabt; heute aber, wo es nun galt, die Folgen davon zu tragen, mangelte es ihnen an der nötigen Thatkraft. Es war nicht eine Spur von militärischer Zucht zu bemerken; sie glichen einer Herde von Schafen, welche gedankenlos den Wölfen entgegen rennen.

Auch der Melek selbst machte nicht den Eindruck eines Mannes, der die jetzt so nötige Willenskraft und Widerstandsfähigkeit besaß. Es war mehr als Sorge, es war fast Angst, die sich auf seinem Angesicht abspiegelte, und vielleicht wäre es von Nutzen für ihn gewesen, wenn Nedschir-Bey sich noch an seiner Seite befunden hätte. Es war mir sehr klar, daß die Chaldäer gegen die Berwari-Kurden den kürzeren ziehen würden. Daher antwortete ich auf die Klage des Melek:

»Willst du meinen Rat hören?«

»Sage mir ihn!«

»Die Kurden sind euch überlegen. Es giebt nur zwei Wege, die du jetzt einschlagen kannst. Du ziehst dich mit den Deinen schleunigst auf das andere Ufer des Flusses zurück und verteidigst den Uebergang. Dadurch gewinnst du Zeit, Verstärkungen an dich zu ziehen.«

»Dann aber muß ich ihnen alles opfern, was am rechten Ufer liegt.«

»Sie werden dies ohnehin nehmen.«

»Welches ist der zweite Weg?«

»Du unterhandelst mit ihnen.«

»Durch wen?«

»Durch mich.«

»Durch dich? Chodih, willst du mir entfliehen?«

»Das fällt mir gar nicht ein, denn ich habe dir ja mein Wort gegeben.«

»Werden sich diese Kurden auf Unterhandlungen einlassen, nachdem wir sie gestern überfallen haben?«

»Ist nicht ihr Anführer dein Gefangener? Das giebt dir eine große Macht über sie.«

»Du bist ihr Gastfreund; du wirst so mit ihnen verhandeln, daß sie den Nutzen, wir aber den Schaden haben.«

»Ich bin auch dein Gastfreund; ich werde so mit ihnen reden, daß beide Teile zufrieden sein können.«

»Sie werden dich festhalten; sie werden dich nicht wieder zu mir zurückkehren lassen.«

»Ich lasse mich nicht halten. Sieh mein Pferd an! Ist es nicht zehnmal mehr wert, als das deinige?«

»Fünfzigmal, nein, hundertmal mehr, Herr!«

»Glaubst du, daß ein Krieger so ein Tier im Stiche läßt?«

»Niemals!«

»Nun wohl! Laß uns einstweilen tauschen! Ich lasse dir meinen Rapphengst als Pfand zurück, daß ich wiederkomme.«

»Ist dies dein Ernst?«

»Mein vollständiger. Vertraust du mir nun?«

»Ich glaube und vertraue dir. Willst du deinen Diener auch mitnehmen?«

»Nein, er wird bei dir bleiben; denn du kennst mein Pferd nicht genau. Es muß jemand bei dir sein, der den Hengst richtig zu behandeln versteht.«

»Hat es ein Geheimnis, Herr?«

»In der That.«

»Chodih, dann ist es für mich gefährlich, das Roß zu reiten. Dein Diener mag es besteigen, und du nimmst das seinige, während er bei mir zurückbleibt.«

Das war es ja eben, was ich wünschte. Mein Pferd war in den Händen des kleinen Hadschi Halef Omar jedenfalls besser aufgehoben, als in denen des Melek, der nur ein gewöhnlicher Reiter war. Dann antwortete ich:

»Ich füge mich in deinen Willen. Erlaube, daß ich sofort die Tiere wechsele!«

»Sogleich, Herr?«

»Allerdings. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

»Wirst du die Kurden wirklich finden?«

»Sie werden schon dafür sorgen, daß sie gar zu bald gefunden werden. Aber, könnten wir nicht meine beiden Vorschläge vereinigen? Wenn deine Leute mit den Berwari ins Handgemenge kommen, ehe man mich gehört hat, so ist alles verloren. Gehe mit ihnen über den Fluß zurück, so habe ich mehr Hoffnung auf Erfolg!«

»Aber wir geben uns da in ihre Hände!«

»Nein, ihr entkommt ihnen und gewinnt Zeit. Wie wollen sie euch angreifen, wenn ihr die Brücke besetzt?«

»Du hast recht, Herr, und ich werde sofort das Zeichen geben.«

Während ich vom Pferde sprang und Halefs Tier bestieg, setzte der Melek eine Muschel an den Mund, die an seiner Seite gehangen hatte. Der dumpfe, aber kräftige Ton war weithin vernehmbar. Die Chaldani kamen von allen Seiten zurückgeeilt, denn diese Richtung behagte ihnen weit mehr als diejenige eines gefährlichen Angriffes auf die tapfern und wohlbewaffneten Kurden. Ich hingegen ritt vorwärts, nachdem ich Halef einige Verhaltungsmaßregeln erteilt hatte, und befand mich bald ganz allein, da auch Dojan zurückgeblieben war.

Siebentes Kapitel.

Der Geist der Höhle.

Meine Aufgabe schien mir gar nicht schwierig zu sein. Von den Kurden hatte ich wohl nichts zu fürchten, und da sie Rücksicht auf das gefährdete Leben ihres Beys zu nehmen hatten, so ließ sich erwarten, daß ein Vergleich zu stande kommen werde.

So ritt ich langsam vorwärts und horchte auf jedes Geräusch. Ich gelangte auf den Rücken einer niedrigen Bodenwelle, wo Wald und Busch weniger dicht standen, und erblickte von hier aus einen Krähenschwarm, der weiter unten über dem Walde schwebte, sich zuweilen auf die Zweige niederlassen wollte, aber immer wieder aufflog. Es war gewiß, daß diese Vögel aufgestört wurden, und ich wußte nun, wohin ich mich zu wenden hatte. Ich ritt den kleinen Hügel hinab, war aber noch gar nicht weit gekommen, als ein Schuß fiel, dessen Kugel jedenfalls mir gelten sollte; sie traf aber nicht. Im Nu schnellte ich mich vom Pferde und stellte mich hinter dasselbe. Ich hatte den Blitz des Pulvers gesehen und wußte also, wo der ungeschickte Schütze stand.

»Kur'o[137], thue dein Kirbit[138] zur Seite!« rief ich. »Du triffst ja eher dich als mich!«

»Fliehe, sonst bist du des Todes!« klang es mir entgegen.

»Ehz be vïa kenïam -- darüber muß ich lachen! Welcher Mann schießt seine Freunde tot?«

»Du bist nicht unser Freund; du bist ein Nasarah!«

»Das wird sich finden. Du gehörst zu den Vorposten der Kurden?«

»Wer sagt dir das?«

»Ich weiß es; führe mich zu deinem Anführer!«

»Was willst du dort?«

»Mein Gastfreund, der Bey von Gumri, sendet mich zu ihm.«

»Wo ist der Bey?«

»In Lizan gefangen.«

Während dieser Verhandlung bemerkte ich recht wohl, daß noch mehrere Gestalten herbeikamen, die aber hinter den Bäumen verborgen bleiben wollten. Der Kurde fragte weiter:

»Du nennst dich den Gastfreund des Bey. Wer bist du?«

»Ein Emir giebt nur einem Emir Auskunft. Führe mich zu deinem Anführer, oder bringe ihn her zu mir. Ich habe als Bote des Bey mit ihm zu reden.«

»Herr, gehörst du zu den fremden Emirs, die auch gefangen worden sind?«

»So ist es.«

»Und bist du wirklich kein Verräter, Herr?«

»Katischt, baqua -- was, du Frosch!« rief da laut eine andere Stimme. »Siehst du denn nicht, daß es der Emir ist, welcher ohne Aufhören schießen kann? Gehe zur Seite, du Wurm, und laß mich hin zu ihm!«

Zugleich kam ein junger Kurde hinter einem Baume hervor, trat mit größter Ehrerbietung zu mir heran und sagte:

»Allahm d'allah -- Gott sei Dank, daß ich dich wiedersehe, Herr! Wir haben große Sorge um euch gehabt.«

Ich erkannte sogleich in ihm einen der Männer, welche gestern dem Melek glücklich entkommen waren, und antwortete:

»Man hat uns wieder ergriffen, aber wir befinden uns wohl. Wer ist euer Anführer?«

»Der Raïs von Dalascha, und bei ihm ist der tapfere Emir der Haddedihn vom Stamme der Schammar.«

Das war mir lieb, zu hören; also hatte Mohammed Emin doch, wie ich vermutet hatte, den Weg nach Gumri gefunden und kam nun, uns zu befreien.

»Ich kenne den Raïs von Dalascha nicht,« sagte ich. »Führe mich zu ihm!«

»Herr, er ist ein großer Krieger. Er kam gestern am Abend, um den Bey zu besuchen, und da er hörte, daß dieser gefangen sei, so schwur er, Lizan der Erde gleich zu machen und alle seine Bewohner in die Hölle zu senden. Jetzt ist er unterwegs, und wir gehen voran, damit er nicht überrumpelt wird. Aber Herr, wo hast du dein Pferd? Hat man es dir geraubt?«

»Nein, ich ließ es freiwillig zurück. Doch komm, und führe mich!«

Ich nahm mein Tier am Zügel und folgte ihm. Wir waren nicht viel über tausend Schritte gegangen, so stießen wir auf eine Gruppe von Reitern, unter denen ich zu meiner großen Freude Mohammed Emin erblickte. Er befand sich zu Pferde und erkannte auch mich sofort.

»Hamdulillah,« rief er, »Preis sei Gott, der mir die Gnade giebt, dich wiederzusehen! Er hat dir den Pfad erleuchtet, daß es dir glückte, diesen Nasarah zu entkommen. Aber,« fügte er erschrocken hinzu -- »du bist entflohen, ohne dein Pferd mitzunehmen?«

Dies war ihm ein ganz unmöglicher Gedanke, und ich beruhigte ihn auch auf der Stelle:

»Ich bin nicht entflohen, und das Pferd gehört noch mir. Es befindet sich in der Obhut von Hadschi Halef Omar, bei dem es sicher ist.«

»Du bist nicht entflohen?« fragte er erstaunt.

»Nein. Ich komme als der Abgesandte des Bey von Gumri und des Melek von Lizan. Wo ist der Mann, der hier zu gebieten hat?«

»Ich bin es,« antwortete eine tiefe Stimme.

Ich sah mir den Mann scharf an. Er saß auf einem starkknochigen, zottigen Pferde, das nur mit Palmenfaser aufgezäumt war. Es war sehr lang und außerordentlich hager gebaut. Ein ungeheurer Turban bedeckte seinen Kopf, und sein Angesicht starrte von einem so borstigen und dichten Bart, daß man nur die Nase und zwei Augen erblickte, die mich jetzt unheimlich forschend anfunkelten.

»Du bist der Raïs von Dalascha?« fragte ich ihn.

»Ja. Wer bist du?«

Mohammed Emin antwortete an meiner Stelle:

»Es ist Kara Ben Nemsi Emir, von dem ich dir erzählt habe.«

Der Kurde grub seinen Blick abermals tief in den meinigen, und es schien dann, als ob er sich im klaren über mich befände. Er sagte:

»Er soll uns später erzählen und mag sich uns jetzt anschließen. Vorwärts!«

»Laß halten; ich habe mit dir zu sprechen,« bat ich.

»Schweig!« fuhr er mich an. »Ich bin der General dieser Truppen, und was ich sage, das hat ohne Widerrede zu geschehen. Ein Weib redet, ein Mann aber handelt. Jetzt wird nicht geplaudert!«

Ich war nicht gewohnt, in einem solchen Tone mit mir reden zu lassen. Auch Mohammed Emin gab mir unbemerkt einen aufmunternden Wink. Der Raïs war bereits einige Schritte fort; ich trat vor und griff seinem Pferde in die Zügel.

»Halt! Bleib! Ich bin der Abgesandte des Bey!« warnte ich ihn mit ernster Stimme.

Ich habe immer gefunden, daß ein furchtloses Wesen, unterstützt durch ein wenig Leibesstärke, diesen halbwilden Leuten imponiert. Hier aber schien es, daß ich mich verrechnen sollte; denn der Mann erhob die Faust und drohte:

»Mensch, die Hand vom Pferde, sonst schlag ich!«

Ich erkannte, daß meine Sendung vollständig verunglückt sei, wenn ich mich nur im geringsten von ihm einschüchtern ließe. Darum ließ ich wohl mein Pferd fahren, nicht aber das seinige, und antwortete:

»Ich bin hier an Stelle des Bey von Gumri und habe zu befehlen; du aber bist nichts als ein kleiner Kiaja[139], der augenblicklich zu gehorchen hat. Steige ab!«

Da riß er die Flinte von der Schulter, faßte sie beim Laufe und wirbelte sie um den Kopf.

»Ker, seri te tschar tan kim,« brüllte er, »ich spalte dir den Kopf in vier Teile, du Dummkopf!«

»Versuche es, doch zuerst gehorche!« entgegnete ich lachend.

Mit einem raschen Ruck riß ich sein Pferd auf die Hinterbeine nieder und schlug dem Tiere dann den Fuß mit solcher Gewalt an den Bauch, daß es erschrocken wieder emporprallte. Diese beiden Bewegungen folgten so schnell aufeinander, daß der Kiaja augenblicklich abgeschleudert wurde. Ehe er sich erheben konnte, hatte ich ihm die Flinte und das Messer entrissen und erwartete seinen Angriff.

»Sa -- Hund!« brüllte er, indem er emporschnellte und sich auf mich warf; »ich zermalme dich!«

Er sprang auf mich ein; ich hob nur den Fuß bis zur Gegend seiner Magengrube -- ein Tritt, und er überschlug sich rückwärts zur Erde nieder. Nun nahm ich sein eigenes Gewehr empor und zielte auf ihn.

»Mann, bleib weg von mir, sonst schieße ich!« gebot ich ihm.

Er raffte sich empor, hielt sich die Magengegend und blickte mich mit wutfunkelnden Augen an, wagte aber doch keinen Angriff mehr.

»Gieb mir meine Waffen!« grollte er drohend.

»Später, wenn ich mit dir gesprochen habe!«

»Ich habe nichts mit dir zu sprechen!«

»Aber ich mit dir, und ich bin gewohnt, mir Gehör zu verschaffen; das merke dir, Kiaja!«

»Ich bin kein Kiaja; ich bin ein Raïs, ein Nezanum!«

Obgleich dieser Vorgang bis jetzt nur wenige Augenblicke in Anspruch genommen hatte, war er doch von den anrückenden Kurden bemerkt worden, und es hatte sich eine bedeutende Anzahl derselben, die sich immer mehr vergrößerte, um uns versammelt. Doch sagte mir ein einziger Blick, daß keiner von ihnen gewillt war, voreilig Partei zu ergreifen. Darum antwortete ich unbesorgt:

»Du bist weder ein Raïs noch ein Nezanum; du bist nicht einmal ein freier Kurde, wie diese tapferen Männer hier, denen du befehlen willst.«

»Beweise es!« rief er in höchster Wut.

»Du bist der Dorfälteste von Dalascha; aber die sieben Orte Dalascha, Chal, Serschkiutha, Beschukha, Behedri, Biha und Schuraïsi gehören zu dem Lande Chal, welches dem Statthalter von Amadijah Tribut bezahlt und folglich dem Pascha von Mossul und also auch dem Großherrn in Stambul unterthänig ist. Der Aelteste eines Dorfes, welches dem Padischah Tribut entrichtet, ist aber nicht ein freier Nezanum, sondern ein türkischer Kiaja. Wenn mich ein freier, tapferer Kurde beleidigt, so fordere ich mit der Waffe Rechenschaft von ihm; denn er ist der Sohn eines Mannes, der vor keinem Menschen sein Knie beugte. Wagt es aber ein türkischer Kiaja, der ein Diener des Mutessarif ist, mich einen Hund zu nennen, so werfe ich ihn vom Pferd herab und gebe ihm die Sohle meines Fußes auf den Leib, damit er die Demut lerne, die er jedem tapfern Manne schuldig ist! Sagt mir, ihr Männer: Wer hat den Tribut-Einsammler eines türkischen Dorfes zum Anführer der berühmten Kurden von Berwari gemacht?«

Ein lautes Murmeln ließ sich rundum hören. Dann antwortete einer:

»Er selbst.«

Ich wandte mich an den Sprecher:

»Kennst du mich?«

»Ja, Emir, die meisten von uns kennen dich.«

»Du weißt, daß ich ein Freund und Gast des Bey bin?«

»Wir wissen es!«

»So antworte mir: Gab es unter den Berwari keinen, der würdig gewesen wäre, die Stelle des Bey zu vertreten?«

»Es giebt ihrer viele,« antwortete er stolz; »aber dieser Mann, den du Kiaja nennst, ist oft in Gumri. Er ist ein starker Mann, und da er eine Blutrache mit dem Melek von Lizan hat und wir mit einer langen Wahl keine Zeit verlieren wollten, so haben wir ihm den Befehl übergeben.«

»Er ist ein starker Mann? Habe ich ihn nicht vom Pferde geworfen und dann zu Boden getreten? Ich sage euch, daß sein Leib die Erde nicht wieder verlassen, seine Seele aber zur Dschehennah fahren soll, wenn er es noch ein einziges Mal wagt, mich oder einen meiner Freunde zu beleidigen! Die Faust eines Emir aus Tschermanistan ist wie Kumahsch[140] für den Gefährten, für den Feind aber wie Tschelik[141] und Demihr[142].«

»Herr, was forderst du von ihm?«

»Der Bey ist in Lizan gefangen. Er sendet mich zu euch, um mit eurem Anführer zu besprechen, was ihr thun sollt. Dieser Mann aber will dem Bey nicht gehorchen; er will nicht mit mir reden und hat mich einen Hund genannt.«

»Er muß gehorchen -- er muß dich hören!« rief es im Kreise.

»Gut,« antwortete ich. »Ihr habt ihm den Befehl übertragen, und so mag er ihn behalten, bis der Bey wieder frei ist. Aber wie ich ihm seine Ehre gebe, so soll er mir auch die meinige erweisen. Der Bey hat mich gesandt; ich stehe hier an seiner Stelle; will dieser Kiaja in Frieden mit mir verkehren und mich behandeln, wie ein Emir behandelt werden muß, so gebe ich ihm seine Waffen zurück, und der Bey soll bald wieder in eurer Mitte sein.«

Ich blickte mich forschend im Kreise um. Es standen, so weit ich sie sehen konnte, weit über hundert Männer zwischen den lichten Büschen umher, und alle riefen mir ihre Zustimmung zu. Darauf wandte ich mich zu dem Kiaja:

»Du hast meine Worte gehört; ich erkenne dich als Anführer an und werde dich deshalb jetzt Agha nennen. Hier hast du deine Flinte und dein Messer. Und nun erwarte ich, daß du auf meine Worte hörst.«

»Was hast du mir zu sagen?« brummte er höchst mißmutig.

»Rufe alle deine Berwari zusammen. Sie sollen nicht eher vorgehen, als bis unsere Besprechung zu Ende ist.«

Er blickte mich sehr erstaunt an.

»Weißt du denn nicht, daß wir Lizan überfallen wollen?« fragte er mich.

»Ich weiß es; aber es geschieht auch später noch zur rechten Zeit.«

»Wenn wir zaudern, so werden die Nasarah über uns herfallen. Sie wissen, daß wir kommen; sie haben uns gesehen.«

»Eben weil sie es wissen, sendet der Bey mich zu euch. Sie werden euch nicht überfallen; sie haben sich über den Zab zurückgezogen und werden die Brücke verteidigen.«

»Weißt du dies genau?«

»Ich selbst habe es ihnen angeraten.«

Er blickte finster vor sich nieder, und auch aus dem Kreise rings umher wurde mancher mißbilligende Blick auf mich geworfen. Dann entschied er sich:

»Herr, ich werde thun, was du verlangst; aber glaube nicht, daß wir von einem Fremden einen schlechten Rat annehmen werden!«

»Das thue, wie du willst! Laß einen freien Platz aussuchen, wo wir Raum genug haben, um die Versammlung überblicken zu können. Die Assiretah[143] mögen zur Beratung kommen, die andern aber sollen den Ort bewachen, damit ihr keine Sorge zu haben braucht.«

Er gab die nötigen Befehle, und nun kam reges Leben in die Leute. Dabei hatte ich Zeit, einige Worte mit Mohammed Emin zu sprechen. Ich erzählte ihm unsere Erlebnisse seit unserer Trennung und wollte ihn nun auch nach den seinigen fragen, als gemeldet wurde, daß ein passender Platz gefunden sei. Wir mußten aufbrechen.

»Sihdi,« sagte der Haddedihn, »ich danke dir, daß du diesem Kiaja gezeigt hast, daß wir Männer sind!«

»Hat er dies an dir nicht auch bemerkt?«

»Herr, ich habe kein solches Glück wie du. Ich wäre von diesen Männern zerrissen worden, wenn ich ihm nur halb so viel gesagt hätte, wie du. Und dann bedenke, daß ich nur wenige kurdische Worte reden kann; sie aber haben nur einige unter sich, die etwas Arabisch verstehen. Dieser Kiaja muß ein berüchtigter Dieb und Räuber sein, weil sie solchen Respekt vor ihm haben.«

»Nun, du siehst, daß sie mich nicht weniger achten, obgleich ich kein Dieb und Räuber bin. Wenn er mich beleidigt, schlage ich ihm ins Gesicht; das ist das ganze Geheimnis der Scheu, die sie vor mir haben. Und das merke dir, Mohammed Emin: -- nicht die Faust allein thut es, sondern wer einen guten, fruchtbaren Hieb austeilen will, bei dem muß zugleich auch der Blick des Auges und der Ton der Stimme ein Schlag sein, der den Gegner niederstreckt. Komm, man erwartet uns; wir trennen uns nicht wieder.«

»Welche Vorschläge hast du zu machen?«

»Du wirst sie hören.«

»Aber ich verstehe euer Kurdisch nicht.«

»Ich werde dir das Nötige von Zeit zu Zeit verdolmetschen.«

Wir gelangten zwischen den weit auseinander stehenden Büschen und Bäumen hindurch an eine Lichtung, die genug Raum zur bequemen Verhandlung bot. Rundum waren die Pferde angebunden. Etwa zwanzig martialische Krieger saßen mit dem Agha in der Mitte des Platzes; die übrigen aber hatten sich ehrerbietig zurückgezogen, entweder bei den Pferden oder tiefer im Busche stehend, um für unsere Sicherheit zu sorgen. Es war ein malerischer Anblick, den diese sonderbar gekleideten Kurden mit ihren so verschieden aufgeschirrten Tieren boten; doch hatte ich keine Zeit, weitere Betrachtungen darüber anzustellen.

»Herr,« begann der Agha, »wir sind bereit, zu hören, was du uns zu sagen hast. Aber gehört dieser auch mit zu den Assiretha?«

Er deutete dabei auf Mohammed Emin. Diesen bös gemeinten Hieb mußte ich sofort zurückgeben.

»Mohammed Emin ist der berühmte Emir der Beni Haddedihn vom Stamme der Arab-esch-Schammar. Er ist ein weiser Fürst und ein unüberwindlicher Krieger, dessen grauen Bart selbst der Ungläubige achtet. Noch niemand hat es gewagt, ihn vom Pferde zu werfen oder ihm den Fuß auf den Leib zu setzen. Sage noch ein einziges Wort, welches mir nicht gefällt, so kehre ich zum Bey zurück, nehme dich aber vor mich auf das Pferd und lasse dir in Lizan die Fußsohlen peitschen!«

»Herr, du wolltest in Frieden mit mir reden!«

»So halte du selbst diesen Frieden, Mensch! Zwei Emire wie Mohammed Emin und ich lassen sich von tausend Männern nicht beleidigen. Mit unseren Waffen brauchen wir dein ganzes Land Chal nicht zu fürchten. Wir stellen uns unter das Odschag[144] dieser Berwari-Kurden, die nicht zugeben werden, daß die Freunde ihres Bey beleidigt werden.«

Wer das Odschag anruft, dem ist der beste Schutz auf alle Fälle sicher, und so erhob sich auch sofort der älteste der Krieger, nahm Mohammed und mich bei der Hand und beteuerte mit drohender Stimme:

»Wer diese Emire kränkt, der ist mein Feind. Ser babe men -- beim Haupte meines Vaters!«

Dieser Schwur des angesehensten Kurden war kräftig genug, uns von jetzt an gegen die Beleidigungen des Kiaja zu schützen. Dieser fragte nun:

»Welches ist die Botschaft, die du uns auszurichten hast?«

»Ich habe euch zu sagen, daß der Bey von Gumri der Gefangene des Melek von Lizan ist --«

»Das wußten wir vorher; dazu brauchst du nicht zu uns zu kommen.«

»Wenn du in die Dschehennah zu deinen Vätern kommst, so bedanke dich bei ihnen dafür, daß sie dich zu einem so höflichen Mann gemacht haben. Nur bei den Negern und Adschani[145] ist es Sitte, einander nicht vollständig aussprechen zu lassen; dein Chodschah[146] aber hat die Rute verdient!«

Trotzdem ich die Zurechtweisung also selbst übernommen hatte, zog doch auch der alte Kurde seine Pistole hervor und meinte gleichmütig:

»Ser babe men -- beim Haupte meines Vaters! Vielleicht wird man bald die Stimme dieses Gewehres vernehmen! Fahre weiter fort, Emir!«

Es war gewiß eine eigentümliche Lage. Wir beiden Fremdlinge wurden gegen den eigenen Anführer in Schutz genommen. Was würde wohl ein civilisierter Kavallerierittmeister dazu sagen? Solche Dinge können nur im wilden Kurdenlande vorkommen! Ich folgte der Aufforderung und redete weiter:

»Der Melek von Lizan verlangt das Blut des Bey.«

»Warum?« fragte es umher.

»Weil durch die Kurden so viele Chaldani gefallen sind.«

Diese Behauptung brachte unter meinen Zuhörern eine ganz bedeutende Aufregung hervor. Ich ließ sie einige Zeit gewähren und bat sie dann, mich ruhig anzuhören:

»Ich bin der Abgesandte des Bey; aber ich bin zu gleicher Zeit auch der Bote des Melek; ich liebe den Bey, und auch der Melek hat mich gebeten, sein Freund zu sein. Darf ich einen von ihnen betrügen?«

»Nein,« antwortete der Alte.

»Du hast recht gesprochen! Ich bin fremd in diesem Lande; ich habe weder mit euch noch mit einem Nasarah eine Rache und darum muß ich das Wort des Propheten befolgen: ›Dein Wort sei der Schutz deines Freundes!‹ Ich werde zu euch so sprechen, als ob der Bey und der Melek hier ständen und mit euch redeten. Und Allah wird eure Herzen erleuchten, daß kein ungerechter Gedanke eure Seele verdunkelt.«

Wieder nahm der Alte das Wort.

»Rede getrost, Herr; rede auch für den Melek, denn auch er hat dich gesandt. Du wirst nur die Wahrheit sagen, und wir glauben, daß du uns nicht beleidigen und erzürnen willst!«

»So hört, meine Brüder! Es ist noch nicht viele Jahre her, da gab es ein großes Geschrei auf den Bergen und ein großes Wehklagen in den Thälern; die Menschen weinten auf den Höhen, und die Kinder der Menschen heulten in den Tiefen; das Schwert wütete wie die erste Stunde des jüngsten Tages, und das Messer lag in der Hand des tausendfältigen Todes. Saget mir, wer führte dieses Schwert und dieses Messer?«

»Wir!« erscholl es triumphierend rundum im Kreise.

»Und wer waren jene, welche untergingen?«

Dieses Mal kam der Anführer allen zuvor:

»Die Nasarah, die Allah verderben möge!«

»Was hatten sie euch gethan?«

»Uns?« fragte er verwundert. »Sind sie nicht Giaurs? Glauben sie nicht an drei Götter? Beten sie nicht Menschen an, welche längst gestorben sind? Predigen nicht die Ulemas[147] die ewige Vernichtung gegen sie?«

Es wäre hier die größte Unvorsichtigkeit gewesen, theologische Streitfragen aufzugreifen; darum antwortete ich einfach:

»Also ihr habt sie wegen ihres Glaubens getötet! Ihr gebt zu, daß ihr sie getötet habt, Hunderte und Tausende?«

»Viele Tausende!« sagte er stolz.

»Nun wohl, ihr kennt die Thar, die Blutrache. Dürft ihr euch wundern, daß die Verwandten der Gemordeten sich jetzt erheben und euer Blut fordern?«

»Herr, sie dürfen das nicht; sie sind Giaurs!«

»Du irrst, denn Menschenblut bleibt Menschenblut. Das Blut Abels war nicht das Blut eines Moslem, und dennoch sprach Gott zu Kain: ›Das Blut deines Bruders schreit mir von der Erde empor.‹ Ich war in vielen Ländern und bei vielen Völkern, deren Namen ihr nicht einmal kennt; sie waren keine Moslemim, aber die Blutrache hatten sie doch, und sie wundern sich nicht darüber, daß auch ihr den Tod der Eurigen rächt. Ich stehe hier als ein unparteiischer Bote; ich darf nicht sagen, daß nur ihr allein das Recht zur Blutrache habt, denn auch eure Gegner haben ihr Leben von Gott erhalten, und wenn sie es nicht gegen euch verteidigen sollen, so seid ihr feige Mörder. Ihr gebt zu, daß ihr Tausende von ihnen getötet habt; nun dürft ihr euch nicht wundern, wenn sie das Leben eures Bey von euch fordern, der in ihre Hände gefallen ist. Eigentlich hätten sie das Recht, grad so viele Leben von euch zu fordern, als ihr ihnen genommen habt.«

»Die Giaurs mögen kommen!« murrte der Agha.

»Sie werden auch kommen, wenn ihr ihnen nicht die Hand der Versöhnung reicht.«

»Der Versöhnung? Bist du toll?«

»Ich bin bei Sinnen. Was wollt ihr ihnen thun? Der Zab liegt zwischen ihnen und euch, und es würde euch sehr viele Leben kosten, um die Brücke oder eine Furt zu erstürmen. Und bis euch dies gelänge, hätten sie so viele Helfer aus Aschihtha, Serspitho, Zawitha, Minijanisch, Murghi und aus andern Orten erhalten, daß sie euch erdrücken würden.«

Da erhob sich der Anführer mit der Miene eines Anklägers vom Boden.

»Weißt du, wer daran schuld ist?« fragte er.

»Wer?« erwiderte ich ruhig.

»Du selbst, nur du allein.«

»Ich? Inwiefern?«

»Hast du uns nicht vorhin selbst gestanden, daß du ihnen den Rat gegeben hast, sich hinter den Fluß zurückzuziehen?« -- Und zu den andern gewendet, fügte er hinzu: »Seht ihr nun, daß er nicht unser Freund, sondern ein Verräter ist?«

Ich entgegnete ihm:

»Grad weil ich euer Freund bin, habe ich ihnen diesen Rat gegeben; denn sobald der erste Mann von ihnen unter euren Waffen gefallen wäre, hätten sie den Bey getötet. Soll ich vielleicht zurückkehren und dem Bey sagen, daß ihr sein Leben für nichts achtet?«

»So meinst du also, daß wir gar nicht angreifen sollen?«

»Das meine ich allerdings.«

»Herr, hältst du uns für Feiglinge, die nicht einmal den Tod jener Männer rächen, welche gestern gefallen sind?«

»Nein. Ich halte euch für tapfere Krieger, jedoch aber auch für kluge Männer, welche nicht unnötigerweise in den Tod rennen. Ihr kennt den Zab; wer von euch will hinüberkommen, wenn drüben der Feind liegt und jeden einzelnen von euch mit einer Kugel zu empfangen vermag?«

»Daran bist nur du allein schuld!«

»Pah! Ich habe damit dem Bey das Leben gerettet. Soll dies umsonst geschehen sein?«

»Du hast nicht ihm, sondern dir das Leben retten wollen!«

»Du irrst. Ich und meine Gefährten, wir sind Gäste des Melek. Nur der Bey und die Kurden, welche mitergriffen wurden, sind Gefangene. Sie sterben, sobald ihr die Feindseligkeiten beginnt.«

»Und wenn wir nicht glauben, daß du der Gast des Melek bist, wie willst du es uns beweisen?«

»Stände ich hier, wenn ich Gefangener wäre?«

»Er könnte dich auf dein Wort entlassen haben. Aus welchem Grunde hat er dich unter den Schutz seines Hauses genommen? Wer hat dich ihm, dem Melek von Lizan, empfohlen?«

Ich mußte eine Antwort geben, und ich gestehe offen, daß ich mich schämte, den Namen eines Weibes nennen zu müssen.

»Ich wurde ihm empfohlen zwar nur von einem Weibe, auf dessen Wort er aber sehr viel zu geben scheint.«

»Wie heißt dasselbe?«

»Marah Durimeh.«

Ich hatte gefürchtet, mich lächerlich zu machen, und war daher überrascht von der ganz entgegengesetzten Wirkung, welche dieser Name hervorbrachte. Der Agha machte ein sehr überraschtes Gesicht und meinte:

»Marah Durimeh? Wo hast du sie getroffen?«

»In Amadijah.«

»Wann?« forschte er weiter.

»Vor wenigen Tagen.«

»Wie bist du ihr begegnet?«

»Ihre Enkeltochter hatte Gift gegessen, und da ich ein Hekim bin, so wurde ich geholt. Ich traf Marah Durimeh dort und rettete die Kranke.«

»Hast du der Alten gesagt, daß du nach Gumri und Lizan gehen würdest?«

»Ja.«

»Hat sie dich nicht gewarnt?«

»Ja.«

»Und als du bei deinem Vorsatze bliebst, was that sie da? Besinne dich. Vielleicht hat sie dir ein Wort gesagt, welches ich dir nicht nennen darf.«

»Sie sagte, wenn ich in Gefahr komme, so solle ich nach dem Ruh 'i kulyan fragen. Dieser werde mich beschützen.«

Kaum hatte ich dieses Wort genannt, so stand der Sprecher, welcher sich erst mir so feindselig gesinnt gezeigt hatte, vor mir und reichte mir die Hand entgegen.

»Emir, das habe ich nicht gewußt. Verzeihe mir! Wem Marah Durimeh dieses Wort gesagt hat, dem darf kein Leid geschehen. Und nun wird deine Rede vor unsern Ohren Achtung finden. Wie stark sind die Nasarah?«

»Das werde ich nicht verraten. Ich bin ebenso ihr Freund wie der eurige; ich werde auch ihnen nicht sagen, wie stark ihr gekommen seid.«

»Du bist vorsichtiger, als es nötig ist. Glaubst du wirklich, daß sie den Bey töten werden, wenn wir sie angreifen?«

»Ich bin überzeugt davon.«

»Werden sie ihn freigeben, wenn wir uns zurückziehen?«

»Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es. Der Melek wird auf meine Rede hören.«

»Aber es sind mehrere der Unsrigen getötet worden: sie müssen gerächt werden.«

»Habt ihr nicht vorher Tausende der Nasarah getötet?«

»Zehn Kurden gelten höher als tausend Nasarah!«

»Und die Chaldani denken, daß zehn Nasarah höher gelten, als tausend Kurden.«

»Würden sie uns den Blutpreis bezahlen?«

»Ich weiß es nicht, aber ich gestehe euch offen, daß ich an ihrer Stelle es nicht thun würde.«

»So wirst du ihnen den Rat geben, es nicht zu thun?«

»Nein, denn ich rede sowohl bei euch als auch bei ihnen nur das, was zum Frieden dient. Sie haben wenige von euch getötet, ihr aber Tausende von ihnen; also wären nur sie es, die einen Preis zu fordern hätten. Außerdem haben sie den Bey in ihrer Gewalt, und wenn ihr ernstlich nachdenkt, so werdet ihr erkennen, daß sie euch gegenüber im Vorteile sind.«

»Sind sie sehr kriegerisch gestimmt?«

Eigentlich hätte ich jetzt »Nein« sagen sollen, ich zog es aber vor, eine ausweichende Antwort zu geben:

»Habt ihr sie gestern vielleicht feig gesehen? Meßt das Blut, welches den Zab hinabgeflossen ist; zählt die Knochen, welche noch heute das Thal des Flusses füllen, aber fragt ja nicht, ob der Zorn der Hinterlassenen groß genug zur Rache ist!«

»Haben sie viele und gute Gewehre?«

»Das werde ich nicht verraten. Oder soll ich auch ihnen sagen, wie ihr bewaffnet seid?«

»Haben sie auch ihre Habe auf das andere Ufer gerettet?«

»Nur der Unkluge läßt seine Habe zurück, wenn er sich flüchtet. Die Chaldani haben übrigens so wenig Eigentum, daß es ihnen nicht schwer fallen kann, es mit sich zu nehmen.«

»Tritt zurück! Wir werden jetzt beraten, nachdem wir alles gehört haben, was ich wissen wollte.«

Ich folgte diesem Gebote und erhielt dadurch Gelegenheit, Mohammed Emin mit dem bisherigen Inhalte unserer Verhandlung bekannt zu machen. Noch bevor die Kurden zu einem Entschlusse gekommen waren, näherten sich einige ihrer Krieger und brachten einen unbewaffneten Mann herbei.

»Wer ist das?« fragte der Agha.

»Dieser Mann,« antwortete einer, »schlich heimlich in unserer Nähe herum, und als wir ihn ergriffen, sagte er, daß er von dem Melek an diesen Emir abgesandt worden sei.«

Bei den letzten Worten deutete der Sprecher auf mich.

»Was sollst du bei mir?« fragte ich den Chaldani.

Diese Sendung wollte mir verdächtig oder doch wenigstens sehr unvorsichtig erscheinen. Jedenfalls aber gehörte ein ungewöhnlicher Mut dazu, sich unter die feindseligen Kurden zu wagen.

»Herr,« antwortete er, »du bliebst dem Melek zu lange aus, und so sandte er mich, um dir zu sagen, daß der Bey getötet wird, wenn du nicht sehr schnell zurückkehrst.«

»Seht ihr, daß ich euch recht berichtet habe?« wandte ich mich an die Kurden. »Laßt den Mann schleunigst umkehren. Er mag dem Melek sagen, daß mir nichts geschehen ist und daß er mich in kurzer Zeit wieder bei sich sehen wird.«

»Führt ihn fort!« gebot der Agha.

Man gehorchte, und dann wurde die Verhandlung schnell wieder aufgenommen.

Ich mußte mir gestehen, daß das Erscheinen dieses Boten von günstigem Einflusse auf die Entschließungen der Kurden sein werde; dennoch aber kam es mir sonderbar vor, daß dieser Mann abgeschickt worden war. Der Melek hatte sich doch kurz vorher nicht gar so blutdürstig gezeigt, und aus Rücksicht auf mich war die Drohung auch nicht nötig, da ich als Gastfreund des Bey doch von den Kurden nichts zu fürchten hatte.

Endlich waren die Assiretah zu einem Entschluß gekommen, und ich wurde wieder herbeigerufen. Der Anführer nahm das Wort:

»Herr, du versprichst uns, bei den Nasarah kein Wort zu sagen, welches zu unserm Schaden ist?«

»Ich verspreche es.«

»So wirst du jetzt zu ihnen zurückkehren?«

»Ich und mein Freund Mohammed Emin.«

»Warum soll er nicht bei uns bleiben?«

»Ist er euer Gefangener?«

»Nein.«

»So kann er gehen, wohin es ihm beliebt, und er hat beschlossen, an meiner Seite zu bleiben. Was soll ich dem Melek sagen?«

»Daß wir die Freiheit unseres Bey verlangen.«

»Und dann?«

»Dann mag der Bey bestimmen, was geschehen soll.«

Diese Bestimmung konnte einen gefährlichen Hintergedanken haben; darum erkundigte ich mich:

»Wann soll er ausgeliefert werden?«

»Sofort, mit seinen Begleitern.«

»Wohin soll er kommen?«

»Hierher.«

»Ihr werdet nicht weiter vorwärts dringen?«

»Für jetzt nicht.«

»Aber dann wohl, wenn der Bey ausgeliefert worden ist?«

»Es wird dann geschehen, was der Bey bestimmt.«

»Und wenn der Melek ihn erst dann ausliefern will, wenn ihr friedlich nach Gumri zurückgekehrt seid?«

»Herr, darauf gehen wir nicht ein. Wir ziehen nicht eher von hier fort, als bis wir den Herrscher von Gumri bei uns sehen.«

»Was begehrt ihr noch?«

»Nichts weiter.«

»Dann hört, was ich euch noch zu sagen habe. Ehrlich habe ich gegen euch gehandelt und werde dies auch gegen den Melek thun. Ich werde ihn zu keinem Zugeständnis bereden, welches ihm Schaden bringt. Und vor allem merkt euch dies, daß der Bey sofort getötet wird, wenn ihr diesen Ort verlaßt, ehe der Friede vollständig geschlossen ist.«

»Willst du etwa dem Melek zu diesem Mord raten?«

»Allah behüte mich davor! Aber ich werde auch nicht zugeben, daß ihr den Bey nur zu dem Zweck zurückerhaltet, daß er euch dann gegen Lizan führt.«

»Herr, du redest sehr kühn und aufrichtig!«

»So merkt ihr wenigstens, daß ich es mit meinen Freunden ehrlich meine. Schicket euch in Geduld, bis ich wiederkehre!«

Ich stieg aufs Pferd, Mohammed Emin ebenso. Wir verließen den Platz, und kein Kurde begleitete uns.

»Welche Botschaft hast du auszurichten?« fragte der Haddedihn.

Ich erklärte ihm meinen Auftrag und auch meine Bedenken. Während dieser Auseinandersetzung gingen unsere Pferde einen schnellen Schritt, und wir hatten beinahe den Fluß erreicht, als ich zur Seite von uns ein verdächtiges Rascheln zu vernehmen glaubte. Ich wandte mein Gesicht der Gegend zu und sah in demselben Augenblick das Aufleuchten zweier Schüsse, welche auf mich und Mohammed gerichtet waren. Sofort nach dem Doppelknalle rannte das Pferd des Haddedihn mit seinem Reiter durch die Büsche; auf das meinige aber hatte man besser gezielt: es brach augenblicklich zusammen, und da der Vorfall ganz unerwartet und blitzschnell über uns kam, so fand ich nicht einmal Zeit, meine Füße aus den Steigbügeln zu befreien. Ich stürzte mit und kam halb unter das Pferd zu liegen. Im nächsten Augenblick sah ich acht Männer beschäftigt, sich meiner Waffen zu bemächtigen und mich zu binden. Einer von ihnen war derjenige, welcher vorhin als ein Bote des Melek bei mir gewesen war. So hatte mich mein Mißtrauen also doch nicht betrogen!

Ich vermutete eine Schurkerei des Raïs von Schohrd, des Nedschir-Bey, und wehrte mich aus Leibeskräften. Ich lag an der Erde, und mein rechtes Bein steckte unter dem Pferde; aber ich hatte doch die Arme zur Verfügung, und wenn man sie mir auch festzuhalten und zu fesseln suchte, so gelangen mir doch noch einige gute Stöße, ehe ich wehrlos gemacht wurde. Mit acht kräftigen Männern aber fertig zu werden, davon war natürlich keine Rede, zumal sie mir beinahe noch während des Sturzes die Waffen entrissen hatten.

Nun zogen sie mich unter dem Pferde hervor, so daß ich mich auf die Füße erheben konnte. Es war nicht das erste Mal, daß ich mich in Fesseln befand, aber auf eine so niederträchtige Weise war ich doch noch nicht gebunden worden. Man hatte mir nämlich Riemen an die Handgelenke geschlungen und mittels derselben den rechten Arm über die Brust hinweg auf die linke Achsel, den linken Arm aber auf die rechte Achsel gezogen und dann im Nacken die Riemen so fest geknotet, daß mir die Brust fast bis zur Atmungsunfähigkeit zusammengepreßt ward. Außerdem wurden die Kniee so miteinander verbunden, daß ich keine weiten Schritte zu gehen vermochte; und um das Maß voll zu machen, ward ich mit dem einen Ellbogen an den Steigbügel eines der Buschklepper geschnallt, -- sie waren zu Pferde, hatten aber ihre Tiere vor dem Ueberfalle hinter die Büsche versteckt.

Von dem Aufblitzen der Schüsse an bis zu dem Augenblick, wo ich an dem Pferde befestigt war, waren kaum drei Minuten vergangen. Ich hoffte, Mohammed Emin werde zurückkehren, wollte aber nicht um Hilfe rufen, um mir diesen Menschen gegenüber keine Blöße zu geben. Reden aber mußte ich nun doch einmal:

»Was wollt ihr von mir?« fragte ich.

»Nur dich wollen wir,« antwortete der mutmaßliche Anführer. »Auch dein Pferd wollten wir, aber du hattest es nicht bei dir.«

»Wer seid ihr?«

»Bist du ein Weib, daß du so neugierig bist?«

»Pah! Ihr seid Hunde im Dienste Nedschir-Beys. Er hat sich nicht an mich gewagt; drum sendet er seine Meute, damit ihm ja die Haut nicht geritzt werde!«

»Schweig! Weshalb wir dich gefangen nehmen, das wirst du bald erfahren. Doch verhalte dich still und schweigsam, sonst bekommst du einen Knebel in den Mund!«

Die Männer setzten sich langsam in Bewegung. Wir kamen an den Fluß, ritten -- natürlich außer mir, da ich gehen mußte -- eine Strecke an demselben hinab und hatten dann wohl eine Furt erreicht, denn wir gingen in das Wasser.

Am jenseitigen Ufer stand eine Schar Bewaffneter, die sich aber bei unserm Anblick sofort unsichtbar machte. Jedenfalls war es Nedschir-Bey, welcher das Gelingen seines Streiches dort abgewartet hatte und sich nun befriedigt zurückzog.

Das Bett des Flusses war hier mit scharfkantigen, schlüpfrigen Steinen besäet; das Wasser reichte mir stellenweise bis an die Brust, und da ich zu eng an das Pferd gefesselt war, so hatte ich mehr als genug auszustehen, ehe wir das andere Ufer erreichten. Dort blieben sechs von den Reitern zurück, während mich die übrigen zwei weiter schleppten.

Es ging am Flusse abwärts bis an ein wildes Bergwasser, welches sich hier von der linken Seite her in den Zab ergießt. Nun ritten die beiden längs dieses Wassers aufwärts. Es war für mich ein beschwerlicher Weg, zumal die Eskorte nicht die mindeste Rücksicht auf mich nahm. Kein Mensch begegnete uns. Nachher ging es seitwärts hin über wildes Gerölle, durch wirres Dorngestrüpp, und ich merkte, daß man auf diese Weise das Dorf Schohrd vermeiden wolle, dessen ärmliche Hütten und Häusertrümmer ich bald unter uns erblickte.

Später bogen wir wieder nach rechts und gelangten in eine wilde Schlucht, welche in das Thal von Raola hinabzuführen schien. Hier kletterten wir eine Strecke weiter, bogen um einige Felsen und gelangten endlich an ein Bauwerk, das einem vier bis fünf Ellen hohen, kubischen Steinhaufen glich und nur eine einzige niedrige Oeffnung zeigte, welche zugleich als Thür und als Fenster zu dienen schien.

Vor diesem Steinwürfel stiegen sie ab.

»Madana!« rief der eine.

Sogleich ließ sich in dem Innern der Hütte ein heiseres Grunzen vernehmen, und einige Augenblicke später trat ein altes Weib aus dem Loch hervor. Madana heißt auf deutsch: »Petersilie«. Wie die Alte zu diesem würzigen Namen gekommen war, weiß ich nicht; aber als sie jetzt ganz nahe vor mir stand, duftete sie nicht nur nach Petersilie, sondern es entströmte ihr eine Atmosphäre, welche aus den Gerüchen von Knoblauch, faulen Fischen, toten Ratten, Seifenwasser und verbranntem Hering zusammengesetzt zu sein schien. Hätte mich die Fessel nicht an dem Pferde festgehalten, so wäre ich einige Schritte zurückgewichen. Gekleidet war diese schöne Bewohnerin des Zabthales in einen kurzen Rock, den man bei uns wohl kaum als Scheuerlappen hätte benutzen mögen; der Rand desselben reichte nur wenig bis über die Kniee herab und ließ ein Paar gespenstische Gehwerkzeuge sehen, deren Aussehen vermuten ließ, daß sie bereits seit langen Jahren nicht mehr gewaschen worden seien.

»Ist alles bereit?« erkundigte sich der Mann und stellte eine lange Reihe von kurzen Fragen, die alle mit »Ja« beantwortet wurden.

Jetzt wurde ich losgebunden und mit weit niedergebogenem Haupte in die Hütte geschoben. Es gab doch einige Ritzen in der Mauer, durch welche ein Lichtstrahl einzudringen vermochte, und so konnte ich das Innere des Bauwerkes ziemlich genau erkennen. Dasselbe bildete einen kahlen, viereckigen, roh aufgemauerten Raum, in dessen hinterster Ecke man einen starken Pfahl tief und fest in die Erde gerammt hatte. Neben demselben lag ein mäßiger Haufen von Streu und Blätterwerk, und in der Nähe erblickte ich neben einem gefüllten Wassernapfe einen großen Scherben, der früher wohl einmal zu einem Krug gehört hatte, jetzt aber als Schüssel benützt wurde und eine Masse enthielt, welche halb aus Tischlerleim und halb aus Regenwürmern oder Blutegeln zu bestehen schien.

Zwar hätte ich mich trotz meiner Fesseln doch immerhin einigermaßen zu sträuben vermocht, aber ich ließ es ruhig geschehen, daß ich mit einem starken Strick an den Pfahl gebunden wurde. Dies geschah in der Weise, daß ich auf die Streu zu liegen kam. Meine Arme blieben nach wie vor auf den Achseln befestigt.

Das Weib war draußen vor dem Eingang stehen geblieben. Der eine meiner Begleiter verließ schweigsam die Hütte, der andere jedoch hielt es für notwendig, mir einige Verhaltungsmaßregeln zu erteilen.

»Du bist gefangen,« bemerkte er ebenso treffend wie geistreich.

Ich antwortete nicht.

»Du kannst nicht entfliehen,« belehrte er mich in sehr überflüssiger Weise.

Ich antwortete wieder nicht.

»Wir gehen jetzt,« fuhr er fort; »aber dieses Weib wird dich sehr streng bewachen.«

»So sage ihr wenigstens, daß sie draußen bleiben soll!« bemerkte ich endlich doch.

»Sie muß in der Hütte bleiben,« erwiderte er; »sie darf dich nicht aus den Augen lassen und soll dich auch füttern, wenn du Hunger hast; denn du kannst deine Hände nicht gebrauchen.«

»Wo ist das Futter?«

»Hier!«

Er deutete auf den wackern Scherben, dessen Inhalt mir so verführerisch entgegenlachte.

»Was ist es?« erkundigte ich mich.

»Ich weiß es nicht, aber Madana kann kochen, wie keine zweite im Dorfe.«

»Warum schleppt ihr mich hierher?«

»Das habe ich dir nicht zu sagen; du wirst es von einem andern erfahren. Mache keinen Versuch, dich zu befreien, sonst giebt Madana ein Zeichen, und es kommen einige Männer, um dich noch schlimmer zu fesseln.«

Jetzt ging auch er fort. Ich hörte die sich entfernenden Schritte der beiden Männer; dann kam die holde »Petersilie« hereingekrochen und kauerte sich neben dem offenen Eingang in der Weise nieder, daß ich grad vor ihrem Blicke lag.

Es war zwar keine angenehme Lage, in welcher ich mich befand, sie machte mir doch weniger Sorgen als der peinigende Gedanke an die Gefährten in Lizan. Der Melek lauerte mit Schmerzen auf mich, und die Kurden erwarteten wohl längst schon meine Wiederkehr. Und hier lag ich angebunden, wie eine Dogge in der Hundehütte! Was mußte daraus entstehen!

Einen Trost hatte ich doch. War Mohammed Emin nach Lizan gekommen, so hatte man sicher sofort den Platz aufgesucht, an welchem ich überfallen worden war. Man fand das tote Pferd und die Spuren des Kampfes, und im übrigen mußte ich dann auf den Scharfsinn und die Verwegenheit meines treuen Halef bauen.

So lag ich längere Zeit in Gedanken versunken und zermarterte mir vergebens den Kopf, um eine Art und Weise, wie die Flucht gelingen könne, zu ersinnen. Da störte mich die Stimme der holden Madana auf. Sie war ein Weib; warum sollte sie so lange schweigen!

»Willst du essen?« fragte sie mich.

»Nein.«

»Trinken?«

»Nein.«

Das Gespräch war zu Ende, aber die duftende Petersilie kam herbeigekrochen, ließ sich in der unmittelbaren Nähe meiner armen Nase häuslich nieder und nahm dann den von mir verschmähten Scherben auf ihren Schoß. Ich sah, daß sie mit allen fünf Fingern der rechten Hand in das geheimnisvolle Amalgam langte und dann den zahnlosen Mund wie eine schwarzlederne Reisetasche auseinanderklappte -- ich schloß die Augen. Eine Zeitlang hörte ich ein mächtiges Geknatsch; sodann vernahm ich jenes sanfte, zärtliche Streichen, welches entsteht, wenn die Zunge als Wischtuch gebraucht wird, und endlich erklang ein langes, zufriedenes Grunzen, welches ganz hörbar aus einer wonnetrunkenen Menschenseele kam. O Petersilie, du Würze des Lebens, warum duftest du nicht draußen im Freien!

Nach langer Zeit erst öffnete ich die Augen wieder. Mein Schirm und Schutz saß noch immer vor mir und hielt die Augen forschend auf mich gerichtet. In diesen Augen schimmerte ein wenig Mitleid und viel Neugierde.

»Wer bist du?« fragte sie mich.

»Weißt du es nicht?« antwortete ich.

»Nein. Du bist ein Moslem?«

»Ich bin ein Christ.«

»Ein Christ und gefangen? Du bist kein Berwari-Kurde?«

»Ich bin ein Christ aus dem fernen Abendlande.«

»Aus dem Abendlande!« rief sie erstaunt. »Wo die Männer mit den Frauen tanzen? Und wo man mit Schaufeln ißt?«

Also der Ruhm unserer abendländischen Kultur war bereits bis zu den Ohren der Petersilie gedrungen: sie hatte von unserer Polka und von unsern Löffeln gehört.

»Ja,« nickte ich.

»Aber was willst du hier in diesem Lande?«

»Ich will sehen, ob hier die Frauen so schön sind, wie die unserigen.«

»Und was hast du gefunden?«

»Sie sind sehr schön.«

»Ja, sie sind schön,« stimmte sie bei, »schöner als in einem andern Lande. Hast du ein Weib?«

»Nein.«

»Ich bedaure dich! Dein Leben gleicht einer Schüssel, in der weder Sarmysak noch Saljanghosch ist!«

Sarmysak und Saljanghosch, Schnecken in Knoblauch? Sollte dies das fürchterliche Gericht sein, welches vorhin in der »Reisetasche« verschwand! Und das hatte die Petersilie ohne »Schaufeln« bewältigt!

»Willst du dir kein Weib nehmen?« erkundigte sie sich weiter.

»Ich möchte vielleicht wohl, aber ich kann nicht.«

»Warum nicht?«

»Kann man es thun, wenn man so gefesselt ist?«

»Du wirst warten, bis du wieder frei geworden bist.«

»Wird man mir die Freiheit wiedergeben?«

»Wir sind Chaldani; wir töten keinen Gefangenen. Was hast du gethan, daß man dich gebunden hat?«

»Das will ich dir erzählen. Ich bin über Mossul und Amadijah in dieses Land gekommen, um -- -- --«

Sie unterbrach mich hastig:

»Ueber Amadijah?«

»Ja.«

»Wann warst du dort?«

»Vor kurzer Zeit.«

»Wie lange bliebst du dort?«

»Einige Tage.«

»Hast du dort vielleicht einen Mann gesehen, der ein Emir und ein Hekim aus dem Abendlande war?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Beschreibe ihn mir!«

»Er hat ein Mädchen gesund gemacht, welches Gift gegessen hatte.«

»Ist er noch dort?«

»Nein.«

»Wo befindet er sich?«

»Warum fragst du nach ihm?«

»Weil ich gehört habe, daß er in diese Gegend kommen wird.«

Sie sprach mit einer Hast, welche nur von dem lebhaftesten Interesse hervorgebracht sein konnte.

»Er ist bereits in dieser Gegend,« sagte ich.

»Wo? Schnell, sage es!«

»Hier.«

»Hier in Schohrd? Du irrst; ich habe nichts davon gehört!«

»Nicht hier in Schohrd, sondern hier in deiner Hütte.«

»In dieser Hütte? Katera aïssa -- um Jesu willen, dann wärst du's ja!«

»Ich bin der Mann, nach dem du fragst.«

»Herr, kannst du dies beweisen?«

»Ja.«

»Wen trafst du in dem Hause der Kranken, welche Gift gegessen hatte?«

»Ich traf dort Marah Durimeh.«

»Hat sie dir einen Talisman gegeben?«

»Nein; aber sie hat mir gesagt, wenn ich hier in Not kommen werde, so solle ich nach dem Ruh 'i kulyan fragen.«

»Du bist's, du bist's, Herr!« rief sie, indem sie die Hände zusammenschlug. »Du bist der Freund von Marah Durimeh; ich werde dir helfen; ich werde dich beschützen. Erzähle mir, wie du in diese Gefangenschaft geraten bist!«

Dies war heut bereits zum dritten Male, daß ich die wunderbare Wirkung von dem Namen Marah Durimehs erlebte. Welche Macht besaß dieses geheimnisvolle Weib?

»Wer ist Marah Durimeh?« fragte ich.

»Sie ist eine alte Fürstin, deren Nachkommen vom Messias abgefallen und zu Muhammed übergetreten sind. Nun thut sie Buße für sie und wird ruhelos hin und her getrieben.«

»Und wer ist der Ruh 'i kulyan?«

»Das ist ein guter Geist. Die einen sagen, es sei der Engel Gabriel, und andere meinen, daß es der Erzengel Michael sei, der die Gläubigen beschützt. Er hat hier gewisse Orte und gewisse Zeiten, wo und wann man zu ihm kommen kann. Aber erzähle mir vorher, wie du gefangen wurdest!«

Die Erfüllung dieses Wunsches konnte mir nur Nutzen bringen. Ich überwand die Unannehmlichkeit meiner Körperlage und die Beschwerden, welche mir die Armfesseln verursachten, und erzählte meine Erlebnisse von Amadijah bis zur gegenwärtigen Stunde. Die Alte hörte mir mit der größten Aufmerksamkeit zu, und als ich geendet hatte, faßte sie fast zärtlich die eine meiner zusammengeschnürten Hände.

»Herr,« rief sie, »du hast recht vermutet: Nedschir-Bey ist es, der dich gefangen hält. Ich weiß nicht, weshalb er es gethan hat, aber ich liebe ihn nicht; er ist ein gewaltthätiger Mann, und ich werde dich retten.«

»Du willst mir diese Fesseln abnehmen?«

»Herr, das darf ich nicht wagen. Nedschir-Bey wird bald kommen, und dann würde er mich sehr bestrafen.«

»Was willst du sonst thun?«

»Emir, heut ist der Tag, an welchem man um Mitternacht hier zum Ruh 'i kulyan geht. Der Geist wird dich erretten.«

»Willst du bei ihm für mich bitten?«

»Ich kann nicht zu ihm; ich bin sehr alt, und der Weg ist mir zu steil. Aber« -- -- -- sie hielt inne und blickte nachdenklich vor sich nieder; dann blickte sie mich forschend an -- -- »Herr, wirst du mir eine Lüge sagen?«

»Ich sage dir die Wahrheit!«

»Wirst du fliehen, wenn du mir versprichst, es nicht zu thun?«

»Was ich verspreche, das halte ich!«

»Deine Arme schmerzen dich. Wirst du hier bleiben, wenn ich sie dir losbinde?«

»Ich verspreche es.«

»Aber darf ich sie dir auch wieder fesseln, wenn jemand kommt?«

»Auch das.«

»Schwöre es!«

»Die heilige Schrift gebietet: Eure Rede sei ja ja, nein nein; was darüber ist, das ist unrecht. -- Ich schwöre nicht, aber ich verspreche es dir und werde mein Wort halten.«

»Ich glaube dir!«

Sie erhob sich halb und versuchte es, die Riemen in meinem Nacken zu lösen. Ich gestehe reumütig, daß mir in diesem Augenblicke der Duft der guten »Petersilie« nicht im geringsten widerwärtig war. Ihr Vorhaben gelang, und ich streckte die schmerzenden Arme mit Wonne aus und gönnte der so lange eingepreßten Brust einen tiefen Atemzug. Madana aber nahm von jetzt an ihren Platz draußen vor der Hütte, wo sie jeden Nahenden bereits von weitem sehen und hören konnte. Daß unsere Unterhaltung durch die Thüröffnung fortgesetzt werden könne, bewies mir die brave Alte auf der Stelle.

»Wenn jemand kommt, werde ich dich einstweilen wieder binden,« sagte sie; »und dann -- dann -- -- dann -- -- -- o Herr, würdest du wiederkommen, wenn ich dir erlaube, einmal fortzugehen?«

»Ja. Wohin aber soll ich gehen?«

»Hinüber auf den Berg, zum Ruh 'i kulyan.«

Ich horchte erstaunt auf. Das war ja ein Abenteuer, wie mir noch selten eines geboten worden war. Ich sollte heimlich aus meiner Gefangenschaft beurlaubt werden, um den geheimnisvollen »Geist der Höhle« kennen zu lernen.

»Ich gehe, und du kannst dich darauf verlassen, daß ich ganz sicher wiederkomme!« versprach ich Madana mit Freuden. »Aber ich kenne den Weg ja nicht!«

»Ich rufe Ingdscha, welche dich führen wird.«

Ingdscha heißt »Perle«. Dieser Name war vielversprechend.

»Wer ist Ingdscha?« erkundigte ich mich neugierig.

»Eine der Töchter von Nedschir-Bey.«

»Von diesem?« fragte ich überrascht.

»Die Tochter ist anders als der Vater, Herr.«

»Aber wird sie mich auf den Weg führen, da sie weiß, daß es ihrem Vater gilt?«

»Sie wird. Sie ist der Liebling Marah Durimehs, und ich habe mit ihr gesprochen von dem fremden Emir, welcher das Gift besiegt und dessen Waffen niemand widerstehen kann.«

Also war mein Ruf als Wunderdoktor selbst bis hierher gedrungen. Erstaunt fragte ich:

»Wer sagte das?«

»Dein Diener hat es in Amadijah dem Vater der Kranken erzählt, und Marah Durimeh hat es Ingdscha wiedergesagt. Sie ist begierig, einen Emir aus Frankistan zu sehen. Soll ich sie rufen, Herr?«

»Ja, wenn es nicht viel gewagt ist.«

»Dann aber muß ich dich vorher binden, doch bloß bis ich wiederkomme.«

»So thue es!«

Ich ließ mich unter diesen Umständen ganz gern wieder fesseln, und als dies geschehen war, verließ die Alte die Hütte. Bald kehrte sie zurück und meldete, daß Ingdscha kommen würde. Sie entfesselte mir die Hände, und ich fragte, ob sie im Dorfe gewesen sei, und äußerte die Besorgnis:

»Aber wenn man dich gesehen hat? Du sollst mich doch bewachen!«

»O, die Männer sind nicht daheim, und die Frauen, welche mich ja gesehen haben können, werden mich nicht verraten.«

»Wo sind die Männer?«

»Sie sind gen Lizan gegangen.«

»Was thun sie dort?«

»Ich habe nicht gefragt. Was geht mich das Treiben der Männer an! Wenn Ingdscha kommt, wird sie es dir vielleicht sagen.«

Die Alte setzte sich wieder vor die Thür. Nach einiger Zeit aber stand sie eilig auf und lief einer sich nahenden Person entgegen. Ich hörte vor der Hütte ein leises Geflüster, und dann verdunkelte sich der Eingang, um die »Perle« einzulassen.

Gleich der erste Blick auf die Eingetretene sagte mir, daß der Name Ingdscha hier ganz an seinem Platze sei. Das Mädchen mochte neunzehn Jahre zählen, war hoch gebaut und von so kräftigen Körperformen, daß sie ohne Bedenken die Frau eines Flügelmannes aus der alten, preußischen Riesengarde hätte werden können. Dennoch war das Gesicht ein mädchenhaft weiches und hatte jetzt, dem Fremden gegenüber, sogar einen sehr bemerkbaren Anflug von Schüchternheit.

»Sallam, Emir!« grüßte sie mit fast leiser Stimme.

»Sallam!« antwortete ich. »Du bist Ingdscha, die Tochter des Raïs von Schohrd?«

»Ja, Herr.«

»Verzeihe, daß ich mich nicht erhebe, um dich zu begrüßen. Ich bin an diesen Pfahl gebunden.«

»Ich denke, Madana hat dich einstweilen frei gemacht?«

»Nur die Hände.«

»Warum nicht auch das übrige?«

Sie bog sich sofort zu mir nieder, um mir die Stricke zu lösen, ich aber wehrte ab:

»Ich danke dir, du Gute! Aber ich bitte dich dennoch, es nicht zu thun, da wir zu lange Zeit brauchen, um mich wieder zu binden, wenn jemand kommt.«

»Madana hat mir alles erzählt,« erwiderte sie. »Herr, ich werde nicht leiden, daß du hier am Boden liegst, du, ein Emir aus dem Abendlande, der alle Länder der Erde bereist, um Abenteuer zu erleben!«

Aha, das waren die Folgen von der Aufschneiderei meines kleinen Hadschi Halef Omar. Das Mädchen hielt mich für einen abendländischen Harun al Raschid, welcher Jagd auf Abenteuer machte.

»Du wirst es aus Vorsicht dennoch leiden müssen,« antwortete ich. »Komm, laß dich an meiner Seite nieder und erlaube, daß ich dir einige Fragen vorlege!«

»Herr, deine Güte ist zu groß. Ich bin ein armes, geringes Mädchen, dessen Vater dich noch dazu tödlich beleidigt hat.«

»Vielleicht verzeihe ich ihm um deinetwillen.«

»Nicht um meinet-, sondern um meiner Mutter willen, Herr. Er ist nicht mein rechter Vater; der erste Mann meiner Mutter ist gestorben.«

»Armes Kind! Und der zweite Mann deiner Mutter ist wohl streng und grausam mit dir?«

Ihr Auge leuchtete auf.

»Streng und grausam? Herr, das sollte er nicht wagen! Nein, aber er verachtet sein Weib und seine Töchter; er sieht und hört nicht, daß sie sich in seinem Hause befinden; er will nicht haben, daß wir ihn lieben, und darum -- darum ist es keine Sünde, wenn ich dich zum Ruh 'i kulyan geleite.«

»Wann wird dies geschehen?«

»Grad um Mitternacht muß man auf dem Berge sein.«

»Er befindet sich in einer Höhle?«

»Ja. Allemal um Mitternacht am ersten Tage der zweiten Woche.«

»Aber wie merkt man, daß er zugegen ist?«

»An dem Lichte, welches man mitbringen muß. Man setzt ein Licht vor den Eingang der Höhle und zieht sich zurück. Brennt es fort, so ist der Geist nicht da; verlöscht es aber, so ist er zugegen. Dann tritt man wieder hinzu, geht drei Schritte weit in die Höhle hinein und sagt, was man will.«

»In welchen Angelegenheiten darf man mit dem Geiste sprechen?«

»In allen. Man kann ihn um etwas bitten; man kann einen andern verklagen; man kann sich auch nach etwas erkundigen.«

»Aber ich denke, der Geist spricht nicht! Wie erhält man seine Antwort?«

»Wenn man den Wunsch gesagt hat, so geht man bis an das Bild zurück und wartet kurze Zeit. Beginnt das Licht wieder zu brennen, so ist die Bitte erfüllt, und nach kurzer Zeit, oft schon in der ersten Nacht noch erhält man auf irgend eine Weise die Nachricht, welche man erwartet hat.«

»Was ist das für ein Bild, von dem du redest?«

»Es ist ein hoher Pfahl, an welchem das Bild der heiligen Mutter Gottes befestigt ist.«

Das überraschte mich, da ich wußte, daß die Chaldani lehren, die heilige Maria sei nicht die Mutter Gottes, sondern nur die Mutter des Menschen Jesus. Der geheimnisvolle Ruh 'i kulyan schien sonach ein guter Katholik zu sein.

»Wie lange bereits steht dieses Bild?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht; es steht schon länger als ich lebe.«

»Und hat noch kein Kurde oder Chaldani gesagt, daß es fort müsse?«

»Nein, denn dann würde der Ruh 'i kulyan für immer verschwunden sein.«

»Und dies wünscht niemand?«

»Niemand, Herr. Der Geist thut Wohlthat über Wohlthat in der ganzen Gegend. Er beglückt die Armen und beratet die Reichen; er beschützt die Schwachen und bedroht die Mächtigen; der Gute hofft auf ihn, und der Böse zittert vor ihm. Wenn ich den Vater bitte, dich frei zu geben, so verlacht er mich; wenn es ihm aber der Geist gebietet, so wird er gehorchen.«

»Warst auch du einmal des Nachts oben bei der Höhle?«

»Mehrere Male. Ich habe für meine Mutter und Schwester gebeten.«

»Wurde deine Bitte erfüllt?«

»Ja.«

»Wer brachte dir die Erfüllung?«

»Die ersten Male kam es des Nachts, und ich konnte nichts sehen; beim letzten Male aber war es Marah Durimeh. Der Geist war ihr erschienen und hatte sie zu mir gesandt.«

»So kennst du Marah Durimeh?«

»Ich kenne sie, seit ich lebe.«

»Sie ist wohl oft bei euch?«

»Ja, Herr. Und dann gehe ich mit ihr auf die Berge, um Kräuter zu sammeln, oder wir besuchen die Kranken, welche ihrer Hilfe bedürfen.«

»Wo wohnet sie?«

»Niemand weiß es. Vielleicht hat sie nirgends eine Wohnung, aber sie ist in jedem Hause willkommen, in das sie kommt.«

»Woher stammt sie?«

»Darüber wird sehr verschieden gesprochen. Die meisten erzählen, daß sie eine Fürstin aus dem alten Geschlechte der Könige von Lizan sei. Das war ein gar mächtiges Geschlecht, und ganz Tijari und Tkhoma war ihm unterthan. Sie aßen und tranken aus goldenen Gefäßen, und alles andere war von Silber und Metall gemacht. Da aber wandten sie sich dem Propheten von Medina zu, und der Herr schüttelte die Wolken seines Zornes über sie aus; sie wurden verstreut in alle Lande. Nur Marah Durimeh war ihrem Gott treu geblieben, und er hat sie gesegnet mit einem hohen Alter, mit einem weisen Herzen und mit großen Reichtümern.«

»Wo hat sie diese Reichtümer, da sie doch keine Wohnung besitzt?«

»Niemand weiß es. Einige sagen, sie habe ihr Gold in der Erde vergraben. Viele aber behaupten, sie habe Macht über die Geister der Tiefe, welche ihr so viel Geld bringen müssen, als sie brauche.«

»Also sie hat dir von mir erzählt?«

»Ja, alles, was dein Diener in Amadijah von dir berichtet hat. Sie hat mir befohlen, sobald ich höre, daß du in diese Gegend gekommen seist, solle ich hinauf zur Höhle gehen, um den Ruh 'i kulyan zu bitten, dich vor allem Unfall zu behüten. Nun aber wirst du dies selbst thun.«

»Du gehst nicht ganz mit zur Höhle?«

»Nein. Wenn du selbst kommst, so kann ich fern bleiben. Hast du nicht Hunger, Herr? Madana sagte mir, daß du ihr erlaubt habest, dein Mahl zu verzehren.«

»Wer hatte dieses Mahl bereitet?«

»Sie selbst. Der Vater hat es bei ihr bestellt.«

»Warum nicht bei euch?«

»Weil wir nicht wissen sollen, daß er einen Gefangenen verbirgt. Der Mann Madanas ist sein bester Gefährte, und darum hat sie den Befehl erhalten, dich zu bewachen.«

»Wo sind die Männer eures Dorfes?«

»Sie werden sich in der Gegend von Lizan befinden.«

»Was thun sie dort?«

»Ich weiß es nicht.«

»Kannst du es nicht erfahren?«

»Vielleicht. Doch sage, Herr, ob du essen willst!«

Ich antwortete ausweichend:

»Ich verschmähte das Gericht, weil ich nicht gewohnt bin, Schnecken mit Knoblauch zu essen.«

»O, Emir, ich werde dir etwas anderes bringen. In einer Stunde ist es Nacht; ich eile, und dann komme ich wieder, um dir von allem zu bringen, was wir haben!«

Sie erhob sich eilig, und ich bat:

»Erkundige dich auch, was eure Männer thun!«

Sie ging, und es war dies just zur rechten Zeit geschehen; denn noch waren kaum zehn Minuten vergangen, so trat Madana, welche das Mädchen begleitet hatte, in höchster Eile herein.

»Ich muß dich fesseln!« rief sie. »Mein Mann kommt, gesandt von Nedschir-Bey. Er darf nicht wissen, daß wir miteinander gesprochen haben. Verrate mich nicht!«

Sie band mir die Arme wieder empor und hockte sich dann neben dem Eingang nieder. Ihr altes, runzeliges Gesicht nahm dabei einen unnahbaren, feindseligen Ausdruck an.

Bereits nach wenigen Sekunden erscholl der Hufschlag eines Pferdes. Ein Reiter hielt vor der Hütte an, stieg ab und trat herein. Es war ein alter, hagerer Kerl, welcher jedenfalls nicht seinem Innern, wohl aber ganz gut seinem Aeußern nach zu meiner braven »Petersilie« paßte. Er trat ohne Gruß zu mir und untersuchte meine Fesseln; als er diese in Ordnung fand, wandte er sich barsch an sein Weib:

»Gehe hinaus und horche nicht!«

Sie verließ lautlos die Hütte, und er kauerte sich mir gegenüber auf dem Boden nieder. Ich war wirklich neugierig, was mir dieser Petersilius zu sagen habe, dessen Kleidern der bereits beschriebene Duft seiner Madana im Superlativ entströmte.

»Wie heißest du?« herrschte er mich an.

Natürlich antwortete ich ihm nicht.

»Bist du taub? Ich will deinen Namen wissen.«

Wieder erfolgte das, was der Musiker +tacet+ nennt.

»Mensch, wirst du antworten!«

Bei diesem Befehle versetzte er mir einen Tritt in die Seite. Mit den Händen konnte ich ihn nicht fassen, aber die Beine konnte ich wenigstens so weit bewegen, als nötig war, ihm meine Ansicht von der Sache ohne alle theoretische Auseinandersetzungen beizubringen; ich zog die zusammengefesselten Kniee empor, stieß sie wieder aus und schnellte mittels dieser Bewegung den Mann vom Erdboden empor, daß er, wie von einer Katapulte geschleudert, an die Mauer flog. Sein Knochengerüst mußte von einer ganz vorzüglichen Dauerhaftigkeit sein; er besah sich zwar zunächst von allen Seiten, meinte aber dann im besten Wohlsein:

»Mensch, das wage nicht wieder!«

»Rede höflich, so antworte ich höflich!« entgegnete ich nun.

»Wer bist du?«

»Spare solche Fragen! Wer ich bin, das weißt du schon längst.«

»Was wolltest du in Lizan?«

»Das geht dich nichts an.«

»Was wolltest du bei den Berwari-Kurden?«

»Auch dies geht dich nichts an.«

»Wo hast du dein schwarzes Pferd?«

»Es ist sehr gut aufgehoben.«

»Wo hast du deine Sachen?«

»Da, wo du sie nicht bekommen wirst.«

»Bist du reich? Kannst du ein Lösegeld bezahlen?«

»Tritt näher, wenn du es haben willst. Merke dir einmal, Mann: ich bin ein Emir, und du bist ein Untergebener deines Raïs. Nur ich allein habe zu fragen, und du hast zu antworten. Glaube nicht, daß ich mich von dir ausforschen lasse!«

Er schien es doch für das Klügste zu halten, auf meine Ansicht einzugehen; denn er meinte nach kurzem Ueberlegen:

»So frage du!«

»Wo ist Nedschir-Bey?«

»Warum fragst du nach ihm?«

»Weil er es ist, der mich überfallen ließ.«

»Du irrst!«

»Lüge nicht!«

»Und doch irrst du. Du weißt ja gar nicht, wo du dich befindest!«

»Meinst du wirklich, daß ein Emir aus Frankistan zu täuschen ist? Wenn ich von hier aus das Thal herniedersteige, komme ich nach Schohrd. Rechts davon liegt Lizan, links Raola, und da oben auf dem Berge ist die Höhle des Ruh 'i kulyan.«

Er konnte eine Bewegung des Erstaunens nicht verbergen.

»Was weißt du von dem Geiste der Höhle, Fremdling?«

»Mehr wie du, mehr wie alle, die in diesem Thale wohnen!«

Wieder war es Marah Durimeh, welche mich zum Herrn der Situation machte. Der Nasarah wußte offenbar nicht, ob er sich nun des ihm gewordenen Auftrags werde entledigen können.

»Sage, was du weißt,« meinte er.

»Pah! Ihr seid nicht wert, von dem Geiste der Höhle zu hören. Was willst du bei mir? Weshalb habt ihr mich überfallen und gefangen genommen?«

»Wir wollen von dir zunächst dein Pferd.«

»Weiter.«

»Deine Waffen.«

»Weiter!«

»Alle deine Sachen.«

»Weiter!«

»Und alles, was deine Begleiter bei sich haben.«

»O Mann, du bist bescheiden!«

»Dann werden wir dich freilassen.«

»Glaubst du? Ich glaube es nicht, denn ihr wollt noch mehr.«

»Nichts weiter, als daß du dem Melek von Lizan befiehlst, den Bey von Gumri nicht loszugeben.«

»Befiehlst? Bist du verrückt, Alter? Du meinst, ich könne dem Könige von Lizan Befehle erteilen, und wagst es doch, mir Vorschriften zu machen, du, ein Wurm, den ich mit Füßen trete!«

»Herr, schimpfe nicht!«

»Ich schimpfe nicht; ich sage die Wahrheit. Schäme dich, Mensch! Du nennst dich einen Christen und bist doch ein ganz gemeiner Dieb und Räuber. Auch ich bin ein Christ und werde überall erzählen, daß die Chaldani schlimmer sind, als die kurdischen Wegelagerer. Die Berwari haben mich, den Christen, mit Freuden aufgenommen; die Nasarah und Dschohrd aber haben mich hinterrücks überfallen und mich ausgeraubt.«

»Du wirst nichts erzählen, denn wenn du nicht thust, was ich dir sage, so wirst du niemals wieder ohne Fesseln sein.«

»Das wird sich finden, denn der Melek von Lizan wird mich von euch fordern.«

»Wir fürchten ihn nicht; er hat uns nicht zu befehlen, und wir werden noch heut sehr mächtige Verbündete erhalten. Wirst du thun, was ich gefordert habe?«

»Niemals!«

»So wisse, daß ich erst morgen wiederkomme. Du bekommst niemand zu sehen, als nur mich und deine Wärterin, welche dir kein Essen mehr bringen darf. Der Hunger wird dich gefügig machen! Und da du mich mit den Füßen getreten hast, so sollst du zur Strafe auch dürsten müssen.«

Er schüttete das Wasser aus dem Napfe, machte noch eine verächtliche Gebärde gegen mich und trat dann hinaus in das Freie. Da hörte ich ihn einige Zeit lang in befehlendem Tone mit seinem Weib reden, dann stieg er aufs Pferd und ritt davon.

Ich wußte nun, warum man sich meiner bemächtigt hatte. Dem Raïs von Dschohrd war an einem Kampfe mit den Kurden gelegen, und daher sollte ich als Vermittler unschädlich gemacht werden; nebenbei konnte man sich dann auch mein Eigentum aneignen. Der angebliche Bote des Melek war von dem Raïs geschickt worden, um sich zu überzeugen, wo ich mich befände.

Nach einiger Zeit trat Madana ein.

»Hat er dich beleidigt, Herr?« war ihre erste Frage.

»Laß es gut sein!«

»Emir, zürne ihm nicht! Der Raïs hat es ihm geboten. Aber er war sehr zornig auf dich. Ich soll kein Wort mit dir sprechen und darf dir weder Essen noch Trinken geben.«

»Wann kommt er wieder?«

»Erst morgen, sagte er. Er muß noch in der Nacht nach Murghi reiten.«

»Kommen unterdessen andere Männer herbei?«

»Ich glaube es nicht. Es dürfen nur wenige wissen, wo du dich befindest. Er hat dir das Wasser ausgeschüttet; ich werde an die Quelle gehen, um dir anderes zu holen.«

Sie that es und brachte auch einen Bündel Kienspäne herbei, um die Hütte zu erleuchten; denn es begann bereits stark zu dunkeln. Eben hatte sie den ersten brennenden Span in eine Mauerlücke gesteckt, als von draußen Schritte erschollen. Zum Glück war ich noch nicht entfesselt worden. Aber was war das? Diese hastigen Lungentöne gehörten sicher einem Hunde, der mit aller Gewalt an der Leine vorwärts strebte -- jetzt ein kurzer scharfer Laut -- o, diesen kannte ich, denn ich hatte ihn oft genug gehört.

»Dojan!« rief ich im frohesten Tone.

Ein lautes Bellen und ein menschlicher Ruf war zu vernehmen; dann sauste der Hund durch den Eingang herein, riß die brave »Petersilie« über den Haufen und stürzte sich, vor Freude heulend, über mich her. Und gleich im nächsten Augenblick erschien der drohende Lauf einer Büchse in der Thür, und eine Stimme fragte:

»Sihdi, bist du drin?«

»Ja, Halef!«

»Ist Gefahr?«

»Nein. Du kannst ohne Sorge eintreten!«

Nun schob der kleine Hadschi erst die Büchse, dann seinen zwölfhaarigen Schnurrbart und endlich sich selbst herein.

»Hamdulillah, Sihdi, daß ich dich habe! Wie kommst du an diesen fremden -- -- -- Maschallah, du bist gefangen, du bist gefesselt! Von diesem Weibe? Von diesem Drachen? Fahre zur Dschehennah, du Ausbund aller Häßlichkeit!«

Er riß im höchsten Grimme seinen Dolch heraus.

»Halt, Halef!« gebot ich. »Ich bin zwar gefangen, aber diese Frau ist meine Freundin. Sie hätte mich errettet, auch wenn du nicht gekommen wärst.«

»Dich? Errettet, Sihdi?«

»Ja. Wir hatten uns den Plan bereits besprochen.«

»Und ich wollte sie erstechen!« -- Er wandte sich mit strahlendem Gesichte zu ihr: »Preis sei Allah, der dich erschaffen hat, du schönste der Frauen in Kurdistan! Dein Haar ist wie Seide, deine Haut wie die Verschämtheit der Morgenröte, und dein Auge glänzt wie ein Stern des Himmels. Wisse, du Holde: ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah! Du hast meinen Freund und Gebieter mit der Güte deines Herzens erquickt, und darum -- -- --«

»Halt ein!« unterbrach ich den Fluß seiner Rede. »Diese Frau versteht kein Wort arabisch, sondern nur kurdisch.«

Jetzt suchte er seinen ganzen kurdischen Wortvorrat zusammen, um ihr verständlich zu machen, daß er sie für die schönste und würdigste aller Frauen halte und daß sie sich für alle Tage ihres Lebens auf seine Freundschaft verlassen könne. Ich aber half ihm und ihr aus der Verlegenheit, indem ich ihr erklärte:

»Madana, du sprachst heut von meinem Diener, der dem Vater der Kranken in Amadijah von mir erzählt hatte. Dieser hier ist es! Er hat meine Spur gefunden und bis hierher verfolgt, um mich zu retten.«

»O Herr, was wirst du nun thun? Wirst du fliehen?«

»Sei unbesorgt! Ich werde nichts thun, ohne zuvor mit dir gesprochen zu haben. Setze dich ruhig nieder!«

Unterdessen hatte Halef meine Bande zerschnitten und neben mir Platz genommen. Ich befand mich jetzt in Sicherheit, denn mit ihm und dem Hunde fürchtete ich keinen Nasarah.

»Sihdi, erzähle,« bat er.

Ich berichtete ihm auf das ausführlichste, was mir widerfahren war, und es versteht sich ganz von selbst, daß ich von ihm häufig durch die lebendigsten Ausrufungen unterbrochen wurde. Endlich sagte er:

»Sihdi, wäre ich ein Pascha, so würde ich Madana belohnen und Ingdscha heiraten. Da ich aber kein Pascha bin und schon meine Hanneh habe, so rate ich dir: Nimm du die >Perle< zur Frau! Sie ist groß und stark -- wie du selbst!«

»Ich werde es mir überlegen,« erwiderte ich lachend. »Nun aber, vor allen Dingen, sage mir, wie es in Lizan steht, und wie du auf meine Spur gekommen bist.«

»O, Sihdi, das hat eine große Verwirrung gegeben. Es geschah, was du gesagt hattest: die Nasarah zogen sich über den Fluß zurück und warteten auf deine Rückkehr. Aber du kamst nicht -- -- --«

»Kam nicht der Haddedihn?«

»Er kam, und als er über die Brücke reiten wollte, wäre er beinahe erschossen worden; doch ich erkannte ihn noch zur rechten Zeit. Er erzählte, daß man unterwegs auf euch geschossen hätte. Sein Pferd war gestreift worden und mit ihm durchgegangen. Es dauerte längere Zeit, bis er es zu zügeln vermochte; dann ritt er zurück und fand mein Pferd, das du geritten hattest, tot am Boden liegen; du aber warst verschwunden.«

»Holte er nicht schnell bei den Kurden Hilfe?«

»O nein, Sihdi. Er glaubte, sie seien euch heimtückisch nachgefolgt, um euch zu töten; denn ihr Anführer, der Kiaja, war ein böser Mann gewesen. Darum eilte der Haddedihn nun schnell nach Lizan, um uns herbeizuholen.«

»Jetzt kamt ihr in Verlegenheit?«

»Ich nicht, Sihdi, aber die andern. Ich wußte, was zu thun sei, und habe es später auch richtig gethan. Sie jedoch hielten einen großen Rat, und es wurde beschlossen, eine Gesandtschaft zu den Kurden zu schicken; sie sollten dich oder deinen Leichnam herausgeben.«

»Gott sei Dank! So weit war es nicht gekommen!«

»Herr, wärest du von ihnen getötet worden; -- bei Allah, ich wäre nicht eher aus diesem Lande fortgegangen, als bis ich alle Berwari nach und nach erschossen hätte! Du weißt es, daß ich dich lieb habe!«

»Ich weiß es, mein braver Halef. Doch weiter!«

»Die Gesandtschaft wurde von den Kurden sehr schlimm aufgenommen --«

»Wer war dabei?«

»Mohammed Emin, zwei Kurden, die mit uns von den Nasarah gefangen wurden, der Schreiber des Melek und ein Nasarah, der arabisch reden kann und den Dolmetscher des Haddedihn machen sollte. Zuerst wollten die Kurden nicht glauben, daß du überfallen worden seist; sie hielten das für eine Hinterlist von dem Melek. Als sie aber das tote Pferd sahen, glaubten sie es. Nun behaupteten sie, die Nasarah hätten dich beseitigt, weil sie keinen Vermittler haben wollten. Es wurden Botschaften hin und her gesandt. Dann kam auch Nedschir-Bey und sagte, du seist von den Berwari-Kurden erschossen worden; er habe es vom andern Ufer aus gesehen -- -- --«

»Der Schuft!«

»Das ist er, Sihdi. Aber er soll seinen Lohn erhalten! So wäre es beinahe zum Kampf gekommen; da aber ging ich zum Melek, der sich grad bei dem Bey von Gumri befand, und bat ihn, sie sollten einen Waffenstillstand abschließen, und ich wolle während dieser Zeit sehen, ob ich dich finden könne. Sie glaubten, das sei unmöglich; aber als ich von unserm Hunde sprach, bekamen sie Hoffnung. Es wurde nun noch eine letzte Gesandtschaft fortgeschickt, mit der ich gehen sollte. Die Berwari zeigten sich einverstanden, daß beide Teile bis morgen mittag auseinander bleiben sollten; bist du dann noch nicht wieder da, so geht der Kampf los.«

»Nun, und du?«

»Wir gingen mit dem Hunde an die Stelle, wo das Pferd liegt. Dojan fand sofort deine Fährte und zog mich fort bis an den Fluß. Es war klar, daß du über das Wasser hinübergeschafft worden warest. Die andern meinten, ich solle erst nach Lizan zurück, um über die Brücke an das andere Ufer zu kommen; ich aber hatte keine Zeit dazu, denn der Abend war schon nahe. Ich zog mich aus, wickelte meine Kleider um den Kopf, legte die Waffen darauf und ging mit dem Hunde allein hinüber.«

»Fandet ihr die Spur sofort?«

»Ja, Sihdi. Wir folgten ihr, nachdem ich mich wieder angekleidet hatte -- und da sind wir nun, Effendi!«

»Halef, das werde ich dir nicht vergessen!«

»Schweig, Herr! Du hättest ganz dasselbe und auch noch mehr für mich gethan!«

»Was sagte der Engländer?«

»Man versteht seine Sprache nicht, aber er ist ganz wütend herumgelaufen und hat ein Gesicht gemacht, wie ein Panther, wenn er gefangen ist.«

»Weiß Nedschir-Bey, daß du mich suchst und den Hund bei dir hast?«

»Nein. Er war schon vorher wieder fort.«

»Sind dir hier Leute begegnet?«

»Niemand. Der Hund führte mich durch eine Gegend, wo kein Mensch zu gehen scheint.«

»Wo befindet sich mein Rappe?«

»Im Hofe des Melek. Ich habe ihn dem Haddedihn übergeben.«

»So ist er in guten Händen.«

Da erschollen leichte Schritte draußen. Halef griff nach seinen Waffen, und Dojan machte sich sprungfertig. Ich beruhigte beide, denn es war Ingdscha, die eintrat.

Das Mädchen blieb ganz erstaunt am Eingange stehen, als sie den Diener und den Hund erblickte.

»Fürchte dich nicht,« sagte ich; »dieser Mann und dieser Hund sind dir freundlich gesinnt.«

»Wie kommen sie hierher?«

»Sie haben mich aufgesucht, um mich zu befreien.«

»So willst du uns verlassen?«

»Jetzt noch nicht.«

»Bedarfst du noch des Ruh 'i kulyan?«

»Ja. Willst du mich noch zu ihm führen?«

»Gern, Emir. Hier habe ich dir Speise und Trank gebracht. Nun aber wird es nicht ausreichen für zwei und den Hund.«

Sie trug einen großen Binsenkorb, der voll bepackt war. Es hätten fünf Männer sich satt essen können.

»Sorge dich nicht, du Gute,« antwortete ich; »es reicht für mehr als für uns. Du und Madana, ihr beide sollt auch mit zulangen.«

»Herr, wir sind Frauen!«

»In meinem Vaterlande werden die Frauen nicht verachtet. Bei uns sind sie die Zierde und der Stolz des Hauses und nehmen beim Mahle den Ehrenplatz ein.«

»O, Emir, wie glücklich sind eure Frauen!«

»Aber sie müssen mit Schaufeln essen!« fiel die >Petersilie< in sehr mitleidigem Tone ein.

»Das sind keine Schaufeln, sondern kleine, zierliche Werkzeuge von schönem Metall, mit denen es sich ganz vortrefflich und noch viel appetitlicher essen läßt, als mit den nackten Fingern. Wer bei uns sich während des Essens die Hände mit Speise besudelt, der gilt für einen unreinlichen und ungeschickten Menschen. Ich will euch einmal zeigen, wie ein solcher Kaschyk[148] aussieht.«

Während Ingdscha ein mitgebrachtes Tuch auf den Boden breitete, um die Speisen darauf zu legen, nahm ich Halefs Dolchmesser und schnitt mit demselben einen tüchtigen Span aus dem Pfahle, um daraus einen Löffel zu schnitzen. Er war bald fertig und erregte, als ich ihnen den Gebrauch desselben an dem Wassernapfe zeigte, die Bewunderung der beiden einfachen Frauen.

»Nun sage selbst, o Madana, kann man dieses kleine Ding ein Kürek[149] nennen?«

»Nein, Herr,« antwortete sie. »Ihr braucht doch keine so großen Mäuler zu haben, als ich erst dachte.«

»Herr, was wirst du mit diesem Kaschyk thun?« fragte Ingdscha.

»Wegwerfen.«

»O nein, Emir! Magst du mir ihn nicht schenken?«

»Für dich ist er nicht schön genug. Für die Perle von Schohrd müßte er von Silber sein.«

»Herr,« meinte sie errötend, »er ist schön genug! Er ist schöner, als wenn er von Altyn und Gümisch[150] gemacht worden wäre; denn du hast ihn gefertigt. Ich bitte dich, schenke ihn mir, damit ich eine Erinnerung habe, wenn du uns verlassen hast!«

»So behalte ihn! Aber du sollst mich morgen mit Madana in Lizan besuchen und da werde ich euch noch etwas Besseres geben.«

»Wann willst du fort von hier?«

»Das wird der Ruh 'i kulyan bestimmen. Jetzt aber setzt euch herzu. Wir wollen unser Mahl beginnen.«

Ich mußte diese Bitte noch einige Male wiederholen, ehe sie erfüllt wurde. Halef hatte bisher gar nicht gesprochen, sondern nur immer das schöne Mädchen beobachtet.

Jetzt stieß mein kleiner Diener einen Seufzer aus und meinte in arabischer Sprache:

»Sihdi, du hast recht!«

»Womit?«

»Selbst wenn ich ein Pascha wäre, ich paßte nicht zu ihr. Nimm du sie, Sihdi! Sie ist schöner als alle, die ich gesehen habe.«

»Es wird hier schon ein Jüngling sein, den sie lieb hat.«

»Frage sie einmal!«

»Das geht nicht, mein kleiner Hadschi Halef; das würde sehr unhöflich und zudringlich sein.«

Ingdscha hatte wohl bemerkt, daß von ihr die Rede war; darum sagte ich zu ihr:

»Dieser Mann ist bereits ein guter Bekannter von dir.«

»Wie meinst du das, Emir?«

»Es ist der Diener, von dem dir Marah Durimeh erzählt hat. Die andern haben alle geglaubt, daß ich ermordet worden sei, und nur er allein hat es gewagt, mir nachzufolgen.«

»Er ist ein kleiner, aber ein treuer und mutiger Mann,« meinte sie mit einem Blick der Anerkennung auf ihn.

»Was sagte sie von mir?« fragte er, da er diesen Blick ganz wohl bemerkt hatte.

»Sie sagte, du seist ein sehr treuer und mutiger Mann.«

»Sage ihr, sie sei ein sehr schönes und gutes Mädchen, und es sei sehr schade, daß ich so klein und kein Pascha bin.«

Während ich seine Worte verdolmetschte, reichte er ihr die Hand entgegen, und sie schlug lachend ein. Dabei strahlte ihr Angesicht so lieb und gut, daß mich ein aufrichtiges und warmes Bedauern überkam, indem ich an das einförmige, freudenlose Leben dachte, das ihrer in diesem Lande wartete.

»Hast du nicht einen Wunsch, den ich dir erfüllen könnte?« fragte ich sie infolge dieser freundschaftlichen Aufwallung.

Sie blickte mir einige Sekunden lang nachdenklich in das Gesicht und antwortete dann:

»Ja, Herr, ich habe einen Wunsch.«

»Sage ihn!«

»Emir, ich werde sehr viel an dich denken. Wirst du dich auch zuweilen an uns erinnern?«

»Oft, sehr oft!«

»Scheint der Mond bei euch auch so wie bei uns?«

»Ganz so.«

»Herr, blicke am Abend eines jeden Vollmondes zu ihm empor; dann werden sich da oben unsere Augen treffen!«

Jetzt war ich es, der ihr die Hand hinüber reichte.

»Ich werde es thun -- und ich werde auch an andern Abenden deiner gedenken, wenn der Mond am Himmel steht. So oft du ihn erblickst, so denke, daß er dir meine Grüße bringen soll.«

»Und er dir die unsrigen!«

Jetzt stockte die Unterhaltung; wir waren ins Elegische geraten. Doch kehrte während des weiteren Verlaufs des Mahles die vorige Stimmung wieder zurück. Ingdscha war sogar die erste, die das Wort von neuem ergriff:

»Wird dein Diener mit zur Höhle gehen, Herr?«

»Nein. Er wird jetzt nach Lizan zurückkehren, um meine Gefährten zu beruhigen.«

»Das mag er thun, denn ihnen droht Gefahr.«

»Welche?« fragte ich anscheinend ruhig.

»Es waren vorhin zwei Männer hier. Der eine ritt zu dir, und der andere blieb im Dorfe zurück. Mit diesem habe ich gesprochen. Er sollte niemand etwas sagen, aber er hat mir doch genug verraten, was ich dir erzählen muß. Du glaubst, daß der Streit bis morgen mittag ruhen soll?«

»Ich hoffe es.«

»Es giebt viele Leute, die dies nicht wünschen, und diese Männer haben sich meinen Vater zum Anführer gewählt. Er hat Eilboten nach Murghi, Minijanisch und Aschitha, auch das Thal abwärts bis nach Biridschai und Ghiffa gesandt, um alle waffenfähigen Männer herbeizurufen. Sie werden sich noch während der Nacht versammeln und dann am Morgen über die Berwari herfallen.«

»Welche Unvorsichtigkeit! Dein Vater wird das ganze Thal unglücklich machen!«

»Glaubst du, daß die Berwari uns überlegen sind?«

»An Kriegstüchtigkeit, ja, wenn auch heute noch nicht an Zahl. Aber wenn einmal der Kampf entbrannt ist, so wird er an allen Orten auflodern, und dann sind die Kurden euch hundertfach überlegen; denn die Chaldani sind von den Stämmen der Kurden auf allen Seiten eingeschlossen.«

»O Gott, wenn du recht hättest!«

»Ich habe recht, das darfst du mir glauben! Wenn es heut und morgen nicht gelingt, einen Frieden zu stande zu bringen, so brechen noch viel schlimmere Zeiten über euch herein, als zur Zeit von Beder-Khan und Nur-Ullah-Bey. Es ist dann sehr wahrscheinlich, daß die Chaldani mit Weib und Kind vollständig ausgerottet werden.«

»Ist dies wirklich dein Ernst, Emir?«

»Wirklich und wahrhaftig!«

»O Jesus, was sollen wir thun?«

»Weißt du, wo dein Vater die Streitsüchtigen versammeln will?«

»Nein; das konnte ich nicht erfahren.«

»Weißt du auch nicht, wo er sich jetzt befindet?«

»Er reitet von einem Orte zum andern, um die Männer zum Kampfe aufzumuntern.«

»So kann uns nur vielleicht der Ruh 'i kulyan helfen. Bis dahin aber muß ich Vorbereitungen treffen.«

»Thue es, Herr, und alle Friedfertigen werden dein Andenken segnen, wenn du längst nicht mehr bei uns bist!«

Das Mahl war beendet, und daher fragte ich Halef:

»Wirst du den Weg nach Lizan finden können, doch so, daß dich unterwegs niemand bemerkt?«

Er nickte, und ich fuhr fort:

»Du gehst zum Melek und zum Bey von Gumri und sagst ihnen, wie und wo du mich gefunden hast.«

»Soll ich sagen, wer dich überfallen hat?«

»Ja. Nedschir-Bey hat mich gefangen genommen, damit ich den Frieden nicht vermitteln könne. Er verlangt für meine Freiheit mein Pferd, mein Eigentum und alles, was meine Gefährten bei sich tragen.«

»Der Scheïtan soll's ihm geben!«

»Du siehst, daß man mir bereits alles genommen hat. Laß mir deine Pistolen und dein Messer hier. Auch den Hund behalte ich da.«

»Nimm die Flinte dazu, Sihdi! Ich komme auch ohne Waffen nach Lizan zurück.«

»Die Flinte könnte mir hinderlich sein. Erzähle dann dem Bey und dem Melek, daß der Raïs von Schohrd Boten gesandt hat in alle Orte auf- und abwärts von Lizan, um die Einwohner zum Kampfe aufzuwiegeln. Sie sollen sich während der Nacht an einem Orte versammeln, den ich leider nicht kenne, und dann wollen sie über die Berwari herfallen. Auch der Raïs selbst reitet überall herum; und ich lasse dem Melek sagen, daß er ihn sofort festnehmen soll, sobald er ihn erwischen kann.«

»Sihdi, ich wollte, ich träfe diesen Menschen jetzt unterwegs; ich habe ihn mir genau gemerkt und würde ihn unschädlich machen.«

»Du allein? Das laß bleiben! Du bist ihm nicht gewachsen; er ist zu stark für dich.«

Der kleine Mann erhob sich mit der Miene eines Beleidigten, reckte seine geschmeidigen Glieder und rief:

»Zu stark für mich? Was denkst du, Sihdi, und wo ist dein weises Urteil auf einmal hingeraten! Habe ich nicht Abu Seif besiegt? Habe ich nicht noch viele andere große Thaten verrichtet? Was ist dieser Nedschir-Bey gegen den berühmten Hadschi Halef Omar? Ein blinder Frosch, eine lahme Kröte, die ich zertreten werde, sobald ich sie erblicke. Du bist Emir Kara Ben Nemsi, der Held aus Frankistan; soll ich, dein Freund und Beschützer, mich vor einem zerlumpten Chaldani fürchten? O Sihdi, wie wundere ich mich über dich!«

»Wundere dich meinetwegen, aber sei vorsichtig. Es kommt jetzt alles darauf an, daß du glücklich Lizan erreichst.«

»Und wenn sie nun fragen, wann du mir nachfolgen wirst; was soll ich ihnen antworten?«

»Sage ihnen, daß ich wohl bis zum Morgen bei ihnen sein werde.«

»So nimm hier die Pistolen und den Dolch, auch hier den Kugelsack, und Allah behüte dich!«

Dann trat er zu Ingdscha und reichte ihr die Hand:

»Lebe wohl, du schönste unter den Schönen! Wir sehen uns wohl wieder.«

Auch der guten >Petersilie< reichte er die Hand:

»Lebe wohl, auch du, liebliche Mutter der Chaldani! Meine Augenblicke bei dir waren süß, und wenn du dir auch einen Löffel wünschest, so werde ich dir sehr gern einen schnitzen, damit du denken kannst an deinen Freund, der von dir geht. Sallam, du Kluge, du Treue, Sallam!«

Sie verstanden zwar beide nicht, was er sagte, aber sie nahmen seine Worte freundlich auf, und Madana verließ sogar mit ihm die Hütte, um ihn eine Strecke zu begleiten.

Ich blickte durch den Eingang, um an dem Stand der Sterne die Zeit zu bemessen; denn auch die Uhr war mir abgenommen worden. Es mochte vielleicht zehn Uhr sein.

»Es ist zwei Stunden vor Mitternacht. Wann gehen wir?« fragte ich das Mädchen.

»In einer Stunde.«

»Meine Zeit ist sehr kostbar. Kann man mit dem Geist der Höhle nicht eher sprechen?«

»Die rechte Zeit ist genau um Mitternacht. Er wird zornig, wenn man eher kommt.«

»Bei mir wird er nicht zornig werden.«

»Weißt du das gewiß?«

»Ganz gewiß.«

»So laß uns gehen, sobald Madana zurückgekehrt ist.«

»Haben wir ein Licht?«

Sie zeigte mir schweigend einige kurze Binsenflechten, die mit Hammeltalg getränkt waren. Auch Feuerzeug hatte sie bei sich. Dann fragte sie:

»Herr, ich habe eine Bitte.«

»Sprich!«

»Wirst du meinem Vater verzeihen?«

»Ja; um deinetwillen.«

»Aber der Melek wird ihm zürnen!«

»Ich werde ihn besänftigen.«

»Ich danke dir!«

»Hast du nicht erfahren, wer meine Waffen erhalten hat und die anderen Sachen, die man mir abgenommen hat?«

»Nein. Der Vater wird sie wohl haben.«

»Wo pflegt er solche Dinge aufzubewahren?«

»Nach Hause hat er nichts gebracht; ich hätte es bemerkt.«

Jetzt kam Madana wieder.

»Herr,« sagte sie mit stolzer Miene, »dein Diener ist ein sehr verständiger und höflicher Mann.«

»Woraus schließest du dies?«

»Er hat mir etwas gegeben, was ich seit langer Zeit nicht mehr erhalten habe: -- einen Oepüsch[151], einen großen Oepüsch.«

Ich glaube, ich habe bei diesem naiv-stolzen Bekenntnisse ein sehr verdutztes Gesicht gemacht. Halef einen Kuß? Dieser alten, guten, duftigen >Petersilie<? Einen Kuß auf die >Reisetasche<, in deren Oeffnung die Schnecken mit Knoblauch verschwunden waren? Das war mir schier unglaublich. Daher fragte ich:

»Einen Oepüsch? Wohin?«

Sie spreizte mir die braunglasierten, dürren Finger der Rechten entgegen.

»Hierher, auf diese Hand. Es war ein Elöpüsch[152], wie man ihn nur einem vornehmen, jungen Mädchen giebt. Dein Diener ist ein Mann, dessen Höflichkeit man rühmen muß.«

Also ein Handkuß nur! Aber trotzdem eine Heldenthat meines wackern Halef, zu der ihm jedenfalls nur seine Liebe zu mir die Ueberwindung gegeben hatte.

»Du kannst stolz darauf sein,« antwortete ich. »Das Herz des Hadschi Halef Omar schlägt dir voll Dankbarkeit entgegen, weil du dich so freundlich meiner angenommen hast. Auch ich werde dir dankbar sein, Madana« -- hierbei machte sie unwillkürlich eine Bewegung, als wolle sie mir die Finger zum Handkusse entgegenstrecken, und daher fügte ich sehr eilig hinzu: -- »nur mußt du warten, bis ich wieder in Lizan bin.«

»Ich werde warten, Herr!«

»Jetzt werde ich mit Ingdscha zur Höhle gehen. Was wirst du thun, wenn jemand unterdessen kommt, um nach mir zu sehen?«

»Emir, rate mir!«

»Bleibst du hier, so trifft dich der Zorn des Betreffenden. Daher ist es besser, du versteckst dich, bis wir zurückkehren.«

»Ich werde deinen Rat befolgen und an einen Ort gehen, wo ich die Hütte beobachten und auch eure Rückkehr bemerken kann.«

»So wollen wir aufbrechen, Ingdscha.«

Ich steckte die Waffen zu mir und nahm den Hund an die Leine.

Die Jungfrau schritt voran, und ich folgte ihr.

Wir gingen eine Strecke weit den Weg zurück, auf dem ich zur Hütte gebracht worden war; dann stiegen wir rechts aufwärts und verfolgten diese Richtung, bis wir die Höhe erklommen hatten. Dieselbe war mit Laubwald bestanden, so daß wir eng nebeneinander gehen mußten, um uns nicht zu verlieren.

Nach einiger Zeit lichtete sich die Holzung wieder, und wir hatten einen schmalen Felsensattel zu überschreiten, der zu einer steilen Falte des Berges führte.

»Nimm dich in acht, Herr,« warnte das Mädchen. »Von jetzt an wird der Weg sehr beschwerlich.«

»Das ist nicht gut für alte Leute, die zu dem Geist der Höhle wollen. Hier können nur junge Füße steigen.«

»O, auch die Alten können empor, nur müssen sie einen Umweg machen. Von jenseits führt ein ganz guter Pfad bis in die Nähe der Höhle.«

Indem wir einander gegenseitig stützten, kletterten wir Hand in Hand empor und gelangten schließlich in ein Gewirr von großen Steinblöcken, zwischen denen ich das Ziel unserer Wanderung vermutete, die bis jetzt über eine halbe Stunde gedauert hatte.

Jetzt bildeten die Blöcke eine Art offenen Gang, in dessen Hintergrunde sich eine dunkle Wand erhob. Ingdscha blieb stehen.

»Dort ist es,« sagte sie, auf das Dunkel deutend. »Du gehst gradaus und wirst am Fuße jener Wand eine Oeffnung sehen, in die du das Licht setzest, nachdem du es angezündet hast. Dann kehrst du zu mir zurück. Ich warte hier auf dich.«

»Kann man das Licht hier sehen?«

»Ja. Aber es wird jetzt vergebens brennen, denn es ist noch lange nicht Mitternacht.«

»Ich werde es doch versuchen. Hier ist die Leine; halte einstweilen den Hund und lege ihm die Hand auf den Kopf.«

Ich nahm die Kerzen und schritt vorwärts. Es war ein Gefühl außerordentlicher Spannung, das mich jetzt beherrschte, und dies war gar kein Wunder; sollte ich doch in das Geheimnis eindringen, das den »Geist der Höhle« umhüllte. Freilich, den eigentlichen Kern dieses Geheimnisses ahnte ich bereits.

Ich langte vor der Felsenwand an und bemerkte die Höhle, deren Eingang gerade so hoch und breit war, daß ein Mann in aufrechter Haltung Zutritt nehmen konnte. Ich lauschte einige Augenblicke, hörte aber nicht das mindeste, und brannte dann eine der Kerzen an, die ich auf den Boden der Höhle niederstellte. Das ging sehr leicht, da die Kerze unten eine genügende Breite besaß.

Nun kehrte ich wieder zurück. Ich sagte mir, daß für einen nicht Unbefangenen schon ein gut Teil Mut dazu gehöre, in der Stunde der Mitternacht den Berg zu besteigen, um mit einem Geiste in Verkehr zu treten.

»Das Licht brennt. Nun warte, ob es verlöschen wird,« sagte Ingdscha.

»Es geht nicht der leiseste Lufthauch; wenn das Licht verlöscht, so ist es also ein sicheres Zeichen, daß der Ruh zugegen ist.«

»Sieh!« meinte das Mädchen, mich hastig am Arme fassend. »Es ist verlöscht!«

»So gehe ich.«

»Ich erwarte dich hier.«

Als ich wieder an die Höhle kam, bückte ich mich nieder, um nach dem Lichte zu fühlen -- es war weggenommen worden. Ich hegte die Ueberzeugung, daß der Geist sich ganz nahe, vielleicht in einer Seitennische, befinde, um jedes Wort hören zu können. Ein anderer hätte nun einfach seine Angelegenheit in akroamatischer Weise vorgetragen und dann sich zurückgezogen; dies aber lag nicht in meiner Absicht. Ich trat zwei Schritte in die Höhle hinein.

»Ruh 'i kulyan!« rief ich halblaut.

Es erfolgte keine Antwort.

»Marah Durimeh!«

Wieder keine Antwort.

»Marah Durimeh, melde dich getrost; ich werde dein Geheimnis nicht verraten. Ich bin der Hekim aus Frankistan, der dein Urenkelkind in Amadijah vom Gifte befreite, und habe augenblicklich sehr notwendig mit dir zu sprechen.«

Ich hatte mich nicht getäuscht -- seitwärts war ein Geräusch zu vernehmen, als ob sich jemand überrascht vom Boden erhebe; dennoch aber vergingen mehrere Sekunden, ehe eine Antwort erfolgte. Dann erklang es:

»Du bist wirklich der Hekim-Emir aus Frankistan?«

»Ja. Vertraue mir! Ich ahnte, daß du selbst der Ruh 'i kulyan bist; ich werde dein Geheimnis bewahren.«

»Es ist deine Stimme, aber ich kann dich nicht sehen.«

»Verlange ein Zeichen von mir!«

»Gut! Was hatte der türkische Hekim in seinem Amulet, mit dem er den Teufel der Krankheit vertreiben wollte?«

»Eine tote Fliege.«

»Emir, du bist es wirklich! Wer hat dir die Höhle gezeigt?«

»Ingdscha, die Tochter von Nedschir-Bey. Sie steht da draußen und erwartet mich.«

»Gehe noch vier Schritte vorwärts!«

Ich that es und fühlte mich dann von einer Hand gefaßt, die mich nach seitwärts in eine Spalte zog, wo sie mich eine Strecke weiter führte.

»Jetzt warte. Ich werde das Licht anzünden.«

Einen Augenblick später brannte die Kerze, und ich sah Marah Durimeh vor mir stehen, eingehüllt in einen weiten Mantel, aus dem ihr hageres Gesicht wie dasjenige eines Totenkopfs mir entgegengrinste. Auch heut hingen ihr die schneeweißen Haarzöpfe bis beinahe zur Erde herab. Sie leuchtete mich an.

»Ja wirklich, du bist es, Emir! Ich danke dir, daß du gekommen bist. Aber du darfst keinem Menschen sagen, wer der Geist der Höhle ist!«

»Ich schweige.«

»Ist es ein Wunsch, der dich zu mir führt?«

»Ja. Aber er betrifft nicht mich, sondern die Chaldani, die einem großen Unglücke entgegengehen, das nur du vielleicht von ihnen abzuwenden vermagst. Hast du Zeit, mich anzuhören?«

»Ja. Komm und setze dich.«

In der Nähe lag ein langer, schmaler Stein, der Raum genug für zwei bot. Er bildete wohl stets die Ruhebank des Höhlengeistes. Wir ließen uns nebeneinander darauf nieder, während das Licht auf einer Steinkante stand. Dann sagte die Alte mit besorgter Miene:

»Deine Worte verkünden Unheil. Rede, Herr!«

»Weißt du schon, daß der Melek von Lizan den Bey von Gumri überfallen und gefangen genommen hat?«

»Heilige Mutter Gottes, ist das wahr?« rief sie, sichtlich im höchsten Grade erschrocken.

»Ja. Ich selbst war dabei als Gast des Bey und wurde gefangen.«

»Ich weiß nichts davon, kein Wort. Ich war während der letzten Tage drüben in Hajschad und Biridschai und bin erst heut über die Berge gekommen.«

»Nun halten die Berwari-Kurden da unten vor Lizan, um morgen den Kampf zu beginnen.«

»O ihr Thoren, die ihr den Haß liebt und die Liebe haßt! Soll sich das Wasser wieder vom Blute röten und das Land vom Scheine der Flammen? Erzähle, Herr, erzähle! Meine Macht ist größer, als du denkst; vielleicht ist es noch nicht zu spät.«

Ich folgte ihrem Gebote, und sie lauschte mit angehaltenem Atem meiner Darstellung. Es war, als hätte ich den Tod neben mir sitzen, und doch hing von diesem skelettartigen, geheimnisvollen Wesen vielleicht das Leben von Hunderten ab. Kein Glied ihres Körpers bewegte sich, und keine Falte ihres Mantels zitterte; aber sofort, als ich geendet hatte, fuhr sie vom Steine empor.

»Emir, noch ist es Zeit. Willst du mir helfen?«

»Gern.«

»Ich weiß, du mußt mir auch von dir erzählen, aber nicht jetzt, nicht jetzt, sondern morgen; jetzt giebt es Nötigeres zu thun. Der Geist der Höhle ist stumm gewesen; noch nie hat ihn jemand sprechen hören; heut aber wird er reden, heut muß er reden. Laß dich von Ingdscha führen, Herr, und eile hinab nach Lizan. Der Melek, der Bey von Gumri und der Raïs von Schohrd sollen sogleich zum Ruh 'i kulyan kommen.«

»Werden sie gehorchen?«

»Sie gehorchen; sie müssen gehorchen, glaube es mir!«

»Aber der Raïs ist nicht zu finden!«

»Emir, wenn ihn niemand findet, so wirst doch du ihn finden; ich kenne dich. Auch er muß kommen, ob gleichzeitig oder ob später als die beiden andern; wenn er nur bis zum Morgen erscheint. Ich werde warten.«

»Sie werden mich fragen, von wem ich den Auftrag erhalten habe. Ich werde antworten: ›Vom Ruh 'i kulyan;‹ weiter kein Wort. Ist es so recht?«

»Ja. Sie brauchen nichts zu wissen, am allerwenigsten aber, wer der Geist der Höhle eigentlich ist.«

»Soll ich wieder mitkommen?«

»Du kannst sie begleiten, aber in die Höhle darfst du nicht mit eintreten. Was ich ihnen zu sagen habe, ist für keines andern Ohr. Sage ihnen, sie sollen sofort in die Höhle treten und darin gradaus fortschreiten, bis sie in einen Raum gelangen, der erleuchtet ist.«

»Kannst du es bewirken, daß ich wieder erhalte, was man mir abgenommen hat?«

»Ja; trage keine Sorge. Aber jetzt gehe; morgen sehen wir uns wieder, und dann kannst du mit Marah Durimeh sprechen, so lange es dir gefällt!«

Ich ging und traf Ingdscha noch an demselben Platze, an dem ich sie verlassen hatte.

»Du warst lange dort, Herr,« sagte sie.

»Desto schneller müssen wir jetzt gehen.«

»Du mußt doch warten, bis das Licht wieder brennt, sonst weißt du nicht, ob dir deine Bitte erfüllt wird.«

»Sie wird erfüllt.«

»Woher weißt du es?«

»Der Geist sagte es!«

»O Herr, hättest du seine Stimme gehört?«

»Ja. Er hat sehr lange mit mir gesprochen.«

»Das ist noch niemals geschehen; du mußt ein sehr großer Emir sein!«

»Ein Geist beurteilt den Menschen nicht nach seinem Stande.«

»Hast du ihn vielleicht gar auch gesehen?«

»Von Angesicht zu Angesicht.«

»Herr, du erschreckst mich! Wie sah er aus?«

»Solche Dinge darf man nicht enthüllen. Komm, du sollst mich führen; ich muß schnell nach Lizan hinab.«

»Was wird da aus Madana, die auf dich wartet?«

»Du bringst mich zuerst auf den rechten Weg, und dann kehrst du zu ihr zurück, um ihr zu sagen, daß sie nicht mehr auf mich warten solle. Ich werde morgen nach Schohrd kommen.«

»Was aber soll sie meinem Vater sagen, wenn er dich von ihr verlangt?«

»Sie soll sagen, daß er sogleich zum Geist der Höhle kommen solle. Auch wenn du deinen Vater triffst, sendest du ihn sofort hinauf zur Höhle. Er muß kommen, er mag vorhaben, was er will. Wenn er nicht auf der Stelle gehorcht, so ist es um ihn geschehen.«

»Herr, mir wird bange. Komm, laß uns gehen!«

Ich nahm den Hund wieder bei der Leine und das Mädchen bei der Hand. So stiegen wir bergab, wobei es natürlich schneller ging, als vorher bergan. Als wir die Einsattelung erreichten, wandten wir uns nun nach rechts hinab anstatt nach links hinüber, und das Mädchen kannte das Terrain so genau und führte mich so sicher, daß wir bereits nach einer starken Viertelstunde den Weg erreichten, der Lizan mit Schohrd verbindet. Hier blieb ich stehen und sagte:

»Nun kenne ich den Pfad; wir müssen uns trennen. Als ich heut hier herabgeschleppt wurde, habe ich mir den Weg genau angesehen. Ich danke dir, Ingdscha. Morgen sehen wir uns wieder. Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Sie hatte meine Hand ergriffen und einen kaum fühlbaren Kuß darauf gehaucht; dann eilte sie wie ein verscheuchtes Reh in das Dunkel der Nacht hinein. Ich stand eine volle Minute lang bewegungslos, dann schlug ich den Weg nach Lizan ein, während meine Gedanken sich -- rückwärts nach Schohrd bewegten.

Ich mochte vielleicht die Hälfte der Strecke zurückgelegt haben, als ich den Hufschlag eines Pferdes vor mir erschallen hörte. Ich trat zur Seite hinter einen Busch, um nicht gesehen zu werden. Der Reiter kam eilig näher und an mir vorüber -- es war der Raïs. Schon war er vorüber, da rief ich ihn an:

»Nedschir-Bey!«

Er hielt sein Pferd an.

Ich machte Dojan von der Leine frei, um ihn in seinen Bewegungen nicht zu hindern, falls mir sein Beistand nötig würde, und trat dann zu dem Raïs.

»Wer bist du?« fragte er.

»Dein Gefangener,« antwortete ich, sein Pferd beim Maule fassend.

Er beugte sich vor und sah mir in das Gesicht. Dann griff er nach mir; ich aber war schneller und packte seine Faust.

»Nedschir-Bey, höre in Ruhe, was ich dir zu sagen habe. Der Ruh 'i kulyan sendet mich: du sollst sofort zur Höhle kommen.«

»Lügner! Wer hat dich befreit?«

»Wirst du dem Rufe des Geistes folgen oder nicht?«

»Hund, ich töte dich!«

Er langte mit seiner freien Hand nach dem Gürtel, zu gleicher Zeit aber gab ich ihm aus allen Kräften einen plötzlichen Ruck; er wurde bügellos und flog in einem weiten Bogen vom Pferde herab.

»Dojan, faß!«

Der Hund warf sich auf ihn, während ich mir Mühe geben mußte, das Pferd zu beruhigen. Als mir dies gelungen war, sah ich den Raïs bewegungslos am Boden liegen; Dojan stand über ihm und hatte zwischen seinem aufgesperrten Gebiß den Hals des Mannes.

»Nedschir-Bey, die kleinste Bewegung oder das leiseste Wort kostet dir das Leben; dieser Hund ist schlimmer als ein Panther. Ich werde dich binden und dich mit nach Lizan nehmen; rührst du ein Glied falsch, oder sagst du ein lautes Wort gegen meinen Willen, so lasse ich dich zerreißen.«

Er sah den grimmigen Tod vor Augen und wagte nicht den geringsten Widerstand. Zunächst nahm ich ihm seine Waffen ab: -- Flinte und Messer. Dann fesselte ich ihn mit der starken Hundeleine grad in der Weise, wie man mich gefesselt hatte, und endlich stieß ich ihn empor und band ihn an den Steigbügel, grad so, wie man es mir gemacht hatte.

»Erlaube, Nedschir-Bey, daß ich aufsteige; du bist heut lang genug zu Pferde gesessen. Vorwärts!«

Er folgte ohne Widerstand, denn er mußte einsehen, daß derselbe vollständig nutzlos wäre. Es fiel mir nicht ein, meine jetzige vorteilhafte Lage zu benutzen, um den Mann zu verhöhnen, und so verhielt ich mich vollständig schweigsam. Er selbst unterbrach die Stille, aber in einem so vorsichtigen Tone, daß ich die Befürchtung heraushörte, der Hund werde ihn beim ersten Laute packen.

»Herr, wer hat dich befreit?«

»Das hörst du später.«

»Wohin bringst du mich?«

»Das wirst du sehen.«

»Ich werde Madana peitschen lassen!« grollte er.

»Das wirst du bleiben lassen! Wo hast du meine Waffen und die andern Sachen?«

»Ich habe sie nicht.«

»Sie werden sich finden. Höre, Nedschir-Bey, hast du kein besseres Pferd als dieses?«

»Ich habe Pferde genug!«

»Das ist mir lieb. Ich werde sie mir morgen ansehen und mir eins derselben auswählen für das, das du mir heut erschießen ließest.«

»Der Scheïtan wird dir eins geben. Morgen um diese Zeit bist du wieder gefangen!«

»Wollen sehen!«

Jetzt trat wieder Stille ein. Er trabte gezwungener Weise nebenher, der Hund hart an seinen Fersen, und bald sahen wir Lizan vor uns liegen.

Der Ort hatte sich während meiner Abwesenheit in ein Heerlager verwandelt. Drüben auf dem rechten Ufer des Zab herrschte vollständige Dunkelheit, hüben aber brannte Feuer an Feuer, an welchen zahlreiche Männergruppen lagen oder standen. Das größte Feuer brannte vor dem Hause des Melek, wie ich schon von weitem bemerkte. Um jeden unnützen Aufenthalt zu vermeiden, setzte ich mein Pferd in Trab; der Gefangene mußte gleichfalls traben. Dennoch erkannte man mich allenthalben.

»Der Fremde, der Fremde!« erscholl es, wo ich vorüber kam. Oder es ertönte der Ruf: »Nedschir-Bey! Und gefangen!«

Wir hatten bald ein zahlreiches Gefolge hinter uns, das sich Mühe gab, mit uns Schritt zu halten. So gelangten wir zum Hause des Melek. Hier waren wenigstens sechzig Bewaffnete versammelt. Der erste, den ich erblickte, war -- Sir David Lindsay, welcher behaglich an der Mauer lehnte. Als er mich sah, ging mit seinem gelangweilten Gesichte eine gewaltige Veränderung vor: -- die Stirn schob sich empor, und das Kinn fiel tief herunter, als sei es in Ohnmacht gesunken; der Mund öffnete sich, als solle ein ganzer Fowling-bull verschlungen werden, und die Nase richtete sich auf, wie der Hals eines Gemsbockes, wenn etwas Verdächtiges in den Wind kommt. Dann that der lange David einen herkulischen Sprung auf mich zu und fing mich, der ich soeben vom Pferde springen wollte, in seinen geöffneten Armen auf.

»Master, Sir!« brüllte er. »Wieder da? +Heighday-+heisa! +Huzza! Welcome! Hail, hail, hail!+«

»Na, erdrückt mich nicht, Sir David! Andere Leute wollen auch etwas von mir übrig behalten!«

»+Eh! Oh! Ah!+ Wo habt Ihr gesteckt? Wo gewesen? Wie gegangen, he? Selbst befreit? +Lack-a-day+, Gefangenen mitgebracht! Wunderbar! Unbegreiflich! +Yes!+«

Da aber wurde ich bereits von der andern Seite gefaßt.

»Allah illa allah! Da bist du ja, Effendi! Allah und dem Propheten sei Dank! Nun sollst du erzählen!«

Es war Mohammed Emin. Und Amad el Ghandur, sein Sohn, der neben ihm stand, rief:

»Wallahi, das hat Gott geschickt! Nun hat die Not ein Ende. Sihdi, reiche uns deine Hand!«

Und dort seitwärts stand der kleine brave Hadschi Halef Omar. Er sagte kein Wort, aber in seinen treuen Augen funkelten zwei große Freudentropfen. Ich reichte auch ihm die Hand:

»Halef, das habe ich zum großen Teile dir zu danken!«

»Rede nicht, Sihdi!« antwortete er. »Was bin ich gegen dich? Eine schmutzige Ratte, ein häßlicher Igel, ein Hund, der froh ist, wenn ihn dein Auge mit einem Blick beglückt!«

»Wo ist der Melek?«

»Im Hause.«

»Und der Bey?«

»In der verborgensten Stube, weil er die Geisel ist.«

»Laßt uns hineingehen!«

Es hatte sich eine große Menschenmenge um uns versammelt. Ich schnürte den Raïs vom Bügel los und bedeutete ihm, mit mir in das Haus zu treten.

»Du bringst mich nicht hinein!« knirschte er.

»Dojan, paß auf!«

Dieser Ruf genügte. Ich ging voran, das Ende der Schnur in der Hand haltend, und der Gefangene folgte ohne Zögern. Als die Thür geschlossen war, erhob sich draußen ein tosendes, hundertstimmiges Murmeln: die Menge suchte sich den für sie noch geheimnisvollen Vorgang zu erklären. Drinnen trat uns der Melek entgegen. Als er mich erblickte, stieß er einen Ruf der lebhaftesten Freude aus und streckte mir beide Hände entgegen.

»Emir, was sehe ich! Du bist wieder zurück? Heil und unverletzt? Und hier -- -- ah, Nedschir-Bey! Gefangen!«

»Ja. Kommt herein, und laßt euch erklären!«

Wir traten in den größten Raum des Erdgeschosses, wo Platz für uns alle war. Hier ließen sie sich erwartungsvoll auf die Matten nieder, während der Raïs stehen mußte; seine Leine hatte der Hund zwischen den Zähnen, der bei der geringsten Bewegung des Gefangenen ein drohendes Knurren ausstieß.

»Wie ich in die Hände des Raïs von Schohrd geraten bin, und wie man mich behandelt hat, das hat euch wohl hier Halef ausführlich erzählt?« fragte ich.

»Ja,« erklang es im Kreise.

»So brauche ich es nicht zu wiederholen und -- -- --«

»O doch, Emir, erzähle es noch einmal selbst!« unterbrach mich der Melek.

»Später. Jetzt haben wir keine Zeit dazu, denn es giebt sehr Notwendiges zu thun.«

»Wie wurdest du frei, und wie ward der Raïs selbst dein Gefangener?«

»Auch das sollt ihr später ausführlich hören. Der Raïs hat die ganze Gegend aufgestachelt, sich morgen früh auf die Berwari zu werfen. Das wäre das Verderben der Chaldani -- --«

»Nein!« ließ sich eine Stimme vernehmen.

»Streiten wir uns nicht! Es gab nur einen, der hier helfen konnte, nämlich der Ruh 'i kulyan -- -- --«

»Der Ruh 'i kulyan!« erscholl es erstaunt und erschrocken.

»Ja, und ich ging zu ihm.«

»Wußtest du seine Höhle?« fragte der Melek.

»Ich fand sie und erzählte ihm alles, was geschehen war. Er hörte mir ruhig zu und sagte mir, ich solle -- --«

»Er hat mit dir gesprochen? Du hast seine Stimme gehört? -- Emir, das ist noch keinem Sterblichen widerfahren,« rief einer der vornehmen Chaldäer, die mit uns eingetreten waren. »Du bist ein Liebling Gottes, und auf deine Stimme müssen wir hören!«

»Thut es, ihr Männer; das wird zu eurem Heile gereichen!«

»Was sagte der Geist der Höhle?«

»Er sagte, ich solle sofort nach Lizan gehen und den Melek, den Bey von Gumri und den Raïs von Schohrd zu ihm bringen.«

Ein lautes »Ah!« der Verwunderung ging durch die Versammlung, und ich fuhr fort:

»Ich eilte herab und begegnete dem Raïs. Ich sagte ihm, daß er zu dem Ruh 'i kulyan kommen solle, und da er dem Rufe des Geistes nicht gehorchen wollte, so nahm ich ihn gefangen und brachte ihn hierher. Holt den Bey herbei, damit er es erfährt!«

Der Melek erhob sich.

»Emir, du scherzest nicht?« fragte er.

»Diese Sache ist zu ernst zum Scherze!«

»So müssen wir gehorchen. Aber ist es nicht gefährlich, den Bey mitzunehmen? Wenn er uns entflieht, so sind wir ohne Geisel.«

»Er muß uns versprechen, nicht zu entfliehen, und er wird sein Wort halten.«

»Ich hole ihn.«

Er ging und brachte nach wenigen Augenblicken den Bey mit sich herein.

Als der Herrscher von Gumri mich erblickte, eilte er auf mich zu.

»Du bist wieder da, Herr!« rief er. »Alochhem d'Allah -- Gott sei Dank, der dich mir wiedergegeben hat! Ich habe die Kunde von deinem Verschwinden mit großer Betrübnis vernommen, denn ich wußte, daß meine Hoffnung nur auf dich allein zu setzen sei.«

»Auch ich habe an dich mit banger Sorge gedacht, o Bey,« antwortete ich ihm. »Ich wußte, daß du wünschest, mich frei zu sehen, und Allah, der immer gütig ist, hat mich aus der Gewalt des Feindes errettet und mich wieder zu dir geführt.«

»Wer war der Feind? Dieser hier?«

Er deutete bei diesen Worten auf Nedschir-Bey.

»Ja,« antwortete ich ihm.

»Allah verderbe ihn und seine Kinder nebst den Kindern seiner Kinder! Bist du nicht der Freund dieser Leute gewesen, so wie du der meinige gewesen bist? Hast du nicht gesprochen und gehandelt, wie es zu ihrem Besten diente? Und dafür hat er dich überfallen und gefangen genommen! Siehst du nun, was du von der Freundschaft eines Nasarah zu erwarten hast?«

»Es giebt überall gute und böse Leute, unter den Muselmännern und unter den Christen, o Bey; darum soll der Freund nicht mit dem Feinde leiden.«

»Emir,« entgegnete er, »ich liebe dich. Du hattest mein Herz erweicht, daß es Gedanken des Friedens hegte gegen diese Leute. Nun aber haben sie sich an dir vergriffen, und darum mag das Messer zwischen mir und ihnen reden.«

»Bedenke, daß du ihr Gefangener bist!« warf ich ein.

»Meine Berwari werden kommen und mich befreien,« antwortete er stolz.

»Sie sind ja bereits da, aber sie sind zu schwach an Zahl.«

»Es sind noch viele Tausend hinter ihnen.«

»Wenn diese kommen, so ist es um dich geschehen. Sie würden dich nur als Leiche finden. Du bist als Geisel hier und wirst den Angriff deiner Leute mit dem Leben bezahlen müssen.«

»So sterbe ich. Allah hat alles im Buche verzeichnet, was dem Gläubigen geschehen soll. Kein Mensch kann sein Kismét[153] ändern.«

»Bedenke, daß der Melek mein Gastfreund ist! Er hat nicht gewollt, daß mir Uebles geschehe, und nur der Raïs ist es gewesen, der ohne Wissen der übrigen feindlich gegen uns gehandelt hat.«

»Wie bist du entkommen, Herr?«

»Frage den Ruh 'i kulyan!«

»Den Ruh 'i kulyan?« rief er verwundert. »War er bei dir?«

»Nein, ich war bei ihm, und er wünscht, daß auch du zu ihm kommst.«

»Ich? Wann?« erkundigte er sich fast bestürzt.

»Sofort.«

»Herr, du scherzest! Der Ruh 'i kulyan ist ein gewaltiger, mächtiger Geist, und ich bin nichts als ein armer Oelidschi[154], der vor dem Unsichtbaren zittern muß.«

»Er ist nicht unsichtbar.«

»Hast du ihn gesehen?«

»Ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen.«

»Und du bist nicht sofort gestorben?«

»Wie du siehst, lebe ich noch.«

»Ja, ihr Emire aus Frankistan wißt, wie man mit Geistern zu verkehren hat!«

»Giebt es hier nicht viele Leute, die bei dem Ruh 'i kulyan gewesen sind, ohne darauf sterben zu müssen?«

»Sie haben zu ihm gesprochen, aber sie haben ihn nicht gesehen.«

»Ich habe dir nicht gesagt, daß du ihn sehen wirst. Er hat befohlen, daß der Melek, du und Nedschir-Bey sofort zur Höhle kommen sollt. Willst du diesem Befehl ungehorsam sein? Auch der Melek wird dahin kommen!«

»Dann gehe auch ich mit.«

»Das wußte ich. Aber wirst du dabei nicht vergessen, daß du der Gefangene des Melek bist?«

»Glaubt er, daß ich ihm entfliehe?«

»Er muß vorsichtig sein. Willst du ihm versprechen, keinen Fluchtversuch zu machen, und giebst du ihm dein Wort, freiwillig wieder hierher zurückzukehren?«

»Ich gebe ihm mein Wort.«

»Reiche ihm die Hand!«

Er that dies, und der Melek versicherte ihm:

»Bey, ich vertraue dir und werde dich nicht bewachen, obgleich mir der Besitz deiner Person jetzt wichtiger ist, als große Schätze. Wir werden nicht gehen, sondern reiten, und du sollst frei auf deinem Pferde sein.«

»Reiten?« fragte ich. »Ist dies nicht unmöglich bei diesem Wege?«

»Es giebt einen Umweg,« antwortete er, »der zwar länger ist, auf dem wir aber zu Pferde die Höhle eher erreichen, als wenn wir die Höhen mühsam erklettern. Du reitest mit, Herr?«

»Ja, obgleich ich nicht mit zum Geiste gehen werde.«

»Was aber soll mit Nedschir-Bey geschehen?«

Der Genannte wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern sagte tückisch:

»Ich gehe nicht mit; ich bleibe hier!«

»Du hast gehört, daß dich der Ruh 'i kulyan verlangt,« warnte ihn der Melek mit ernster Stimme.

»Was dieser Fremde sagt, brauche ich nicht zu beachten!«

»So willst du dem Geiste nicht gehorchen?«

»Ich gehorche ihm, aber nicht, wenn er mir diesen Franken schickt!«

»Aber ich befehle es dir!«

»Melek, ich bin Nedschir-Bey, der Raïs von Schohrd; du hast mir nichts zu befehlen!«

Der Melek sah mich fragend an, darum wandte ich mich zu meinem kleinen Hadschi Halef Omar:

»Halef, hast du gesehen, ob es hier Stricke giebt?«

»Siehe, dort im Winkel liegen genug, Herr,« antwortete er.

»Nimm davon und komm!«

Der kleine Hadschi merkte, was geschehen solle. Er versetzte dem Raïs, der ihm in der Richtung stand, einen nicht sehr freundschaftlichen Rippenstoß und nahm dann die aus Leff[155] gearbeitete Stricke vom Boden auf. Ich aber erklärte dem Melek:

»Will er nicht mit, so wird er gezwungen. Wir binden ihn auf das Pferd, so daß er sich nicht bewegen kann.«

»Versucht es,« drohte der Raïs. »Wer mir nahe kommt, dem thue ich so, wie du es mit dem Manne Madanas gemacht hast!«

»Was meint er?« fragte Halef.

»Er soll auf das Pferd gebunden werden, will aber einen jeden niedertreten, der es wagt, sich ihm zu nahen.«

»Maschallah, der Mensch ist verrückt!«

Bei diesen Worten that der kleine Mann einen Sprung, und im nächsten Augenblick lag der riesige Chaldani, der allerdings an den Händen gefesselt war, auf der Erde. Eine halbe Minute später waren ihm die Beine so fest und eng zusammengebunden, daß seine ganze Gestalt so unbeweglich war, als ob sie in einem Futterale stäke.

»Aber, Halef, er soll ja auf dem Pferde sitzen?« erinnerte ich.

»Ist nicht nötig, Sihdi,« antwortete er. »Wir legen diesen Dschadd[156] mit dem Bauch auf das Pferd; so kann er schwimmen lernen.«

»Wohl; schaffe ihn hinaus!«

Der Kleine faßte den Großen beim Kragen des Gewandes, hob ihn halb empor, drehte sich um, so daß Rücken auf Rücken kam, und schleifte ihn hinaus. Die anderen folgten. Jetzt trat Lindsay zu mir heran.

»Master,« sagte er. »Habe nichts verstanden, +nothing-not+, weniger als nichts. Wohin geht Ihr?«

»Zum Höhlengeist.«

»Höhlengeist? +Thunder-storm!+ Darf ich mit?«

»Hm! eigentlich nicht.«

»Pshaw! Werde diesen Geist nicht aufessen!«

»Glaube es!«

»Wo wohnt er?«

»Droben in den Felsen.«

»Felsen? Giebt's da Ruinen?«

»Weiß nicht. Es war dunkel oben während meiner Anwesenheit.«

»Felsen! Höhlen! Ruinen! Geister! Vielleicht auch Fowling-bulls?«

»Ich glaube nicht.«

»Und dennoch gehe ich mit! War hier so lange allein; kein Mensch versteht mich. Bin froh, daß ich Euch wieder habe. Nehmt mich mit!«

»Nun wohl; aber zu sehen werdet Ihr wohl nichts bekommen.«

»+Disagreeable, uncivil!+ Wollte auch einmal Geist sehen -- Geist oder Gespenst! Gehe aber doch mit! +Yes!+«

Als wir aus dem Hause traten, war die ganze Bevölkerung Lizans vor demselben versammelt; doch herrschte trotz der vielen Menschen eine tiefe Stille. Man sah bei dem Scheine der Fackeln ganz deutlich, daß ich mit Halefs Hilfe den Raïs auf das Pferd befestigte; aber keine Lippe regte sich, um nach der Ursache dieses gewiß ungewöhnlichen Verfahrens zu fragen. Unsere Pferde nebst den nötigen Fackeln wurden herbeigeschafft, und dann erst, als wir aufsaßen, erklärte der Melek den Versammelten, daß wir im Begriffe ständen, den Ruh 'i kulyan aufzusuchen. Er befahl, bis zu unserer Wiederkehr nicht das geringste zu unternehmen, und dann ritten wir zwischen den erstaunten Zuhörern davon.

Voran ritt der Melek mit dem Bey; dann folgte Halef, der das Pferd des Raïs am Zügel führte, und der Engländer beschloß mit mir den kleinen Zug. Der Melek und Lindsay trugen die beiden Fackeln, die den Weg erleuchten sollten.

Dieser Weg war zunächst ein gebahnter Pfad; später wichen wir von demselben ab, hatten aber Raum genug für zwei nebeneinander gehende Pferde. Es war ein überaus phantastischer Ritt. Unter uns lag das bisher nur von höchstens vier Europäern betretene Thal des Zab im tiefsten, unheimlichen Dunkel. Diesseits, rechts von uns, glänzte die blutrote Lohe der Fackeln von Lizan zu uns herauf; links, jenseits des Wassers, zeigte ein mattheller Fleck die Stelle an, wo die Kurden lagerten; über uns dunkelte die Bergesmasse, auf deren Höhe der Geist hauste, der selbst mir ein Rätsel war, obgleich er mir erlaubt hatte, ihn zu >rekognoszieren<; und was nun uns sechs selbst betraf, so ritten wir zwischen den gespenstischen Reflexen unserer Kienbrände, bestanden aus einem Araber der Sahara, einem Engländer, einem Kurden, zwei Nasarah und einem Deutschen und hatten einen Gefangenen in der Mitte.

Da bogen wir um eine Felsenkante; das Thal verschwand hinter uns, und vor uns tauchten die weit auseinander stehenden Stämme des Hochwaldes auf, auf dessen weichem Boden wir aufwärts ritten. Das flackernde Licht der beiden Flammen wanderte von Ast zu Ast, von Zweig zu Zweig, von Blatt zu Blatt; neben, vor und hinter uns huschte, schwirrte und flatterte es wie zwischen den Spalten eines Gespensterromanes; der schlafende Wald atmete schwer rauschend, und die Huftritte unserer Pferde in dem tiefen Humusboden klangen wie die fernher tönenden Wirbel eines Trommler-Trauermarsches.

»Schauerlich! +Yes!+« meinte der Engländer halblaut, indem er sich schüttelte. »Möchte nicht allein da zu dem Geiste reiten. +Well!+ Ihr wart allein?«

»Nein.«

»Nicht? Wer war dabei?«

»Ein Mädchen.«

»+A maid! Good luck!+ Jung?«

»Ja.«

»Schön?«

»Sehr!«

»Interessant?«

»Versteht sich! Interessanter als ein Fowling-bull.«

»+Heavens+, habt Ihr Glück! Erzählt!«

»Später, Sir. Ihr werdet sie morgen auch sehen.«

»+Well!+ Werde beurteilen, ob sie wirklich interessanter ist, als Fowling-bull. +Yes!+«

Das leise geführte Gespräch verstummte wieder. Es lag etwas Heiliges, Unberührbares in dieser tiefen Waldesnacht, und von jetzt an gab es keinen andern Laut als nur zuweilen das Schnauben eines unserer Pferde. So kamen wir immer weiter empor, bis wir einen Bergkamm erreichten, wo die beiden Voranreitenden anhielten.

»Wir sind am Ziele,« sagte der Melek. »Hier drüben, zweihundert Schritte hinab sind die Felsen, in denen sich die Höhle befindet. Hier steigen wir ab und lassen unsere Pferde zurück. Gehst du mit?«

»Ja, um des Raïs willen, aber nur bis zur Höhle. Löscht die Fackeln aus!«

Wir banden die Pferde, bei denen Halef und Lindsay zurückbleiben sollten, an die Bäume und knüpften dann den Raïs los. Damit er gehen konnte, wurden ihm auch die Bande von den Beinen genommen. Dojan, der Hund, stand dabei und beobachtete ihn mit Augen, die selbst in der Dunkelheit zu erkennen waren; sie hatten fast jenen phosphoreszierenden Glanz, den man an den Augen einer Tintorera[157] bemerkt, wenn des Nachts das Meerwasser leuchtet und man dieses fürchterliche Ungeheuer in der durchsichtigen Flut deutlich erkennen kann.

»Raïs, du folgst dem Melek und dem Bey. Ich gehe hinter dir. Zauderst du, so lernst du die Zähne dieses Hundes doch noch kennen!«

Mit diesen Worten gab ich das Zeichen, unsern Weg nun fortzusetzen. Die angegebene Reihenfolge wurde beibehalten, und Nedschir-Bey weigerte sich nicht im mindesten, meiner Weisung Folge zu leisten. Wir schritten quer über den Bergkamm hinüber und dann eine Steilung hinab, von der aus ich die Felsen unter uns liegen sah. Nach kaum mehr als fünf Minuten standen wir an demselben Orte, an dem Ingdscha während meiner Unterredung mit dem Ruh 'i kulyan auf mich gewartet hatte.

»Ihr sollt in die Höhle treten und dann so lange gradaus gehen, bis ihr Licht findet,« bemerkte ich.

Das Abenteuer schien die Beteiligten doch nicht so ganz gleichgültig zu lassen, wie ich aus ihren langen, tiefen Atemzügen schloß; denn ihre Gesichter konnte ich nicht deutlich sehen.

»Emir, binde mir die Arme los!« bat da der Raïs.

»Das wollen wir nicht wagen,« antwortete ich.

»Ich entfliehe nicht; ich gehe mit hinein!«

»Schmerzen sie dich?«

»Gar sehr.«

»Du hast sie mir ganz ebenso binden lassen, und ich mußte die gleichen Schmerzen noch viermal länger ertragen, als du. Dennoch würde ich die Schnur lösen, aber ich glaube deiner Versicherung nicht.«

Er schwieg; mein Mißtrauen war also wohl begründet gewesen. Die beiden andern nahmen ihn in ihre Mitte.

»Herr, bleibst du hier, oder gehest du zu den Pferden zurück?« fragte der Bey.

»Wie ihr es wollt.«

»So bleibe hier. Dieser Mann könnte es doch notwendig machen, dich zu brauchen.«

»So geht; ich werde euch hier erwarten.«

Sie gingen, und ich ließ mich auf einen Stein nieder. Der Hund hatte seine Pflicht so gut begriffen, daß er dem Raïs so lange folgte, bis ich ihn zurückrief. Nun kauerte er sich neben mir nieder, legte mir den feinen Kopf auf das Knie und ließ sich von meiner Hand streicheln.

So saß ich eine lange, lange Zeit allein im Dunkel. Meine Gedanken schweiften zurück über Berg und Thal, über Land und Meer zur Heimat. Wie mancher Forscher hätte viel dafür gegeben, hier an meiner Stelle sein zu können! Wie wunderbar hatte mich Gott bis hierher geleitet und beschützt, während ganze, große, wohlausgerüstete Expeditionen da zu Grunde gegangen und vernichtet worden waren, wo ich die freundlichste Aufnahme gefunden hatte! Woran lag dies? Wie viele Bücher hatte ich über fremde Länder und ihre Völker gelesen und dabei wie viele Vorurteile in mich aufgenommen! Ich hatte manches Land, manches Volk, manchen Stamm ganz anders -- und besser gefunden, als sie mir geschildert worden waren. Der Gottesfunken ist im Menschen niemals vollständig zu ersticken, und selbst der Wildeste achtet den Fremden, wenn er sich selbst von diesem geachtet sieht. Ausnahmen giebt es überall. Wer Liebe säet, der wird Liebe ernten, bei den Eskimos wie bei den Papuas, bei den Aïnos wie bei den Botokuden. Mit so ganz heiler Haut war ich zwar auch nicht davongekommen, denn einige Schmarren, Schrammen und Löcher hatte diese Haut doch immerhin davongetragen; aber doch nur, weil ich sozusagen als >armer Reisender< gewandert war, und man weiß ja, daß selbst der >höflichste Handwerksbursche< zuweilen ein scharfes Wort oder gar einen unsympathischen Klaps mit in den Kauf nehmen muß. Dürfte ich doch ein Pionier der Civilisation, des Christentums sein! Ich würde nicht zurückdrängend oder gar vernichtend unter meine fernen Brüder treten, die ja ebenso Gottes Kinder sind, wie wir stolzen Egoisten; ich würde jede Form der Kultur und auch den kleinsten ihrer Anfänge schätzen; es kann ja nicht der eine Sohn Allvaters grad so wie der andere sein, und nicht dem Eigennutze, sondern nur der Selbstlosigkeit kann es gelingen, mit wirklichem Erfolge das erhabene Wort zu lehren, das »den Frieden predigt und das Heil verkündigt«. Dieses Wort, es stammt ja nicht von einem Xerxes, Alexander, Cäsar oder Napoleon, sondern von Dem, der in einem Stalle geboren wurde, aus Armut Aehren aß und nicht wußte, wohin er sein Haupt legen sollte, und dessen erste Predigt lautete: »Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen!« --

So verging weit über eine Stunde, und noch saß ich allein. Ich wollte fast befürchten, daß den Gefährten in der Höhle ein Unfall widerfahren sei, und ging bereits mit mir zu Rate, ob es nicht besser wäre, ihnen zu folgen, als ich endlich Schritte hörte.

Ich erhob mich. Es waren die drei, und -- wie ich gleich sah -- man hatte dem Raïs die Fesseln gelöst.

»Du hast sehr lange warten müssen!« bedauerte der Melek.

»Ich bangte bereits für euch,« antwortete ich, »und wäre wohl in kurzem nachgekommen.«

»Das war nicht nötig. Herr, wir haben den Ruh 'i kulyan gesehen und mit ihm gesprochen!«

»Habt ihr ihn erkannt?«

»Ja. Es war -- -- -- sage du zuerst den Namen!«

»Marah Durimeh?«

»Ja, Emir. Wer hätte dies gedacht!«

»Ich. Ich habe es geahnt schon seit längerer Zeit. Was habt ihr mit ihr gesprochen?«

»Das ist Geheimnis und wird Geheimnis bleiben. Herr, diese Frau ist eine berühmte Meleka[158], und was sie zu uns redete, hat unsere Herzen zum Frieden gestimmt. Die Berwari werden unsere Gäste sein und Lizan dann als unsere Freunde verlassen.«

»Ist dies wirklich so?« fragte ich, herzlich erfreut.

»Es ist so,« antwortete der Bey von Gumri. »Und weißt du, wem wir dies zu verdanken haben?«

»Dem Ruh 'i kulyan.«

»Ja, aber zunächst doch dir. Emir, die alte Königin hat uns befohlen, deine Freunde zu sein, aber wir waren es ja bereits schon vorher. Bleibe bei uns in diesem Lande als mein Bruder und als unser aller Bruder!«

»Ich danke euch! Auch ich liebe das Land meiner Väter und möchte einst mein Haupt in demselben zur Ruhe legen; aber ich werde mit meinen Gefährten bei euch weilen so lange, als es meine Zeit gestattet. Wird Marah Durimeh auch fernerhin der Ruh 'i kulyan bleiben?«

»Ja, doch niemand darf es wissen, daß sie es ist. Wir haben geschworen, es zu verschweigen, bis sie gestorben ist. Auch du wirst nicht davon sprechen, Emir?«

»Zu keinem Menschen!«

»Sie wird dich morgen nach der Zeit des Mittages in meinem Hause besuchen, denn sie hat dich lieb, als ob du ihr Sohn oder Enkel seist,« bemerkte der Melek. »Jetzt aber laßt uns gehen.«

»Und die Chaldani, die Nedschir-Bey zusammengerufen hat?« fragte ich rasch, denn ich wollte sicher gehen.

Da trat der Erwähnte zu mir heran und reichte mir die Hand entgegen.

»Herr, sei auch mein Freund und Bruder, und verzeihe mir! Ich bin auf falschem Wege gewandelt und will gern umkehren. Du sollst alles wieder erhalten, was ich dir abgenommen habe, und ich werde gleich jetzt zum Versammlungsorte meiner Leute gehen, um ihnen zu sagen, daß Frieden ist.«

»Nedschir-Bey, nimm meine Hand; ich verzeihe dir gern! Aber weißt du, wer mich aus der Gefangenschaft befreit hat?«

»Ich weiß es. Marah Durimeh hat es mir gesagt. Madana und Ingdscha sind es gewesen, und meine Tochter hat dich dann selbst zum Ruh 'i kulyan geführt.«

»Du zürnest den beiden?«

»Ich hätte ihnen sehr gezürnt und sie sehr hart bestraft; aber die Worte der alten Meleka haben mir die Erkenntnis gebracht, daß die beiden Frauen sehr wohl gehandelt haben. Erlaube, daß auch ich dich besuche!«

»Ich bitte dich darum! Nun aber kommt, ihr Brüder! Meine zwei Gefährten werden sich um uns sorgen.«

Wir verließen den geheimnisvollen Ort, klimmten die Anhöhe empor und fanden den Engländer und Halef wirklich in großer Sorge um mich.

»Wo bleibt ihr denn, Master?« rief mir Lindsay entgegen. »Beinahe wäre ich gekommen, um diesen +Hole-ghost+ um euretwillen totzuschlagen!«

»Ihr seht, daß diese kühne That nicht nötig war, Sir.«

»Was gab es denn da unten?«

»Später, später; jetzt wollen wir aufbrechen.«

Da nahm mich Halef beim Arme.

»Sihdi,« raunte er mir zu, »dieser Mann ist ja nicht mehr gefesselt!«

»Der Geist der Höhle hat ihn befreit, Halef.«

»So ist dieser Ruh 'i kulyan ein sehr unvorsichtiger Geist. Komm, Sihdi, laß uns den Menschen sofort wieder binden!«

»Nein. Er hat mich um Verzeihung gebeten, und ich habe ihm verziehen!«

»Sihdi, du bist ebenso unvorsichtig wie der Geist! Aber ich werde klüger sein: ich bin Hadschi Halef Omar und verzeihe ihm nicht.«

»Du hast ihm nichts zu verzeihen!«

»Ich? Nicht?« fragte er verwundert. »O viel, sehr viel, Sihdi!«

»Was denn?«

»Er hat sich an dir vergriffen, an dir, dessen Freund und Beschützer ich bin, und das ist viel ärger, als wenn er mich selbst gefangen genommen hätte. Wenn ich ihm verzeihen soll, so mag er auch mich um Verzeihung bitten. Ich bin kein Türke, kein Kurde und kein feiger Nasarah, sondern ein Radschul el arab[159], der seinen Sihdi nicht beleidigen und nicht kränken läßt. Sage ihm das!«

»Vielleicht giebt es Gelegenheit dazu. Jetzt aber steige auf! Du siehst, die andern sitzen bereits zu Pferde.«

Der Melek hatte neue Fackeln angebrannt, und der Rückweg wurde angetreten. Man war jetzt nicht so schweigsam wie aufwärts, und nur ich beteiligte mich nicht an dem Gespräche, das von den drei Eingeborenen in fließendem Kurdisch, zwischen Lindsay und Halef aber mittelst englischer und arabischer Sprachbrocken geführt wurde, von denen die beiden gegenseitig kaum den hundertsten Teil verstanden.

Unser Besuch auf dem Berge gab mir viel zu denken. Worin bestand die Macht, die diese Marah Durimeh auf den Scheik sowohl als auch auf den Bey von Gumri ausübte? Der Umstand, daß sie Königin gewesen war, konnte an und für sich von keiner solchen Wirkung sein. Es gehörte mehr als dies dazu, um in so kurzer Zeit zwei Gegner zu versöhnen, die sich in Beziehung sowohl auf ihre Abstammung als auch auf ihren Glauben so schroff gegenüber standen. Und fast ebenso wunderbar war es, aus dem wilden, ungefügen Nedschir-Bey so schnell einen freundlichen, lammfrommen Mann zu machen. Warum sollte dies alles Geheimnis bleiben, auch für mich? Ein anderes Menschenkind hätte sich mit einem solchen Einflusse, mit einer solchen Macht gebrüstet. Diese Marah Durimeh war nicht nur ein geheimnisvolles Menschenkind, sondern jedenfalls auch ein ungewöhnlicher, außerordentlicher Charakter. Welch ein Sujet für einen neugierigen Menschen, der sich in der weiten Welt umhertreibt, um interessante Gegenstände für seine Feder zu finden! Ich gestehe, daß mir jetzt das Geheimnis der alten Königin weit mehr am Herzen lag, als vorher die Streitigkeit zwischen den Kurden und Chaldani.

Als wir die Lichter von Lizan wieder vor uns erblickten, meinte der Raïs von Schohrd:

»Jetzt muß ich mich von euch trennen.«

»Warum?« fragte der Melek.

»Ich muß an den Versammlungsort meiner Leute, um ihnen zu sagen, daß Frieden ist, sonst könnten sie ungeduldig werden und noch vor dem Morgen gegen die Kurden losbrechen.«

»So gehe.«

Er ritt von uns rechts ab, und wir waren in zehn Minuten in Lizan. Die Leute empfingen uns mit neugierigen Gesichtern. Die laute Stimme des Melek rief sie zusammen, und dann richtete er sich in dem Sattel empor, um ihnen zu verkünden, daß aller Kampf zu Ende sei, weil der Ruh 'i kulyan es geboten habe.

»Wollen wir die Berwari bis morgen warten lassen?« fragte ich ihn dann.

»Nein. Sie sollen es sofort erfahren.«

»Wer soll der Bote sein?«

»Ich,« antwortete der Bey. »Sie werden keinem so leicht glauben wie mir. Reitest du mit, Herr?«

»Ja,« stimmte ich bei, »nur warte noch ein wenig.«

Ich wandte mich zu demjenigen Chaldani, der mir am nächsten stand, mit der Frage:

»Du kennst den Weg nach Schohrd?«

»Ja, Emir.«

»So genau, daß du ihn auch im Dunkeln findest?«

»Ja, Emir.«

»Kennst du dort Ingdscha, die Tochter des Raïs?«

»Sehr gut.«

»Und vielleicht auch ein Weib, das Madana heißt?«

»Auch das.«

»So nimm jetzt ein Pferd und reite hin. Du sollst diesen beiden sagen, daß sie sich ohne Sorgen zur Ruhe legen können, denn es ist Frieden. Der Raïs ist mein Freund geworden und wird ihnen nicht zürnen, daß ich aus der Hütte entkommen bin.«

Ich fühlte mich verpflichtet, den beiden braven Frauen Nachricht von dem glücklichen Ausgange der heutigen Verwicklungen zu geben; denn ich konnte mir ja denken, daß sie in Beziehung auf das Verhalten des Raïs sehr in Sorge sein würden. Und nun schloß ich mich dem Bey von Gumri an. Wir hatten unsere Pferde bereits in Gang gebracht, als uns der Melek nachrief:

»Bringt die Berwari mit! Sie sollen unsere Gäste sein.«

Ich kannte den Weg, trotzdem er durch Bäume und Sträucher sehr beschwerlich gemacht wurde. Aber wir hatten noch nicht viel über die Hälfte desselben zurückgelegt, als uns ein lauter Zuruf entgegenscholl:

»Wer kommt?«

»Freunde!« antwortete der Bey.

»Sagt die Namen!«

Jetzt erkannte der Bey den Posten an der Stimme.

»Sei ruhig, Talaf, ich bin es selbst!«

»Herr, du selbst bist es? Schükr' allah -- Gott sei Dank, daß ich den Ton deiner Stimme vernehme! Ist es dir gelungen, zu entfliehen?«

»Ich bin nicht entflohen. Wo lagert ihr?«

»Reite grad aus, so wirst du die Feuer sehen!«

»Führe uns!«

»Ich darf nicht, Herr!«

»Warum nicht?«

»Ich gehöre zu den Wachen, die ausgestellt worden sind, und darf diesen Ort nicht eher verlassen, als bis ich abgelöst werde.«

»Wer befiehlt bei euch?«

»Noch immer der Raïs von Dalascha.«

»Da habt ihr euch einen außerordentlich klugen Anführer gewählt. Jetzt aber bin ich da, und ihr habt nur mir zu gehorchen. Die Wachen sind nicht mehr nötig. Komm und führe uns!«

Der Mann nahm seine lange Flinte über die Schulter und schritt uns voran. Bald sahen wir die Lagerfeuer zwischen den Stämmen der Bäume leuchten und gelangten an denselben Platz, wo wir am vorigen Tage die Beratung gehalten hatten.

»Der Bey!« erklang es rundum.

Alle erhoben sich voll Freude, um ihn zu begrüßen. Auch ich wurde umringt und mit manchem freundschaftlichen Händedruck bewillkommnet. Nur der bisherige Anführer stand von ferne und beobachtete die Scene mit finsterem Blick. Er sah, daß seine Macht am Ende sei. Endlich aber trat er doch herbei und reichte dem Bey die Hand.

»Willkommen!« sagte er. »Du bist entronnen?«

»Nein. Man hat mich freiwillig freigegeben.«

»Bey, das ist das größte Wunder, welches ich erlebe.«

»Es ist kein Wunder. Ich habe mit den Chaldani Frieden geschlossen.«

»Du hast zu schnell gehandelt! Ich habe nach Gumri gesandt, und in der Frühe werden viele Hunderte von Berwari zu uns stoßen.«

»Dann bist du selbst es, der zu schnell gehandelt hat. Hast du nicht gewußt, daß dieser Emir nach Lizan ging, um Frieden zu machen.«

»Er wurde überfallen.«

»Aber du erfuhrst dann später, daß es nicht der Melek war, der ihn überfallen ließ.«

»Was bekommst du von den Chaldani für den Frieden?«

»Nichts.«

»Nichts? O Bey, du hast zu unklug gehandelt! Sie haben dich überfallen und mehrere der Unserigen getötet. Giebt es keine Blutrache und kein Blutgeld mehr im Lande?«

Der Bey blickte ihm ruhig lächelnd in das Gesicht; aber dieses Lächeln war beängstigend.

»Du bist der Raïs von Dalascha, nicht?« fragte er mit sehr freundlicher Stimme.

»Ja,« antwortete der andere verwundert.

»Und mich kennst du wohl?«

»Warum sollte ich dich nicht kennen!«

»So sage mir, wer ich bin!«

»Du bist der Bey von Gumri.«

»Richtig! Ich wollte nur sehen, ob ich mich täuschte; denn ich dachte, dein Gedächtnis habe dich verlassen. Was glaubst du wohl, daß der Bey von Gumri dem Manne thun wird, der es wagt, ihn vor so vielen tapfern Männern unklug zu nennen?«

»Herr, willst du mir meine Dienste mit Undank lohnen?«

Da auf einmal nahm die Stimme des Bey einen ganz anderen Ton an.

»Wurm!« donnerte er. »Willst du gegen mich ebenso thun, wie du es zuerst mit diesem Emir aus Frankistan gethan hast? Sein Mund wies dich zurecht, und seine Hand hat dich gezüchtigt. Soll ich mich vor dir fürchten, da sich der Fremdling nicht scheut, dich vom Pferde zu werfen! Welchen Dienst hast du mir geleistet, und wer hat dich zum Anführer ernannt? Bin ich es gewesen? Ich sage dir, der Ruh 'i kulyan hat uns geboten, Frieden zu schließen, und weil die Stimme des Geistes zur Milde geraten hat, so will ich auch dir vergeben. Aber wage nicht noch einmal, gegen das zu handeln, was ich rede und was ich thue! Du steigst sofort zu Pferde und reitest nach Gumri, um den Berwari zu sagen, daß sie ruhig in ihren Dörfern bleiben können. Gehorchst du nicht vollständig und augenblicklich, so bin ich mit diesen Kriegern morgen in Dalascha, und man soll von Behedri bis Schuraïsi, von Biha bis Beschukha im ganzen Lande Chal erfahren, wie der Sohn des gefürchteten Abd-el-Summit-Bey den Kiaja züchtigt, der ihm zu widerstreben wagt. Mache dich auf und davon, Sklave der Türken!«

Die Augen des Bey leuchteten so unheimlich, und sein Arm streckte sich zu gebieterisch aus, daß der Raïs ohne ein weiteres Wort zu Pferde stieg und schweigend davonritt. Dann wandte sich der Bey zu den andern:

»Holt die Wachen herbei, und folgt uns nach Lizan! Ihr sollt von unsern Freunden bewirtet werden.«

Mehrere eilten fort; die andern löschten die Feuer aus, und ohne daß ein Wort der Frage oder des Widerspruchs gefallen war, hatten wir bereits nach zehn Minuten die Lichtung verlassen und ritten auf Lizan zu.

Als wir dort anlangten, bot sich uns eine sehr lebendige Scene dar. Man hatte mächtige Haufen Holzes errichtet, um die Feuer zu vermehren und zu vergrößern; viele Chaldani waren beschäftigt, Hammel zu schlachten, und sogar zwei prächtige Ochsen lagen am Boden, um abgehäutet, ausgenommen, zerstückelt und dann an den Feuern gebraten zu werden. Dazu waren alle Uejütasch[160] des Ortes zusammengeschleppt worden; sie bildeten eine lange Reihe, und an ihnen saßen die Frauen und Mädchen, um Körner in Mehl zu verwandeln und aus dem Mehl dann breite Brotfladen herzustellen.

Man begrüßte sich zunächst still, und die eine Schar mengte sich vorsichtig und noch mißtrauisch unter die andere; aber bereits nach einer Viertelstunde hatte man sich in Freundschaft vereinigt, und überall erklangen fröhliche Stimmen, die den Geist der Höhle lobten, weil er das Leid in Freude verwandelt hatte.

Wir Honoratioren (ich gebrauche dieses Wort natürlich mit ungeheurem Stolze) saßen im Parterre des Melek vereint, um beim Schmause über die Begebenheiten der letzten Tage zu reden. Natürlich war auch mein wackerer Halef dabei, der meine öffentliche Anerkennung seiner Treue und seines mutigen Verhaltens mit sichtlicher Genugthuung entgegennahm. Der Tag war bereits angebrochen, als ich mich mit den Gefährten in den oberen Raum des Hauses begab, um einige Stunden zu schlafen.

Als ich erwachte, hörte ich unten die bekannte Stimme des Raïs von Schohrd. Ich eilte hinab und wurde von ihm mit großer Freundlichkeit begrüßt. Er hatte mir alles mitgebracht, was mir abgenommen worden war; es fehlte nicht das geringste, und dazu sagte er mir, daß er zu jeder Genugthuung bereit sei, die ich von ihm fordern möchte. Natürlich wies ich das entschieden ab.

Vor dem Hause lagen Kurden und Chaldani wirr durcheinander. Sie schlummerten noch friedlich.

Da sah ich von unten herauf zwei weibliche Gestalten langsam nahen. Ich legte die Hand wie einen Schirm über die Augen und erkannte Ingdscha mit der holden »Petersilie«. Die alte, süße Madana hatte sich wahrhaft prachtvoll herausgeputzt, wie ich sah, als sie näher kamen. Ihr Haupt wurde beschattet von einem Hut, der bloß noch aus einer unendlich breiten Krämpe bestand, und um den übrigen Teil zu ersetzen, war ein großer Busch von Hahnenfedern über die klaffende runde Oeffnung gebunden. An Stelle der Schuhe aber waren zwei prachtvoll rote Fußlappen um die Füße gewickelt, leider aber war die Farbe nicht mehr zu erkennen. Von ihren Hüften wallte ein buntscheckiger Teppich hernieder, der die Stelle des Rockes zu vertreten hatte und von einer Schärpe festgehalten wurde, die ich an einem andern Ort für ein altes Küchenhandtuch gehalten hätte. Ihr Oberkörper war eingehüllt in ein Ding, für das den richtigen Namen zu entdecken selbst dem gründlichen Garderobekenner nicht gelungen wäre. Es war teils Kasawiaka, teils Kartoffelsack, teils Beduine und teils lateinisches Segel, teils Konzerttuch und teils Stuhlkappe, teils Saloppe und teils Geiferlatz. Zwischen diesem geheimnisvollen Toilettestück und dem Teppich guckte das Hemd hervor -- aber, o süße Petersilie, ist dies Leinen oder Mastrichter Sohlenleder? Giebt es denn im Zab kein Wasser, traute Erretterin eines Emirs aus Germanistan?

Ganz anders wandelte Ingdscha nebenher. Ihr dichtes, volles Haar hing in zwei Zöpfen weit über den Rücken herab; auf dem Scheitel kokettierte ein kleines, in Falten gelegtes türkisch-rotes Tuch; schneeweiße, weite Frauenbeinkleider gingen bis zu niedlichen Smyrnaer Stiefelchen herab; ein blaues, gelbbeschnürtes Baschi-Bozukjäckchen reichte grad bis zu der Taille, und darüber trug sie einen Saub[161] von dünnem, blauen Baumwollenstoff.

Als sie näher kam und mich erblickte, färbten sich die Wangen ihres bräunlichen Gesichtes dunkler. Meine »Petersilie« aber kam sofort mit Siebenmeilenschritten auf mich losgestiegen, legte die Arme über die Brust und forcierte eine Verbeugung, die so tief ging, daß die Spitzen ihrer Hüften fast über den wagrecht liegenden Rücken emporragten.

»Sabahh 'l ker -- guten Morgen, Herr!« grüßte sie. »Du wolltest uns heute sehen, hier sind wir!«

Das war eine militärisch kurze Meldung, ich antwortete:

»Seid willkommen und tretet mit mir in das Haus. Meine Gefährten sollen die Frauen kennen lernen, denen ich meine Rettung verdanke.«

»Herr,« sagte Ingdscha, »du hast uns einen Boten gesandt; wir danken dir, denn wir waren wirklich in Sorgen.«

»Hast du deinen Vater bereits gesehen?«

»Nein. Er ist seit gestern nicht in Schohrd gewesen.«

»Er ist hier. Komm herein!«

Schon unter der Thür stießen wir auf den Raïs, der soeben das Haus verlassen wollte. Er machte ein einigermaßen erstauntes Gesicht, als er seine Tochter erblickte, fragte sie aber doch mit freundlicher Stimme:

»Suchst du mich?«

»Es ist Krieg, und ich habe dich seit gestern nicht gesehen,« antwortete sie.

»Aengstige dich nicht; die Feindschaft ist vorüber. Geht zur Frau des Melek; ich habe keine Zeit.«

Er schritt hinaus, schwang sich auf sein Pferd und ritt davon. Ich aber stieg mit den beiden nach oben, wo die Genossen soeben ihre Morgentoilette beendet hatten.

»+Heigh-day,+ wen bringt Ihr da, Master?« fragte Lindsay.

Ich nahm die beiden Frauen bei der Hand und führte sie ihm zu.

»Das sind die beiden Ladies, welche mich aus der Höhle des Löwen befreiten, Sir,« antwortete ich. »Diese hier ist Ingdscha, die Perle, und diese andere heißt Madana, die Petersilie.«

»Petersilie, hm! Aber diese Perle ist prächtig! Habt recht gehabt, Master! Aber beide brav, alle beide. Werde ihnen ein Geschenk geben, gut bezahlen, sehr gut. +Yes!+«

Auch die anderen waren erfreut, meinen Besuch kennen zu lernen, und ich darf wohl sagen, daß den beiden Chaldäerinnen sehr viel Achtung und Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Sie blieben da bis Mittag, wo sie das Mahl noch mit uns einnehmen mußten, und dann begleitete ich sie eine Strecke Weges nach Schohrd zu. Als ich von ihnen schied, fragte Ingdscha:

»Herr, hast du dich wirklich mit meinem Vater ausgesöhnt?«

»So ist es.«

»Und hast du ihm vollständig verziehen?«

»Vollständig.«

»Und er zürnt mir nicht? Er wird mich nicht schelten?«

»Er wird dir nicht ein unfreundliches Wort sagen.«

»Wirst du ihn einmal besuchen?«

»Bin ich denn dir und ihm willkommen, Ingdscha?«

»Ja, Herr!«

»So komme ich bald, vielleicht schon heute, vielleicht auch morgen.«

»Ich danke dir. Lebe wohl!«

Sie reichte mir die Hand und schritt weiter.

Madana aber blieb bei mir stehen und wartete, bis das Mädchen außer Hörweite war; dann fragte sie:

»Herr, weißt du noch, was wir gestern gesprochen haben?«

Ich ahnte, was jetzt kommen werde, und antwortete daher lächelnd:

»Jedes Wort.«

»Und doch hast du ein Wort vergessen.«

»Ah! Welches?«

»Besinne dich!«

»Ich glaube, alles zu wissen.«

»O, grad das beste, das allerbeste Wort hast du vergessen.«

»So sage es!«

»Das Wort von dem Geschenke!«

»Meine gute Madana, ich habe es nicht vergessen. Verzeihe mir, ich komme aus einem Lande, wo man die Frauen höher hält, als alles andere. Sie, die so schön, so zart und liebenswürdig sind, sollen sich nicht mit schweren Lasten plagen. Darum haben wir euch eure Geschenke nicht mitgegeben. Ihr sollt sie nicht diesen weiten Weg nach Schohrd tragen müssen, sondern wir werden sie euch heute noch senden. Und wenn ich morgen komme, so wird dein Anblick mein Herz erfreuen, denn ich werde dich geschmückt sehen mit dem, was ich dir aus Dankbarkeit verehre.«

Die Wolke schwand, und heller Sonnenschein glänzte auf dem runzeligen Angesicht der guten Petersilie. Dieselbe schlug die Hände zusammen und rief:

»O, wie glücklich müssen die Frauen deines Landes sein! Ist es weit bis dahin?«

»Sehr weit.«

»Wie viele Tagreisen?«

»Weit über hundert.«

»Wie schade! Aber du kommst morgen wirklich?«

»Sicher!«

»Dann lebe wohl, Herr! Der Ruh 'i kulyan hat gezeigt, daß du sein Liebling bist, und auch ich versichere dir, daß ich deine Freundin bin!«

Nun gab sie mir die Hand und eilte Ingdscha nach. Wäre Germanistan nicht so viele Tagreisen entfernt gewesen, so hätte meine Petersilie vielleicht versucht, aus eigener Anschauung kennen zu lernen, »wie glücklich unsere Frauen sind!«

Ich hatte den Rückweg noch nicht sehr weit verfolgt, als ich eine Gestalt rechts von der Höhe herabsteigen sah. Es war die alte Marah Durimeh. Auch sie hatte mich erkannt; sie blieb stehen und winkte mir. Als sie sah, daß ich ihrem Winke Folge leistete, drehte sie sich um und stieg mit langsamen Schritten wieder den Berg hinan, wo sie hinter einem Gesträuch verschwand. Dort erwartete sie mich.

»Der Friede Gottes sei mit dir, mein Sohn!« begrüßte sie mich. »Verzeihe mir, daß ich dich zu mir heraufsteigen ließ. Meine Seele hat dich lieb, und im Hause des Melek kann ich nicht allein mit dir sein; darum rief ich dich zu mir. Hast du ein wenig Zeit für mich?«

»So viel du willst, meine gute Mutter.«

»So komm!«

Sie nahm mich bei der Hand, wie es eine Mutter mit ihrem Kinde thut, und führte mich noch einige hundert Schritte weiter, bis wir einen moosbewachsenen Fleck erreichten, von dem aus man die ganze Gegend überblicken konnte, ohne selbst bemerkt zu werden. Sie setzte sich nieder.

»Komm, nimm an meiner Seite Platz!«

Ich folgte ihrem Gebote. Sie ließ den weiten Mantel fallen, und nun saß sie neben mir so greis, so ehrwürdig, so Ehrfurcht gebietend, wie eine Gestalt aus der Zeit der Propheten Israels.

»Herr,« begann sie, »blicke auf, dahin zwischen Süd und Ost. Diese Sonne bringt Frühling und Herbst, bringt Sommer und Winter; ihre Jahre sind mehr als hundert Male über mein Haupt dahingegangen. Siehe dieses Haupt an! Es hat nicht mehr das Grau des Alters, sondern das Weiß des Todes. Ich sagte dir bereits in Amadijah, daß ich nicht mehr lebe, und ich habe die Wahrheit gesprochen; ich bin ein -- Geist, der Ruh 'i kulyan.«

Sie hielt inne. Ihre Stimme klang dumpf und hohl, wie wirklich aus dem Grabe heraus; aber sie vibrierte doch wie unter der Regung eines lebendigen Herzens, und die Augen, die auf das Gestirn des Tages gerichtet waren, zeigten einen leichten, feuchten Glanz.

»Ich habe viel gehört und viel gesehen,« fuhr sie fort. »Ich sah den Hohen fallen und den Niedern emporsteigen; ich sah den Bösen triumphieren und den Guten zu Schanden werden; ich sah den Glücklichen weinen und den Unglücklichen jubeln. Die Gebeine des Mutigen zitterten vor Angst, und der Zaghafte fühlte den Mut des Löwen in seinen Adern. Ich weinte und lachte mit; ich stieg und sank mit -- dann kam die Zeit, in der ich denken lernte. Da fand ich, daß ein großer Gott das All regiert und daß ein lieber Vater alle bei der Hand hält, den Reichen und den Armen, den Jubelnden und den Weinenden. Aber viele sind abgefallen von ihm; sie lachen über ihn. Und noch andere nennen sich zwar seine Kinder, aber sie sind dennoch die Kinder dessen, der in der Dschehennah wohnt. Darum geht ein großes Leid hin über die Erde und über die Menschen, die sich nicht von Gott strafen lassen wollen. Und doch kann keine zweite Sündflut kommen, denn Gott würde keinen Noah finden, der der Vater eines besseren Geschlechtes werden kann.«

Sie machte eine neue Pause. Ihre Worte, der Ton ihrer Stimme, dieses tote und doch so sprechende Auge, ihre langsamen, müden und doch so bezeichnenden Gesten machten einen tiefen Eindruck auf mich. Ich begann die geistige Herrschaft zu begreifen, die dieses Weib auf die intellektuell armen Bewohner dieses Landes ausübte. Sie fuhr fort:

»Meine Seele zitterte, und mein Herz wollte brechen; das arme Volk erbarmte mich. Ich war reich, sehr reich an irdischen Gütern, und in meinem Herzen lebte der Gott, den sie verworfen hatten. Mein Leben starb, aber dieser Gott starb nicht mit. Er berief mich, seine Dienerin zu sein. Und nun wandere ich von Ort zu Ort, mit dem Stab des Glaubens in der Hand, um zu reden und zu predigen von dem Allmächtigen und Allgütigen, nicht mit Worten, die man verlachen würde, sondern mit Thaten, die segnend auf jene fallen, die der Barmherzigkeit des Vaters bedürftig sind. Die alte Marah Durimeh und der Ruh 'i kulyan sind dir ein Rätsel gewesen; sind sie es dir auch jetzt noch, mein Sohn?«

Ich konnte nicht anders, ich mußte ihre dürre Knochenhand erfassen und an meine Lippen drücken.

»Ich verstehe dich!«

»Ich wußte es, daß es bei dir nur dieser Worte bedurfte; denn auch du ringst mit dem Leben, ringst mit den Menschen außer dir und mit dem Menschen in dir selbst.«

Ich schaute rasch auf zu ihr. War sie mit der Gabe des Sehens begnadet? Wie kam es, daß ihr Auge so tief drang und so richtig blickte? Ich antwortete nicht, und sie fuhr nach einer Weile fragend fort:

»Du bist ein Emir in deinem Lande?«

»Nicht das, was bei euch ein Emir ist. Bei uns giebt es Emire der Geburt, Emire des Geldes, Emire des Wissens und Emire des Leidens, des Duldens und des Ringens.«

»Zu welchen gehörest du?«

»Zu den letzteren.«

Sie blickte mich lange forschend an; dann fragte sie:

»Bist du reich?«

»Ich bin arm.«

»Arm an Gold und Silber, aber nicht arm an andern Gütern; denn dein Herz teilt Gaben aus, die andere erfreuen. Ich habe gehört, wie viele Freunde du dir erworben hast, und auch mich hast du beglückt. Warum bleibst du nicht daheim; warum gehest du in ferne Länder? Man sagt, du wanderst, um mit deinen Waffen Thaten zu verrichten; aber dies ist nicht wahr, denn die Waffen töten, und du willst den Tod des Nächsten nicht.«

»Marah Durimeh, ich habe noch keinem gesagt, weshalb ich die Heimat immer wieder verlasse; du aber sollst es hören.«

»Weiß es auch in deiner Heimat niemand?«

»Nein. Ich bin dort ein unbekannter, einsamer Mann; aber diese Einsamkeit thut meinem Herzen wohl.«

»Mein Sohn, du bist noch jung. Hat dir Allah bereits solches Leid beschert, daß deine Seele einwärts geht?«

»Das ist es nicht, sondern es ist das, was dich noch leben läßt,« erwiderte ich.

»Erkläre es mir!« sagte sie.

»Wer in der Wüste schmachtet, der lernt den Wert des Tropfens erkennen, der dem Dürstenden das Leben rettet. Und auf wem das Gewicht des Leides und der Sorge lastete, ohne daß eine Hand sich helfend ihm entgegenstreckte, der weiß, wie köstlich die Liebe ist, nach der er sich vergebens sehnte. Und doch ist mein ganzes Herz erfüllt von dem, was ich nicht fand, von jener Liebe, die den Sohn des Vaters auf die Erde trieb, um ihr die frohe Botschaft zu verkünden, daß alle Menschen Brüder sind und Kinder ~eines~ Vaters. Und wie der Heiland aus den Höhen, wohin kein Sterblicher dringen kann, auf die kleine Erde herniederstieg, so gehen nun seine Boten hinaus in alle Welt, um das Evangelium der Liebe zu verkündigen allen, die noch in Finsternis wandeln. Das sind die Emire des Christentums, die Helden des Glaubens, die Meleks der Barmherzigkeit.«

»Aber nicht alle lehren das, was du jetzt gesprochen hast. Es giebt Sendlinge, die die Boten des echten Glaubens verfolgen. Siehe dieses Land an, über dem jetzt die Sonne leuchtet. Dieselbe Sonne hat Tausende hier sterben sehen, und derselbe Fluß, den du hier vor uns erblickst, hat Hunderte von Leichen mit sich fortgerissen. Und warum? Frage die Emire des Glaubens, die dort hinter den Bergen von Karitha und Tura Schina wohnten; frage die Scheiks der christlichen Fürsten, die bei den Statthaltern des Sultans waren und dies alles ruhig geschehen ließen! Hat nicht jeder christliche Sultan und Schah das Recht und die Pflicht, die Christen zu schützen, sie mögen sich befinden, wo es nur immer sei? Ich habe heut um Mitternacht die Christen dieses Thales vom Tode errettet, ich, das Weib; warum haben diese Emire weniger Macht als ich? Einst war ich Meleka; jetzt bin ich nur ein altes Weib; aber dennoch hören Türken, Kurden und Chaldani meine Stimme. Auch ich habe heut um Mitternacht das Christentum verkündet, aber nicht das Christentum des Wortes, über dessen Sinn die Abgefallenen streiten, sondern das Christentum der That, daran niemand zweifeln kann. Züchtigt die Bösen, und sie werden es euch später danken, während die Guten, die sich nach Erlösung sehnen, euer Nahen mit Freudigkeit begrüßen werden. Sendet nicht Boten, die wie einzelne Funken im Meere verlöschen, sondern sendet Männer, vor denen sich der Unterdrücker fürchtet; dann werden die Berge jauchzen und die Thäler jubilieren; das Land wird Segen bringen zu jeder Zeit, und es wird das Wort von ~einem~ Hirten und ~einer~ Herde sich erfüllen. Hat nicht dieser ~eine~ Hirt bereits seinen Statthalter auf Erden? Warum wendet ihr selbst euch von ihm weg? Kehrt zu ihm zurück; dann seid ihr einig, und die Macht dessen, der euch sendet, wird die Erde zu dem Belad el Kuds[162] machen, in dem Milch und Honig fließt!«

Sie hatte während ihrer Rede sich erhoben. Ihre vorher gebeugte Gestalt stand aufrecht vor mir; in ihren erstorbenen Zügen zeigte sich plötzliches Leben; ihre tief eingesunkenen Augen leuchteten vor Begeisterung, und ihre Stimme erscholl laut und voll, als ob sie zu Tausenden rede. Es war ein Augenblick, den ich nie vergessen werde. Jetzt hielt sie erschöpft inne und setzte sich wieder nieder. Diese Frau mußte viel gesehen und gehört, viel gefühlt und gedacht, vielleicht auch gar manches gelesen haben. Was sollte ich ihr antworten?

»Marah Durimeh, tadelst du auch mich?« fragte ich sie.

»Dich? Warum meinst du das?«

»Weil ich auch ein Bote bin.«

»Du?! Wer hat dich gesandt?«

»Niemand. Ich komme selbst.«

»Um zu lehren?«

»Nein, und doch auch ja.«

»Ich verstehe dich nicht, mein Sohn. Erkläre es!«

»Du selbst hast gesagt, daß du Boten der That wünschest, aber der That, die nicht im Meere verlischt. Gott teilt die Gaben nach seiner Weisheit aus. Dem einen giebt er die erobernde Rede und dem andern befiehlt er, zu wirken, bevor die Zeit kommt, da er nicht mehr wirken kann. Mir ist die Gabe der Rede versagt, aber ich muß wuchern mit dem Pfunde, das Gott mir verliehen hat. Darum läßt es mich in der Heimat nimmer ruhen; ich muß immer wieder hinaus, um zu lehren und zu predigen, nicht durch das Wort, sondern dadurch, daß ich jedem Bruder, bei dem ich einkehre, nützlich bin. Ich war in Ländern und bei Völkern, deren Namen du nicht kennst; ich bin eingekehrt bei weiß, gelb, braun und schwarz gefärbten Menschen; ich war der Gast von Christen, Juden, Moslemin und Heiden; bei ihnen allen habe ich Liebe und Barmherzigkeit gesäet. Ich ging wieder fort und war reich belohnt, wenn es hinter mir erklang: ›Dieser Fremdling kannte keine Furcht; er konnte und wußte mehr als wir und war doch unser Bruder; er ehrte unsern Gott und liebte uns; wir werden ihn nie vergessen, denn er war ein guter Mensch, ein wackerer Gefährte; er war -- -- ein Christ!‹ Auf diese Weise verkündige ich meinen Glauben. Und sollte ich auch nur einen einzigen Menschen finden, der diesen Glauben achten und vielleicht gar dann lieben lernt, so ist mein Tagewerk nicht umsonst gethan, und ich will irgendwo auf dieser Erde mich von meiner Wanderung gern zur Ruhe legen.«

Es entstand eine lange, lange Pause. Wir beide blickten wortlos zur Erde nieder; dann ergriff sie langsam mit beiden Händen meine Rechte.

»Herr,« sagte sie, »ich liebe dich!«

Dabei sahen mich die alten Augen so mütterlich innig an, daß ich's nie vergessen werde!

»Mein Sohn,« sagte sie, »wenn du dieses Thal verlassen hast, so wird mein Auge dich nie wiedersehen, aber Marah Durimeh wird für dich beten und dich segnen, bis dieses Auge geschlossen ist. Du sollst nun auch der einzige sein, der außer den dreien, die um Mitternacht beim Ruh 'i kulyan waren, mein Geheimnis erfährt. Willst du?«

»Wenn Schweigen besser ist, so verzichte ich darauf; doch willst du es mir wirklich und gewiß gern anvertrauen, so nimm meinen Dank dafür.«

»Diese drei haben geschworen, nie ein Wort davon zu sagen -- -- --.«

»Auch ich werde nie darüber sprechen.«

»Zu keinem Menschen?«

»Zu niemand!«

»So sollst du alles hören.«

Und nun erzählte sie. Es war eine Geschichte, die als Sujet einen Autor berühmt machen könnte, eine lange Geschichte aus jener Zeit, in der die drei Teufel Abd-el-Summit-Bey, Beder-Khan-Bey und Nur-Ullah-Bey das Christentum im Thale des Zab ausrotteten, eine Geschichte, die mir die Haare sträuben machte. Es dauerte lange, ehe sie beendet war, und dann saß die Alte noch geraume Zeit in tiefem Schweigen neben mir. Nur ein leises Schluchzen unterbrach dann und wann die Stille, und die knöcherne Hand langte nach den Augen, um die immerfort rinnenden Thränen zu trocknen. Dann legte sie ermüdet und ganz von selbst ihr Haupt an meine Schulter und bat mit leiser Stimme:

»Gehe jetzt! Ich wollte hinab nach Lizan gehen; aber ich steige nochmals zurück, um zu warten, bis mein Herz wieder ruhig schlägt. Am Abend komme ich zu euch.«

Ich achtete diesen Wunsch und ging.

Als ich in Lizan anlangte, sah ich keine Kurden mehr; aber der Bey hatte auf mich gewartet.

»Emir,« sagte er, »meine Leute sind fort, und auch ich scheide von hier; aber ich erwarte, daß du zurück nach Gumri kommst.«

»Ich komme.«

»Auf lange Zeit?«

»Auf kurze Zeit, denn die Haddedihn sehnen sich nach den Ihrigen.«

»Sie haben mir versprochen, mitzukommen, und wir werden dann beraten, wie ihr am sichersten den Tigris erreicht. Lebe wohl, Emir!«

»Lebe wohl!«

Der Melek stand mit meinen Gefährten dabei. Der Bey verabschiedete sich nochmals bei ihnen und eilte dann davon, um seine Kurden zu erreichen.

Marah Durimeh hielt Wort: sie kam des Abends; und als sie mich ungehört sprechen konnte, fragte sie mich:

»Herr, willst du mir eine Bitte erfüllen?«

»Von Herzen gern.«

»Glaubst du an die Macht der Amulette?«

»Nein.«

»Aber dennoch habe ich dir heut eins gemacht. Willst du es tragen?«

»Als Andenken an dich, ja.«

»So nimm es. Es hilft nicht, so lange es geschlossen ist; aber wenn du einmal eines Retters bedarfst, so öffne es; der Ruh 'i kulyan wird dir dann beistehen, auch wenn er nicht an deiner Seite ist.«

»Ich danke dir.«

Das Amulett war viereckig und in einem zusammengenähten Kattunlappen eingeschlossen. Da es mit einem Bande versehen war, hing ich es mir gleich um den Hals. Später sollte es mir allerdings sehr nützlich sein, trotz meines offen gestandenen Unglaubens; freilich konnte ich nicht erwarten, daß der Inhalt ein so überraschender sei. --

Fußnoten:

[Footnote 1: Lichtauslöscher.]

[Footnote 2: Milchstraße.]

[Footnote 3: Wörtlich: der Alte ohne Kopf (große Bär.)]

[Footnote 4: Venus.]

[Footnote 5: Waage.]

[Footnote 6: Dreitausend Mark ungefähr.]

[Footnote 7: Regimentsquartiermeister oder Rang-Major.]

[Footnote 8: Major oder Bataillonschef.]

[Footnote 9: Oberstlieutenant.]

[Footnote 10: Stabsoffizier, Adjutant.]

[Footnote 11: Vorsteher des Gerichtshofes.]

[Footnote 12: Eine auf Nicht-Mohammedaner gelegte Taxe.]

[Footnote 13: Oberrichter der asiatischen Türkei.]

[Footnote 14: Vorsteher.]

[Footnote 15: Wörtlich: »Dieses ich selbst« oder »Dieses bin ich selbst« -- ein statt der Namensunterschrift geltendes Zeichen.]

[Footnote 16: Sattelmacher.]

[Footnote 17: Versammlung der Räte.]

[Footnote 18: Siegel der Statthalterschaft.]

[Footnote 19: Konsul.]

[Footnote 20: Vorsteher.]

[Footnote 21: Eine Mark.]

[Footnote 22: Porzellanschalen.]

[Footnote 23: Salat aus zarten Pistazienblättern.]

[Footnote 24: Ziegenbraten.]

[Footnote 25: Wörtlich: Mühlsteine. Ein hohes, festes Gebäck in der runden Form der Mühlsteine.]

[Footnote 26: Taube.]

[Footnote 27: Fledermaus.]

[Footnote 28: Kleidermacher oder Kleiderhändler.]

[Footnote 29: Anzug aus Wollenstoff.]

[Footnote 30: Eine Mütze aus Filz von Ziegenhaar.]

[Footnote 31: Heuschrecken.]

[Footnote 32: So nennen die Albanesen ihr Land.]

[Footnote 33: Deutscher.]

[Footnote 34: Deutschland.]

[Footnote 35: Serbe.]

[Footnote 36: Der Morgenröte.]

[Footnote 37: Der Hyacinthe.]

[Footnote 38: Der Blume.]

[Footnote 39: Der Nachtigall.]

[Footnote 40: Armband.]

[Footnote 41: Eigentlich wörtlich: »Dein Opfer«.]

[Footnote 42: Falke.]

[Footnote 43: Stute.]

[Footnote 44: Zügel, Zaum.]

[Footnote 45: Jude.]

[Footnote 46: Kommandant.]

[Footnote 47: Ein gewöhnlicher Mann.]

[Footnote 48: Fenster.]

[Footnote 49: Wirtin.]

[Footnote 50: Mädchen, Dienerin.]

[Footnote 51: 66 Mark.]

[Footnote 52: Hanf.]

[Footnote 53: Petersilie.]

[Footnote 54: Zwiebeln.]

[Footnote 55: Knoblauch.]

[Footnote 56: Katzenkraut.]

[Footnote 57: Zwei Mark.]

[Footnote 58: Sergeant.]

[Footnote 59: Pantoffel.]

[Footnote 60: ungefähr fünf Mark.]

[Footnote 61: Speisewirt.]

[Footnote 62: Gerichtsschreiber.]

[Footnote 63: Die Vermögenssteuer.]

[Footnote 64: Arzt.]

[Footnote 65: Haarlocke über der Stirn.]

[Footnote 66: Apotheke.]

[Footnote 67: Kräuterhändler.]

[Footnote 68: Todeskirsche.]

[Footnote 69: Fliege.]

[Footnote 70: 1-1/2 Pfund.]

[Footnote 71: König, Fürst.]

[Footnote 72: Unreinen.]

[Footnote 73: Märchenerzähler.]

[Footnote 74: Um Mosis Willen.]

[Footnote 75: Waffen.]

[Footnote 76: Schnurrbart.]

[Footnote 77: Kaffeewirt.]

[Footnote 78: Gefangenhaus.]

[Footnote 79: Oberrichter der asiatischen Türkei.]

[Footnote 80: Vicekönig.]

[Footnote 81: Ein Dorf der Kazikahnkurden.]

[Footnote 82: Kanoniere.]

[Footnote 83: Sergeant-Major.]

[Footnote 84: Simson.]

[Footnote 85: Spinne, Kreuzspinne.]

[Footnote 86: Der Trank aller Tränke.]

[Footnote 87: Wadenkrampf.]

[Footnote 88: Neben dem »Sehim« eine Art Papiergeld.]

[Footnote 89: kurdisch: Geist der Höhle.]

[Footnote 90: Armer Sünder.]

[Footnote 91: Nestorianer.]

[Footnote 92: Mutter Gottes, Maria.]

[Footnote 93: Andenken.]

[Footnote 94: Kleinigkeit.]

[Footnote 95: Deutscher.]

[Footnote 96: Eidechsen.]

[Footnote 97: Würste.]

[Footnote 98: Um Gottes Willen.]

[Footnote 99: Maulbeerbaum.]

[Footnote 100: Herr, Gebieter.]

[Footnote 101: Vorsteher.]

[Footnote 102: Freund, Genosse.]

[Footnote 103: Bei meinem Haupte.]

[Footnote 104: O Gott!]

[Footnote 105: Wasserpfeife.]

[Footnote 106: »Hal« = Onkel von mütterlicher, »Am« = Onkel von väterlicher Seite. Die Zusammenziehung dieser beiden Worte bedeutet Beschützer.]

[Footnote 107: Rache.]

[Footnote 108: Frosch.]

[Footnote 109: Derman heißt im Kurmangdschi Schießpulver; Derman oder Dereman heißt aber auch Medizin, Heilmittel.]

[Footnote 110: Wundfieber.]

[Footnote 111: Hebamme.]

[Footnote 112: Gast.]

[Footnote 113: Säbel, Schwert.]

[Footnote 114: Herrscher, eine Höflichkeitssteigerung von Chodih, Herr.]

[Footnote 115: Wörtlich: Bär des Eises.]

[Footnote 116: Tisch.]

[Footnote 117: Lastträger.]

[Footnote 118: Guitarre.]

[Footnote 119: Fensterglas.]

[Footnote 120: Juden.]

[Footnote 121: Geldstrafen.]

[Footnote 122: Wurfspieß.]

[Footnote 123: Fremde.]

[Footnote 124: Krebs.]

[Footnote 125: So nennen sich die Nestorianer Kurdistans am liebsten.]

[Footnote 126: Patriarch.]

[Footnote 127: Erzbischof.]

[Footnote 128: Bischof.]

[Footnote 129: Archidiakonen.]

[Footnote 130: Priester.]

[Footnote 131: Diakonen.]

[Footnote 132: Subdiakonen.]

[Footnote 133: Vorleser.]

[Footnote 134: Jesus.]

[Footnote 135: Oberhaupt.]

[Footnote 136: Der obere Zab.]

[Footnote 137: Knabe.]

[Footnote 138: Zündholz.]

[Footnote 139: Türkischer Dorfschulze.]

[Footnote 140: Sammet.]

[Footnote 141: Stahl.]

[Footnote 142: Eisen.]

[Footnote 143: Auserlesene, hervorragende Krieger.]

[Footnote 144: Schutz, Hausrecht.]

[Footnote 145: Bei den Kurden Schimpfnamen für die persischen Schiiten.]

[Footnote 146: Schulmeister.]

[Footnote 147: Mohammedanische Priester.]

[Footnote 148: Löffel.]

[Footnote 149: Schaufel.]

[Footnote 150: Gold und Silber.]

[Footnote 151: Kuß.]

[Footnote 152: Handkuß.]

[Footnote 153: Vorherbestimmung.]

[Footnote 154: Sterblicher.]

[Footnote 155: Dattelfaser.]

[Footnote 156: Großvater.]

[Footnote 157: Mittelamerikanischer Haifisch.]

[Footnote 158: Königin.]

[Footnote 159: Arabischer ~Mann~.]

[Footnote 160: Mahlsteine.]

[Footnote 161: Weites Obergewand, das von den Schultern bis zum Knöchel reicht.]

[Footnote 162: Heiligen Lande.]

Anmerkungen zur Transkription:

Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die Korrektur.

S. 344

weil ich bei dir aussuchen weil ich bei dir haussuchen

S 366 die ist nicht gut die sind nicht gut