XI.
Mosgljäkoff verließ Marja Alexandrowna wie es schien, vollkommen beruhigt. Sie hatte es verstanden, ihn für ihren Plan zu gewinnen. Einstweilen aber ging er doch nicht zu Borodujeff, denn es verlangte ihn nach Einsamkeit. Die Woge der romantischen und heroischen Träume, die ihn plötzlich überkam, ließ ihm keine Ruhe. Er dachte an eine feierliche Aussprache mit Sina, an die edlen Tränen seines alles verzeihenden Herzens, seine Bleichheit und Verzweiflung auf dem glänzenden Petersburger Ball, an Spanien, den Guadalquivir, an seine Liebe und den sterbenden Fürsten, der noch vor seinem letzten Atemzuge ihrer beider Hände vereinigte. Hierauf dachte er an seine wunderschöne Frau, die ihm treu ergeben ist und ihn täglich ob seines Heldenmutes und seiner erhabenen Gefühle anstaunt; nebenbei – im stillen – an die Aufmerksamkeit irgend einer Gräfin der „höchsten Gesellschaft“, in die er durch die Heirat mit Sina, der Witwe des Fürsten K., unfehlbar hineingelangen würde; ferner an den Posten eines Vizegouverneurs, an das viele Geld ... Mit einem Wort: alles, was Marja Alexandrowna so beredt ausgemalt hatte, zog noch einmal durch seine restlos zufriedene Seele, beglückend und verlockend und vor allem seiner Eigenliebe schmeichelnd. Doch siehe – und ich weiß wirklich nicht, wie ich das eigentlich erklären soll –, als er von dieser ganzen Begeisterung bereits müde zu werden begann, kam ihm plötzlich ein äußerst unangenehmer Gedanke: daß nämlich das alles bestenfalls in der Zukunft sein würde, daß er vorläufig aber trotz allem mit einer langen Nase sitzen bliebe. Als ihm dieser Gedanke kam, bemerkte er auch, daß er sehr weit gegangen war und sich in einer einsamen, ihm völlig unbekannten Vorstadt Mordassoffs befand. Es dunkelte. In den Straßen, an denen gleichsam in die Erde hineingewachsene Häuschen standen, bellten wie verzweifelt alle Hunde, die, wie gewöhnlich in Provinzstädten, gerade in jenen Stadtteilen sich erschreckend vermehren, wo es nichts zu bewachen und auch nichts zu stehlen gibt. Es begann zu schneien. Nasse, schwere Flocken fielen. Selten nur begegnete ihm ein verspäteter Bauer oder ein Weib im Pelz und in Wasserstiefeln. Alles das ärgerte ihn mit einemmal – ein sehr schlechtes Zeichen, da uns bei einer günstigen Wendung der Dinge im Gegenteil alles in rosigem Licht zu erscheinen pflegt. Pawel Alexandrowitsch dachte unwillkürlich daran, daß er bis jetzt in Mordassoff den Ton angegeben hatte; er hörte es sehr gern, wenn man ihm in jedem Hause andeutete, daß er Heiratskandidat sei und wenn ihm zu dieser Eigenschaft Glück gewünscht wurde. Er war sogar regelrecht stolz darauf, Heiratskandidat zu sein. Und nun sollte er plötzlich als – Verschmähter dastehen! Man wird ihn ja auslachen! Und in der Tat, er kann doch nicht alle eines anderen belehren, er kann doch nicht einem jeden von den Petersburger Bällen in säulenverzierten Sälen und vom Guadalquivir erzählen! Während er so dies und das überlegte, sich selbst quälte und mit seinem Schicksal haderte, kam ihm schließlich etwas in den Sinn, das schon seit einiger Zeit halb unbewußt an seinem Herzen genagt hatte.
„Aber ist denn das alles auch wahr? Wird es denn auch genau so in Erfüllung gehen, wie Marja Alexandrowna es ausgemalt hat?“
Gleichzeitig sagte er sich, daß Marja Alexandrowna eine äußerst schlaue Dame war und, wie sehr sie die allgemeine Achtung auch verdient haben mochte, dennoch klatschte und vom Morgen bis zum Abend log. Er sah ein, daß sie, als sie ihn „abschob“, wahrscheinlich ihre besonderen Gründe dazu gehabt hatte, und schließlich – ausmalen kann ja ein jeder. Auch an Sina dachte er, dachte an ihren Abschiedsblick, der von nichts weniger als von heimlicher, leidenschaftlicher Liebe gesprochen hatte; und zum Überfluß fiel ihm da noch ein, daß er von ihr immerhin einen Korb erhalten und sie ihn einen Dummkopf genannt hatte. Bei diesem Gedanken blieb Pawel Alexandrowitsch wie angewurzelt stehen und errötete vor Scham bis zu Tränen. Da fehlte denn nur noch, daß ihm gerade in diesem Augenblick etwas Unangenehmes zustieß: er trat fehl und flog in einen Schneehaufen. Während er nun in dem losen, weichen Schnee kniete und sich wieder aufzurichten mühte, stürzte die ganze Meute, die ihn seit geraumer Zeit verfolgt und angekläfft hatte, von allen Seiten auf ihn los. Der kleinste und frechste Hackenbeißer hatte sogar die Unverschämtheit, sich hinten an seinen Pelz zu hängen. Mit lautem Geschimpf schüttelte er die Hunde ab und trottete dann mit hinten zerrissenem Pelzrand bis zur nächsten Querstraße, um erst hier gewahr zu werden, daß er sich verirrt hatte. Bekanntlich kann kein Mensch, der sich in einem ihm unbekannten Stadtteil verirrt hat – und namentlich noch in der Nacht – eine Straße geradeaus bis zum Ende gehen: immer wieder wird ihn eine unbekannte Macht in alle Querstraßen und Nebengassen einzubiegen zwingen. Da nun auch Mosgljäkoff keine Ausnahme aus der Regel machte, verirrte er sich bald endgültig.
„Der Teufel hole alle diese hohen Ideen!“ fluchte er im Innersten und spie aus vor Wut. „Und der Teufel hole euch alle samt euren edlen Gefühlen und Guadalquiviren!“
Ich will nicht behaupten, daß Mosgljäkoff in diesem Augenblick anziehend gewesen sei.
Nach zwei Stunden langte er endlich müde und abgequält beim Hause Marja Alexandrownas an. Als er die vielen Kutschen vor der Tür halten sah, wunderte er sich.
„Sind das etwa Gäste, sollte dort geladener Besuch sein?“ fragte er sich. „Zu welchem Zweck gibt sie denn heute eine Abendgesellschaft?“ Er erkundigte sich beim Diener und erfuhr, daß Marja Alexandrowna auf dem Gut gewesen und mit Afanassij Matwejewitsch – der in Frack und weißer Binde erschienen sei – zurückgekehrt war und daß der Fürst zwar geruht habe, aus dem Nachmittagsschläfchen zu erwachen, jedoch noch nicht nach unten zu den Gästen herabgestiegen wäre. Mosgljäkoff begab sich, ohne ein Wort zu sagen, hinauf zum Fürsten. Er befand sich gerade in einer Stimmung, in der ein Mensch mit schwachem Charakter fähig ist, sich zu allem zu entschließen, selbst zum schmählichsten Racheakt, ohne daran zu denken, daß er dann vielleicht sein ganzes Leben lang die Tat bereuen wird.
Er fand den Fürsten in einem bequemen Lehnstuhl sitzend vor seinem Reisenecessaire mit vollkommen kahlem Schädel, aber die Fliege und der Backenbart waren bereits angebracht. Seine Perücke befand sich in den Händen seines alten grauhaarigen Kammerdieners und besonderen Lieblings, Iwan Pachomytschs, der sie mit tiefernster, wichtiger und ehrfürchtiger Miene bürstete.
Der Fürst, der nach dem vielen Wein noch nicht recht zu sich gekommen zu sein schien, bot einen ziemlich traurigen Anblick dar: er schien ganz und gar erschlafft zu sein, blinzelte hin und wieder mit den Augen und sah Mosgljäkoff an, als sähe er ihn zum ersten Mal im Leben.
„Wie geht es Ihnen, wie fühlen Sie sich, Onkelchen?“ erkundigte sich dieser.
„Wie ... Ach das bist du!“ Schließlich erkannte ihn der Fürst. „Ich war ein wenig eingeschlafen. Ach Gott!“ – Er war im Augenblick belebt – „ich bin ja doch ... ich bin ja doch ohne Per–rücke!“
„O, beunruhigen Sie sich nicht, Onkelchen! Ich ... ich werde Ihnen helfen, wenn Sie meiner Hilfe bedürfen.“
„Nun sieh, da hast du jetzt mein Geheimnis erfahren! Ich habe doch ge–sagt, daß man die Tür verschließen muß. Aber, mein Freund, du mußt mir jetzt sogleich dein Eh–ren–wort geben, daß du mein Geheim–nis niemand aufdecken und niemand sagen wirst, daß ich fal–sches Haar habe.“
„O, ich bitte Sie, Onkelchen! Halten Sie mich denn für einen, der dazu fähig wäre?“ Mosgljäkoff wollte den Fürsten zu seinen weiteren Zwecken gewinnen ...
„Nun ja, nun ja! Doch ... Da ich sehe, daß du ein edler Mensch bist – mag es dann so sein, ich werde dich in Erstaunen setzen ... und dir meine Geheimnisse aufdecken. Nun, mein Lieber, wie gefällt dir mein Schnurrbart?“
„Vorzüglich, Onkelchen! Er ist geradezu wunderbar! Wie haben Sie ihn nur so lange und so tadellos erhalten können?“
„Überzeuge dich: er ist – fal–sch!“ sagte der Fürst mit triumphierendem Blick auf Mosgljäkoff.
„Ist’s möglich? Nicht zu glauben! Nun, aber der Backenbart? Gestehen Sie es nur, Onkelchen, den färben Sie doch?“
„Färben? Ich färbe ihn nicht nur, er ist gleichfalls vollkommen – fal–sch!“
„Unmöglich! Nein, Onkelchen, Verzeihung, aber das glaube ich nicht! Sie wollen sich über mich lustig machen!“
„^Parole d’honneur, mon ami!^“ beteuerte der Fürst stolz. „Und denk dir, alle, aber auch alle lassen sich ganz wie du täuschen! Sogar Stepanida Matwejewna glaubt es nicht, obgleich sie ihn mir doch zuweilen selbst anbringt. Aber ich bin über–zeugt, mein Lieber, daß du mein Geheimnis bewahren wirst. Gib mir dein Ehrenwort.“
„Ehrenwort, Onkelchen, ich werde es keinem verraten. Und glauben Sie denn wirklich, daß ich dazu fähig wäre?“
„Ach, mein Freund, wie ich heute in deiner Abwesenheit gefallen bin! Fe–o–fil hat mich zum zweitenmal um–geworfen!“
„Zum zweitenmal? Wann denn das?“
„Tja, wir näherten uns schon dem Kloster ...“
„Ich weiß, Onkelchen, heute morgen.“
„Nein, nein, das war im ganzen vor zwei Stunden, nicht mehr. Ich fuhr ins Kloster, er aber warf die Kutsche um. Dieser Schreck! Mein Herz steht noch still davon.“
„Aber Onkelchen, Sie haben doch inzwischen geschlafen!“
„Nun ja, geschlafen ... dann aber fuhr ich ... wie gesagt, ich ... Also, wie gesagt, vielleicht habe ich das ... nein, wie son–derbar das ist!“
„Glauben Sie mir, Onkelchen, das haben Sie nur im Traum erlebt! Sie haben hier doch die ganze Zeit seit dem Mittag geschlafen.“
„Wirk–lich?“ – Der Fürst wurde nachdenklich.
„Nun ja, vielleicht habe ich das nur im Traum gesehen. Aber, wie gesagt, ich habe alles behalten, was mir geträumt hat. Zuerst träumte mir von einem grau–envollen Büffel mit langen Hörnern, dann von einem Staatsanwalt, gleichfalls, wie mir schien, mit Hör–nern ...“
„Das war wohl Nikolai Wassiljitsch Antipoff, Onkelchen?“
„Nun ja, vielleicht war er es. Und dann träumte mir von Napo–leon Buonaparte. Weißt du, mein Lieber, mir sagen alle, daß ich Napoleon Buonaparte ungemein ähneln soll ... und im Profil soll ich ... aus–ge–sproch–en wie ein gewisser ehemaliger Papst aussehen! Was findest du, mein Lieber, habe ich Ähnlichkeit von einem Papst?“
„Ich finde, daß Sie mehr Napoleon ähneln, Onkelchen.“
„Nun ja, das wäre ^en face^. Wie gesagt, ich finde es selbst auch, mein Lieber. Und ich sah ihn im Traum bereits auf der Insel sitzend, und wie gesagt, er war so ge–sprä–chig, so schlag–fertig, solch ein Witz–bold ... so daß er mich un–gemein erheitert hat.“
„Reden Sie von Napoleon?“ fragte Mosgljäkoff mit nachdenklichem Blick auf den Fürsten. Ihm war plötzlich ein sonderbarer Einfall gekommen, ein Einfall, über den er sich vorläufig noch nicht recht klar war.
„Nun ja, von Napoleon. Wir sprachen beide über Phi–lo–sophie. Und weißt du, mein Lieber, es tut mir sogar leid, daß die Eng–länder ... so streng mit ihm verfah–ren sind. Es ist ja wahr: hätte man ihn nicht an der Kette gehalten, so würde er sich wieder auf die anderen gestürzt haben. Ein toller Mensch! Aber es tut mir doch leid um ihn. Ich hätte ihn nicht so behandelt. Ich hätte ihn auf eine un–bewohnte Insel gesetzt ...“
„Weshalb denn auf eine unbewohnte?“ fragte Mosgljäkoff zerstreut.
„Nun, dann meinetwegen auch auf eine bewohn–te, aber auf eine, auf der nur vernünf–tige Menschen wohnen. Nun und dann hätte ich verschiedene Zerstreu–ungen für ihn arrangiert: Theater, Musik, Ballett ... und alles auf Kosten des Staates. Spazieren zu gehen hätte ich ihm natür–lich nur unter Auf–sicht erlaubt, denn sonst wäre er ja sofort wieder entschlüpft. Gewisse Pasteten soll er sehr geliebt haben. Nun, dann würde man ihm eben täglich diese Pasteten gebacken haben. Ich hätte sozusagen väterlich für ihn gesorgt. Er hätte es bei mir nicht schlecht gehabt! ...“
Mosgljäkoff hörte zerstreut dem Geschwätz des erst halberwachten Greises zu und trommelte mit seinen Händen vor Ungeduld. Er wollte das Gespräch auf die Heirat bringen. Eigentlich wußte er noch selbst nicht, weshalb er es wollte, doch ein unbezwingliches Rachegelüst kochte in seiner Brust. Plötzlich stieß der Greis einen leichten Schrei aus, einen Schrei der Überraschung.
„Ach, ^mon ami^! Ich habe ja ganz vergessen, dir zu sagen! Denk doch, ich habe heute einen Heiratsantrag gemacht!“
„Einen Heiratsantrag, Onkelchen?“ fragte Mosgljäkoff ungemein belebt.
„Nun ja, einen Hei–ratsantrag. Pachomytsch, du gehst schon? Nun gut. ^C’est une charmante personne ... Mais^ ... ich will dir gestehen, mein Lieber, ich habe un–über–legt gehandelt. Jetzt sehe ich es ein. Ach, Gott im Himmel!“
„Aber erlauben Sie, Onkelchen, wann haben Sie es denn getan?“
„Wie gesagt, mein Lieber, ich weiß noch nicht einmal genau, wann. Oder sollte mir das nur geträumt haben? Ach, wie son–der–bar das aber doch ist!“
Mosgljäkoff erzitterte vor Freude. Er hatte eine glänzende Idee!
„Aber wem und wann haben Sie denn den Heiratsantrag gemacht, Onkelchen?“ fragte er ungeduldig.
„Der Tochter des Hauses hier, ^mon ami^ ... ^cette belle personne^ ... wie gesagt, ich habe vergessen, wie sie heißt. Nur, sieh mal, ^mon ami^, ich kann doch unmöglich hei–raten! Was soll ich jetzt tun?“
„Gewiß, Sie würden sich unfehlbar zugrunde richten, wenn Sie heiraten wollten. Aber erlauben Sie eine Frage, Onkelchen: sind Sie denn auch überzeugt, daß Sie den Antrag wirklich gemacht haben?“
„Nun ja ... ich bin ü–ber–zeugt.“
„Wenn es Ihnen aber nur geträumt hat, ganz wie das, daß sie zum zweiten Mal mit der Kutsche umfielen?“
„Ach, Gott! Es ist wahr, vielleicht hat es mir auch nur geträumt! ... Jetzt weiß ich ja gar nicht, wie ich mich dort verhal–ten soll! ... ^Mon ami^, auf welchem Um–wege könnte man das nun genau erfahren, ob ich bei ihr angesprochen habe oder nicht? Denn sonst, denk doch nur, in welcher Lage ich jetzt bin!“
„Wissen Sie, Onkelchen, ich glaube, da ist überhaupt nichts zu erfahren.“
„Wieso?“
„Ich bin überzeugt, daß es Ihnen nur geträumt hat.“
„Der Meinung bin ich auch, ^mon ami^, um so mehr, als ich oft ähn–liche Träume habe.“
„Nun, sehen Sie. Und vergessen Sie nicht, daß Sie zum Frühstück ein wenig getrunken haben, dann zum Mittag wieder und schließlich ...“
„Nun ja, mein Lieber, das ist es gerade; vielleicht rührt es auch nur da–von her.“
„Und zudem, Onkelchen, wie sehr Sie auch entflammt gewesen sein mochten, einen so unüberlegten Heiratsantrag hätten Sie doch nie in Wirklichkeit machen können. So weit ich Sie kenne, sind Sie ein überaus vernünftiger Mensch und ...“
„Nun ja, nun ja.“
„Und denken Sie doch nur an eines: wenn das Ihre Verwandten erführen, die Ihnen doch ohnehin nicht gewogen sind – was würden die dazu sagen?“
„Gott im Himmel!“ rief entsetzt der Fürst aus. „Was würden die dazu sagen?“
„Ich bitte Sie! Alle würden wie ein Mann schreien, daß Sie es nicht bei vollem Verstande hätten tun können, daß Sie geistesschwach seien, daß man Sie unter Kuratel bringen müsse, daß man Sie betrogen habe, und zu guter Letzt würde man Sie irgendwo einsperren, wo Sie unter Aufsicht leben müßten.“
Mosgljäkoff wußte, womit man dem Alten den größten Schrecken einjagen konnte.
„Gott im Himmel!“ – Der Fürst zitterte wie ein Espenblatt. „Würde man mich wirklich einsperren!“
„Und deshalb sagen Sie sich doch selbst Onkelchen: wie hätten Sie einen so unüberlegten Heiratsantrag in Wirklichkeit machen können? Sie kennen doch Ihren eigenen Vorteil! Nein, ich behaupte konsequent, daß Sie das alles nur im Traum gesehen haben.“
„Unbedingt im Traum, un–be–dingt im Traum!“ bestätigte der erschrockene Fürst. „Nein, wie vernünftig du das erklärt hast, mein Lieber! Ich danke dir von Herzen dafür, daß du mich be–ruh–igt hast!“
„Und mich freut es sehr, daß ich Sie heute getroffen habe. Denken Sie doch nur: ohne mich hätten Sie sich tatsächlich täuschen, hätten Sie glauben können, daß Sie tatsächlich im wachen Zustande bei ihr angesprochen haben und dann – wären Sie jetzt als Bräutigam zu ihr nach unten gegangen! Denken Sie doch nur, wie gefährlich das gewesen wäre!“
„Nun ja ... gefährlich!“
„Denken Sie doch nur, daß dieses Mädchen dreiundzwanzig Jahre alt ist; niemand will sie nehmen und plötzlich kommen Sie, ein reicher und vornehmer Aristokrat, als Freier zu ihr! Aber die würden ja doch sofort zugreifen, würden beteuern, daß Sie wirklich angesprochen haben: und verkuppeln Sie womöglich mit Gewalt. Und dann werden sie hoffen, daß Sie vielleicht bald sterben ...“
„Wirklich?“
„Und dann denken Sie doch nur, Onkel: ein Mensch mit Ihren Vorzügen ...“
„Nun ja, mit meinen Vorzügen ...“
„Mit Ihrem Verstande und Ihrer Liebenswürdigkeit ...“
„Nun ja, mit meinem Verstande, ja! ...“
„Und dann, Sie sind – Fürst. Sie könnten doch eine ganz andere Partie machen, wenn Sie wirklich aus irgend einem Grund heiraten müßten. Und denken Sie nur daran, was Ihre Verwandten sagen würden!“
„Ach, ^mon ami^, sie würden mich ja dann ganz und gar vernichten! Ich habe von ihnen schon soviel Böses und Unheimliches erfahren ... Denk dir, ich vermute, daß sie mich sogar in eine Ir–ren–anstalt bringen wollten. Nun sag doch bloß, ^mon ami^, das geht doch nicht! Nun, was würde ich denn dort in der Ir–ren–anstalt an–fangen?“
„Versteht sich, Onkelchen, und deshalb werde ich Sie jetzt auch nicht verlassen, wenn Sie nach unten gehen. Dort sind Gäste.“
„Gäste? Gott im Himmel!“
„Beunruhigen Sie sich nicht, Onkelchen, ich werde bei Ihnen sein.“
„Nein, wie dankbar ich dir bin, mein Lieber, du bist geradezu mein Retter! Aber weißt du: ich werde lieber fortfahren.“
„Morgen, Onkelchen, morgen früh um sieben Uhr. Heute aber müssen Sie sich noch von allen verabschieden und sagen, daß Sie morgen fortfahren.“
„Ich werde un–be–dingt fortfahren ... wie gesagt, zum Pater Missaïl ... ^Mais, mon ami^, wenn sie mich nun aber verkup–peln wollen?“
„Fürchten Sie sich nicht, Onkelchen, ich werde bei Ihnen sein. Und schließlich, was man Ihnen auch sagen oder zu verstehen geben sollte, bleiben Sie dabei, daß es Ihnen nur geträumt hat ... wie es sich ja auch tatsächlich verhält ...“
„Nun ja, un–be–dingt geträumt! Nur, weißt du, ^mon ami^, es war doch ein be–zau–bernder Traum! Sie ist wun–der–bar schön und, weißt du, welche Formen ...“
„Nun, auf Wiedersehen, Onkelchen, ich gehe jetzt nach unten und Sie ...“
„Was! Du verläßt mich, du läßt mich allein zurück!“ rief der Fürst erschrocken aus.
„Nein doch, wir müssen nur nach unten gehen und da ist es besser, wenn wir nicht zusammen erscheinen, zuerst ich, dann Sie.“
„Nun gut. Ich muß, wie gesagt, auch noch einen Gedanken niederschreiben!“
„Schön, Onkelchen, schreiben Sie also Ihren Gedanken nieder und kommen Sie dann ohne zu säumen. Morgen früh aber ...“
„Und morgen früh zum Priestermönch, un–be–dingt zum Prie–stermönch! Charmant, charmant! Aber weißt du, ^mon ami^, sie ist wun–derbar schön ... diese Formen ... und wenn ich nun einmal unbedingt heiraten müßte, so würde ich ...“
„Gott bewahre Sie davor, Onkelchen!“
„Nun ja, Gott bewahre mich davor ... Nun, auf Wiedersehen, mein Lieber, ich werde sogleich ... ich muß nur noch etwas niederschreiben. A pro–pos, ich wollte dich immer fragen: hast du Casanovas Memoiren gelesen?“
„Ja, ich habe sie gelesen – was ist denn?“
„Nun ja ... ich habe jetzt nur vergessen, was ich fragen wollte.“
„Sie werden sich dessen später entsinnen, Onkelchen. Auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen, ^mon ami^, auf Wiedersehen! Nur war es doch ein ent–zückender Traum, ein ent–zückender Traum! ...“