Chapter 1 of 7 · 3946 words · ~20 min read

Part 1

Unser neuer Roman. Man kennt das Leben der vormärzlichen schlesischen Leineweber, man kennt das Leben der modernen Textilarbeiter, wer aber fragt nach denen, die dem Textilarbeiter das Rohmaterial liefern, nach den Baumwollpflückern, nach den Arbeitern auf den Baumwollfarmen? Ein erheblicher Teil der in Mexiko geernteten Baumwolle geht in deutsche Spinnereien. Vom Leben und den Lebensbedingungen der in jenen tropischen Gegenden tätigen Arbeiter erzählt uns der nicht umfang-, aber inhaltsreiche Roman „_Die Baumwollpflücker_“, mit dessen Veröffentlichung wir heute beginnen. Dieser Roman hat weder einen Helden noch eine Heldin. Es kommt auch keine süße Liebesepisode in ihm vor. Wo um das nackte Leben gekämpft wird, hat man für Liebe und Sentimentalitäten keine Zeit. Die mitgeteilten Tatsachen sind brutale Wahrheit. Der Verfasser _B. Traven_ spricht aus eigener bitterer Erfahrung und die von ihm eingestreuten humoristischen Szenen vertiefen nur den Eindruck der Tragödie. Der Held des Romans – denn es gibt doch einen – ist die arbeitende Klasse, sind die mexikanischen Landarbeiter, meist Indianer. Im Vergleich zu diesen führen die Landarbeiter in den ostelbischen Gefilden das reinste Schlaraffenleben. Der Verfasser kennt das Proletarierleben in Mexiko, in Nordamerika, in Zentralamerika. Als Oelmann, als Farmarbeiter, Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und Apfelsinenpflücker, Urwaldroder, Maultiertrieber, Jäger, Handelsmann unter den wilden Indianerstämmen in der Sierra de Madre, wo die „Wilden“ noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen, ist er tätig gewesen. Noch heute liegt sein mexikanischer Wohnplatz – wie er uns schreibt – 35 Meilen von der nächsten Stadt entfernt, wo er „Tinte kaufen kann“. Ein Bild in der heutigen Nummer von „Volk und Zeit“ gibt unseren Lesern einen Begriff davon, wie es in diesen tropischen Einsiedeleien aussieht.

„Vorwärts“, Berlin, 21. Juni 1925

Die Baumwollpflücker.

Roman von B. Traven.

Copyright 1925 by B. Traven, Columbus, Tamaulipas, Mexico.

Revolutionsgesang der Baumwollpflücker in Mexiko.

Es trägt der König meine Gabe, Der Millionär, der Präsident; Doch ich, der arme Pflücker, habe In meiner Tasche keinen Cent. Trab, trab, auf’s Feld! Gleich geht die Sonne auf. Häng um den Sack! Hörst Du die Wage rasseln?

Nur schwarze Bohnen sind mein Essen, Statt Fleisch ist roter Pfeffer drin; Mein Hemde hat der Busch gefressen, Seitdem ich Baumwollpflücker bin. Trab, trab, auf’s Feld! Gleich geht die Sonne auf. Häng um den Sack! Hörst Du die Wage kreischen?

Die Baumwoll’ stehet hoch im Preise, Ich hab’ nicht einen ganzen Schuh, Die Hos’ ging längst schon auf die Reise, Hat wohl verdient die sel’ge Ruh’. Trab, trab, auf’s Feld! Gleich geht die Sonne auf. Häng um den Sack! Hörst Du die Wage brüllen?

Und einen Hut hab’ ich, ’nen alten, Kein Hälmchen Stroh ist heil daran; Doch diesen Hut muß ich behalten, Weil ich ja sonst nicht pflücken kann. Trab, trab, auf’s Feld! Gleich geht die Sonne auf. Häng um den Sack! Siehst Du die Wage zittern?

Ich bin verlaust, ein Vagabund, Und das ist gut, das muß so sein; Denn wär’ ich nicht so’n armer Hund, Käm’ keine Baumwoll’ rein. Im Schritt, im Schritt! Es geht die Sonne auf. Füll in den Sack die Ernte Dein! Die Wage schlag in Scherben!

Erster Teil.

1.

Ich stand auf der Station und sah mich um, wen von den wenigen Eingeborenen, die dort herumlungerten oder auf dem nackten Erdboden saßen, ich hätte nach dem Wege fragen können.

Da kam ein Mann auf mich zu, den ich schon im Zuge gesehen hatte. Schokoladenbraun im Gesicht und am Körper. Vierzehn Tage nicht rasiert. Einen alten, breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe; einen roten Baumwollfetzen am Leibe, der offenbar einmal ein richtiges Hemd gewesen war; eine, an fünfzig Stellen durchlöcherte gelbe Leinenhose an den Beinen und an den Füßen die landesüblichen Sandalen, die vorn und hinten offen sind.

Er stellte sich vor mich hin und sah mich an. Sicher wußte er nicht, in welcher Form und Reihenfolge er die Worte bringen sollte für den Satz, den er mir sagen wollte.

„Nun, was wünschen Sie?“ fragte ich endlich als es mir zu lange dauerte.

„Guten Tag,“ begann er. Dann gluckste er ein paarmal und kam endlich heraus: „Ich möchte wissen, wo es nach Ixtilxochitchuatepec geht?“

„Was wollen Sie denn da?“ sagte ich.

Die Unhöflichkeit, ihn nach seinen persönlichen Angelegenheiten zu fragen in einem Lande, wo es taktlos, beinahe beleidigend ist, jemand nach Namen, Beruf, woher und wohin auszuforschen, kam mir sofort zum Bewußtsein. Deshalb fügte ich rasch hinzu:

„Dort will ich nämlich auch hin!“

„Dann sind Sie wohl Mr. Shine?“

„Nein,“ sagte ich, „der bin ich nicht, aber ich will zu Mr. Shine, Baumwolle pflücken.“

„Ich will auch Baumwolle pflücken bei Mr. Shine,“ erklärte er nun und heiterte ein wenig auf; zweifellos weil er einen Kameraden gefunden hatte.

In diesem Augenblick kam ein langer und stark gebauter Neger auf uns zu und platzte sofort heraus:

„Señors, wissen Sie den Weg, wie ich zu Mr. Shine komme?“

„Baumwolle pflücken?“ fragte ich.

„Jawohl, ich habe seine Adresse bekommen von einem anderen schwarzen Kollegen in Queretaro.“

Soweit waren wir, als ein kleiner Chinese auf uns zu getrippelt kam.

Er lachte uns breit an und sagte: „Guten Tag, meine Herren, ich will dort hin, wo ist der Weg?“

Umständlich brachte er ein Notizblättchen heraus, las und sagte dann: „Mr. Shine in Ixtilxo – –.“

„Stop!“ sagte ich lachend, „wir wissen schon, wohin Sie wollen, verrenken Sie sich nicht die Zunge. Wir wollen auch dort hin.“

„Auch Baumwolle pflücke?“ fragte der Chink.

„Ja,“ antwortete ich, „auch, sechs Centavos für ein Kilo.“

Durch diese meine Aeußerung war auch mit dem Chink das kameradschaftliche Band hergestellt. Die proletarische Klasse bildete sich, wir hätten gleich mit dem Organisieren anfangen können. Wir fühlten uns alle vier so wohl wie vier Brüder, die nach langer Trennung sich plötzlich unerwartet an irgendeinem fremden Ort der Erde getroffen haben.

Ich könnte nun noch erzählen, in welcher Form ein zweiter Neger, nur halb so lang wie sein Stammesvetter, aber ebenso pechschwarz wie jener, auf uns zuschlenderte und mit welcher Sorglosigkeit ein zweiter Mexikaner uns ansteuerte, beide mit dem gleichen Ziel der Reise: Mr. Shine in Ixtilxochitchuatepec, Baumwolle pflücken.

Keiner von uns wußte, wo Ixtilxo – – lag. –

Die Station war inzwischen so leer geworden, lag so einsam und verschlafen in der tropischen Hitze, wie eben nur eine Station in Zentralamerika zehn Minuten nach Abfahrt des Zuges daliegen kann.

Den Postsack, fünfmal mehr Quadratzoll Leinen als Quadratzoll Inhalt, selbst wenn man alle Briefe und Umschläge auseinanderfaltete, hatte irgendein Jemand, den kein vernünftiger Mensch für einen Postbeamten gehalten hätte, mitgenommen.

Das Frachtgut: eine Kiste Büchsenmilch – in einem Erdstrich, wo das ganze Jahr hindurch das Gras grünt und ein ganzer Erdteil mit Milch versorgt werden könnte – zwei Kannen Gasolin, fünf Rollen Stacheldraht und zwei Kisten Bonbons lagen herrenlos auf dem glühenden Bahnsteig.

Die Bretterbude, wo die Fahrkarten verkauft und das Gepäck abgewogen wurde, war mit einem Vorhängeschloß abgeschlossen. Der Mann, der alle die Amtshandlungen vorzunehmen hatte, zu denen auf einer europäischen Bahnstation wenigstens zwölf gutgedrillte Leute notwendig sind, hatte die Station schon verlassen, als der letzte Wagen des Zuges noch auf dem Bahnsteig war.

Selbst die alte kleine Indianerin, die zu jedem Zuge erschien mit zwei Bierflaschen voll kaltem Kaffee und in Zeitungspapier eingewickelten Maiskuchen, was sie alles in einem Schilfkorbe trug, schlich bereits durch das mannshohe Gras in ziemlicher Entfernung heimwärts. Sie hielt stets am längsten auf dem Bahnsteige aus. Obgleich sie nie etwas verkaufte, kam sie doch jeden Tag zum Zuge. Wahrscheinlich war es vier Wochen lang immer derselbe Kaffee, den sie zur Bahn brachte. Und das wußten auch offenbar die Reisenden. Andernfalls hätten sie doch in der Hitze wenigstens hin und wieder einmal der Alten etwas zu verdienen gegeben. Aber das Eiswasser, das in den Zügen kostenlos gegeben wurde, war ein zu starker Konkurrent, gegen den ein so kleines Kaffeegeschäft nicht aufkommen konnte.

Meine fünf proletarischen Klassengenossen hatten sich gemütlich auf den Erdboden an die Bretterbude gesetzt. In den Schatten.

Freilich, da jetzt die Sonne senkrecht über uns stand wie mit dem Lot gerichtet, gehörte schon eine langausprobierte Uebung dazu, herauszufinden, wo eigentlich der Schatten war.

Zeit war ihnen ein ganz und gar unbekannter Begriff; und weil sie wußten, daß ich ja auch dort hin wollte, wo sie hin wollten, überließen sie es mir, den Weg auszukundschaften. Sie würden gehen, wenn ich gehe, nicht früher; und sie würden mir folgen und wenn ich sie bis nach Peru führte, immer in der Gewißheit lebend, daß ich ja zum gleichen Ort müsse wie sie.

2.

Wenn ich nur wüßte, wo Ixtil – – zu finden sei. In der Nähe der Station war kein Haus zu sehen. Die Stadt, zu der die Station gehörte, mußte irgendwo im Busch versteckt liegen. Ich machte nun den Vorschlag daß wir erst einmal in diese Stadt gingen, wo sicher jemand zu finden sein wird, der den Weg weiß.

Nach einer Stunde kamen wir in die Stadt. Zwei Häuser nur waren aus Brettern. In dem einen wohnte der Stationsvorsteher. Ich ging hinein und fragte ihn, wo Ixtil – – liegt. Er wußte es nicht und erklärte mir höflich, daß er den Namen nie gehört habe.

Fünfhundert Meter von diesem Holzhause war das andere „moderne“ Brettergebäude. Es war der Kaufladen. Er war gleichzeitig Postamt, Billardsalon, Bierwirtschaft, Schnapsausschank und Agentur für alle möglichen Dinge und alle möglichen Unternehmungen. Ich fragte den Inhaber, aber er kannte den Ort auch nicht und sagte mir, innerhalb fünfzig Kilometer im Umkreis sei er sicher nicht, denn da kenne er jeden Platz und jeden Farmer.

Da kam einer von den Billardspielern, die ebenso zerlumpt aussahen wie wir, an den Ladentisch, setzte sich darauf, drehte sich eine Zigarette, wobei er den Tabak in ein Maisblatt wickelte, und als er sie angezündet hatte, sagte er:

„Den Ort kenne ich nicht. Aber die einzigen Baumwollfelder, die hier in dem ganzen Staate überhaupt sind, liegen in jener Richtung.“

Dabei streckte er den Arm ziemlich unbestimmt nach jener Gegend hinaus, die er meinte.

„Von dort her,“ fügte er hinzu, „ist vor drei Jahren einmal ziemlich viel Baumwolle hier verladen worden. Die Farmer kamen mit Autos, also wird wohl noch etwas Weg übrig geblieben sein. Ob einer von den Farmern Mr. Shine hieß, weiß ich freilich nicht, ich habe nicht nach den Namen gefragt, ich habe nur beim Verladen mitgearbeitet.“

„Wie weit kann es denn sein?“ fragte ich.

„Wenigstens achtzig Kilometer von hier, vielleicht neunzig. So genau weiß ich es nicht. Die kamen mittags an und sind sicher früh morgens abgefahren.“

„Dann müssen wir also in jene Richtung gehen, wenn in einer anderen Richtung keine Baumwolle gebaut wird.“

„Ich glaube sicher,“ sagte er dann, „daß einer von den Farmern Mr. Shine heißen kann, alle sind Gringos.“

„Gringo“ ist in Latein-Amerika der Spottname für Amerikaner. Er hat ungefähr dieselbe mißachtende Bedeutung wie „Boche“ in Frankreich für Deutsche. Aber die Amerikaner, die viel zu viel unzerstörbaren Humor besitzen, um sich so leicht beleidigt zu fühlen und sich dadurch das Leben schwer zu machen, haben diesem Spottnamen die ganze Schärfe genommen dadurch, daß sie, wenn in Latein-Amerika gefragt, was für Landsleute sie seien, sie sich selbst „Gringo“ nennen. Und sie sagen das mit einem so heiteren Lächeln, als ob es der schönste Witz wäre.

Die übrigen Gebäude der Stadt, etwa zehn oder zwölf, waren die üblichen Indianerhütten. Sechs rohe Stämme senkrecht auf den Erdboden gestellt und ein Dach aus trockenem Gras darüber. Die besseren hatten Wände aus dünnen Stämmchen, aber nicht dicht aneinander gefügt. Keine Türen, keine Fenster, alles, was in der Hütte vor sich ging, konnte man von außen sehen. Die einfacheren Hütten, wo ärmere oder bequemere Mexikaner wohnten, hatten nicht einmal diese angedeuteten Wände, sondern oben um das Dach herum hingen einige große Palmblätter, um die Strahlen der Sonne, wenn sie in den frühen Vormittagsstunden und am späten Nachmittag schräger einfielen, abzuschatten.

Das Vieh und das Hühnervolk hatten keine Ställe. Die Schweine mußten sich draußen im Busch irgendwo und irgendwie das Futter zusammensuchen. Die Hühner saßen nachts in dem Baum, der der Hütte am nächsten stand. Eine alte Kiste oder ein durchlöcherter Schilfkorb hing an einem Ast, wo die Hühner brav ihre Eier hineinlegten.

Rund um die Hütten standen Bananenstauden, die, ohne jemals gepflegt zu werden, ihre Früchte in reichen Mengen spendeten. Die kleinen Felder, wo nur gesät und geerntet, sonst nichts getan wurde, lieferten Mais und Bohnen mehr als die Bewohner aufbrauchen konnten.

In einer dieser Hütten nach dem Wege zu fragen, war zwecklos. Wenn eine Auskunft überhaupt zu erhalten war, so war sie sicher falsch. Nicht falsch gegeben mit der Absicht, uns irre zu führen, aber aus purer Höflichkeit, irgendeine beliebige Auskunft zu geben, um nicht „nein“ sagen zu müssen.

3.

So wanderten wir denn frischweg los in jener Richtung, die uns im Postamt von dem Billardspieler genannt war und die ich für die einzige glaubwürdige hielt.

„Achtzig Kilometer“ war uns gesagt worden. Also werden es wohl hundertzwanzig oder hundertfünfzig Kilometer sein.

Wir waren unserer sechs.

Da war der Mexikaner Antonio, spanischer Herkunft, der mich zuerst angesprochen hatte.

Dann kam der Mexikaner Gonzalo, indianischer Abstammung. Er war nicht ganz so zerlumpt wie Antonio und hatte ein Bündelchen, eingewickelt in eine alte Schilfmatte, und eine schöne, nach mexikanischer Art farbenfreudig gemusterte Decke, die er über der Schulter trug.

Der Chinese Sam Woe war der eleganteste Bursche unter allen. Der einzige, der ein heiles und frisch gewaschenes Hemd trug, heile Hosen hatte, gute Straßenstiefel, seidene Strümpfe und einen runden städtischen Strohhut. Er hatte zwei Bündel, ziemlich reichlich gepackt. Sie schienen gar nicht so leicht zu sein.

Er hatte immer die praktischsten Ideen und Ratschläge, lächelte immer, konnte das „R“ nicht aussprechen und war scheinbar immer guten Mutes. Es wurde mit der Zeit unser größter Kummer, daß wir ihn mit nichts, was immer wir auch taten, wütend machen konnten. Er hatte in einem Oelfeld als Koch gearbeitet und gut verdient. Sein Geld hatte er vorsichtig auf einer chinesischen Bank in Guanajuato hinterlegt, was er uns gleich erzählte, nur damit wir nicht etwa denken sollten, er trüge es bei sich und könnte dafür geopfert werden.

Baumwolle pflücken war ja nicht gerade seine große Leidenschaft – meine noch viel weniger – aber weil es nicht so sehr außerhalb seines Weges lag, wollte er die sechs bis sieben Wochen Verdienst noch mitnehmen. Er hoffte dann zum Herbst ein kleines Restaurant – „^comida corrida^ 50“ – eröffnen. Er war der einzige unter uns, der wohldurchdachte Pläne für die Zukunft hatte.

Sobald wir an den Busch gekommen waren, schnitt er sich ein dünnes Stämmchen, hing über jedes der beiden Enden eines seiner Bündel und legte sich das Stämmchen über die Schulter. Während er bisher mit uns im gleichen Schritt gegangen war, begann er nun mit kurzen, raschen Schrittchen zu trippeln. In diesem Trippelschritt hielt er den ganzen Marsch durch, ohne je langsamer oder schneller zu gehen und ohne jemals zu ermüden. Wenn wir uns zur Rast niedersetzten oder niederlegten, tat er es auch, war aber jedesmal erstaunt, daß wir „schon wieder“ ausruhen mußten. Wir schimpften ihn dann aus, daß wir richtige Christenmenschen seien, während er als verdammter Chink von einem gelben, fratzenhaften Drachenungeheuer erzeugt worden wäre, und daß darin die übermenschliche Ausdauer seiner stinkigen und uns widerlichen Rasse zu suchen sei. Er erklärte darauf heiter lächelnd, daß er nichts dafür könne und daß wir alle von demselben Gott geschaffen seien, aber daß dieser Gott gelb sei und nicht weiß. Da wir keine Missionare waren und auf dem Gebiete der Bekehrung auch keine Lorbeeren ernten wollten, ließen wir ihn in seinem Unglauben.

Der hünenhafte Neger, Charly, paßte mit seinen Lumpen und seinem in fettigem und zerrissenem Papier verschnürten Bündel, das unzählige Male auf dem Marsche aufging, viel besser in unsere Gesellschaft als der elegante Chink. Charly behauptete, aus Florida zu sein. Aber da er weder englisch geläufig sprechen noch verstehen konnte, auch nicht den amerikanischen Niggerdialekt sprach, konnte er mich von seiner Herkunft nicht überzeugen. Vielleicht war er von Honduras oder Guatemala, oder von St. Domingo. Aber er sprach auch nur sehr unbeholfen ein notdürftiges Spanisch. Ich habe nie erfahren können, wo er eigentlich hingehörte. Nach meiner Meinung war er entweder aus Brasilien heraufgekommen oder er hatte sich von Afrika herübergeschmuggelt. Er wollte sicher nach den Vereinigten Staaten, und für ihn als Nigger mit etwas Englisch war es leichter, sich über die Grenze nach den States zu schmuggeln als für einen Weißen, der gut Englisch sprechen konnte. Er war der einzige, der offen erklärte, daß er Baumwolle pflücken als die schönste und einträglichste Arbeit betrachte.

Dann war noch der kleine Nigger da, Abraham aus New-Orleans. Er hatte ein schwarzes Hemd an. Weil nun seine Hautfarbe ebenso schwarz war wie das Hemd, konnte man nicht so recht erkennen, wo die letzten Ueberreste des Hemdes waren und wo die Haut war, die bedeckt werden sollte. Er als einziger hatte eine Mütze, wie sie von den Heizern und Maschinenschmierern auf den amerikanischen Schiffen getragen wird. Dann trug er eine weiß- und rotgestreifte Leinenhose, Lackhalbschuhe und weiße Baumwollstrümpfe.

Er hatte kein Bündel, sondern trug einen Kaffeekessel und eine Bratpfanne an einem Bindfaden über der Schulter und in einem kleinen Säckchen seinen Bedarf an Lebensmitteln.

Abraham war der echte, dummschlaue, gerissene, freche und immer lustige amerikanische Nigger der Südstaaten. Er hatte eine Mundharmonika, mit der er uns das blöde „^Yes, we have no bananas^“ so lange vorspielte, bis wir ihn am zweiten Tage weidlich verprügeln mußten, um damit vorläufig nur zu erreichen, daß er es wenigstens nur sang oder pfiff und dazu, während des Marsches, tanzte. Er stahl wie ein Rabe und log – der Vergleich war von Gonzalo, ich weiß nicht, ob der Vergleich richtig ist – und log wie ein Dominikanermönch.

Am dritten Abend des Marsches erwischten wir ihn, wie er einen dicken Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio gehörte, stahl. Wir nahmen ihm den Raub wieder ab, bevor er ihn in der Pfanne hatte, und wir erklärten ihm ganz ernsthaft, daß, wenn wir ihn noch einmal beim Stehlen ertappten, wir Buschrecht an ihm ausüben würden. Wir würden eine Gerichtssitzung abhalten und ihn dann nach gefälltem Urteil mit der Schnur, die sein Couleurbruder Charly um sein Bündel geschnürt habe, am nächstbesten Mahagonibaum aufhängen mit einem Zettel auf der Brust, wofür er gehängt sei.

Da sagte er ganz frech, wir sollten ja nicht versuchen, ihn auch nur anzutasten, er sei amerikanischer Bürger, „^native born^“, und wenn wir ihm nur das allergeringste Leid täten, so würde er das an die Regierung nach Washington berichten, und die würde dann mit einem Kanonenboot und dem Sternenbanner kommen und ihn blutig rächen; er sei ein freier Bürger „^of the States^“ und das könne er durch „^c’tificts^“ beweisen, und als solcher habe er das Recht, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu werden. Als wir ihm nun erklärten, daß wir ihm keine Zeit lassen und keine Gelegenheit geben würden, nach Washington einen Bericht zu schicken, und daß wir auch nicht glaubten, daß ein amerikanisches Kanonenboot mit dem Sternenbanner in den Busch fahren würde, sagte er: „^Well, gentlemen sirs^, berühren Sie mich nur mit der Fingerspitze, dann werden Sie sofort erleben, was geschieht.“

Wir erwischten ihn auch richtig einige Tage später, wie er dem Chink eine Büchse Milch stahl und frech erklärte, es sei seine eigene, er habe sie in Guadalajara im American Store gekauft. Er wurde daraufhin so windelweich gedroschen, daß er keinen Finger krumm machen konnte, um nach Washington zu schreiben. Bei uns hat er denn nicht mehr gestohlen, und was er bei umliegenden Farmern zusammenstahl, ging uns nichts an.

Dann war ich noch, Gerard Gale, über den ich weniger zu berichten weiß, da ich mich in der Kleidung von den übrigen nicht unterschied, und zum Baumwollepflücken, welche zeitraubende und schlecht bezahlte Arbeit ich kannte, auch nur ging, weil eben keine andere Beschäftigung zu haben war und ich bitter notwendig ein Hemd, ein paar Schuhe und eine Hose brauchte. Vom Althändler! Denn vom Neuhändler sie zu kaufen, dazu hätte selbst die Arbeit von vierzehn Wochen auf einer Baumwollfarm nicht gelangt. Ich war der einzige, der keine Strümpfe trug, weil ich keine hatte.

Eine Jacke besaßen nur der Chink und Antonio. Warum Antonio den Fetzen eigentlich „seine Jacke“ nannte, ist mir nie klar geworden. Sie mag vielleicht einmal in weit zurückliegenden Zeiten, lange vor der Entdeckung Amerikas, die Aehnlichkeit mit einer Jacke gehabt haben. Das will ich nicht bestreiten. Aber heute sie Jacke zu nennen, war nicht Uebertreibung, sondern sündiger Hochmut, für den Antonio dereinst wird büßen müssen.

4.

Wir wanderten lustig darauf los.

Ueber uns die glühende Tropensonne, zu beiden Seiten neben uns der undurchdringliche und undurchsichtbare Busch. Der ewig jungfräuliche tropische Busch mit seiner unbeschreiblichen Mystik, mit seinen Geheimnissen an Tieren der phantastischsten Art, mit seinen traumhaften Formen und Farben der Pflanzen, mit seinen unerforschten Schätzen an wertvollen Steinen und kostbaren Metallen.

Aber wir waren keine Forscher und wir waren auch keine Gold- oder Diamantengräber. Wir waren Arbeiter und hatten mehr Wert auf den sicheren Arbeitslohn zu legen als auf den unsicheren Millionengewinn, der vielleicht links oder rechts von uns im Busch verborgen lag und auf den Entdecker wartete. –

Die Sonne stand schon sehr tief, und es mußte ungefähr fünf Uhr sein.

Wir sahen uns deshalb nach einem Lagerplatz um.

Bald fanden wir eine Stelle, wo seitlich in dem Busch hinein hohes Gras stand. Wir rissen soviel von dem Gras aus, wie wir Platz zum Lagern brauchten. Dann zündeten wir ein Feuer an und brannten den Rest des Grases nieder, wodurch wir uns Ruhe vor Insekten und kriechendem Getier für die Nacht verschafften. Eine frisch gebrannte Grasfläche ist der beste Schutz, den man haben kann, wenn man nicht mit den Ausrüstungsstücken eines Tropenreisenden wandert.

Ein Kampfeuer hatten wir, aber es gab nichts zum Kochen, denn wir hatten kein Wasser.

Da kam der Chink mit einer Literflasche voll kaltem Kaffee hervor. Wir wußten nichts davon, daß er einen so wertvollen Stoff mit sich führte. Er machte den Kaffee heiß, und bereitwillig bot er uns allen zu trinken an. Aber was ist ein Liter Kaffee für sechs Mann, die ohne einen Schluck Wasser zu haben einen halben Tag in der Tropensonne gewandert sind, vor morgen früh um sieben oder acht Uhr ganz bestimmt auch nichts Trinkbares haben werden und vielleicht die nächsten 36 Stunden genau so wenig Wasser finden werden, wie sie heute nachmittag gefunden haben! Der Busch ist das ganze Jahr hindurch grün, aber Wasser findet man dort nur in der Regenzeit an günstigen Stellen, wo sich Tümpel bilden können.

Nur wer selbst im tropischen Busch gewandert ist, weiß, was für ein Opfer es war, das der Chink uns bot. Aber keiner sagte „Danke!“; jeder betrachtete es als selbstverständlich, daß der Kaffee in Teile ging. Wahrscheinlich hätten wir es genau so selbstverständlich gefunden, wenn der Chink den Kaffee allein getrunken hätte. Nach einem halben Tag Wanderung in wasserlosem Landstrich raubt man noch nicht für einen Becher Kaffee; aber am dritten Tage beginnt man ernsthaft Mord zu sinnen im Busch für eine kleine rostige Konservenbüchse voll stinkender Flüssigkeit, die man Wasser nennt, obgleich sie keine andere Aehnlichkeit mit Wasser hat, als daß sie eben Flüssigkeit ist.

Antonio und ich hatten etwas hartes Brot zu knabbern.

Gonzalo hatte vier Mangos und der große Nigger einige Bananen. Der kleine Nigger aß irgendwas ganz verstohlen. Was es war, weiß ich nicht.

Der Chink hatte ein Stück Zelttuch, daß er über seinen Schlafplatz spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ein, auch den Kopf, und begann zu schlafen.

Gonzalo hatte seine schöne Decke, in die er sich einrollte, so daß er wie ein Baumstamm aussah.

Ich wickelte mir den Kopf in einen zerlumpten Lappen ein, den ich stolz „mein Handtuch“ nannte, und schlief los.

Wie sich die übrigen einrichteten, weiß ich nicht, weil die noch lange um das Feuer herumsaßen und rauchten und schwatzten. –

Vor Sonnenaufgang waren wir schon wieder auf dem Marsche. Abzukochen gab es nichts, und waschen brauchte man sich auch nicht. Denn womit hätte man es tun sollen?