Chapter 8 of 12 · 3812 words · ~19 min read

Part 8

Im Mittelalter wurden als Brennstoffe allein Holz und Holzkohlen benutzt; um die Mitte des 18. Jahrhunderts fing man an, die Steinkohlen zu benutzen; aber erst tief im 19. Jahrhundert wurde man auf das Erdöl aufmerksam. Noch 1843 kostete in +Pittsburg+ der Liter Erdöl 1 Mark, und erst in den Jahren 1859–61 wurden dort so viele Ölbrunnen erbohrt, daß die Produktion in Pennsylvanien allein auf 2 Millionen Fässer anschwoll, so daß das Faß zu 160 Liter Inhalt an Ort und Stelle nur noch 10 Cents kostete! Freilich hatte man schon vorher, um 1850 herum, in Deutschland und Österreich viel Lampenöl durch Braunkohlen- und Teerschwelerei gewonnen und hatte bereits geeignete Lampen erfunden, um diese Öle darin zu brennen: es waren die Schnittbrennerlampen, die man noch heute in ländlichen Haushaltungen antrifft, die Vorläufer unserer modernen (und doch schon wieder unmodernen) Petroleumlampen. Jetzt beträgt die gesamte Erdölgewinnung in den Vereinigten Staaten etwa 170 Millionen Zentner, im Kaukasus 140 Millionen, in Galizien 4 Millionen, in Rumänien 2 Millionen Zentner jährlich.

[Illustration: Abb. 34. Alte Schnittbrennerlampe im Durchschnitt.]

Die Erdölquellen haben die Eigentümlichkeit, nach einiger Zeit (z. B. 3 Jahren) zu versiegen. Jedoch haben einige von ihnen trotzdem einen ungeheuren Ertrag gegeben. So lieferte die Mammutquelle von Baku anfangs pro Stunde nicht weniger als 100000 Zentner Röhöl, welches in einem über 60 Meter hohen Strahl aus dem Bohrloch sprang.

Die Frage, wie so ungeheure Mengen Erdöl entstanden sein können, wird verschieden beantwortet. Die größte Wahrscheinlichkeit hat die Theorie von +Müller+ und +Engler+, welche im Rohpetroleum das umgewandelte +Fett+ von Fischen, Schnecken und Muscheln erblickt. Denn nicht bloß ist es Engler gelungen, durch Erhitzen von Fischtran unter hohem Druck Rohpetroleum künstlich darzustellen, sondern es wurde auch beobachtet, daß die Petroleumquellen stets versteinerte Reste von solchen Meerestieren und salzhaltiges Wasser auswerfen.

Das rohe Erdöl bildet eine dunkelbraune oder schwarze, etwas dickliche Flüssigkeit, für die man lange Zeit keine andere Verwendung hatte, als daß man damit durch Einreiben des Haarbodens die Läuse vertrieb. Als Lampenöl war es nicht bloß durch seine schmierige Beschaffenheit, sondern auch wegen seiner Feuergefährlichkeit unbrauchbar; Rohöl brennt in den Lampen flackernd und rußend, verschlackt den Docht sehr schnell und gibt zu häufigen und sehr gefährlichen Explosionen Anlaß. Ein schlechteres Füllungsmittel für Petroleumlampen könnte kaum künstlich zusammengestellt werden. Trotzdem ist gerade dieses rohe Erdöl seit einiger Zeit einer der allerwichtigsten Brennstoffe geworden: man betreibt damit die riesigen Explosionsmotoren der Kriegsschiffe. Das Öl wird in Gestalt eines feinen Nebels, mit Luft vermischt, im Zylinder zur Explosion gebracht, wodurch der Kolben herausgetrieben und das Schwungrad in Umdrehung versetzt wird. Allein, diese Anwendung des Rohöls ist doch eine rechte Vergeudung, vergleichbar dem Verheizen der Steinkohle. Denn wie aus dieser, so lassen sich auch aus dem Rohöl durch Destillation eine Menge der wichtigsten Stoffe gewinnen: +Petroleumäther+, +Gasolin+, +Benzin+, +Lampenpetroleum+, +Ligroin+, +Schmieröl+, +Vaseline+, +Paraffin+. Alle diese Stoffe bestehen nur aus Kohlenstoff und Wasserstoff, unterscheiden sich aber durch ihre Siedepunkte in der Weise, daß Petroleumäther am leichtesten siedet (zwischen 40 ° und 70 °), und daß der Siedepunkt in der angegebenen Reihenfolge immer höher steigt. Schon vom Lampenpetroleum ab muß die Destillation unter vermindertem Druck, also unter der Luftpumpe, vorgenommen werden, weil bei gewöhnlichem Druck Zersetzung eintritt. Wenn man Lampenpetroleum in einer gewöhnlichen Retorte mit Vorlage destillieren würde, wie wir es früher mit der Salpetersäure machten (Abb. 10), so würden wir aus einem Liter Lampenpetroleum vielleicht ¾ Liter Destillat erhalten; der Rest würde sich zu einem Gemisch brennbarer Gase zersetzen. Pumpt man aber während der Destillation die Luft aus der Retorte und Vorlage, so wird die Ausbeute bedeutend größer. In noch höherem Grade gilt dies für die Destillation der feinen Maschinenöle, welche daher seit einiger Zeit unter der amerikanischen Bezeichnung „~Vacuum-Oil~“ in den Handel kommen.

Die Reinigung oder „Raffinierung“ des Rohpetroleums geschieht jedoch nicht bloß durch Destillation, sondern außerdem noch durch eine chemische Behandlung mit konzentrierter Schwefelsäure, mit Wasser, Soda und Natronlauge. Schüttelt man nämlich Rohöl andauernd mit konzentrierter, noch besser mit rauchender Schwefelsäure, so wird es allmählich wasserhell, während sich die Säure schwarz färbt. Dabei werden alle braunen Farbstoffe des Rohöls durch die Säure in harzige Massen verwandelt, welche dann ausgewaschen werden. Man macht diese Reinigung jedoch erst mit den Destillaten, um nicht zuviel Säure zu verbrauchen. Schließlich entfernt man den Säureüberschuß aus dem Öl durch Schütteln mit Natronlauge und diese durch Nachbehandlung mit Wasser. Immerhin können von dieser Reinigung Spuren der Säure im Petroleum und sogar im Maschinenöl verbleiben und bewirken, daß die damit geölten Maschinenteile später rosten. Mit +Petroleum+ geputztes Eisen rostet aus diesem Grund ganz bestimmt nach kurzer Zeit. Man muß daher das Petroleum von blanken Eisenteilen stets wieder durch Benzin abwaschen, bevor man als endgültigen Rostschutz feines, säurefreies Vakuumöl anwendet.

Im allgemeinen kann man rechnen, daß man aus dem Rohöl etwa 5–7 % Gasolin und Benzin und etwa 40 % Lampenpetroleum gewinnt. Der Rest besteht aus den schweren, paraffinhaltigen Schmierölen und aus Asphalt.

Das +Benzin+ benützt man bekanntlich als Betriebsstoff für Automobile, in zweiter Linie zum Auflösen von Fetten und Ölen in der chemischen Industrie und in der chemischen Wäscherei. Man könnte, wenn es nicht zu teuer wäre, auch die +Hände+ mit Benzin sehr sauber waschen; der Schmutz wird nämlich in der Wäsche und an den Händen hauptsächlich durch +Fett+ festgehalten und fällt wie Staub ab, sobald man das Fett durch Benzin auflöst.

Das +Gasolin+ dient, wie sein Name andeutet, zur Erzeugung von Gas. Wenn man nämlich in eine leere Flasche ein wenig Gasolin bringt und dann die Flasche schüttelt, so entsteht nicht, wie man erwarten sollte, eine +explosive+ Mischung von Luft und Gasolindampf, sondern man kann das Gemisch ohne Sorge anzünden: es brennt ruhig, ohne zu explodieren, mit leuchtender Flamme, wie Gas. Dies hat seinen Grund darin, daß die Luft viel mehr Gasolindampf in sich aufnimmt, als sie durch ihren geringen Sauerstoffgehalt verbrennen kann. Das Gemisch verhält sich also beim Anzünden so, als ob es bloß Gasolindampf wäre. Die Luft spielt dabei nur die Rolle eines Trägers, eines Mittels, das das Gasolin zum Verdampfen zwingt. Die Abb. 35 verdeutlicht uns das Prinzip, auf welchem die +Gasolingas+- oder +Leuchtgas+-Apparate beruhen: ein Gefäß A ist zur Hälfte mit Gasolin gefüllt. Durch das Rohr a, welches bis auf den Boden des Gefäßes reicht, wird ein Luftstrom eingeblasen, der sich beim Durchgang durch das Gasolin ganz mit dem Dampf dieser Flüssigkeit sättigt. Er verläßt das Gefäß durch das Rohr b und kann am oberen Ende dieses Rohrs angezündet werden. Gasolingas ist nicht wesentlich teurer als Leuchtgas, hat aber den Vorzug, nicht giftig zu sein. Es eignet sich sehr gut zur Beleuchtung und als Kochgas für einzelne Villen usw., welche keinen Anschluß an Leuchtgas bekommen können. --

[Illustration: Abb. 35. Ein einfacher Gaserzeugungsapparat (mit Gasolinfüllung).]

Wichtige Dinge sind über das +Petroleum+ als Beleuchtungsmittel zu sagen. Petroleum, Benzin, Spiritus sind bekannt als brennbare und daher feuergefährliche Flüssigkeiten; aber brennbar und brennbar ist doch zweierlei, und es ist kein kleiner Triumph der Technik und der Gesetzgebung, daß sie dem Petroleum die Eigenschaft der Brennbarkeit belassen und ihm die der Feuergefährlichkeit in hohem Grade benommen haben. Dies ist eine Sache, die sich ganz gut mit Alfred +Nobels+ Tat vergleichen läßt, der dem Nitroglyzerin durch die Erfindung des Dynamits seine Gefährlichkeit nahm, ohne seine Sprengkraft wesentlich einzuschränken. Mit dem Petroleum verhält es sich aber so: wenn man eine Kaffeetasse mit Petroleum füllt und ein brennendes Zündholz hineintaucht, so geht das Zündholz aus. Nimmt man aber Rohpetroleum oder Benzin oder guten Spiritus statt des Petroleums, so geht das Zündholz nicht aus, und der ganze Tasseninhalt brennt lichterloh. Die Ursache ist, daß diese verschiedenen Flüssigkeiten durch die Hitze recht verschieden schnell verdampft werden. Wenn nämlich eine Flüssigkeit brennen soll, muß immer zuerst die Dampfschicht entzündet werden, welche über der Flüssigkeit lagert. Flüssigkeiten, auf welchen bei gewöhnlicher Temperatur keine merkliche Dampfschicht lagert, können sich daher auch nicht entzünden, wenn man ein brennendes Zündholz in sie taucht. So ist es mit dem Lampenpetroleum. Dagegen verdampft Benzin schon bei gewöhnlicher Temperatur so stark, daß es stets mit einer Schicht brennbarer Dämpfe überlagert ist. Ein angenähertes Zündholz bringt diese Dämpfe, und mit ihnen die Flüssigkeit, sofort zum Brennen. Dasselbe tritt mit Mischungen von Petroleum und Benzin ein. Rohpetroleum ist eine solche Mischung. Aus dem Lampenpetroleum dagegen sind durch Destillation alle diejenigen Kohlenwasserstoffe entfernt, welche bei gewöhnlicher Temperatur brennbare Dämpfe bilden. Erhitzt man aber Lampenpetroleum auf, ich glaube 28 °, so entwickeln sich solche Dämpfe, und das Petroleum entzündet sich nun sofort auf der ganzen Fläche, wenn man ihm ein brennendes Zündholz nähert. Diese Dinge sind von großer Wichtigkeit für die Entscheidung der Frage, ob Petroleumlampen feuergefährlich sind. Solange das Petroleum nicht die Temperatur des „Entflammungspunktes“ (28 °) erreicht, kann das Feuer auch nicht vom Docht aus auf die Füllung des Behälters überspringen; die Lampe kann nicht explodieren, weil über dem Petroleum keine entzündliche Dampfschicht lagert. Der Entflammungspunkt ist nun in Deutschland gesetzlich so hoch gelegt, daß sich das Petroleum in richtig gebauten Lampen niemals bis zu ihm erwärmen kann. Wenn trotzdem noch manchmal Petroleumlampenexplosionen vorkommen, so sind daran ungünstige Nebenumstände schuld. Z. B. pflegen die Mechaniker, wenn sie Fahrradteile mit Petroleum geputzt haben, das Petroleum mit Benzin abzuspülen. Solches benzinhaltiges Petroleum wird dann manchmal aus Sparsamkeitsgründen noch in die Lampe gefüllt. Dies ist außerordentlich gefährlich und sollte unter keinen Umständen geduldet werden. Auch sollte man niemals Petroleumlampen auf den Ofen stellen.

Unsere besondere Aufmerksamkeit verdient im Zusammenhang mit dem soeben Gesagten die Wirkung des +Lampendochts+. Diese Wirkung, das Aufsaugen des Petroleums, ist eine physikalische Erscheinung, welche zu den Haarröhrchenwirkungen gehört und auf den Gesetzen der Oberflächenspannung beruht. Wir haben diese an anderer Stelle ausführlich besprochen. Aber am Docht gibt es auch außerdem noch manches Merkwürdige. Ein neu eingezogener Docht kann länger als eine Stunde gebrannt werden, ohne daß er oben schwarz wird. Warum verkohlt er nicht? -- Warum verkohlt er später? -- Diese beiden Tatsachen scheinen einander zu widersprechen. Außerdem müssen wir uns auch darüber wundern, daß das Petroleum am Docht sofort durch ein Zündholz entflammt wird, während dasselbe Zündholz in einer Tasse voll Petroleum sich auslöscht.

[Illustration: Abb. 36. Zur Erklärung der Saugwirkung des Dochtes. In den drei Glasröhren 1, 2, 3 steigt das Wasser um so höher, je enger sie sind.]

[Illustration: Abb. 37. Ein Sandhäufchen inmitten eines Tellers voll Petroleum brennt mit hoher Flamme.]

Zunächst wollen wir uns durch einen einfachen Versuch überzeugen, daß es gar nicht der Docht ist, welcher in der Lampe brennt, sondern allein das Petroleum in den Poren des Dochtes. Wir schütten zu diesem Zweck auf einen Teller ein Häufchen Sand, gießen rings um dasselbe in den Teller eine Schicht Petroleum, und zünden nun das Sandhäufchen an. So unglaublich das klingt, es geht: der Sand brennt ruhig, mit großer, schwelender Flamme. Natürlich brennt hier in Wirklichkeit der Sand so wenig, wie dort der Docht in der Petroleumlampe, sondern es ist allein das Petroleum, welches in beiden Fällen brennt. Der Docht braucht also gar nicht aus einem brennbaren Stoff zu sein, es ist sozusagen reiner Zufall, daß die Baumwolle neben der Saugkraft, die sie zum Docht geeignet macht, auch noch die Eigenschaft der Brennbarkeit hat. Es ist also nicht so, als ob das Petroleum nur deshalb am Docht leichter brennte, weil der Docht gleichsam ein bißchen mitbrennt. Der Docht brennt nicht mit, sondern das Petroleum brennt ganz allein, dasselbe Petroleum, in welchem ein eingetauchtes Zündholz verlischt, ohne es zum Brennen zu bringen. Dieser scheinbare Widerspruch klärt sich durch folgende Betrachtung auf: jeder Stoff, der ganz dicht an eine Flamme gehalten wird, wird durch die +strahlende+ Wärme dieser Flamme erhitzt. Dieses Erhitzen erfolgt besonders leicht, wenn man den betreffenden Stoff auf eine Unterlage aufstreicht, von welcher die Wärme zurückgestrahlt wird. Der Stoff befindet sich dann zwischen der Unterlage und der Flamme im Kreuzfeuer der Wärmestrahlen. Dies ist die Lage des Petroleums am oberen Dochtende einer brennenden Lampe: der Docht ist die Unterlage, welche von der Flamme durch eine ganz dünne Schicht Petroleum getrennt ist. Deshalb erhitzt die strahlende Wärme diese dünne Ölschicht fast augenblicklich auf den Entflammungspunkt, so daß fortwährend brennbare Dämpfe da sind. Das verdampfende Petroleum hält dabei den Docht so kühl, daß er gar nicht selbst zum Brennen kommen kann. Wie wenig der Docht erwärmt wird, kann man durch zwei sehr verblüffende Versuche beweisen: wenn man nämlich statt des Sandhäufchens ein gleiches aus Magnesiumpulver errichtet, welches bekanntlich sehr leicht und heftig brennt, so kann man diesen Magnesiumdocht ebenso anzünden, und das Petroleum brennt darauf ebenso wie auf Sand, ohne daß auch nur eine Spur des Magnesiums verbrennt. Noch auffälliger ist es aber, daß man auch trockene Schießbaumwolle, diesen gefährlichen Explosivstoff, ohne alle Gefahr als Docht für Petroleum verwenden kann. Man fragt sich angesichts dieser Tatsachen, wie es nur möglich ist, daß die Dochte schließlich, bei längerem Gebrauch, am oberen Ende doch verkohlen. Dies erklärt sich aber leicht aus folgender Überlegung: Das obere Dochtende ist die Verdampfungsstelle für eine große Menge Erdöl; obgleich dieses Erdöl im Handel in sehr reiner Beschaffenheit vorkommt, hinterläßt es beim Verdampfen doch geringe Rückstände, zumal da es sich ja beim Erhitzen unter gewöhnlichem Druck etwas zersetzt. Diese harzigen oder teerigen Rückstände verstopfen die Poren des Dochts und bewirken dadurch eine Verminderung der Kühlung, weil aus den verstopften Teilen weniger Öl verdampft. So kommt es, daß diese Teile durch die Flamme stärker erhitzt und verkohlt werden. --

Mit dieser etwas altväterisch scheinenden Untersuchung des Dochtes wollen wir unsere Betrachtung über das Erdöl schließen. Wir wollen auch im Scheine der elektrischen und Gasglühlichtlampen nicht vergessen, daß die gewaltigen Produktions- und Exportziffern der Erdölindustrie deutlich genug beweisen, daß die Stunde der Petroleumlampe noch nicht geschlagen hat.

10. Fette, Öle, Seifen und Kitte.

Nun, haben wir nicht soeben von Fetten und Ölen gesprochen? Ist etwa Schmieröl kein Öl, ist Vaseline kein Fett? -- So könnte man beim Lesen der Überschrift dieses Abschnittes erstaunt fragen. Nach dem Sprachgebrauch besteht allerdings kein Gattungsunterschied zwischen den soeben behandelten „mineralischen“ Ölen und den Fetten und Ölen des Pflanzen- und Tierreichs, von welchen wir jetzt reden wollen. Aber die chemische Zusammensetzung und die Eigenschaften beider Gruppen sind doch recht verschieden.

Die aus der Erde stammenden „Mineral“öle zeichnen sich, wie wir gesehen haben, durch eine außerordentliche Widerstandskraft gegen chemische Mittel, namentlich gegen Schwefelsäure (sogar rauchende!), Natronlauge und Soda aus. Deshalb nennt der Chemiker die sämtlichen Bestandteile des Rohpetroleums „Paraffine“, was auf deutsch soviel heißt wie „Stoffe mit geringer Neigung zu chemischer Umsetzung“. Die pflanzlichen und tierischen -- sagen wir kurz: die +organischen+ -- Fette und Öle werden dagegen durch Säuren, durch Laugen, durch überhitzten Wasserdampf, durch gärungsartige Vorgänge usw. recht leicht in zwei Hauptbestandteile gespalten: in +Glyzerin+ einerseits und in eine sogenannte +Fettsäure+ andrerseits. Das Glyzerin ist der nie fehlende und durch nichts anderes vertretbare eine Bestandteil aller organischen Fette und Öle, so verschieden sie auch sonst voneinander sein mögen (denken wir nur an Olivenöl und Rindertalg). Dieses Glyzerin, eine dicke, süßschmeckende, ölige Flüssigkeit, ist seiner chemischen Natur nach eine ganz schwache Lauge. Die Fette sind also als salzartige Stoffe, als Verbindungen einer Lauge mit einer Säure, aufzufassen. Ihr zweiter Bestandteil, die Fettsäure, kommt in der Natur in verschiedenen Arten vor: in der Butter findet sich die +Buttersäure+; die meisten übrigen Fette und Öle enthalten drei verschiedene, aber einander ziemlich ähnliche Fettsäuren in wechselnden Mengenverhältnissen: die +Palmitinsäure+, die +Stearinsäure+ und die +Ölsäure+. Die Ölsäure ist bei Zimmertemperatur flüssig, Palmitin- und Stearinsäure sind fest. Die Stearinsäure ist wohl jedem bekannt, denn aus ihr sind die bekannten weißen Stearinkerzen gemacht. Je mehr ein Fett von der flüssigen Ölsäure enthält, um so weicher, ja flüssiger ist es: Schweinefett z. B. enthält mehr als die Hälfte, Rindertalg etwa ein Viertel Ölsäure.

Die Fette und Öle werden beim Kochen mit verdünnten Säuren, oder wenn man sie mit überhitztem Wasserdampf unter Druck behandelt, in ihre beiden Bestandteile gespalten. Diesen Vorgang nennt man die +Verseifung+ der Fette, obwohl sich dabei keine Seife bildet. Die Verseifbarkeit ist der wichtigste Unterschied zwischen den echten, organischen Fetten und den Mineralölen. +Mineralöle sind nicht verseifbar.+ Auf der Verseifbarkeit beruhen fast alle Anwendungen der organischen Fette und Öle. Die Verseifung tritt unter Mitwirkung von Bakterien von selbst ein, wenn die Fette, namentlich in der Wärme, mit Luft und Licht in Berührung kommen: dann sagt man, sie werden +ranzig+. Sie strömen dann einen üblen Geruch aus und sind auch wegen ihres schlechten Geschmacks ungenießbar. Geruch und Geschmack verraten, daß das Ranzigwerden nicht bloß in einer Spaltung der Fette besteht, sondern daß die beiden Spaltungsprodukte durch den Sauerstoff der Luft noch weiter verändert werden. Ranzige Butter riecht allerdings vorwiegend nach Buttersäure. Durch +Einsalzen+ kann man das Ranzigwerden der Fette bekanntlich ebenso verzögern, wie das Faulen des Fleisches. Diese Wirkung des Salzes beruht darauf, daß es die Bakterien, welche die Zersetzung erregen, lähmt und hemmt.

Die Verseifung tierischen Talgs durch hochgespannten und überhitzten Wasserdampf bildet eine der großartigsten Industrien der Erde. Sie blüht in den Präriedistrikten Südamerikas und der Union, wo das Fleisch der Herdentiere auf Büchsenkonserven, Fleischextrakt und Kraftfuttermittel, ihr Fett auf Glyzerin und Fettsäuren verarbeitet wird. Das Glyzerin geht in den Handel über zur weiteren Verwendung in der Sprengstoffindustrie; die Gemische von Palmitin- und Stearinsäure wandern teils in die Kerzenfabriken, teils in die Seifenfabriken. Die weicheren oder flüssigen, ölsäurereichen Mischungen von Fettsäuren werden neuerdings in einem großartigen chemischen Prozeß in harte Fettsäuren umgewandelt, weil man die flüssigen Fettsäuren nicht brauchen kann, während die festen sowohl für die Kerzen- als für die Seifenfabrikation von größtem Wert sind.

Seitdem man die Fette durch überhitzten Dampf in Glyzerin und Fettsäuren spaltet, ist die +Seifensiederei+ ein einfacher Prozeß geworden. Man braucht nämlich die Fettsäure nur mit Natronlauge zu erhitzen, um sofort die schönste, härteste Kernseife ohne jeden Abfall zu erhalten. Die +Seifen+ sind nämlich nichts anderes als die Metallsalze der Fettsäuren. Früher, als die Seifensiederei noch ein Kleingewerbe war, stellte man die Seife durch Kochen von +Fett+ mit +Lauge+ dar. Dabei verband sich die Fettsäure des Fettes mit der Lauge zu Seife, und das Glyzerin schied sich als Flüssigkeit ab. Die Seife schwamm, da sie sich in Wasser nur in geringer Menge löst, oben auf, während sich das Glyzerin in der darunterliegenden, braunen Brühe (der sogenannten +Unterlauge+) vorfand. Als Lauge benutzten die Seifensieder in der ältesten Zeit ein selbstbereitetes Präparat, das aus +Holzasche+ durch Kochen mit gelöschtem Kalk gewonnen wurde. Die Holzasche enthält kohlensaures Kalium, welches sich mit der Kalkbase zu kohlensaurem Kalk und Kalilauge umsetzt. Der wirksame Bestandteil in der alten Seifensiederlauge war also die +Kalilauge+. Da sie zugleich die stärkste aller Laugen ist, so verseift sie die Fette verhältnismäßig schnell und vollständig. Aber die Kaliseifen haben samt und sonders die Eigenart, nicht hart zu werden, sondern schmierig zu bleiben. Man nennt sie daher auch +Schmierseifen+. Dagegen sind die +Natronseifen+ fest. Alle festen Seifen des Handels sind Natronseifen. Zu ihrer Herstellung hat man zwei Wege: entweder, man verseift das entsprechende Fett unmittelbar mit starker Natronlauge, oder man stellt zuerst eine Kaliseife her und kocht diese dann mit starkem Salzwasser. Diesen Vorgang nennt man das +Aussalzen+ der Seife. Dabei tauschen das Kochsalz (Chlornatrium) und die Kaliseife ihre Metalle gegeneinander aus. Außerdem erhöht das Aussalzen auch die Ausbeute, weil die Seife in Salzwasser fast ganz unlöslich ist, während in einer salzfreien Unterlauge noch immer ziemlich viel Seife gelöst bleibt. Durch das Aussalzen erhält man aber niemals reine Natronseife, weil ein erheblicher Teil des fettsauren Kalis nach dem Satz vom chemischen Gleichgewicht (vgl. das 6. Kapitel) sich immer wieder aus Chlorkalium und fettsaurem Natrium rückbildet. Aber dies ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil für die praktische Verwendung, weil reine Natronseife sehr hart und bröckelig ist. Durch einen Gehalt an weicher Kaliseife wird das Fabrikat geschmeidiger, es verliert seine Brüchigkeit. Für den Weichheitsgrad ist auch das verwendete Fett von Bedeutung: harte Fette geben harte Seifen, während die Öle sehr weiche, schmierige Seifen (Marseiller Seifen) bilden.

Die Seifen haben die Eigenschaft, gewisse Stoffe in sich aufzunehmen, so daß man sie mit diesen Stoffen „füllen“ kann. Solche Verdünnungs- oder Füllmittel sind: Wasserglas, Kaliumsulfat und namentlich +Ton+. Wasserglas und Ton lassen sich einer guten Seife fast in beliebigen Mengen zusetzen, ohne daß sich die Seife bei der Abkühlung wieder vom Füllmittel trennt. So darf den deutschen Seifen während der Kriegszeit nicht mehr als 20 %, das ist ein Fünftel ihres Gewichts, an Fett zugrunde gelegt werden. Nahezu vier Fünftel werden also von den Füllmitteln, namentlich von Ton, gebildet. Das Fett, welches für Seifensiedereizwecke zugelassen ist, ist Abschöpf- und Abfallfett der übelsten Sorte, ranzig und angefault und von pestilenzartigem Geruch. Aber durch Umschmelzen mit oxydierenden Mitteln läßt es sich soweit reinigen, daß man den fertigen Seifen nicht mehr viel anmerkt von den übelduftenden Bestandteilen. Ich habe gesehen, wie in Seifensiedereien Abfallfette von einer Metzgerei abgeliefert wurden, welche von Springmaden geradezu wimmelten und einen entsetzlichen Geruch verbreiteten. Diese Fette lieferten nach ihrer Reinigung eine ausgezeichnete Kernseife.

Der Geruch einer Seife ist, auch wenn reines Fett dazu verwendet wurde, nicht angenehm; ranzige Fette verstärken seine unangenehme Eigenart. Deshalb ist es üblich, die Seifen zu parfümieren, wenigstens diejenigen für den persönlichen Gebrauch. Das Parfümieren billiger, gewöhnlicher Seifen geschieht in der Wärme, indem man der geschmolzenen Seife die Duftlösung zusetzt. Dieses Verfahren ist für feinere Ware nicht anwendbar, weil gerade die feinen Duftstoffe durch die Wärme verflüchtigt oder so verändert werden, daß ihr Wert dadurch herabgemindert wird. Deshalb werden solche Seifen durch ein sehr merkwürdiges Verfahren +kalt+ parfümiert. Man zerreibt die kalte Seife zunächst zu einem feinen Pulver, vermengt es mit dem Parfüm und preßt es dann mit großen Pressen unter gewaltigem Druck wieder zu festen Handstücken zusammen. Dieses Verfahren nennt man „Pilieren“. Es ist nur auf reine, ungefüllte Seifen anwendbar, weil sich gefüllte nicht pulverisieren lassen, sondern dabei schmieren.

Die Seifensiederei ist ein Gewerbe, das in seinen meisten Gepflogenheiten auf uralte Erfahrungen, die wenigstens bis ins gotische Mittelalter zurückreichen, aufgebaut ist. Zu diesen ältesten Erfahrungen gehört namentlich das Grundprinzip der alten Seifensiederei, die Verseifung der +Fette+ durch Kochen mit Laugen. Dagegen bedeutete die Einführung der +Fettspaltung+ einen geradezu ungeheuren Fortschritt, der im Seifensiedergewerbe einen völligen Umschwung hervorrief: er bewirkte, daß die kleinen, zünftig geleiteten Betriebe samt und sonders vor etwa 25 Jahren durch die großen Seifenfabriken aufgeschluckt wurden, weil die Fettspaltung wegen der teuren Anlagen nur im Großbetrieb möglich ist. Da aber die Fettspaltung das Glyzerin besser und vollständiger zu gewinnen gestattet, so erzeugen die Großbetriebe schon aus diesem Grunde die Seifen billiger als die zünftigen Seifensiedereien aus Großvaters Zeiten. Das Wesen der Fettspaltung haben wir schon kennengelernt: es besteht darin, daß die Fette durch überhitzten und hochgespannten Wasserdampf in Glyzerin und Fettsäure zerlegt werden. Diese Vorbehandlung der Fette ermöglicht nicht nur die vollständige Gewinnung des Glyzerins, sondern sie erleichtert auch die eigentliche Herstellung der Seife bedeutend. Denn die freie Fettsäure verbindet sich mit der Lauge viel leichter als die an Glyzerin gebundene. Ja, zur Verseifung der freien Fettsäure braucht man nicht einmal die teure, konzentrierte Natronlauge zu nehmen, sondern man kann billigere, verdünnte Laugen und sogar Soda (kohlensaures Natrium) dazu benutzen, welches noch viel billiger ist. Denn beim Kochen von Soda mit freien Fettsäuren wird die Kohlensäure der Soda durch die Fettsäure verdrängt, indem sich gleichzeitig Seife bildet.