IV.
»Geliebtester +Conte di Musica+! Wohl bekomme Euch der Schlaf, und auf heute wünschen wir Euch einen guten Appetit und eine gute Verdauung. Das ist alles, was dem Menschen zum Leben nötig ist, und doch müssen wir das alles so teuer bezahlen. -- Darum sind wir, Euer gnädigster Herr, gezwungen, uns herabzulassen und Euch zu bitten um ein Darlehen von fünf Gulden, welches wir Euch binnen einigen Tagen wieder zufließen lassen werden. Lebt wohl, geliebtester +musico+ und +conte di musica+. Euer wohlaffektionierter Beethoven. Gegeben in unserem Komponier-Kabinett.«
Im Hause des Hofrats von Birkenstock hatte Beethoven auch Bettina Brentano kennen gelernt, damals Braut Achim von Arnims und intime Freundin Goethes. Ihre tief musikalische Natur sehnte sich nach Beethoven. Als sie sich kennen lernten, sang Beethoven ihr das Lied »Kennst du das Land«, zwar mit scharfer und schneidender Stimme, aber mit tiefem Ausdruck. »Aha,« rief Beethoven aus, »die meisten Menschen sind gerührt über etwas Gutes, das sind aber keine Künstlernaturen. Künstler sind feurig, die weinen nicht.«
Von diesem Tage an waren sie täglich zusammen und wurden immer mehr befreundet. Bettina schrieb öfters über ihre Zusammenkünfte mit Beethoven schwärmerische Briefe an Goethe. »O Goethe,« heißt es da einmal, »kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht, und daß alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven.«
1812 machte Beethoven eine Reise nach Teplitz, wo er Varnhagen, Tiedge, Elise von der Recke und andere bedeutende Persönlichkeiten kennen lernte. Und das Jahr darauf, als er wieder in Teplitz weilte, machte er endlich die Bekanntschaft Goethes, mit dem er nun sehr oft zusammenkam. Goethe schrieb an seinen Freund Zelter: »Beethoven habe ich in Teplitz kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt. Allein, er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt verabscheuenswert findet, aber sie freilich dadurch weder für sich, noch für andere genußreicher macht. Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn sein Gehör verläßt. Er, der ohnehin lakonischer Natur ist, wird es nun doppelt durch diesen Mangel.«
Goethe, der von den im Bade anwesenden Fürsten mannigfache Auszeichnungen erfahren hatte, wollte besonders der Kaiserin seine Ergebenheit bezeigen und riet auch Beethoven, in bescheidener Weise das gleiche zu tun. »Ei was!« antwortete Beethoven, »so müßt Ihr's nicht machen. Ihr müßt ihnen tüchtig an den Kopf werfen, was sie an Euch haben, sonst werden sie's gar nicht gewahr. Ich hab's ihnen anders gemacht.« Und nun erzählte Beethoven, wie ihn einmal der Erzherzog, sein Schüler, habe warten lassen und er darauf fortgegangen sei. Einen Orden könnten sie einem wohl anhängen, könnten einen wohl zum Hofrat machen, aber nicht zum Goethe oder zum Beethoven; davor müßten sie Respekt haben. Und während Beethoven so sprach, kam gerade der ganze Hofstaat an. Beethoven sagte nun zu Goethe: »Bleibt mir in meinem Arm hängen; ~sie~ müssen ~uns~ Platz machen.« Aber Goethe machte sich los und stellte sich mit abgezogenem Hut an die Seite, während Beethoven mit verschränkten Armen und nur den Hut ein wenig rückend, mitten durch die Hofgesellschaft ging, die sich infolgedessen teilen und ihm Platz machen mußte. Alle grüßten ihn freundlich. Auf der anderen Seite blieb Beethoven stehen und wartete auf Goethe, der sich so lange tief verneigte, bis die Gesellschaft vorübergegangen war. Beethoven sagte: »Auf Euch habe ich gewartet, weil ich Euch ehre und achte, wie Ihr es verdient, aber jenen habt Ihr zu viel Ehre angetan.« Beethoven fand Goethe zu geziert. »Ihm behagt die Hofluft zu sehr; mehr, als es einem Dichter ziemt,« schreibt er an einen Freund.
Ihm widerstrebte alles äußere Wesen; sein ganzes Leben war auf innen eingestellt; er haßte alle Eitelkeit. Deshalb schickte er auch eine Visitenkarte seines Bruders, der ihm zu Neujahr gratuliert hatte und auf welcher zu lesen war »Johann van Beethoven, Gutsbesitzer« zurück und schrieb auf die Rückseite »Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer«.
Und doch war es nicht läppischer Stolz, der ihn zuweilen so hochfahrig erscheinen ließ. »O Gott, gib mir die Kraft, mich zu besiegen,« schreibt er 1812 in sein Tagebuch; »mich darf ja nichts mehr an das Leben fesseln.« Und 1813: »O Gott, Gott, sieh auf den unglücklichen Beethoven herab, laß es nicht länger so dauern.«
Frau Streicher nahm sich seiner häuslichen Verwirrung an, die so groß war, daß Beethoven eines Tages nicht einmal mehr Stiefel zum Ausgehen hatte. Einer seiner Gönner war inzwischen gestorben, und ein anderer, Fürst Lobkowitz, war selber arg verschuldet und in Bedrängnis. »Es ist hart, beinahe um des lieben Brotes willen zu schreiben! So weit habe ich es nun gebracht,« stöhnt Beethoven 1818. Seine Einnahmen standen um diese Zeit in der Tat beinahe im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ruhm. Es war eine Ironie des Schicksals, daß Beethoven, der in diesen Jahren sehr viel äußere Bedrängnis auszustehen und der sich von aller Welt verschlossen zurückgezogen hatte, in Wien zu einer Art Sehenswürdigkeit geworden war. Nur wenige Kollegen, Schubert, Liszt und Weber, die ihn besuchten, wurden empfangen. Und zu diesen äußeren Sorgen kamen noch andere.
Seit dem im Jahre 1815 erfolgten Tode seines Bruders Karl nahm Beethoven sich auch dessen unmündigen Sohnes, seines Neffen Karl, an, dessen Vormund und Erzieher er wurde und auf den er alle innige Familienliebe übertrug, die er so viele Jahre zurückgedämmt hatte.
Wegen seines Ehrengehaltes lag er in fortwährenden Streitigkeiten mit den Gerichten, in denen er stets von neuem zu beweisen hatte, daß er noch am Leben sei. Eine besondere Kränkung tat man ihm an, als er in einem Prozesse seinen vermeintlichen Adel erweisen sollte. Tief verletzt zeigte er auf Herz und Kopf und rief »Hier und hier«.
Die Wohnungs- und Dienstmädchensorgen quälten ihn auch nicht wenig. In der Mödlinger Hauptstraße, wo er damals wohnte, komponierte er, wie er selbst sagte, »im Schweiße seines Angesichtes« und schlug, Tag und Nacht arbeitend, mit Händen und Füßen so stark den Takt, daß ihm die Wohnung gekündigt werden mußte.
[Illustration: Beethovens Grabmal in Wien.]
Das Leben schien ihm nun ein Dornenweg; ein Spießrutenlaufen durch tausend Drangsale und alltägliche Plackereien. »Für dich, armer Beethoven, gibt es kein Glück von außen,« lautet nun seine Einsicht. Seine brüske, verbitterte Art zeichnete sich sogar in seiner Handschrift aus, von der Zelter sagte: »Beethoven schreibt immer wie mit einem Besenstiel,« und Beethoven selbst gesteht: »Das Leben ist zu kurz, um Buchstaben und Noten zu ~malen~, und schöne Noten brächten mich schwerlich aus den Nöten.«
Trotzdem bewahrte er sich sein gutes Herz und seine reiche Menschenliebe. Er unterstützte reichlich seine beiden Brüder. Als er erfuhr, daß Deutschland das letzte Kind des großen Musikers Bach hungern ließ, verschaffte er ihm unter vielen Umständen die nötigen Lebensmittel. Für eine herumziehende Musikantengesellschaft, deren Not ihn dauerte, komponierte er einen Walzer und schrieb selbst die Stimmen dazu aus.
Er selbst vernachlässigte sich sehr; sogar in der Kleidung ließ er sich jetzt stark gehen. Seine grauen Haare waren immer unfrisiert, und mit seinem krausen Buschkopf bot er eine auffallende Erscheinung. Als eine Dame einmal ganz entzückt seine schöne Stirn bewunderte, sagte er kurz angebunden: »Nun, so küssen Sie sie!«
Seine große Aufopferungsfähigkeit tritt uns aber in ihrer ganzen Großartigkeit entgegen in dem Verhältnis zu seinem Neffen Karl, dem er sich mit Leib und Seele, mit Gut und Geld widmete; er spielte und tollte mit ihm herum, behütete ihn wie seinen Augapfel und erntete nur Undank. Beethoven wollte den Jungen zum Gelehrten oder Künstler machen; aber der Neffe entlief seinem Onkel, mißachtete ihn, wurde von der Universität entlassen, spielte, flanierte, log, unterschlug Gelder, bis er eines Tages einen mißglückten Selbstmordversuch machte und blutüberströmt dem unglücklichen Onkel ins Haus gebracht wurde, der über diesem Streich fast zusammenbrach.
Ohnehin hatte ein Leberleiden schon begonnen, die Gesundheit Beethovens zu untergraben. Und als die Gelbsuchtsanfälle sich mehrten, dachte er an sein Testament. Als der Neffe von seinem dummen Streich genesen war, wurde er von der Polizei der Stadt verwiesen und zog nach Gneixendorf. Beethoven, der an dem Neffen, den er zum »geliebten Universalerben« bestimmt hatte, mit unverminderter Liebe hing, zog ebenfalls nach dem Dorfe hinaus, wo ihn die Diener und Bauern, die ihm in Flur und Wald begegneten, heftig auslachten, wenn sie ihn gerade beim Komponieren betrafen. Er gestikulierte so stark, daß das Vieh, das ihm begegnete, scheu wurde und die Bauern ihm oft zuriefen: »He! a bissl stader!«
Auf einer Rückreise von Gneixendorf nach Wien mußte Beethoven fiebernd in einem Dorfwirtshause übernachten. An einer Bauchfellentzündung leidend, kam er auf einem Milchwagen, »dem elendesten Fuhrwerk des Teufels«, am 2. Dezember 1826 in Wien an und wurde von Stunde zu Stunde elender.
Beethoven schickt seinen Neffen aus, zwei befreundete Ärzte zu holen, die versagen aber ihre Hilfe, weil ihnen der Weg von der Stadt nach der entfernten Wohnung Beethovens zu weit ist. Beethoven bittet seinen Neffen, andere Ärzte zu besorgen; der leichtsinnige Bursche vergißt aber ganz daran, setzt sich statt dessen in ein Kaffeehaus und spielt Billard. Erst sehr spät fällt ihm der Auftrag des todkranken Onkels wieder ein, aber anstatt wenigstens jetzt selber auf die Suche zu gehen, gibt er seinen Auftrag dem Kellner weiter, der ebenfalls daran vergißt. Drei Tage darauf wird der Kellner zufällig selbst krank und in der Klinik, wohin er gebracht werden muß, erinnert er sich jetzt erst des erhaltenen Auftrags. Jetzt erst erhält Beethoven ärztliche Hilfe. Aber es ist schon zu spät, da bereits Wassersucht eingetreten ist. Dazu kommen noch neue Gemütserschütterungen, und da nächtliche Erstickungsanfälle auftraten, muß der Bauchstich gemacht werden. Beim Anblick des Wassers, das ihm aus dem Leibe läuft, hat er noch so viel Humor, dem Arzt zu sagen, er sei ein wahrer Moses, der mit dem Stabe an den Felsen geschlagen habe, daß das Wasser kam. »Besser Wasser aus dem Bauch, als aus der Feder,« tröstete er sich. Eine Sorge verläßt ihn: der Neffe Karl betritt die militärische Karriere; dafür kommt eine neue Sorge: die militärische Ausstattung des Neffen hat sehr viel gekostet, und es ist Geldnot eingetreten. Die Krankheit zieht sich in die Länge, obwohl Beethoven schon zum drittenmal operiert worden ist. Und von allen Bekannten kümmert sich fast niemand um ihn, außer den allernächsten Freunden. Und nun nähert sich Beethoven immer mehr seinem irdischen Ende. Am 23. März empfängt er die Sterbesakramente. Tags darauf beginnt der Todeskampf.
Am 26. März 1827 blieb die kleine Pyramidenuhr, ein Geschenk der Fürstin Lichnowsky, stehen, und noch heute soll diese Uhr, so oft ein Gewitter naht, stehnbleiben. Gegen fünf Uhr toste mit gewaltigem Donner, Schnee und Hagelschlag mitten im Winter ein Unwetter heran. Nur Beethovens Schwägerin, Frau van Beethoven, und ein junger Schüler Beethovens waren im Sterbezimmer anwesend. Plötzlich wurde das Zimmer durch einen Blitz grell beleuchtet. Der Sterbende öffnete weit die Augen, erhob die rechte Hand und blickte mit drohender Miene starr gen Himmel. Dann sank er zurück. Der Recke war tot.
Seinem Leichenbegängnis folgte keine Gattin, nach der er sich so oft gesehnt hatte und kein eigenes Kind. An seinem Grabe weinte die ganze Welt. Zwanzigtausend Menschen folgten dem Sarge, und alle Schulen waren geschlossen.
Der Erfinder Edison.
In Orange in New Jersey, inmitten eines Netzes elektrischer Leitungen, erhebt sich ein von weiten, einsamen Gärten umgebenes Haus. Die Front gebietet über einen großen Rasenplatz, der von kiesbestreuten Wegen durchkreuzt ist und sich bis zu einem pavillonartigen Gebäude hinzieht. Dieser Pavillon ist rings von einer Reihe sehr bejahrter hoher Bäume beschattet.
Hier wohnt Thomas Alva Edison, der Mann, der das Echo gefangennahm, der fast taube Zauberer so vieler Wunderdinge, die geschaffen sind, um dem Ohr ein Fest zu bereiten.
An einem Herbstabend der letzten Jahre geschah es, daß Edison sich in das Innere seines Privatlaboratoriums zurückzog. In seinem bequemen amerikanischen Klubsessel saß er mit aufgestützten Ellbogen allein, eine Havanna rauchend, obwohl er sonst nicht rauchte, weil der Tabak große Pläne so leicht in Träumereien zerfließen läßt. Von seinem bereits sagenhaft gewordenen Gewand umhüllt, dem schwarzseidenen Umhang mit den violetten Quasten, sah er zerstreut vor sich hin und schien in tiefe Betrachtung versunken.
Die Tische waren übersät mit tausenderlei Instrumenten, Räderwerken, geheimnisvollen Mechanismen, elektrischen Apparaten, Teleskopen, Reflektoren, Magneten, Retorten, Phiolen und Tafeln, die mit Zahlen bedeckt waren.
Die untergehende Sonne beleuchtete die von Ahorn- und Tannenbäumen bestandenen Hügel von New Jersey, und hin und wieder wurde das Gemach blitzartig von aufglühenden elektrischen Funken erhellt.
Der Wind wehte kühler; ein Gewitter hatte am Nachmittage die Luft durchfeuchtet, und die Blumen vor dem Fenster schickten nun ihre schweren Düfte herein. Ihr betäubendes Aroma ermattete die lebhaften Gedanken Edisons, und unbewußt wurde er von dem Reiz der Dämmerung eingefangen ...
Im Februar des kommenden Jahres wurde er sechzig Jahre alt und es reizte ihn nun, gleichsam am Vorabend des Greisenalters, über sein mühseliges, leidensvolles Leben nachzudenken ... all die mühseligen Wege, die er gehen mußte, ehe er als der größte Erfinder auf dem Gebiet der Elektrotechnik allgemein anerkannt war, in Gedanken zu gehn.
Er sah das Bild Milans vor sich, seiner Geburtsstadt im nordamerikanischen Ohio, in der er am 11. Februar 1847 zur Welt kam.
Väterlicherseits stammte Edison aus einer alten holländischen Müllersfamilie, die ungefähr um 1737 in Nordamerika eingewandert war. Er sah im Geiste den Vater vor sich, wie er in Milan einen schwunghaften Getreide- und Holzhandel betrieb, an dem er zum wohlhabenden Manne wurde. Und sah die, ach, nun tote Mutter, eine Kanadierin, die von einer eingewanderten schottischen Familie abstammte und eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Vor ihrer Heirat war sie Lehrerin gewesen, um später ihren Beruf auch am jungen Edison auszuüben. Das blühende Geschäft hatte den Eltern die Möglichkeit eines behaglichen Lebens gegeben und die Hoffnung einer sorglosen Zukunft. Die Eltern liebten ihren Thomas Alva mit großer Zärtlichkeit! Wie machten sie ihm seine Kinderjahre zu Jahren sonniger Freude!
Aber Glück ist wandelbar und nicht von langer Dauer. Der Eisenbahnbau begann, um dem Handel einen neuen Weg zu eröffnen. Es begann ein tolles Hämmern und Schmieden. Aber durch diese Eisenbahn wurde der Kanalverkehr des Ohio lahmgelegt, dem der Vater hauptsächlich seine Einnahmen verdankte. Das Geschäft des Vaters ging zurück, und als gar noch eine allgemeine finanzielle Krisis hereinbrach, ging des Vaters Betrieb vollkommen zugrunde, so daß die Familie sich plötzlich allen Bitternissen der Armut gegenübergestellt sah. Aber nur das Geschäft brach zusammen, nicht auch der Vater, der vielmehr mit zäher ungebrochener Energie daranging, sich im Port Huron im Staate Michigan ein neues Heim zu gründen und mit erstaunlicher Arbeitskraft sein Leben von neuem aufzubauen. Thomas Alva war damals sieben Jahre alt. Er hatte bereits angefangen, in die Schule zu gehn, als schon sein erster Unterricht durch diese Umsiedelung gestört und gehemmt wurde. In Port Huron wurde er nun, um das Schulgeld zu sparen, nicht mehr in die Schule geschickt; die Mutter übernahm vielmehr selbst die weitere Ausbildung des Knaben. Die lehrte ihn schreiben, lesen und rechnen und diese gemeinschaftliche Arbeit schuf ein sehr inniges Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Wie spornte sie immer seinen Wissenseifer an und gab seiner Phantasie reiche geistige Nahrung.
Aber auch in Port Huron ging das Geschäft des Vaters nicht recht vorwärts; die Familie blieb arm. Es war aus mit den sorglosen Jahren der Kindheit; die Spielzeit war vorbei. Schon als Zwölfjähriger mußte der junge Edison daran denken, etwas mitzuverdienen. Er nahm eine Stelle als Zeitungsjunge an der Eisenbahn an, die Port Huron mit Detroit verbindet.
Und Edison sieht im Geiste rückwärts; sieht, wie er zwischen diesen beiden Stationen täglich hin und her fährt, während der Fahrt von Wagen zu Wagen wandert, um den Reisenden Zeitungen, Süßigkeiten, Früchte und andre Erfrischungen anzubieten, wodurch er sich eine bescheidene tägliche Einnahme sichert, die er zum größten Teil seinen Eltern bringt. Die Stunden, die zwischen der Ankunft des Zuges in Detroit und seiner Abfahrt liegen, bringt er damit zu, seine Geschäftsgänge zu besorgen, seine Zeitungsexemplare einzukaufen und in der Volksbibliothek zu arbeiten, deren viele tausend Bände gewissenhaft durchzulesen er sich ernsthaft vorgenommen hat. Er liest tatsächlich auch die Bücher, wie sie ihm gerade zur Hand kommen, der Reihe nach wahllos durch, und als er schon eine Strecke von fünfzehn Fuß weggelesen hat, wird die Bibliothekleitung endlich auf sein Vorhaben aufmerksam und lenkt seine Lesewut in die richtigen Bahnen. Unter den bereits verschlungenen Büchern befanden sich recht schwierige Werke; zum Beispiel Gibbons »Verfall und Untergang des römischen Reiches«, Humes »Geschichte Englands« und »Die Geschichte der Reformation«, Burtons »Anatomie der Melancholie« und andre Bücher.
Auf der hundert Kilometer langen Bahnstrecke Port Huron-Detroit war der junge Edison bald eine sehr bekannte und beliebte Person. Aber wichtiger war für ihn, daß er sich auch die Zuneigung des Bahnpersonals erwarb. Denn er hatte es in erster Reihe dem Personal zu danken, daß man ihm das ausschließliche Recht des Zeitungsverkaufs auf den Lokalzügen der genannten Strecke zubilligte; außerdem hatte man ihm noch einen alten ausrangierten Gepäckwagen zur Verfügung gestellt, der gewöhnlich leer im Zuge mitlief.
Welche wundervollen Stunden hat er in diesem Rumpelwagen erlebt! Schon als dreizehnjähriger Knabe hatte Edison große Freude an chemischen Experimenten, und so häufte er in der einen Hälfte des Wagens allerhand Apparate und Flaschen mit Chemikalien an und gestaltete ihn zu einem kleinen chemischen Laboratorium um, während er in der andren Hälfte seine Zeitungen, Fruchtkörbchen und andere Handelsartikel aufbewahrte.
Über seinen chemischen Versuchen vergaß er aber nicht, seinen Geschäften nachzugehen; im Gegenteil, seine Tätigkeit war, wie bei allen Amerikanern, auf Gewinn und Erwerb gerichtet. Er kaufte gewöhnlich zweihundert Zeitungsexemplare; zuweilen hätte er aber auch dreihundert verkaufen können. Als er nach der Ursache dieses schwankenden Verkaufs forschte, bemerkte er bald, daß sich der Absatz nach der Wichtigkeit und Sensation der aktuellen Vorgänge richtete, und er war nun so schlau, ehe er seine Exemplare kaufte, jedesmal die Überschriften der Zeitung erst rasch zu überfliegen und sie gleichsam auf ihre sensationelle Wirkung hin zu prüfen. Und danach bemaß er dann auch ganz seinen Bedarf. Um jene Zeit war gerade der große Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten ausgebrochen, und das reisende Publikum war nach den neuesten Nachrichten stets sehr begierig.
Eines Tages las Edison auf der Probenummer der Zeitung in Riesenlettern eine Überschrift, die eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und Verwundeten ankündigte. Blitzartig durchfuhr ihn der Gedanke, daß ihm der Verkauf dieser Zeitungsnummer großen Gewinn bringen könnte, wenn es ihm gelänge, die Aufmerksamkeit der Reisenden längs der ganzen Zugstrecke rechtzeitig auf diese große Neuigkeit hinzulenken. Schon hatte er einen fertigen Plan im Kopf. Er eilte zur Telegraphenstation und bestimmte einen ihm bekannten Beamten ein kurzes Telegramm über eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und Verwundeten abzusenden, mit der Bitte, diese Depesche an der schwarzen Tafel, auf der gewöhnlich die Verspätungen der Züge angezeigt wurden, mit Kreide anzuschreiben. Edison erbot sich, dem Beamten für diesen Dienst ein halbes Jahr lang unentgeltlich eine täglich erscheinende Abendzeitung und zwei Journale zu liefern, eine Wochen- und eine Monatsschrift. Der Beamte ging auf den Vorschlag ein und versprach, das Telegramm rechtzeitig abzusenden. Nun galt es noch, eine möglichst große Anzahl Zeitungsexemplare zu erhalten. Geld hatte Edison nicht, und als er sich an den Vorsteher der Speditionsabteilung mit der Bitte wandte, ihm tausend Exemplare auf Kredit zu überlassen, wurde ihm das rundweg abgeschlagen. Viel Zeit war bis zum Abgang des Zuges nicht mehr zu verlieren; kurz entschlossen wandte sich Edison an den Eigentümer der Zeitung selbst, sagte ihm, wer er sei und bat um fünfzehnhundert Exemplare, die er am nächsten Tage bezahlen wollte. Der Besitzer der Zeitung, ein hagerer ernster Mann, musterte den kecken vierzehnjährigen Zeitungsboy einen Augenblick, kritzelte einige Worte auf einen Zettel und gab ihn Edison mit den Worten: »Trag's hinunter, und du wirst erhalten, was du wünschest.« Niemand war glücklicher als Edison. Im Triumph trug er seinen schweren Ballen Zeitungen fort, faltete und legte sie noch auf der Straße mit Hilfe einiger Knaben zurecht und lief zu seinem Zuge. Jetzt hatte er nur noch die eine Sorge, ob der Telegraphenbeamte auch Wort gehalten hatte. Denn davon hing ja der glückliche Ausgang seines Unternehmens ab.
Und wie dann der Erfolg seine Erwartungen bei weitem übertraf! Wie er schon, als der Zug auf der ersten Station Utica einlief, eine Menge Menschen auf dem Bahnsteig herumstehen sah, die, durch sein Telegramm neugierig gemacht, ungeduldig die Ankunft des Zuges erwarteten, um genauere Nachrichten über die große Schlacht zu erhalten. Wie er nun einen Arm voll Zeitungen nahm, aus seinem Güterwagen sprang und im Nu vierzig Exemplare zu zwanzig Pfennig (fünf Cent) abgesetzt hatte, während er sonst an dieser Station kaum zwei Exemplare loswerden konnte. Auf der nächsten Station, Mount Clemens, war noch eine größere Menschenmenge versammelt. Jetzt hatte er vierzig Pfennig für das Exemplar gefordert und hatte trotzdem hundertfünfzig Stück verkauft. Ähnlich ging es auf den folgenden Stationen. Am tollsten war es aber auf der Endstation Port Huron, wo Edison zu Hause war. Als er hier mit den letzten paar hundert Exemplaren, die ihm geblieben waren, sich auf den Weg zur Stadt machte, die anderthalb Kilometer entfernt lag, kam ihm unterwegs ein großer Schwarm aufgeregter Menschen entgegen, die ebenfalls durch sein schlaues Manöver in höchste Erregung versetzt worden waren. Sie riefen alle nach Zeitungen und Edison verkaufte ihnen einen großen Teil, das Exemplar zu einem Vierteldollar (mehr als eine Mark). Die Nachricht, daß der kleine Edison mit den neuesten Depeschen vom Kriegsschauplatze kam, verbreitete sich mit Windeseile nach der Stadt, und Edison sah sich genötigt, auf den Stufen, die zur Tür einer Kirche emporführten, Posto zu fassen, um sich des Andranges zu erwehren. Der Gottesdienst sollte gerade beginnen, aber die Türen waren noch offen, daher strömten die Menschen heraus, und es entstand ein tolles Wettbieten auf die letzten hundert Exemplare der kostbaren Zeitungsnummer.
Mit einem kleinen Vermögen kam Edison am Abend nach Hause, wo er seinen Eltern von der gelungenen Unternehmung berichtete und ihnen den größten Teil seines Gewinnes einhändigte.
Der glückliche Ausgang dieser kleinen Spekulation blieb auf die Entwicklung Edisons nicht ohne starken Einfluß. Zunächst stärkte sich sein Selbstvertrauen, sein Unternehmungsgeist wurde angeregt, so daß der Vierzehnjährige Geschäftsunternehmungen wagt, die von seinen außerordentlichen Anlagen beredtes Zeugnis ablegen. Er verdankte ja sein kleines Vermögen jenem Telegramm, und so war es ganz natürlich, daß die Telegraphie und ihre gewaltige Bedeutung für den Verkehr ihn besonders lebhaft interessieren mußte. Er vernachlässigte nun die Chemie auf Kosten der Elektrizität, über deren geheimnisvolle Kraft er in der folgenden Zeit alles zusammenlas, was ihm nur erreichbar war. Er kaufte und verfertigte sich elektrische Apparate, um selbst elektrische Versuche anstellen zu können.
Inzwischen war er rastlos bemüht, aus seinem Zeitungsverkauf möglichst großen Gewinn zu ziehen, denn ohne Geldmittel war es ihm nicht möglich, seine Kenntnisse zu erweitern. Er dachte sogar daran, selbst eine kleine Zeitung herauszugeben, um seine Einnahmen zu vermehren und, die Tat dem Gedanken gleich folgen lassend, ging er sofort an die Ausführung. Für wenig Geld hatte er bald eine alte ausrangierte Presse und einen Satz alter Typen erworben, die er nach seinem Gepäckwagen schaffte, wo er denn auch seine Versuche begann. Das Setzen und Drucken hatte er in der Druckerei, von der er bisher die Zeitung bezog, den Arbeitern abgesehen; trotzdem kostete es ihn freilich unendliche Mühe und manche schlaflose Nacht, bis er den Reisenden seiner Strecke seine eigene kleine Zeitung, die er »Grand Trunk Herald« nannte, zu drei Cent das Exemplar verkaufen konnte. Sie erschien einmal wöchentlich und kostete im Monatsabonnement acht Cent (zweiunddreißig Pfennig); jedenfalls war es das einzige Journal der Welt, das den Namen einer Eisenbahnzeitung mit Fug und Recht trug, da sie im Eisenbahnzuge selbst fertiggestellt wurde. Der vierzehnjährige Edison war sein eigener Redakteur, Setzer, Drucker und Zeitungsjunge. Ehe die erste Nummer aber erschien, machte der diplomatische Junge einem der Generaldirektoren der Bahnlinie einen Besuch und bat ihn um die Ehre, sein erster Abonnent zu werden. Seine Bitte wurde erfüllt und überdies bedachte man ihn mit einem kleinen Geldgeschenk. Unter dem Bahnpersonal selbst gewann er eine stattliche Zahl Abonnenten, und auch zahlreiche Reisende kauften die Zeitung, so daß er in kurzer Zeit vierhundert Abonnenten zählte. Ihr Inhalt bestand meist aus Lokalnotizen, Bahnerlebnissen, Zugverbindungen, Verkehrsneuigkeiten, wichtigen Familienereignissen und Inseraten. Um neue Leser anzulocken, erhielt jeder Abonnent seine Zeitung mit aufgedrucktem Namen. Die weltberühmte Londoner Zeitung, die »Times«, würdigte dieses Edisonsche Blättchen sogar einer Besprechung, und der große Erfinder der Lokomotive, Stephenson, bestellte eine Spezialausgabe dieser Zeitung für sich allein.
Edisons Einnahmen wuchsen; seine Arbeit wurde freilich auch immer größer, so daß er endlich mehrere junge Burschen als Gehilfen anstellen mußte. Nun konnte er seinen Eltern bereits einen Monatsgewinn von vierzig Dollar (hundertundsiebzig Mark) abliefern.
Trotz dieses günstigen Resultates war er nicht zufrieden; er wollte seine Zeitung auf ein höheres Niveau erheben, sie fesselnder gestalten. Und so gab er mit einem gleichalterigen Kameraden eine neue Zeitung heraus, »Paul Pry« benannt, nach einer bekannten Lustspielfigur, die einen neugierigen, umherspähenden, spionierenden Charakter hatte. Die neue Zeitung war in jeder Beziehung der alten überlegen. Allein, da er selber noch ein Knabe war, teilte Edison oft auch knabenhafte Torheiten mit und wurde bei der Mitteilung mancher Neuigkeiten übermütig und ausfallend. So geschah es, daß ein Leser der Zeitung sich und sein peinliches Erlebnis eines Tages selbst lächerlich gemacht sah; in höchste Wut versetzt, lauerte der herkulische Mensch dem jungen Edison auf und schleuderte ihn kurzerhand in den St. Clairfluß. Edison konnte aber gut schwimmen und rettete sich glücklich ans Ufer; jedoch machte das unfreiwillige Bad dem »Paul Pry« rasch ein vorzeitiges Ende.
Kurze Zeit nach diesem unglücklichen Abenteuer fiel in dem alten rumpligen Gepäckwagen, der nicht auf Federn ruhte, durch die heftigen Stöße der Lokomotive eine Flasche Phosphorlösung um. Sie explodierte und der Wagen geriet in Brand. Das Feuer wurde zwar mühelos gelöscht, aber der Zugführer hatte schon längst nach einer Gelegenheit gesucht, den kleinen Edison loszuwerden, der in dem alten Wagen fürchterlich dünstende chemische Versuche anstellte und mit den Druckpressen einen schrecklichen Radau vollführte. Der Zugführer ließ nun sofort alle Habseligkeiten Edisons rücksichtslos ausräumen, verbot ihm die weitere Benützung des Gepäckwagens und gab ihm noch obendrein ein paar so mächtige Ohrfeigen, daß Edison das Trommelfell des einen Ohres platzte, auf dem er zeitlebens taub blieb.
Edison rückte sich im Sessel zurecht und faßte unwillkürlich an das taube Ohr. Er hatte viel gelitten darum. Ganz in seinen Erinnerungen lebend, fühlte er noch jetzt, nach fünfundvierzig Jahren, die Hand des brutalen Zugführers in seinem Antlitze brennen. Überwältigt von Schmerz und Scham mußte er damals zusehen, wie der Zugführer abdampfte. Und Edison stand mit seinen zerbrochenen Gläsern, Retorten und Apparaten heulend auf dem Bahnsteig.
Der Verlust seines geliebten Laboratoriums war ein schrecklicher Schlag für Edison. Die höchste Verzweiflung hatte ihn gepackt. Seine Mutter tröstete ihn und räumte ihm den Wohnungskeller ein, in dem er seine Versuche fortsetzen konnte. Der Gepäckwagen war ihm nun entzogen, seine Stellung als Zeitungsjunge konnte man ihm aber nicht nehmen. Und so fuhr er denn, wie in den ersten Tagen, zwischen Detroit und Port Huron hin und her, um wieder seine alte Zeitung zu verkaufen. Die freie Zeit, die ihm blieb, verwandte er auf elektrische Versuche, denen von nun ab sein Hauptinteresse gehörte. Zunächst wollte er eine telegraphische Anlage bauen. Er hatte sich ein Buch über Telegraphie gekauft, das er eifrig studierte. Aus gewöhnlichem Eisendraht stellte er nun eine Leitung her, die sein Haus mit dem eines Kameraden verband und mittels eines alten Kabelstückes, das er im Fluß gefunden hatte, wurde diese Leitung »unterführt«. Zwei riesige Katzen wurden beschafft, deren rückwärts geriebenes Fell als elektrische Stromquelle dienen sollte. Diese kindlichen Versuche hatten aber kein anderes Ergebnis, als daß die Katzen, die keine Lust hatten, Reibungsversuche an sich machen zu lassen, die beiden Knaben bös zerkratzten und übel zurichteten.
Das Mißlingen spornte Edison aber zu neuen Versuchen an. Er kaufte, indem er sich selbst große Entbehrungen auferlegte, allerhand alte elektrische Apparate und Elemente und setzte seine Versuche mit einer Ausdauer fort, die den Kameraden oft zur Verzweiflung brachte. Schmerzlich war es inmitten all dieser Versuche für Edison, daß er die Kunst des Telegraphierens nicht beherrschte. Ein Zufall kam ihm jedoch auch hier glücklich zustatten. Der Zug, auf dem Edison Zeitungsjunge war, hatte auf der Station Mount Clemens gewöhnlich eine halbe Stunde Aufenthalt, um Rangierungen vorzunehmen und einen Güterwagen abzustoßen. Edison schlenderte mit seinen Zeitungen am Zuge entlang, als er plötzlich gewahrte, daß der kaum dreijährige Sohn des Stationsvorstehers ahnungslos auf dem Gleise spielte, auf dem der abgestoßene Güterwagen eben ziemlich rasch herangerollt kam. Voller Geistesgegenwart schleuderte Edison seine Zeitungen fort, war mit einem Satz an der gefährlichen Stelle und hatte gerade noch Zeit, sich mit dem Jungen auf die andere Seite zu werfen. Im nächsten Augenblick erhielt Edison auch schon am Stiefelabsatz vom Wagen einen heftigen Stoß, der den jungen Lebensretter darüber belehrte, in welcher großen Todesgefahr beide geschwebt hatten. Beide waren, vornüberstürzend, mit dem Gesicht so heftig auf einen Kieshaufen aufgeschlagen, daß sich die kleinen Steinchen tief ins Fleisch gebohrt hatten. Aber diese Verletzungen waren ungefährlich, und die glücklichen Eltern wußten nicht, wie sie dem fünfzehnjährigen Lebensretter danken sollten. Der Stationsvorsteher Mackenzie war arm und lebte nur von seinem knappen Gehalt. Da er aber Edisons Neigungen kannte, erbot er sich, ihm die Kunst des Telegraphierens beizubringen, die Edison weit höher einschätzte, als eine Geldbelohnung, und so wurde Edison zu einem Telegraphisten ausgebildet. Er konnte für dieses Studium freilich nur die Nachtstunden benützen, da er tagsüber mit dem Zeitungsverkauf zu tun hatte. Trotzdem machte Edison bei seinem rastlosen Eifer so rasche Fortschritte, daß er schon nach vierzehn Tagen dem Stationsvorsteher einen vollständigen Satz telegraphischer Apparate vorlegen konnte, die er in einer Büchsenmacherei selbst angefertigt hatte. Trotzdem die Apparate auf einem Briefkuvert Platz hatten, funktionierten sie doch vortrefflich. Und praktisch wie Edison war, legte er auch gleich eine eigene Telegraphenlinie an, um Port Huron mit dem Bahnhof zu verbinden, der anderthalb Kilometer entfernt lag. Er nagelte einfach ausgeglühten Eisendraht mit gewöhnlichen Nägeln an die Pfosten einer hölzernen Einfriedigung. Das Telegramm kostete fünfzig Pfennig (zwölfeinhalb Cent). Bei trockenem Wetter arbeitete die Linie exakt; bei feuchtem war aber die Isolierung zu schlecht. Allein, da im ersten Monat nur drei Depeschen aufgegeben wurden, suchte Edison anderweitige und lohnendere Beschäftigung.
Als Eingeweihter in telegraphische Geheimnisse, wurde er nun ständiger Besucher der Telegraphenämter. Er war sehr beliebt und benutzte jede Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu vertiefen. Nach drei Monaten hatte er es denn zu einer größeren Vollkommenheit gebracht als sein Lehrer; er war vorbereitet genug, um die Stelle eines Telegraphisten ausfüllen zu können. Er verließ endlich, von der größten telegraphischen Gesellschaft Nordamerikas noch um neunzig Mark Gehalt betrogen, seine Heimatstadt zum ersten Male, um im kanadischen Stratford einen Posten als Telegraphist anzunehmen, den ihm der Stationsvorsteher Mackenzie verschafft hatte.
Und nun begann eigentlich erst für Edison die Zeit der wechselvollen Erlebnisse, der mühseligen Arbeit, der schweren Enttäuschungen und der großen Entbehrungen, die keinem erspart bleiben, der Großes erreichen und Bedeutendes schaffen will. Es begann für Edison die Zeit, in der sein Genie auf harte, aber kräftigende Proben gestellt wurde.
Er bezog ein monatliches Gehalt von fünfundzwanzig Dollar und hatte schweren Nachtdienst, denn sein Vorgesetzter war hart und unnachsichtig. Um die Wachsamkeit seiner Telegraphisten kontrollieren zu können, hatte er die Vorschrift erlassen, daß jeder alle halbe Stunde das Wort »+six+« telegraphieren solle. Nun hatte Edison die Gewohnheit, in seiner dienstfreien Zeit die Telegraphenbureaus in der Umgebung von Stratford zu besuchen, und er machte oft so weite Ausflüge, daß er gerade noch knapp zu seinen Dienststunden eintraf. Die Folge war, daß er des Nachts sehr müde war, und daß ihm die Innehaltung des Kontrollzeichens sehr lästig wurde. Er kam daher auf den Gedanken, diese Arbeit durch einen »anderen« verrichten zu lassen, nämlich durch die Uhr. Er befestigte an der Uhr ein kleines Rad, das bestimmte Einschnitte hatte; dieses Rad schaltete er mittels Drähte in den Stromkreis des Telegraphenapparates ein und ließ auf diese Weise die Uhr alle halbe Stunden das verlangte Wort telegraphieren. Das ging eine Zeitlang ganz gut, bis man bemerkte, daß, sobald das Wort »+six+« telegraphiert war, einige Buchstaben nicht telegraphiert werden konnten. Man untersuchte den Fehler und entdeckte Edisons arbeitsparende Vorrichtung, die sofort beseitigt wurde. Und fast wäre Edison selber »beseitigt« worden. In dieser Vorrichtung lag aber schon die Grundidee zu dem späteren Distrikttelegraphen Edisons, der patentiert und verkauft wurde.
Weniger glücklich verlief ein anderer Vorfall, bei dem sich Edison grobe Pflichtversäumnis hatte zuschulden kommen lassen. Es gehörte zu seinen Obliegenheiten, gewissen ankommenden Nachtzügen je nach der Anweisung des Zugabfertigers das Signal zum Halten oder zum Weiterfahren zu geben. Eines Nachts sollte er einen ankommenden Güterzug auf einer Station halten lassen; Edison telegraphierte aber dem Abfertiger die Ankunft des Zuges, bevor er wirklich eingelaufen war, und entfernte sich, um spazierenzugehen. Er glaubte noch rechtzeitig zurücksein zu können; aber der Zug war schon früher da, als Edison angenommen hatte und, da der Zugführer infolge der Abwesenheit Edisons keinen Befehl zum Halten vorfand, war er wieder weitergefahren. Edison wollte nun zum nächsten Güterschuppen eilen, wo die Nachtgüterzüge zu halten pflegten, um Frachtstücke ein- und auszuladen; aber in der Dunkelheit fiel er in eine Grube, aus der er sich nur schwer herausarbeiten konnte. Und als er zerschunden und atemlos an dem Schuppen angekommen war, war es wieder zu spät. Er stürzte wieder zur Station zurück und schickte eine Depesche nach der nächsten Station, aber auch diese kam schon zu spät, und wenn nicht die beiden Lokomotivführer sehr achtsam gewesen wären, hätte es unvermeidlich zu einem Zusammenstoß kommen müssen. Als der Betriebsdirektor diese Geschichte erfuhr, lud er den Sechzehnjährigen vor sich, um ihm zu erklären, daß er ihn unbarmherzig auf fünf Jahre ins Gefängnis schicken werde. Aber während Edison gerade das trübe Schicksal seiner nächsten Zukunft erfuhr, kamen zwei Freunde des Direktors zu Besuch, die ihn sofort in eine Unterhaltung zogen, und diese hochwillkommene Ablenkung benutzte Edison, um auszureißen. Mit dem nächsten Zuge reiste er, wie er ging und stand, nach Port Huron zurück.
Edisons Genie sollte sich auch hier bewähren. Der Winter war sehr hart gewesen, und als nun im Frühjahr das mächtige Treibeis des Huron-Sees herankam, zerriß es das Kabel zwischen Port Huron und der jenseits des mächtig breiten Flusses liegenden Stadt Sarnia. Der Verkehr war sehr gestört, die Herstellung des Kabels war unmöglich. Völlig ratlos wandte man sich an Edison, der sich auf die Weise zu helfen wußte, daß er mit einer Lokomotive dicht an den Fluß heranfuhr und nun mit der Signalpfeife ein Telegramm hinüber»pfiff«. Mit kurzen Tönen ahmte Edison die Punkte, mit langgezogenen die Striche des Morse-Alphabets nach. Und er pfiff die Frage in den Nebel hinaus: »Hallo, Sarnia, hörst du mich?« Und nachdem er das Signal mehrere Male vergeblich hatte ertönen lassen, wurde man endlich am jenseitigen Ufer doch aufmerksam, erkannte die Bedeutung der schrillen Pfiffe und die Telegraphisten antworteten auf dieselbe Weise die Antwort zurück. So war die Verbindung wiederhergestellt.
Diese findige Leistung machte Edison bekannt, und es fiel ihm deshalb auch nicht schwer, eine Stellung als Telegraphist zu finden. Aber da er viel unter Neid und Klatschsucht zu leiden hatte, und seine Dienstvorschriften öfters verletzte, weil er unermüdlich seinen eigenen Untersuchungen nachhing, mußte er seinen Aufenthaltsort oft wechseln. So taucht der Siebzehnjährige in Adrian auf, in Fort Wayne, Indianopolis, Cincinnati und Memphis. In Indianopolis gelang ihm auch seine erste Erfindung, der selbsttätige Wiedergeber, der die Tätigkeit des Telegraphisten überflüssig machte. Er hatte die Telegramme, die mit einer Geschwindigkeit von fünfzig Worten in der Minute einliefen, für die Presse wortgetreu wiederzugeben und hatte sich nun einen Apparat konstruiert, der das mit einer Geschwindigkeit von dreißig Worten in der Minute erledigte. Er hielt die Vorrichtung zwar geheim; aber eines Tages, da sein Apparat, wo es sich um die Wiedergabe einer äußerst wichtigen Gesetzesvorlage handelte, allzusehr im Rückstande blieb, wurde dieser geniale Betrug entdeckt und Edison wurde auf der Stelle entlassen.
[Illustration: Edison in seinem Laboratorium.]
Er begab sich nach Cincinnati, wo er sechzig Dollar im Monat verdiente und durch aufopfernden Pflichteifer bald auf hundertundfünf Dollar stieg, wanderte aber bald darauf nach Memphis, wo die Telegraphisten hundertundfünfundzwanzig Dollar (fünfhundert Mark) im Monat verdienten. Der Betriebsdirektor quälte sich vergeblich damit ab, eine Erfindung zu machen, durch welche New York und New Orleans in direkte telegraphische Verbindung treten konnten und als dies dem jungen Edison, unter Anwendung seiner in Indianopolis gemachten Erfindung, nach kurzer Zeit gelungen war, wurde der Direktor von solchem Neid erfaßt, daß er eine falsche Anklage gegen Edison erhob, die zu seiner Entlassung führte.
Jetzt traf ihn aber seine Entlassung höchst ungünstig. Edison hatte eben einen großen Teil seines Gehalts -- wie immer -- den Eltern geschickt. Er war vollständig mittellos und da er nie viel Wert auf seine äußere Erscheinung gelegt hatte, stand es auch um seine Kleidung sehr schlecht. Überdies war der Winter vor der Tür. Edison faßte trotzdem Mut und wanderte wie ein Handwerksbursche mehrere hundert Kilometer zu Fuß nach Louisville. Halbtot vor Hunger und Kälte und Überanstrengung, mit Stiefeln ohne Sohlen, mit einem Strohhut auf dem Kopf und in dünner, fadenscheiniger Sommerkleidung stapfte Edison in den schnee- und eisbedeckten Straßen von Louisville umher, sich nach dem Telegraphenamt hinfragend, wo er um eine Anstellung bat. Und als der zerlumpte Bettler eine Probe seiner Geschicklichkeit gegeben hatte, erhielt er auch Beschäftigung.
Bis zu seinem neunzehnten Jahre blieb Edison in Louisville. Er brachte es hier in der Kunst der Depeschenübertragung bis auf fünfundvierzig Worte in der Minute. Inzwischen hatte er sich auch eine ganze Bibliothek über elektrische Studien angeschafft und setzte außerdem seine Experimente unentwegt fort.
Es war den Beamten aber streng untersagt, die elektrischen Batterien und Elemente anzurühren. Eines Nachts hatte Edison etwas Schwefelsäure nötig und ging ins Batteriezimmer, sie zu holen. Dabei verschüttete er ein Teil der Säure, die durch den Fußboden drang und im darunter liegenden Zimmer des Direktors Schreibtisch und Teppich zerstörte. Der aufgebrachte Vorgesetzte jagte Edison davon. Er ging zu seinen Eltern, blieb anderthalb Jahre in seiner Heimatstadt Telegraphist und erfand dort die Methode, ein einziges Kabel für zwei Stromkreise nutzbar zu machen. Die Gesellschaft, der er seine Erfindung überließ, lohnte ihn mit einem Freibillett nach Boston, wo ihm eine Stellung angeboten war.
Gleich beim Beginn seiner Tätigkeit legte er Proben einer so außerordentlichen Geschicklichkeit ab, daß die Kollegen, die erst geglaubt hatten, ihn verhöhnen zu können, ihm die größte Hochachtung bezeigten und sich um seine Freundschaft bewarben. Und da es um diese Zeit auch seinen Eltern wieder besser zu gehen begann, wurde er von dem schweren Druck befreit, der bisher auf ihm lastete. Seine teilnahmsvollen Kameraden, sein freundlicher Vorgesetzter und endlich die Freundschaft eines Herrn Milton Adams wirkten belebend auf seine Fähigkeiten und schienen tausend Pläne und Erfindungen in ihm zu wecken. Die erste Erfindung, die er hier ausführte, war ein Abstimmungstelegraph, der die zeitraubende Arbeit des Zählens bei Parlamentsabstimmungen ersparen sollte. Die Erfindung, auf die Edison große Hoffnungen gesetzt hatte, wurde 1869 zwar patentiert; praktisch fand man sie aber unverwertbar. Die Ablehnung empfand Edison sehr schmerzlich; er lernte aber auch von diesem Fehlschlag, eine Erfindung erst auf ihre Brauchbarkeit hin zu prüfen, ehe er an ihre Ausarbeitung Kosten und Mühen verschwendete.
In Boston hatte Edison sich eine kleine Werkstatt gemietet. Seine Freunde hatten für das Bekanntwerden seiner Fähigkeiten wohl gesorgt, so daß er bald kleine Aufträge bekam. Besonders zwei Aufgaben fesselten ihn jetzt sehr stark: die Herstellung eigener telegraphischer Druckapparate für die Mitteilung der Kurse im Geldverkehr und die Benutzung ~eines~ Drahtes zur gleichzeitigen Sendung mehrerer Depeschen. Deutschland kannte zwar schon diese Telegraphie; aber in Amerika hat erst Edison die Telegraphie auf eine so vollkommene Stufe erhoben, daß man die dadurch gemachten Ersparnisse auf etwa fünfzehn Millionen Dollar taxiert.
Indessen, es wollte ihm auch hier nicht gelingen, einen wesentlichen ~praktischen~ Erfolg für seine Erfindungen zu erringen; das verleidete ihm Boston, und er beschloß, sein Wirkungsfeld nach der Zentrale des amerikanischen Geschäftslebens zu verlegen: nach New York. Und in großer Sorge um seine Zukunft reiste er dahin.
Aber auch hier hatte er in den ersten Wochen bitter zu kämpfen. Er fand keine Stellung, und niemand interessierte sich für seine Erfindung. Er wäre auf dem erbarmungslosen New Yorker Pflaster in die äußerste Not gekommen, wenn ihn nicht ein Zufall die rechten Wege geführt hätte. Zuweilen scheint es wirklich, als hätte ein guter Geist immer seine Schritte gelenkt, um ihn, wenn auch scheinbar auf Umwegen, seinen Zielen entgegenzubringen.
Als Edison nach New York kam, war es gerade der Schauplatz einer dreisten Spekulation des Millionärs Jay Gould, der alles Gold hatte aufkaufen lassen, um die Preise in die Höhe zu treiben. Das Bureau des Herrn Law war das einzige, das mit allen sechshundert Geldmaklerbureaus in telegraphischer Verbindung stand und wo man erfuhr, wie es um den Goldkurs stand. Eine Unzahl besorgter Geschäftsleute forderte vom Bureau Law Nachrichten. Die Beamten hatten alle Hände voll Arbeit. Da versagt plötzlich zum Unglück -- und zum Glück Edisons -- der Haupttelegraphenapparat. Die Störung verursachte eine ungeheure Erregung bei der draußen harrenden Menge, die von Minute zu Minute immer drohender anschwoll. Law und seine Beamten waren vollständig kopflos geworden, als der beschäftigungslose Edison, der mit der drängenden Menschenmasse unbeachtet ins Bureau geschoben worden war, den Apparat, der die Störung verursachte, rasch betrachtet hatte und nun sagte: »Ich glaube, Mister Law, ich kann Ihnen zeigen, wo die Störung liegt. Eine Kontaktfeder ist zerbrochen, zwischen zwei Zahnräder gefallen und hindert dadurch die Umdrehung der Scheibe mit den Papierstreifen.« Edisons Vermutung war richtig. In kurzer Zeit hatte er die Störung beseitigt, und Law engagierte Edison sofort als Aufseher über alle Teile des telegraphischen Betriebes mit dem hübschen Monatsgehalt von nahezu dreizehnhundert Mark (dreihundert Dollar). Mit einem Schlage war Edison ein gemachter Mann. Er war für alle Zeit die fürchterlichen Nahrungssorgen los, und von nun an nimmt seine Entwicklung einen raschen und glänzenden Verlauf.
Seine Tätigkeit bei Law brachte es mit sich, daß Edison sich wieder der Herstellung verbesserter telegraphischer Apparate zuwandte. Seine Verbesserungen riefen indessen eine Umwälzung auf diesem Gebiete hervor, daß er schließlich seine Stellung dadurch verlor. Inzwischen war er aber in New York bereits so bekannt, daß er in einer Fabrik für elektrische Apparate sofort wieder eine neue Stellung fand. Hier vervollkommnete er seine früher erwähnte Erfindung des Drucktelegraphen für Kursberichte, die ihm bei Laws Konkurrenzgesellschaft eine gleiche Stellung eintrug, wie er sie bei Law gehabt hatte. Und als er hier die telegraphischen Einrichtungen verbesserte, kaufte ihm diese Gesellschaft das Benützungsrecht für seine letzten Erfindungen ab und zahlte ihm dafür etwa hundertundsiebzigtausend Mark.
* * * * *
Edisons Havannazigarre war ausgegangen und er entzündete sie von neuem, noch immer seinen Erinnerungen nachgehend ...
Er hatte hundertundsiebzigtausend Mark bekommen. Niemand war glücklicher als er. Wie einfach und wahr hatte der deutsche Dichter Goethe das Gretchen im Faust es sagen lassen: Am Golde hängt doch alles! Jetzt, mit diesem Vermögen in den Händen, konnte er seine heißesten Wünsche stillen, konnte sich eine umfangreiche Werkstätte mit allem Zubehör einrichten, um die Fabrikation seiner Erfindungen selber betreiben zu können. Und obwohl diese Einrichtung so ziemlich das ganze Vermögen wieder verschlungen hatte, hatte es Edison trotzdem nicht zu bereuen. Seine Fabrik war bald so beschäftigt, daß sie in kurzer Zeit zu klein geworden war. Innerhalb weniger Jahre mußte er die stets größer gewählte Fabrik mit einer immer noch größeren vertauschen und 1873 war er von der ursprünglichen Werkstatt in New York in die gegenüberliegende Stadt Newark in seine Fabrik eingezogen, in der er bereits dreihundert Arbeiter beschäftigte. Sein Name war schon berühmt, und er genoß in der Geschäftswelt bedeutenden Kredit.
Seine Geschäftsführung war ebenso merkwürdig wie sein ganzes Leben. Da es seinem Buchhalter einst passierte, daß er bei der Bilanz einen Überschuß von siebentausendfünfhundert Dollar herausgerechnet hatte, während in Wirklichkeit ein Defizit von fünfzehntausend Dollar vorhanden war, brachte dieser Irrtum Edison dazu, alle Buchführung für unnützen Schwindel und kostspieligen Zeitvertreib zu erklären. Von Stund' an führte er sein Geschäft ohne Buchführung. Aber nur ein Geist von der Fassungskraft Edisons konnte die Buchführung, die kein geschäftlicher Betrieb entbehren kann, beiseitelassen, ohne Schaden zu erleiden. Seine Untergebenen hatten auch keine bestimmten Arbeitsstunden; die Arbeitszeit richtete sich ganz nach den vorhandenen Aufträgen. Man hätte erwarten sollen, daß eine solche Geschäftsführung ohne Bücher und ohne geregelte Arbeitszeit ein wahres Chaos zur Folge haben würde. Nichts von alledem. Freilich ließ sich diese Einrichtung auch nur deshalb ohne Störung durchführen, weil Edisons Arbeiter zugleich seine Kameraden waren, die mit Liebe und Bewunderung an ihm hingen.
Und Edison selbst gab Beispiele von fast übermenschlicher Arbeitskraft. Eines Tages hatte er für hundertundfünfundzwanzigtausend Mark telegraphische Apparate zu liefern; sie waren fertig, funktionierten aber nicht richtig, ~mußten~ aber rechtzeitig und tadellos geliefert werden. Edison ließ alle Apparate in sein Laboratorium bringen, schloß die Tür und sagte zu seinen Assistenten: »Ich habe die Tür abgeschlossen, und nun müßt ihr bleiben, Kameraden, bis die Arbeit beendet ist.« Und es folgten ~hintereinander sechzig Stunden angestrengter Arbeit~, in denen kaum Zeit blieb, etwas zu essen; von Schlafen war keine Rede; aber die Apparate waren zur bestimmten Zeit fertig. Edison selbst schlief hinterher sechsunddreißig Stunden.
Aber diese Doppeltätigkeit, Erfinder und Fabrikant zugleich, konnte Edison nicht auf die Dauer durchführen. Er gab seine Fabrik auf, die ihm in drei Jahren einen Gewinn von mehr als anderthalb Millionen gebracht hatte, und verwendete das Geld dazu, ein großes Grundstück in Menlo-Park zu kaufen und ein Laboratorium darauf zu bauen, das eines der großartigsten Amerikas werden sollte. Er schaffte sich die vollkommensten und kostbarsten physikalischen und chemischen Apparate an; eine Werkstatt, die dreißig Meter lang und zehn Meter breit war, wurde mit allen erdenklichen mechanischen Drehbänken, Maschinen und Werkzeugen versehen; eine Dampfmaschine von achtzig Pferdestärken versorgte die Anlage. Eine wissenschaftliche Bibliothek fehlte nicht. Sogar eine Orgel wurde angeschafft, denn Edison liebte es, bei angestrengter geistiger Arbeit sich von den wohltuenden Harmonien der Musik besänftigen zu lassen. 1876 zog Edison hier ein und hatte einen Stab außerordentlich tüchtiger Hilfskräfte um sich versammelt. Der weitaus hervorragendste war Charles Bachelor, dessen Dienste für Edison unschätzbar waren.
Hier machte Edison in den folgenden zehn Jahren seine bedeutendsten Erfindungen. 1869 war er ein armer Teufel, der in New York stellungslos umherlief; 1879 ein weltberühmter Erfinder, ein vielfacher Millionär. Aber dieser beispiellose Erfolg wurde nicht durch irgendwelche Glücksfälle erreicht, sondern nur durch zähe, harte Arbeit, ein Wort, das im Leben Edisons die allererste Rolle spielt und alle seine Erfolge erklärt.
Keine seiner Erfindungen -- er besitzt bereits nahezu tausend Patente -- machte seinen Namen jedoch so populär wie der Phonograph, den er 1877 in Menlo-Park erfand; ein zungen- und zahnloses Instrument, ohne Schlund und ohne Kehlkopf, eine tote, tonlose Masse, die nichtsdestoweniger alle Töne nachahmt, und mit deiner Stimme spricht. Noch nach Jahrhunderten, nachdem du längst in Staub zerfallen bist, kann dieser Apparat deinen Urenkeln alles wiederholen, was du in den Apparat hineingesprochen hast, und zwar so, als sprächest du lebendig zu ihnen.
Immerhin dauerte es zehn Jahre, bis der Phonograph, wesentlich verbessert, 1888 im Londoner Kristallpalast zum ersten Male in Europa vorgeführt wurde. Edison hatte eine Walze mitgeschickt, von deren Phonogramm aus er selbst zu den Besuchern sprach, und die Königin von England und andere hohe Persönlichkeiten schickten ihm vermittels des Phonographen ihren Dank zu. 1889 wurden fünfundvierzig Phonographen mit Walzen, die alle lebenden Sprachen wiedergaben, auf der großen Pariser Weltausstellung gezeigt, wo sie täglich von dreißigtausend Menschen besichtigt wurden. Heute gibt es wohl kein Städtchen mehr in der zivilisierten Welt, dessen Einwohner diese Erfindung Edisons nicht kennen würden.
Sie würde noch immer eine ungeheure Umwälzung hervorrufen, wenn man sie so ausnützen würde, wie sie es erlaubt. Der Phonograph könnte die Stenographen überflüssig machen; Briefe ließen sich direkt auf die Platten sprechen, die man dann mit der Post verschicken könnte; hat man Lust, musikalische Leistungen der berühmtesten Künstler der Erde zu hören, so kann man sie sich ja heute schon kaufen; phonographische Bücher könnten die gedruckten ersetzen, was vor allem für die Blinden von weittragendster Bedeutung wäre; die Sprachen wilder Stämme und schwer zugänglicher Völker könnten phonographisch festgehalten werden; jede Familie wäre imstande, die Stimmen lieber Verstorbener jederzeit wieder zu sich sprechen zu lassen; man könnte sich statt eines Bilderalbums ein phonographisches Album anlegen.
Edison selber hat scherzhalber einmal im Schlafzimmer eines Gastes, dessen Furchtsamkeit er kannte, einen phonographischen Apparat aufgestellt, der um Mitternacht ernst und feierlich die Worte rief: »Mensch, bereite dich vor zum Sterben.« Entsetzt floh der Gast zu dem Hausherrn, der dann den ganzen Mechanismus erklären mußte, um den Geängstigten zu beruhigen.
Auch die Puppenindustrie hat sich in ungeheurem Umfange des Phonographen bemächtigt und sprechende Puppen hergestellt, die kleine Lieder singen oder ganze Sätze sprechen und Gedichtchen aufsagen. Die jetzige Königin von Holland hat als eine der ersten solch eine Puppe zum Spielen bekommen.
Andere Erfindungen Edisons, wie der Phonometer, das Megaphon und das Aerophon sind weniger bekannt geworden, obwohl auch sie von außerordentlicher Bedeutung sein könnten. Praktisch von weit größerer Bedeutung als der Phonograph wurde aber das elektrische ~Glühlicht~, das Edison zwar nicht erfunden, aber auf die Höhe der Vollkommenheit gebracht hat, die es gegenwärtig besitzt. Als er nach endlosen und oft mißlungenen Versuchen, die viele schlaflose Nächte gekostet hatten, seine Lampen endlich so weit verfeinert hatte, daß er die Brenndauer einer Lampe von anfangs zwanzig bis vierzig auf tausend Stunden erhöhen konnte, stattete er alle seine Räumlichkeiten von innen und außen mit etwa siebenhundert Glühlampen aus. Diese neue Lampe machte in Nordamerika ein solches Aufsehen, daß aus allen Teilen des Landes Besucher herbeiströmten, zu deren Beförderung oft besondere Extrazüge nach Menlo-Park eingelegt werden mußten. Die Aktien der Glühlichtgesellschaft stiegen von hundert Dollar bis auf dreitausend Dollar.
Edison legte jetzt eine Glühlampenfabrik an, die die Stammutter aller Glühlampenfabriken der Welt wurde. Der geschäftliche Erfolg dieser Lampe war ebenso gewaltig wie die Revolution, die sie im Beleuchtungswesen heraufbeschworen hat. 1884 wurde auch in Berlin eine Deutsche Edisongesellschaft gegründet, aus der später die Berliner Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft hervorgegangen ist, deren elektrische Anlagen wohl die bedeutendsten der ganzen Welt sind.
Es ist unmöglich, alle Erfindungen Edisons auf dem Gebiete der Schwach- und Starkstromtechnik hier auch nur andeutungsweise zu erwähnen. Eine seiner wichtigsten Erfindungen ist aber die Benutzung der elektrischen Kraft zu Verkehrszwecken. Die Versuchsbahn, die er auf seinem großen Grundstück in Menlo-Park baute, bewährte sich so vortrefflich, daß sie seitdem in der Alten und Neuen Welt rasche Verbreitung gefunden hat. Als der Vorstand der Gesellschaft für elektrische Bahnen Edison einst in Menlo-Park besuchte, um zu kontrollieren, wie weit die elektrische Personenbeförderung sei, bat der Erfinder die Gäste, mit ihm die Lokomotive zu besteigen, die gerade auf der Versuchsbahn bereit stand. Die Herren, im Glauben, Edison wolle ihnen etwas erklären, stiegen ahnungslos auf. Edison zog einen Hebel, und die Maschine ging los. Er steigerte ihr Fahrtempo bis zur raschesten Schnellzuggeschwindigkeit, daß die Hüte der Gäste davonflogen, die sich zitternd festklammerten und Edison flehentlich baten, aufzuhören. Sie fürchteten eine Katastrophe. Das machte Edison Spaß, und er fuhr noch rascher. Erst als die Herren vor Angst schlotterten, hielt er an, und mit Zittern und Zähneklappern stiegen sie ab und machten sich eiligst aus dem Staube. Sie kontrollierten Edison nie wieder und fragten ihn nichts mehr.
Als Edison 1876 von Newark nach Menlo-Park verzog, hatte er seine Werkstätten und Laboratorien so umfangreich angelegt, daß sie seiner Meinung nach ausreichen mußten, selbst wenn er seine Tätigkeit noch bedeutend erweiterte. Aber innerhalb der nächsten zehn Jahre waren dennoch so viele Vergrößerungsbauten und Nebengebäude nötig, daß sie mannigfache Unbequemlichkeiten im Gefolge hatten. Edison mußte wieder an ganz enorme Vergrößerungen denken, und so gründete er 1886 zu Orange in New Jersey ein neues Laboratorium, dies hier, in dem er jetzt sinnend saß, und das hinsichtlich seiner Größe, Vollkommenheit und Vollständigkeit der Einrichtungen als das erste der Welt bezeichnet wird. Das dreistöckige Hauptgebäude ist fünfundsiebzig Meter lang und achtzehn Meter breit; die vier kleineren einstöckigen Bauten sind je dreißig Meter lang und acht Meter breit. Das Bibliothekszimmer, ein fürstlich ausgestatteter Raum, enthält fünfzigtausend wertvolle wissenschaftliche Werke. Im Vorratsraum, der einzig in seiner Art ist, findet man von allen Stoffen und Mineralien der Erde, mögen sie noch so kostbar und schwer erreichbar sein, eine größere Probe. In der eigentlichen Werkstätte arbeiten Tausende von fleißigen Händen, obwohl es keine Fabrik ist, sondern alles, was hier gearbeitet wird, nur dazu dient, die erfinderischen Ideen Edisons auf ihre Brauchbarkeit hin zu prüfen.
Eine Treppe höher liegen die Bureaus und Arbeitszimmer, in denen die Assistenten Edisons Skizzen entwerfen, Zeichnungen und Pläne anfertigen, Berechnungen und theoretische Untersuchungen anstellen. Weiter oben befinden sich Säle, in denen die Erfindungen Edisons ausgestellt sind. Ein besonderer Glasbläserraum dient der Herstellung der mannigfachen Apparate aus Glas, die zu chemischen und physikalischen Experimenten erforderlich sind.
Ein anderer Bau dient lediglich photographischen Zwecken, und hier hat Edison das Kinetoskop, das Mutoskop, den bekannten Kinematographen erfunden und endlich den Phono-Kinematographen, von dem er selbst sagt: »Ich zweifle durchaus nicht daran, daß wir in nicht allzu ferner Zeit in jedem Dorfe eine große Opernvorstellung für zehn Cent Eintrittsgeld haben werden. Man wird die Patti in ihrem eigenen Zimmer sehen und hören können; man wird sie sogar noch hundert Jahre nach ihrem Tode auftreten lassen können. Parlamentsverhandlungen, bedeutende politische Persönlichkeiten, geschichtliche Vorgänge können in derselben Weise festgehalten und zu jeder späteren Zeit wiedergegeben werden. Nach einem Jahrhundert kann man noch den Papst Leo und seine Kardinäle sehen und sie sprechen hören. Welch eine Methode, Geschichte zu schreiben! Wie viel wirkungsvoller kann man künftigen Generationen eine Vorstellung von geschichtlichen Ereignissen und bedeutenden Männern übermitteln, als durch gesprochene oder geschriebene Worte! Schriftliche Berichte würden gänzlich aufhören, geschichtliche Bedeutung zu haben. Und doch ist dies alles nicht so wunderbar, wie es scheint.«
Edisons Mutter war schon 1871 gestorben, und da ihr Tod eine jähe Lücke in sein Seelenleben gerissen hatte, gründete er schon zwei Jahre später ein eigenes Heim. Unter den bei ihm beschäftigten Arbeiterinnen hatte ein junges Mädchen, Mary Stillwell, seine Aufmerksamkeit erregt; die Achtung, die er wegen ihrer echt weiblichen Tugenden vor ihr hegte, verwandelte sich bald in eine leidenschaftliche Zuneigung. Seine Werbung fand Gehör; 1873 wurde sie seine Gattin. Sie hatte ihm drei Kinder geschenkt: Marianne, Thomas Alva und William Leslie, und 1881 starb sie schon, von allen Angestellten ihres Mannes verehrt und geliebt. Edison empfand einen so großen Kummer über den Verlust seiner Gattin, daß er auf ein längeres Krankenlager geworfen wurde. Wieder genesen, stürzte er sich wie ein Wütender in die Arbeit; aber sein Herz darbte. Und er gesundete erst dann wieder vollkommen, als er in einer neuen Ehe ein neues Glück fand.
* * * * *
»Der Ruhm hat bereits Legenden um mich gewoben« -- dachte Edison weiter -- »man nennt mich den Phonographenpapa, den Zauberer von Menlo-Park, den Magiker des Westens. Bedeutende Dichter haben mich und meine ›Zauberkunst‹ in ihren Werken dargestellt. Was ist aber meine Erfindungskunst anderes als die Triebkraft, die auch im Korne lebt!?«
Er streifte melancholisch die Asche seiner Zigarre ab und begann auf und ab zu gehen.
»Und nun gehe ich in die Sechzig ein, und es ist bald zu Ende mit dem bißchen Leben! Was sind alle die Spielereien, die ich erfunden habe, im Verhältnis zu der Kraft, die uns Menschen zuruft: Werde und vergehe! Was ist diese geheimnisvolle elektrische Kraft, deren Herr ich bin? Nein, wir sind alle Ignoranten und werden es bleiben.«
Er hielt inne, dachte noch einen Augenblick nach, dann sagte er achselzuckend: »Schließlich ist auch an der menschlichen Torheit etwas Gutes. Man lernt aus ihr. Aber nun ist's genug geträumt.«
Und er ging frisch an die Arbeit.
Loewes Verlag Ferdinand Carl, Stuttgart.
=Brandt, Karsten, Aus eigner Kraft.= 17 Lebensbilder denkwürdiger Männer. Für Knaben im Alter von 12 bis 14 Jahren. Mit 4 Bunt-, 4 Tonbildern, sowie vielen Porträts. 8°. Eleg. geb. M. 4.--.
Nach Inhalt und begleitenden Illustrationen ist diese Jugendschrift besonders geeignet, unserer reiferen Jugend den idealen Ansporn für die spätere berufliche Laufbahn zu geben, indem den jugendlichen Lesern neben geschichtlichen Streiflichtern der Werdegang bedeutender Männer, wie:
~Körner~, ~Friesen~, ~Jahn~, ~Hofer~, ~Speckbacher~, ~Radetzky~, ~Zieten~, ~Blücher~, ~Kolumbus~, ~Schwarz~, ~Gutenberg~, ~Stephenson~, ~Franklin~, ~Reis~, ~Senefelder~, ~Siemens~, ~Krupp~,
in fesselnder und zugleich begeisterter Weise vor Augen geführt wird. Eignet sich zunächst dieser Band als Weihnachtsgeschenk für Knaben im Alter von 12-14 Jahren, so dürfte er auch bei allen anderen Gelegenheiten, wie Konfirmation etc., eine willkommene Gabe sein, zumal eine würdige Einbanddecke das Ganze in harmonischem Gewande präsentiert und schon äußerlich sich des gediegenen Eindrucks versichert.
* * * * *
Es ist ein vortrefflicher Gedanke, der heranwachsenden Knabenwelt den Lebens- und Werdegang denkwürdiger Männer nach geschichtlichen Tatsachen und besten zeitgenössischen Quellen, frei von unnötigem, novellistischem Beiwerk, zu schildern, und sie damit durch Illustration und Inhalt gleich lebhaft, real und ideal, zu fesseln. Die ganz hervorragende Eigenart dieser neuen, epochemachenden Jugendschrift dürfte den jugendlichen Lesern gewiß auch mancherlei dankenswerte Klarheit über den Wert des Kämpfens, Ringens und endlichen Siegens aus eigener energischer Kraft geben und den schweren Entschluß der Berufswahl vorbildlich günstig beeinflussen. Ein Werk, in welchem Heldennamen aus den verschiedensten Lebensgebieten, wie Theodor Körner, Blücher, Kolumbus, Gutenberg, Senefelder, Siemens u. a. m. beschrieben sind, gehört zu den Geschenkbüchern, die nie veralten, die dem Knaben, dem Jüngling, ja dem Manne noch lieb und unvergessen sind. Der auf besten Bahnen wandelnde Herausgeber hat somit mit diesen siebzehn wertvollen Lebensbildern Deutschlands strebsamen Knaben eine gewiß hochwillkommene, sich auch durch die prächtige, würdige Ausstattung von selbst empfehlende Gabe geschaffen, in welcher internationale große Männer ein ehrendes Andenken gefunden haben.
Haus-Orakel, München.
Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.
=Leben und Weben in Wald und Feld.= Für die 9-12jährige Jugend herausgegeben von ~Christian Brüning~. Mit 6 Bunt-, 8 Ton-, 6 Vollbildern, sowie 69 Textillustrationen. 8°. Elegant geb. M. 4.50, Volksausgabe M. 3.--.
Wie in seinen »Wanderungen durch die Natur« der Verfasser mit den Kindern durch Wiese, Moor und Heide geht, so durchstreift er jetzt abermals mit ihnen Wald und Feld. Er führt sie in den winterlichen Forst und zeigt ihnen, wie dort munteres Leben herrscht, wo der Unkundige nur Öde und Grabesruhe vermutet. Er bringt sie hinein in die Werkstatt des jungen Lenzes und läßt sie den Schaffenden belauschen bei seiner Arbeit. Er genießt mit ihnen Maienwonne und Maienherrlichkeit, durchwandert mit ihnen Täler und Höhen des Harzes, zeigt ihnen das Tierleben der Sommernacht, geht mit ihnen hinaus zur Erntezeit, lehrt sie die Freunde und Feinde des Landmannes und des Gärtners kennen, läßt sie einen Blick tun in die Geheimnisse des edlen Weidwerks und gibt ihnen Anleitung zu eigenem Denken und Forschen. Erhöht wird der Wert des Buches noch durch die Abbildungen, die sich auf den ersten Blick sämtlich als Kunstwerke präsentieren.
»=Auf nach Frankreich!=« Kriegsfreiwillig bei den Dreiundachtzigern 1870/71. Von ~Justus Pape~. 8°. Elegant geb. M. 3.--.
Eigene Erlebnisse, Anschauungen und Stimmungsbilder sind es, die der Verfasser in schlichten Worten aus den ereignisschweren Tagen jener großen Kriegsjahre schildert. Gerade aber weil dieses Buch nicht von hohen, allgemeinen Gesichtspunkten geleitet ist, verfolgen wir vom Tage der Mobilmachung an gern, ja mit erhöhtem Interesse alle jene ernsten und heitern Episoden, wie sie sich für den einzelnen Mann in Wirklichkeit abspielten und abspielen. Ob vor dem Feinde oder auf Vorposten, während langwieriger Märsche oder im Lagerleben, stets sind wir geneigt, anregende Vergleiche zu stellen und nehmen Eindrücke in uns auf, die uns mit großer Befriedigung bis zur letzten Zeile an diese interessanten, volkstümlichen Darbietungen fesseln. Selbst die Jugend wird das Buch mit Begeisterung als eins der ihrigen bezeichnen.
Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.
=Brüning, Christian, Wanderungen durch die Natur.= Für 9-12jährige Knaben und Mädchen. 12 Bunt-, 15 Textbilder. 8°. Elegant gebunden M. 4.--, Volksausgabe M. 2.50.
Welch glücklicher Gedanke des auf pädagogischem Gebiete kompetenten Verfassers: Der Vater selbst begleitet seine Teuren in zwanglosen Ausflügen hinaus in Feld und Wald und macht sie mit allem, was dort lebt und webt, im Zwiegespräche vertraut. Kein Halm, kein Insekt entgeht der aufmerksamen Betrachtung und eingehenden Belehrung. Die vorzüglichen Illustrationen erhöhen außerdem die Freude an diesem herrlichen Buche, es ist von wirklich großem Werte.
=Brüning, Christian, Wunder aus dem Pflanzenreiche.= Für die Jugend herausgegeben. Mit 6 Bunt-, 4 Ton- und 7 Vollbildern, sowie 75 Textillustrationen. 8°. Elegant geb. M. 4.--, Volksausgabe M. 2.50.
In der Schule hat man die alte Methode über Bord geworfen und neue Bahnen in der Botanik eingeschlagen. Wir hören und sehen mit Erstaunen, wie unter dem Zeichen des neuen Unterrichts das Interesse der Kinder mächtig geweckt, und die Pflanze, an der man sonst achtlos vorüberging, mit andern Augen betrachtet, zum lebenden Wesen wird. Wie gern würde wohl mancher Vater und manche Mutter und andere, die dem Forschungstrieb des Kindes nicht gleichgültig und fremd gegenüberstehen, mit den Kleinen an der Hand durch Garten und Aue wandeln, und sie die Gebilde der Natur und ihr Leben beobachten und verstehen lehren, wenn ihnen nur selbst ein Fingerzeig gegeben wäre. Diesen Zwecken soll das schöne Buch dienen, aber auch der Jugend selbst einen ernsten Einblick in Pflanzenwelt und Pflanzenleben geben -- ein Fundament, auf dem später weitergebaut werden kann. Das Bild als belehrendes Anschauungsmittel steht den Worten überall helfend und fördernd zur Seite!
Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.
=Twain, Mark= (Samuel L. Clemens), =Prinz und Bettelknabe=. Eine Erzählung für die Jugend im Alter von 12-16 Jahren. Deutsch von ~Helene Lobedan~. Mit vielen Illustrationen. 8°. 3. Aufl. Eleg. geb. M. 4.--. (Hochmoderne Aufmachung.)
Diese im Urtext englische Erzählung gehört zu den besten literarischen Erzeugnissen der Weltliteratur. Sie führt künstlerisch, und damit klar und konkret anschaulich in das Mittelalter Englands hinein, ist daher im besten Sinne belehrend in der Kulturgeschichte. Außerordentliche Erziehungsmomente heben sich -- ohne aufdringlich zu sein -- wirkungsvoll ab, und der Standpunkt edler Menschlichkeit wird vertreten durch die Titelhelden.
Die schmucke Einbanddecke, sowie die künstlerisch vollendeten zahlreichen Textillustrationen machen das Buch zu einem der gediegensten, modern ausgestatteten Geschenkwerke.
=E. P. A. Roland, 30 Jahre in der Fremdenlegion.= Erlebnisse dreier Deutscher unter französischer Fahne in Afrika und Asien. Eine Erzählung für die reifere Jugend von 14-16 Jahren. Mit 39 Textbildern von Willy Planck. 8°. Eleg. geb. M. 4.--.
Die Fremdenlegion hat in den letzten zehn Jahren ungefähr gerade so viel Opfer an jungen Deutschen gefordert, wie der ganze Krieg von 1870/71.
Ein Buch, das wie das vorliegende der Jugend in gänzlich einwandfreien aber wahrheitsgetreuen Schilderungen Einblick in die so eigenartigen Sitten und Gebräuche der Fremdenlegion bietet, verdient die weiteste Beachtung. In spannend gehaltener Erzählung folgt der Leser drei jungen Deutschen auf ihren schwierigen Märschen und Feldzügen unter französischer Fahne als Legionäre nach Asien und Afrika und nimmt so regen Anteil an deren Erlebnissen. Diese Enthüllungen dürften dazu beitragen, volle Aufklärung über das Wesen der Fremdenlegion zu bieten und den breiten Strom alljährlich zur Legion sich meldender junger verblendeter Männer vor dem Eintritt in dieselbe zu warnen.
Das Buch ist sehr zu empfehlen und wird allgemeines Interesse erregen.
Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.
=Fridtjof Nansens Erfolge.= Ergebnisse seiner letzten Nordpol-Expedition an Bord des »Fram«. Allgemein faßlich dargestellt von ~Eugen von Enzberg~. Mit 8 Voll- und 25 Textbildern nach Aquarellen von ~H. Grobet~, 2 Bildnissen der Expeditionsteilnehmer, sowie einer Karte der Polarländer. Vierzehnte durchgesehene Auflage. 8°. Eleg. geb. M. 4.50, Volksausgabe M. 3.--.
Nansens Erfolge werden stets und ständig die Bewunderung der Mit- und Nachwelt finden und behalten. Daran kann sich auch nichts ändern, wenn etwa andere Nordpolforscher dem Ziele noch näher kommen sollten oder schon nähergerückt sind. Das vorliegende Buch gibt in großen Umrissen zunächst einen Einblick in jene nordischen Gebiete, die von altersher kühne Männer begeistert haben, und schildert im besonderen die große Expedition Nansens, die die Öffentlichkeit nach ihrer Rückkehr im Jahre 1896 als die erfolgreichste bezeichnet hat, weil Nansen dabei eine ganz neue Pfadweisung bewirkte. Dreizehn Auflagen hat das Buch bislang erfahren und war einige Zeit vergriffen. Durch Übernahme des Verlagsrechts und Veröffentlichung einer vierzehnten, neu durchgesehenen Auflage unter Beifügung eines zeitgemäßen Bildmaterials hofft die jetzige Verlagsstelle zu den alten noch eine große Zahl neuer Freunde zu erwerben. -- »Nicht für ›Männer vom Fach‹ sind diese Schilderungen aus Nansens Feder wiedergegeben,« schreibt der Verfasser in seiner ersten Auflage, »sondern für alle diejenigen, die den streng wissenschaftlichen Untersuchungen nicht folgen können und denen es auch an Zeit und Gelegenheit fehlt, umfangreiche Werke zu lesen, -- mit einem Worte: für weitere Kreise und für die Jugend. Und unserer lieben Jugend widme ich diese Blätter -- mögen sie ihren Beifall finden!«
Illustration