Chapter 4 of 4 · 1723 words · ~9 min read

Part 4

Da sprachen ihrer viele: „Ein Unfall ist geschehn; Ihr sollt es alle hehlen und einer Rede stehn: Als er allein ritt jagen, der Kriemhilde Mann, Da schlugen ihn die Schächer, da er fuhr durch den Tann.“

Da sprach von Tronje Hagen: „Ich bring ihn in das Land. Mich soll es nicht kümmern, wird es ihr auch bekannt, Die so betrüben konnte Brunhildens hohen Mut; Ich werde wenig fragen, wie sie nun weinet und tut.“

Da harrten sie des Abends und fuhren überrhein: Von Helden konnte nimmer so schlimm gejaget sein. Ihr Beutewild beweinte noch manches edle Weib. Bald mußte sein entgelten viel guter Weigande Leib.

Karl Simrock nach dem Nibelungenlied

Hagen und Volker

Wenn ihn auch alle hassen, Ich aber haß ihn nicht! Und wenn ihn alle lassen, Ich aber laß ihn nicht! Ich weiß, er ist wie Erz so hart Und ist wie Erz auch treu. Das gibt zu meiner Spielmannsart Die beste Melodei.

Die andern mögen sagen, Er sei ein kalter Wicht. Ich kenn den finstern Hagen, Die Sippschaft kennt ihn nicht. Er sprach noch nie ein Wort davon, Daß er mir gut gesinnt; Doch hundert Male merkt ich’s schon, Wie der von Tronje minnt.

Die Liebe, die ihm eigen, Die weckt nur die Gefahr. Er scheut sich, sie zu zeigen; Doch ist sie treu und wahr. Er spielt ein stolzes Minnelied Mit seinem guten Schwert. Ich ward des Lauschens nimmer müd, Wie oft ich’s auch gehört.

In allen meinen Weisen Schuld ich den vollsten Klang Dem Lied, das mir sein Eisen In hohen Tönen sang. Dem Helden folgt sein Troubadour, Dem Winterfrost der Mai -- Es kennt von Tronje Hagen nur Der Volker von Alzei!

Ernst Weber

Hagen

Unten wiehert ein Roß. Zur steilen Wacht Empor steigt Hagen mit funkelnder Pracht, Heiser hat sich der Tag gekräht, Ein Felsenwind herüberweht. Lache, du blaue Nacht.

Lorchheim schimmert noch fern am Rhein, An beiden Ufern mit bleichem Schein Die milchweißen Häuser hängen, Die sich im Wasser drängen.

So schwer ist ihm das braune Gold, Das auf dem Schilde klappt und rollt. Lang hat er’s nun mühselig gesucht, Jetzt fühlt er, daß der Schatz verflucht. Lache, du blaue Nacht.

[Illustration]

Von geneigtem Schilde Gold und Gestein Platscht in die trüben Wellen hinein Und schäumend, jubelnd greift die Flut Mit Armen nach dem kostbaren Gut.

„Nun ist es vorbei!“ Ein Schein noch blinkt Von dem Gold, das langsam untersinkt. Und Nixen drohen im Schleiertuch: „Wohl, der Schatz zerging, doch es blieb der Fluch! Lache, du blaue Nacht!“

Wilhelm von Scholz

Der versenkte Hort

Es war einmal ein König, ein König war’s am Rhein, Der liebte nichts so wenig als Haders Not und Pein. Es stritten seine Degen um einen Schatz im Land Und wären fast erlegen vor ihrer eignen Hand.

Da sprach er zu den Edlen: „Was frommt euch alles Gold, Wenn ihr mit euern Schädeln den Hort erkaufen sollt? Ein Ende sei der Plage, versenkt ihn in den Rhein; Da bis zum jüngsten Tage mag er verborgen sein.“

Da senkten ihn die stolzen hinunter in die Flut: Er ist wohl gar geschmolzen, seitdem er da geruht. Zerronnen in den Wellen des Stroms, der drüber rollt, Läßt er die Trauben schwellen und glänzen gleich dem Gold.

Daß doch ein jeder dächte, wie dieser König gut, Auf daß kein Leid ihn brächte um seinen hohen Mut. So senkten wir hinunter den Kummer in den Rhein Und tränken frisch und munter von seinem goldnen Wein.

Karl Simrock

Rheinweinlied

Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher, Und trinkt ihn fröhlich leer. In ganz Europia, ihr Herren Zecher! Ist solch ein Wein nicht mehr.

Er kommt nicht her aus Hungarn noch aus Polen, Noch wo man franzmännisch spricht; Da mag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen, Wir holen ihn da nicht.

Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle; Wie wär er sonst so gut! Wie wär er sonst so edel, wäre stille Und doch voll Kraft und Mut!

[Illustration]

Er wächst nicht überall im Deutschen Reiche; Und viele Berge, hört, Sind, wie die weiland Kreter, faule Bäuche Und nicht der Stelle wert.

Thüringens Berge zum Exempel bringen Gewächs, sieht aus wie Wein; Ist’s aber nicht. Man kann dabei nicht singen, Dabei nicht fröhlich sein.

Im Erzgebirge dürft ihr auch nicht suchen, Wenn Wein ihr finden wollt. Das bringt nur Silbererz und Kobaltkuchen Und etwas Lausegold.

Der Blocksberg ist der lange Herr Philister, Er macht nur Wind wie der; Drum tanzen auch der Kuckuck und sein Küster Auf ihm die Kreuz und Quer.

Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben; Gesegnet sei der Rhein! Da wachsen sie am Ufer hin und geben Uns diesen Labewein.

So trinkt ihn denn und laßt uns allewege Uns freun und fröhlich sein! Und wüßten wir, wo jemand traurig läge, Wir gäben ihm den Wein.

Mathias Claudius

Die Weinmörder

Im Rheingau treiben die Reben, Mit einem Kusse lind Erweckte sie zum Leben Ein weicher Frühlingswind. Und grüßend jauchzt der Ferge, Der auf dem Strome zieht: „Gott schirm die schimmernden Berge Und was drauf sproßt und blüht!“

Hoch droben aber im Blauen, Dort schmunzelt Sankt Urban, Dort lacht beim Herunterschauen Manch seliger deutscher Mann. Dort ruft Herr Karl, der Degen, Des Rebenbaus Wardein: „Allvater, gib deinen Segen Dem Weine am deutschen Rhein!“

Schon will der Herr willfahren Und schreitet zur Himmelstür, Da tritt aus den frommen Scharen Sankt Bonifaz herfür: „Genug ist, Herr an Weine! Halt ein, eh dich’s gereut! Ich kenne die am Rheine, Das sind gar durstige Leut!

Jetzt beten sie und halten Dein Wort in Zucht und Scham. Das kommt vom Wasser, dem kalten, Das einst beim Taufen ich nahm. Der Wein tät wieder erwecken Die Götter, die ich beschwor: Die trinkgewaltigen Recken Odhin und Asathor.

Statt Glocken hörte man läuten Die Becher in Zechers Hand, Wallfahrer sähe man schreiten Von Schenke zu Schenke durchs Land. Die Pfaffen und die Laien Am sonnigen Ufer des Rheins Vergäßen auf Glauben und Treuen Beim Überschwange des Weins.

Drum laß zwei Helfer mich wählen; Wir tilgen in kurzer Frist, Was drunt zum Schaden der Seelen Zu üppig gediehen ist.“ „Sei’s denn, so schafft’s mir Trauer,“ Spricht darauf des Höchsten Mund. „Gern hätt ich dem rheinischen Bauer Ein gutes Tröpflein vergunnt!“ --

Im Rheingau treiben die Reben, Doch all die Frühlingspracht Traf tief ins junge Leben Ein Reiffrost über Nacht. „Das haben,“ so schelten mit Grimme Die Schiffer im gleitenden Kahn, „Pankraz, Servaz und der schlimme Herr Bonifaz getan!“

O. Kernstock

Der Ritter vom Rheine

Ich weiß einen Helden von seltener Art, So stark und so zart, so stark und so zart; Das ist die Blume der Ritterschaft, Das ist der erste an Milde und Kraft, So weit auf des Vaterlands Gauen Die Sterne vom Himmel schauen.

Er kam zur Welt auf sonnigem Stein Hoch über dem Rhein; hoch über dem Rhein; Und wie er geboren, da jauchzt überall Im Lande Trompeten- und Paukenschall, Da wehten von Burgen und Hügeln Die Fahnen mit lustigen Flügeln.

In goldener Rüstung geht der Gesell, Das funkelt so hell, das funkelt so hell! Ob ihm auch mancher zum Kampf sich gestellt, Weiß keinen, den er nicht endlich gefällt; Es sanken Fürsten und Pfaffen Vor seinen feurigen Waffen.

Doch wo es ein Fest zu verherrlichen gilt, Wie ist er so mild, wie ist er so mild! Er naht, und die Augen der Gäste erglühn, Und der Sänger greift in die Harfe kühn Und selbst die Mädchen im Kreise, Sie küssen ihn heimlicherweise.

O komm, du Blume der Ritterschaft, Voll Milde und Kraft, voll Milde und Kraft! Tritt ein in unsern vertraulichen Rund Und wecke den träumenden Dichtermund Und führ uns beim Klange der Lieder Die Freude vom Himmel hernieder!

Emanuel Geibel

Das Lied vom Rhein

Es klingt ein heller Klang, Ein schönes deutsches Wort In jedem Hochgesang Der deutschen Männer fort: Ein alter König hochgeboren, Dem jedes deutsche Herz geschworen -- Wie oft sein Name wiederkehrt, Man hat ihn nie genug gehört.

Das ist der heilge Rhein, Ein Herrscher, reich begabt, Des Name schon wie Wein Die treue Seele labt. Es regen sich in allen Herzen Viel vaterländssche Lust und Schmerzen, Wenn man das deutsche Lied beginnt Vom Rhein, dem hohen Felsenkind.

Sie hatten ihm geraubt Der alten Würden Glanz, Von seinem Königshaupt Den grünen Rebenkranz. In Fesseln lag der Held geschlagen: Sein Zürnen und sein stolzes Klagen, Wir haben’s manche Nacht belauscht, Von Geisterschauern hehr umrauscht.

Was sang der alte Held? -- Ein furchtbar dräuend Lied: „O weh dir, schnöde Welt! wo keine Freiheit blüht, Von Treuen los und bar von Ehren! Und willst du nimmer wiederkehren, Mein, ach! gestorbenes Geschlecht Und mein gebrochnes deutsches Recht?

O meine hohe Zeit! Mein goldner Lebenstag! Als noch in Herrlichkeit Mein Deutschland vor mir lag. Und auf und ab am Ufer wallten Die stolzen, adligen Gestalten, Die Helden, weit und breit geehrt Durch ihre Tugend und ihr Schwert.

Es war ein frommes Blut In ferner Riesenzeit Voll kühnem Leuenmut, Und mild als eine Maid. Man singt es noch in späten Tagen, Wie den erschlug der arge Hagen, Was ihn zu solcher Tat gelenkt, In meinem Bette liegt’s versenkt.

Du Sünder! Wüte fort! Bald ist dein Becher voll; Der Nibelungen Hort Ersteht wohl, wenn er soll, Es wird in dir die Seele grausen, Wenn meine Schrecken dich umbrausen, Ich habe wohl und treu bewahrt Den Schatz der alten Kraft und Art!“

Erfüllt ist jenes Wort: Der König ist nun frei, Der Nibelungen Hort Ersteht und glänzet neu! Es sind die alten deutschen Ehren, Die wieder ihren Schein bewähren: Der Väter Zucht und Mut und Ruhm, Das heilge deutsche Kaisertum!

Wir huldgen unserm Herrn, Wir trinken seinen Wein. Die Freiheit sei der Stern! Die Losung sei der Rhein! Wir wollen ihm aufs neue schwören; Wir müssen ihm, er uns gehören, Vom Felsen kommt er frei und hehr, Er fließe frei in Gottes Meer!

Max von Schenkendorf

Erhöre mich!

An dessen Hand die Sonnenmeere laufen, Erhöre mich, du ewige Ewigkeit, Du fährst empor, mit Not und Tod zu taufen Und tünchst mit Blut das Tor der kranken Zeit.

In unser Treiben schlug dein grimmes Schelten. In unsere Lügen donnerte dein „Nein!“ In unsere wohlgewogenen kleinen Welten Brach deine Flut zum Niederreißen ein.

O laß uns nicht im Unglücksstrom ersticken, Erwürg uns nicht, der aller Odem ist, Und stoß uns nicht von allen Lebensbrücken, Der du die Brücke in das Leben bist.

Gustav Schüler

[Illustration]