Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Textes verschoben.
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Auf alten Wegen
Novellen
von
Otto Buchmann
4.-10. Tausend.
Tischbeins Verlag, Hannover
1920
Inhalt:
Auf alten Wegen Seite 5
Die stille Geschichte " 23
Operation " 45
Siegmund Federleins Liebe und seliges Sterben " 63
Auf alten Wegen
Ein Wort, das im Herzen des Volkes haftet und leicht von seinen Lippen geht, zu dessem Kern kein philosophischer Schnörkelweg führt, heißt: Die Erinnerung ist das Schönste, sie ist schöner als das Erleben selber. Die Erinnerung malt das Glänzende noch glänzender, das Helle noch leuchtender, dem Trüben gibt sie den verklärten Glanz der Versöhnung und das Harte und Häßliche überfährt sie weich und nimmt ihm die herben Linien.
Und wenn ein Mensch, hart geworden in der Not des Lebens, es verschmäht, Saiten der Erinnerung in seiner Seele zu rühren, wenn er, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, nur den Weg voraus sieht und ihn geht mit schmalen Lippen und herber Seele -- einmal, und wenn auch nur ein einziges Mal in seinem Leben, quillt auch in solchem Hartgewordenen das leise, süße Spiel der Erinnerung auf, wenn er an seine Kindheit denkt. Mag sie hart, kalt und seelenlos gewesen sein, irgend eine Winzigkeit birgt auch sie, irgend ein stilles Glück, das in der Erinnerung noch ein letztes Leuchten auf den Weg des Einsamen wirft und ein leises Glänzen in seine Seele, und einen Hauch des Lächelns auf seine Lippen stiehlt. Und wenn du fragst, zu welcher Zeit am klarsten die Quellen der Erinnerung zu rinnen pflegen, so wird es die Zeit des Frühlings sein, wenn die Oede ringsum und das kühle Sterben leise schwellendem, neuem Leben weichen, wenn sich in die graue, seelenlose Landschaft Formen, Farben und Licht langsam einschmiegen und ein zärtlich-herber Glanz vom Himmel weht.
Da waren jüngst solche Tage herber Vorfrühlingsschönheit. Und an einem von ihnen überfiel mich in der großen Stadt, inmitten der steinernen Wände ringsum, die den Blick fingen, eine leise quälende Sehnsucht, irgend ein zärtliches, unbestimmtes, formenloses Sehnen.
In jedem Frühling trat diese leise Traurigkeit an mich heran, und während rings um mich herum aus den Gärten und Anlagen das neue Leben des Jahres erste zarte Atemzüge tat und die Wolken weiß über die hellblaue Himmelsfläche glitten, verfing sich meine Seele in den Maschen einer unbekannten dunkeln Stimmung. Es wird in solchen ersten Sonnentagen des Jahres, wenn die Leere vergangener Monde hinter uns versinkt, vielen Menschen so gehen, und es gibt ein Mittel, diesen rätselhaften Mächten zu begegnen. Man soll sein Ränzel schnüren und wandern, dort hinaus, wo sich das neue Werden fast hörbar gestaltet, wo die Wälder in zärtlich hellem Grün aus der Landschaft aufsteigen, wo die Bäche fessellos dahineilen und der Glanz des Himmels und der Wolken in sanften Spiegelbildern auf ihren Fluten ruht.
So kam es, daß ich aus der großen Stadt wanderte, erst ziellos, in die Weiten hinein, in einen köstlichen, herben Frühlingsmorgen hinein, und wie sich dann im Schreiten, erst nebelhaft und unbewußt, als schwach umrissene Erinnerung, dann schärfer und schließlich im lichten Umriß vor mir stehend, ein Erlebnis aus der Jugend vor meine Seele schob. Meine Seele ging auf alten, vielleicht töricht gewesenen Kinderwegen, die damals so köstlich waren, so roter Rosen blühend voll, so selig schwer von Sonnenglanz.
Und da sprang es mich an, an diesem Frühlingsmorgen, die Stätte von damals wieder zu suchen, einen stillen Blick zu werfen auf jene alten Wege, mit jenen Menschen von früher, wenn sie noch lebten, einen Händedruck zu wechseln und ein stilles Wort, und dann auf der Heimkehr in den rot verglastenden Abend den Tag mit seinen Erlebnissen noch einmal vor die Seele zu nehmen und ihn still dahin zu tun, wo so vieles ruht, Lautes und Leises, Schmerzliches und Schönes, Zärtliches und Dunkles -- Erinnerung geworden.
Und während ich rüstig vorwärts schritt, nach dorthinaus, wo in der Ferne blauende Berge, in einen zärtlich lichten Horizont gebettet, herübergrüßten, spielte ein Bild von damals, das ich längst verblaßt und wesenlos in mir ruhen wähnte, in hellen, lebenden Farben vor meiner Seele. Meine erste Knabenliebe trat still vor mich hin und ich fühlte wieder wie damals in jenen kinderhaften, törichten und seligen Stunden ihre Süße und Keuschheit mich umwehen und grüßen. Aus jenen versunkenen Zeiten wuchs dieses Erlebnis blühend in mir auf, drängte sich an mich und reichte mir die Hände. Ich sah mich als Jüngling, rank und schlank, von knappen siebzehn Jahren, neben der Frau gehen, die ich heimlich verehrte, der ich als knabenhafte Opfergabe meine ersten Verse darbrachte, deren Wesen und Gestalt in meine Träume drangen und deren Duft um mich war, wenn ich in törichter Seelenpein schlaflos lag oder unbändig durch die Wälder der Umgebung in weißen Mondnächten streifte, kühle Flüsse in stürmender Jugendkraft durchschwamm oder hohe Bäume erkletterte, von dem Wunsche getrieben, die geliebte Frau sähe meine Kräfte, die ich für sie so wahllos verschwendete.
Und dann dachte ich an den Ausgang dieser Liebe, wie sie nicht still verronnen war, sondern jählings verlodert, und wie ihre Flammen mich fast verbrannt hatten, daß ich glaubte, nimmer wieder froh werden zu können und tagelang in fieberheißen Gedanken den Entschluß in mir trug, des Lebens Last, seinen Ekel und seine Fadheit von mir tun zu müssen. Ein anderer kam, ein ganzer Mann, und begehrte die geliebte Frau zu seinem Weibe. Und sie gab sich ihm, dem Fremden, wußte wohl kaum von meiner wilden Knabenliebe zu ihr und von meinen seligen, unseligen Stunden. Da lief ich tagelang durch die Wälder, aß nichts und trank nichts. Meine Augen waren heiß und rot, aber keine Träne kam. Alles war dürr in mir, leer, ausgebrannt.
Und dann kam wieder der Tag mit seinen Anforderungen an ein junges Leben, und die Tage wurden zu Monaten und die Monate zu Jahren; und die Jahre nahmen mich auf ihren Rücken und trugen mich durch aller Herren und Fürsten Länder. Ich sah das Leben leuchten und trug seine Freuden heim und füllte meine Seele mit ihnen, und ich lernte den Schmerz des Lebens kennen, als er mich in so vielerlei Gestalt antrat und über alledem versank in mir wesenlos die stille Geschichte aus meiner Knabenzeit und die Landschaft von damals, in die ich meine wilden Fahrten unternommen hatte.
Und nun, an diesem Frühlingsmorgen, trat das alles aus der Nacht hervor und leuchtete mich verjüngt an und grüßte und lockte mich.
Immer näher kam ich den Bergwäldern, hinter denen das Damals lag. Die Höhen, vom ersten Grün überflogen, bekamen Linien und drängten sich heran. Es dauerte nicht lange, da begann die Steigung, und nach stundenlanger Wanderung stand ich oben und sah rückwärts die große Stadt schemenhaft mit wenigen Türmen aus dem Glast herübergrüßen, und sah auf der anderen Seite tief unten das Dörfchen meines Ziels mit roten Dächern liegen. Und mein Blick suchte und fand die Wälder von ehedem. Die Fohlenkoppel und die Bluthöhe; alle Stätten von damals taten sich vor meinen Blicken auf.
Lange saß ich auf einem sonnenüberglänzten Felsstück, ließ den Blick in die Tiefe schweifen und dachte an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dachte an das, was zwischen dem Ehedem und dem Heute lag, und ob ich wohl Freude haben dürfte an dem, was ich getan, ob ich nicht in die alten Gassen zu meinen Füßen niedersteigen müßte mit Scham im Herzen und mit leerer Seele. Alle Wege meines Lebens durchschritt ich nochmals in dieser festlichen, glänzenden Stunde, und stand dann hochatmend auf und schlenderte den Weg hinunter und sah alle Stätten wartend dastehen; ganz wie früher war alles. Und dann -- -- dann durchfuhr es mich auf einmal wie ein herbes Weh; ich sah einen der Menschen von früher, erkannte ihn sofort, trotz des weißen Bartes und der gramvollen Züge. Und ich dachte daran, was für ein lustiger Kauz das gewesen war, wie er mich in die Kneipe mitgenommen hatte und mich gelehrt, einen Humpen auf einen Zug zu leeren, und wie er mir wilde Bierlieder beigebracht hatte. Ich ging an ihn heran und grüßte ihn. Er sah mich mit wesenlosen, fernen Blicken an und erkannte mich nicht. Da sagte ich meinen Namen, aber es rann kein freudiger Blick des Erkennens über seine Züge; leer blieben sie und fast verdrossen sprachen seine Lippen einige gleichgültige Fragen. Wo ich herkäme, wie es mir die ganze Zeit gegangen wäre, ob ich hierbliebe? Ich stand ihm kurz Antwort und schritt dann beklommen weiter, und dachte daran, wie alles auf Erden nur eine kurze Spanne sei, nur eine kurze Rast auf dem Wege in die Ewigkeit, und wie nichts Dauer hat und alles fließt.
Weiter schritt ich durch die Gassen: Kinder glotzten mich an, den Finger im Munde, und ich kannte niemand von ihnen. Dann sah ich wieder Bekannte von früher, aber keiner erkannte mich, fremd schritten wir aneinander vorüber, und es stand mir nicht mehr der Sinn danach, sie anzusprechen. Alles trieb mich dort hin, wo die geliebte Frau wohnte. ~Sie~ durfte nicht älter geworden sein, in ihren lieben Zügen sollte mich unentstellt meine Jugend noch einmal grüßen, noch einmal voll und tief verklärt in reiner Schöne die Augen zu mir aufschlagen, und dann wollte ich weiter wandern, wieder ins Leben hinein, und der Tag von heute sollte trotz aller Enttäuschung leise und schön in mir nachklingen, wie ein Geigenlied in Sommernächten.
* * * * *
Ich kam vor ihr Haus und wanderte unentschlossen davor her, auf eine Gelegenheit wartend, daß jemand aus der Tür träte, den ich mit einer Frage angehen könnte. Bald traten nacheinander zwei Frauen heraus. Die eine ging an mir vorüber, sah mich an und ich sah sie auch an. Und ich mußte in tiefster Seele lächeln. Nein, das konnte sie nicht sein, das war eine alte Frau, verhärmt und mit Falten im Gesicht. Da fragte ich das Mädchen, das unschlüssig am Tore stand und etwas zu überlegen schien. Ja, das wäre die Frau des Hauses, sie wäre nur nach drüben gegangen und kehrte gleich zurück. Was ich für ein Verlangen hätte?
Ich steckte dem Mädchen ein Geldstück zu und erfuhr in wenigen Minuten alles. In großen Linien malte die Magd mir ein Lebensschicksal dahin, und ich hörte zu; wie aus der Ferne drangen die Worte auf mich ein. Dann ging ich mit einigen nichtssagenden Worten und grüßte die geliebte Frau, als sie mir bei meiner Heimkehr über den Weg lief. Sie lächelte befremdet, und ich sah ihre Züge, alt und herb, und sah die künstliche Röte auf ihren Wangen, die Jugend vortäuschen sollte, wo doch längst das Alter sein Herrscherrecht angetreten hatte.
* * * * *
Ich ging still an ihr vorüber, und ging still aus dem Dorfe hinaus. Keinen Menschen mochte ich mehr sehen. Eine wilde Lust faßte mich an nach der Arbeit meines Tages, und ich sehnte den morgigen Tag herbei, wo ich alles Heutige abtun wollte in rastloser Arbeit.
Bis der Abend kam, wanderte ich zurück, aß irgendwo in einer Dorfschenke mein Abendbrot und saß dort noch lange, bis zur Abfahrt des Zuges. Und zwischen dem Geschwätz der Bauern, dumpfem Gläserklang und dicken Qualmwogen kamen mir Verse in den Sinn. Die schrieb ich auf und hörte sie nachher immerfort singen aus dem Schüttern des Zuges. Kurz vor meinem Orte stieg in mein Abteil eine alte Frau ein, die hatte zum Verkauf einen Korb erster Frühlingsveilchen. Da kaufte ich ihr einen großen Strauß ab, wickelte die Blüten in das Papier mit den Versen und warf alles aus dem Fenster in die helle Frühlingsnacht. Die alte Frau sah mich erstaunt an; ich aber lächelte und sagte ihr, was ich dort hinausgeworfen hätte, wäre ein kostbarer Lebensschatz, und ich wäre eigentlich ein Verschwender. Da rückte das Weiblein von mir scheu ab und atmete auf, als ich beim nächsten Zugaufenthalt ausstieg.
Die ganze Nacht aber waren die Verse um mich, in denen meine Jugend noch einmal rot und leuchtend aufglomm, in denen alle die alten Wege wieder in Blüte standen und alles so hell war, so morgensonnenschön und an mir vorüberglitt wie ein Lied, kaum erfaßt und nur wesenlos gefühlt. Und ich wußte plötzlich mit Gewißheit, daß ich das alles unverlierbar in mir trug, und daß es nur wartete, still emporgenommen zu werden, daß es aber nie und nimmer ein Tag wie heute, die Stunde der Gegenwart aufnehmen konnte, weil es längst in mir war, in meiner Seele, nicht mehr außerhalb, sondern unverlierbar in mir ruhte, ganz mein Eigentum, ganz Erinnerung.
Die stille Geschichte
Ich entsinne mich jeder Einzelheit, als hätte es sich gestern zugetragen In Riva am Gardasee war es, an einem Oktobertage. Das Wetter war unsäglich köstlich, über der dunkelblauen Flut des Sees wölbte sich ebenso blau der hohe Himmel und an den Ufern strebten mit steilen sonnengleißenden Hängen die Felsberge in die Höhe, granitene Wächter der Schönheit des Wassers und des Landes. Ich war langsam den Weg vom Fischerdörfchen Torbole hergeschlendert, hatte unterwegs, auf einem Felsstück ausruhend, mit einem Weinbauern kurze Plauderrast gehalten und trug mich nun mit der Absicht, auf der Terrasse meines Gasthofes, die weit in den See hineinsprang, den Anbruch des Abends zu erwarten.
Auf die leere Terrasse, deren Windlichter sich kaum bewegten, so ruhig war der Abend, traten lärmend und lachend fremde Gäste, Deutsche. Sie ließen sich an einem Nebentische nieder, bestellten Wein, und ihr Lachen und ihre Witze verscheuchten schnell und unwiederbringlich die stille Feierabendstunde meiner Seele.
Einer von den jungen Menschenkindern, ein Student schien es zu sein, denn sein bartloses Gesicht war von Narben zerschlissen, sah mich in meiner Einsamkeit. Und als sich unsere Blicke begegneten, hob er sein Glas und trank mir zu: »Salute Signore!«
Auch ich hob mein Glas und trank dem Jungen zu: »Glück und Gesundheit!« Da sprang er auf und sagte: »Sie sind ein Deutscher, ein Landsmann, ah so, ich glaubte, Sie wären Ausländer. Dann möchte ich bitten, mit Ihnen anstoßen zu dürfen.«
Wir stießen an und er lud mich ein, seinen Freunden und ihm Gesellschaft zu leisten. Während ich Platz nahm, trat noch ein Gast auf die Terrasse, diesmal unverkennbar ein Deutscher. Ein schöner hochgewachsener, blondbärtiger Mann, der leise und ernst lächelnd auf die fröhliche Gesellschaft blickte. Dann trat er an unsern Tisch heran und sagte: »Gestatten Sie mir, meine Herren, diesen einsamen schönen Abend in der Gesellschaft von Landsleuten zu verbringen. Wir sind ja hier nicht mehr auf ausländischem Boden, aber ich glaube, wir haben alle noch italienische Sonne in unsern Adern, denn auch Sie kommen doch sicher vom Süden.«
Er stellte sich vor, Schriftsteller Wellenthien oder so ähnlich, den Namen habe ich vergessen, wohl auch kaum richtig verstanden.
Jedenfalls kam bald, angeregt von dem roten köstlichen Wein, eine fröhliche Stimmung auf, die Wellen des Gelächters schlugen auf die stille, dunkle Seefläche hinaus und übertönten den Wassergesang der sich am Ufer brechenden Flut.
Und wie das so kommt, wenn Jugend beisammen sitzt, kam bald das Thema »Weib« aufs Tapet. Pennälergeschichten, Erlebnisse mit Backfischen aus der Studentenzeit, der Schwarm für die +filia hospitalis+, aber auch Geschichten von böserer Art erschienen und die Meinungen platzten jäh aufeinander. Embryonale und ausgewachsene Anhänger der Ansichten Tolstojs, Nietzsches, Goethes, Schopenhauers über die Frau fochten miteinander mit mehr oder weniger dialektisch gut geführten geistigem Florett; dazwischen trank man laut lachend mit erhitzten Köpfen, einer der Jungen stieg auf den Stuhl und deklamierte in das Stimmengewirr aus dem ›Faust‹ die Stelle: »Nenn' es dann, wie du willst ...« hinein. Es war ~sein~ Beitrag zu dem angeschnittenen Thema.
Da -- und nun beginnt das, was ich in der Ueberschrift »Die stille Geschichte« nannte, -- stand der Zuletztgekommene, der Blondbärtige, auf, hob sein Glas und sagte: »Trinken Sie mit mir, meine Herren, auf die Frau, auf die deutsche Frau. Ich will Ihnen auch eine Geschichte erzählen.«
Wir tranken aus; der Schriftsteller setzte sich wieder und wir gruppierten uns mit unsern Stühlen um ihn herum.
Noch ganz deutlich steht das Bild von damals vor meinen geistigen Augen. An einer Tuffsteingrotte lehnte der Kellner, ein schwarzbärtiger Bauer. Auch er hörte zu. Der Schriftsteller begann:
»Ich habe die Geschichte noch niemandem erzählt, sie schien mir zu keusch zum Erzählen. Lachen Sie nicht, meine Herren, wenn ich Ihnen sage, daß sich diese stille Geschichte eigentlich kaum erzählen läßt, es sei denn, eine Geige erzählte sie mit zärtlich scheuem Strich in eine weiche Nacht wie diese hinein. Und wenn ich sie Ihnen erzähle, mit knappen Worten, dann weiß ich, daß Sie sie nie vergessen werden, in einst, vielleicht schlimmen Stunden, wird sie urplötzlich wieder vor Ihnen stehen. Deshalb erzähle ich sie Ihnen, meine Herren. Und auch zum kleinen Teile darum, um meinerseits nicht müßig zu sein bei dem Thema, das Sie sich hier stellten.
Zwei Jahre sind es her. Ich hatte mich überarbeitet, war nervös, die bekannten neurasthenischen Herzbeschwerden plagten mich, kurz, ich beschloß, in ein Bad zu gehen und mich der Behandlung eines Spezialisten zu unterwerfen. In den ersten Tagen fehlte mir die Lust, mich sofort in die ärztliche Fron zu begeben. Ich lag vielmehr den ganzen Tag im Langstuhl im Garten des Kurheims und bemühte mich, an nichts zu denken. Da kam eines Tages durch den Garten ein neuer Gast, geleitet von der Besitzerin des Hauses. Ein junges Mädchen war es, weiß gekleidet, vielleicht achtzehn Jahre alt. Ihr Blick flog über mich hin, und als ich nickte, lächelte sie leise und dankte zurück. Mein Pseudoname als Schriftsteller hatte damals schon einen guten Klang, und, ich weiß nicht mehr, weshalb ich es tat, ich schrieb mich damals mit diesem Pseudonym ins Fremdenbuch ein und als unverheiratet, obgleich ich Frau und einen zweijährigen Buben hatte. Es geschah jedenfalls, daß ich diese Eintragung vornahm, gänzlich unbewußt, ohne jede Absicht, vielleicht auch infolge der damaligen starken nervösen Depression, die auf mir lastete. So kam es, daß ich als Junggeselle galt und von den Damen der Pension ob meines literarischen Namens mehr oder minder offensichtlich verehrt wurde. Und darin machte der letztgekommene Gast, das junge Mädchen, keine Ausnahme. Sie saß oft neben mir im Garten, brachte mir Blumen, eine Zeitung, eine Erfrischung, war liebreich um mich bemüht und küßte mir die Hand, als ich ihr meinen letzten Roman mit Autogramm überreichte. Ihre liebe, leise Art tat meinen kranken Nerven unsäglich wohl, und nach acht Tagen fühlte ich mich stark genug, mich einer energischen ärztlichen Behandlung zu unterwerfen. Als ich am andern Morgen in das Sprechzimmer des Herzspezialisten kam, fand ich niemand weiter vor. Nach kurzer Zeit schon ging die grüne Friestür, die in das Sprechzimmer führte, geräuschlos auf, und meine Bekannte aus der Pension, trat, vom Arzte mit einigen verbindlichen Worten entlassen, heraus. Wir begrüßten uns mit einem Händedruck und nach einer Minute sah ich dem Arzte in die funkelnden Brillengläser hinein und erzählte ihm von der Art und den Aeußerungen meines Leidens. Der Spezialist klopfte mich ab, horchte mit dem Stethoskop und konnte versichern, daß nichts Ernstliches vorlag. Es war lediglich eine kleine Herzaffektion infolge geistiger Ueberanstrengung. Trotzdem, mehr zu meiner Beruhigung, wollte er doch eine elektrokardiographische Aufnahme meines Herzschlages machen. Ich weiß nicht, meine Herren, ob Ihnen ein Elektrokardiograph bekannt ist. Es ist eine geniale Konstruktion, mit der man die Kurve des Herzschlages photographisch herstellen kann. Ich setzte mich in einen Sessel, der Arzt legte mir, durch nasse Umschläge isoliert, um die Pulse die Drähte, die den galvanischen Strom von mir in den Apparat hineinleiteten. Ein kurzer Druck, der Apparat fing an zu arbeiten und nach einem Augenblick schon hielt der Spezialist den Film in der Hand, der, noch unentwickelt, die Kurve meines Herzschlages enthielt. In einem kleinen Nebengemach, das er sich als Dunkelkammer eingerichtet hatte, nahm er die Entwicklung des Films selber vor und brachte mir nach fünf Minuten den langen photographischen Streifen, der noch von Nässe triefte, und zeigte mir mit Erklärungen die Regelmäßigkeit der Kurve, deren Zacken einen gleichmäßigen Ausschlag aufwiesen. Er trocknete die Photographie, während wir plauderten, zwischen zwei weißen Löschblättern ab und gab sie mir, als Andenken, wie er sagte.
Wir hatten uns wieder gesetzt und während er Eintragungen in sein Krankenbuch machte, sah ich plötzlich auf dem Schreibtische eine noch nasse Kurve liegen, ausgebreitet, etwas abseits, über Büchern und Zeitschriften, gleichsam, als wollte der Arzt das Elektrokardiogramm, wie der technische Ausdruck heißt, ständig vor Augen haben. Mein Blick glitt über die lange Kurve und haftete an einem Zackenausschlage. Ganz jäh stieg in der gleichmäßigen Zackenreihe eine Zacke auf und sank dann tief herunter. Als der Doktor aufsah, bemerkte er meinen Blick und instinktiv hob er ein Blatt und warf es über das Photogramm.
Dann lächelte er und sagte: »Nein«, dabei das Blatt wieder zurücknehmend, »Sie sind ja Schriftsteller, Seelenkenner, Menschenkenner. Weshalb sollte ich Ihnen etwas verhehlen. Wissen Sie, was das dort ist? Meine Schweigepflicht als Arzt verletze ich ja nicht, wenn ich es Ihnen sage.«
»Baldiger Tod!« sagte ich instinktiv, seine Frage beantwortend.
Er nickte, tiefernst: »Jawohl, Sie haben recht, baldiger Tod, und sogar recht baldiger Tod.« Dann versank er in Sinnen.
»Und ein junger Tod,« erwiderte er, fast unbewußt, schüttelte sich dann und lachte: »Ach was, ein alter Mann ist es!«
Ich sah ihn ernst und durchdringend an. Da fuhr er nervös über die Stirn, stand auf und sagte: »Also, liebster Freund, Ruhe, Schonung, Diät brauchen Sie. Und wenn der Schreibtisch ruft, noch mindestens vier Wochen Dispens. In drei Tagen möchte ich Sie nochmals sehen.«
Ich ging. Ging in rätselhafter dunkler Stimmung durch den hellen Frühlingstag und wußte das eine, das wir im Laufe heller Tage so oft und so schnell vergessen: Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen.
Die Allee, durch die ich schritt, stand in Blattfülle, die Wege des Kurparkes waren von Blütenreihen, blau und weiß und rot, flankiert. Ein Duften war überall, eine Farbenüberfülle, ein Lichtrausch, und -- so mußte ich denken -- mitten durch diesen Glast, dieses selige Glänzen, diese Schönheit der Welt, ging ein Wesen, jung wie alles umher, sehnsuchtdurchseligt, blutdurchpulst und wußte nicht darum, daß, wenn die Blütenblätter schwer und blaß hier zur Erde brachen, auch seine Seele dahinging, auch sein Leben verhauchte wie eine sterbende Rose.
Das griff mir so an die Seele, daß ich weinte, mich der Tränen nicht schämte. Es war eine Stunde, die ich durchlebte, wo mir alles Leid und alles Glück der Welt nah gegenüberstand, wo ich das rätselhafte Sein alles Irdischen, schattenhaft erkennend, erschauernd meinen Körper streifen fühlte.
Im Garten der Kurpension kam mir Marlene entgegen, ein wenig blaß, mit blutleeren, hellroten Lippen. Sie scherzte über unsere Begegnung beim Arzte. Er hätte ihr beste Hoffnung gemacht, alles würde gut werden. Es durchlief mich eisig. Ich dachte an fallende Blütenblätter.
Am Abend saßen wir zusammen, die Gäste der Pension, Besuch von auswärts. Bunte Papierlaternen durchbrachen mit schwachem Schimmer die Sommernacht; eine junge Dame spielte Geige. Zum Schluß ein Chopinsches Nocturne. Ich hörte die Geige aus dem Dunkel singen, tief, zitternd, in großen klagenden Strichen schwamm die dunkle, schwermütige Weise in die Nachbargärten. Es war mir unsäglich trüb zumute. Die hellen Stimmen taten mir weh. Marlene saß in einem Korbstuhl, aus dem Dunkel schien ihr weißes Gesicht in unbestimmtem Oval. Ihre Augen sahen seitwärts. Ihre schmalen Hände lagen auf den Lehnen des Stuhles. Unsäglich müde Hände waren es, kranke Kinderhände. Auf diesen Händen stand die nahe Ewigkeit zu lesen.