Chapter 3 of 3 · 1570 words · ~8 min read

Part 3

Da taumelte der kleine Antiquar wieder auf die Straße hinaus und fühlte ein Brennen am ganzen Körper, als ob er in Flammen gehüllt wäre. Er ging mit halber Besinnung durch die Straßen der Stadt vor das Tor hinaus, und wer den kleinen Mann dahinwanken sah, der dachte mit lächelnder Miene und verwundert im Stillen: »Siegmund Federlein hat einen Schwips.«

Ueber den Feldern lag die Glut des Abends. Noch einmal wollte, ehe sie Abschied nahm, die Sonne ihren Segen über die Flur gießen. Durch ein Meer von Licht wankte ziellos, von einer fürchterlichen Angst getrieben, der kleine Antiquar. Eine Stimme war in ihm, die ließ ihn nicht los: »Sie stirbt, sie stirbt,« sagte diese Stimme.

Als große Schatten gleich ungeheuern Tieren über das Feld liefen und die Dämmerung immer schneller kam, schritt Siegmund Federlein in die Stadt zurück, schnell und hastig, als säße ihm jemand auf den Fersen. Eine heiße Angst trieb ihn vorwärts und trieb ihn vor das Haus des Landgerichtsrats. Er sah zu den Fenstern empor. Alles war hell erleuchtet, als würde dort oben ein fröhliches Fest gefeiert, als klängen dort oben feingeschliffene Kelche aneinander und wetteiferten mit dem Glanze froher Menschenaugen. Einen Augenblick blieb Siegmund Federlein stehen, dann trat er ein. Die Haustür stand offen; so schritt er die Treppen hinauf. Kein Mensch war zu sehen. Da trat plötzlich aus einem Zimmer der Landgerichtsrat. Die sonst aufgereckte Gestalt schien gebeugt zu sein unter einem ungeheuern Schmerze. Als der kleine Antiquar den stattlichen Mann weinen sah, schlich er die Treppen hinunter und trat auf die Straße. Er hörte noch, wie das Hausmädchen hinter ihm herkam und sagte: »Vor einer halben Stunde ist sie gestorben.«

Im Eilschritt hastete er zu seinem Laden in der Pelikangasse und schloß hinter sich ab.

In ihm, der nie heftig gewesen war, in dessen Seele immer ein stiller Pantheismus, eine Religion der Versöhnung, gewohnt hatte, wütete es auf und sein Gesicht verzerrte sich aus lauter Ekel, aus lauter Zorn zur Grimasse. Dann brach es aus ihm heraus wie ein Schrei: »Wie kann das sein! Wie kann das Leben so tölpelhaft sein, so roh! Ich verstehe das Leben nicht. Wo soll da der tiefere Sinn des Lebens liegen, wenn es so brutal die Schönheit, die Jugend, die Hoffnung zerschlägt? Ist das Leben, das Schicksal nicht ein Unsinn, ein wüstes, blindes Walten!«

Dann kam in weicher Woge wieder der Schmerz über ihn. Er setzte sich auf sein Bett und schluchzte still in sich hinein. Dann streckte er mit rührend-kindlicher Bewegung die Arme aus, als wollte er etwas greifen und an die Brust ziehen. Und seine Lippen flüsterten: »Fee, liebe, liebe kleine Fee!« Seine Brust war umklammert von einem wilden Schmerze, ein Würgen war in seiner Kehle, als preßten grobe Hände sie zusammen. Siegmund Federlein saß zusammengekauert da. Vom Laden her legte die Gasflamme einen schmalen Lichtstreif ins Zimmerchen.

Ab und zu kam ein Schritt die Stufen herunter und eine Hand rüttelte an der Klinke der Ladentür.

Siegmund Federlein saß ganz still, den Kopf zwischen die Schultern gezogen und das Gesicht in den Händen vergraben. Und immerfort drang aus seinem Munde heiseres Schluchzen. »Sinnlos, sinnlos, sinnlos!« murmelte er vor sich hin.

Plötzlich stand er auf und das Planvolle seiner Bewegungen verriet den festen Entschluß seines Herzens. Er holte die Geschäftsbücher aus dem Geldschrank, rechnete, schrieb, legte hier ein Zettelchen hinein und dort. Auch einige Briefe schrieb er und legte sie auf das Pult. Dann zog er seinen besten Anzug an, ein schwarzer Anzug, aus dem Hochzeitsfracke seines Vaters gefertigt, holte von einem Regale einen Wertherband und schrieb daraus mit ruhiger Hand auf ein Stück Papier folgende Stelle der letzten Seiten: »Alles ist so still um mich her, und so ruhig meine Seele. Ich danke Dir, Gott, der Du diesen letzten Augenblicken diese Wärme, diese Kraft schenkest.«

Das Blatt steckte Siegmund Federlein in die Brusttasche, gerade über dem Herzen.

Dann löschte er das Licht, schloß die Ladentür auf und ging in die warme Nacht hinaus.

Auf einem weiten Felde, unter dem Glanze der nächtigen Gestirne, schoß sich der kleine Antiquar Siegmund Federlein eine Kugel in die Brust. Die Kugel saß mitten im Herzen, und mitten durch das Blatt mit Werthers letzten Zeilen war sie gegangen.

Werke

von

Otto Buchmann

aus Tischbeins Verlag / Hannover

Marias Lied

Mit einem Geleitwort von Ludwig Finckh

_60. Tausend._ Gebunden 5 Mark

~Berliner Börsen-Nachrichten~ (Otto von Huth):

Dieses Buch enthält eine so verschwenderische Fülle an Schönheit, Liebe und Sehnsucht, daß es ist, als sei der Extrakt aus unserer gesamten Liebesliteratur in dieses Kunstwerk gegossen, der nun in goldenen Wellen an dem Herzen des bezauberten Lesers emporbrandet. Mit andächtigem Schauer liest man die wunderfeinen Gedanken über die Frauen, die hier geschildert sind als »heimliche Königinnen«, bezeichnet als »feine Schmerztrösterinnen und zarte Leidheilerinnen, denen man Lichtfeiern bereitet und helle Tempel baut. -- Aber es ist doch nicht das Lied von den Frauen, es ist Marias Lied«, sagt der große Dichter weiter, »Maria, deren Gebärden Schönheit sind, die unsichtbare Rosen bricht und in deren Händen die Sehnsucht weißer Nächte schläft«. -- Beim Lesen dieses Buches stockt der Atem. Es ist als stünde man in einem goldenen Tempel und von den Emporen tönt der Silberton hauchzarter Engelsstimmen Liebeswunder in das zitternde Herz hinein. Ein Buch, in dem Wirklichkeit unwirklich wird. Ein Liebesgebet, in Seelenfeierstunden zu beten, allein, oder falls das Unwirkliche, unbeschreibliche zur Wirklichkeit geworden ist, mit »der reinsten Frau auf Erden, mit Maria«.

~Königsberger Hartungsche Zeitung~ (Endres Endrulath):

Wundervolle Klänge in gar verschiedenen Ausdrucksformen sind es, die dieses Hohelied voll Liebe zu den Frauen bilden. Klänge voll reiner, gewaltiger Wirkung. Das Buch ist von tiefster Empfindung durchströmt. Tut sich uns kund, zu Herzen dringend und klingend, schönheitdurchpulst, anbetungsvoll sehnsüchtig, seelisch verinnerlicht, erwartungsvoll schwelgend, bald sieghaft jubelnd, bald schwärmerisch träumend. Immer neue Hymnen auf das Wesen der fraulichen Menschgestaltung ertönen aus diesem Kunstwerk. So klingt es in süßen Melodien aus des Dichters schönheitszitternden Wortformen, die sich, kostbarem Geschmeide gleich, zu einer schimmernden Marien-Krone unvergänglichen Wertes gestalten. So leuchtet und funkelt es in goldenen Strahlen aus jedem Bilde, das der Dichter um die wieder und wieder veränderte Gestalt Marias malt, die er in seinem, der Frauenseele ganz ergebenem Geiste, so vielfach gewandelt erschaut. Mit seltener Kunst schöpft Otto Buchmann jeweils nur so aus dem ihm schier unergründlichen Brunnen seiner Frauenverehrung, was seinem inneren Empfinden und Miterleben der erdachten fraulichen Eigenschaft entspricht, und daher wirken die beiden Grundtöne »Liebe und Natur«, auf denen dieses Hohelied aufgebaut ist, in ihren wechselvollen Wohllauten wie ein Sphärenklang aus einer anderen besseren Welt. Gott schenke dem Dichter noch viele solcher Offenbarungen. Es sind edelschöne Erhebungen, die uns ringende Menschen von dem Alltagsmißklang der Welt zu befreien vermögen.

~Braunschweiger Neueste Nachrichten~ (+Dr.+ Laßbiegler):

Kann es wundernehmen, wenn heute der Frau ein ekstatischer Dithyrambus gesungen wird, wenn heute eine der Wirklichkeit müde Seele in die Weltenferne des Schönheitskultus und der Einstimmung in die Natur entflieht? In diesem Buche ist aller Eigenwille ausgeschaltet, die Urkraft aller dramatischer lebensechter und lebensstarker Verknüpfung. Hier ist alles eingestellt auf den Passivismus erregender Strömungen, Schwingungen, Stimmungen, auf den sekundären Willen. Ein rein lyrisches Gemüt lebt sich hier aus in schillerndem und klingendem, sich nicht ersättigendem Wortgepränge, lebt sich aus in schwelgender Erwartung und Dankbarkeit, die aus tiefen Erlebnissen des Herzens steigen mögen und ausklingen in dem Bekenntnis: »Einen Menschen lieb haben und die Sonne untergehen sehen, das ist schließlich doch aller Erkenntnisse letzter Schluß und alle Schönheit.« -- Marias Hohelied -- auch der Natur Hohelied; denn: »niemals habe ich so rein gefühlt als jetzt, daß die Schönheit der Seele nur auf der Grundlage tiefster Liebe zu der Natur beruhen kann.« Ein altes, wahres, immer wieder gesuchtes und immer wieder gefundenes Dogma. Ein rein deutsches, auf das wir immer wieder verfallen, wenn uns vor der Wirklichkeit graut und wir uns in uns selbst verlieren. Und wer fände da nicht Verwandtes, ob ers nun sagen oder bloß fühlen kann, ob ers nun zu stammeln oder in rhythmisch einherschreitenden Psaltern auszusprechen vermag wie Otto Buchmann? Weib und Natur -- ein enger Kreis, ein weiter Kreis! Der eine fühlt, der andere lebt in ihm. Otto Buchmann ist einer von jenen, die danken und anbeten. Wohl den Frauen, denen ein solches Lied gilt!

Ich trage meine Minne ...

Verse

_20. Tausend._ Gebunden 5 Mark

~Rheinisch-Westfälische Zeitung~:

Echte goldene Schätze aus tiefinnerstem Gefühl wie aus dem dunklen Schacht eines Bergwerks emporgehoben, ohne alle Schlacken, und in eine aufs feinste ziselierte Form gebracht. Gebete einer schönheitstrunkenen Seele.

~Braunschweigische Landeszeitung~:

Diese Verse sind Kostbarkeiten, geschliffene Edelsteine, deren Glanz von jeder Seite der gleiche bleibt, deren gedämpftes und doch klares Feuer ungemein wohltut, besonders weil bei aller Beherrschung der Form diese Verse schlicht und einfach erscheinen. Literarische Vergleiche stimmen gewöhnlich noch weniger als andere, aber bei diesen Versen denkt man an die besten Namen unserer klassischen Lyrik, etwa an Eichendorff, Mörike, Storm. Der Dichter hat tief in sich hinein gehorcht, als seine Seele der klingende Brunnen war, in dem diese Verse schliefen. Wie in »Marias Lied« offenbart er hier ein hohes Priestertum des Schönen und Guten, dabei hat man das sichere Gefühl, daß hinter diesen so scheinbar ruhigen Gedichten das volle blutrote Leben steht, daß sein Gewinn aber nicht die Leidenschaft ist, sondern nach ihr und durch ihre Erfahrung die Ruhe und Stille, die Rast nach der Unrast. Daher sind sie keine blutlose Aesthetik, sondern atmen die Abgeklärtheit, den Geigenklang in Mondscheinnächten nach dem Sturm. Sie sind tief menschlich, und das ist wohl das Beste, was man darüber sagen kann.