Zwölftes Kapitel
Sie blieben die ganze Nacht bei dem kranken Kinde und wachten bei ihm. Der Doktor kam zu später Stunde, untersuchte das Kind sorgfältig und sprach ihm das Leben ab.
Eine schwere Halsbräune hatte das Tonele befallen, und mühsam rang das Kind nach Atem. Die beiden alten Weiblein, die bisher das Tonele betreut hatten, machten verzagte Gesichter. Sie verstanden nicht viel von Krankenpflege und standen den Anordnungen des Arztes völlig verständnislos gegenüber.
Dumpf und schwer war die Luft in der länglich schmalen Kammer, in der das kranke Kind lag, und die Vef riß Türe und Fenster auf, um dem Kind Erleichterung zu verschaffen.
Etwas von dem Geiste der Vef, wie sie vordem gewesen, war in dieser Nacht wieder in der Frau wach geworden. Jetzt war sie mit einem Male wieder die umsichtig sorgende Mutter, die sie drinnen in der Gungl gewesen war. Sie hieß die beiden alten Weiblein, die ihr im Wege waren, aus der Kammer sich entfernen. Freundlich, aber sehr bestimmt sagte sie es ihnen. Sie sollten ausruhen, und wenn sie ihrer bedürfte, dann würde sie sie holen kommen. Und sie und ihr Mann würden bei dem Kinde bleiben bis zuletzt.
Wie hart das war, dieses Sterben des Kindes. Der Wastl saß in einem Winkel und verdeckte sich die Augen. Er konnte den Todeskampf nicht mit ansehen. Das Tonele bäumte sich und rang nach Luft, und dann wieder faltete es betend die kleinen rauhen Hände und konnte doch nicht sprechen. Und war blaurot im Gesichtchen und röchelte und wehrte sich verzweifelt gegen den Erstickungstod.
Und doch wieder mußte der Wastl aufschauen ... hinüber zu dem Bettchen des Kindes ... zu seinem Weibe ... das in dieser Stunde wieder zur Mutter geworden war. Als ob sie all die Jahre, in denen sie dieses Kind vernachlässigt hatte, einbringen müßte, so zärtlich und liebevoll umsorgte sie es.
Sie kniete an dem Bett des Kindes, bleich und ernst, und starrte unverwandt auf das zermarterte Gesichtchen. Und wenn die Not des Kindes sich steigerte und es sich bäumte und wand und die kleinen Hände sich hilflos in der Luft krampften ... dann nahm die Vef mit starkem Arm ihr Kind zu sich und barg es an ihrer Brust. Fand kein Trosteswort und kein Gebet ... und keine Träne. Aber die Hand, mit der sie die glühheiße Stirn des Kindes liebkoste, war lind und weich und beruhigte es. Die Todesqual in den Augen des Kindes linderte sich, und es schaute verwundert und beinahe froh. Zum ersten Male in ihrem jungen Leben fühlte das Tonele die Nähe einer Mutter ... fühlte ihre Liebe und ihre Sorge.
Und das machte ihr den Tod leichter ... denn als er kam ... lag sie im Arm der Mutter, und ihr zuckender, kleiner Körper krampfte sich Schutz suchend an ihrer Brust.
Und die Vef hielt die Leiche ihres Kindes ... solange, bis die Wärme aus ihm gewichen war ... wortlos und mit trockenen Augen. Und dann legte sie das Tonele auf sein armseliges Bettchen, kniete vor ihm hin und schluchzte laut auf, aber ohne Tränen.
Ein kleines Öllicht brannte auf der Kommode, die in der Nähe des Bettchens stand. Und eine geweihte Wachskerze ... die hatte der Wastl angezündet, als es zum Sterben kam. Und jetzt stand der Wastl neben seinem Weib am Bett des toten Kindes und versuchte sie zu trösten.
»Vef!« Mehr brachte er nicht heraus; denn es würgte und stieß ihn, und wie ein wundes Tier warf er sich über die Leiche des Kindes und weinte laut. Weinte seinen ganzen Schmerz sich von der Seele ... sein ganzes Leid und das Elend seines Lebens.
Und als die Vef diesen elementaren Ausbruch tiefster Herzensnot vernahm, der so unbändig wild war und fast nichts Menschliches mehr an sich hatte, da trieb es das Weib fort. Sie floh ... wie von Furien gepeitscht von der Seite ihres Mannes ... hinaus ins Freie ... in den Regen und die Kälte eines frühen Herbstmorgens. Und lief hinüber zu der Notburg und warf sich zu Füßen der Frau und barg den Kopf in ihren Schoß.
»Notburg! Notburg!«
Das war alles.
Und die Frau erkannte die Not dieser Stunde und war gut zu der Vef. Beugte sich über die Verzweifelte und streichelte ihr weich wie einem Kinde über das blonde Haar. Sie sagte kein Wort, aber ihre innere Güte legte sich warm auf das Herz des hart ringenden Weibes ...
Sie hatten das Tonele schön aufgebahrt in der Stube der beiden alten Jungfern. In einem weißen Kleidchen, das die Notburg genäht hatte, lag das Kind da, und ein weißes Kränzlein schmückte das dunkle Haar. Und friedlich, wie schlafend sah das Tonele aus, hatte die Händchen gefaltet und einen glückseligen Zug in dem wachsbleichen Gesichtchen. Zwei Kerzen brannten zu ihren Häupten, und Blumen waren über die weiße Decke gelegt. Und die Nachbarn kamen, um an der Leiche des Kindes zu beten und sie zu ehren.
Die alten verhutzelten Jungfern gingen im Hause umher, so lautlos und still, als sie es nur vermochten. Hielten den Rosenkranz in den welken Händen, aber machten verzagte, hilflose Gesichter und hatten feuchte Augen. Und dankten allen, die gekommen waren, das tote Tonele zu ehren.
Armes Tonele! Wenn sie's doch erlebt hätte, diese Ehrung! Unbeachtet war sie herumgeschlichen ... überall und allen im Wege ... und überall und bei allen überflüssig.
Sie waren immer gut mit dem Kinde gewesen, die beiden Kirchenmäuseln, und hatten ihr nie ein böses Wort gegeben. Und doch fühlte es das kleine Mädele mit dem feinen Gefühl des verlassenen Kindes, daß sie nur eine überflüssige Last für alle bedeutete. Scheu drückte sie sich in den Winkeln des Hauses herum, spielte einsam in dem kleinen Garten und wich allen aus. Sah alle, die sie ansprachen, mit großen, furchtsamen Augen an und blieb meistens die Antwort auf die Fragen schuldig, die man an sie gerichtet hatte. Zu niemandem faßte das Kind Zutrauen, und für niemanden hatte sie eine herzliche Liebe.
Und nun, da sie gestorben war, da war sie zu Ehren gekommen. Ihr Vater weinte um sie, und ihre Mutter und die Großeltern vom Perlmoserhof. Und die Julie kam und die Rosina und brachten ihr Blumen, und hatten doch so selten ein gutes Wörtl übrig gehabt für das einsame Kind ...
Der Kramer Veit hatte sich des Wastl angenommen. Nachdem sie die Kleine begraben hatten, hatte Veit Galler, der Kramer, den Wastl am Arm genommen und war mit ihm hineingegangen in die Gungl. Er wußte gar wohl, was dem Mann jetzt not tat.
Ein paar Tage sollte der Wastl wieder drinnen leben in der alten Heimat und sich an seinem ältesten Buben freuen. Der Martl gedieh und blühte und wuchs, daß es eine Freude war. Und war so ganz das lebfrische Bauernbübl, wie es der Wastl und auch der Veit einmal selber gewesen waren.
Und drinnen in der Gungl, in dem Heim des alten Göd, da sprach der Kramer Veit mit dem Wastl. Redete ernst mit ihm, wie ein Mann zum andern.
»Schau, Wastl ...« sagte er, als die beiden eines Abends allein vor der Hüttentür saßen ... »i mein' dir's gut. Lass' jetzt die Vef ... leicht wird's wieder alles gut zwischen enk zwoa. Bleib' du daheim. Geh' nimmer außi in die Welt. Du paßt nit dafür. Kimmt mir für ... sie hat no alleweil an guten Kern ein, die Vef. Hat's halt, wie i's selber amal g'habt hab', an Unruh' ... die sie forttreibt. Bin aa anders g'worden mit die Jahr' und wieder a ganz seßhafter Mensch. Überwind' di, Wastl, und bleib' bei uns da. I hab' Arbeit g'nug für di, und nachher ... in an Jahr a zwoa übernimmst a Gütl und nimmst deine Buben zu dir. Probier's halt, Wastl ... Bleib' daheim!«
Es war eine herrlich stille Nacht. Eine jener festlich hellen Septembernächte, in denen auf sammetdunklem Teppich die Milliarden Sterne unruhig fiebrig glitzern und funkeln, und der Mond sein kaltes und doch so prunkvolles Silberlicht über die Berge verschwenderisch ausgießt.
Man konnte alles deutlich unterscheiden, und alles schien in kalter Pracht verklärt in dem hellen Schein des Mondes. Die kleine Hütte mit ihrem windschiefen, steinbeschwerten Schindeldach ... die ragenden Felswände und nahen Felsblöcke, die steilen Mahden und der brausende, weißschäumende Bergbach. Sein Rauschen und Brodeln hatte in der heiligen Stille der Nacht etwas Feierliches, und doppelt friedlich und fast weihevoll lag ringsum die Natur.
Gar nichts hatte sich in der Gungl verändert, war alles ganz genau so, wie es der Wastl damals hinterlassen hatte. Das Holz war als Wintervorrat rings um die Hütte aufgeschichtet wie ehemals, nur waren die Leute jetzt andere, die in der Hütte hausten. Und führten genau dasselbe Leben, das der Wastl und die Vef auch geführt hatten. Etliche kleine Kinder schrien und kreischten und krabbelten in der Stube und Küche herum. Und das junge Weib des Jackl drinnen in der Hütte betreute ihre Kinder und hantierte in der Küche herum, und zankte dann und wann mit ihnen und dem Mann. Genau so wie damals des Wastls Weib, die Vef.
Wie in einem wachen Traum kam sich der Wastl vor, als er jetzt mit dem Kramer Veit vor der Hütte saß. Mußte sich Mühe geben, um daran zu glauben, daß es jetzt anders war, daß er hier als ein Fremder zu Besuch weilte, und daß die schreienden und zappelnden Kinderchen in der Hütte drinnen nicht die seinen waren.
Wie ausgelöscht erschienen ihm diese letzten fünf Jahre, ausgetilgt aus seinem Leben, und es war ihm, als sei es erst gestern gewesen, daß er als Bauer hier gearbeitet hatte. So innerlich ruhig und gefaßt war der Wastl lange ... lange nicht mehr gewesen wie in diesen letzten Tagen.
Und die gute Rede des Kramer Veit fiel heute auf einen fruchtbaren Boden. Wohl viel mehr, als es der Fall gewesen wäre, wenn die Vef ihre Absicht hätte zur Ausführung bringen können, mit dem Wastl über ihre Zukunft zu sprechen.
Der Wastl dachte tief und lange darüber nach. Vielleicht hatte der Kramer recht. Wenn er sich trennte von der Vef ... vielleicht rief er dann die Sehnsucht nach ihm in ihr wach. Denn trotz ihrer abweisenden Kälte, trotz der Gleichgültigkeit, die sie für ihre Kinder bis jetzt gehabt hatte ... alle Liebe zu ihnen war doch nicht erstorben. Das hatte der Wastl durch den Tod des kleinen Tonele erfahren.
Und der Wastl dachte und hoffte, daß vielleicht doch noch ein kleiner Rest von der alten Liebe zu ihm in dem Herzen seines Weibes vorhanden sein könnte. Fand sich nur schwer zurecht mit seinem Gedankengang, der Wastl, und war froh, daß der Kramer Veit so wortlos still an seiner Seite saß und ihn mit keinem Wort aus seiner Nachdenklichkeit störte.
Und endlich hub der Wastl zu reden an.
»Moanst ... Kramer ...« begann er langsam und schwerfällig ... »'s könnt' der Vef lieb sein ... wann i bei die Kinder bleiben tat'?«
»I moanet schon!« bestätigte der Kramer gleichfalls sehr ernst und nachdenklich. Und wieder versenkte sich der Wastl in seine eigenen Gedanken.
»Leicht war's ... weil sie sich g'schamt hat mit mir?« fing er dann neuerdings zu reden an, und mit bangen Blicken schaute er auf den Kramer, um in dessen Gesicht die Antwort abzulesen.
»Kann sein!« bestätigte der Kramer kurz und hüllte sich leicht fröstelnd in den dunklen städtischen Überrock, den er auch hier noch immer zu tragen pflegte. »Kann sein.«
Der Wastl stützte die Arme schwer aufs Knie und verdeckte sich die Augen mit seinen beiden Händen. Und sagte lange nichts mehr.
»Wann i's wisset ...« hub er dann neuerdings sehr langsam zu reden an ... »ganz bestimmt wisset ... daß sie wieder kommet zu mir ...« heiser und gepreßt kam jedes Wort aus der Kehle des Mannes, so daß es war, als müsse er den Laut gewaltsam hervorstoßen ... »i bringet dös Opfer ... i tat's, Veit. War' hart ... aber i tat's!« wiederholte er dann noch einmal.
Er konnte sich eine Trennung von der Vef noch immer nicht vorstellen. Konnte nicht begreifen, wie sein Leben sein würde ohne dieses Weib, das ihn nach wie vor in allen seinen Sinnen gefangen hielt. Je abweisender die Vef mit ihm gewesen war, desto treuer und unterwürfiger war er ihr. Und je heftiger und glühender seine Sehnsucht nach ihr war, desto widerwärtiger wurde er ihr.
Auch der Tod ihres Kindes hatte da keine Änderung in ihren Gefühlen bewirkt. Folternde Gewissensbisse hatten das Weib in jener Nacht zu Füßen der Notburg getrieben. Reue und ein übermächtiges Mitleid mit dem kleinen Wesen, dem sie nie eine Mutter war. Aber ihr Durst nach Erleben, ihre Sehnsucht, zu genießen ... ein freies, unabhängiges Weib zu sein, waren so gewaltig und stark in ihr, daß sie jede andere Regung niederrangen und ertöteten ...
Als der Wastl und der Kramer Veit wieder aus der Gungl ins Dörfl zurückkamen, da hörten sie, daß die Vef mit ihren beiden Schwestern abgereist war. Und die Notburg überbrachte dem Wastl die Botschaft seines Weibes: er möchte ihr nicht folgen und ihr auch nichts verargen. Aber hierher zurückkehren würde sie nie mehr wieder.
Trotz aller guten Vorsätze, die der Wastl in der Gungl drinnen gefaßt hatte, traf es ihn doch recht hart. Er duckte sich, als ihm die Notburg in ihrer ruhigen und guten Art die Worte der Vef sagte, wie unter Peitschenschlägen und schaute die Notburg verstört und aus todwunden Augen an.
Aber dann blieb er doch daheim und arbeitete und schuftete für den Veit wie ein Knecht und suchte Vergessen in seiner Arbeit ...
Und als der Frühling den Florian Siegwein mit seiner kleinen Sängerschar wieder in die Heimat brachte, da fehlte die Vef und mit ihr ihre Schwester, die Rosina.
Es hieß, daß die Rosina geheiratet habe. Irgend einen vornehmen Herrn, der in einem fernen Lande wohnte. Aber der Florian wich allen Fragen nach der Vef aus. Und auch die Julie und die andern wußten nichts zu berichten, als daß die Vef mit ihrer Schwester gezogen sei und nicht mehr in die Heimat zurück wollte.
Dreizehntes Kapitel
Er hatte die Lust am Reisen völlig verloren, der Florian Siegwein. Am liebsten wäre er jetzt daheim geblieben bei der Regina und seinem kleinen Töchterchen. Der Ärger, den er fortwährend mit der Vef und auch mit den übrigen Mitgliedern hatte, verleidete ihm die Freude an seinem Unternehmen.
Aber der Florian brauchte Geld, und zwar viel Geld, denn sein Geschäft in der Heimat dehnte sich immer mehr aus und verschluckte große Summen. Der Florian hatte bauen müssen; denn das Gasthaus war viel zu klein geworden für all die fremden Besucher, die nun aus aller Herren Ländern in immer reicherer Zahl herbeiströmten.
Ein stattlicher, großer Neubau erhob sich jetzt neben dem alten Haus und war mit allem Behagen eines vornehmen Hotels ausgerüstet. Bescheiden und unansehnlich wirkte das Holzhaus, das der Kramer Veit errichtet hatte, neben dem großen Mauerblock, der weiß und protzig dastand und so gar nicht in diese Alpengegend hereinpaßte.
Mit jedem Jahr vermehrten sich die Fremden, und die Bauern im Dörfl verstanden ihren Vorteil und richteten sich nach den Bedürfnissen der fremden Besucher ein. Wer nur eine überflüssige Stube hatte, der verwendete sie als Fremdenzimmer, und drunten im Hauptort des Tales hatte sich ein ganz besonders lebhafter Verkehr entwickelt. Postkutschen fuhren und Wägen, zweispännige und vierspännige; und vornehme Leute hielten sich oft wochenlang in dem Dorfe auf.
Veit Galler aber hatte seinen Kramladen verkauft. Wie der Florian Siegwein die Freude am Reisen verloren hatte, so hatte der Kramer die Lust an den Fremden eingebüßt. Denn sie brachten einen Ton ins Land, der dem Kramer nicht gefallen wollte.
So sehr er früher stolz gewesen war, wenn Fremde die Schönheit seiner Heimat staunend bewunderten, so wenig gefiel ihm die tolle Ausgelassenheit, der sich manche der Fremden hingaben. Er empfand es wie die Entweihung eines Heiligtums, daß man droben im Gasthaus nur Tanz und Trunk zu kennen schien, statt sich, wie es vordem doch der Fall gewesen war, dem stillen Zauber der Einsamkeit und der Berge hinzugeben.
Freilich, jene ersten Fremden waren auch andere Menschen gewesen. Vornehme Leute, während es jetzt in der Hauptsache junge, genußsüchtige Menschen waren, die hier eine Abwechslung ihrer Lebensweise suchten und auch fanden. Und der Florian, der sich mit seinem Neubau in große Schulden gestürzt hatte, betrachtete jetzt seine Sängerreisen nur mehr als ein Geschäftsunternehmen, um für seinen Alpengasthof fürs erste immer neue Gäste anzuwerben und zweitens, damit er eher seine Schulden daheim abzahlen konnte.
Mit der Lust an der Sache entglitten ihm auch die Zügel, an denen er vordem seine kleine Truppe so stramm geleitet hatte. Schon der fortwährende Kampf mit der eigenwilligen Vef hatte den Florian mürbe gemacht. So strenge er einstmals über Sitte und Moral seiner anvertrauten Schar gewacht hatte, so nachsichtig war er mit der Zeit geworden.
Der Florian wußte es, und es wußten auch die andern, daß sowohl die Vef wie die Rosina einen lockeren Lebenswandel führten. Aber sie sprachen nicht darüber; denn sie schämten sich, daß es in der Heimat bekannt würde.
Noch hatten sie die Scheu vor der Heimat, diese reisenden Leute; wollten nicht gering geachtet werden und empfanden es wie eine eigene Schande, daß die beiden Perlmoser Schwestern sich über die herkömmliche Sitte hinwegsetzten. Denn die Rosina war wohl einem Manne in ein fremdes Land gefolgt, aber nicht als dessen ehelich angetrautes Weib. Und die Vef war mit der Schwester gegangen, nicht als Schutz für diese, sondern um ungehindert ihr eigenes Leben führen zu können.
Wild und schäumend war dies Leben und voll Genuß und brachte das Weib körperlich und seelisch herab. Denn bis zu jener Stunde, da der Wastl sie freigab, war sie als Weib rein geblieben. Voll innerlicher Gier nach Lust und Genuß und trotzdem rein. Jetzt, da sie sich frei fühlte, überkam es sie wie ein wirbelnder Rausch. Nicht einer Liebe allein frönte sie, sondern nahm ... völlig toll geworden, was sich ihr bot. Kannte keine Schranke und kein Gesetz. Kannte nur eines: leben und genießen.
Dies alles wußte der Florian ganz genau, und es verdroß und schmerzte ihn, und er war doch ohnmächtig dagegen. Die Verhältnisse waren stärker geworden, als er selber war. Mehr denn je war er gerade jetzt auf die Vef angewiesen; denn er brauchte Geld. Und dieses Geld konnte ihm nur die sieghaft lockende Stimme der Vef verschaffen.
Den ganzen verbissenen Ingrimm, den der Florian Siegwein sowohl gegen die Vef wie gegen die Rosina empfand, ließ er letztere entgelten. Mit der Rosina hatte der Florian kurz vor seiner Rückkehr in die Heimat noch einen heftigen Auftritt gehabt. Und hatte sie mit barschen Worten fortgehen heißen. Sie solle sich nicht unterstehen und wieder zu ihm kommen, sagte er. Dirnen könne er nicht gebrauchen. Und höhnisch herausfordernd hatte ihn die Rosina gefragt: »Aber die Vef? Gelt ... da denkst anders? Die darf wiederkommen, ha?«
Der Florian hatte sich wortlos abgewendet und sich so heftig auf die Unterlippe gebissen, daß sie blutete. Die Vef ... ja, die war die Mächtige und Starke und hielt ihn in der Hand.
Der Florian Siegwein war verdrossen und verschlossen in diesem Sommer und vermied es, wenn er konnte, sowohl mit dem Kramer Veit als mit dem Wastl zusammenzutreffen. Er hatte genug zu tun droben in dem Gasthof und nur wenig Zeit übrig für die alten Freunde. Der Kramer Veit suchte ihn auch nicht auf. War unwirsch und sehr wortkarg, der Kramer, in dieser Zeit. Aber der Wastl machte sich auf den Weg und ging zu dem Florian hinauf. Kam zu ihm ein über das andere Mal und bat und flehte.
»Nimm mi wieder mit, Florl ...« sagte er in dem treuherzig bittenden Ton eines hilflosen Kindes. »I halt's nit aus dahoam.« Aber der Florian blieb hart. Er wußte, daß die Vef die Trennung von ihrem Manne wünschte und wagte es nicht, ihr entgegen zu sein, so sehr ihm auch der Wastl innerlich erbarmte.
»Schau, Wastl ... verlang' dir's nimmer, das Leben!« versuchte der Florian den alten Freund zu trösten. »Hast's ja viel schöner daheim. I tauschet glei' mit dir, wenn i könnt', und hänget die verflixte Singerei auf'n Nagel!« redete er ihm gut zu. Aber der Wastl wollte keinen Trost.
»Du ... ja ... Du hast dei' Weib dahoam. Das ist anders!« sagte er einfach, aber der Ton schnitt dem Florl ins Herz.
Völlig aufdringlich war der Wastl dem Florian geworden, je näher der Tag der Abreise herankam. Wollte absolut mit und lungerte und lauerte um den Alpengasthof herum und bat und flehte, sowie er den Florl zu Gesicht bekam. Schließlich wurde der Florl grob gegen ihn. Konnte sich nicht anders helfen.
»Wenn i dir's sag' ... daß i di nit brauchen kann!« fuhr er den Wastl unwirsch an. »Sei do koa Lapp nit! Die Vef will di nit, und i brauch' di nit. Hast ja überhaupt koa Stimm' mehr!« sagte er brutal.
Da ging der Wastl, aber nicht hinunter zum Kramer Veit und der Notburg, sondern hinaus in das stattliche Dorf im Tal. Dort wußte er von einem Mann, der ihm das Gütl vom Göd abzukaufen wünschte. Und der Wastl verkaufte sein Heimatl und bekam Geld dafür. Der kleine Martl aber mußte hinaus, Bauernknecht machen auf einem fremden Hof, wie es der Vater in der Jugend gemußt hatte. Und der Jackl und sein Weib fluchten dem Wastl; denn der Wastl hatte ohne Rücksicht gehandelt und sie alle obdachlos gemacht.
Der alte Perlmoser wetterte und schrie. Verfluchte alle, die Töchter und den Schwiegersohn und den Florian Siegwein und den Kramer Veit. Denn dieser war der eigentliche Urheber an allem Leid, das über den Perlmoserhof gekommen war.
Ein rüstiger alter Mann, verbissen und innerlich mit allen zerfahren, das war der Perlmoser. Und sein Weib, die Perlmoserin, alt und gebrochen, legte sich nieder zum sterben. Sie war ehrlich müde geworden am Leben und verstand die Zeit und ihren Wandel nicht. War gut für das Weib, daß es sterben durfte.
So hatte denn der Jackl wieder ein Heim für sich und die Seinen; denn der Vater übergab ihm nun den Hof und ging in den Austrag. Stellte nur die eine Bedingung. Niemals dürfe der Jackl den Siegweinischen drüben auch nur ein Ei abliefern. Und niemals dürfe er einen Verkehr haben mit den Schwestern und mit des Siegweins Leuten. Das versprach der Jackl und hielt es auch. -- -- --
Und abermals waren etliche Jahre vergangen, und droben im Alpengasthof feierte man ein Fest. Die Perlmoser Julie hielt Hochzeit, heiratete, aber keinen der feinen Herren, die ihre Verehrer waren, sondern einen der Sänger, die mit dem Florian gereist waren. Und wollten in der Heimat bleiben, die jungen Leute, einen Gasthof auftun, drunten in der Nähe der Schlucht, wo die drei Wildbäche ineinanderflossen.
Es ging hoch her bei der Hochzeitsfeier der Julie. War ein halb städtisches und halb ländliches Fest. Mehr ein Theater, um den fremden Gästen einmal die Gebräuche einer Bauernhochzeit vorzuführen. Es fehlten die Verwandten und nächsten Freunde der Braut, und der Florian mußte Brautvater und die Regina Brautmutter machen.
In langem Zug zogen sie vom Gasthof herab in die kleine Dorfkirche, und die Bauern des Dörfels schauten bei dem eigenartigen Schauspiel zu und lachten darüber. Sie lachten über den koketten Aufzug der Braut, die sich in ihrer Bühnentracht zur Kirche begab, und viele empörten sich über den schamlosen Ausschnitt des schwarzen, samtenen Miederleibchens. Aber den Fremden, die in der Hauptsache das Kirchlein füllten, gefiel es, und sie hielten die pomphafte Aufmachung für echten Bauernbrauch.
War eigentümlich, wie wenig die Fremden in Wirklichkeit von dem wahren Bauerntum in sich aufnahmen. Sie lebten oft wochenlang unter den Bauern, sahen ihre Arbeit und hörten ihre Sprache. Aber von ihren wirklichen Sitten, von ihren Gebräuchen und ihrer Art ahnten sie nur wenig. Die Bauern blieben verschlossen und mißtrauisch gegen alles Fremde und nützten nur ihren Vorteil aus. Waren freundlich und erwiderten die Anreden, aber sie sprachen anders wie sonst und über Dinge, die dem Bauer eigentlich gleichgültig sind.
Am Abend der Hochzeit hielt der Florian Siegwein zu Ehren des Brautpaares einen großen Bauernball ab. Und alle, die da wollten, konnten kommen, um mitzutanzen. Es tanzte das Stadtfräulein mit dem Melcherknecht vom Alpl droben und der feine Stadtherr mit der derben Bauernmagd, und bis zum frühen Morgengrauen dauerte das Fest.
Auch der Stanis hatte sich eingefunden und wirbelte mit affenartiger Behendigkeit im tollen Tanz. Es war erstaunlich, wie geschmeidig der Melcher trotz seiner vorgerückten Jahre noch geblieben war. Konnte es im Schuhplatteln noch immer mit den jüngsten Burschen aufnehmen und war rauflustig trotz seines stark ergrauten Bartes wie in jungen Jahren. Sie vermieden es noch immer, die jungen Burschen, mit dem Stanis anzubandeln; denn sie fürchteten sich, eine Niederlage zu erleiden.
Und heute hatte der Stanis wieder einmal weit über den Durst getrunken. War aber trotzdem immer noch standfest auf den Beinen, der kleine Kerl, und ließ auch nicht einen einzigen Tanz aus. Und just die feschesten Tänzerinnen wählte er sich. Er machte Witze, daß die Damen erröteten und die Burschen vor Vergnügen laut gröhlten.
Die Herren aber, die es hörten, ärgerten sich über den ausgelassenen alten Kerl und verlangten von dem Florian Siegwein, daß er ihn entferne. Dem Stanis gefiel es jedoch so ausgezeichnet auf dem Ball, daß er gutwillig gewiß nicht ging. Das wußte der Florian ganz genau und war einigermaßen in Verlegenheit, wie er den Stanis losbringen sollte.
Es fand sich keiner der Burschen, der den Stanis mit Gewalt hinausgeschmissen hätte. Sie wollten es nicht verderben mit ihm; denn sie mochten ihn alle gut leiden und fürchteten seine Rache. Aller List, die sowohl der Florian wie auch die Regina anwandten, widerstand der Stanis.
Er wünschte diese tolle Nacht voll auszunützen und blieb ... allen Bemühungen zum Trotz ... fest auf seinem Posten. Hüpfte und tollte und gröhlte und wurde den Damen immer aufdringlicher. Er küßte sie beim Tanz ganz ungeniert auf den Mund, gerade so, als ob es eine Bauerndirn gewesen wäre; und ganz verliebt tat er mit einer kleinen blonden Frau, die ihm besonders gut zu gefallen schien.
Wie eine Klette hing er sich an ihr an, umarmte sie mit tolpatschiger Zärtlichkeit und ließ sie nicht mehr los. Und alles Wehren der jungen Frau war vergeblich. Auch als sich der Florian, von dem Gatten der Dame aufgestachelt, dem Stanis energisch in den Weg stellte, half es nichts. Der Stanis parierte dem Florian einfach nicht, frech und unverschämt wie ein Junger.
»Mach' di ... du ...« warnte der Stanis und schob den Florian mit einem seiner kunstvollen Rauferkniffe, die ihn so unüberwindlich machten, beiseite, so daß der stämmige Mann in weitem Bogen in den Saal flog.
»Hast g'nuag iatz ... Florl ... oder magst no oane fangen?« höhnte er ihn dann.
Sie standen alle im Kreise um den Rauflustigen, der die junge Frau mit dem einen Arm fest umklammert hielt, so daß sie ihm nicht entfliehen konnte. Und da viele der Burschen stark angetrunken waren, belustigten sie sich über den witzigen alten Kerl, lachten ihm zu und forderten ihn noch zum Widerstand auf.
»Recht, Stanis! G'halt dir's lei dei' Weibl!« rief einer.
»Gib ihr a Bussl!« munterte ihn ein anderer auf. Niemand schien ein Gefühl für die Lage der Dame zu haben, die ganz verzagt zu weinen begann. Daß dieser Spaß so enden würde, das hatten sie sich denn doch nicht vorgestellt.
Die meisten Herren und Damen hatten, als die Situation ungemütlich wurde, den Saal fluchtartig verlassen, so daß zuletzt nur die Bauernburschen mit ihren Dirndeln übrig blieben. Der Gatte der Dame sah sich allein und verlassen dem Stanis gegenüber.
»Lassen Sie meine Frau los ... unverschämter Kerl!« sagte er zornig. Er war jung, stattlich und groß und von vornehmer Herkunft.
Boshaft blinzelte der Melcher aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem Herrn empor.
»Ist's leicht dei' Weibl?« höhnte er.
Der Herr gab dem frechen Kerl statt jeder Antwort eine schallende Ohrfeige. Das half. Mit einem so jähen Ruck ließ der Stanis sein Opfer los, daß die junge Frau taumelnd nach rückwärts fiel und von einigen hilfsbereiten Burschen aufgehoben werden mußte.
Der Stanis aber sprang, einer Wildkatze ähnlich, seinen Gegner an. Umklammerte ihn und würgte ihn am Hals. Der Fremde wehrte sich mit viel Geschick, und der Florian eilte zur Hilfe herbei, dazu noch einige der Burschen. Aber der Stanis klammerte sich an den Fremden und hing ihm am Halse. Die Püffe und Stöße, die der Stanis nun von allen Seiten erhielt, reizten ihn zur höchsten Wut.
Noch nie war es vorgekommen, daß er bei einer Rauferei unterlegen wäre. Und daß sie nun alle gegen ihn waren, empfand er als Heimtücke und Niedertracht. Er kannte keinen Unterschied des Standes, der Stanis. Rauferei blieb Rauferei. Wer auf dem Tanzboden anwesend war, mußte sich seine Späße eben gefallen lassen. Und wer das nicht wollte, mit dem raufte er halt. Aber die andern sollten ihn in Ruhe lassen und sich nicht einmischen. Mit dem hearrischen Tolm wollte er allein fertig werden.
Der Stanis brüllte, außer sich vor Zorn, wie ein wildes Tier, als man ihn gewaltsam von dem Herrn zu trennen versuchte. Seine Füße baumelten in der Luft, und seine Hände umklammerten den Hals seines Gegners, daß dieser blaurot im Gesicht wurde und hart nach Luft rang.
Und in dieser Angst stieß er den Stanis mit den Füßen und brachte ihn zu Fall. Fiel aber über ihn, denn der Kerl ... toll vor Wut ... ließ nicht von ihm ab. Und pfauchte und pfiff vor sinnlosem Zorn. Und würgte den Hals des Fremden, der schwer über ihm lag. Und der Stanis fühlte, wie seine Finger, die sich in den Hals des Gegners gleich Eisenklammern einkrallten, gewaltsam gelöst wurden, und in seiner sinnlosen Wut, die tierisch und nicht menschlich war, öffnete er den Mund und biß in das Fleisch des Gegners.
Ein weher Schrei und dann ein pfauchender Laut und noch ein Biß, und Blut quoll aus dem Gesicht des fremden Herrn.
Der Stanis aber ließ von seinem Opfer ab. Er hatte dem Gegner die Nase abgebissen, und mit der Tat kehrte ihm die Ruhe wieder und das Bewußtsein. Er fühlte aber keine Reue, sondern stolze Genugtuung. Denn nun war er trotz der Überzahl der Gegner doch nicht unterlegen.
Und gleich einem Sieger schaute er im Kreise herum, schaute auf die angstvoll erschrockenen Gesichter und auf das entstellte blutige Antlitz des Fremden. Und lachte ... Lachte ... und ließ sich willig und ohne Gegenwehr hinabführen in das stattliche Dorf, wo der Gendarm wohnte ...
Als ihn die Richter für seine rohe Tat zu einigen Jahren Zuchthaus verurteilten, da lachte der Stanis nicht mehr. Es war das Schlimmste, was ihm widerfahren konnte, diese jahrelange Freiheitsberaubung. Und es schürte nur noch mehr den Haß, den er in seinem Innern stets gegen die fremden Leute gehabt hatte. Aber er bereute seine Tat trotz allem nicht.
Vierzehntes Kapitel
Ohne Rast und Ruh' folgte der Wastl seiner Frau. Wie eine fixe Idee war es, die ihn nicht mehr los ließ. Umsonst bat und warnte der Kramer Veit.
»Wastl, vertu' dei' Geld nit. Wirst no a Lump auf die Weis' ...« Es half nichts. Er dachte nicht mehr an die Heimat und nicht mehr an die Kinder. Hatte nur immer den einen Gedanken: die Vef. Und oftmals überkam ihn eine große brennende Angst um sie. Ein Unglück könnte ihr widerfahren, wenn er nicht bei ihr wäre. Er müsse sie schützen, müsse in ihrer Nähe weilen.
Dann ließ er die Arbeit in der Heimat, zu der er doch immer wieder zurückkehrte, und folgte der Vef von Stadt zu Stadt und von Land zu Land, solange ihm das Geld ausreichte.
Die Glanzzeit des Florian Siegwein und seiner Sängerschar hatte längst ihren Höhepunkt erreicht, und es ging allmählich, aber stetig abwärts mit ihnen. Wohl sangen sie nach wie vor in den großen Sälen der Städte und nur vor gutem Publikum. Aber jene ersten vornehmen Kreise, die sich ehedem für die reisenden Tiroler interessierten, hatten sich langsam zurückgezogen.
Sie erhielten keine Einladungen mehr auf die Schlösser der Fürsten und durften auch nicht mehr vor gekrönten Häuptern singen. Der Florian hatte in den letzten Jahren arges Pech gehabt. Der Simeringer Franz, der vom Anfang an eine Hauptstütze seiner Gesellschaft gewesen war, hatte sich immer mehr dem Trunke ergeben, so daß er schließlich seine Stimme einbüßte und durch eine andere Kraft ersetzt werden mußte.
Nun reiste der Simeringer Franz auf eigene Faust, warb etliche Leute in der Heimat an und verursachte dem Florian Siegwein manchen Verdruß. Denn er war nicht wählerisch, der Simeringer Franz, sang in Weinkneipen und rauchigen Bierlokalen und achtete nicht auf den Ruf seiner Leute.
Das ärgerte den Florian, da oft durch eine Verwechslung seine eigene Truppe in Mißkredit geriet. Mit dem Simeringer Franz zu reisen erschien verlockender wie mit dem Florian Siegwein. Denn der Florian kämpfte tapfer und mit zäher Energie, um seiner Truppe den vornehmen Ruf, den sie einmal besessen hatte, wieder zu erobern.
Es gab viel Zank und Streit, und schließlich trennte sich auch der Tobias Scholl von dem Florian und ging zu dem Simeringer Franz über. Die Zeißler Anna, die auch von allem Anbeginn mit dem Florian reiste, war in der Fremde gestorben. Lungenkrank, stellten die Ärzte fest, die sie monatelang in dem Spital einer Großstadt pflegten. Und einsam und von allen verlassen betteten sie die junge Tirolerin ins fremde Erdreich.
Es war nur noch die Vef übrig von den alten Kräften des Florian Siegwein, und auch ihre sieghaft schöne Stimme hatte nachgelassen und war im Verblassen. Der Lebenswandel, den die Vef führte, war nicht ohne Folgen für ihre Gesundheit geblieben. Das üppig schöne Weib welkte dahin und alterte in wenigen Jahren. Mit allen Mitteln der Kunst erhielt sie sich nun. Sie wußte, daß ihre Schönheit ihr einziger Besitz war.
Die Vef hatte keine Freude über die Anhänglichkeit ihres Gatten. Für sie war die Vergangenheit erloschen, und sie hatte gebrochen mit allem, was ihr einst lieb und teuer gewesen war.
Sie wies den Wastl von sich, hart und schroff. Aber ohne Erfolg. Wie mit Blindheit war der Mann geschlagen. Ahnte nichts von ihrem Lebenswandel und wollte vielleicht auch nichts ahnen. Nach wie vor blieb sie für ihn die Vef, die er einstmals geliebt hatte. Die resche, resolute Frau mit dem guten und keuschen Herzen. Und niemand war, der den Mut gehabt hätte, ihm die Augen zu öffnen. Bis er selbst dahinter kam.
In diesem letzten Winter war die Not an den Wastl herangetreten. Er war nun endgültig fertig mit dem Gelde, das er für sein Gütl in der Gungl erlöst hatte, und mußte knausern und sparen. Noch etliche Wochen würde es ihm reichen, und dann mußte er, wollte er nicht verhungern, sich um einen Verdienst umtun.
Die Arbeit scheute er nicht, der Wastl. Wäre selig gewesen, wenn er nur wieder hätte arbeiten dürfen. Aber arbeiten war gleichbedeutend mit der endgültigen Trennung von seinem Weibe, und diese, das wußte er aus Erfahrung, konnte er auf die Dauer nicht ertragen.
Er hungerte und darbte und schlief in den elenden Schlafstellen der großen Städte, nur um sein Geld zu strecken, und suchte sich dann und wann einen Gelegenheitsverdienst. Aber gut bezahlte Arbeit war nur selten zu finden, und wenn sich der Wastl als Taglöhner gar zu sehr herunterkommen ließ, dann wurde es ihm noch schwerer gemacht wie bisher, sich seiner Frau zu nähern. Das wußte er bestimmt.
Als die Not ganz groß geworden war, da nahm sich der Wastl ein Herz, um mit seinem Weibe zu reden. Fast kam's ihm vor wie damals droben am Alpl, als er um die junge Vef geworben hatte.
Dasselbe wochenlang währende Hangen und Bangen und genau dieselben quälenden Zweifel, ob er ihr doch noch gefallen könnte ... und doch wieder das feste, überzeugte Zutrauen zu ihr. Genau wie in jener fernen Zeit, so redete er auch jetzt sich tagelang zu, ehe er den Mut fand, die Vef zu stellen.
Sie war ja immer ein bissl schroff und zuwider gewesen, die Vef, und war, als sie sich damals dann ausgesprochen hatten, doch eine kreuzbrave Frau geworden. Und dieser gute Kern steckte sicher trotz allem immer noch in ihr. War halt jetzt durch das üppige Leben ein bissl arg verwöhnt und halt auch noch launischer wie ehedem.
So redete sich's der Wastl immer wieder ein. Und wenn die Vef hörte, wie es um ihn stand, wie die alte Liebe zu ihr gleich stark und mächtig in ihm war wie damals am Alpl droben, wie er jetzt sogar hungerte und fror und um sie litt, dann würde das Mitleid für ihn sicher die Oberhand gewinnen. Und weiß Gott, vielleicht ging sie dann doch mit ihm in die Heimat zurück ...
Ein nebliger, naßkalter Wintertag war's, ohne Schnee und mit feinem, rieselndem Regen. Einer jener öden, grauen Tage, die in der Großstadt so trostlos traurig sind. Düster und schwer ist die Luft, und die Straßen sind glitschig vom feinen Regen, der dünn und unablässig niederträufelt.
Das ist das Wetter, wo die Menschen, innerlich erstarrt, sich nach Licht und Sonne und Wärme sehnen. Und alle, die da Frohsinn suchen und Glück, eilen ... Nachtfaltern gleich ... die das Licht umschwärmen, in festlich geschmückte Räume. Sie eilen zu Tanz und Spiel und Konzerten und Theatern und suchen Vergessen vor der inneren Leere ihrer Herzen.
Der Florian Siegwein hatte mit seinen Leuten schon etliche Wochen in der großen Stadt gastiert. Allabendlich sangen die Tiroler, und die Säle waren von Gästen gefüllt wie immer. Und sieghaft schön wie immer stand die Vef vor ihrem Publikum und sang ihre lockenden Lieder. Aber ihre Stimme klang nicht mehr so frisch und so innig, und die blühenden Farben des Gesichts wurden durch Schminke ersetzt.
Der Florian rechnete es sich im geheimen aus, wie lange die Vef wohl noch als Lockvogel zu gebrauchen sein würde. Kaltblütig, ohne Illusion und ohne Mitleid mit ihr. Denn er wußte, daß sie dann arm sein würde und sich kümmerlich durchbringen müßte.
Sie hatte keine Ersparnisse gesammelt, die Vef, hatte im wilden Taumel gelebt und das Geld, das sie verdiente, mit vollen Händen hinausgeschmissen. Daß sie einmal arm und unbrauchbar sein würde, das erfüllte den Florian Siegwein mit einer Art boshafter Genugtuung.
Sie hatte ihm viel zu viel Ärger bereitet, diese Frau, und hatte ihn ihre Macht immer wieder fühlen lassen, so daß alles menschliche Mitgefühl mit ihr einem geheimen Rachedurst gewichen war. Jetzt war sie ihm nur mehr ein Rechenexempel, und mit scharfem Ohr und unnachsichtig scharfem Blick gewahrte der Florian Siegwein alle Mängel ihrer Stimme und ihrer Erscheinung, und insgeheim hielt er Umschau in der Heimat nach einer Nachfolgerin für die Vef.
Der Wastl aber bemerkte keinerlei Veränderung an der Vef. Wenn die Vef sang, so fehlte er nie unter den Zuhörern, und ihre Stimme hatte für ihn nach wie vor den süßen, einschmeichelnden Zauber, den sie stets gehabt hatte. Und gleich begehrenswert erschien ihm das Weib, das seine Schönheit so verführerisch zur Schau zu stellen wußte. Dieser herrliche, blendend weiße Nacken und die volle Büste, ihre stolze, vornehme Haltung, welche der einer Königin gleichkam. Voll und reich war das blonde Haar und drückte das feine, etwas schmal gewordene Gesicht gleich einer schweren Krone.
Dem Wastl gefiel sein Weib mit jedem Abend, an dem er sie sah, immer nur noch besser. Kein Wunder, daß sie so viele Verehrer besaß und daß man sie mit vielen schönen Blumenspenden ehrte. Da war auch nicht eine einzige Frau im Saal, die es der Vef an Schönheit hätte gleichtun können.
Oft spähte der Wastl heimlich im Saal herum. Und musterte mit kritischem Auge die Frauen, die zugegen waren. Aber die Vef ... seine Vef ... war und blieb doch immer die Schönste von allen.
So stolz war der Wastl auf sein Weib! Und wenn am Schluß des Konzertes reicher Beifall die Sänger lohnte, dann raste der Wastl wie toll vor Begeisterung und riß die andern stürmisch mit. Er vergaß, wie sehr er unter dieser Frau zu leiden hatte, vergaß seine Entbehrungen und seine Sehnsucht nach ihr und war nur noch stolz auf sie. Und dieser Stolz erhob ihn über sich und seine Not und machte ihn widerstandsfähig und steigerte nur immer brennender sein Verlangen nach ihr.
Und heute abend, als sie die Vef wieder einmal ganz besonders stürmisch gefeiert hatten, da lauerte der Wastl am Ausgang des Saales, um mit der Vef zu sprechen. So hatte er der Vef oft aufgepaßt, und sie war, je nach ihrer zufälligen Laune, gut oder auch abweisend gegen ihn gewesen.
Anfangs freilich war sie nur hart zu ihm gewesen. Hatte ihn gehen heißen und zornig mit dem Fuß aufgestampft. Als sich aber der Wastl dann doch immer wieder einfand und sich durch gar nichts abschrecken ließ, da siegte die Gutmütigkeit in dem Herzen des Weibes, und sie duldete es, daß er sie nach Hause begleitete und ihr von den Kindern sprach. Und oftmals gab sie ihm auch Geld für die Kinder, aber sie trug kein Verlangen, sie zu sehen oder in die Heimat zurückzukehren.
War die Vef aber übel gelaunt, dann schnappte sie den Wastl ab, resolut und grob, und zankte mit ihm, weil er sie nicht in Ruhe ließ, und der Wastl schlich dann mit eingezogenem Kopfe und schwerem Herzen gedrückt davon, um schon am nächsten Abend sich wieder bei ihr einzufinden.
Sie war nicht gut gelaunt heute, die Vef, als sie den Wastl sah. Im Dunkel der Nacht stand er an der Ausgangstüre, und die Laterne der Straße warf einen schrägen Schein auf das Pflaster. Das Licht spiegelte sich in den Pfützen und zitterte verlöschend auf dem glitschigen Gehsteig.
Mit aufgestülptem Kragen und in Pelze gehüllt eilten die Leute in die Dunkelheit der Nacht. Die Vef kam am Arme eines Verehrers, in kostbares Pelzwerk gekleidet, zu dem Wagen, der für sie bereit stand. Große Diamanten funkelten in ihren Ohren, und zornig zog sie die Stirn in Falten, als der Wastl auf sie zukam.
»Grüß dich, Vef!« Er streckte ihr mit glücklichem Lachen seine große, derbe Hand entgegen. »Grüß dich, Vef!« wiederholte er.
Die Vef achtete nicht darauf. »Bist schon wieder da?« sagte sie unwirsch. »I kann di heut' nit brauchen. Wir feiern Abschied!« erklärte sie mit Bestimmtheit und wollte an dem Mann vorübergehen und in den offen gehaltenen Wagen steigen.
Der Wastl aber vertrat ihr den Weg. »I hätt' zu reden mit dir, Vef ...« stieß er heiser hervor. Sein Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Zornig stampfte die Vef mit dem Fuße auf.
»Pack' dich!« zischte sie. Und der Herr an ihrer Seite hob sie rasch in den Wagen und warf den Schlag zu.
»Schnell!« befahl er dann dem Kutscher. Und die Pferde zogen mit jähem Ruck an, stampften und wieherten vor Freude, daß sie nun laufen durften.
Das alles geschah so eilig, daß der Wastl beinahe unter die Räder gekommen wäre. Denn als er das giftige, herrische Wort der Vef hörte, traf es ihn wie Peitschenschlag ins Gesicht. Und einen Augenblick taumelte er ... nur einen kurzen Augenblick, dann schoß ihm das Blut heiß und schwer zu Kopf.
»Pack' dich!«
Und der andere hatte sie ... sein Weib in den Wagen gehoben und war mit ihr davongefahren.
Der Wastl lief, was er laufen konnte. Ohne Besinnen. Durch die Straßen und Gassen und Gäßchen und über die Plätze der großen Stadt lief er. Nur nach. Immer nach! Nur nicht den Wagen aus den Augen verlieren. Er mußte es wissen, wohin die Vef in der Nacht fuhr. Mit ihm ... dem anderen.
Er merkte es nicht, wie ihm die Leute scheu auswichen und ihm mißtrauisch nachschauten. Er sah nichts als nur den Schein der beiden Wagenlichter in der Ferne und verfolgte ihn mit Anspannung seiner ganzen Kräfte. Mitten durch das Gewühl der Menschen zwängte er sich und folgte jeder Straßenbiegung, die das Gefährt nahm.
Ließ es nicht aus den Augen ... keine Minute lang ... und sah von ferne, wie der Wagen Halt machte und der fremde Herr mit der Vef unter dem Torbogen eines hohen Hauses verschwand.
Er durfte nicht in das Haus hinein, der Wastl. Sein Klopfen blieb ungehört, und niemand kam, der ihm Auskunft über die Bewohner des Hauses gegeben hätte.
Daß die Vef nicht in diesem Hause wohnte, das wußte der Wastl bestimmt. Denn der Florian Siegwein hatte es bis jetzt immer durchgesetzt, daß die Mitglieder seiner Truppe gemeinsam mit ihm unter einem Dache lebten. »Sein oa Familie ... wir Tiroler ...« pflegte der Florian noch immer zu sagen und wußte es doch genau, daß das alles nur mehr Schein war und das Wort zur Phrase geworden war.
War eine Eifersucht in dem Wastl. Quälend und brennend. Der fremde Herr ... die Vef ... sein Weib ... und war da drinnen in dem düstern, hohen Haus.
Bis zum Erwachen des neuen Tages stand der Wastl auf seinem Posten am Eingang des Hauses. Er fühlte nicht Kälte und Frost und hatte doch die Glieder starr vor Frost. Es tobte und brannte ihm der Kopf ... Daß er an nichts anderes denken konnte, nur immer wieder den einen Gedanken ... die Vef ... da drinnen mit dem fremden Herrn ... Und pack' dich! hatte sie zu ihm gesagt.
Wie langsam die Stunden in dieser Nacht verrannen! Irgendwo schlug eine Kirchturmuhr in der Ferne. Anfangs zählte der Wastl die Schläge mechanisch ... ohne zu denken. Eins ... zwei ... drei ... Dann aber achtete er nicht mehr darauf. Stand nur immer Posten in der Einsamkeit der Nacht.
Menschenleer und verlassen war die Gasse. Mußte ziemlich entfernt sein von dem Innern der Stadt. Er kannte sie nicht, die enge Gasse, und wußte auch nicht, wo er sich befand. Es interessierte ihn auch gar nicht. Nur eines interessierte ihn, und nur eines dachte er ... die Vef.
So düster, wie die Gasse war, und so hoch die Häuser. Hatten dicke graue Mauern und hohe, vergitterte Fenster. Häßlich war's und unlustig, fast zum Fürchten. Der Wastl hätte nicht hier wohnen mögen. War weit schöner und freier gewesen sein Heimatl in der Gungl, und war dort nicht so schwer zum Atmen wie hier, und wenn die Nebel auch noch so dicht und schwer über die Felsenwände herabhingen.
Die Gungl und der Göd und die Kinder ... das Tonele, das gestorben war ... und die Vef ... An alle mußte der Wastl in dieser langen Nacht denken. Gar an alle. Und war ihm, als wären sie bei ihm ... Bis die Gedanken dann wieder wie ein toller Reigen in seinem Kopf herumwirbelten und er an nichts mehr denken konnte als: die Vef ... und da drinnen ... ehrlos ...
Von ferne hörte der Wastl das Rollen eines Wagens. Es kam immer näher und näher. Einförmig und gemächlich trabten die Hufe der Pferde auf dem steinigen Pflaster. Hatten es gar nicht eilig und kamen dann doch immer näher und näher und hielten vor dem großen Hause, wo der Wastl Posten gestanden hatte.
Er drückte sich, um nicht gesehen zu werden, hinter einen Pfeiler des hohen Eingangsportales und starrte, die Hände fest in seinen Manteltaschen haltend, unverwandt auf die Türe, durch die sein Weib kommen mußte.
Die Pferde stampften unruhig, und der Wastl wagte jetzt kaum mehr zu atmen.
Lang dauerte das Warten, so lange, daß der Kutscher, der anfangs vor dem Wagen auf und ab gegangen war, sich in das Wageninnere setzte und dort zu schlafen schien.
Und wieder schlug die Uhr am Turm der fernen Kirche. Ein leiser Lärm regte sich entfernt und ganz allmählich. Die Großstadt erwachte und mit ihr die Melodie des Alltags. Milchgefährte rasselten, und vereinzelte Fußgänger kamen. Und alles hatte noch den Flüsterton der Nacht. Und die Dunkelheit der Nacht wich von der Gasse wie ein schweres Tuch und machte einem leichteren schwarzgrauen Schleier Platz.
Der Kutscher stieg fröstelnd aus dem Wagen, rieb sich die Hände und schritt stampfend und ärgerlich auf und ab. Und unruhig scharrten die Pferde und neigten die Köpfe einander zu, als wollten sie miteinander heimlich bereden, weshalb sie im Grauen des frühen Morgens hier zu warten hatten.
Fest lehnte sich der Wastl an den Pfeiler, hinter dem er versteckt stand. Starrte mit brennenden Augen auf die Tür und krampfte die Fäuste in den Taschen des Mantelrocks.
Und dann öffnete sich die Tür mit leisem Krachen ganz leise und sacht ... und noch ein Flüstern hinter der Türspalte ... ein matter Lichtschein ... und der Schatten eines Weibes.
Und der Wastl stand und horchte und sah ... klar und deutlich, wie sich ein Männerarm um den Nacken seines Weibes legte ... sah, wie sich ihr Kopf zurückbeugte, und sah, wie ihre vollen Lippen sich dem fremden Herrn lüstern darboten. Und knirschend preßte er die Zähne aufeinander und klammerte sich mit beiden Händen an den Pfeiler, um nicht wie ein gereiztes Tier auf das Weib zu springen.
Leichtfüßig wie ein junges Mädchen lief die Vef, ohne den Wastl zu sehen, über den Gehsteig zu dem Wagen hinüber. Der Kutscher schlug den Schlag zu und stieg auf den Bock.
»Hü!« Die Pferde zogen an, und mit einem wilden Satz sprang der Wastl auf den Tritt des Wagens und öffnete die Wagentüre. Ein erschreckter Schrei aus Frauenmund ... Der Kutscher hörte ihn nicht; denn der Lärm der rollenden Räder auf dem Steinpflaster übertönte ihn.
Wie ruhig und kalt überlegend der Wastl mit einem Male geworden war. Redete und handelte, als ob er ein Fremder sei und nicht er selber.
Wie selbstverständlich setzte er sich der Vef gegenüber, die sich fest in die weichen Polster schmiegte. Kalkweiß war sie im Gesicht und hatte Angst.
»Brauchst dich nit zu fürchten, Vef. I tu' dir nix!« sagte der Mann sehr ruhig, aber seine großen, dunklen Augen, die immer so gut schauten, hatten einen fremden, wilden Blick.
»I schrei ...« stieß die Vef geängstigt hervor. »I ...«
Da lachte der Wastl rauh und hart. »Tu's ...« höhnte er boshaft. »Damit die Leut' kommen und mich von mein' Weib trennen?«
Und dann beugte er sich weit zu ihr hinüber, so daß sein Gesicht das ihre fast berührte, und preßte ihre beiden Hände so fest in den seinen, daß es sie heftig schmerzte.
»Wo bist g'wesen ... Vef?« stieß er heiser und gebieterisch hervor. »Wo bist g'wesen?«
Die Vef schauderte in ihrem kostbaren Pelzwerk vor innerer Angst und Kälte. Aber sie war nicht feig.
»Aus lass' mich! Du!« befahl sie resolut und sah ihn mit zornfunkelnden Augen an.
Aber der Wastl ließ nicht los, sondern zog das Weib immer näher an sich heran, bis sie vor ihm auf den Knien zu liegen kam. Wie mit Eisenklammern hielt er sie und beugte sich über sie.
»Du ...« keuchte er wild und zornig. »Du ... und a söllene bist! Und mei' Weib!«
»Lass' mich, du!« fauchte ihn die Vef wie eine Wildkatze an und wand und krümmte sich unter seinem festen Griff.
»Bin dir g'folgt wia a Hund ...« keuchte der Wastl außer sich ... »hast mi um alles bracht ... und jetzt no um mei' Ehr! Du ...«
»Lass' mich!« zischte die Vef in ohnmächtiger Wut. »Lass' mich ... mi graust vor dir!«
Da war's geschehen. Ein wilder Schrei des Mannes, und dann hieb er auf das Weib ein. Brutal und unbarmherzig. Schlug auf sie ein, ohne zu denken, wohin er traf. Und unter seinen Hieben kamen ihr die Tränen. Stolze Tränen ... denn sie verbiß den Schmerz und ertrug die Züchtigung. Krümmte sich lautlos und ohne Gegenwehr unter der Wucht seiner Kraft.
Und als der Wagen sein Ziel erreicht hatte, sprang der Wastl heraus. Und die Vef folgte langsam und gebrochen. Breitspurig ... ganz Bauer ... trotz des städtischen Gewandes, das er trug, stellte er sich vor ihr auf. Und spie zur Erde. Und die Vef wandte sich, ohne ein Wort zu sagen, dem Hause zu, in dem sie wohnte, aschfahl und müde und gebeugt. Und in ihren hellen, sonst so sonnigen Augen lauerte ein tiefer Haß gegen den Mann, der sie gezüchtigt hatte und der ihr Gatte war.
Aufrecht, wie lange nicht mehr, ging der Wastl seines Weges. Ging durch die Straßen der Stadt, die sich im frühen Wintermorgen immer mehr belebten, ging achtlos und ohne Gedanken ... viele ... viele Stunden. Wie ein Traumwandelnder ... Fühlte nichts und empfand nichts. Nur leer war's in ihm ... trostlos leer.
Der rieselnde Regen des Vortages hatte sich in einem feinen Schneefall aufgelöst. Und ein scharfer Wind blies eisig dem Wandernden ins Gesicht. Unermüdlich ging er ... ohne Nahrung und ohne Trunk ... Bis es ihn am späten Nachmittag zu frieren anhub. So heftig, daß ihm wie einem Kranken die Zähne klapperten.
Da kehrte der Wastl in eine Schenke ein. Und trank ... trank sinnlos und ohne Wahl ... und trank, bis er wie ein Tier betäubt unter dem Tisch der Schenke lag.
Fünfzehntes Kapitel
In seinen besten Jahren hatte der Tod den Florian Siegwein dahingerafft. Ohne Krankheit und ohne Vorbereitung. Ein Schlaganfall war's, und sie hatten ihn tot in seinem Bette gefunden.
Die Regina erfuhr es erst nach Wochen, als er schon in dem fremden Erdreich schlummerte. Und das war ihr das Allerhärteste. Daß er so weit von der Heimat entfernt hatte sterben müssen und daß sie nicht einmal zu seinem Grabe konnte. Auch daß sie nicht hatte bei ihm sein dürfen und ihm vielleicht doch noch einen Liebesdienst hätte erweisen können.
Sie hatten immer gut miteinander gehaust, die Regina und ihr Florian. Und viel zu früh hatte der Tod dem Wirken dieses Mannes ein Ziel gesetzt.
In der Heimat wenigstens war er unersetzlich. Alles, was er hier ins Leben gerufen hatte, war unfertig und benötigte die starke Hand eines fähigen Mannes. In keiner Weise aber war die Regina dieser Sache gewachsen.
Eine kleine Kolonie von Häusern war da oben neben dem großen Alpengasthof erstanden, und alle gehörten sie dem Florian Siegwein. Er hatte, ganz nach dem Vorbild der großen Städte, ein Kaffeehaus errichtet, wo es feines Backwerk gab und ein eigener Zuckerbäcker während der Sommermonate seines Amtes waltete. Eine Kramerei mit großen Schaufenstern hatte er gleichfalls hier oben aufgetan, die alle Bedürfnisse der verwöhnten Großstädter decken sollte.
Und alles war aus Holz gebaut, im ländlichen Stil mit Schindeldächern und Altanen, von denen hochrote Nelken üppig herunterhingen. Nur der Block des neuen Hotels, das der Florian neben dem alten Bau des Kramer Veit hatte erstehen lassen, leuchtete grellweiß und störte in seiner Aufdringlichkeit die ganze Gegend.
Die Regina hatte sich nach dem Tod ihres Mannes ihre beiden jüngeren Brüder, den Seppl und den Hannes zur Stütze eingetan, und die taten redlich, was sie konnten, um der Schwester zu helfen. Wohl hatten sie beide schon zu Lebzeiten des Florian etliche Jahre unter diesem gearbeitet, aber es fehlte ihnen beiden an der nötigen Übersicht, das groß angelegte Unternehmen richtig zu leiten.
In der Hauptsache mußten sie sich auf fremde Leute verlassen, und diese geschickt auszuwählen oblag von nun ab der Regina. Sie, die seit Jahren nicht mehr aus dem Tal herausgekommen war, mußte, so schwer es ihr auch wurde, nun wieder in die Stadt fahren, um neues Personal anzuwerben. Und so geschickt und treffsicher der Florian stets seine Leute zu finden wußte, so ungeschickt machte es die Regina.
Wohl war sie stets von ihrer Schwester, der Zenz, begleitet, die noch immer wie ein guter Geist ihr zur Seite stand. Aber in der Stadt fühlte sich das einfache Bauernmädel so unbehaglich, daß sie bestrebt war, so schleunigst, als sie nur konnte, wieder nach Hause zu gelangen.
Und Menschenkennerin war die Zenz ebensowenig eine, wie es die Regina war. Die beiden Frauen trafen ihre Wahl in der Hauptsache nach den Empfehlungen schlauer, gewinnsüchtiger Dienstvermittlerinnen und zogen auf diese Weise Menschen in ihr Heimatstal, die besser nie dorthin gekommen wären.
Die Moral mancher dieser Leute war auf solchem Tiefstand, daß sie viel Unheil stifteten und der Kramer Veit mit Recht in immer größere Empörung geriet. Und völlig machtlos war dem allen gegenüber die Regina. Sie schwamm wie eine Ertrinkende in dem reißenden Strom des großen Unternehmens und hatte nur immer dagegen anzukämpfen, daß nicht doch noch alles zu guter Letzt in Brüche ging.
So gut sie es verstand, kämpfte sie dagegen, aber ihr Kampf war einseitig und unklug und bestand hauptsächlich darin, immer wieder die Preise für die Fremden zu erhöhen. Und dann zu knausern. Das Knausern betrieb die Regina so gründlich und so unvernünftig, daß ihren beiden Brüdern schließlich die Geduld riß und sie die geizige Frau im Stiche ließen.
Auf eigene Faust gründeten die beiden nun Unterkunftshäuser für die Fremden in einem der naheliegenden drei Hochtäler, heirateten und blieben zum Teil Bauern und zum Teil Gastwirte.
Der Kramer Veit und die Notburg hatten sich mit der Zeit gänzlich von der Regina zurückgezogen. Sie verstanden sich nicht mehr mit der Frau, die habgierig und dumm und doch wieder zu faul für rührige Arbeit war.
Auch der Anderl kam nur wenig mehr zu seiner Mutter hinauf und sie hegte auch kein Verlangen nach ihm. War nun schon ein gestandener junger Mann, der Anderl, und sah, auf den ersten Blick, dem Florl zum Sprechen ähnlich, so wie er in seiner Jugend gewesen war am Alpl droben.
Frisch und keck war der Anderl und geschmeidig von Gestalt. Und doch war es etwas ganz Eigenes um den Anderl. War ein sinnender junger Mensch, ein Träumer und Schwärmer, und hatte keine rechte Freude zur Bauerschaft und keine zum Handelsmann.
Das war das Leid des Kramer Veit und seiner Notburg. Sie wußten nicht recht, was sie mit dem Burschen machen sollten. Jetzt wäre er eigentlich in dem Alter gewesen, wo andere Burschen ans Heiraten denken. Aber der Anderl, blitzsauber wie er war, machte sich nichts aus den Mädeln. Er neckte sie wohl und scherzte mit ihnen, aber für keine einzige zeigte er ein tieferes Interesse. Und so schön wie es der Anderl gehabt hätte. Er brauchte nur zu wollen, und gleich hätte ihm der Kramer Veit die schmucke Villa übergeben.
Neben seiner Villa hatte Veit Galler schon seit etlichen Jahren einen großen Stall erbaut. Zehn Kühe standen darin, und viel Grund, Felder und Äcker ringsum hatte er erworben. Das wäre so sein Herzenswunsch gewesen. Ein richtiger Bauer sollte der Anderl werden, einer, wie es der alte Perlmoser war, der nichts Schöneres auf der Welt kannte als die Scholle, auf der er stand und arbeitete.
Der Anderl kannte freilich auch nichts Schöneres wie seine Heimat, aber er diente ihr anders, als es der Veit für ihn erwünschte. Er diente ihr mit seinem jungen, starken und sehnenden Herzen, ehrfurchtsvoll und erschaudernd vor ihrer Pracht und Größe.
Schon als er noch ein kleiner Bub war, gab es für ihn nichts Höheres, als barfüßig in Hemd und Hose draußen zu liegen im Feld, die Hände unterm Kopf und den Himmel anstarrend. Einsame Plätze suchte er aus, dort, wo selten der Fuß eines Fremden sich hinverirrte. Und lag und träumte viele ... viele Stunden. Aber die Liebe zur Bauerschaft, die fehlte ihm. Wohl arbeitete er fleißig und unablässig, aber der Veit merkte es gut, er arbeitete aus Pflichtgefühl und nur, um den Pflegeeltern Freude zu bereiten.
Der Martl, der älteste Sohn des Wastl und der Vef, hatte jetzt auch ein Heim gefunden beim Kramer Veit. Er diente dort als Knecht und war treu und fleißig.
Ein Heim für die Verlassenen und Unglücklichen war das Haus des Kramers und seiner Frau geworden. Als der Wastl sich immer mehr dem Trunke ergab und ein richtiger Lump geworden war und sich nur mehr selten in der Heimat blicken ließ und die Vef sich auch nicht mehr um ihre beiden Buben kümmerte, da brachte man die Kinder von der Stadt zurück und zum Kramer Veit.
»Veit ...« sagte der Gemeindevorsteher ... »du und dei' Weib ... ös zwoa vermögts es. Nehmt's enk an drum ... damit sie nit aa no verlottern.«
Und sie nahmen sich an um die beiden blonden Buben der Vef und waren nun in ihrem Alter mit Kindern reich gesegnet. Der Anderl und das Moidele, die das Kind der toten Mena war, und dann der Martl und seine beiden Brüder. Und alle hatten sie ein Heim und Liebe und Sorgfalt gefunden.
Daß es wirklich eine so echte christliche Nächstenliebe geben konnte, wie die alten Kramersleute sie aufbrachten?
Wenn der Anderl so stundenlang in seinen Wiesen lag und in den blauen Himmel hinein träumte, dann sinnierte er sich's aus in seinem Kopf und verglich.
Ringsum, wohin er schaute, Selbstsucht und Gier nach Geld. Gier nach Lust und Vergnügen, wie bei den fremden Leuten droben im Hause seiner Mutter. Und Sucht nach Geld und Gewinn, wie es die Bauern im Dörfl machten, die mit jedem Jahr immer schlauer und gerissener wurden. Und dann wieder hartnäckigster Eigensinn, aus übergroßer Selbstliebe entsprungen, der die Schuldlosen traf, wie drüben beim alten Perlmoser und seinem Sohn, dem Jackl. Denn die Perlmoserischen wollten nichts zu tun haben mit den arm gewordenen Verwandten und sagten sich los von den drei Buben der Vef. Und doch nur deswegen, weil der Bauernstolz des Alten zu tiefst getroffen worden war. Das konnte er nicht verzeihen, und das machte ihn hart und unchristlich.
Droben im Hotel tanzte und sang und spielte und liebte man und war voll Lebenslust und toller Freude. Und der Anderl, der zum Mann geworden war, dachte nach und verglich. Verglich aus seinem eigenen Leben; denn er kannte gar wohl die Geschichte der jungen Liebe seiner Eltern.
Damals, als seine junge Mutter mit ihm schwanger ging, als sie, ein halbes Kind, vor der Heimat und der drohenden Schande floh ... da waren sie alle hart gewesen zu dem Mädchen. Keines hätte sich ihrer angenommen, und hätten sie verderben lassen, wenn der Veit Galler nicht gewesen wäre.
Der hatte das wahre Christentum erkannt und ausgeübt. Er und die Notburg ... die schweigsame Frau mit dem tiefen Gemüte. Von ihr hatte der Knabe das Sinnieren gelernt, von ihr das Träumen und auch das gerechte Abwägen der Handlungen anderer Menschen.
Das ganze Tal hatte aus dem Unternehmen des Florian Siegwein Vorteil gezogen. Eine neue Zeit hatte er damit ins Leben gerufen, und nun, da er tot war, sprachen die Menschen übel von ihm.
Sie sprachen von seinem unverantwortlichen Leichtsinn und von seiner wilden Spekulationsgier und von den vielen Schulden, die er hinterlassen hatte, und auch davon, wie dumm und ungeschickt die Regina jetzt wirtschaftete. Und viele gab es unter ihnen, die da schadenfroh es sich an den Fingern abzählten, wie lange die Frau sich wohl noch würde halten können, ehe die Flut des Unheils über sie mit Macht hereinbrechen würde.
Sie alle waren Christen ... fromme, gläubige Christen. Wenn der Ruf der Glocken erscholl, dann eilten sie zur Kirche und falteten die Hände. Und ihre Lippen sprachen Gebete, von denen die Herzen nichts wußten. Sie beichteten und gingen zum Tische des Herrn. Und begingen doch wieder alle jene Sünden, die sie zu unterlassen gelobt hatten. Sie duldeten die lockeren Sitten der Fremden, schlossen die Augen und taten, als bemerkten sie es nicht. Denn sie erkannten den Vorteil, der ihnen durch die Fremden wurde, und waren nur darauf bedacht, ihn auch richtig auszunutzen.
Und der Anderl brütete und dachte nach. Dachte über die Ursachen, weshalb die Fremden den Charakter seines Volkes verdarben.
Der wahre Geist des Christentums fehlte ihnen allen. War nicht eingedrungen in ihre Herzen; denn sie beteten wohl, aber sie lebten nicht nach der Lehre des Herrn. Wohl wetterten und eiferten die Priester in den Kirchen gegen die Fremden. Sie eiferten aber gegen sie, weil es Andersgläubige waren ... Ketzer ... die einem fremden Glauben angehörten. In diesem Glauben sahen sie die Gefahr für das Volk, und die Gefahr lag anderswo und nicht in dem von der Geistlichkeit verurteilten ketzerischen Glauben. Die Gefahr erstand aus dem Innern des Volkes in seiner Gier nach Geld und in der Gier nach Genuß.
Christi Lehre! Wie wenige erkannten sie ... wie wenige verstanden sie.
Und der junge Anderl glaubte nun seinen wahren Beruf entdeckt zu haben. Ein Priester wollte er werden ... ein Priester des Herrn und ein wahrer Diener seines Volkes ...
Einmal sprach Veit Galler, der Kramer, davon, daß er mit dem Anderl das Grab des Florian Siegwein aufsuchen wollte, das so weit und verlassen in fernen Landen lag. Wie einen Sohn hatte Veit Galler den Florl geliebt ... trotz allem Groll, den er oftmals gegen ihn hegte. Und trauerte redlich und aufrichtig um ihn.
Es kam ihn hart an, das Reisen; denn der Kramer Veit war alt und gebrechlich geworden. Und die Notburg machte ängstliche, besorgte Augen. Der Veit aber wußte sie zu trösten.
Es war ja, wie man erzählte, nun nicht mehr so beschwerlich, das Reisen. An vielen Orten hatten sie eine neue Erfindung eingeführt. Wagen, die auf Eisenschienen rollten und von einer Maschine gezogen wurden. Da ging's schon leichter und auch rascher, das Reisen ...
Und als die schöne Jahreszeit kam, da wanderte der Kramer Veit mit seinem Pflegesohn hinunter ins Tal. Ging schon recht nach vorne gebeugt, der Veit, und nicht mehr so wuchtig und selbstherrlich wie einst. Und neben ihm der junge Anderl, schlank und biegsam und voll Jugendkraft. Und hatte im Rucksack drinnen eine sonderliche Gabe für den toten Vater. Einen großen Topf voll Heimaterde und ein junges Fichtenbäuml. Das sollte Wache halten auf dem Grabe des Tirolers ...
Auf dieser langen Fahrt, die sie gemeinsam unternommen hatten, gestand der Anderl dem Kramer Veit den heißen Wunsch seines Lebens.
Und Veit Galler neigte sein schneeweißes Haupt und redete lange kein Wort. Und dann: »Ist mir recht, Anderl. Und wird der Muatter Notburg aa recht sein. Ist was Gutes und Braves. Aber Anderl ...« voll schauten die großen erkennenden Augen des Alten auf den jungen Mann ... »die Menschen machst aa du nit anders. Kannst mir's glauben. Die bleiben, wie sie sein. Aber lass' di's deswegen nit verdrießen, Bua. Gutes tun kann man überall ... und aa als Bauer und als Geistlicher. Ist mir recht ... Bua ... Ganz recht.«
Aber lieber wäre es dem alten Kramer doch gewesen, wenn der Anderl geheiratet hätte und ein Bauer geblieben wäre. Aber er sagte kein Wort davon. -- -- --
Und nun hausten sie daheim schon übers Jahr ohne den Anderl, und die Notburg freute sich, daß ihr die Augen feucht wurden, wenn sie daran dachte, daß ihr Anderl ... ihr Kind ... das sie aufgezogen hatte und das so ganz nach ihrem Sinn geworden war ... die heiligen Weihen empfangen sollte.
Die Regina nahm die Nachricht von der Berufswahl ihres Sohnes ziemlich gleichgültig entgegen. Es interessierte sie nur wenig. Sie war mürbe geworden in dem harten Kampf um ihre und ihrer Tochter Existenz. -- -- --
Und Jahre vergingen. In jenem Sommer, da man den Anderl zum Priester weihte, trieben die Gläubiger die Regina und ihre Tochter von Haus und Hof.
Ein wahres Glück, daß der Veit Galler noch lebte und die Notburg. Denn die Regina war bettelarm geworden.
Sechzehntes Kapitel
Die reisenden Tiroler Sänger waren nach dem Tode des Florian Siegwein nach allen Windrichtungen hin zerstreut worden. Eine Zeit hindurch leitete zwar die Vef die kleine Truppe, aber sie verstand diese Sache genau so schlecht, wie die Regina die Führung daheim loshatte.
Kein halbes Jahr dauerte die Herrlichkeit, und die ganze Truppe hatte sich aufgelöst. Und neue Gesellschaften schossen auf wie Pilze im Wald. Reisten mit Erfolg und auch ohne Erfolg, aber jene Höhe des Ansehens, die der Florian Siegwein einmal errungen hatte, war niemandem mehr von ihnen beschieden.
Mit der Vef aber ging es von dieser Zeit an immer mehr abwärts. Jenem tollen Sinnestaumel, dem sie sich hingegeben hatte, folgte der Ekel und Abscheu der Übersättigten. Sie war unfroh und unglückselig geworden und verfluchte sich und ihr ganzes Leben.
Und jetzt nach dem Tode des Florian Siegwein trat die Sorge um ihre Zukunft immer drohender an sie heran. Eine Zeit, nachdem die Gesellschaft, die sie zu führen versucht hatte, in Brüche gegangen war, lebte die Vef ganz nach ihrem Geschmack. Und fühlte sich frei und aller Fesseln ledig. Bis der Überdruß begann und die Not dräuend vor ihr stand.
Da sank sie zur Dirne herab, liebte ohne innere Neigung und ließ sich erhalten. Sie wechselte die Männer wie die Kleider, halb aus ungezähmter Sinnenlust und teilweise aus Berechnung. Bis sie erkannte, daß diese Art von Leben sie vollends an den Abgrund bringen würde. Da machte die Vef eine innere Wandlung durch. Raffte den letzten Rest ihres besseren Menschen mit einem Anflug ihrer alten Energie zusammen und versuchte es noch einmal, ein anderer Mensch zu werden.
Aber es war zu spät für sie geworden. An Seele und Leib war das Weib gebrochen, und ihre weiche, volle Stimme, die so edel geklungen hatte wie Metall, war rauh und hart geworden. Mit Mühe und Not konnte die Vef noch eine Stellung als Sängerin erreichen.
Der Simeringer Franz nahm sie halb aus Mitleid in seine Truppe auf. Schließlich hatte die Vef ja einmal einen großen Ruf besessen und konnte mit ihrem Namen noch als Lockvogel gelten. Das Publikum, vor dem sie nun in minderen Lokalen zu singen hatte, gröhlte ihr freudig zu und überschüttete sie mit Beifall. Und lächelnd dankte die Frau und litt doch schwer unter ihrem gedemütigten Stolz.
Eine welke, früh gealterte Frau war die Vef geworden und trug den Keim eines schweren Siechtums in sich. Sie wußte und fühlte es genau, wie es um sie bestellt war, und sehnte in manchen bangen Stunden den Erlöser Tod herbei. Aber der Tod kommt nicht, wenn er als Erlöser dienen soll. Läßt sich Zeit denn sein Opfer ist ihm sicher.
Der Glaube, in dem die Vef aufgewachsen war, verbot den Selbstmord. Und inmitten ihres Unglücks hatte die Frau diesen Glauben nicht vergessen und war wieder gläubig geworden. Sie fürchtete sich vor dem, was nach dem Tode kommen würde, und ertrug ein Leben, das ihr mit jedem Tage nur zur vermehrten Qual wurde.
Von stolzer Höhe war sie herabgesunken, mußte froh sein, daß man sie vor einem anmaßenden, frechen Publikum singen ließ, mußte lachen und scherzen und schamlose Witze erdulden. Und heiß brannte ihr der Kopf, und der Rest eines Stolzes, der ihr immer noch geblieben war, empörte sich in ihr. Ganz war sie denn doch noch nicht zur Dirne geworden. Hatte noch Scham in sich trotz allem.
Die Reue kam ... die Reue über ihr verfehltes Leben, das sie allein verschuldet hatte. Wie anders ... ganz anders hätte es doch für sie kommen können! Nur nicht daran denken ... nicht an das Vergangene denken! Nicht an die Heimat und nicht an ihr stilles Glück in der Gungl ... das einmal so jauchzend groß und so rein gewesen war ... nicht an den Wastl, ihren Gatten, und nicht an die Kinder.
Die Kinder ... ihre blonden Buben ... Jetzt nach den langen Jahren einer selbstgewollten Trennung überkam sie oft eine brennende Sehnsucht nach ihren Kindern und auch nach dem Wastl.
Nie mehr wieder war er ihr nach jener Züchtigung in den Weg getreten. Aber die Vef hatte gehört, daß er ein Säufer geworden war und arg verkommen sei.
Eine Verworfene war sie geworden ... ausgestoßen von allem, was ihr einstmals heilig war, und mußte tot sein für die Ihren.
Der Göd ... der Alte in der Gungl ... der kam ihr in einsamen Stunden auch öfters in den Sinn ... Was der wohl sagen würde ... wenn er sie jetzt so sehen könnte? Hatte große Stücke auf sie gehalten, der Göd ... Warum sie wohl in letzter Zeit so häufig an den Alten denken mußte? Und auch an das Tonele, ihr kleines, verlassenes Töchterchen, das so früh hatte sterben müssen! ... Müssen? ... Dürfen! ... Die Vef wäre froh gewesen, wenn sie an Stelle ihres Kindes zu tiefst unter der Erde hätte liegen dürfen ...
Auch die Schminke vermochte den raschen Verfall ihrer körperlichen Schönheit nicht mehr zu verdecken. Hohläugig war sie nun geworden, und ihr strahlendes, sonniges Lachen war für immer geschwunden. Dickes, aufdringliches Rot milderte die fahle Blässe ihrer eingefallenen Wangen, und um den vollen, sinnlichen Mund, der so glühheiß und versengend zu küssen verstanden hatte, gruben sich tiefe Falten des Leides ein.
In diesen Zeiten innerer Wandlung tat die Vef etwas, das sie lange ... endlos lange nicht mehr getan hatte. Sie suchte die Kirchen auf und murmelte Gebete. Sie besann sich auf die Gebete ihrer Jugend ... allein sie waren ihrem Gedächtnis entschwunden. Nur immer ein paar Sätze von jedem wußte sie, und an viele erinnerte sie sich überhaupt nicht mehr. Das war qualvoll und ließ keine Andacht in ihr aufkommen.
Sie besuchte die Gottesdienste ... ohne inneren Trost. Denn sie lauschte nicht den Worten des Predigers, sondern suchte in den Gesichtern des Volkes. Sie suchte nach den Spuren, die das Leben in den Gesichtern eingegraben hatte. Und verstand zu lesen. Sah viel Leid ... endloses Leid ... und sah hinter manchem andächtigen Gesicht das Laster lauern. Sah Heuchelei und Geiz und Lieblosigkeit, aber wenig Frömmigkeit.
Und angewidert verließ die Frau die überfüllten Kirchen der Städte. Sie konnten ihr keinen Trost geben, konnten ihr die Gebete ihrer Jugend nicht wiederbringen. Es war alles hohl ... öde ... und liebeleer in dem fremden, flachen Land.
Je kränker sich die Frau fühlte, desto mehr überkam sie die brennende Sehnsucht nach ihrer Heimat. Nur wieder einmal die Berge sehen ... ihre Berge ... Es kam ihr vor, als könnte die frische Bergluft alles Üble von ihr fortfegen. Als könnte sie wieder rein werden in der geheiligten Luft.
So wollte sie nicht ins Heimatstal zurück. So viel Stolz besaß sie. Man sollte sie dort nicht sehen in ihrer Schande. Ihr Land war groß und beschränkte sich nicht allein auf ihre engere Heimat. Überall ragten die gleichen Berge, überall war dieselbe herzerfrischende Alpenluft. Dorthin wollte sie gehen, wo sie unerkannt leben konnte, und wollte trachten, sich noch einmal Arbeit zu verschaffen.
Einen letzten Rest von goldenem Geschmeide besaß die Vef noch. Geschenke aus ihren besten Zeiten, da man sie mit Schmuck überhäuft hatte. Gab eine stattliche Summe ab, als sie es verkaufte. Und deckte vollauf die Reisekosten, und blieb noch was übrig, daß sie wohl eine geraume Zeit davon leben konnte. Wenn sie recht sparsam war, wohl auch ein Jahr.
Da konnte sie's schon wagen, dem Simeringer Franz zu kündigen, ehe er sie vor die Türe setzte. Denn daß er dies über kurz oder lang doch tun würde, das wußte die Vef genau.
Er war ein grober Patron, der Franz, und ohne jedes Zartgefühl. Etliche Male hatte er ihr in seinem Rausch die Kündigung schon angedroht; denn er ärgerte sich, daß die Vef alt geworden war und seinem Publikum nicht mehr recht gefallen wollte. So war's ihm denn recht, daß die Vef ihn verließ, und er kümmerte sich nicht weiter um ihr Schicksal. Sollte halt schauen, wie sie sich weiter durchbrachte, die alte Vettel!
Und sie brachte sich durch. Schlecht und recht. In Innsbruck, der Hauptstadt ihres Landes, hatte sie sich niedergelassen mit allen guten Vorsätzen. Wollte ehrliche Arbeit suchen, die Frau ... aber wer gibt einem kranken Weibe Verdienst? Und das Rackern und Schuften, wie sie es in ihrer Jugend gekannt hatte, das hatte sie auch gründlich verlernt. Wäre auch zu schwach gewesen dazu, um als Taglöhnerin zu dienen.
Etwas war ihr ja noch geblieben. Ihre Zither. Und mit dieser zog die Vef von Schenke zu Schenke und spielte auf. Sang Lieder dazu ... mit rauher, hohler Stimme, halbe Nächte lang, und verdiente sich auf diese Weise ihren Unterhalt.
Man warf ihr Geldstücke auf den Teller, wenn sie von Tisch zu Tisch absammeln ging, machte schlechte Witze und wurde oft auch dreist. Denn dieses Publikum bestand zumeist aus derben Männern. Taglöhner und Dienstmänner, die ihren Spaß haben wollten. Waren gutmütige Leute, die ihr auch etwas vergönnten und sie nicht schalten wie jene harten Menschen der Großstädte, weil sie alt und reizlos für sie geworden war.
Diese hier waren wohl derbe Männer, aber ohne Laster, und freigebig zahlten sie der Frau oft Wein und Schnaps oder Käse und Bier. Und die Vef nahm es, dankte, lächelte ihr fahles Lächeln und spielte und sang. Abend für Abend.
Bis ihr einmal der Wastl, ihr Gatte, wieder in den Weg kam.
Hatte ein recht unstetes Leben geführt, der Wastl, in all diesen Jahren. War daheim gewesen und hatte sich irgendwo als Knecht verdingt. Hielt aber nicht lange aus daheim. Mußte wieder trinken ... sein Elend zu vergessen suchen. Aber Trunkenbolde können die Bauern nicht gebrauchen.
Es fiel dem Wastl mit der Zeit schwer, einen neuen Dienst in der Heimat zu finden. So wanderte er von Ort zu Ort, arbeitete und versoff dann wieder das Geld, das er sich verdient hatte. Bis er nach Innsbruck kam. Dort wurde er Taglöhner und schuftete und rackerte sich wie in alten Zeiten und kam dann wieder ganze Tage hindurch nicht mehr aus seinem Rausch heraus.
Dann war er womöglich noch gutmütiger wie im nüchternen Zustand. Lud alle ein, die um ihn saßen, daß sie seine Gäste sein sollten, und kriegte zum Schluß immer das besoffene Elend. Heulte wie ein Kind und ließ sich dann ruhig von den Kameraden aus der Schenke führen. Und wenn das Geld zu Ende war, dann arbeitete er wieder. Das war das Leben, das der Wastl in diesen letzten Jahren geführt hatte.
Sie kannten ihn alle in den Innsbrucker Schankwirtschaften, in denen er verkehrte, und mochten ihn gut leiden.
Jemand hatte es erfahren und herumgesprochen. In einer Weinkneipe in der Altstadt spielte und sang allabendlich eine Frau, die einmal eine gefeierte Sängerin gewesen war. Und hieß Genovefa Hagspiel.
Das Gerücht kam dem Wastl zu Ohren und traf ihn wie ein Schlag.
Die Vef ... und hier ... und wieder in der Heimat.
Wie ein Kreisel wirbelte dieser Gedanke den ganzen Tag im Kopfe des Mannes.
Die Vef ... und wieder in der Heimat ... Er mußte sie sehen ... die Vef ... mußte hingehen, dort, wo sie war und spielen sollte ... Ob sie sich wohl recht verändert hatte ... die Vef ...
Endlos lange dauerte ihm heute der Tag, und er bekam völlig Herzklopfen, als es endlich Abend wurde.
Die Vef ... und wieder in der Heimat ...
Alles Leid hatte er vergessen ... vergessen, daß sie treulos war und zur Dirne herabgesunken ... dachte gar nicht daran ... dachte nur immer wieder das eine ... daß sie wieder hier war ... und in seiner Heimat weilte.
Und dann sah er sie.
Sie saß allein an einem kleinen Tische in einer Fensternische und spielte die Zither. In einem dunkeln Gewande war sie, ohne Schmuck und ohne Zier. Nur in den Ohren trug sie schwere Goldgehänge. Die wirkten auffallend und im seltsamen Kontrast zu der fast ärmlichen Kleidung der Frau und zogen an den kleinen Ohren, daß es aussah, als müßten sie ihr wehe tun.
Die Vef hatte sich von dieser allerletzten Erinnerung an eine glänzende Vergangenheit noch nicht trennen können. Der Wastl kannte diesen Schmuck sehr wohl. Er war selber dabei gewesen, als eine Fürstin, hingerissen von dem innigen Ton ihrer Stimme, eigenhändig der Vef die Ringe in den Ohren befestigte.
Sah recht elend aus, die Vef, und war mager und schmal geworden. Hatte die stolze, sieghafte Haltung völlig eingebüßt und zog ... wie im Schmerze ... die Schultern ein. Die blonde Haarkrone, die noch immer in üppiger Fülle prangte, drückte schwer auf das leidende Gesicht, und müde und mit leerem Blick schauten die hellen großen Augen.
Das war also die Vef ... seine Vef ... die er im hohen Zorn gezüchtigt hatte. Jetzt reute es ihn, da er sie so elend sah, und er schämte sich, daß er jemals die Hand gegen sie erhoben hatte.
Ob sie ihm wohl noch böse war, die Vef?
Ganz scheu verkroch sich der Wastl in eine Ecke des Lokales. Es war ein gemütlicher, nicht sehr großer Raum, und die Gäste wurden von einer einzigen Kellnerin bedient. Dick lag der Tabaksqualm über dem rauchgeschwärzten Getäfel der Stube, und matt leuchteten die Lampen, die von der Überdecke herabhingen. Große und kleinere runde Tische standen umher, und grellrote Vorhänge verdeckten die Fensterscheiben und wehrten den Ausblick auf die schmale Gasse.
Es gab guten Wein hier drinnen, echten Traminer und Kaltererseewein, und das Lokal war besser als jene Wirtschaften, in denen der Wastl für gewöhnlich zu verkehren pflegte.
Mit einem Kameraden war der Wastl hierhergekommen, und die Vef hatte ihn nicht bemerkt. Unverwandt starrte der Wastl zu der Fensternische hinüber, wo die Vef saß und spielte.
Und dann sang sie Lieder ... Lieder, die sie in der Heimat schon gesungen hatte. Dem Wastl war es, als seien die Jahre seit damals verschwunden ... als überbrückte die Gegenwart alles Böse der Vergangenheit.
Wie in einem Traum saß er da, trank nichts und sprach nichts und lauschte nur. Schloß die Augen und ließ die Stimme seiner Frau auf sich wirken.
Er hörte es wohl, daß der Schmelz dieser Stimme geschwunden war, und trotzdem übte sie auf ihn doch die gleiche Zauberkraft aus wie damals, als sie so seltsam berückend, süß und innig erklungen hatte. Und so sehr war der Wastl diesem Zauber verfallen, daß er es gar nicht bemerkte, wie die Vef mit ihrem Lied zu Ende war. Saß da und schloß die Augen und träumte im Wachen.
»Du ...« Sein Kamerad, der ihm zur Seite saß, stieß ihn unsanft mit dem Ellenbogen in die Rippen. »Zum schlafen hab' i di weiter nit mit da einer g'nommen. Geh' halt hoam, wann's dir nit g'fallt!« fügte er geärgert hinzu.
Er war ein älterer Mann, derb und ungeschlacht in seinem Äußeren und von gedrungener Gestalt. Der rötliche Bart stand ihm wirr im Gesicht, und buschige rotblonde Brauen verdeckten zum großen Teil die dunkeln Augen. Seit einiger Zeit arbeiteten sie gemeinsam in einer Zimmermannswerkstätte und wußten nur wenig voneinander. Vertrugen sich gut, waren aber keine Freunde.
Jedenfalls ahnte der Mann nicht, daß die Sängerin die Frau des Wastl war. Sie nannten sich beide nur bei den Vornamen und kannten gegenseitig nicht einmal ihre Familiennamen. Daß der Wastl, den der Mann in seiner Gutmütigkeit aufgefordert hatte, mit hierher zu kommen, jetzt gar zu schlafen anfing, das ärgerte ihn ganz gewaltig, und er schämte sich für ihn.
Der Wastl schrak bei den Worten des Mannes jäh zusammen. Und starrte hinüber zu der Fensternische, aber das Lied war verklungen, und die Vef war aufgestanden und schritt nun langsam, den Teller in ihren Händen haltend, von Tisch zu Tisch.
Sie mußte nun gleich in seiner Nähe sein. Schon war sie am Nebentische, und der Wastl hörte das Klingen der Münzen auf dem Teller und hörte, wie sie mit gedämpfter Stimme sich für die Gaben bedankte. Und sein Herz klopfte laut, und seine Schläfen hämmerten.
Jetzt ... jetzt mußte sie hinter ihm stehen ... er fühlte es förmlich, wie sie hinter ihm stand ... glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren ... Ob sie ihn wohl erkannte ... ob sie sich noch vor ihm grauste ... wie damals ...
Und abermals weckte ihn sein Nachbar aus dem aufgeregten Gedankengang, indem er ihn unwillig anstieß.
»Du ... wird's bald? Ha? Freigebig bist ja grad' aa nit!« sagte er ärgerlich.
Da zog der Wastl, ohne auf die Vef zu schauen, schwerfällig und umständlich seine Geldbörse aus der Tasche und entnahm derselben ein großes Geldstück Das größte, das er finden konnte. Und er legte es auf den Teller der Vef, und seine Hand zitterte stark.
Klirrend rollte das Stück auf dem Teller umher, so daß es beinahe zu Boden gefallen wäre. Die Vef beugte sich nach vorn, um es zu fangen, und der Wastl starrte hilflos und erschrocken zu ihr empor. Da begegneten sich ihre Augen zum ersten Male wieder.
Ein Zittern und Beben ging durch den Körper der Frau und ein tiefes Erschrecken, und klirrend brach der Teller, den sie fallen ließ, in viele Scherben ...
Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, der Wastl und die Vef. Nicht an jenem Abend und nicht an den Abenden, die diesem einen folgten.
Der Wastl fehlte nun nie mehr in dieser Weinschenke. Kam und lauschte voll stiller Andacht der Stimme seiner Frau und blieb immer nüchtern. Und wenn sie Geld einsammelte, dann hatte er das größte Stück, das er besaß, für sie bereit. Und mit abgewendetem Gesichte stand die Vef da und dankte ihm mit keinem Wort und keinem Blick. Und war doch innerlich froh, daß der Wastl in ihrer Nähe weilte, fühlte sich geborgen und von seiner Treue behütet; denn sie wußte, der würde, wenn es zum letzten kam mit ihr, sie nicht verlassen.
Der Wastl aber konnte den Mut nicht finden, sich seiner Frau zu nähern. Er litt nur immer unter der einen Vorstellung, daß er die Frau einmal gezüchtigt hatte, roh und brutal, und schämte sich dessen.
Das dauerte Wochen hindurch, und die Vef spielte und sang unermüdlich und an jedem Abend.
Und einmal kam ein Fremder in die Schenke. Ein reisender Handwerker, der vom Ausland in die Stadt gekommen war. Der Wein mundete ihm vorzüglich, und er trank mehr, als ihm gut tat. Er hörte die Lieder der Vef und hörte das Spiel der Zither, und alles war ihm ungewohnt und gefiel ihm ausnehmend wohl. Und da er viel Geld bei sich hatte und sich einen recht vergnügten Abend machen wollte, warf er es der Vef achtlos und in reichlicher Menge zu und hieß sie im herrischen Ton weitersingen, als sie zur gewohnten Stunde Schluß machen wollte.
»Sing' ... Alte!« rief er aufgeregt und polternd. »Sing'! Ich will's!« Und abermals warf er ihr Geld zu ... brutal ... wie man einem Tier einen Brocken Fleisch zuwirft.
Das ärgerte die Frau, und sie schob das Geld, ohne es zu berühren, beiseite und packte ruhig und schweigend ihre Zither ein.
»Willst nicht ... was?« rief der Fremde dröhnend und schaukelte sich auf seinem Sessel herausfordernd hin und her. Er war ein Mann in mittleren Jahren, klein und schwammig, und sein kahler Kopf glühte brennrot vom ungewohnten Weingenuß. »Da ... noch mehr?« Und abermals flog ein Geldstück zur Vef hinüber, die es nicht beachtete.
»Hast wohl den Liebsten daheim? Wie?« gröhlte er zynisch.
Zornig schaute die Frau auf. Dann nahm sie schweigend ihren Hut und Mantel und wollte an dem Fremden vorüber der Türe zu gehen. Der Fremde stellte sich ihr mit seinem Stuhl in den Weg.
»Na ... wart' nur!« rief er polternd. »Erst will ich dich mal richtig besehen ...« Er streckte ihr unversehens die Beine entgegen, so daß die Vef zu stolpern kam und ihm, das Gleichgewicht verlierend, im Arme lag. Der Fremde wieherte laut und trunken.
»Ha! Ha! Ha! Ha! So eine biste! So leicht machst du's einem?« gröhlte er. »Na ... was kostet die Nacht, Schätzchen?«
Sie waren schon alle aufmerksam geworden auf die beiden, und eine lautlose Stille war entstanden, so daß man jedes Wort deutlich vernehmen konnte.
Und viele kicherten dann und stießen sich an, und wieder andere munterten den Fremden zu weiteren Dreistigkeiten auf.
Eine fahle Blässe, die man trotz der Schminke sehen konnte, überzog das Gesicht der Vef. Ihr alter Stolz erwachte. Beschimpfen, sich öffentlich zur Dirne stempeln lassen, das ließ sie sich denn doch nicht bieten. Und mit einem Anflug ihrer alten ehemaligen Energie hieb sie dem Fremden eine so kräftige Ohrfeige herunter, daß es laut schallte.
»Auslassen!« fauchte sie zornig gleich einer Wildkatze. »Auslassen!«
»Nee ... nee ... Schätzchen ...« Der Fremde hielt sie fest mit der Hand gepackt und wollte sie gewaltsam an sich pressen.
Unvermutet und mit einem jähen Satz war der Wastl der Vef beigesprungen und hielt den Fremden von rückwärts fest umklammert, so daß sich dieser nicht mehr rühren konnte.
»Heda! Sie!« Der Fremde wandte sich erstaunt dem Wastl zu und glotzte ihm zornig ins Gesicht. »Was fällt Ihnen ein, Mann? Wollen wohl gar mit mir kämpfen? Was? Wegen so einer ... Brrr!« Und er schüttelte sich wie im Ekel.
Dem Wastl stieg das Blut schwer und heiß zu Kopf vor Wut und unbändigem Zorn. »Was hast g'sagt?« keuchte er und beugte sich drohend zu dem Fremden vor, so daß diesem sein Atem glühheiß ins Gesicht schlug.
»Sie sind ja betrunken, Mensch!« wollte der Fremde jetzt den Wastl begütigen. »Machen Sie, daß Sie fortkommen! So 'ne Dirne ist das doch nicht wert, daß wir Streit miteinander anfangen.«
»Dös nimmst z'ruck ... du!« keuchte der Wastl und ballte beide Fäuste. »Dös nimmst z'ruck!«
»Nischt nehm' ich zurück!« schrie der Fremde jetzt gleichfalls zornig gemacht. »Könnt' mir einfallen Wegen so 'ner alten Vettel!« höhnte er verächtlich.
»Du!«
Wie ein Rasender hatte sich der Wastl über den Fremden geworfen und würgte ihn.
»Du ... z'rucknehmen ... du ...« keuchte er sinnlos vor Wut. »Die Vef ...«
»'ne Dirne ist's!« schrie der andere zornig. »Sieht ja 'n jeder!«
Da packte ihn der Wastl am Halse und preßte ihm die Kehle zusammen. Hatte Kräfte, der Mann, und ließ nicht los von seinem Opfer. Sie schrien und riefen um Hilfe und wollten ihn gewaltsam von dem Fremden trennen. Aber der Wastl war stärker in seiner rasenden Wut wie sie alle. Hatte sich auf die Brust des unter ihm Liegenden gekniet und würgte ihn.
Als sie endlich über den Wastl Herr geworden waren, lag der Fremde blaurot im Gesicht am Boden ... mit stieren Augen und war tot.
Und aufgebracht und schreiend lieferten sie den Wastl, der zum Mörder geworden war, der strafenden Gerechtigkeit aus.
Die Vef schlich unbeachtet, müde und gebrochen in das Dunkel der Nacht hinaus. Schlich wie eine Verbrecherin durch die nur spärlich erleuchteten Bogengänge der Altstadt, durchwanderte die kleinen Gassen und Gäßchen, bis sie auf Umwegen zu dem breiten Fluß kam.
Dort stand sie lange und starrte auf die schwarzen Wasser des Inns. Und dräuend baute sich am andern Ufer in dem Dunkel der Nacht die Bergwand der Nordkette auf.
Weshalb noch weiter leben? Wozu?
Wenn sie doch den Mut zum Ende fände? Schwer und dumpf schlugen die Glocken vom nahen Pfarrturm die frühe Morgenstunde.
Und langsam und ganz allmählich lichtete sich das schwere Wolkengebälk, das den Himmel verdeckte, und wurde grau. Grau und freudlos.
Und ein kalter Wind wehte die welken Blätter eines frühen Herbstes von den Bäumen herab, daß sie leise raschelnd zur Erde fielen.
Da wandte sich die Frau vom Flusse ab und ging langsam und müde in der Richtung gegen die Stadt zurück.
Den Mut zum Sterben hatte sie nicht gefunden.
Siebzehntes Kapitel
Er war nun aber doch zu der Vef gekommen, der Erlöser, und ehe sie starb, hatte sie noch eine Freude.
Ein junger Priester war an das Lager der todkranken Frau getreten. Tröstend und milde, und hatte sie wieder beten gelehrt.
»I kann nimmer beten ...« klagte die Vef traurig. »Sein nur Worte ... gar nix als Worte. Haben kein' Trost und kein' Inhalt nit.«
»Aber du glaubst, Vef? Glaubst an Gottes Barmherzigkeit?« Eindringlich klangen diese Fragen und voll verstehenden Mitleids.
»Ja.«
»Und glaubst an seine Gerechtigkeit?«
»Ja.«
»Und ist dir von Herzen leid ... alles, was du Übles begangen ... alles ...«
»Ja.« Schwere Tränen fielen über die abgehärmten Wangen der Frau. »Alles.«
Und der Priester sprach die Worte des Verzeihens. Segnete die Frau und sprach sie im Namen Gottes von aller Schuld ledig.
»Hast nit noch einen Wunsch, Vef?«
Kaum merklich schüttelte die Frau ihren Kopf. »Nix mehr ...« sagte sie leise. »Bin nur mehr müd. Todmüd ...« und schloß die Augen wie zum Schlafe und hatte dabei ein friedlich seliges Lächeln.
»Nix mehr.«
»Und deine Buben ... Vef ...?«
Da schreckte das Weib zusammen. »Will sie nit sehen, Anderl!« sagte sie mit einem Anflug ihrer alten Energie. »Nit sehen. 's ist hart ... aber doch besser so ...« fügte sie leise und stockend hinzu. Und Andreas Siegwein, der Priester, achtete diesen letzten Wunsch der sterbenden Frau. Und blieb bei ihr, bis es zum letzten kam.
Und seine Nähe war ihr ein Trost und machte den Tod leicht. Denn noch einmal durchlebte die Vef in diesen allerletzten Tagen ihres Erdendaseins das, was das Schönste in ihrem Leben gewesen war. Noch einmal war sie der Heimat nahe, hörte von allen, die sie gekannt und lieb gehabt hatte, und fühlte sich wieder als die Vef vom Perlmoserhof, die sie damals gewesen war.
Sie hörte von ihren Buben, daß sie hochgewachsene, stämmige junge Männer geworden seien, die ein Heim gefunden hatten beim Kramer Veit. Und noch ein letztes Mal erstand die Heimat in ihrer ganzen einsamen und stolzen Pracht vor der sterbenden Frau. Der Perlmoserhof in dem kleinen, waldumkränzten Hochtal und hoch droben das Alpl mit seiner herrlichen Fernsicht auf die Bergspitzen und Gletscher im Hintergrund. Und dann die Gungl und das kleine halbverfallene Hüttl vom alten Göd.
»Anderl ...« Die Vef hauchte das Wort kaum hörbar, so daß der Priester sich tief über die Kranke beugen mußte, um sie zu verstehen.
»Kennst die Gungl?«
»Nein, Vef.«
Und lange keine Antwort. Mit geschlossenen Augen lag die Frau da und träumte. Träumte ihren letzten irdischen Traum. Träumte von den Schrofen und Bergmahden, von dem tobenden Wildbach und den haushohen Felsen in seinem Bett, welche die smaragdgrünen Wasser zornig brausend umspülten. Sie hörte sein brodelndes Getöse und hörte dann wieder in weiter Ferne sanftklingenden Glockenton. Es war als wie das Läuten der Schellen von weidendem Almvieh.
Das klang so weich und friedlich und brachte innere Ruhe. Und die Frau lächelte in ihrem Traum. Jetzt war's ja überwunden ... alle Unrast ... alles Böse ... und alle Sehnsucht. Nun war sie wieder in der Heimat ... sah die Heimat und fühlte ihren erquickenden Hauch ... wie wohl das tat ... so kühl und feucht ...
So sanft wie die Vef schlummerte! Andreas Siegwein hatte noch nicht viele Menschen sterben gesehen, aber er fühlte die Nähe des Todes und betete voll Inbrunst am Lager der Frau.
»Gott schenke ihr einen leichten Tod! Herr! Richte sie nicht nach Deiner Gerechtigkeit, sondern nach Deiner Barmherzigkeit!«
Kalter Schweiß stand auf der bleichen Stirn des Weibes, das die Hände wie zum Gebet gefaltet hielt und lächelte. Da entzündete der Priester das Totenlicht.
»Herr, sei ihrer armen Seele gnädig und barmherzig!« sprach er mit lauter, wohltönender Stimme.
Die Vef richtete sich noch einmal mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte empor. Schaute mit ihren großen, sprechenden Augen verwundert und erschrocken in dem kleinen, einfach ausgestatteten Mietzimmer umher.
»Dort ... siegst ... die Frau ...« sagte sie stockend und wies mit matter Hand in die Richtung des Fensters, durch das der helle Schein der späten Nachmittagssonne fiel. »Siegst ... Anderl ... wie schön ... und ... leuchtet ... voll ... Gold ... und ... Sonn' ...«
Und dann starb die Vef. Ließ den Kopf wie wohlig ermattet auf das Kissen ihres Bettes zurücksinken ... seufzte und lächelte. Hatte noch einmal ihre Königin sehen dürfen, die Perlmoser Vef ... strahlend und gewaltig und voll Gold ...
Andreas Siegwein, der Priester, aber hatte, nachdem die Vef gestorben war, noch eine Pflicht zu erfüllen.
Als der Kramer Veit von dem Unglück hörte, das den Wastl zum Mörder hatte werden lassen, da war er in den Pflegesohn gedrungen. Hatte ihn gehen heißen, um dem Wastl beizustehen.
»Anderl ... geh' und sag's ihnen ... wie's gangen ist mit'n Wastl!« hatte er ihn gebeten. »Ist ja do alleweil a braver Mensch g'wesen. Mußt'n beistehen ... dem Wastl.« Die Stimme des alten Mannes, der nun zum Greise geworden war, bebte vor innerer Erregung.
Daß das hatte kommen müssen ... Dazu hatte kommen müssen ... Wie ein Unglück war es dem Kramer, das ihn selber betroffen hatte.
Und keinen wärmeren Fürsprecher hätte der Wastl finden können wie diesen jungen Priester. Vor den Richtern des Volkes, die zu Gericht saßen über den Sebastian Hagspiel, sprach Andreas Siegwein und schilderte den Mann, wie er ihn kannte. Schilderte seine Treue und große Liebe zu seinem Weibe und schilderte sein Glück und Unglück. Und die Richter verhängten die mildeste Strafe über den Wastl, die nur zulässig war.
Und war doch eine jahrelange Zuchthausstrafe und hat den Mann an Seele und Leib gebrochen. Trotzdem er schon nach wenigen Jahren begnadigt wurde, kam er als ein kranker Mann in das Siechenhaus seines Heimatstales zurück.
Oft hatte Andreas Siegwein, der Priester, den Gefangenen aufgesucht. Hatte ihn getröstet und zur Reue ermahnt. Aber die Reue für seine Tat fehlte dem Wastl.
»Gib dir koa Müh' nit, Anderl ...« hatte der Wastl immer wieder erklärt, ruhig und schwerfällig, wie es seine Art war. »I tat's no amal. Und i hab's tun ~müassen~. 's ist gleich iatz!« fügte er dann traurig hinzu.
Daß die Vef schon bald nach jener Tat gestorben war, das hatte der Priester dem Wastl erzählt. Und ruhig und sehr gefaßt hatte ihm der Mann zugehört. Es war, als empfände er den Tod seiner Frau wie eine Erlösung. Er sprach nie über sie und war überhaupt noch schweigsamer wie zuvor. Stierte nur immer so vor sich hin und redete und deutete nichts.
Andreas Siegwein, der Priester, tat alles, was in seinen Kräften stand, um dem Wastl zu helfen. Seinen Bemühungen war es in erster Linie zu verdanken, daß der Wastl anläßlich einer Amnestie schon nach wenigen Jahren wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.
Und dann brachte er ihn in das Siechenhaus, das gleichzeitig auch als Versorgungshaus diente und in dem großen, stattlichen Dorf im Tal gelegen war. Das geschah auf ausdrücklichen Wunsch des Wastls. Denn er wollte wohl in seine Heimat zurück, jedoch nicht im Dörfl selber leben, aus Rücksicht für seine Söhne. Seine Buben, das war noch der letzte Stolz und die letzte Liebe, die dem Wastl geblieben war.
Wenn der Wastl den Priester von seinen Söhnen erzählen hörte, so lauschte er, ohne ihn zu unterbrechen und beinahe andachtsvoll zu. Er sah sie im Geiste vor sich, die drei Buben, obwohl er sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte ... sah, wie sie groß und schlank und biegsam und so blond waren, wie es die Vef gewesen war. Und mußten der Mutter ähnlich schauen, die drei. Es konnte doch auch gar nicht anders sein, als daß sie brave, tüchtige und brauchbare Menschen geworden waren, die Buben. Ein Leuchten verklärte das welkgewordene Gesicht des Mannes, so oft er an seine Söhne dachte.
Andreas Siegwein aber verschwieg es dem Wastl, und er hatte es auch der Vef verschwiegen, daß mit den Buben viel Sorge in das Haus des Kramer Veit eingezogen war. Der Martl, welcher der älteste von den dreien war, der wäre schon recht gewesen. War ganz nach der Art seines Vaters geraten. Fleißig und arbeitsam und auch etwas langsam und schwerfällig von Begriff. Ein Bauer durch und durch, der nichts Schöneres kannte, als in Gottes herrlicher Natur zu schaffen und zu ackern.
Aber die beiden jüngeren Söhne des Wastl und der Vef ... mit diesen hatten die alten Kramersleute sich ihr liebes Kreuz eingetan. Hatten große Rosinen im Kopf, die beiden, und dünkten sich zu gut, um Bauern zu werden. Natürlich, sie hatten ja auch schon einige Jahre hindurch eine gute Schule besucht und wären von Rechts wegen dazu bestimmt gewesen, einmal gebildete Herren zu werden. Daß man sie dann, als sich die Eltern nicht mehr um sie bekümmert hatten, einfach der Heimatsgemeinde zustellte, das erfüllte die beiden halbwüchsigen Burschen mit Empörung.
Ein wilder Haß gegen die Eltern keimte in den jungen Seelen und vergiftete sie. Man hatte sie willkürlich aus ihrem Erdreich verpflanzt, und kaum hatten sie anderswo Wurzel gefaßt und sich ihrer veränderten Lage angepaßt, hatte man sie abermals rauh in eine neue Umwelt versetzt, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle und ihren Geschmack.
Nun sollten sie wieder Bauern werden, jenem Stand angehören, den die Kameraden in der Schule verlacht hatten, so daß sie sich gar oftmals darob schämten. Kein Wunder, daß Haß und Groll gegen die Erzeuger ihres Lebens in ihnen wucherte, und kein Wunder, daß sie nur wenig Dank fanden für die Wohltaten der alten Kramersleute.
Sie waren von Haus aus liebe, gutherzige Burschen und wollten dem Veit und seiner Notburg nicht wehe tun. Sie gaben sich auch Mühe, den alten Leuten zu gefallen, und verletzten sie nie durch eine grobe Rede.
Aber sowohl Veit Galler wie die alte Mutter Notburg merkten es gar bald, wie es in den Herzen der beiden jungen Leute aussah. Sie mochten nicht arbeiten, nicht Knechtesdienste leisten. Hockten mürrisch herum und fühlten sich überall überflüssig.
Da brachte Veit Galler, der Krämer, sie vom Dörfl fort, hinunter ins Tal und zu einem Handwerker in die Lehre. Sollten ordentliche Arbeitsleute werden, wenn die Bauerschaft sie nicht freute. Und hatten trotzdem und zu jeder Zeit eine Heimat droben beim Kramer Veit.
Es tat aber auch das auf die Dauer kein gut. Die beiden wechselten den Meister und wechselten das Handwerk, und nichts wollte ihnen so recht gefallen. Bis das Unglück mit dem Vater kam und er zum Mörder wurde. Da zogen sie beide fort, wurden Sänger, wie es die Eltern gewesen waren, und reisten in fremden Landen herum. Und kamen dann wieder in die Heimat zurück und zogen abermals fort. Fahrende Leute ... ohne Rast und ohne Liebe zur Scholle.
Umsonst war die Fürsorge der Mutter Notburg, umsonst die Warnungen des alten Kramers. Der Lois, der ältere der beiden, blieb schließlich ganz fern. Das Predigen der alten Leute hatte er satt. Endlich war er ja alt genug, um sich das Leben nach seinem Geschmack einzurichten.
Der Michl aber war doch anhänglicher. Der blieb oft viele Monate hindurch daheim und versuchte es, so zu leben, wie es die Pflegeeltern von ihm wünschten. Dauerte aber nicht lange, das Bravsein, trotz aller guten Vorsätze. Und wenn er sich's noch so fest vornahm, seinem Bruder Martl bei der Arbeit zu helfen, so hielt er es nie länger als etliche Stunden draußen am Felde aus. Da brannte die Sonne so heiß und stach ihn und verursachte ihm Durst. Und oben in dem großen Alpenhotel, das einmal den Siegweins gehört hatte, da lockte die Freude, und da lockte der Genuß.
Und der Michl war bald mehr droben wie herunten in der Villa vom Kramer Veit. War ein gern gesehener Gast oben, ein guter Sänger, liebenswert und dazu noch bildhübsch. Hatte die Augen seiner Mutter, so strahlend und froh und voll Jugendmut und auch voll Leichtsinn. Und dieser Leichtsinn brachte ihm Verderben.
Ein paarmal schon hatte ihm der Kramer Veit aus einer bösen Sache herausgeholfen. Hatte Schulden für ihn bezahlt, die er leichtsinnig gemacht hatte, und hatte dann ernst mit dem Michl geredet.
»Bua ... auf die Weis' geht's nit. Das tut a Lump und koa ordentliches Mannsbild. Arbeit' oder geh' auf Reisen ... aber Schulden machen ... das leid' i nit!« hatte der Kramer in sehr bestimmtem Ton erklärt. War ein arges Kreuz für den alten Mann, der Michl.
Man konnte ihm nicht feind sein, dem Burschen; und wenn der Veit kein Geld mehr hergab, dann hatte halt doch die Mutter Notburg immer noch einen Groschen für den Pflegesohn. Und steckte es ihm heimlich zu.
»Aber g'wiß 's allerallerletzte Mal!« sagte dann die alte Frau schwer seufzend.
War ein recht geducktes, schlohweißes Mutterl jetzt, die Notburg, und fiel ihr schwer, etwas hinter dem Rücken ihres Mannes zu tun. Aber der Bursch erbarmte ihr halt gar zu sehr. Hatte nie Mutterliebe gekannt, der Häuter, und wär' doch so liebebedürftig gewesen. Und wie er schmeicheln konnte und so zart und weich und schön mit ihr tat. Immer wieder glaubte ihm die Notburg, wenn er ihr Besserung versprach und alle heiligen Eide schwor.
Und als dann die heimliche Kasse der alten Frau nicht mehr ausreichte, um die Schulden des jungen Mannes zu decken, verfiel er aufs Schwindeln. Wurde immer dreister und immer raffinierter und machte arge Lumpereien.
Und eines Tages holte ihn der Gendarm mitten aus einer lustigen Gesellschaft vom großen Hotel herunter und brachte ihn ins Gefängnis, das in dem Hauptort des Tales war.
Dieser Schlag traf den Wastl bis ins Innerste seines Herzens, als er davon hörte. Seit Jahr und Tag lebte der Wastl nun schon im Siechenhaus und war völlig abgeschlossen von der Außenwelt und ganz zufrieden mit seinem Dasein. Er hätte es nicht gedacht, daß er noch einmal so zufrieden werden könnte. Er lebte in der Heimat und doch verborgen vor allen; er sah täglich die Berge, die er von Jugend auf gekannt hatte, und genoß den heiligen Frieden dieses schönen Tales.
Was er brauchte, das hatte er, und mehr als das. Denn der Kramer Veit ließ ihm viel Gutes zukommen durch den Andreas Siegwein. Die barmherzigen Schwestern, welche die Obhut hatten über das Siechenhaus, waren gut und liebevoll zu ihm, voll Nachsicht und Verständnis, und ließen ihm alle Freiheit. Er nützte sie aber nur wenig aus, seine Freiheit. Hielt sich nur selten außerhalb des Spitalsgartens auf und war zufrieden, wenn man ihn dort allein auf einer Holzbank sitzen ließ.
Eine hohe Bretterwand umzäunte diesen Garten und schloß ihn gegen neugierige Blicke von außen ab. Gemüsebeete, von einfachen Blumen umgeben, waren in dem Garten. Die Schwestern arbeiteten unermüdlich darin, und Erholungsbedürftige ergingen sich langsam und wohlig im prallen Sonnenschein. Ab und zu spendete ein Obstbaum mit weitausragenden Ästen den ersehnten Schatten, und an den Bretterwänden des Zaunes rankten sich früchtetragende Aprikosenbäume empor.
In einer Ecke des Gartens, hart an der Bretterwand, stand die Bank, auf welcher der Wastl für gewöhnlich zu sitzen pflegte und sich von der lieben Sonne bescheinen ließ. Saß oft viele ... viele Stunden da, einsam und ohne sich eine Gesellschaft zu wünschen.
Er war ein gebrochener, alter Mann geworden, der Wastl, und hatte eine kranke Brust. Das Gesicht war grau, der Kopf kahl, und der Bart wucherte üppig und lang und war schneeweiß. Und groß und leer schauten die dunklen Augen aus dem eingefallenen, schwer durchfurchten Gesicht.
Manchmal gesellte sich ein Kamerad zu dem einsamen alten Manne und sprach mit ihm. War ein guter Bekannter vom Wastl aus seiner Jugendzeit und vom Alpl droben. Der Stanis, den sie damals eingesperrt hatten, weil er dem Fremden die Nase abbiß. Als der Stanis frei kam, war nichts mehr Rechtes mit ihm anzufangen. Einen gewesenen Zuchthäusler nehmen die Bauern nur ungern in Dienst, und wenn er auch noch so tüchtig arbeitet. Und der Stanis war auch recht bockbeinig geworden, und Kraft hatte er wohl auch nimmer gar viel.
So mühte sich der Stanis nicht lange um einen Dienst. Fand er zufällig eine Arbeit, so tat er sie im Taglohn, und wenn nicht, dann bettelte er sich eben durch. Hatte er Geld, dann vertrank er es, und hatte er keines, dann focht er die Fremden darum an. Lebte so richtig und ohne Sorgen in den lieben Tag hinein, lieferte ab und zu Räusche und wurde dann stänkerisch und unangenehm, wie er es ehedem gewesen war.
Schließlich hatte er Aufnahme gefunden im Versorgungshaus, und die Schwestern mochten den kleinen, beweglichen Kerl, der so gern Scherze machte, genau so gut leiden, wie ihn seinerzeit die jungen Melker droben am Alpl gut leiden konnten.
War ganz anstellig, der Stanis, und tat den Schwestern auch manchen Dienst. Und aus Dankbarkeit gewährten sie ihm dann wieder seine volle Freiheit. Von dieser machte der Stanis nun allerdings den ausgiebigsten Gebrauch. Besonders zur Sommerszeit, wenn die Fremden wieder im Tal waren. Da trieb's den Stanis aus dem Spitalsgarten hinaus und unter die Fremden, die er dann regelmäßig in der unverschämtesten Weise anbettelte.
Er umlauerte die Fremden und heuchelte ihnen Demut vor und Achtung, bis er seine Gabe erhielt. Dankte dann aber kaum dafür; denn er haßte sie alle, die nicht herein gehörten ins Tal, und sah ihnen mit boshaft schielenden Augen nach.
So war der Stanis immer in steter Fühlung mit der Außenwelt und wußte ganz genau, was sich im Ort und in der Umgebung ereignete. Vom Stanis erfuhr es der Wastl denn auch, daß man heute seinen jüngsten Sohn ins Gefängnis eingeliefert hatte.
Recht anschaulich schilderte der Stanis den Vorgang. Er hatte es selbst gesehen, wie der Gendarm mit aufgepflanztem Gewehr hinter dem Michl einhergegangen war. Und der Michl habe den Kopf eingezogen gehalten und zu Boden geschaut.
»Weil er si halt g'schamt hat, der Mensch. Woaß man wohl!« schloß der Stanis kaltblütig seinen Bericht und ahnte nicht, wie tief ins Herz er damit den Wastl getroffen hatte.
Es war am späten Nachmittag, zur Hochsommerszeit, und die sinkende Sonne leuchtete rot auf die Bergspitzen des Tales. Ein frischer Wind zog erquickend über die heißerwärmte Erde, und weit im Norden hinten ballten sich die ersten Boten eines heranziehenden Gewitters.
Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen auf der Holzbank im Gartenwinkel, die beiden alten Männer. Und keiner sprach ein Wort, nachdem der Stanis ausgeredet hatte.
Es wunderte den Stanis nun doch, daß das alles den Wastl anscheinend so kalt und gleichgültig ließ. Schließlich war's ja doch sein Sohn, den man heute eingeführt hatte. War ihm eigentlich leid um den Michl, dem Stanis. Denn gebessert, das wußte er aus Erfahrung, kam keiner aus dem Zuchthaus heraus.
Als es zu dunkeln begann und der Wastl noch immer kein Wort redete, da riß dem Stanis die Geduld. Etliche Male schon hatte er nach seiner Schnupftabaksdose gegriffen und energisch auf den Deckel geklopft, ehe er sich eine Prise nahm. Und hatte dann auch dem Wastl davon angeboten. Der aber achtete nicht darauf, saß und stierte schweigend vor sich hin.
Boshaft schielte der Stanis aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem Manne hinüber, der weit nach vorn gebeugt neben ihm auf der Bank saß.
»Werden eini müassen ins Haus!« brach er dann endlich das Schweigen. »'s wird spat!« mahnte er in unfreundlichem Tone.
Der Wastl erhob sich gehorsam und wollte in der Richtung nach dem großen Gebäude hingehen. Es war jetzt leer geworden im Garten, und von der Hauskapelle hörte man das gedämpfte Murmeln des Rosenkranzgebetes.
Der Stanis, der noch immer trotz seines vorgerückten Alters erstaunlich beweglich war, trat rasch an die Seite des alten gebeugten Mannes und zupfte ihn energisch am Arm.
»Du ...« machte er leise und sah neugierig zu ihm auf ... »wart' a bissl ... ha?«
Müde und gleichgültig blieb der Wastl stehen. »Willst eppas?« frug er ihn und langte in seine Hosentasche nach Geld. Denn da der Stanis wußte, daß der Wastl oft Geld bekam, pflegte er ihn häufig anzupumpen.
Der Stanis machte aber eine ablehnende Bewegung. »G'halt' dir's!« sagte er verächtlich. »I hab' di lei eppas fragen wöllen ... di ...« fügte er eindringlich hinzu.
»Mi ...« Leer und schwer kam das Wort aus dem Mund des Wastl.
»Ja.« Jetzt stellte sich der Stanis in Positur. Wie kampfbereit sah er aus, so daß der Wastl unwillkürlich erstaunt auf das kleine, dürre Manndl herabschaute.
»Hast g'hört, was i dir verzählt hab' ... ha?«
»Ja.«
Der Stanis spie, wie er das stets zu tun pflegte, bevor er zu raufen anfing, ein paarmal verächtlich auf die Erde.
»Hast's begriffen aa ... du ...« frug er scharf und sah lauernd zu dem andern auf.
»Ja!« nickte der Wastl. Es klang kalt und tonlos.
Jetzt brach die Empörung bei dem Stanis aus.
»Aft begreif' i di nit ... du Depp ... du ...« machte er zornig. »Ist do dei' Bua ... dei' Kind ...«
»Ja!« sagte der Wastl. »Und nachher?«
»Nachher?« Zornig schaute der Stanis auf den Kameraden. »Nachher? Dös fragst no ... du? Hast denn koa Bluat mehr ein? Koa G'fühl und koa Herz mehr? Reißen müasset's di ... kimmt mir für ... an alle Knochen und an alle Muskeln! Woaßt nit, daß dei' Bua iatz a Lump ist? Begreifst es nit, daß er erst a richtiger werd', bald's ihn wieder außerlassen? A Zuchthäusler ... so oaner wia du ... und i oaner bin ... den's alleweil antreiben wird, Schlechtes zu tun. Oaner, den sie verachten ... dahoam und in der Stadt ... oaner ...«
Mit einem wilden Schrei warf sich der Wastl über den Stanis und schmiß ihn zu Boden.
»Stad bist ... du ...« keuchte er außer sich und mit vor Zorn und Wut blutunterlaufenen Augen. »Stad ... sischt ...«
Der Stanis aber war noch immer so geschmeidig, daß er sich flink wie ein Aal aus den fest zugreifenden Händen seines Gegners entwand und dann rasch wieder auf die Füße zu stehen kam. Er war aber keineswegs empört über den Überfall, sondern ganz im Gegenteil hoch befriedigt davon. Wie ein naßgewordener Pudel schüttelte er sich die Erde von den Kleidern und sagte dann sehr ruhig und sehr zufrieden: »Ah ... ah so! Aft hast döcht no a Seel' ein ... du!«
Und trug dem Wastl nichts nach. Der Wastl hatte sich gleich wieder beruhigt und war wieder ganz kleinlaut geworden, da er sich über seinen aufbrausenden Zorn schämte. Sie gingen dann, ohne noch viel miteinander zu reden, ganz einträchtig ins Haus hinein und zur Ruhe.
Aber der Wastl schlief nicht. Konnte kein Auge zutun in dieser Nacht und mußte nur immer an den Michl denken und an die Schande, und daß der Michl nun ein Zuchthäusler wurde.
Die ganze Nacht dachte der Wastl darüber nach und auch den darauffolgenden Tag, bis es wieder gegen Abend ging und der Stanis abermals zu ihm in die Gartenecke kam.
Klar und hell hoben sich die Berge im Hintergrund des Tales von dem tiefblauen Himmel ab. In dieser einsamen Gartenecke hatte man einen herrlichen Fernblick. Der hohe Zaun verbot den Blick aufs ebene Tal ... aber weit, dem Süden zu, bauten sich die alten Bekannten des Wastls auf.
Da reckte der Berg, an dessen Lehne der Wastl das Alpl wußte, seine kecke Waldnase empor, und das winzige Hochtal, in dem der Perlmoserhof gelegen war, sah von hier aus gesehen einer frischgrünen Wiese ähnlich. Waldumsäumt und von der ragenden, schroffen Felsenwand des Berges bewacht. Und ganz putzig nahmen sich die paar Bauernhäuser aus. Dunkel und braun und die Dächer so eingeschrumpft wie Hüte, die das Gesicht verstecken sollen.
Ganz zu oberst, am Waldessaum ... das war der Perlmoserhof, und der Wastl sah mit seinen scharfen Augen ganz deutlich die Zickzacklinie des Weges, der herab zum Söllerbauer führte und noch weiter herunter gegen das Haupttal zu.
Wie oft und oft war der Wastl diesen Weg gewandert, jung und frisch und jauchzend und singend. Damals ... als er noch das ganze Leben vor sich hatte. Damals ...
Und jetzt sprach der Wastl zu dem Stanis, der schweigend und abwartend neben ihm saß ... »Hab' denkt, daß alles aus ist ...« fing er schwerfällig zu reden an ... »daß mi nia nix mehr treffen kunnt. Hab' denkt ... die Buben sein versorgt und rechtschaffene Menschen. Hab' nia nit denkt, daß oaner auf so eppas kömmen kunnt ... da bei uns herinnen!« sagte er, und dumpf und klanglos und todtraurig war seine Stimme.
»Bei uns herinnen?« Scharf frug es der Stanis. »Z'wegen was denn nachher nit bei uns herinnen, ha? Ist denn da koa Versuchung nit, ha? Ausg'rechnet bei uns herin, wo's oaner alleweil vor Augen hat, wia fein 's Leben sein könnt', wenn man Geld g'nug hat. Kann mir's leicht fürstellen, wia's den Michl anpackt hat. Ist halt no jung und dumm. Und im Hotel droben ist a fein's Leben. Sein noble Leut' dort und lassen sich nix abgehen, woaß man wohl. Woaß wohl selber, wia's mir gangen ist. Hat mi hinzochen als wia an Falter zum Liacht. Und war' nimmer a so jung g'wesen wie dei' Bua. Und mehra hab' i kennt ... dö aa alleweil aufi sein, derweil der Florl no g'lebt hat. Und koan' hat's guat tan. Koan' oanzigen. G'soffen haben's und g'spielt und g'sungen und g'tanzt. Haben die Hanswürst' abgeben für dö Fremden ... dö Tuifl ... dö verfluachten!«
Kräftig spie der Stanis auf den Erdboden des Gartens; denn nun war er in seinem Element und konnte seinem Haß, den er von jeher schon immer gegen die fremden Gäste hegte, ungehemmten Lauf lassen. Und ganz besonders war dieser Haß genährt worden, seitdem er hatte eines Fremden wegen ins Zuchthaus wandern müssen. Hartnäckig und ohne Selbsterkenntnis machte er dafür nur die Fremden verantwortlich, und jetzt, da er mit dem Wastl sprach, teilte er diese einseitige Ansicht auch diesem mit und brachte den schwerfälligen Mann zu seiner Überzeugung.
»Wann i derfet, wia i möcht' ... Wastl ...« sagte der Stanis voll ingrimmigen Hasses ... »woaßt, was i tat'?«
Wortlos und ohne Verständnis schaute ihm der Wastl in die unruhig flackernden Augen.
»Anzünden tat' i die Bud'n da droben ... dö verdammte ...« flüsterte der Stanis mit heiserer Stimme. »Alles müsset verbrennen ... nix mehr derfet man sechen davon. Damit koa Schaden mehr kömmen könnt' ... von denen da oben.« Er ballte ingrimmig die dürren, knochigen Fäuste in der Richtung des kleines Hochtales, auf dessen anderer Seite er das große Fremdenhotel wußte. »Grad' wegen dö ist alles kömmen. Wegen dö alloan. War'n wir blieb'n, wia wir amerst g'wesen sein ... hatten wir nix Bess'res kennen g'lernt ... aft warst du mit dein' Weib no alleweil a Bauer in der Gungl drein. Moanst nit aa, Wastl?«
Der Wastl sagte kein Wort zur Erwiderung, und der Stanis wußte nicht recht, ob er seinen Haß begriffen und seine Rede auch aufgefaßt hatte.
Er saß noch lange ... lange Stunden in seinem Winkel im Garten, der Wastl, auch noch, nachdem ihn der Stanis verlassen hatte. Er saß und starrte in weite Ferne, hinüber zum Hochtal und zum Perlmoserhof. Aber sein Blick war nicht leer, und die dunklen Augen leuchteten wie seit langem nicht mehr.
Tagelang wurde der Wastl den bösen Gedanken nicht los. Er verfolgte ihn bei Tag und Nacht und weckte ihn aus unruhigem Schlummer. Immer nur der eine Gedanke ... die Rede des Stanis ... sein wilder, unbändiger Haß und dessen Ursache.
Sollte der Stanis recht haben? Hatten diese fremdländischen Neuerungen das Unglück in seine Heimat gebracht? Und wieder besprach er's mit dem Stanis ... lange und eingehend, bis es ihm zur fixen Idee wurde.
Dann wieder kam der Zweifel in seine Seele und eine Unruhe, und er kämpfte gegen das Böse, das Macht zu werden begann in seinem Herzen. Er zwang ihn nieder ... den bösen, gewaltsamen Gedanken. Bezwang ihn, bis er triumphierend wieder aufs neue erstand.
Wenn der Wastl jetzt in seinem Gartenwinkel saß, so brachte ihm der Blick in die nahen Heimatsberge keine Ruhe mehr und keine Zufriedenheit. Er sah mit Angst hinüber in die Gegend des kleinen Hochtals ... mit Angst und nagender Unruhe.
Da drüben ... auf der andern Seite des kleinen Jochberges ... da war das Dörfl, und in diesem wohnte sein Ältester. Sollte ein tüchtiger Bauer sein, der Martl, hatte ihn der Anderl immer wieder gelobt. Ob das aber auch Tatsache war? Der Anderl hatte es ihm ja auch verschwiegen, daß der Michl ein Lump geworden war und der Lois fern und verschollen lebte in fremden Landen. Jetzt hatte er es ja alles erfahren, haarklein und genau erfahren, der Wastl. Und jetzt traute er dem Anderl auch nicht mehr, wenn er den Martl lobte. Ob der wirklich ein ehrlicher Bauer war oder auch schon hinaufging in das große Gasthaus und dort zum Lump wurde?
Er konnte oft gar nicht mehr stille sitzen, der alte Mann, wenn ihn die Angst um den Martl anpackte. Mußte immer umhergehen, immer auf und ab und seine Gedanken niederkämpfen ... seine bösen Gedanken ...
Waren sie böse? Wirklich böse? Der Stanis sagte, es wäre eine Wohltat für das ganze Tal, wenn die Lahn käme oder ein Blitz einschlüge und alles da droben zugrunde richten würde ... Dann wäre die Luft erst wieder rein ... so köstlich und unschuldsvoll wie damals, als da droben nur grüne Wiesen waren und ganz vereinzelt kleine Felsblöcke darin umherlagerten.
Und wenn das wirklich eine Wohltat war fürs ganze Tal, weshalb führte der Stanis den Plan nicht aus? Hatte es doch ganz genau und haarklein ausgeheckt ... wie's gemacht werden müßte ... damit alles da droben ... das alte und das neue Haus und was noch dazu entstanden war ... von Grund aus vernichtet würde.
War ein gescheiter Mensch, der Stanis! Schade, daß er so feig war und sich immer betrank! Er, der Wastl, trank jetzt nie mehr. Hatte keinen Rausch mehr gehabt, seit damals ... seitdem er die Vef wiedergesehen hatte.
Die Vef! Und immer wieder die Vef! Er konnte sie halt doch nicht vergessen, die Vef! Wie schön sie gewesen war ... wie lustig und jugendfrisch und arbeitsam ... und hatte ihm Kinder geschenkt ... drei Buben und ein Mädel ... und war dann verkommen ... war eine geworden ... eine ... wie hatte der gesagt ... der Schuft ... den er dann erwürgt hatte? ... eine Dirne ... die Vef ...
Und immer wieder die gleichen Gedanken ... immer wieder ... wie ein Mühlrad in seinem Kopf ... drehte sich im rastlosen Kampfe des Guten mit dem Bösen.
Was war gut und was böse? War er, der Wastl, auch feig wie der Stanis? Sollte er zugeben, daß auch sein letzter Bub verkam und der Versuchung unterlag? Wenn er doch nur wüßte, ob ihn der Anderl nicht anlog, ob der Martl wirklich noch ordentlich war?
Und immer größer die Unrast in der Seele des Mannes, immer größer der Zwiespalt in seinem Innern, bis er's nicht mehr aushielt und hinging und sich doch wieder betrank. Toll, wütend und sinnlos. Hatte ja Geld genug, mehr wie genug vom Kramer Veit. Konnte sich schon etliche Räusche leisten, der Wastl, und brauchte dann nicht immer nachzudenken ... Das Denken machte ihn ja noch ganz verrückt. War nichts für einen so alten, einfältigen Menschen ...
Sinnlos wie ein Tier war der Wastl besoffen. Und kehrte dann auch nicht zurück ins Siechenhaus, sondern verkroch sich in einem Heustadel außerhalb des stattlichen Dorfes. Wollte sich nicht so zeigen den Schwestern. Und wollte überhaupt nicht mehr da hinein. Zu was auch? War doch viel freier und schöner außerhalb des Spitalgartens. Konnte viel besser draußen herumwandern, der Wastl.
Es war Spätherbst, und der Stadel, in dem der Wastl für diese Nacht Unterschlupf gefunden hatte war vollgepfropft mit köstlich duftendem Heu.
Wie das gut tat, wieder einmal im Heu schlafen zu dürfen! Völlig gesund konnte einen der Duft machen. Und ganz ernüchtert war der Wastl mit einem Male und gar nicht mehr betrunken. Wühlte sich in das weiche Heubett ein, tief und wohlig, und schlief.
Und andern Tags schlich er sich heimlich aus dem Stadel, schaute umher, ob ihn wohl niemand sähe. Wollte nicht mehr zurück ins Siechenhaus, sondern fort ... tiefer ins Tal hinein ... und noch einmal den Weg gehen, den er so oft gegangen war, hinauf zum Perlmoserhof und beim Söllerbauer vorbei und dann hinüber zum Dörfl, um seinen Buben aufzusuchen, den Martl, und auch den Kramer Veit.
Fühlte sich ganz kräftig und gesund genug zum gehen, der Wastl. So eine Nacht im Heu kann Wunder tun. Macht einen völlig wieder jung. Und schnell brauchte er ja nicht zu gehen. Hatte Zeit genug, der Wastl, und auch Geld genug, wenn ihn hungern sollte.
Und als es Abend wurde, kehrte er in einem Gasthaus ein und aß und trank. Trank ein Viertele Rotwein um das andere, bis er abermals betrunken ward. Dann schlich er sich fort und nächtigte wieder in einem Heustadel. Am zweiten Tage aber erreichte er das Dörfl, wo der Martl war, sein Bub.
War völlig fremd geworden im Dörfl. Niemand erkannte den alten Mann. Barhäuptig, auf einen Stock gestützt, schlich der Wastl umher und merkte es nicht, daß sein Atem keuchte und die kranke Brust schmerzte. Und der Kopf war ihm dumpf und wirbelig.
Machte am kleinen Gottesacker halt, der Wastl, und betete am Grabe seines Kindes ein Vaterunser und ging dann in die Kirche. Er getraute sich nicht zum Kramer Veit und wagte es auch nicht, seinen Buben aufzusuchen. Wollte warten, bis es dunkel geworden war und dann heimlich durch die Fenster schauen, um den Martl zu sehen.
Dauerte recht lange bis zum Abend, und der Wastl hatte Hunger und Durst. Argen Durst, und die Kehle brannte ihm. Konnte nicht so lange warten bis zum Abend, sondern mußte den Durst löschen gehen, denn er hatte viel Geld. Geld genug, wenigstens für diese eine Nacht, und morgen würde dann schon der Kramer Veit für ihn sorgen. Morgen ...
Langsam, müde und geduckt kroch der Wastl, mehr als er ging, den Berg zu dem großen Hotel hinan.
Es war noch viel feiner jetzt hier oben, so erschien es wenigstens dem Wastl, als wie es seinerzeit unter dem Florl gewesen war.
Beinahe hätte ihm der Mut gefehlt zum hineingehen. So fein und nobel sah es von draußen aus. Heller Lichtschein überall ... gerade so wie in den großen Städten, wo sie gesungen hatten ... zuerst er und die Vef und dann die Vef allein. Das war damals ... ehe sie eine ...
Er wollte das Wort nicht zu Ende denken. Durst hatte er, nur Durst und keinen Hunger mehr.
Trinken ... nur trinken ...
Mißtrauisch und argwöhnisch und sehr von oben herab besah sich die Kellnerin den alten, geduckten Mann in den ärmlichen Kleidern, ehe sie seinen Auftrag entgegennahm. Ob der wohl zahlen konnte? Und als sie ihm dann doch mit herablassender Miene die Halbe Rotwein hinstellte, da forderte sie ihm gleich das Geld dafür ab.
Der Wastl zahlte gelassen und gab ein nobles Trinkgeld. Und trank. Saß allein in der großen Glasveranda an einem blühweiß gedeckten Tische und trank. Trank ... wie ein Verdurstender und stierte hinaus in die einfallende Dämmerung des Herbstabends. Sah mit matten, verschwommenen Blicken die dunklen Wälder jenseits der drei Hochtäler, sah, wie sie sich schwarz und düster und gewaltig aufbauten, und hörte das majestätische Rauschen des nun einsetzenden Abendwindes. Er kam von drüben her ... dort, wo schon ganz im grauen Dämmer die Gungl lag.
Und der Wastl trank ... trank und bezahlte gewissenhaft und sehr ruhig alles, was man von ihm forderte. Bis er kein Geld mehr hatte und man ihn gehen hieß.
Er wollte aber nicht gehen, der Wastl, wollte hier sitzen und noch mehr trinken. Und noch einmal hieß man ihn gehen, und der Hausknecht kam und stand in nächster Nähe des Wirtes, bereit, den lästigen Gast an die Luft zu befördern.
Es war ziemlich leer in dem großen Gasthof; denn Zeit und Stunde waren spät. Die wenigen, die noch vereinzelt herumsaßen, machten empörte und angewiderte Gesichter. Den Wirt packte der Zorn, als ihm der Wastl so hartnäckigen Widerstand entgegenstellte. Gereizt wendete er sich an die Kellnerin.
»Und überhaupt ... solches Gesindel gehört doch nicht hier herein!« sagte er scharf. »Das hätten Sie wissen müssen!«
»Gesindel!« Heiß stieg dem Wastl der Schimpf ins Gesicht und ernüchterte ihn etwas. »Gesindel!« Er ... der Wastl ... ein Bauer ... einer, der ins Tal herein gehörte ... hier aufgewachsen war und kein Fremder!
»Gesindel!« Schwerfällig und trunken griff der alte Mann nach seinem Stock, um ihn dem fremden Wirt ins Gesicht zu schlagen. Die Bewegung wirkte komisch, so daß die Kellnerin und auch der Wirt unwillkürlich lachen mußten, und ohne jede Mühe entledigte sich der Hausknecht seines Amtes. Schob den Wastl, wie der Metzger ein widerspenstiges Kalb vor sich her schiebt, einfach zur Tür hinaus und verriegelte sie von innen. Und drinnen im Haus lachten sie über ihn ... roh und unbarmherzig. Lachten ihn aus, den Wastl ... er hörte ihr Lachen, wie es laut und höhnisch ihm nachklang.
»Gesindel!«
Wer war hier Gesindel? Er oder die da drinnen? Den Michl, seinen Jüngsten, hatte doch der Gendarm von hier herausgeholt, erzählte der Stanis. »Gesindel!«
In dunkler Nacht stand der Wastl vor dem großen Haus und hob drohend den Stock. »Gesindel!« wiederholte er leise und ingrimmig mit den Zähnen knirschend. »Gesindel!« Der da drinnen ... der Fremde ... der hatte kein Recht, ihn das zu heißen. Wußte nichts von ihm ... wußte nicht, daß er im Zuchthaus gesessen hatte ... wußte nicht, daß die Vef ...
Und wieder dachte der Wastl den Gedanken nicht zu Ende.
»Gesindel!« hatte der fremde Mann gesagt. »Gesindel!« Er kam nicht los von dem Wort und wiederholte es immer und immer wieder.
Langsam und scheu umschlich der Wastl in dunkler Nacht den großen Bau. Halb betrunken und halb wirbelig im Kopf. Denn nun mußte er wieder zu denken anfangen, der Wastl. Wie ein Mühlrad drehten sich die Gedanken in seinem Kopf.
Die Vef und der Stanis ... und der Michl ... den sie eingesperrt hatten ... und drunten im Dörfl der Martl ... der vielleicht auch schon ein Lump geworden war ... weil er der Versuchung nicht widerstehen konnte und immer in das feine Gasthaus ging ... Und Gesindel hatte der Mann, der nicht einmal ins Tal gehörte, zu ihm gesagt. Gesindel!
Er murmelte das Wort immer wieder vor sich hin. »Gesindel! Gesindel!« Und der Stanis ... der hatte gesagt, daß es eine Wohltat wäre für die ganze Gegend ... eine Wohltat ... wenn ...
War ein gescheuter Mensch, der Stanis. Aber feig! Feig ... weil er sich betrank und Räusche lieferte. Er, der Wastl, lieferte keine mehr. Nie mehr wollte er einen liefern. Nie mehr! War jetzt schon wieder ganz nüchtern, der Wastl ... nur der Kopf ... der war schwer und wirbelte ihm vom vielen Denken.
Der Wastl umkreiste das Haus und besah es sich von allen Seiten und schlich dann zum Nebenbau hinüber, zu dem Haus, das der Kramer Veit damals für den Florl erbaut hatte. Und umkreiste auch das, langsam und vorsichtig. War ihm gut bekannt ... das Haus. War oft drinnen gewesen ... damals noch, als die Vef lebte.
Und jetzt durfte er nicht mehr hinein. Hatten ihn vor die Türe gesetzt in stockdunkler Nacht, die da drinnen, und ihm nichts mehr zu trinken gegeben. Er wollte aber trinken ... er mußte trinken ... um nicht immer denken zu müssen ... nur nicht immer denken ... an nichts mehr denken ...
Ein Hund schlug warnend an und zerrte an der Kette. Drohend und zornig. Und wollte sich nicht beruhigen. Der Wastl setzte sich auf eine der Bänke, die herumstanden, und horchte. Machte ein pfiffiges Gesicht, der Wastl ... ganz pfiffig ...
Ging ein Brausen durchs Tal ... von jenseits der Berge kommend, wo die Wetter sich ansagen. Und war schwarz und schwer und kein Stern am Himmel und kein Licht mehr drunten im Dörfl.
Dunkel und vornehm und still lag der weiße Block des großen Hotels. Konnte ihn gut sehen, der Wastl, sehr gut. Trotz der großen Dunkelheit ... Und der Wastl lauschte mit eingezogenem Atem und hörte, wie sich die Tür auftat und jemand aus dem großen Haus kam und zu dem Hunde ging, um ihn zu beruhigen.
War zornig, der Hund, und heulte gellend in die Nacht hinein. Und der Wastl kicherte leise und schadenfroh. Hat schon recht der Hund! Soll nur heulen. Ganz recht hat er. Sollen alle heulen ... die da droben ... alle ...
Und wieder schwang der Wastl voll ingrimmigen Hasses seinen Stock gegen das große Haus.
»Gesindel!« sagte er leise und mit verhaltener Wut. »Gesindel! Alle seid's Gesindel! Ös da droben! Alle miteinander!«
Sie mußten den Hund ins Haus bringen und einsperren, weil er so zornig tat. Und der Wastl hörte mit scharfem Ohr, wie er dann trotzdem wieder zornig knurrte, leise und grollend.
Er hatte ein feines Ohr, der Wastl, und auch noch gute Augen. Waren scharf und ungetrübt geblieben und konnten gut sehen im Dunkel. Und hatten erspäht ... wo der große Schupfen war, in dem sie das Futter für die Maulesel und den Holzvorrat fürs Hotel untergebracht hatten.
»Bei dem müsset man zuerst anfangen!« hatte der Stanis gesagt. War gescheut, der Stanis! Aber feig!
Ein Sturm hatte sich erhoben in der schwer dunkeln Nacht. Brauste eisig von den Fernern herüber und kündete wohl frühen Schneefall an.
Es fror den Wastl. Aber er wartete noch. Trotz der Kälte. Wollte ganz sicher gehen ... bis sie alle schliefen ... und ihn nicht stören konnten.
Dann erst schlich er sich hinüber. Tat ... wie's der Stanis ausgekopft hatte. Zuerst der Stadel ... Nein ... das war falsch ... Zuerst das große Haus ... dann der Nebenbau vom Kramer Veit und dann der Stadel ... So war's recht.
Hatte Mühe, der Wastl, bis er vom Schupfen her das Holz zusammentrug ... Dauerte lange die Arbeit ... und der Sturm brauste und der Hund knurrte ab und zu und heulte auf in langgezogenen Tönen.
Und dunkel war's ringsum! Stockdunkel. Nichts mehr konnte man unterscheiden. Gar nichts mehr. Keinen Berg und keine Felder und auch kein Haus vom Dörfl unten. Würde bald hell werden hier oben und leuchten. Und der Wastl lächelte vor sich hin, still und vergnügt.
Leise knisterte das Feuer und züngelte sich zur Flamme. Sorgfältig hatte es der Wastl angelegt ... unter der großen Holzveranda ... wo es so guten Durchzug hatte und bald hell aufschlug. Wie das brannte! Schön war's und würde bald ganz hell werden und lichterloh brennen.
Und der Wastl ging zum Nebenbau hinüber ... langsam und sehr vorsichtig ... und zündete dort das Feuer an. Wartete, bis die Flamme loderte, und lächelte schadenfroh.
»Gesindel!« hatte der fremde Mann ihn beschimpft. »Gesindel! Selber Gesindel ... spottschlechtes! Zugrund sollt's gehen ... alle miteinander!«
Und dann zündete der Wastl den Stadel an. Der fing das Feuer, daß es eine Freude war. Hellauf schlugen die Flammen, vom Winde umtobt.
Schön war das! Herrlich schön. Dieser helle Schein in der dunkeln Sturmnacht. Und leuchtete so hell, daß der Wastl jetzt alles sehen konnte. Das Dörfl unten mit der kleinen Kirche und drüben die düster drohende Bergwand.
Sorgsam ... wie eine heilige Pflicht ... hegte der Wastl die Feuer an den großen Häusern, trug Holz herüber vom Schupfen und legte zu. Aber sie brauchten die künstliche Nahrung nicht mehr, sondern fanden von selbst ihr Futter, die Flammen. Züngelten gierig zum Dachstuhl empor und nach allem, was morsch und holzig war, und brannten lichterloh und brausend im Sturmwind.
Er hatte sein Werk gründlich besorgt, der Wastl so wie es immer seine Art gewesen war. Und durfte nun gehen und sich ausruhen.
Als sie im Hause das Feuer bemerkten, war es zu spät. Nur das Leben konnten die Bewohner retten und nur wenig von den Habseligkeiten. Ein Flammenmeer war es im rasenden Sturm, der sich dem Riesenbrand verbündet hatte. Weithin leuchtete der Feuerschein, die dunkle Nacht erhellend. Und es krachte und zischte und brauste, und eine ganze feurige Hölle der Vernichtung war entfesselt. Menschliche Hilfe? ... Umsonst! Retten, löschen? ... Wer vermochte es, den sturmgepeitschten Flammen Einhalt zu tun? ... Wehklagend klangen die Glocken im Dörfl drunten und riefen um Hilfe. Sie riefen vergebens ... Die entfesselten Elemente waren Herr ... Sturm und Feuer ... und Feuer und Sturm ... beide verbrüdert und verschworen zur furchtbaren Vernichtung ...
Zu Schutt und Asche war alles niedergebrannt, was da droben stolz gethront hatte. Alles ausgebrannt, was nicht Stein und Mauer war. Stand dampfend und rauchend und qualmend ... Ruinen ...
Sie fanden am frühen Tag einen alten Mann. Der irrte umher in den Wiesen und Feldern, barhäuptig und mit schweren Füßen. Sein Gesicht war gelb und fahl und die dunkeln Augen leer und ohne Seele.
Und er wußte von nichts mehr, und wußte auch nicht mehr, wer er sei.
Der Wastl hatte den Verstand verloren.
Achtzehntes Kapitel
Ein neues Geschlecht war erstanden im Tal. Jene, die damals noch Kinder waren, als das Regele von Schande getrieben aus der Heimat flüchtete, waren gereifte Männer und hatten Familien gegründet, und etliche von ihnen lagen auch schon unter der Erde. Und alle waren sie tot, die guten Bekannten von einst. Der alte Perlmoser und der Söllerbauer und sein Weib, und auch die Julie, die dann Wirtin geworden war. Die Perlmoser Rosina aber blieb verschollen. War nie mehr in die Heimat zurückgekehrt. Und auch vom Lois, dem Sohn des Wastl, hatte man wenig mehr gehört.
Das Moidele, die das Kind der toten Mena war, wartete und pflegte die alten Kramersleute bis zuletzt. War gutmütig und nicht recht gescheut, aber dankbar und treu und anhänglich. Und die Regina war gestorben und die alte Mutter Notburg.
Nur der Kramer Veit lebte noch. Wie alt er war? Er wußte es selber nicht mehr recht. Aber alt, uralt war er. Und hatte sie alle dahinsterben sehen müssen, die ihm lieb gewesen waren. Auch den Wastl, den armen Narren.
Den hatten sie nach jener Tat ins Irrenhaus gesteckt und dann nach einiger Zeit wieder entlassen. War ein gutmütiger Narr, der Wastl, und lachte immer vergnügt vor sich hin. Tat niemandem etwas zuleide und folgte den Schwestern des Siechenhauses in dem großen stattlichen Dorf draußen wie ein kleiner Hund. Und lebte noch etliche Jahre, bis er dann sterben durfte.
Er hatte sein Weib lange behalten dürfen, der Kramer Veit. Die Regina war noch vor der Notburg dahingegangen. Und das war gut so; denn mit der Regina war nicht angenehm zu hausen. Bis zu ihrem Lebensende lebte sie im eingebildeten Hochmut dahin. Arbeitete nichts und tat nichts und fühlte sich immer als die Frau Regina Siegwein, zu der sie der Florl erhoben hatte. Schmückte sich mit ihren feinen Kleidern, die sie aus besseren Zeiten her besaß. Thronte würdevoll wie eine Fürstin in hellen Seidenkleidern und mit Schmuck beladen in der großen Stube des Kramer Veit und ließ sich von dem Moidele bedienen.
War unförmlich dick und fett geworden, die Regina, war voll von Launen und Kaprizen und hatte kein Verständnis dafür, daß sie nun arm geworden war und abhängig von anderer Leute Barmherzigkeit. Sie fühlte sich als die Mutter des zukünftigen Besitzers des Anwesens vom Kramer Veit, und der Martl war ihr ein Dorn im Auge. Sie konnte die Abneigung gegen ihn nur schlecht verbergen.
Der Kramer Veit und die Notburg aber hegten einen stillen Wunsch. Sie redeten nicht darüber. Nur wenn die beiden alten Leute ganz allein nebeneinander saßen, dann sprachen sie davon, geheim und im Flüstertone.
Sie hätten es gar zu gern gesehen, wenn der Martl die Tochter der Regina geheiratet hätte. Aber die jungen Leute fanden sich nicht. Das Mädel war wie ihr Bruder, der Anderl, und taugte nicht zur Bäuerin. War still und verträumt und sinnierte viel und einsam.
Und als sie droben, wo das große Alpenhotel gestanden hatte, eine Kirche erbauten und der Andreas Siegwein dort als Kurat einzog, da nahm er die Schwester zu sich, damit sie für ihn sorge. Denn unten in der Villa vom Kramer Veit hauste nun die junge Frau des Martl, die er sich zum Weibe erkoren hatte, und die Notburg war tot.
Und die junge Bäuerin war frisch und lustig und lachte gern und sang ihre schmetternden Lieder. War rasch und energisch und voll Arbeitslust. So recht eine Bäuerin, wie es die Vef auch einmal gewesen war. Und bekam Kinder. Eines ums andere, blond und pausbäckig und mit den strahlenden Augen der Vef.
Und das war das Glück für den greisen Kramer Veit. Richtige Bauersleute waren der Martl und sein Weib, solche vom alten Schlag, wie der Perlmoser gewesen war und wie es einmal der Wastl und die Vef auch waren. Richtige Bauersleute, ohne Sehnsucht nach der Ferne und treu der Scholle, der sie entstammten.
Der Alte mit dem schlohweißen, spärlichen Haar, dem gebeugten Rücken und den noch immer scharfen dunkeln Augen schaute beobachtend umher. Und vieles, was er bei dem neu aufwachsenden Geschlechte sah, mißfiel ihm. Sie waren andere Menschen geworden als ihre Eltern und Großeltern, mit einem Zug ins Weite und in die Ferne. Denn viele von ihnen wanderten jetzt von der Heimat ab. Zogen ins Land hinaus als Händler, zogen in die Städte als Dienstleute und Handwerker, und manche reisten auch als Sänger umher.
Und jene, die daheim blieben im engen Tal, paßten sich den veränderten Verhältnissen an. Denn immer größer wurde der Zuzug der fremden Gäste im Land, und immer neue Fremdenhäuser wurden erbaut. In den tiefsten Tälern schon hatten sie Unterkunftshäuser errichtet, und die Söhne und Enkel jenes alten Geschlechtes, dem der Kramer Veit und der alte Perlmoser entstammten, hausten drinnen als Wirte und als Bauern. Und vielfach auch als Händler. Aber sie waren mehr Händler und Wirte wie Bauern.
Die Sitten wurden lockerer im Tal und der Glaube laxer. Und die Priester wetterten von den Kanzeln gegen den Fremdenstrom, dem sie die Schuld beimaßen. Der alte Kramer Veit aber schüttelte seinen Kopf, so oft er davon erzählen hörte. Denn er erkannte den wahren Grund. Und sprach auch mit dem Anderl darüber ... oft und oft.
»'s sein nit die Fremden ... Anderl. Ganz g'wiß nit. 's sein die Bauern schuld und ihr Eigennutz. Siegst, Bua! Bin selber a Handler g'wesen in meine jungen Tag' und hab' viel derlebt. Mit boade Ellbogen hab' i ausstoßen müassen, damit i mi durchbracht hab'. Und hab' nit alleweil an die andern denken derfen ... was die fühlen dabei, wenn i ihnen an Stoß geben hab'. Auf die Weis' hab' i's zu eppas bracht. Bin wohl alleweil a rechtschaffener Mensch blieben ... aber z'erst hab' i an mi denkt. An mi alloan. Aft sein erst die andern kömmen. Und so ist's halt mit die Menschen aa. Jatz ... weil die Fremden im Land sein ... ist die Krankheit bei die Leut' ausbrochen. Ist wia a Pest. Der Eigennutz und die Habgier. Geld ... Geld und no mehr Geld. Früher haben sie's nit derkennt dös Geld ... haben's nit recht begriffen, was es wert ist. Haben g'schlafen und sein iatz munter g'worden. Und dös ist das neue G'schlecht ... das viele von uns nimmer begreifen. Die neuen Bauern.«
Und Andreas Siegwein, der Priester, dessen Schläfen nun auch schon leicht im Silberschmucke prangten, mußte ihm beistimmen.
»Und gottlos sind sie und ohne Glauben ... trotz ihrer Gebete!« sagte der Priester dann, und sein Mund schloß sich herb und weh. Sie taten ihm leid ... die Menschen.
»Nit a so gach, Anderl! Nit a so gach!« warnte der Kramer Veit. »'s braucht alles a Verstehen auf der Welt ... aa das. Ist wia a Rausch über die Leut' kommen ... dö Erkenntnis vom Geld und seinem Wert. Und hat sie antroffen ohne Vorbereitung. Siegst, Anderl ... dös ist's, und dös habt's ös versäumt ... ös Geistlichen. Ös habt's die Bauern dahindämmern lassen ... weil's enk so gepaßt hat. Aufklären hättet's müassen ... erziehen ... derweil's Zeit war. Das Unkraut von die Herzen außerreißen ... den Eigennutz und die Habgier. Zum Stolz hättet's ihr die Bauern erziehen sollen. Der hätt' müassen so groß werden und so gewaltig, daß er dös andere Unkraut überwuchert hätt'. Zu stolz sollten die Leut' sein ... zur Habgier, und zu stolz zum Eigennutz. Dös Drohen mit'n Tuifl und mit der Höll' alloan tuat's nit. Glaub' mir's, Anderl! An stolzen Menschen ist's zu schlecht, die Jagd nach dem Geld alloan. Denn der Stolz aufs wahre Menschentum macht gerecht und gut.«
Und abermals sprach der Priester und lächelte voll Nachsicht und Güte ... »Bist aber doch gegen das Fremde bei uns im Land, Vater? Gesteh's nur?«
Da seufzte der Alte ... lange und schwer, und sagte nichts. Er hatte es getroffen, der Anderl. Im Grunde seines Herzens war der Kramer Veit doch kein Freund der Fremden. Sie brachten ihm die Unruh' ins Land und die Neuerungen, und allmählich würde ein junges Geschlecht im Tal mit allen alten Gebräuchen aufräumen. Das schmerzte den alten Kramer und tat ihm weh.
Er liebte seine Heimat ... so wie sie gewesen war in seiner Jugendzeit. So rein und unberührt von außen wie damals, da er noch ein Hüaterbübl gewesen war und mit der kleinen Notburg gespielt hatte.
Und daß damals nach dem großen Brande das neue Hotel nicht mehr an der alten Stelle errichtet wurde, das geschah auf Betreiben des Kramer Veit. Veit Galler war angesehen, und sein Wort hatte Geltung in der Gemeinde. Und Veit Galler, der Krämer, sagte, daß jener Platz da droben nur Unglück gebracht habe, und daß man ihn von nun ab geheiligt halten müsse ...
Eine breite Fahrstraße führte vom Tal herauf zu dem neuen Alpenhotel, das jetzt am Eingang des Dorfes erbaut worden war. Groß und schön lag es da, und sein Bau paßte sich der Gegend dieses Tales an.
Droben aber, an jener Stelle, wo der Wastl das Feuer angelegt hatte, stand eine stattliche Kirche. Weiß und freundlich und weit sichtbar leuchtete der spitze Turm ins Tal. Und viele kamen, um dort zu wallfahrten ...
Auch der Kramer Veit pilgerte dorthin. Fast jeden Tag, wenn die Sonne freundlich war und warm. Und wenn es ihm unten im Haus etwas zu lebhaft wurde vom reichlichen Kindersegen. War halt schon recht ... recht alt, der Veit, und sehnte sich nach Ruhe.
Hatte sein Geschäft in Richtigkeit gebracht, der alte Mann. Ob er's auch recht getroffen hatte? Die Bauerschaft mit Vieh und Stall und Äckern, das sollte dem Martl gehören, wenn der Veit einmal nimmer war. Die Villa aber und alles Geld, das er besaß, dem Andreas Siegwein und seiner Schwester.
Ob es so recht war? Gott allein wußte das. Er, der Veit Galler, der irrende Mensch, glaubte, daß es so gut sei. Und hatte es oftmals im Leben so geglaubt und trotzdem schlecht getroffen. Wie damals, als er sich barmherzig um das verlassene Regele angenommen hatte. Und war doch alles, was jener Tat entsprang, zum Unheil geworden.
Alles? Nein. Das fremde Büabl, das der Kramer Veit damals auf der Kraxen seinem Weibe in brennender Sonnenglut heimgetragen hatte ... das war zum Glück gewesen. Für ihn und die Notburg und für alle im Tal. Denn alle liebten sie den Priester Andreas Siegwein ... der den Stolz des wahren Menschentums erkannte ... barmherzig war und gut.
Veit Galler, der Krämer, aber wartete auf den Tod. Wartete ruhig und ohne Bangen ... wie auf einen lieben Freund. Saß droben auf der Bank vor der neuen Kirche und ließ die Sonne auf seine alten Glieder scheinen. Und sah hinüber zu den fernen Bergen. Hörte ganz matt nur mehr und gedämpft das Brausen der drei wilden Gebirgsbäche, die sich tief drunten im Tal zusammenschlossen, und fühlte den heiligen Frieden dieser Einsamkeit.
Dort, wo seine Villa stand ... da balgten sich die Kinder des Martl in den grünen Wiesen. Sie jagten die Kühe und trieben sie im Spiel. Herbst war's, und der Martl ackerte im Feld. Ging hinterm Pflug einher, mit schwerfälligem Schritt. Und sein junges Weib schritt vor ihm und führte den Ochsen. Trug ein helles Tuch überm Kopf als Schutz gegen die Sonne, die noch heftig brannte.
Wie wohl sie dem Greise tat, diese wärmende Oktobersonne! Und wie wohl der Frieden des Tales. Jetzt waren sie nun abermals fortgezogen ... die fremden Gäste ... und geheiligt war das Land.
Mächtig, majestätisch und groß standen die Berge. Und hatten einen Wolkenschleier ums Haupt gelegt. Wie eine Krone, aus der weiße Eiszacken frei und ungehemmt zum Himmel ragten. Wie eine Krone war's ... eine silbernschwere leuchtende Königskrone.
Königin Heimat!
Und Veit Galler, der Krämer ... schlief ein, auf der Bank sitzend, die vor der neuen Kirche stand, und hatte das Gesicht der Sonne zugewendet.
Und wachte nie mehr auf.
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