Chapter 6 of 11 · 6472 words · ~32 min read

Sechstes Kapitel

Das Weinberghäuschen

Ich baw für mich, Sih du für dich!

~Alter elsässischer Hausspruch~

Der düstere Oktober des Jahres 1918 war über Deutschland hereingebrochen.

Da ersuchte der deutsche Generalstab die demokratische Reichsregierung, den Feind um Waffenstillstand zu bitten.

Und die Regierung tat den demütigen Bittgang.

Das legte sich dumpf und schwer auf das müde Volk; das bewirkte Triumphgeheul im Ausland. Es war also nun so weit: das umstellte Deutschland war zur Strecke gebracht!

Betäubung, untermischt mit Spannung, was wohl der Präsident der amerikanischen Geldherrschaft antworten würde, lagen fortan auf den deutschen Herzen. Zusammengebrochen! Bismarcks Volk bettelt nach vierjährigem tapferen Ringen um Frieden! Nach vier so tapfer, zum Teil so großartig bestandenen Kampf- und Hungerjahren! Bulgarien, Türkei, Österreich-Ungarn -- alle hintereinander vor der Übermacht zusammengebrochen!

Die Wendung geschah Anfang Oktober, um den Todestag des großen Franziskus von Assisi, des Heiligen der Liebesinnigkeit. Da setzte diese Demütigung ein; da wurde Deutschland in die Nacht geführt. Und nach peinlichem Notenwechsel ward uns endlich, um den Geburtstag eines Schiller und Luther, ein vernichtend schwerer Waffenstillstand auferlegt.

Die Meister aber standen auf den Wolkenhöhen und schauten auf ihr schwergeprüftes Deutschland. Sie wußten, daß ein beseeltes Volk aus den Düsternissen dieser Prüfung emporzutauchen bereit war. Rauch und Giftgase verrollten. Nun begannen sich die Geister im Innern zu scheiden. Und in den Lüften die Millionen gefallener Kämpfer wirkten mit, wirkten in wogenden Scharen hinunter auf ihres Volkes Seele ...

Johann Friedrich Arnold hatte etwas von einem Seher; er verbarg jedoch diese Besonderheit. An jenem Tage, als er zum Krankenbesuch ausging, begegnete ihm der Briefträger. Er nahm die Zeitung in Empfang. Und im Gehen las er das Waffenstillstandsangebot:

»Die deutsche Regierung ersucht den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, die Herstellung des Friedens in die Hand zu nehmen, alle kriegführenden Staaten von diesem Ersuchen in Kenntnis zu setzen und sie zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme der Verhandlungen einzuladen. Sie nimmt das von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich der Rede vom 27. September, aufgestellte Programm als Grundlage für die Friedensverhandlungen an. Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche Regierung den sofortigen Abschluß eines allgemeinen Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft herbeizuführen. Max, Prinz von Baden, Reichskanzler.«

Sofortigen Abschluß ... Man befürchtet also Dammbruch der Westfront! ...

Arnold war ein warmherzig deutschgesinnter Mann. Als er aber nun das Zeitungsblatt zusammenfaltete und in die Tasche steckte, sah er vor seinen Augen die zahllosen versenkten Schiffe, mit all der vernichteten Summe von Fleiß und Kulturarbeit, und sah die zahllosen Bomben, die auf schlafende Städte gefallen waren. Und ihn schauerte. Er hatte den Unsegen vorausgesehen. »Wir haben die Luft beherrschen gelernt -- um zu zerstören; wir haben unter Wasser fahren gelernt -- um zu zerstören; wir haben den Leib der Erde aufgewühlt und alles Land zwischen Wasgenwald und flandrischer Küste in Wüstenei verwandelt. Es mag Notwehr sein, gewiß, und all die Spannkraft und Tapferkeit verdient Achtung. Aber es ruhte kein Segen darauf. Wir hätten Erzeugungsmaschinen erfinden sollen, um uns vor Hunger zu schützen, keine Zerstörungsmaschinen, keine Ferngeschütze. Vielleicht wird Deutschlands Erschöpfung und Demütigung der spätere Segen werden -- für ein neues Geschlecht.«

Er hob das Haupt. Sein Geist schaute die bedeutsame Wendung: Neudeutschland wandert nun nach innen, Neudeutschland besinnt sich auf seine Seele ...

* * * * *

Am oberen Ende des Dorfes Lützelbronn stand ein windschiefes Häuschen. Dort, am Rande der Reben und des nahen Waldes, hauste der aus der Schweiz zugewanderte Stürli mit Schaulis Tochter.

Wenn man die ausgetretene Steintreppe hinaufstieg, mußte man sich erst durch ein Rudel Kinder hindurchwinden. Für diese Begegnung hatte der Pfarrer Zwieback oder ähnliche Seltenheiten in der Tasche. Ein Mädchen und vier Knaben bildeten bereits des Hauses Zierde; und das schöpferische Ehepaar hatte sich beeilt, vor wenigen Tagen das halbe Dutzend abzurunden.

Es waren gesunde, verwegene Jungen, die ihres Emmenthaler Vaters eckigen Schädel und rechtschaffen-besonnene Gesichtszüge geerbt hatten, fest auf ihren Beinen standen und herzhaft um sich zu hauen wußten. Nur das Mädchen, die Älteste, war Frau Katharinas hübsches Ebenbild und hatte deren blaue Augen und blondes Haar. Man sah diese sanfte, immer geduldige, gewinnend lächelnde Anneliese kaum anders als mit einem Bündel auf dem Arm, worin ein junger Elsässer schweizerischer Zucht in die Welt schrie oder mit Andacht an einem Lappen sog.

Frau Stürli hatte böse Abenteuer wacker überstanden. Sie war von den gallischen Nachbaren verschleppt worden und fast ein Jahr lang der Heimat fern geblieben. Beim Einbruch der Franzosen in den südlichen und mittleren Wasgenwald weilte sie gerade besuchsweise bei ihrer Schwester, der Förstersfrau. Diese war mit den zwei Jungen im Städtchen abwesend, als die Alpenjäger das einsame Forsthaus überfielen und umstellten. Förster, Schwägerin und Dienstmädchen wurden der Spionage angeklagt und sofort abgeführt, in Hausschuhen, wie sie gingen und standen. So schleppten die Franzosen in den ersten Kriegsmonden mehrere Tausend Elsässer als sogenannte Geiseln -- man wußte nicht, wofür -- aus den Grenzbezirken nach Frankreich davon. Die Leute wurden meist schlecht behandelt, vom Pöbel beschimpft, und die deutsche Regierung besaß nicht die Kraft, diese verschleppten Deutschen der Westmark durch Gegenmaßnahmen zu befreien. Erst nach und nach, tropfenweise, nach unzähligen Verhandlungen, kamen einzelne oder ganze Gruppen in die Heimat zurück. Andere starben in der Gefangenschaft.

Pfarrer Arnold unterhielt sich gern mit dem tüchtigen Hansjakob Stürli; nicht minder gern mit dessen ebenso kluger wie lebhaft-munterer Lebensgefährtin.

Nach seinen Krankenbesuchen wanderte er nun zum Weinberghäuschen hinauf, um der Wöchnerin ein paar gute Worte zu bringen.

Der Maler Ludwig Richter hätte seine Freude gehabt an der Kinderschar mit dem bellenden Spitz. Das Haus beherbergte in seinem Anbau noch drei Ziegen, zahlreiche Kaninchen, Hühner und Tauben. Und die Sperlinge schienen für Hausdach und Gartenzaun ebensoviel Vorliebe zu hegen wie die Eichhörnchen für die dichten Haselbüsche oberhalb des Hohlwegs. Und weit hinab glühten die Reben. Die Sonne aber, die hier die Trauben kochte, hatte ihre schöpferische Glut auch dem Häuschen geschenkt.

Die zehnjährige Anneliese mit ihren warmen Augen und ihrer herzlieben Kinderstimme schaltete in der sauberen Küche und hantierte so flink, daß die blonden Zöpfe flogen. Ihre Holzschuhe klapperten eifrig hin und her. Um das Häuschen herum schrien mit vortrefflicher Lunge bald Hans, bald Michel, bald Jakob Stürli in die herbstliche Luft; der älteste knallte mit der Peitsche; der Spitz gab durch zielloses Bellen seiner Daseinsfreude Ausdruck. Es war Leben im Weinberghäuschen. Selbst die Sonnenblumen standen wie mit lebendigen Gesichtern.

Arnold grüßte sich durch die magere, aber handfeste Schar hindurch zum Bette der Wöchnerin. Anneliese, die aus der Küche herbeilief, bekam Bildchen geschenkt, die von Schwester Lisy aus Zeitschriften für sie ausgeschnitten waren.

Frau Stürli entschuldigte sich seufzend und lächelnd wegen der ungezogenen Buben.

»Man gönnt's ja den Kindern gern«, meinte sie. »Wenn nur mehr Platz im Hause wär'! Wo soll denn das noch hin?«

»Woraus hervorgeht, Frau Stürli,« bemerkte der Pfarrer mit trockenem Humor, indem er sich einen Stuhl ans Bett stellte, »daß Sie entschlossen sind, das Halbdutzend fortzusetzen.«

»Ach jeh, Herr Pfarrer!« lachte die vergnügte Mutter. »Wie sollen wir sie denn durchfüttern? Es geht ja so schon mager genug her! Wenn wir nicht die Geißen hätten --«

»Hoho, ihr habt ja manchen Spargroschen,« erwiderte Arnold. »Und in euren Buben wachsen Arbeitskräfte heran. 's Anneliesel ist ja schon ein Hausmütterchen. Die Knirpse haben den Krieg trotz alledem gut überstanden.«

»Wenn er doch nur zu Ende wär'!« seufzte es aus den Kissen.

»Er geht zu Ende, Frau Stürli. Da steht's in der neuesten Zeitung: Deutschland bittet um Waffenstillstand.«

Die Frau schnellte empor. Sie hatte Politik in den Adern.

»Tun sie's wirklich? Bitten sie? O wie schad', wie schad'! Hat sich das stolze Deutschland jetzt doch gebeugt? Ach Gott, was soll nun aus der Welt werden! Jetzt kommt uns ja das ganze farbige Gesindel auf den Hals!«

»Auf die vierzehn Punkte der Wilsonschen Erklärung sind die Deutschen bedingungslos eingegangen. Dazu gehört auch ein Paragraph, das Unrecht von 1870 müsse wieder gutgemacht werden -- mit andren Worten, Frau Stürli, wir werden wieder französisch!«

»Aber, aber, aber -- das ist doch ganz unmöglich!« Frau Stürli stammelte vor Bestürzung. »Dieser unchristlichen Nation sollen wir ausgeliefert werden, diesen unritterlichen Franzosen? Bedenken denn die Deutschen, was das heißt? Ich hab's durchgemacht, ich kann davon ein Stücklein erzählen. Ach Gott, ach Gott! Und da liegt man nun im Bett und kann sich nicht rühren! Soll ich denn nun mit meinen Kindern französisch reden? Das ist ja eine ganz schändliche Vergewaltigung! Und das nennen sie drüben Freiheit und Gerechtigkeit? Man weiß ja gar nicht mehr, wie man dran ist in der Welt! Warum sollen wir Elsässer denn zu Frankreich? Wir sind doch keine Franzosen!«

Die Schleusen waren geöffnet. Und wenn die beredte Frau in Zug kam, so gab es so leicht kein Halten mehr. Ärgerlich lachend meinte ihr gutmütiger Mann einmal: »Hätten doch nur die Kaiwe-Franzosen min' Frau e bitzli länger behalten: sie hätt' sich vielleicht leer g'schwätzt!«

»Frau Stürli,« versuchte Arnold nach einer Weile zu unterbrechen, »es denken leider nicht alle wie Sie. Übrigens ist an Ihnen eine Schulfrau verloren gegangen.«

»Wer hat Ihnen das jetzt wieder verraten?« fragte sie verblüfft.

»Was denn?«

»Daß mich der Lehrer von Moosbach einst zur Frau gewollt hat.«

»Zur Frau? Schade. Ich gönne Sie zwar dem Stürli, denn er ist ein grundbraver Mann. Aber Sie hätten im Schulhalten Großes geleistet. Da muß halt einmal einer von Ihren Jungen dran.«

Frau Stürli lachte und strich sich eine Strähne vom hübschen Gesicht. »Ich hab' ja auch Schule gehalten drüben im Gefangenenlager. Ach, Herr Pfarrer, wenn ich da so lieg' und an jene Zeit zurückdenke!«

Sie lehnte sich in ihren weiß und rot karierten Kissen zurecht, die hellblonde Frau, und kam mit lebhaftem Händespiel wieder einmal auf ihre Leidensfahrt durch Frankreich zu sprechen.

»Es gibt drüben gewiß auch gute Menschen, das hab' ich erfahren. Aber, aber -- wenn ich zum Beispiel an den Lüneviller Bahnhof denke, wie wir da angekommen sind, hungernd, frierend, die Hände auf den Rücken gebunden -- und dann diese heulende Menschenmenge! Das fürchterliche =A mort! A mort!= wird mir wohl ewig in den Ohren gellen. Mein Schwager ohne Kragen, die Magd in Pantoffeln, ich in Hausschuhen -- und dann in dem Loch, in das sie uns einsperrten, nichts zum Zudecken! Und am andren Morgen wieder zwischen Soldaten weiter, geschlagen, gestoßen, angespien -- und immer nur =Boches= und =Cochons= und andre wüste Schimpfworte! Und dann die Damen vom Roten Kreuz auf einem Bahnhof, wo mein Schwager in der demütigsten Weise um ein bißchen Wasser bat! ›Krepiert lieber!‹ war die Antwort. ›Dann ist man euch los!‹ Herr Pfarrer, Damen vom Roten Kreuz! Sie wissen, ich könnte stundenlang so erzählen. Aber wozu! Es ist halt jetzt in der Welt, wie es in der Offenbarung Johannis steht: Die Zornschale des Wahnsinns ist über die verblendete Menschheit ausgegossen. Nur Haß, überall Haß. Die Armen wissen nicht, was sie tun. Ein gesundes Hirn muß ich doch wohl haben, und auch ein festes Herz dazu, denn sonst hätt' ich da drüben den Verstand verloren.«

Der Säugling, der am Fußende in einer bunt bemalten Schaukelwiege lag, schien mit kräftigem Stimmchen der Mutter Wort zu bestätigen. Sofort kam Anneliesel herein, nahm das Kind auf den Arm und ging mit beruhigendem Singsang hin und her. Draußen tobte die wilde Jagd; man führte unter Leitung des Ältesten die Schlacht in den masurischen Sümpfen auf, wobei die Jüngsten nebst einigen Nachbarsknaben als Russen in Nesseln oder Düngerhaufen getrieben, geprügelt und gefangen wurden. Am Fenster schimmerten im letzten Tageslicht grellrote Geranien in die blitzblanke Stube. Der nachdenklich sitzende Pfarrer ließ der Wöchnerin Plaudern über sich hinrieseln und überdachte den baufälligen Zustand dieses sauber gehaltenen Häuschens, das von der wachsenden Familie gesprengt wurde, wie das Wurzelwerk der Tanne den Felsen auseinanderbricht. Die Politik verschwand vor seinen inneren Augen; das Wunder des immer wieder sich erneuernden Lebens wuchs in diesem fruchtbaren Heim vor seiner Seele empor. Welch gesund-einfache Daseinswonne lärmte, schnaufte, leuchtete um ihn her! Die gut gedeihende Familie, die sich zu beseelen und zu durchgeistigen weiß -- so dachte er --, ist doch immer wieder das Geheimnis der Krafterneuerung. Vor einigen Tagen hatte Arnold ein Heft mit Madonnenbildern wohlgefällig durchblättert. Steht nicht auch an der Spitze der christlichen Menschheit eine Familie?

Er ahnte, der rastlos ins Allgemeine strebende Philosoph, was uns in den letzten Jahrzehnten zersetzt und gelähmt hatte. Uns lähmte der allzu verständige Gehirnmensch. Doch wahrhaft lebendig sind nur das schöpferische Herz und der schöpferische Schoß ...

Frau Stürli gab ihrer Plauderei eine unerwartete Wendung, die den sinnenden Seelsorger wieder aufhorchen ließ.

»Ich hab' aber bei all dem Elend drüben in Frankreich etwas gelernt, Herr Pfarrer, etwas Großes. Wissen Sie, was? Wenn die Leute um mich her schimpften und höhnten -- da hab' ich gedacht: das bin ich ja gar nicht, ihr armen dummen Leute, ihr haltet mich ja für eine Teufelin, die den Soldaten Vitriol in die Wunden gegossen hat! Ich bin still dazwischen gestanden, Herr Pfarrer, die Hände auf den Rücken gefesselt -- und hab's zuletzt fertig gebracht, zu lächeln. Ich hab' an meinen guten Mann, an meine armen Kinder gedacht. Es hat Tränen gekostet, freilich, aber ich hab' doch gelächelt. Ich hab' die Leute um mich herum gar nicht mehr gesehen. Und ich hab' an Christus gedacht, wie er unter den Knechten und dem Pöbel geduldet, ein Fremdling, ein heimlicher König, der ganz wo anders zu Hause ist: nämlich im Lande der Liebe. Und da bin ich ruhig geworden und zum Tod bereit. Seitdem ist etwas zwischen mir und der Welt. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ja, Frau Stürli, das glaub' ich zu verstehen, was Sie da meinen«, nickte der Pfarrer. »Da sind wir bei einer sehr tiefen Erkenntnis angelangt. Durch die Welt geht eine große Zweiheit. Dort auf der einen Seite ist das Reich der Macht; das war zu Christi Zeiten das Römerreich und die judäische Kirche; auf der andern aber ist das Reich der ~Liebe~ oder das Reich ~Gottes~. Eins breitet sich meist auf Kosten des andren aus. Dort ist Haß, Leidenschaft und Rechthaberei; hier edle Bruderschaft. Wir Menschenseelen sind auf diesen Planeten gesandt, um uns zu entscheiden, wem wir in den Tiefen unsres Wesens dienen wollen. Sie haben sich, liebe Frau Stürli, dort in Frankreich, in Ihres Lebens finstersten Stunden, für das Reich der Liebe entschieden. Und ich sage Ihnen: Das wird Gott an Ihren Kindern segnen.«

Die Blauaugen der Mutter füllten sich mit Tränen. Obwohl Arnold gar nicht pastoral gesprochen hatte, faltete sie doch unwillkürlich die Hände.

»Gott geb's!« flüsterte sie.

»Nun sagen Sie mir aber,« fuhr der Pfarrer fort, »wenn nun die Franzosen in unser Land kommen, wenn das Elsaß politisch etwa wieder französisch wird: was machen Sie denn da?«

Frau Katharina dachte nach.

»Dann erzieh' ich meinen Kindern Charakter ins Blut« --

»Ja, ja, schon gut, wenn aber die Franzosen unsre Obrigkeit werden?«

»Dann sag' ich: Kinder, seid untertan der Obrigkeit, denn sie hat nun einmal Gewalt über euch; aber in euren Herzen bleibt mir freie Männer, die Gott mehr gehorchen als den Menschen! Und ich denke, meine Dickköpfe werden das tun. Denn die haben ihres Vaters Schädel und sind eigensinnig wie Förstersdackel.«

Sie lachte. Der Pfarrer lächelte mit.

»Noch etwas andres, Frau Stürli! Liebkost Ihr Mann noch immer den Gedanken, Bielers Haus und Gut zu pachten?«

»Und ob er's tut! Ach, der gut', gut' Mann! Er ist ja so ein Braver, Herr Pfarrer, das glaubt man ja gar nicht! Wie oft am Abend rechnet er mir vor, setzt sich da an den Bettrand und überschlägt seine Ersparnisse. Es ist ja so schön, Pläne zu machen oder auch einander vorzulesen, wenn die Kinder schlafen gegangen sind. Aber es langt halt nicht!«

»Ein fleißiger, kluger und sparsamer Mann, das ist wahr,« lobte Arnold. »Und ein guter Mensch dazu. Aber Bielers Weinberg ist keine Kleinigkeit.«

»Wir haben ja noch eine Erbschaft im Hintergrund,« meinte Frau Stürli kleinlaut und wollte etwas weitschweifig ihre Familienverhältnisse auseinandersetzen.

»Schicken Sie mir einmal in der Dämmerung oder nach dem Nachtessen Ihren Mann ins Pfarrhaus!« unterbrach Arnold. »Ich will die Dinge gemütlich mit ihm durchsprechen. Was geschehen kann, soll gern geschehen. An mir soll es jedenfalls nicht fehlen. Aber, Frau Stürli« -- und er hob den Zeigefinger --, »wenn's Ihrem Herzen und Ihrer Zunge möglich ist, so sprechen Sie nicht darüber!«

Es dunkelte bereits. Da kam ein Schuljunge den Weinberg heraufgehastet; man hörte seine Holzschuhe schon von weitem klappern. Und seine Stimme scholl von unten zu den spielenden Kindern herauf: »Ist der Pfarrer bei euch, Hans?« Als bejaht wurde, rief es weiter aus der Dunkelheit: »Er soll schnell heimkommen! Es isch ebbs g'schehn!«

* * * * *

Schon unterwegs, unter der Laterne am oberen Brunnenplatz, traf der Pfarrer eine Gruppe von Bürgern und Feldgrauen. Sie besprachen ruhig und mehr hoffnungsvoll als besorgt das deutsche Friedensangebot. Der Pfarrer blieb einen Augenblick stehen. »Was gibt's sonst noch Neues, Nachbarn? Da hat mich eben ein Junge nach Hause gerufen ...« Ach ja, es solle ja eine Prügelei bei Bielers oder so etwas passiert sein, meinten die Leute; und man munkle, der Gustav habe einem Hauptmann ein paar Dachteln 'runtergehauen ... Der friedliebende, menschenscheue Gustav? Das klang merkwürdig.

Eilends nach Hause! Das Pfarrhaus lag finster. Nur die Küche war hell und laut. Schon beim Ablegen des Mantels hörte der Pfarrer Gustavs heiser erregte Stimme, gegen die der alte Bieler nicht durchdrang. »Und woher, Papa Bieler? Ihre Schuld, Ihre Schuld! Warum führen Sie den Mann in den Keller? Warum machen Sie ihn betrunken? Aus Angst! Warum aus Angst? Weil der Georges ausgerissen ist! Seitdem sind Sie ein verängsteter, unsicherer, haltloser Mann -- --«

Er verbitte sich solche Sottisen von einem jungen Menschen, wehrte sich der ergrimmte alte Bieler gegen den Aufgeregten, er wisse von allein, was sich schicke und brauche sich keinen -- --

»Ruhig, Kinder, ruhig!«

Schweren Schrittes trat der Pfarrer in die Küche. Fanny eilte ihm entgegen. »Gott sei Dank, Onkel Arnold!« Bieler brach ab, zog das Taschentuch und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Alle atmeten auf. Arnolds Frage nach dem Sachverhalt ließ wieder ein lebhaftes Durcheinander aller Stimmen aufwirbeln. Aber Fanny drang durch, gab knappen, klaren Bericht und versäumte nicht, Gustavs mutiges Auftreten zu loben.

»Und jetzt?« rief Gustav, in dem eine trotzige Erregung heftig nachschwang und den schmalen, schlanken Körper in zitternder Spannung erhielt. »Was jetzt, Papa? Zu solchen Deutschen auswandern?! Ja, auf eine deutsche Festung! Jetzt stellen sie mich vors Kriegsgericht. Jetzt reißen sie mir Borten und Achselklappen runter. Jetzt könnt ihr zwei eure Pläne allein machen! Mit mir ist's noch früher aus als mit Deutschland.«

Er griff nach einem Glas, trat an die Wasserleitung und stürzte das kühle Naß hinunter. Worauf er sich auf die Küchenbank setzte, in sich zusammensank und fortan gänzlich schwieg. Lisy stand voll stummer Bestürzung. Alle warteten auf Arnolds Rat.

In ihm schimmerte noch das Weinberghäuschen nach. Und von der andern Seite her schattete das Schwere, das sich über Deutschland herabsenkte. Er blieb gefaßt. Der Händel schien ihm belanglos. Jetzt galt es um gewaltigere Dinge.

»Kinder,« sprach er, »vor wenigen Stunden haben drei von uns eine Art Bund geschlossen oder schließen wollen. Wir wollten ein Land oder eine Möglichkeit aufsuchen, wo man große Gedanken und ein reines Herz ungestört auswirken könnte. Nun? Was ist daraus geworden? Gustav und Fanny: so lang also nur hat unser Bund oder Vorsatz gedauert? Ich wende kaum den Rücken, so pfuscht uns der Teufel ins Handwerk, während Deutschland draußen zusammenbricht. Kinder, Kinder! Das war nicht die Selbstbeherrschung, die ich euch lebenslang gepredigt habe. Hier hattet ihr Gelegenheit, euch einmal groß zu benehmen, schweigend, edel, abweisend --«

»Es war zu empörend!« brach es aus Fannys jungem Herzen heraus. »Du kannst dich nicht hineinversetzen, Onkel Arnold, wie wüst das war! So häßlich diese Stimme -- und die Gesinnung dahinter so gemein! Das Gemeine haßt man, so leidenschaftlich als man nur kann!«

»Nun ja, Fanny! Aber verliert doch wenigstens untereinander die Haltung nicht! Ich traf dich ja in wildem Gezänk, Gustav, mit unserem guten Nachbar Bieler! Die Stunde ist ungeheuer ernst und groß; wir brauchen unsre ganze Fassung. Da lest nur das Neueste! Es gibt jetzt bald Frieden im Land, aber freilich einen bittern Frieden. Deutschland geht ins dunkle Tal. Und wir alle mit.«

Der Pfarrer warf die Zeitung auf den Tisch. Niemand griff danach. Lisy fragte seufzend: »Aber, Cousin, was soll man denn tun? Ein Händel mit einem deutschen Offizier ist besonders hierzulande eine arg schlimme Sache. Der Hauptmann kann uns ja alle ins Unglück bringen!«

»Nun, das wollen wir denn doch noch sehen«, erwiderte Arnold. »Ich mache sofort eine Eingabe an das Gouvernement, an den Freund dieses Freiherrn von Stein, der uns neulich besucht hat.«

»Ja, das tu, das ist ein Gedanke!« rief Fanny. »Soll ich die Schreibmaschine herüberholen? Soll ich dir's mit Maschinenschrift schreiben? Ich tippe ja Tag und Nacht und hab' solche Üb-- --«

Sie brach mitten im Wort ab. Das Blut schoß ihr ins Gesicht und der Finger an den Mund. Sie stand wie einst in der mißglückten Kantstunde.

»Was schreibst du denn?« fragte Arnold verwundert. Aber er war bereits in Gedanken an dem zu entwerfenden Brief und ging mit einer abwinkenden, nachdenklichen Handbewegung darüber hinweg. »Nein, es ist nicht nötig. Nur Eile tut not. Nachbar Bieler, Sie gehen gleich zu Stürli: er soll sich zurechtmachen, er muß noch ins Städtchen zum Postamt! Ich schreibe inzwischen den Eilbrief an den Oberstleutnant Trotzendorff in Straßburg und zugleich ein Telegramm um Zureiseerlaubnis zu einer persönlichen Aussprache. Komm, Gustav, den Brief setzen wir zusammen auf!«

Arnold ging voraus. Sein Sohn erhob sich sehr mühsam aus seiner gänzlichen Erschlaffung.

Und indem er zögernd stand, reckte er plötzlich wie ein Gähnender oder wie ein Verzweifelter beide Arme in die Luft -- und glich in dieser Stellung Laokoon zwischen den Schlangen.

Siebentes Kapitel

Briefe eines Elsässers

Muttersprache deutschen Klanges, O wie hängt mein Sinn an dir! Des Gebetes und Gesanges Heil'ge Laute gabst du mir. Sollt' ich deine Fülle missen, O mich kränkte der Verlust Wie ein Kind, das man gerissen Von der warmen Mutterbrust.

~Adolf Stöber~

Im Oktober 1918.

... O Gustav, Gustav, mir ist bitter weh ums Herz! Meine Spannkraft ist ganz und gar verpufft. Herrschaft, ich werde wohl in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen! Es ist nicht mein zerschossener Fuß, nicht mein persönliches Leid -- nein, nein, das ist alles nichtiges Anhängsel. Doch Deutschlands Canossagang! Wir beugen uns, wir kriechen zu Kreuz, wir küssen Wilsons Pantoffel!

Stell' dir den Briefschreiber vor! In einem niederrheinischen Lazarett, noch des Schlachtfelds Unmelodien in allen Nerven, liegt und leidet der Elsässer Erwin Ehrmann. Zornig und traurig, mit eingeschientem Fuß, von einem unhöflichen Stabsarzt behandelt, liest er in der Zeitung Deutschlands Bittgang. Und er liegt wie verhämmert, wie dumm geprügelt von Kopfnüssen des Schicksals. Dazu also hat man so bitterlich geblutet, gehungert, gefroren! Herrgott im Himmel, sind wir denn schlechter als die andren? Allwaltender, was hast du mit deinen Deutschen vor, daß du sie so erbarmungslos in die Asche wirfst?!

Innen und außen haben wir nirgends ein Genie; das ist unser Unglück. Nur den großen und schlichten Hindenburg. In der Diplomatie Stümper und Monokelschöpse, keinen Meister. Die haben unsren tapferen Soldaten diesen gigantischen Krieg gegen solche Übermacht auf den Buckel geladen wie einen überschweren Tornister. Da muß ja der zäheste Landwehrmann und Krummstiefel zusammenbrechen.

Und unser Elsaß? Nach einem Punkt in Wilsons Programm soll das sogenannte »Unrecht von 1870« wieder gutgemacht werden! Unrecht? Die ehrliche Rückeroberung zweier geraubter deutscher Provinzen? Und das Unrecht von 1681?! Reden nicht 90 Prozent von uns deutsch? Weiß der König des Mammonlandes nicht, daß wir Alemannen sind, die 1681 gewaltsam französisch gemacht wurden? Ist dies nun das Selbstbestimmungsrecht der Völker? Ist das Völkerfrieden?

Tausende von uns Elsässern haben in diesem Weltkrieg mit deutschen Kameraden gegen Frankreich und England gekämpft. Darf und kann man uns nun einfach zu französischen Untertanen umfärben, wie man Militärhosen dunkelblau färbt, um ein paar Zivilhosen draus zu schneidern? Kann man Herzen und Zungen umfärben, Gustav?

Ich lasse mich nicht umfärben. Kommen wird einst ein Tag, da wir das Elsaß zurückerobern, wenn sie's jetzt französisch machen. Nach Jena kam Leipzig. Napoleon durchbrauste Deutschland siegreich bis Tilsit -- und Europa bis Moskau -- und er wurde doch heruntergeholt. Auch die Stunde der Engländer kommt noch!

Ich lasse mich nicht umfärben. Inniger als je fühl' ich mich mit diesem tapfern und geduldigen Deutschland verbunden; besonders da ich hier im Lazarett einen ganz prächtigen Westfalen gefunden habe, den ich nicht nur Kameraden oder Stubengenossen, den ich Freund und Bruder nennen darf. Werde nicht eifersüchtig, Gustav, und ihr andern geliebten Gefährten! Aber mein Dirk ist mein Freund im reinsten Sinne des Wortes. Beglückwünsche mich, Gustav, und freue dich mit mir!

Seine Mutter ist Holländerin. Daher der sonderbare Vorname Dirk. Im übrigen heißt er Schütz und ist Sohn eines Arztes, der vor kurzem gestorben ist. Er selber Ingenieur oder Techniker, blond, blauäugig, gut und fromm. Es gibt ein Jugendbildnis von Albrecht Dürer, mit einer Distel oder dergleichen in der Hand, sehr ausdrucksvoll geschnittene Lippen -- dem gleicht er. Reiner Charakter; war in der Berliner inneren Mission praktisch tätig und ist mit Arbeitern stromernd und missionierend im Betrieb gewesen; Wandervogel; ganz Vollendungsdrang. Und eine so stille, stille Art! Er ist viel ruhiger als ich. Ein Granatsplitter hat ihm den rechten Arm übel zerrissen; doch geht von seinem Leidenslager so wohltuende Ruhe aus, daß ich die Stunde segne, in der man mich in diese Stube zu diesen katholischen Schwestern getragen hat.

Bei uns ist noch ein Heidelberger Student, der sehr im Banne moderner Literatur befangen ist. Da las ich denn auch allerlei, las die im Nordland Geborenen Knut Hamsun, Hermann Bang, Strindberg, las die Pariser Anatole France und -- ich weiß nicht, was alles! Ahasverische Unruhe dort und hier! Maskentanz! Das pendelt zwischen Gehirn und Unterleib, zwischen Verstand und Sinnlichkeit. Aber sie finden nicht den Ruhepunkt dazwischen: das ~Herz~. So täuschen sie sich und uns mit stilistischen Reizen, Kunststücken und Einfällen über den mangelnden Mittelpunkt hinweg. Nein, nein, ich bin selber lebhaft genug und brauche nicht noch Aufpeitschung. Das ist Wirbel, aber kein Ziel, kein Ideal, kein Gott! Erst ist man von dem Mummenschanz gefesselt und von all den Einzelheiten überrascht -- und immer wieder überrascht -- bis man diese Überraschungen gelangweilt an die Wand wirft. Seele her! Und rote Wangen!

Dirk hat Seele; Dirk hat Mittelpunkt. Dort sind Kometen, hier ist Sonne. Ein Frommer, kein Frömmler. Schlichte, deutsche, warme Frömmigkeit, die keine Worte macht, die sich durch Ausstrahlung mitteilt. Der Herzschlag wird ruhig in seiner Nähe. Ein Blick seiner stillen Augen -- ein Klang seiner tiefen, langsamen Glockenstimme -- Gustav, und ich bin ganz voll Frieden. Er ist ein Choral von Bach. Ich sah niemals in so frühem Alter solche Reife. Wenn Deutschland nur ein Dutzend solcher Menschen hat, wird es nicht untergehen. Und es ~hat~ sie, mein Gustav, verlaß dich drauf, es hat sie!

Ich lasse mich nicht umfärben. Ich halte Dirks Landsleuten die Treue. Und wenn ich mit zerschossenem Knöchel oder Klumpfuß wieder in die Westmark einhinke -- paß auf, Herzensfreund! Dann gründen wir erst recht den Elsaß-Bund! Dann tun wir, was uns die Französlinge vor dem Kriege gelehrt haben, nur umgekehrt: wir halten unter französischer Herrschaft deutsche Sprache und Art hoch, in einem Geheimbund herzlich und heimelig hoch, bis uns ein erstarktes Deutschland wieder zum Mutterlande zurückholt.

Leb' wohl für heute! Die schönste Stunde des hiesigen Tages naht: Dirk will mir wieder einen Brief an seine Mutter diktieren. Heil!

Dein ~Erwin~.

* * * * *

Selig sind, die da Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen! Ich habe Heimweh, Fanny. Aber hab' ich denn noch eine Heimat? Wenn das Elsaß französisch wird -- ist dieses Land dann noch meine Heimat?

Tagsüber bin ich tapfer, liebes Cousinchen. Doch kaum fallen mir die Augen zu, so wandert mein Geist, wandert durch mein geliebtes Elsaß. Beim Wasgenstein, wo Walther um Hildegunde gekämpft hat, und bei der Ruine Fleckenstein fang' ich an. Oben winken Ritter und Landsknechte: »Herauf zu uns, Landsmann!« Unten aber, am Fuße der Felsmassen, zwischen wilden Hecken, legt eine modern-französische Schildwache das Gewehr an: »=Qui vive?=« Ich streiche dann in bangem Bogen rund herum -- überall diese Stahlhelme, die ich nur zu gut kenne! Also weiter -- durchs Steinbachtal nach den Burgen Falkenstein und Neu-Winstein, nach dem Hanauer Weiher mit seinen Seerosen, nach Wörth und Fröschweiler, nach Reichshofen und Niederbronn, nach Lichtenberg, Dagsburg, Lützelburg und Hohbarr, nach dem Odilienberg und der Hohkönigsburg! Wie der wilde Wandrer streich' ich den Wasgenwald hinauf und hinab, hinab und hinauf die ganze Nacht -- und finde nirgends Obdach!

Fanny, ich bin deutscher Lehrer, Wandersmann und Schneeschuhläufer, ich habe meine Kinder für die Natur und für deutsches Lied, deutsche Kunst, deutsches Dichten und Denken begeistert. Jetzt wollen Wildschweine in meinen Weinberg brechen und alles verwüsten. Denk' ich ans Münster, denk' ich an unsren Sängersaal, wo ich so oft im Männergesangverein mitgesungen, so schießen mir die Tränen in die Augen. Du fühlst das nicht so nach, Fanny, unsereins aber geht daran zugrunde.

Das heißt -- zugrunde? Nein, Cousinchen, den Gefallen tun wir ihnen nicht! Ich stelle mich vielmehr auf Kampf ein. Wie das zu geschehen hat, weiß ich noch nicht, aber ich weiß, ~daß~ es geschieht. Du fühlst meinen Seelenzustand nicht nach, geliebte Fanny, verzeih, daß ich's wiederhole! Denn deine Erziehung im Pensionat zu Nancy und eure französischen Brocken im elsässischen Gespräch haben deinem Vaterhause, trotz Onkel Arnolds Nachbarschaft, einen andren Ton gegeben. Mir nicht. Und das ist neben den sämtlichen neunundneunzig herrlichen Dingen, die ich an dir liebe, der einzige Schatten. Aber der Schatten wird nun riesengroß. Verzeih, mein Frohmacherle von einst, mein Freudenbringerle, daß ich das offen ausspreche!

Ich hab' Heimweh, Fanny. Ich möchte in irgend etwas, in irgend jemandem ausruhen. Immerzu war ja Krieg, immerzu Haß! Schon als Kind hab' ich die Mutter, als Knabe den Vater verloren. So sehr ich meine zwei Schwestern liebe -- ich weiß nicht -- ich hab' halt Heimweh.

Mein Fuß heilt, mein Herz nicht. Behalt lieb

Deinen ~Erwin~.

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... Aus deinem Briefe bin ich nicht recht klug geworden, lieber Gustav. Krach gehabt mit einem Hauptmann? Was für ein Hauptmann? Einquartierung oder Etappe oder Garnison? Einerlei. Daß du dich deiner Haut gewehrt -- wacker! Im übrigen, lieber Gustav, was für ein Schauspiel! Wir sind eingekeilt zwischen zwei Völkern. Von Frankreich vergewaltigt -- von Deutschland angeschnauzt! Wohin soll man auswandern?

Ich will dir etwas Schönes erzählen. Dirks Schwester ist jetzt hier in der Stadt und besucht jeden Tag ihren Bruder. Wie soll ich sie schildern? Sie ist sein Ebenbild. So etwas Goldblondes hab' ich in meinem Leben nicht gesehen. Das gibt's nur noch im Märchen. Hertha ist ein rechtes liebes deutsches Mädchen -- das sagt alles. Sie ist jünger als Dirk, doch ebenso stiller Art wie er, und voll Mütterlichkeit. Wandervogel auch sie. Hat gestern ihre Laute mitgebracht und uns Lieder vorgesungen. Ach, diese alten deutschen Lieder im »Zupfgeigenhansl«, vom rosigsten Munde der Welt gesungen! Die »Königskinder« klingen in ihrer niederdeutschen Mundart ganz anders:

»Et wassen twe Künigeskinner, De hedden enanner so lef« --

-- so ungefähr. Und zum Anbeten schön ihre Marienlieder:

»Ufm Berge, da geht der Wind, Da wiegt die Maria ihr Kind Mit ihrer schlohengelweißen Hand, Sie hat dazu kein Wiegenband. Ach Joseph, lieber Joseph mein, Ach hilf mir wiegen mein Kindelein« -- --

Von Gott wurde mir diese Dirkschwester gesandt, Herzensfreund, denn ich wäre schwermütig geworden trotz Dirk. Herthas Augen sind ein deutscher Waldsee bei blauem Himmel; und ihre Stimme -- du brauchst nur einen Buchstaben zu ändern: Waldfee. Nicht stark, gar keine besondere Stimme, sogar ziemlich leise, aber melodisch und seelenvoll und so jungfräulich rein. Alles Leid schwindet, man wird wunschlos, wenn diese Waldfee im blauen Gewand, goldne Zöpfe rund um den Kopf gebunden, auf Dirks Bettrand sitzt. Um den Hals hat sie ein Muschelkettchen, das ovale Gesichtchen ist von rosiger Farbe; sie ist ziemlich groß, doch von schmalem Brustbau, nicht so voll und fest wie unsre kleine Fanny und auch viel ruhiger und bedachtsamer in allen Bewegungen. Schweigend sitzen die beiden holden Geschwister manchmal da, Hand in Hand, und sehen sich nur innig an; oder sie erzählen halblaut von zu Hause, von der Mutter. Wie haben sie ihre Mutter lieb! Gustav, daß du und ich ohne Mutter aufgewachsen sind! Dirks Mutter hat eine grippenkranke junge Schwester zu pflegen, sonst wäre die Witwe selber aus ihrer westfälischen Heide hergereist.

Mir wird jetzt erst bewußt, wenn ich in dieses Mädchens Augen schaue, was für Tiefe in dem einen Worte steckt: deutsches Gemüt. Laß dir von einem solchen lieblichen Wesen nach all den Kriegsscheußlichkeiten unsre alten deutschen Lieder halblaut singen, schwermütiger Herzensfreund, und du weißt, was ich meine.

Mit diesen Menschen möcht' ich wohl gern Weihnachten feiern -- ich würde weinen vor Glück!

Gustav, wir Heimatlosen grüßen einander. In inniger Freundschaft

Dein ~Erwin~.

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Mein lieber, verehrter Onkel Arnold!

Hier hab' ich zwei Adelsmenschen kennen gelernt, einen Kriegskameraden und seine Schwester. Wollt' ich nicht einen Bund der Edelsassen gründen? Hier hab' ich zwei Edelinge gefunden. Gustav wird dir davon erzählt haben. Die Spiegel dieser Blauaugen sind für mich Mimirs Quell geworden: ich habe Weisheit getrunken. Und noch viel mehr. Das sind Herzen, aus denen Licht und Wärme der Ewigkeit quillt!

Onkel Arnold, ich habe leider sehr viel Christen gesehen, die keine Christen sind. Ich wäre irre geworden an der christlichen Religion, ja, ich wäre wohl aus der Kirche ausgetreten; denn lieblose Gesichter im Bunde mit biblischen Redensarten sind mir das Widerwärtigste auf Gottes Erdboden. Da kamen Dirk und seine Schwester. Die haben mir die christlichen Formen in unaufdringlicher Art wieder verklärt. Ihnen könnt' ich den Kopf wieder vertrauensvoll an die Schulter legen und in Glück und Dankbarkeit einschlafen wie das Kind an der Mutterbrust. Der Krieg hat mich arg mitgenommen. Ich brauche Liebe, keine Redensarten.

Sieh, Onkel Arnold, nicht nur daß man uns das Elsaß nehmen will, tut mir so weh; aber daß so viel gemeine Gehässigkeit mit diesem Raub verbunden ist. Was sind denn jener Kolmarer Priester und die andren alle schon vor dem Kriege anders gewesen als Diener des Hasses? Sie höhnten, schimpften und schürten gegen angebliche deutsche Unterdrückung -- oh, laßt aber einmal sie und ihre Franzosen ins Land kommen! Da wird man Drangsalierung erleben!

Ich wäre irre geworden an der ganzen Menschheit, wenn ich nicht Dirk und Hertha gefunden hätte. Die aber hab' ich lieb. Ihr Dogma ist mir gleichgültig: ich hab' sie lieb, denn sie sind gut. Gutsein ist Christentum.

Nun weicht es wie Nebel von meinen Augen und zieht wie Sonne ein. Nicht das Hirn erlöst, nur das Herz. Hirn ohne Herz ist des Teufels. Gut sein, Onkel Arnold, lieb haben! Habt ihr mich nicht oft genug den immer verliebten Erwin genannt? Gott sei Dank, daß ich's war! Ich will's bleiben bis an mein seliges Ende -- und will im Himmel erst recht lieben.

Daß ich hier im Lazarett, sitzend, den verbundenen Fuß auf einem Schemel, einen Vortrag über das Elsaß gehalten habe -- mit Erstaunen merk' ich, daß es mir jetzt erst einfällt. Und ich spüre auf einmal, daß mir etwas anderes anfängt, wichtiger zu werden: eben die Herzensgüte, die wahre Liebe. Ich war noch bis gestern entschlossen, im Elsaß den Kampf aufzunehmen. Ob ich aber in ein gehässiges Elsaß zurückkehre und ob mir ein Land der Verhetzung noch Heimat sein und Sauerstoff für die Seele liefern kann -- wahrhaftig, ich weiß es nicht. Ich will wohnen, wo Dirk und Hertha leben und lieben -- --

Und sieh, Onkel Arnold, in diesem Zusammenhange hab' ich mir auch über dich, Gustav und Fanny Gedanken gemacht. Es liegt ein Bann über euch, verzeih, wenn ich das ausspreche! Ich seh' euch aus der Ferne mit neuen Augen an. Nicht daß ich euch etwa weniger liebte, o nein! Nur mein' ich oft, das Beste in dir hätte sich in andrer als der elsässischen Luft viel mehr entfalten können. Und Gustav weint ja erst recht nach innen. Da versteh' ich nun plötzlich eure geplante Auswanderung. Es ist nicht die örtliche Veränderung an sich, es ist das Aufsuchen einer reineren Luft. Ja, jetzt versteh' ich das. Und ich spreche die Bitte aus: nehmt mich mit -- und nehmt auch Dirk und Hertha in euren Bund auf!

Und noch eins! Da schoß es mir heut' in den Kopf: soll das Elsaß vielleicht Opfer für uns sein? Sollen wir äußerlich heimatlos werden, um dafür von dem gerechten Weltenlenker eine seelische Heimat der Liebe einzutauschen? Mein väterlicher Freund, dann will ich das Opfer mit Dank und Wehmut bringen, will meine elsässische Heimat, an der meine ganze Seele hängt, nie mehr schauen -- dafür aber eintreten in das Land der Liebe.

Sei in herzlicher Verehrung gegrüßt!

Dein ~Erwin~.

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Arnolds Antwort

Mit herzlichem Dank, mein guter Erwin, bestätige ich den Empfang deines Briefes. Du bist auf rechtem Wege, den bevorstehenden Verlust unserer engeren Heimat -- denn wir ~werden~ Elsaß-Lothringen verlieren -- durch Vergeistigung zu überwinden. Bring' das Opfer, lieber junger Freund, bring' es freudig! Gott hat dir dafür dort zwei wertvolle Menschen geschenkt. Du siehst, daß du aus der unsichtbaren Welt geschützt und geleitet bist. Vertraue dieser Leitung!

Der peinliche, ja angesichts der großen und schweren Zeit doppelt widerliche Vorfall mit dem Hauptmann, wovon dir Gustav geschrieben hat, wird sich hoffentlich schadlos beilegen lassen. Morgen erwartet uns in Straßburg zu einer persönlichen Aussprache der hierin bestimmende Oberstleutnant; er ist mit dem thüringischen Baron befreundet, der uns neulich hier besucht hat. In seinem Schreiben nimmt er in liebenswürdiger Weise auf Gustavs Zustand Rücksicht und bittet nur Bieler und mich nach Straßburg. Fanny soll mitkommen und sich zur Verfügung halten, falls die Sache sich verwickelt; doch hofft er, alles in der Stille abzumachen. Daß man sich überhaupt in solcher Zeit mit solchen niedrigen Dingen auch nur einen Augenblick befassen muß, nicht wahr, lieber Erwin! Siehst du, das ist unser Elsaß.

Doch noch etwas Gutschönes, etwas Schlichtmenschliches muß ich dir erzählen, mein Lieber. Im Gespräch mit jenem Baron von Stein wies ich neulich auf meine mannigfachen Arbeiten und Aufsätze hin, die ich seit meinen Heidelberger Jahren in meinem Schreibtisch verschließe. Gesprächsweise hatte ich wohl einmal Lisy oder Fanny davon Erwähnung getan. Kurz, nach einer schweren Nacht suchte ich danach, aus einem Grunde, der weiter nicht hieher gehört. Ich suche -- und finde nicht. Zunächst geh' ich an meine Tagesarbeit, suche dann aber wieder und ziehe endlich Lisy zu Rate. Diese wird rot, verlegen, weicht aus. Tags darauf, mit dem lang erwarteten Brief des Oberstleutnants Trotzendorff, der uns nach Straßburg bestellt, zu Fanny eilend -- was entdecke ich? Das liebe Kind sitzt an der Schreibmaschine und schreibt mir schon seit Tagen heimlich meine Handschriften ab, oft halbe Nächte über der Arbeit verwachend! Du kennst ihre holdselige, kindliche Art, wenn sie bei solchen anmutigen Streichen ertappt wird. Ich habe nach einer Gewohnheit aus älteren übermütigen Zeiten sie wieder einmal wie ein Kind auf die Arme genommen und ihr von Herzen gedankt.

Gott nimmt uns die Heimat, lieber Erwin, aber er schenkt uns Menschen.

Behalt lieb deinen väterlichen Freund

~J. F. Arnold~.