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Part 2

[33] Der Erzieher Achills nach Duris FHG II p. 473 fr. 16, schol. zu Dionys. Thrac. p. 184, 27; ein phoinikischer König nach Dosiades, s. S. 11.

[34] So Reitzenstein, Zwei religionsgeschichtliche Fragen 101.

[35] Orpheus nach Alkidamas Odysseus 24 (Dieterich, Die Grabschrift des Aberkios, Leipzig 1896 S. 34, 2); Linos als Kadmos’ Schüler nach Diod. III 67; Tacitus ann. XI 14; Suidas s. v. Λίνος.

[36] Livius I 7, 8; Dionys. Halic., arch. rom. I 33; Tac. I. I. Marius Victorinus, ars grammatica p. 1944 = Grammatici latini VI 194. Hae (sc. litterae) auctore, ut quidam volunt, Euandro, ut alii, Hercule in Italiam a Pelasgis adlatae sunt. Oder auch seine Mutter Nicostrata, Eugenius von Toledo, carm. 39, 3.

[37] Schol. in Dionys. Thrac. p. 185, 9.

[38] Ebenda p. 182, 18.

[39] Ebenda p. 183, 12.

[40] Bei ihm sind übrigens alle Erfinder aus Kreta.

[41] Aristoteles fr. 501 Rose = Plin. n. h. VII 57, 192: Kadmos 16, Palamedes ζυφχ, Simonides ψξωϑ, Epicharmos vielleicht ϑχ. Hygin fabul. 277, 31: Palamedes 11, Simonides ωηξψ, Epicharmos ϑχ. Tacitus ann. II 14: Simonides hat alle übrigen zu den alten 16 hinzuerfunden. Irenaeus adv. haer. I 15, 4 Manucci: Kadmos hat 16 gebracht, dann haben die Griechen Aspiraten und Doppelkonsonanten dazuerfunden, zuletzt soll Palamedes die langen Vokale hinzugetan haben. Theodosios von Alexandria περὶ γραμματιϰῆς p. 1 Göttling: Palamedes 16, Kadmos von Milet ϑφχ, Simonides ηω, später sind dazu gekommen ζξψ. Schol. in Dionys. Thrac. 320, 20: Palamedes hat alle 16 Buchstaben erfunden, die andern haben Zusätze gemacht, Kadmos ϑφχ, Simonides ηω, Epicharmos ζξψ; ebenda p. 185, 7: Simonides ηωξψ, Epicharmos die Aspiraten und ζ, vgl. ebenda p. 191, 30 Marius Victorinus, ars grammatica p. 1944 = Grammatici Latini VI p. 194, 15: Kadmos 16, Simonides ζξωϑ, Palamedes ηψχφ, ebenso Audacis excerpta ibid. VII p. 325, 6. Suidas s. v. Palamedes: ζπφχ, s. v. Simonides: die langen Vokale und die Doppelbuchstaben. Nach Servius zu Aen. II 81 hat Palamedes vielleicht alle erfunden, sicher aber das χ. Die von ihm angefertigten Lettern sind noch im Apollotempel zu Sikyon zu sehen nach Ampelius liber memorialis VIII 5, woraus wohl zu schließen ist, daß sich in dem Tempel des Apollon Στοιχείος zu Sikyon ein Buchstabenorakel (vgl. darüber unten den besonderen Abschnitt) befand, Pfister, Wochenschrift f. kl. Philologie 31 (1914) 477 f. Über die relative Berechtigung dieser εὑρήματα s. Lenormant bei Daremberg-Saglio I, Paris 1873 p. 205 ff.

[42] Euripides hat im Θησεύς die Buchstaben des Namens Θησεύς γρίφος-artig beschrieben, ebenso Agathon und Theodektes (Athen. X 454 bc.) ϰαὶ Σοφοϰλής δὲ τούτω παραπλήσιον ἐποίησεν ὲν Ἀμφιαράῳ σατυριϰῷ τὰ γράμματα παράγων ὀρχούμενον Athen. X 80 p. 454 f. -- fr. 117 Nauck³.

§ 2. PYTHAGOREISCHE GRAMMATIK

Der Unterschied zwischen Vokalen und Konsonanten ist unseres Wissens im 6. Jahrhundert von den Pythagoreern zuerst beobachtet worden.[43]) Wie die Pythagoreer dazu kamen, sich grammatisch zu betätigen, darüber gibt eine Notiz bei Quintilian Aufschluß (instit. orat. I 10, 17) Archytas atque Evenus etiam subiectam grammaticen musicae putaverunt. Sie rechneten die Grammatik zur μουσιϰή.

Die ungeheure Entdeckung des Pythagoras, daß die musikalische Tonhöhe von der Länge der tönenden Saite abhänge, hat die Mitlebenden geradezu berauscht und wie kaum jemals ein anderer naturwissenschaftlicher Fund das Denken Späterer bestimmt. Die Töne hatten sich als verkörperte Zahlen herausgestellt, die qualitativen Unterschiede waren auf quantitative zurückgeführt. Der tiefe Sinn der Musik war der, daß sie Klang gewordene Zahl ist. In der Zahl hatte man jetzt einen Schlüssel, der alle Tore zu öffnen verhieß. Sie war das Wesentlichste am Kosmos, vielleicht das Wirklichste überhaupt, das Symbol der Vernunft. Die schönsten Sätze darüber stehen bei Philolaos (fr. 11 Diels): Kenntnisspendend ist die Natur der Zahl und führend und lehrend für jeglichen in jeglichem, das ihm problematisch und unverständlich ist. Denn gar nichts von den Gebilden wäre irgend einem klar, weder ihr Zusich noch des einen zum andrem, wenn nicht die Zahl und deren Wesen wäre. Nun aber wirkt diese durch die Seele hin in die Empfindung gestaltend alles erkennbar aus und gesellig, nach des Gnomons Natur, gibt ihnen Leib und scheidet voneinander alle die Glieder der Gebilde als unendlicher wie als begrenzender. ... Sehen kann man nicht nur in den dämonischen und göttlichen Gebilden die Natur der Zahl und ihre haltende Macht, sondern auch in allen menschlichen Werken und Worten allenthalben und hin durch alle Schöpfungen des Bildens und hin durch die Musik.[44] --

Fällt also die Grammatik unter die Rubrik Musik, so mußten in der Tat die Schriftzeichen die Aufmerksamkeit der Pythagoreer besonders auf sich ziehen. Denn sie waren zugleich die Zeichen für die Zahlen und die Musiknoten. In ihnen, in ihrer Form, ihrer Anzahl und ihren Verschiedenheiten mußte wohl manches von kosmischer Bedeutung zu finden sein. Aristoteles erwähnt darüber Folgendes (Metaphys. N 6, 1093 a 20): ἐπεί ϰαὶ τὸ Ξ Ψ Ζ συμφωνίας φασὶν εἶναι ϰαὶ, ὅτι ἐϰεῖναι τρεῖς, ϰαὶ ταῦτα τρία (nämlich διατεσσάρων, διαπέντε und διαπασῶν). ὅτι δὲ μύρια ἂν εἲη τοιαῦτα, οὐϑὲν μέλει· τῷ γὰρ Γ ϰαὶ Ρ εἴη ἂν ἒν σημεῖον (d.h. man könnte ja ebenso gut auch den Laut γρ durch ein einziges Zeichen ausdrücken). εὶ δ΄ ὅτι διπλάσιον τῶν ἅλλων ἕϰαστον ἅλλο δ΄ οὔ, αἴτιον δ΄ ὅτι τριῶν ὄντων τόπων ἒν ὲφ΄ ἑϰάστου ἐπιφέρεται τὀ σῖγμα, διὰ τοῦτο τρία μόνον ἐστίν, ἀλλ' οὐχ ὅτι αί συμφωνίαι τρεῖς, ἐπεὶ πλείους γε αί συμφωνίαι· ἐνταῦϑα δ΄ οὐϰέτι δύναται. Ebenso wie sie die Dreiheit der Doppelkonsonanten musikalisch, d. h. metaphysisch, begründet dachten, so auch die Tatsache, daß es gerade 24 Buchstaben gibt (ebenda 1093 b 1): ϰαὶ ὅτι ίσον τὀ διάστημα ἒν τε τοῖς γράμμασιν ἁπὸ τοῦ Α πρὸς τὀ Ω, ϰαὶ ἁπὸ τοῦ βόμβυϰος ἐπὶ τὴν ὀξυτάτην νεάτην ἒν αὐλοῖς, ἧς ὁ ἁριϑμὸς ίσος τῇ οὐλομελείᾳ τοῦ οὐρανοῦ. So stellten sie die Elementargrammatik in die denkbar kosmischsten Zusammenhänge ϰαὶ ὅσα εἶχον ὁμολογούμενα δειϰνύναι ἒν τε τοῖς ἀριϑμοῖς ϰαὶ ταῖς ἁρμονίαις πρὸς τὰ τοῦ οὐρανοῦ πάϑη ϰαὶ μέρη ϰαὶ πρὸς τὴν ὅλην διαϰόσμησιν, ταῦτα συνάγοντες ἐφήρμοττον. Dieser Satz aus Aristoteles Metaphysik (A 5, 986 a) paßt nicht bloß auf die alten Pythagoreer: er erschöpft den Inhalt eines beträchtlichen Teils der europäischen Literatur bis in die Renaissance hinein.

An den Vokalen mußte den Pythagoreern ihre Siebenzahl[45] wichtig erscheinen. „Sowohl die Altpythagoreer als auch der Verfasser der altionischen (nach andern [vgl. Boll, Neue Jhb. 31 (1913) S. 137 ff.] erst dem 5. Jahrhundert angehörigen) pseudohippokrateischen Schrift περὶ ἑβδομάδων erblickten in den sieben ionischen Vokalen (φωνήεντα, φωναί) oder Urbuchstaben eine der ältesten und wichtigsten Manifestationen der heiligen Siebenzahl.“ W. H. Roscher, Hebdomadenlehren S. 145. Dieser Hinweis auf die Bedeutsamkeit der Vokale ist, wie wir unten sehen werden, nicht ungehört verhallt.

[43] Aristot. metaph. XIV 6; Hippokr. περὶ ἐβδ. 541 Erm., π. διαίτης I p. 645 f. Kühn; Varro bei Gell. III 10, 2 und 16; alles bei Roscher, Hebdomadenlehren 27.

[44] Deutsch nach Herman Schmalenbach, Das Seiende als Objekt der Metaphysik I: die erste Konzeption der Metaphysik im abendländischen Denken. Dissertation Jena 1909 S. 36 ff. [Viel Material dazu zuletzt bei Weinreich, Triskaidekad. Studien RGVV XVI 1 (1916) S. 96 f.]

[45] Über die Siebenzahl Boll in PW s. v. Hebdomas Bd. VI Sp. 2552, wo gezeigt wird, daß die Heiligkeit einer Zahl sich dann herausbildet, wenn diese Zahl in der Natur wiederholt gegeben ist, so daß der Mensch immer wieder auf sie hingewiesen wird.

§ 3. ELEMENTUM

Recht folgenreich für die antike Wertung der Buchstaben war es, daß man sie mit dem Wort στοιχεῖον bezeichnet hat. Durch dieses Wort wurden die Buchstaben der Schrift für den Griechen, der vom Namen einer Sache aus unwillkürlich weitergehende Folgerungen zog als wir, -- die „Kritik der Sprache“ fing erst an --, in die Sphäre philosophischer und religiöser Begriffe gehoben.[46]

Die Wortgeschichte von στοιχεῖον stellt sich nach den Untersuchungen von Diels und Lagercrantz folgendermaßen dar: Die Ableitung des Wortes στοιχεῖον von στοῖχος bei Dionys. Thrax, worauf Diels seine Übersetzung „Reihenglied“ gründet, ist wertlos und verbindet zu nichts.[47] Es ist vielmehr von στείχειν = „gehen, marschieren“ auszugehen (S. 88). Στοιχέω ist nach Lagercrantz’ Nachweisen in der Bedeutung gehen, marschieren ganz geläufig (S. 103). Davon ist mit objektivisch-transitiver Verwendung der Endung -εῖον (S. 106) στοιχεῖον in der attischen Sprache gebildet und bedeutet:

I. das begangene Stück, der Gang, die Strecke (so die früheste Verwendung bei Aristophanes Eccles. 651):

II. Grund: a) Erdfläche; b) Grundlage, so bei Xenophon memor. 2, 1, 1; c) Stütze, so in der Astrologie (S. 62) und im Neuen Testament (S. 42). Die vollkommenste Analogie bietet die Bedeutungsentwicklung des von βαίνω abgeleiteten Wortes βάσις.

Das Wort dringt sodann in die wissenschaftliche Fachsprache und tritt auf: 1. in der philosophischen Sprache als Übersetzung von ῥιζώματα τοῦ παντός (der Elemente) bei Empedokles ins Attische, für uns zuerst bei Platon Soph. 252 b, Tim. 48 b (S. 16); 2. in der grammatischen als attischer Ersatz für πυϑμήν, ein Wort, das in grammatischen Ausführungen des Protagoras (Diels Vorsokr. S. 512, 26) in der Bedeutung „Grundform“ vorkam (S. 21). In Platons Theait. p. 202 e heißt στοιχεῖα τῶν γραμμάτων „Urbestandteile der Schrift“ (S. 19). Sicherlich waren aber schon vor Platon die Buchstaben στοιχεῖα genannt worden, sonst könnte Phileb. 19 c nicht so lauten, wie es überliefert ist. Da im Lauf der Kaiserzeit der persische Elementenkult, der besonders im Mithrasdienst ausgeprägt worden ist, in die griechische Welt eindrang (Diels S. 45)[48], so hat das Wort στοιχεῖον von diesen Kreisen her für viele einen starken religiösen Akzent erhalten.[49]

Die Verwendung des Ausdrucks in der Astrologie hat nichts mit der in der Philosophie als „Element“ zu tun, sondern ist eine unmittelbare Übertragung aus der Volkssprache, wo στοιχεῖον „Stütze“ bedeutet. στοιχεῖον heißt da 1. die Tierkreisfigur, insofern sie den wandernden Planeten zur Stütze gereicht[50], 2. Gestirn, insofern es für dessen δαίμων die materielle Stütze abgibt (S. 65 ff.).

Ferner hat Lagercrantz S. 74 ff. nachgewiesen, daß στοιχειοῦν durchaus nicht „verzaubern“ heißt, wie Diels S. 55 meint, der dort die Wortgeschichte auf einer sehr schmalen Linie weiterführt. Es heißt vielmehr gründen in der Bedeutung „festmachen“, real[51] und symbolisch. Als einer, der das symbolische „eingründen“, das ein magisches Binden und Festbannen an einen Ort bedeutet, besonders gut verstand, wird Apollonius von Tyana ein στοιχειωματιϰός genannt bei Cedrenus I 346, 18. Derselbe Ausdruck οί στοιχειωματιϰοί steht schon im Καρπός (Ps.-Claudius Ptolemäus)[52], ohne daß der Zusammenhang mehr lehrte als daß es sich um Leute handelt, die sich mit Astrologie abgeben. Wir müssen daraus schließen, daß es eine Anzahl von Magiern, Astrologen usw. gegeben hat, die diese Art von „Eingründung“ betrieb.

Im Neugriechischen heißt στοιχειό Geist, Gespenst. Lagercrantz entwickelt S. 80 ff. einleuchtend, wie dies aus Glauben und Brauch beim ϑεμελιοῦν von Häusern entstanden ist.

Das alles hat nicht unmittelbar damit, daß στοιχεῖον auch Buchstabe heißen kann, etwas zu tun, wie Albrecht Dieterich, Rhein. Museum 56 (1901) S. 102 f. = Kl. Schr. S. 225 f. will. Aber man begreift ohne Schwierigkeit, wie „die Tatsache, daß Buchstabe und Gestirn durch dasselbe Wort ausgedrückt werden, mystisch veranlagte Gemüter bewegen konnte, nach realen Entsprechungen zwischen ihnen zu suchen“. Lagercrantz S. 57.

[46] Die Dielssche Bedeutungsgeschichte von στοιχεῖον („Elementum“, Leipzig 1899) wird in entscheidenden Punkten berichtigt durch Lagercrantz, Elementum, eine lexikologische Studie. Skrifter utgifna af K. Humanistiska Vetenskaps-Samfundeti Uppsala XI 1, Leipzig, Harrassowitz 1911.

[47] Gegen eine verwandte Ableitung hatte auch schon Bedenken Pa.-Sabas, „Über die Mysterien der griechischen Buchstaben“, ed. Hebbelynck, Muséon N. S. I (1900) p. 21 f.: „Man gibt den Buchstaben den Namen Elemente (στίχος!) nicht deshalb, weil sie selbst nicht mehr in Elemente zerlegbar sind (d. h. die kleinste Schrifteinheit sind), wie die Weisen der Griechen in ihrer Hohlheit gedacht haben, sondern weil in ihren Zügen sich die Form der Elemente der erschaffenen Welt findet.“

[48] Cumont, Textes et Monuments I 6; Dieterich, Mithrasliturgie 2. Aufl. S. 64; Diels Elementum 45; Cumont-Gehrich, Die Mysterien des Mithra² 1911 S. 104 f.

[49] Zuerst bei Hippobotos, einem Schriftsteller des ersten Jahrh. v. Chr., der nach Diog. Laert. VI 102 von dem Hute des Menedemos, des Stifters der Philosophenschule von Eretria, sagte, auf ihm seien die zwölf στοιχεῖα abgebildet gewesen (Diels S. 45, Lagercrantz S. 62). Diesen Sprachgebrauch deutet Lagercrantz auf Grund von Tatian, orat. ad Graec. 9 στοιχείωσις δὲ αὐτοῖς ἡ ζώωσις ἦν zu übersetzen: zur Stützung diente ihnen (den Planeten) das Bevölkern des Himmels mit Tieren (S. 60 und 73).

[50] Nach Diels ist dieser Wandel der Wortbedeutung auf dem Umweg über den grammatischen Gebrauch von στοιχεῖον als Bezeichnung von „Buchstabe“ erfolgt. Den aus Nikomachos von Gerasa belegten Satz von Diels S. 44: „So hat an ältere Schrullen der Pythagoreer anknüpfend die neupythagoreische Schule das Alphabet an den Himmel versetzt“, hätte Lagercrantz noch mit folgendem chronologischen Argument widerlegen können: In einem Auszug aus Vettius Valens, dem Astrologen aus dem 2. Jahrh. n. Chr., steht zu lesen, daß im Gegensatz zu einem verwickelten Verfahren des Vettius die ἁρχαῖοι die Tierkreisbilder mit je zwei Buchstaben bezeichneten in der Anordnung Α Ν, Β Σ usw. bis Μ Ω. Mit den ἁρχαῖοι sind in der astrologischen Literatur meist „Nechepso und Petosiris“ gemeint. Also wahrscheinlich schon diese Begründer der griechischen Astrologie im 2. Jahrh. v. Chr. und durch die Tatsache, daß στοιχεῖον „Buchstabe“ und „Tierkreiszeichen“ bedeuten konnte, dazu bewogen worden, diese miteinander in Beziehung zu bringen (s. darüber unten in dem Abschnitt über Astrologie).

[51] Schlagend spricht für Lagercrantz die Stelle in Anonymi Byz. Παραστάσεις ed. Preger (Progr. d. Kgl. Max-Gymnas. München 1898) p. 33, 12 § 72 ὁ λεγόμενος Νεώριος ὁ ϰαὶ Ἀρϰάδιος, ὃν Κόνων ἐστοιχειώσατο, wo auch Diels das letzte Wort durch „bauen“ übersetzte.

[52] 16⁰-Ausgabe von 1552 S. 214.

§ 4. KINDHEITSMYSTIK

Noch eine letzte mögliche Wurzel der Buchstabenmystik möchte ich andeuten. In viel stärkerem Maße als es heute m. W. geschieht, wurde im Altertum und bis ins 18. Jahrhundert auf das Erlernen des Alphabetes bis zur virtuosen Beherrschung Wert gelegt.[53] Während für uns die Alphabetreihe nur für Verzeichnisse und Lexika wichtig ist, war sie für den antiken Menschen auch die Folge der Zahlen[54], und das hatte, wie wir sahen, infolge der pythagoreischen Lehren in Altertum und Mittelalter keine bloß praktische Bedeutung. Wir hören, daß man das Alphabet an der Schule vor- und rückwärts einübte und in der Reihenfolge Α Ω Β Ψ Γ Χ usw.[55] Die Beschäftigung mit den Buchstaben war also etwas, das ein Wesentliches der Kindheit bezeichnet, und daß Kindheitserinnerungen auf assoziativem Weg zu Faktoren im religiösen Leben der Erwachsenen werden können, ist bekannt.

Albrecht Dieterich hat in seiner „Mithrasliturgie“ über das „liturgische Bild“ der Gotteskindschaft schöne Sammlungen vorgelegt. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Zeugung durch die Gottheit und Geburt aus ihr. In der spätantiken, besonders der christlichen Mystik haben auch Dinge, die mit dem Kindesalter zusammenhängen, einen religiösen Gefühlston. Christus selbst hatte gesagt: ἐὰν μὴ στραφῆτε ϰαὶ γένησϑε ὡς τὰ παιδία, οὐ μὴ εἰσέλϑητε εἰς τὴν βασιλείαν τῶν οὐρανῶν Mt. 18, 3 Lc. 18, 17. Dies Wort hat man nicht immer in seiner einfachen Tiefe verstanden. Christus fungiert bei Clemens von Alexandria als Paidagogos, als Kindererzieher. Seine Gestalt war schon zu fest umrissen, ebenso wie seine Stellung im dogmatischen System, als daß es bei einem rechtgläubigen Schriftsteller in der Zeichnung dieser Figur zu realistischen Einzelheiten hätte kommen können. Desto mehr sollen sich die Zöglinge hier als kleine Kinder fühlen. Am befremdlichsten zeigt sich das in dem langen Kapitel über die Milch im Paidagogos I 6 p. 112 P, das betitelt ist πρὸς τοὺς ὑπολαμβάνοντας τὴν τῶν παιδίων ϰαὶ νηπίων προσηγορίαν τὴν τῶν πρώτων μαϑημάτων αἰνίττεσϑαι διδαχήν.[56] Dazu haben wir jüngst in der 19. Ode Salomos eine Parallele bekommen, die uns zeigt, daß es sich hier nicht um Seltsamkeiten Einzelner handelt, für die es erst etwa in bekannten deutschen Kirchenliedern des 17. Jahrhunderts oder in Zinzendorfs Ausdrucksweise Entsprechungen gibt, sondern um verbreitete Stimmungen:

Ein Becher Milch ist mir dargebracht worden, und ich habe ihn getrunken in der Süße der Freundlichkeit des Herrn.

Der Sohn ist der Becher, und der, der gemolken ward, der Vater.

Und es melkte ihn der heilige Geist, weil seine Brüste voll waren usw.

Man ist sich bewußt, Frommes zu tun, wenn man der Gottheit gegenüber und zu ihren Ehren Kindliches tut.

Der große Gnostiker Valentinos behauptete, der Logos sei ihm in der Gestalt eines kleinen Kindes erschienen und habe ihm so seine Offenbarungen mitgeteilt (Hippolytos philosoph. VI 5, 43 p. 309 Cruice). Sein Schüler Markos deutete den Vers 2 des 8. Psalmes: „Durch den Mund von Kindern und Säuglingen hast du ein Bollwerk gegründet um deiner Widersacher willen, damit du Feinde und Rachgierige zum Schweigen bringest“[57] so, daß er das Geschrei der Säuglinge als Vokale auffaßte. So loben die Kinder Gott ebenso, wie es in Psalm 19, 1 heißt: „die Himmel erzählen die Ehre Gottes.“ Diesen letzteren Vers deutete er natürlich auf die unten zu behandelnde Beziehung zwischen Vokalen und Planeten (vgl. Iren. adv. haer. I 14, 8 Manucci; Epiphan. I 3, 7 haeres. 34) und hielt das Geschrei der Säuglinge für eine Bestätigung dieser Entsprechung. Die Buchstabenspielerei in den später zu besprechenden Branchosversen gegen die Pest hält Klemens von Alexandria für einen frommen Hinweis auf die Kindheit (Stromata V 8, 48 p. 675 P.): αἰνίσσεται, οἶμαι, τὴν ἐϰ τῶν τεσσάρων ϰαὶ εἵϰοσι στοιχείων ψυχῆς γαλαϰτώδη τροφήν, μεϑ' ἣν ἤδη πεπηγὸς γάλα βρῶμα, τελευταῖον δὲ αἷμα ἀμπέλου τοῦ λόγου τὸν „αἴϑοπα οἶνον“ τὴν τελειοῦσαν τῆς ἀγωγῆς εὐφροσύνην διδάσϰει.

Dasselbe meinte Remigius von Auxerre († ca. 908) in seinem tractatus de dedicandis ecclesiis von dem Aschenkreuz auf dem Boden der neu zu weihenden Kirchen, auf welche das Alphabet geschrieben wird.[58] Auch der Kaiser Didius Julianus ließ 193 n. Chr. durch junge Knaben, die mit verbundenen Augen in einen Spiegel schauen mußten, die Zukunft erforschen.[59] Ein Knabe fungiert als Pythia bei Hippol. philos. IV 4, 1 p. 93 ff. Cruice.

So mag mancher, der schon vielleicht aus den erwähnten Gründen in den Buchstaben etwas Heiliges sah, in dieser Vorstellung dadurch bestärkt worden sein, daß sie ihm ein heiliges Stück Kindlichkeit waren. Und gerade die eifrige Erlernung des Alphabets mochte in dieser Richtung mitwirken; später wird sich zeigen, wie eine Anordnung der Alphabetreihe als mystisch bedeutungsvoll verwendet worden ist, die im Anfangsunterricht der Kinder ihre Stelle hatte. Ja, man hat auf dieser Unterrichtsstufe mit Zauberei nachgeholfen, wobei die Alphabetreihe im Sinn der hohen Anschauungen über den Ursprung der Schreibkunst als Symbol alles Wissens erscheint. Um ein Kind lernbegierig und leichtfassend zu machen, rät ein neugriechisches Zauberrezept, das ABC auf eine Schüssel zu schreiben, die für die heiligen Brote gebraucht wird, sie segnen zu lassen und die Schrift mit reinem Wein aufzulösen; das soll das Kind trinken.[60]

[53] Man gab den Kindern Kuchen (Horaz sat. I 1, 25), elfenbeinerne Typen (Quintilian inst. I 1, 26) und Würfel, worauf das Alphabet stand (Hieronymus, epist. ad Laetam 107, 4). Über altirische Alphabetkuchen Gaidoz, Les gâteaux alphabétiques, Mélanges Renier, Bibliothèque des hautes études Paris 1887. Woher die russischen Buchstaben stammen, die man noch heute als -- übrigens recht schmackhaftes -- Gebäck zu essen bekommt, weiß ich nicht. Jedenfalls stammt der Brauch, ebenso wie die Suppennudeln in Buchstabenform, aus alter Zeit. Ähnliche Verfahren des Elementarunterrichtes beschreiben noch Rabelais, Gargantua I 14. Goldsmith, vicar of Wakefield cap. 12. Smollet, Humphrey Clinker ed. Tauchnitz p. 122; über Basedows Buchstabenbäckerei s. Grasberger, Erziehung und Unterricht im klassischen Altertum I 2, 267, Würzburg 1864, vgl. Leclerq bei Cabrol, Dictionnaire d’archéologie chrétienne et de liturgie I, Paris 1907, s. v. Abécédaire p. 60 f. Beudel, Qua ratione Graeci liberos docuerint, Dissertation Münster 1911. S. auch die kuriose Geschichte von dem begriffsstutzigen Sohn des Herodes Atticus, des bekannten Redners zur Zeit der Antonine, bei Philostratos, vit. sophist. II 10 p. 66 Kayser: das Alphabet hat er wenigstens durch 24 mit den Buchstaben bezeichnete Spielkameraden gelernt.

[54] Über das Alter des milesischen Zahlenalphabets (8. Jahrh.) s. Larfeld, Griechische Epigraphik³ (1914) S. 294 ff. Man hat aber auch mit den Buchstaben α–ω als 1–24 numeriert, ebenso wie wir es mit unsern Buchstaben tun. Beispiele sind die in Olympia zur Auslosung der Kämpfer gebrauchten Täfelchen (Lukian Hermotimos 39), Theatermarken (J. Friedländer, Hermes 9 (1875) 251 ff. Svoronos, Περὶ τῶν εἰσιτηρίων τῶν Ἀρχαίων, Journal International d’Archéologie numismatique I (1898) 45-120; III (1900) 197–235; 319–349), Numerierung von Gesimsblöcken an Bauten (Karapanos, Dodone et ses ruines 68 f. pl. 34–40; thessalische Inschriften bei Lolling, Athen. Mitt. VII (1882) 69. Gesimsblöcke des Altars zu Pergamon, Robert, Hermes 18 (1883) 466 ff. Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt, Nachtrag), der Sektionen des Heliastengerichtshofes in Athen (Lipsius, Das attische Recht und Rechtsverfahren I [1905] S. 140 f.), von Äckern („casae literarum“, Inschrift von Halesa, IG XIV 352. Gromatici ed. Lachmann I 309; II 235, 268, 409), die Bezeichnung der Stadtquartiere von Alexandreia (Ausfeld, RM 55 [1900] 379, Der griechische Alexanderroman, Leipzig 1907 S. 139), der Gesänge der homerischen Gedichte (Woisin, De Graecorum notis numeralibus, Diss. Kiel 1886, S. 30), der Wochentage (Boll s. v. Hebdomas, PW Sp. 2573). Über unsre Benennung der sieben Töne der Oktave von C bis H unten mehr. Auch der Alchimist Zosimos hat die 28 Bücher seines Werkes mit Buchstaben bezeichnet, ebenso Mani und Aphraat die ihrigen mit den 22 Buchstaben des syrischen Alphabets. Pachomius numerierte seine Mönchsklassen mit Buchstaben, s. unten den Abschnitt über die Spekulationen über die ganze Alphabetreihe.

[55] Quintilian, inst. or, I 1, 25: Quae causa est praecipientibus, ut etiam, com satis affixisse eas pueris recto illo quo primum scribi solent contextu videntur, retroagant cursus et varia permutatione turbent, donec litteras qui instituuntur facie norint, non ordine. Hieronymus in Jerem. 25, 26, Migne PL 24, 838 = p. 311 Reiter 1913. Ferner in Brief 107 an Laeta über die Erziehung ihrer Tochter II p. 294 Hilberg: Et non solum ordinem teneat literarum et memoria nominum in canticum transeat; sed ipse inter se crebro ordo turbetur, et mediis ultima, primis media misceantur, ut eas non sono tantum, sed et visu noverit. Dieterich, Rhein. Mus. 56 (1901) S. 99. Solche Schulübungen stehen auf einem Ostrakon im Brit. Museum, einem Säulenstück aus Sparta, Papyrus aus Hermupolis, vgl. Milne, Journ. hell. stud. 28 (1908) p. 121 nr. 1; Annual of the brit. school of Athens XII 476; Wessely, Studien zur Paläogr. und Papyruskunde II (1902) p. XLV nr. 2; Ziebarth, Aus der antiken Schule², Kleine Texte Nr. 65, Bonn 1913 S. 1 ff.

[56] Über Anklänge an gewisse Bräuche beim Verwandtschaftsschließen in diesem Kapitel Adolf Jacoby, Archiv für Religionswissenschaft 13 (1910) S. 549 ff.

[57] Der sich m. E. am besten erklärt, wenn man ihn mit dem Kommentar von Hitzig darauf bezieht, daß in einem Krieg ein siegreicher Feind durch das Geschrei von Säuglingen sich zur Milde hatte stimmen lassen, vgl. etwa 1 Sam. 30, 2.

[58] Migne PL 131, 851: Quid autem per alphabetum nisi initia et rudimenta doctrinae sacrae intelligi convenit? offenbar in Anlehnung an den Hebräerbrief 5, 12: τὰ στοιχεῖα τῆς ἀρχῆς τῶν λογίων τοῦ ϑεοῦ. Diese Erklärung ist übernommen von de Rossi, Bullettino di archeologia cristiana 1881 p. 135 und von Leclerq bei Cabrol, Dictionnaire d’archéologie chrétienne et de liturgie, Paris 1907 s. v. Abécédaire Sp. 56.

[59] Aelius Spartian, vita Didii Iuliani VII 10. Über ϰατοπτρομαντία Bouché-Leclercq, Histoire de la divination, Paris 1879, I 185. Wünsch, Hess. Blätter für Volkskunde 3 (1904) 154 ff. Reitzenstein, Historia monachorum, Göttingen 1916, S. 244 ff.

[60] Abbott, Macedonian Folklore, Cambridge 1903 S. 362. Pradel, Griechische Gebete usw. Religionsgesch. Versuche u. Vorarbeiten III, Gießen 1907 S. 381; Jacoby, Archiv für Religionswissenschaft 13 (1910) 529.

II. DIE VERSCHIEDENEN GEBIETE DER BUCHSTABENMYSTIK

§ 1. SPEKULATIONEN ÜBER EINZELNE BUCHSTABEN

Wir sahen, daß die alten Pythagoreer kraft der ganzen Haltung ihres Denkens dazu neigten, in den Buchstaben Übergrammatisches zu sehen. In welcher Richtung, das zeigt eine seltsame Notiz in den Scholien zu Dionysius Thrax (p. 183, 30): Ἀπολλώνιος ὁ Μεσσήνιος ἐν τῷ περὶ τῶν ἀρχαίων γραμμάτων φησί τινας λέγειν, ὅτι Πυϑαγόρας αὐτῶν τοῦ ϰάλλους ἐπεμελήϑη, ἐϰ τῆς ϰατὰ γεωμετρίαν γραμμῆς ῥυϑμίσας αὐτὰ γωνίαις ϰαὶ περιφερείαις ϰαὶ εὐϑείαις. Man hat also in pythagoreischen Kreisen -- auf Pythagoras’ Person wird niemand trotz der bestimmten Bezeugung bestehen wollen -- in der Form der einzelnen Buchstaben Symbolisches gesucht und gefunden. Dafür gibt es noch manchen Beleg im Einzelnen.