Part 3
Drebber aus Cleveland, das stimmt mit den Zeichen der Wäsche überein. Kein Portemonnaie, aber loses Geld in der Westentasche im Betrag von sieben Pfund dreizehn Schilling. Eine Taschenausgabe von Boccaccios Decamerone, auf dem Titelblatt der Name Joseph Stangerson. Zwei Briefe, einer an E. J. Drebber, der andere an Joseph Stangerson.“ „Wohin adressiert?“ „An die amerikanische Wechselbank. Beide Briefe kommen von der Dampfschiffgesellschaft Guion und betreffen die Abfahrt ihres Dampfers von Liverpool. Offenbar stand der Unglückliche im Begriff, nach New York zurückzukehren.“ „Haben Sie über jenen Stangerson Erkundigungen eingezogen?“ „Versteht sich,“ versetzte Gregson; „an sämtliche Zeitungen sind Anzeigen geschickt worden; auch ist einer meiner Leute nach der Wechselbank gegangen, ich erwarte ihn bald zurück.“ „Haben Sie in Cleveland angefragt?“ „Ja, die Depesche ist heute früh abgegangen.“ „Was war der Wortlaut?“ „Wir gaben einfach die Umstände an und baten um Mittheilung der einschlägigen Thatsachen.“ „Sie haben nicht etwa über einen Punkt, der Ihnen besonders wichtig schien, eingehendere Nachricht verlangt?“ „Ich habe nach Stangerson gefragt.“ „Weiter nichts?
Liegt nicht eine Thatsache vor, um die sich der ganze Fall dreht? Wollen Sie nicht noch einmal telegraphieren?“ „Meine Depesche enthielt alles Erforderliche,“ versetzte Gregson in beleidigtem Ton. Sherlock Holmes lachte in sich hinein und wollte eben noch eine Bemerkung machen, als Lestrade, der inzwischen im Zimmer geblieben war, zu uns in den Flur kam. „Soeben habe ich eine Entdeckung gemacht, Gregson,“ sagte er, sich mit selbstgefälliger Miene die Hände reibend. „Hätte ich nicht die Stubenwände genau untersucht, wir wären schwerlich darauf aufmerksam geworden.“ Die Augen des kleinen Detektivs funkelten vor innerem Triumph, daß er seinem Kollegen den Rang abgelaufen hatte. „Kommen Sie,“ sagte er, in das Zimmer zurückeilend, das uns weit weniger grausig erschien, seit die Leiche fortgeschafft war; „so, jetzt treten Sie dorthin.“ Er strich ein Schwefelholz an seiner Stiefelsohle an und hielt es gegen die Wand. In einer Ecke war die Tapete abgerissen und auf dem hellen Kalkbewurf, der darunter zum Vorschein kam, stand mit großen, blutroten Buchstaben das Wort _~Rache~_ zu lesen. „Das hat der Mörder mit seinem eigenen Blut geschrieben,“ fuhr Lestrade fort, „hier auf der Diele sieht man noch, wo es hinuntergetropft ist. Einen besseren Beweis, daß kein Selbstmord vorliegt, könnten wir gar nicht haben. Sehen Sie das abgebrannte Licht auf dem Kaminsims? Beim Scheine desselben ist das Wort in dieser sonst so dunkeln Ecke geschrieben worden!“ „Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich in dem Zimmer umzusehen,“ sagte Holmes, ein Vergrößerungsglas und ein Zentimetermaß aus der Tasche ziehend. „Sie erlauben mir wohl, das jetzt nachzuholen.“ [Illustration] Geräuschlos ging er in dem Raume hin und her; bald stand er still, bald kauerte er am Boden, einmal legte er sich sogar mit dem Gesicht platt auf die Diele. Er war so vertieft in seine Beobachtungen, daß er unsere Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien; auch hielt er fortwährend leise Selbstgespräche, dazwischen stöhnte er laut oder pfiff wohlgefällig vor sich hin und feuerte sich durch ermutigende Ausrufe zu neuer Hoffnung an.
Er kam mir vor wie ein edler Jagdhund, der rückwärts und vorwärts durch das Dickicht springt, vor Begierde heult und winselt und keine Ruhe findet, bis er die verlorene Fährte wieder aufgespürt hat. Wohl zwanzig Minuten lang setzte er seine Untersuchungen fort, maß mit der größten Genauigkeit die Entfernung zwischen verschiedenen Punkten am Boden, die für mein Auge ganz unsichtbar waren und dann die Höhe und Breite der Wände. Was er damit bezweckte, war mir unerklärlich. An einer Stelle las er behutsam ein Häufchen grauen Staubes von der Erde auf und verwahrte es sorgfältig in einem Briefumschlag. Zuletzt richtete er sein Vergrößerungsglas auf das rätselhafte Wort an der Wand und betrachtete jeden Buchstaben aufs genaueste. Das Ergebnis schien ihn zu befriedigen und er steckte das Glas wieder ein. „Man sagt, das Genie sei nichts als unermüdliche Ausdauer,“ bemerkte er lächelnd; „so falsch das an und für sich auch ist, auf die Arbeit des Geheimpolizisten läßt es sich doch anwenden!“ Gregson und Lestrade waren dem seltsamen Gebahren des eifrigen Dilettanten mit neugierigen, aber etwas verächtlichen Blicken gefolgt. Sie schienen sich nicht klar zu machen, was ich längst wußte, daß nämlich Sherlock Holmes, selbst bei seinen scheinbar unbedeutendsten Handlungen, stets ein bestimmtes Ziel fest im Auge behielt. „Nun, was halten Sie von dem Fall?“ fragten beide jetzt in einem Atem. „Sie sind auf so gutem Wege, meine Herren,“ erwiderte Holmes nicht ohne einen leisen Anflug von Spott, „da wäre es die größte Anmaßung von meiner Seite, wollte ich mich Ihnen zur Hilfe anbieten. Den Ruhm, der Ihren Verdiensten gebührt, sollen Sie auch allein ernten.
Vielleicht kann ich Ihnen im weiteren Verlauf Ihrer Forschungen noch von Nutzen sein, dann stehe ich gern zu Diensten. Es wäre mir übrigens doch erwünscht, wenn ich den Schutzmann sprechen könnte, der die Leiche gefunden hat. Sagen Sie mir, bitte, wie er heißt und wo er wohnt.“ Lestrade schlug sein Notizbuch auf. „John Rance hat jetzt keinen Dienst; Sie werden ihn sicher in seiner Wohnung am Kennington Parkthor, Audley Court No. 46 finden.“ Holmes notierte sich die Adresse. „Kommen Sie mit, Doktor,“ rief er mir zu, „wir suchen ihn auf.“ Dann verabschiedete er sich von den beiden Geheimpolizisten. „Ich will Sie noch auf einiges aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht einige Mühe ersparen kann,“ sagte er. „Hier ist ein Mord begangen worden; der Täter ist sechs Fuß groß, im besten Mannesalter, hat verhältnismäßig kleine Füße, trug Stiefel mit breiten Spitzen und rauchte eine Trichinopolly-Cigarre. Er kam mit seinem Opfer in einer Droschke angefahren; von den Hufeisen des Pferdes waren drei alt und das am linken Vorderfuß neu. Der Mörder hat eine rötliche Gesichtsfarbe und ungewöhnlich lange Fingernägel an der rechten Hand. -- Das sind nur ganz unbedeutende Einzelheiten, aber sie könnten Ihnen doch einen Anhaltspunkt geben.“ Lestrade und Gregson sahen einander ungläubig lächelnd an. „Wie ist denn der Mann umgebracht worden, wenn ein Mord vorliegt?“ fragte ersterer. „Vergiftet,“ gab Holmes kurz zur Antwort. Nach diesem kategorischen Ausspruch entfernte er sich rasch, und seine beiden Nebenbuhler blickten ihm mit offenem Munde nach. Viertes Kapitel. Was uns John Rance erzählte.
Es war ein Uhr, als wir das Haus in der Brixtonstraße verließen, um uns sofort auf das nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes schickte eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen nach der Wohnung des Schutzmanns. „Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich immer aus erster Hand holen,“ bemerkte er. „Wenn mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar ist, so halte ich es doch für richtig, mich auch von allem übrigen so viel als thunlich zu unterrichten.“ „Aber Holmes,“ rief ich in höchster Verwunderung, „Sie können doch unmöglich über alle jene Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit gelangt sein, wie Sie uns glauben machen wollen.“ „Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,“ entgegnete er. „Als wir ankamen, war das Erste, was mir auffiel, die doppelte Räderspur einer Droschke, die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche hatte es vergangene Nacht zum erstenmal geregnet, und die tiefen Wagengeleise konnten erst entstanden sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht war. Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, drei nur undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, folglich war das Eisen neu. War die Droschke erst nach dem Regen am Hause vorgefahren und am Morgen nicht mehr da, wie Gregson versichert, so hatte sie also die beiden Leute während der Nacht dahin befördert.“ „Das klingt sehr einleuchtend,“ sagte ich; „wie aber konnten Sie auf das Aeußere des Mannes schließen?“ „Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten Fällen nach seinem Schritt bestimmen. Die Berechnung ist schnell gemacht, aber ich will Sie nicht mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des Mannes sowohl draußen im weichen Erdreich als auf der staubigen Stubendiele. Außerdem konnte ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner Augen.
Die Schrift aber ist gerade sechs Fuß hoch über dem Boden. Sie sehen, es war kinderleicht.“ „Aber sein Alter?“ „Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb Fuß weit ausschreiten kann, ist er schwerlich schon sehr altersschwach. So breit war nämlich die Pfütze auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist. Die feinen Lederstiefel waren am Rande hingegangen, die grobe Fußbekleidung mit den breiten Spitzen aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen der Beobachtung und Schlußfolgerung, die ich in meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe. -- Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?“ „Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.“ „Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers in Blut getaucht und damit an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren wie eingekratzt in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas verstreute Asche, die dunkel und flockig aussah und nur von einer Trichinopolly-Cigarre herrühren konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere Studien gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; ich schmeichle mir, jede Sorte Cigarren- oder Tabaksasche auf den ersten Blick zu erkennen.
Gerade in solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der Sorte, zu welcher die Gregson und Lestrade gehören.“ „Aber die rötliche Gesichtsfarbe?“ „Das war eine etwas kühne Folgerung, über die ich bei dem jetzigen Stand der Dinge noch keinen Aufschluß geben kann, obgleich ich überzeugt bin, daß ich recht habe.“ Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die Stirn. „Es schwirrt mir förmlich im Kopfe,“ rief ich, „je mehr ich über die Angelegenheit nachdenke, um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die beiden Männer -- wenn es ihrer zwei waren -- in das leere Haus? Was ist aus dem Kutscher geworden, der sie gefahren hat? Wie konnte der eine den andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher stammen die Blutspuren? Was bewog den Mörder zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte? Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum schrieb der Missethäter das Wort Rache an die Wand, bevor er die Flucht ergriff? -- Daß jemand imstande sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen, geht wahrhaftig weit über mein Verständnis.“ Mein Gefährte lächelte beifällig. „Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer Lage kurz und bündig zusammengefaßt,“ sagte er. „Ueber die Hauptsache bin ich zwar im reinen, aber manches ist noch unaufgeklärt.
Die Schrift, auf deren Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner Meinung nach nur eine Kriegslist, um die Polizei auf falsche Fährte zu locken, als sei die That im Auftrag einer geheimen Gesellschaft von irgend einem Sozialisten ausgeführt worden. -- So -- nun wissen Sie aber genug über den Fall, Watson, ich werde mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten. Mit dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald er sein Kunststück einmal erklärt hat, und wenn ich Ihnen mein Verfahren allzu genau beschreibe, werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst alltäglichen Menschen halten.“ „Bewahre,“ rief ich, „das wird nie geschehen. Sie haben die polizeiliche Forschung auf die Höhe der Wissenschaft erhoben und bis zu einer Vollkommenheit gebracht, wie sie bisher unerreicht war.“ Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein Urteil, das ich im Tone aufrichtigster Ueberzeugung aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt, daß er für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte, empfänglich war, wie eine jugendliche Schönheit, deren Reize man bewundert. „Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,“ rief er; „die feinen Lederstiefel kamen mit dem groben Schuhwerk in derselben Droschke angefahren und schritten zusammen höchst freundschaftlich den Gartenweg hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in Arm. Im Hause gingen sie im Zimmer hin und her, oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel standen still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und geriet dabei mehr und mehr in Leidenschaft. Das war in dem Staub, der auf der Diele lag, an den immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen. Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein Zorn steigerte sich zur Wut und dann beging er die Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht; das übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; doch ist immerhin ein guter Grund gelegt, auf dem sich sicher weiter bauen läßt. -- Ich darf mich übrigens jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die Neruda spielen zu hören.“ Die Droschke war während unseres Gesprächs durch zahllose düstere Gäßchen und enge Straßen gefahren; in der allerschmutzigsten und trübseligsten Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. „Da drüben ist Audley Court,“ sagte er, auf eine Reihe räucheriger Backsteinhäuser deutend. „Ich will hier warten, bis Sie wieder herauskommen.“ Audley Court bot wenig Anziehendes.
Eine schmale Gasse führte auf einen großen, gepflasterten Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen schmutziger Kinder vorbei und krochen unter aufgehängter, mißfarbener Wäsche durch, bis wir auf einem kleinen Messingschild den Namen ‚Rance‘ bemerkten. Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst zu Bette gelegt und wir wurden gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß man ihn im Schlaf gestört hatte. „Ich habe doch schon auf dem Bureau Bericht erstattet,“ brummte er verdrießlich. [Illustration] Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und drehte es nachlässig zwischen den Fingern. „Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem eigenen Munde zu hören, wenn Sie nichts dagegen haben,“ sagte er verbindlich. Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung nicht. „Ich werde Ihnen mit Vergnügen sagen, was ich weiß,“ beeilte sich Rance zu erwidern. „Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich alles zugetragen hat.“ Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa Platz und legte die Stirn in bedächtige Falten. „Ich will beim Anfang beginnen,“ sagte er. „Meine Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Um elf Uhr war eine Schlägerei im ‚Weißen Hirsch‘, aber sonst fiel zuerst nichts Besonderes vor während meiner Runde. Gegen ein Uhr fing es an zu regnen, und etwas nach zwei Uhr kam ich die Brixtonstraße hinunter, um zu sehen, ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich unterwegs, die Gegend war wie ausgestorben, nur ein paar Droschken kamen an mir vorbeigerasselt.
Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog zur Magenstärkung wohl angebracht wäre -- da sah ich einen Lichtschimmer in dem gewissen Hause. Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen, obgleich der letzte Mieter am Typhus gestorben ist. Na, wie ich das Licht sehe, denke ich gleich, daß etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre kam -- --“ „Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor zurückgegangen -- aus welchem Grunde?“ fragte Holmes. Rance fuhr zusammen und riß die Augen weit auf. „Woher wissen Sie denn das?“ stammelte er. „Freilich that ich es, denn, sehen Sie, als ich an die Hausthür kam und alles so still und unheimlich war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei sein sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein Kamerad mit seiner Laterne des Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig nicht, aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der dort umging, so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.“ „War denn gar niemand auf der Straße?“ „Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener Hund. Ich nahm mich zusammen, ging wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war alles still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein gekommen war.
Auf dem Kaminsims stand ein rotes Wachslicht -- es flammte hell auf und da sah ich -- --“ „Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie sind mehrmals rings um das Zimmer gegangen, dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht, die Küchenthür zu öffnen und dann -- --“ Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in die Höhe. „Von wo aus haben Sie mich belauscht? Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen sein, sonst könnten Sie das nicht alles wissen.“ Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus und reichte sie dem Schutzmann. „Denken Sie nur nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich festnehmen müssen,“ sagte er lachend. „Ich bin nicht der Wolf, sondern nur einer von den Spürhunden, wie Ihnen die Herren Gregson und Lestrade bestätigen werden. Aber, nur weiter -- was thaten Sie zunächst?“ „Ich ging hinunter auf die Straße,“ sagte Rance, der wieder Platz genommen hatte, aber noch immer verwundert dreinschaute. „Auf das Alarmzeichen, das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei von den Kameraden herbeigelaufen.“ „War die Straße noch immer leer?“ „Ja oder nein, wie man’s nimmt.“ „Was soll das heißen?“ Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen. „Na,“ sagte er, „als ich aus dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am Gitter, der aus vollem Halse etwas von ‚Kolumbias neuem Sternenbanner‘ oder dergleichen sang. Ich hab’ in meinem Leben schon manchen gesehen, der zu schwer geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl, ist mir noch nicht vorgekommen. Er hätte mir keine Hilfe leisten können, hielt er sich doch kaum selber auf den Füßen.“ [Illustration] „Wie sah denn der Mann aus?“ fiel ihm Holmes ins Wort. Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu verdrießen. „Es war eben ein sinnlos betrunkener Mensch,“ sagte er, „den wir hätten auf die Polizeiwache bringen müssen, wären wir nicht anderweitig beschäftigt gewesen.“ „Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug gesehen haben,“ rief Holmes ungeduldig. „Natürlich -- Murcher und ich mußten ihm ja unter die Arme greifen, um ihn aufzurichten. Ein langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein Tuch gewickelt und --“ „Schon gut -- was ist denn aus ihm geworden?“ „Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu thun.
Er wird schon den Weg nach Hause gefunden haben, da können Sie ganz ruhig sein.“ „Wie war er denn angezogen?“ „Er trug einen braunen Ueberrock.“ „Hatte er eine Peitsche in der Hand?“ „Eine Peitsche -- bewahre!“ „Die muß er zurückgelassen haben,“ murmelte Holmes. „Kam nicht gleich darauf eine Droschke gefahren?“ „Nein.“ Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. „Hier, das Goldstück ist für Sie, Rance,“ sagte er; „aber ein andermal seien Sie nicht ganz so kopflos. Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu nichts Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht mit Leichtigkeit Ihre Beförderung zum Sergeanten verdienen können. Statt dessen haben Sie den Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen und der den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis in Händen hält. Wozu noch lange hin und her streiten -- es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen Sie sich darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen gehen.“ Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges Gesicht, aber man sah, die Sache war ihm nicht ganz geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und gingen unserer Wege. „Der Hans Narr,“ rief Holmes ärgerlich, als wir wieder in der Droschke saßen, um nach Hause zu fahren. „Ein Glück sondergleichen fällt ihm ungesucht in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.“ „Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?“ fragte ich. „Rances Beschreibung des Betrunkenen paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer Vorstellung von dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause zurückgeführt haben? Das sieht nicht aus, als wäre er der Verbrecher.“ „Der Ring, Freund, der Ring -- den wollte er holen. Wenn wir kein anderes Mittel finden, ihn zu fangen, müssen wir den Ring als Köder brauchen.
Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich habe ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles. Hätten Sie mir nicht zugeredet, ich wäre um die schönste Gelegenheit gekommen, meine Kriminalstudien zu vervollständigen. -- Jetzt aber, erst zum Lunch und dann ins Konzert. Die Neruda hat einen famosen Ansatz und spielt köstlich. Wie geht doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr gehört habe? Tra--la--lira--lira--la.“ Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und trillerte wie eine Lerche, während ich über die Vielseitigkeit dieses Menschen nachdachte, der von der Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen mit dem Eifer eines Kunstliebhabers betrieb. Fünftes Kapitel. Wir bekommen Besuch.
Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß gewesen für meine schwache Gesundheit. Ich fühlte mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins Konzert gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um mich durch einige Stunden Schlafs zu stärken. An Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn wirre Vorstellungen und Bilder drängten sich unablässig in meinem aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen schloß, sah ich vor mir die verzerrten, pavianähnlichen Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls gegen denjenigen erwehren konnte, der den Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war noch nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so deutliches Gepräge von Laster und Bosheit trug. Doch sah ich wohl ein, daß man der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J.
Drebber noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte die Missethat, deren Opfer er war, nicht in den Augen des Gesetzes. Je mehr ich über die Behauptung meines Freundes nachdachte, daß der Mann vergiftet worden sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an den Lippen des Toten roch. Freilich blieb kaum eine andere Annahme übrig -- erdrosselt war er nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und doch -- wo kam das Blut her, das auf dem Fußboden verspritzt war? Es schien kein Kampf stattgefunden zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte. Holmes hatte sich wohl schon eine bestimmte Theorie über den ganzen Vorgang gebildet, das glaubte ich an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen. Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen Thatsachen erklärte, die mir so rätselhaft schienen, ahnte ich auch nicht von ferne.
Es war schon spät, als er zurückkam -- unmöglich konnte er die ganze Zeit über im Konzert gewesen sein. Das Essen stand bereits auf dem Tisch, und er nahm sogleich Platz. „Ein herrlicher Genuß!“ rief er. „Nichts übt doch solchen Zauber auf den Menschen aus, wie die Tonkunst. -- Aber, was ist unterdessen mit Ihnen geschehen, Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen aus. Hat die Geschichte in der Brixtonstraße Sie aus dem Gleichgewicht gebracht?“ „Wahrhaftig, ja -- mehr als ich für möglich gehalten hätte. Seit meinen Erlebnissen in Afghanistan, wo ich meine Kameraden in Stücke hauen sah, glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.“ „Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft und erzeugen ein leicht erklärliches Grauen,“ meinte Holmes. „In der Abendzeitung steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die Begebenheit, doch freut mich, daß der gefundene Trauring nicht erwähnt wird.“ „Wieso?“ „Wegen der Anzeige, die ich heute abend in sämtliche Zeitungen habe einrücken lassen. Hier, lesen Sie.“ Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik ‚Gefunden‘ las ich folgendes: „Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ‚Weißen Hirsch‘ und dem Holland-Hain gefunden worden. Zu erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße 221 ~b~, zwischen 8 und 9 Uhr abends.“ „Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren Namen verwiesen habe!
Hätte ich meinen eigenen genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen oder andern unserer professionellen Dummköpfe nicht sicher gewesen.“ „Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet? Ich habe keinen Ring, den ich ihm geben könnte.“ „Dafür ist schon gesorgt,“ sagte er, mir einen Ring einhändigend. „Er gleicht dem andern auf ein Haar und wird dieselben Dienste thun.“ „Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden -- was glauben Sie?“ „Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock -- unser Freund mit dem roten Gesicht und dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so schickt er einen Spießgesellen.“ „Sollte er nicht Gefahr wittern?“ „Bewahre. Und wenn auch -- meiner Ansicht nach würde er jeder Gefahr trotzen, um den Ring wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn verloren, während er sich über Drebbers Leichnam beugte, und es nicht gleich bemerkt. Erst als er draußen war, entdeckte er seinen Verlust, und eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen hatte, das Licht brennen zu lassen, fand er die Polizei bereits an Ort und Stelle. Um keinen Argwohn zu erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken zu stellen.