VII.
Ich trat in die Bibliothek (diese Stunde werde ich nie vergessen) und nahm den letzten Roman von Walter Scott, den ich noch nicht gelesen hatte. Ich weiß noch, daß ein gegenstandloser Kummer mich fast wie mit einer Vorahnung quälte. Ich wollte weinen. Im Zimmer war es noch goldig hell von den letzten schrägen Strahlen der sinkenden Sonne, die mit einer Lichtfülle durch die hohen Fenster auf das glänzende Parkett fielen. Es war still. Auch in den Nebenzimmern war keine Menschenseele. Pjotr Alexandrowitsch war nicht zu Hause und Alexandra Michailowna war krank und lag zu Bett. Ich weinte auch wirklich, und während ich im zweiten Teil des Romans blätterte, versuchte ich, aus den einzelnen abgerissenen Sätzen, die ich hier und da las, den Zusammenhang des Ganzen zu erraten. Es war fast, wie wenn man ein Buch aufs Geratewohl aufschlägt und den ersten besten Satz wie einen Orakelspruch liest. Es gibt solche Augenblicke, wo alle geistigen und seelischen Kräfte sich krankhaft anstrengen und plötzlich wie in einer hellen Flamme des Bewußtseins aufflammen, und in diesem Augenblick wird dann die erschütterte Seele, die sich gleichsam im Vorgefühl, ja vielleicht sogar schon im Vorgenuß des Zukünftigen quält, wie von einem prophetischen Traum erfüllt. Und man will so leben, so leben, und das Herz, das in heißester, blindester Hoffnung aufflammt, will mit einemmal gleichsam die Zukunft herausfordern – die Zukunft mit ihrer ganzen geheimnisvollen Unbekanntheit, auch mit Stürmen und Ungewittern, wofern sie nur Leben ist, wirkliches Leben! Gerade das war es, was ich empfand.
Ich erinnere mich, daß ich gerade das Buch schloß, um es dann aufs Geratewohl wieder aufzuschlagen und mit dem Gedanken an meine Zukunft einen Satz als Orakelspruch zu lesen. Doch als ich die Buchdeckel aufklappte und die Blätter sich teilten, lag vor mir auf dem aufgeschlagenen Buch ein beschriebener Bogen Postpapier, zweimal gefaltet und so zusammengepreßt, als sei er schon vor Jahren in dieses Buch gelegt und dann vergessen worden. Neugierig untersuchte ich meinen Fund. Es war ein Brief, jedoch ohne Adresse, ohne Anrede und als Unterschrift standen nur zwei Buchstaben: S. O. Meine Neugier verdoppelte sich, ich entfaltete das fast zusammengeklebte Papier, das vom langen Liegen auf den Blättern eine helle Stelle von der Größe seines Formats hinterlassen hatte. An den Faltstellen war das Papier schon stark mitgenommen: man hatte den Brief wohl oft gelesen. Die Tinte war verblaßt – er mußte schon vor langer, langer Zeit geschrieben worden sein. Einzelne Wörter stachen mir in die Augen und mein Herz begann zu klopfen vor Erwartung. Verwirrt besah ich den Brief von allen Seiten, wie um das Lesen noch hinauszuschieben. Zufällig sah ich näher hin und hob ihn zum Licht: ja! es waren deutliche Tränenspuren zu sehen, stellenweise waren sogar ganze Buchstaben verwischt. Wessen Tränen mochten das sein? Und schließlich las ich mit stockendem Herzschlag die erste halbe Seite und – fast hätte ich aufgeschrien. Ich stellte das Buch zurück, schloß den Schrank, verbarg den Brief in meinem Kleide und lief auf mein Zimmer, dessen Tür ich verschloß, und dann machte ich mich daran, den Brief nochmals vom Anfang an zu lesen. Mein Herz schlug so laut, daß die Buchstaben vor meinen Augen tanzten und ich lange nicht begriff, was ich las. Der Brief war eine Aufklärung, für mich eine Lösung des Geheimnisses, – wie ein Blitz durchzuckte es mich, denn ich erriet sogleich, an wen er gerichtet war. Ich wußte, daß ich nahezu ein Verbrechen beging, wenn ich diesen Brief las, doch der Augenblick war stärker als ich! der Brief war an Alexandra Michailowna gerichtet.
Hier ist er: ich schreibe ihn wortgetreu ab. Unklar begriff ich, was er enthielt und noch lange nachher habe ich über das Rätsel nachgedacht und mich grübelnd zerquält. Mit diesem Augenblick brach mein früheres Leben ab. Mein Herz war für lange Zeit erschüttert, fast für immer, denn dieser Brief hatte viele Folgen. Die Vorahnung, mit der ich das Orakel nach meiner Zukunft befragen gewollt, hatte mich nicht getäuscht.
Dieser Brief war das Letzte, war ein letzter, furchtbarer Abschied. Während ich ihn las, krampfte sich mein Herz so schmerzhaft zusammen, als verlöre ich selbst damit alles, als würden mir auf ewig sogar meine Träume und Hoffnungen genommen, als bliebe mir nichts mehr als ein unnötiges, überflüssiges Leben. Wer war er, der diesen Brief geschrieben? Wie war nachher sein Leben? Dieser Brief enthielt so viele Andeutungen, so viele Beweisstücke, daß man sich nicht täuschen konnte, und doch auch so viele Rätsel, daß es unmöglich war, sich nicht in den Vermutungen zu verlieren. Dennoch kann ich sagen, daß ich mich kaum irrte; übrigens offenbarte allein schon der Stil des Briefes, der auch sonst noch vieles verriet, den ganzen Charakter dieses Verhältnisses, über dem zwei Herzen gebrochen sind. Die Gedanken und Gefühle des Schreibenden lagen offen zutage. Doch hier ist der Brief – ich schreibe ihn Wort für Wort ab:
„Du wirst mich nicht vergessen, sagtest Du – und ich glaube Dir, und von nun an ist mein ganzes Leben in diesen Deinen Worten. Wir müssen uns trennen, unsere Stunde hat geschlagen. Das wußte ich längst, meine stille, meine traurige Schönheit, aber erst jetzt habe ich es begriffen. Während der ganzen Zeit, die _uns_ gehörte, seitdem Du mich liebtest, hat mein Herz mich geschmerzt und gezittert um unsere Liebe, und – wirst Du’s glauben? – jetzt ist mir leichter! Ich wußte es schon längst, daß es so enden werde, so war es schon vor uns bestimmt. Das ist Schicksal. Und weißt Du, laß es mich Dir sagen, Alexandra: wir waren _nicht ebenbürtig_; das habe ich immer, _immer_ gefühlt! Ich war Deiner nicht wert, und ich, ich allein müßte die Strafe für mein durchlebtes Glück tragen! Sag’, was war ich im Vergleich mit Dir, bevor ich Dich kennen lernte? Gott! nun sind schon zwei Jahre darüber vergangen und ich bin immer noch wie von Sinnen; ich kann es bis jetzt noch nicht begreifen, daß _Du mich_ lieben konntest! Ich verstehe nicht, wie es zwischen uns so weit kam, womit es begann. Erinnerst Du Dich noch, was ich war im Vergleich mit Dir? War ich denn Deiner wert, was war an mir, wodurch zeichnete ich mich aus? Bevor ich Dich kennen lernte, war ich roh und einfältig, und mein Aussehen traurig und düster. Ein anderes Leben wünschte ich nicht, ich rief es weder, noch wollte ich es rufen. Alles in mir war niedergedrückt und ich kannte in der ganzen Welt nichts Wichtigeres, als meine tägliche Arbeit. Ich hatte nur eine Sorge – das war der nächste Tag; doch selbst zu dieser verhielt ich mich gleichmütig. Früher, ja, einmal vor langer Zeit, da hatte ich wohl etwas Ähnliches erträumt und wie ein Narr phantastische Schlösser gebaut. Seitdem aber war viel, viel Zeit vergangen und ich richtete mich so gut es ging in meinem Leben ein, lebte einsam, verschlossen, ruhig und sogar ohne die Kälte zu fühlen, die mein Herz erstarren ließ. Und so verstummte es. Ich wußte doch, daß für mich nie eine andere Sonne aufgehen werde, und ich glaubte daran und murrte nicht, denn ich begriff, daß es _so sein mußte_. Als Du an mir vorübergingst, wußte ich nicht, daß ich es wagen durfte, meine Augen zu Dir zu erheben. Ich war wie ein Sklave vor Dir. Mein Herz bebte nicht neben Dir, es sehnte sich nicht und verhieß mir nichts von Dir: es war ruhig. Meine Seele erkannte die Deine nicht, wenn es in ihr auch leicht war neben ihrer schönen Schwester. Das weiß ich; das fühlte ich dumpf. Das konnte ich fühlen, denn selbst in das letzte Stäubchen dringt Gottes Sonnenlicht und wärmt und liebkost es ebenso wie die schönste Blume, neben der es in wunschloser Demut fröstelt. Als ich aber alles erfuhr, weißt Du noch, nach jenem Abend, nach jenen Worten, die meine Seele bis auf den Grund erschütterten – da war ich wie geblendet, bestürzt, alles verwirrte sich in mir, und – was glaubst Du? – ich war so betroffen, ich traute mir so wenig, daß ich Dich nicht verstand! Davon habe ich Dir nie etwas gesagt. Du wußtest nichts; nicht so war ich früher, wie Du mich kennen lerntest. Wenn ich gekonnt hätte, wenn ich gewagt hätte, zu sprechen, so hätte ich Dir längst alles gestanden. Doch ich schwieg, jetzt aber werde ich Dir alles sagen, denn Du sollst wissen, wen Du verlierst, von was für einem Menschen Du Dich trennst. Weißt Du auch, wie ich Dich anfangs verstand? Die Leidenschaft erfaßte mich wie ein Feuer, wie ein Gift ergoß sie sich in mein Blut; sie verwirrte alle meine Gedanken und Gefühle, ich war wie von schwerem Wein berauscht, wie im Dunst ging ich umher und auf Deine reine _mitleidige_ Liebe antwortete ich nicht wie ein Ebenbürtiger einer Ebenbürtigen, nicht wie einer, der Deiner reinen Liebe wert wäre, sondern besinnungslos, herzlos. Ich erkannte Dich nicht. Ich antwortete Dir wie einer, die sich in meinen Augen _bis zu mir vergaß_, und nicht wie einer, die mich bis zu sich erheben wollte. Weißt Du, was ich von Dir dachte, was das für mich bedeutete: _die sich bis zu mir vergaß_? Doch nein, ich werde Dich nicht mit meinem Geständnis beleidigen; nur eines will ich Dir sagen: Du hast Dich bitter in mir getäuscht! Niemals, niemals konnte ich mich bis zu Dir erheben. Ich konnte Dich nur unnahbar anschauen, Dein Wesen geistig erfassen in meiner schrankenlosen Liebe. Meine Leidenschaft aber war nicht Liebe. Liebe fürchtete ich; ich wagte nicht, Dich zu lieben. In der Liebe – ist Gemeinsamkeit, Gleichheit, ihrer aber war ich nicht wert ... Oder ich weiß nicht, was mit mir war! Oh! wie soll ich mich nur ausdrücken, um von Dir verstanden zu werden ... Ich glaubte anfangs nicht ... Oh! weißt Du noch, als meine erste Erregung sich gelegt und mein Blick sich geklärt hatte, als mir nur ein reines, makelloses Gefühl geblieben war – da war meine erste Empfindung Verwunderung, Verwirrung, Furcht und – weißt Du noch – wie ich mich plötzlich aufschluchzend Dir zu Füßen warf? Weißt Du noch, wie Du verwirrt, erschrocken, mit Tränen in den Augen mich fragtest, was mit mir sei? Ich schwieg, ich konnte Dir nicht antworten; aber meine Seele zerriß sich in Stücke. Mein Glück bedrückte mich wie eine unerträgliche Last und mein Schluchzen sprach: „Wofür das? Womit habe ich das verdient? Wofür mir dieses Glück? Meine Schwester, meine Schwester!“ Oh! und wie oft – Du merktest es nicht – wie oft habe ich heimlich Dein Kleid geküßt, heimlich, denn ich wußte, daß ich Deiner nicht wert war, – und es benahm mir den Atem, mein Herz schlug langsam und stark, als wolle es stehenbleiben und das – für immer. Wenn ich Deine Hand nahm, erbleichte ich und zitterte; Du verwirrtest mich mit Deiner Reinheit. Nein, ich verstehe nicht – das alles auszudrücken, wovon meine Seele erfüllt war und was sich so mächtig in Worten aus ihr herausdrängen will! Weißt Du auch, daß es mir oft schwer war, Deine mitleidige, gleichmäßige Zärtlichkeit zu ertragen, daß sie mir eine Qual war? Als Du mich küßtest (das tatest Du einmal, und ich werde es nie vergessen), da umflorte sich mein Blick und mein Geist versank wie in einem dunklen Nebel. Warum starb ich nicht in diesem Augenblick zu Deinen Füßen? Sieh, ich sage zum erstenmal „Du“ zu Dir, und doch hast Du es schon so oft von mir verlangt, schon vor langer Zeit. Wirst Du verstehen, was ich sagen will? Ich will Dir _alles_ sagen und sage Dir dies: ja, Du liebst mich, mit einer großen Liebe, Du liebtest mich wie eine Schwester ihren Bruder; Du liebtest mich wie Dein Geschöpf, denn durch Dich ist mein Herz auferstanden, Du hast meinen Geist aus dem Schlaf geweckt und ihn mit süßer Hoffnung erfüllt; ich aber konnte es nicht, wagte es nicht ... ich habe Dich nie meine Schwester genannt, weil ich nicht Dein Bruder sein konnte, weil wir ungleich waren, weil Du Dich in mir täuschtest!
Doch Du siehst, ich schreibe nur von mir; selbst jetzt in dieser Stunde des Elends, denke ich nur an mich, obschon ich weiß, daß Du Dich um mich quälst. Oh, quäle Dich nicht meinetwegen, meine liebe Freundin! Wenn Du wüßtest, wie ich jetzt in meinen eigenen Augen erniedrigt bin! All das ist an den Tag gekommen und – wieviel Lärm um nichts! Du wirst statt meiner verstoßen, Dich straft man mit Verachtung, mit Spott, denn ich stehe ja so niedrig in den Augen der Menschen! Oh, wie groß ist meine Schuld, daß ich Deiner nicht wert war! Hätte ich Rang und Titel oder persönlichen Wert in ihren Augen, wenn ich ihnen mehr Achtung einflößte – dann würden sie Dir verzeihen! Ich aber bin nichts, bin wertlos, bin lächerlich, noch Niederigeres aber als das Lächerliche gibt es nicht. Denn – _wer_ sind sie, die da schreien? Gerade deshalb, weil _diese_ schon schrien, verlor ich den Mut – ich war von jeher schwach. Weißt Du, in welch einer Stimmung ich jetzt bin? – ich lache über mich selbst und ich glaube, sie haben recht, wenn sie sagen, ich sei mir selbst verhaßt und in meinen eigenen Augen lächerlich. Ich hasse sogar mein Gesicht, meine Gestalt, alle meine Angewohnheiten, alle meine ungeschickten Bewegungen; ich habe sie immer gehaßt! Oh, vergib mir meine rohe Verzweiflung! Aber Du selbst hast mich gelehrt, Dir alles zu sagen. Ich habe Dich ins Unglück gestürzt, durch mich bist Du ihrem Spott und Gelächter verfallen – weil ich Deiner nicht wert war!
Und dieser eine Gedanke quält mich; er klopft unaufhörlich in meinem Gehirn und foltert und zerreißt mein Herz. Und immer scheint es mir, daß Du gar nicht _den_ Menschen geliebt hast, der ich war, sondern einen, den nur Du in mir sahst –: daß Du Dich getäuscht hast in mir. Das ist es, was mich schmerzt, das ist es, was mich jetzt quält, was mich zu Tode quälen wird: oder aber – ich werde darüber wahnsinnig!
Ich muß Abschied von Dir nehmen, Abschied! Jetzt, wo alle es wissen, wo ihr Geschrei und ihr scharfes Urteil ertönt (ich habe es gehört!), jetzt, wo ich klein und erniedrigt bin in meinen eigenen Augen und mich vor mir selber schäme, ja wo ich mich sogar für Dich schäme, wegen Deiner Wahl, wo ich mich verflucht habe, – jetzt muß ich verschwinden um Deiner Ruhe willen. So verlangt man es, und Du wirst mich nie mehr wiedersehen, nie mehr. So muß es auch sein, so ist es vom Schicksal bestimmt! Es hat mir gar zu viel gegeben; wohl aus Versehen; und jetzt macht es seinen Irrtum gut, indem es mir alles wieder nimmt. Unsere Wege haben sich gekreuzt, wir lernten uns kennen, und nun gehen wir auseinander bis zu einem neuen Wiedersehen! Wo wird das sein, wann wird das sein? Oh, sag’ mir, Du Liebe, wo werden wir uns wiedersehen, wo kann ich Dich finden, wie kann ich Dich verstehen lernen – und wirst auch Du mich dann verstehen? Meine Seele ist so voll von Dir! Oh, wofür, wofür das uns? Warum gehen wir auseinander? Belehre mich – ich begreife das nicht, ich werde es nie begreifen, ich kann es nicht – lehre Du mich, wie man das Leben in zwei Hälften brechen, wie man das Herz sich aus der Brust reißen und ohne Herz leben kann! Wenn ich daran denke, daß ich Dich nie mehr sehen werde, nie mehr, nie mehr! ...
Gott, was für ein Geschrei sie erhoben haben! wie ich jetzt für Dich fürchte! Vor einer Stunde habe ich mit Deinem Mann gesprochen: wir sind beide seiner nicht wert, obschon wir schuldlos vor ihm sind. Er weiß alles; er sieht uns so, wie wir sind, und er begreift alles, auch früher schon ist ihm alles klar gewesen. Und jetzt ist er wie ein Held für Dich eingetreten. Er wird Dich gegen ihr Geschrei verteidigen und beschützen; er liebt und achtet Dich grenzenlos; er ist Dein Retter, während ich verschwinde! ... Ich wollte ihm die Hände küssen! ... Er sagte mir, ich solle unverzüglich verreisen. Es ist schon beschlossen! Es heißt, er habe Deinetwegen mit ihnen allen gebrochen; dort sind ja alle gegen Dich. Man wirft ihm zu große Nachsicht und Schwäche vor. Mein Gott! Was sie nicht alles von Dir reden! Und dabei wissen sie nichts! _Sie können ja nicht, sie sind nicht fähig_, die Wahrheit zu begreifen! Vergib, vergib ihnen, Du Arme, wie auch ich ihnen vergebe. Mir aber haben sie mehr genommen als Dir!
Ich weiß nicht – nein, ich weiß nicht, was ich Dir schreibe. Was sagte ich Dir gestern beim Abschied? Ich habe doch alles vergessen. Ich war wie von Sinnen – Du weintest ... Vergib mir diese Tränen! Ich bin so schwach, so kleinmütig!
Ich wollte Dir noch etwas sagen ... Oh! Noch einmal Deine Hände küssen, mit diesen Tränen benetzen, die hier auf dem Papier meine Worte verwischen! Noch einmal zu Deinen Füßen sitzen! Wenn _sie_ nur wüßten, wie rein und gut Dein Gefühl war! Aber sie sind ja blind; ihre Herzen sind stolz und hochmütig; sie sehen nicht und werden das niemals sehen. Denn _sie haben das nicht, womit man sieht_! Sie werden es nie glauben, daß Du schuldlos bist, auch wenn die ganze Welt es ihnen schwören sollte. Wie sollten sie auch das begreifen! Und doch werden sie mit Steinen nach Dir werfen! Wessen Hand wird die erste sein? Oh, die werden nicht zaudern, tausend Steine werden sie aufheben! Ja, sie werden sich dazu erdreisten, weil sie wissen, wie man das macht. Sie werfen alle zugleich und sagen, sie selber seien schuldlos, deshalb dürften sie es! Oh, wenn sie wüßten, was sie tun! Wenn man ihnen nur alles sagen könnte, alles, rückhaltlos alles, damit sie es hören, sehen, begreifen und sich überzeugen könnten! Doch nein, sie sind nicht so schlecht ... Ich rede in meiner Verzweiflung ... – vielleicht verleumde ich sie! Vielleicht stecke ich Dich mit meiner Angst um Dich an! Nein, fürchte sie nicht, fürchte sie nicht, Du Liebe! Man wird Dich verstehen lernen; wenigstens hat einer Dich schon begriffen: Dein Mann. Also hoffe!
Leb’ – leb’ wohl! _Ich danke Dir nicht!_ Für immer leb’ wohl.
S. O.“
Meine Verwirrung war so groß, daß ich lange Zeit nicht wußte, was in mir vorging. Ich war erschüttert, erschrocken. Die Wirklichkeit traf mich gar zu plötzlich, gar zu unerwartet mitten in dem lustigen Leben meiner Träumereien, wie ich es schon drei Jahre lang lebte. Mit Schrecken wurde ich gewahr, daß ich ein großes Geheimnis in meinen Händen hielt und daß dieses Geheimnis mein ganzes Leben in Fesseln schlug ... wie? – das wußte ich selbst noch nicht. Ich fühlte, daß in diesem Augenblick eine neue Zukunft für mich begann. Jetzt war ich ungewollt eine nahe, gar zu nahe Teilhaberin an dem Leben und den Beziehungen jener Menschen, die noch die ganze mich umgebende Welt ausmachten, und ich fürchtete für mich. Als was würde ich in ihr Leben eintreten, ich, die Ungerufene, ich, die ihnen Fremde? Was würde ich ihnen bringen? Was wird jemals diese Fessel lösen können, die mich so plötzlich an ein fremdes Geheimnis kettete? Wer konnte das wissen? Vielleicht wird meine neue Rolle sowohl für sie wie für mich qualvoll sein? Ich konnte nicht schweigen oder diese Rolle nicht annehmen oder das, was ich erfahren, für alle Zeit in meinem Herzen verschließen. Aber was erwartete mich? Was sollte ich tun? Und schließlich – was hatte ich denn eigentlich erfahren? Tausend Fragen, alle noch unbestimmt und unklar, erhoben sich vor mir und bedrückten mein Herz unerträglich. Ich war wie verloren.
Dann kamen, erinnere ich mich, andere Minuten mit neuen, seltsamen, von mir noch nie empfundenen Eindrücken. Es war mir, als löse sich etwas in meiner Brust, als fiele die frühere Sehnsucht plötzlich von mir ab und als werde mein Herz langsam von etwas Neuem erfüllt, von dem ich noch nicht wußte, ob ich darüber trauern oder mich freuen sollte. Meine Stimmung in dem Augenblick glich derjenigen eines Menschen, der auf ewig sein Haus, sein früheres, ruhiges, sorgenloses Leben verläßt, um sich auf einen weiten unbekannten Weg zu begeben, und der sich nun zum letztenmal im Kreise umschaut und in Gedanken von allem Abschied nimmt, während es dem Herzen bitter weh ist in einer bangen Vorahnung all des Unbekannten und Traurigen und vielleicht auch Feindseligen der Zukunft, in die ihn sein neuer weiter Weg hineinführt. Zuletzt brach ich in Tränen aus und das krampfhafte Weinen erleichterte mein Herz. Ich hatte das Bedürfnis, jemanden zu sehen, zu hören, ihn fest, krampfhaft zu umarmen. Jetzt konnte, jetzt wollte ich nicht mehr allein bleiben; ich lief zu Alexandra Michailowna und verbrachte den ganzen Abend bei ihr. Wir waren allein. Ich bat sie, nicht zu spielen, und weigerte mich, trotz ihrer Bitten, ihr etwas vorzusingen. Ich fühlte mich bedrückt und konnte mich zu nichts sammeln. Ich glaube, wir weinten beide. Wenigstens soweit ich mich erinnere, erschrak sie über meine Stimmung und redete mir in Sorge zu, mich doch zu beruhigen, und mich nicht aufzuregen. Sie beobachtete mich angstvoll und versicherte mir, ich sei krank und müsse mich mehr schonen. Ich verließ sie gequält und wie mit mir selbst zerfallen. Ich war halb bewußtlos und fieberte, als ich zu Bett ging.
Es vergingen mehrere Tage, bevor ich aus diesem Zustande mich herausfand, gleichsam erwachte und meine Lage klarer übersehen konnte. Damals lebten wir ganz einsam, denn Pjotr Alexandrowitsch war in einer besonderen Angelegenheit nach Moskau gereist und blieb dort drei Wochen. Alexandra Michailowna hatte aber trotz dieser kurzen Zeit der Trennung schreckliche Sehnsucht nach ihm. Zuweilen war sie innerlich ruhiger, schloß sich aber dennoch in ihr Zimmer ein, woraus ich ersah, daß ich ihr lästig war. Aber auch ich hatte das Verlangen nach Einsamkeit. Meine Gedanken arbeiteten mit geradezu krankhafter Angespanntheit und doch kam ich wie aus einem Nebel nicht heraus. Dann verfiel ich wiederum für ganze lange Stunden einem quälenden, nicht abzuschüttelnden Sinnen, das wie ein Traum über mich kam. Und es war mir dann, als lache jemand leise über mich, als habe sich etwas in mir niedergelassen, was mir jeden Gedanken verwirrte und vergiftete. Ich konnte die quälenden Bilder nicht loswerden, die jeden Augenblick vor mir auftauchten und mir keine Ruhe gaben. Ich sah ein langes, trostloses Martyrium, ein Opfer, das still und ruhig und klaglos und – umsonst gebracht wurde. Es schien mir, daß derjenige, dem dieses Opfer galt, sie verachtete und über sie lachte. Es schien mir, daß ich einen Sünder sah, der einem Gerechten Sünden vergab, und mein Herz riß in Stücke! Gleichzeitig aber wollte ich mich mit aller Gewalt von meinem Verdacht befreien; ich verfluchte diesen Verdacht und haßte mich selbst, weil alle meine Überzeugungen keine Überzeugungen waren, sondern nur Vorahnungen, und weil ich meine Eindrücke und Empfindungen vor mir selber nicht rechtfertigen konnte.
Dann wieder erinnerte ich mich all jener Sätze, dieser letzten hervorgestoßenen Worte des furchtbaren Abschieds. Ich stellte mir diesen Abschied vor, den – _unebenbürtigen_; ich bemühte mich, den ganzen qualvollen Sinn dieses Wortes zu erfassen: „unebenbürtig“. Und furchtbar erschütterte mich dieser letzte verzweifelte Abschiedsgruß: „Ich bin lächerlich und schäme mich selber Deiner Wahl.“ Was war das? Was sind das für Menschen? Wonach sehnen sie sich, was quält sie, was haben sie verloren? Und ich überwand mich und las nochmals mit angespannter Aufmerksamkeit diesen Brief, der soviel Verzweiflung enthielt, dessen Sinn mir aber so fremd war, so unbegreiflich. Doch der Brief sank mir aus der Hand und eine aufrührerische Erregung bemächtigte sich meines Herzens ... Das alles mußte ja einmal seine Lösung finden, aber ich sah den Ausweg nicht oder ich fürchtete ihn!
Ich war fast krank, als eines Tages die Reiseequipage Pjotr Alexandrowitschs in den Hof fuhr. Er war aus Moskau zurückgekehrt. Alexandra Michailowna eilte außer sich vor Freude ihrem Mann entgegen, ich aber blieb wie gelähmt stehen. Ich weiß noch, daß ich selber bis zum Schreck über meine plötzliche Erregung betroffen war. Ich hielt das nicht lange aus und lief auf mein Zimmer. Ich begriff nicht, was mich so erschreckt hatte, aber die Tatsache, daß ich erschrocken war, flößte mir Furcht ein. Nach einer Viertelstunde wurde ich gerufen und ich erhielt einen Brief vom Fürsten. Im Salon erblickte ich noch einen Unbekannten, der mit Pjotr Alexandrowitsch aus Moskau angekommen war, und aus einzelnen Worten, die ich aus dem Gespräch auffing, verstand ich nur so viel, daß er für lange Zeit bei uns bleiben werde. Das war der Bevollmächtigte des Fürsten, der in irgendwelchen wichtigen Angelegenheiten der fürstlichen Familie, die bis dahin in den Händen Pjotr Alexandrowitschs geruht hatten, nunmehr nach Petersburg übersiedelte. Er war es, der mir den Brief des Fürsten übergab und sagte, die Prinzeß habe mir gleichfalls schreiben wollen und noch bis zum letzten Augenblick versichert, daß sie den Brief unbedingt schreiben werde, aber zu guter Letzt habe sie ihn doch mit leeren Händen abreisen lassen und ihn gebeten, mir mündlich folgendes zu sagen: daß sie mir entschieden nichts zu schreiben habe, sie habe ganze fünf Briefbogen zerrissen, und sei zu der Überzeugung gekommen, daß in einem Brief sich doch nichts sagen ließe, wir müßten eben von neuem Freundschaft schließen; und ferner solle er mich versichern, daß uns ein baldiges Wiedersehen bevorstehe. Auf meine ungeduldige Frage, wann das sein werde, antwortete mir der fremde Herr, daß die ganze fürstliche Familie allerdings die Absicht habe, bald nach Petersburg zurückzukehren, und vermutlich werde das auch geschehen. Meine Freude darüber war so groß, daß ich nicht wußte, was ich tun oder sagen sollte, und ich ging schnell nach oben auf mein Zimmer, schloß mich ein und erbrach unter Tränen den Brief des Fürsten. Der Fürst verhieß mir ein baldiges Wiedersehen mit ihm und Katjä und gratulierte mir tief gerührt zu meinem Talent; zum Schluß gab er mir seinen Segen und versprach, für meine Zukunft zu sorgen. Ich weinte, während ich den Brief las; doch zu den Tränen gesellte sich eine so unerträgliche Traurigkeit, daß ich, wie ich mich erinnere, um mich selber in Angst geriet. Ich wußte nicht, was mit mir geschah.
Es vergingen ein paar Tage. In dem Zimmer zwischen dem meinigen und der Bibliothek, wo früher Pjotr Alexandrowitschs Sekretär und Gehilfe gearbeitet hatte, arbeitete jetzt jeden Vormittag und häufig auch abends bis nach Mitternacht der neuangekommene Herr. Oft schlossen er und Pjotr Alexandrowitsch sich im Kabinett des letzteren ein und arbeiteten zusammen. An einem Nachmittage bat mich Alexandra Michailowna, zu ihrem Mann ins Kabinett zu gehen und ihn zu fragen, ob er zum Tee zu uns kommen werde. Im Kabinett war niemand, doch in der Annahme, daß er bald zurückkehren werde, blieb ich dort und wartete. An der Wand hing sein Porträt. Ich erinnere mich noch, daß ich zusammenfuhr, als ich plötzlich dieses Bild erblickte, um es dann mit einer mir selbst unbegreiflichen Erregung zu betrachten. Es hing ziemlich hoch und die Dämmerung machte es noch undeutlicher; um es nun besser zu sehen, zog ich einen Stuhl heran und stieg auf ihn hinauf. Ich wollte etwas aufdecken, ja es war, als hoffte ich, eine Antwort auf meine Zweifel und Fragen zu finden, und ich weiß noch, daß mir vor allem die Augen an diesem Porträt auffielen. Zugleich fiel es mir auch ein, daß ich noch niemals die Augen dieses Menschen gesehen hatte: er verbarg sie immer hinter den Brillengläsern.
Schon als Kind hatte ich seinen Blick nicht gemocht, und zwar infolge eines unerklärlichen, seltsamen Vorurteils, das ich aber jetzt gleichsam als gerechtfertigt empfand. Meine Phantasie war beeinflußt. Plötzlich schien es mir, daß die Augen des Bildes sich verwirrt abwandten, um meinem forschenden, prüfenden Blick auszuweichen, daß sie ihn krampfhaft mieden, und daß Lüge und Betrug in diesen Augen waren; es schien mir, daß ich es erraten hatte, und eine geheime Freude, die ich selbst nicht begriff, antwortete in mir auf dieses Erraten. Ein halblautes „Ach!“ entschlüpfte mir unwillkürlich. Da war’s mir plötzlich, als sei noch jemand im Zimmer. Ich sah mich um: vor mir stand Pjotr Alexandrowitsch und betrachtete mich aufmerksam. Plötzlich errötete er. Ich wurde feuerrot und sprang vom Stuhl herab.
„Was tun Sie hier?“ fragte er mich streng. „Warum sind Sie hier?“
Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Doch ich nahm mich zusammen und brachte so gut es ging die Aufforderung Alexandra Michailownas hervor. Ich weiß nicht, was er mir antwortete; ich weiß auch nicht, wie ich das Kabinett verließ; als ich aber zu Alexandra Michailowna kam, da hatte ich die Antwort, auf die sie wartete, spurlos vergessen, und ich sagte aufs Geratewohl, ja, er werde kommen.
„Aber was ist mit dir, Njetotschka?“ fragte sie, „du bist ja ganz rot; sieh doch im Spiegel, wie du aussiehst ... Was fehlt dir, Kind?“
„Ich weiß nicht, ich bin schnell gegangen ...“ sagte ich.
„Und was hat denn Pjotr Alexandrowitsch gesagt?“ unterbrach sie mich etwas verwirrt.
Ich antwortete nicht. Da hörten wir Schritte, er kam schon, und ich ging schnell hinaus. Ganze zwei Stunden wartete ich in großem Kummer. Endlich wurde ich zu Alexandra Michailowna gerufen. Sie war schweigsam und bekümmert. Als ich eintrat, traf mich nur ein schneller forschender Blick von ihr und sie schlug die Augen nieder. Ich glaubte, eine gewisse Verwirrung in ihrem Gesicht zu bemerken. Bald sah ich, daß sie bei schlechter Laune war; sie sprach wenig, vermied mich anzusehen und als Antwort auf die besorgten Fragen B.’s klagte sie über Kopfschmerz. Pjotr Alexandrowitsch war dagegen gesprächiger als sonst, unterhielt sich aber nur mit B.
Alexandra Michailowna trat zerstreut an den Flügel.
„Singen Sie uns etwas vor,“ bat B., sich an mich wendend.
„Ja, Annjeta, singe deine neue Arie,“ sagte Alexandra Michailowna schnell, als freue sie sich über den Vorwand.
Ich blickte zu ihr auf: sie sah mich in unruhiger Erwartung an.
Doch ich konnte mich nicht überwinden. Statt an den Flügel zu treten, um wenigstens irgend etwas zu singen, geriet ich in Verwirrung, wurde verlegen und wußte nicht, zu welcher Ausrede ich meine Zuflucht nehmen sollte; schließlich ärgerte ich mich und schlug die Bitte rund ab.
„Warum willst du denn nicht singen?“ fragte Alexandra Michailowna, dabei sah sie mich an und dann, für den Bruchteil einer Sekunde, ihren Gatten.
Diese zwei Blicke brachten mich um meine ganze Selbstbeherrschung. Ich erhob mich in größter Verwirrung, die ich nicht mehr zu verbergen vermochte, und zitternd von einer Empfindung, die wie Ärger und Ungeduld war, wiederholte ich heftiger als angebracht, daß ich nicht wolle, nicht könne – ich sei krank. Indem ich das sagte, sah ich alle offen an, doch Gott weiß, wie gern ich mich in diesem Augenblick in meinem Zimmer vor allen versteckt hätte.
B. war erstaunt und Alexandra Michailowna sichtlich bekümmert, doch sagte sie kein Wort. Pjotr Alexandrowitsch aber erhob sich plötzlich von seinem Platz, sagte, er habe etwas Wichtiges vergessen, und wie im Ärger darüber, daß er soviel kostbare Zeit vergeudet, verließ er eilig das Zimmer, nachdem er vorausgeschickt, daß er später vielleicht noch vorsprechen werde – doch drückte er auf alle Fälle B. schon zum Abschied die Hand.
„Aber was fehlt Ihnen nur?“ fragte mich B., „Sie sehen auch wirklich krank aus.“
„Ja, ich bin nicht ganz wohl, wirklich nicht,“ versetzte ich ungeduldig.
„Du bist bleich, vorhin aber warst du so rot,“ sagte Alexandra Michailowna und plötzlich stockte sie.
„Ach, das ist doch nichts!“ suchte ich sie zu beruhigen und ging schnurstracks zu ihr. Ich sah ihr offen in die Augen. Die Arme hielt meinen Blick nicht aus, senkte ihren Blick wie eine Schuldige und eine leichte Röte stieg in ihre blassen Wangen. Ich nahm ihre Hand und küßte sie. Sie sah mich – das fühlte ich – mit erheuchelter Freude an.
„Verzeihen Sie, daß ich heute ein so schlechtes, böses Kind war,“ bat ich sie herzlich, „aber wirklich, ich bin krank. So seien Sie mir nicht böse und erlauben Sie, daß ich jetzt auf mein Zimmer gehe ...“
„Wir sind alle Kinder,“ sagte sie mit einem schüchternen Lächeln, „auch ich bin ein Kind, und schlechter, viel schlechter als du,“ flüsterte sie mir leise ins Ohr. „Dann gute Nacht und bleibe gesund. Nur, um Gottes willen, sei mir nicht böse.“
„Weswegen?“ fragte ich, so sehr traf mich dieses naive Geständnis.
„Weswegen?“ wiederholte sie in plötzlicher Verwirrung, ja sogar als erschrecke sie über sich selbst. „Ja weswegen? Nun siehst du, wie ich bin, Njetotschka. Was habe ich dir da gesagt? Gute Nacht! Du bist klüger als ich ... Ich aber bin schlimmer als ein Kind.“
„Nun, schon gut!“ Ich war gerührt und wußte nicht, was ich ihr darauf sagen sollte. Ich küßte sie nochmals und ging aus dem Zimmer.
Mein Unmut galt hauptsächlich mir selbst, denn ich fühlte, daß ich zu unvorsichtig war und mich nicht zu benehmen verstand. Es war da etwas, dessen ich mich bis zu Tränen schämte, und mit großem Leid im Herzen schlief ich ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster Gedanke, daß der ganze letzte Abend – nur eine Gespensterseherei gewesen sei, daß wir uns gegenseitig nur mystifiziert hatten, indem wir solchen Nichtigkeiten die Bedeutung von Gott weiß was für Begebenheiten beilegten, daß wir uns einfach übereilt hatten, und zwar alles das nur infolge unserer Unerfahrenheit im Leben und unserer Ungewohntheit, äußere Eindrücke zu empfangen. Ich fühlte es, daß dieser Brief an allem schuld war, daß er mich gar zu sehr beunruhigte, daß meine Einbildungskraft durch ihn aus ihrem gewöhnlichen Geleise gehoben war und daß ich deshalb am besten tat, wenn ich in Zukunft überhaupt nicht mehr an ihn dachte. Nachdem ich so meinen ganzen Kummer verscheucht hatte, wurde ich – in der Überzeugung, daß ich den Entschluß, überhaupt nicht mehr an den Brief zu denken, ebenso leicht werde ausführen können – langsam ruhiger, ja fast sogar heiter, und begab mich in die Gesangsstunde. Die Morgenluft erfrischte meinen Kopf endgültig. Diese Wanderungen frühmorgens zu meinem Lehrer waren mir zu einer wahren Erquickung geworden und ich liebte sie sehr. Es war so lustig, durch die Stadt zu wandern, die sich schon zu beleben anfing und wie ein Uhrwerk ihre tägliche Arbeit begann. Wir gingen gewöhnlich durch die Hauptstraßen, die natürlich am belebtesten waren, und mir gefiel dieser Anfang meiner Künstlerlaufbahn, eben dieser Kontrast zwischen der alltäglichen Kleinlichkeit, der engen, doch lebendig pulsierenden Sorge, und der Kunst, die mich zwei Schritte von diesem Leben entfernt erwartete, im dritten Stock eines riesigen Hauses, das von oben bis unten von Menschen bewohnt war, die die Kunst, wie mir schien, so gut wie überhaupt nichts anging. Ich mit meinen Noten unterm Arm inmitten dieser geschäftigen, besorgten Menschen – neben mir die alte Natalja, die mich begleitete und mir jedesmal ahnungslos das Rätsel zu erraten gab: woran sie eigentlich und vornehmlich denken mochte – und schließlich mein Lehrer, halb Italiener, halb Franzose, ein ganzer Sonderling, in manchen Augenblicken ein richtiger Enthusiast, viel öfter aber ein Pedant und am meisten und vor allem ein Geizhals – alles das zerstreute mich, brachte mich zum Lachen oder zum Nachdenken. Hinzu kam, daß ich, so zaghaft ich in der Beziehung auch noch war, doch schon mit leidenschaftlicher Hoffnung meine Kunst liebte. Ich baute mir schon Luftschlösser, malte mir die schönste Zukunft aus, und nicht selten kam ich nach Haus – glühend von meinen Phantasien! Kurz, in diesen Stunden war ich fast glücklich.
Dasselbe empfand ich auch damals, als ich gegen zehn Uhr zurückkehrte. Ich hatte alle Sorgen vergessen und war, wie ich mich noch deutlich erinnere, so froh gelaunt, so ganz erfüllt von irgendwelchen Zukunftsträumen. Doch plötzlich, wie ich die Treppe hinaufstieg, zuckte ich zusammen, als hätte ich mich verbrannt. Über mir hörte ich die Stimme Pjotr Alexandrowitschs, der in diesem Augenblick die Treppe herabstieg. Das unangenehme Gefühl, das sich meiner bemächtigte, war so stark, die Erinnerung an den letzten Abend traf mich so plötzlich und so feindselig, daß ich meine Empfindung wirklich nicht verbergen konnte. Ich verbeugte mich leicht vor ihm, doch mein Gesicht drückte wohl so deutlich alles aus, daß er einen Augenblick verwundert vor mir stehen blieb. Da errötete ich und ging schnell hinauf. Er brummte mir noch etwas nach und ging dann seiner Wege.
Ich hätte weinen mögen vor Ärger und konnte doch nicht begreifen, was eigentlich vorgegangen war. Den ganzen Tag war ich wie verwirrt und wußte nicht, zu was ich mich entschließen sollte, um dieser ganzen Qual ein Ende zu machen und sie endlich loszuwerden. Tausendmal nahm ich mir vor, fortan vernünftiger zu sein, und tausendmal nahm mich die Angst doch wieder gefangen. Ich fühlte, daß ich diesen Menschen haßte, und war gleichzeitig in Verzweiflung über mich selbst. Ich wurde krank von der ewigen Aufregung und verlor alle Gewalt über mich. Ich ärgerte mich schließlich über alle, und verbrachte den ganzen langen Tag auf meinem Zimmer. Auch zu Alexandra Michailowna ging ich nicht. Sie kam selbst zu mir. Als sie mich erblickte, schrie sie fast auf. Ich war so bleich, daß ich, als ich in den Spiegel sah, vor mir selber erschrak. Alexandra Michailowna blieb eine ganze Stunde bei mir und ging mit mir um wie mit einem kranken Kinde.
Ihre Aufopferung und Liebe machten mich aber so traurig und ihre Zärtlichkeit war für mich so schwer zu ertragen und es war mir so qualvoll, sie anzusehen, daß ich sie bat, mich allein zu lassen. Sie verließ mich in großer Sorge um meinen Zustand. Endlich brach ich in Tränen aus und weinte wie in einem richtigen Weinkrampf. Danach wurde mir bedeutend leichter ...
... Leichter, weil ich mich entschlossen hatte, zu ihr zu gehen. Ich wollte vor ihr niederknien, ihr den Brief geben, den sie verloren hatte, und ihr alles gestehen: alle Qualen, die ich ausgestanden, meine Zweifel, und wollte sie mit der ganzen schrankenlosen Liebe, die in mir für sie glühte, umfangen, wollte ihr sagen, daß ich ihr Kind, ihr Freund sei, daß ich mein ganzes Herz vor ihr öffne, damit sie hineinschaue und sähe, wieviel glühende Liebe und unerschütterliches Vertrauen zu ihr in ihm waren. Mein Gott! Ich wußte, ich fühlte ja, daß ich die letzte war, der sie ihr Herz aufdecken konnte, doch um so eher, so schien es mir, wäre dann eine Rettung möglich, um so gewichtiger wäre dann mein Wort ... Ich erriet, ich begriff ihren Schmerz, wenn auch dunkel und unklar, und mein Herz bebte vor Entrüstung bei dem Gedanken, daß sie vor mir erröten könnte, _sie_ vor _meinem_ Richterstuhl ... „Du Arme, du Arme, _du_ solltest jene Sünderin sein, für die du dich hältst?“ – das wollte ich ihr sagen, wenn ich vor ihr kniete. Mein Gerechtigkeitsgefühl empörte sich in mir, ich war meiner selbst nicht mehr mächtig. Ich weiß nicht, was ich noch alles gesagt hätte – erst später kam ich zur Besinnung, nachdem ein Zufall mich und sie vor dem Verderben bewahrt, indem er mich fast beim ersten Schritt zurückhielt. Entsetzen erfaßte mich. Hätte denn ihr zu Tode gequältes Herz überhaupt noch in neuer Hoffnung auferstehen können? Ich hätte sie nur auf der Stelle getötet!
Es geschah aber folgendes: Als ich auf dem Wege zu ihr gerade durch das vorletzte Zimmer vor ihrem Salon gehen wollte, trat plötzlich durch eine andere Tür in dasselbe Zimmer Pjotr Alexandrowitsch und ging, ohne mich zu bemerken, wenige Schritte vor mir gleichfalls zu ihr. Ich blieb wie gelähmt stehen; er war der Letzte, den ich in diesem Augenblick hätte sehen mögen. Ich wollte schon zurückkehren, doch plötzlich bannte mich die Neugier regungslos an den Fleck.
Er durchschritt das Zimmer, blieb einen Augenblick vor dem Spiegel stehen, ordnete mit der Hand das Haar, und mit einem Male – zu meiner sprachlosen Verwunderung – hörte ich ihn irgendeine muntere Melodie summen. Wie ein Blitz durchzuckte eine dunkle, ferne Erinnerung aus den Kinderjahren mein Gedächtnis. Doch damit die seltsame Empfindung, die ich in diesem Augenblick hatte, verständlicher wird, will ich jene Erinnerung mitteilen. Noch im ersten Jahre meines Aufenthaltes in diesem Hause machte mich einmal eine gleichfalls zufällige Beobachtung ganz betroffen, die mir aber erst jetzt voll zu Bewußtsein kam, denn erst jetzt, erst in diesem Augenblick begriff ich die Ursache meiner unerklärlichen Abneigung gegen diesen Menschen! Ich erwähnte bereits, daß ich mich schon damals in seiner Gegenwart immer bedrückt fühlte. Auch habe ich bereits erzählt, was für einen Eindruck sein finsteres, bedrückendes Wesen auf mich machte, sein oft trauriges, geradezu gramvolles Gesicht; wie schwer es mir ums Herz war nach jenen Stunden, die wir zusammen am Teetischchen Alexandra Michailownas verbrachten, und dann – was für ein peinvolles Gefühl mein Herz erfüllte, als ich – was nur zwei- oder dreimal geschah – fast Zeugin war jener niederdrückenden, mir so ganz unklaren Szenen.
Es war in demselben Zimmer und um dieselbe Zeit, als er, ganz wie ich, zu Alexandra Michailowna ging. Mich erfaßte eine rein kindliche Scheu, als ich allein mit ihm zusammentraf, und ich versteckte mich gleichsam schuldbewußt im Winkel und betete, daß er mich nicht bemerken möge. Geradeso wie damals, blieb er vor dem Spiegel stehen und ich zuckte zusammen von einer unbestimmten, gar nicht kindlichen Empfindung: es schien mir, daß er sein Gesicht plötzlich verändere. Wenigstens hatte ich vorher, als er zum Spiegel trat, deutlich ein Lächeln in seinem Gesicht gesehen – ein Lächeln, während ich ihn früher noch niemals lächeln gesehen hatte, denn (ich erinnere mich, das machte mich noch am meisten betroffen) – er lachte nie in Alexandra Michailownas Gegenwart. Und nun plötzlich, kaum daß er einen Blick in den Spiegel geworfen, veränderte sich sein ganzes Gesicht: das Lächeln verschwand wie auf Befehl und an seine Stelle trat der Ausdruck eines unsäglich bitteren Gefühls, das sich anscheinend mit Gewalt aus dem Herzen drängte, eines Gefühls, das zu verbergen scheinbar nicht mehr in menschlicher Macht stand, wie groß auch immer jeder edelmütige Versuch dazu sein mochte, und es zuckte um seine Lippen – ein anscheinend konvulsivischer Schmerz ließ seine Stirn sich runzeln und zog die Brauen zusammen. Der Blick verbarg sich düster hinter den Brillengläsern – kurz, sein Gesicht wurde wie auf Kommando zum Gesicht eines ganz anderen Menschen. Ich erinnere mich, daß ich, als ohnehin ängstliches Kind, vor Furcht erzitterte, vor Furcht, das zu begreifen, das ganz zu erfassen und zu durchschauen, was ich sah, und seit jenem Augenblick saß die bedrückende, unangenehme Empfindung unausrottbar in meinem Herzen. Und nach dem Blick in den Spiegel senkte er den Kopf, nahm eine müdere Haltung an, jene, in der er gewöhnlich bei Alexandra Michailowna erschien, und ging leise in ihr Boudoir. Diese Erinnerung war es, die mich nun plötzlich wie ein Blitz durchzuckte.
Auch jetzt glaubte er, ganz wie damals, daß er allein im Zimmer sei und blieb vor demselben Spiegel stehen. Ganz wie damals stand ich dort, von ihm unbemerkt, mit einem feindseligen unangenehmen Gefühl. Als ich ihn aber dieses Liedchen summen hörte (ein Lied von ihm, von dem man alles eher als das hätte erwarten können!) und vor Überraschung wie gelähmt stehenblieb, als mir in diesem Augenblicke blitzartig die Ähnlichkeit mit dem einen von mir als Kind erlebten Augenblick einfiel – da, ich kann es nicht wiedergeben, was für eine Empfindung mir plötzlich messerscharf ins Herz schnitt. Alle meine Nerven zuckten davon zusammen und als Antwort auf dieses unglückselige Liedchen brach ich in ein solches Gelächter aus, daß der arme Sänger mit einem Aufschrei zwei Schritte weit vom Spiegel fortsprang und, bleich wie der Tod, wie ein schmachvoll auf frischer Tat ertappter Verbrecher, mich ansah, außer sich vor Schreck, vor Verblüffung und vor Wut. Sein Blick reizte mich krankhaft und ich antwortete auf ihn mit nervenschüttelndem, unersättlichem Lachen – ihm gerade ins Gesicht. Dann ging ich lachend an ihm vorüber und trat, ohne mit dem Lachen aufzuhören, bei Alexandra Michailowna ein. Ich wußte, daß er hinter der Portiere stand, daß er vielleicht unschlüssig war, ob er gleichfalls eintreten sollte oder nicht, daß Wut und Feigheit ihn an den Fleck bannten, wo er stand – und mit einer seltsam gereizten, herausfordernden Ungeduld erwartete ich, wozu er sich entschließen werde. Ich hätte wetten können, daß er nicht eintreten werde, und ich hätte meine Wette gewonnen. Er kam erst nach einer halben Stunde. Alexandra Michailowna sah mich lange Zeit mit größter Verwunderung an, doch sie fragte mich vergeblich nach der Ursache meiner Erregung. Ich konnte nicht antworten, ich war zu atemlos. Endlich begriff sie, daß ich einen Nervenanfall gehabt hatte, und ihre Augen folgten mir beunruhigt. Als ich mich etwas erholt hatte, erfaßte ich ihre Hände und bedeckte sie mit Küssen. Jetzt erst besann ich mich und jetzt erst sagte ich mir, daß ich sie getötet hätte, wenn das zufällige Zusammentreffen mit ihrem Mann nicht gewesen wäre. Ich sah sie an, als sähe ich in ihr eine Auferstandene.
Pjotr Alexandrowitsch trat herein.
Ich blickte flüchtig zu ihm hin: er sah aus, als sei nichts geschehen, also düster und verschlossen wie gewöhnlich. Es fiel mir nur auf, daß er sehr bleich war und ich sah seine Mundwinkel zucken: da erriet ich, daß er seine Erregung nur mit Mühe verbarg. Kühl grüßte er Alexandra Michailowna und setzte sich schweigend auf seinen Platz. Seine Hand zitterte ein wenig, als er die Tasse in Empfang nahm. Ich erwartete einen Zornesausbruch und eine stumme Angst erfaßte mich. Ich wollte schon hinausgehen, konnte mich aber nicht entschließen, Alexandra Michailowna, deren Gesicht sich beim Anblick ihres Mannes verändert hatte, zu verlassen. Sie hatte gleichfalls ein Vorgefühl, das ihr nichts Gutes verhieß. Und das, was ich mit solcher Angst erwartete, geschah denn auch endlich.
Inmitten des tiefsten Schweigens sah ich auf und mein Blick begegnete den Brillengläsern Pjotr Alexandrowitschs, die geradeaus auf mich gerichtet waren. Das war so überraschend, weil so ungewohnt, daß ich zusammenzuckte, fast einen Schrei ausstieß, und die Augen niederschlug. Alexandra Michailowna bemerkte meinen Schreck.
„Was ist mit Ihnen? Warum erröten Sie?“ fragte Pjotr Alexandrowitsch schroff und fast grob.
Ich schwieg; mein Herz klopfte so stark, daß ich kein Wort hätte hervorbringen können.
„Weshalb ist sie errötet? Weshalb errötet sie immer?“ fragte er, sich an Alexandra Michailowna wendend, indem er frech auf mich wies.
Mein Unwille benahm mir den Atem. Ich warf einen flehenden Blick Alexandra Michailowna zu. Sie verstand mich. In ihre bleichen Wangen stieg edle Röte.
„Annjeta,“ sagte sie zu mir mit so fester Stimme, wie ich sie von ihr unter keinen Umständen erwartet hatte, „geh auf dein Zimmer, ich werde sogleich zu dir kommen; den Abend werden wir zusammen verbringen ...“
„Ich frage Sie, haben Sie mich gehört oder nicht?“ unterbrach Pjotr Alexandrowitsch mit erhobener Stimme, als höre er gar nicht, was seine Frau sagte. „Weshalb erröten Sie, wenn Sie mir begegnen? Antworten Sie!“
„Weil Sie sie erröten machen und mich gleichfalls,“ antwortete statt meiner Alexandra Michailowna, vor Aufregung stockend.
Ich blickte erstaunt zu ihr auf. Die Schärfe ihrer Entgegnung schon gleich zu Anfang war mir ganz unverständlich.
„_Ich_ mache Sie erröten, _ich_?“ fragte Pjotr Alexandrowitsch, wie es schien auch über alle Maßen erstaunt und das „Ich“ stark betonend. „Für _mich_ sind _Sie_ errötet? Ja kann _ich_ denn überhaupt _Sie_ für _mich_ erröten machen? An wem ist es, an _mir_ oder an _Ihnen_, zu erröten, was meinen Sie?“
Diese Frage war so deutlich, auch für mich, und mit so gehässigem beißenden Spott gesagt, daß ich vor Entsetzen aufschrie und zu Alexandra Michailowna stürzte. Überraschung, Schmerz, Vorwurf und Entsetzen sprachen aus ihrem todbleichen Gesicht. Ich blickte flehend auf Pjotr Alexandrowitsch und faltete die Hände, um ihn zu beschwören. Wie es schien, war er selber etwas erschrocken, doch die Wut, die ihm diese Worte entrissen, war noch nicht vergangen. Aber meine stumme Bitte schien ihn doch einigermaßen zu verwirren. Meine Geste mußte verraten, daß ich schon vieles von dem wußte, was zwischen ihnen ein Geheimnis gewesen war und daß ich den Sinn seiner Worte sehr gut verstanden hatte.
„Annjeta, geh auf dein Zimmer,“ wiederholte Alexandra Michailowna mit schwacher, jedoch fester Stimme und sie erhob sich vom Stuhl, „ich habe dringend mit Pjotr Alexandrowitsch zu sprechen ...“
Sie war anscheinend ruhig; doch diese Ruhe beängstigte mich mehr als jede Aufregung es vermocht hätte. Ich stand, als habe ich ihre Worte nicht gehört, und rührte mich nicht vom Fleck. Ich sah sie an und versuchte mit Anspannung aller Kräfte aus ihrem Gesicht zu erraten, was in ihrer Seele vorging. Es schien mir, daß sie weder meinen Ausruf, noch meine Geste richtig verstanden hatte.
„Da sehen Sie jetzt Ihr Werk!“ sagte Pjotr Alexandrowitsch, auf seine Frau weisend.
Mein Gott! Noch niemals hatte ich eine solche Verzweiflung gesehen, wie ich sie jetzt in diesem vor Gram todmüden, gleichsam erstorbenen Gesicht, sah. Er faßte mich am Handgelenk und führte mich zur Tür. Im Hinausgehen blickte ich mich noch einmal nach ihnen um. Alexandra Michailowna stand am Kamin, die Ellenbogen aufgestützt, den Kopf zwischen beiden Händen, mit denen sie ihn krampfhaft zusammenpreßte. Die ganze Stellung ihres Körpers drückte unerträgliche Qual aus. Ich griff nach Pjotr Alexandrowitschs Hand und drückte sie flehend.
„Um Gottes willen! Um Gottes willen!“ flüsterte ich stockend, „haben Sie Erbarmen mit ihr!“
„Fürchten Sie sich nicht, fürchten Sie sich nicht!“ sagte er und sah mich dabei eigentümlich an. „Das ist nichts, nur ein Anfall. Gehen Sie, gehen Sie.“
In meinem Zimmer warf ich mich auf das Sofa und vergrub das Gesicht in den Händen. Ganze drei Stunden verblieb ich in dieser Stellung und in der Zeit stand ich Höllenqualen aus. Schließlich konnte ich mich doch nicht mehr bezwingen und ließ fragen, ob ich zu Alexandra Michailowna kommen dürfe. Die Antwort brachte mir Madame Léotard. Pjotr Alexandrowitsch ließ mir durch sie sagen, daß der Anfall überstanden und eine Gefahr nicht vorhanden sei, doch bedürfe sie noch der Ruhe. Ich blieb aber trotzdem bis drei Uhr nachts auf und ging ruhelos in meinem Zimmer hin und her. Meine Gedanken arbeiteten. Ich befand mich in einer Lage, die mir rätselhafter als jemals war, aber ich fühlte mich gewissermaßen ruhiger – vielleicht deshalb, weil ich mich am schuldigsten von allen fühlte. In ungeduldiger Erwartung des nächsten Morgens ging ich zu Bett.
Am anderen Tage bemerkte ich zu meinem großen Kummer eine mir unerklärliche Kälte im Wesen Alexandra Michailownas. Zuerst glaubte ich, das sei nur deswegen, weil es ihrem reinen, vornehmen Herzen schwer werde, nach der Szene mit ihrem Mann, deren Zeugin ich gewesen war, mit mir zusammen zu sein. Ich wußte, daß dieses Kind imstande war, vor mir zu erröten und _mich_ womöglich noch um Verzeihung zu bitten, weil diese unglückliche Szene _meinem_ Herzen weh getan. Bald aber bemerkte ich an ihr so etwas wie eine bestimmte Sorge, wie einen Unwillen, der einen einzigen bestimmten Grund zu haben schien und sich nun in verschiedenen Formen äußerte: bald antwortete sie trocken und kühl, bald klang aus ihren Worten ein gewisser Doppelsinn, als wolle sie etwas Besonderes andeuten; dann wurde sie wiederum sehr lieb und gut zu mir, als bereue sie diese Schroffheit und Kälte, die ihr Herz ja doch nicht lange für mich empfinden konnte, und ihre freundlichen leisen Worte suchten den Eindruck zu verwischen und verrieten, daß ihre Unfreundlichkeit ihr von Herzen leid tat. Schließlich fragte ich sie ganz offen, was mit ihr sei und ob sie mir vielleicht etwas zu sagen habe. Meine plötzliche schnelle Frage verwirrte sie ein wenig, doch sofort sah sie wieder auf, sah mich mit großen, stillen Augen und einem zarten Lächeln an und fragte mich:
„Nichts, Njetotschka; nur, weißt du, als du mich so plötzlich fragtest, da geriet ich in Verwirrung. Aber das geschah nur deshalb, weil es so plötzlich kam ... ich versichere dir. Doch höre, sage mir die Wahrheit, mein Kind: hast du nicht so etwas auf dem Herzen, wovon du ebenso verwirrt werden könntest, wenn man dich ebenso plötzlich und unerwartet danach fragen würde?“
„Nein,“ antwortete ich, und sah sie mit hellen Augen offen an.
„Nun, dann ist es ja gut! Wenn du wüßtest, mein Kind, wie ich dir dankbar bin für diese schöne und offene Antwort. Nicht, daß ich dich irgendeines Schlechten verdächtigt hätte, – niemals! Einen solchen Gedanken würde ich mir nie verzeihen. Doch höre: ich nahm dich als Kind zu mir und jetzt bist du siebzehn Jahre alt. Du hast ja selbst gesehen: ich bin leidend; ich bin selbst wie ein Kind, das Nachsicht beansprucht. Ich konnte dir die leibliche Mutter nicht vollständig ersetzen, obgleich mein Herz für dich überreich an Liebe war. Wenn mich jetzt Sorgen um dich quälen, so bin ich selbstverständlich schuld daran und nicht du. Verzeihe daher meine Frage und vergib mir, wenn ich mein Versprechen nicht erfüllt habe, das ich dir und dem Vater gegeben, als ich dich in mein Haus nahm. Das quält mich sehr und hat mich immer gequält, mein Kind.“
Ich umarmte sie und brach in Tränen aus.
„Oh, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen für alles!“ sagte ich, und benetzte ihre Hände mit meinen Tränen. „Sprechen Sie nicht so zu mir, zerreißen Sie mir nicht das Herz. Sie sind mir mehr denn eine Mutter gewesen, Gott segne Sie für alles, was Sie an mir getan haben, Sie und der Fürst, an mir Armen, Verlassenen! meine Liebe, meine Gütige!“
„Genug, Njetotschka, genug! Umarme mich lieber, so, von Herzen! Denn, siehe, Gott weiß, warum es mir scheint, daß du mich zum letztenmal umarmen wirst.“
„Nein, nein,“ rief ich laut aufschluchzend wie ein Kind, „nein, nur das nicht! Sie werden noch glücklich sein! ... Noch vieles steht Ihnen bevor. Glauben Sie mir, wir werden alle noch glücklich sein.“
„Ich danke dir, ich danke dir für deine Liebe, Njetotschka. Nur wenige lieben mich; sie haben mich alle verlassen!“
„Wer hat Sie denn verlassen? Wer denn?“
„Früher waren es ihrer mehr; du weißt es nicht, Njetotschka. Sie haben mich alle verlassen, sie sind fortgegangen, als wären Zeichen geschehen. Und ich habe auf sie gewartet, mein ganzes Leben lang gewartet; nun Gott mit ihnen! Sieh Njetotschka, wie spät schon der Herbst ist; bald gibt es Schnee: und mit dem ersten Schnee sterbe ich, – doch ich will nicht klagen. Lebt alle wohl!“
Ihr Gesicht war schmal und durchsichtig; auf ihren Wangen brannten rote Flecke; ihre Lippen bebten und waren wie von einem inneren Feuer verbrannt.
Sie ging ans Klavier und schlug ein paar Akkorde an; in dem Augenblick riß eine Seite und ein langer zitternder Ton heulte auf ...
„Hörst du, Njetotschka, hörst du?“ fragte sie mit verlöschender Stimme, und wies auf das Klavier. „Diese Saite hat man zu sehr angespannt: sie hielt’s nicht aus und zerriß. Hörst du, wie der Ton klagend erstirbt!“
Sie sprach mühevoll. Ein stumpfer, seelischer Schmerz lag auf ihrem Gesicht, ihre Augen standen voll Tränen.
„Genug davon, Njetotschka, meine Liebe, genug; bringe die Kinder her.“
Ich führte sie herbei. Ihre Gegenwart schien sie zu beruhigen und sie erholte sich. Nach einer Stunde aber mußten alle sie wieder verlassen.
„Wenn ich sterbe, so bleibst du bei ihnen, Annjeta? Ja?“ sagte sie flüsternd, als fürchte sie, gehört zu werden.
„Haben Sie Erbarmen, Sie töten mich!“ konnte ich ihr nur antworten.
„Ich habe ja bloß gescherzt,“ sagte sie und verstummte lächelnd. „Und du hast daran geglaubt? Ich sage doch manchmal, Gott weiß was! Ich bin wie ein Kind, mir muß man alles verzeihen.“
Dabei sah sie mich ganz schüchtern an, als fürchtete sie sich, etwas auszusprechen, was ihr auf dem Herzen lag. Ich wartete.
„Sieh zu, erschrick ihn nicht,“ sagte sie endlich mit niedergeschlagenen Augen und mit heller Röte im Gesicht, so leise, daß ich es kaum hören konnte.
„Wen?“ fragte ich verwundert.
„Meinen Mann. Du erzählst ihm am Ende alles wieder.“
„Wieso, warum denn?“ wiederholte ich meine Frage mit immer wachsendem Erstaunen.
„Nun, vielleicht erzählst du es ihm auch nicht, wer kann es wissen!“ antwortete sie und sie versuchte offenbar, mich schlau anzusehen, und ein gutmütiges Lächeln spielte in ihren Mundwinkeln und die Farbe stieg ihr mehr und mehr zu Gesicht. „Lassen wir das; ich scherze ja nur.“
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
„Nur höre, du wirst sie aber lieben, wenn ich sterbe, – ja?“ fügte sie ernst hinzu und wieder mit einem geheimnisvollen Gesicht, „so, als liebtest du deine eigenen Kinder, – ja? Denke daran: ich habe dich immer wie eine mir Verwandte behandelt und geliebt.“
„Ja, ja,“ antwortete ich, ohne zu wissen, was ich vor Tränen und Erregung sagte.
Ein heißer Kuß brannte auf meiner Hand – es gelang mir nicht, sie ihr rechtzeitig zu entziehen. Verwunderung lähmte meine Zunge.
„Was geht in ihr vor? Was denkt sie sich? Was war gestern mit ihr?“ ging es mir durch den Kopf.
Dann klagte sie über Müdigkeit.
„Ich fühle mich schon längst krank, ich wollte euch nur nicht ängstigen,“ sagte sie. „Ihr liebt mich doch beide, – nicht wahr? ... Auf Wiedersehen, Njetotschka; verlaß mich jetzt, am Abend komme bestimmt wieder?! Wirst du kommen?“
Ich gab ihr mein Wort, und freute mich, nur fort zu kommen. Länger konnte ich es nicht mehr ertragen.
„Du Arme, Arme! Welch ein Verdacht treibt dich ins Grab?“ schluchzte ich auf: „was für ein neuer Kummer zernagt und zerreißt dein Herz, ein Kummer, den du nicht einmal auszusprechen wagst? Mein Gott! Dieses Leid, das ich an ihr schon so lange kannte, dieses Leben ohne Freude, diese bescheidene Liebe, die nichts fordert. Und noch dazu jetzt, jetzt, vor dem Tode, da ihr Herz müde ist, fühlt sie sich als Schuldige, die nicht einmal zu murren wagt, und nicht zu klagen – und jetzt überfällt sie noch ein neues Leid, dem sie sich widerstandslos ergeben muß!“
Am Abend, in der Dämmerstunde, benutzte ich die Abwesenheit Owroffs (desselben, der aus Moskau gekommen war), ging in die Bibliothek, öffnete einen Schrank und suchte in den Büchern etwas, um es Alexandra Michailowna vorzulesen. Ich wollte sie von ihren schweren Gedanken ablenken und sie durch etwas Lustiges, Leichtes aufheitern ... Ich suchte lange. Die Dunkelheit trat ein und mit ihr wuchs mein Leid. In meine Hände fiel wieder dieses Buch, in dem sich der Brief befand, dessen Folgen mich bis jetzt nicht mehr verlassen hatten – dessen Geheimnisse mein Dasein von neuem zerbrachen, und es wehte aus ihm so kalt, so unbekannt und geheimnisvoll, wehte noch jetzt aus der Ferne des Gewesenen so drohend zu mir herüber ... Was wird mit uns, dachte ich: der Winkel, in dem mir so warm war, so leicht und frei – verödet. Der reine, helle Geist, der meine Jugend hütete, verläßt mich. Was steht mir bevor? Ich stand in Versunkenheit, nachdenkend über alles Vergangene, das meinem Herzen so teuer war, stand da, als fühlte ich das Bevorstehende, Unbekannte und mir Drohende ... Ich erinnere mich dieses Augenblicks so deutlich, als erlebte ich ihn noch einmal: so tief hat er sich mir ins Gedächtnis eingeschnitten.
Ich hielt in meinen Händen den Brief und das aufgeschlagene Buch, meine Wangen waren feucht von Tränen. Plötzlich fuhr ich zusammen: über mir ertönte eine mir bekannte Stimme. In demselben Augenblick fühlte ich, daß man mir den Brief aus den Händen riß. Ich schrie auf und wandte mich um: vor mir stand Pjotr Alexandrowitsch. Er packte mich an der Hand und zwang mich, auf dem Platz zu bleiben; mit der rechten Hand hielt er den Brief ans Licht und mühte sich, die ersten Zeilen zu entziffern ... Ich wäre bereit gewesen, eher zu sterben, als ihm den Brief zu überlassen. An seinem triumphierenden Lächeln sah ich, daß es ihm gelungen war, den Anfang des Briefes zu lesen. Ich verlor meine Sinne ...
Einen Augenblick später, ohne mir bewußt zu sein, was ich tat, stürzte ich auf ihn und riß ihm den Brief aus der Hand. Das geschah so unerwartet, daß ich selbst nicht mehr begreife, wie es mir gelingen konnte, mich des Briefes zu bemächtigen. Doch, als ich bemerkte, daß auch er wieder den Brief mir entwenden wollte, steckte ich ihn schnell in meine Bluse und wich einige Schritte zurück.
Einen Augenblick sahen wir einander schweigend an. Mich schauerte, er – bleich, mit zitternden, blau angelaufenen Lippen, – brach zuerst das Schweigen.
„Nun wohl!“ sagte er mit einer Stimme, die vor Erregung schwach war – „ich hoffe, Sie wollen selbst nicht, daß ich hier Gewalt anwende – geben Sie mir also freiwillig den Brief.“
Erst jetzt kam ich zu mir. Scham und Unwille ob eines so groben Überfalls überwältigten mich. Heiße Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich zitterte vor Aufregung und eine Zeitlang war ich nicht imstande, ein Wort hervorzubringen.
„Haben Sie gehört?“ sagte er und trat einen Schritt auf mich zu.
„Lassen Sie mich, lassen Sie!“ rief ich und ich wich vor ihm zurück, „Sie handeln niedrig an mir, unedel. Sie haben sich vergessen! ... Lassen Sie mich gehen! ...“
„Wie? Was heißt das? Wie wagen Sie es noch, einen solchen Ton anzuschlagen ... nach alledem, was Sie ... Geben Sie ihn mir zurück, sage ich Ihnen!“
Er trat noch einen Schritt auf mich zu, doch als er in meinen Augen soviel kalte Entschlossenheit sah, da blieb er stehen und überlegte ...
„Gut!“ sagte er endlich trocken, als hätte er einen Entschluß gefaßt, wenn er sich auch immer noch mühsam beherrschte. „Eines nach dem andern, doch zuerst ...“
Er sah sich im Zimmer um.
„Wer ... hat Sie in die Bibliothek gelassen? Warum steht dieser Schrank offen? Wie kommt es, daß Sie den Schlüssel dazu haben?“
„Ich werde Ihnen darauf nicht antworten,“ sagte ich, „ich kann mit Ihnen nicht darüber sprechen. Lassen Sie mich gehen!“
Ich ging zur Tür.
„Erlauben Sie,“ sagte er, und faßte mich an der Hand – „so werden Sie nicht davonkommen!“
Ich entzog ihm schweigend meine Hand und wandte mich wieder zur Tür.
„Wie Sie wollen. Aber ich kann es Ihnen nicht gestatten, daß Sie in meinem Hause Briefe von Liebhabern empfangen ...“
Ich schrie auf und sah ihn entsetzt an ...
„Und darum ...“
„Halten Sie ein!“ rief ich aus. „Wie können Sie das? ... Wie können Sie mir das sagen? ... Mein Gott! Mein Gott! ...“
„Wie? Was! Sie drohen mir noch! ...“
Ich sah ihn verzweifelt an, wie zerschmettert. Der Kampf zwischen uns stieg bis zur höchsten Erbitterung. Doch ich konnte nicht begreifen. Ich flehte ihn mit einem Blick an, nicht weiter zu gehen. Ich war bereit, ihm jede Beleidigung zu verzeihen, wenn er nur jetzt innehielt. Er sah mich durchbohrend an und schien zu überlegen.
„Bringen Sie mich nicht zum Äußersten,“ flüsterte ich erschrocken.
„Nein, damit muß ein Ende gemacht werden!“ sagte er schließlich, als besinne er sich wieder. „Ich muß Ihnen gestehen, ich wankte einen Augenblick vor diesem Blick,“ fügte er mit eigentümlichem Lächeln hinzu. „Doch unglücklicherweise spricht die Sache für sich selbst. Es ist mir gelungen, den Anfang des Briefes zu lesen. Das war ein Liebesbrief! Sie werden mich nicht davon abbringen! Nein, lassen Sie alles! Und wenn ich einen Augenblick zögerte, so geschah es nur, weil ich zu Ihren übrigen schönen Eigenschaften auch Ihre Fähigkeit zu lügen hinzufügen mußte, und darum wiederhole ich ...“
Mit jedem Wort, das er sprach, füllte er sich mit Bosheit an. Er war bleich; seine Lippen verzogen sich und zitterten und nur mit Mühe konnte er die letzten Worte hervorbringen. Es war vollkommen dunkel geworden. Ich stand schutzlos da, vor einem Menschen, der fähig war, einer Frau das Schlimmste anzutun. Und im Grunde war alle Wahrscheinlichkeit gegen mich; ich wand mich vor Scham, alles verwirrte sich in mir, ich konnte die Wut dieses Menschen nicht verstehen. Ohne ihm zu antworten, außer mir vor Angst, stürzte ich aus dem Zimmer, und ich kam erst zu mir, als ich vor der Zimmertür Alexandra Michailownas stand. In dem Augenblicke hörte ich seine Schritte; und schon wollte ich ins Zimmer stürzen, als ich plötzlich wie vom Schlag gerührt stehen blieb.
„Was wird mit ihr geschehen?“ ging es mir durch den Kopf ... „Diesen Brief ...! Nein, lieber alles auf der Welt, als diesen Stoß in ihr Herz –“ und ich stürzte zurück. Doch schon war es zu spät: er stand neben mir.
„Wohin wollen Sie, kommen Sie ... nur nicht hier, nicht hier!“ flüsterte ich ihm zu und griff nach seiner Hand ... „Schonen Sie sie ...! Ich komme zurück in die Bibliothek, oder ... wohin Sie wollen?! Sie werden sie vernichten!“
„Sie sind es, die sie vernichtet!“ antwortete er, und trat von mir zurück.
Alle meine Hoffnungen schienen verloren. Ich begriff, daß er die ganze Szene vor Alexandra Michailowna tragen wollte.
„Um Gottes willen!“ rief ich und hielt ihn aus aller Kraft zurück. Doch in diesem Augenblick hob sich die Portiere und Alexandra Michailowna stand vor uns. Sie sah uns verwundert an. Ihr Gesicht wurde noch bleicher. Mit Mühe hielt sie sich auf den Füßen. Es hatte sie viel gekostet, bis zu uns zu kommen, als sie unsere Stimme gehört.
„Wer ist da? Wovon redet ihr hier?“ fragte sie, in großer Verwunderung.
Es trat Schweigen ein und sie erbleichte wie ein Leinentuch. Ich stürzte auf sie zu, umarmte sie und führte sie zurück in ihr Kabinett. Pjotr Alexandrowitsch folgte uns. Ich drückte mein Gesicht an ihre Brust und umschlang sie immer fester und fester, ersterbend in Erwartung.
„Was ist mit dir, was ist mit euch?“ fragte noch einmal Alexandra Michailowna.
„Fragen Sie sie. Sie haben sie noch gestern so verteidigt,“ sagte Pjotr Alexandrowitsch und ließ sich schwer auf einem Sessel nieder.
Ich umklammerte sie immer fester und fester in meiner Umarmung.
„Aber, mein Gott, was bedeutet denn das?“ rief Alexandra Michailowna in großem Schrecken angstvoll aus. „Sie zittert ja und ist in Tränen aufgelöst. Annjeta sag’ mir doch, was ist zwischen euch geschehen.“
„Nein, erlauben Sie mir zuerst das Wort,“ sagte Pjotr Alexandrowitsch und näherte sich uns. Er ergriff mich an der Hand und zog mich von ihr fort. „Bleiben Sie dort stehen,“ sagte er und wies in die Mitte des Zimmers. „Ich werde Sie richten vor derjenigen, die Ihnen die Mutter ersetzte. Und Sie, bitte, beruhigen Sie sich, Alexandra Michailowna, und setzen Sie sich in den Lehnstuhl. Mir tut es bitter leid, daß ich Sie nicht mit dieser unangenehmen Aufklärung verschonen kann. Denn sie ist nötig –!“
„Mein Gott! Was wird das sein?“ murmelte Alexandra Michailowna und sah mit qualvollen Augen erst mich, dann ihren Mann an. Ich rang die Hände vor diesem verhängnisvollen Augenblick. Von ihm erwartete ich keine Schonung.
„Kurz,“ fuhr Pjotr Alexandrowitsch fort, ... „ich wünsche, daß Sie in der Sache urteilen. Sie haben immer (und ich weiß nicht warum, das ist so eine Ihrer Phantasien), Sie haben immer – noch gestern, zum Beispiel, gedacht, gesagt ... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ... ich schäme mich dieser Voraussetzungen ... Kurz, Sie haben sie immer verteidigt, und mich angegriffen, Sie warfen mir ungerechtfertigte Strenge vor; Sie haben dabei noch auf ein anderes Gefühl hingewiesen, das mich zu dieser unerlaubten Strenge beeinflusse; Sie ... ja, ich begreife nicht, warum ich meiner Aufregung nicht Herr werden kann, warum ich erröte bei dem Gedanken an Ihre Anspielungen, warum ich sie nicht offen vor ihr auszusprechen vermag ... Kurz, Sie ...“
„Oh, das werden Sie nicht tun! Nein, Sie werden das nicht sagen!“ rief Alexandra Michailowna aus, errötend vor Scham. „Nein, Sie werden sie schonen. Das habe ich, ich, alles ausgedacht! Ich habe jetzt keinen Verdacht mehr. Verzeihen Sie es mir, verzeihen Sie. Ich bin krank, man muß mir verzeihen, nur sagen Sie ihr nichts, nein ... Annjeta, gehe fort von hier, schnell, schnell! Er scherzt; an alledem bin ich schuld; oh, das ist ein böser Scherz ...“
„Kurz, Sie sind auf sie eifersüchtig gewesen,“ warf Pjotr Alexandrowitsch erbarmungslos ihr zur Antwort hin.
Sie schrie auf, erbleichte und stützte sich auf den Sessel, kaum noch imstande, sich auf den Füßen zu halten.
„Möge Gott Ihnen verzeihen!“ murmelte sie endlich mit schwacher Stimme. „Vergib mir für ihn, Njetotschka, vergib; ich bin an allem schuld. Ich war krank, ich ...“
„Das ist Grausamkeit, Schamlosigkeit, Niedrigkeit!“ rief ich, außer mir, denn ich begriff jetzt alles, alles, begriff vor allem, warum er mich vor den Augen seiner Frau richten wollte. „Das ist nur verachtungswürdig – Sie ...“
„Annjeta!“ rief Alexandra Michailowna, vor Schreck nach mir greifend.
„Komödie! Komödie und weiter nichts,“ Pjotr Alexandrowitsch trat in unbeschreiblicher Erregung auf uns zu. „Komödie, sage ich Ihnen,“ während er ununterbrochen mit hämischem Lächeln seine Frau ansah, „und die Betrogene in dieser ganzen Komödie sind nur – Sie. Glauben Sie, daß wir,“ stieß er atemlos hervor und wies auf mich – „solche Erklärungen fürchten; glauben Sie, daß wir noch so dumm sind, beleidigt zu sein und bis an die Ohren zu erröten, wenn man uns von ähnlichen Dingen redet. Entschuldigen Sie bitte, ich drücke mich vielleicht zu einfach, zu aufrichtig, zu grob aus, doch – das muß geschehen. Sind Sie denn noch immer überzeugt, meine Dame, von der ordentlichen Aufführung dieses ... Mädchens?“
„Mein Gott! Was ist Ihnen? Sie vergessen sich!“ murmelte Alexandra Michailowna, halb erstarrt vor Schreck.
„Bitte, nicht diese großen Worte!“ unterbrach sie verächtlich Pjotr Alexandrowitsch. „Ich liebe das nicht. Hier liegt die Sache sehr einfach: gemein bis zur höchsten Gemeinheit. Ich frage Sie nach ihrem Betragen: wissen Sie ...“
Doch ich ließ ihn nicht zu Ende sprechen, ich ergriff ihn an der Hand und zog ihn zur Seite. Nur ein Augenblick und – alles war verloren.
„Sagen Sie nichts von dem Brief!“ flüsterte ich ihm zu, „Sie werden sie auf der Stelle vernichten. Ein Vorwurf über mich, wird zugleich ein Vorwurf für sie sein. Sie kann mich nicht verurteilen, denn ich weiß alles ... verstehen Sie, _ich weiß alles_!“
Er sah mich scharf mit durchbohrender Neugier an und – das Blut trat ihm ins Gesicht.
„Ich weiß _alles, alles_!“ wiederholte ich.
Er schien noch zu zögern. Auf seinen Lippen lag eine Frage. Ich griff vor:
„An allem, was geschehen ist –“ sagte ich laut, mich zu Alexandra Michailowna wendend, die uns mit schüchterner, mit trauriger Verwunderung ansah, „bin ich allein schuld. Bereits seit vier Jahren habe ich Sie betrogen. Ich habe den Schlüssel zur Bibliothek genommen und seit vier Jahren lese ich heimlich Bücher. Pjotr Alexandrowitsch hat mich überrascht – bei einem Buch ... das sich nicht in meinen Händen befinden durfte. Aus Sorge um mich hat er die Gefahr vor Ihnen vergrößert! ... Doch, ich will mich nicht verteidigen“ (beeilte ich mich hinzuzufügen, als ich ein spöttisches Lächeln auf seinen Lippen bemerkte): „ich bin an allem schuld. Die Versuchung war stärker als ich, und da es einmal geschehen war, schämte ich mich, es Ihnen zu gestehen ... Das ist alles, fast alles, was zwischen uns vorgefallen ist.“
„O – ho, das ist aber kühn!“ flüsterte neben mir Pjotr Alexandrowitsch.
Alexandra Michailowna hörte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Auf ihrem Gesicht spiegelte sich ein Mißtrauen. Sie sah abwechselnd erst mich, dann ihren Mann an. Es trat Schweigen ein. Ich wagte kaum zu atmen. Sie senkte ihren Kopf auf die Brust und bedeckte die Augen mit der Hand, offenbar um jedes Wort zu erwägen, das ich gesprochen hatte. Endlich hob sie den Kopf und sah mich forschend an.
„Njetotschka, mein Kind, ich weiß, du verstehst nicht zu lügen,“ sagte sie. „Ist das nun alles, was geschehen, wirklich alles?“
„Alles,“ antwortete ich.
„Alles?“ wandte sie sich fragend an ihren Mann.
„Ja, alles,“ antwortete er mit großer Überwindung, „alles!“
Ich atmete auf.
„Du gibst mir das Wort, Njetotschka?“
„Ja,“ antwortete ich, ohne mit der Wimper zu zucken.
Aber ich konnte mich doch nicht beherrschen und blickte auf Pjotr Alexandrowitsch. Er lachte, als er hörte, wie ich mein Wort gab. Ich wurde über und über rot und meine Verwirrung konnte der armen Alexandra Michailowna nicht entgehn. Ein qualvolles Leid drückte sich auf ihrem Gesicht aus.
„Genug,“ sagte sie traurig. „Ich glaube euch. Wie sollte ich euch nicht glauben?“
„Ich denke, ein solches Geständnis genügt,“ bemerkte Pjotr Alexandrowitsch. „Sie haben’s gehört? Was glauben Sie wohl?“
Alexandra Michailowna schwieg. Die Situation wurde immer unerträglicher und unerträglicher.
„Ich werde morgen alle Bücher durchsehen,“ fuhr Pjotr Alexandrowitsch fort. „Ich weiß nicht, um was es sich dort noch handelte; aber ...“
„Welches Buch las sie denn?“ fragte Alexandra Michailowna.
„Welches Buch? Antworten Sie doch,“ wandte er sich an mich. „Sie verstehen es ja besser, die Sache zu erläutern,“ fügte er mit verhaltenem Spott hinzu.
Ich verlor meine Fassung und konnte kein Wort mehr hervorbringen. Alexandra Michailowna errötete und schlug die Augen nieder. Es folgte ein langes Schweigen. Pjotr Alexandrowitsch ging geärgert im Zimmer auf und ab.
„Ich weiß ja nicht, was zwischen euch vorging,“ begann endlich Alexandra Michailowna, zaghaft jedes Wort aussprechend – „doch wenn das wirklich alles gewesen ist,“ fuhr sie fort, bemüht, jedem Wort einen besonderen Nachdruck zu geben, während sie gleichzeitig vermied, ihn anzusehen, da der unbewegliche Blick ihres Mannes sie immer mehr verwirrte, „wenn es nur das _gewesen ist_, dann weiß ich nicht, warum wir uns so quälen und darüber fast verzweifeln wollen. Schuld daran bin nur ich, ich allein, und das schmerzt mich sehr. Ich habe ihre Erziehung auf mich genommen, ich muß auch für sie verantworten. Sie muß mir daher meine Nachlässigkeit verzeihen. Ich wage es nicht, sie zu verurteilen. Und doch, worüber sollen wir uns jetzt noch aufregen? Die Gefahr ist ja vorüber. Sehen Sie sie doch an: hat ihre unvorsichtige Handlungsweise auch nur irgendwelche Folgen hinterlassen? Als ob ich mein Kind, meine geliebte Tochter nicht kennte? Weiß ich denn nicht, daß ihr Herz rein und edel ist, und daß in diesem lieben Köpfchen,“ fuhr sie fort, indem sie mich zu sich heranzog und mich streichelte, „der Verstand rein und hell ist ... Laßt gut sein, meine Lieben! Hören wir damit auf! Offenbar liegt etwas anderes in unserem Kummer, vielleicht lag auf uns allen nur ein vorübergehender Schatten. Aber wir wollen durch Liebe und durch unser gutes Einvernehmen alle Mißverständnisse zerstreuen. Vielleicht ist vieles unausgesprochen zwischen uns und ich bin vor allem schuld daran. In mir sind zuerst, weiß Gott was für Verdächtigungen aufgestiegen, an denen nur mein armer kranker Kopf schuld ist ... Und ... und, wenn ich sie auch zum Teil schon ausgesprochen habe, so müßt ihr sie mir beide verzeihen, weil ... weil die Sünde doch nicht so groß ist, wenn ich vermutete ...“
Sie errötete und sah schüchtern ihren Mann an und erwartete mit Bangen ein Wort von ihm. Während sie sprach, lag ein spöttisches Lächeln auf seinen Lippen. Er brach seinen Gang durch das Zimmer ab und stellte sich gerade vor sie hin, die Hände auf dem Rücken. Er betrachtete sie in ihrer Erregung und ergötzte sich an ihr; als sie aber seinen unverwandten Blick auf sich ruhen fühlte, wurde sie verwirrt. Er blieb ruhig stehen, als erwartete er noch irgend etwas. Ihre Erregung verdoppelte sich. Endlich unterbrach er diese erdrückende Szene durch ein leises, anhaltendes boshaftes Lachen:
„Mir tun Sie leid, arme Frau!“ sagte er endlich, bitter und ernst, nachdem er zu lachen aufgehört hatte. „Sie spielen eine Rolle, der Sie nicht gewachsen sind. Was wollen Sie im Grunde genommen? Sie wollen mir wieder neue Verdächtigungen unterschieben, oder, besser gesagt, die alten Verdächtigungen, die Sie nur mangelhaft in ihren Worten verbergen können. Der Sinn Ihrer Worte ist der, daß kein Grund vorhanden sei, ihr böse zu sein, daß sie rein und gut sei auch nach der Lektüre unsittlicher Bücher, deren Moral – das sage ich von mir aus – bereits etliche Früchte gezeitigt zu haben scheint; und schließlich, daß Sie selber für sie einständen; war es nicht so? Und dann – nachdem Sie das erklärt, deuten Sie noch etwas anderes an. Sie denken, mein Argwohn und meine Feindseligkeit entsprängen einem gewissen anderen Gefühl. Sie deuteten mir gestern sogar an – bitte, unterbrechen Sie mich nicht, ich liebe es, alles offen auszusprechen – Sie deuteten gestern an, daß bei manchen Menschen (nach Ihrer Bemerkung, wenn ich mich recht erinnere, wären diese Leute in der Regel gesetzte, ernste, gerade, kluge, starke Menschen und Gott weiß was für Vorzüge Sie Ihnen in einer Anwandlung von Großmut noch gaben!), daß bei gewissen Menschen also, sage ich, die Liebe (und Gott weiß wozu Sie sich das ersannen!) sich auch gar nicht anders äußern könne, als eben schroff, heftig, verletzend, oft mit Argwohn und Feindseligkeit gepaart. Übrigens entsinne ich mich nicht mehr genau, ob Sie sich gerade mit diesen Worten ausdrückten ... Bitte, unterbrechen Sie mich nicht; ich kenne Ihren Zögling ausgezeichnet: sie darf bereits alles hören, alles, wiederhole ich Ihnen zum hundertsten Mal, – alles! Sie sind betrogen. Doch ich begreife nicht, warum es Ihnen beliebt, auf der Behauptung zu bestehen, daß gerade ich solch ein Mensch sei! – weshalb Sie gerade mich mit diesem Narrenhemd aufputzen wollen! Liebe zu diesem jungen Mädchen steht meinen Jahren nicht mehr an; ja und schließlich kann ich Sie versichern, meine Gnädigste, daß _ich weiß, was meine Pflicht ist_, und wie großmütig Sie mich auch entschuldigen wollten, ich bleibe dabei, was ich gesagt habe: _daß ein Verbrechen immer ein Verbrechen, eine Sünde immer eine Sünde, immer eine schmutzige, ehrlose Schandtat sein wird, auf welche Stufe der Größe und Herrlichkeit Sie das lasterhafte Gefühl auch erheben mögen_! Doch genug! Genug davon! Und daß mir nichts mehr von diesen Schändlichkeiten zu Ohren kommt!“
Alexandra Michailowna weinte.
„Mag das mir gesagt sein, mag ich das verdient haben und tragen – ich will’s ja!“ sagte sie, indem sie mich unter Schluchzen umarmte. „Mögen meine Vermutungen schlecht und schändlich gewesen sein, daß Sie so grausam über sie spotten können! Aber du, mein armes Kind, wofür bist du verurteilt, solche Kränkungen zu hören? Und ich kann dich nicht einmal beschützen! Ich muß stumm sein! Mein Gott! – nein! ich kann nicht schweigen, das können Sie nicht von mir verlangen! Ich ertrage es nicht ... Ihr Benehmen ist widersinnig! ...“
„Lassen Sie, lassen Sie, beruhigen Sie sich nur!“ redete ich ihr flüsternd zu, um sie in ihrer Aufregung zu beschwichtigen, denn ich fürchtete, daß Vorwürfe von ihr ihn um seine letzte Beherrschung bringen würden.
„Aber Sie blindes Weib! ...“ rief er denn auch heftig, „Sie wissen ja nicht, Sie sehen ja nicht ...“
Er stockte einen Augenblick.
„Fort von ihr!“ befahl er heftig und riß meine Hand aus den Händen Alexandra Michailownas. „Ich gestatte Ihnen nicht, meine Frau zu berühren! Ihre Berührung besudelt! Ihre Anwesenheit ist eine Beleidigung für sie! Aber ... ja aus welchem Grunde soll ich schweigen, wo doch alles ausgesprochen werden muß!“ rief er, mit dem Fuß stampfend. „Und ich werde es sagen, ich werde alles sagen. Ich weiß nicht, was Sie da _wissen_, mein gnädiges Fräulein, und womit Sie mir drohen wollten, und ich will es auch nicht wissen. So hören Sie denn ...“ fuhr er fort, sich an Alexandra Michailowna wendend.
„Schweigen Sie!“ rief ich, und ich hätte mich fast auf ihn gestürzt, „schweigen Sie! Sie sagen kein Wort!“
„So hören Sie denn ...“
„Schweigen Sie!! Im Namen ...“
„Im Namen wessen, mein Fräulein?“ griff er das Wort blitzschnell auf und sah mir eine Sekunde lang durchdringend in die Augen. „Im Namen wessen? ... So hören Sie denn – ich habe ihr einen Brief ihres Geliebten entrissen! Jetzt wissen Sie, was in unserem Hause geschieht! Nun haben Sie es gehört, was unmittelbar neben Ihnen sich zuträgt! Das war es, was Sie nicht gesehen, nicht bemerkt haben!“
Ich hielt mich kaum auf den Füßen. Alexandra Michailowna wurde totenblaß.
„Das kann nicht sein,“ stammelte sie, kaum hörbar.
„Ich habe diesen Brief gesehen, ich habe ihn in der Hand gehabt und die ersten Zeilen gelesen – von einer Täuschung kann also keine Rede sein. Der Brief war von einem Geliebten. Sie entriß ihn mir und jetzt ist er wieder in ihrem Besitz. Die Sache ist so klar, sie liegt ja auf der Hand! Und wenn Sie noch zweifeln, so sehen Sie sie doch nur an und dann versuchen Sie, auch nur auf den Schatten eines Zweifels noch zu hoffen!“
„Njetotschka!“ schrie Alexandra Michailowna plötzlich auf. „Nein, nein, sag’ nichts, sprich nichts! Ich weiß nicht, was gewesen ist, was ... wie ... mein Gott, mein Gott!“
Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.
„Nein! Das ist nicht möglich!“ rief sie wieder. „Sie haben sich geirrt. Das ... das ... ich weiß, was das bedeutet!“ sagte sie plötzlich langsam, während sie ihren Mann mit unverwandtem Blick ansah. „Sie ... ich ... konnte nicht, – nein, du wirst mich nicht betrügen, du kannst mich nicht betrügen! Erzähl’ mir alles, sag’ mir alles: er hat sich doch geirrt? Ja, nicht wahr, er hat sich geirrt? Er hat etwas anderes gesehen, er war verblendet? Ja, nicht wahr? Nicht wahr? Höre: warum solltest du mir nicht alles sagen, Annjeta, mein Kind, mein liebes Kind?“
„Antworten Sie, antworten Sie schnell!“ ertönte über mir die Stimme Pjotr Alexandrowitschs. „Antworten Sie: habe ich oder habe ich nicht den Brief in Ihren Händen gesehen?“
„Ja!“ antwortete ich atemlos vor Aufregung.
„Dieser Brief war von Ihrem Geliebten?“
„Ja!“
„Mit dem Sie auch jetzt in Verbindung stehen?“
„Ja, ja, ja!“ sagte ich schon außer mir, bestätigte alles blindlings, nur um unserer Qual ein Ende zu machen.
„Haben Sie gehört? Nun, und was sagen Sie jetzt! Glauben Sie mir, Sie mit Ihrem guten, allzu vertrauensseligen Herzen,“ fügte er hinzu und nahm die Hand seiner Frau, „glauben Sie mir und sehen Sie Ihren Irrtum ein, – Ihren Irrtum in allem, was Ihre kranke Phantasie Ihnen vorgegaukelt hat. Sie sehen jetzt, wer dieses ... Mädchen ist. Ich wollte nur Ihre Vermutungen ^ad absurdum^ führen. Ich habe das alles schon längst bemerkt und es freut mich, daß ich sie endlich vor Ihnen entlarvt habe. Es war mir schwer, sie neben Ihnen zu sehen, in Ihren Armen, an einem Tisch mit uns, ja, in meinem Hause. Und Ihre Blindheit empörte mich. Deshalb, und zwar nur deshalb, schenkte ich ihr überhaupt meine Aufmerksamkeit und beobachtete sie; und diese Aufmerksamkeit haben Sie bemerkt; und nachdem Sie Gott weiß was für einen Verdacht als Grund angenommen, haben Sie dann auf dieser Grundlage in Ihrer Einbildung weitergebaut. Doch jetzt ist die Sache aufgeklärt, alle Zweifel sind widerlegt, und morgen, mein Fräulein, morgen noch werden Sie nicht mehr in meinem Hause sein!“ schloß er, sich an mich wendend.
„Halten Sie ein!“ sagte Alexandra Michailowna und sie erhob sich. „Ich traue dieser ganzen Szene nicht. Sehen Sie mich nicht so zornig an, lachen Sie nicht über mich. Ich rufe Sie selbst zum Richter auf, ich will nur meine Meinung sagen. Annjeta, mein Kind, komm zu mir, gib mir deine Hand, so. Niemand ist ohne Fehl, wir sind alle sündig!“ sagte sie mit einer Stimme, in der Tränen zitterten, und sie sah gleichsam demütig zu ihrem Mann auf. „Und wer von uns darf jemandes Hand von sich stoßen? Gib mir doch deine Hand, Annjeta, mein liebes Kind! Ich bin nicht würdiger, nicht besser als du; du kannst mich nicht durch deine Gegenwart kränken, denn ich bin gleichfalls, _gleichfalls eine Sünderin_.“
„Meine Gnädigste!“ rief Pjotr Alexandrowitsch betroffen. „Was reden Sie! Vergessen Sie nicht! ...“
„Ich vergesse nichts. Unterbrechen Sie mich nicht, lassen Sie mich zu Ende sprechen. Sie haben in ihren Händen einen Brief gesehen, Sie haben ihn sogar gelesen; Sie sagen – und sie ... hat gestanden, daß dieser Brief von demjenigen sei, den sie liebt. Aber beweist denn das, daß sie sich vergangen habe? Gibt Ihnen denn das schon das Recht, sie so zu behandeln, sie so in Gegenwart Ihrer Frau zu beleidigen? Ja, mein Herr, in Gegenwart Ihrer Frau? Haben Sie denn schon alles ergründet? Wissen Sie denn schon, wie sich das alles verhält?“
„Ja was! – jetzt soll ich sie wohl noch um Verzeihung bitten? Ist es das, was Sie wollen?“ rief Pjotr Alexandrowitsch wütend. „Ich danke, ich habe die Geduld verloren über Ihrem Gerede! Und wissen Sie überhaupt, von wem Sie reden, was und _wen_ Sie verteidigen? Ich durchschaue doch alles ...“
„Und sehen doch nicht einmal die Hauptsache, weil Ihr Zorn und Ihr Stolz Sie blenden. Sie sehen das nicht, was ich verteidige und wovon ich rede. Nicht das Laster verteidige ich. Doch haben Sie auch bedacht – und das werden Sie einsehen, sobald Sie nachdenken – haben Sie bedacht, daß sie vielleicht wie ein Kind unschuldig und unwissend ist! Noch einmal, nicht das Laster verteidige ich! Ich beeile mich, mich zu rechtfertigen, wenn Ihnen das erwünscht ist. Ja, wenn sie Gattin, wenn sie Mutter wäre und ihre Pflichten vergessen hätte –, dann würde ich Ihnen beistimmen ... Sie sehen, ich rechtfertige mich. So vergessen Sie das nicht und machen Sie mir keine Vorwürfe! Wenn sie aber diesen Brief erhalten hat, ohne etwas Böses zu ahnen? Wenn sie sich in ihrer Unerfahrenheit nur von einem großen Gefühl hat verleiten lassen und weil sie keinen Menschen fand, der sie zurückgehalten hätte? Wenn vielleicht gerade mich die größte Schuld trifft, weil ich ihr Herz nicht behütet habe? Wenn dieser Brief der erste war? Wenn Sie mit Ihrem rohen Verdacht ihr mädchenhaft reines Empfinden verletzt haben? Wenn Sie ihre jugendliche Phantasie mit Ihren zynischen Reden und Bemerkungen über diesen Brief beschmutzt haben? – wenn Sie nicht sehen oder nicht sehen wollen, daß in diesem keuschen mädchenhaften Antlitz nichts als Reinheit und Unschuld ist und bange mädchenhafte Scham, – die Scham, die ich jetzt erkenne, die ich auch dann erkannte, als sie wie verloren in dieser Pein nicht wußte, was sie sagte, und in ihrer Herzensangst auf alle Ihre unmenschlichen Fragen mit diesem ‚Ja, ja, ja!‘ antwortete. Das war unmenschlich von Ihnen, das war grausam; ich erkenne Sie nicht wieder; das werde ich Ihnen niemals, niemals verzeihen!“
„Ach, erbarmen Sie sich, erbarmen Sie sich!“ rief ich beschwörend, und ich drückte sie mit meinen Armen fest an mich. „Hören Sie auf, glauben Sie mir, verstoßen Sie mich nicht ...“
Ich fiel vor ihr auf die Knie.
„Und wenn,“ fuhr sie atemlos fort, „wenn nun ich nicht bei ihr wäre, wenn Sie sie mit Ihren Worten erschreckt hätten und die Arme jetzt selbst glaubte, sie sei schuldig, wenn Sie ihr Gewissen, ihre Seele verwirrt, die Ruhe ihres Herzens zerstört hätten ... Mein Gott! Und Sie wollten sie aus dem Hause jagen! Aber wissen Sie denn nicht, mit wem man das tut? Sie wissen, daß Sie, wenn Sie sie aus dem Hause jagen, dann uns beide, uns zusammen fortjagen, – mich gleichfalls. Haben Sie gehört, mein Herr?“
Ihre Augen blitzten, ihre Brust arbeitete schwer; ihre krankhafte Erregung steigerte sich bis zur letzten Krisis ...
„Jetzt habe ich aber wahrlich genug gehört, meine Gnädigste!“ rief Pjotr Alexandrowitsch, „genug davon! Ich weiß, es gibt platonische Leidenschaften – und weiß das zu meinem Verderben, meine Gnädigste! Hören Sie? – zu meinem Verderben! Aber ich bedanke mich dafür, mit diesem vergoldeten Laster unter einem Dach zu leben! Ich verstehe es nicht. Und deshalb – fort mit ihm! Und wenn Sie sich schuldig fühlen, wenn Sie sich irgendeiner Schuld bewußt sind (nicht an mir ist es, Sie zu erinnern, meine Gnädigste), wenn Ihnen der Gedanke gefällt, mein Haus zu verlassen ... so bleibt mir nichts weiter übrig, als zu sagen, als Sie daran zu erinnern, daß Sie bedauerlicherweise vergessen haben, Ihre Absicht auszuführen, als es die rechte Zeit war, die eigentliche Zeit, vor Jahren, schon vor ... sollten Sie das Datum vergessen haben, so kann ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen ...“
Ich sah sie an. Sie stützte sich krampfhaft auf mich, vergehend vor Seelenschmerz, die Augen halb geschlossen, in unmenschlicher Qual. Noch ein Moment – und sie wäre hingefallen.
„Oh, um’s Himmels willen, haben Sie wenigstens diesmal Erbarmen! Sagen Sie nicht das letzte Wort!“ rief ich außer mir und warf mich Pjotr Alexandrowitsch zu Füßen, ohne daran zu denken, was ich tat: doch – es war schon zu spät. Nur ein leiser Schrei ertönte als Antwort auf meine Worte und die Arme fiel bewußtlos hin.
„Da! Sie haben sie getötet!“ sagte ich. „Rufen Sie zu Hilfe, retten Sie sie! – Ich erwarte Sie in Ihrem Kabinett. Ich muß mit Ihnen sprechen: ich werde Ihnen alles sagen ...“
„Ja, was? Ja, was denn?“
„Später!“
Die Ohnmacht dauerte zwei Stunden. Das ganze Haus war in Aufregung. Der Arzt schüttelte zweifelnd das Haupt. Nach zwei Stunden ging ich ins Kabinett zu Pjotr Alexandrowitsch. Er war soeben erst von seiner Frau gekommen. Jetzt ging er im Zimmer auf und ab, biß sich die Lippen fast blutig und sah bleich und verstört aus. Ich hatte ihn noch nie so gesehen.
„Was wollen Sie mir denn sagen?“ fragte er mich schroff. „Sie sagten vorhin ...!“
„Hier ist der Brief, den Sie mir entrissen. Sie erkennen ihn doch?“
„Ja.“
„Nehmen Sie ihn.“
Er nahm den Brief und führte ihn ans Licht. Ich beobachtete ihn aufmerksam. Nach wenigen Sekunden drehte er den Brief hastig um und sah nach der Unterschrift. Ich sah, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß.
„Was ist das?“ fragte er mich starr vor Betroffenheit.
Ich blieb ihm die Antwort nicht schuldig.
„Vor drei Jahren fand ich diesen Brief in einem Buch. Ich erriet, daß er vergessen war, las ihn und – erfuhr alles. Ich behielt ihn, denn ich wußte niemanden, dem ich ihn hätte geben können. Ihr konnte ich ihn nicht geben. Ihnen? Doch Ihnen konnte der Inhalt dieses Briefes nicht unbekannt sein, er aber enthält die ganze traurige Lebensgeschichte ... Welchen Zweck nun Ihre Verstellung hatte – das weiß ich nicht –, das ist mir vorläufig noch unklar. Noch durchschaue ich Ihre dunkle Seele nicht ganz. Sie wollten Ihre Überlegenheit bewahren – und das ist Ihnen denn auch gelungen. Aber wozu? Um über ein Wahnbild den Sieg davonzutragen, um über eine Kranke zu herrschen, um ihr zu beweisen, daß sie sich verirrt habe und daß Sie dagegen _sündlos_ vor ihr ständen! Und Sie haben Ihren Zweck erreicht, denn dieser Verdacht ist – zur fixen Idee eines erlöschenden Geistes geworden, ist vielleicht die letzte Klage eines gebrochenen Herzens über die Ungerechtigkeit des Urteils der Menschen, mit dem Sie übereinstimmten. ‚Was ist denn dabei Schlimmes, daß Sie mich liebten?‘ Das war es, was sie sagte, das wollte sie Ihnen beweisen. Aber Ihr Stolz, Ihr eifersüchtiger Egoismus waren unbarmherzig. Leben Sie wohl. Weitere Erklärungen sind nicht nötig! Aber nehmen Sie sich in acht, ich kenne Sie jetzt, ich durchschaue Sie, vergessen Sie das nicht!“
Ich ging auf mein Zimmer – fast bewußtlos. An der Türe hielt mich Owroff, der Gehilfe Pjotr Alexandrowitschs, auf.
„Ich habe mit Ihnen zu sprechen,“ sagte er mit einer höflichen Verbeugung.
Ich sah ihn an und begriff nicht gleich, was er sagte.
„Später, entschuldigen Sie mich, ich fühle mich nicht wohl,“ sagte ich schließlich und ging an ihm vorbei.
„Also dann morgen,“ sagte er und machte seine Verbeugung mit einem zweideutigen Lächeln.
Vielleicht schien es mir aber auch nur so? Es war fast wie eine Vision, die vor meinen Augen flüchtig auftauchte ...
Der Bettelknabe
Kinder sind ein seltsames Volk: sie drängen sich in Träume und Gedanken. Vor Weihnachten und dann wieder am Christabend selbst begegnete mir regelmäßig an einer bestimmten Straßenecke ein kleiner Knabe, der gewiß nicht älter war als, sagen wir, etwa siebenjährig. Trotz der grimmigen Kälte war er fast sommermäßig gekleidet, doch um den Hals war ihm irgendein altes abgetragenes Zeug gewickelt – also mußte ihn doch jemand ausrüsten, bevor er hinausgeschickt wurde. – Er ging „mit dem Händchen“: so lautet der technische Ausdruck und er bedeutet – betteln. Den Ausdruck haben diese Knaben selbst erfunden. Solcher Knaben, wie er, gibt es eine Menge, sie laufen einem überall in den Weg und jammern etwas Auswendiggelerntes; dieser aber jammerte nicht und sprach auch gewissermaßen unschuldig und außergewöhnlich, und seine Augen sahen mich voll Vertrauen an – also mußte er noch ein Anfänger sein. Auf meine Fragen antwortete er, daß er eine Schwester habe; sie sitze ohne Arbeit und sei krank. Vielleicht sagte er die Wahrheit, nur erfuhr ich später, daß es solcher Knaben unzählige gibt; sie werden „mit dem Händchen“ auf die Straße geschickt, auch in der fürchterlichsten Kälte, und wenn sie nichts erbetteln, so setzt es natürlich Hiebe. Hat der Knabe ein paar Kopeken eingesammelt, dann kehrt er mit frosterstarrten Händen in irgendeinen Kellerraum zurück, wo irgendeine Bande säuft – eine von jenen, die, wie es heißt, „Sonnabends nach Arbeitschluß in den Fabriken den Sonntag zu feiern anfangen und nicht vor dem Mittwochabend zur Arbeit zurückkehren“. Dort, in den Kellern, trinken mit ihnen auch ihre hungernden und geprügelten Weiber, dort schreien auch ihre hungrigen kleinen Kinder nach der Mutterbrust. Schnaps und Schmutz und Ausschweifung, aber vor allem – Schnaps: die sind dort zu finden. Mit den erbettelten Kopeken wird der Knabe sogleich in die nächste Schenke geschickt und muß ihnen noch mehr Schnaps bringen. Zum Scherz gießen sie dann auch ihm das Feuerwasser in den Mund und gröhlen vor Lachen, wenn es ihm den Atem verschlägt und er in die Knie bricht und fast erstickt an der Abscheulichkeit, über der ihm Hören und Sehen vergeht.
„... und in den Mund das Greuliche Erbarmungslos mir goß ...“[3]
Ist er ein wenig herangewachsen, so wird er in eine Fabrik gesteckt, doch alles, was er erarbeitet, muß er wieder in den Keller bringen, und jene setzen das Geld weiter in Branntwein um. Doch schon bevor sie in die Fabrik kommen, sind diese Kinder kleine Verbrecher. Sie durchstreifen die Stadt und kennen die verschiedensten Schlupfwinkel in Kellern und Schuppen und auf Höfen, wo man unbemerkt nächtigen kann. Hat doch ein Kleiner bei einem Hofknecht mehrere Nächte in einem Holzkorb geschlafen, ohne daß der Knecht es gewahr wurde. In erster Linie sind sie natürlich kleine Diebe. Das Stehlen wird bei ihnen zur Leidenschaft, sogar bei Achtjährigen, und nicht selten ohne jedes Bewußtsein von dem Verbrecherischen der Tat. Zu guter Letzt lernen sie alles ertragen – Hunger, Kälte, Schläge – nur für das eine: für ihre Freiheit, und bald laufen sie von ihren Aussaugern fort, um dann schon von sich aus, aus eigenem Antriebe und zum eigenen Vergnügen zu vagabundieren. Solch ein junger Wildling weiß oft so gut wie nichts, weder in welchem Lande er wohnt, zu welcher Nation er gehört, ob es einen Gott gibt, einen Zaren; ja man erzählt sogar solche Unwissenheit von ihnen, daß man es nicht glauben will – und dennoch sind dies alles Tatsachen.
Der Knabe im Himmel zum Christfest.
Doch ich bin ein Schriftsteller, und ich glaube, diese „Geschichte“ habe ich selbst erfunden. Da schreibe ich: „ich glaube“, und weiß doch genau, daß ich sie selber erfunden habe; aber es scheint mir die ganze Zeit, daß sie irgendwo irgendwann wirklich geschehen sei und zwar gerade am Christabend in _irgendeiner_ großen, großen Stadt und bei grimmiger Kälte.
Ich sehe einen Knaben, aber einen noch ganz kleinen, etwa von sechs Jahren oder noch jünger. Dieser kleine Knabe erwachte an jenem Tage in einem feuchten und kalten Keller. Er hatte nur ein altes Kittelchen an und zitterte vor Kälte. Er sah seinen Atem, der wie weißer Dampf seinem Munde entströmte, und da es langweilig war, auf dem Koffer im Winkel zu sitzen, so hauchte er absichtlich diesen Atem recht stark heraus und sah dann zu, wie der Dampf sich ballte und verschwand. Aber er hatte Hunger und wollte etwas essen. Er war seit dem Morgen schon mehrmals zu der Lagerstätte gegangen, wo auf einem alten, wie eine Hand dünnen Schlafsack, irgendein Bündel als Kissen unter dem Kopf, seine kranke Mutter lag. Wie sie hierher kam? Vermutlich war sie mit ihrem Knaben aus einer anderen Stadt gekommen und hier erkrankt. Die Winkelvermieterin des Kellers war schon vor zwei Tagen von der Polizei abgeführt worden; und die anderen Winkelmieter hatten sich verlaufen, nur einer von ihnen lag dort seit vierundzwanzig Stunden, noch bevor die Feiertage anbrachen – schon stocksteif besoffen. In einem anderen Winkel ächzte vor Rheumatismus eine Achtzigjährige, die irgendeinmal irgendwo als Kinderfrau gelebt hatte, jetzt aber einsam und stöhnend auf den Tod wartete; sie brummte und schalt immer auf den Knaben, so daß dieser sich fürchtete, ihrem Winkel zu nah zu kommen. Auf dem Flur fand er etwas zu trinken, aber eine Brotkruste war nirgends zu finden, und wohl zum zehnten Mal versuchte er, seine Mutter aufzuwecken. Ihm wurde schließlich bange in der Dunkelheit: es war schon längst dunkel geworden, doch niemand machte Licht. Als seine Hand das Gesicht seiner Mutter berührte, wunderte er sich, daß es so kalt war wie die Wand. „Das ist hier aber mal kalt!“ dachte er, sann ein Weilchen, während seine Hand unbewußt auf der Schulter der Toten ruhte, dann hauchte er auf seine Fingerchen, um sie zu wärmen, und dabei fiel ihm sein Mützchen ein, das auf seinem Lager lag; das setzte er sich auf den Kopf – und plötzlich kam es ihm in den Sinn, den Kellerraum zu verlassen, und er ging tastend zur Tür. Er wäre vielleicht sogar schon früher aus dem Keller gegangen, aber er fürchtete den großen Hund, der ihm oben den Ausgang versperrte und die ganze Zeit kläffte. Jetzt war es still, der Hund war nicht zu sehen, und eh’ er sich dessen versah, stand der Kleine auf der Straße.
O Gott! Was war das für eine Stadt! Noch nie hatte er Ähnliches gesehen! Dort, von wo er mit der Mutter gekommen war, war es so finster in der Nacht: auf eine ganze Straße kam nur eine einzige Laterne. Die Fenster der niedrigen Häuser wurden abends mit Läden verschlossen; auf der Straße war, sobald nur die Dämmerung sank, niemand mehr zu sehen, alle schlossen sich in den Häusern ein und nur die Hunde, die es zu Hunderten und Tausenden gab, bellten und heulten die ganze Nacht. Doch dafür war es dort warm und man gab ihm zu essen, hier aber – ach, wenn er nur etwas zu essen bekäme! Und was ist das nur für ein Lärm und Gesumm, und wieviel Licht und Menschen und Pferde und Wagen – und die Kälte, die Kälte! Aus den Nüstern der heißgejagten Tiere strömt weißer Dampf, durch den weichen lockeren Schnee schlagen die Hufe zuweilen hellklingend auf das Steinpflaster, und wie die Menschen sich alle drängen, und, lieber Gott, wie gern er etwas essen würde, wenn auch nur ein kleines Stückchen, gleichviel was, und die Fingerchen schmerzten so sehr. An ihm vorbei ging ein Hüter der Ordnung und wandte sich ab, um den Knaben nicht zu bemerken.
Und da ist wieder eine andere Straße – oh, und wie breit sie ist! Hier ist es aber wirklich schön! Wie sie doch alle lärmen und laufen und fahren, und Licht, wieviel Licht hier ist! Aber was ist denn das? Oh – was für ein großes Fenster, und hinter dem Fenster ist ein Zimmer, ein großes Zimmer, und in diesem Zimmer ist ein Baum bis an die Decke, ein Christbaum, eine große Tanne, und an der flimmern so viele Flämmchen, so viele goldene Sachen, und hängen Äpfel, und ringsum sind lauter Püppchen und Pferdchen, und Kinder laufen im Zimmer umher und alle sind sie so festlich angekleidet, so sauber und schön, und sie lachen und spielen und trinken und essen schönes, schönes Naschwerk. Und dort tanzt jetzt ein kleines Mädchen mit einem kleinen Knaben – was für ein schönes kleines Mädchen! Und da hört man auch Musik, durch das Fenster mit den großen Scheiben hört man sie ganz deutlich. Und der kleine Junge schaut und wundert sich und schon lacht er, und doch schmerzen ihm schon seine Füßchen und Zehen, und die Fingerchen an den Händen sind schon ganz rot, schon wollen sich die Gelenke nicht mehr biegen und das Bewegen tut weh, nur denkt er jetzt nicht daran. Aber dann spürt er plötzlich doch wieder, daß ihm die Händchen so schmerzen, und er fängt an zu weinen und läuft weiter, und wieder sieht er durch ein Fenster ein Zimmer und dort sind mehrere solcher Bäume, aber nicht so große, und auf den Tischen sind lauter Kuchen und Kuchen, rote und gelbe und weiße und braune und hinter dem langen Tisch stehen vier reich gekleidete Damen, und jedem, der an den Tisch kommt, geben sie von ihren schönen Kuchen, die Tür aber öffnet sich jeden Augenblick und viele Menschen gehen von der Straße zu ihnen hinein. Der Knabe steht und guckt, und wie die Tür sich wieder öffnet, da schlüpft auch er hinein. Ach! wie man ihm böse ist, ihn anschreit und fortjagt! Eine von den Damen kommt schnell auf ihn zu, gibt ihm eine Kopeke und dann öffnet sie selbst die Tür und schickt ihn hinaus auf die Straße. Wie er erschrak! Die Kopeke aber fiel ihm gleich aus der Hand, und schlug klingend auf die Treppenstufe: er konnte seine blauroten Fingerchen nicht mehr biegen, um das Geld zu halten. Und der Knabe läuft auf die Straße und geht schnell weiter – so schnell er kann, aber wohin, das weiß er nicht. Er möchte auch wieder weinen, aber er wagt es nicht, und er läuft und läuft und haucht auf die Fingerchen. Und so traurig wird er, so bitter traurig darüber, daß er sich so allein und verlassen fühlt, und eine Bangigkeit will über ihn kommen, doch plötzlich – ja was ist das? was ist denn da wieder zu sehen? Da stehen die Menschen dicht gedrängt und staunen: hinter den Scheiben eines großen Fensters stehen drei kleine Puppen in roten und grünen Kleidchen und sind ganz, ganz wie lebendig! Und ein alter kleiner Mann sitzt dort und spielt auf einer großen Geige, oder es sieht wenigstens so aus, als spiele er, und noch zwei andere stehen dort und spielen auf kleinen Geigen und nicken dazu im Takt mit den Köpfen und sehen einander an, und ihre Lippen bewegen sich, als ob sie sprächen – nur hört man das eben nicht durch die Fensterscheiben. Zuerst dachte der Knabe, daß sie alle wirklich lebendig seien, als er aber dann erriet und sich überzeugte, daß es „nur Püppchen“ waren – da mußte er lachen. Er hatte so etwas noch nie gesehen und gar nicht gewußt, daß es solche Püppchen gab! Und er will doch auch weinen, aber zugleich muß er lachen – lachen über die Püppchen. Plötzlich fühlt er, daß ihn jemand hinterrücks am Schlafittchen packt: ein großer böser Bube steht hinter ihm und haut ihn plötzlich auf den Kopf, reißt ihm das Mützchen ab und versetzt ihm von unten einen Stoß mit dem Fuß. Der Kleine fällt hin, doch da schreit schon alles und schilt, daß ihm angst und bange wird und er aufspringt und fortläuft und läuft – bis er gar nicht mehr weiß, wo er ist. Und da kriecht er unter einem Hoftor auf einen fremden Hof und hockt dort hinter einem Holzstapel hin: „Hier wird man mich nicht finden und es ist auch dunkel!“ denkt er.
Und so hockt er ganz still und kauert sich zusammen und kann kaum noch atmen vor Angst, und plötzlich, ganz plötzlich wird ihm so wohl: die Füßchen und Händchen schmerzen nicht mehr und ihm wird so warm, so warm wie auf dem Ofenbänkchen. Da fährt er auf einmal zusammen: ach, er wäre ja fast eingeschlafen! Wie gut es hier einzuschlafen ist: „Ich werd’ hier noch ein Weilchen sitzen und dann gehe ich wieder zu den Püppchen,“ denkt er und lächelt bei dem Gedanken an sie: „ganz wie lebendig sind sie ...!“ Und dann ist es ihm, als höre er auf einmal seine Mutter singen, ganz leise, daß er es kaum hören kann, aber er hört es doch. „Mama, ich schlafe! – ach, wie ist es hier schön zu schlafen!“
„Komm zu mir, mein Knabe, zum Christbaum, es ist Weihnacht, Kind,“ flüsterte über ihm eine leise Stimme.
Er denkt, das wäre nun seine Mama, aber nein, das ist nicht sie! Doch wer rief ihn denn? – das sieht er nicht, aber jemand beugt sich über ihn und umfängt ihn in der Dunkelheit; und er streckt ihm die Hand entgegen und ... und plötzlich – oh, wieviel Licht! Oh, welch ein Christbaum! Das war – oh, solche Bäume hatte er noch gar nicht gesehen! Wo ist er jetzt – es leuchtet und strahlt alles um ihn und soviel schöne Puppen überall – doch nein, das sind ja alles kleine Knaben und Mädchen, nur sind sie alle so leicht, alle umringen sie ihn, sie schweben, sie küssen ihn, sie nehmen und tragen ihn mit sich fort, und da fühlt er, daß er auch schon schwebt und dort: ja dort ist seine Mama und sie nickt und lächelt ihm selig zu.
„Mama! Mama! Ach, wie ist es hier schön, Mama!“ ruft der Knabe und er umarmt die Kinder und will ihnen schnell alles von den Püppchen, die er hinter dem Fenster gesehen, erzählen. „Ach, wer seid ihr, Jungen? und wer seid ihr, Mädchen?“ fragt er sie lachend und hat sie alle schon so lieb.
„Es ist hier Weihnacht beim Christkind,“ antworteten sie ihm, „dann ist hier im Himmel immer ein Christfest für all die kleinen Kinder, die auf Erden keinen Christbaum haben ...“ Und er erfährt, daß alle die Knaben und Mädchen einst auf Erden ebensolche Kinder waren, wie er, nur daß die einen schon kaum geboren als Findlinge in den Körben starben, in denen sie auf die steinernen Treppen vor den Türen der Petersburger Beamten ausgesetzt wurden, daß die anderen bei finnischen Bäuerinnen erstickten, an die sie vom Findelhaus zur Erziehung gegeben waren; daß wieder andere an den ausgezehrten Brüsten ihrer Mütter starben (während der Hungersnot in Ssamara), und wieder andere in Waggons dritter Klasse an der verpesteten Luft, und alle waren sie jetzt hier, alle waren sie jetzt Engel beim Christkind und er selbst war unter ihnen und hieß sie zu ihm kommen und segnete sie und ihre sündigen Mütter ... Die Mütter aber dieser Kinder stehen auch dort, nur abseits, und weinen: und eine jede erkennt ihren Knaben oder ihr Mädchen, und die schweben zu ihnen und küssen sie, wischen ihnen die Tränen mit ihren Händchen von den Wangen und bitten sie, nicht zu weinen, denn sie hätten es jetzt so gut ...
* * * * *
Unten auf Erden aber fanden am nächsten Morgen Hofknechte hinter einem Holzstapel die kleine Leiche eines erfrorenen Knaben. Man fand auch seine Mutter. Die war schon vor ihm gestorben. Im Himmel sahen sie einander wieder.
Wozu ich eine solche Geschichte nur erfunden habe, die so gar nicht in das gewöhnliche, vernünftige „Tagebuch“ paßt! Zudem habe ich versprochen, ausschließlich oder doch fast nur von wirklichen Begebenheiten zu erzählen! Aber – nun ja, das ist es eben: es scheint mir, es ist mir doch, als hätte das wirklich alles so sein können – ich meine das, was im Keller und hinter dem Holzstapel geschah, jenes andere aber, von der Christnacht im Himmel –, ja da weiß ich nun nicht, was ich Ihnen sagen soll, ob das auch wirklich so hätte sein können oder – nicht? Doch dazu bin ich ja Dichter, um es zu wissen.
Fußnoten
[1] Der größte Held der russischen Volksdichtung, ein Bauernsohn aus dem Dorf Karatscharowo, wo er gelähmt in der Hütte der Eltern sitzt, bis vorüberziehende Bettler (mythische Gestalten) ihn durch Zauber heilen. E. K. R.
[2] Diminutiv von Katjä. E. K. R.
[3] Strophe aus einem Gedicht von Nekrassoff, das das Leben eines ähnlichen Knaben zum Gegenstand hat. E. K. R.
Anmerkungen zur Transkription.
Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:
F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung: Zweiundzwanzigster Band R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1912.
Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.
Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
Katjä (Kätja)
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 275]: ... Tages kaum aus Moskau die Nachricht, daß der ... ... Tages kam aus Moskau die Nachricht, daß der ...
[S. 286]: ... atmetet tief auf, preßte sichtlich betreten ein paar abgerissene ... ... atmete tief auf, preßte sichtlich betreten ein paar abgerissene ...