Chapter 1 of 4 · 4000 words · ~20 min read

Part 1

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Anmerkungen

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Einige offensichtliche Schreibfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Schreibweise der Kapitelnummern wurde mit einem abschließenden Punkt vereinheitlicht.

Fußnoten stehen am Ende des jeweiligen Absatzes.

Die Missionswerbung des vorderen inneren Umschlagdeckels wurde an das Ende des Textes hinter die Verlagswerbung geschoben.

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Ermesinde

Historische Erzählung aus dem 12. und 13. Jahrhundert

von P. N. G. _=S. C. J.=_

nach dem Französischen

von #Th. |Zenner|#

[Illustration]

1928

Arlon — Buchdruckerei A. Willems.

_Cùm permissù Sùperiorùm_

[Illustration]

1. Kapitel.

Die Fahrt zur Jagd

Frühjahr eintausend einhundert siebenundachtzig.

Unabsehbar blaut der Himmel. Lautlos stieg sein klares Bild, ungemessen tief ins dunkle, träge Wasser, das die Alzette in kurzgeschweiftem Bogen majestätisch ernst um die schroffen Felsen schlingt, die zu Luxemburg das Schloß der Grafen tragen.

Doch was ist das für ein Singen und Klingen heute, droben in der sonst so vornehm stillen Burg? Es grüßen die Fahnen, im schwachen Winde knattern die Wimpel und Oriflammen; und von den Zinnen, gegen Osten und Westen, gegen Süden und Norden, schallen von Zeit zu Zeit weithin getragen die frohen Klänge der Hörner und Trompeten. Bis zum Grünenwald, bis zum Baumbusch hinüber dringt ihr fester Schall und weckt in deren tiefen, waldigen Gründen ein hundertfältiges, begeistertes Echo.

Tauftag ist.

Ein kleines, blondes Mägdlein hat seinen Einzug ins gräfliche Schloß gehalten. Hat freudigen Empfang gefunden bei groß und klein, aber ganz besonders im Herzen seiner fürstlichen Eltern, des großmächtigen Herrn Heinrich, Grafen von Luxemburg und Namür und dessen edler Gattin, der Dame Agnes, Tochter des Grafen von Geldern und Zütphen.

[Illustration: Die ehemalige Burg der Grafen von Luxemburg.]

Und heute zieht vom Benediktiner–Münster herauf der vieledle, hochwürdige Priester und Abt, Everwinus. Der soll dem fürstlichen Menschenkind den Stempel eines Gotteskindes aufdrücken und ihm im Sakrament der heiligen Taufe einen Namen geben, den fortab das Luxemburger Land als einen seiner schönsten und größten Namen kennen und nennen wird: |Ermesinde|.

In Freuden verfließt der Rest des Tages.

Schon funkeln die nächtlichen Sterne. Aus dem Düster der Alzette glitzert ihr zitterndes Bild. Da rüsten sich die letzten der Gäste, die Herren von Körich und Ritter von Ansemburg, zur späten Heimkehr. Gehobenen Herzens drücken sie dem Grafen Heinrich die Hand. „Ein verheißungsvoller Anfang!“ rühmen sie, „möge dem hochedlen Kinde, Euerm Töchterlein, ein langes, glückliches Leben leuchten! Gute Nacht, Herr Graf! Auf baldiges Wiedersehen und frohes Weiterfeiern!“

Unter diesem Weiterfeiern verstanden sie den alten, landläufigen Gebrauch, demzufolge ein freudiges Familienereignis mit einer großen, aufwandreichen Jagd zu beschließen war, an der die befreundeten Adelsgeschlechter der ganzen Gegend teilnehmen durften.

Graf Heinrich griff die Andeutung auf. Am anderen Tage ergingen die Einladungen. Als Tag der Veranstaltung sollte der Pfingstdienstag gelten, als Ort das wald– und wildreiche Gelände der Bardenburg.

Sie lag ungefähr vier Wegestunden von Luxemburg entfernt und bildete die Krone eines anmutigen Hügels, der auf dem linken Ufer der Eisch den Eingangs eines lauschigen Tälchens schützt[1].

[1] Ungefähr 20 Minuten südwestlich vom heutigen Dorfe Eischen.

Schon seit Jahrhunderten war dieses Tälchen berühmt. Geisterhaft murmelte in ihm ein frisches, klares Wasser, von dem die Legende berichtet, daß es seinerzeit den heidnischen Bewohnern der Gegend als Gottheit gegolten hätte. Heidnische Priester und Sänger, „Barden“ genannt, nahmen an der rauschenden Quelle Aufenthalt und dauernden Wohnsitz. So konnten sie aus nächster Nähe die Feierlichkeiten zu Ehren der vermeintlichen Gottheit leiten. Sie erbauten auch das Schloß, das von ihnen seinen Namen herleitete.

In christlicher Zeit erschienen die Boten des Evangeliums. Die Finsternis des Heidentums verschwand. Mit ihr die Barden.

An der klaren Quelle baute ein schlichter Eremit sein bescheidenes Hüttlein. Das Wasser weihte man der allerseligsten Jungfrau, und ein einfaches, ebendaselbst errichtetes Kirchlein wurde Wallfahrtsort und Heiligtum der Muttergottes.

Ins verlassene Bardenschloß zogen die römischen Legionen. Jahrhunderte lang diente es ihnen als Festung.

Dann kam der Verfall. Wie mancher schwere Stein bröckelte aus den verwitternden Mauern und rollte dröhnend zu Tal! Wie mancher fand sein nasses Grab drunten in den rauschenden Wassern der Eisch!

Erst später lebte die Herrlichkeit wieder auf. Unter der Herrschaft der Grafen von Luxemburg wurde die Feste wieder aufgebaut, vergrößert und verschönert. In jahrelanger, mühsamer und kostspieliger Arbeit erstand die zweite, wunderbar herrliche Residenz, nach der Graf Heinrich auf den Dienstag nach Pfingsten seine Getreuen beschieden hatte.

Hell und heiter ging der Tag auf. Als ob die Sonne ihr Bestes, ungetrübten Glanz, spenden wolle, um den Tag des fürstlichen Kindes, das nun 6 Wochen alt geworden war, geziemend auszuzeichnen.

Im Osten des Landes wimmelte es auf Wegen und Stegen von frommen Pilgern, die singend und betend gegen Echternach zogen, zur kreuzgeformten, nunmehr 40jährigen Basilika, unter deren schützenden Gewölben der Apostel der Friesen, St. Willibrod, tot von den Mühen seines bischöflichen Amtes ausruhte. Gegen Westen aber ging die Jagdfahrt des Grafen Heinrich.

Alte Heeresstraße Luxemburg–Arlon! Sollst du je zwischen deinen Bäumen einen herrlicheren Zug gesehen haben?

An der Spitze schreiten die Waffenknechte. Ha! wie die spiegelblanken Helme und scharfen Hellebarden strahlenschießend in der Sonne blitzen! Wie die blonden, rotwangigen Pagen in ihren malerischen, bunten Röcken, kecken Auges daherprunken! Und erst die Wappenträger! Hoch zu Roß, purpurfarben, goldbetreßt! — Graf Heinrich inmitten seiner Ritter! — Was ziehen denn die zwei weißen, mit rotem Lederzeug behangenen Kühe?

Im wohlverschlossenen Kinderwagen, in molligen Kissen, fährt langsam und sicher, das 6 Wochen alte Kind, Ermesinde. Was Wunder, daß seine entzückte Mutter, stolzerhobenen Hauptes an seiner Seite reitet und von ihrem hohen Schimmel aus zufriedene Blicke nach allen Seiten sendet. Soweit die Augen reichen, Herrlichkeit, Freude und Glanz.

Dann und wann ziehen am Wege Landleute und heimkehrende Arbeiter vorüber. Wie geblendet bleiben sie stehen und grüßen mit scheuer Verbeugung. Und die Lanzknechte schlagen ihre Waffen aneinander, als wollten sie mit ihrem stolzen Klirren einen unausfüllbaren Abstand andeuten zwischen sich und dem an die Scholle gebundenen Manne. Die Pagen erwidern die Ehrbezeugung mit einem überlegenen Lächeln, während der Graf mit wohlwollender Verneigung des Hauptes darauf antwortet. In den Blicken der Gräfin aber lag es kalt, kalt und wie stumme Verachtung. Als ob sie zu einer anderen Rasse gehörte, und unendlich hoch und erhaben über jenen throne.

[Illustration: Die noch heute sichtbaren Umwallungen und Gräben der |Bardenburg|.]

Während die Gräfin sich selbstgefällig in diesen eiteln Gedanken wiegte, näherte sich vom Feldrain her eine ärmlich gekleidete junge Frau, Sie ging gebückt, denn auf ihrem schmächtigen Rücken lastete eine schwere, mit Grünfutter gefüllte, große Hotte: in ihren kreuzweise verschlungenen Armen ruhte ein unmündiges, schlummerndes Kind, während ein anderes, das kaum der Wiege entwachsen war, an der mütterlichen Schürze mehr fortgezogen als fortgeführt werden mußte.

Das Gesicht der armen Frau war welk und furchig. Auf ihrer Stirne perlte der Schweiß, und die ihr vom Winde verzausten Haare flatterten wirr um ihre eingefallenen Schläfen.

Ein kaum unterdrücktes „Ach!“ stieg auf die Lippen der Fürstin. „Armes, elendes Volk!“ flüsterte sie, „wäre es nicht besser, du tätest überhaupt nicht ... leben?“ Dabei griff sie in die Satteltasche und warf der am Wege stehenden Gruppe ein blinkendes Geldstück zu, das klirrend zu den Füßen des erschrockenen Kindes niederrollte.

Die arme Frau hatte das Wort gehört. Unerschrocken sah sie auf und ließ ihren Blick furchtlos in den Augen der Gräfin haften. Dann sprach sie fest und entschieden: „Sie dürften sich irren, gnädige Frau! Allerdings sind wir nicht reich; Tag für Tag müssen wir schwer arbeiten, aber unglücklich sind wir nicht!“

Ein ungläubiges Lächeln huschte um die Lippen der Fürstin. „Nicht unglücklich?“ forschte sie, „nicht unglücklich! Das wäre doch sonderbar, wo ich, inmitten der irdischen Güter und all ihrer Annehmlichkeiten, Mühe habe, ein wenig Glück herauszuschlagen! Der Allerhöchste verteilt es ja so spärlich an die Söhne der Menschen!“

„Das wüßte ich nicht, gnädige Frau!“ lautete die Antwort. „Freilich, wenn man nur |das| „Glück“ nennt, was die irdischen Dinge, die zeitlichen Güter uns spenden können, dann ist es spärlich gesät. Und hat gar wenig Bestand. Wie ein Pfeil die Luft durchschwirrt, wie ein Vogel daherzieht und keine Spur zurückläßt, geht es vorüber. Wie gewonnen, so zerronnen! — Wer aber das „Glück“ recht auffaßt, der findet es überall und reichlich!“

„Überall und reichlich? Wieso?“

Mit einem kaum merklichen Anflug von Röte fuhr die arme Frau fort: „Es steht mir schlecht zu, Euch, fürstliche Dame, belehren zu wollen. Aber ich meine, „glücklich“ sein, heißt Gottes Willen erfüllen und sich in seine Fügungen schicken. Wer das tut, dem geht es wohl, der ist zufrieden und froh, als Knecht nicht minder denn als Graf und König!“

Dabei bückte sie sich nieder, hob das Geldstück auf und reichte es mit bescheidener Verbeugung zurück. „Wollen gnädige Frau es einem anderen schenken,“ bat sie, „andere brauchen es vielleicht nötiger als wir. Mein Mann und ich sind gesund. Wir können arbeiten und sind nicht unglücklich!“

Die Gräfin schüttelte das Haupt. Solches war ihr niemals vorgekommen.

„Ja, ja,“ gab sie verlegen wieder, „Ihr werdet es wohl mit den Mönchen und Einsiedlern halten. Die haben sich auch eingeredet, daß zum menschlichen Glück das Irdische nicht notwendig ist, und daß dazu nichts anderes gehört, als der sogenannte „Friede der Seele.“

Die arme Frau lächelte. „Ganz recht, gnädige Frau!“ nickte sie, „meiner Meinung nach habt Ihr das Richtige getroffen; der Friede des Herzens ist das Fundament und ein großer Bestandteil jeglichen Glückes.“

Die Gräfin schürzte die Lippen. Mit verächtlicher Kopfbewegung sah sie nach den Dienerinnen, die an ihrer Seite geblieben waren, um, und indem sie auf den an einer Wegkrümmung verschwindenden Jagdzug hinwies, mahnte sie: „Sputen wir uns! Wir müssen die Unserigen einholen! Sie sind schon weit voraus!“

Ohne sich weiter nach der armen Frau umzusehen, gab sie dem Pferde die Sporen, und eiligst ging es auf der staubigen Straße weiter.

Aber wirf einen Stein ins Wasser! Liegt er schon am Grunde, so wallt noch die Oberfläche, die er in Bewegung gesetzt hat, fort, und die Wellen tragen ihre Kreise weiter und weiter. So blieb auch die Erinnerung an das soeben Erlebte im Geiste der Gräfin Agnes haften und weckte Gedanken auf Gedanken.

„Friede! Friede!“ lachte sie. „Armes Volk, weiter kannst du nichts ersehnen! Aber wir, wir die Reichen und Mächtigen haben andere Gesetze! Wir brauchen nur Leben und Gesundheit. Für den Rest können wir selber sorgen!“

— Doch, was hatte das arme Weib von der Vergänglichkeit gesprochen, vom schnellen Verrinnen aller irdischen Größe und Macht? — Wie gewonnen, so zerronnen! Heute rot, und morgen tot ...! —

Daß aber auch gerade jetzt solch trübe Gedanken ihre Ruhe stören mußten!

Vor ihre Seele traten Bilder aus längstvergangenen Tagen, Erlebnisse und Erinnerungen, die sie vergessen glaubte, schwarze Tage der Trauer und der Trübsal.

— War denn damals ihr Haus nicht mächtig gewesen? Und reich? Und doch! —

Ein leises Zittern umflog sie. Wie von einem drohenden Unheil erschreckt, blickte sie nach ihrem Gatten. — Gott sei Dank! Dort ritt er froh inmitten seiner Gäste.

Hastig öffnete sie die Vorhänge des Kinderwagens und schaute nach der kleinen Ermesinde.

Auch das Kind war munter. Lieblich schlummernd lag es in den weißen Kissen, und ein glückliches Lächeln umspielte seinen rosigen Mund.

* * * * *

[Illustration]

2. Kapitel.

Ein verhängnisvoller Schuß

Schon dröhnten die ersten Pferdehufe in eiligem Viertakt auf der aus Balken und breiten Brettern gebildeten Eischbrücke. Erschrocken huschten die flinken Forellen im Wasser hin und her und verschwanden als dunkle Streifen unter überhängendem Ufergras oder knorrigen, am Rand des Baches verkrümmten Erlenwurzeln.

Doch wem galt der dutzendfache frohe Hörner– und Trompetenschall, der eben von den Zinnen der Bardenburg herniederwallte? — Dem fürstlichen Kinde, das eben zum erstenmal die Höhe dieser väterlichen Burg ersteigen sollte? — Seinen hochedlen Eltern? — Ihren Begleitern? — Sie galten der ganzen Gesellschaft, der sie ein ‚herzliches Willkomm‘ und ein ‚gut Heil auf ersprießliche Jagd‘, entgegenschmetterten.

Durch die hellen Klänge wurden die Pferde, die schon anfingen, müde zu werden, aufgemuntert. Kräftiger holten sie aus. Die Hunde zerrten fester an den Koppeln, und voll Sehnsucht schielten und schnupperten sie nach den Wäldern.

[Illustration: Die Jagdgesellschaft verläßt die Bardenburg.]

Seit dem frühen Morgen hatte man sich in der weiten, starkverwölbten Küche auf die Ankunft der hohen Herrschaft vorbereitet. Denn, wenn auch die Hauptmahlzeit erst am Abend, nach glücklich verlaufener Jagd, stattfinden sollte, so mußte auch jetzt durch reichen Imbiß die müde Gesellschaft für die Anstrengungen der Reise entschädigt und für die Strapazen des Nachmittags gekräftigt werden. Und Koch und Unterköche hatten ihr Bestes getan, nicht nur des Lobes wegen, das voraussichtlich ihrer Kunst gespendet würde, sondern auch in Berechnung des Trinkgeldes, das bei solchen Gelegenheiten besonders reichlich auszufallen pflegte, denn Ritter und Barone waren Leute, die sich nicht lumpen lassen durften.

Frohes, lustiges Essen. Währenddessen ergötzten sich die Pferde an den vollgefüllten Krippen, und die Hunde taten sich gütlich an Schüsseln, in denen die Fleischbrocken zahlreicher waren, als an gewöhnlichen Tagen.

Am Himmel lachte die Sonne, und kein Wölkchen bleichte die tiefe, einheitliche Bläue des waldumsäumten Horizontes.

Gegen 2 Uhr stand alles bereit. Hei! wie da die Hunde kläfften! Wie die Pferde scharrten und ungeduldig durch die aufgeblähten Nüstern bliesen! Selbst die Mannen konnten kaum den Augenblick erwarten, wo der Burgwart vom hohen Bergfried aus in einem dreifachen, nach allen Seiten wiederholten Hallihalloh das Zeichen zum Auszug und zum Beginn des Jagens geben würde.

Als Erste zogen der Graf und die Gräfin auf weißen Schimmeln zum Burgtor, das während des Essens mit den Trophäen früherer Jagden, Hirschgeweihen und ausgestopften Wolfs– und Bärenköpfen reich geziert worden war.

„Heiliger Hubertus, bitte für uns!“

„Hallihalloh! Gute Jagd und frohe Heimkehr!“

Unmittelbar vor dem Eingang der Burg gabelte sich der Weg. In scharfem Zickzack führte sein linker Arm stark abfallend zu Tal und setzte sich dort längs der Eisch und dem Saume des Waldes fort; der andere schlug einen kurzgeknickten Bogen, wand sich nordwärts um die altersgrauen Mauern und führte, von Gras und Moos bedeckt, sanft ansteigend in den Wald. Auf letzterem wandten der Graf und die Gräfin, die Ritter und Edelknechte ihre Pferde rechtsum. Pagen und Treiber stiegen mit den Hunden bergab.

Dem sonst üblichen Gebrauch entgegen hatte Ludolph, Burgvogt von Arlon, diese neue Jagdordnung vorgeschlagen. „So könnte man in halber Bergeshöhe das im Tale aufgescheuchte Wild erwarten und ihm mit frischen Pferden wirkungsvoller zu Leibe rücken!“

Auf ein Zeichen des gräflichen Hifthornes wurden drunten die Hunde losgelassen. Schnuppernd führten sie die Nase an den Boden, und freudig wedelnd liefen sie hastig hin und her.

Schon ertönte aus dem Dickicht hier und dort vereinzeltes Kläffen. Wurde häufiger und stärker. — Horch! da raschelte das Laub. Bergauf wurde es lebendig.

Hasen und Füchse huschten daher.

Die Reiter verhielten sich still. Einstweilen sollte auf Kleinwild nicht geachtet werden.

Erst ein braunes Reh, ein „Sechser“, brachte die Jäger in Bewegung. Wie auf Kommando tanzten zwei Pferde auf den Hinterfüßen kurz herum und setzten sich in langgestrecktem Lauf auf die Spuren des Flüchtlings.

Noch trippelte der Schimmel des Grafen ungeduldig an seinem ersten Standort hin und her und scharrte die Erde. Noch war bis dahin auf dem gräflichen Posten außer einem Hasen und einem Iltis keinerlei Beute sichtbar geworden. Und auch die folgenden Minuten schafften darin keinen Wandel.

Endlich wieder Tritte. Dicht nebenan schoß ein Silberfuchs vorüber.

— Sollte man ihm folgen? —

„In der Not frißt der Teufel Fliegen,“ dachte der Graf. „Also los!“

Es ist sonderbar, mit welch klugem Instinkt jagdgewohnte Pferde die Verfolgung des Wildes aufnehmen. Nur auf eines brauchte Heinrich zu achten: dem Tiere die Zügel schießen zu lassen und sich rechtzeitig vor tiefhängenden Baumästen auf den Sattel niederzubeugen. Alles andere besorgte der Schimmel selbst.

Der Fuchs war äußerst vorsichtig. Jeden Baum und Strauch als Deckung benutzend, wand er sich schlangenartig durch dick und dünn mit einer solchen Schnelligkeit, daß seine leichten Füße kaum den Boden zu berühren schienen, weiter und immer weiter, über die tannenbestandenen Hänge hinweg, westwärts gegen das Tal der „klaren Quelle“. Dort fanden sich zahlreiche, von Sträuchern umstandene und von Felsen eingesäumte Steingruben, aus denen man vor Jahren das Material zum Bau der Bardenburg herausgefördert hatte.

In ihnen sollte Meister Reinecke plötzlich verschwinden.

„Auch gut!“ murmelte der Graf. „Auch in deiner Höhle werde ich dich aufstöbern, verflixtes Tier; solch leichten Kaufes sollst du mir nicht entrinnen!“

Er ließ den schnaufenden Schimmel halten, sprang aus dem Sattel und eilte mit Bogen und Köcher in die zweite der Gruben hinein.

— Richtig, da lugte der Eingang einer großen Höhle. —

Hastig trat er an dieselbe heran.

Doch, wie er auf den weichen, gelben Sand am Boden niederblickte, blieb er verdutzt stehen. „Das sind doch keine Fuchsspuren!“ knurrte er, „das sind Abdrücke großer, starkbekrallter Bärentatzen! — Und davon haben meine Förster nichts gemeldet!“

Vorsichtig trat er einen Schritt zurück. „Bären können höchst unliebsame Gegner werden,“ flüsterte er, „zumal, wenn ihnen ein Einzelner entgegentritt!“

— Aber die Ehre einer solch unerwarteten, königlichen Beute! —

Eiligst legte er Bogen und Pfeile weg. Was konnten die gegen die harte, fingerdicke Schädeldecke eines Brauntieres? Da mußten schon andere Waffen herhalten, Lanze und der mit scharfem Eisen beschlagene spitze Pfahl, die noch am Sattelzeug des Schimmels festhingen.

Hurtig, keine Zeit verloren!

Zwei Minuten später war der Graf aufs neue am Eingang der Höhle.

Im Innern derselben hörte man ein lautes, zorniges Brummen. Der Hausherr war in seiner Wohnung und bekundete, daß er sich über den unerwarteten Besuch seine eigenen Gedanken machte.

Zu Boden gekauert, äugte der Graf aufmerksam in die Höhle hinein. Zu seiner Rechten lag der Pfahl, griffbereit. In beiden Händen hielt er die zum Angriff erhobene Lanze.

Das Brummen wurde stärker. Petz rüstete zur Abwehr. „Frecher Ruhestörer!“ schien er zu knurren, „warte, ich will dich lehren!“

Hochaufgerichtet, funkelnden Auges und mit weitgeöffnetem Rachen stürzte er heran.

Eben wollte er sich mit aller Wucht auf den zu Boden geduckten Grafen niederwerfen, da traf ihn der mit aller Kraft geführte sichere Lanzenstoß so hart, daß das schwere Eisen tief zwischen die krachenden Rippen eindrang und der Schaft der Waffe gegen die Mitte hin splitternd abfuhr.

Aus der Wunde schoß ein breiter Strahl rotschwarzen Blutes, und Meister Petz, tödlich verwundet, purzelte mit heiserem Geheul, schwer und unbeholfen zu Seiten des Grafen nieder, überschlug sich und sank tobend am Fuß des Felsens nieder, wo ihm ein wohlgezielter Stich des Pfahles das Lebenslicht ausblies.

Begeistert atmete Heinrich auf. Die Ehre des Tages war ihm gesichert. — Mochten andere Rehe und Hirsche heimbringen, einen Bären hatte gewiß niemand aufzuweisen! —

Doch nun, fort zum Jagdsgesinde! Daß die eigenartige Tat bekannt und das erlegte Tier nach Hause gebracht werde!

Flinken Fußes wollte er zum Schimmel zurück. Da war dieser verschwunden. Er hatte die günstige Gelegenheit benutzt, sich unbemerkt fortzustehlen und an der „klaren Quelle“ seinen Durst zu stillen.

Der pferdelose Reiter blickte mißmutig nach allen Seiten.

— Horch! Tönte da nicht ein eiliges Getrampel in einer daneben liegenden, ähnlichen Grube? — Richtig ja! Das konnte nur der Schimmel sein.

Um Zeit zu gewinnen, wollte Heinrich, ohne Umweg, durch Ginster und Gesträuch quer zu dieser Grube hinübersteigen.

Da traf ihn das Verhängnis.

Eben hatte er die Anhöhe erstiegen. Schon wollte er drüben hinuntersteigen ... — Da! als habe ihn ein schweres Holz quer über die Augen geschlagen, taumelte er zurück. Ein stechender Schmerz fuhr ihm durch den ganzen Kopf. Mit lautem Schrei fiel er rücklings zu Boden.

Gräfin Agnes hatte kurz zuvor auf dem Bardenberge einen herrlichen, übergroßen Hirsch gesichtet; mit verhängten Zügeln hatte sie ihm nachgesetzt; in der Grube, in die Heinrich eben niedersteigen wollte, hatte sie das zitternde, müde Tier gestellt, mit starker Hand den Pfeil nach ihm geschleudert ... Der Schuß war fehlgegangen, und der am Felsen abgeprallte Pfeil hatte sich in die Stirne des ahnungslos nahenden Grafen eingebohrt.

Wer möchte die Angst und das Entsetzen malen, das der unerwartete menschliche Schrei im Herzen der Gräfin auslöste?

— Sollte sie ... ach Gott, nein, es kann, es darf nicht sein! — Wie außer sich, sprang sie vom Pferde herab und eilte ins Gesträuch hinauf.

— Also doch! Den Kopf zurückgebogen, Augen und Gesicht voll Blut, lag dort eine jämmerliche Gestalt, der Graf. Zwischen den Augen klaffte ihm eine entsetzliche Wunde, aus der noch immer frische, dicke Blutstropfen, einander jagend, niederrannen.

Müde und mit unsicheren Händen tastete er hilfesuchend um sich. An ihrem Schluchzen erkannte er die Gräfin. „Du, Agnes?“ zitterte er, „du ...?, was ist geschehen?“

Sie konnte nicht antworten. Einer Ohnmacht nahe, griff sie mit letzter Kraft nach dem an ihrem Gürtel hängenden, silbernen Horn.

Und bließ hinein, so entsetzt, so flehend, so um Hilfe weinend, daß der klagende Ton weithin getragen in die Wälder schallte und die erschrockenen Ritter und Knechte eiligst nach der Unglücksstelle heranstürmten.

Auf einer Tragbahre brachte man den Schwerverwundeten auf sein Schloß zurück. Ihm folgte seine weinende, der Verzweiflung nahe Gattin.

Jubelnd war man am Mittag ausgezogen. Wer hätte ahnen können, daß ein so freudig begonnenes Fest ein so übermäßig trauriges Ende nehmen würde?

* * * * *

[Illustration]

3. Kapitel.

Trübe Zeiten

Statt der festlichen Tafel, die an jenem Abend in der Bardenburg die günstig verlaufene Jagd beschließen sollte, herrschte nun in deren matterleuchteten Hallen eine drückende Stille. Nur im Flüstertone ging die spärliche Unterhaltung zwischen den nächsten Tischnachbarn vorsichtig hin und her, und nach rasch beendeter Mahlzeit zogen sich alle zu meist schlafloser Ruhe auf ihr Zimmer zurück. In der Frühe des folgenden Tages, ehe noch das Morgenrot über Hobscheid hinaus in den Himmel stieg, befand sich die Mehrzahl der Gäste auf betrübter Heimfahrt.

Graf Heinrich aber lag bewußtlos in schweren Fiebern.

Eilboten jagten fort. Von Metz herüber, von Köln herauf, sollten sie die berühmtesten Wund– und Augenärzte herholen.

Sie taten ihr Bestes. Ihrer Kunst gelang es auch, das Schlimmste zu verhindern und das Leben des Verwundeten zu retten.

Aber sein Augenlicht war dahin. Noch krank brachte man ihn nach Luxemburg. Als er nach einigen Monaten zum erstenmal wieder ausgehen durfte, führten ihn seine Diener an der Hand. Wie ein schwerer, undurchdringlicher Nebel lag es vor seinen Augen, und nur mit äußerster Anstrengung konnte er die Umrisse selbst in der Nähe gelegener Dinge unterscheiden. Als letzte Hoffnung tröstete er sich auf die Versicherung der Ärzte, sein Zustand werde sich allmählich bessern; aber diese Hoffnung zeigte sich irrig. Immer mehr drang die Nacht auf ihn ein, und gegen Ende seines Lebens verfiel er in vollständige Finsternis, ein Zustand, der ihm in der Weltgeschichte den Namen „Heinrich, der Blinde“ eintrug.

Wie sollte die Gräfin Agnes diesen plötzlichen Umschlag ihres Glückes tragen?

Von Schrecken wie gelähmt, fing sie an zu kränkeln. Wie ein rastlos nagender Wurm quälte sie das Bewußtsein, daß ihr Pfeil es gewesen, der den Grafen für den Rest seines Lebens in Finsternis tauchte, und obschon man ihr hundert– und tausendmal sagte, sie habe ja das schreckliche Mißgeschick nicht ahnen können, und es treffe sie deshalb auch keinerlei Schuld, die traurigen Gedanken wollten nicht aus ihrem Sinne schwinden.

Dunkeln Schatten gleich senkten sich diese Kümmernisse um das nach Sonne dürstende Kind Ermesinde.

Während sonst gesunde Väter ihre Kleinen an lichterfüllten Frühlingstagen freudig in Gottes herrliche Natur hinausgeleiten und sie auf das klare Blau des Himmels, den Schmelz der Blumen und das molligweiße Schäumen murmelnder Quellen und Bächlein aufmerksam machen, saß Ermesindens Vater mit gesenktem Antlitz im Innern des grauen Schlosses oder droben auf der von Lorbeerbäumchen umrahmten Terrasse. An seiner Seite spielte das Kind. Aber wie sollte er ihr auf all die kindlichen Fragen nach diesem und jenem antworten, wo er aus ihren mangelhaften Schilderungen oftmals nicht erraten konnte, was sie in buntbemalten Büchern oder weitab in der Ferne schaute!

Auch am Krankenbett der Mutter fühlte sich das Kind nicht wohl. Frohe Kindergedanken stimmen ja so schlecht zu den Ausbrüchen eines leiderfüllten Herzens! Agnes hatte sich noch immer nicht in ihre neue Lage gefunden. Bittere Klagen standen auf ihren Lippen. „Einst so reich und angesehen!“ murmelte sie, „und nun so elend und verlassen!“ Und wie verhaltenes Weinen klang es, wenn sie ihre gegenwärtige Trübsal mit der Zufriedenheit der armen Leute verglich, die sie einst verachtet hatte. „Ich baute auf irdisches Gut und Wohlergehen,“ pflegte sie dann zu sagen, „und hielt es für unvergänglich. Wie bald war es dahin! Glücklich die armen Leute! Sie haben wenig, können aber auch nur wenig verlieren! Ich war einst reich! In welchen Abgrund der Betrübnis bin ich geraten!“