Chapter 4 of 4 · 2749 words · ~14 min read

Part 4

Schäumend brausen die Meereswogen an das felsige Land. Von der Höhe grüßt der Leuchtturm. Wetterfest und sturmerprobt sendet er bei eintretender Dunkelheit seine grellen, kegelförmigen Lichtmassen weit hinaus über die nächtliche See. Über Wellen und Wogen huschen sie dahin. In der Ferne treffen sie das Auge des suchenden Seefahrers und erfreuen sein Herz. Nun braucht er nicht mehr Ausschau zu halten nach matten, vielleicht von Nebel und Wolken verdeckten Sternen. Nun braucht er nicht mehr niederzuspähen auf die blaue, zitternde Kompaßnadel; seine Richtung ist gegeben. Froh und furchtlos läßt er seinem Schiffe vollen freien Lauf.

So sollten auch die Worte des Eremiten Ermesinde und ihrem kommenden Leben eine neue, lichterfüllte Richtung geben.

Wenige Wochen später zogen die Holzhacker in hellen Scharen an der klaren Quelle auf. Vöglein und Rehe flohen erschreckt davon. Denn ein solches Hämmern und Sägen und Splittern hatten sie noch nie gehört. Wo die Mauern des künftigen Klosters sich erheben sollten, wurde der Wald gerodet.

Weiter westlich pickelten die Steinarbeiter. Auch sie waren nicht müßig. Aus den zahlreichen Gruben förderten sie das Baumaterial. Kleine und größere Quadersteine wurden ausgebrochen, sorgfältig behauen und in langen, niedrigen Mauern längs der Wege aufgeschichtet. Nur beim Aveläuten war das Tälchen still, und Rhabanus fügte seinem Gebet die stille Berechnung bei: „In Bälde wird das Werk vollendet sein, und Gottes Lob auf immerdar an dieser Stätte klingen.“

„Doch, Clairefontaine ist nur ein Punkt des Luxemburger Landes!“ flüsterte die Gräfin, „was ist ein Blümlein auf weiter Au? Auch sonstwo müssen Stätten des Gebetes geschaffen und gefördert werden.“ Reichbeladen zogen ihre Boten nach den andern Klöstern, die zur selben Zeit errichtet wurden, nach Differdingen, Bonneweg, Marienthal.

Der erste Teil des Programmes war in die Wege geleitet, und Rhabanus konnte nicht umhin, der Gräfin eines Tages anerkennend das Wort des Lavabopsalmes zuzurufen: „Gnädige Frau, Ihr liebt die Pracht des Hauses Gottes und den Ort, wo seine Herrlichkeit wohnt!“ Aber er versäumte nicht, hinzuzufügen: „Das zweite Gesetz des Christentums aber ist dem ersten gleich: ‚Liebe deinen Nächsten!‘ — Gräfin, sorget auch für das Wohl Eures Volkes!“

Ermesinde lächelte. Auch dieses hatte sie nicht vergessen.

Wo der wahre Frieden im Herzen wohnt, da fühlt sich der Mensch gedrängt, auch andern diese Gottesgabe mitzuteilen und die Segnungen des Friedens weiter auszubreiten. Aber das hatte im damaligen Luxemburg seine besonderen Schwierigkeiten. Die einzelnen Adelshäuser waren von keinem gemeinsamen Band umschlossen. Sie herrschten auf ihren Burgen nebeneinander, und so gab es manchmal Streit und Fehde, und nach außen waren alle schwach. — Wenn es da gelingen könnte, die Einzelnen zusammenzuschließen, eine Einheit zu bilden zu stetem, brüderlichem Zusammenstehen in guten und bösen Tagen ...! —

‚Frisch gewagt, ist halb gewonnen.‘ Auf die Pfingsttage des folgenden Jahres berief die Gräfin Barone und Ritter des Landes zu einem frohen Fest in ihrem Schlosse Luxemburg. „Das Trauerjahr sei vorüber, und in der Lützelburg würde der frühere Glanz unvermindert wieder aufleben.“

Auf Wegen und Stegen zogen die Geladenen herbei. Als habe der Gedanke eines engeren Zusammenschlusses auch ihnen längstens vorgeschwebt, war man einmütig für die Darlegungen der Fürstin eingenommen, und ehe die Teilnehmer an der Tagung auseinandergingen, lagen die Hauptbestimmungen des neuen Staatsverbandes, eidlich bekräftigt, fest. Wie bisher sollten die einzelnen Adelsfamilien ihre Unabhängigkeit weiterführen, in Frieden und Wohlwollen einander treue Nachbarschaft halten und in Gefahren von außen einer für alle und alle für einen einstehen.

Nur eine Frage war auf dieser Pfingstversammlung nicht besprochen worden: die nämlich, wer im neuen Staatsgefüge den Vorrang und ersten Platz einnehmen sollte. Sie fand ihre Lösung auf einer zweiten Verbandstagung in Körich, wo Ermesinde einstimmig zu dieser Ehre bezeichnet wurde und die Anwesenden ihr feierlich huldigten und sich unter Eid verpflichteten, ihren, das Wohl der Gesamtheit betreffenden Anordnungen willigen Gehorsam zu leisten.

Den Abschluß der Feierlichkeiten dieses Jahres bildeten im Spätsommer die Grundsteinlegung des Klosters in Clairefontaine und im Herbst die zweite Vermählung der Fürstin mit dem tapfren Herzog Walram von Limburg, der ihr als Mitgift die Markgrafschaft Arlon und damit eine glückliche Abrundung des Landes gegen Westen mitbrachte.

Unter den Hochzeitsgästen fanden sich die edeln Herren Wilhelm, Verwalter der Bardenburg, Stephan von Betzdorf, Otto von Bissen, Albrecht von Brandenburg, Simon von Clerf, Walter von Weysenburg und viele andere. In den Turnieren und Pferderennen taten sich hervor Robert von Esch, Bernard von Ell und Wirich von Körich. Während der gleichen Festlichkeiten wurden unter allgemeiner Zustimmung Arnold von Hüncheringen, Theodorich von Mersch, Ado von Zolver und Godfried von Daun mit den herrlichen Insignien der neugeschaffenen Würden eines gräflich–luxemburgischen Mundschenken, Truchsessen, Kämmerers und Marschalls bekleidet. Im Kriege aber sollte Arnold von Fels das mit rotem Löwen geschmückte Banner des Luxemburger Landes tragen.

Jubel und Begeisterung erfüllte die Gaue. Reich und arm, hoch und niedrig fühlten, daß sie alle zusammengehörten in guten und bösen Tagen, ein einig Volk von Brüdern.

Währenddessen baute man an den Fundamenten des Klosters unverdrossen weiter. Aber es sollte noch längere Zeit dauern, bis die weiten Räumlichkeiten zur Aufnahme einer geordneten Zisterzienserabtei vollendet wären und damit ein regelrechtes klösterliches Leben in Clairefontaine beginnen könnte. Und so entschlossen sich die ersten bereits vorgemeldeten späteren Schwestern in einem notdürftig auf den Ruinen einer Römervilla errichteten Baues vorläufig Unterkunft zu suchen und dort auf die Vollendung ihrer künftigen Heimat zu warten.

So läutete denn im Frühjahr des folgenden Jahres frühmorgens das Glöcklein der einstigen Klause zum täglichen Chorgebet, zur fleißigen Arbeit und frommen Betrachtung. Unter den Händen der nimmermüden Beterinnen ebneten sich im Tale die Flächen der späteren Wiesen und am Abhang die Etagen des kommenden Klostergartens.

[Illustration: Ruinen der Margaretenkapelle der ehemaligen Abteikirche von Clairefontaine, wo Ermesinde ihre Ruhestätte fand.]

Was Wunder, daß die Gräfin gelegentlich ihrer häufigen Besuche auf der Bardenburg herzlich aufjubelte und, wenn am Abend das traute Aveglöcklein in die Berge schallte, ein inniges Dankgebet zum Himmel sandte!

Mit dem Tode seines Vaters, übernahm Walram die Leitung des Herzogtums Limburg und übergab die volle Verwaltung des Landes Luxemburg in die Hände seiner Gattin. Mehr als je sollte dem Wohlergehen der ganzen Grafschaft gedient werden. Um etwa unter dem Adel ausbrechende Rechtshändel und Streitigkeiten zu schlichten, schuf Ermesinde den Gerichtshof des Adels.

Nicht minder sorgte sie für das gewöhnliche Volk. Die Einwohner von Diedenhofen, Echternach, Luxemburg und vieler anderer Ortschaften erhielten ihre Freiheitsbriefe. Damit wurde ihnen das Recht zugestanden, die Angelegenheiten ihrer Gemeinde selbst zu ordnen und das Vermögen derselben zu verwalten. So traten ihre Bürger aus den Fesseln der Leibeigenschaft heraus und durften nicht mehr von den Schlössern zu willkürlichem Frondienst herangezogen werden. Nur an den Landesherrn hatten sie eine jährliche kleine Abgabe zu entrichten und im Kriegsfalle Heeresdienste zu leisten; im übrigen waren sie selbstständig und unabhängig.

An der Münsterabtei und den Klosterschulen blühte der Unterricht.

Eine Periode des Fortschrittes hatte sich allenthalben aufgetan. Weit und breit förderte die Fürstin den Gedanken des Friedens. Während der ganzen Dauer ihrer Selbstregierung wurde sie auch nicht in einen einzigen Krieg verwickelt. Ganz Luxemburg lebte in Frieden und zehrte von dessen mannigfachem Segen.

* * * * *

[Illustration]

11. Kapitel.

Heim, zum ewigen Frieden

Fünfundzwanzig Jahre hatte die Fürstin mit milder Hand das Zepter des Landes geführt und unverdrossen am Wohlergehen ihres Volkes gearbeitet. Herzog Walram war längstens gestorben. Ihr Sohn, Heinrich der Blonde, war großjährig geworden, und sie konnte daran denken, die Last der Regierung auf seine jüngeren und stärkeren Schultern abzuwälzen.

Ostern 1245 dankte sie ab. Großes Bedauern und rührende Trauer erfüllten das Land. Alle, die an den Hof kamen, klagten weinend ihr Leid. — Warum sie doch, fragte man, auf einen so schönen Thron verzichten und so liebe, anhängliche Untertanen verlassen wolle? — „Ich will mich zur letzten Reise und zum ewigen Frieden vorbereiten,“ lautete ihre Antwort.

Heftiges Schluchzen durchzog den Saal, als Friedrich von Useldingen den versammelten Rittern und Grafen die Abschiedsurkunde vorlas.

Nur eine weinte nicht, Ermesinde. Sie hatte sich seit langem auf diesen Tag gefreut.

Von wenigen Dienern begleitet, zog sie andermorgens zur Bardenburg. Mit jubelnden Lippen flüsterte sie die Worte: „Als Israel wegzog aus Ägypten, dem Lande der Verbannung ...“

Noch waren Kirche und Kloster von Clairefontaine nicht gänzlich fertiggestellt, aber sie gingen ihrer Vollendung entgegen. Mit dem folgenden Jahr hoffte man die Gebäulichkeiten ihrem Zweck übergeben und das kirchliche Klosterleben beginnen zu können. Bis dahin wollte die Fürstin sich den frommen Jungfrauen zugesellen, die seit Jahr und Tag in dem provisorischen Klösterlein an der klaren Quelle unausgesetzt dem Gebet, der Arbeit und strengen Bußübungen oblagen. Mit ihnen würde sie dann selbst in das neue Abteigebäude übersiedeln und ihr mühsames, verdienstreiches Leben teilen.

Doch sollten ihre zuversichtlichen Pläne diesmal keine Erfüllung finden.

* * * * *

Über dem Eischtal lag die Kälte des Winters 1247. Weit und breit lag alles begraben unter Schnee und Eis.

Sonntag war es. In der Kirche hatte man die Messe „_Invocabit_“ gesungen, die da redet vom Wohlergehen dessen, den der Allerhöchste gnädig schützt. Aber nur vom Krankenzimmer aus hatte Ermesinde der tröstlichen Worte lauschen dürfen. Heftige Fieber zehrten an ihren Kräften und ließen für die nächste Zukunft das Schlimmste erwarten.

Da tönte gegen Abend, zu ungewohnter Stunde, das Glöcklein der nahen Kapelle, ernst und wimmernd, in vierfach wiederholten Schlägen. Das war das Zeichen, daß eine der Angehörigen des Klosters sich zur letzten Reise rüstete, daß das Tal der Bardenburg ihr zu eng geworden, und sie nun weiter wolle nach einer größeren, besseren Heimat.

Wehmütig lauschten alle auf. Sie wußten, wem das Zeichen gelten mußte. Denn nach dem Mittagessen hatte die Vorsteherin des Hauses den Vers: „Lasset uns beten für unsere abwesende Schwester“ mit auffallend starkem Nachdruck gesprochen und darnach eine so eigentümlich lange und bedeutungsvolle Pause gemacht.

Schweigend traten sie an die Türe einer ärmlichen Zelle, um in frommem Gebet der sterbenden Fürstin beizustehen.

Schon leuchtete die Sterbekerze. Vor einer Stunde hatte ihr der Pfarrer von Arlon die Tröstungen der Kirche gespendet. Nun liegt sie da in ihrem schwarzweißen Kleide und harrt der nahen Auflösung.

Ein friedliches Lächeln ist über ihre Züge ausgebreitet. Mit dankbarem Blick schaut sie zu den Betenden hinüber. Ist es nicht, als wollte sie sprechen: „Gott sei Dank! Das Sterbeglöcklein hat geläutet! Ich freue mich in dem, was mir gesagt worden ist: „Wir gehen in das Haus des Herrn!“

— „Ziehe hin, christliche Seele, aus dieser Welt! Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden! Heute sei deine Stätte in Frieden und deine Wohnung im heiligen Sion!“ —

Wieder tönt das Glöcklein, noch leiser und langsamer wie zuvor. Ergriffen knien die Anwesenden nieder und flehen eindringlicher für die scheidende Seele.

Friedlich verläßt sie ihre irdische Hülle. Ermesinde ist gestorben.

* * * * *

Weinen und Wehklagen durcheilen das Land. Auf Wegen und Stegen zieht man zur Leiche.

Aber nicht mit irdischem Pomp, in aller Einfachheit wird sie zu Grabe getragen. Dicht an der murmelnden Quelle, wie sie es zeitlebens gewünscht hat, findet sie ihre letzte Ruhestätte.

Nur ein schlichter Sarkophag wurde über ihrer Gruft aufgerichtet. Er trug die Inschrift:

„Hier liegt die hochedle Gräfin Ermesinde, Herrscherin der Länder Luxemburg und Namür. 1216 hat sie dieses Kloster gegründet und ist gestorben im Jahre 1247, am Sonntag, wo man ‚_Invocabit_‘ singt.“

[Illustration: Das 1875 errichtete Grabmal Ermesindens.]

So schlafe denn wohl, edle, tote Fürstin! Im Rauschen der Wälder, beim Murmeln der klaren Quelle, neben dem Bilde der Himmelskönigin, die dir an dieser Stätte gütig zugelächelt, schlafe wohl!

Deine Seele hat sich heimgefunden. Beim Posaunenschall der Engel wirst du erstehen. Im Kreise vieler Hundert weißer, heiliger Schäflein mögest du dann jubelnd heimwärts schweben zum ungetrübten, ewigen Frieden!

[Illustration: Ansicht der ehemaligen Zisterzienserinnenabtei von Clairefontaine.]

[Illustration]

_CLAIREFONTAINE_

1.

Daß sie kühle Ruhe finde, Stieg im Mittagssonnenschein Von der Bardenburg allein Gräfin Ermesinde In das tiefe Tal hinein.

2.

In des Grundes duft’gem Schweigen O, wie liegt der Tag so weit Mit dem schwülen Sonnenleid! Goldig von den Zweigen Träuft der Bann der Einsamkeit.

3.

Nur ein Quell singt träum’risch leise, Durch die Dämm’rung glanzdurchflirrt Dann und wann ein Käfer schwirrt, Und im müden Kreise Ein lichttrunkner Falter irrt.

4.

Langsam folgt die hohe Fraue Dem gewohnten Buchenpfad, Bis sie sich der Lichtung naht, Wo auf sonn’ger Aue Leuchtend steht die Blumensaat.

5.

Doch auch hier im bunten Kreise Alles still und feierlich, Blum’ und Blümlein neigen sich, Nur der Quell singt leise: „Niemand wacht umher als ich.“

6.

Und auch ihr sinkt Kraft und Wille, Müde blickt sie in die Pracht, Auch an ihr übt sachte, sacht In der Mittagsstille Sonnenzauber seine Macht.

7.

An dem Quell läßt sie sich nieder, Wunschbefreit, gedankenlos, Legt die Hände in den Schoß Und die weichen Glieder Lehnt sie auf das weiche Moos.

8.

Neben ihr mit hellem Rieseln Rinnt die Quelle silberrein, Singt und springt ins Tal hinein Unter Schilf und Kieseln — Ei, das liebe Wässerlein!

9.

„Clere fountaine! Clere fountaine!“ Haucht die Gräfin vor sich hin, Dann hüllt Schlummer ihren Sinn. — Clere fountaine! Clere fountaine! Ei, die liebe Schläferin! —

10.

Doch auf einmal, linde, linde Weht ein Hauch durch Strauch und Baum. — An der Quelle kühlem Saum Träumt Frau Ermesinde Einen wunderbaren Traum. —

11.

Durch die Nacht der Bäume schreitend, Naht ein hohes Frauenbild, Wie ein Mutterlächeln mild, Sanften Glanz verbreitend Wie die Lilien im Gefild.

12.

Nicht ein Halm bebt ihrem Tritte, Wie sie durch das Waldgras schwebt, Doch manch Blümlein neubelebt Unter ihrem Schritte Sein glutwelkes Krönchen hebt.

13.

Vor der Gräfin hielt sie inne, Setzt sich an der Quelle Rand, Klatscht in ihre weiße Hand Und mit heiterm Sinne Blickt sie aufwärts unverwandt.

14.

Sieh, da nahte auf das Zeichen Eine märchenhafte Schar: Vorn ein Knab’ im Lockenhaar, Lieblich ohnegleichen, Still und sittig wunderbar.

15.

Hinter ihm auf weichen Füßen Wallten, traulich dicht geschart, Viele Schäfchen süß und zart; Solche zarten, süßen Nimmer sind sie ird’scher Art.

16.

Freudig folgten sie dem Kleinen, Und an seinem Lilienstab Führte sie der Himmelsknab’ Zu dem hohen, reinen, Milden Frauenbild hinab.

17.

Lächelnd saß die hohe Holde, Hieß sie trinken aus dem Quell, Und o Wunder! sonnenhell, Wie vom pursten Golde, Strahlte da ihr Silberfell.

18.

Und den Wald durchfloß ein Klingen, Und entzückend scholl das Lied, Das, wie Sehermund verriet, Der allein darf singen, Der des Lammes Straße zieht. —

19.

Dann verschwinden Kind und Schafe, Eingehüllt in ros’ges Licht, Und die hohe Holde spricht, Während froh im Schlafe Glüht der Gräfin Angesicht:

20.

„Ermesinde,“ spricht sie milde, „Liebe, traute Schäferin, Deute dir mit frommem Sinn, Was du sahst im Bilde, Dir und andern zum Gewinn.

21.

Viele müde Schäfchen schreiten, Die bedrängt des Lebens Zorn; O durch Dürre, Sand und Dorn, Gute Gräfin, leiten Kannst du sie zum Wonneborn.

22.

Himmelsschäfchen, Gottesbräute, Reich an Tugend, groß an Zahl! Richte ihnen hier den Saal! Ermesinde, heute Zog der Herr durch dieses Tal.“ —

23.

Durch die Nacht der Bäume schreitend, Sacht entschwebt das hohe Bild, Wie ein Mütterlächeln mild, Sanften Glanz verbreitend Wie die Lilien im Gefild. —

22.

Rings im bunten, duft’gen Kreise Alles still und feierlich. — Doch da regt die Gräfin sich Und sie murmelt leise: „Gott, wie selig träumte ich!“

25.

Neben ihr mit hellem Rieseln Rinnt die Quelle silberrein, Singt und springt ins Tal hinein Unter Schilf und Kieseln — Heil dir, klares Wässerlein!

26.

„Clere fountaine! Clere fountaine!“ Spricht die Fraue vor sich hin, „Ja, ich faß des Traumes Sinn.“ Clairefontaine! Clairefontaine! Heil dir, edle Gründerin!

_Dr. Nikolaus Welter._

[Illustration: Die auf den Ruinen der Clairefontainer Abtei errichtete Muttergotteskapelle mit Ermesindens Grabmal.]

Inhalt:

1. Kapitel. Die Fahrt zur Jagd Seite 3

2. — Ein verhängnisvoller Schuß 12

3. — Trübe Zeiten 20

4. — Tage der Sonne 25

5. — Zerstörte Glücksträume 30

6. — Untergang? 36

7. — Schwindende Nacht 41

8. — Beim Klausner 49

9. — Sich weitender Weg 60

10. — Nach hohen Zielen 63

11. — Heim, zum ewigen Frieden 68

Clairefontaine 72

[Illustration]

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