Buch IV
. S. 159.
Im Jahr 1624. hörte man in der Luft rufen: “weh, weh über Pommerland!” Am 14. Juli ging des Leinenwebers Frau von Colbatz nach Selow, mit Namen Barbara Sellentius, daselbst Fische zu kaufen. Da sie auf dem Rückwege nach Colbatz unterwegs war, hörte sie den Steig herunter am Berge ein Geschrei von Vögeln, und wie sie besser hinankam, schallte ihr die Stimme entgegen: “höre, höre!” Sie sah mittlerweile ein klein weiß Vögelein, einer Schwalben groß, auf einer Eiche sitzend, das redete sie mit deutlichen, klaren Worten an: “sage dem Hauptmann, daß er soll dem Fürsten sagen, die Anrennung, die er kriegen wird, soll er in Güte vertragen, oder es wird über ihn ausgehen; und soll also richten, daß ers vor Gott und der Welt verantworten kann!”
343.
Der ewige Jud auf dem Matterhorn.
Mündlich, aus Oberwallis.
Der Matterberg unter dem Matterhorn ist ein hoher Gletscher des Walliserlands, auf welchem die Visper entspringt. Der Leutsage nach soll daselbst vor Zeiten eine ansehnliche Stadt gelegen haben. Durch diese kam einmal der +laufende Jud+[16] gegangen und sprach: “wenn ich zum zweitenmal hier durch wandere, werden da, wo jetzt Häuser und Gassen sind, Bäume wachsen und Steine liegen. Und wenn mich zum drittenmal der Weg daher führt, wird nichts da seyn, als Schnee und Eis.” Jetzo ist schon nichts mehr da zu sehen, als Schnee und Eis.
[16] So nennen viele Schweizer den ewigen Juden.
344.
Der Kessel mit Butter.
Mündlich, aus Oberwallis.
Unter einem Berg des Visperthales, nicht weit von Alt-Tesch, soll ein ganzes Dorf mit Kirche und Häusern vergraben liegen, und die Ursache dieses Unglücks wird so erzählt: eine Bäuerin stand vorzeiten an ihrem Heerd und hatte einen Kessel mit Anke, welche sie auslassen wollte, über dem Feuer hangen; der Kessel war gerade halb voll Sud. Da kam ein Mann des Weges vorbei und sprach sie an, daß sie ihm etwas von der Anke zu seiner Speise geben möchte. Die Frau war aber hartherzig und sagte: “ich brauch alles für mich selber und kann nichts davon verschenken.” Da wandte sich der Mann und sprach: “hättest du mir ein weniges gegeben, so wollte ich deinen Kessel so begabt haben, daß er stets bis zum Rand voll gewesen und nimmer leer geworden wäre.” Dieser Mann war unser Herrgott selber. Das Dorf aber war seit der Zeit verflucht und wurde von einem Bergsturz ganz überschüttet, so daß nichts mehr davon am Licht ist, als die Fläche des Kirchen-Altars, der ehdem im Ort gestanden; +über+ den fließt nämlich jetzt das Bächlein, das vorher +unter+ ihm hingeflossen und sich nun durch die Schlucht der Felsen windet.
345.
Trauer-Weide.
Mündlich.
Unser Herr Jesus Christus ward bei seiner Kreuzigung mit Ruthen gegeiselt, die von einem Weidenbaume genommen waren. Seit dieser Zeit senkt dieser Baum seine Zweige trauernd zur Erde und kann sie nicht mehr himmelwärts aufrichten. Das ist nun der Trauer-Weidenbaum.
346.
Das Christus-Bild zu Wittenberg.
Mündlich.
Zu Wittenberg soll sich ein Christus-Bild befinden, welches die wunderbare Eigenschaft hat, daß es immer einen Zoll größer ist, als der, welcher davor steht und es anschaut; es mag nun der größte oder der kleinste Mensch seyn.
347.
Das Muttergottes-Bild am Felsen.
Mündlich, aus Oberwallis.
Im Visperthal an einer schroffen Felsenwand des Rätibergs hinter St. Niklas stehet hoch oben, den Augen kaum sichtbar, ein kleines Marienbild im Stein. Es stand sonst unten am Weg in einem jetzt leeren Capellchen, daß die vorbeigehenden Leute davor beten konnten. Einmal aber geschahs, daß ein gottloser Mensch, dessen Wünsche unerhört geblieben waren, Koth nahm und das heilige Bild damit bewarf; es weinte Thränen: als er aber den Frevel wiederholte, da eilte es fort, hoch an die Wand hinauf und wollte sich auf das Flehen der Leute nicht wieder herunter begeben. Den Fels hinanzuklimmen und es zurückzuhohlen, war ganz unmöglich; eher, dachten die Leute, könnten sie ihm oben vom Gipfel herab nahen, erstiegen den Berg und wollten einen Mann mit starken Stricken umwunden so weit hernieder schweben lassen, bis er vor das Bild käme und es in Empfang nehmen könnte. Allein im Herunterlassen wurde der Strick, woran sie ihn oben festhielten, unten zu immer dünner und dünner, ja als er eben dem Bild nah kam, so dünn wie ein Haar, daß den Menschen eine schreckliche Angst befiel und er hinaufrief: sie sollten ihn um Gotteswillen zurückziehen, sonst wär er verloren. Also zogen sie ihn wieder hinauf und die Seile erlangten zusehends die vorige Stärke. Da mußten die Leute von dem Gnadenbild abstehen und bekamen es nimmer wieder.
348.
Das Gnadenbild aus dem Lerchenstock zu Waldrast.
Tyroler Sammler V. 1809. S. 251-265. aus der Volkssage und dem waldraster Protocoll.
Im Jahr 1392. sandte die große Frau im Himmel einen Engel aus nach Tyrol in die Waldrast auf dem Serlesberg. Der trat vor einen hohlen Lerchenstock und sprach zu ihm im Namen der Gottesmutter:
“du Stock sollst der Frauen im Himmel Bild fruchten!”
Das Bild wuchs nun im Stock und zwei fromme Hirtenknaben, Hänsle und Peterle aus dem Dorfe Mizens, gewahrten sein zuerst im Jahr 1407. Verwundert liefen sie hinab zu den Bauern und erzählten: “gehet auf das Gebirg, da stehet etwas wunderbarliches im hohlen Stock, wir trauten uns nicht es anzurühren.” Das heilige Bild wurde nun erkannt, mit einer Säge aus dem Stock geschnitten und einstweilen nach Matrey gebracht. Da stund es, bis daß ihm eine eigene Kirche zur Waldrast selbst gebauet wurde, dazu bediente sich U. L. F. eines armen Holzhackers Namens Lusch, gesessen zu Matrey. Als der eines Pfingsttags Nacht an seinem Bett lag und schlief, kam eine Stimme, redete zu dreienmalen und sprach: “schläfst du oder wachst du?” Und beim drittenmal erwachte er und frug: “wer bist du oder was willst du?” Die Stimme sprach: “du sollst aufbringen eine Capelle in der Ehre U. L. F. auf der Waldrast.” Da sprach der Holzhauer: “das will ich nit thun.” Aber die Stimme kehrte wieder zu der andern Pfingsttagnacht und redete mit ihm in der Maas als zuvor. Da sprach er: “ich bin zu arm dazu.” Da kam die Stimme zu der dritten Pfingsttagnacht abermal an sein Bett und redete als vor. Also hatte er dreier Nacht keine vor Sorgen geschlafen und antwortete der Stimme: “wie meinest du’s, daß du nicht von mir willt lassen?” Da sprach die Stimme: “du sollt es thun.” Da sprach er: “ich will sein nit thun!” Da nahm es ihn und hob ihn gerad auf in die Höhe und sagte: “du sollt es nun thun, berathe dich drum!” Da gedacht er: “o ich armer Mann, was rath ich, daß ichs recht thue?” und sprach, er wollte es thun, wo er nur die rechte Stätte wüßte. Die Stimme sprach: “im Wald ist ein grüner Fleck im Moose, da leg dich nieder und raste, so wird dir wohl kund gethan die rechte Stätte.” Der Holzhauer machte sich auf, legte sich hin auf das Moos und rastete, (davon heißt der Ort: die Rast im Walde, +Waldrast+.) Wie er entschlafen war, hörte er im Schlaf zwei Glöckel. Da wachte er und sah vor sich auf dem Flecken, da jetzund die Kirch stehet, eine Frau in weißen Kleideren und hätte ein Kind am Arm, deß ward ihm nur ein Blick[17]. Da gedachte er: allmächtiger Gott, da ist freilich die rechte Statt! und ging auf die Statt, da er das Bild gesehen hatte, und merkts aus, nach dem als er vermeinte eine Kirche zu machen, und die Glöckel klungen, bis er ausgemerkt hatte, hernach hörte er sie nicht mehr. Da sprach er: “lieber Gott, wie soll ichs verbringen? ich bin arm und habe kein Gut, da ich solchen Bau mit verbringen möge.” Da sprach wiederum die Stimme: “so geh zu frommen Leuten, die geben dir wohl alsoviel, daß du es verbringst. Und wann es beschiehet, daß man es weihen soll, da wird es stillstehen 36 Jahr, darnach wird es fürgäng und werden große Zeichen da geschehen zu ewigen Zeiten.” Und da er die Capelle anfangen wollte zu machen, ging er zu seinem Beichtvater und thät ihm das kund. Da schuf er ihn vor den Bischof Ulrich gen Brixen, da ging er zu fünfmalen gen Brixen, daß ihm der Bischof den Bau und die Capelle zu machen erlaubte. Das thät der Bischof und ist beschehen am Erchtag (Dienstag) vor S. Pancratius im Jahr 1409.
[17] d. h. er sah die Erscheinung nur einen Augenblick.
349.
Ochsen zeigen die heilige Stätte.
+Kasthofen+ in den Alpenrosen 1813. S. 188.
Bei Matten, einem Dorfe unweit der Mündung des Fermelthals in der Schweiz, liegt ein gewaltiges zerstörtes steinernes Gebäude, davon geht folgende Sage: Vor alten Zeiten wollte die Gemeinde dem heiligen Stephan eine Kirche bauen und man ersah den Platz aus, wo das Mauerwerk steht. Aber jede Nacht wurde zum Schrecken aller wiederum zerstört, was den Tag über die fleißigen Thal-Leute aufgeführt hatten. Da beschloß die Gemeinde unter Gebäten die Werkzeuge des Kirchenbaus einem ins Joch gespannten Ochsenpaare aufzulegen, wo das stillstehen würde, wollten sie Gottes Finger darin erblicken und die Kirche an dem Ort aufbauen. Die Thiere gingen über den Fluß und blieben da stehen, wo nun die Kirche St. Stephan vollendet ward.
350.
Notburga.
Notburga, eine heilige Magd auf dem Schloß Rottenburg. Auf öffentl. Schaubühne vorgestellt den 17. Septbr. 1738.
Süddeutsche Miscellen 1813. März Nr. 26.
Miscellen für die neuste Weltkunde 1810. Nr. 44.
Im untern Innthale Tirols liegt das Schloß +Rottenburg+, auf welchem vor alten Zeiten bei einer adlichen Herrschaft eine fromme Magd diente, +Notburga+ genannt. Sie ward mildthätig und theilte, so viel sie immer konnte, unter die Armen aus und weil die habsüchtige Herrschaft damit unzufrieden war, schlugen sie das fromme Mägdlein und jagten es endlich fort. Es begab sich zu armen Bauersleuten auf den nah gelegenen Berg +Eben+; Gott aber strafte die böse Frau auf Rottenburg mit einem jähen Tod. Der Mann fühlte nun das der Notburga angethane Unrecht und holte sie von dem Berge Eben wieder zu sich nach Rottenburg, wo sie ein frommes Leben führte, bis die Engel kamen und sie in den Himmel abholten. Zwei Ochsen trugen ihren Leichnam über den Innstrom und obgleich sein Wasser sonst wild tobt, so war er doch, als die Heilige sich näherte, ganz sanft und still. Sie wurde in der Capelle des heil. Ruprecht beigesetzt.
Am Neckar geht eine andere Sage. Noch stehen an diesem Flusse Thürme und Mauern der alten Burg +Hornberg+, darauf wohnte vorzeiten ein mächtiger König mit seiner schönen und frommen Tochter +Notburga+. Diese liebte einen Ritter und hatte sich mit ihm verlobt; er war aber ausgezogen in fremde Lande und nicht wiedergekommen. Da beweinte sie Tag und Nacht seinen Tod und schlug jeden andern Freier aus, ihr Vater aber war hartherzig und achtete wenig auf ihre Trauer. Einmal sprach er zu ihr: “bereite deinen Hochzeitschmuck, in drei Tagen kommt ein Bräutigam, den ich dir ausgewählt habe.” Notburga aber sprach in ihrem Herzen: “eh will ich fortgehen, so weit der Himmel blau ist, als ich meine Treue brechen sollte.”
In der Nacht darauf, als der Mond aufgegangen war, rief sie einen treuen Diener und sprach zu ihm: “führe mich die Waldhöhe hinüber nach der Capelle St. Michael, da will ich, verborgen vor meinem Vater, im Dienste Gottes das Leben beschließen.” Als sie auf der Höhe waren, rauschten die Blätter und ein schneeweißer Hirsch kam herzu und stand neben Notburga still. Da setzte sie sich auf seinen Rücken, hielt sich an sein Geweih und ward schnell von ihm fortgetragen. Der Diener sah, wie der Hirsch mit ihr über den Neckar leicht und sicher hinüberschwamm und drüben verschwand.
Am andern Morgen, als der König seine Tochter nicht fand, ließ er sie überall suchen und schickte Boten nach allen Gegenden aus, aber sie kehrten zurück, ohne eine Spur gefunden zu haben; und der treue Diener wollte sie nicht verrathen. Aber als es Mittagszeit war, kam der weiße Hirsch auf Hornberg zu ihm und als er ihm Brot reichen wollte, neigte er seinen Kopf, damit er es ihm an das Geweih stecken mögte. Dann sprang er fort und brachte es der Notburga hinaus in die Wildniß und so kam er jeden Tag und erhielt Speise für sie; viele sahen es, aber niemand wußte, was es zu bedeuten hatte, als der treue Diener.
Endlich bemerkte der König den weißen Hirsch und zwang dem Alten das Geheimniß ab. Andern Tags zur Mittagszeit setzte er sich zu Pferd und als der Hirsch wieder die Speise zu holen kam und damit forteilte, jagte er ihm nach, durch den Fluß hindurch, bis zu einer Felsenhöhle, in welche das Thier sprang. Der König stieg ab und ging hinein, da fand er seine Tochter, mit gefaltenen Händen vor einem Kreuz kniend, und neben ihr ruhte der weiße Hirsch. Da sie vom Sonnenlicht nicht mehr berührt worden, war sie todtenblaß, also daß er vor ihrer Gestalt erschrack. Dann sprach er: “kehre mit nach Hornberg zurück;” aber sie antwortete: “ich habe Gott mein Leben gelobt und suche nichts mehr bei den Menschen.” Was er noch sonst sprach, sie war nicht zu bewegen und gab keine andere Antwort. Da gerieth er in Zorn und wollte sie wegziehen, aber sie hielt sich am Kreuz, und als er Gewalt brauchte, löste sich der Arm, an welchem er sie gefaßt, vom Leibe und blieb in seiner Hand. Da ergriff ihn ein Grausen, daß er fort eilte und sich nimmer wieder der Höhle zu nähern begehrte.
Als die Leute hörten, was geschehen war, verehrten sie Notburga als eine Heilige. Büßende Sünder schickte der Einsiedler bei der St. Michael-Capelle, wenn sie bei ihm Hilfe suchten, zu ihr: sie bätete mit ihnen und nahm die schwere Last von ihrem Herzen. Im Herbst, als die Blätter fielen, kamen die Engel und trugen ihre Seele in den Himmel; die Leiche hüllten sie in ein Todten-Gewand und schmückten sie, obgleich alle Blumen verwelkt waren, mit blühenden Rosen. Zwei schneeweiße Stiere, die noch kein Joch auf dem Nacken gehabt, trugen sie über den Fluß ohne die Hufe zu benetzen und die Glocken in den nahliegenden Kirchen fingen von selbst an zu läuten. So ward der Leichnam zur St. Michael-Capelle gebracht und dort begraben. In der Kirche des Dorfs Hochhausen am Neckar steht noch heute das Bild der heil. Notburga in Stein gehauen. Auch die Notburga-Höhle, gemeinlich Jungfern-Höhle geheißen, ist noch zu sehen und jedem Kind bekannt.
Nach einer andern Erzählung war es König Dagobert, der zu Mosbach Hof gehalten, welchem seine Tochter Notburga entfloh, weil er sie mit einem heidnischen Wenden vermählen wollte. Sie ward mit Kräutern und Wurzeln von einer Schlange in der Felsenhöhle ernährt, bis sie darin starb. Schweifende Irrlichter verriethen das verstolene Grab und die Königstochter ward erkannt. Den mit ihrer Leiche beladenen Wagen zogen zwei Stiere fort und blieben an dem Orte stehen, wo sie jetzt begraben liegt und den eine Kirche umschließt. Hier geschehen noch viele Wunder. Das Bild der Schlange befindet sich gleichfalls an dem Stein zu Hochhausen. Auf einem Altargemälde daselbst ist aber Notburga mit ihren schönen Haaren vorgestellt, wie sie zur Sättigung der väterlichen Rachgierde enthauptet wird.
351.
Mauerkalk mit Wein gelöscht.
~+Cuspinianus+ hist. Austr. ex relatione seniorum.~
+Aelurius+ glätzische Chronik. Buch ~II. cap. 2. p. 97.~
Im Jahr 1450. wuchsen zu Oestreich so sauere Trauben, daß die meisten Bürgersleute den gekelterten Wein in die offene Straße ausschütteten, weil sie ihn seiner Herbheit halben nicht trinken mochten. Diesen Wein nannte man +Reifbeißer+; nach einigen, weil der Reif die Trauben verderbt, nach andern, weil der Wein die Dauben und Reife der Fässer mit seiner Schärfe gebissen hätte. Da ließ Friedrich III., römischer König, ein Gebot ausgehen, daß niemand so die Gabe Gottes vergießen solle und wer den Wein nicht trinken möge, habe ihn auf den Stephanskirchhof zu führen, da solle der Kalk im Wein gelöscht und die Kirche damit gebaut werden.
Zu Glatz, gegen dem böhmischen Thor wärts, stehet ein alter Thurm, rund und ziemlich hoch; man nennet ihn Heidenthurm, weil er vor uralten Zeiten im Heidenthum erbaut worden. Er hat starke Mauern und soll der Kalk dazu mit eitel Wein zubereitet worden seyn.
352.
Der Judenstein.
Mündlich, aus Wien.
Des tirol. Adlers immergrünendes Ehrenkränzel. durch F.A. Grafen von +Brandis+. Botzen 1678. 4. S. 128.
+Schmiedt’s+ heiliger Ehren-Glanz der Grafschaft Tirol. Augsburg 1732. 4. II. 154-167.
Im Jahr 1462 ist es zu Tirol im Dorfe Rinn geschehen, daß etliche Juden einen armen Bauer durch eine große Menge Geld dahin brachten, ihnen sein kleines Kind hinzugeben. Sie nahmen es mit hinaus in den Wald und marterten es dort auf einem großen Stein, seitdem der +Judenstein+ genannt, auf die entsetzlichste Weise zu todt. Den zerstochenen Leichnam hingen sie darnach an einen unfern einer Brücke stehenden Birkenbaum. Die Mutter des Kindes arbeitete gerade im Felde, als der Mord geschah; auf einmal kamen ihr Gedanken an ihr Kind und ihr wurde, ohne daß sie wußte warum, so angst: indem fielen auch drei frische Blutstropfen nach einander auf ihre Hand. Voll Herzensbangigkeit eilte sie heim und begehrte nach ihrem Kind. Der Mann zog sie in die Kammer, gestand, was er gethan und wollte ihr nun das schöne Geld zeigen, das sie aus aller Armuth befreie, aber es war all in Laub verwandelt. Da ward der Vater wahnsinnig und grämte sich todt, aber die Mutter ging aus und suchte ihr Kindlein, und als sie es an dem Baume hangend gefunden, nahm sie es unter heißen Thränen herab und trug es in die Kirche nach Rinn. Noch jetzt liegt es dort und wird vom Volk als ein heiliges Kind betrachtet. Auch der Judenstein ist dorthin gebracht. Der Sage nach hieb ein Hirt den Baum ab, an dem das Kindlein gehangen, aber, als er ihn nach Haus tragen wollte, brach er ein Bein und mußte daran sterben.
353.
Das von den Juden getödtete Mägdlein.
~+Thomae Cantipratani+ bonum universale de apibus. Duaci 1627. 8. p. 303.~
vgl. +Gehre’s+ pforzheimer Chronik S. 18-24.
Im Jahr 1267. war zu Pforzheim eine alte Frau, die verkaufte den Juden aus Geitz ein unschuldiges, siebenjähriges Mädchen. Die Juden stopften ihm den Mund, daß es nicht schreien konnte, schnitten ihm die Adern auf und umwanden es, um sein Blut aufzufangen, mit Tüchern. Das arme Kind starb bald unter der Marter und sie warfens in die Enz, eine Last von Steinen oben drauf. Nach wenig Tagen reckte Margrethchen ihr Händlein über dem fließenden Wasser in die Höhe; das sahen die Fischer und entsetzten sich; bald lief das Volk zusammen und auch der Markgraf selbst. Es gelang den Schiffern, das Kind herauszuziehen, das noch lebte, aber nachdem es Rache über seine Mörder gerufen, in den Tod verschied. Der Argwohn traf die Juden, alle wurden zusammengefodert und wie sie dem Leichnam nahten, floß aus den offenen Wunden stromweise das Blut. Die Juden und auch das alte Weib bekannten die Unthat und wurden hingerichtet. Beim Eingang der Schloßkirche zu Pforzheim, da wo man die Glockenseile zum Geläut ziehet, stehet der Sarg des Kindes mit einer Inschrift. Unter der Schifferzunft hat sich von Kind zu Kind einstimmig die Sage fortgepflanzt, daß damals der Markgraf ihren Vorfahren zur Belohnung die Wachtfreiheit, “so lang Sonne und Mond leuchten” in der Stadt Pforzheim und zugleich das Vorrecht verliehen habe, daß alle Jahre am Fastnachtsmarkt vier und zwanzig Schiffer mit Waffen und klingendem Spiel aufziehen und an diesem Tag Stadt und Markt allein bewachen sollen. Dies gilt auf den heutigen Tag.
354.
Die vier Hufeisen.
+Otmar+ S. 115-118.
Zu Ellrich waren ehdem an der Thüre der alten Kirche vier ungeheure Hufeisen festgenagelt und wurden von allen Leuten angestaunt; seit die Kirche eingefallen ist, werden sie in des Pfarrers Wohnung aufbewahrt. Vor alten Zeiten soll Ernst Graf zu Klettenberg eines Sonntagmorgens nach Ellrich geritten seyn, um dort durch Trinken den ausgesetzten Ehrenpreis einer Goldkette zu gewinnen. Er erlangte auch den Dank vor vielen andern und die Kette über den Hals angethan wollte er durch das Städtlein nach Klettenberg zurückkehren. In der Vorstadt hörte er in der Niclaskirche die Vesper singen; im Taumel reitet er durch die Gemeinde bis vor den Altar; kaum betritt das Roß dessen Stufen, so fallen ihm plötzlich alle vier Hufeisen ab und es sinkt sammt seinem Reiter nieder.
355.
Der Altar zu Seefeld.
Mündlich, aus Wien.
Von dem hoch und weitberühmten Wunderzeichen, so sich mit dem Altar in Seefeld in Tirol im Jahr 1384. zugetragen. Dillingen. 1580. und Innsbr. 1603. 4.
In Tirol nicht weit von Innsbruck liegt Seefeld, eine alte Burg, wo im vierzehnten Jahrhundert Oswald Müller, ein stolzer und frecher Ritter wohnte. Dieser verging sich im Uebermuthe so weit, daß er im Jahr 1384 an einem grünen Donnerstag mit der ihm, im Angesicht des Landvolks und seiner Knechte in der Kirche gereichten Hostie nicht vorlieb nehmen wollte, sondern eine größere, wie sie die Priester sonst haben, vom Capellan für sich foderte. Kaum hatte er sie empfangen, so hub der steinharte Grund vor dem Altar an, unter seinen Füßen zu wanken. In der Angst suchte er sich mit beiden Händen am eisernen Geländer zu halten, aber es gab nach, als ob es von Wachs wäre, also daß sich die Fugen seiner Faust deutlich ins Eisen drückten. Ehe der Ritter ganz versank, ergriff ihn die Reue, der Priester nahm ihm die Hostie wieder aus dem Mund, welche sich, wie sie des Sünders Zunge berührt, alsbald mit Blut überzogen hatte. Bald darauf stiftete er an der Stätte ein Kloster und wurde selbst als Laie hineingenommen. Noch heute ist der Griff auf dem Eisen zu sehen und von der ganzen Geschichte ein Gemählde vorhanden.
Seine Frau, als sie von dem heimkehrenden Volk erfuhr, was sich in der Kirche zugetragen, glaubte nicht daran, sondern sprach: “das ist so wenig wahr, als aus dem dürren und verfaulten Stock da Rosen blühen können.” Aber Gott gab ein Zeichen seiner Allmacht und alsbald grünte der trockne Stock und kamen schöne Rosen, aber schneeweiße, hervor. Die Sünderin riß die Rosen ab und warf sie zu Boden, in demselben Augenblick ergriff sie der Wahnsinn und sie rannte die Berge auf und ab, bis sie andern Tags todt zur Erde sank.
356.
Der Sterbensstein.
Kleine Gemälde der Schweiz von +Appenzeller+. Winterthur 1810. S. 172.
In Oberhasli auf dem Weg nach Gadmen, unweit Mayringen, liegt am Kirchetbuel, einer engen Felsschlucht, durch welche vor Jahrhunderten sich die trübe Aar wälzte, ein Stein auf der Erde, in welchem sich eine von einer Menschenhand eingedrückte Form von mehrern Fingern zeigt. Vorzeiten, erzählt das Volk, fiel hier eine Mordthat vor; die Unglückliche suchte sich daran festzuhalten und drückte die Spuren des gewaltsamen Sterbens dem Stein ein.
357.
Sündliche Liebe.
+Falkenstein+ thüring. Chronik I. 218. 219.
Auf dem Petersberge bei Erfurt ist ein Begräbniß von Bruder und Schwester, die auf dem etwas erhabenen Leichensteine abgebildet sind. Die Schwester war so schön, daß der Bruder, als er eine Zeitlang in der Fremde zugebracht und wiederkam, eine heftige Liebe zu ihr faßte und mit ihr sündigte. Beiden riß alsbald der Teufel das Haupt ab. Auf dem Leichensteine wurden ihre Bildnisse ausgehauen, aber die Köpfe verschwanden auch hier von den Leibern und es blieb nur der Stachel, woran sie befestiget waren. Man setzte andere von Messing darauf, aber auch diese kamen fort, ja, wenn man nur mit Kreide Gesichter darüber zeichnete, so war andern Tags alles wieder ausgelöscht.
358.
Der schweidnitzer Rathsmann.
+Lucä+ schles. Denkwürdigk. Fft. 1689. 4. S. 920. 921.
Es lebte vorzeiten ein Rathsherr zu Schweidnitz, der mehr das Gold liebte als Gott, und eine Dohle abgerichtet hatte, durch eine ausgebrochene Glasscheibe des vergitterten Fensters in die seinem Hause grad gegenüber liegende Rathskämmerei einzufliegen und ihm ein Stück Geld daraus zu hohlen. Das geschah jeden Abend und sie brachte ihm eine der goldnen oder silbernen Münzen, die gerade von der Stadt Einkünften auf dem Tische lagen, mit ihrem Schnabel getragen. Die andern Rathsbedienten gewahrten endlich der Verminderung des Schatzes, beschlossen dem Dieb aufzulauern und fanden bald, daß die Dohle nach Sonnenuntergang geflogen kam und ein Goldstück wegpickte. Sie zeichneten darauf einige Stücke und legten sie hin, die von der Dohle nach und nach gleichfalls abgeholt wurden. Nun saß der ganze Rath zusammen, trug die Sache vor und schloß dahin, falls man den Dieb herausbringen würde, so sollte er oben auf den Kranz des hohen Rathhausthurms gesetzt und verurtheilt werden, entweder oben zu verhungern oder bis auf den Erdboden herabzusteigen. Unterdessen wurde in des verdächtigen Rathsherrn Wohnung geschickt und nicht nur der fliegende Bote, sondern auch die gezeichneten Goldstücke gefunden. Der Missethäter bekannte sein Verbrechen, unterwarf sich willig dem Spruch, den man, angesehen sein hohes Alter, lindern wollte, welches er nicht zugab, sondern stieg vor aller Leute Augen mit Angst und Zittern auf den Kranz des Thurms. Beim Absteigen unterwärts kam er aber bald auf ein steinern Gelender, konnte weder vor noch hinter sich und mußte stehen bleiben. Zehn Tage und Nächte stand der alte, arme Greis da zur Schau, daß es einen erbarmte, ohne Speis und Trank, bis er endlich vor großem Hunger sein eigen Fleisch von den Händen und Armen abnagte und reu- und bußfertig durch solchen grausamen, unerhörten Tod sein Leben endigte. Statt des Leichnams wurde in der Folge sein steinernes Bild nebst dem der Dohle auf jenes Thurmgelender gesetzt. 1642 wehte es ein Sturmwind herunter, aber der Kopf davon soll noch auf dem Rathhaus vorhanden seyn.
359.
Regenbogen über Verurtheilten.
+Westenrieder’s+ histor. Kalender 1803.
Als im Juni 1621. zu Prag sieben und zwanzig angesehene Männer, welche in den böhmischen Aufruhr verwickelt waren, sollten hingerichtet werden, rief einer derselben, Joh. Kutnauer, Bürgerhauptmann in der Altstadt, inständig zum Himmel empor, daß ihm und seinen Mitbürgern ein Zeichen der Gnade gegeben werde, und mit so viel Vertrauen, daß er sprach, er zweifle gar nicht, ein solches zu erhalten. Als nun der Vollzug der Todesstrafen eben beginnen sollte, erschien nach einem kleinen Regen, über dem sogenannten Lorenz-Berge ein kreuzweis übereinander gehender Regenbogen, der bei einer Stunde zum Troste der Verurtheilten stehen blieb.
360.
Gott weint mit dem Unschuldigen.
Mündlich, aus Hessen.
In Hanau ward zu einer Zeit eine Frau wegen eines schweren Verbrechens angeklagt und zum Tod verurtheilt. Als sie auf den Richtplatz kam, sprach sie: “wie der Schein auch gegen mich gezeugt hat, ich bin unschuldig, so gewiß, als Gott jetzt mit mir weinen wird.” Worauf es von heiterem Himmel zu regnen anfing. Sie ward gerichtet, aber später kam ihre Unschuld an den Tag.
361.
Gottes Speise.
+Luther’s+ Tisch-Reden S. 90 b. 91 a.
Nicht weit von Zwickau im Voigtlande hat sich in einem Dorf zugetragen, daß die Eltern ihren Sohn, einen jungen Knaben, in den Wald geschickt, die Ochsen, so allda an der Weide gegangen, heimzutreiben. Als aber der Knabe sich etwas gesäumt, hat ihn die Nacht überfallen, ist auch dieselbe Nacht ein großer tiefer Schnee herabgekommen, der allenthalben die Berge bedeckt hat, daß der Knabe vor dem Schnee nicht hat können aus dem Wald gelangen. Und als er auch des folgenden Tags nicht heim kommen, sind die Eltern nicht so sehr der Ochsen, als des Knaben wegen, nicht wenig bekümmert gewesen und haben doch vor dem großen Schnee nicht in den Wald dringen können. Am dritten Tag, nachdem der Schnee zum Theil abgeflossen, sind sie hinausgegangen, den Knaben zu suchen, welchen sie endlich gefunden an einem sonnigten Hügel sitzen, an dem gar kein Schnee gelegen. Der Knab, nachdem er die Eltern gesehen, hat sie angelacht und als sie ihn gefragt, warum er nicht heimgekommen? hat er geantwortet, er hätte warten wollen, bis es Abend würde; hat nicht gewußt, daß schon ein Tag vergangen war, ist ihm auch kein Leid widerfahren. Da man ihn auch gefragt, ob er etwas gegessen hätte, hat er berichtet, es sey ein Mann zu ihm kommen, der ihm Käs und Brot gegeben habe. Ist also dieser Knabe sonder Zweifel durch einen Engel Gottes gespeist und erhalten worden.
362.
Die drei Alten.
Mitgetheilt von +Schmidt+ aus Lübek, im Freimüthigen 1809. Nr. 1.
Im Herzogthum Schleswig, in der Landschaft Angeln, leben noch Leute, die sich erinnern, nachstehende Erzählung aus dem Munde des vor einiger Zeit verstorbenen, durch mehrere gelehrte Arbeiten bekannten Pastor Oest gehört zu haben; nur weiß man nicht, ob die Sache ihm selbst, oder einem benachbarten Prediger begegnet sey. Mitten im 18. Jahrhundert geschah es, daß der neue Prediger die Markung seines Kirchsprengels umritt, um sich mit seinen Verhältnissen genau bekannt zu machen. In einer entlegenen Gegend stehet ein einsamer Bauernhof, der Weg führt hart am Vorhof der Wohnung vorbei. Auf der Bank sitzt ein Greis mit schneeweißem Haar und weint bitterlich. Der Pfarrer wünscht ihm guten Abend und fragt: was ihm fehle? “Ach,” gibt der Alte Antwort, “mein Vater hat mich so geschlagen.” Befremdet bindet der Prediger sein Pferd an und tritt ins Haus, da begegnet ihm auf der Flur ein Alter, noch viel greiser als der erste, von erzürnter Gebärde und in heftiger Bewegung. Der Prediger spricht ihn freundlich an und fragt nach der Ursache des Zürnens. Der Greis spricht: “ei, der Junge hat meinen Vater fallen lassen!” Damit öffnet er die Stubenthüre, der Pfarrer verstummt vor Erstaunen und sieht einen vor Alter ganz zusammengedrückten, aber noch rührigen Greis im Lehnstuhl hinterm Ofen sitzen.
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+Druckfehler.+
S. 71. Zeile 3. Statt ~Vormius mons.~ lies: ~+Wormius monim+~. S. 137. -- 10. von unten st. behütet +es+ l. behütet +er+.
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