Chapter 11 of 11 · 29713 words · ~149 min read

Zwölftes Kapitel

Müde und traurig saß die Lehrerin an diesem Nachmittag in ihrem Heim. Es war ja bald alles vorüber, dann kam die Matura, dann gingen die Mädchen aus dem großen weißen Haus. Alle. Sie, die sie so getäuscht hatten mit ihren glatten, kindlichen Antlitzen, und die sich längst mit erbärmlichem Vergnügen den schändenden Erlebnissen der Erwachsenen hingaben. Die anderen auch, die ihr nur fremd geworden waren. Sie alle hatte sie geliebt, ihnen allen hatte sie die große, zärtliche Liebe ihres mütterlichen Herzens gegeben. Und so sehr sie an allem litt, was sie nun von diesen Kindern wußte, noch immer liebte sie und war bereit, dieser Jugend jedes Opfer zu bringen, das sie erretten konnte.

Aber das kleine Fräulein mußte es in einer tiefen, bitteren Mutlosigkeit zugeben: sie wußte nicht, wie man dieser Jugend helfen konnte. Und darum quälte sie der Gedanke, daß auch sie selbst vielleicht daran schuld war, daß so viele dieser Kinder sich an so schändliche Erlebnisse verloren hatten.

Sie wußte zu wenig von ihnen, wußte nicht, was es war, das diese so ungeduldig hinaus aus dem Garten ihrer Kindheit stürmen ließ.

Schule und Elternhaus standen sich ja fast feindlich gegenüber, zumindest aber mit tiefer Gleichgültigkeit. Sie hatte kein anderes Recht an diese Kinder, als sie zu lehren. Sie mußte sie alle täglich aus dem weißen Hause hinaus in ein Leben entlassen, das sie nicht kannte, zu Eltern, die niemals ein tieferes Verhältnis zu ihr suchten. Sie mußte ihre Lieblinge immer wieder nach den Stunden engster Vertrautheit hergeben, die eine an ein haßverstörtes Elternhaus, in dem der erbitterte Kampf zwischen Jugend und Alter tobte, die andere an eines, das von stumpfer Gleichgültigkeit erfüllt war.

Oh, wenn sie manchem dieser jungen Wesen wirklich hätte Mutter sein dürfen, Mutter in jenem einen Sinne, den die wenigsten dieser Frauen erfühlten, denen Gott das große Glück geschenkt hatte, Kinder zu haben.

Denn das eine wußte Fräulein Dr. Südekum aus den vielen Beichten, die in früheren Jahren von bebenden blassen Kinderlippen zu ihr geströmt waren: sie waren sehr, sie waren schmerzlich allein, diese Kinder, die fast alle einer Umwelt entstammten, die man glänzend nannte, weil sie von der äußeren Not verschont blieb. Aber ihre Eltern hatten durch die leeren gesellschaftlichen Verpflichtungen ihres Daseins meist weniger Zeit für sie als die Proletarierfrauen, die für ihre Kinder tagsüber das Brot verdienen mußten. Sie hatten aber vor allem keine Lust, sich der unbequemen Aufgabe zu unterziehen, den schwierigen Weg ihrer Kinder durch die Jahre der Verwirrung mitzugehen. Man hatte Geld, und die sogenannte Erziehung war etwas, was man kaufen konnte. Nur, daß Erziehung vielleicht tausendmal unwichtiger war als die Liebe, die diese Kinder daheim entbehrten, das wußten sie nicht.

Aber war es nicht auch so, daß diese Jugend anders war als die einer früheren Zeit? daß viele von den Mädchen in Elternhaus und Schule nur unbequeme Feinde sahen, die hindern wollten, das sich zu nehmen, wonach man schon ungeduldig verlangte?

Ja, war denn dies alles überhaupt zu verstehen? Oder hatte sich alles so vollkommen gewandelt? Das hatte es ja schon immer gegeben, daß die Mädchen sich so veränderten im letzten Jahre und noch früher, – es war auch vorgekommen in den vergangenen Jahren, daß man von der und jener erfuhr, daß sie mit Herren Rendezvous habe. Und in der früheren Klasse, mit der sie auch von der ersten in die letzte aufgestiegen war, war es vorgekommen, daß ein Mädchen hatte von der Anstalt entfernt werden müssen, weil sie ...

Ja, damals war auch so eine Sache mit einem Schauspieler gewesen. Aber das alles waren doch so vereinzelte Vorkommnisse, daß man sie hinnahm wie den plötzlichen Tod einer Schülerin.

Aber solche Dinge! Gleich sieben Mädchen in einer Klasse, die zu Männern gingen, mit ihnen Verhältnisse hatten! Die Erna Petersen, damals, – der hysterische Anfall der Erika Meyer, nein, es war zu viel!

Angestrengt dachte Fräulein Dr. Südekum nach. Nein, die Welt mußte sich wirklich verändert haben, denn in ihrer eigenen Jugend war doch alles ganz anders gewesen. Dies war ihr unverständlich und fremd. Und doch war auch sie einmal jung gewesen.

Aber niemals hatte sie solche Dinge gedacht und empfunden, wie sie diese Kinder in ihren Tagebüchern enthüllten, wie sie aus dem Flüstern und Kichern der Mädchen selbst während des Unterrichts sprachen, wie sie Erika Meyer in ihrem hysterischen Anfall hinausgeschrien hatte.

Ja, auch sie hatte damals nach der Konfirmation, als sie alle Korsetts bekamen und so stolz waren, wenn sie weniger Taillenweite hatten als die Freundinnen, manche törichte Dinge gedacht, hatte nur den einen Wunsch gehabt, groß und erwachsen zu sein, um von einem Manne geliebt zu werden. Ja, damals träumte man noch romantischer als heute, träumte vom Sterben für einen Mann, von Mondscheinnächten, von wunderbaren Ausstattungen und von Ausfahrten in Equipagen.

Ja, und auch sie hatte damals von Altersgenossinnen gehört, daß es diese – diese abscheulichen Dinge gebe, aber sie hatte nie davon hören wollen. Sie war immer geflohen, wenn die andern die Köpfe zusammensteckten.

Und Männer? Ja, da war der Apotheker gewesen, zu dem sie öfters im Auftrage des Vaters gehen mußte. Vater war ja immer krank, und Mutter mühte sich von früh bis spät. Der Apotheker war ein kugeliger Mensch mit einem fast nackten Schädel, und alle kleinen Mädchen fürchteten sich sehr, weil er immer, wenn er ihnen begegnete, sie mit einem Stock auf die Schenkel schlug.

Aber erst später hatte sie sich wirklich vor ihm gefürchtet, weil er sie immer mit so runden, glänzenden Augen ansah und kicherte.

Einmal mußte sie wegen ihres Vaters noch spät abends in die Apotheke gehen. Lange mußte sie warten, nachdem sie die Nachtglocke gezogen hatte, die so gellend in dem Hause widerhallte. Dann kam er mit schlurfenden Schritten, und sein Gesicht war rot von Schlaf und Bettwärme.

Er hieß sie mit ihm nach rückwärts in das Laboratorium kommen, wo er das Tränklein für den Vater bereiten wollte. Und dort – dort war es dann. Plötzlich fühlte sie ihre Arme von rückwärts zusammengepreßt und spürte einen heißen, feuchten Atem in ihrem Nacken. Er schwatzte sinnloses Zeug und versuchte, sie auf ein mit schwarzer Wachsleinwand bespanntes Sofa niederzuziehen. Sie wehrte sich verzweifelt. Ekel und Angst verliehen ihr Riesenkräfte. Noch hörte sie sein keuchendes Wort: „Warte nur, du Racker – ich bekomme dich schon noch!“ – dann floh sie gehetzt hinaus auf die Straße.

Dann waren lange Wochen und Monate gewesen, während deren sie fast nicht schlief und nicht aß und so herabkam, daß die geängstigten Eltern den Arzt holen ließen. Aber auch dieser wußte keinen Rat.

Damals hatte sie die Nächte fürchten gelernt und fürchten den bleiernen Schlaf der Erschöpfung, der sie nach langen, schlaflos durchgrübelten Stunden niederzwang, und aus dem sie dann oft mit einem grellen Schrei der Angst stieß. Plötzlich hatte sie die runden glänzenden Augen des Apothekers vor sich gesehen – seinen keuchenden Atem im Nacken gefühlt. Noch heute, noch jetzt fühlte sie den kalten Schweiß am ganzen Körper, der sie einhüllte wie ein feuchtes Totenhemd!

Nie mehr war ihr dann ähnliches begegnet.

Dann war der Lehrer plötzlich dagewesen. – Überall, wo sie ging. Immer mußte sie ihm begegnen. Er hatte sie lieben und schätzen gelernt, wie er sagte. Sie wurde mit ihm versprochen. Er war freilich nicht das gewesen, was sie einmal in jenen törichten Stunden ersten Erwachens so romantisch geträumt hatte. Und vielleicht wäre sie wirklich ohne Widerstand und ohne Liebe Frau Lehrerin geworden, wenn nicht der eine Sonntagnachmittag gewesen wäre. Ja, dieser Sonntagnachmittag entschied eigentlich ihr ganzes Leben.

Ihr Vater hatte eine gute, alte Flasche Wein aus dem Keller geholt. Der Lehrer trank mit Behagen, und plötzlich bekamen seine Augen jenen seltsamen starren Glanz. Sie brachte mit der Mutter den Kaffee herein und die süßen Kuchen. Sie war froh, daß sie so beschäftigt war, denn es war schrecklich, immer diese runden glänzenden Blicke auf sich gerichtet zu fühlen.

Als sie dann wieder in die Küche hinausging, schlich er ihr nach und umfaßte sie von rückwärts. In einem einzigen Augenblick empfand sie, was für sie der Inbegriff alles Entsetzlichen war: diese klammernden Arme, deren Hitze man durch den Rock durchfühlte, die keuchenden, abgerissenen Worte, den feuchten Atem. – – –

Mit einem Schrei riß sie sich los und stürzte hintüber auf den harten Steinboden der Küche. Auf seinen Ruf eilten die Eltern herbei, man bettete sie in der Wohnstube mit hochgelagertem Kopf. Der Bräutigam blieb fern, er stand ernüchtert und ein wenig beschämt in einer Ecke.

Am nächsten Tage hatte sie ihm ohne ein Wort der Erklärung den Ring zurückgesandt.

Ja, dies war alles gewesen, was Fräulein Dr. Hanna Südekum von der Welt der Männer erlebt hatte, und dieses wenige hatte ihr Leben bestimmt. Die Liebe selbst, von der sie einmal geträumt hatte, ja, die war ihr niemals begegnet.

Aber die gab es wahrscheinlich überhaupt nicht, sie war eine Erfindung der Bücherschreiber oder jedenfalls etwas, das nur als Traum in den Herzen und Köpfen unwissender junger Menschen spukte. Ihr war nur Angst und Scham zurückgeblieben, eine Angst, die ihr alles, was sie mit ihren Schülerinnen erlebte, noch unverständlicher erscheinen ließ.

Aber wenn dies alles so war, wenn da eine neue Jugend kam, die zu ungeduldig und früh erwacht war, um sich den unverrückbaren Gesetzen der Sittlichkeit zu beugen, dann – dann konnte sie nicht länger Lehrerin bleiben. Nein, denn sie verstand nichts von diesen verwirrenden Dingen und würde sie niemals verstehen lernen.

Dann hatte eben das breite, starke Leben draußen gesiegt, vor dem sie immer schon Angst gehabt hatte, wenn es in dem wirren Brausen der Großstadtstraßen oder in jäh geschauten Bildern sie bedrängte. Dann mußte sie gehen und ihren Platz jenen überlassen, die tiefer sahen, die stärker waren und härter. Ja, dann mußte sie gehen.

Und wieder dachte sie plötzlich an das eine hochmütige und schmale Gesicht, dessen Blick nun immer über sie hinweg in eine Ferne ging. Von welchen Bildern war diese Ferne erfüllt? sann sie gequält und dann in einer dumpfen Traurigkeit: Nun wird ja auch dies bald zu Ende sein, daß ich täglich dieses Antlitz vor mir habe und leiden darf. Auch Gertrud würde gehen. Vielleicht zog sie in eine andere Stadt, vielleicht würde sie ihr niemals mehr begegnen. Ja, auch sie ging und nahm alles mit, was in dem Leben des kleinen, alternden Fräuleins licht und schön und doch so voll verwirrender Not gewesen war.

Schwer sank der Kopf des kleinen Fräuleins zwischen ihre Hände. Einige Monate noch, dann würde in dem Schulzimmer der ersten Klasse eine neue Kinderschar auf sie warten, – mit runden oder schmalen Kindergesichtern, mit zarten Körperchen, mit erwartungsvollen Augen. Und wieder sollte sie mit ihnen den bangen, schweren Weg durch die Jahre des Erwachens gehen, ihnen Führer sein und Freund, – ihnen die Liebe geben, die ihnen das Daheim sooft versagte.

Zwei große Tränen liefen über das blasse Gesicht des kleinen Fräuleins. Ich habe keine Liebe mehr, – dachte sie in jäher Angst: alles, alles nahm Gertrud mit sich!

Fräulein Dr. Südekum sah kaum auf, als es an die Türe pochte. Es konnte ja niemand mehr kommen, den sie mit der ganzen Zärtlichkeit ihres Herzens erwarten durfte. Niemand mehr.

Da klangen Schritte im Zimmer. Sehr blaß und mit dunkelglühenden Augen stand Erwin vor ihr.

„Ich muß Sie sprechen!“ stieß er hervor, „– verzeihen Sie!“

„Setze dich zu mir,“ sagte das kleine Fräulein fast unhörbar und sah gebannt in das vor Leidenschaft zuckende Antlitz des Knaben.

Er blieb vor ihr stehen, und sie sah, wie seine Schultern zuckten.

„Der Kanzler leidet sehr,“ stieß er mit gepreßter Stimme hervor. „Und ich wollte ihm helfen!“

„Du?“ Die Lehrerin dachte an ihre Begegnung mit diesem Manne, an seine gebändigte Art.

„Wer sollte ihm sonst helfen als ich, der ihn liebt?“ gab der Knabe ernst zurück. „Niemand weiß so von ihm, wie ich. Niemand liebt ihn so.“ Die vollen Lippen des Knaben zuckten.

„Und wie wolltest du ihm helfen?“ fragte die Lehrerin leise. Wie schön er ist! dachte sie, als sie in sein schmal gewordenes Gesicht sah, über dem die tödlich schweren Schatten der Leidenschaft lasteten.

„Ich war bei ihr,“ stieß er hervor.

„Bei ihr? – Bei wem warst du, Erwin?“ fragte sie erschreckt.

„Bei der Tänzerin Anita,“ bekannte der Knabe. „Bei der dummen blonden Frau, die der Kanzler liebt, – an der er leidet.“

Die Lehrerin wagte nicht zu atmen. Was geschah hier? Welchem Unheil trieb dieser Knabe zu? „Was sprachst du mit ihr?“ fragte sie.

„Ich saß ihr gegenüber in dem Wohnzimmer einer Pension. Ich – ich konnte erst gar nicht sprechen. Sie sah mich an und lächelte. O, sie lächelte so unverschämt – sie meinte wohl ... Auf einem Tisch stand das Bild des Kanzlers. Es stand, achtlos hingestellt, unter einer Fülle anderer Photographien, – von albernen jungen Männern, von aufgeputzten Frauen. Ich spürte, wie ich blaß wurde. Dann aber, – sie legte mir ihre Hand auf das Knie, eine weiße, kraftlose Hand mit blitzenden Ringen. Und sie lächelte wieder. Da sagte ich ihr alles.“ Der Knabe schwieg wie erschöpft.

„Ja, – was sagtest du ihr?“ fragte die Lehrerin verwirrt.

„Ich sagte ihr, daß der Kanzler sie liebe, daß er leide um sie. Ich sagte ihr: Sie wissen ja nicht, wie herrlich er ist! Er ist nicht das, wofür ihn so viele halten: ein in sich abgeschlossener, kühler Mensch. Er gehört zu denen, die sich unerhört festhalten können. Aber dann – dann – dann fluten sie tollkühn über ihre Grenzen, wenn diesen die Liebe geschieht. So sagte ich ihr.“

„Und sie?“

„Sie sah mich ein wenig erstaunt an und lächelte noch immer. ‚Bist du deshalb zu mir gekommen, du schöner Bub?‘ – Ja, so fragte sie mich. Deshalb, antwortete ich. ‚Und wieso weißt du das alles von ihm?‘ fragte sie weiter. ‚Das hast du dir ja nur zusammenphantasiert.‘ – Ich kenne jede Zeile von ihm, sagte ich. In seinen Büchern lebt sein großes wildes Herz und die Sehnsucht, sich einmal verschenken zu dürfen. – ‚Aber er schreibt doch nur über Politik, wie man mir erzählte,‘ meinte sie. ‚Wie man mir erzählte,‘ – ja, so sagte sie wirklich. – Ich hielt sie plötzlich an beiden Händen fest und rief: Sie müssen seine Bücher lesen. Wenn Sie sehen, was er über sein Volk schreibt und dessen Weg, wenn Sie sehen, wie er über sein Volk hinaus die Menschheit liebt, – ja, – dann werden Sie ihn lieben, so lieben, wie er es verdient. Denn Sie müssen ihn lieben! – ‚Du bist ein toller Junge,‘ sagte sie lachend zu mir, und plötzlich küßte sie mich auf den Mund. – –

Da lief ich fort. – Vielleicht hätte ich sie schlagen sollen. – Vielleicht hätte ich niederknien sollen und sie bitten, daß sie sich mühe, ihn zu verstehen, – daß sie ihn lieben soll.“

Der Knabe fuhr sich mit einem Tuche über die hohe, weiße Stirn, die feucht schimmerte. – „Ich mußte zu Ihnen kommen, Frau Doktor, – ich mußte mit Ihnen sprechen. – Ich – ich weiß nicht, was weiter geschehen wird.“

„Aber, Erwin,“ – Fräulein Dr. Südekum faßte nach seinen Händen. „Das alles, – das darfst du doch nicht. Du weißt ja nicht das Richtige vom Kanzler. Nein, er ist ein großer Mann, gewiß, – – aber, ich glaube, du siehst das alles anders. Der Kanzler, – er erholt sich bei den Frauen, – er, er nimmt sie sich so, – er leidet nicht an ihnen.“

Der Knabe sah vor sich hin, und plötzlich sah das kleine Fräulein, wie ein traurigwissendes Lächeln über sein Gesicht glitt. „Der Kanzler liebt diese Frau,“ sagte er. „Ich weiß es. Er sitzt stundenlang vor ihrem Bilde, wenn sie für ihn keine Zeit hat, er weilt jeden Abend im Theater, wenn sie tanzt. Ja, – er geht manchmal an ihrem Hause vorüber, auch wenn ihn sein Weg in ganz andere Richtung führt. Er, – er arbeitet nicht mehr. Ich weiß es, daß ihm alles gleichgültig geworden ist außer dieser Frau.“

Das kleine Fräulein dachte an die Begegnung mit dem Manne, dem die Liebe des Knaben galt. „Nichts geschah weiter,“ so hatte der Kanzler damals mit einem sehr wissenden, sehr traurigen Lächeln gesagt, „nur, seitdem liebt mein Freund diese Frau!“ So hatte ihre Ahnung damals doch recht gehabt, daß der Kanzler die Wirrnis und Not seines eigenen Herzens vor Alexandra entbreitet hatte, als er von jenem Freunde erzählte, der an einem Abend plötzlich gesehen hatte, daß seine Wohnung leer und allein sei.

Ihre Gedanken an die Begegnung mit dem Kanzler riefen ihr die Erinnerung an Alexandra zurück. Trotz allem, was diese seltsame Frau ihr gesagt hatte, – immer wieder überfiel sie die Sehnsucht nach dem großen, nüchternen Raume des großen Ateliers, nach der Frau, die dort ihrem Werke, dem Stein und seinen Gesetzen diente.

Sie erhob sich jäh: „Ich will jetzt zu einer Bildhauerin gehen,“ sagte sie.

„Zur Pseleuditi?“ fragte der Knabe erregt.

„Ja, – wieso? Weißt du von ihr?“

„Der Kanzler kommt jeden Mittwoch zu ihr,“ sagte der Knabe hastig. „O, ich möchte ihm nicht begegnen, – ich ertrüge es nicht. Aber heute ist nicht Mittwoch, – o, Frau Doktor, wenn Sie mich mitnehmen wollten! Ich möchte diese Frau sehen, – wie sie lebt. Der Kanzler liebt sie nicht – nicht so, – aber sie ist seine Freundin!“

Nach kurzem Zögern willigte das kleine Fräulein ein.

Sie ist eine große Menschenfängerin, dachte sie. Aber diesem hier wird nichts geschehen. Er sieht nur _einen_ Menschen. Nur einen einzigen.

Alexandra empfing sie in ihren grauen Mantel gehüllt. Ihre Haare sahen fast grau aus, so sehr waren sie von Staub bedeckt, und selbst an ihren dunklen Wimpern hing eine Schicht feinen weißgrauen Staubes.

Sie warf einen Hammer neben einen großen Block, den sie mit einem Tuche bedeckte. Mit einem tiefen Atemzug breitete sie die Arme aus: „Herrgott, – wie habe ich heute herrlich arbeiten dürfen!“ sagte sie. „Das ist das Schönste, alles aus dem Stein herauszuzwingen. Es langweilt mich so, in weichem Material zu arbeiten!“

Während Alexandra ihren Gästen auf dem Samowar einen Tee bereitete, begann sie ein Gespräch mit dem Knaben, und Fräulein Dr. Südekum sah staunend, wie diese Frau es verstand, einen anderen Menschen mit wenigen Worten aus Scheu, Abwehr und Masken herauszuholen, ihn zum Sichbekennen zu zwingen.

„Wieviel Freunde haben Sie?“ fragte sie den Knaben plötzlich.

„Keinen,“ antwortete er abweisend. „Ich kann mit ihnen allen nichts anfangen.“

„Sie sind zu ernst, – das sah ich schon,“ sagte Alexandra wie nebenbei nach einem prüfenden Blick auf sein schmales Gesicht. „Sie haben recht, – jede äußerliche Gemeinschaft erniedrigt uns, ob sie mit Altersgenossen, Berufskollegen oder einer Kaste verbindet. Ja, ich glaube, daß Sie recht haben, Sie sind jetzt viel zu sehr mit den Problemen des eigenen Werdens erfüllt, um andere sehen zu können.“

Fräulein Dr. Südekum sah erstaunt, wie der Knabe sich wandelte, da ihn die Bildhauerin wie einen Erwachsenen behandelte. Während sie sich weiter um den Tee zu schaffen machte, sah sie den Knaben kaum an, jedenfalls niemals so, daß er es bemerken konnte, und stieß nur immer plötzlich mit einer Frage vor, die den Knaben in raschen Antworten oder betroffenem Schweigen zum Bekennen zwang.

Fräulein Dr. Südekum sah, daß die Bildhauerin heute ganz anders als sonst war. War dies, weil sie gearbeitet hatte, oder wirkte die Gegenwart des Knaben so, daß sie sich nun ganz anders gab, ganz anders einstellte?

Was der Knabe sprach, kreiste immer um ein einziges Erlebnis, das fühlte die Lehrerin, die sich fern und kühl als Zuhörerin in dem Fauteuil des Ateliers vergraben hatte. Obwohl er mit keinem Worte an Tatsächliches rührte. Aber dennoch war es so, daß in allem, was er sagte und von sich erzählte, seine große Liebe brannte.

Die Bildhauerin kauerte, ganz in sich geschlossen und den Kopf seltsam horchend vorgeneigt, auf den Stufen, die hinauf zu dem großen Fenster des Ateliers führten. Am anderen Ende der Stufen lag der Knabe, die Beine herabhängend, die schönen Hände hinter dem Nacken gefaltet.

Wie ähnlich sie nun dem Knaben ist! dachte die Lehrerin erstaunt und empfand diese Ähnlichkeit nicht allein in Haltung und Gebärde, in der herben Beugung des dunklen Knabenkopfes dieser Frau, als viel mehr noch in dem klaren, ungebrochenen Klang ihrer Stimme.

Von den großen Träumern der Menschheit sprach Alexandra in das Schweigen des Knaben hinein, von den männlichsten Träumern: von ihnen, die die großen Brücken konstruieren, die in schmalen Bogen Abgründe überwachsen und auf ihrem Rücken donnernde Eisenbahnzüge tragen, von den Männern, die von den geheimnisvollen Verbindungen der Stoffe in den Retorten wußten, die in schlaflosen, verwachten Nächten dem Rätsel des Beginnens allen organischen Lebens in so atemraubende Nähe kamen, von den Domen leuchtender Gedanken, die einsame Denker hoch über des Lebens Gier und Hast erbauen.

Der Knabe lauschte ihr schweigend. Ein großer Ernst stand in seinen Augen.

Immer weiter sprach Alexandra von einer Welt männlichster Träume, von Forschern, die braungeglüht und ausgedörrt von Entbehrungen nie betretenes jungfräuliches Land entdecken. Sie sprach von dem Reiche, das sich auch einzelnen begnadeten Frauen erschlossen, wenn sie stark genug waren, den Torheiten weicher Träume zu entsagen, von dem Reiche der Kunst.

Fräulein Dr. Südekum wußte, daß jedes Wort, das Alexandra sprach, gegen die Liebe gerichtet war und ihre verwirrende Not. Und sie konnte es nicht fassen, daß diese Frau, deren schmales Gesicht im blauen Dämmern dieses Abends noch dunkler schien, die Frau, der nun die Seele des Knaben entgegenflog, dieselbe sein sollte, die mit so unbedenklichen Händen nahm, – so unbekümmert um Gesetz und Sitte.

Als sie aber der Bildhauerin abschiednehmend die Hand reichte, eben als der Knabe versunken vor einer begonnenen Büste des Kanzlers stand und Fräulein Dr. Südekum leise sagte: „Ich danke Ihnen, – Sie wissen nicht, wieviel Sie diesem heute an Halt gegeben haben,“ – da sah Alexandra in eine Ferne über sie hinweg und sagte: „Ich hatte heute nachmittag eine seltsame Begegnung – und vielleicht habe ich Angst.“

Dreizehntes Kapitel

Fräulein Dr. Südekum hatte gebeten, daß man sie von der ersten Unterrichtsstunde an diesem Tage enthebe. Nein, sie konnte nicht mehr. Diese letzten Tage waren genug Qual gewesen, da man von ihr verlangt hatte, daß sie so wie immer in ihrer Klasse Unterricht erteile, vortrage, Fragen stelle und beantworte. So, als wäre nichts geschehen. So, als lägen nicht oben versperrt in der Schreibtischlade des Rektors die Tagebücher, in denen Mädchen aus ihrer Klasse schamlos bekannten, was sie mit ihren Liebhabern trieben, wie sie ihre Eltern belogen, auf welche Weise sie ihre schulfreien Stunden verbrachten.

Aber der Rektor hatte verlangt, daß nichts verlauten dürfe, ehe er nicht alle Tatsachen geprüft hätte. Mit verschlossenem Gesicht ging er in diesen Tagen umher. Wenn er telephonierte, sperrte er sich in sein Zimmer ein.

Und für den heutigen Vormittag waren verschiedene Herren gebeten worden, Rektor Krause in seiner Kanzlei aufzusuchen, Herren, die sonst gar nichts mit diesem weißen Hause und seinen Bewohnern zu tun hatten. Ein Schauspieler war darunter, Studenten, ein Arzt.

Nein, Fräulein Dr. Südekum konnte heute unmöglich an ihrem Pulte sitzen und den Mädchen von Xerxes und seinen Kriegen erzählen, indessen oben in der Kanzlei junge Männer bestätigten, daß ihre Schülerinnen ...

Der Rektor hatte ihren Wunsch erfüllt. „Setzen Sie sich inzwischen in das Konferenzzimmer,“ sagte er. „Sie sind ja entsetzlich blaß! Ja, das alles kann einen schon zur Verzweiflung treiben!“

Und nun ging sie hier in dem kahlen Raume neben dem langen grünen Tische auf und ab.

War es denn zu verstehen, daß Mädchen, fast Kinder noch, so entsetzliche und quälende Erlebnisse mit Männern suchten, – daß sie sich deren rühmten, daß sie eigens einen Tagebuchklub gründeten, um einander diese Dinge mitzuteilen?

Fräulein Dr. Hanna Südekum sah kaum auf, als sich langsam das Konferenzzimmer mit anderen Lehrern füllte, die zu dieser Besprechung gebeten worden waren.

Nein, sie konnte jetzt unmöglich darüber sprechen. Es war genug, daß sie all das Entsetzliche würde hören müssen, was sich soeben im Zimmer des Rektors zutrug.

Nur einige Male sah sie aus ihren Gedanken empört auf, wenn ersticktes Lachen aus der Ecke drang, wo Fräulein Fischhaupt mit dem Mathematiklehrer Dr. Weniger saß. Wie leicht sie alles nahmen! Sie dachten wohl nicht darüber nach, daß hier sieben junge Menschen nicht nur ihre Reinheit verloren, sondern wohl ihr Leben für immer zerstört hatten. Wie konnten die Mädchen überhaupt nach dieser Schmach noch weiterleben?

Als der Rektor endlich eintrat, bebte ihm erwartungsvolles Schweigen entgegen. Er schneuzte sich geräuschvoll, ehe er zu sprechen begann: „Die ganze Sache wird mir immer unbegreiflicher,“ sagte er kopfschüttelnd. „Nun kenne ich mich selbst nicht mehr aus. Also stellen Sie sich vor: Ich nahm mir zuerst die Mädchen vor – eine nach der andern – jede allein. Jede verweigerte trotzig die Beantwortung meiner Fragen. Die Tagebücher seien ihr alleiniges Eigentum, sie könnten hineinschreiben, was sie wollten. Sie würden nichts weiter darüber sagen. – Ich sah sofort, daß das Ganze abgekartet sei. Natürlich, sie hatten das alles längst vereinbart. Nur die Erika Meyer ging aus sich heraus. Sie erzählte mehr, als ich sie fragte, sie erzählte Einzelheiten, – nun, ich war nur froh, daß Sie nicht dabei waren, meine Damen – das war ja selbst für einen Mann zu viel.“

„Die Erika Meyer?“ Und Fräulein Dr. Südekum dachte entsetzt an den furchtbaren Anfall, den das Mädchen damals mitten während des Unterrichts erlitten hatte. So hatte sie sich also genommen, wonach sie damals in so furchtbar nackten Worten schrie!

„Ja, nun kommt aber das Seltsamste,“ fuhr der Rektor fort. „Der Mann, mit dem sie das alles erlebt haben will, was sie in ihrem Tagebuch schrieb und was sie mir gegenüber dann noch so hemmungslos enthüllte, ist der Schauspieler Alf Werndorf. – Er war eben bei mir. Und, – jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr, – er wies mir an Hand von Belegen und unterstützt durch Briefe nach, daß er die Erika Meyer überhaupt nicht kenne, daß er an den Nachmittagen, die das Mädchen als die der sündigen Rendezvous bezeichnet, immer auf der Probe war und ferner, – daß er mit der Tochter des Staatsanwalts Wessely verlobt sei und den Eltern der Meyer klarmachen werde, daß er sich derartige Erzählungen verbitte. Er sagte noch wortwörtlich: ‚Das kleine Mädchen mag sich amüsieren, mit wem sie will, – sie soll aber meinen Namen aus dem Spiele lassen. Das zu fordern bin ich schon meiner Braut schuldig.‘“

„Es ist also gar nicht wahr!“ rief Fräulein Dr. Südekum, und freudige Röte stieg ihr zur Stirne.

„Freuen Sie sich nicht zu früh!“ sagte Fräulein Fischhaupt spitz. „So ganz unschuldig wird sie schon nicht sein.“

„Ja, – es ist wirklich zu toll,“ sagte Rektor Krause. „Ich stellte die beiden schließlich einander gegenüber, so furchtbar peinlich mir das war. Alf Werndorf wiederholte der Schülerin ins Gesicht, daß er sie nicht kenne, er versuchte, ihr ruhig zuzureden. Sie sah ihm starr in die Augen und sagte mit einer Stimme, die vor Leidenschaft bebte: ‚Ich war doch erst gestern bei dir, – hast du das ganz vergessen? Nein, du kannst es nicht vergessen haben.‘ – Da kam der Werndorf auf eine Idee, die mir in meiner Verwirrung gar nicht eingefallen wäre. Er fragte sie: Wie sieht meine Wohnung aus? – Und sie, die bisher jedes Detail, Stunde und Art ihrer Zusammenkünfte genau beschrieben hatte, begann nun zu stocken. – – Nein, sie hatte wirklich keine Ahnung, wie seine Wohnung aussieht, sie wußte nicht einmal, in welchem Stockwerk sie liegt.“

„Ja, aber zum Teufel, warum schreibt und erzählt sie denn solche Sachen?“ rief der Mathematikprofessor mit hoher Fistelstimme und strich sein blondes Spitzbärtchen.

„Fragen Sie sie selbst!“ gab der Rektor achselzuckend zurück. „Und fragen Sie vor allem die anderen sechs, – denn bei allen hat es sich herausgestellt, daß sie unschuldig, – das heißt, daß die Schändlichkeiten, die sie in ihren Tagebüchern erzählten, sich niemals zugetragen haben.“

„Wie komisch!“ rief der Mathematikprofessor. „Nein, das ist wirklich köstlich!“

„Das ist gar nicht komisch und gar nicht köstlich,“ schnaubte Rektor Krause. „Wir werden noch die heftigsten Unannehmlichkeiten haben, denn schließlich bin ich die ganze Sache scharf angegangen und habe viele Leute aufgestört. – Da,“ er warf einen Brief auf den grünen Tisch. „Unser Herr Kollege, Dr. Sinser, schreibt mir da einen sehr energischen Brief. Sie wissen doch, daß ich ihn wegen des Tagebuchs der Käte Bilwein vom Dienste suspendierte? Ich sagte ihm auch manches, was vielleicht nicht gerade angenehm klang. Nun fordert er nicht nur die Einleitung einer Disziplinaruntersuchung gegen sich. Er will die Bilwein wegen Verleumdung verklagen, da ihre Beschuldigung seine Berufsehre in Frage ziehe.“

„Das ist doch selbstverständlich!“ krähte Dr. Weniger.

„Selbstverständlich ist das?“ höhnte der Rektor. „Sie haben es leicht, zu reden. Sie sind nur angestellt an dieser Schule. Sie kümmert deren Schicksal nicht. Aber was soll ich machen? Glauben Sie, daß der Ruf der Anstalt nicht unter solchen Dingen leidet?“

Rektor Krause sah ganz erschöpft vor sich hin. Dann fuhr er fort: „Bei allen sieben dieselbe Sache. Der Cousin dieser sauberen Herta Kobinger war nicht einmal in unserer Stadt, während sie in ihrem Tagebuch behauptete, daß er sie mit einer schwarzen Maske und mit Tuberosen empfing.“

Fräulein Fischhaupt kicherte in ihr Taschentuch.

Der Rektor drückte auf eine Klingel. „Führen Sie die Kobinger herein,“ sagte er zu dem Schuldiener, dessen blatternarbiges Gesicht grenzenlose Neugierde ausdrückte.

Ein untersetztes junges Mädchen schob sich langsam zur Türe herein. Sie überflog mit einem scheuen Blick die Schar der versammelten Richter.

„Du bist die Anführerin gewesen!“ schrie sie der Rektor an. „Wozu habt ihr diese unglaubliche Sache gemacht? Ihr habt euch und die Schule in schlechten Ruf gebracht, ihr habt Bräute unglücklich gemacht und anständige Männer dem Gerede ausgesetzt, – warum, – warum das alles?“

Das junge Mädchen sah schweigend vor sich hin. Ein trotziger Zug lag um seinen jungen Mund.

Fräulein Dr. Südekum kämpfte mit der unbezwinglichen Lust zu lachen. Wie immer es sein mochte und wie häßlich es war, daß sich die Mädchen mit solchen Phantastereien beschäftigten, – – nun war es doch der Rektor selbst, der sich in diese Patsche gesetzt hatte. Weil er immer gleich das Schlimmste annahm! Und war es nicht überhaupt unrecht gewesen, daß er sich dieser Tagebücher bemächtigt hatte? Ja, Fräulein Dr. Südekum empfand fast etwas wie Schadenfreude, als sie den Rektor vergeblich auf das kleine Mädchen einbrüllen sah, das beharrlich schwieg.

„Geh jetzt,“ sagte er schließlich erschöpft und wütend. „Aber die Angelegenheit ist damit keineswegs zu Ende.“

Die Kobinger verneigte sich vor den Lehrern am grünen Tisch und ging wieder langsam hinaus.

„Und was sagen Sie nun dazu?“ wandte sich Rektor Krause an die versammelten Kollegen.

Allgemeines Achselzucken war die Antwort.

„Ich erkläre die Konferenz für beendet,“ sagte der Rektor frostig. „Ich hoffe aber, von den Damen und Herren noch Vorschläge zu erhalten. Augenblicklich muß ich alles daransetzen, um die Gemüter zu beruhigen.“

Langsam gingen die Lehrer hinaus. Fräulein Dr. Südekum drängte an ihnen vorüber und trippelte ihnen voraus auf den Gang. Fast wäre sie gelaufen, hätte sie sich nicht vor den anderen geschämt.

So glücklich war sie plötzlich, so glücklich. Ja, mochten auch heiße Träume diese Kinder verwirren, mochten sie ihre Gedanken Tollheiten überlassen, die Fräulein Dr. Südekum in jeder anderen Stunde auf das heftigste verurteilt hätte: es waren doch noch Kinder, die träumten, – große, verwirrte Kinder.

Mit einem strahlenden Lächeln trat sie in ihre Klasse.

„Grüß Gott!“ sagte sie mit ihrer hellen Stimme, indes sie die Stufen zu ihrem Pulte emporstieg.

Vierzehntes Kapitel

Ein paar enge Gassen mit niedrigen Häuschen führten von dem großen freien Platz, auf dem das Spital stand, zum Walde. Der frohe Sommerwind trug seinen Atem in die weitoffenen Fenster des weiten Gebäudes, in dem nur Kranke lebten und Menschen, die Kranken dienten.

Es war die Stunde am frühen Nachmittag, da die meisten Patienten schliefen und die Schwestern in ihrer hellen Tracht noch leiser als sonst durch die großen Säle glitten.

Ein kleines Mädchen stieg langsam die Treppen des kahlen Stiegenhauses hinab. Als sie aus dem großen Tore trat, fiel das Sonnenlicht jäh auf ihr Gesicht. Es war beängstigend mager und von einer Geschlossenheit des Ausdrucks, die erschreckte. Scharf und klar blickten die großen Augen, sie beherrschten das ganze Gesicht, in dem alles, Mund, feiner, böser Zug um die Nase und spitziges Kinn voll Abwehr war. Nur in der Haltung und Bewegung des mageren Körperchens, das nur schüchtern angedeutet die Merkmale der Reife trug, lag rührende Kindlichkeit.

Das kleine Mädchen strebte mit raschen Schritten vorwärts. Sie sah nicht rechts und links, während sie über den großen Platz und weiter durch die engen, von Kinderlärmen erfüllten Gassen ging.

Als der Wald sie umfing und grüngoldenes Licht durch die hohen Wipfel auf ihr strenges Gesichtchen fiel, schienen ihre Bewegungen gelöster zu werden, und als sie beide Finger in den Mund steckte und einen grellen Pfiff durch das Schweigen des Waldes sandte, flog der Schein eines kleinen spitzbübischen Lächelns über ihr Gesicht.

Aus den dunklen Stämmen trat ein halbwüchsiger Mensch. Er hielt beide Hände in den Taschen seiner schmierigen Hose vergraben und nahm die Mütze nicht vom Kopf, bis er vor dem kleinen Mädchen stand.

„Guten Tag, Martha,“ sagte er und sah ihr prüfend in das Gesicht. „Du hast mich aber lange warten lassen. Was war denn los?“

„Der Franzose war viel schlechter, und ich mußte nach dem Vater in der ganzen Stadt herumtelephonieren. Der Diensthabende kennt sich doch nicht aus!“

„Der Franzose?“

„Sie nennen ihn so, weil er selbst immer sagt: ich habe die Franzosenkrankheit. Syphilis meint er. Er stinkt wie ein Schwein.“

„Pfui Teufel!“

„Nun ja, – die meisten Kranken riechen nicht gut.“ Sie sah mit altklugem Ernst vor sich hin. „Aber was gibt es Neues bei euch?“

„Neues? – Nun, es ist ein Wunder, daß ich heute hier sein kann und nicht als Mörder hinter Schloß und Riegel sitze.“

„Wieder mit deinem Vater?“ Sie sah ihn angstvoll an.

„Ja. – Er kam gestern ganz vollgetrunken nach Hause. Dieser verdammte Sonntag! Auch so eine Einrichtung. – Mutter war es den ganzen Tag nicht gutgegangen. Kein Wunder in ihrem Zustand. Sie bat mich, bei ihr im Zimmer zu schlafen. Nun, sie kennt ihn schon und kennt die Sonntage. Erst schien er ganz aufgeräumt, erzählte irgendeinen Unsinn von einer neuen Stelle, die er bekommen würde, – als wenn es nicht ein Segen wäre, daß ihn der Primarius noch nicht hinausschmiß, – einen Portier, der alle Tage betrunken ist! – Plötzlich gab es Streit. Ich weiß gar nicht mehr, wie es kam, nein, wirklich nicht. Bei Betrunkenen kommt das ja so plötzlich, daß man nie weiß, warum. Und plötzlich – wie ein wildes Tier stürzte er sich auf die Mutter, – einen Sessel in der Faust. Ich rang mit ihm. Da, – greif hierher, Martha, auf meine Stirn, – und das, obwohl ich den Sessel mit meinem Arm parierte. Das war meiner Mutter zugedacht. Er brüllte auf und stürzte sich wieder auf die Mutter, – ich spürte, daß ich ihn nicht lange würde immer wieder an die Mauer zurücktreiben können. Da – auf dem Tisch lag das Brotmesser, – ich hielt es ihm vor die Augen. Er begriff nicht. – Als er vorstürmend die Faust zum Schlage gegen die Mutter hob, da schlug ich mit dem Messer nach ihm. Als er Blut sah, wurde er sofort still. Er hatte alles andere vergessen und wimmerte nur leise, während er mit einem Tuch das Blut zu stillen suchte. Dann begann er zu weinen. Und natürlich die Mutter, die sich während des ganzen Auftritts hinter den Kissen ihres Bettes verkrochen hatte, – nun kam sie hervor, – nun war alles vergessen. Für mich hatte sie nicht einen Blick. Ja, sie sagte: ‚Leg sofort das Messer weg, Franz, – pfui, mit dem Messer gegen den Vater!‘ – Dann begann sie ihn zu verbinden. – Pfui Teufel! – Ich schmiß die Türe zu und ging weg.“

Martha hatte ihm ganz still zugehört und manchmal zu seiner Erzählung wie bestätigend genickt. Nur die Falte zwischen ihren Brauen, die ihrem Gesicht so frühreifen, verbitterten Ernst verlieh, hatte sich noch verstärkt.

Zögernd begann sie nach einem kurzen Schweigen, währenddem sie beide immer weiter in den Wald hineinstapften. „Und trotzdem – – und trotz allen diesen entsetzlichen Auftritten! Deine Mutter ist wieder schwanger von ihm?“

„Ja,“ antwortete er schwer, „verstehst du das? – Wenn ich sie so mit ihrem dicken Bauch durch die Küche schlurfen sehe, könnte ich aufheulen vor Ekel und Scham!“

„Es ist so komisch,“ sagte Martha, „ich weiß doch alles, – es gibt nichts, was ich nicht weiß von dem Leben und den Menschen. Vater ist so klug, er will, daß ich alles wissen soll. Aber, – dennoch, ich verstehe gar nichts davon. Ich weiß, wie es unter den Erwachsenen zugeht, ich weiß, was sie einander antun, in ihrer sogenannten Liebe und mit ihrem Haß, – aber ich begreife es nicht. Ich sehe, wie jeder selbst in sein Unglück rennt, – ja, das sehe ich. Aber trotzdem die Erwachsenen genau wissen, was aus allem entsteht, – – wie die Wahnsinnigen machen sie immer wieder dasselbe. Sie sind alle entsetzlich gemein, aber auch entsetzlich arm.“

„Die größte Gemeinheit ist, daß sie uns in die Welt gesetzt haben,“ sagte er, und in seinem Gesichte stand ein harter Haß. „Wozu, – da wir ihnen doch nur Sorgen machen? Wozu, – da wir nichts davon haben? Was erwartet mich schließlich, wenn ich ausgelernt habe? Ein Mechaniker bin ich dann, ich kann in einem Betrieb arbeiten und bekomme jeden Samstag Geld. Dann werde ich wie die anderen dazusehen, daß ich mehr Geld bekomme, damit ich mir mehr Weiber kaufen kann als sie und mehr Räusche, – denn darum geht es doch allein? Oder glaubst du, daß ich den sozialistischen Führern glaube, die uns in den Versammlungen etwas von einem neuen Himmel auf Erden vorfaseln? Von mir aus können sie den Reichen das Geld wegnehmen und es an die Armen verteilen, – aber sie werden es nicht ändern, daß alle voll Gier sind, daß die Männer sich betrinken und ihre Frauen schlagen, und daß diese Frauen ohne jeden Stolz alles verzeihen, – weil eben Männer und Frauen ein schimpfliches Geheimnis verbindet, das sie alle immer tiefer in Demütigung und Gemeinheit rennen läßt. Das einzige, was sie dann zusammenbringen, ist, daß sie sich hassen!“

„Vater will, daß ich studiere,“ erzählte Martha. „Ärztin soll ich werden. Aber mir ist alles so gleichgültig. Soll ich ein Leben lang in solch einem Spital wohnen? Er hat ja recht, die Menschen sind arm, und es ist schön, ihnen zu helfen. Ich weiß aber zu viel von ihnen. Ich weiß, wie die Kranken die Gesunden inbrünstig hassen, und wie die Gesunden sich vor ihnen fürchten, wie vor jeder Mahnung, daß es auch ihnen so gehen könnte. Für die meisten wäre es besser, wenn sie stürben. Wenn sie gesunden, werden sie entweder weiter von den anderen getreten oder sie mißhandeln andere. Und was erwartet sie überhaupt, wenn sie aus dem Spital herauskommen?“

„Wollen wir uns ein wenig niedersetzen?“ fragte Franz. „Es ist so schön still hier.“

„Ja,“ – sie nickte. „Ich habe diese Stunde, ehe es dämmert, so gerne. Und überhaupt den Wald. Man kann es gar nicht glauben hier, daß es Menschen gibt, und was sie aus dem Leben gemacht haben.“

Er streckte sich neben ihr in das kühle Moos und nahm die Kappe ab. „Wie gut die Luft tut,“ sagte er. „Ich kann es mir nicht vorstellen, daß Vater auch einmal anders war. Daß er jemals in einem Walde war, wo es keine Menschen gibt. Nur die Bäume und diese schwingende Luft. Aber früher, – ja, da haben wir manchmal am Sonntagnachmittag Ausflüge gemacht. Aber Vater wollte nie lange gehen. Er kehrte überall ein. Zuerst wurde er sehr lustig, und Mutter hängte sich in ihn ein. Ich schämte mich oft, so verliebt taten sie. Aber dann begannen sie plötzlich zu streiten. Und an einem solchen Nachmittag, mitten im Walde, war es zum erstenmal, daß ich mich zwischen Vater und Mutter werfen mußte, – sonst hätte er sie erschlagen.“

„Und früher schlug er sie nie?“

„Er schlug sie immer schon. Aber damals war ich klein und schwach, ich verkroch mich in der Küche hinter der Kohlenkiste und weinte. Und damals schon erlebte ich das entsetzliche Nichtbegreifen, denn oft nachher – sie küßten einander und schlossen sich dann ins Zimmer ein.“

Martha sagte leise: „Immer ist es das, – immer dieses ganz Entsetzliche. Ich weiß alles, aber ich verstehe es nicht. Denke dir! – ich habe dir doch schon von der Schwester Adelheid erzählt. Sie ist eine Offizierstochter und hat einen Mann sehr geliebt, den sie nicht bekam. So erzählt man. Vater lobte sie immer sehr, weil sie alles so still und selbstverständlich tat, was ihre Pflicht ist und noch mehr. Nun ist sie krank und liegt selbst im Spital. Und weißt du, wovon sie krank ist? Ich habe es erst heute erfahren. Vater erzählte es mir selbst. Sie hat sich mit einem Patienten, mit einem Doktor, eingelassen, der auf der Luetikerabteilung liegt, und den sie pflegte. Vater schrie so fürchterlich in seinem Untersuchungszimmer, als sie bei ihm war, daß man es bis auf den Gang hinaus hörte.“

Franz antwortete nicht und sah nur finster vor sich hin.

Sie sah zu ihm auf: „Franz, – sag, hast du schon einmal ein Mädchen – ich meine, –“

Er verstand sie sogleich: „Nein,“ sagte er kurz und nochmals: „Nein! Die paar Burschen in der Werkstatt haben es natürlich versucht, mich mitzuschleifen, und ich habe mir auch einmal so einen Betrieb angesehen, wo sie ihr sogenanntes Vergnügen suchen, dieses Vergnügen, das einen zum Manne macht, wie sie sagen. Na, – mir fiel in diesem verfluchten roten Licht nur meine Schwester ein, die Vater aus dem Hause jagte, wie ich noch ein kleiner Bub war, und die dann so _eine_ wurde. Nein, – ich dankte und ging. Und später, ja, – es war da so manche in der Nachbarschaft, die sich an mich heranmachen wollte, mich ansprach oder gar was von der Liebe sprach. Na, die sagen heute alle, daß ich das gemeinste Vieh auf Gottes Erdboden sei. Weil ich ihnen sagte, was ich denke, weil ich nicht geneigt war, auf schöne Worte und Sentimentalitäten hereinzufallen, weil ich immer dieses Zuhause vor Augen hatte, – die Mutter, wenn sie sich lachend an den Vater schmiegte, nachdem er sie in seiner Betrunkenheit geschlagen hatte. Nein, ich danke für Obst!“ – Er hatte sich ordentlich heiß gesprochen und fuhr nun mit leiserer Stimme fort: „Schau, Martha, das ist ja das Schöne an uns beiden, das Herrliche an unserer Freundschaft, daß wir beide das alles wissen. Daß du nicht so bist wie die andern Mädel, die von der ganzen Scheußlichkeit des Lebens nichts wissen und auf alles so lange hereinfallen, bis sie es lernen, andere hereinfallen zu lassen. Ich kenne keinen Burschen, mit dem ich so reden kann wie mit dir!“

„Wie herrlich still es wird,“ sagte sie wieder. „Das ist wirklich die schönste Stunde. – Man möchte, daß es nur immer dunkler wird und niemals mehr Morgen.“ Ihre Augen wurden ganz schwarz.

„Nie mehr Morgen,“ wiederholte er langsam. „Ja, das wäre schön.“

Er lag nun ganz auf dem Rücken und sah hinauf in den Himmel, den der Abend in immer blasseren Farben malte. „Wenn man ein Baum wäre,“ sagte er leise, „oder ein Vogel!“

„Nur kein Mensch!“ vollendete sie.

„Wenn wir Bäume wären, dann ständen wir vielleicht hier nebeneinander und dürften immer den Wolken zusehen.“

„Wir würden uns alles erzählen so wie jetzt,“ sagte sie, und mit einem harten Auflachen: „Wahrscheinlich aber schönere Dinge!“

„Es wäre ja nicht dieses schwarze Loch vor uns, als das mir alles weitere Leben immer vorkommt,“ sagte er.

„Hast du auch oft so Angst?“ fragte sie. Ihr Gesicht schien fast weiß und durchsichtig in dem abendlichen Licht.

Er nickte. „Alles, was uns erwartet, ist so häßlich und gemein. Mit jedem Jahre werden wir tiefer hineinwachsen.“

Sie fröstelten in der Kühle des Abends und unter ihren Worten. Sie rückten enger aneinander. „Wenn man davonlaufen dürfte,“ sagte er schwer.

„Du meinst – ein Ende machen?“ flüsterte sie.

„Ja, – aber das darf ich nicht. Sonst erschlägt er sie wirklich. Es wird ja immer schlimmer. Und in ein paar Monaten ist das Kind da. Dann komme ich aus der Lehre, – sie werden meinen Verdienst notwendig brauchen. Und wer weiß, einmal wirft ihn dein Vater vielleicht doch hinaus.“

„Auch ich habe schon daran gedacht, einfach Schluß zu machen,“ sagte sie. „O ja, – oft schon. Denn es ist doch sinnlos, sich die kommenden Jahre geschehen zu lassen, wenn man alles weiß. Man braucht nicht viel Mut dazu. Ich weiß, wo der Schlüssel zu Vaters Apotheke liegt. Aber der Vater, – ich habe ja die Mutter nicht gekannt, – ich weiß nur, daß sie ihm sehr weh getan hat, und daß sie fern von ihm irgendwo im Süden starb. Er hat nur mich! Ich weiß, daß er mich sehr lieb hat – obwohl, er hat es mir nie gesagt. Er hat mir nie einen Kuß gegeben. – Als ich einmal sah, wie die Gemüsefrau, die immer alles ins Spital bringt, ihrer kleinen Tochter, die ihr beim Tragen hilft, so übers Haar fuhr, – da, – ich weiß gar nicht, wie das war, – ich lief in mein Zimmer und weinte.“

„Zu mir war auch niemand gut, – so wie du es jetzt meinst,“ erzählte er fast unhörbar. „Der Mutter war es vielleicht nicht gegeben, und so aus mir selbst heraus konnte ich nicht. Als ich klein war, ließen sie mich immer allein zu Hause, – sie gingen tanzen oder ins Wirtshaus. Und dann war ja immer Streit bei uns. Ich lief soviel draußen herum, als ich konnte, – ich hatte immer Angst vor dem Daheimsein.“

„Franz,“ sagte Martha, „darf ich meine Hand so einmal auf deinen Kopf legen, – ja? – Es ist so dunkel, und ich habe Angst vor allem.“

„Ich habe so abgearbeitete Hände, – von der Werkstatt, weißt du, – sonst möchte ich dir sehr gerne über die Haare streichen.“

„O, es macht nichts, – – aber deine Hand ist sehr gut, gar nicht hart. Wie dunkel es schon ist!“ –

„Jetzt gehen die Bäume und alle Pflanzen schlafen,“ sagte er. „Komm, leg deinen Kopf an meine Schulter, – jetzt kann man glauben, daß es nie mehr Morgen wird.“

„Daß alles nicht wahr ist, was wir wissen,“ sagte sie leise, „daß wir ganz allein sind auf der Welt. – Wie gut das ist, wenn du mich so streichelst, – ich werde ganz müde und still.“ – –

„Wie dein Herz klopft, – Martha! Wie das Herz eines Vogels ist es.“

„Warum atmest du so?“

„Ich muß dich küssen, Martha!“

„Ja, mich hat noch niemand geküßt – und niemand war so gut. Ja, komm näher noch!“

„Bin ich dir nicht zu schwer? – Laß meine Hand so auf deinem Herzen, – wie es schlägt, – wie es schlägt! – Ich möchte jetzt einschlafen und nie mehr aufmachen müssen.“

„Der Wald ist so schwer und so süß, wenn er dunkel wird – ich sehe die Sterne über deinem Kopf.“ – –

„Martha, – Martha – tue ich dir weh – du!“

„Nein, – ja, – du, küsse mich!“

Fünfzehntes Kapitel

In dem kleinen Hinterzimmer der Konditorei saß eine Anzahl junger Damen. So unähnlich sie sonst sein mochten, sie glichen einander in der kleidsamen Tracht, welche die neue Zeit den jungen Mädchen beschert hatte und die mit kurzen Röcken, losen Kleidern und kurzgeschnittenem Haar der äußere Ausdruck für eine schwer erkämpfte äußerliche Freiheit war.

„Wißt ihr schon das Neueste,“ krähte Herta Kobinger, die immer bei den Zusammenkünften das große Wort führte. „Die Erna Meyer ... nein, es ist zu komisch ...“

„Was ist mit ihr?“ fragte Grete Erb und dachte mit jähem Unbehagen daran, wie sehr die einstige Freundin und Vertraute bitterer Stunden aus ihrem Wissen entschwunden war.

„Sie will Nonne werden!“ platzte Herta heraus. „Stellt euch vor, – Nonne! In unserer Zeit Nonne werden!“

„Wenn das nicht wieder nur einer ihrer verrückten Einfälle ist!“ sagte Lizzie Ebbinghaus wegwerfend, und in ihr zynisches Gesicht trat ein noch spöttischerer Zug.

„Nein, es ist so,“ bestätigte die ältere Schwester der Kobinger. „Wir haben es von der Frau Kruse ...“

„Von der Schneiderin?“ lachte Lizzie.

„Ja, die Eltern haben es ihr ganz verzweifelt erzählt.“

„Wenn es ihre Überzeugung ist!“ meinte Gert mit einem Achselzucken. „Schließlich soll jeder das tun, was er für richtig findet.“

„Aber denke doch, in unserer Zeit! Eine Nonne! Das kann man sich doch gar nicht vorstellen! – Ja, denkt euch, sie hat in aller Stille schon alles vorbereitet. Ich habe die Stadt vergessen, sie liegt irgendwo unten im Süden, an einem Berge. Und auf diesem Berg steht ein Kloster. Die Nonnen sind ganz weiß gekleidet und ihre Gesetze – Ordensregeln nennt man sie – sind besonders streng. Sie müssen jeden Verkehr mit der Welt abbrechen, – niemals dürfen sie einen Besuch von daheim empfangen, niemals einen Brief. Es ist für die anderen so, wie wenn man stirbt. Fort – aus! Man existiert nicht mehr für sie.“

„Im Süden,“ sagte Grete Erb verträumt, „und in einem italienischen Kloster! Ich kann mir das gar nicht so schrecklich denken. Es gibt dort sicherlich eine wunderbare Bibliothek, die für ein ganzes Leben ausreicht, – Inkunabeln ...“

„Na, ich meine, in unserm Alter könnte man genug haben vom Zölibat und es nicht noch suchen,“ lachte Lizzie und schüttelte ihren Wuschelkopf.

„Du würdest auch dort die schrecklichsten Stücklein aufführen!“ lachte Herta Kobinger.

„Daran zweifle ich nicht,“ gab Lizzie zurück und blähte die Nasenflügel. „Jedenfalls habe ich keine Lust, auf die große Liebe zu warten wie du!“

„Die große Liebe! Nein, auf sie warte ich nicht,“ widersprach Herta. „Nur, – ich hätte Angst, solche Sachen zu machen wie du! Wenn ich mich verliebe, dann will ich auch heiraten, mein Haus haben, Kinder.“

„Kurzum, dort fortfahren, wo unsere Eltern aufgehört haben,“ sagte Sonja spöttisch. „So wie sie ein Leben lang gute Gesellschaft nach außen spielen und daheim nach Herzenslust einander quälen, immer kälter werden, nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen alle Umwelt. Dann kommen die Kinder, an denen man dann nach irgendwelchen bewährten Prinzipien herumerzieht, bis auch sie einmal zerquält und verbittert davonlaufen – wieder in eine Ehe hinein.“

„Ja, was willst du denn?“ fragte Herta achselzuckend. „Ich weiß das doch alles, – aber wenn du nicht studierst, was auch keine sehr verlockende Sache ist, – was bleibt dir denn übrig?“

„Darüber denke ich heute noch nicht nach,“ antwortete Sonja. „Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen und immer Pläne schmieden. Ich will vor allem keine Zeit versäumen und leben. Und das mache ich, solange ich kann! Wenn ich dann schließlich heiraten muß – gut. Aber mich danach sehnen wie du – nein, das verstehe ich nicht!“

„Ja, du hast es gut!“ seufzte die jüngere Schwester. „Du kannst schon auf Bälle gehen und allein mit jungen Leuten Ausflüge machen. Du genießt dein Leben! Wenn man aber noch vor der Matura ist ...“

„Und soll das wirklich das Leben sein, Bälle, Ausflüge und Flirts?“ fragte Grete Erb.

„Soll es vielleicht das Studium sein, dem du dich verschrieben hast?“ gab Lizzie spöttisch zurück.

„Nein, auch das allein nicht,“ antwortete Grete. „Aber meine Arbeit gibt mir doch Inhalt, ich weiß in den kommenden Jahren ein Ziel. Und Germanistik interessiert mich nun einmal sehr. – Aber –,“ leichte Verlegenheit brach in ihre sonst so sichere Stimme, „die große Liebe – das eine Erlebnis, für das man sich aufsparen sollte, das muß es doch geben.“ – –

„Die große Liebe,“ höhnte Lizzie Ebbinghaus. „Die große Liebe, von der in den Büchern steht! Sieh dich doch um bei allen Erwachsenen, die wir kennen. Wo gibt es sie denn? Oder hat nicht jede von uns an der Ehe der Eltern gesehen, daß sie eine große, verzweifelte Lüge ist? Auch meine Eltern haben aus Liebe geheiratet, oder was sie so nannten – mein Gott, man merkt wirklich nichts mehr davon!“

„Lizzie hat recht,“ sagte Gertrud. „Es ist eine entgötterte Welt, die uns die Erwachsenen zurückgelassen haben. Und weil wir sehen, wie sie lebten, und was sie alle aus ihrem Leben gemacht haben, darum können wir uns auch ihren Ansichten und Gesetzen nicht beugen, die sie uns aus Berechnung und Angst auferlegen wollen. Sie setzen als Preis, als großes Versprechen für die Erfüllung dieser Gesetze unsere Verheiratung. Aber wir haben den Wert dieses großen Versprechens durchschaut. Uns lockt man nicht mit Myrtenkranz und Hochzeitsschleier.“

„Wir haben die Augen aufgemacht, und sie alle haben sich vor uns zu sehr gehen lassen,“ nickte Sonja. „Wir kennen die Affären in den Familien unserer Verwandten, die Ehebrüche und Scheidungen. Wir wissen, wie sie das freudlose Elend ihrer bürgerlichen Ehen immer wieder zusammenflicken. Nein, damit sollen sie uns nicht kommen. Dieselben Frauen, die mit einem Seufzer zum Himmel stöhnen: ‚O, diese jungen Mädchen von heute!‘ wenn wir eine Zigarette rauchen oder lieber in eine Bar gehen als in eine Konditorei, haben aus dem Ehebruch längst ein Gesellschaftsspiel gemacht, vor dem jeder anständige Mensch ausspucken muß. Eine Sache ohne Leidenschaft, ja ohne Leichtsinn, – eine gemütlich ausgeklügelte Angelegenheit. Nun, uns sollen sie nichts erzählen! Sie wissen es genau wie wir, daß sie von uns nur Tugend fordern, weil diese im Verheiratungsfalle noch hoch im Kurse steht, und sie wissen genau, daß wir dann, nach dem Unterkriechen, in einer Versorgung leben werden wie sie. Ebenso kalt – ebenso gemein!“

„Wozu sich soviel Gedanken machen?“ lachte Lizzie spöttisch. „Ich werde einmal einen heiraten, der reich ist und begreift, daß ich voll Lebenshunger bin. Nein, ich habe auch keine Lust, auf die große Liebe zu warten. Sechs Monate werde ich es mit ihm schon aushalten. Bis dahin aber nehme ich mir alles, was mir Spaß macht, denn einmal ist es doch aus.“

„Lizzie hat recht,“ sagte Sonja. „Und trotzdem bin ich oft traurig über das, was ich weiß. Ja, oft ist mir hundeelend zumute. Nicht wegen der paar Dummheiten, – sie wiegen nicht so schwer. Aber, daß man an gar nichts mehr glauben kann! Hinter mir sehe ich das, was Eltern und Verwandte aus ihrem Leben machten, ihre Herzenskälte, ihre Streitigkeiten, die trostlose Feigheit ihres Beisammenbleibens. Und vor mir sehe ich alles verschwommen und unklar. Es ist ja gar nicht möglich, zu warten. Als erwachsener Mensch – und das bin ich mit meinen neunzehn Jahren – in der Gefangenschaft des Elternhauses leben, ist entsetzlich. Sie sind voll Mißtrauen und mißdeuten alles. Sie waren es, die mir meine Unbefangenheit nahmen, sie, die in das Harmloseste ihre häßlichen Deutungen hineinlegten, als wäre ich ein Schoßhündchen, dessen Zeit gekommen ist und das man an der Leine halten muß. Sie lassen einen ja nicht Mensch sein! Ich muß sagen, wohin ich gehe, was ich in meinem Zimmer mache, warum ich mit dieser Freundin lieber zusammen bin als mit der anderen, ja, wenn ich beim Mittagessen ein ernsteres Gesicht mache, soll ich bekennen, was ich denke. Diesen Druck hält kein Mensch aus, – und ich habe viele Dummheiten gemacht, nur um mich gegen diesen Zwang zu wehren, nur um mich zu rächen. Es gibt kein süßeres Gefühl, als wenn sie mir wegen irgend etwas ganz Harmlosen einen Krach machen, daß ich mir dann schadenfroh denken kann: wenn ihr wüßtet!“

„Komisch,“ sagte Grete Erb nachdenklich. „Vor ein paar Tagen sprach ich mit der Scholander, die vier Klassen über mir war und jetzt an diesen Fabrikanten Haarhaus verheiratet ist. Sie erzählte mir, daß sie ihn betrügt. ‚Glaube mir,‘ sagte sie, ‚ich liebe weder meinen Mann noch einen andern. Ich betrüge ihn nur, damit ich dann, wenn er mich mit seinen Predigten, Vorwürfen und Vorschriften so entsetzlich langweilt und quält, mir heimlich denken kann: wenn du wüßtest!‘“

Gertrud sagte plötzlich: „Darum muß man vor allem frei sein, wirklich frei. Sonst läuft man ja aus Wut in die tollsten Dinge und verliert sich an Erlebnisse, die einen eigentlich gar nichts angehen.“

„Und kann man nicht frei sein, wenn man heiratet?“ fragte die kleine Herta Kobinger. „Wenn ich verheiratet bin und Kinder habe ...“

„Du mußt erst frei sein, um dir deinen Mann wählen zu können,“ sagte Gert. „Sonst heiratest du doch nur, um von daheim wegzukommen, oder um deine Eltern zu ärgern.“

„Und wie denkst du dir das, frei sein?“ wandte sich Grete Erb an Gert.

„Seinen eigenen Weg gehen,“ antwortete sie. „Ob man nun Nonne wird wie Erika, – oder Tänzerin wie ich ...“

„Tänzerin!“

„Tänzerin!“

Alle schrien durcheinander.

„Ja, werden denn das deine Eltern erlauben?“ fragte Herta ängstlich.

„Sie werden es sicherlich nicht erlauben,“ antwortete Gert. „Aber es ist besser, es gibt einmal einen entscheidenden Auftritt, und ich stelle mich ganz auf eigene Füße, als daß ich langsam in dem Kampf mit daheim, mit der Weltanschauung von vorgestern, zerrieben werde und immer mehr Dinge mache, die gar nicht meine Art sind, lüge und schwindle und so weiter.“

„Und das stört dich wirklich so sehr, dieses Lügen und Schwindeln?“ lachte Lizzie. „Ich muß gestehen, daß mir gerade das Vergnügen macht.“

„Wenn es mir auch nicht Vergnügen macht,“ sagte Herta Kobinger, „so stört es mich wenigstens nicht. Wenn meine Eltern dann doch auf etwas daraufkommen und pathetische Worte dafür finden, daß man zu ihnen kein Vertrauen habe, dann brauche ich nur an jene Zeit zu denken, als ich ganz aufgetan und offen für sie war, als es mir brennendes Bedürfnis war, ihnen alles zu sagen, mich ihnen anzuvertrauen, sie um Rat zu bitten. Damals haben sie mich immer schroff zurückgewiesen, damals langweilte ich sie, wenn ich von mir sprach, damals wollten sie, daß ich nur ein Ding in ihren Räumen sei, aber kein Mensch.“

Gert sagte nachdenklich: „Vielleicht haben wir alle unsere Eltern zu sehr geliebt, mit einer Liebe, die zu viel forderte, die die restlose Erfüllung wollte. Wir waren ganz nur auf sie eingestellt, sie waren uns Vorbild und der Inbegriff alles Liebenswerten. Wir sehnten uns danach, von ihnen verstanden zu werden, und darum vielleicht, weil wir maßlos forderten, weil wir etwas von ihnen wollten, was vielleicht kein Mensch dem anderen geben kann, darum verurteilen wir sie heute so streng.“

„Du hast sicher recht,“ sagte Grete Erb ernst. „Ich erinnere mich, daß mir nichts im Leben so weh tat, als daß ich erkennen mußte, daß selbst mein angebeteter Vater in Wirklichkeit nicht ganz dem Idealbild entsprach, das ich mir von ihm geschaffen hatte. Und vielleicht ging ich lange Zeit fast voll Haß gegen ihn umher, nur weil er mir diesen Traum nicht erfüllte.“

„Gott, wie ihr mich langweilt!“ sagte Lizzie ärgerlich. „Was hat es für einen Sinn, über solche Dinge zu grübeln. Sage lieber, Gert, wie du dir deinen künftigen Beruf vorstellst?“ Lizzie verbanden sich mit der Vorstellung „Tänzerin“ sofort eine Kette anderer von Puderwolken, parfümierten Garderoben, Herren mit Brillantarmbändern und verschwiegenen Separees.

„Ich arbeite schon seit Monaten heimlich mit einer Lehrerin. Die Stunden habe ich von meinem Taschengeld bezahlt.“

„Ah, – darum warst du so wenig bei unsern Zusammenkünften zu sehen,“ lachte Lizzie. „Und darum hast du wahrscheinlich auch die dicke Freundschaft mit der Südekum aufgegeben?“

„Ja, – ich hatte natürlich für nichts anderes mehr Zeit, wollte ich gleichzeitig in der Schule nicht zurückbleiben. Und das durfte ich nicht, sollte es meinen Eltern nicht auffallen!“

„Wie zielbewußt du bist!“ staunte Grete Erb.

„Du bist es doch auch,“ lächelte Gert. „Du willst ja studieren.“

„Ja, – aber damit sind meine Eltern ganz einverstanden. Aber Tänzerin werden, – nein, ich kann mir Tanzen als Beruf nicht vorstellen. Vor fremden Männern!“

„Gerade das ist das Interessante daran!“ lachte Lizzie.

„Nein, um das handelt es sich gar nicht,“ erwiderte Gert ernst. „Aber ich habe lange Zeit gar nichts von mir gewußt. Dann aber begann ich langsam zu erwachen, zu mir, zu meinem Körper, zu einer Musik, die ich in ihm weiß, und die ich freimachen muß. So wenige Menschen wissen, was Tanz ist. Diese Kunst ist ebenso ernst wie hundert andere Berufe, wenn man ihr ganz lebt.“

„Und du willst von daheim fort – und überall auftreten – und auf Plakaten abgebildet sein.“ – Sonja war fassungslos.

„Willst du denn nicht heiraten?“ fragte die kleine Kobinger und war ganz bestürzt, als nun alle in ein Gelächter ausbrachen.

„Ihr sprecht soviel von Liebe und Heirat,“ sagte Gert ablehnend. „Ich will darüber nicht nachdenken, solange alles um mich so schief ist. Wie kann ich an einen anderen Menschen denken, solange ich selbst noch nichts bin? Ich kann es erst, wenn alles frei in mir ist, – wenn ich bin, – wenn ich das kenne, was ich verschenken soll.“

„So glaubst du doch an die große Liebe?“ fragte Grete Erb ernst.

„Ich glaube jetzt nur an mich,“ antwortete Gert, „ich hoffe auf mich.“

Sonja zog die Uhr: „Kinder, es ist schon ein Uhr, – wir kommen zu spät zu den elterlichen Kochtöpfen, wenn wir nicht aufbrechen.“

Die jungen Mädchen griffen nach Jacken und Mänteln.

Als sie sich vor der Konditorei verabschiedeten, sagte Grete Erb plötzlich sehr ernst: „Gert hat ganz recht. Vor allem müßte man frei sein! Dann wäre es vielleicht möglich, eine neue, reinere Gemeinschaft zwischen Mann und Weib zu verwirklichen, als unsere Eltern kannten, und als man uns aufladen will. Dann fänden wir alle vielleicht den neuen Weg.“

„Ach Gott, ich fühle mich auch so recht wohl!“ lachte Lizzie. „Wegen dem bißchen Schwindeln!“

Herta gab Sonja plötzlich einen Stoß. „Sieh schnell hinüber – ja, dort!“ Ja, die da eben an ihnen vorübergegangen war, war die Oberlehrerin Fräulein Dr. Südekum gewesen. „Wie spaßig sie aussieht, wie sie so in ihrem schwarzen Kostüm mit dem kleinen Hütchen dahintrippelt!“

„Wenn ich denke, wie ich mich vor drei Jahren vor ihr fürchtete!“ lachte Sonja. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“

„Ja, du hast es gut!“ seufzte Herta und hängte sich in ihre ältere Schwester ein. Sie verschwanden in einer schmalen Nebengasse, die zur nächsten Trambahnhaltestelle führte.

Fräulein Dr. Südekum ging langsam ihren Weg weiter. Sie hatte ihre Schülerinnen wohl vor der Türe der Konditorei stehen gesehen, aber so getan, als sähe sie sie nicht. In diesen letzten Tagen vor der Matura wich sie gern allen Gesprächen außerhalb der Schule aus. Der Rektor sah es auch nicht gern. Wie leicht konnte einem ein Wort entfliehen.

Fräulein Dr. Südekum ging zu Alexandra. Sie hatte über der sie zugleich anziehenden und erschreckenden Persönlichkeiten dieser Frau fast ganz ihre früheren Freunde vergessen. Selbst bei Nowotnys war sie nur ganz selten mehr gewesen. Diese hatten sich zu sehr in ihrer Anbetung für die Griechin demaskiert, Fräulein Dr. Südekum konnte es gar nicht verstehen, daß sie einmal bei diesen Menschen so gern ihre Abende verbracht hatte. Ja, Alexandra hatte recht. Denen geschah nichts durch sie, denen konnte gar nichts geschehen!

Alexandra beschäftigte sie sehr. Sie hatte sie zuerst ganz verzerrt gesehen, durch die Wirkung, die sie auf dieses junge Ehepaar ausübte, durch die Art auch, wie sie sich dort gab. Nun hatte sie keineswegs mehr den Eindruck, daß Alexandra eine hemmungslose, gefährliche Frau sei. O, gefährlich sicherlich für manche Menschen, – aber hemmungslos? Eher erschien ihr diese Frau nun zu bewußt, zu sehr eingehüllt in ihren scharfen Intellekt.

Aber es tat so gut, einem solchen Menschen zu begegnen, wenn man selbst wund und verwirrt war, auch wenn der Verstand dieser Frau manchmal in gefährlichere Landschaften entführte als das verwirrende Tun der anderen, das Fräulein Dr. Südekum miterleben mußte.

Sie fand Alexandra untätig an ihrem hohen Fenster stehen. „Kommen Sie zu mir herauf!“ rief sie dem kleinen Fräulein zu, das wartend unten an der Stufe stand. „Es ist so schön, über die Dächer hinwegzusehen. Unter diesen Dächern wacht alles Böse, was Menschen einander tun, und alle Lügen, die sie einander sagen. Über den Dächern leben die Wolken, emporzuckender Rauch, Licht und Farbe!“

„Ja, es ist sehr schön hier,“ sagte das kleine Fräulein und stellte sich auf die Zehenspitzen.

„Glauben Sie, daß jemand freiwillig da hinuntersinkt, wenn er erst diese freie Schau erkämpft hat? Glauben Sie, daß jemand die Einsamkeit dieses Blickes eintauschen möchte gegen eine der Trunkenheiten, die unter diesen Dächern locken?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen,“ sagte das kleine Fräulein verwundert.

„Es handelt sich darum, daß man Herr bleibe,“ entgegnete die Bildhauerin leise. „Dann darf man alles. Aber sich selbst muß man festhalten um jeden Preis. Man hat am Ende doch nur sich selbst und das, was man aus sich macht.“

Das kleine Fräulein wußte keine Antwort. Ihr kam Alexandra heute so verändert vor. Ihre Gebärden schienen ihr rascher als sonst und so seltsam ziellos.

„Was macht Ihre Arbeit?“ fragte Fräulein Dr. Südekum.

„Sie haben recht, daß Sie danach fragen,“ nickte die Bildhauerin ernst. „Ich hatte sie vorhin fast vergessen. Und sie ist doch das einzige, was mir ganz gehört – alles andere ist Trug. Gut genug für die andern, die sich gern begnügen wollen. Ich fordere mich vom Schicksal und sonst nichts.“

Fräulein Dr. Südekum sah betroffen in das harte Gesicht Alexandras. Wie hochmütig ihre Stimme nun geklungen hatte! Warum sprach sie so? Gab es jemanden, der daran zweifelte, daß diese Frau nur ihrer Kunst gehörte, daß alles andere für sie nur Spiel und Entspannung war? Und billigten ihr nicht alle diese Lebensform zu, – sogar sie, die ihr erst so gezürnt hatte wegen Robert Nowotny?

„Hier können Sie sehen, was ich gearbeitet habe!“ sagte Alexandra und nahm das Tuch von der Büste des Kanzlers. „Es ist noch nicht er, aber diesen neuen Zug, der in seinem Gesicht lebt, diesen wissenden und traurigen, der so merkwürdig mit dem genußfrohen Mund kontrastiert – den habe ich schon. Nicht wahr?“

Das kleine Fräulein sah und staunte. Ja, fast erschreckend enthüllte diese Büste den Kanzler. Alles sagte sie über ihn, alles, was der Knabe wußte, der ihn liebte, und diese Frau, die niemanden lieben konnte, aber durch ihre Kunst alles aus den Menschen herausholte.

„Ja, das wird!“ sagte Alexandra. „Es ist nur seltsam, daß es mich gar nicht froh macht. Ich glaube, ich sollte bald fortreisen. Eure strenge Landschaft hier macht einen so schwer, so beladen.“

„Und Robert Nowotny?“ fragte das kleine Fräulein lächelnd.

„Ich habe ihm vor drei Tagen verboten, mich weiter zu besuchen. Er langweilt mich zu sehr.“

„Und er?“

„Er spielt mit seinem Schmerz wie ein Kind mit der Puppe. Täglich zieht er ihm neue Flicken an. Da, – dieses Bündel Briefe schrieb er in drei Tagen.“

Kalt und weiß fiel das Atelierlicht in den hohen Raum. Die Lehrerin fröstelte. Alexandra schien ihr heute noch fremder und ferner. Schuf die große schöpferische Arbeit die Menschen so?

Sie begann, verlegen im Atelier umherzugehen.

Vor einem Tonfigürchen, das nur schwach die Umrisse eines weiblichen Körpers erkennen ließ, blieb sie stehen: „Das sah ich noch nicht, – was wird das werden?“

„Ach, nichts Besonderes, ich arbeitete das nur zu meiner Zerstreuung nach dem Gedächtnis.“

„Also kein Modell?“

„Nein. Eine ganz lustige Geschichte! Ein kleines Mädchen kam vor einigen Tagen mit der Empfehlung ihrer Tanzlehrerin zu mir, sie wollen ein wenig Anatomie betreiben – sie nimmt ihre Kunst verteufelt ernst und möchte ihren Körper ganz vollkommen wissen!“

„Ah, also eine wirkliche Tanzkünstlerin?“

„Nun, vorläufig noch eine Schülerin. Die Eltern wissen nichts davon, wie es scheint. Der Vater ist der Staatsanwalt Winheim.“ – –

„Winheim – also Gertrud Winheim –,“ das kleine Fräulein konnte fast nicht sprechen, – „und sie will ...“

„Ja, – offenbar – kennen Sie die Kleine?“

„Und – da haben Sie so aus dem Gedächtnis ...“ Die Lehrerin sah scheu auf die kleine unvollendete Tonfigur.

„Ja, – ein müßiger Unsinn,“ lachte Alexandra. Sie nahm die Figur und warf sie hart in eine Ecke, wo sie zersprang. Sie lachte wieder, aber ihre Lippen waren blaß.

Da ging die Lehrerin ganz langsam fort und immer weiter hinaus auf die lärmenden Straßen der großen Stadt.

Sechzehntes Kapitel

Das waren die gefürchteten Tage der Matura. Mit einem Schlage hatte sich das Verhältnis zwischen der Lehrerschaft und den Schülerinnen geändert. In den letzten Wochen hatten die Mädchen voll Angst an diese Tage gedacht, und manche hatten sich ganz verzweifelt in das Studium gestürzt, als gälte es in vierzehn Tagen nachzuholen, was man in sechs langen Jahren nicht immer ernst genommen hatte.

Man hatte bisher in der Matura nicht viel anderes als den ersehnten Schlußpunkt unter dem Zwang gesehen, sich täglich morgens in diesem weißen nüchternen Saal einfinden zu müssen und fast den ganzen Tag hier zu verbringen. Schließlich waren diese Prüfungen ja nur für die wenigen eine ernste Angelegenheit, die, wie Grete Erb, auf die Hochschule wollten. Und diese hatten die Maturatage nicht zu fürchten. – Unheimlich gescheit war sie, sie wußte ja fast schon mehr als die Prüfenden. Andere wieder sollten in ein Geschäft, für das ein Maturazeugnis nicht so wichtig war, oder sie wollten sich nach kurzen Sommerwochen der Erholung mitten hinein in den Gesellschaftstrubel stürzen, in die ersehnten Bälle und Gesellschaften, und daneben höchstens ein wenig Klavier weiterbetreiben, malen oder Tanzstunden besuchen. Benötigte man dazu die Matura? Nicht einmal die Eltern nahmen die Sache allzu ernst, ausgenommen jene, welche die Töchter dann auf eine Handelsschule senden wollten, weil die Mädchen aus materiellen Gründen eine Stellung annehmen mußten. Aber auch für diese war mit der nicht bestandenen Matura das Tor zu den großen Kontors keineswegs verschlossen, in denen sie ihre Jugend über dem Klappern der Schreibmaschinen verbringen sollten. Es gab Kurse, in denen man in drei Monaten alles Nötige lernte. Die Matura. Nein, sie war nur für die Knaben eine Sache auf Tod und Leben.

Und trotzdem packte in diesen Tagen auch die Schläfrigste und Leichtsinnigste wütender Ehrgeiz. Selbst Lizzie Ebbinghaus ging mit blassen Wangen umher und zerbrach sich den Kopf, welche Fragen sie bekommen würde. Gerissener und praktischer als die andern, fand sie bald den Weg zum Schuldiener, und der Schuldiener fand durch die Zaubermacht einer hübschen Banknote den Weg zur versperrten Schreibtischlade in der Rektorkanzlei.

Zwischen Lehrern und Schülerinnen herrschte die Feierlichkeit eines plötzlich erklärten Krieges. Beide Parteien wurden streng voneinander getrennt. Es gab keine Vertraulichkeiten mehr zwischen ihnen, keine lustigen Aussprachen mehr draußen auf dem Gange, keinen raschen Besuch in einem Lehrmittelkabinett, „Lieblinge“ wurden sorgfältig überwacht.

Bald wußte man von den ersten Schlappen und Siegen. Man konnte noch nichts Gewisses sagen, aber man wußte doch von jeder, „wie sie stand“.

Die Lehrer und Lehrerinnen trugen furchtbar ernste und feierliche Gesichter zur Schau. Wie die Schülerinnen waren sie ganz dunkel gekleidet. Ja, das, was sich nun zwischen Lehrerschaft und Schülerinnen abspielte, war für beide Teile sehr bedeutungsvoll, ein Endkampf, der wie ein mittelalterliches Turnier in feierlichem Zeremoniell vor sich ging.

Rings um das weiße Haus blühte und duftete der Garten in voller Sommerpracht. Noch war der Flieder nicht ganz abgeblüht, und Rosen lockten in allen Farben aus Büschen und Beeten. Aber niemand von den großen Mädchen sah jetzt diesen Garten, und auch die Lehrer sahen ihn nicht. Selbst den Schülerinnen der niedrigeren Klassen war es verboten, zu spielen und zu lärmen. Leise und behutsam gingen sie auf den Gartenwegen umher. „Die Großen haben Matura!“ sagte immer wieder ihre Lehrerin, wenn eine doch lauter wurde, und legte dabei die Finger an den Mund.

Drei Mädchen waren schon am ersten Tage zurückgetreten. Zwei von ihnen hatten immer schon so schwer gelernt, oh, so schwer. Was den anderen zuflog, mußten sie mühsam in eisernem Fleiß in sich zwingen. Die eine weinte sehr: „Ich will doch Lehrerin werden,“ schluchzte sie. Aber Fräulein Dr. Südekum tröstete sie. „Das wirst du schon noch. Du gehörst zu denen, die schwer lernen, die aber dann alles ein Leben lang behalten. Zwei Prüfungen hast du ja befriedigend bestanden. Den Rest kannst du im Herbst machen, das macht gar nichts.“

Die zweite war die Tochter eines Holzhändlers. Eigentlich hatte sie sich nur geärgert, weil der Rektor ihr gesagt hatte, sie solle nicht so parfümiert zur Schule kommen, – man bekäme ja Kopfweh, und es gehöre sich auch nicht.

„Ich habe keine Lust, in diesen heißen Sommertagen hier von früh bis abends zu sitzen. Wozu auch! Ich brauche die Matura nicht. Nach einem Jahr werde ich mich ja doch verloben und heiraten – wer fragt dann, ob ich die Matura habe?“

Die dritte aber war Erika Meyer. Mit bebenden Lippen teilte sie Fräulein Dr. Südekum ihren Entschluß mit: „Ich kann mich unmöglich auf diese Sachen konzentrieren,“ sagte sie. „Ich glaube, ich habe überhaupt alles vergessen, seit ich mich Ihm versprochen habe. Er liebt den Hochmut der Geistigen nicht, in seiner Bergpredigt rief er sie, die arm im Geiste sind. Nein, – ich will nicht wieder zurück in dieses Denken, in das, was mein Gedächtnis belastet und mir den Weg zu Ihm verräumt.“

Kopfschüttelnd betrachtete sie die Lehrerin: „So ist das wirklich dein fester Entschluß?“

„Ich habe nichts zu beschließen und nichts zu entscheiden. Er hat mich gerufen, als ich in höchster Not und Verwirrung war.“

Das kleine Fräulein sah dem hochgewachsenen, überschlanken Mädchen nach, als dieses mit leisen Schritten und wie getragen von einem Willen, der nicht der ihre war, zur Türe hinausging. Führte die süße Verwirrung der Sinne, die Not des Blutes auch in diesen Weg? Und bot dieser Weg Stillung und Erlösen?

Fräulein Dr. Südekum führte die Aufsicht in der Klasse während der Prüfungsarbeiten. Sie saß an ihrem Pulte, und versuchte, in einem Buche zu lesen. Der Unterricht selbst war zu Ende. Sie hatte diesen Mädchen hier alles gesagt und sie alles gelehrt, was sie zu sagen und zu lehren hatte. Fast wie eine Fremde saß sie vor dieser Jugend, die, gebeugt über die Aufsatzhefte, schrieb. Morgen schon würde sich hinter ihnen das Tor der Schule schließen. Morgen schon.

Das kleine Fräulein sah zu Gertrud hinüber. Sie konnte sich nicht sattsehen an diesem jungen, stolzen Gesicht, das ihr so viele Stunden ins Gedächtnis zurückrief, die für immer tot und vergangen waren. Nie mehr würde die kleine Gertrud den Weg in ihr einsames Zimmer finden, nie mehr mit tränenüberströmtem Antlitz und doch so voll Hoffnung zu ihr aufsehen, zu ihr, dem einzigen Menschen, dem sie alles anvertraute. Und nie mehr würde sie in dieses Kinderantlitz hinein von all dem sprechen dürfen, was ihr heilig geworden in einem langen, einsamen Leben, von den großen Augenblicken der Geschichte, von fremden Ländern und ihren merkwürdigen Völkern, von den großen, unsterblichen Träumen der Dichter.

Aber die dort saß, war ja gar nicht mehr jene Gertrud, die dicke, häßliche Gertrud, mit den fast immer rotgeweinten Augen, die sie so namenlos, so muttergut geliebt hatte. Dieses knabenhaft schlanke Mädchen dort mit dem schönen stolzen Gesicht war eine andere. Nur ganz, ganz leise erinnerte noch mancher Zug an das Einst. Aber innerlich war sie wirklich eine andere geworden, ein fremder Mensch, der sich nicht mehr erinnern wollte, wieviel Liebe und Zärtlichkeit er bei dem kleinen alternden Fräulein gefunden hatte. Ein fremder Mensch, der nun morgen hinausgehen würde aus dem großen Tore der Anstalt, weitergehen würde und sich nicht ein einziges Mal umsehen.

Es war ja schon längst alles vorüber, und es war nur töricht, daß es noch immer, noch immer so weh tat.

Wie verzweifelt sie sich gewehrt hatte gegen dieses Verlassenwerden, wenn es auch unabänderlich war! In wie tiefe Not und Verwirrung sie gestürzt war! Aber das alles, was ihr Alexandra über ihre Liebe zu Gert gesagt hatte, und was sie in ein paar irren Stunden heißer Not fast wirklich in sich entdeckt zu haben glaubte, das war ja niemals gewesen. Nein, niemals. Nur die andern hatten sie in diese wirren Empfindungen gehetzt, die nicht ihre eigenen waren, nein, gewiß nicht. Die andern, – diese Frau Nowotny, die Alexandra mit ihrem Mann gemeinsam anbetete, diese tollen Geschichten mit den Schülerinnen – und Erwin, ja Erwin und seine seltsame Liebe. Vor allem aber Alexandra und ihr närrisches Wort: „Nehmen Sie sich doch das kleine Mädchen!“

Ja, sie war gewiß wahnsinnig, diese Alexandra. Und nun – wieder überfiel das kleine Fräulein heißes Erschrecken – nun hatte Alexandra Gert kennengelernt. O, sie hatte keine Ahnung, daß dieses Mädchen dasselbe war, von dem Fräulein Dr. Südekum einen langen, langen Nachmittag gesprochen und gebeichtet hatte. Sie sollte es auch nicht wissen. Nein, niemals!

Nun, es war ein Glück, daß die Matura stattfand, und Gert sicherlich bald mit ihren Eltern verreisen würde. Diese Alexandra – so klug sie war – das war kein Verkehr für ein so junges Ding. Die Bildhauerin mit ihren bizarren Ideen – man konnte nicht wissen, wieviel davon sie bereit war in die Wirklichkeit umzusetzen. Aber nein, nun durfte sie gar nicht weiterdenken. – Eine Blutwelle stieg ihr bis zur Stirn. O, sie war wohl überarbeitet – diese letzten Wochen – da war es kein Wunder, wenn ihr die seltsamsten Einfälle kamen.

Gertrud hob jäh den Kopf und sah sie an. Sie sah sie wohl in Wirklichkeit gar nicht, hatte nur im Nachdenken über einen Satz der Schularbeit so vor sich hingesehen, und zufällig war ihr Blick auf sie gefallen. Und doch war das kleine Fräulein so herzenstief erschrocken, so, als habe die Kühle, Schlanke dort ihren Gedanken erraten.

Aber was hatte Alexandra erzählt? Gert wollte tanzen lernen, und da wollte sie auch Anatomie betreiben, um die Gesetze körperlicher Schönheit ganz zu kennen, um vollkommen zu sein. Fräulein Dr. Südekum mußte lächeln. Was für Ideen diese junge Mädchen hatten!

Nun, es war gut, daß Gert bald verreisen würde. Diese Alexandra war gerade die Richtige, um einem exaltierten jungen Mädchen noch bizarrere Ideen beizubringen.

Da es läutete, sammelte Fräulein Dr. Südekum die Aufsatzhefte. Als sie an Gert vorüberkam, sagte diese plötzlich leise zu ihr: „Verzeihen Sie, Frau Doktor – aber ich bin nicht fertig geworden, – ich –“ Verwirrung zeigte sich in ihren Zügen.

„Wenn die Arbeit nur gut ist!“ sagte die Lehrerin begütigend. „Dann macht es nicht so viel.“

Da drückte ihr Gertrud in einer jähen Bewegung die Hand.

Fräulein Dr. Südekum sah sich verlegen um, ob dies auch niemand bemerkt habe. Denn solche Vertraulichkeiten während der Prüfung pflegten schlimm aufgefaßt zu werden. Das Herz schlug ihr bis zum Halse vor Glück. Ich bedeute ihr doch noch etwas, sann sie überströmend vor Freude. Sie hat mich nicht ganz vergessen!

Auch der Nachmittag verging mit Prüfungen, und am Ende des Tages waren Lehrer und Schülerinnen tief erschöpft. Wortlos ging man auseinander und dachte seufzend an den nächsten Tag.

Als Fräulein Dr. Südekum die Anstalt verließ, sah sie Gertrud von ferne. Es war sicherlich nicht gut, wenn es jemand sah, aber sie mußte mit Gert ein paar Worte sprechen. Vielleicht war doch alles anders, als sie gedacht hatte – vielleicht war Gert doch nicht so hart und undankbar, wie sie geglaubt hatte?

„Wir wollen nicht ein einziges Wort über die Prüfung sprechen, – ja?“ bat das kleine Fräulein, als sie neben ihrer Schülerin, die sie fast um einen Kopf überragte, dahintrippelte. „Ich wollte nur wissen, wie es dir geht und was du für Pläne hast.“

„Über meine Pläne kann ich noch nicht sprechen,“ sagte Gert zögernd. „Aber ich werde es gewiß später tun.“

„Später?“ Ein bitteres Lächeln flog um den Mund der Lehrerin. „Morgen bist du frei, und da wird es dir wohl nie einfallen, den Weg zurück zu denen zu finden, die dich als deine Lehrer quälten.“ Das kleine Fräulein suchte einen scherzhaften Ton anzuschlagen.

„Sie quälten mich nie,“ entgegnete Gert ernst. „Sie waren immer sehr gut zu mir. Ich hoffe sehr, daß wir morgen bei der Maturafeier ein wenig plaudern können. Und dann werden wir uns auch später öfters sehen. Sie kommen doch zu Alexandra?“

„Alexandra? – Du meinst die Bildhauerin Pseleuditi? – Ja, ich hörte, daß du dort warst. Aber bist du denn seitdem wieder dort gewesen?“

„O, ich bin seit einigen Tagen jede freie Stunde bei ihr. Sie ist herrlich, – wir haben uns so viel zu sagen, daß die Stunden nur so fliegen.“

„So?“ – Die Lehrerin war sehr blaß geworden.

„Und da meinte ich, daß wir uns ja dort oft sehen werden. Alexandra hat Sie doch gern und sieht Sie oft bei sich, Frau Doktor!“

„Ja, gewiß.“ Dann fragte das kleine Fräulein plötzlich: „Aber jetzt – ich meine nach der Matura, wirst du doch eine Reise machen?“

„Ja, – aber das ist noch ein großes Geheimnis. Morgen sage ich es Ihnen, Frau Doktor – heute abend muß ich noch mit meinem Vater darüber reden – – und morgen müssen meine Zeugnisse gut aussehen, – oho – nun hätte ich fast angefangen, von der Prüfung zu reden. – Es ist gut, daß da mein Omnibus kommt. Adieu, Frau Doktor!“

Die Lehrerin hätte nicht sagen können, was sie dachte, während sie den Weg weiter ihrer Wohnung zuging. Nur daß etwas sehr weh tat, das wußte sie. Sehr weh.

Als sie in das Vorzimmer ihrer Wohnung trat, stürzte ihr die Wirtin entgegen: „Frau Doktor – ein Mann – oder ein Herr, – ich weiß nicht, – er wartet auf Sie in Ihrem Zimmer, – schon eine halbe Stunde. Er ist verzweifelt, denn er soll Sie wohin bringen – ein Auto steht unten!“

„In meinem Zimmer, – ein Mann?“ Was war da wieder geschehen? Zögernd trat Fräulein Dr. Südekum in ihr Zimmer. Da sah sie den Chauffeur des Fabrikanten Löß vor sich.

„Bitte, Frau Doktor, – der Herr läßt bitten, daß Sie gleich mit mir kommen.“

Wie verstört der Mann aussah!

„Was ist geschehen?“ Sie faßte ihn am Arm.

„Erwin hat sich erschossen!“

„Wie?“ – nun konnte sie nicht mehr, mit zitternden Knien sank sie auf einen Sessel. „Erschossen sagen Sie?“

„Ich weiß sonst nichts. Der Herr hat ihn nach Hause gebracht. – Bitte, kommen Sie gleich.“

Fräulein Dr. Südekum griff zitternd nach Mantel und Hut. Noch konnte sie die Nachricht nicht ganz erfassen, während sie neben dem Chauffeur die Stiege hinabging und ins Auto stieg. Leichenblaß lehnte sie in einer Ecke des Wagens, indes dieser mit ihr durch die Straßen sauste.

Sie war ganz betäubt, als sie dem Vater Erwins gegenüberstand.

„Sie wissen ja schon,“ begann er schwer. „Ich habe Sie nur bitten lassen, – ich möchte erfahren, – ich muß erfahren, – wie weit diese Person, diese Anita ... an dem Tode meines Kindes Schuld trägt! Sie liegt ja vorläufig mit einer Kugel im Spital, es ist aber nicht gefährlich, wie die Ärzte sagen, während mein armer Bub,“ er vergrub stöhnend den Kopf zwischen den Händen.

„Wie, – die Tänzerin hat auch eine Kugel, – aber was – was ist denn geschehen?“

Löß zwang sich zusammenhängend zu berichten. Es mußte ja sein, wenn er Gewißheit erhalten sollte.

„Ich wurde vor zwei Stunden von der Polizei angerufen, – ich solle sofort wegen meines Sohnes zu der Tänzerin Anita kommen. Dort trat mir ein Polizeikommissar entgegen. Er teilte mir in dürren Worten mit, daß mein Sohn nach einem erregten Auftritt zwei Schüsse auf die Tänzerin abgegeben habe und dann einen auf sich. Dieser letzte Schuß traf leider gut, so sagte mir der Kommissar achselzuckend und öffnete die Tür zu einem Boudoir. Da lag ...“

Fräulein Dr. Südekum fühlte, wie ihr das Blut zuckend zum Herzen in furchtbaren erbarmungslosen Stößen strömte, sie fühlte, wie ihr die Tränen unaufhörlich über die Wangen rannen, – aber sie konnte nicht sprechen.

Plötzlich sah sie das verzerrte Gesicht des Fabrikanten: „Wissen Sie etwas davon, daß mein Bub mit der Person, – daß sie ihn verführte?“

Das kleine Fräulein schüttelte nur schweigend den Kopf.

„Nach einiger Zeit kam nämlich da oben seltsamer Besuch,“ – sagte Löß höhnisch. „Hoher Besuch! Der Kanzler kam. Wie ein Rasender gebärdete er sich vor der verwundeten Tänzerin. Nichts konnte schnell genug geschehen, um diese Canaille zu retten. Und da er mich sah, schrie er mir in furchtbarem Haß zu, – ja, er muß von Sinnen gewesen sein: ‚Hätten Sie Ihren Knaben besser gehütet, daß er nicht in verblendeter Gier auf ein Weib schoß, das ihn verschmähte, und das einem anderen Menschen das Teuerste auf Erden ist.‘“

Mit einem Wehlaut sank das kleine Fräulein vom Sessel. Mit einem Laut, wie ein zu Tode getroffener Vogel.

Als sie erwachte, lag sie auf einem breiten Sofa und sah sich allein in einem unbekannten Raum.

Mit behutsamen Schritten trat Löß ins Zimmer. „Verzeihen Sie, wenn meine Ungeduld mich brutal sein heißt, – aber bitte, sagen Sie mir, was Sie wissen!“

Da begann die Lehrerin von der großen Passion des Knaben zu erzählen, von seinem Haß gegen die Tänzerin, von seiner Liebe. Und als der Mann vor ihr gequält und verstört fragte: „Ja, gibt es denn das, – ja, ist denn das nicht Wahnsinn, – war dies Liebe, was Erwin für diesen Mann – für den Kanzler empfand?“

Da fand das kleine alternde Fräulein das seltsame Wort, von dem sie selbst nicht wußte, wer es ihr gab in dieser Stunde: „Es ist die Liebe, die größer ist als ihr Schöpfer, denn sie dient keinem Zweck, – sie will das Unerreichbare, – wer sich ihr unterwirft, muß sterben.“

Und dann standen sie beide in dem angrenzenden halbverdunkelten Raum vor dem Lager des Knaben. Seine Hände lagen müde auf der Brust gefaltet, und sein Antlitz schien gestillt und glücklich.

Das kleine Fräulein beugte sich jäh und küßte ihn.

Siebzehntes Kapitel

Die Mädchen hatten es durchgesetzt, daß die Maturafeier nicht wie üblich in dem großen Gartenlokal eines bürgerlichen Restaurants in der Stadt stattfand, sondern in einem Hotel draußen vor den letzten Häusern, in einem fashionablen Restaurant mit Terrasse und kleinen roten Lampen, mit einer Tanzdiele im Freien und echter Jazzbandmusik. Es gab harte Kämpfe, aber schließlich hatte bei dem Rektor die Überlegung den Ausschlag gegeben, daß er diese eine Klasse endgültig los sei, die ihm so viel Sorgen gemacht hatte wie kaum eine zweite.

Und noch etwas anderes hatten die Mädchen erreicht, was wohl als Revolution gegen allen bisherigen Brauch gelten durfte: sie kamen ohne Eltern zu diesem Fest. Schließlich waren ja so viele ehemalige Schülerinnen bei dieser Feier, ältere Schwestern der Maturantinnen, andere auch, viele, die schon längst Frauen oder im selbständigen Beruf tätig waren.

Und dann: an Herren war ja niemand zugelassen als die Professoren, und daß diese nicht zählten, wußten selbst die besorgtesten Eltern. Kein männliches Wesen durfte sich sonst zeigen, kein Bruder, kein Cousin.

Die junge Schar war auf der Terrasse um einen großen Tisch vereinigt beim Abendessen, das für die Feier des Tages besonders festlich gewählt worden war. Seltsam genug nahmen sich die etwas verlegenen Gesichter der Professoren, ihre schwarzen Anzüge, im Kreise der Jugend aus.

„Fräulein Dr. Südekum ist noch immer nicht gekommen?“ fragte Gert besorgt, und Herta Kobinger meinte: „Wenn sie sich am Ende drückt, – aber das wäre eine Gemeinheit gegen uns!“

Obwohl man sich sehr erwachsen fühlte, wurde in der ersten Stunde nur von der Schule gesprochen. Jetzt kam es heraus: jede hatte doch furchtbare Angst vor diesen Prüfungen gehabt. Immer wieder hatte man darüber nachgegrübelt, was man wohl vergessen haben mochte, und am letzten Tage schien es überhaupt, daß man gar nichts wußte. Es war nur gut, daß man von den Zurückgetretenen nichts erfuhr, – sonst wären alle ihrem Beispiel gefolgt.

„Ich habe am Abend dem lieben Gott versprochen, daß ich mir sechsmal mit dem Lineal auf die Hand schlage, wenn ich in Mathematik durchkomme,“ erzählte Herta, die wie immer das große Wort führte.

„Und nun – hast du es getan?“ fragte der Mathematikprofessor neckend. Er kam sich heute wie ein Lebemann unter so vielen jungen Damen vor.

„Ja, – nein. Ich habe dreimal fest hingehauen, – aber dann brannte mir die Hand zu sehr.“

Stürmisches Gelächter folgte diesem Bekenntnis.

Als der Braten gegessen war, schlug der Rektor an das Glas. Die Mädchen sahen einander scheu und verlegen an. Nun hieß es noch einmal stillsitzen und ein ernstes Gesicht machen. Jetzt loslachen wäre furchtbar gewesen, obwohl Rektor Krause entsetzlich komisch mit seiner weißen Vorsteckkrawatte aussah.

Rektor Krause sprach sich immer tiefer in eine Rührung hinein, die seine Stimme klatschnaß erscheinen ließ. Er sprach von dem Glück einer sittlich gefestigten Weltanschauung, welche die Schule verleihe, von der Ertüchtigung des Charakters, vom Sichselbsttreubleiben. Das Weinglas hoch erhoben wie den Stab, den er sonst in der Schule beim Vortrage hielt, rief er: „Und so wünsche ich Ihnen denn, daß Sie alle im Leben Ihren Platz als liebende Gattinnen und brave Mütter ausfüllen mögen. _Non scholae, sed vitae discimus!_“

Während ihm alles lärmend zutrank, beugte sich Lizzie zu Sonja Kobinger, die neben ihr saß, und flüsterte: „Und wenn man keinen Mann bekommt, – was dann? Er soll beruhigt sein, zum Heiraten und Kinderkriegen ist es wichtiger, daß man hübsch ist als dieses ‚_discimus_‘.“

Nun wurde es gemütlich. Grete Erb schwang zwar noch eine Rede, in der sie für alles dankte, was die Schule einem gegeben, „die die Tore zu den Brüsten der _Alma mater_ geöffnet habe“. – Lizzie erstickte fast vor Lachen über dieses Bild, – aber niemand außer den Professoren hörte mehr ernsthaft zu.

Sonja Kobinger beugte sich tief zu Herta herab: „Schwesterlein,“ sagte sie, „du mußt mir heute helfen. Ich habe keine andere Gelegenheit, mich mit ihm auszusprechen, und übermorgen fährt er weg.“

„Du willst fort?“ – angstvoll sah die Kleine zu ihr auf.

„Nur auf eine Stunde! – Bitte, sei lieb! Ihr bleibt hier doch sicherlich bis Mitternacht zusammen, – ich werde versuchen, dich am Haupttore abzupassen, – ich erfahre ja telephonisch, wann hier Schluß ist. Und selbst wenn wir uns verfehlen, – die Eltern schlafen dann ja schon: du legst mir einfach den Schlüssel unter die Fußmatte – ja, bitte, bitte!“

„Aber ist das nicht ein Unsinn – du machst dir doch sonst nicht so viel daraus, wenn einer fortfährt.“

„Herta! Wie du redest! Nein, sei still! Ich will dir etwas ganz heimlich ins Ohr sagen: ich glaube, ich habe ihn wirklich lieb!“

„Diesen verrückten Kunstsammler? – Aber geh!“

„Ja, ich glaube doch, es ist so. Mir ist viel schlimmer zumute, als du glaubst.“

„Warum denn?“

„Weil ich ihm alles sagte, – als ich nicht wußte, daß es so mit mir kommen würde. Aber nun, nicht wahr, ich kann jetzt gehen?“ Sonja sah sich nach allen Seiten um, aber niemandem fiel es auf, daß sie ihren Mantel über die Schultern nahm und in die Hotelhalle schlich, die sie durch einen anderen Ausgang verließ.

„Hier kommt endlich Fräulein Dr. Südekum!“ rief Lizzie und eilte der Lehrerin entgegen. „Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns!“ Kaum aber hatte Lizzie einen Blick in das Gesicht der Lehrerin getan, so fuhr sie erschreckt zurück. „Sie sind ja krank, Frau Doktor – so entsetzlich blaß – und Sie zittern ja?“

„Still, – still!“ sagte das kleine Fräulein mit einer Stimme, die den anderen ganz seltsam fremd vorkam. Sie setzte sich zwischen Lizzie und Gert und griff hastig nach dem Glas roten Weines, das man vor sie hinstellte. „Ich fühle mich nicht wohl und konnte daher nicht früher kommen, – ich fürchtete, daß ich euch die Stimmung verderben könnte!“

„Sind Sie krank, Frau Doktor?“ In Gerts Stimme lag ehrliche Anteilnahme. Das kleine Fräulein sah so entsetzlich aus.

„Nein, nein, – es wird vorübergehen. Ich kam – ich wollte euch doch wenigstens noch einmal sehen.“ Und zu Gert geneigt: „Und dich sprechen, Kind.“

„Ja,“ ein wenig unruhig sah Gert in das Gesicht der Lehrerin. Es mußte doch etwas geschehen sein – so, so sah man doch nicht aus, wenn man nicht wochenlang im Spital gelegen hatte.

Nun stürzten sich auch die andern Mädchen auf die Lehrerin. Plötzlich kam es ihnen zum Bewußtsein, daß da heute ein Band zerriß, eine Gemeinschaft, die viele Jahre den Inhalt ihres Lebens bedeutet hatte. Ja, sie hatten einander später immer weniger, immer schwerer verstanden – aber gerngehabt hatten sie das kleine Fräulein mit dem so mitempfindenden mütterlichen Herzen doch immer. Sie waren gewiß nicht traurig, daß sie dem Zwange der Schule entflohen waren, aber um das kleine Fräulein tat es ihnen doch allen leid.

Fräulein Dr. Südekum drängte sich mühsam durch die Reihen der lärmend Lustigen bis nach vorn an die Tafel. Dort saß neben Rektor Krause der Schularzt Dr. Klempner und neben ihm die kleine Martha. Die Lehrerin bot den Männern die Hand und beugte sich dann zu dem jungen Mädchen herab, das ihr heute verändert und erschreckend blaß erschien.

„Wie geht es, kleine Martha?“

Das Mädchen antwortete nicht, aber es sah das kleine Fräulein unverwandt an. Eine Frage lag in diesem Blick und eine Bitte.

Fräulein Dr. Südekum konnte aber nicht lange bei Martha verweilen, die Schülerinnen ihrer Klasse umdrängten sie und zogen sie weiter.

Als Fräulein Dr. Südekum aus dem Trubel der allgemeinen Festlichkeit und dem Ansturm plötzlicher Liebesbezeigungen wieder an ihren Platz zwischen Lizzie und Gert zurückkehrte, sah sie noch blasser und durchsichtiger aus, wie nach einer übergroßen Anstrengung.

„Komm ein wenig zu mir hinaus in den Garten,“ sagte sie zu Gert, und diese erhob sich gehorsam und ein wenig beunruhigt.

„Du darfst mir nicht böse sein, wenn ich heute nicht so bin, wie ihr erwarten durftet, – aber dir will ich es erklären. Du weißt doch, daß ich seit zwei Jahren Erwin Löß, den einzigen Sohn von Löß, unterrichte? Er war mir sehr ans Herz gewachsen. – Nun, – er ist tot, und morgen wird er begraben.“

Gert verharrte schweigend. Sie tastete nur leise nach der Hand der Lehrerin, die sie ihr willig überließ.

Als die beiden noch weiter in das Dunkel des Parkweges hineingingen, sagte die Lehrerin noch: „Ich kann dir nichts darüber erzählen, – die Zeitungen haben über den Fall schon mehr als nötig berichtet. Du sollst nur verstehen, warum ich nicht bei euch bleiben kann, warum ich jetzt wieder gehen werde. Ich wollte euch nur sehen. – Gert, ich habe dir zu danken, – du hast mich miterleben lassen, wie du aus den Kämpfen jener ersten bitteren Zeit zu dir fandest, ich habe dir ein wenig helfen dürfen.“

„O, Frau Doktor!“

„Ja, – und das war sehr schön für mich. Du hast mich dann freilich nicht wissen lassen, wohin du gingst – in was du wuchsest – aber ich werde immer in Liebe an dich denken.“

„O, Frau Doktor –“ Es waren nicht die Worte des kleinen Fräuleins, sondern vielmehr der Klang der Stimme, der so schwer, so tief an vergangene Stunden rührte, der Gert jäh enthüllte, wie so ganz sie vergessen hatte, daß dieser Mensch ihr einmal Heimat gewesen war. Aber Gert wußte auch, daß es hatte nicht anders sein können.

„Ich weiß, daß Sie enttäuscht sein mußten,“ sagte sie leise, „daß Sie mich für undankbar halten mußten. Einmal lernte ich sehr gerne – das war, als alle Dinge von außen in mich eingingen, – durch die weitoffenen Fenster der Sinne. Lernen war ja damals, andere Fenster aufmachen, nicht wahr, es war andere Dinge zu denen tun, die ich mit den Augen und Ohren sammelte. Aber dann begann das andere – ich kann es nicht so ausdrücken.“

„Sprich nur, Gertrud, – ich habe dich immer verstanden.“

„Ich mußte so tief in mich hinabhorchen – da – sang es und wurde immer wacher. Und da mußte ich nach außen alles zumachen, mich ganz verschließen, um mich besser zu hören. – – Da lernte ich dann nur noch aus Pflicht, nur mehr mechanisch.“

„Ich glaube, daß ich dich verstehe,“ sagte das kleine Fräulein, „aber ich hätte doch gern gewußt, – was in dir so wach wurde und klang – –“

„Davon kann ich nicht sprechen,“ erwiderte Gert leise und abwehrend. „Ich kann überhaupt nicht sprechen.“

„Und fährst du nun fort?“

„Ja.“ Das kleine Fräulein sah, daß das schmale, stolze Gesicht des jungen Mädchens leuchtete vor Glück.

„Und wohin?“

„Nach dem Süden – in die Sonne – ich weiß noch nicht, wohin.“

„Du weißt es nicht? Wann fährst du denn?“

„Morgen!“

„Und da weißt du noch nicht, wohin du fährst?“ Die Lehrerin lächelte verwundert.

„Nein, ich weiß nur, nach dem Süden. Ich weiß nur, auf eine Insel. Ich weiß nur, mit Alexandra, – sonst weiß ich nichts mehr.“

Nun aber war es, daß die Lehrerin kein Wort hervorbrachte. Wie ein schwerer, entsetzlich schwerer Stein war dieses Wort brunnentief in sie gestürzt. – Ich weiß nur, mit Alexandra.

Und während Gert hoch und schlank vor ihr stand, etwas erstaunt über das plötzliche Verstummen der Lehrerin, sann das kleine Fräulein darüber nach, wieso es wohl gekommen war, daß sie dies alles schon damals geahnt hatte, als Gert davon sprach, es müsse sich erst alles wegen ihrer Reise entscheiden. Nein, es war nicht so unerwartet gewesen. Ihr Denken hatte sich nur so verzweifelt gegen das Gefühl gewehrt, das sie damals schon überfallen hatte, als sie von Alexandra hörte, sie habe Gert kennengelernt. Nun war alles entschieden. Alles.

„Lebe wohl,“ sagte sie plötzlich mit veränderter Stimme. Sie durfte nicht weitersprechen, sonst mußte Gert ja merken, wie furchtbar sie dies traf.

„Was haben Sie, Frau Doktor?“ fragte Gert erstaunt. „Sie sind plötzlich so ganz anders?“

„Ich – ich wollte dich nur fragen: wie ist das mit dir und dieser Frau Alexandra? Wie kam es so plötzlich? Ich weiß, sie fährt sonst immer allein?“

„Alexandra sagte: ‚Du kommst mit mir!‘“

„Du? – So sagt ihr euch also du?“ Immer blasser und durchsichtiger wurde das Gesicht des kleinen Fräuleins im Schein des Nachthimmels.

„Ja, – es ist ja so, als kennten wir uns schon tausend Jahre. – Ich fand ihren Vorschlag herrlich.“

„Und es schien dir gar nicht befremdlich? Ich meine, sie ist doch eine Frau, eine Künstlerin – und du bist so jung?“

„Ich denke überhaupt nie nach. Ich lasse mich immer treiben. Das ist so schön, – man lernt sich kennen.“

„Man kann sich auch verlieren! – O Gertrud, ich habe Angst um dich!“

„Es ist schön, Angst zu haben, – ich habe auch ein wenig Angst.“

Das kleine Fräulein umfing die junge Gestalt vor sich mit einem wehen Blick.

„Lebe wohl, Gert, ich muß nun gehen.“

„Leben Sie wohl, Frau Doktor – ich werde Ihnen schreiben.“

Langsam ging das kleine Fräulein den Weg weiter hinaus auf die Straße. So müde war ihr Gang nun, so müde.

Sie ging weiter und weiter. Es war ja so gleichgültig, wohin sie ging. Nur nicht in die Einsamkeit ihres Zimmers, das hätte sie jetzt nicht ertragen können. Aber sonst war alles gleich. Da das Hotel aber hier draußen im Cottage lag, war es vielleicht am besten, sie ging zu Nowotnys? Sie war schon so lange nicht dort gewesen. Ja, das würde ihr gut tun. Auch Dummheit tat manchmal gut.

Während das kleine Fräulein den Weg hinaus in die stille Straße wanderte, wo Nowotnys wohnten, räumte der Kellner in einem Separee in der inneren Stadt die Überreste eines kleinen Soupers ab und entkorkte die eisgekühlte Flasche Sekt.

„Den ersten Schluck mußt du aus meinem Munde trinken,“ sagte Sonja zu dem breitschultrigen Manne, der neben ihr saß und sein braungebeiztes Gesicht ihrem näherte.

„Komm!“

„Du!“ Mit einem Seufzer ließ sie von seinem Munde.

Sie gaben sich ihrer Leidenschaft wie besessen. Ihr Körper bäumte sich unter seinen Küssen.

„Du – liebst du mich?“ Eine drohende Falte stand zwischen seinen Brauen.

„Ich – ich weiß es nicht.“ Sie machte sich aus seinen Armen los. „Das weiß ich nie.“

Da zwang er sie langsam, ganz langsam, aber mit überlegener Kraft so zu sich, daß ihr rotbraunes Haar über seine Hemdbrust flutete. „Höre zu, Kind. Du sprichst so tolle Sachen. – Du fürchtest dich vor gar nichts, und es scheint dir auch sehr gleichgültig zu sein, was man von dir denkt. Dennoch du, – ich spüre es, daß du nicht so bist, wie du dich gibst, kleines, tolles Mädchen! Und wie sehr du dich wehrst und das leichtsinnige Mädel spielst: glaubst du, ich weiß nicht, daß du mich liebst? Daß du das zum erstenmal spürst, – so bis in dein innerstes Leben?“

„Das ist nicht wahr, ich liebe dich nicht!“ Wie Flehen klang es.

„Wildkatze! – Höre einmal zu. Ich bin kein Bub mehr. Ich habe in der Gesellschaft gelebt und in fast allen Ländern der Erde, wo ich meinem geliebten antiken Grabschmuck nachjagte. Ich habe die europäische Liebe gekostet und die exotische, ich habe kleine blonde Komtessen in den Armen gehalten und halbflügge fremdrassige Kinder, wie man sie in den Hafenstädten kauft. Mir macht man nichts vor. Ich mache mir nichts aus den sogenannten jungfräulichen Mädchen Europas, auf deren grauer Haut, wenn sie über die zwanzig sind, alle wüsten Träume ihrer einsamen Nächte sich spiegeln. Ich mag nicht mit geträumten Männern und geträumten Nächten fechten. Aber ich weiß mich Manns genug, um auch dort der wirklich erste Geliebte zu sein, wo ein Mädel so ungeduldig war, nicht auf die Eventualität Ehemann zu warten. Oder glaubst du, ich weiß nicht, daß alles ausgelöscht ist, seitdem ich dich küßte?“

„Schweig!“ Erblaßt wandte sie ihr Gesicht von ihm ab. O, wie ihr Herz schlug, wie rasend, wie bange!

„Nein, Wildkatze, ich schweige nicht. Sage einmal: du willst doch auch heiraten?“

„Höre auf – das kommt immer noch zu früh! Heute sitzen wir in einem Separee, der Sekt ist eingekühlt, ich habe mich so auf dich gefreut! Willst du mir eine Predigt halten! Ich höre daheim genug davon.“

„Aber Mädel, wer will dir etwas predigen? – Sicherlich am wenigsten ich, der mit dir seit Tagen durch alle wüsten Lokale zieht, den es so freut, wie unbändigen Spaß es dir macht, noch die Kellner durch deine Wildheit zu erschrecken. Aber das eine weißt du doch selbst, daß dies kein Spiel mehr ist, daß es ganz, ganz anders ist als deine kleinen und großen Mädeldummheiten. Und ich fordere, daß du es bekennst, wie sehr du mich liebst.“

„Nein!“ Angst und Abwehr sprach aus ihrem Antlitz.

Ein harter, fordernder Mund legte sich schwer auf ihren.

„Liebst du mich?“

Nur noch die stahlblauen Augen waren über ihr, die aus dem braunen verwitterten Gesicht brannten. So süßer Taumel ging von ihnen aus, so süßer Taumel. Und ein trotziger Mund vergrub sich in einen Männernacken und stöhnte:

„Ja, – ich liebe dich, – dich – dich!“

Eine weiche Hand fuhr über wildgelocktes Haar und strich es aus der heißen Stirn: „Dann höre, Wildkatze. Es ist das letzte ernste Wort. Nachher brauchst du nur noch Sekt zu trinken und mich zu küssen. – Also: Die Adresse deines Papas ist wohl dieselbe wie die deine?“

„Ja, – wozu?“

„Still! – Trifft man deinen Papa vormittags daheim? – Ja? – Gut, dann will ich ihm morgen sagen, daß ich Verlobungen hasse und daß wir in drei Wochen heiraten werden!“

„Du bist verrückt!“

„Ruhe! Jetzt feiern wir unsere Verlobung, verstanden? Oder gefällt es dir nicht hier, unter dem zerkratzten Spiegel, auf dem roten Plüschsofa!“

„Du!“

* * * * *

Während dies sich in einem der verrufensten Lokale der inneren Stadt zutrug, hatte das kleine Fräulein Dr. Südekum in das Heim der Nowotnys gefunden.

„Laßt mich nur ein wenig dasitzen,“ sagte die Lehrerin. „Mir ist zu elend, ich kann nicht reden.“

So begannen die beiden zu erzählen. Sie sprachen ruhig, sie sprachen wie glückliche Leute.

Die Bildhauerin erwähnten sie mit keinem Worte.

Aber als die Lehrerin in das Wohnzimmer trat, da sah sie: die vergrößerten Photographien hingen alle wieder an der Wand. Auch der Schornsteinfeger stand in seiner Ecke, und das Zimmer empfing sein Licht durch eine Hängelampe, deren Seidenschirm pausbäckige gußeiserne Engel hielten.

Da sank eine große Traurigkeit in das Herz des alternden Fräuleins. Sie empfahl sich wortkarg und ging hinaus in die nachtstillen Straßen.

Würde es auch ihr so gehen? – Und war das das Ende, daß alles wieder ins Geleise kam, daß man still wurde und resigniert, daß man die Bilder von einst wieder an die Wand hängte?

Aber noch lag sie an der Brust eines großen Schmerzes. Er spreitete seine Flügel weit und trug sie hoch über Resignation und Stille davon in sein düster flammendes Reich.

Noch litt sie, – so lebte sie noch.

Achtzehntes Kapitel

Wie die Eukalyptusbäume dufteten! Ihr grüngoldener Atem erfüllte den Wald mit einer Dämmerung, die alles ringsumher unwirklich schuf. Große, fremdartige Pflanzen blickten starr zu ihnen hinauf, und Lianen rankten sich inbrünstig an ihren Stämmen empor.

Wie weich die Wege waren! Der Fuß versank in ihnen, Schreiten wurde leise, beschwingt. Heiserer Vogelruf, schweres Flügelschlagen durchbrach manchmal den Traum der Stille, die Flucht eines wilden Kaninchens dann, das Rascheln einer Maus über Pinienfrüchten.

Wie die Eukalyptusbäume dufteten! Gert und Alexandra schritten die goldbraunen Wege immer tiefer in den Wald hinein.

„Nun sind wir so weit – so allein, daß uns kein fremdes Menschenwort mehr finden kann,“ sagte Alexandra.

„Ich spüre, wie sich die Schwere löst, die alles in mir so sehr gefangenhielt dort in der Stadt. Fast möchte ich durch den Wald tanzen, um diese Luft noch tiefer in mich zu zwingen.“

„Dann komm weiter, – siehst du nicht, wie es blau dort durch die Stämme schimmert?“

„Das Meer?“

„Das Meer!“

Sie brachen abseits vom Wege durch das Dickicht, das ihnen oft bis zu den Schultern reichte, das ihnen die Kleider von den Schultern zu reißen drohte. Erschreckt flatterten Fasane in trunkenen Farben auf, der wilde Waldboden schlug ihnen seinen herbsüßen Brodem entgegen, daß sie fast taumelten.

Aber dort, – schon brachen sie durch die stachligen Brombeerranken, – dort schimmerten weiß und gezackt die Klippen.

Leichtfüßig sprangen sie über das unter den Küssen des Meeres diamanthart gewordene Gestein. Stöhnend schlug der Gischt zu ihren Füßen an den Uferfelsen empor. Dunkel wie Lust und Vergessen breitete sich vor ihnen das Meer.

Eine große Sonne stand weiß am Himmel, als sie die Kleider lösten und mit hellem Lustschrei die befreiten Körper in die Wasser tauchten.

Wie die Wogen sie rauschend dahintrugen!

Sie lachten einander zu, wenn sie im Tanz der Wogen einander entschwunden waren und wieder emportauchten im weißen Glanz einer Schaumkrone, oder wenn die Wellen ihre Körper gegeneinanderwarfen wie leichtes Schwimmholz. Müdegetollt legten sie sich auf den Rücken, ließen sich von den wildspielenden Wogen treiben und sahen zu dem großen Himmel auf.

Dieser Himmel, nein, es konnte nicht derselbe sein, der auch auf die ferne Stadt blickte, auf die engbesiedelten Gegenden, wo die vielen Menschen wohnten. Das war ein anderer Himmel: herrisch, groß und wunderbar.

Sie lagen in der Sonne auf den harten Klippen und lachten einander zu.

„Und wirklich – außer dem Fischerpaar unten am Strand, lebt kein Mensch auf dieser Insel?“

„Kein Mensch, Gert.“

„Warst du schon einmal hier, Alexandra?“

„Niemals. Ich bin überall zum erstenmal und niemals wieder. – Du, wie der Wald zu uns herüberduftet!“

„Wir wollen in den Wald hineingehen? Ja?“

„Komm!“

Sie warfen die Kleider über ihre sonnensatten Glieder und wanderten in den Wald. Schweigend nahm er sie auf. Hier sank das weiße Mittagslicht in Geheimnis und Dämmerung. Große, blaue Schmetterlinge und einer, dessen Flügel purpurrot wie Blut schimmerten, lockten sie immer tiefer in die Wildnis.

„Wie Eroberer und Entdecker sind wir!“

„Ja, Gert, – alles gehört uns allein!“

„Was schimmert dort so weiß durch die Stämme, – dort, wo der rote Falter hinschwebt?“

„Wir wollen ihm folgen.“

Die Stämme teilten sich und gaben eine kleine runde Lichtung frei, ganz überwuchert von wilden Riesenfarnen, zwischen denen seltsame Blumen blühten.

Inmitten der Waldwiese lagen moosüberwuchert schlanke Säulen wie träumend hingegossen in ihr Schweigen. Über einer Marmorplatte, zu der verfallene Stufen emporführten, hielt sich auf einer Seite in starrer Neigung ein graziöser Steinbogen auf zwei grünschillernden Säulen. Der rote Schmetterling schwebte an ihnen empor und ließ sich, mit den schimmernden Flügeln wippend, am Säulendach nieder.

„Ein heidnischer Tempel, Gert!“

„O, wie alt er aussieht, – als hätte ihn ein versunkenes Jahrhundert hier vergessen! Aber keine Göttin lebt in ihm, – man hat sie geraubt.“

Alexandra trat näher. Ihre Hände glitten behutsam über die Formen des Säulenkapitäls, das vor ihr im Moose lag. Dann beugte sie sich tief über die Inschrift, die in die moosüberwucherte Marmorplatte eingegraben stand, die einmal wohl einen Altar getragen hatte.

„Der Tempel war der heidnischsten Gottheit geweiht – der Göttin der Lust,“ sagte sie.

„Der Lust?“

„Ja, – nicht wahr, das wundert dich? Später waren alle Gottheiten nur noch Götter des Schmerzes und der Verneinung. Der Altar der Lust zerfiel.“

„Wir werden ihn wieder aufrichten, ja? Wir sind die Königinnen dieser Insel und dürfen den Gott wählen, den wir wollen!“

Alexandra sah lächelnd in das Antlitz Gerts. „Nimm dich in acht! Du sprichst mit einer Heidin, in der das Blut der heidnischen Länder noch nicht still und europäisch geworden ist.“ Dann fügte sie ernster hinzu: „Nein, Gert, – niemals wieder wird man diesen Tempel aufrichten. Diese Götter sind tot – das Kreuz hat sie gemordet.“

„Götter können nicht sterben, wenn sie Götter sind – – sie können uns nur verlassen. Aber sie kommen wieder, wenn wir sie rufen. – Soll ich sie beschwören – oder hast du Angst?“

„Gert, – was meinst du damit?“

„O – ich denke nicht so viel nach! Komm, wir wollen weiter durch den Wald! Ich habe Hunger – herrlichen Hunger.“

„Kehren wir in der Fischerhütte ein. Sie werden uns köstliche Fische goldbraun im duftenden Öl dieser Insel braten, und wir werden dazu den schwarzen Wein trinken, der hier wächst!“

Als die Sonne schon tiefer stand, und das satte Violett immer siegreicher in das Blau des Meeres, in das Braun, Gold und Grün des Waldes drang und selbst die weißen Klippen mit zärtlichen Schatten umfing, saßen sie am Südhang der Insel, wo der schwarze, rauhe Wein der Fischerleute wuchs.

Gert sah in die Schatten, die über den Uferfelsen unter ihnen dunkelten.

Alexandra fragte, plötzlich aus ihren Gedanken auftauchend: „Du weißt wohl gar nicht, wie sehr dich dieses kleine, komische Fräulein Dr. Südekum geliebt hat?“

„Ich wußte es nicht immer. Ich war so sehr mit mir beschäftigt, daß ich die andern kaum bemerkte. Erst am letzten Tag, als wir Abschied nahmen, wußte ich es ganz. Ich versuchte, ihr zu erklären, warum es so gekommen war, daß ich allein sein mußte, – aber sie hat mich nicht verstanden.“

„Sie hatte das Gefühl, du hättest Verrat an ihr geübt, nicht wahr? Ja, die Menschen sehen es immer so, wenn wir uns von ihnen fort zu einer neuen Stufe unseres Weges wandeln. – Aber es tut ja auch sehr weh.“

Gert lag lang ausgestreckt auf dem Rücken und sah einer kleinen Wolke nach, die aus dem immer dunkler werdenden Himmel dem hellen Streifen im Westen zustrebte. Sie sagte: „Als das Geheimnisvolle noch still war und alle Dinge von außen in mich eingingen, da war ich oft bei ihr. Sie war wie meine alte Kinderfrau, die immer alles ordnete und an seinen Platz rückte, was ich in Zorn oder Ungeduld von mir warf. Aber später, als das Geheimnisvolle in mir zu wachsen begann, als es mich immer mehr durchdrang, – da wußte ich auf einmal, daß ich die entscheidenden Dinge nicht durch die andern lernen konnte. Sie waren vielleicht sehr alt, diese neuen Dinge in mir, denn als sie wach wurden, wußte ich, daß sie schon immer dagewesen waren, daß ich sie schon immer gewußt hatte. Dann haßte ich das Lernen.“

„Du wolltest nicht noch mehr von diesen Dingen, die nur von außen kamen ...“

„Ich wußte, daß ich nur auf die Stimme hören mußte. Ja, und da war plötzlich der Riß mit der Lehrerin. Sie wollte immer weiter Fremdes in mich hineintun, Erfahrungen und Gedanken anderer.“

„Und du wolltest jetzt nur dich erfahren!“

„Ja, das war es.“ Gert warf sich plötzlich herum und sah, den Kopf mit beiden Händen aufstützend, Alexandra in das Gesicht. „Ja, das war in den kleinsten und alltäglichen Dingen. Höre zu! Einmal sah mich die Südekum auf der Straße mit einem Herrn gehen. Sie sagte nie ein Wort darüber, obwohl es streng verboten war. Aber ich fühlte, was sie dachte. Und da haßte ich sie fast. Dennoch, – ich hätte ihr ja nie erklären können, was eigentlich war.“

„Erzähle!“

„Ja, dir will ich es sagen. Damals, – ich war so neugierig, so gespannt auf mich in allen Dingen. Es ist ja etwas ganz Alltägliches, ein junges, sehr junges Mädchen geht mit einem Mann auf der Straße, und er sagt ihr: ich liebe dich! – Du verstehst mich, wenn ich dir sage: Der Mann war mir gleichgültig. Aber ich hatte es noch nicht erlebt, und ich hatte mich noch nicht in einem solchen Geschehen erlebt, hatte mich noch nie mit einem Herrn gehen gesehen, noch nie mich erfahren, wenn einer zu mir von Liebe sprach. Nur darum war ich von den alltäglichen Dingen so voll unerhörter Erwartung. Ich konnte nicht wissen, wie ich in dieser oder jener Situation sein würde. Und ich war so brennend neugierig auf mich, – immer nur auf mich.“

Alexandra sah tief hinein in das erregte leidenschaftliche Antlitz Gerts. „Wie gut ich dich verstehe. – Viel zu gut! Aber sich selbst zu suchen ist eine gefährliche Leidenschaft!“

Gert sprach weiter, so, als müßte sie sich selbst Rechenschaft ablegen. „Darum war es so töricht, wenn man mir in jener Zeit von den Erfahrungen der anderen sprach: was sie sich über eine Sache gedacht hatten, was man sich im allgemeinen darüber denken müsse, was daraus folge – o, wie abscheulich.“

Immer erregter wurde Gert: „Natürlich ist es interessant, wie der große Winterfeldzug Napoleons ausging, oder was sich Goethe gedacht hatte, als er die Wahlverwandtschaften schrieb – aber, nicht wahr, das stand ohnehin in den Büchern aufgeschrieben? Man konnte in ihnen jeden Tag lesen, es lief nicht davon, auch dreißig Jahre später konnte man es noch lesen. Jetzt aber war ich da, und ich konnte mich jeden Tag in etwas anderem erleben und erfahren, das war jetzt da, Gegenwart, und es existierte nur, wenn man es lebte – _heute_ lebte, – verstehst du?“

„Und was erfuhrst du, und was erlebtest du in dir?“ fragte Alexandra. Ihr dunkelgetöntes Antlitz leuchtete in der späten Sonnenstunde wie Bronze.

„Ich erlebte vor allem meinen Körper, der sich reckte und wuchs, ich entdeckte die Melodie in ihm, – ich wußte plötzlich, daß ich Tänzerin werden müsse. Ganz mich in Musik und Rhythmus auflösen – das war das einzige Ziel.“

„Und kein Du? – ich meine, keinen Mann?“

„Auch den Mann erlebte ich,“ antwortete Gert ruhig. „Oder eigentlich mich in ihm. Das war nicht er, den ich erlebte. Ich war verliebt in meine Verliebtheit, ich dachte mir nicht viel dabei. Ich verstand die anderen nie, die das so tragisch nahmen. Es war eine Erfahrung mehr an mir selber. Aber es war immer sogleich zu Ende. Wie ich erreicht hatte, was ich wollte –, war ich ernüchtert und gelangweilt. Ich konnte mich selbst nicht mehr erfahren in ihm.“

„Wie ein Knabe bist du,“ lächelte Alexandra, „dem die schönsten Frauen nur die Möglichkeit zu lieben schenken.“

„Ein Knabe,“ wiederholte Gert und sah Alexandra an, „wäre ich ein Knabe, so würde ich dich entführen!“

„Still!“ Alexandra war sehr blaß geworden. „Du sprichst törichte Dinge!“

„Erzähle mir von dir,“ bat Gert. „Du hast viel geliebt, nicht wahr?“

„Ich habe viel geliebt,“ antwortete die Bildhauerin. „Aber wieviel ich auch gab, und wenn es tausendmal mehr war, als der andere zu geben hatte, es war doch stets so, daß ich mich immer zurücknehmen konnte, daß ein Rest blieb, der keinem Menschen gehören darf, den ich nur an meine Kunst verschenken kann.“

„Dann gabst du dich doch nicht? Dann nahmst du doch nur! Wer halb gibt, gibt nichts.“

„Das hat mir noch niemand zu sagen gewagt,“ antwortete Alexandra schroff. „Ich bin eine Künstlerin und nicht dazu da, mich zu verschenken.“

„Wie hochmütig du bist und – wie arm,“ sagte Gert leise, und ihre Augen wurden ganz dunkel.

Alexandra sprang auf. „Gehen wir,“ sagte sie hart. „Es wird finster.“

Sie tranken purpurschwarzen Wein vor der kleinen verlassenen Fischerhütte, die ihnen das Fischerpaar überlassen hatte.

„Die hier lebten, sind gestorben,“ erklärte Alexandra. „Die Hütte steht seit Jahren leer.“

Sie tranken einsilbig und ließen sich dem Zauber der Nacht, in die alle Pflanzen und Bäume ihren duftenden Nachtatem hauchten, bis sie ganz schwer wurden und wie Gefahr.

Sie lagen einander so nahe im Dunkel, daß eine den Herzschlag der andern hören mußte.

Alexandra lag schlaflos und sah durch das kleine Fenster hinaus auf das Meer, auf dem grün und rot die Leuchttürme blinkten.

Warum bin ich plötzlich so verwirrt und voll Scham? dachte sie gequält. Wäre es denn Sünde, wenn wir den Traum erfüllten, das, was in unserm Lachen schwingt, das so unnütz und so schön aus unsern Gesprächen emporzuckt wie eine weiße Wolke, – was in der schweren, mittagstillen Lässigkeit unserer Glieder träumte, was mich jetzt nicht schlafen läßt – und ich weiß es, auch sie nicht.

Rein und groß wehte der Atem der Nacht durch die Fenster in den kleinen Raum.

Und weiter dachte Alexandra: Ist es nicht Gottes Jawort zu unserer Sehnsucht, daß wir schön sein würden in unserer Erfüllung, – mein brauner, sehniger Körper und ihr traumhaft weißer und schmaler? – –

„Alexandra!“ Eine Stimme rief durch das Dunkel.

„Ja?“ Wie Angst klang es gepreßt.

„Es ist so heiß hier, – ich kann nicht schlafen. Ziehen wir uns an und gehen wir in den Wald – zu dem kleinen Tempel. Es muß jetzt sehr schön dort im Mondlicht sein!“

Sie kleideten sich im Dunkel an und stiegen schweigend den steilen Felsenweg zum Walde empor. Ihre Füße sanken in den weichen Waldweg. Die Stämme der Bäume leuchteten in einem unwirklichen Licht. Und wie es ringsum duftete und atmete! Das war die Stunde des Waldes, seine lebendigste Stunde.

Schon sahen sie die weißen Säulen im Mondlicht vor sich schimmern.

Sie setzten sich auf vom Sturm geknickte Stämme und sahen schweigend umher.

Als Alexandra Gert in einer jähen Bewegung an sich ziehen wollte, machte sich diese behutsam los, stand auf und verschwand zwischen den Stämmen.

Alexandra wagte nicht zu rufen. Dann aber hielt sie den Atem an.

Eine schmale weiße Gestalt löste sich aus dem Dunkel der Bäume, ging zagend ein paar Schritte vor und warf sich emporzuckend in einen Rhythmus, der immer wilder wurde. Nun fiel das Mondlicht voll auf sie, zuckte silberbrennend auf den weißen, zarten Brüsten auf, glitt wie im Spiele abwärts zu den schmalen Hüften, koste den Schatten, der wie ein Mysterium aus dem degenschmalen Leuchten des sich immer rasender umherschnellenden Körpers dunkelte.

Gert sprang immer weiter vor. Schon tanzte sie inmitten der Wiese. Hinter ihr ragten mondbeschienen und unwirklich weiß die Säulen des Tempels. Immer wilder tanzte sie, den Kopf zurückgeworfen. Die Flut ihrer blonden Haare peitschte ihr Gesicht und Nacken, warf zuckende Schatten auf ihre Brust.

Alexandra löste jäh die Kleider von ihren Gliedern. In dem grünen Feuer des Waldlichts schien ihr brauner Körper der Gestalt einer Göttin gleich, die man nach tausendjährigem Schlaf aus einem Königsgrabe gehoben.

Langsam ging sie auf die weiße Flamme zu, die sie immer weiter lockte, bis in den Tempel.

Auf der moosbedeckten, farnenüberwachsenen Marmorplatte sanken sie nieder.

Durch die uralten Säulen ging ein Zittern, als ein Schrei zwiefacher Lust durch die Nacht drang. –

Gert schlief müde an der Brust Alexandras.

Der heiße Nachtwind koste ihre Glieder und spielte mit ihrem Haar. Alexandra sah empor zu der Nacht, die alle Sterne in ihr tiefes Blau gezwungen hatte, die großen Sterne der festlichen Nächte des Südens.

Eine leise Traurigkeit stieg aus der überreichen Schönheit ringsumher. Eine Traurigkeit, die das Herz Alexandras verwirrte.

So wunderbar sie diese Nacht beschenkt hatte, auch über sie hinaus mußte sie weitergehen! Ernst sah sie auf das gestillte Antlitz vor sich. So manches Antlitz hatte sie schon in Nächten belauscht und immer mit dem Wissen um ein Abschiednehmen.

Wie wild dieses Kind blühte! Wie maßlos wild. Aber auch für sie würde diese Nacht einmal nur eine Stufe auf ihrem Wege einer großen Liebenden sein.

Nein, an meinesgleichen leidet man nicht, dachte Alexandra und fuhr weich über das Haar der Schlafenden. Wir vermögen nur Fackeln zu entzünden. Wir sind zu fern, zu verschenkt, als daß wir einen Menschen festhalten könnten.

Inseln sind immer nur ein Traum. Man kehrt aus ihnen in das Leben der anderen zurück. Ich werde arbeiten, – ich weiß. Und ich werde vergessen.

Aber Sünde war dies nicht, dachte Alexandra, indes sie mit weichen Händen über das Haar der Schlafenden glitt. Nein, Sünde war es nicht.

Denn dies war nicht Großstadt und lasterhafte Neugierde ermüdeter Sinne. Unschuld und Urbeginn lebte in dieser Nacht. Denn einmal in Urzeiten, als die Menschheit noch jung war, da mußte es so gewesen sein: unschuldige, lösende Spiele der Mädchen auf einer Waldwiese, die noch kein Mann betreten hatte, nicht der Mann, der das Leid und die Not des Geschlechtes brachte.

Nein, Sünde war das, was die verirrten Nerven unter Bogenlampen, Geigenschwirren, Alkohol und Parfüm gaben und nahmen – auch wenn die überklugen Medizinmänner das in der Ordnung fanden.

Sünde war, wenn man sich an etwas verlor.

Meine Ehe war Sünde, dachte Alexandra, weil sie mich in Knechtschaft und Vergewaltigung zog, und Sünde war es, wenn ich mich feige törichten Gesprächen und erniedrigenden Nächten überließ, statt in meinem Atelier zu arbeiten.

Aber Sünde war es nicht, als ich Pietro, dem italienischen Fischer, gehörte, der mich wahnsinnig küßte in jener Nacht in seinem Boot, als über uns tausend Sterne brannten wie heute. Nie war ich freier als nach jener Nacht, nie sündenloser!

Wir werden beide weitergehen, dachte Alexandra, und wir werden vergessen. Wie ein Schild hielt sie diesen Gedanken vor das unerklärliche Bangen, das sie unter diesem großen sternenklaren Himmel überkommen wollte.

Denn es war so, daß immer wieder ein leises Wissen, das aus Urtiefen stieg, sie mit heißer Angst belud. Aus Urtiefen stieg es, und aus dieser Nacht wuchs es ihr zu, aus dem grenzenlosen Alleinsein mit einem geliebten Menschen unter diesem großen Himmel. Und Alexandra kämpfte gegen dieses Wissen um sich selbst.

O, sie wird auch kleinere Münze nehmen, dachte sie. Sie wird irgendeinen heiraten, den sie zu lieben glaubt, weil er ihr die Sicherheit bietet und die Erfüllung äußerer Wünsche. Und sie wird ihm von unseren trunkenen Stunden so wenig erzählen, wie von den Nächten, da sie hinausgelehnt zum Fenster zu einem unendlichen Sternenhimmel aufsah und sich wünschte, in solcher Nacht zu sterben, wie noch viele andere Dinge, die ein Mädchen niemals einem großen, vernünftigen Manne erzählt – weil sie zu unwirklich sind, zu sehr Traum.

Wieder beugte sich Alexandra tief zu dem schlafenden Antlitz vor ihr hinab, und sie flüsterte: Vielleicht werden dich einmal lieblose Fäuste nehmen, die es müde geworden sind, bezahlte Körper zu kosen, und denen deine Jugend ein letzter lasterhafter Reiz ist. Vielleicht werden Greisenfinger sich noch einmal an dir in sündiger Lust entzünden. Oder Hände, gedankenlose Hände werden dich nehmen, kühn durch den Wein des Hochzeitsmahles, Hände, die sonst Seiten in einem Kontobuch blättern.

Meine Hände aber, – Gott hat sie lieb, denn er formte sie zu einer Arbeit, die er selbst einmal in stürmischer Jugend kühn und neugierig wagte, – – damals, als er den Menschen schuf.

Neunzehntes Kapitel

„O, Fräulein Dr. Südekum – ich glaube, daß es noch nie so schwer war, daß Eltern und Kinder einander verstehen, wie heute. Sie dürfen nicht vergessen, daß diese Jugend so voll wilder Auflehnung ist, weil sie wirklich nichts, gar nichts mehr vorfand.“ Grete Erb ging neben der Lehrerin durch die Straßen der Stadt und sprach eifrig auf sie ein.

„Das verstehe ich nicht,“ sagte Fräulein Dr. Hanna Südekum leise. „Ich fürchte überhaupt, daß ich sehr alt werde und nicht mehr mitkann. Muß die Jugend nicht auch heute wie früher auf den Schultern der Alten stehen? Haben ihnen nicht Wissenschaft und Technik, die Forscher und die großen Dichter ein Erbe zurückgelassen, das es zu verwalten gilt?“

„Ja, gewiß,“ sagte Grete Erb. „Aber es geht nicht allein um diese Dinge, es geht um das Leben selbst. Und auch die Wissenschaft arbeitet vielfach nach Methoden, die auch von der zum Sterben verurteilten bürgerlichen Ideologie erfüllt sind.“

„Das sagst du, die an die Hochschule will?“ fragte Fräulein Dr. Südekum verwundert.

„Vor allem muß ich dabei sein, wenn ich will, daß es anders wird,“ entgegnete Grete Erb und fuhr fort: „Die Technik hat das Leben bequem gemacht, – für die, die Geld haben natürlich. Aber sonst, es gibt nichts, woran man sich halten kann. Und dies gilt am stärksten für die Mädchen der bürgerlichen Klasse, der wir angehören. Die Kleinbürger und die Arbeiter sind schon viel weiter, – denen hat der Kampf um die Existenz und die Not geholfen, ganz neue, ehrlichere und anständigere Bedingungen auch für die Frauen zu erkämpfen. Wir aber, – uns sucht man noch immer Gesetze einer längst vermoderten Zeit aufzuerlegen, man hält uns unfrei und glaubt mit Gewalt eine sterbende Gesellschaftsmoral aufrechterhalten zu können.“

„Grete, – Grete, ich bin ganz entsetzt über das, was du sagst! Und gerade dich hielt ich immer für so klug und für gesetzter als die andern.“

„Ich habe nur gründlich über das nachgedacht, was anders werden muß. Die meisten lassen sich treiben, sie kämpfen einen heimlichen, erbitterten Kampf gegen die Erwachsenen, einen Kampf voll Lüge und Betrug. Ich aber will mir klar werden und daran arbeiten, daß es anders wird. Darum gehe ich auf die Universität. Ich will Germanistik und Pädagogik studieren und Lehrerin werden. Frau Doktor, ich will daran arbeiten, daß auch die Mädchen unserer Klasse aus dem vergoldeten Käfig hinaus erzogen werden für das Leben.“

„Tat man das bisher nicht?“

„Nein, man erzog sie nur für das Heiraten, nicht einmal für den Mann. Aber Sie wissen es so gut wie ich: die wenigsten heiraten, und viele brechen auch aus diesem Käfig aus, – weil eben auch die Ehe anders werden muß.“

„Aber du bist ja eine Rebellin, Grete.“

„Wie jeder, der nicht lügen mag.“

„Aber höre einmal zu, Grete. Du hast doch so manches mit angesehen in der Klasse. Du kennst doch alle Geschichten und hast wahrscheinlich auch sonst deine Augen offengehalten. Du weißt auch, wie die Mädchen später leben – nach der Schulzeit. Diese modernen Mädchen, sie machen Ausflüge allein mit den Burschen, sie gehen allein auf Bälle, – ja, manche besuchen Bars. Sie leben wie Kokotten, rauchen, schminken sich, tragen schamlose Kleider. Und da willst du, daß sich die Eltern nicht wehren gegen diese neue Art, die jedes Haus vergiftet?“

„Verzeihen Sie, Fräulein Doktor, aber Sie begehen den Fehler aller Erwachsenen. Sie vergleichen die Sitten Ihrer Zeit mit denen der unseren. Sie können nicht daran glauben, daß eine andere Zeit da ist. Und vor allem überschätzen Sie Äußerlichkeiten.“

„Die immer der Ausdruck der inneren Vorgänge sind!“

„Nein, heute nicht, und gestern waren sie es ebensowenig. Ich bin doch mit diesen Mädchen aufgewachsen, ich kann darüber erzählen. Dieselben Mädchen, die unter den Augen der Eltern am konventionellen Gesellschaftsabend freche Reden führen – immer nur aus Auflehnung und Haß gegen den Zwang – sie, die ihre von den Eltern protegierten Verehrer mit Reden von freier Liebe und dergleichen erschrecken, sie, die ihnen langweilige Bewerber fragen, ob ihr Junggesellenheim auch ‚verrucht‘ eingerichtet sei, die sich beim Jazz unter den Augen entsetzter Tanten so verderbt an ihren Tänzer schmiegen, daß diesen nur zu seufzen übrigbleibt: ‚O, diese jungen Mädchen von heute!‘ – Fräulein Doktor, dieselben jungen Mädchen lachen ihr keusches, helles Jungmädchenlachen, wenn sie mit ihrer selbstgewählten Gesellschaft irgendwo draußen in Schnee und Eis die den Eltern abgetrotzten Weekendtage verbringen. Kein heißes Wort wagt sich zu ihnen, wenn sie im Alpenhotel dem Mann, den sie wirklich gern haben, ‚Gute Nacht!‘ sagen, – obwohl sie keine Mutter behütet. O, Frau Doktor, glauben Sie mir, die Mädel, die Zigaretten rauchen und im Besuch einer Bar des Lebens höchsten Genuß sehen, küssen ihren ersten Kuß ebenso rein und heilig wie ihre Urgroßmutter vor hundert Jahren. Und – wenn man sie in Ruhe läßt – dann kommen sie von einem mit hundert Schwindeleien erreichten Ausflug mit ihm, ja sogar von dem heimlichen Besuch eines Nachtlokals, ebenso strahlend verlobt zurück, wie die Mädchen früher in der guten Stube mit den Spitzendeckchen neben ihrem Bewerber standen, blutübergossen, – wenn die kluge Mama einmal einen Augenblick hinausgegangen war. Nur, daß diese Mädchen ihren Partner selbst wählen, daß sie ihn kennen und nicht so sinnlos unglücklich werden wie fast alle ihre Mütter.“

„Das will ich dir gern glauben,“ sagte Fräulein Dr. Hanna Südekum nachdenklich. „Ich bin gewiß nicht so, daß ich in allem gleich das Schlechteste sehe. Aber – du mußt doch zugeben – man erfährt von so vielen Mädchen, die – nun, die gefallen sind.“

Grete Erb stutzte einen Augenblick und sah ratlos der Lehrerin in das Gesicht. „Fräulein Dr. Südekum, – nun seien Sie mir nicht böse! Aber wenn ein Wort aus dem Sprachschatz dieser Generation verschwinden muß, so ist es das von den gefallenen Mädchen. Man ist nicht deshalb gefallen, weil man heißeres Blut hat als andere und nicht daran denkt, noch Mitte der Zwanzig zwar erwachsen und im Besitz aller Staatsbürgerrechte, aber doch nur als halber Mensch herumzulaufen, – denn das ist man doch, wenn man diese Seite des Lebens nicht kennt. Für die eine kommt die Stunde früher, für die andere später, in der sie sich entscheiden muß, ob sie ein lächerliches Zölibat nur wegen der Ideale der Eltern oder wegen eines sagenhaften zukünftigen Bräutigams aufrechterhalten will.“

„Und früher, – war es nicht früher so, daß die Mädchen rein und unberührt in die Ehe traten? Ich erinnere mich zu meiner Zeit ...“

„Ich weiß nicht, ob man damals die Vorschriften der Moral mehr hielt als heute, – jedenfalls hatten sie damals mehr Sinn. Damals waren sie noch durch das religiöse Empfinden, durch die innere Überzeugung der Eltern gestützt, nicht wie heute nur von Berechnung und Konvention diktiert. Aber, Frau Doktor: Sie sollten wirklich nicht gehört haben, daß sich auch damals in der so gelobten guten, alten Zeit manches junge Ding an sein heißes Blut gab? Das war immer schon so. Die Gretchentragödie ereignete sich schließlich zu einer Zeit, als es noch keine Jazzband, kein kurzgeschnittenes Haar, rauchende Damen und junge Mädchen in Nachtlokalen gab. Nur, daß es heute keine Tragödie mehr ist, wenn man sich auch ohne Ring einem Manne schenkt. Damals führte dies, wenn man sehr viel Glück hatte, zur Ehe, aber wenn nicht, in die tiefste Schande. Es ließe sich darüber nachdenken, ob nicht die größere Schande war, aus Barmherzigkeit geheiratet zu werden. Heute darf die erste Liebe Irrtum sein, Irrtum, den ein junges Herz, ein junger Körper verwindet und vergißt.“

„Es ist vieles so richtig, was du sagst, Grete, aber es erschreckt mich doch. Sage nur, wie du zu diesen Gedanken kommst? Oder hast du – verzeih, – ich meine, – du bist ja nicht mehr in der Schule, – lebst du selbst nach – nach diesen Ideen?“

Lächelnd schüttelte das junge Mädchen den Kopf. „Meine Eltern geben mir vollkommene Freiheit, und dadurch blieben mir viele Versuchungen erspart.“

„Wieso, – wenn man mehr Freiheit hat, gibt es doch mehr Versuchungen?“

„Umgekehrt, Frau Doktor! Meine Eltern haben mich sehr ernst erzogen, aber sie vertrauen mir ganz. Ich werde jetzt studieren. Und wenn mir ein Mann begegnen sollte, den ich lieb habe, – aber ich bin sehr schwer, ich brenne nicht so leicht. Mich zu verheiraten wie die andern, nur um versorgt zu sein, habe ich nicht notwendig, – ich werde mir selbst mein Brot verdienen. Aber ich denke wohl, wenn mir dann einer begegnet, und wenn wir uns liebhaben, wie ich es mir vorstelle, – dann werden wir wohl immer zusammen sein wollen, – dann werden wir heiraten. War es aber ein Irrtum – ich habe doch meinen Beruf – ich bin doch nicht nur Frau, – dann werde ich mich eben in meine Arbeit finden müssen und nicht heiraten.“

„Und warum glaubst du, daß es für die andern so viel schwerer ist, – ich meine, zu warten, – den Versuchungen zu widerstehen?“

„Weil sie nicht frei sind, Frau Doktor, weil sie Tollheiten begehen aus Auflehnung, aus Trotz, Dinge, die sie sonst nie täten, dürften sie frei über sich bestimmen. Und weil sie verzweifelt sind. Weil sie genau wissen, daß sie den ersten besten, einen Ungeliebten, heiraten werden, nur um von daheim loszukommen. Und da wollen sie noch vorher ein Zipfelchen vom Leben erwischen.“

„Ich danke dir, Grete,“ sagte das kleine Fräulein und blieb abschiednehmend stehen. – „Vieles von dem, was du mir sagtest, war mir neu und hat mich sehr interessiert. Nur, – auch du sprichst aus Theorien heraus.“

„Aber sie sind richtig!“ antwortete Grete Erb leidenschaftlich.

„Alle Theorien sind richtig,“ sagte Fräulein Dr. Südekum, und dann setzte sie mit einem feinen, traurigen Lächeln hinzu: „Nur, – das Leben kümmert sich nicht darum.“

Fräulein Dr. Südekum ging weiter, den steilen Weg hinauf gegen das Cottage, wo das Spital Dr. Klempners lag. Sie hatte heute von ihm einen Brief gefunden, worin er sie bat, ihn nachmittag zu besuchen. „Meine kleine Martha ist so verändert seit einiger Zeit. Nun sagte sie mir, daß sie mit mir über etwas sprechen wolle. Und sie fügte den seltsamen Wunsch hinzu, Sie möchten bei diesem Gespräch zugegen sein. Sie hätte Sie bei der Maturafeier wiedergesehen. Sie seien so gut zu ihr gewesen, – und, kurzum, ich bitte Sie, zu kommen.“

Die kleine Martha! Wieder sah das kleine Fräulein die großen, traurigen Kinderaugen vor sich. Wie seltsam dieses Geschöpf war! Das zarte Körperchen ließ kaum die Fünfzehnjährige ahnen – aber das Gesicht war oft von einer uralten Traurigkeit überschattet wie das einer wissenden Frau.

Der Doktor führte sie in seiner gemütlich polternden Art in das Wohnzimmer. Martha saß am Fenster, die Hände im Schoß gefaltet und rührte sich nicht, als die Lehrerin nähertrat. Nur ihre großen Augen hielt sie unverwandt auf sie gerichtet.

„Ich habe meinem Vater etwas sehr Ernstes zu sagen, – ihn um etwas zu bitten, – aber, – weil meine Mutter tot ist – und, – ich wollte, daß Sie kamen, – ich danke Ihnen so sehr.“

„Ja, – was ist denn los?“ rief Dr. Klempner, plötzlich sehr erschreckt, und stellte sich breitbeinig vor seiner Tochter auf.

Fräulein Dr. Südekum fühlte, wie ihr das Herz bis zum Halse hinauf schlug. Mit leisen Schritten trat sie auf das Kind zu, rückte einen Sessel heran und setzte sich ihr gegenüber, während sie seine zuckenden Hände in die ihren nahm.

Die kleine Martha barg ihre Hände tief in die sie umschließenden des kleinen Fräuleins, dann richtete sie ihre Blicke fest auf ihren Vater, der unsicher, sein kleines Bärtchen zausend, vor ihr stand: „Ich bin schwanger, Vater.“

„Was?“ Wie ein wildes Tier sprang er vor, und das kleine Fräulein beugte sich zitternd über Martha, als wollte sie sie vor Schlägen beschützen. Aber Dr. Klempner wich zurück bis an die Wand und stammelte mit blassen Lippen: „Das, – das kann doch nicht wahr sein?“

Als die Kleine aber nur totenblaß und schweigend nickte, da brach er los. Wie Hagel brachen seine Verwünschungen nieder. Dann begann er zu lachen: „Natürlich, bei der Mutter, – es war ja nicht anders zu erwarten – da war alle Erziehung umsonst!“

„Schweigen Sie!“ rief das kleine Fräulein und stellte sich kampfbereit vor dem Arzt auf. „Nehmen Sie dem Kinde nicht seine Mutter!“

„Aber, – die beiden gehören ja jetzt zusammen,“ rief er hohnvoll lachend. „Ja, sie soll es nur wissen, daß ihre Mutter den Vater betrogen hat – mit einem blutjungen Assistenten hier im Spital, – der besser zu lachen verstand als ich, der ein junges Gesicht hatte. Und das, obwohl ich ihr alles an Liebe gab, was ich besaß. Jawohl. – Heraus mit der Sprache, wer ist der Bursche!“

„Das ist hier ganz gleichgültig,“ entgegnete das junge Mädchen so fest, daß der Arzt und das kleine Fräulein es ganz betroffen ansahen. „Ihn trifft keine Schuld – er hat mich nicht verführt. Um das handelt es sich hier auch gar nicht.“

„Und dazu habe ich dieses Kind wie einen Augapfel behütet vor jedem wärmeren Wort, das sie erwecken könnte,“ sagte er leise. „Deshalb habe ich mir alles versagt, was in mir an Zärtlichkeit aufgespeichert war, damit sie hart würde, damit sie auf die sogenannte Liebe pfeife! Und nun –“

Er trat ganz nahe an Martha heran und hob die Hand, als wolle er sie schlagen – aber dann sank seine Hand kraftlos herab und blieb wie vergessen auf dem Kopf des kleinen Mädchens liegen. Dieses rührte sich nicht. Es sprach nicht. Aber langsam, ganz langsam löste sich das Starke in seinem Gesicht, und Tränen begannen zu fließen, – o, nicht so wie Menschen sonst weinen, – nur einige Tränen und jede groß und schwer.

„Martha,“ flüsterte Dr. Klempner, „habe ich dich erschreckt mit meinem Zorn? – Es – es kam nur so unerwartet. Wir wollen nun beraten, was geschehen soll. Ich bin doch dein Vater, Kind. Ich bin da – und Fräulein Dr. Südekum ist da, die dich lieb hat.“

„Vater,“ sagte eine ganz ferne, uralte Stimme, „Vater, bitte, nimm deine Hand von meinem Kopf weg, – bitte!“

„Ja, – ist sie dir zu schwer?“

„Viel zu schwer!“ – Wieder rollte eine schwere Träne über das blasse Gesicht.

„Wir werden fortreisen, Martha, ja? Ja, so wird es am besten sein! Mein Gott – so ein Kind – und das! Nein, es ist nicht zu verstehen!“ Aufstöhnend vergrub er seinen Kopf zwischen den Händen.

Als er wieder aufsah, war das kleine, schmale Gesicht Marthas wieder ganz ruhig, unheimlich ruhig, und die Augen tränenleer. Die Stimme aber – wie diese Stimme plötzlich hart und fremd klang! – sagte: „Vater, – ich kam nicht nur, um dir dies zu sagen, – ich habe eine Bitte. Ich will, daß du mir das Kind nimmst – ich will es nicht zur Welt bringen!“

„Was sagst du da? Das ist ja Unsinn. Fürchtest dich wohl vor der Schande, wie? Du solltest dich aber nicht fürchten, Kind. Es wird alles gut werden! Wir fahren ins Ausland, du kannst dann dort bleiben – niemand weiß, wer du bist. Ich werde meine Stellung aufgeben, – wir könnten in die Schweiz gehen ...“

„Nein, Vater, – ich fürchte nicht die Schande. Aber ich will, daß du mir das Kind nimmst.“

„Aber,“ – Fräulein Dr. Südekum sah ganz entsetzt auf Martha. „Dein Vater ist doch so gut, – warum, es ist keine Schande, ein Kind zu bekommen – auch wenn man nicht verheiratet ist ...“

Die kleine Martha heftete ihre großen dunklen Augen auf das kleine Fräulein: „Vor Ihnen wollte ich den Grund sagen, weil Vater so anders ist, weil er es vielleicht nicht versteht. Es ist vielleicht keine Schande, als Ledige ein Kind zu bekommen, es ist aber überhaupt eine Schande, ein Kind in die Welt zu setzen, wenn man so viel weiß wie ich. Nein, sprecht nicht, ich habe zu viel gesehen. Es ist alles so häßlich und gemein, was man aus dem Leben gemacht hat. So kalt und gemein. – Was sollte mein Kind hier?“

Mit beiden Händen umfaßte das kleine Fräulein Martha: „Aber Martha, wie darfst du solche Dinge denken, – das darf man nicht, das ist Sünde! Dein Kindchen wird leben, und es wird froh sein, wie es alle guten Menschen sind.“

Ehe Martha etwas entgegnen konnte, fragte plötzlich eine gepreßte Männerstimme:

„So warst du nie froh, Martha?“

Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf: „Niemals, Vater. Vielleicht damals, als ich noch nicht sehen und noch nicht verstehen konnte. Aber je größer ich wurde, desto schrecklicher wurde es. Niemand hat den andern gern. Sie würden sich auffressen, wenn sie könnten ...“

„Um Gottes willen, schweig!“ rief gemartert durch die kalte, harte Kinderstimme die Lehrerin.

Aber die Stimme fuhr unerbittlich fort: „Sie sterben wie die Tiere – ich weiß es – nur nicht in der Barmherzigkeit des Alleinseins. Ich habe doch hier gelernt, ich habe doch alles gesehen. Niemand hat mit dem anderen Mitleid. Niemand. Wenn einer stirbt – dann weinen sie – aus Angst, es könnte ihnen das gleiche geschehen. Nein, nein, mein Kind darf nicht in diese Welt, zwischen diese kalten, gemeinen Menschen, – nein, – nein!“ Und wieder begannen langsam und schwer die Tränen zu fließen.

Dr. Klempner trat auf seine Tochter zu und hob sie auf. Seine Stimme klang heiser wie von unterdrückten Tränen, als er zu der kleinen Lehrerin sagte: „Kommen Sie – wir legen sie ins Bett. Sie fiebert ja. Ja, komm, Marthele, mein armes Kleines, – komm, wir legen dich ins Bett! Ich bleibe dann noch neben dir, bis du einschläfst.“

Da barg die kleine Martha ihren Kopf an der Brust des Vaters, während er sie hinübertrug, und sagte plötzlich: „Bitte, bitte, Vater, – schlag mich, – schrei mit mir, – mache, was du willst, – nur versprich mir, daß du mir nie mehr so übers Haar streichst – nie mehr so sprichst – hörst du – nie mehr! – Es wäre doch alles, alles nicht geschehen, wenn du früher, – wenn du immer ...“ Dann versank alles in einem wilden Schluchzen.

Dann sah das kleine Fräulein, daß Dr. Klempner neben dem Bette seines Töchterchens sich zusammenkauerte und das Kind mit beiden Armen umfing. Und sie hörte und sah, daß ihn ein Schluchzen schüttelte, – sie sah, daß er weinte.

Da ging sie leise hinaus aus dem Zimmer.

Zwanzigstes Kapitel

„So weit ist die Welt, – ich weiß gar nicht mehr, wo mein sogenanntes Daheim liegt,“ sagte Gert und dehnte den jungen nackten Körper in der Sonne. „Ich habe alles vergessen.“

Gequält sah Alexandra vor sich hin.

„Ich habe Angst,“ sagte sie leise.

„Ja, – du auch?“ Erblaßt sahen sie einander an. „Ja, – dann weißt du auch, daß es immer schwerer wird, – daß da etwas ist, was einen zwingt?“

„Gehen wir,“ bat Alexandra. Schweigend gingen sie nebeneinander durch den Wald. Durch die Eukalyptusbäume sanken tanzende Lichter auf ihre Körper, die sich nackt und frei nach den harten Umarmungen des Meeres dehnten.

Sie darf mich nicht lieben! dachte Alexandra angstvoll und gequält. Nein, alles muß ein Spiel bleiben für sie, ein seliges, heidnisches, schmerzloses Spiel. Solange bin ich die Stärkere. Denn immer war es so, daß ich es war, die stärker liebte, die den anderen Menschen nur aus Anlaß für ein großes, brennendes Gefühl nahm. Da blieb ich mein eigen, da blieb ich allein in meiner Liebe, da gab ich die Lust, die sie wollten, und nahm nur geizig und klug, was mich nicht allzusehr verwirren konnte. Und wie lächelte ich, eingehüllt in einen Mantel meines großen Gefühls, wenn sie spielten nach Menschenart, wenn sie nur das liebten an mir, was sie sahen, was ihre Sinne knechtete, aber niemals das, was ich bin, was ich werden muß. Wie fühlte ich mich sicher und gefeit in meiner großen Einsamkeit. Gert aber, – sie will mehr als die große Stunde, – will mehr als ewigjunges Spiel.

„Warum bist du so schweigsam?“ fragte Gert. „Du denkst so viel. Warum?“

„Ich habe über dich nachgedacht,“ sagte Alexandra finster.

„Und?“ Ein Lächeln flog zu ihr hinüber. „Warum wehrst du dich eigentlich so verzweifelt?“

„Ich – wogegen?“

„Daß du mit mir nicht spielen kannst, – weil ich nicht das kleine Mädchen bin, wofür du mich hieltest, Alexandra, – daß du mit uns nicht spielen kannst.“

„Ich spiele nicht.“

„Doch – du spielst! Du hast alle möglichen Theorien, ich weiß. Aber sie werden dir nicht helfen.“

„Wieso weißt du das? Kannst du in mich so tief hineinsehen?“ fragte Alexandra und sah Gert erschreckt in das Gesicht.

„Ich weiß alle Dinge aus mir, – wer sollte sie mir sagen?“ Gert lachte.

„Wir sollten nicht sprechen. Worte beladen alles, machen es schwer, wandeln es. Wir sollten lachen und uns der Stunde freuen!“ Angstvoll beschwörend klang die Stimme Alexandras.

„Glaubst du, daß wir die Stunden hindern können, in ihren großen Ernst zu wachsen?“ gab Gert zurück.

Jäh war alles verändert und die Stunden süß und schwer von einer Angst, die ihnen den Atem raubte. Wohl sprang ihr Lachen noch in den frohen Mittagsstunden weißen Wolken gleich in das Blau des Himmels, wenn sie sich in den tanzenden Wogen müde tummelten, wenn sie am harten Klippenstrand die sehnigen Körper der Sonne boten. Auch die Morgen waren in grünsilbernes Licht getaucht wie immer, brannten in den müden Farben, die ihnen die schwere Nacht verliehen hatte, der Sonne entgegen. Dann liefen Gert und Alexandra nackt, und den schweren Bann des Schlafes wie ein Kleid von sich werfend in den Wald, der sie mit seinem grünen Licht, mit dem Duft seiner tausend atmenden Münder zärtlich empfing, in den sie tauchten wie in eine muttergute Umarmung.

Nur die Abende wurden immer schwerer. Da ging so tiefes Bangen von allen Schatten aus, die sich auf die Insel senkten und alles, was klar und froh am Tage leuchtete, in immer tieferes Geheimnis hüllten. Es war, als ob alle Pflanzen und Bäume zu atmen begönnen; verwirrend und heiß schlug das Herz des Lebens den großen Stunden der Nacht entgegen.

Und noch trunkener und tiefer war es in solchen Stunden, da die Nacht herabsank zu wissen, daß sie beide allein hier lebten, fernab von allem Sein, dem sie einmal irgendwie verbunden gewesen waren, ganz allein auf dieser Insel, mit ihren Wäldern und ihrem Klippenstrand, mit ihren Riesenschmetterlingen und Raubvögeln. Und diese Insel selbst lag von Einsamkeit und Schweigen umgeben, bespült von einem Meer, das sich weiter dehnte, als man sich vorstellen konnte.

Ja, das hier war ein anderes Alleinsein als in einem noch so weit von der Welt abgeschlossenen Hause draußen in der Welt. Dort mochte man wohl auch allein sein, aber man wußte immer: wenn man nur die Laden der Fenster öffnete, so waren Menschen ringsum oder wenigstens Felder und Wiesen, die von ihrem Schweiße, ihrer Mühe erzählten. Aber hier sah nur Gottes wilde Welt ihrem Leben zu, unberührt, unverändert wie am ersten Schöpfungstage.

Am tiefsten aber war dieses Alleinsein in den Nächten, wenn sie sich im Walde betteten und um sich das Rauschen und Duften des Waldes fühlten, durch den der weiche Nachtwind den wilden Geruch des Meeres bis zu ihnen trug, wenn sie über sich durch die hohen Wipfel der Föhren und Eukalyptusbäume einen Sternenhimmel leuchten sahen, wie ihn nur diese Insel kannte.

Ja, die Nächte waren schwer, und es war vergeblich, sich gegen ihr Lied zu wehren, das unerbittlich und grausam war und jedes atmende Wesen in sein Schicksal zwang, die vielen grausen Wildkatzen in den herrlich schleichenden Gang trieb, der sie zum Mord führte, die Käuzchen mit dumpfen Rufen in ihr todbringendes Handwerk stieß, und andere wieder in Tod und Verderben sinken ließ. Die Pflanzen aber hieß das Lied, sich tief und wie horchend zum Boden hinabzubeugen und sich duftend zu verströmen. Ja, das waren die Nächte, die kein Spiel kannten und kein Wehren, die jedes Wesen zwangen, sich unter dem großen Leuchten des Himmels zu erfüllen.

Dieses Alleinsein mit der großen Nacht der Insel war es, was ihren Küssen die heiße Angst des Wissens um ihr Schicksal gab.

O, vielleicht konnte man in den großen Städten noch über heißeste Stunden ein kluges Menschenwort breiten, eine kleine Vorsicht, ein traurig wissendes Lächeln.

Hier wuchsen alle Stunden groß und fordernd in ihren urweltlichen Sinn.

Wenn die Nacht sie hieß die Arme auftun, so waren es nicht mehr die lösenden Spiele heidnischen Genießens, an die sie sich gaben. Das war das ganze Sein, Körper und Seele, was brennend zueinander drängte, Glieder, die, immer tiefere Lust suchend, sich ineinanderschlangen und den restlosen Besitz des anderen im Taumel erkämpften. Fast Schmerz wurde ihre Lust. Erfinderisch und immer überraschend waren ihre Umarmungen, die sie aneinanderzwangen wie rasende Fechter. Schmerzhaft wach und hellhörig wurden ihre Sinne in diesen Nächten wie die der Tiere, die um ihr Lager durch das Dunkel schlichen.

Sie kannten keine Erschöpfung und keine Müdigkeit. Wie eine rasende Flamme war es über sie gekommen, und immer tiefer spürten sie in Seligkeit und Angst den Sinn dieser Stunden: sich restlos und ohne Gnade aneinander verschenken zu müssen.

Wissend wurden ihre Hände und sehend. Keine Stelle war an ihren zuckenden, sich bäumenden Körpern, deren Lust sie nicht kannten, sie nicht in sehnsüchtiger Raserei zu steigern suchten. Wie Feuermale waren ihre Küsse, suchten, trafen wie Blitze im Dunkel. Und immer wilder suchten ihre Körper einander, trunken ineinandersinkend, alle Pforten des Lebens taumelnd und todesbereit geöffnet.

Und wieder, wenn sie aus der Raserei ihrer schönen, immer seliger den anderen suchenden Körper auftauchten zu einem Blick, der den anderen grüßte, brannte auf ihren Lippen das schwere, schwerste Menschenwort: Wie ich dich liebe!

Ihre Tage lebten und bangten nur mehr diesen Nächten entgegen. Sie wußten es im Schweigen der großen Nacht, daß alles Torheit und Lüge war, was nicht Liebe hieß, daß nichts gewiß und Wahrheit war als der eine Augenblick, da die Augen groß und dunkel wurden von aus Urwelten aufsteigender Angst vor der Lust. Nur an den tödlichen Ernst ihrer Küsse glaubten sie noch.

Nun wußte auch Alexandra, daß ihre Stunde gekommen war. Es war vergeblich, sich zu wehren. Das wußte sie nun. Mochte sie tausendfach mit der Lust gespielt haben und mit der Verwirrung der anderen: hier war ein Mensch, der es nicht duldete, daß sie sich klug und bewahrend hinter ihre Grenzen zurückzog. Hier war ein Mensch, der ihr dorthin folgte, wohin sich noch keiner gewagt, hinter alle Mauern und Grenzen, die ihr Egoismus gezogen hatte.

Was half alle Menschenklugheit und alles, was sie sich aufgebaut hatte, um sich zu bewahren gegen die große Gnade, sich einmal verschenken zu dürfen?

Anders standen sie nun vor dem verfallenen Tempel einer vertriebenen Göttin, die Gert trunken beschworen hatte in der einen ersten Nacht. Anders wußten sie nun die Lust. Ein neues Wissen schenkten ihnen ihre Nächte im schweigenden Walde. Ein neues Wissen, das ganz den Sinn dieses Tempels verstand. O, Lust war nicht das, was die vom Kruzifix beladenen Träume der Menschen heimlich und schamgequält suchten und mit so viel schlechtem Gewissen flohen. Lust war Schmerz auch und ein letztes banges Wissen. Ewigkeit suchte sie hoch über dem Getriebe des Tages, über das Sterben hinaus.

Denn suchte sie nicht die Ewigkeit, hätten die Menschen ihr nie einen Tempel erbaut, sondern sie nur mißbraucht wie alles, dessen Herr sie waren.

Der große Ernst der Liebe lag auf ihren Stirnen und ihren königlichen Händen, wenn sie in der ersten Stunde des sinkenden Nachmittags engverschlungen auf der Waldwiese vor dem verfallenen Tempel saßen. Ein Wissen, das eine armselige, dem Gotte der Entsagung verfallene Zeit vergessen hatte, rauschte aus den jahrhundertalten Bäumen, die aus dem Staube jener gewachsen waren, die man hier vor tausend Jahren und mehr, der Göttin der Lust geopfert hatte. Wissen um das Erfahren in den Flammen einer tödlichen Lust, das nur die Götter kannten und die Menschen, die sie segneten. Lust, die nur den andern und sich selbst will und keinem untertan ist, keinem Zweck des breiten Lebens, das sich in Gebären und Töten erfüllt, im namenlosen Reigen der den Gesetzen untertanen Kreaturen. Sie aber, die Lieblinge der Götter, Menschen einer versunkenen Zeit, aus der nur noch einige verfallene Tempel kündeten, was sie gewesen, sie hatten die Himmel der Götter stürmend den Ring zerbrochen, der sie an das dumpfe Müssen und Leiden der anderen Kreaturen binden wollte, und waren den Göttern gleich geworden, die der Natur nicht dienten, – die ihre Herren waren.

Sie hatten auch gelitten, diese Menschen einer Zeit, da noch die Opferflammen auf allen Altären rauchten. So flüsterten die edlen Bäume der Waldwiese. Es war falsch, was die unter einem grauen Himmel lebenden Kinder späterer Zeiten aus der makellosen lichten Schönheit der Götterstatuen zu lesen glaubten.

Aber wie ihre Götter hatten jene Menschen gelitten. Nicht am schlechten Gewissen, nicht an der Scham.

Und hier im grünen Dämmern der Waldwiese, hier vor dem verfallenen Tempel, vor dem sie selbst erschienen, wie aus tausendjährigen Gräbern auferstanden, war es Alexandra, die zuerst das schwere Wort wagte: „Was soll mit uns geschehen? Können wir einander lassen und wieder zurückgeben an die Welt der anderen?“

Aber kaum, da sie diese Worte gesprochen hatte, erschrak sie, und noch einmal rauschte der Hochmut durch ihr Blut, der sie geformt und geführt hatte, der es nicht dulden wollte, daß sie sich der Liebe beugte. Er hatte auf ihre Lippen immer wieder das Wort gezwungen: Ich bin überall zum erstenmal und niemals wieder.

Und während sie sich erblaßt über Gert beugte und ihr in das Antlitz sah, dachte sie gehetzt in einer letzten, feigen Hoffnung auf Flucht: Sie wird mich rasch vergessen in der großen Stadt! Sie ist so jung, und ich bin viel zu schwer für sie. Ja, sie wird mich vergessen, und ich werde frei sein und mich zurücknehmen dürfen. Nur ihre Liebe ist meine tödliche Gefahr: wenn sie mich losläßt – bin ich frei!

Aber da sah sie die fordernde Flamme dieser jungen Augen über sich und vernahm das wilde peitschende Wort: „Überall wird die Insel sein, wo wir sind!“

Und in einer unsagbaren Erschütterung, in der alles versank, sagte Alexandra mit blassen Lippen: „Wir gehören nicht mehr uns – wir gehören einander.“

* * * * *

Es war nicht Wirklichkeit, und es konnte gar nicht Wirklichkeit sein, daß sie die Insel verlassen mußten.

Seltsam war die letzte Nacht, die ihnen der Wald schenkte.

Nach einer Umarmung, deren rasende Lust ihre Lider schloß, als könnten sie sie nie mehr auftun, sanken sie, Herzschlag an Herzschlag und Atem in Atem, in einen Schlaf, der ihre Körper tiefer aneinanderband als jeder stöhnende Kampf der Liebe.

Oft schon waren sie so nebeneinander hingestreckt in dämmernden Morgenstunden in das dumpfe Reich des Nichtmehrwissens hinübergesunken.

Aber dies war anders. Mit allen Sinnen, die nur ganz leise eine selige Betäubung einhüllte, fühlten sie sich ineinandergeschlungen, in einer Stille, die sie ganz bezwang. Nichts Tieferes, nichts Endgültigeres hatte die Erde zu verschenken als diesen gemeinsamen Schlaf, in den sie sich wie in eine einzige Umarmung betteten, der sie einander unlösbar verband wie ein gemeinsamer Tod.

Als sie sich am nächsten Tage von der Insel lösten und im Zuge die vielen fremden Landschaften an sich vorbeifliegen sahen, lächelten sie einander zu: Überall wird die Insel sein, wo wir sind!

* * * * *

Als der Wagen vor dem Hause der Eltern Gerts hielt, das mitten in der Hauptstraße lag, schlug Musik an ihr Ohr, und sie wandten sich beide nach der Richtung, woher sie kam.

Langsam, feierlich gemessen, zog ein Leichenzug einher.

Mit blauweißen Bändern war der Sarg geschmückt.

Ein Mädchen?

Sie blieben stehen und ließen den Zug an sich vorüber.

Fast erschreckt schmiegten sie sich in das Haustor: Hinter dem Wagen ging Fräulein Dr. Hanna Südekum. – Aber sie hatte sie schon gesehen! Schweigend grüßte sie.

„Sollte es eine aus meiner Klasse sein?“ fragte Gert erschreckt.

„Wer ist der Herr, der neben der Südekum geht – er sieht furchtbar aus?“

Nun sah ihn auch Gert. „Das ist doch Dr. Klempner, der Schularzt.“

Aber wie verändert er aussah! Nein, das war nicht mehr der Mann, den sie damals alle ein wenig gefürchtet hatten, wegen seiner Grobheit, wegen seines Zynismus! Müde und schleppenden Ganges ging er neben dem kleinen Fräulein hinter dem Sarg, und seine Augen sahen aus dem verwüsteten aschgrauen Gesicht wie kleine rotgeränderte Wunden.

„Das muß doch ihn angehen!“ sagte Alexandra. „Hat er denn Kinder?“

„Ich weiß es nicht,“ antwortete Gert und bot Alexandra abschiednehmend die Hand.

„Auf morgen!“

„Du!“

Einundzwanzigstes Kapitel

Alexandra trank in durstigen Zügen ein großes Glas schwarzen Kaffees. Ihr dunkelgetöntes Antlitz trug die Spuren der verwachten Nacht wie ihre Hände, deren bläuliche Adern hervortraten.

Aber ihre Augen blitzten.

Wie hatte diese Nacht, die erste Nacht nach der Heimkehr, sie begnadet! Ringsumher am Boden lagen Blätter mit Skizzen und Studien, Tonfiguren türmten sich übereinander auf ihrem Arbeitstisch, und der große unbehauene Block, der jahrelang verträumt an der Stirnwand des Ateliers gelegen hatte, und an den sie sich nie herangewagt hatte, wies schon die Spuren eines schöpferischen Gedankens, zu dem er erwachen sollte.

Alexandra stieg die Stufen empor zu dem breiten Fenster und sah hinaus. Nun durfte sie sich ein Atemholen gönnen, nun war es gewiß, daß ihr Werk wurde. O, ein Werk, das anders, tausendmal anders war als alles, was sie je gesucht und geformt hatte! Sie fühlte es: Gott selbst führte ihre Hände, da sie ihm nicht länger widerstand.

Und lächelnd sann sie, indes sie voll Zärtlichkeit ihre Hände betrachtete, die heute nacht so selig erfüllten Dienst am Steine tun durften: o, wie töricht ich war! Wie alle, die kalten Herzens sind, erbaute ich mir eine Weltanschauung aus Feigheit und Egoismus. Bewahren wollte ich mich um jeden Preis. Wie einen Schild habe ich meine Kunst vor mich gehalten und glaubte, daß ich mein Letztes nicht an die Liebe geben dürfe, daß ich mich bewahren müsse, weil ich das Werk wollte. Aber das Werk wollte mich nicht, es blieb klein und arm, weil ich es nur in den kalten Nebeln meines Hochmuts wachsen ließ, weil ich mich vergewaltigte und Gott die einzige große Menschenaufgabe schuldig blieb: das, was er mich werden ließ, einem anderen seiner Geschöpfe zu geben.

Heute weiß ich, daß auch das Werk Torheit und Feigheit ist, wenn es nur dazu dienen soll, uns vor dem Leben zu beschützen, wenn wir uns hinter ihm verbergen wollen vor dem brennenden Rufe der Liebe.

Wie töricht ich war! sann Alexandra, und ein großes Lächeln stand in ihrem Gesicht. Wie bewunderte ich sie alle, die Überklugen und Kaltherzigen, die uns die Welt zerlegen und ihr Triebwerk freizulegen suchen, wie es Kinder mit einem Spielzeug tun! Angst haben sie alle, wie ich Angst hatte, die große Angst, sich verschenken zu müssen, sich loszulassen. So erbaute uns der Hochmut goldene Türme. Von ihnen aus glaubten wir weiter sehen zu können als andere. O, wie ich sie bewunderte, die den Kleinmut ihres Herzens zur Askese verklärten!

Ich Törin, die ich mich für zu gut, zu klug und zu überlegen für die Liebe hielt, nur weil mir Gott die Gnade gegeben hatte, in Stein von seiner Schönheit zu künden. Aber auch Gott gab sein Ich in Liebe auf, als er die Welt schuf, und Gotteskindschaft ist: gleich ihm sich zu verschenken.

Ungeduldig blickte Alexandra zur Türe, an die es schon mehrmals geklopft hatte. Wer konnte jetzt kommen? Es wußte doch kein Mensch, daß sie zurückgekehrt war, und Gert kam erst nachmittag. Bis dahin wollte sie mit ihrer Arbeit so weit sein, daß sie der Geliebten schon etwas von dem zeigen konnte, was aus ihren Stunden gewachsen war.

Die Türe öffnete sich, und durch sie schob sich die zarte Gestalt des kleinen Fräuleins Südekum.

Alexandra sprang die Stufen herab und ging ihr entgegen. Mein Gott! wie mager die Arme geworden war! Und wie gealtert sie aussah!

„Ich sah Sie gestern,“ begann das kleine Fräulein befangen, „als Sie Gert heimbrachten – ich – ich wollte, – nein, wie braungebrannt Sie sind!“

„Ja, es war seltsam, wie wir uns wiedersahen! Sie gingen hinter einem Leichenzug. Eine Schülerin Ihrer Anstalt, nicht wahr? Ja, das gehört so zu Ihren Pflichten.“

„Nein, keine Schülerin der Anstalt,“ sagte das kleine Fräulein und seine Augen füllten sich mit Tränen, „die kleine Martha vom Primarius Klempner.“

„Das ist der Schularzt – der Mann, der neben Ihnen ging?“

„Ja, – ich liebte dieses Kind sehr – fünfzehn Jahre war es alt. Aber das ist eine lange und traurige Geschichte. Ich weiß jetzt nur noch lange traurige Geschichten.“

„O, Sie meinen Ihren kleinen Schüler, – den Erwin ... ich weiß. Ja, das hat mich sehr ergriffen.“

„Und der Kanzler ahnt nichts von der großen Liebe dieses Knaben, von seiner törichten, leidvollen Opferung,“ sagte die Lehrerin leise. „Erwin nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Niemals wird der Kanzler wissen, daß der Knabe bei der Tänzerin war, die den Kanzler verspottete und betrog, und diese Frau wohl ein sehr böses Wort gesagt haben muß, daß der Knabe meinte, nur durch das Opfer seiner Tat den Kanzler befreien zu können.“

„Und Sie zweifeln noch immer, daß Eros auch diesen Weg führt, Frau Lehrerin?“ fragte Alexandra plötzlich.

Das kleine Fräulein wurde sehr blaß. „Erwin liebte den Kanzler aus der Ferne – groß und heilig – ohne Begierde. – Sie aber – Sie haben Gert verführt.“

„O, nun beginnen Sie mit dem dummen Krämerwort von der Verführung,“ lächelte Alexandra. „Als gäbe es das, daß nur _einer_ von zwei Menschen weiß und dem anderen dann davon erzählt wie von einer Geheimlehre.“ Plötzlich wurde sie ernst. „Nein, Fräulein Doktor, – das ist ganz anders. Wenn das groß und bezwingend in zwei Menschen aufsteht, dann gibt es keine Verführung – dann wissen und wollen beide, und kämen sie urwaldgeboren aus tausend Einsamkeiten aufeinander losgestürzt.“

Das kleine Fräulein trat ganz nahe an Alexandra heran. Wahnwitziger Haß verzerrte plötzlich sein Gesicht. „Eure Liebe ist sinnlos,“ sagte sie schneidend, „weil sie nur Lust ist – weil sie –“ sie lachte gellend auf – „Gert wird kein Kind von Ihnen haben!“ – keuchend sah sie der anderen ins Gesicht.

Alexandra war ein wenig blasser geworden, aber sie sprach ruhig, als rede sie einem kranken Kinde zu: „Sie wird kein Kind von mir haben, so wenig, als ich eines von dem Manne habe, den ich wirklich liebte. Aber Sie werden mich nicht zwingen zu glauben, daß der einzige Sinn menschlicher Liebe die Fortpflanzung sei. Sonst gäbe es ja nur Zuchtwahl nach den Gesetzen der Gattung und nicht diese menschengöttliche Sehnsucht nach einem persönlichen Glück. Nein, Sie werden mich nicht glauben machen, daß die Not unserer Herzen und der Rausch des Glückes, den die Liebe schenkt, nur Mittel zum Zweck sei, nur die Belohnung dafür, daß wir den Gattungswillen erfüllen. Oder glauben Sie wirklich, daß wir nur wie die Tiere sind, die ein blinder Trieb in gewissen Zeiten zueinandertreibt, damit die Art sich fortpflanze? Dann freilich hätten Sie recht, die Sie sich eine Idealistin nennen, wenn Sie unsere Liebe sinnlos schimpfen, dann wäre oberstes Gesetz die Moral der Militärstaaten, die neues ‚Material‘ brauchen und alles verbieten müssen, was nicht diesem Zwecke dient.“

„Der Sinn jeder Liebe ist das Kind,“ beharrte Fräulein Südekum.

„Dann ist die Passion aller großen Liebenden sinnlos gewesen, Fräulein Dr. Südekum,“ sagte Alexandra lächelnd. „Sie alle zeugten nicht, deren Namen und großes Lieben uns die Geschichte aufbewahrt hat, nicht Dante und Beatrice – nicht Tristan und Isolde – nicht Abälard und Heloise, und wie sie alle heißen, die den Glanz ihrer Leidenschaft durch die Jahrhunderte sandten.“

„Aber es ist Unnatur,“ sagte das kleine Fräulein leise und verächtlich.

„Auch vor diesem Worte erschrecke ich nicht,“ lächelte Alexandra. „Wo beginnt Unnatur, und wo hört sie auf? Haben Sie nicht gerade festzustellen versucht, daß jede Liebe unnatürlich und sinnlos sei, die nicht der Gattung dient, und ist es nicht auch in einem gewissen Sinne Unnatur, wenn Wagner im Banne seiner _grande passion_ ‚Tristan und Isolde‘ schrieb, statt wie Herr Meyer im Sinne der Bibel seine Pflicht zu erfüllen? O, Fräulein Doktor – wozu läßt man euch Akademikerinnen eigentlich so viel lernen, wozu lernt ihr die alten Sprachen und hört Vorlesungen über große Kulturen, die vor tausend Jahren und mehr reicher, hundertmal reicher blühten als die unseren? Wenn ihr nicht einmal das lernt? Wenn ihr nicht wißt, was der hellenischen Welt, der Kunst Ägyptens und Babylons die unerhörte Größe gab, die wir um des Kreuzes willen nie erreichen werden: daß die alten Völker des Ostens den Mut zur Lust hatten, zum Sichselbsterfahren, zu sich selbst. Aber unsere Zeit ist so voll schlechten Gewissens, daß ihre Menschen immer eine Entschuldigung für die Lust suchen. Lieber stellen sie sich dem Tiere gleich unter das Gesetz des Zweckes, als die Lust mit dem Götterrecht der Menschen zu nehmen.“

Das kleine Fräulein trippelte im Atelier auf und ab: Ach, es war ja sinnlos, weiterzusprechen. Hier kämpften ja nicht Anschauungen gegen Anschauungen. Hier stand ihrer Angst und ihrem Gefühle, irgendwie beraubt und gedemütigt worden zu sein, der große Wille der Leidenschaft gegenüber.

„Und was wird nun werden?“ fragte Fräulein Dr. Hanna Südekum.

Alexandra sah zum Fenster hinaus. Ihre Stimme klang noch tiefer: „Ich weiß es nicht. Sie werden uns verfolgen und schlagen, wie es jeder großen Liebe geschieht, die sich nicht in das Getriebe der Nützlichkeit einordnen läßt. Aber sie werden es nicht ändern können, daß wir uns grenzenlos aneinander erfüllen. Nein, das werden sie nicht. Aber sonst weiß ich nichts, Frau Doktor – gar nichts mehr. Ich habe mich beugen gelernt. Ich liebe mein Schicksal.“

„Leben Sie wohl,“ sagte das kleine Fräulein. Ihr Haß war plötzlich in sich zusammengesunken. Nein, sie verstand nichts, gar nichts von diesem allen – aber das spürte sie, daß hier der große Ernst der Leidenschaft einen Menschen gewandelt hatte.

„Wohin gehen Sie?“ fragte Alexandra.

Die Lehrerin hatte plötzlich ein kleines, trauriges Lächeln um den Mund. „Wie es nun einmal meine Aufgabe ist – ich werde am Wege einer anderen Schülerin stehen. Gestern, – ja, da war ich bei einem Begräbnis – und heute: ich gehe zu einer Trauung.“

„Zu einer Trauung?“

„Ja, die ältere Schwester der Kobinger heiratet; sie war einmal meine Schülerin. Einen sehr interessanten Menschen, einen Altertumsforscher heiratet sie, der das ganze Jahr in der Welt herumreist und bei allen großen Ausgrabungen dabei ist.“

„Fräulein Doktor – seien Sie mir nicht böse, – aber wollen Sie mich nicht mitnehmen? Ich bin gleich umgezogen, – ich –“ ganz leise sagte sie es: „Ich möchte es sehen, wie ein anderer Mensch den geraden, breiten Weg zum Glück findet.“

Und dann standen sie beide in der vom Orgelbrausen erfüllten Kirche. Alle waren sie gekommen, um das große Erlebnis mitzufeiern, die Mädchen der letzten Maturaklasse und auch einige, die noch in die niedrigeren Klassen gingen. Herta Kobinger und Lizzie Ebbinghaus waren Kranzeldamen, auch Grete Erb und Käte Bilwein. Und dort, – Fräulein Dr. Südekum tat plötzlich das Herz so weh. Dort stand auch Gert. Wie weiß und licht sie heute aussah, wie eine Braut! Fräulein Dr. Südekum sah sich scheu nach Alexandra um, aber die hielt ihr Antlitz abgewandt.

Dann sah man nur noch die Braut. Wie lieblich sie war, ganz so, wie sie die Maler seit Jahrhunderten immer wieder auf ihren Bildern zeigten, scheu und schamvoll, in eine große Erwartung versunken. Und die vielen Blumen in ihren Armen! Und das Orgelbrausen.

Die Lehrerin stand in der Kirchentür, als das junge Paar nach der Trauung hinausging. Hinter ihm ging Gert mit einem Herrn.

Und jetzt: das kleine Fräulein sank in sich zusammen vor jähem Erschrecken. Nun hatte sie gesehen, wie Gert das Antlitz emporhob und den Blick Alexandras suchte über all die Köpfe der vielen Leute hinweg, und sie sah den stahlharten Stolz wissender Liebe in diesem Blick und eine tolle Verheißung.

* * * * *

Am Abend dieses Tages wanderte das kleine Fräulein von einem Besuche bei Nowotnys heim. Das Ehepaar war diesmal nur auf kurze Zeit auf Ferien gewesen und nicht im Süden. „Wir sind in die Berge gegangen,“ erklärte Frau Nowotny. „Der Süden ist ja sehr schön, aber doch fremd. Man reist dort so unbequem und bekommt nie sein gewohntes Essen.“

Dort, wo die Straße, in der Nowotnys wohnten, um die Ecke bog, dort lag die Teestube, in der das kleine Fräulein damals mit Alexandra gewesen war, an jenem ersten Abend. Das schläfrige Spiel eines Klaviers drang heraus. Eigentlich wollte sie noch nicht schlafengehen. Wenn sie für ein halbes Stündchen hineinginge? Es tat so gut unter fremden Menschen zu sitzen, die einen nichts angingen, und einer Musik zu lauschen, die einen ebensowenig anging.

So setzte sich die Lehrerin in eine Ecke und trank Tee. Ringsumher saßen müde Menschen, die sich hier nach des Tages Arbeit stärkten, einige wüst aussehende Männer auch, denen es anscheinend mehr um den Rum als um den Tee zu tun war, und die sich laut unterhielten.

Fräulein Dr. Südekum war so in ihre Gedanken versunken, daß sie es gar nicht merkte, wie ein Mann müde schleppenden Schrittes, den Rockkragen hochgeschlagen und den Hut tief in der Stirne, eintrat, inmitten des raucherfüllten Raumes stehenblieb, stutzte und dann auf ihren Tisch zukam.

Erst als er vor ihr stand, erkannte sie ihn: „O, Dr. Klempner!“

„Was machen Sie hier?“ fragte er und setzte mit einem Lachen hinzu: „Auch saufen?“

Scharfer Branntweindunst schlug ihr entgegen, als er sich neben ihr niederließ. Er streckte die Beine von sich und tat beide Hände in die Hosentaschen. „Ja, saufen ist immer gut,“ sagte er. „Nur – soviel Alkohol gibt es gar nicht, daß man nicht denken müßte ...“

„Ich kenne das nicht,“ sagte sie mit einem scheuen Blick auf ihn – „ich meine, daß man trinkt. Aber ich verstehe wohl, daß man irgendwohin davonlaufen möchte, – ich – ich auch ...“

„Ja, das glaube ich,“ sagte er, und der starre Zug in seinem Antlitz löste sich. „Sie haben es nicht leicht – o nein, ich weiß, – vielleicht sogar verteufelt schwer.“

„Zu schwer,“ sagte sie und hatte plötzlich das Verlangen zu sprechen. Vor der Nachbarschaft dieses großen verwüstenden Schmerzes gab es keine Scham.

„Sprechen Sie,“ bat er, „vielleicht ist es besser als dieser verdammte Schnaps – ich möchte so gern – nur für eine halbe Stunde – wo anders sein!“

„In zwei Monaten beginnt die Schule wieder,“ sagte sie. „Ja, und ich frage mich nur, wie das werden soll. Denn, Herr Doktor, – wir haben einmal viel über alle diese Dinge gesprochen – als ich noch nicht wußte, – als ich es nicht so von mir selbst wußte.“

„Und als ich verbrecherisch wenig verstand, – ja!“ sagte er schwer.

„Ja, – damals setzten wir Theorie gegen Theorie, nicht wahr? Heute, – ich habe keine Theorien mehr, Herr Doktor. Aber, ich weiß viel. Ich habe tief in mich hineingesehen und erkannt, wie verzweifelt ich oft vor mir log. – Es gibt Dinge, es hilft nicht, daß man sagt, sie existieren nicht. In jedem von uns steht das einmal auf, – ja, das weiß ich nun. In dem einen früher, in dem andern später.“

„Ja,“ nickte er. „So sind auch Sie dorthin gekommen. Es fragt sich nur, welchen Preis Sie dafür bezahlt haben. – Meiner war ein bißchen hoch, – wie?“

„Ich kann nicht mehr Lehrerin sein!“ brach sie plötzlich los. „Nein, das kann ich nicht mehr. In diesem letzten Jahr, Herr Doktor – es stiegen Gewalten in mir auf, – ich habe sie vergeblich in Lüge und Abscheu niedergerungen, sie haben mich doch verwandelt. Ich habe nicht mehr das unbedingte Ja und Nein, das man haben muß, wenn man die Jugend führen will. Ich weiß um Verwirrung und Schuld – ich weiß, daß die Versuchung nicht immer nur Blendwerk der Hölle ist, vor dem man sich so leicht für den geraden lichten Weg zur Tugend entscheiden kann. Ich weiß, daß unser Herz, ja, das Heiligste in uns, uns dorthin verlocken kann, wo man schuldig wird. Und darum – ich will meinen Abschied nehmen. Die Schule braucht Menschen, die sich nicht verwirren lassen, die ein Ja haben und ein Nein, und nicht wie ich ein wehes Wissen zwischen beiden.“

„Und das glauben Sie wirklich?“ fragte der Arzt, und sein Gesicht wurde plötzlich ganz klar und ernst. „Den Selbstgefälligen möchten Sie die Kinder anvertrauen, ihnen, die nie strauchelten, die um keine Not wissen, die nur Theorien haben, geboren aus einem kalten Herzen und einem kalten Verstande? Und,“ ganz heiser wurde nun die Stimme und schwer von Tränen, „glauben Sie nicht, daß wir die kleine Martha gestern nicht hätten in die kalte Erde versenken müssen, – wenn, – wenn ich ein wenig von der Sehnsucht verstanden hätte, die damals meine Frau vor meiner Härte zu einem anderen trieb? – Nein, Frau Lehrerin, ich bitte Sie, bei dem bitteren Sterben meines kleinen Mädchens, – bleiben Sie der Jugend treu! Gerade Sie, Sie werden helfen können. Jetzt, – weil Sie die heiße Not selbst kennen, weil Sie nicht mehr zu den Selbstgerechten gehören werden. Glauben Sie mir: nur wer selbst schuldig wurde, kann führen. Und ein anderes noch, mein kleines Fräulein mit dem wehen, verwirrten Herzen, – glauben Sie einem, der die furchtbarste Sünde auf sich geladen hat, der die Liebe in sich vergewaltigte, glauben Sie ihm!“ Mit beiden Händen umschloß er die ihren und tief sah er hinein in die Augen des alternden Fräuleins, die sich mit Tränen füllten.

„Der wilde Garten der Jugend braucht Liebe, – immer nur Liebe, Frau Lehrerin! Und wenn eine zu früh und zu wild sich dem Sommer entgegendehnt – lieben Sie sie, und wenn sie strauchelt, lieben Sie sie. Nicht alle blühen unter demselben Gesetz, und was für die eine Schuld und Sünde ist, kann für die andere Befreiung und Wachsen sein. Wir wissen nichts, – wir können sie nur lieben und geben ihnen damit das, was nur die Sonne den Blumen geben kann: daß sie nicht im Schatten schief und winklig werden, daß sie sich nicht aus dem Leben flüchten wie aus einem Spiel, das zu weh tut, – daß sie sie selbst werden!“

Schwerfällig erhob er sich, aber er ließ die Hände des kleinen Fräuleins nicht los: „Versprechen Sie mir, daß Sie dem wilden Garten treu bleiben?“ fragte er, und eine steile Falte stand zwischen seinen Brauen.

Da senkte das Fräulein den Kopf und nickte leise.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Eine milde Oktobersonne warf ihr Licht durch die weißen Gardinen in das Zimmer des Fräulein Dr. Hanna Südekum. Alles glänzte vor Sauberkeit und Ordnung, trotzdem sie erst vor einer halben Stunde aus dem Bett gestiegen war und nun an dem runden, zierlich gedeckten Tisch in der Ecke langsam und mit Behagen ihren Frühstückskaffee trank.

Auf ihrem Schreibtisch lag noch, säuberlich in Päckchen geordnet, die Post, wie sie sie gestern mittag nach der Heimkehr von der achttägigen Erholungsreise vorgefunden hatte. Sie hatte sich doch entschließen müssen, ein wenig fortzugehen, so entsetzlich müde war sie von allem, was über ihr Herz gestürmt war. Und auch Dr. Klempner hatte so gedrängt.

So hatte sie denn die kleine Handtasche, die sie noch von der Mutter hatte, gepackt und war hinausgefahren in den herbstlichen Wald. Zu müde, um zu denken, aber dankbar aufgetan dem Frieden rings um sie, war sie durch die sonnigen Tage gegangen und hatte so ihre Sicherheit wiedergewonnen.

Die viele Post, die sie hier vorgefunden hatte! O, es war doch schön, daß die Kinder sie nicht allzu rasch vergaßen, die von ihrem Herzen fort in die wilde Welt hinausgestürmt waren.

Die übermütige Lizzie Ebbinghaus schrieb begeistert aus einer mondänen Sommerfrische: „Ich flirte mich zu Tode – und was das Schönste ist: niemand will mir glauben, daß ich erst diesen Sommer Matura gemacht habe.

Alle halten mich schon für einundzwanzig Jahre, – auch der reiche Brasilianer, nach dem alle angeln. Sie zerplatzen, weil er nur mir den Hof macht.“

Und Grete Erb schrieb einen langen, langen Brief aus einer kleinen italienischen Stadt. „Ich glaube, daß nur der Sozialismus diese Probleme lösen kann, – auch das des neuen Liebesrechts des Weibes.“

Fräulein Dr. Südekum lächelte: Das wird kein Ismus können, liebe Grete Erb! –

Und hier ein spöttischer, ein spitziger Brief: „Obwohl man mich zu unanständig fand, um noch länger der Anstalt anzugehören, und tat, als wäre ich das verworfenste Geschöpf, hat mich Mr. Johnson, der Generalvertreter des Welthauses Bloch & Co., wertgefunden, seine Frau zu werden. Er liebt mich abgöttisch. Und das alles ohne Matura.“

– Ohne Matura, – mein Gott! –

„Ich sitze mit meinen Eltern hier in Tirol, und fast ist mir ein wenig bange, daß nun keine Schule mehr sein soll, – daß ich soll morgens schlafen können, so lange ich will, – und nicht mehr in den Garten und nicht mehr lernen. Sobald ich heimkomme, will ich Sie besuchen, liebstes Fräulein Doktor!“ – so schrieb Herta Kobinger.

Von Hertas älterer Schwester aber war ein sehr höflicher Brief da: „zurückgekehrt ... und hoffen Sie bei unserem ersten Empfang als unseren Gast begrüßen zu können ...“

Noch viele Briefe waren da und Postkartengrüße. Fräulein Dr. Südekum betrachtete sie voll Zärtlichkeit.

Aber ganz auf der Seite, gesondert von den anderen, lag ein Brief mit zittriger Hand geschrieben, und ein Bild lag dabei. „Meine Tochter hat uns gestern für immer verlassen und ist unter dem Schutze zweier Schwestern in das Kloster nach Italien abgereist. Dem Wunsche Erikas entsprechend sende ich Ihnen beiliegend ihr Bild.“

Sinnend betrachtete das kleine Fräulein dieses Antlitz, die hungrigen Augen, den so maßlos fordernden Mund. „Leben Sie wohl!“ stand auf dem Bilde.

Fräulein Dr. Südekum nahm alle Briefe und legte sie in eine Lade zu anderen.

Dann aber nahm sie ein Zeitungsblatt, das zusammengefaltet unter den Briefen gelegen hatte. Die Büchertrödlerin hatte sie gestern angerufen, als sie an ihrer Bude vorbeiging, und ihr dieses illustrierte Blatt in die Hand gedrückt. „Es wird Sie interessieren, – sie war doch eine Schülerin von Ihnen – nennen tut sie sich freilich jetzt anders!“

Unter diesem Bilde – o, sofort erkannte sie die so vertrauten, geliebten Züge – auf der ersten Seite der in französischer Sprache geschriebenen Zeitung stand zu lesen: „Wir bringen hier das Bild der mit so beispiellosem Erfolge aufgetretenen siebzehnjährigen Tänzerin Sixta Ferrari, deren Tanzschöpfungen ganz Paris in Atem halten. Wir fügen noch hinzu, daß die schöne Künstlerin das Modell des im Louvre ausgestellten letzten Werkes ‚Göttin der Lust‘ der Pseleuditi ist, für das diese den Rompreis erhielt.“

Ganz langsam zerriß Fräulein Dr. Hanna Südekum die Zeitung in kleine Stücke und warf sie in das Feuer.

Dann trat sie, wie in einem plötzlichen Einfall, vor den Spiegel und betrachtete sich. Und traurig und glücklich zugleich lächelte sie ihrem Spiegelbilde zu: „Ich bin ganz grau geworden – ganz grau.“

Sie setzte den Hut auf und trippelte langsam die Straße hinab, dem großen, weißen Gebäude der Schule zu.

* * * * *

Als sie vor der Türe der ersten Klasse stand, blieb sie einen Augenblick stehen und legte die Hand auf das stürmisch klopfende Herz. Aber dann wurde sie ganz still und trat ein. Augenblicklich verstummte der frohe Lärm, der den Raum erfüllt hatte.

„Grüß Gott, Kinder!“ sagte sie freundlich und stieg die Stufen hinauf zu ihrem Pult.

Die Fenster standen offen. Man konnte durch sie hinaus auf den in allen Farben des Herbstes prangenden Park sehen.

Die Lehrerin öffnete ihr Notizbuch, und ihr Blick flog fragend über die Klasse.

„Ich werde euch jetzt der Reihe nach aufrufen und jede, die ich rufe, wird hier! sagen. So werden wir uns kennenlernen. Ja!“

Das kleine Fräulein sah in ihr Buch und rief: „Gerda Brenner!“

Ein verschüchtertes kleines Mädel wurde glutrot, stolperte aus der Bank auf und sagte, indes es seine Augen groß und fragend auf die Lehrerin richtete:

„Hier!“

Vollendet am Semmering, Februar 1927.

Druck und Einband von Hesse & Becker, Leipzig. 3.327

In anderen Verlagen erschienen von _Grete von Urbanitzky_:

Der verflogene Vogel Gedichte, Wiener Literarische Anstalt, Wien.

Das Jahr der Maria Verszyklus, Wiener Literarische Anstalt, Wien.

Die goldene Peitsche Roman, H. Haessel, Leipzig.

Masken der Liebe Novellen, H. Haessel, Leipzig.

Maria Alborg Roman, H. Haessel, Leipzig.

Mirjams Sohn Roman, J. Engelhorns Nachfolger, Stuttgart.

„Diese Erzählung ist eine überraschende Leistung. Viel weniger noch in der Bewegtheit, mit der die Handlung geführt wird, als in ihrer Architektur, dem Gleichmaß der Verhältnisse, dem Beziehungsreichtum der Motive: sie wirkt wie eine symphonische Partitur, das Historische wird zur Atmosphäre, bleibt nirgends totes Wissen, drängt sich niemals vor und wird eben deshalb zu unmittelbarer Erscheinung; alles ist knapp, ohne toten Punkt, reich an ergreifenden Einzelheiten und ist vor allem vortrefflich erzählt, in einem Stil, der nichts absichtlich Archaisierendes und der doch den Duft des Vergangenen hat. Das Ganze, gleichsam ein weibliches Seitenstück zu Max Brods großartigerem, prachtvoll aufgetürmtem Judenroman ‚Reubeni‘, und eines, das solcher Zusammenstellung nicht unwürdig ist.“

_Prof. Richard Specht_ in der _Neuen Freien Presse_, Wien.

„Das Buch sollte sich jeder, der Anteil nimmt an den geistigen und seelischen Problemen unserer Zeit, vornehmen. Es ist mit einer Gestaltungskraft geschrieben, mit einer Wucht, mit einer klaren, unerbittlichen Logik, daß man immer wieder erstaunt den weiblichen Autornamen betrachtet. Lest, lest, lest dieses Buch!“

_Sächsisches Volksblatt_.

„Fast beängstigend vollendet ist dieses Buch, wir spähen nach Fehlern, nach Schroffen, an diesem Marmorbau, denn wir möchten, daß dieses Buch ein Anfang sei und kein Ende. Es gibt manches Problem, das der Hand dieser starken Frau harrt, um von ihr geformt zu werden.“

_Robert Hohlbaum_ in den _Leipziger Neuesten Nachrichten_, Leipzig.

„Voll dramatischer Kraft sind die Ereignisse geschildert, mit der Intuition des Dichters sind Menschen und ihr Wesen dargestellt. Hat man das Buch zu Ende gelesen, legt man es weg mit dem Gefühl, ein Erlebnis gehabt zu haben.“

_M. Fuchs_ im _Pester Lloyd_.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.