Chapter 6 of 11 · 6011 words · ~30 min read

Sechstes Kapitel

Mit einem kühnen Schwung warf Grete Erb das Buch in eine Ecke, in dem sie so lange gelesen hatte, bis sie heiße Backen bekam.

Da war die Lüge wieder! Überall begegnete man ihr. Nicht nur in den Büchern, in denen sie verzweifelt nach einer Antwort suchte auf brennende Fragen, nach einem Menschen, der ihr ähnlich wäre in der Sehnsucht, sich selbst aus all der Verwirrung zu finden. Nein, die Lüge lebte in allen Worten der Menschen, die mit ihr sprachen, in dem Lächeln der Erwachsenen, das sie streifte, in dem Blick ihres Bruders selbst und seiner Kameraden.

Wußte denn niemand auf der ganzen Welt von ihrer Not, ihrer Wirrnis? Wußte niemand von ihrem Kampf?

Die Erwachsenen wandelten sich, wenn sie mit ihr sprachen. Sie hatten plötzlich ein gerührtes nachsichtiges Lächeln im Gesicht. Sie taten so, als wäre ihnen etwas begegnet, das licht und schön wie eine Blume oder ein Schmetterling war, ein Ding, angenehm zu betrachten, das man aber nicht im Sinne des schweren bitteren Menschenlandes ernst nehmen konnte.

„Es geht einem das Herz auf, wenn man so ein junges Ding sieht,“ pflegte Onkel Gerhard zu sagen, wenn er zu ihren Eltern kam. „Gott erhalte dich so!“ Was meinte er mit „so“? Wußte er denn, wie sie war? Und Onkel Gerhard war doch sonst ein Mensch, dem manches auf der Erde ernsten Nachdenkens wert schien, woran andere vorübergingen.

Was weißt denn du? sagte der Blick des erwachsenen Bruders, und seine Freunde lächelten geringschätzig zu ihr hinüber, wie Menschen, die um den großen Ernst des Lebens wissen und einem hübschen Tierlein begegnen, das nichts von Menschennot weiß.

Die Bücher aber! Sie wußten manches, ja alles von den erwachsenen Frauen, alle Probleme des gereiften Weibes behandelten sie ernst und gewissenhaft, und sie wurden nicht müde, jedem Konflikt eine neue Seite abzugewinnen. Sie sprachen aber nicht nur von den erwachsenen Männern, sie erzählten auch von den Knaben und ihrer Not, ihrem schicksalhaften Werden. Da gab es soviel Bücher, die davon erzählten, wie die Knaben um ihren Gottesglauben rangen, wie jäh in das ernste Verlangen zu forschen und zu lernen der Trieb stieß, mit dem sie dann kämpfen mußten. Von ihren Niederlagen und Siegen wußten die Bücher zu berichten, immer aber sagten sie, daß es sehr davon abhinge, wie diese Knaben mit der fremden Macht fertig würden, die in ihr Sein einbrach.

Die Mädchen aber gingen verträumt und unwissend durch das Leben dieser Bücher. „Sie blühten auf,“ wie die Dichter zu sagen pflegten. Sie wurden verführt oder geheiratet, sie schwärmten, träumten und warteten auf den Mann, der ihr Leben bestimmen sollte.

Ja, immer war dies so: Das Passive, unwissende, höchstens dunkel „ahnende“ Jungfräulein und der Mann, der dann ihr Schicksal wurde, das je nach der Literaturepoche, dem das Buch angehörte, Verführung und Selbstmord, Entführung und Königsschloß oder Verlobung und Bankkonto hieß.

Aber nirgends war zu finden, was doch nicht nur ihr eigenstes, schmerzliches und verwirrendes Erleben war: das heranreifende Mädchen und der Trieb. Der Trieb allein, – nicht der Mann, der die Liebe brachte oder die Liebe log. Der Trieb, der nicht schlafen ließ in den Nächten und wie ein roter Brodem den ganzen Körper durchdrang, ihn so schlaff machte von einer süßen Müdigkeit, die so dunkeltief werden konnte, so schwer, wenn man den Körper gequält und gepeitscht an die Kissen preßte. Dieses dunkle Verlangen, das nicht einen Mann meinte, sondern, alles aufwühlend, die Lust, das Versinken in den purpurroten Abgrund, den man in manchen Stunden so nahe wußte.

Es mußte aber doch sein, daß es Menschen gab, die darum wußten, denn waren nicht auch diese Großen einmal so jung gewesen und preisgegeben dieser Not?

Und es mußte auch sein, daß es Bücher gab, in denen von diesem geschrieben stand. Aber da waren es doch immer wieder die Erwachsenen, die alles fernhielten, was erklären und entwirren konnte, die glaubten, mit Gewalt einen Traum verwirklichen zu können, der nicht Wirklichkeit war.

Es war so, daß einen dieses Verlangen plötzlich schlagen konnte und die Knie schwermachen, wenn man neben irgendeinem Manne auf der Plattform einer Trambahn stand und sein Arm an die Brüste streifte. Wenn der Bäckergesell des Morgens mit seinen weißen Zähnen lachte und man denken mußte, wie seltsam sich wohl seine braune Haut über dem Ruderleibchen anfühlen mußte. Der dunkle, süße, peinigende Trieb, der einen manchmal zwang, die Hände stillend an den Körper zu pressen, dort, wo das Blut am schwersten und heftigsten gegen die Haut schlug.

Nein, von diesem Verlangen schwiegen die Erwachsenen und alle Bücher, die sie kannte. Und wahrscheinlich hätte es niemand verstanden, daß dieses Dunkle gerade dort schwieg, wo einem wirklich der Mann, dem das Herz entgegenflog, begegnete. Daß man da so stille war und ganz heilig aufgetan einer großen Sehnsucht, die man nicht ganz verstand, die aber nichts mit den dunklen Stunden des roten Quälens zu tun hatte, nein, die schamvoll und zitternd von einem Gruß auf der Straße lebte, von dem wärmeren Klange eines Wortes, von der behutsamen Gebärde, mit der einem der Mantel um die Schultern gelegt wurde. Ja, auch solche scheue, zitternde Liebe mochte vielleicht in heißere Sehnsucht münden, wenn der Mann die Sehnsucht aufrief, wenn er forderte. Da mochte dies, was geschah, dann schuld sein im Sinne der Satzungen und mochte ins Verderben führen, wie es in so vielen Büchern zu lesen stand: aber es war doch immer Liebe, die hier in ihr Schicksal wuchs, und noch die brennendste Stunde war geheiligt durch die Sehnsucht, die einem Du galt.

O, dies, was die Dichter besangen, das erste zitternde Erlebnis der Liebe, dies war es nicht, was zu fürchten war und in Demütigung und Selbstverachtung trieb. Wunderbar mußte die Liebe sein, und an ihr zu sterben, wie es die Lieder sangen, mußte noch schöner sein.

Aber von dem anderen wußte niemand auf der Welt, oder wollte niemand wissen, von diesem schweren und dunklen Brand im Blute, der so quälte und doch auch manchmal wie ein Lied den ganzen Körper schwingen machte.

Oft stieg in Grete Erb ein ganz seltsamer Verdacht auf. Das war besonders dann, wenn sie es manchmal versuchte, das Gefängnis ihrer Einsamkeit zu sprengen, einem anderen Menschen zu sagen, was sie quälte, in leisen, verschleierten Worten, die ihr selbst wie die bangen Klopfzeichen der Gefangenen schienen, die einander von Zelle zu Zelle Wesentlichstes in einem unbewachten Augenblick mitteilen wollten. O, nicht das Tatsächliche! o, nichts von dem, was ihr so sehr alle Wege zu sich selbst verschüttete, was ihr den frohen Glauben an den einfachen Weg des Hinauf genommen hatte. Nein, davon konnte man zu keinem der Erwachsenen sprechen. Davon nicht.

Aber es mußte doch irgendeinen Weg geben aus den bedrängenden Leidenschaften schmerzlichen Werdens in die breite sichere Welt der Erwachsenen, die alles wußten und verstanden, für die nichts zu schwer schien!

Aber so seltsam erging es einem dann, wenn man versuchte, einen zagen Schritt hinaus zu tun. Wenn man sagte: „Ich bin aber gar nicht froh, daß ich so jung bin, wie ihr meint. Nein, vieles ist schwer, vieles ist kaum zu tragen.“

Wie sie dann erstaunt taten oder lachten: „Mein Gott, in deinem Alter! Aber du hast dich wohl mit der Freundin gezankt? Oder bist du gar schon verliebt?“

Ja, sie konnten sogar sehr ungeduldig werden und böse, die Erwachsenen, wenn man ein trauriges Gesicht machte oder gar sagte, man wäre froh, diese Jahre wären vorüber und man selbst ganz frei.

„Du bist undankbar!“ sagten sie. „Hast du nicht alles? Deine Eltern sorgen für dich, sie lassen dich lernen, sie erfüllen dir jeden Wunsch. Es ist abscheulich, wenn du dich beklagst!“

Oder sie sagten lächelnd und überlegen: „Du darfst dich nicht jeder Stimmung so überlassen, Kind, – nein, das darfst du nicht. In deinem Alter hat man zu lernen und sich des Lebens zu freuen.“ Und manche setzten drohend und schadenfroh hinzu: „Warte nur! – Auch du wirst einmal das Leben kennenlernen, und dann wirst du dich vergeblich zurücksehnen in diese Zeit!“

Ja, es war fast so, daß einem die Erwachsenen die Verpflichtung, glücklich und froh zu sein, auferlegten wie die vielen anderen Pflichten, deren Erfüllung sie von einem verlangten. Es war undankbarste Auflehnung, wenn man nicht glücklich war. Es war Unbotmäßigkeit, wenn man ein trauriges Gesicht zeigte. Es war Beweis für das Übertreten eines Verbotes, wenn man schlecht aussah.

Nein, zu den Erwachsenen führte kein Weg, und immer tiefer wuchs in Grete Erb der Verdacht, daß die Großen aus irgendeinem seltsamen und unverständlichen Grunde nicht dulden wollten, es nicht wahrhaben wollten, daß es in der Welt der heranwachsenden Mädchen anders aussah, als man es seit Generationen annahm, und wie es in den Büchern stand. Die Großen mochten wohl ihre besondere Befriedung, ihr Vergnügen daran haben, daß junge Mädchen noch keine Menschen waren, denn sie hielten an dem Traume des „Heranblühens“ mit einer leidenschaftlichen Zähigkeit fest, gegen die es keine Auflehnung gab.

Leid, das war überhaupt nur eine Angelegenheit des Geldes. Gewiß, die Erwachsenen gaben es zu, daß es Kinder gab, die litten, die eine traurige Kindheit hatten. Das konnten aber nach ihrer Ansicht nur solche Kinder sein, deren Eltern nicht genügend Geld besaßen, um sie zu nähren und zu kleiden, um sie lernen zu lassen, was für das Leben notwendig war. Waren die Eltern aber in der Lage, ihren Kindern ein Heim zu bieten, sie zu nähren und zu kleiden, ihnen noch überdies Spielzeug zu kaufen und hie und da einen kindlichen Wunsch zu erfüllen, so hatte man die Pflicht und Schuldigkeit, glücklich zu sein. Nein, zu den Erwachsenen führte kein Weg. Ungeduldig forderten sie die Lüge, stießen einen dadurch immer tiefer in ein Alleinsein, aus dem kein Weg hinausführte.

Doch auch bei ihnen, denen man verbunden sein sollte, durch gleiches Alter und gleiches Erleben, auch bei ihnen wehte einen oft Fremdes an. O, so sehr man einander vielleicht glich, wenn man eingehängt und lachend miteinander den Weg von der Schule ging, so sehr war doch jede anders und ganz eingeschlossen in ihre eigene Welt. Darüber täuschte Grete Erb kein lautes Lachen, kein gleiches äußerliches Erleben hinweg.

Nirgends gab es Hilfe und Rat gegen die bedrängenden Bilder der Nächte mit der demütigenden Stillung verschwiegener, als brennenden Schimpf empfundenen Stunden, mit der Angst, einmal nicht mehr kämpfen zu können, und rettungslos sich an dieses verlieren zu müssen, was schlimmer und mächtiger war als Krankheit und Fieberbrand.

Es konnte nicht sein, daß nur ihr allein aufgeladen war, was alle Heiterkeit und Beschwingtheit aus ihren Tagen verdrängt hatte. Nein, sie wußte, daß es auch den anderen nicht anders ging, wenn auch keine zu der anderen davon sprach, und wenn es auch nicht jede so schwer nahm wie sie.

Denn sie nahm es schwer. Sie konnte nicht anders. Lizzie Ebbinghaus freilich, – fast war sie zu beneiden. Sie dachte nicht nach. Ein Spiel war ihr dieses Erwachen zu den Geheimnissen der Erwachsenen, ein gefährliches Spiel. Wie überlegen sie über alle Großen lachte, die nicht wußten! Mit wieviel Sicherheit sie schwindelte und log! Stets hatte sie die Taschen voll Briefe von Schauspielern und Studenten, sie erzählte die verwegensten und lustigsten Dinge von heimlichen Besuchen bei Männern, die trotz ihrer erwachsenen Überlegenheit vor Lizzie zitterten, weil diese ihre Begierde verlachte, weil sie von ihnen die Lust der kleinen Mädchen nahm wie Bonbons und Zigaretten, und doch das eine, das letzte, nicht hergab.

Nein, das konnte Grete Erb nicht. Dies konnte auch nicht der Weg aus dieser Wirrnis sein. Lizzie war so viel unbeschwerter. Ja, wie eine lustige Katze erschien sie Grete Erb, eine Katze, die gestreichelt werden wollte und die Krallen wies, wenn man nicht nach ihrem Willen tat.

Aber auch Erika Meyer, die liebste Freundin, die ihr einmal so viel, so viel bedeutet hatte, mit der sie gemeinsam die schönsten Bücher gelesen hatte, mit der sie von einem Leben träumte, das großen, stolzen Zielen geweiht sein sollte! Auch mit ihr verstand sie sich in letzter Zeit so schwer. So verstört war Erika nun immer! Oft schien es, daß sie ihr gar nicht mehr in die Augen sehen konnte. Traf sie aber einmal ein Blick, so erkannte sie in ihm ein Flackern, eine Verstörtheit, die sie erschreckte. Erikas Hände waren nun immer so unruhig und fühlten sich oft kühl und feucht an wie die einer Toten. Und so entsetzliche Dinge sprach sie oft, wilde Anklagen gegen Gott und diese Welt, die er geschaffen hatte. Nein, Grete verstand sich nun so schwer mit ihr. O, auch sie litt so verzweifelt unter den geheimen Mächten, die sie bedrängten, aber sie kämpfte doch und rang darum, wieder hell und frei zu werden. Erika Meyer aber sank immer tiefer in eine Schwermut und Verbitterung, aus der kein Weg hinauszuführen schien. Sie vergrub sich verzweifelt in Bücher, die von der Nichtigkeit des Lebens sprachen, die nur Bitteres und Häßliches über die Menschen zu sagen wußten, und in denen der große Haß fanatischer Lebensfeindschaft brannte. Leidenschaftlich spürte Erika Meyer allen Dingen nach, die den Menschen bloßstellten, und oft schien sie von einem wilden Glück erfüllt, wenn sie wieder etwas erzählen konnte, was die Erwachsenen demaskierte.

Auch Lizzie wußte viele solche Dinge. Aber sie nahm es leicht, ja zynisch, breitete über alle Erkenntnis ihr leichtsinniges Lachen und verstand es, aus den Schwächen der andern immer neue Vorteile für sich zu erhaschen.

Ja, man war allein. Dies war das einzige, was man immer klarer aus jeder Berührung mit anderen Menschen erkennen mußte, ob man sich in schmerzlicher Scham den Großen zu nähern suchte, ob man unter Altersgenossinnen eine zu finden strebte, die den gleichen Kampf kämpfte und den gleichen Sieg wollte.

Grete Erb nahm ihre Schulmappe unter den Arm und verließ eben ihr Zimmer, als sie an der Türe mit Herta Kobinger zusammenprallte, die in ihrer lärmenden Art ihr entgegenkam.

„Es ist noch so früh gewesen, – da wollte ich dich abholen.“

Grete Erb bot ihr die Hand und sagte plötzlich ganz verändert und schon in eine Maske gehüllt, die sie für das Zusammensein mit allen anderen Menschen sich errungen hatte: „Ich bin neugierig, was es heute in der Schule geben wird.“

„Ich bin es nicht,“ lachte Herta Kobinger. „Es gibt doch immer nur Langweiliges, außer wenn der Rektor über irgend etwas zerspringt.“

„Was hast du gestern gemacht?“ fragte Grete Erb, die es nicht gern hatte, wenn man so von der Schule sprach, die ihr mehr bedeutete als Elternhaus und Vergnügen.

„Ich war bei Erika,“ erzählte Herta Kobinger. „Es war aber reichlich ungemütlich. Wir saßen nach der Jause noch lange im Dunkel und sprachen von allem möglichen, als ihre Mutter heimkam und in ihrer beliebten freundschaftlichen Art uns Vorwürfe machte, weil wir im Dunkeln saßen. Ich antwortete nichts, aber Erika fuhr ihr mit einer Wut entgegen, die ganz entsetzlich war. Was die beiden sich alles sagten! Du weißt, wie Erikas Mutter ist. Zuerst schrie sie alles mögliche, von dem ich nicht alles verstand, wir seien verdorben und hätten gewiß unanständige Sachen geredet, und so weiter. Dann aber, als Erika zu schreien begann und gar Miene machte, leichenblaß und mit blitzenden Augen aus dem Fenster zu springen, woran wir sie nur mit aller Kraft hindern konnten, und sie nach dem entsetzlichen Auftritt müde und bleich in einer Ecke saß, da wurde ihre Mutter weinerlich. Du kennst ja diese ihre Art. Sie redete entsetzlich pathetische Dinge von Undankbarkeit, daß Erika der erste Nagel zu ihrem Sarge sei, und so andere Sprichwörter. Ich langweilte mich gräßlich, aber der Schreck war mir doch in die Glieder gefahren. Wie konnte es nur wegen einer so dummen Sache zu einem solchen Auftritt kommen!“

„Ach, beide hassen sich eben,“ sagte Grete Erb. „Für beide ist alles nur ein Anlaß, einander Szenen zu machen. Ich gehe deshalb so ungern hin. Jedesmal ist es dasselbe. Und immer droht Erika damit, entweder sich umzubringen oder sich ein Auge auszustechen, – oder – nein, ich habe mich halb totgelacht, das war vorige Woche – da setzte sie sich fast unbekleidet in das Stiegenhaus und schrie: ‚Jetzt werde ich mich verkühlen!‘ Sie selbst fühlt sich trotz ihrer Auflehnung so sehr als Sache und Eigentum ihrer Mutter, daß sie keine andere Rache weiß, als dieses Eigentum ihrer Mutter zu beschädigen. Es ist ebenso komisch wie entsetzlich.“

„Wenn ich auch nicht solche Szenen mit meiner Mutter habe,“ erklärte Herta Kobinger achselzuckend, „so ist es deshalb doch nicht gemütlicher bei uns. Es ist nur ein Glück, daß sie wenig Zeit finden, sich mit mir zu beschäftigen, weil ihnen Sonja, meine ältere Schwester, genug zu tun gibt. Ich weiß nicht, was da gestern wieder war. Jedenfalls war Sonja zu spät zum Mittagessen gekommen, und mein Vater schrie etwas von ‚in der Gosse herumwälzen‘. Sie haben alle Ausdrücke wie Romanschriftsteller. Sonja machte ihr schnippisches Gesicht und zuckte mit den Achseln. Mama weinte, und Papa sagte etwas von ‚schlechtes Ende nehmen‘. Dann wurde ich hinausgeschickt, und sie stritten noch eine Stunde. Ich möchte wissen, ob das Familienleben, an dem so viel Schönes sein soll, auch in früheren Zeiten so aussah? Wenn Papa und Mama nicht mit mir wegen der Schule zanken oder mit Sonja, der sie immer wieder auf irgend etwas mit Herren daraufkommen, so streiten sie eben miteinander. Sie streiten nicht laut, o nein, – sie sagen sich ganz leise und kühl die größten Gemeinheiten. Du kannst dir denken, wie entzückend die Stunden des Mittag- und Abendessens bei uns sind.“

„Auch meine Eltern leben nicht sehr gut miteinander,“ erzählte Grete Erb. „Aber ich habe sie niemals streiten gehört. Sie sprechen kaum ein Wort bei den gemeinsamen Mahlzeiten, und wenn sie sonst allein sind, lesen sie Zeitung. Vielleicht ist es deshalb, weil sie in früheren Jahren sich alles gesagt haben? Jedenfalls würde ich vor Langeweile sterben, wenn ich so leben sollte. Deshalb will ich ja auch studieren.“

Sie standen schon fast vor dem Schultore, als Herta Kobinger sagte: „Ich will trotzdem heiraten, denn dann hat man so viel Kleider als man will und kann seinen Kindern Matrosenanzüge anziehen.“

Siebentes Kapitel

Es geschah so wie Überfall und jähes Verrücken eines Bildes, daß selbst Fräulein Dr. Südekum, die sonst immer vor den Schülerinnen ihre große Sicherheit bewahrte, diesmal keinen Rat wußte.

Licht und froh hatte dieser Schulmorgen begonnen. Die gelben Zweige des Goldregens und die erst über Nacht aufgeblühten Fliederbüsche streiften fast die Flügel der offenen Fenster und trugen den süßen, verwirrenden Hauch des Frühlings in das ernste Klassenzimmer, an dessen grauweiß getünchten Wänden einige gute Steindrucke heimischer Landschaften, Karten und eine Lithographie Schillers hingen.

Fräulein Dr. Südekum trug heute eine fast lichte Bluse und hatte neben dem Katalog ein Wasserglas stehen, in das sie die Blumen getan hatte, die Schülerinnen heimlich vor Beginn des Unterrichts auf ihr Pult gelegt hatten.

Die Lehrerin sprach heute von Friedrich dem Großen als Mensch. Sie hatte in den vergangenen Stunden sein Bild als Staatsmann und König gezeichnet, als Soldat und siegreichen Helden. Nun sprach sie von dem Freunde der schönen Künste, dem Freunde Voltaires, dem Erbauer des Schlosses Sanssouci. Als Fräulein Dr. Südekum von diesem Bau sprach, von den eigenartigen Räumen, die der große König nach dem Muster von Versailles eingerichtet hatte, erklang plötzlich der Name seiner Frau aus der Schar der Schülerinnen. „Die Barberina!“ Kichern flog aus den rückwärtigen Bänken auf, einige Schülerinnen verbargen den Kopf unter dem Pult. Andere sahen schadenfroh erwartend zu der Lehrerin auf. Was würde nun geschehen?

Die Lehrerin faßte die Schülerin ins Auge, die den Namen gerufen hatte. Blutübergossen saß sie in ihrer Bank, aber sie lächelte.

„Es freut mich, daß du auch in deiner freien Zeit Geschichte betreibst,“ sagte Fräulein Dr. Südekum mit ihrer ruhigen Stimme und fuhr im Vortrage fort.

Ganz still war es in der Klasse, nur die ruhige Stimme der Lehrerin erfüllte den Raum.

Da war es, daß plötzlich ein wilder und nicht mehr menschlich scheinender Schrei den Raum zerriß. Ein Mädchen taumelte aus der Bank, griff einige Male wie haltsuchend in die Luft und stürzte schreiend zusammen.

„Die Erika Meyer!“ schrie eine auf.

Die Schülerinnen wichen erst erschreckt zur Seite, bemühten sich dann um die Liegende, die wie toll mit Händen und Füßen um sich schlug, den Körper jäh aufbäumte, daß sie nur mit Nacken und Fersen den Boden berührte. Fräulein Dr. Südekum stürzte herbei und sah mit Entsetzen die furchtbar verdrehten Augen des Mädchens, versuchte dessen Kopf höher zu betten, dessen Hände stillend zu umschließen, aber die wie besessen um sich Schlagende traf sie so wuchtig vor die Brust, daß das kleine Fräulein zurücktaumelte und fast in die Knie brach.

Nun aber begann die von Krämpfen Geschüttelte wild zu schreien und aus ihren unartikulierten Lauten lösten sich plötzlich Worte von so nackter Gier, so entsetzlicher Brutalität, daß die Lehrerin erst einige Zeit fassungslos auf diesen Ausbruch hemmungsloser Tierheit sah, ehe sie sich so weit fassen konnte, um mit einer gebieterischen Gebärde die Mädchen aus dem Zimmer zu treiben. Dennoch entging ihr nicht dieses Seltsame: so erschreckt die Kinder zur Seite wichen und zögernd dem heiseren Befehl des alternden Fräuleins zu folgen begannen, in einigen jungen, blassen Antlitzen malte sich doch die dunkle Sucht, sich auch so grenzenlos loszulassen, hinzustürzen, taumelnd sich wie diese dort die Brüste wundzuschlagen.

Als die letzte der Schülerinnen unter dem befehlend ausgestreckten Arm der totenblassen Lehrerin das Zimmer verließ, rief ihr die Lehrerin noch nach: „Herrn Dr. Klempner, – aber rasch – rasch!“

Dann war die Lehrerin mit Erika Meyer allein, die noch immer nicht ausgerast hatte und in einem schrecklich gleichmäßigen Takte gegen den eigenen Körper mit Fäusten schlug, deren Knöchel weiß blinkten. Sie riß sich die Haare vom Kopfe und schleuderte der Lehrerin wilde Verwünschungen ins Gesicht.

Fräulein Dr. Südekum versuchte es immer wieder, die Tobende durch Worte, durch Gebärden und scheue Liebkosungen zu befrieden, mit dem Aufgebote aller Kräfte ihre selbstzerstörende Wut zu hemmen. Aber immer wieder setzte sich das Mädchen so wild zur Wehr und der Lehrerin schlug so fesselloser Haß entgegen, daß sie zurückwich, bis sie vor Schrecken und Angst verwirrt an der Wand stehenblieb.

Und immer wieder, wenn der Sturm nachzulassen begann und nur das marternde Geräusch monotonen Zähneknirschens die Stille des Raumes erfüllte, schnellte jäh ein neuer Ansturm den Körper in eine unnatürliche Beuge empor, und wilder noch brachen abgerissene Worte aus dem Munde des Mädchens, Worte, deren eindeutiges Verlangen die Lehrerin so erschreckten, daß sie leise mit zitternden Lippen aus tiefster Herzensnot zu beten begann.

Dr. Klempner, der soeben eintrat, nahm die Zigarre nicht aus dem Munde, als er mit gleichmäßigen großen Schritten durch das Zimmer ging und sich nach einem kurzen Gruß gegen die Lehrerin an die Schülerin wandte.

„Ruhe!“ brüllte er so plötzlich, daß Fräulein Dr. Südekum zusammenzuckte wie nach einem Schuß. Sie hielt beide Hände vor das Herz gepreßt und glich, schmal und angstvoll an die Wand gedrückt, mit der jagend auf und ab gehenden Brust einem zu Tode gehetzten Vogel. Mit weitaufgerissensen Augen starrte sie auf das Mädchen: Gleich – gleich würde die Unselige, deren Körper wieder rasend emporschnellte, die Worte wiederholen – die schamlosen, entsetzlichen Worte – vor ihnen beiden – vor einem Manne ...

„Ruhe!“ brüllte Dr. Klempner noch einmal und faßte Erika Meyer mit eisernem Griff am Arm, und was Fräulein Dr. Südekum nicht zu hoffen gewagt hatte, geschah: Das Mädchen hielt plötzlich inne und ein Blick wiedererwachenden Erkennens traf den Arzt.

„Sofort bist du ruhig!“ wiederholte er nun mit ruhigerer Stimme, den Blick in den des Mädchens versenkt. „Deine Hand!“ Erika Meyer lag still, nur ein Zucken lief noch durch ihren Körper.

Fräulein Dr. Südekum sah auf den Arzt wie auf einen großen Zauberer. So tiefe Sicherheit ging von diesem kleinen Manne aus, der vielleicht mit seiner breiten, untersetzten Gestalt, dem zerzausten Bärtchen und den winzigen, durch Brillengläser funkelnden Äuglein lächerlich ausgesehen hätte, wäre nicht diese hohe Stirne, dieser herbe, männliche Mund gewesen, vor allem aber seine zynische, aber so wohltuend sichere Art.

Während Dr. Klempner den Puls des Mädchens maß und einige Male bestätigend nickte, begannen plötzlich große Tränen über das verwüstete Gesicht der Schülerin zu rollen, und jäh schüttelte sie ein wilder Weinkrampf.

„Nun sind wir in Ordnung,“ sagte Dr. Klempner ruhig. Er erbat ein Glas Wasser von der Lehrerin, schüttete ein Pulver, das er seiner Westentasche entnahm, in das Glas und hieß die Schülerin die Mischung austrinken. Er wandte sich zur Lehrerin: „So, – nun können wir sie allein lassen, kommen Sie!“

„Wirklich? – Sie soll hier allein bleiben?“ fragte Fräulein Dr. Südekum zögernd.

„Ja, auf meine Verantwortung,“ antwortete der Arzt. „Sie soll keine Zuschauer mehr haben.“ Er faßte das kleine Fräulein am Arm und drängte sie aus dem Zimmer. „Kommen Sie, – setzen wir uns einen Augenblick in die Kanzlei. Die Schülerinnen sind ja im Garten, und ich möchte Ihnen etwas sagen.“

Befangen folgte ihm die Oberlehrerin. Dr. Klempner sog bedächtig an seiner Zigarre und sagte: „Ich möchte, daß Sie den Schülerinnen sagen, sie dürfen mit keinem Wort an den Vorfall rühren. Erika Meyer soll mit den anderen gemeinsam zurück in die Klasse kommen, und Sie und alle müssen sich so verhalten, als wäre nichts geschehen. So kommt die Kleine am leichtesten wieder ins Gleichgewicht.“

„Aber Herr Doktor!“ Das kleine Fräulein atmete erregt. „Erika ist doch sehr krank – sollte man sie nicht nach Hause schicken? Und die andern haben doch alles gesehen – und diese Worte gehört – und ...“

„Machen Sie doch kein solches Wesen aus dieser Sache!“ fuhr sie der Arzt grob an. „Das ist das Blut, nichts weiter. Bis sie erst hat, wonach dieses schreit, wird Ruhe sein. Ich werde mit den Eltern sprechen, man soll auf Erika achtgeben und sie bald verheiraten.“

Aber das kleine Fräulein konnte sich nicht mit der einfachen Erklärung zufriedengeben. Nein, jetzt verstand sie den Arzt wirklich nicht. Er schien das Geschehene doch zu leicht zu nehmen! Diese Ärzte – sie nahmen alles so furchtbar zynisch auf. Tapfer begann sie: „Aber Herr Doktor, was sie schrie! Sie muß doch im tiefsten Innern verdorben sein, wenn solche Wünsche, solche Worte ...“

„Aber hören Sie doch auf,“ polterte der Arzt, „seien Sie kein Kind! In keinem der Mädels in diesem Alter sieht es anders aus. Das müßten Sie doch wissen! Wenn auch nicht jede die Flucht in Krankheit und hysterischen Ausbruch findet, keine ist anders ...“

„Das kann nicht wahr sein,“ rief bebend das alternde Fräulein, „nein, das darf nicht wahr sein!“

„Darf nicht – haha!“ Der Arzt lachte: „So ist es aber, meine Liebe. Ich kenne mich da aus. Ich kenne die Mädchen vielleicht besser als Sie. Ich sehe sie ja jeden Monat bei der Schuluntersuchung und weiß recht gut, wie sie sich wandeln. Man erlebt da seltsame Dinge, Fräulein Dr. Südekum, und ich kann Ihnen sagen, daß ich immer recht froh bin, wenn die Schulschwester bei diesen Untersuchungen anwesend ist. Weiß der Kuckuck, was die Mädels sonst noch treiben würden. – Ja, das alles ist das Geschlecht, meine Liebe. Das ist nun einmal die große Falle, in die jeder einmal purzelt. Also Kopf hoch – Fräulein Dr. Südekum! Gehen Sie in den Garten und sagen Sie den Mädchen, daß weiter nichts geredet werden dürfe, weil ja auch nichts geschehen ist, wirklich nichts – und darum vergessen auch Sie selbst.“

Die Lehrerin schlug nur zögernd in die dargebotene Hand ein. Der Arzt warf ihr noch einen prüfenden Blick zu: „Es geht Ihnen nahe, armes Kind!“ sagte er mit plötzlich veränderter Stimme. „Ich möchte gerne noch mit Ihnen sprechen. Vielleicht darf ich Sie nach der Klasse abholen? Begleiten Sie mich dann auf die Klinik hinaus – ein kleiner Spaziergang wird Ihnen gut tun. Also, – es bleibt dabei!“

Fräulein Dr. Südekum führte die Aufträge des Arztes mit großer äußerer Sicherheit durch. Aber sie zitterte noch unter dem Anprall jähen, unfaßbaren Geschehens und konnte kaum das Ende des Unterrichts erwarten. Gegen ihre Gewohnheit sah sie nicht von ihren Notizen während des Vortrages auf, und als sie dann doch einmal aufblickend dem Blick Erika Meyers begegnete, die ruhig, nur mit etwas bleichem Gesicht und umränderten Augen dem Vortrage folgte, erschrak sie wieder vor dem Unfaßbaren. Einmal irrte ihr Blick auch zu Gertrud hinüber, aber diese saß wie immer hochmütig abgekehrt für sich allein, und nichts an ihr ließ erraten, welchen Eindruck ihr der Vorfall gemacht hatte. Fast mit Haß stellte dies Fräulein Dr. Südekum fest, und voll Trauer dachte sie, daß sie fast von jeder hier mehr wußte als von diesem Mädchen, um das sie so sehr litt. Mit einem schmerzlichen Lächeln sah sie zu Erika Meyer hinab, die ihre heiße Not heute so wild hinausgeschrien hatte. Auch von ihr wußte sie mehr, wenn auch gegen deren freien Willen, als von dieser Kühlen und Sicheren, die sie kaum mehr zu bemerken schien. Tiefe Bitterkeit erfüllte das Herz des alternden Fräuleins.

Mit leisem Bangen sah sie dem Arzt entgegen, der sie am großen Tor der Schule erwartete.

Sie schritten erst eine Weile schweigend nebeneinander, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Die Lehrerin begann, tapfer, kriegerisch, als gälte es, einen kostbaren Besitz zu verteidigen: „Und Sie glauben wirklich nicht, daß sich werdendes Weibtum auch zarter, ich meine, seelisch verklärter an den Mädchen zeigen könnte?“

„Das leugne ich gar nicht,“ entgegnete der Arzt ruhig. „Ich behaupte nur, daß dies alles, was Sie jetzt an Ihren Schülerinnen erleben, und was Sie so sehr beunruhigt, einfach nur typisch ist. Denn alles ist in diesen Jahren Geschlecht, aufgeregte Geistigkeit, Schwermut, Haß gegen die Erotik und gegen das ihr Verfallensein. Das läßt sich nicht ändern, und am schlimmsten wäre es, die Dinge mit schönen Worten zurechtlügen zu wollen.

Ich habe da meine eigenen Theorien, und meine Erfahrungen haben mir diese tausendfach bestätigt. Das Verhältnis zu den Verwirrungen des Geschlechtes läßt sich in drei Lebensperioden einteilen. In den mittleren Jahren, da man erwachsen und reif ist, ist man Herr dieser Dinge. Da hat man die richtige Einstellung dazu, da nimmt man sich die Lust als Vergnügen und läßt sich von der großen Verwirrung nicht unterkriegen. Ja, da ist man Herr. Gefährlich sind nur die Lebensepochen vorher und nachher, die Zeit der Zwanzigjährigen, und dann noch einmal die der Vierziger. Die sehr Jungen und die Alternden stehen unter dem Gesetz der Liebe und ihrer Tragik. Sie werden vielleicht auch schon bemerkt haben, daß zwischen ihnen ein geheimnisvolles Verstehen brennt? Aber in der Zeit zwischen diesen Altersstufen ist man gesund.“

„So!“ Die Lehrerin brach empört los: „Das ist also gesund, wenn man die Liebe nur als Genuß nimmt, sich nicht darbringt, sich nur einfach alles nimmt. Das ist echte Männermoral.“

„Das ist gar nicht Männermoral, meine Liebe,“ entgegnete der Arzt ruhig. „Auch Frauen können vernünftig sein und das Geschlechtliche richtig einschätzen. Aber freilich mit so großen Worten wie Liebe und Sichdarbringen dürfen Sie mir nicht kommen. Das ist alles Schwindel, meine Verehrteste. Selbstbetrug der Menschen, die es nicht zugeben wollen, daß der Gattungswille sie am Kragen hat.“ Sein Gesicht verzerrte sich höhnisch. „Nein, – die Liebe, – die kennen zu ihrem Unglück nur die Zwanzigjährigen und die Vierziger – ich sagte es schon. Die sehen die Not mit allen Regenbogenfarben geschminkt. Ja, mir selbst ging es nicht anders: mit achtzehn, da war ich wirklich bereit, für diesen großen Schwindel zu sterben, und mit vierzig hätte ich es dann fast getan.“

Während dieses Gespräches waren sie zu einem großen baumbestandenen Platz gelangt, in dessen Mitte sich weiß mit tausend Fenstern der mächtige Bau der Klinik erhob, an der Dr. Klempner tätig war. „Kommen Sie noch ein wenig herein,“ sagte der Arzt. „Ich will Ihnen etwas erzählen, was für Sie vielleicht von pädagogischem Wert sein kann. Kommen Sie doch!“

Der Arzt führte Fräulein Dr. Südekum in jenen Trakt des Spitales, in dem seine Wohnung lag. Er öffnete die Türe zu einem nüchtern eingerichteten Wohnzimmer. „Wenn Sie noch einige Minuten Zeit haben, dann können Sie meine Tochter kennenlernen.“

„Wie, Sie haben eine Tochter?“

„Ja, das wissen Sie nicht einmal? Seit meine Frau starb, und das ist nun zwölf Jahre her, wohne ich mit meinem Töchterchen hier im Spital. Aus guten Gründen übrigens.“

„Wie alt ist Ihre Kleine?“

„Soeben fünfzehn Jahre alt geworden, also kaum ein Jahr jünger als Ihre Schülerinnen.“

Der Arzt setzte sich dem kleinen Fräulein gegenüber, und plötzlich trat ein Ernst in sein Antlitz, der Fräulein Dr. Südekum noch tiefer verwirrte. „Was ich Ihnen vorhin auf dem Wege sagte,“ begann Dr. Klempner nach einem tiefen Zug an seiner Zigarre, „ist keineswegs nur Theorie. Ich habe mein Kind nach meinen Grundsätzen erzogen. Sicherlich also nicht nach der Art, wie es die weicheren Frauen tun, sondern nach wohlerwogenen Gesetzen.“

„Erzählen Sie!“ bat die Lehrerin. Sie sah zu dem Bilde der großen traurigen Frau auf, das auf dem Schreibtisch des Arztes stand.

Er war ihrem Blicke gefolgt und sagte leise: „Ja, das war ihre Mutter. – Aber ich will Ihnen erzählen. Es wird nicht ohne Nutzen für Sie sein! Vor allem habe ich jede Zärtlichkeit aus meiner Erziehung verbannt, trotzdem, nein, weil ich dieses Kind abgöttisch liebe. Aber Martha soll sich nicht an die Fallstricke dieses großen Betruges gewöhnen – seelische Abhärtung heißt meine Devise. Zärtlichkeit ist meist nur die Gebärde für etwas Trübes. Ein wissender Arzt kann sich das nicht leisten. Wahre Vaterliebe braucht diese Mätzchen nicht, ja, verbietet sie sich selbst um des Zieles willen. Ich gehe noch weiter, Frau Oberlehrerin, – ich habe meine seelische Abhärtung systematisch so konsequent durchgeführt, wie es andere Eltern sonst nur auf körperlichem Gebiete wagen.“

Fräulein Dr. Südekum sah gebannt in das Antlitz des Arztes, in dem es nun zuckte, und in dem sie trotz Häßlichkeit und Zynismus einen seltsam weichen Zug zu entdecken glaubte.

„Ich habe meine kleine Martha alles sehen lassen, – alles, wissen Sie. Sie wird mir nicht auf den süßen Schwindel eurer sogenannten Liebe hereinfallen. Sie wird ungefährdet durch die schwierigen Jahre gehen, in denen man so geneigt ist, das Tierische sich zurechtzulügen.“

„Ja, was haben Sie denn getan?“ fragte die Lehrerin, und leise Angst erfaßte sie plötzlich vor den kalt und hart blickenden Augen des Arztes.

„Ich rief sie zu den Betten der Gebärenden,“ sagte Dr. Klempner, „sie mußte deren Stöhnen hören, sie sah die Not und Schmach des Leibes, sie hörte den großen Schrei der Wöchnerinnen ...“

Mit weitaufgerissenen Augen starrte Fräulein Dr. Südekum auf den Arzt. Wie fanatisch seine Augen glühten!

„Ich zwang sie in die Vorzimmer der Sterbenden, zwang sie, unbemerkt in einer Ecke zu lauschen, wenn Gattinnen mich anflehten, eine Kampferinjektion zu geben, damit der Sterbensmüde noch einmal erwache und sich die ersehnte Testamentsabänderung abringen lasse. Ich ließ sie die Reden der liebenden Verwandten draußen auf den Gängen vor den Zimmern der Siechen anhören, dieser Verwandten, die schacherten und mich tausendfach zu bestechen suchten. Ich führte sie in das Zimmer der Bresthaften, – Sie wissen schon, – jener, die ein furchtbares Mal von eurer sogenannten heiligen Liebe ...“

„Schweigen Sie!“ schrie die Lehrerin, – „das ist doch entsetzlich!“

Der Arzt sah ihr starr in das Gesicht: „Meine Martha wird wegen keines Operettentenors sterben wollen, sie wird sich keinem Jüngling wegen seiner strammen Beine, von hohen Gefühlen faselnd, an die Brust werfen ...“

Die Lehrerin schlug beide Hände vor das Gesicht. Plötzlich schrak sie durch ein Geräusch auf.

An der Türe stand ein schmales, kleines, erschreckend in Wachstum und Entwicklung zurückgebliebenes Mädchen. Fräulein Dr. Südekum würde sie für eine Zwölfjährige gehalten haben, hätte sie nicht vorher das Alter des Kindes durch den Vater erfahren. Aber die Züge des kleinen Mädchens schienen seltsam scharf und von tiefer Blässe.

Mißtrauisch sah die kleine Martha auf den fremden Gast.

„Das ist Fräulein Dr. Südekum, Oberlehrerin an der Mädchenschule,“ erklärte Dr. Klempner. „Sage ihr doch Guten Tag!“

„Guten Tag!“ Eine schmale, kühle Hand glitt in die fiebernd heiße des alternden Fräuleins, und einen Herzschlag lang sah diese in zwei große, wundervoll tiefe Augen, – die Augen der traurigen Frau auf dem Bilde.

Fräulein Dr. Südekum stand langsam auf. In einer jähen Sehnsucht wollte sie über dieses fahle Blondhaar, diese unnatürlich hohe Stirne streichen, ein Wort sagen, – ein tiefes, mütterliches Wort, das diesen Spuk bannen mußte, dieses Entsetzensvolle, was der Arzt soeben vor ihr enthüllt hatte. Aber sie vermochte sich nicht zu rühren, sie konnte nicht sprechen. Fremd und geängstigt stand sie zwischen den beiden Menschen. Kraftlos sanken ihre Arme herab.

Nein, nein, es war ihr jetzt unmöglich, mit dem blassen Kinde ein Gespräch zu beginnen.

Sie verabschiedete sich hastig und floh hinaus auf die weißen Spitalsgänge, über den großen Platz und immer weiter bis in die lärmenden Straßen der Großstadt.