Chapter 11 of 11 · 55428 words · ~277 min read

ZWÖLFTES KAPITEL

Liese schloß sich nach dem Zusammenstoße in der Küche drei Tage ein. Das Schlimmste, was in ihrer Erinnerung haften blieb, waren die entsetzten Augen des Kindes. Eine Beschämung ergriff sie, die nicht wieder gutzumachen war.

Was ihr bisher nur gedämmert hatte, jetzt trat es in helles Licht: Nicht Viktor Schwarz war der Verderber ihres Lebens -- von ihm brauchte sie keinen Schimpf zu fürchten. Er wahrte die »Form.« August von Bassenried aber hatte sie entwurzelt. In einem Sumpf watete sie. Dieser Mensch würde sich nicht nach ihr umsehen, wenn sie versank und erstickte.

Durch ihn konnte sie nicht Mutter werden, und nun mordete er die Mutterschaft, die ihr gegeben worden. Sie fühlte, daß es zum Widerstande zu spät war. Nicht zu ihrem Kinde konnte sie sich retten -- sie hatte es versucht, und der Versuch war mißlungen. Nun gab sie es auf. Berta hatte ihr wirklich nie gehört. Draußen, irgendwo in der Fremde war ihr Platz.

Liese schauderte zusammen. Wenn sie ihm trotzte, würde er sie auf die Straße jagen. Dem Elend war sie nicht mehr gewachsen. Einem seelischen Besitz jedes Opfer zu bringen -- diese letzte Kraft des Weibes war in ihr gebrochen. Nun mußte sie laufen, wie der Rattenfänger lockte.

Je mehr diese eisige Empfindung in ihr Platz griff, desto ruhiger wurde sie. Da war es ihr am dritten Tage ihrer freiwilligen Haft ganz lieb, als es pochte. Der Baron konnte es nicht sein, der hätte anders getrommelt. Das Pochen kam von einem Untergebenen.

Sie öffnete -- Friedrich stand vor ihr: »Frau Baronin -- nun möcht' ich doch mal nachsehen, was mit der Frau Baronin eigentlich los ist? Heute ist der dritte Tag -- Frau Baronin hatten doch höchstens ein paar Keks im Zimmer und den Madeira vom letzten Spielabend?«

»Ich habe nichts angerührt. Bloß Wasser hab' ich getrunken.«

»Mein Gott, nun müssen Frau Baronin aber gleich was zu sich nehmen. Ich hab' schon was mitgebracht. Frischen Kaffee und Rührei und Schinken -- auch ein alter Kognak wäre zu empfehlen.«

Jetzt spürte Liese doch Hunger, aber sie beherrschte sich: »Erst sagen Sie mir mal, ob sie das von selber bringen, oder ob der Herr Baron es befohlen hat?«

»Der Herr Baron? Den hab' ich ebenso lange nicht gesehen wie die Frau Baronin.«

»Ist mein Mann verreist?«

»Das glaub' ich kaum. Er hat jedenfalls nichts mitgenommen. Er wird wohl wieder eingeladen sein.«

Liese wandte sich von dem tückischen Blick des Dieners ab: »Ich danke Ihnen, Friedrich. Stellen Sie die Sachen nur hin. Ich werde später ausgehen.«

Friedrich horchte auf. Das war ein neuer Ton der Dulderin. Sie hatte das Leben wohl endlich begriffen. --

Als Liese eine Stunde später das Haus verlie,. dachte Friedrich mit zynischem Lächeln: ›Tiptop! Ein schneidiges Weibsbild! Nun wird sie es ihm besorgen, dem alten Laster!‹

Aber Liese ging dumpf und finster durch den hellen Tag. Sie haßte jetzt Dinge und Menschen. Alles kam ihr so überflüssig vor. Die einzige Belebung, die sie spürte, war der Drang, in ein Kaffee zu gehen und drei Schnäpse zu trinken. Der Kellner machte große Augen.

Mit wirrem Kopf kam Liese in die Roonstraße zurück. Friedrich überreichte ihr einen Brief. Das Mädchen der Frau Generalin habe ihn abgegeben.

»Die schreibt an mich?« stammelte Liese mit berauschten Augen. »Die alte Exzellenz schreibt ja noch sehr schön?« Sie las, und der Alkohol plauderte weiter aus ihr: »Wahrhaftig eine Einladung zum Tee, Friedrich! Für heute nachmittag! Ich bin zwar gar nicht in Stimmung, aber da kann man wohl nicht absagen -- was meinen Sie?«

»Eine Einladung von Exzellenz?«

»Was wundert Sie dabei? Ich bin noch immer die Baronin Bassenried!«

»Ja, freilich -- selbstverständlich! Ich meine bloß -- Exzellenz leben doch so zurückgezogen. Das muß schon einen besonderen Grund haben.«

»Werden ja sehen. Gehen Sie jedenfalls 'runter und bestellen Sie, ich werde mit Vergnügen kommen.« --

Liese zog ein neues Kleid an. Es war aus grüner Seide mit echten Spitzen -- sie hatte es noch nie getragen. Dazu nahm sie ihren Perlenschmuck. Sie wußte selbst nicht, warum ihr daran lag, möglichst vornehm zu erscheinen. Es galt doch nur die Plauderstunde mit einem uralten Frauchen.

Bei Frau von Fransecky fand man noch den echten Biedermeierstil. Ein zarter, welker Duft war in den dämmerigen Räumen. Die alte Dame kam Liese entgegen. Aus ihrem zerknitterten Gesicht blickten die Augen noch recht lebendig. Liese empfand eine vornehme Freundlichkeit, aber auch ein Mitleid, das ihr verdächtig wurde.

»Kommen Sie, liebe Baronin«, sagte die Exzellenz und führte Liese in das Speisezimmer, wo der Teetisch gedeckt war. »Nebenan im Salon sitzt noch ein Gast, den ich Ihnen gleich vorstellen werde. Eine liebe Überraschung. Denken Sie, mein Neffe Hermann von Rotkraut, eben aus Afrika zurückgekommen. Zwölf Jahre hat er bei der Schutztruppe gekämpft -- nun bleibt er endlich in der Heimat. Aber leider, leider« -- hier dämpfte Frau von Fransecky ihre Stimme -- »er kommt invalide. Ich wußte es schon, aber meine Gäste muß ich darauf vorbereiten. In den schrecklichen Kämpfen hat mein Neffe den rechten Arm und das linke Auge verloren. Denken Sie, er selbst kann darüber scherzen, er hat gesagt: ›Tantchen, ich bringe dir nur ein Fragment.‹ Er ist ein Held, ein richtiger Held, er hat etwas Mythisches in dieser gräßlichen Zeit. Deshalb sieht man natürlich über sein Unglück fort, aber eine junge Dame muß ich vorbereiten ...«

Liese blickte finster und bleich vor sich hin. Dieser Hauptmann von Rotkraut war ihr ganz gleichgültig. Das Einzige, was sie spürte, war die Genugtuung, daß ihr solcher Mann nicht gefährlich werden konnte.

Als die Damen sich gesetzt hatten, erschien der Neffe der Generalin. Er schritt langsam durch das Zimmer, als ob ein Mechanismus ihn lenkte. Dabei wahrte er mit seltsamer Kraft die ritterliche Form. Liese sah jetzt mit stärkerem Interesse in das Gesicht dieses Mannes. Er mochte so alt wie der Baron sein, aber die Jugend, die alles in der Gefahr gefunden, lag noch in seinen zerfurchten Zügen.

Man saß sich gegenüber. Die Unterhaltung kam nur schwer in Gang. Liese wünschte sich weit fort, und die Generalin war zu alt -- auch schien sie durch irgendeinen Vorsatz gehemmt. Sie warf von Zeit zu Zeit einen bittenden Blick auf ihren Neffen. Hauptmann von Rotkraut schwieg. Er war zur Verfügung, wenn man seiner bedurfte.

Jetzt gab die alte Frau sich einen Ruck. Sie hielt es nicht mehr aus, sie mußte zum Thema kommen.

»Meine liebe Baronin -- Sie haben sich vielleicht über meine plötzliche Einladung gewundert -- aber ich habe sie, das will ich Ihnen ganz offen gestehen, mit einem bestimmten Zweck verbunden.«

»Was denn, Exzellenz?«

»Hören Sie zu. Sie müssen etwas Nachsicht mit mir haben -- ich bin sehr alt -- der einzige Schutz, den ich noch auf der Welt habe, sitzt vor Ihnen --«

»Fragmentarisch, Tante.«

»Ganz richtig, lieber Hermann. Aber das Herz ist unversehrt -- Gott sei Dank. Du bist auch aus einem besonderen Grunde sehr geeignet, jetzt mein Ratgeber zu sein. Sie wissen vielleicht gar nicht, liebe Baronin, daß mein Neffe einmal sehr befreundet mit Ihrem Gatten war?«

»Davon hatte ich keine Ahnung. Mein Mann erzählt mir aus früherer Zeit so wenig.«

Jetzt wurde der Hauptmann lebhafter: »Das kann ich mir vorstellen. Es ist zu lange her. Wir waren junge Leutnants damals -- bei den Gardekürassieren -- man würde es uns kaum noch zutrauen.«

Liese lächelte: »Ihnen schon, Herr Hauptmann.«

Frau von Fransecky ergriff wieder das Wort: »Jedenfalls -- mein Neffe kennt Ihren Gatten sehr gut. Ich möchte fast sagen: zu gut. Ich für meine Person -- --«

Wieder brach die alte Dame ab und sah hilflos ihren Neffen an. Der griff jetzt endlich ein: »Du möchtest sagen, Tante, daß du nicht über August Bassenried informiert warst, als er in dein Haus zog. Du hast ihn noch gesehen, wie in seiner Knabenzeit. In deinen Jahren ein durchaus verzeihlicher Irrtum. Das werden Frau Baronin zugeben.«

Liese war unruhig geworden. Mit pochendem Herzen sagte sie: »Das klingt ja beinahe, als ob mein Mann hier angeklagt werden soll. Als ob Sie mich dazu eingeladen hätten, Exzellenz?«

Jetzt klappte Frau von Fransecky zusammen. Plötzlich weinte sie: »Aber was sollte ich denn tun?! Liebste, Beste, was sollte ich anfangen? Ihr Mann hat mein ehrbares Haus zu einer Spielhölle gemacht! Ihr Mann hat hier Nacht für Nacht Orgien gefeiert! Der selige Fransecky hätte seine Gäste mit der flachen Klinge hinausgejagt! Jahrelang habe ich das mit angesehen und still geduldet -- aber gestern -- nun, ich will jetzt nichts mehr zurückhalten -- gestern ist die Polizei bei mir gewesen! Es war bei Gott der schrecklichste Tag meines Lebens!«

Liese schwankte es vor den Augen: »Was wollte denn die Polizei bei Ihnen, Exzellenz? Was hat das mit meinem Mann zu tun und mit mir?«

Noch einmal fand die alte Frau ihren mütterlichen Ton: »Mit Ihnen nichts! Ich weiß ja nicht, woher Sie stammen -- das lass' ich ganz beiseite, aber wie die Dinge stehen, bin ich überzeugt, daß ~Sie~ eine Mesalliance gemacht haben, nicht er! Sie sind Bassenrieds Opfer! Aber noch ist es Zeit, ihn zur Besinnung zu bringen! Das können Sie allein!«

»Ich? Glauben Sie denn, Exzellenz, daß ich Einfluß auf ihn habe?«

Diese Worte kamen so ehrlich aus einer gequälten Seele, daß die Generalin und ihr Neffe sich erschrocken ansahen.

»Kind -- armes, schönes Kind -- was soll aber werden? Die Polizei nimmt den denkbar mildesten Standpunkt ein. Man will ... Ich kann nicht mehr -- Hermann, sag' du es ihr. Ich mußte meinen Neffen in alles einweihen. Sie können sich auf ihn verlassen.«

Jetzt hafteten Lieses verängstigte Augen an dem Hauptmann. Eine Milde kam in seinen starren Blick, die ihr wohltat, indem er seinen ergrauten Bart strich, sagte er: »Ich bin orientiert. Ich würde mich niemals einmischen, wenn ich nicht tatsächlich meine Tante unterstützen müßte. Also, zu fürchten ist noch nichts, Baronin. Die Behörde hat den Standpunkt, daß vor allem das Haus Fransecky geschont werden muß. So hat man also als Richtschnur gegeben: Die Sache soll unterdrückt werden, wenn kein neuer Fall mehr eintritt. Die geringste Wiederholung hätte polizeiliches Einschreiten zur Folge, das heißt Verhaftung des Bankhalters, seiner Ehefrau und seiner Gäste.«

Eine dumpfe Pause kam. Dann fragte Liese, ohne aufzublicken: »Und was soll ich dabei tun?«

Der Hauptmann wischte ein Stäubchen von seinem leeren Rockärmel: »Ich kann Ihre Lage durchaus verstehen. Trotzdem bleibt nichts anderes übrig -- Sie müssen Ihren Gatten warnen. Ich würde es selbst übernehmen, aber die Folge wäre ein Duell. Ich kenne Bassenried. Er zieht sich immer durch sinnlose Wut aus der Affäre.«

»Hermann!« rief die alte Frau. »Er wird ~dich~ doch nicht mehr herausfordern?«

Die Augenbrauen des Hauptmann zogen sich zusammen: »Warum nicht, Tante? Ich stände zur Verfügung! Mit der Linken schieße ich besser als mancher mit der Rechten!«

»Ich lasse kein Verbrechen mehr geschehen!« rief Liese jetzt, fliegende Röte in den Wangen. »Sie dürfen damit nichts zu tun haben, Herr Hauptmann! Ich werde mit meinem Mann reden!«

Der Invalide sah sie mit verhaltenem Feuer an. ›Armer Trümmer‹, dachte sie und schluchzte leise auf.

Frau von Fransecky wandte sich mit zitternder Geschäftigkeit dem Teetisch zu: »Aber nun wollen wir doch endlich zugreifen. Bitte, liebe Baronin -- bitte, lieber Hermann --«

»Ich muß leider wieder um Beistand bitten,« flüsterte der Hauptmann.

Liese sprang auf: »Aber bitte! Wozu bin ich denn da? Was darf ich Ihnen geben?« --

Als sie gegen Abend in ihre Wohnung hinaufkam, sagte Friedrich mit verschmitztem Lächeln: »Herr Baron ist nach Hause gekommen. Er sitzt im Eßzimmer und wartet.«

Sie nahm sich zusammen. Diese Gelegenheit ließ sie nicht vorbei. Rasch trat sie ein. Bassenried fuhr auf. Sie hatte ihn seit der Szene in der Küche nicht mehr gesehen. Nun spürte sie sofort, daß er Versöhnung suchte. Aber sie ließ sich nicht von ihrem Vorsatz abbringen. Während er sie halb zärtlich, halb mißtrauisch betrachtete, aßen sie schweigend. Dann sagte Liese ihm alles, ohne den Hauptmann zu erwähnen.

»Fatal«, murmelte Bassenried nach einer Pause. »Alles wird einem abgeschnitten. Wie soll man doch existieren?«

»Anders, August.«

Er konnte ein höhnisches Auflachen nicht unterdrücken: »Das mußt du mir erst mal vormachen! Für die braven Berufe der ›Verkrachten‹ bin ich nicht geeignet! Ich werde kein Versicherungsagent! Du bist natürlich eingeschüchtert worden! Du siehst unsere harmlosen Abende als Verbrechen an! Ich möchte nur wissen, wie die alte Mumie da unten Wind bekommen hat! Da muß doch etwas dahinterstecken! Wir müssen denunziert worden sein!«

»Das ist jetzt gleich.«

»Für mich durchaus nicht!«

»Ich bitte dich, August. So geht es nicht länger. Du mußt mir jetzt versprechen, daß kein Anlaß mehr gegeben wird --«

»Ich verspreche gar nichts! Frauen habe ich noch nie etwas versprochen! Aber ich werde selbstverständlich tun, was richtig ist!« --

Sie kam nicht weiter. Die nächsten Tage schienen freilich zu bestätigen, daß er gewarnt war. Er änderte sein Leben. Gäste brachte er nicht mehr mit -- jeden zweiten Abend blieb er bei Liese. Sie hätte den ungewohnten Frieden genießen können, wenn sie nicht deutlich den Zwang gespürt hätte, den er sich auferlegte. Sein Blick wurde immer abwesender, die Unterhaltung stockte. Er mußte furchtbare Sorgen haben. Aber sie stand hilflos vor seiner Pein. Sobald sie in ihn drang, fauchte er wie ein krankes Raubtier.

Müden Ekel schleppte sie von Tag zu Tag. Oft sehnte sie sich nach den starren, aber ehrlichen Zügen eines Verstümmelten. Am nächsten Sonntag kam der Baron mit einer Überraschung an den Frühstückstisch: »Wir wollen heute nach Hoppegarten, Lies. Habe eben einen Jugendfreund getroffen, Hauptmann von Rotkraut, von der afrikanischen Schutztruppe, unglaublicher Kerl, total zusammengeschossen, aber immer noch ein Mann. Übrigens Neffe von der alten Fransecky -- hast du mal von ihm gehört?«

Liese schien sich zu besinnen -- dann schüttelte sie langsam den Kopf.

»Er ißt mit uns, und wir fahren nach Tisch. Will Rotkraut meinen Reitstall zeigen. Den kennst du ja auch noch nicht?«

»Ist der nicht in Karlshorst?«

»Unsinn! Hoppegarten!«

Der Hauptmann kam. Er spielte seine Rolle noch geschickter als Liese. Er ließ sich ihr vorstellen, als hätte er sie nie gesehen. Das Bewußtsein, ein Geheimnis mit diesem Mann zu haben, hob Liese ein wenig. Sie bewährte sich beim Mittagessen als graziöse Wirtin. Der Blick des Hauptmanns versenkte sich oft in ihr Bild, und er überhörte Bassenrieds Fragen. Der Baron nahm ihm das nicht übel. Hauptmann von Rotkraut konnte ihm nicht gefährlich werden. Wohlwollend gönnte er dem armen Jugendfreunde das bißchen Augenweide.

Sie fuhren guter Dinge nach Hoppegarten. Liese war jetzt doch auf den Besitz ihres Mannes begierig. Hatte er wirklich noch Pferde? War nicht alles längst verspielt? Aber sie schritten durch einen langen, vornehmen Stall, und der Baron beklopfte einige Renner, wie es nur stolze Besitzer taten. Liese war verwirrt. Sie wechselte Blicke mit dem Hauptmann.

Da fügte es sich, daß der Baron mit seinem Jugendfreunde vor den Stall hinaustrat, während Liese noch bei den Pferden blieb. Jetzt sah sie, wie ein anderer Herr, den der Baron offenbar nicht bemerkt hatte, durch eine Seitentür in den Stall trat. Der Jockei, der Liese alles erklärt hatte, wandte sich sofort zu ihm, devot, wie zu seinem eigentlichen Herrn. Als der Fremde durch die Seitentür wieder verschwunden war, kam es über Liese, den Jockei zu befragen: »Wer war das, bitte?«

Das harte Gesicht des Engländers lächelte: »Das war Graf Keßler, der Besitzer des Stalles.«

»Aber der Stall gehört doch meinem Mann?«

Der Jockei zuckte die Achseln: »Tut mir leid, gnädige Frau. Ich kann nur sagen, was ich weiß. Der Stall gehörte allerdings mal Ihrem Mann, aber vor einem Jahr ging er in den Besitz des Grafen Keßler über. Spielverluste, wie man sagt.«

Liese wußte genug. Sie trat zu den beiden hinaus. Schamröte war in ihrem Gesicht, wie einst in Strelenwalder Tagen. Als der Baron eine Frage an sie richtete, antwortete sie nicht. Er begriff, was geschehen war. In stiller, bohrender Wut ließ er ihren Zorn über sich ergehen. Sie war teilnahmlos für alles Sportliche. Nur wenn es galt, dem Hauptmann behilflich zu sein, wurde sie lebhafter.

Bassenried haßte Liese von diesem Tage an. Er fühlte ihre Verachtung -- die zerriß das letzte Band. Liese erwartete ihn an den nächsten Abenden vergebens. Als er eine Woche verschwunden war, erschien eines Morgens der Gerichtsvollzieher in der Wohnung. Er brachte Forderungen von 125000 Mark. Ob Frau Baronin die decken könne? Liese zuckte die Achseln. Sie habe 17 Mark 50 Pfennige im Hause. Da wußte der Mann Bescheid. Er begann seine Arbeit. Alle Möbel, bis auf die notwendigsten, wurden versiegelt.

»Ja, das ist peinlich«, sagte der Gerichtsvollzieher zu Liese, die mit schlaffen Händen dabeistand. »Die Sachen hier kenn' ich nämlich schon. Die hab' ich schon mal in der Hitzigstraße versiegelt. Aber damals hat es die Familie vom Herrn Baron noch in Ordnung gebracht. Jetzt scheint es damit auch Essig zu sein. Wo ist denn eigentlich Ihr Herr Gemahl?«

»Das weiß ich nicht«, flüsterte Liese. --

Auch Friedrich war fort. Am nächsten Morgen verschwand die Köchin. Die Möbel wurden allmählich abgeholt. Man ging an der stummen, blassen Frau vorbei, als ob sie ein wertloser Gegenstand wäre. Nur etwas Schmuck und ihre Kleider ließ man ihr.

Sie faßte keinen Entschluß. Es war ihr völlig gleich, wo sie lebte, ob sie lebte. Nach einsamen Tagen kam ein Brief:

Hamburg, 5. September.

Liebe Liese, ich mußte den Entschluß fassen, der alten Welt den Rücken zu kehren. Forsche mir nicht nach, es hat keinen Zweck. Wir werden uns nicht wiedersehen. Es zieht mich in das große Leben, für das ich geboren bin. Ich bin ein Abenteurer -- leider kroch ich viel zu oft bei den Philistern unter. Um deine Existenz brauche ich mir keine Sorge zu machen. Du kannst noch mancherlei verkaufen, außerdem bist du jung und schön und kannst wieder zum Theater gehen. Ich überlasse es dir, ob du die Scheidung einleiten willst, oder ob du es für nützlicher hältst, Frau Baronin Bassenried zu heißen. Überlege es dir. Ich kann dir nichts hinterlassen als meinen Namen. Lebe wohl. Ich sage nicht auf Wiedersehen.

August Bassenried.

Liese saß seit Stunden regungslos, den Brief in der Hand. Plötzlich schloß die Portierfrau die Flurtür auf. Sie ließ Hauptmann von Rotkraut ein. Liese zuckte zusammen, denn sie hörte den Invaliden über den Gang tappen. Bald stand er vor ihr.

»Baronin,« sagte er leise -- »ich bitte tausendmal um Vergebung, aber die Sorge veranlaßt mich ... Ich komme auch im Auftrage meiner Tante ... Wir mußten fürchten, daß Sie der Not ausgesetzt sind ...«

Jetzt hob Liese den Kopf: »Ich danke Ihnen sehr, Herr Hauptmann. Aber an mir ist nichts mehr gelegen. Mir ist auch nicht zu helfen.«

Der Hauptmann ließ sich bei ihr nieder: »Es wäre frevelhaft, wenn ich dieser Behauptung zustimmte. Das Verbrechen, das Bassenried an Ihnen begangen hat, muß wieder gutgemacht werden.«

Sie reichte ihm den Brief.

Er las und zitterte leise: »Jetzt hat er kein Recht mehr auf Sie.«

»Das ist wahr.«

»Was haben Sie vor?«

»Eigentlich -- ein Ende machen. Das ist das einzige, was ich ganz klar sehe. Ich wäre besser nicht auf der Welt.«

»Baronin ...«

Sie fühlte, daß er ihre Hand ergriff. Da schluchzte sie einmal auf und lehnte ich in den Sessel zurück. Nach einer Pause hörte sie ihn weitersprechen: »Baronin -- ich habe auch kein Recht auf Sie. Ein Mann, wie ich, darf nicht zu einer Frau, wie Sie es sind, aufblicken. Aber was ich darf, und was ich ~muß~ -- das ist: mich Ihnen gänzlich zur Verfügung zu stellen. Hierin liegt der einzige Wert, den ich noch habe. Das Vaterland -- na ja. Man kriegt seine Orden, man wird Major, aber das sind Surrogate -- das Leben ist es nicht. Ich stehe allein, ich habe keine Aufgabe mehr. Erlauben Sie mir, daß ich ~Ihnen~ jetzt diene.«

Liese sah ihn mit ihren schönen, feuchten Augen an: »Das ist so lieb von Ihnen und so ehrenvoll für mich. Aber Sie überschätzen mich, Herr Hauptmann. Ich glaube es wäre viel richtiger, wenn ich ~Ihnen~ dienen würde ...«

Er saß gebückt: »Wenn ich Sie nicht mißverstehe ... Sie sprechen eine Hoffnung aus, die mir unglaublich erscheint. Der Begriff, den ~ich~ von der Ehe habe, ist groß. Ich nehme die Ehe heilig. Aber wie würden Sie denken, wenn Sie erst wirklich wüßten, an wen Sie Ihr Leben gebunden haben?«

»Das weiß ich schon!«

»Elisabeth! ...« Er fand diesen Namen aus sich selbst. Dann bezwang er das Schluchzen in seiner Stimme: »Ich habe nur noch schlechte Jahre vor mir. Der Arzt hat mich aufgeklärt. Ich werde mich immer weniger bewegen können. Mein Organismus hat zu große Opfer gebracht. Das ~muß~ ich Ihnen sagen. Ich bin anders als Bassenried, Sie werden es besser bei mir haben -- das steht fest. Aber zur Reue und Untreue sind wir beide zu schade.«

Liese nahm seine matte, starke Hand und hielt sie fest: »Ich will mich aber rein baden. Verstehen Sie mich doch. Ich will einem Menschen endlich was sein. Wenn ich bei Ihnen bereue oder untreu werde, dann wär' ich ja nicht wert, mit Ihnen zu reden. Die ›gesunden Männer‹ kenn' ich. Jetzt besinn' ich mich drauf, was ein Christenmensch soll.«

Er bückte sich und küßte immer wieder ihre Hand.

DREIZEHNTES KAPITEL

Liese Prutz war endlich geborgen. Nun erwachte das alte Bürgertum in ihr. Sie kehrte sachte zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Aber sie war still und langsam geworden. Das Jugendfeuer erlosch. Ihr letztes Lebensgesetz wurde die Pflicht.

Sie täuschte sich nicht darüber, daß ihr ein karges Leben bevorstand. Sie wurde die Pflegerin eines Absterbenden, und der Hauptmann war arm. Dieser alte Haudegen war nie ein Geldjäger gewesen.

Durchhungern hieß es, denn auf Hilfe aus der Heimat hoffte Liese nicht mehr. Trotzdem bot ihr der Mann, den sie gefunden, noch große Überraschungen. Sie spürte, daß er aus dem Lande der Abenteuer kam. Von seinem guten Diener hatte Hauptmann von Rotkraut ihr oft erzählt. Der seltsame Name -- er hieß Simba -- war Liese schon aufgefallen, aber sie war dermaßen von ihrer Lebenswandlung erfüllt, daß sie nie danach gefragt hatte. Als sie nun den Hauptmann zum erstenmal besuchte -- er wohnte recht dürftig in der Auguststraße -- öffnete Simba ihr die Tür. Liese fiel fast die Treppen wieder hinunter, denn ein baumlanger Neger stand vor ihr. Grinsend verbeugte er sich vor der schönen, blonden Dame, deren Bedeutung er kannte. In tiefster Ergebung geleitete er sie zu seinem Herrn.

Der Hauptmann lag auf dem Sofa. Liese drückte ihn, als er aufstehen wollte, zurück und sah zum erstenmal ein Lächeln in seinen dunklen Zügen. -- »Hat Simba dich erschreckt?« fragte er. »Verzeih, daß ich dich nicht auf ihn vorbereitet habe. Ich bin zu sehr an ihn gewöhnt. Du wirst dich auch gewöhnen und eine treue Seele an ihm haben. Er hat mir zweimal das Leben gerettet. Zuerst vor seinen eigenen Landsleuten und dann -- ja, das ist was für dich -- vor einem großen Krokodil.«

Liese schüttelte sich. Dann sah sie aber sehr freundlich auf den Schwarzen: »Ich finde ihn gar nicht so häßlich. Die kolossale Figur und die blaue Mütze auf dem schwarzen Wollkopf! Werden wir uns aber einen Diener leisten können Hermann?«

»Von Simba trenne ich mich nicht. Diese Neger sind so genügsam -- über ihren Dienst vergessen sie oft Essen und Trinken.«

Aber nun hatten sie über wichtige Dinge zu sprechen. Etwas sehr Ernstes harrte der Erledigung. Liese war mit Bassenried fertig, die Scheidungsklage war eingeleitet, doch von jeder Pflicht aus ihrer ersten Ehe sagte sie sich nicht los. Elsbeth, Bassenrieds Tochter, hatte Eindruck auf sie gemacht -- nun fürchtete sie das Elend des unschönen, hochmütigen Mädchens.

»Nichts hat sie, und häßlich ist sie -- dafür kann sie doch nichts. Aber ich glaube auch nicht, daß sie viel gelernt hat. Vom Bücherlesen, Bergsteigen und Tennisspielen kann man heutzutage nicht leben. Sie muß in einen Beruf. Darum will ich für sie hergeben, was ich von ihrem Vater übrig habe die Kleider und die Perlenkette. Das bringt ungefähr 60000 Mark. Wir könnten das Geld ja auch gut brauchen, aber ich schicke es lieber der Elsbeth. Ist es dir recht?«

Ohne Besinnen nickte der Hauptmann: »Ich sehe dich lieber ohne jedes Bassenriedsche Erbe.« --

Liese führte ihren Vorsatz aus. Zwei Wochen später stand Elsbeth vor ihr. Sie sah verwildert aus. Liese führte sie in das einzige möblierte Zimmer der großen Wohnung, das ihr noch geblieben war.

»Was machen Sie denn in Berlin? Warum sind Sie nicht in Lausanne geblieben?«

Elsbeth saß ihr gegenüber. Ihre großen Züge zuckten, in den hysterischen Augen war ein flackernder Glanz: »Weil ich Ihren Brief bekommen habe. Ich bin nach Berlin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich die Annahme des Geldes verweigere.«

»Machen Sie jetzt keinen Blödsinn! Wir wollen beide vernünftig sein! Was ich Ihnen geschickt habe, stammt von Ihrem Vater!«

»Nein, es stammt von Ihnen!«

»Elsbeth, reden Sie nicht weiter. Ich habe keine Lust mehr, mich von Ihnen ärgern zu lassen. Von euch Bassenrieds hab' ich genug. Aber Sie waren mir immer sympathisch, trotz Ihres unerhörten Benehmens. Darum wollte ich nicht, daß Sie plötzlich ohne Pfennig dastehen. Sind denn die elenden Perlen und die blödsinnigen Kleider nicht noch was nutze, wenn Sie sich damit 'ne Existenz gründen können? Ich brauche sie nicht mehr, ich bin versorgt. Sie aber sollen endlich eine Sicherheit haben.«

Elsbeth schwieg eine Weile und schüttelte langsam den strohblonden Kopf. Dann flüsterte sie: »Von Ihnen nehme ich nichts. Außerdem sollen Sie sehen, daß ein Mädchen, wie ich, was gelernt hat. Ich werde mich durchsetzen, aus eigener Kraft. Ich werde den Namen Bassenried rein waschen. Sie haben ihn nie mit Recht getragen.«

Jetzt sprang Liese auf. »Hol' Sie der Deibel! Ich verzichte auf Ihren Namen und auf alles! Machen Sie, was Sie Lust haben! Jedenfalls, wenn Sie das Geld nicht nehmen -- ich nehme es auch nicht! Dann kann's auf der Straße liegen!«

Elsbeth maß Liese mit geringschätzigem Blick: »Nein -- ich schütze es vor weiterem Mißbrauch. Ich werde es wohltätigen Stiftungen überweisen.«

»Das hätten Sie ja gleich tun können! Wozu kommen Sie dann noch zu mir?«

Elsbeths Augen irrten umher: »Weil ich -- weil ich in der großen Wohnung hier -- es muß doch noch ein Andenken an meine Mutter geben ... Ist denn alles fort? Hat man Ihnen nichts als die Sachen in diesem Zimmer gelassen?«

»Nichts ... Ich esse bei der Generalin. Die läßt mich hier noch wohnen, bis ... Aber da fällt mir was ein -- der Gerichtsvollzieher hat ja was liegen lassen, ein Bildchen in 'nem echten Goldrahmen -- ich war nachher ganz froh, daß ich ihm nicht damit nachgelaufen bin -- nicht wegen des Rahmens, sondern weil ich mir dachte, es könnte vielleicht was für Sie sein.«

»Für mich? ... Haben Sie daran gedacht? ... Was ist es denn?«

»Ihr Vater sagte mir mal, es sei Ihre Mutter als Braut. Da sehen Sie.«

Liese holte das Bildchen aus einer Schublade. Elsbeth griff danach, betrachtete es und verstummte. Erstaunt sah Liese, daß jede Härte aus ihren Zügen schwand.

Nach einer langen Pause sagte Elsbeth: »Das war noch da? ... Das hatte ich mir oft gewünscht ... Als Kind schon hatte ich das Bild so gern ... Ich dachte, Vater hätte es längst nicht mehr ...«

»Dann stimmt es also? Es macht Ihnen Freude?«

Bassenrieds Tochter sah ein Lächeln in Lieses gealterten Zügen. --

»Ich danke Ihnen«, stieß sie hervor. Plötzlich fühlte Liese ihre Hand in der großen Männerhand des Mädchens. --

»Aber warum sagten Sie, daß ~Sie~ das Geld nicht mehr brauchten? Daß Sie jetzt versorgt seien?«

»Weil ich -- weil ich endlich einen Mann gefunden habe, einen Retter in der Not. Ich heirate wieder.«

»Wen?«

»Einen Freund Ihres Vaters, Hauptmann von Rotkraut. Er hat sich famos gegen mich benommen. Kennen Sie ihn?«

Elsbeth nickte langsam: »Den heiraten Sie?«

»Ich will nur noch 'ne Aufgabe haben. Pflegen will ich ihn.«

Da legte das große Mädchen plötzlich den Arm um Liese und küßte sie auf Mund und Augen. Dann lief sie zur Tür: »Verzeihen Sie! Ich tue, was Sie wollen! Ich behalte das Geld, und wenn ich eine Existenz habe, gebe ich es an Stiftungen! Ist es Ihnen so recht? Ich möchte nichts mehr tun, was Ihnen nicht recht ist!« --

Lange noch dachte Liese an diesen sonderbaren Besuch. Dann wurde es allmählich wieder heller um sie her. Der Scheidungsprozeß verlief günstig. Lieses zweiter Heirat stand nichts mehr im Wege. An einem schönen Wintertage konnte sie mit ihrem Invaliden vor den Standesbeamten treten. Mit einem bescheidenen Frühstück, an dem nur die beiden Zeugen, einstige Kameraden des Hauptmanns, teilnahmen, endete die Feier.

Liese verließ nun die treue Exzellenz. Sie siedelte zu ihrem Mann in die Auguststraße über. Da war es eng und häßlich, man sah aus jedem Fenster auf eine rote Brandmauer, aber Liese war so hoch gestimmt, daß ihr alles schön erschien. An dem Morgen, da sie die Anzeigen ihrer Vermählung absenden wollten, kam ein feiner Brief mit breitem Trauerrande zu ihr, ihr Herz zuckte, denn sie erkannte die Handschrift. Innen fand sie eine gedruckte Anzeige:

›Am 20. Februar verschied in Dresden nach langen, mit edler Geduld ertragenen Leiden meine teure Frau Helene, geborene Kroner. Ich werde dieses Vorbild weiblicher Tugenden niemals vergessen. Allen Freunden zur Kenntnis und mit der Bitte, von Beileidsbezeugungen absehen zu wollen.

Viktor Schwarz, Rechtsanwalt und Notar.‹

Der Hauptmann bekam diesen Brief nicht zu sehen. Liese zerpflückte ihn und flüsterte mit bitterem Munde: »Nun ist er also wieder frei ... Man sollte ihm eigentlich gratulieren.« --

Hermann von Rotkraut war ein Grübler. Immer witterte er Gefahr und suchte ihr zu begegnen. Immer ging er mit sich selbst zu Rat. So ließ er sich von den Tagen des ersten Glückes nicht den Blick trüben. Er spürte, daß seine Berliner Junggesellenwirtschaft für eine junge Frau nichts war. Die Wohnung war häßlich, und Simbas afrikanische Gewohnheiten widersprachen Lieses märkischer Sauberkeit. Noch war keine Klage laut geworden, doch der zartfühlende Mann wollte Lieses Verstimmung zuvorkommen. Eines Mittags sagte er: »Kind, wir verlassen Berlin.«

Liese wurde rot vor Freude: »Es ist merkwürdig, wie du immer vorausweißt, was ich denke!« Sie streichelte ihn. »Die Wohnung ist mir ja lieb, weil wir unsere erste Zeit hier hatten, aber auf die Dauer ... Wir brauchen Licht und Luft, Hermann. Für uns ist es besser, draußen irgendwo auf dem Lande, wenn's auch ganz bescheiden ist. Dann kommen wir mit unsern paar Kröten aus.«

»Schade, daß wir nicht in deine Heimat ziehen können. Strelenwalde stelle ich mir reizend vor.«

»Ja, es ist jammerschade. Aber du weißt ja, woran es liegt.«

Liese senkte den Kopf. Der Hauptmann schwieg bestürzt. Aber er ahnte nicht, was in ihr vorging. Sie hatte ihm das Zerwürfnis mit dem Vater geschildert, wie seine schlichte Soldatennatur es verstehen konnte. Eine rückhaltlose Beichte war ihr bei ihm noch weniger als bei dem Baron möglich. Angstvoll wachte sie darüber, daß dieser redliche Geist seine schöne Meinung von ihr behielt. Er glaubte, daß ihr künstlerischer Freiheitsdrang die Härte des Vaters verschuldet hatte. Ihm erschien es möglich, daß ein Konditor in Strelenwalde seine Tochter verstieß, weil sie in Berlin Sängerin werden wollte. Auch ihm lag solcher Frauenweg fern, aber daß ein Mensch für seine Überzeugung kämpfte, mußte er in jedem Fall respektieren. --

Sie kamen auf das Thema der Übersiedlung nicht mehr zurück, aber es beschäftigte beide. Verträumt blickte sie auf ein mögliches Idyll. Da kam wieder ein Brief in die Auguststraße, wieder mit einem Trauerrand, diesmal aber schmal und bescheiden, und die Handschrift gab Liese eine ganz andere Spannung. Der Hauptmann saß heute dabei. Er sah, wie sie den Brief sinken ließ und ihr Taschentuch an die Augen führte.

»Was ist dir?« fragte er erschrocken. »Ein Verlust?«

Sie überwand sich zur Antwort: »Ja ... Mein armer Vater.« Dann reichte sie ihm den Brief. Er las:

›Strelenwalde, den 5. März.

Liebe Liese!

Heute ist es ein trauriger Anlaß, daß ich nach langer Zeit die Feder ergreife, um Dir zu schreiben. Ich fürchte ja fast, daß das Leben uns entfremden konnte, denn Du gabst mir keine Nachricht mehr, und nun ersah ich aus der Anzeige Deiner zweiten Vermählung, daß Du inzwischen Schweres erlebt haben mußt. Nun, ich kannte Deinen ersten Gatten nicht, und auch Dein zweiter Gatte ist mir fremd -- ich kann Dir nur immer das Beste wünschen. Es heute in die Form von Glückwünschen zu kleiden, vereitelt aber das herbe Geschick. Ich muß Dich zugleich von dem Ableben Deines lieben Vaters unterrichten. Er starb am 20. Februar, kurz vor seinem siebzigsten Geburtstage. Sein Ende war sanft, Gott sei Dank. Adele Schörg buk eben Pfannkuchen, und vom Bett aus rief Dein Vater ihr noch zu: Nimm mehr Butter, sie sind für den Pastor! -- Dann brach er ab und verstummte. Adele überhörte, weil das Fett so prasselte, seine letzten Seufzer. Ich kam nach einer halben Stunde und ordnete alles. Mit Adele hatte ich leider sofort einen Zusammenstoß. Sie wollte durchaus das Testament sehen, das ich im Geldschrank Deines Vaters vorfand. Sie wurde so frech, daß ich sie am liebsten geohrfeigt hätte, wenn es mir nicht unmöglich wäre, einen Menschen zu züchtigen. Aber sie betritt das Haus Deines Vaters nicht mehr. Ich fürchte überhaupt, sie hat dort eine schlimme Rolle gespielt.

Doch nun zu dem, was Dich angeht, liebe Liese. Du bist nun eine Waise. Aber Deine alte Tante bleibt Dir immer nahe. Du wirst mich in Strelenwalde brauchen können, denn Du bist nun doch die alleinige Erbin Deines Vaters geworden. Zu meiner Überraschung enthält das Testament nur die Bestimmung, daß Haus und Geschäft und der geringe Barbesitz auf Dich übergehen sollen. Ob diese Verfügung noch eine Sinnesänderung Deines Vaters bedeutet, vermag ich nicht zu sagen. Um Deine erste Heirat hat er sich nicht gekümmert, die zweite teilte ich ihm noch mit, indem ich ihm Deine Anzeige schickte. Ich weiß über die Wirkung nur, was Adele Schörg mir sagte. Dein Vater soll in seiner Sterbensmattigkeit noch gelächelt haben: ›Ein Hauptmann von den Afrikanern -- na, das ist wenigstens was.‹ Er hat dann, wie ich feststellen konnte, bald darauf Herrn Justizrat Burwig, unsern Notar, zu sich gebeten. Das vorgefundene Testament ist erst in den letzten Tagen niedergeschrieben worden. Vorher war keines vorhanden.

Deinetwegen bin ich tief beruhigt. Ich kenne ja die Verhältnisse Deines zweiten Gatten nicht, aber ein ererbtes Vaterhaus ist immer ein Rückhalt. Du bist auch die Frau, die es erhalten kann. Dein Vater starb ohne Vermögen, aber auch ohne wesentliche Schulden, denn er lebte wie ein Einsiedler. Immerhin ist die Prutzsche Konditorei trotz aller Vernachlässigung ein gutes, solides Geschäft und kann von jungen Kräften wieder hochgebracht werden. Freilich, Dein Gatte ist Hauptmann. Du mußt nun sehen, wie Du das väterliche Erbe verwalten kannst. Jedenfalls bitte ich Dich, Deine begreifliche Scheu möglichst bald zu überwinden und wieder nach Strelenwalde zu kommen, um Dich persönlich über die Erbschaft zu erklären. Herr Justizrat Burwig erwartet Dich. Was nun noch zu tun ist, geht über meine Kräfte. Ich bin älter als Dein Vater, liebe Liese. Aber hoffentlich unterstützt Dich Dein Gatte. Ein tatkräftiger Mann ist unschätzbar in solchem Fall. Empfiehl mich ihm unbekannterweise.

In treuer Zuneigung Deine Tante O. Sanftleben‹

Der Hauptmann sah lange stumm auf diesen Brief. Liese beobachtete ihm mit tränenden Augen. Dann richtete sich der Blick des alten Soldaten mit einem merkwürdigen Respekt auf sie.

»Was sollen wir tun?« fragte Liese.

»Du hast zu bestimmen«, erwiderte er feierlich.

»Nach Strelenwalde könnten wir ja nun.«

»Ja, Gott sei Dank. Es ist eine schöne Fügung.«

»Das Haus wird dir gefallen. Und der Garten -- -- lieber Gott, ich werde schon vor Sehnsucht krank. Es ist wahrhaftig genau das, was ich für uns gewünscht habe.«

»Aber die Konditorei?«

»Ja, was fangen wir mit der an?«

Der Hauptmann strich sich den Bart: »Bist du nicht lange dort tätig gewesen? Erzähltest du mir nicht --«?

»Gewiß. Ich könnte das Geschäft ganz alleine machen.«

»So tu es doch, Elisabeth.«

»Als deine Frau?«

»Du bleibst für mich, was du warst. Außerdem handelt es sich um das Lebenswerk deines Vaters. Ich ehre jede verdienstliche Tätigkeit. Du darfst nicht nur meine Pflegerin bleiben. Dazu bist du zu stark und jung. Einen Gehilfen mußt du dir natürlich nehmen, denn zum Kuchenbacken tauge ich nicht. Aber sonst: ich denke es mir prachtvoll. Friede und doch Nützlichkeit.«

Liese sah vor sich hin. Dann kam ein eigentümlicher Ausdruck in ihre Züge -- ein Zucken und Leuchten --, es konnte Lachen, aber auch Weinen sein.

»Was ist dir denn?« fragte der Hauptmann erstaunt.

»Ach, ich muß nur dran denken -- an die Gesichter in Strelenwalde! Wenn ich auf einmal als ›Frau Hauptmann‹ komme -- und in Vaters Haus sitze und die Konditorei habe -- und wenn jemand in den Laden kommt, steht ein baumlanger Neger da! Simba wird sich übrigens als Bedienung ausgezeichnet machen!«

Der Hauptmann blickte auf Tante Sanftlebens Brief und schüttelte langsam den Kopf: »Elisabeth ...«

Sie zuckte zusammen. »Ach, so! Mein Vater! Ja, das liegt daran, weil ich so lange fort bin! Ich habe draußen zuviel ausgehalten! Ja, mein guter, armer Vater!«

Weinend brach sie bei ihm nieder, und er streichelte ihren schönen, zuckenden Leib.

VIERZEHNTES KAPITEL

Frau Grunow lauschte an der Tür, die zum Korridor führte. Nun flüsterte sie Onkel Tübbeke zu: »Da kommt sie aus der Schule! Natürlich wieder mit Alfons! Der erzählt ihr vom Zukunftsstaat, der Dusel!«

»Na, zu mir hat sie gestern noch gesagt: ›Weißt du, was ich sein möchte, Onkel? Die Prinzessin Viktoria Luise.‹«

»Unser Kaiser seine Tochter? Kunststück, 'ne Prinzessin hätt' ich auch mal sein mögen. Aber wenn man im Dalles geboren ist ... Aber das von ihre Mutter, das sag' ich ihr jetzt.«

»Von ihrem Vater? Bist du verrückt?«

»Mensch, sitzt du denn auf den Ohren? Von ihre ~Mutter~ hab' ich gesagt! Ich kann nicht so schreien -- sie steht mit Alfons in der Küche und nascht Backpflaumen.«

»Du willst ihr sagen, daß die Baronsche noch mal geheiratet hat? Und daß sie wieder in Strelenwalde wohnt? Mathilde, du weißt doch, sie hat sich extra ausbedungen, daß das Kind auch davon nichts erfährt.«

Frau Grunows magere Gestalt krampfte sich: »Ja, ja! Das weiß ich ja alles! Aber die hat ja'n Vogel! Was die sich einbildet! Erst bringt sie das Kind auf die Welt, und dann läßt sie's liegen, und dann angelt sie wieder nach ihr, und dann schmeißt sie sie noch mal weg! So'n Kind ist doch auch'n Mensch! Die wird ja ganz konfus gemacht, und an der Mutter hängt sie! Pfui Deibel, sind das Leute!«

Onkel Tübbeke zündete sich gelassen seine Hängepfeife an: »Mathilde, du redest immer, wie ~dir~ die Sachen passen. Was ein Jurist ist, wie ich, der geht von den andern aus. Mit dem Baron ist es nichts gewesen -- nun hat die Liese noch das Schwein gehabt, nun hat sie einen richtigen Schentelmann gekriegt, einen adligen Offizier, wenn sie ihn auch in Afrika kaputt geschossen haben. Es ist eben ein Mann, der von ihre Vergangenheit nichts wissen darf. Die Hauptsache ist, daß wir beide das Maul halten. Ich kenne Herrn Schwarz -- er ist übrigens schon Justizrat. Mathilde, nicht mehr bloß Rechtsanwalt -- wenn der das Kind nicht will und hört, daß ich mit Berta zusammenwohne, dann bin ich auf meine alten Tage ohne Stellung!«

Frau Grunow sah, daß ihr Bruder vor Erregung zitterte. -- »Das ist doch übertrieben,« sagte sie begütigend.

»Nee! Ich kenn' ihn!«

»Na, du kannst ganz ruhig sein -- vor ~ihm~ wird sie nie was erfahren. So schlau bin ich auch noch! Ich werde uns doch nicht unglücklich machen. Aber das von ihre Mutter, das soll sie jetzt hören -- da brauchen wir ja keine Rücksicht zu nehmen, und man hat doch auch 'n bißchen Mitleid mit so'n Kind.«

Jetzt trat Berta in die Stube. Sie war klein geblieben, aber etwas Zierliches und schnell Entschlossenes hatte sie. Ihr Wesen war nicht gewöhnlich, man wurde auf sie aufmerksam. Aus dem nervösen Gesichtchen blickten kluge, dunkle Augen. Sie schien beständig auf geheimer Suche zu sein. Auch heute blickte sie wieder forschend auf die Anwesenden, als sie die Stube betreten hatte.

»Mahlzeit, Onkel. Mahlzeit, Tante.«

»Mahlzeit, mein Kind. Läßt Alfons uns auch noch'n paar Backpflaumen übrig?«

Berta lachte kurz: »Wie kommst du denn darauf?«

»Ich meine man bloß. Wär' nett von ihm. Na, du freust dich wohl schon auf die Handelsschule?«

Berta sah erstaunt auf. Tante Grunow war ja heute so liebenswürdig? Steckte da etwas dahinter? -- »Ach, ja, Tante -- die Gemeindeschule kriegt man wirklich satt. Da sind die Mädchen doch alle so'n bißchen ordinär.«

»Na, na,« murrte Onkel Tübbeke. »Bilde dir man bloß nichts ein. In der Handelsschule kommst du auch nicht mit lauter Komtessen zusammen, und mit der Prinzessin Viktoria Luise erst recht nicht.«

Die Kleine merkte den Spott. -- »Ach, die!« rief sie schnippisch und etwas affektiert. »Die lieb' ich allerdings! Die lieb' ich!«

»Mach' du man deine Schule gut zu Ende«, sagte Tante Grunow. »Zu vornehm bist du wahrhaftig nicht dazu. In der Handelsschule wird's dann anders. Da heißt es, sich drauf vorbereiten, was ein Beruf ist und sein Brot verdienen -- da wird man Buchhalterin oder so was.«

»Das weiß ich ja alles, Tante!« Berta hatte mal wieder ihren arroganten Ton. Sie setzte sich ans Fenster, schlug die Beine übereinander und vertiefte sich in ein Buch. Es war ein zerschlissener Engelhornroman. Berta mußte die Augen dicht auf das Blatt senken.

»Warum trägst du denn die Brille nicht?« fragte die Tante streng. »Du bist wieder ohne Brille nach Hause gekommen. Der Doktor hat extra gesagt --«

»Ach, Tante, laß mich doch! Die Brille paßt mir, glaub' ich, nicht. Da tun mir immer die Augen so weh. Die ist gewiß zu scharf.«

»Na, so was! 'ne halbe Stunde hat der Doktor dir die Augen untersucht, und nun soll die Brille auf einmal nicht passen! Nein, ich will dir sagen, was dir nicht paßt: Die Brille ist dir nicht schön genug! Wegen der Leute! Aber ellenlange Hacken an die Schuhe, die übermorgen schief getreten sind, bloß damit sie ein Endeken größer aussieht -- das geht! Das paßt! Was sagst du zu so'n Jör, Adolf?«

»Ich werde ihr zu Weihnachten 'n Longjong schenken, mit'n langen Stiel aus Schildpatt -- das ist auch was für Viktoria Luise«, meinte Onkel Tübbeke paffend.

Berta sprang auf. Sie lachte, schluchzte aber auch plötzlich: »Ach, Gott -- ich versteh' euch gar nicht! Also, damit ihr's wißt: Die Brille ist zu scharf, und deshalb schiel' ich immer ein bißchen, wenn ich sie aufhab'. Das haben sie mir in der Schule gesagt, und in Wirklichkeit schiel' ich doch gar nicht, und ohne die Absätze halten sie mich für bucklig!«

Man spürte ihre Erregung. Es war klüger, das Thema ruhen zu lassen. Berta war jetzt von krankhafter Reizbarkeit. Früh setzten ihre Entwicklungsjahre ein.

Jetzt latschte endlich Alfons in die Stube. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Lockenhaar und sagte lakonisch: »Essen, Mutter!«

Man setzte sich. Es gab Mohrrüben mit Kartoffeln, ein Essen, das Berta nicht liebte. Sie hatte sich bei Werkmeister und Retzdorff in der Oranienstraße wieder ein Viertelpfund gefüllte Schokolade gekauft und während des Heimweges aufgegessen. Gegen diesen plötzlichen Heißhunger auf etwas Ungewöhnliches konnte sie sich nicht wehren. Die Schaufenster der Delikatessen- und Konfitürengeschäfte bannten sie. Was aus ihren Finanzen werden sollte, war ihr freilich ein Rätsel. Sie bekam zwei Mark Taschengeld für die Woche und hatte am Mittwoch schon eine Mark dreißig ausgegeben. Dann sollte sie noch die Pferdebahn und womöglich Schulhefte bezahlen. In der Puppenklinik -- das wußte niemand -- lag Viktoria Luise, ihr Liebling. Das arme Kind mußte sie endlich auch einmal abholen. Das gab wieder eine Rechnung. Nun, Berta fühlte sich, wie ein Börsenspekulant. Sie lebte und ließ sich treiben.

Zerstreut stocherte sie in dem Essen herum. Dieser Anblick ärgerte Tante Grunow. Nun nahm sie ihr vollends den Appetit.

»Du, Mädchen, heute kann ich dir mal was von deine Mutter erzählen. Ja, starr' mich nicht so an -- heute weiß ich wieder mal was von deine Mutter!«

Bertas Gabel fiel auf den Teller. Onkel Tübbeke aber sagte entrüstet: »Na, so was! Weißt du, Mathilde, ich begreif' dich manchmal garnicht!«

»Wieso denn? Sie will doch immer alles wissen? Du hast eben keine Ahnung von so'n Kind!«

Berta saß zitternd da. Ihre Augen waren von Tränen gefüllt. -- »Was ist denn mit Mutter, Tante?«

»Nichts Schlimmes. Hab' man keine Angst. Nun hast du doch jahrelang nichts von ihr gehört, und nun weißt du doch wenigstens, daß sie wieder Glück hat. Es ist ihr ja wirklich zu gönnen.«

Die Kleine starrte schweigend vor sich hin. Die Mutter war ihr so fremd geworden, die kümmerte sich gar nicht mehr um sie. Dennoch -- sobald nur der Name genannt wurde, erwachte ein brennendes Interesse in Berta. Es war der tiefste Zusammenhang, der nicht absterben wollte.

Jetzt griff Alfons ein. Er hatte eine riesige Portion Mohrrüben vertilgt und sagte mit düsterer Miene: »Erwarte du dir man nichts davon, Berta. Ich überseh' die Sache. Deine Mutter ist von die Burschoa zu die Junkers übergegangen. Überall läßt sie sich ausnutzen, überall ist es derselbe Verrat am Proletariat.«

»Quatsch mit Soße«, erwiderte Frau Grunow. »Sie hat sich wiederverheiratet. Lange schon.«

Berta war aufgefahren: »Mit wem?«

»Von Rotkraut heißt er. Lache nicht, Alfons -- du denkst natürlich an Rotkohl. Der Mann ist Hauptmann a. D. Jetzt ist er sogar schon glaub' ich Major. Er soll man bloß ein Krüppel sein, aber das macht nichts. Deine Mutter hat einen vornehmen Mann, und der Baron war ein Schubjack.«

»Sind sie in Berlin?« fragte Berta leise.

»Nein, Kind, die haben gewußt, was sie tun. Seit Jahren sitzen sie schon in Strelenwalde, wo deine Mutter her ist, und da haben sie die Konditorei von deinem Großvater geerbt.«

Alle schwiegen. Berta machte bei dem Wort Konditorei unwillkürlich ein lüsternes Gesicht. Alfons aber schlug lachend mit der Faust auf den Tisch: »Na, nu wird's Tag! Der Herr Major ist Konditor in Strelenwalde geworden! Aber das gefällt mir von dem Mann! Der ziert sich nicht, der macht jede Arbeit!«

»Rede nicht so'n Stuß, Alfons. Seine Frau führt natürlich das Geschäft. Der Major kommt nicht mehr aus seiner Stube 'raus -- der sitzt eine Treppe höher und liest die Kreuzzeitung.«

Berta war ruhiger geworden. Ein eigentümlich bitteres Lächeln kam auf ihr blasses Gesicht. -- »Na schön«, sagte sie scheinbar gleichgültig. »Es freut mich wegen Mutter. Mich geht die Sache ja schließlich nichts an. Da sie mir nichts mitgeteilt hat ...«

»Was soll sie dir denn mitteilen?«

»Na, sie ist doch schließlich meine Mutter, Tante.«

»Das schon. Aber du mußt bedenken, Kind, der Major will ebensowenig von dir wissen wie der Baron.«

»Aha!« stieß Alfons zwischen den Zähnen hervor. Mit drohendem Nicken sah er Berta an: »Da haben wir's! Auf die Welt kommen, ohne gefragt zu werden! Dann heißt es: Nun werde fertig mit der Welt! Nun laß dich knuffen und piesacken und leiste noch was und werde noch ein ›nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft‹!«

Onkel Tübbeke rückte heftig mit dem Stuhl: »Weißt du, Alfons, wenn ich nicht ein gebildeter Mann wär', tät' ich jetzt zu dir sagen: Halt die Schnauze!«

Alfons sprang auf: »Ob du das sagst oder nicht, Onkel, das ist mir Wurscht! Ich weiß Bescheid! Und Berta -- da verlaß dich drauf -- die auch!«

Er verließ die Stube.

»Der Junge«, stöhnte Frau Grunow. »Der wird immer schlimmer. Hör' bloß nicht mehr auf den, Berta -- dann ist es ganz mit dir aus.«

Berta schüttelte langsam den Kopf: »Onkel Alfons ist der einzige, der richtig mit mir reden kann.«

»Na, du mußt es ja wissen. Du bist eben ein undankbares Balg. Ja, das bist du! Willst du nun hören, was ich dir von deiner Mutter zu erzählen habe, oder nicht?!«

»Die Tierquälerei halt' ich nicht aus!« -- Mit diesen Worten verließ auch Onkel Tübbeke die Stube. Berta war mit der Tante allein. Sie trotzte, aber sie fürchtete nur eines: daß die Tante jetzt gekränkt sein und schweigen könnte. Das war das Schlimmste. Im Innersten sehnte sie sich ja nur nach jeder Neuigkeit von der Mutter. Daß der Vater für immer im Dunkeln bleiben würde, damit hatte sie sich abgefunden.

Tante Grunow ließ sich herbei. Da kamen nun wunderliche Dinge zu Tage. Nicht nur die Tatsache: ihre gesunde, junge Mutter hatte einen alten Invaliden geheiratet, sie führte als Frau Majorin eine Konditorei weiter -- das war es nicht allein: ihr Gatte schien der reine Märchenmann zu sein. Er hatte Afrika nach Strelenwalde gebracht. Wenn es wirklich so war -- in dem Konditorladen bediente ein baumlanger Neger? Strelenwalde mußte ja auf dem Kopf stehen.

»Na, was sagst du dazu? Das gefällt dir wohl! Was?« fragte Tante Grunow nach einer Pause.

Berta nickte mit verträumtem Lächeln. Dann flüsterte sie: »Ich möcht's gern sehen.«

Halb erschrocken, halb energisch erwiderte Tante: »Nein, Kind, das laß dir man ja nicht einfallen! Das will deine Mutter auf keinen Fall! Sie hat mir geschrieben: Berta darf ~nie~ nach Strelenwalde kommen! Ich mein' es auch weiter gut mit ihr und schick' ihr immer was -- aber sie paßt nicht mehr zu mir, ich habe Rücksichten zu nehmen!«

Nun war es gesagt. Berta schwieg dazu. Die erwartete Auflehnung kam nicht. Sie schien ihr Schicksal hinzunehmen. Das einzige, was ihr anzumerken war, blieb ihre gebückte Haltung. Die sah man sonst bei einem Mädchen ihres Alters nicht.

Sie konnte es nicht begreifen. Tatsachen standen vor ihr, keine Begründung. Wenn sie ein fleißiger, sauberer, anständiger Mensch wurde -- wen konnte sie noch stören? Wer durfte sich ihrer schämen? So dumm und grausam kamen ihr die Menschen garnicht vor. Vielleicht waren sie nur in Strelenwalde so. Schwer empfand sie es, daß es keine Stelle gab, wo sie sich aussprechen konnte. Onkel Alfons faßte immer alles gleich politisch auf. Der kam auf das ganze Volk und schließlich auf den Kaiser. Ihre arme, kleine Person ging bei den großen Reden leer aus. Nein, es blieb ihr nur der eigene Weg -- aber der war steil und dunkel.

Zuweilen versuchte sie es noch, sich traumhaft in die Romantik von Strelenwalde zu versetzen. Sie spürte der Mutter mit ihrer Phantasiekraft nach. Bald aber versiegte dieser Trieb vor den bösen, kalten Worten: »~Nie~ darf Berta nach Strelenwalde kommen!« --

Eigentümlich gleichgültig blieb sie gegen den Menschen, dessen Schutz sie empfohlen war. Sie wußte, daß sie einen Vormund hatte, aber es fiel ihr niemals ein, Fräulein Ottilie Sanftleben in Anspruch zu nehmen. Sie kannte sie nur von einem kurzen Besuch, den die Strelenwalderin in Berlin gemacht -- eine halbe Stunde war sie bei Tante Grunow gewesen. Ihre Absicht, das Mündel persönlich kennenzulernen, war allzu pflichtgemäß erschienen. Die Dame hatte ein feines, eigentümlich kühles Wesen. An ihrer Güte brauchte man nicht zu zweifeln, -- aber sie schien nur mit kleinen Kindern umgehen zu können -- das Problem des heranwachsenden Menschen war ihr zu bedrohlich. Berta verfiel dem Irrtum, daß sie ihrem Vormund eine Last war -- das wollte sie keinesfalls. Sie fühlte sich ohnehin genug umhergestoßen.

So kam denn allmählich der bedeutsame sechzehnte Geburtstag heran. Berta war sich eigentlich nicht darüber klar, warum er solche Bedeutung hatte. Im Grunde regte diese Lebensstufe wohl nur ihre Pflegemutter auf. Erst am Geburtstage enthüllte sich die Ursache.

Berta war durch ihre ganze Entwicklung in eine Untugend geraten: sie horchte gern. Man hatte sie immer so im Halbdunkel gelassen, man machte aus Dingen, die jedem Kinde selbstverständlich waren, solches Geheimnis, daß sie unfreiwillig zu dem verwerflichen Mittel griff. Auf solche Weise erfuhr sie doch wenigstens hier und da etwas.

So kam es auch heute, daß man sie noch beim Bäcker glaubte, aber sie war mit ihren flinken Füßen schon zurück und hörte im Korridor eine laute Unterhaltung von Onkel und Tante. Freilich wurde sie auch jetzt von den gewiegten Diplomaten getäuscht: ~ein~ Name kam niemals über ihre Lippen. Wenn er einmal kam, so ganz gewiß nicht in der Bedeutung, die Berta aufklärte.

Aber sie erfuhr etwas Wichtiges: ihr sechzehnter Geburtstag hatte eine besondere Bedeutung dadurch, daß nicht mehr für sie bezahlt wurde! ... Also das war es! Die ›Alimente‹ hörten auf! Der große Unbekannte wurde endlich seine lästige Verpflichtung los ...

Es schüttelte Berta. Sie verriet sich fast. Ängstlich zog sie die Hand von der Klinke. Halb fühlte sie sich gehoben, halb auch beiseite gestoßen. Was ihrem Stolz wohltat, kam über Onkel und Tante nur als neue Sorge. Aber ein Name fiel nicht. Berta fieberte und biß die Zähne aufeinander -- ein Name fiel nicht! Nur aus dem Ton, wie man von ›ihm‹ sprach, entnahm sie, daß ihr Vater den beiden nicht unbekannt war. Ja, Onkel Tübbeke mochte ihn sogar persönlich kennen. Berta stampfte mit beiden Füßen. Tolle Gedanken kamen ihr: ›Ob ich ihn einfach mal überfalle? Abends, wenn Onkel vom Stammtisch kommt und ein bißchen angesäuselt ist? Dann stell' ich mich unten in den Hausflur und laure ihm auf und lass' ihn nicht vorbei, bis er mir den Namen gesagt hat! Was nachher kommt, ist mir schnuppe!‹

Aber sie vergegenwärtigte sich das Gesicht des alten Mannes, vor dem sie doch einen gewaltigen Respekt hatte. Da ließ sie die verrückte Idee wieder fallen. Sie mußte eben weiter tappen. Blind geboren war sie wohl. Wenn nicht ein großer Zufall ...

Jetzt nahm das Gespräch in der Stube eine Wandlung -- man kam auf die Mutter. Das fesselte Berta weniger, aber in ihrer Verlassenheit horchte sie doch mit schmerzlicher Spannung. Tante Grunow schimpfte wieder auf die Frau Major, doch Onkel Tübbeke sagte sarkastisch: »Laß man -- die weiß, wo sie bleibt. Außerdem hat sie einen gewiegten Rechtsbeistand.« -- »Wer is'n das?« -- »Na, rate mal. Schwarz heißt er.« -- »Was? Dein Justizrat -- --??« »Derselbige. Das hat doch 'n gewissen Humor, nicht wahr? Na, überhaupt die Weiber! ... Aber wo bleibt denn eigentlich Berta? Die muß doch längst zurück sein?«

Onkel Tübbeke ging plötzlich auf die Tür zu. Berta konnte eben noch in die Küche huschen. Als der Onkel erschien, sagte sie unschuldig: »Die Hälfte hab' ich Kaffeekuchen nehmen müssen -- Streusel war nicht mehr so viel da, Onkel.«

»Macht nichts«, meinte der Alte gemütlich und gab ihr einen Kuß. Machte ihn der Geburtstag so empfindsam? Berta schämte sich. --

Aber sie wurde bis zum Abend von einem tiefen Triumphgefühl nicht verlassen. Nun wußte sie doch etwas, etwas ganz Wichtiges, und niemand hatte eine Ahnung davon: Sie kannte den Rechtsbeistand ihrer Mutter! Oder vielmehr: Sie konnte ihn, wenn sie nur wolle, kennenlernen. Ob dieser Mann ihr nicht die ersehnte Auskunft gab? Es mußte ja mit dem Teufel zugehen, wenn der Rechtsbeistand ihrer Mutter nicht wissen sollte, wer ihr Vater war!

Aber wie zu ihm gelangen? -- Plötzlich stand Berta wieder vor einer hohen Mauer. Sie konnte natürlich jeden Nachmittag hingeben, sie wußte seit Jahren, wo Justizrat Schwarz wohnte: Taubenstraße 24 -- aber im Vorzimmer war das unüberwindliche Hindernis. Dort saß Onkel Tübbeke als Bureauvorsteher! An ihm kam sie nicht vorbei. Schon schwammen Berta wieder alle Felle weg. Wie gelähmt saß sie da, während die Geburtstagsgäste freudig auf ihr Wohl anstießen.

Doch über Nacht kam eine schwache Hoffnung: Mit Onkel Tübbeks Husten war zu rechnen. Der arme, alte Mann bellte wieder zum Erbarmen. Vielleicht wurde er doch einmal dienstunfähig. Berta wünschte es innig -- ihm zur Erholung, sich zur Befreiung. Sobald er zu Hause bleiben mußte, rannte sie zu Justizrat Schwarz -- das stand fest.

Aber Onkel Tübbeke war von einem fürchterlichen Pflichtbewußtsein. Jeden Morgen und bei jedem Wetter zog er, in seinen Wollschal gewickelt, los. Berta hatte das Nachsehen.

Sie tröstete sich, so gut es ging, mit Viktoria Luise. Von dem Gelde, das ihr Alfons zum Geburtstag geschenkt, bezahlte sie die Rechnung in der Puppenklinik. Nun holte sie ihren Liebling aus dem Krankenhause ab. Daß sie schon zu alt fürs Puppenspielen geworden, war Berta wohl bewußt -- sie verbarg es auch scheu vor dem Spott der Großen. Aber diese Puppe hatte nichts Kindisches mehr für sie -- sie war ein Gleichnis und der Hort ihres Herzens. Nicht ihre Tochter war Viktoria Luise, sondern ihre einzige Freundin. Sie ruhte die unbefriedigte Seele bei dem Traum aus, einer Prinzessin Freundin zu sein. Die Kaisertochter erfüllte den Wunsch des gequälten Volkes: sie holte ihre Vertraute von den Armen und Enterbten. So dichtete Berta. Das Mißverhältnis der starren Puppe in ihren warmen Menschenhänden störte sie nicht. --

Endlich -- eines Morgens sagte Tante Grunow verärgert: »Heute bleibt Onkel zu Hause! Ich telephoniere nachher ins Bureau! Der Husten wird ja immer doller -- ich tu' schon kein Auge mehr zu!«

Berta zeigte ein scheinheiliges Bedauern. Als die Tante ihr den Rücken gekehrt, machte sie einen Freudensprung. Nun war der Weg frei. Sie wollte es heute schon wahrnehmen. Nachmittags, wenn sie aus der Handelsschule kam, konnte sie nach der Taubenstraße rennen. Onkel Tübbeke erfuhr vielleicht später davon, aber dann war es ihr gleich; dann wußte sie schon, was sie wissen wollte.

Der Nachmittag rückte heran. Nie war ihr eine Wartezeit so schwer geworden. Die Spannung überwältigte sie fast. Sie ging wohl zehnmal an dem Hause in der Taubenstraße vorbei -- dann wagte sie sich endlich hinein. An Onkel Tübbekes Stelle saß heute Herr Rudorff, der Schreiber, und fühlte sich. Er spielte den Vielbeschäftigten und ließ Berta länger warten, als nötig war. Dem kleinen, befangenen Mädchen legte er ohnehin keine Bedeutung bei. Es wolle den Herrn Justizrat sprechen? In welcher Angelegenheit? Nun, da stand Berta wie vor den Mund geschlagen. Die Ausrede, die sie erfunden, kam ihr jetzt zu plump vor. Sie faßte sich mühsam und stotterte, es sei sehr wichtig, sie könne aber nur mit dem Herrn Justizrat darüber reden. Herr Rudorff sah sie mißtrauisch von der Seite an und ging zu dem Gestrengen hinein.

Viktor Schwarz hatte eben keinen Klienten vor, aber er war trotzdem von den wichtigsten Geschäften in Anspruch genommen. Onkel Joachim war nämlich gestorben -- ein alter Mann, der schon lange nicht mehr auf ihn eingewirkt hatte. Aber nun, da er die Welt verlassen, ändert sich doch viel für den Neffen. Eine große Erbschaft mußte für Tante Klara verwaltet werden. Ihm ›brummte der Kopf‹. Verstimmt blickte er deshalb auf Herrn Rudorff, der wieder mit einem lästigen Klienten kam. Den Namen hörte Viktor Schwarz zuerst nur mit halbem Ohr -- er kramte in seinen Papieren.

»Wie heißt die Dame?« fragte er nach einer Weile.

»Prutz, Herr Justizrat.«

Der Chef warf den Kopf herum: »Was sagen Sie?«

»Prutz -- so war der Name. Ich glaube mich nicht verhört zu haben.«

»Ja, sagen Sie mal -- ist das die Frau Liese Prutz -- ich meine, die Baronin Bassenried -- ach, nein, so heißt sie ja auch nicht mehr -- -- also, Frau von Rotkraut -- zum Donnerwetter?«

Herr Rudorff machte große Augen: »Nein -- Prutz, Herr Justizrat ...«

»Herrgott, ja! Mensch, seien Sie doch nicht so schwer von Begriffen! Frau von Rotkraut, meine Klientin, heißt mit Mädchennamen Prutz -- also die ist es nicht?«

»Nein, Herr Justizrat«, erwiderte der Schreiber, gekränkt -- »die kenn' ich doch auch, die Dame aus Strelenwalde, nicht wahr? Aber die Dame draußen, das ist überhaupt noch keine Dame, das ist höchstens ein Mädel von vierzehn Jahren.«

Dem Justizrat fiel der Kneifer auf den Schreibtisch: »So alt erst -- taxieren Sie sie? Und sie behauptet, sie heißt Prutz?«

Herr Rudorff verbiß sich das Lachen: »Jawohl. Dagegen kann man ja nichts machen.«

»Nein, nein -- selbstverständlich nicht -- der Name kommt ja öfters vor -- hm ... Na, lassen Sie sie eintreten. Oder warten Sie mal -- in zehn Minuten -- ich habe hier noch was -- -- sie möchte sich noch zehn Minuten gedulden!«

Der Schreiber ging in das Vorzimmer zurück. Was war denn mit dem Alten heute? So hatte er ihn noch nie gesehen.

Viktor Schwarz lief in seinem Zimmer umher. Jetzt überstürzte sich sein altgewohnter Monolog. Er spürte einen heimtückischen Angriff. Und jetzt gerade, wo er in Berlin den Gipfel erstieg -- wo er in der Philharmonie vor dem ›Allgemeinen Bund für ethische Fortbildung‹ sprechen wollte ... Da kam ihm dieses Wesen? ... Aber es konnte ja auch ein Zufall sein. Der Name Prutz war durchaus nicht einzigartig. Wer wußte, welche harmlose Sache das fremde Mädel zu ihm führte? Er hatte sich wohl wieder einmal umsonst aufgeregt.

Jedenfalls war es unklug von ihm, daß er sie vorließ. Doch eine Abweisung konnte erst recht auffallen. Rudorff wußte, daß er jetzt nicht beschäftigt war. Eine Klientin unmotiviert fortschicken? Das war unmöglich. Er mußte es wagen. Gewaltsam stellte er seine kalte Ruhe her. Es konnte ja gar nicht sein. Diskret war Liese und vor allem: sie fürchtete ihn. Der Major war noch schlimmer als der Baron. Entschlossen ging er auf die Tür zu: »Bitte sehr!«

Das Mädchen stand in seinem Zimmer. Es erschien ihm zuerst sehr kindlich. Dann aber sah er ihm ins Gesicht und erkannte, daß es älter war, ja gerade so alt, wie er unwillkürlich nachrechnete. Es war ein hübsches Ding -- das freute ihn irgendwie. Im nächsten Augenblick ärgerte er sich über seine Freude.

»Nehmen Sie bitte Platz. Womit kann ich Ihnen dienen, Fräulein?«

Bertas Gedankenflucht stockte. Sie mußte jetzt ihr pochendes Herz bezwingen. -- »Herr Justizrat,« stammelte sie, indem sie ihn mit kindlicher Andacht ansah -- »ich heiße nämlich Prutz ...«

»Das weiß ich. Davon habe ich schon Kenntnis genommen.«

»Ja und eben -- ich wohne nämlich bei Frau Grunow -- der ihr Pflegekind bin ich ...«

Viktor Schwarz trommelte nervös: »Aha -- so, so ... Und was hat dieser Umstand -- verzeihen Sie, liebes Kind -- mit Ihrer Angelegenheit zu schaffen?«

»Oh, viel -- denn sehen Sie, Herr Justizrat, Frau Grunow ist nämlich die Schwester von Herrn Tübbeke ...«

Der Justizrat zuckte: »Von meinem Bureauvorsteher?«

»Ja, freilich -- deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.«

»Hm ... So ... Sie sind also die Pflegetochter? Er erwähnte es mir einmal. Es freut mich jedenfalls, daß Sie sich an mich wenden. Freilich -- Sie sind doch wohl noch minderjährig?«

»Ich bin sechzehn Jahre.«

»Sechzehn ... hm. Nun, das macht ja nichts. Mit dem Vormund kann ich mich ja später in Verbindung setzen. Wer ist Ihr Vormund?«

»Fräulein Ottilie Sanftleben in Strelenwalde, Herr Justizrat.«

Berta glaubte, daß dem nervösen Herrn diese Vormundschaft nicht recht war. Warum zuckte er so? Sie fügte schnell hinzu: »Ich kenne sie übrigens kaum.«

Viktor Schwarz schneuzte sich: »Das macht ja nichts ... Das macht garnichts ... Hm. Darf ich jetzt fragen, wie Ihre Frau Mutter heißt? Denn es handelt sich doch wohl um Ihre Frau Mutter?«

»Eigentlich auch um meinen Vater, Herr Justizrat. Aber den kenn' ich nicht. Ich weiß nicht mal, wie er heißt, und wo er wohnt. Meine Mutter kann ich jetzt leider auch nicht besuchen. Aber ich kenne sie, und sie heißt jetzt Frau von Rotkraut, Frau Major von Rotkraut. Sie wohnt auch in Strelenwalde.«

Berta hatte das letzte mit einem gewissen Stolz auseinandergesetzt. Es tat ihr doch wohl, daß sie keine so Hergelaufene war.

Viktor Schwarz rieb seine kalten Füße an dem Bärenfell, das unter dem Schreibtisch lag. Er wollte jetzt endgültig sichergehen: »War der Mädchenname ihrer Mutter Prutz? Stammt Ihre Mutter vielleicht aus Strelenwalde?«

»Jawohl, Herr Justizrat. Sie kennen sie doch? Sie sind doch ihr Rechtsbeistand? Oder nennt man's nicht so?«

»Doch -- freilich, liebes Kind -- so nennt man's ... Hm ... Ja -- nun hab' ich doch mal die Tochter vor mir! ... Freut mich sehr! Freut mich wirklich!«

Er versuchte einen launig gutherzigen Ton anzuschlagen. Ganz gelang es ihm nicht. Berta hatte scharfe Ohren. Sie spürte verwundert seine Erregung. Dann geschah etwas Sonderbares: Viktor Schwarz hatte den Kneifer abgenommen und setzte ihn wieder auf. Sofort zogen sich seine schwarzen, kurzsichtigen Augen hinter den scharfen Gläsern zusammen. Das erinnerte Berta an eine eigene Eigenschaft, die ihr zum Mißgeschick zu werden drohte. Sie wurde rot und senkte den Blick. Diese Regung verstand er nicht. Er fühlte sich sicherer mit seinem Kneifer und sagte im bewährten Brustton: »Nun haben Sie mal volles Vertrauen zu mir, liebes Kind. Nun sagen Sie mir rückhaltlos, um was es sich handelt.«

Berta zwang sich, ihm wieder in die Augen zu sehen: »Ach, Herr Justizrat -- es wird Ihnen wohl ein bißchen komisch vorkommen --«

»Komisch? Aber durchaus nicht!«

»Es ist nämlich -- ich habe nämlich keinen Menschen auf der Welt.«

Sie ärgerte sich, weil ihre Stimme brach -- sie wollte nicht weinen. Mit einer energischen Bewegung, die ihn merkwürdig an Liese erinnerte, fuhr sie fort: »Frau Grunow ist ja sehr nett und gut zu mir -- und Onkel Tübbeke auch --«

Bei diesem Namen dachte Viktor Schwarz: ›Der alte Schuft! Der hat mir das Balg verheimlicht! Den Schleicher werde ich mir mal kaufen!‹ Aber er nickte Berta aufmunternd zu.

»Es ist nur -- die Leute verstehen einen eben nicht. Das sind eben keine gebildeten Leute. Ich gehe auf die Handelsschule, ich lerne Französisch und Englisch, ich will Buchhalterin und Korrespondentin werden.«

»Brav, brav«, sagte Viktor Schwarz.

»Nur immer bloß arbeiten -- daraus besteht ja das Leben nicht, Herr Justizrat. Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke. Man möchte auch sozusagen was fürs Herz. Ich meine -- Gott, nun lachen Sie mich gewiß gleich aus. Um Jungens kümmere ich mich natürlich nicht. Das tun die andern. Aber mit Mutter ist es so traurig -- erst war sie so nett zu mir -- aber dann, wie sie den Herrn Major geheiratet hat, da ist sie ganz kalt gegen mich geworden. Ich kriege sie nie mehr zu sehen. Tante Grunow sagt, ich darf nie zu ihr nach Strelenwalde kommen.«

»Hm ... So ... Weshalb denn? Das versteh' ich eigentlich nicht. Ich kann ja mal mit Ihrer Frau Mutter darüber reden.«

»Ach, ja, Herr Justizrat! Ach, bitte! Denn sehn Sie -- ich kann doch eigentlich nichts dafür, nicht wahr? Ich bin doch nicht schuld, daß ich auf der Welt bin? Das sind doch ganz andre Leute! Und Schande mach' ich meiner Mutter wahrhaftig nicht. Ich hab's immer so schwer gehabt, Herr Justizrat -- ich weiß, was arbeiten heißt und sein Brot verdienen! Und bitter bin ich auch nicht geworden -- im Gegenteil.«

Viktor Schwarz versenkte sich jetzt so in ihren Anblick, daß Berta unwillkürlich zurückwich. Dann aber faßte sie es als wachsendes Interesse auf und sprach in erwachender Beredsamkeit weiter: »Ich dräng' mich auch nicht auf! Nein, wirklich -- das ist gar nicht meine Art! Ich will bloß, was mir zukommt! Aber darauf hat doch, glaub' ich, jeder Mensch ein Recht -- nicht wahr, Herr Justizrat? Es dauert gar nicht mehr lange, dann steh' ich auf eigenen Füßen und brauche nach keinem Menschen mehr zu fragen! Jedenfalls, wenn meine Mutter sich wegen mir geniert -- schön -- das muß sie wissen. Aber man hat ja nicht bloß eine Mutter auf der Welt, sondern auch einen Vater, Gott sei Dank, und deshalb bin ich eben zu Ihnen gekommen, Herr Justizrat!«

Der freundliche Justizrat lehnte sich jetzt in seinem Sessel zurück. Er verfärbte sich, es schien ihm plötzlich nicht ganz wohl zu sein. Doch als er Bertas betroffenen Blick sah, winkte er lächelnd ab: »Fahren Sie nur fort, liebes Kind. Es interessiert mich alles sehr, was Sie mir sagen.«

»Na, das freut mich aber! Gott, Sie sind ja auch der einzigste auf der Welt, mit dem ich darüber reden kann!«

»Und -- warum, liebes Fräulein?«

»Na, weil Sie doch der Rechtsbeistand von meiner Mutter sind! Ich will Ihnen nämlich sagen: Sie stecken alle gegen mich zusammen! Ich bin noch nicht dahintergekommen, wie es zusammenhängt, aber aus keiner Menschenseele krieg' ich 'raus, wer mein Vater ist! Wie 'ne Blinde tapp' ich 'rum! Dabei glaub' ich ganz bestimmt, daß meine Leute zu Hause es wissen! Sie sagen zwar das Gegenteil, aber Gott weiß, wie die geschmiert worden sind!«

Viktor Schwarz schneuzte sich. Das Taschentuch verbarg jetzt seine Züge -- so sagte er gleichsam hinter einem Vorhang: »Und was versprechen Sie sich eigentlich davon, wenn Sie den Aufenthalt Ihres Vaters wüßten? Wäre es Ihre Absicht, sich mit ihm in Verbindung zu setzen?«

Berta wartete erst ab, bis er wieder zum Vorschein kam -- dann rief sie: »Aber selbstverständlich! Was Besseres kann ich doch nicht haben auf der Welt!«

»Kind, Kind -- da kann ich Ihnen wirklich nicht recht geben. Ihr Herr Vater ist doch, wie ich aus Ihren Mitteilungen entnehme, ein vollkommen fremder Mann für Sie, der nur seinen gesetzlichen Verpflichtungen nachkommt -- oder ist das etwa auch nicht der Fall?«

»Doch, doch, Herr Justizrat. Er hat immer für mich bezahlt. Aber nun tut er das auch nicht mehr, weil ich doch jetzt sechzehn Jahre bin, und weil nun jede Verbindung mit ihm aus ist, darum will ich um jeden Preis versuchen --«

»Aha, jetzt kann ich mich schon in Ihren Gedankengang hineinversetzen. Ich persönlich würde Ihnen ja entschieden abraten, die Bekanntschaft Ihres Erzeugers zu suchen. Aber der instinktive Vorgang in Ihnen ist mir natürlich klar, und --«

Berta unterbrach den würdigen Herrn zum erstenmal. Sie fühlte, daß es sich nicht schickte, aber jetzt ging das Temperament mit ihr durch: »Warum raten Sie mir ab? Warum, Herr Justizrat?«

»Weil ich Ihnen ziemlich sicher eine schwere Enttäuschung prophezeien kann. Ihr Vater mag sein, wie er will -- eine Jugendtorheit wird man ihm jetzt nicht mehr als Verbrechen anrechnen dürfen -- aber die Stimme der Natur ist nicht in ihm, das steht doch fest -- er fühlt sich nicht als Ihr Vater, und deshalb wird er es niemals sein können!«

Der Justizrat sprach mit solchem Nachdruck, daß seine Worte zuerst niederschmetternd auf Berta wirkten. Dann aber regte sich ein trotziges Gefühl in ihr: Erst wollte sie doch wissen, mit welchem Recht er so sprach. Erst wollte sie klar sehen, was er von ihrem Vater wußte.

»Herr Justizrat -- Pardon -- ich meine doch -- es könnte doch auch ganz anders kommen! ... Das denken sich vielleicht Herr Justizrat bloß so --«

»Oho, liebes Kind! Ich pflege überhaupt nur zu sagen, was ich mir denke! Wenn Sie etwas anderes von mir erwartet haben, wären Sie besser nicht zu mir gekommen!«

Bertas Augen füllten sich mit Tränen: »Ach Gott -- ich bin ja so dumm -- ach, werden Sie man bloß nicht böse, Herr Justizrat! Ich bin ja so unglücklich!«

Jetzt weinte sie doch. Er fühlte sein Übergewicht und sagte tröstend: »Beruhigen Sie sich, liebes Fräulein. Tränen führen hier zu garnichts. Von Bösewerden ist bei mir keine Rede. Wenn ich kein Interesse für Sie hätte, würde ich Sie nicht anhören. Darum zur Sache: Was hoffen Sie von mir in Ihrer Angelegenheit? Welchen Dienst soll ich Ihnen eigentlich erweisen?«

Sie sah ihn ringend an: »Ach, Herr Justizrat -- ich denke mir: Als Rechtsbeistand von meiner Mutter wissen Sie doch, wer mein Vater ist? Sie kennen ihn doch ganz bestimmt?«

Sie war nahe an ihn herangerückt. Jetzt stand Viktor Schwarz plötzlich auf und ging ohne ernstlichen Grund zum Fenster. -- »Nein, ich kenne ihn nicht«, sagte er dort. Seine Stimme klang in diesem Augenblick so eigentümlich, daß Berta etwas Gespenstisches zu hören glaubte. Aber sie sah ihn ja vor sich, wie sonst.

»Ist das möglich?« flüsterte sie mit flackerndem Blick. »Hat denn meine Mutter nie über Vater mit Ihnen gesprochen?«

Er stand dem Fenster zugewendet: »Das wohl. Aber persönlich hatte ich natürlich gar kein Interesse. Ich hatte nur als Jurist zu tun. Und als solcher habe ich mein Amtsgeheimnis zu wahren. Das möchte ich Ihnen zunächst doch sagen, liebes Kind. Ich ~darf~ über Angelegenheiten meiner Klienten keine Auskunft erteilen.«

»Auch -- mir gegenüber?«

»Auch Ihnen gegenüber!«

Berta senkte den Kopf: »Das hab' ich nicht gewußt.« -- Nach einer Weile fragte sie: »Aber er lebt doch?«

»Vermutlich.«

»Und wo? Und wie er heißt?« -- Noch einmal entbrannte ihre flehende Sehnsucht.

Viktor Schwarz zuckte die Achseln -- dann wandte er sich zu ihr: »Ich kann Ihnen wirklich nichts darüber sagen. So leid es mir tut. Aber einen Fingerzeig will ich Ihnen geben: Ich glaube nicht, daß Ihr Herr Vater für Sie erreichbar ist. Ich vermute ihn irgendwo im Auslande. Er steckt in Interessen, die mit Ihnen nicht das mindeste zu tun haben, Hand aufs Herz: viel mehr könnte ich Ihnen auch nicht sagen, wenn ich dürfte. Genügt Ihnen das?«

Berta erhob sich langsam. Sie nickte stumm, machte einen ungeschickten Knicks und ging zur Tür. »Vielen Dank, Herr Justizrat«, flüsterte sie dort noch -- dann war sie schon auf der Treppe. Klare Überlegung kam ihr nicht. Die Enttäuschung war zu überwältigend. Nur zwei sonderbare Empfindungen wurden ihr allmählich bewußt: Sie konnte nicht verstehen, warum der Justizrat so plötzlich zum Fenster gegangen war, und dann das zweite war noch seltsamer: sie sah immer einen Aal vor ich, den Tante Grunow einmal in ihrer Gegenwart auf dem Markt gekauft hatte. Das Tier war bezahlt, aber soviel man sich auch mühte: immer wieder entglitt es den Händen seines Käufers.

FÜNFZEHNTES KAPITEL

Viktor Schwarz trat in das Vorzimmer, als sein Sprößling verschwunden war. »Wann kommt Herr Tübbeke zurück?« fragte er streng.

Schreiber Rudorff spitzte die Ohren. Es klang, als ob auch der Bureauvorsteher etwas ausgefressen hätte: »Seine Schwester hat telephoniert, höchstens drei Tage, Herr Justizrat, dann ist er wieder da.«

Der Gestrenge nickte und zog sich zurück. Sein Verhalten dem alten, abhängigen Manne gegenüber war ihm schon klar. Nun aber galt es die Hauptsache. Viktor Schwarz gab sich keiner Selbsttäuschung hin. Der unverhoffte Zwischenfall hatte, wie man ihn auch ansah, Bedeutung. Er konnte unter Umständen eine ernsthafte Störung seiner Laufbahn bringen. Bei dem ersten Einfall, den ›Rechtsbeistand der Mutter‹ zu besuchen, blieb es natürlich nicht. Berta Prutz zeigte ein seltsames Gemisch von Naivität und Beharrlichkeit. Auch fürchtete der Mann, der nichts unbewußt tat, die Macht des Instinktes. Er hatte sich nicht verraten, aber die Kleine konnte von dem Zusammenhang des Blutes gepackt werden.

Vor allen Dingen mußte er an die nächste Zukunft denken. Der ›Allgemeine Bund zur ethischen Fortbildung‹ war ihm gelungen. Was nach einigen Jahren daraus wurde, konnte ihm gleichgültig sein -- da war er gewiß schon von einer neuen Mode abgelöst. Jetzt aber sollte ihm der Bund zu einem Reichstagsmandat verhelfen. Erste Bedingung blieb: moralische Unantastbarkeit. Der Schein mußte unbedingt gewahrt bleiben. Eine aufdringliche, kleine Proletarierin aber zerriß diesen Schein. Dazu hatte er wirklich nicht auf Heller und Pfennig die Alimente bezahlt. Ja, wenn es ein ganz besonderes Kind gewesen wäre! Mit hervorstechenden Talenten! Man hätte sich mit ihr zeigen, unter Umständen an die Vorurteilslosigkeit der Berliner appellieren können. Talent war ein Freibrief. Aber hier lauerte nur der triviale Durchschnitt. Das Mädchen war ganz hübsch, wenn auch körperlich zurückgeblieben, doch seine notwendige Entwicklung hielt es unrettbar im Gewöhnlichen.

Nein, er wurde jetzt schon ruhiger. Ins Bockshorn jagte man ihn nicht. »Nie!« flüsterte er, während er vor den Spiegel trat und seine Vatermiene betrachtete. »Nie!« wiederholte er dumpf noch einmal.

»Was denn?« fragte eine frische, etwas spöttische Stimme hinter ihm. Er drehte sich schnell um und sah die Frau, die er seine einzige Freundin nannte. Gusti Bernhardi war ihm unentbehrlich -- ihr heller Verstand, ihr sicherer Geschmack konnten ihm immer raten und helfen. Mit wienerischer Leichtigkeit beflügelte sie sein preußisches Strebertum -- sie glaubten sich gegenseitig nicht viel.

Viktor Schwarz wurde von einer Erkenntnis befallen: Dieser Frau mußte er alles sagen. Sie hatte ihm schon oft bewiesen, daß sie das Leben fester anzupacken wußte als er. Sein Vorteil war außerdem der ihre -- deshalb war sie verschwiegen.

Sie hörte ihn an. Was wirklich in ihr vorging, konnte er nicht erkennen. Eine stille, ironische Heiterkeit war in ihr, eine Schadenfreude fast -- sie gönnte ihm den Überfall. Dann zog sie ihn zu sich auf das Sofa und sagte: »Ja, lieber Schatz, mir scheint, die einzige Schuld bei der Sache hat die Frau Major. Sie ist diskret, ja, ja -- du brauchst nicht zu fürchten, daß das Mädel von ihr die Wahrheit hört -- aber mit den Nerven eines Menschen kann man nie rechnen. Ich mein' jetzt die Kleine. Wie du sie mir geschildert hast -- sie kann einem schon leid tun. Es ist ein schrecklicher Unsinn, daß sie so ganz vereinsamt. Wenn das so weitergeht, wird sie noch närrisch, und dann wirst du sie überhaupt nimmer los. Nein, nein, die Mutter hätt' sich ihrer annehmen müssen. Du bleibst selbstverständlich aus dem Spiel, aber das geht nur, wenn das Kind wenigstens eine Mutter hat. Frau von Rotkraut kann doch froh sein, daß es so noch mit ihr gekommen ist. Ihren alten Krüppel kriegt sie schon herum. Wenn das Mädel erst eine Mutter findet, wird ihr der Vater egal. Und dann bist du sie auch los.«

Viktor Schwarz nickte nachdrücklich: »Gusti, ich danke Gott, daß ich dich habe. Nein, lache nicht -- alles, was du mir gesagt hast, unterschreibe ich. Das arme Kind kann einem wirklich leid tun. Ich werde an Frau von Rotkraut schreiben und ihr mal energisch den Standpunkt klarmachen.« -- Er stand auf und küßte Gustis Mund, der immer ein wenig rot gefärbt war. »Du kannst doch alles«, sagte er bewegt.

»Hüte garnieren! Du kannst mehr!« --

Als Herr Tübbeke wieder zum Dienst erschien, wurde er alsbald zum Herrn Justizrat gerufen. Der Bürovorsteher sah einen schweren Tag vor sich, denn Schreiber Rudorff hatte ihm schon Bertas Streich mitgeteilt. Zorn und Mitleid stritten in Onkel Tübbeke. Er sagte sich zwar, daß Berta keinesfalls den Vater erkannt haben konnte -- das hätte man ihr schon angemerkt. Aber der Justizrat konnte ihn unter Umständen für einen Intriganten halten, und das war er wirklich nicht.

»Warum haben Sie mir nicht gesagt, wer das Pflegekind Ihrer Schwester ist?« fragte Viktor Schwarz mit undurchsichtiger Miene.

Der Alte war ganz betroffen. Er wußte nicht, wie die Frage gemeint war. Bezog der Justizrat sie auf sich oder nur auf Liese Prutz? Er mußte sehr vorsichtig sein: »Ach Gott, Herr Justizrat -- darüber hab' ich eigentlich noch garnicht nachgedacht ...«

»Das hätten Sie aber sollen. Das Mädchen gehört zu den Akten Prutz, die Sie zu verwalten haben. Ich brauche Ihnen doch nicht mehr zu sagen, was die Pflicht eines Beamten ist. Na -- ich will mich nicht weiter dabei aufhalten. Gewesenes ist gewesen -- wir wollen der Zukunft ins Auge sehen. Und da lassen Sie sich ein für allemal gesagt sein, Tübbeke: Nur für den Fall, daß ich Ihrer sicher bin, kommt die in Aussicht gestellte Pension in Frage. Ich sage Ihnen das klar und kalt. Für Ihre Schwester et cetera sind Sie mir verantwortlich. Sie haben mich hoffentlich verstanden? Und nun an die Arbeit. Übrigens, wenn Sie etwas Kräftigung brauchen -- kaufen Sie sich eine Flasche Portwein. Da, mein Lieber« -- --

Berta trug es stumm in sich herum, das Fragen und Forschen, die Gespenster, die sie seit der Stunde bei Justizrat Schwarz verfolgten. Noch war er der Rechtsbeistand ihrer Mutter für sie -- aber er mußte auch noch etwas anderes sein. Klar wurde ihr nichts, Gefühle verdichteten sich kaum zu Ahnungen -- sie fühlte nur das eine: es durfte nicht ihr einziger Besuch bei Justizrat Schwarz bleiben. Trotz Onkel Tübbeke -- sie mußte es noch einmal wagen.

Als sie eben überlegte, wie sie es durchführen könnte, wurde sie von Tante Grunow in die Küche gerufen. Tübbeke hatte seiner Schwester alles gesagt, aber die Worte des Justizrats wirkten in ihm nach -- mit drohender Zähigkeit gab er der alten Frau seine Weisungen. Berta war jetzt eine unheimliche Macht -- man mußte streng und konsequent sein, aber man durfte sie nicht reizen.

Unter dem Eindruck dieser Vorschriften sprach Frau Grunow mit ihrem Pflegekinde: »Ich muß dir mal was sagen, Berta -- was sehr Ernstes --«

»Es wird schon Frühling, Tante.«

Bertas dunkle Augen hatten etwas wirr Verschwimmendes.

»Ja, ja -- davon reden wir jetzt nicht. Sei mal vernünftig. Von Vorwürfemachen ist keine Rede -- ich will bloß, daß wir beide einig sind. Also laß dir gesagt sein -- Onkel und ich -- wir wissen alles.«

»Ich möchte mir einen kleinen Hund kaufen -- dann hat man doch wenigstens was. Bei Lütkes nebenan sind junge Teckel.«

»Hast du'n Vogel, sage mal? Verstehst du kein Deutsch mehr? Onkel und ich, wir wissen, daß du bei Herrn Justizrat warst! -- Aber, wie gesagt, wir wollen ganz vernünftig drüber reden --«

Berta ging hastig durch die Stube: »Ich konnte nicht anders, Tante! Ich hab's nicht mehr ausgehalten!«

»Ja, ja -- das verstehen wir ja -- man immer ruhig Blut! 'n Kind wie du -- das kommt eben auf so'ne Ideen. Du tust uns ja leid -- Du meinst immer, daß du uns nicht leid tust --«

Berta starrte die Tante an. Was war das für ein neuer Ton? Aber sie traute ihm nicht: »Ich weiß bloß, daß ich aus lauter Angst zu ihm hingelaufen bin. Ihr sagt mir ja doch nichts. Ja, wenn ~ihr~ mir mal was sagen tätet ...«

»Was denn? Erlaube mal -- was sollen wir dir eigentlich sagen?«

»Na, wer mein Vater ist! Das wißt ihr doch!«

Sie hatte es herausgeschrien. Eine schwere Pause kam, dann war Tante Grunow gefaßt: »Du hast Ideen im Kopp -- es ist unglaublich. Also an so was denkst du? Nee, mein Kind. -- Dein Vater geht uns garnichts an. Von dem haben wir keine blasse Ahnung. Für den interessieren wir uns nicht im Mindesten.«

»Sei nicht böse, Tante, aber das halt' ich doch für ganz unmöglich!«

Frau Grunow wandte sich ab -- nun stieg doch eine fatale Röte in ihr fahles Gesicht. Nein, lügen war vor diesen Augen schwer. Sie biß lieber ihre Autorität heraus: »Wenn Du glaubst, daß deine alte Tante dir was vormacht -- das ist deine Sache. Eines aber laß dir jetzt gesagt sein: du hast auch Rücksichten zu nehmen! Ich kenn' dich durch und durch, Berta -- daß du Fehler hast, weiß ich -- aber daß du ein anständiges Mädchen bist, daran darfst du mich nicht irremachen!«

Ihre Stimme zitterte. Jetzt hatte sie den richtigen Ton getroffen. Angstvoll sah Berta sie an. Es war ihr ein fürchterlicher Gedanke, daß man sie für unanständig halten könnte. Hier lag ja der Halt ihres Lebens -- sie wollte im Recht bleiben und Unrecht dulden.

»Was meinst du, Tante?« stammelte sie.

»Ich meine -- daß du mal hinter unserm Rücken zu dem Herrn Justizrat gelaufen bist, das lassen wir dir hingehn -- aber das zweitemal wär' unanständig! Onkel hängt von dem Mann ab, Onkel kann seine Stellung verlieren, wenn der Mann sich weiter über dich ärgert! So ist es doch nun mal im Leben! Unsereiner muß kuschen! Der Mann ist der Rechtsanwalt von deiner Mutter, und gerade darum darfst ~du~ ihm nicht auf der Pelle sitzen! Verstehst du denn das noch immer nicht?«

Berta nickte. In Wahrheit hatte sie es nicht verstanden. --

Immerhin -- die Hoffnung auf Viktor Schwarz war erloschen. Sie durfte nicht das Letzte verlieren, nicht von Onkel und Tante verachtet werden. Vielleicht war es doch sehr frech von ihr gewesen, ohne Erlaubnis zu handeln. Außerdem -- was hatte sie von dem Herrn Justizrat erfahren? So gut wie nichts. Wenn sie an sein glattes Lächeln zurückdachte, schwand auch ihre Hoffnung, jemals etwas von ihm erfahren zu können.

Sie ballte die Fäuste und bezwang sich. Aber der Frühling draußen lauerte. Er kam und wuchs. Mit heißem Kopf saß Berta in der Handelsschule. An den Vater dachte sie nicht mehr; aber indem sich ihr kindlicher Schoß zusammenkrampfte, und die brennenden Füße an der Diele pochten, sah sie noch einmal ins Licht des Mutternamens. Sie schrieb Zahlen in ein Kontobuch, sie achtete wie sonst auf den schönen Schwung ihrer Schrift; aber was sie sah, war eine Frau Baronin, ihre hohe, blonde schöne Mutter in der herrschaftlichen Küche. Es war unmöglich -- sie konnte sich nicht von ihr trennen lassen. Die Zusammenhänge mußten tiefer sein. Vielleicht betrog man sie doch.

So beschloß sie es plötzlich: noch einmal handelte sie gegen den Willen derer, von denen sie abhing. Es half nichts -- der Drang in ihrem Herzen brachte sie sonst um.

Da kam ihr ein gemeinsamer Ausflug der Handelsschülerinnen nach Potsdam wie gerufen. Scheinbar nahm Berta daran teil -- man gab ihr zu Hause jetzt gern die Erlaubnis. In Wahrheit aber nützte sie den Tag, um nach Strelenwalde zu fahren. -- --

Liese hatte stille Jahre in der alten Heimat hinter sich. Still für den betrachtenden Blick -- von dem, was sie einsam durchgekämpft, wußte sie nur. Mit ihrer Jugend fertig zu werden, war ihr schwerer geworden als mit dem Philistergeist der Umgebung. Sie hatte erkennen müssen, daß ihr Leben an einem Absterbenden gebunden war. Hermann Rotkraut erlag in Strelenwalde den allzu starken Anforderungen des Glücks. Ein Schlaganfall lähmte den ohnehin Verstümmelten -- er blieb an sein Zimmer gefesselt. Hier hatte Liese einst als Mädchen gewohnt. Nun ging sie als stille Pflegerin darin umher. Sie konnte Schmerzen lindern, Langeweile scheuchen -- ihre Sinne mußten verzichten. Sie war aber noch immer eine junge, vollblütige Frau. Im Grunde hatte sie sich niemals ausgelebt. Erst Viktor Schwarz, der trügerische Rausch -- dann August Bassenried, der welke Lebemann -- nun Hermann Rotkraut.

Äußerlich blieb sie auf der Höhe. Sie war eine vorbildliche Geschäftsfrau geworden. Ihr schweres Schicksal aber schützte sie davor, daß böser Wille Steine nach ihr warf. Man hatte unter die Vergangenheit ein Strich gemacht, man denunzierte sie nicht, man ließ ihren alten Invaliden in Ruhe. Wenn die Damen über gewisse Dinge flüsterten, sagte auch immer eine: Hut ab, hier ist ein tapferer Mensch! Liese verstand es, sich keine Feinde zu machen. Sogar den alten Konkurrenten ›Mohrenkopp‹ versöhnte sie, indem sie ihm Aufträge zuschob. Die häßliche Adele Schörg aber, die doch keine Stelle fand, nahm sie wieder als Bedienung auf. Adele mußte sich ganz nach ihr richten und blieb demütig, da sie ein trauriges Sklaventum bei ihrem Vater fürchtete.

Wunderlich genug sah es freilich in der alten Prutzschen Konditorei aus. Unvorbereitete Gäste konnten erschrecken, denn wenn sie sich niedergelassen, kam von der einen Seite ein hinkendes Fräulein auf sie zu und von der anderen ein baumlanger Neger, dessen schwarzer Kopf effektvoll von dem weißen Anzug abstach. Doch was die beiden brachten, war immer gut und besser noch als früher. Man gewöhnte sich an alles, weil man so gut aufgehoben war.

Allmählich gewann auch das Groteske einen Reiz. Kein Fremder versäumte es, die merkwürdige Konditorei zu besuchen.

Seltsamerweise liebte Simba Adele, nicht sie ihn. Sie vertrugen sich aber ganz gut. Ihrer Herrschaft zu Gefallen mieden sie jeden Zusammenstoß. Simba, der Götzenanbeter, erfuhr von der frommen Adele, wie hoch die christliche Moral stand; sie aber gewann den Einblick in seine wilde, kindliche Art. Daß der erste Mann, der sie nicht häßlich fand, ein Neger war, empfand sie bitter, aber er rührte sie auch zuweilen, und sie ließ sich seinen treuen Dienst gefallen. Wahrscheinlich erinnerte sie ihn an irgendeine sonderbare Gottheit seiner Heimat. Seine Schönheitsbegriffe waren nun einmal anders als die der guten Europäer von Strelenwalde. --

Liese verließ kaum noch ihr Haus. Entweder war sie bei dem Kranken, oder sie schaffte in der Konditorei. Nur zu Tante Sanftleben, die nun schon recht klapprig geworden, kam sie zuweilen, und unterwegs trat sie bei Herrn Breitkopf ein. Der war nun ihr Verehrer. Er fühlte sich Liese doppelt verpflichtet; denn der echte Neger, den sie nach Strelenwalde gebracht hatte, hatte ihm endlich den fatalen Spitznamen »Mohrenkopp« abgenommen. --

Plötzlich aber wurde diese doch noch einmal aus ihrem herben Frieden gerissen. Ein Brief kam aus Berlin, der erste nach versunkener Zeit. Viktor Schwarz hatte ihr noch einmal geschrieben:

›Liebe, verehrte Frau Major!

Gestatten Sie mir, Ihnen in alter Freundschaft einen dringenden Rat zu erteilen: Handeln Sie besser und -- klüger an der kleinen Berta. Sie könnte sonst eine ernste Gefahr für Sie werden und nicht nur für Sie. Sie werden mich sogleich verstehen. Ich kam vor kurzem in folgende Situation: Ein junges Mädchen wurde mir gemeldet, das Ihren Namen trug und in einer geradezu bemitleidenswerten Verfassung Bekenntnisse hervorstammelte. Die Mutter, für die das Mädchen trotz aller Entbehrungen eine treue Zuneigung bewahrt, zeige ihr seit den letzten Jahren eine abweisende, ja feindselige Haltung. Da auch sein Wunsch, den Vater zu kennen, für immer unerfüllt bleibe, klammere es sich doppelt an die Mutter. Ich, von dem es in Erfahrung gebracht, daß ich als Ihr Rechtsbeistand fungiere, solle ihm raten und helfen! Es war eine ganz sonderbare und außerordentlich peinliche Situation, das können Sie sich vorstellen; aber ich zog aus ihr die Lehre: Erstens ist es mir willkommen, daß ich wirklich wieder einmal als Ihr Rechtsbeistand zu Ihnen sprechen kann, und zweitens muß ich Ihnen aufs dringlichste raten, handeln Sie anders an Ihrem Kinde, Sie handeln ~ganz falsch~ an ihm. Völlig ausgestoßen -- seelisch meine ich -- das ist unmöglich. Das hat das Kind auch nicht um Sie verdient. Was aber das wichtigere und entscheidende ist: Sie dürfen keinesfalls sich selbst ~und denen, die mit Ihrem gegebenen Wort~ rechnen, einen gefährlichen Gläubiger züchten. Berta hat ein fanatisches Gemüt, das unter Umständen verzweifelt um das Recht der Geburt kämpfen wird. Ich jedenfalls, das erkläre ich Ihnen heute schon, ich bin keinesfalls gewillt, mir von ihr meine Kreise stören zu lassen. Der Blitz muß einen Ableiter haben, es ist die höchste Zeit, und der Ableiter sind Sie, der ist selbstverständlich die Mutter. Ich kann mir wohl vorstellen, was Sie zu Ihrer schroffen Stellungnahme veranlaßt: Sie fürchten einen Willen, der den letzten Hafen für Sie bedeutet. Er ist sicherlich stark, aber nicht stärker als Ihre Mutterpflicht. Auf eine Heimlichkeit mehr oder weniger braucht es Ihnen ja nicht mehr ankommen. Das ist eben die eigentliche Erfahrung, die das Leben mit sich bringt. Also, ich glaube mich verständlich gemacht zu haben. Beruhigen Sie und stützen Sie das Kind, und vor allem versperren Sie ihm für immer den Weg zu mir, denn sonst -- Sie wissen, daß ich meinen Weg zu Ende gehe!

In alter Hochschätzung Viktor Schwarz.‹

Liese stand ganz verdonnert vor diesem Brief. Die erschreckende Tatsache ließ sie die verkappte Unverschämtheit übersehen. Ihr erster Zorn richtete sich gegen Frau Grunow. Bald aber mußte sie sich sagen: ›Es war ja ganz unmöglich -- dort hatte niemand Berta zu dem Justizrat geschickt.‹ Das Kind mußte von selbst auf die tolle Idee gekommen sein. Ahnungslos hatte es den eigenen Vater nach der Mutter gefragt. Vielleicht auch -- das stand nicht in dem Brief, aber es war immerhin möglich -- hatte es sogar vom Vater seinen Vater erfahren wollen! Viktors Verlegenheit ließ Liese kalt, aber eine jagende Besorgnis konnte sie nicht unterdrücken: wenn Berta wirklich so geworden, wie er sie schilderte, ließ sie auch nicht ab. Schwarz konnte brutal werden. Dann rächte er sich. Dann ging er selbstverständlich ›seinen Weg zu Ende‹. Für Liese aber hieß das noch einmal scheitern, noch einmal vielleicht auf der Straße stehen. Wer dem alten Invaliden die Ehre anrührte, nahm ihm die Besinnung. Er glaubte Lieses Lebensweg zu kennen, ein uneheliches Kind kam nicht über seine Schwelle. Schande ertrug er nicht.

Man war ja wieder in Strelenwalde.

Ratlos ging Liese umher. Tante Sanftleben konnte und mochte sie nicht befragen. So schrieb sie zunächst einen gefaßten und beruhigenden Brief an Viktor Schwarz. Sie versprach ihm, was sie selbst nicht auszuführen wußte. Dann, als sie den Brief zur Post getragen, fühlte sie sich sehr erschöpft. Sie kam in den Laden zurück und sagte zu Adele: »Jetzt schlaf' ich 'ne Stunde. Bitte nicht wecken.«

Adele nickte und setzte sich mit einem Roman hinter den Ladentisch. Wie immer, ließ sie sich von Simba betrachten. Der lange Neger stand in der Tür der Backstube. Es schimmerte in seinen melancholischen Tieraugen. -- »Jetzt ist Mondfest bei uns in Afrika«, sagte er plötzlich. »Da tanzen die Mädchen, und die Männer fangen sie und freuen sich mit ihnen.«

Adele zitterte unter dem Klang seiner Worte: »Das muß ja ein ganz merkwürdiges Fest sein.«

»So komm mit mir -- wir fahren nach Afrika!«

Adele wandte sich heftig ab und starrte in das Buch. Eigentlich war sie schon nahe daran, sich in Simbas schwarze Arme zu werfen. Elendes Leben. Wenn er ahnte ...

Da öffnete sich die Ladentür -- ein Gast erschien. Adele sah ein junges, kindlich wirkendes Mädchen kommen. Sie näherte sich ihm: »Guten Tag. Was darf ich Ihnen bringen, Fräulein?«

Bertas Blick irrte zu dem großen Mohren hinüber. Sie war auf ihn vorbereitet, aber der wilde Ausdruck, den Simba jetzt hatte, erschreckte sie. Von Adele wurde sie nicht befremdet -- zu Gebrechlichen fühlte sie sich immer hingezogen. Die Sympathie schien gegenseitig zu sein, denn Adele nahm ihr mit zärtlicher Sorgfalt Schirm und Mantel ab.

Mit Mühe verbarg Berta ihre Erregung. Nun war sie der Mutter so nahe. Im nächsten Augenblick konnte die Ersehnte eintreten. Berta trank Kaffee und aß Kuchen. All' das diente ihr nur, die Zeit zu verbringen. Es war ja unglaublich -- sie hatte es wirklich gewagt -- sie saß jetzt mitten in Strelenwalde, in der Prutzschen Konditorei, und bei Grunows glaubte man sie mit der Handelsschule in Potsdam. Aber ewig Kaffee trinken und Kuchen essen konnte sie auch nicht. Es hieß jetzt zahlen oder einen Vorstoß wagen. Simba war in die Backstube gegangen -- das fremde Mädchen störte ihn. Berta sah sich mit Adele allein -- sie wandte sich, im Augenblick unbeherrscht, zu ihr: »Ach, Fräulein ...«

»Bitte sehr?«

»Ach, bleiben Sie doch sitzen. Ich wollte nur -- ich möchte nur fragen: Ist Frau Prutz nicht zu Hause? Die Frau Konditor -- ich wollte sagen die Frau Major?«

Adele lächelte: »Die ist schon zu Hause. Oben in der Wohnung ist sie. Möchten Sie sie sprechen?«

»Furchtbar gern ...«

Adele sah Berta betroffen an. Eben wollte sie das Schlummerstündchen der Frau Major erwähnen, da knarrte oben schon die Tür, und Liese trat ein.

Alpdruck hatte sie aus dem Schlaf gescheucht. Sie kam mit verstörtem Blick. Nun glaubte sie noch zu träumen, denn sie erkannte Berta. Aus ihren geheimen Ängsten stieg diese Gestalt in die Wirklichkeit. Liese wich zurück. Bleich und mit verzerrtem Lächeln erhob sich Berta.

»Guten Tag ... Guten Tag, Frau Major ... Sie kennen mich doch noch? ... Ich habe Ihnen Grüße zu bestellen -- aus Berlin -- --«

Krampfhaft faßte sich Liese. Ihr Sorge galt jetzt nur der Lauscherin. Sie kämpfte um den Rest ihres Glücks. Nie und nimmer ließ sie sich überrumpeln.

»Ach ja,« sagte sie, indem ein falsches Lächeln auf ihre vergilbte Miene kam -- »ich erinnere mich. Das ist ja sehr nett von Ihnen, Fräulein. Behalten Sie doch Platz. Ich setze mich zu Ihnen. Adele, es ist hohe Zeit, daß du im Hof die Wäsche 'runternimmst. Geh nur gleich, sonst wird der Herr Major noch böse.«

Ungern gehorchte Adele, aber sie verschwand. Kaum war sie aus Hörweite, als Liese schon schnell auf die erschrockene Berta zuschritt und mit gedunsener Miene flüsterte: »Was fällt dir denn ein?! Wie kannst du mich in solche Situation bringen?!«

»Aber Mutter,« würgte Berta -- »Sie sind doch -- du bist doch -- --«

»Was ich bin, ist eine Sache für sich! Das geht hier keinen Menschen was an! Ich wußte schon, wie du dich benimmst, und offen gestanden hatte ich von dir was anderes erwartet! Jawohl! Ein bißchen mehr ~Dankbarkeit~! Du kannst dir doch vorstellen, warum ich nicht anders handeln kann! Du bist doch kein Kind mehr! Ich werde so gehetzt und gefoltert -- mein ganzes Leben verfluch' ich!«

»Aber Mutter -- Mutter -- was hab' ich dir denn getan?!«

»Zu meinem Rechtsanwalt bist du gelaufen -- der Mann hat sich bei mir beschwert, und jetzt willst du mich hier blamieren -- hier, im Hause meines Mannes, in diesem Klatschnest!«

Berta starrte leichenblaß vor sich hin: »Blamieren will ich dich nicht, Mutter.«

»Es ist aber nichts Anderes! Ich kann mich nicht mehr um dich kümmern! Ein für allemal! Es liegt in den Verhältnissen! Das Leben geht weiter! Daß ich das Meinige an dir getan habe, das weißt du doch! Laß es dir endlich genug sein, hab' doch Erbarmen und geh' mir aus dem Wege! Ich ersticke ja!!«

Rastlos stand Berta vor diesem Ausbruch. War das noch ihre Mutter?

»Um Gottes willen,« flüsterte sie -- »Sie haben mich mißverstanden ... Es liegt mir selbstverständlich fern ... Ich dachte bloß, meine Mutter ... Ich bin doch schließlich auch ein Mensch. Ich kann doch nichts dafür, daß ich auf der Welt bin.«

Jetzt starrte Liese wie erwachend auf das gebeugte junge Geschöpf. Namenloses Mitleid entbrannte in ihr, nicht Mutterliebe. Aber sie fand noch diese Worte: »Kind, ... Du mußt mir nicht so böse sein -- du mußt versuchen, mich zu verstehen. Ich weiß, daß du es schwer hast, aber das gerade wird dir auch die Kraft geben, durchzukommen. So ist das Leben. Sieh mal, was nützt es dir denn, wenn der Mann, von dem ich jetzt abhänge -- wenn du dem noch den letzten Frieden nimmst? Er darf es ja nicht wissen, daß du auf der Welt bist -- er versteht so was nicht, er ist zu alt und zu krank. Und darum versprich mir --«

»Was denn?«

»Versprich mir, daß wir uns nicht mehr begegnen werden, nie mehr, solange er lebt --«

»Wenn du das willst, Mutter --«

»Es muß sein -- sonst machst du mich wieder unglücklich.«

»Dann sage mir doch wenigstens, wer mein Vater ist.«

»Das darf ich ja auch nicht, Berta. Frage nicht, warum. Es ist ein Verhängnis. Wenn ich es dir sage, dann stellst du ihm nach, und dann rächt er sich an mir -- ich muß es ausbaden.«

»Kann ich ihn denn überhaupt -- erreichen?«

Liese wandte sich ab. -- »Nein -- du kannst ihn auch nicht erreichen.«

»Ist er so weit weg? Vielleicht in Amerika?«

»Ich weiß es nicht. Ich kann dir das alles nicht sagen. Aber du mußt mir jetzt versprechen -- so wahr du mein Kind bist --, daß du auch nach deinem Vater nicht mehr fragst. Tu's, Berta, -- tu's aus Mitleid mit deiner Mutter!«

»Also -- ganz alleine wollt ihr mich lassen?«

»Das ist nicht so traurig, wie du jetzt denkst. So steht der Mensch auf eigenen Füßen, Berta.«

»So steht der Mensch --«

»Versprichst du mir?«

»Ja, Mutter. Wie du willst.«

»Gib mir die Hand!«

Sie berührte nur mit ihren kalten, leblosen Fingerspitzen die Hand der Mutter und lief dann aus dem Laden. Drei Stunden hockte sie noch zwischen schwatzenden und lachenden Menschen auf dem Bahnhof. Endlich fuhr sie nach Berlin zurück.

SECHZEHNTES KAPITEL

»Sie wird ein hübsches, aber ein trauriges Ding«, sagte Fräulein Milchner, die Lehrerin.

»Ja, ja.« -- Frau Grunow stimmte düster bei. -- »Sie ist 'ne Zimmerpflanze. Übrigens, hoffen tu' ich doch drauf, daß sie mal einen findet. Es gibt doch Männer, zu denen so was paßt. Außerdem hat sie's in sich. Das Blut von die Mutter -- Sie können sich schon denken. Tanzen tut sie wie der Deibel.«

»Ein Fehltritt wäre jedenfalls zu bedauern«, meinte Fräulein Milchner. »Leider bietet sich ja die Versuchung in Berlin auf Schritt und Tritt.« --

Fräulein Milchner hatte recht, aber Berta wußte es noch besser. Sie war nun achtzehn Jahre alt und steckte schon in der kleinen Welt, die aus der großen Freude und Inhalt sog. Lange war sie von ihren geheimen Kämpfen umdüstert geblieben und schlich unbeachtet zwischen den Kameradinnen der Handelsschule. Sie wollte nicht gefallen. Immer trug sie seit dem Tage in Strelenwalde die scharfe Brille, und wenn sie ihre kleine Gestalt im Spiegel betrachtete, glaubte sie ernstlich an einen Buckel. Gezeichnet war sie, wie das arme Fräulein in der Konditorei. Sie trug es nur schwerer und tiefer -- sie hatte die Last im Gemüt.

So sah sie es in trüber Verachtung mit an, wie die Mädchen um sie her erhaschten, was auf dem ungeheuren Markt erreichbar war. Man hatte sie gern, weil man sie für sehr anständig hielt, man bedauerte sie auch, aber es fand sich keine Freundin zu Berta. Der Arbeitstag war lang, der freie Abend des Genusses kurz. -- Niemand wollte sich von einer ›Unbegabten‹ aufhalten lassen.

Aber man tat ihr unrecht. Sie verkannte ihn nicht, den Tanz der Motten um das große Licht. Eigentlich spürte auch sie da drüben ein Vergessen, die Entschädigung für alles, was an ihr gesündigt worden. Aber eine Überzeugung, die sie nirgends aussprach, hielt sie auf dem reinen, dunklen Wege. Gerade die Rechtlosigkeit gab ihr den Mut, das Recht zu suchen. Erst wenn sie es hatte, glaubte sie leben zu dürfen.

So störte und kränkte sie es fast, als das männliche Geschlecht nicht ihrer Meinung blieb, daß sie eine Mißratene war. Trotz ihrer Brille wurde sie immer wieder betrachtet, und es kamen deutliche Zeichen, daß sie mehr gefiel als lebenslustige Kameradinnen. Ihr voller Mädchenmund, der nach dem ersten Kuß zu dürsten schien, lockte. Die Energie ihrer Züge und die dunklen, etwas krankhaften Augen versprachen mehr als Dutzendmädchen. Sie trug ein Zeichen, von dem sie noch nichts gewußt: sie war ein Kind der Liebe.

Als sie ihre Wirkung auf das andere Geschlecht spürte, wurden ihre Wege zur Flucht. Kopfschüttelnd sah man sie mit finsterm Blick vorbeistolpern. Sie galt bei den Mädchen für etwas verrückt. Der Teufel in der männlichen Jugend aber beschloß eben, eine Hetze auf sie zu veranstalten, als die Rettung von einer lichten Stelle kam, die Berta noch gar nicht gesehen hatte. Sie lebte aber schon lange in ihr -- ihr ratloses Gemüt wurde für die Kunst empfänglich.

Alfons Grunow verhalf ihr endlich zu einem wirklichen Trost. Er sah zwar auch in der Kunst nur Tendenz -- er war Mitglied eines sozialdemokratischen Volksbühnenvereins und ließ sich von der Bühne predigen. Doch Berta empfand ›Kabale und Liebe‹ ganz anders als er. -- Auch ›Die Weber‹ rührten sie tief und wühlten mehr ihre Verlassenheit auf, als daß sie die Anklage des Kapitalismus hörte. Bei der Musik aber ließ Alfons, ihr Begleiter, sie noch mehr allein. Sie wußte keinen Wunsch zu äußern, und so führte er sie dorthin, wo es ihm gefiel. Zum Glück handelte es sich auch um die populären Konzerte in der Philharmonie, zuweilen sogar um Richard-Wagner-Abende. Hier konnte man rauchen und Bier trinken -- Alfons spendierte Berta einen Heringssalat. Sie wurde aber von dem gemischten Programm verwirrt. Gern hätte sie einmal mehr von einem gewissen Beethoven gehört. Doch Alfons fuhr ihr über den Mund und achtete nur auf Ouvertüren und Solistenstücke.

Immerhin, es war ein Tappen in besserer Luft. Versöhnung kam mit dunklen Leiden, Begegnung mit hohen Gefühlen. Berta ließ zu Alfons' Arger immer ihr Bier stehen, da sie wirklich zuhörte. Sie liebte auch allmählich die Menschen mehr, da sie ihre musikalische Andacht sah. Irgendwo mußte auch sie noch geliebt werden. Vater und Mutter konnten nicht ganz fern sein. Wie edle Schemen zogen sie im Rausch der Töne vorbei.

Mit einem jungen Mann, der in der Philharmonie neben ihr saß, kam sie eines Abends ins Gespräch. Er hatte blondes Haar und eine kühne Nase -- seine blauen Augen leuchteten. Berta fand ihn schön -- zum erstenmal stellte sie das bei einem Manne fest. Er sprach zwar einen drolligen Dialekt, aber er überraschte sie durch die freimütigsten Äußerungen. Alfons hörte nicht zu. Der junge Mann hatte vermutlich keine politischen Interessen -- außerdem war er ihm zu bürgerlich. Berta aber staunte über die musikalischen Kenntnisse des Fremden. Da der Zigarrenrauch ihr beizend in die Augen stieg, nahm sie plötzlich die Brille ab. Da sah ihr Nachbar sie ganz betroffen an und sagte: »Lasse Sie doch bitt' scheen die Brill' da drunte, Frailein. Jetzt sieht man ja erscht, was für scheene Auge Sie habe.«

Berta wurde sehr rot und erwiderte lächelnd: »Ich bin aber schrecklich kurzsichtig. Ich bin halb blind ohne Glas -- besonders auf der Straße.«

Da sagte er mit einem Ausdruck, dessen Anmut sie nie vergaß: »Lieber möcht' ich Sie für immer fihre, als jemals wieder die abscheuliche Brill' auf Ihrem Gesicht sehe.«

Berta zitterte, sie hätte ihren Kopf auf seine schmalen Hände legen mögen. Nun wechselten sie kein Wort mehr. Nach dem Konzert empfahl sich der junge Mann. Berta fühlte, daß sie ihn nicht wiedersehen würde. Aber von nun an trug sie keine Brille mehr. Heimlich kaufte sie sich ein Lorgnon mit langem Stil, wie Onkel Tübbeke es ihr schon angeboten hatte. Man spottete über sie, aber sie kümmerte sich nicht darum.

Bei dem Jubiläum der Handelsschule sollte ein Festakt mit lebenden Bildern aufgeführt werden. Lehrer Hupfer, der Dichter des Spieles, wählte die Schönheiten unter den Schülerinnen aus. Berta dachte keineswegs in Betracht zu kommen, aber sie drückte sich für alle Fälle in die letzte Reihe, um nicht beachtet zu werden. Ein seltsamer Schreck befiel sie aber, als der scharf blickende Herr Hupfer rief »Bitte, Fräulein Prutz, warum verkrümeln Sie sich? Man immer 'ran zum Dienst der guten Sache! Wir brauchen schöne Figuren -- das ist die Hauptsache! Sie sind zwar eine ~kleine~ Tanne, aber eine Tanne sind Sie doch, eine richtige Edeltanne!«

Unter gutmütigem Gelächter wurde die Verlegene hervorgezogen. Sie mußte eine Elfe von des Dichters Gnaden übernehmen. Das hatte sie nie für möglich gehalten. Sie machte aber ihre Sache bei der Aufführung so gut, daß der eigentliche Erfolg des Abends ihr zufiel.

Diese Erfahrung stärkte ihr Selbstbewußtsein mehr als alles andere. Der Ernst ihrer sehnsüchtigen Vereinsamung war nicht von ihr genommen, aber er verband sich jetzt mit der Koketterie eines Mädchens, das von seiner Anziehungskraft wußte. Oft wurde Berta auf der Straße nun angesprochen, aber sie haßte solche Angriffe unter dem Mantel der Dunkelheit -- jeder Mann, der so vorging, erschien ihr feig und gewöhnlich. Sie hörte auf keinen -- trotzig schritt sie weiter.

Freilich waren die meisten Mädchen anderer Art. Man dachte ans Vergnügen, nicht an Sitte. Wer sich abkehrte, versäumte seine Jugend. Berta erkannte nun erst, da sie selbst mitzählte, die naive Verderbtheit ihrer Kameradinnen. Alles lebte um sie her in eitler Hast, im Nichtversäumenwollen. An den Hafen der Ehe glaubte man nicht, und wenn es dazu kam, glich es dem Abschied von der goldenen Freiheit. Man kroch unters Joch, um ›versorgt‹ zu sein.

Berta hatte sich die arbeitenden Frauen anders vorgestellt. Ein ödes Tagespensum wurde für den abendlichen Genuß erledigt. Sie ließ sich allmählich mitziehen, stutzte aber noch vor wirklicher Gefahr. Es geschahen schlimme Dinge um sie her -- ein frisches, junges Ding starb an Abtreibung, und ein anderes kam als Kindesmörderin vor Gericht. Zum erstenmal wurde Berta vom Grauen gepackt, jetzt sah sie die eigentliche Gewalt des Lebens. Ihre Sehnsucht nach Vater und Mutter verblaßte dagegen. Es gab eine Rechtlosigkeit, die viel vernichtender war.

So kam sie zu einer ernsten und kritischen Betrachtung ihrer Freundinnen, aber man ließ es ihr nicht durchgehen. Sie sollte auch ihren Tribut an den großen Moloch zahlen. Am empfindlichsten wurden die Berliner Mädchen, wenn eine Kameradin sich für etwas ›Besseres‹ hielt. So schleppte man Berta mit Absicht zum Sonntagsbummel Unter den Linden und in den Zoologischen Garten mit. Man belehrte sie, daß ein Radrennen in Friedenau das höchste Vergnügen sei. Aber noch gelang es nicht, was die Intrigantinnen wollten. Berta ging zwar mit und gab nichts nach, wenn man bei den nächtlichen Heimfahrten fidel war, sang und lärmte. Auch sie schritt am Arm eines Jünglings, den sie wenig kannte, aber ihr Sonntag schloß immer in nüchterner Sichtbarkeit, und es blieb zweifelhaft, ob sie einen Kuß bekommen.

Man ärgerte sich über sie. Da, eines Abends auf der Wannseebahn, schien sich das Blättchen zu wenden. Man hatte beim ›Schwof‹ in Schlachtensee Herrn Sonnenschein getroffen, für den die Mädchen der Handelsschule eine verliebte Ehrfurcht empfanden. Sie wußten alle, daß bei ihm die berufliche Zukunft war, denn er erbte einst das größte Konfektionsgeschäft Berlins. Sonnenschein junior ging als Sardanapal durch das großstädtische Leben. Er suchte sich aus, was ihm dienen sollte, und jede war durch seine Wahl beglückt. Leutselig hatte er sich heute zwischen den Sonntagstänzerinnen in Schlachtensee bewegt. Er flog auf Berta Prutz.

Sie tanzte immer wieder mit ihm -- sie schien endlich Feuer zu fangen. Hier kam sie nicht so schnell davon -- das hatte man vorausgesehen. Auf dem Heimwege nach Berlin wich Herr Sonnenschein nicht von Bertas Seite. Aber man wurde nicht neidisch, denn man war ja selbst versorgt, so gut und bescheiden, wie es sich für ein billiges Sonntagsverhältnis gehörte. Neugierig aber beobachtete man das interessante Paar. In Berlin konnte Berta diesmal nicht entschlüpfen -- sonst kannte man schon ihr schnippisches ›Gute Nacht!‹ Gehorsam wanderte sie neben Herrn Sonnenschein durch die dunkle Bellevuestraße. Kichernd stoben die anderen auseinander.

»Fräulein, ich bin für Tempo«, sagte schließlich der junge Herr. »Ich denke, Sie wissen, wer ich bin, und ich weiß schon vollkommen, wer Sie sind.«

»Ich glaube, davon wissen Sie sehr wenig.« -- Berta sagte diese Worte nicht schroff oder scharf, sondern mit einer stillen Traurigkeit.

Herr Sonnenschein hatte schöne, dunkle Augen. Teilnehmend sah er Berta an: »Ich verstehe Sie. Sie haben mir ja schon erzählt, Sie sind eine arme Waise, Sie müssen sich Ihr Brot verdienen. Und ich -- sehn Sie mal, ich mache mich wahrhaftig nicht besser, als ich bin. Ich lebe auch unter dem Zwang der Verhältnisse. Als Millionär ist man durchaus nicht besser dran, eher schlechter, denn ich habe keinen freien Willen, ich kann nicht, wie Sie, sagen: So lebe ich, und anders nicht. Ich habe für eine große Firma einzustehen. Ich werde leider auch mal heiraten müssen im Interesse der Firma.«

Berta blickte erstaunt auf: »Was heißt das? Warum sagen Sie mir das?«

Der dunkle Blick des Herrn Sonnenschein ruhte mit feuchtem Glanz auf ihr: »Na, weil ich tatsächlich, wenn es bloß nach ~mir~ ginge, keinen Augenblick gezögert hätte, ~Sie~ zu heiraten. Jetzt gucken Sie mich ganz verdutzt an -- selbstverständlich gehören immer zwei dazu, aber ich denke doch, so ganz unsympathisch bin ich Ihnen nicht?«

Sie war sehr rot geworden und starrte vor sich hin: »Daran dachte ich garnicht. Aber ich will nicht heiraten.«

Er sah sie prüfend an: »Was wollen Sie sonst?«

»Ich will erst wissen -- ich will wissen, wer mein Vater ist.«

Herr Sonnenschein lachte. Im nächsten Augenblick aber fühlte er, daß das nicht sein durfte. Er versuchte es zu bemänteln: »Na, liebes Fräulein, das ist doch keine Lebensaufgabe -- ich meine, das ist keine Zukunft für Sie. Ich für meine Person -- ich kenne meinen Vater, ich kenne ihn viel zu gut. Da könnte ich Ihnen was abgeben.«

»Mir ist die Sache durchaus nicht komisch.«

»Nein, nein -- Pardon -- mir ja auch nicht! Ich kann mich in Ihre Lage versetzen, und Sie tun mir aufrichtig leid! Man weiß ja, wie es in Berlin zugeht -- ein fabelhafter Prozentsatz von unehelichen Kindern läuft hier herum! Aber es nutzt doch nichts, sich hinzusetzen und darüber nachzugrübeln -- das Leben ist doch kein schwarzes Loch, in das man hineinstarrt! Selbst ist der Mann! Und selbstverständlich auch die Frau! Ja, ja, meine Liebe, Sie haben das Zeug dazu!«

»Wozu?«

»Na, sich ~das~ vom Leben zu nehmen, was erreichbar ist! Genau so geht es mir. Ich kann mir deshalb nichts Idealeres vorstellen, als wenn wir beide uns zusammentäten. Ich kann Sie sozusagen entdecken.«

»Ich habe kein Talent, Herr Sonnenschein.«

»Das werden wir schon sehen. Wann Sie erst von Kopf bis Fuß in Sachen stecken, die ich für Sie kaufen werde. Ich bin ganz konfus vor Glück, wenn ich daran denke. Sie müssen mein Geschöpf werden sozusagen. Für Sie wird mein Geld endlich mal würdig angelegt. Sie sind ein anständiges Mädel und zugleich eine treue Geliebte -- wunderbare Mischung. Herrgott, ich schwatze da, als ob wir schon bei Hiller wären -- dabei wollen wir doch erst hingehen. Morgen fahre ich zu Gerson, zu Braun und zu Friedländer. Die Farben muß ich mir noch überlegen. Besondere Schuhe und Strümpfe ...«

In der Siegesallee, wo die Linden blühten, riß er sie an sich und küßte sie. Berta nahm es in süßer Betäubung hin. Das einzige, womit sie sich stammelnd wehren konnte, waren die Worte: »Ach, ich bin ja so häßlich! Ich bin ja halb blind! Das wissen Sie noch nicht! ...«

Er lachte: »Doch, ich weiß alles! Das Blinzeln ist ja gerade das Entzückende an dir! Ich kauf' dir übrigens ein anderes Lorgnon! Ein feenhaftes! Gold und Perlmutter!«

Sie konnte nichts mehr erwidern. Er küßte sie immer wieder. Allmählich waren sie durch das Brandenburger Tor gelangt. Sie gingen Arm in Arm über die stille Seite der Linden und traten bei Hiller ein. Berta wurde mit Leckerbissen gefüttert, von denen sie bisher nur geträumt hatte.

»Woran denkst du?« fragte er.

»Ach, an die anderen Mädchen, bei denen es bloß für Aschinger langt. Die armen Dinger!«

Er lachte jetzt nicht. Indem er ihre Hand küßte, sagte er: »Du bist das beste Geschöpf, das ich kennengelernt habe.«

Als er sie heimbegleitete, kämpfte er sichtlich mit einem Entschluß, aber er kam nicht dazu. Vor Bertas Haustür am Elisabethufer -- so weit waren sie durch halb Berlin gegangen -- stieß er hervor: »Ich danke dir für diesen Abend. Nun laß' ich dich auch in Ruhe, denn du mußt ja morgen früh heraus. Mein Kleinod, gute Nacht. Hast du mich auch ein bißchen gern?«

Sie nickte und ließ ihm ihre Hand.

»Wann sehen wir uns wieder?«

»Ich glaube, es ist besser, wir sehen uns niemals wieder.«

Bestürzt sah er sie an: »Aber Kind! War dir der Abend denn so wenig wert? Hast du gar nicht den Wunsch --?«

»Doch, selbstverständlich ... Sie verstehen mich nicht ... Den Wunsch hab' ich schon. Ich bin Ihnen auch sehr dankbar. Aber ich weiß genau -- so wie heute bleibt es nicht ... Wenn wir wieder zusammen sind, dann sind Sie anders -- und ich werde auch nicht immer nach Hause wollen ... Aber das darf ich nicht. Erst muß ich wissen, wer ich bin.«

Sie riß sich los und schlug die Haustür hinter sich zu.

Am nächsten Tage bekam sie einen Brief von ihm. Es waren stürmische Versprechungen, er richtete goldene Berge vor ihr auf, aber sie antwortete ihm nicht. Nun sah sie ihn wirklich nicht wieder. --

Nach diesem Erlebnis sperrte sie sich in Arbeit ein. Das Zeugnis, mit dem sie die Handelsschule verließ, war so gut, daß Onkel Tübbeke sagte: »Na, damit kannst du Privatsekretärin bei Bleichröder werden.« So viel bildete Berta sich nicht darauf ein, aber sie freute sich, daß man zum erstenmal stolz auf sie wurde.

Mit ernstem Eifer sah sie sich nach einer Stellung um. Die erste, die ihr Vertrauen erweckte, nahm sie an. Die Firma Kleinholz & Co., Papier engros, in der Lindenstraße, suchte eine Buchhalterin -- Berta meldete sich und wurde angestellt. Nun hatte sie ihre gutbezahlte Arbeit. Man konnte sich zwar ein interessanteres Gebiet denken als die Eingänge und Ausgänge von Packpapier -- Luxuspapiere waren schon der Schmuck ihres Daseins -- aber im Grunde war es ja gleichgültig, welcher Sache das Buchführen galt. Sie hatte mit anständigen Leuten zu tun, und in dem Bewußtsein, daheim eine kleine Pension bezahlen zu können, lag wirklich ein Lohn. Sie hatte den Gedanken, Frau Grunow zu verlassen, von sich gewiesen. Viele andere hätten an ihrer Stelle den Hauptgewinn darin gesehen -- sie aber brachte es nicht fertig. Wo man ihr getreu gewesen, wollte sie auch treu sein.

So lebte und arbeitete sie, und nur noch ganz unten im Raum ihres kleinen Lebensschiffes wohnte die Sehnsucht nach Vater und Mutter. Aber das Versprechen von Strelenwalde fesselte sie. Sie zwang ihre Unruhe nieder. Sie unternahm nichts.

Da sie sich sehr geschickt zeigte, ließ Herr Kleinholz sie nicht nur bei ihren Büchern, sondern vertraute ihr auch den Verkehr mit Kunden an. Die Männer waren nun einmal so, auch wenn sie nur trockene Schreibwarenhändler waren -- sie kauften lieber bei einem hübschen Mädel als bei dem gediegensten Mann. Johann Peter Rietschel aus Chemnitz aber, der jetzt häufiger als sonst bei Kleinholz & Co. erschien, hatte auch Sinn für den Geist. Ein unternehmender Sachse, der nach Berlin übergesiedelt, hielt er es jederzeit mit dem Modernen und zeigte überhaupt den Schwung, der das Provinzielle allmählich abstreifte. Dazu kam, daß er mit seinem gekräuselten Scheitelhaar einen künstlerischen Anstrich hatte, der wohl etwas Phantasie in den Kleinkram seines Ladens brachte.

Aber das war nur äußerlich. Im Kern konnte es keinen solideren Geschäftsmann geben als Johann Peter Rietschel. Sein skeptischer Wirklichkeitssinn war unüberwindlich. Auf die Grundlage kam es ihm an, und die Grundlage war Geld -- wenn das nicht fehlte, war Rietschel für alles zu haben.

Doch er suchte es nicht bei fremder Kraft. Er war alles aus sich selbst geworden und trachtete nicht nach Mitgift, sondern nach einer Frau, auf die er sich etwas einbilden konnte. Als er zu Kleinholz & Co. kam, lernte er ein kleines Fräulein kennen, das durch seine seltene Zuverlässigkeit auf ihn wirkte. Er fand Berta Prutz hübsch, ihre kleine Gestalt störte ihn nicht, denn er war ja selbst nur ›Mittelfigur‹. Bescheidener Ernst und sauberer Fleiß -- wie selten waren diese Eigenschaften bei einem Großstadtmädchen! Johann Peter Rietschel kannte die Sittenverderbnis Berlins. Soviele Reize sie auch für ihn gehabt -- es sollte sich nichts davon in sein künftiges Heim schleichen.

Auf den Entschluß kam es an. Er sondierte als vorsichtiger Chemnitzer lange. Er forschte und erkundigte sich, wo es nur möglich war. Bald hatte er natürlich Bertas dunkle Herkunft erfahren. Hart ging er mit sich zu Rate. Dann aber kam ihm eine Erleuchtung, die ihn mit stolzer Befriedigung erfüllte: er stieß sich nicht daran. Er kämpfte sich sogar zu der Gewißheit durch, daß solche Mädchen gerade die besten Frauen werden konnten. Sie hatte wahre Demut in ihrer armen Rechtlosigkeit, sie konnten erst das ganze Dasein durch einen liebevollen Gatten gewinnen. Das war nach Rietschels gutherzigem und eitlem Geschmack. Er sah es nur von sich aus.

Als sein Entschluß gefaßt war, zweifelte er nicht an dem Erfolge. Nun ließ er seine Gefühle deutlicher werden. Immer wieder erschien er bei Kleinholz & Co. -- wenn Berta nicht im Kontor war, ließ er sie rufen, als ob er nur mit ihr verhandeln könnte. Bertas Kollegen merkten, daß da ein Freier, nicht nur ein Kunde kam. Lächelndes Getuschel entstand, halb neidisch, halb erfreut. Man gönnte ja schließlich der guten Kollegin diesen Glücksfall. Berta merkte es erst zuletzt. Sie war zu sehr in ihre Pflicht verbissen -- sie hatte den Kunden noch immer nicht als Menschen sehen können. Nun begriff sie seine Absicht. Es ängstigte und kränkte sie nicht -- es stimmte sie nur nachdenklich. Liebhaben im wirren Sinne ihrer jungen Träume konnte sie Johann Peter Rietschel nicht -- aber das war gerade gut -- er störte sie also nicht in ihren dunklen Wünschen. Sie ahnte auch dafür einen Halt, den sicheren Hafen der bürgerlichen Ehe.

Aber sie ließ sich nicht so einfach erhandeln -- sie wollte auch das Ihrige bieten, sie wollte gleichberechtigt sein. Da kam nun plötzlich ein langer Brief von Herrn Rietschel -- ein richtiger, schriftlicher Heiratsantrag -- zum mündlichen hatte sich der vorsichtige Sachse nicht entschließen können. Immer wieder las Berta seine sorgsamen Ausführungen -- klangen ein wenig pedantisch, vielleicht auch herrschsüchtig, aber sie gefielen ihr. Es war Verstand darin und mehr: sie spürte einen Charakter. Was dieser Mann versprach, erfüllte er. Außerdem -- sie konnte ihm wirklich etwas sein. Sie kannte ja seine ›Branche‹, sie freute sich ehrlich auf sein Geschäft. Wenn sie ihm Glück brachte ... in Gottes Namen denn.

Sie sagte zu und sprach erst nach der Absendung ihres Briefes mit Tante Grunow und Onkel Tübbeke. Die nahmen ihr die trotzige Selbständigkeit nicht übel. Sie zeigten sich über alles Erwarten erfreut.

»Rietschel in der Zimmerstraße? Den kenn' ich! Ein vorzügliches Geschäft! Wenn du da 'reinheiratest -- à la bonkör!«

Berta freute sich an Onkel Tübbekes Beifall, wenn ihr auch der Begriff ›'reinheiraten‹ nicht sympathisch war. Tante Grunow blieb stillgerührt -- sie übersah das bisherige Leben ihres Pflegekindes, und daß nun eine große Station kam. Zum erstenmal hatte Berta ein warmes Dankgefühl für die alte Frau. Ihr Sohn Alfons erfuhr die Verlobung erst, als alles besprochen und festgesetzt war. Er hätte doch nur abgeraten. Aber Berta konnte sich eine Genugtuung leisten, die ihr besonders Vergnügen machte: plötzlich ging sie auf den düsteren Alfons zu und rief: »Übrigens, mein Bräutigam ist Sozialdemokrat!«

SIEBZEHNTES KAPITEL

Johann Peter Rietschels politische Überzeugung war nicht schwer zu nehmen. Er gehörte zu der Masse kleiner Knurrer, die mit ihrer Zeitung sprechen und im Grunde die Sache des Volkes nach ihrem eigenen Wohlergehen beurteilen. In seinen vier Wänden schimpfte er das erlaubte Maß -- draußen drehte sich sein Fähnlein im Wind.

Einen möglichst sorgenfreien Hausstand haben -- das umschloß sein Ideal. Das erste Geschenk, das er sich von seiner Braut wünschte, waren gestickte Pantoffeln. Skeptisch und solide, war er aus dem sächsischen Kleinbürgertum nach Berlin gekommen. Nun nahm er nur den eigenen Vorteil wahr und widmete ihm seine zähe Kraft.

In der Großbeerenstraße mietete er eine hübsche Wohnung. Bis zum Geschäft, das in der Zimmerstraße lag, hatte er es nicht weit. Er sprang mit Eleganz auf die Pferdebahn, wenn es ihm zu spät geworden.

Auf der hinteren Plattform winkte er dann noch fröhlich Berta zu, die lange am Erkerfenster stand und ihm nachsah.

Es wurde ihm oft zu spät. Seine junge Frau -- sie war es schon nach wenigen Monaten geworden -- war ein süßes, warmes Geschöpf, von jener keuschen Leidenschaft, die einsame Jahre angesammelt hatten. Sie konnte auch Rietschel um die Besinnung bringen. Es wurden stürmische Flitterwochen. Von der kurzen Hochzeitsreise, die man natürlich in die Sächsische Schweiz gemacht, kam Berta verwandelt zurück. Ihr lange gefesselter Lebensdrang stürmte so auf den ruhigen Gatten ein, daß er ins Wackeln kam und sich mit heimlichem Lächeln sagte: ›Ich habe was riskiert, weeß Kneppchen -- wenn's bloß keene Dummheit ist.‹

Aber er hatte ja Bertas junge Reize vor sich -- es konnte keine Dummheit sein. So vergaß er, daß er fast doppelt so alt war als sie, und kam ins Sausen. Sein Geschäft wurde nicht davon geschädigt -- im Gegenteil, es blühte nun erst auf. Er entschloß sich zu einer Neuerung, die ihm immer zu gewagt gewesen: zu den Papierwaren gesellte er die Galanterie und sogar die Literatur in Gestalt der Fünfzig-Pfennig-Bibliothek Chinchilla, die wirklich spannende Romane mit reizenden Titelbildern brachte. Der Verlag war in Kötzschenbroda -- Rietschel übernahm die Generalvertretung für Berlin. Außerdem plante er einen umfassenden Journallesezirkel, und Berta gründete eine Leihbibliothek.

Sie zeigte sich für das Geschäft so begabt, wie Rietschel es erhofft hatte. Vormittags versorgte sie ihren Haushalt -- nachmittags erschien sie im Laden und half dort, wenn es am lebhaftesten zuging. Bald wurde sie frauenhaft rundlich, und zu einem Kneifer hatte sie sich nun doch entschlossen, da das Lorgnon sie bei der Arbeit hinderte. Auch die unbequemen hohen Absätze gab sie bald auf und trug solide Schuhe: Sie wurde wieder recht klein dadurch, aber Rietschel nannte sie ja immer sein ›Kleinchen‹ und wollte sie garnicht größer.

Bei der Kundschaft war Berta sehr beliebt. Sie zeigte jene unbegründete Heiterkeit, die eigentlich nervös war, aber auf alle, die ihr nicht immer begegneten, angenehm wirkte. Rietschel machte dagegen einen etwas brummigen Eindruck. Ihm lag das viele Lachen nicht, denn er litt an Rheumatismus und ging lautlos in seinen Filzpantoffeln umher. Wenn er Gummiarabikum oder Löschpapier oder rote Tinte brachte, sah es aus, als ob er den Ernst des Lebens anböte. Die Romane der Bibliothek Chinchilla legte er wie wissenschaftliche Werke vor. Aber sein Geschäftssinn zeigte ihm sogleich den Vorteil, der in Bertas anderem Wesen lag, und er ließ sie weiterzwitschern.

Von einem Ehrgeiz wurde Berta von vornherein gepackt: Sie ließ nichts vorbei, was Anerkennung ihrer eroberten Lebensstellung bedeutete. Nur scheinbar war sie von dem Druck der rechtlosen Geburt befreit -- junges Glück schläferte den bohrenden Drang in ihr ein, sie suchte nicht mehr, denn sie hatte viel gefunden. Aber es schlummerte im Dunkeln, was ungelöst blieb, und sie ließ es dort ängstlich liegen, als ob es ihren Besitz verderben könnte. Leidenschaftlich gab sie sich der äußeren Lebensgeltung hin. Sie zählte endlich mit, sie war Frau Rietschel, und man fragte nicht viel, was dahintersteckte, wenn das Gesamtbild harmonisch war.

Aber es kam ihr nicht nur auf die fremden Leute an. Tiefer beschäftigte sie der Wunsch zu wissen, was die wenigen, die ihr zum Schicksal geworden, von ihrem plötzlichen Glück dachten. Besonders begierig war sie seltsamerweise nicht auf die Nächststehende, auf ihre rätselhafte Mutter, sondern auf einen Mann, der eigentlich nur lose mit ihren Angelegenheiten zusammenhing: sie hatte eine tiefe Erinnerung an Justizrat Viktor Schwarz behalten. Einst war er eine große Enttäuschung für sie gewesen. Jetzt stellte sie sich immer wieder vor, was er wohl für Augen gemacht haben mochte, als er ihre Heiratsanzeige im ›Berliner Lokalanzeiger‹ gelesen. Daß er sie dort gelesen und als wichtig vermerkt hatte, war ihr nicht zweifelhaft. ›Das kleine Mädel,‹ hatte er sicherlich gedacht -- ›die geht ihren Weg, die wird uns allen noch was zu raten aufgeben‹?

Onkel Tübbeke, den Berta zuweilen fragte, konnte ihr die ersehnte Auskunft nicht geben. Privatgespräche führe der Herr Justizrat nicht mehr mit ihm. Auch Tante Grunow hüllte sich in diplomatisches Schweigen. Die beiden waren vorsichtig geworden. Sie trauten Bertas jähem Unternehmungsgeist noch immer nicht.

Um so lebhafter beschäftigte man sich mit der jungen Frau Rietschel dort, wo sie es eigentlich nicht erwartete: In Strelenwalde hatte die Heiratsanzeige des ›Berliner Lokalanzeigers‹ Wellen geschlagen.

Frau von Rotkraut hielt die Zeitung in der Konditorei, aber mehr ihrer selbst als der Gäste wegen, denn sie wollte mit Berlin in Zusammenhang bleiben. Wenn sie täglich von der Weltstadt las, wurde ihr die Strelenwalder Einförmigkeit weniger drückend. Noch eifriger aber las Adele Schörg die Berliner Zeitung, und besonders die Familiennachrichten studierte sie, als ob es sich um lauter Bekannte handelte. Verlobte beneidete sie, Verheiratete weckten ihre Schadenfreude, und wenn recht viele gestorben waren, seufzte sie befriedigt. Adele war noch immer Ladenfräulein in der Prutzschen Konditorei. Sie hatte sich nun doch unentbehrlich gemacht, denn Liese mußte sich ihrem Gatten widmen.

Simba liebte Adele ohne Erhörung jahraus, jahrein. Täglich stand er stundenlang im Laden und beobachtete sie. Sie kostete seine Leidenschaft aus. Diesen schwarzen Riesen beherrschte ihre Koketterie, die jedem weißen Manne gleichgültig. Sie brauchte vor ihm ihre Häßlichkeit nicht zu scheuen, und wenn sie die bunte seidene Bluse trug, die er ihr geschenkt hatte, strahlte er.

Eines Tages sprang Adele plötzlich auf, stieß Simba zur Seite und hinkte zu Liese hinüber. -- »Na, was ist denn?« fragte die Frau Konditor mißmutig.

Adele zeigte mit leuchtenden Augen auf ein Inserat: ›Statt jeder besonderen Meldung: Ihre Vermählung beehren sich Freunden und Bekannten hierdurch ergebenst anzuzeigen Johann Peter Rietschel, Inhaber der Kunowschen Schreibwarenhandlung, Zimmerstraße 69, und Berta Rietschel, geb. Prutz.‹

Liese starrte bestürzt auf diese Zeilen. Sie konnte nichts sagen.

»Ich weiß, wer das ist!« frohlockte Adele.

»Aber halt deinen Mund,« flüsterte die schwächer gewordene, rasch ergraute Frau.

»Aber ja! Sie meinen wohl wegen Herrn Major? Ich weiß doch! So dumm bin ich doch nicht! Aber sagen Sie bloß, liebe Frau Liese -- da war doch mal vor ein paar Jahren so'n kleines Mädel bei uns, so'n nettes, winziges Fräulein -- erinnern Sie sich nicht? Sie kamen dann vom Schlafen 'runter, und ich mußte mich drücken -- dann haben Sie mit ihr allein geredet -- na, das wissen Sie doch noch?«

Liese war rot geworden. Scheu sah sie sich nach Simba um -- aber der war in die Backstube gegangen. »Was meinst du denn eigentlich? Was willst du denn?«

»Na, wegen dem Namen Prutz! Und Berta -- so hieß doch das Kind -- das weiß ich doch noch!«

»Also -- du bist doch ganz schrecklich, Adele -- also damit du mich endlich in Ruhe läßt -- ja -- das war sie. Und nun hat sie sich verheiratet. Übrigens sehr gut -- das Kunowsche Schreibwarengeschäft kenne ich -- da hab' ich oft gekauft. Na, mich beruhigt das eigentlich. Lieber Gott, so'n armes, verwaistes Geschöpf!«

Es funkelte wirr in Adeles Augen. Sie strich sich mit zitternder Hand das Haar zurück: »Wie mag das nur gekommen sein?? Geld hat sie nicht, und winzig sieht sie man aus -- und nun heiratet sie doch!«

»Der Mann wird sie eben liebhaben.«

»Ja, wie kommt denn das?«

Jetzt mußte Liese lachen: »Frage doch nur nicht so albern, Adele.« -- Dann stand sie mit schweren Füßen auf, faltete seufzend die Zeitung zusammen und stieg zu ihrem alten Invaliden ins obere Stockwerk.

Adele aber stand, von einem sonderbaren Krampf geschüttelt, allein im Laden. Plötzlich kam ihr ein Entschluß -- sie eilte zur Backstube. -- »Simba!« rief sie. »Wo steckst du denn? Ich bitte mir aus, daß du vorhanden bist, wenn ich rufe!«

Der lange Neger stolperte, glühend von der Ofenhitze, vor sie hin. Fragend starrte er in ihr verwandeltes Gesicht. Was war das? Sie bot sich ihm? Endlich? Die Mauer war fort?

»Willst du mich heiraten, Simba?« flüsterte Adele.

Da schrie der Schwarze wie ein krankes Raubtier auf.

»Um Gottes willen! Bist du verrückt? Das hören sie oben!«

Er aber fragte nach niemand. In seinem wahnsinnigen Jubel packte er sie und hob die Zappelnde empor und überstürzte sie mit seinen Küssen.

Bald zeigten sie sich Arm in Arm den überraschten Strelenwaldern. Liese aber ging an dem sonderbaren Paar vorüber zu Tante Sanftleben. Die war nun uralt. Liese fand sie in dem Lehnstuhl am Fenster, wo sie selbst einst als Wöchnerin gesessen hatte. Sie mußte sehr laut sprechen, aber die Tante verstand sie noch. Ihr zitterndes Köpfchen konnte alles erfassen.

»Berta,« sagte sie mit ihren guten, glanzlosen Augen -- »Berta hat sich verheiratet. -- Nun siehst du doch, Liese, daß es sich gelohnt hat, für sie zu leiden.«

Mit harter Miene sah Liese auf den Strohmarkt hinaus: »Wir wollen es abwarten, Tante. Hinter die Kulissen sieht man nie. Bei Simba und Adele -- da glaube ich jetzt an ein Glück. Aber Berta ... Das Kind hat, glaub' ich, einen Charakter, der -- ich weiß nicht, wie ich's ausdrücken soll -- der immer zerstören muß. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie jemals Ruhe findet. Mich hat sie nicht -- ich darf es ja nicht ändern -- und einen Vater hat sie nicht -- das sitzt eben in einem Menschen, das schleppt einer mit, solange er lebt.«

Strelenwalde blieb Berta fern. Ihre Scheu vor der Mutter war unüberwindlich. Nie wieder konnte sie sich der Zurückweisung aussetzen. Sie starrte auch auf ihr Versprechen. Aber sie lebte ja nun selbst in bürgerlichen Ehren. Der Kreis, in dem sie Einfluß gewann, beurteilte sie lediglich als Frau Rietschel -- hier fragte man nicht, wem ihre Herkunft Verlegenheit bereitete. Berlin war in solchen Fragen tolerant.

Aber es lockte auch den, der seine rasche Gunst erfuhr, immer tiefer in Regionen, die ihm eigentlich verschlossen waren. Man glaubte mitzutun, wenn man noch draußen stand; man genoß mit Kennermiene und blieb ein dürftiger Zaungast. Das Tempo riß mit und täuschte doch, denn es war das Tempo der anderen.

Berta Rietschel sah das alles nicht. Sie war von ihrem kleinen Erfolge gebannt. Ein Ehrgeiz bannte in ihr, den ihre Umgebung nicht ermessen konnte. Er richtete sich, wie es im Wesen der Emporgekommenen lag, vor allem auf geistige Vorteile. Bildung war Berta mehr als Geld, denn Geld verdiente ja ihr Mann genug. Sie wollte die zahllosen Wissenskräfte, die sie umwirbelten, einfangen und fühlte sich benachteiligt, wenn ihr etwas ›zu hoch‹ blieb. Eigentlich handelte es sich nur um ein Mitredenkönnen. Bildung ist Macht -- das wurde Bertas Überzeugung. Sie fühlte sich nicht nur der Leihbibliothek wegen dazu verpflichtet -- je besser es ihr ging, je geachteter sie wurde, desto empfindlichere Lücken wurden ihr klar, und entsetzt übersah sie, was an ihr versäumt worden.

Rietschel ging an solchen Gefühlen vorüber. Anfangs hörte er noch verwundert zu, wenn Berta sie ihm auseinandersetzte. Er wollte ihr die Spuke ausreden, indem er auf die gute Bilanz des ersten Geschäftsjahres hinwies. Dann aber erklärte er ihr, daß er von Romanen, Theaterstücken und Vorträgen nichts halte. Die Chinchilla-Bibliothek gehe ja, aber wenn sie einmal nicht mehr ginge, nehme er ebenso gern ein Kochbuch in Kommission. Was das Theater betreffe, so sei es ihm nach dem Schillertheater zu weit und im Schauspielhause zu teuer -- außerdem gebe man da lauter traurige Stücke, und das Leben sei an sich schon traurig genug. Er wolle sich nur noch gründlich auslachen, und dafür sei das Metropol mit Thielscher und Giampietro da. Vorträge aber -- den ganzen Abend sich von einem Professor etwas vorquatschen lassen, was nur dieser verstehe, und dann noch in die zugige Garderobe ... Nein, da sitze er doch lieber zu Hause und habe seine warmen Pantoffeln an und braue sich einen steifen Grog.

Berta hörte das still enttäuscht mit an. Erst lachte sie, dann aber ärgerte sie sich über Rietschels eitle Verständnislosigkeit. Ein neuer Stachel regte sich in ihr: sie begann sich ihrem Manne überlegen zu fühlen. Ihn noch weiter in ihr Inneres blicken zu lassen, wurde sie zu stolz. Er spürte es wohl, daß sie langsam von ihm abrückte und allerlei Heimlichkeiten hatte; aber er war auch froh, daß sie ihn endlich in Ruhe ließ. Um einen bequemen Ableiter für diese Verstimmungen zu haben, schaffte er sich einen Hund an. Der weiße Pudel Schneemann gab ihm nichts zu raten auf und erfuhr die ganze Zärtlichkeit seiner sächsischen Seele.

Zu einer tieferen Verstimmung kam es nicht. Die Ehe wurde immer wieder durch den natürlichen Verlauf der Dinge gefestigt. Berta mußte ihren Bildungshunger aufgeben, denn stärker als die große Welt zeigte sich ihre eigene kleine, in der sie Mutter wurde. Nach zweijähriger Ehe gebar sie einen Knaben, der den Namen Paul erhielt. Dann hatte sie nur ein knappes Jahr Schonzeit, und das zweite Kind erschien, eine Tochter, die man nicht Liese, sondern Grete nannte.

Schmerzen und Arbeit, viele Freuden auch -- Berta tauchte lange in den Muttersorgen unter. Auch ihm, dem sie das alles dankte, kam sie wieder näher. Rietschel stellte zwar immer nur die Ähnlichkeit der beiden Kinder mit seiner Person fest und betonte fast kränkend, daß es recht stattliche Menschen werden könnten. Es klang fast, als ob er auf Mißgeburten gefaßt gewesen wäre. War ihm Berta doch zu klein? Stieß er sich an ihre schlechten Augen? Die überreizten Sinne der Wöchnerin beobachteten mißtrauisch. Wenn auch noch so viel Glück um sie herum erblühte -- irgendwo lauerte das Verderben.

So kam sie durch die Kinder wieder zum Grübeln über ihr eigenes Schicksal. Sie sah zwei rechtlich geborene Menschen, aber selten wurde dieses hohe Bewußtsein von einem Neid beschlichen, den sie nicht bannen konnte. Je mehr sie ihren Kindern die Rechte des Lebens zuführte, desto mehr entbehrte sie sie selbst. Bei ihr verwelkte im Schatten, was bei jenen sogleich in der Sonne stand.

Besonders nach der schweren Geburt des Mädchens tauchten diese Gespenster auf. Sie suchte sie niederzuringen, sich immer wieder an die schönen Tatsachen zu halten; aber sie konnte es nicht hindern, daß sie ihr eigenes Fleisch und Blut mit fremden Augen ansah. So entwickelte sich ein seltsames Verhältnis zwischen Mutter und Kindern. Von Anbeginn wechselten innige Zusammengehörigkeit und scheues Abgleiten. Man spielte vergnügt miteinander -- wenn dann Paulchen seine Eisenbahn zum Aufziehen, Gretchen ihre Puppe zum Ankleiden brachte, stießen sie plötzlich auf finstere Gleichgültigkeit. Ihr kindliches Vertrauen stand vor einer Mutter, deren Blick zu sagen schien: ›Was wollt ihr von mir? Ich lebe in Gedanken, die ihr nicht kennt.‹

Das blieb so, bis die Kinder größer und wißbegieriger wurden. Charaktere deuteten sich an -- Paul hatte offenbar das Zeug zu einem begeisterungsfähigen Jüngling, während Grete still und herb wie die Mutter wurde. Der kleine Egoismus des Vaters schien in beiden nicht zu sein, aber Berta freute sich nicht daran. Sie ließ den Kinder ihren Willen, denn nun konnte sie zu sich selbst zurückkehren. Sogar den Sonntag entzog sie ihrer Familie. Schon früh ging sie fort und blieb den ganzen Vormittag im Tiergarten oder im Zoologischen Garten, wo sie sich eine stille Bank suchte. Hier las sie die Bücher, durch die sie das Leben zu erkennen glaubte. Es waren Romane, die bei den ›oberen Zehntausend‹ spielten. Was vornehme Villen dem Vorübergehenden verbargen, glaubte sie zu belauschen und als Eingeweihte zu verstehen.

Die Kinder beklagten sich beim Vater, weil sie in den Zoologischen nicht mehr mitgenommen wurden. Dort störten sie die vertiefte Mutter, wenn sie die Bären füttern oder den Elefanten besuchen wollten. Rietschel war empört. Jetzt gab es den ersten Zusammenstoß. Ein unerfahrenes Dienstmädchen hatte das Sonntagsessen verbrannt -- die Hausfrau wurde natürlich beschuldigt. Rietschel konnte schrecklich grob werden. Sein selbstbewußtes Berlinertum verband sich dann mit sächsischer Schärfe. Berta wehrte sich nur stumm erhaben, aber sie blieb nun zu Hause. Mit ihren Büchern schloß sie sich ein.

Den zweiten Zusammenstoß brachte die Leihbibliothek. Berta behauptete, ihr Niveau heben zu müssen, und kaufte Ludwig Ganghofers Romane ein. Rietschel aber erklärte sie für viel zu teuer.

»Wenn du schon was Besseres anschaffen willst -- übrigens eingebunden sind sie ja doch alle gleich, ich werde doch keine Kalbslederbände kaufen, damit die Leute Stearin drauf tropfen -- aber wenn du schon was Besseres anschaffen willst, dann nimm was von Fontane! Gestern erst hat mich einer nach den ›Wanderungen durch die Mark Brandenburg‹ gefragt!«

»Quatsch, das sind doch Schulbücher! So was führen wir nicht!«

»Ich quatsche nie, liebes Bertchen!! Das laß dir ein für allemal gesagt sein!! Und dein Ganghofer mit seine Tiroler -- lächerlich! Das ist ja nicht mal was Pikantes für die Herren!«

»Du verstehst überhaupt nichts von Büchern!«

Berta knallte die Tür hinter sich zu. --

Im Schillertheater sah sie bald darauf das Schauspiel ›Johannisfeuer‹. Die Seelenkämpfe des Notstandskindes fanden bei ihr stürmische Empfänglichkeit. Sie wußte nicht mehr, daß sie die kleine Frau Rietschel aus der Großbeerenstraße war, sondern lebte in den Liebesschmerzen der opfermutigen Marikke. So kam eine Rührung über sie, die auch im Schillertheater ungewöhnlich war. Neben Berta saß ein junger Mann, der recht vornehm, aber kränklich aussah. In der Pause bemerkte er, daß Berta weinte. Jetzt sagte er, indem sein scharfes und kantiges Gesicht sich seltsam zusammenzog: »Ja, ja -- auf die Geburt kommt es an.«

»Ich dachte auch eben: alles, was so düster und unzufrieden in einem bleibt, das macht doch bloß das Herkommen aus. Marikke muß unschuldig leiden.«

»Freilich. Es ist eine große Tragik, mutterlos zu sein.«

»Und vaterlos. Was ist eigentlich schlimmer?«

»Es kommt darauf an, gnädige Frau. Jedenfalls ist es von der größten Bedeutung, daß man sich vollständig klar wird über Vater und Mutter.«

»Wie meinen Sie das?«

»Nein, ich meine -- man erkennt sich selbst erst dadurch. Nur auf diesem Wege wird es einem möglich, seinen eigenen Charakter zu verstehen. Kennen Sie Ibsen?«

Berta wurde rot: »Nein -- noch nicht ...«

»Nun, dann wissen Sie freilich nicht, was ich mit dem Gesetz der Vererbung meine. Ibsen ist nämlich größer als Sudermann. Als ich aus seinen ›Gespenstern‹ kam, hätte ich mich beinahe erschossen. Aber wenn man sich über Vater und Mutter klar wird, besonders über den Vater -- dann kann man ebensogut zum Glück gelangen wie zur Verzweiflung. Wenn ich mich zum Beispiel mit Ihnen vergleiche --« er lächelte bei diesen Worten, aber es war ein trauriges Lächeln -- »bei Ihnen ist mir ein günstiges Resultat unzweifelhaft.«

»Na, na,« flüsterte Berta mit pochendem Herzen -- »da können Sie sich aber sehr irren ...«

»Warum denn? Sie sind doch sicherlich eine glückliche Gattin und Mutter?«

»Ja, ja ... Das heißt ... Man ist eben doch einsam, was die Hauptsache anbelangt. Sehn Sie mal, mein Mann der ist nur fürs Geschäft, und meine Kinder kriegen immer das Allerbeste, -- aber ich selber -- mit meiner Mutter bin ich auseinander, und meinen Vater kenn' ich garnicht.«

Der kranke Nachbar sah sie überrascht durch seine Hornbrille an: »Sie kennen ihn garnicht? Lebt er denn noch?«

»Ja, freilich ... Vielleicht hier in Berlin ... Am Ende treff' ich ihn alle Tage ...«

Berta begleitete die letzten Worte mit nervösen Handbewegungen.

Der Nachbar beugte das Gesicht auf seine mageren Hände: »Hm ... Ja ... Nun, da wäre es doch aber außerordentlich interessant --«

»Was denn?«

»Ich meine, als reifer, erkenntnisfähiger Mensch erst seinen eigenen Vater kennenzulernen -- das stelle ich mir als unschätzbaren Gewinn vor. Sind Sie außerehelich geboren? Verzeihen Sie die Frage --.«

»Selbstverständlich. Ich geniere mich garnicht deswegen. Aber alle Welt hat sich verschworen, mir meinen Vater zu verheimlichen. Ich darf nicht mal danach forschen. Mir sind sozusagen die Hände gebunden. Das ist auch ein Trauerspiel, sag' ich Ihnen. Na, ich habe mich ja trotzdem durchgesetzt. Aber jetzt -- es läßt mir keine Ruhe mehr. Gerade weil ich was erreicht habe -- gerade deshalb --«

»Wollen Sie endlich wissen, wer Sie sind!«

»Jawohl!«

Es war ein sonderbares Gespräch. Berta empfand das Schicksal dieser Begegnung. Nun kam das Publikum wieder, die Pause war zu Ende, der dritte Akt begann. Nach Schluß des Stückes sah Berta ihren Nachbar mit ringenden Augen an: »Raten Sie mir doch -- was soll ich tun?«

»Ich kenne Sie zu wenig.«

»Aber Sie wissen sicher mehr von solchen Sachen als die anderen.«

»Ich würde an Ihrer Stelle um jeden Preis --«

»Um jeden Preis?«

»Ihren Vater ausfindig machen.«

»Glauben Sie, daß es mir dann besser ginge?«

»Klarheit über sich selbst gewinnen bedeutet immer eine Besserung.«

Sie trennten sich. Berta ging versonnen heim. Es war weit von der Wallnertheaterstraße bis zur Großbeerenstraße, aber in die Elektrische stieg sie heute nicht. Sie machte den langen Weg, um ihren Kriegsplan zu entwerfen. Nun entbrannte es wieder lichterloh, was so lange geschlummert hatte. Der Fanatismus ihrer Backfischzeit ergriff sie. Alles Sichere und Ruhige, was ihr die letzten Jahre gebracht, stieß sie von sich. Freilich, der Mutter durfte sie nicht wortbrüchig werden. Aber vielleicht erreichte sie nun doch alles, wenn sie gar nichts unternahm. Sie mußte die ~anderen~ zum Sprechen bringen, aus ~eigenem~ Willen. Noch lebten ja Mitleid und Edelmut auf dieser Welt. Aber wer waren die anderen? ...

Eine ganz geheime Schadenfreude ergriff sie, als sie bei Rietschel eintrat. Sie setzte sich ihm gegenüber, aß nur wenige Bissen und griff dann plötzlich nach dem Adreßbuch. Mit stiller Spannung wälzte sie den dicken Band.

»Wen suchst du denn eigentlich?« fragte Rietschel nach einer Weile.

»Ach, niemand! ...«

»Dann laß das doch gefälligst sein. Das ist ja ungemütlich.«

Aber Berta blätterte weiter. Jetzt war sie bei Sch -- sie sah den Namen Schwarz -- er war oft vertreten, aber ihr fiel ein bestimmter Träger dieses Namens ein. Sie suchte mit emsigen Finger. Endlich -- da war er -- Viktor Schwarz, Justizrat und Notar -- noch immer Taubenstraße 34.

Sie starrte auf die Zeilen -- die Gegenwart ihres Mannes vergaß sie. Ja, hier mußte sie anknüpfen -- hier machte sie jetzt den zweiten Besuch. Viele Jahre waren seit dem ersten verstrichen. Bei Justizrat Schwarz war doch vielleicht die richtige Quelle -- sie durfte ihn nur nicht bedrängen -- er mußte aus sich selbst bekennen. Nickend ließ sie den Zeigefinger auf seinem Namen.

Rietschel hatte ihr mit unbehaglicher Verwunderung zugesehen. Jetzt stand er langsam auf: »Weißt du, Bertchen, manchmal möchte man wirklich meinen -- na, ich will nichts gesagt haben. Gute Nacht.«

Er schlurfte in seinen Filzpantoffeln hinaus.

ACHTZEHNTES KAPITEL

Tübbeke sah zum Himmel, als er an einem schwülen Nachmittage von einem amtlichen Gange ins Bureau zurückkehrte. -- »Et gibt was!« rief die Obstfrau, die vor dem Hause ihren Verkaufsstand hatte. -- »Und wir haben erst April«, meinte Tübbeke.

Nachdenklich blieb er vor den Körben der Frau stehen. Sie handelte mit Veilchen und Apfelsinen. Es war Frühling, aber die dumpfe Luft ließ keine rechte Freude daran aufkommen. Tübbeke kaufte sich zwei Apfelsinen und fragte im Hausflur noch einmal, ob sie auch nicht sauer seien. -- »Sie wollen wol Blutoranschen for'n Jroschen?« zeterte die Frau. -- Der alte Bureauvorsteher betrat das Vorzimmer. Hier saß nur eine wartende Dame. Er erkannte sie in der Dämmerung nicht, sagte aber mit Freundlichkeit, die er für das ganze weibliche Geschlecht hatte: »Ein Momentchen! Werden wohl gleich drankommen!« -- »Ich habe Zeit, Onkel«, war die Antwort.

Nun erkannte er sie. Ihm zitterten die alten Beine. Sie hatte sich wahrhaftig wieder hereingedrängelt. Das unvernünftige Frauenzimmer! Und extra hatte man es ihr verboten.

In seinem Arger vergaß Tübbeke ganz, daß seit Bertas erstem Besuch Jahre vergangen waren. Er hatte keinen Backfisch mehr vor sich.

Mit rotem Kopf trat er dicht an sie heran. »Was soll denn das heißen, du? Da hört sich doch wahrhaftig alles auf! Du weißt doch --«

Sie sah ihn von oben bis unten an: »Lieber Onkel Tübbeke, ich bin mündig. Außerdem, bei allem schuldigen Respekt, du bist für mich hier Bureauvorsteher -- ich will den Herrn Justizrat sprechen.«

Er war doch eingeschüchtert. Es lag nicht zum wenigsten an ihrer eleganten Kleidung, die er nun bemerkte. Sie duftete wie eine große Dame und hatte sich für diesen Besuch wirklich hübsch gemacht. Unwillkürlich dachte er: ›Jetzt wird sie Eindruck auf ihn machen -- das hat das kleine Biest gewollt. Am Ende fühlt er sich doch geschmeichelt, weil er solche Tochter hat. Aber sie ahnt ja noch garnichts von seiner Vaterschaft. Sonst hätte sie nicht mehr diesen ratlosen Blick. Ihr Ausdruck hat sich kaum verändert -- sie ist noch immer das Kind von einst.‹

Jetzt erschien Herr Hollunder, ein neuer Schreiber, der immer stotterte, wenn er eine Dame ansprach: »Herr Ju-justizrat läßt noch um einen Au-augenblick Geduld bitten!« Sehr verlegen wandte er sich zu Tübbeke: »Herr Vorsteher -- Sie möchten doch erst mal kommen!«

»Aha«, murmelte Tübbeke und warf Berta einen vielsagenden Blick zu. Dann ging er zu seinem Herrn: »Ja, so leicht, wie du dir das vorstellst, mein Dochter, ist die Sache denn doch nicht!«

Er stand in dem Sprechzimmer. Es hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert. Man spürte, daß es hier um Millionen ging. Der vergrößerte Raum glich dem Empfangszimmer eines mächtigen Bankdirektors. Die Einrichtung war üppig, und die prächtigen Klubsessel schienen nur auf Aufsichtsräte zu warten. Viktor Schwarz saß an seinem breiten Diplomatentisch. Er war nun ein ältlicher Lebemann geworden. Sein welkes Gesicht war feist, die schwarzen Augen schielten noch etwas stärker hinter dem Kneifer. Eine umfangreiche Glatze hatte sich eingestellt, die allerdings die Stirn vergeistigte.

Herrisch blickte er auf seinen alten Beamten: »Tübbeke, wir müssen jetzt ein für allemal die nebensächliche Privatkundschaft los werden.«

Der Bureauvorsteher wußte zwar nicht, was darunter zu verstehen war, aber er nickte für alle Fälle.

»Sehn Sie mal, Tübbeke, es wächst mir über den Kopf. Ich bin jetzt nicht nur der erste Anwalt Berlins im Bankfach, ich gehöre auch zur Hochfinanz, durch meine Hände laufen die Fäden der europäischen Börsen. Allenfalls kann ich mich noch auf gewisse Ehescheidungen einlassen, aber jeden kleinen Querulanten anzuhören, dazu reicht es bei mir nicht mehr aus. Das sollen Anfänger machen.«

Tübbeke nickte wieder -- er wußte noch immer nicht, wie er sich verhalten sollte. Hatte der Justizrat ihm nur das zu sagen?

Jetzt wurde Viktor Schwarz ungeduldig: »Na, Sie kennen doch die Dame, die da draußen auf mich lauert. Tun Sie doch nicht so!«

»Herr Justizrat,« stotterte der Alte -- »ich tu' wahrhaftig nicht so ... Ich hab' mich nämlich auch schon geärgert ... Ich hätte nicht gedacht, daß die verrückte Person sich doch noch mal ...«

»Na eben! Sie erinnern sich hoffentlich an meine damaligen Worte!«

Diese Drohung war verfehlt -- Schwarz fühlte es im nächsten Augenblick. Er hatte Tübbekes Pension inzwischen bewilligt, zurückzunehmen war sie nicht mehr. Jetzt mußte er ihn sich anders sichern. -- »Tübbeke,« sagte er nach einer Weile vertraulich -- »das ist eine schrecklich aufdringliche Frau. Stellen Sie sich vor -- erst hat sie mir drei Briefe geschrieben, die ich selbstverständlich unbeantwortet ließ. Nun ist sie doch gekommen. Was sag' ich, gekommen? Heute Vormittag, während Sie in Moabit waren, ist sie schon zum drittenmal hier. Das Rindvieh, der Hollunder, stottert immer, und dann bleibt sie. Ja, ich habe wahrhaftig weder Zeit noch Kraft für solche Person. In einer halben Stunde kommen die Amerikaner mit den Herren von der Disconto-Gesellschaft. Sie müssen mich von dem Igel befreien, Tübbeke.«

Jetzt hatte sich der Bureauvorsteher gefaßt: »Herr Justizrat -- ich glaube doch, Sie überschätzen das. Die Berta, lieber Gott -- die wird man leichter los, als Sie denken. Die kenn' ich doch, ich möchte sagen, aus den Windeln her --«

»Hm ... Ja ... Das weiß ich!«

»Außerdem ist sie doch nun jahrelang nicht bei Ihnen gewesen --«

»Das ist mir vollkommen gleichgültig! Ich will sie überhaupt in meinem Bureau nicht sehen!«

»Bloß nichts merken lassen -- um Gottes willen nichts merken lassen, Herr Justizrat!«

»Was soll das heißen? Was meinen Sie damit?«

Tübbeke hatte sich verplappert: »Na -- ich meine man bloß -- ich kenn' sie doch so weit -- in Güte kriegen Sie die zu allem -- bloß nicht im Bösen -- bloß nicht widerspenstig machen -- dann ist bei der kein Halten mehr. Das ist so'n Charakter, Herr Justizrat!«

»Aber was fällt Ihnen denn ein? Ich habe doch wahrhaftig nicht die geringste Veranlassung --«

Tübbeke schwieg verwirrt. Er kannte sich nicht mehr aus. Was durfte er noch sagen, und was sollte er verschweigen? Dieser Mann stellte ihn auf den gleichen Boden, und wenn er sich darauf bewegen wollte, ließ er ihn ausgleiten.

Schwarz fixierte ihn: »Sie meinen also am Ende gar -- ich soll das Geschwätz noch einmal anhören? Ich soll meine kostbare Zeit --«

»Wenn Sie die 'rausschmeißen, fängt sie Sie auf der Straße ab, und schließlich liegt sie draußen vor der Tür -- die kenn' ich!«

In diesem Augenblick klopfte es -- Herr Hollunder trat ein. Er war aber so verwirrt, daß er gegen die Vorschrift handelte und die Tür hinter sich offen ließ: »Herr Justizrat -- die Dame sagt, sie geht nicht wieder weg -- und sie will auch nicht länger warten --«

Schwarz schnellte empor: »Das ist ja --!«

Schnelle Schritte näherten sich -- plötzlich stand eine kleine, geputzte Person im Sprechzimmer. Sie hatte sich an Tübbeke und Hollunder vorbeigedrängt -- dicht vor dem Justizrat blieb sie stehen. Während dieser Haltung suchte, verschwanden die beiden Beamten schleunig. Jetzt sollte der starke Mann allein mit ihr fertig werden.

»Herr Justizrat -- seien Sie mir bitte, bitte nicht böse!«

Mit gefalteten Händen, ein banges Lächeln auf dem geröteten Gesicht, stand Berta vor ihm. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas Kindliches, von naiver Überzeugung Beherrschtes. Sichere Koketterie blinzelte auf sie nieder, denn so hübsch hatte er sie nicht in Erinnerung gehabt. Nun aber suchte er noch einmal die bewährte Erstarrung. Er schob die rechte Hand zwischen zwei Knöpfe seines Gehrocks und sagte: »Ich muß mich doch sehr wundern, gnädige Frau!«

»Herr Justizrat, Sie sind auch ein Mensch, der durchsetzt, was er will! Ich bin ebenso! In Amerika soll es ja auch so sein!«

»Wir sind nicht in Amerika!«

Berta setzte sich, ohne daß er ihr den Stuhl angeboten hatte. Sie ließ ihren flehenden Blick nicht von ihm: »Haben Sie denn meine Briefe bekommen?«

»Ich erinnere mich nur an einen Brief.«

»Drei hab' ich Ihnen geschrieben! Auf keinen haben Sie geantwortet!«

»Gnädige Frau, ich kann mich nicht einmal entschuldigen. Dabei kennt man mich überall als die Höflichkeit selbst. Aber Sie scheinen von einer ganz falschen Voraussetzung auszugehen. Sie wissen nicht, wo Sie sich befinden. Ich trage die Verantwortung für Millionen. In diesem Zimmer wird das Schicksal von Königreichen entschieden. Ich kann mich nicht mehr mit dem Kleinkram der Privatklienten abgeben.«

»Pardon, Herr Justizrat -- aber deswegen können Sie doch Briefe beantworten!«

»Ich kann es nicht! Ich bedaure ~sehr~! Hätten Sie einfach antelephoniert, dann wären Sie von meinem Personal aufgeklärt worden! Aber schriftliche Anfragen, für die ich kein Interesse habe, ~muß~ ich ignorieren!«

Er wurde so deutlich, wie nur möglich -- doch Berta lächelte ihn noch immer an. -- »Das seh' ich nicht ein«, sagte sie nach einer Weile. »Dann müßte es doch draußen an der Tür stehen -- sonst foppen Sie ja die Leute --«

»Erlauben Sie --!«

»Draußen steht aber bloß: ›Justizrat Schwarz, Rechtsanwalt und Notar, Sprechstunden von 10 bis 1 und 4 bis 6, außer Sonnabend.‹ Da kommt man eben mit seinen Angelegenheiten, und kann ich Ihnen bloß sagen: Meine Angelegenheit ist mir auch Millionen wert.«

»Das mag ja sein -- für ~Ihre~ Anschauung -- ~ich~ hingegen --«

»Nein, Herr Justizrat! Es kommt mir fast so vor, als ob Sie bloß ~mich~ nicht empfangen wollten, mich persönlich! Jawohl!«

Jetzt lächelte die kleine Frau nicht mehr. Ein tückischer Zorn glomm in ihren Augen. Viktor Schwarz stützte sich auf seine leise zitternden Hände. Aber er war gewappnet: »Da täuschen Sie sich vollkommen. Ich handle lediglich prinzipiell. Was sollte ich auch für einen Grund haben? --«

»Das weiß ich eben auch noch nicht. Sie könnten ja 'ne ganze Menge Gründe haben, Sie als Rechtsvertreter meiner Mutter.«

»Das bin ich längst nicht mehr. Frau Major von Rotkraut bedarf meiner Dienste nicht. Die lebt seit Jahren ihr schönes, stilles Leben in Strelenwalde.«

»Und von mir will sie nichts mehr wissen! Mich kennt sie nicht mehr! Ich hab' ihr versprechen müssen -- --«

»Was haben Sie Ihr versprechen müssen?«

»Na, es ist ja schon so lange her. Ich war noch ein halbes Kind damals. Jetzt brauche ich mich solchen Sachen Gott sei Dank nicht mehr auszusetzen. Ich bin eine angesehene Frau. Mein Mann hat ein großes Geschäft. Und meine beiden Kinder --«

»Aha -- so, so -- ja, sehen Sie mal, meine liebe Frau Rietschel -- das wollte ich Ihnen schon sagen -- mir scheint doch, daß in Ihrem Köpfchen alles durcheinandergeht. Sie verwechseln tatsächlich die Zeiten. Was wollen Sie denn eigentlich? Damals waren Sie als arme, kleine Buchhalterin bei mir -- ich erinnere mich noch genau -- und jetzt sind Sie in Samt und Seide -- als Gattin und Mutter in den glücklichsten Verhältnissen --«

Berta streckte abwehrend ihre Hände aus: »Ach, Herr Justizrat! Daß das bloß äußerlich ist -- das brauch' ich Ihnen doch nicht zu sagen!«

»Ich bin natürlich nicht weiter orientiert. Es interessiert mich auch nicht, wie gesagt --«

»Nein, Herr Justizrat -- mir geht es ~innerlich~ durchaus nicht besser, eher noch schlechter, als damals! Darum bin ich ja heute bei Ihnen!«

»Bei mir --«

»Sie sind der einzige Mensch auf Gottes Welt, zu dem ich Vertrauen habe! Sie sind mir geradezu im Traum erschienen!«

Viktor Schwarz spürte kalten Schweiß auf der Stirn. Er zog sich etwas mit dem Stuhl zurück: »Das ist mir ja sehr schmeichelhaft, aber --«

Berta folgte ihm. Ihr Ton änderte sich bei den nächsten Worten -- es wob sich etwas seltsam Vertrautes, eine geheime, bittende Mahnung zwischen ihnen an: »Sie werden mich nicht auch noch von sich stoßen! Sie verstehen mein Problem! Denn es ist ein Problem, Herr Justizrat! Gerade weil ich einen Vater für meine Kinder habe, entbehre ich selbst den Vater! Gerade weil ich jetzt Hoffnung fürs Leben habe, muß ich wissen, wer ich bin! Es ist doch furchtbar unrecht, daß man mich so ganz im Dunkeln läßt! Ich will ja garnichts weiter unternehmen! Ich will ja keinem Menschen lästig werden! Aber Sie, als ein Mann, der in der Welt steht, -- Sie sollten doch einen freieren Standpunkt einnehmen? Sie sollten sich doch am Ende meiner erbarmen!«

Der Justizrat erhob sich. Er ging, wie damals, zum Fenster und wandte sich ab. -- »Liebe Frau Rietschel,« sagte er dann nachdrücklich, »ich verstehe Sie -- ja, ja, ich verstehe Sie -- alle Taktfehler, die Sie mir gegenüber begangen haben, rechne ich Ihrer Erregung an. Aber lassen Sie mich jetzt noch einmal ehrlich und wohlwollend zu Ihnen sprechen. Ich kann Ihnen nicht helfen. Ihnen kann wahrscheinlich kein Mensch auf Erden helfen. Das müssen Sie nämlich selber tun. Sie wollen wissen, wer Sie sind? Ja, lieber Gott, wenn ich das wüßte! Und ich habe wahrhaftig meinen Vater gut gekannt! Nein, Frau Rietschel, getrieben werden wir alle, von einem dunklen Schicksal getrieben, und auf diese Weise müssen wir uns bewähren. Wissen Sie, was Ihr großer Fehler ist? Sie schweifen in die Ferne -- Sie sehen nicht, was Sie wirklich besitzen, und was Sie wirklich umgibt! Es ist geradezu sündhaft, daß Sie als Frau und Mutter sich mit solchen Gespenstern herumschlagen! Ihr Mann und Ihre Kinder können einem wahrhaftig leid tun! Verzeihen Sie, daß ich so offenherzig werde! Blicken Sie doch um sich -- wir leben doch unter wahrhaft großartigen Bedingungen! Jeder ist berufen, mitzutun! Das deutsche Ansehen steigt von Jahr zu Jahr! Ich und meine Geschäftsfreunde haben die Zügel der Zukunft in der Hand! Wir knüpfen jetzt ein festes Band zwischen Deutschland und Amerika und bleiben doch so deutsch, wie wir waren! Aber ich rede da von den größten Gesichtspunkten -- auch Sie in Ihrem engen, bescheidenen Wirkungskreise -- -- was ist denn los, Tübbeke?!«

Der Bureauvorsteher war eingetreten. Er schielte zu Berta hinüber: »Herr Justizrat -- die Herren von der Diskontogesellschaft haben telephoniert -- sie sind schon unterwegs.«

»Ja, mein Gott, dann müssen sie ja in einer Minute hier sein! Dann werden Sie mich hoffentlich entschuldigen, liebe Frau Rietschel! Es handelt sich um eine gewaltige Transaktion --«

Tübbeke entfernte sich wieder. Er war beruhigt -- der alte Fuchs wurde sie doch wieder los -- dem war sie nicht gewachsen. Berta aber starrte mit entrückten Augen den Mann an, der ihr die seltsame Rede gehalten. Sie spürte, daß er in der Erregung konfus wurde; aber seine Worte berührten sie wunderbar. -- »Ach ja, die große Welt, Herr Justizrat«, flüsterte sie, ohne sich vom Stuhl zu rühren. »Danach hab' ich ja solche Sehnsucht! Und wissen Sie, warum? Weil ich immer glaube, daß ich selbst dazu gehöre! Es ist mir ganz bestimmt nicht an der Wiege gesungen, daß ich als die Frau von einem Papierhändler versimple --«

Schwarz lief vor Nervosität durch das Zimmer: »Das mag ja alles sein! Obwohl -- an der Wiege wird einem überhaupt nichts gesungen! Und nun muß ich Sie bitten, Ihren Besuch für diesmal abzubrechen -- --«

»Das liegt aber einzig und allein an meinem Vater, daß ich diese Überzeugung habe! Das Blut von meinem Vater rumort in mir und läßt mir keine Ruhe! Meine Mutter ist mir ganz gleichgültig!«

»Und Sie sind es mir offen gestanden auch! Seien Sie mir bitte nicht böse! Aber Sie müssen fort, bevor die Herren von der Diskontogesellschaft --«

»Manchmal hab' ich das Gefühl, daß an mir die furchtbarste Ungerechtigkeit begangen wird! Geradezu 'ne Todsünde! Nicht mal die Konditorei von Mutter werd' ich erben! Und wenn ich Sie hier so höre -- wenn ich Sie so sehe in Ihrem Reichtum und in Ihrer Pracht --«

»Was dann? Was dann? Was dann?«

»Dann blitzt es plötzlich in mir auf -- -- könnte nicht mein Vater genau so sein? In ebensolcher Stellung? Und ich drücke mich 'rum -- ich bleibe klein und ungebildet --«

»Frau Rietschel, nehmen Sie jetzt bitte Vernunft an -- ich kann Sie nicht länger empfangen --«

»Wenn er mich wenigstens in 'ne höhere Töchterschule geschickt hätte -- standesgemäße Erziehung hilft einem heutzutage schon viel --«

»Sie zwingen mich, zu schärferen Mitteln zu greifen! Entfernen Sie sich augenblicklich, wenn ich bitten darf -- --«

Berta stand auf: »Ich gehe nur, wenn Sie mir sagen, wer mein Vater ist!«

»Unsinn! Das weiß ich nicht! Wie oft soll ich Ihnen das noch sagen!«

»Das ~müssen~ Sie wissen!«

Herr Hollunder trat ein: »Die Herren von der Diskontogesellschaft, Herr Justizrat.«

Jetzt bäumte sich Viktor Schwarz in rückhaltloser Wut. »Also bitte!« schrie er mit einer nicht mißzuverstehenden Handbewegung. Er wußte nicht, wie der Ausdruck seiner Augen sich veränderte. So blickte nur ein Mann sein Geschöpf an. Es war die unbewußte Autorität des Vaters.

Berta wich langsam zur Tür zurück. Eine Eingebung lähmte sie -- sie kam gerade noch hinaus, sie wollte wirklich nicht länger bleiben. An Onkel Tübbeke stolperte sie ohne Gruß vorbei. Dann stand sie auf der abendlichen Straße.

Langsam ging sie bis zum Gendarmenmarkt. Hier blieb sie an einer Droschkenhaltestelle stehen. Starr sah sie einem alten Schimmel zu, der beschaulich seinen Hafer knabberte.

»Na, Madameken?« fragte der Kutscher nach einer Weile. »Wollen Sie wat abhaben, oder wie ist es mit 'ne Fuhre?«

Berta sagte: »Großbeerenstraße 93« und stieg ein. Als sie in den hohlen Samtkissen der klappernden Droschke saß, flüsterte sie vor sich hin: ›Er ist es ... Er ist es selbst ... Die Augen ... Die Augen ...!‹

NEUNZEHNTES KAPITEL

Rietschel sah auf den Regulatur. Drei Viertel sieben. In zehn Minuten machte er Schluß, und Berta war noch nicht zurück. Den ganzen Nachmittag hatte sie sich herumgetrieben. Diese Frau stellte seine Geduld auf eine harte Probe.

Er wartete noch fünf Minuten. Wie unangenehm war es auch dem Personal gegenüber. Das bestand zwar nur aus einer Buchhalterin und einem Laufjungen -- alles andere tat das Ehepaar selbst -- aber Gedanken machten sie sich auch.

»Ich schließe heute selber, Fräulein Brotbäcker«, sagte Rietschel. »Ich habe noch 'ne Stunde zu tun.«

Er wollte wirklich arbeiten; aber als er allein war, verlor er bald die Geduld, drehte wütend alle Schlüssel herum und lief fort.

In der Großbeerenstraße empfing ihn Berta. Sie sah ihn mit so fiebrig glänzenden Augen an, daß er seinen Zorn vergaß und sich wieder Sorge machte.

»Na, was ist denn?« brummte er. »Du bist also direkt nach Hause gegangen? Dann telephoniere mir doch wenigstens. Das ist doch rücksichtslos. Ich habe mich natürlich geängstigt. Na, nun laß mich mal vorbei.«

»Peter, ich muß mit dir reden«, sagte sie mit eigentümlich getragener Stimme.

»Aber erst essen wir. Ich habe Hunger. So was Besonderes wird es ja nicht sein.«

»Es ist das Besonderste, was ich dir überhaupt jemals zu sagen hatte.«

Rietschel sah sie mißtrauisch an. Nach einer Pause fragte er: »Wie geht's denn den Kindern?«

»Heute konnte ich mich nicht um sie kümmern.«

»Nanu!«

»Weil ich selbst endlich als Kind empfinde.«

Rietschel stampfte: »Du, mir reißt bald die Geduld! Also laß es bleiben! Geh in die Eßstube und warte! Ich sehe selber noch mal nach dem jungen Gemüse!«

Das war Rietschels tiefster Zärtlichkeitsausdruck für seine Kinder. Er ging mit einem Ausdruck fort, als gälte es, sein Bestes zu verteidigen.

In der Kinderstube fand er die Kleinen schon in ihren Bettchen. Grete hielt Schneemanns weißen Pudelkopf, Paul aber fragte: »Wo ist denn Mutti?«

»Mutti hat zu tun. Mutti kommt später. Nun schlaft man, Kinder! Gute Nacht! Schneemann, du kommst mit!«

Er nahm den Pudel am Halsband und ging in das Eßzimmer. Hier hatte Berta ihm schon Kartoffeln geschält -- das rührte ihn wieder.

»Was kosten jetzt die Heringe?« fragte er sanft.

Sie antwortete nicht und sah ihn an, als ob sie taub wäre.

Er wiederholte seine Frage nicht und ließ erst das Essen vorüber. Nur als Berta immer wieder nach der Gilkaflasche griff, fuhr er auf: »Du hast ja schon drei getrunken! Das ist ja eklig!«

»Ich muß mich ein bißchen betäuben, Peter. Das ist so, wie wenn man Zahnweh hat.«

»Hast du denn Zahnweh?«

Sie lachte leise: »Nein ... Ich mein es nur so ... Trink du doch auch! Prost, mein Junge!«

Er stieß widerwillig mit ihr an. Dann war auch der Käse verzehrt, und Rietschel fragte, sich hastig den Schnurrbart wischend: »Wo warst du heute nachmittag?«

»Bei Herrn Justizrat Schwarz.«

Sie genoß seinen verblüfften Blick. -- »Was soll das heißen? Du wolltest doch bei Schlesinger & Co. den Fischleim bezahlen?«

»Das hab' ich auch getan. Aber die Hauptsache war mir Justizrat Schwarz.«

»Der in der Taubenstraße? Wo dein Onkel Bureauvorsteher ist?«

»Jawohl. Der ›Rechtsbeistand‹ meiner zärtlichen Mutter.«

Ihre Stimme bebte vor schmerzlichem Hohn. Sie war furchtbar erregt. Das verstand er jetzt. Er mußte vorsichtig sein: »Was wolltest du denn bei dem?«

»Ach, eigentlich« -- sie schlug mit der Hand durch die Luft -- »eigentlich wollt' ich nur wieder herauskriegen, wer mein Vater ist! Und das ist mir heute gelungen!«

»Wahrhaftig? ... Berta, du machst ja Spaß. Mit solchen Sachen spaßt man nicht.«

»Das ist nicht meine Absicht. Wirklich, Peter. Mir ist schauderhaft ernst zu Mut. Ich möchte mich am liebsten selbst zerreißen. Ich möchte die ganze Welt zerreißen.«

Sie begann schon mit der Serviette. Da hielt er ihren Arm fest: »Berta -- sei doch vernünftig! Um Gottes willen, wenn dich jemand hört! Du zitterst ja am ganzen Leib!«

Er stand auf und führte sie zum Sofa. Es war die erste Zärtlichkeit nach Monaten. Das tat ihr wohl. Sie saß wie ein Kind bei ihm und weinte. Dann wurde sie ruhiger -- er spürte es.

»Also, nun erzähle mir mal -- ich bin doch dein Mann -- mir kannst du alles sagen. Ich hab' ja schon lange gemerkt, daß sich was vorbereitet. Du konntest nicht mehr schlafen -- du hast auch gar nicht mehr richtig gegessen -- und dann der viele Schnaps ... Wenn dir nur das Bücherlesen nicht geschadet hat --«

»Im Gegenteil, Peter. Ohne meine Bücher wäre ich ganz verkommen.«

»Bei mir?«

»Du hast keine Schuld.«

»Und die Kinder?«

»Die auch nicht. Es ist alles in mir selbst. Meine beiden Naturen, Peter. Die vom Vater und die von der Mutter. Bei dir ist alles viel einfacher.«

Rietschel dachte: ›Wenn es bei dir man nicht auch sehr einfach ist.‹ Aber er unterdrückte diesen Gedanken. -- »Was wolltest du also bei dem Justizrat?«

»Du weißt doch, daß ich als Mädel schon bei ihm war?«

»Das hast du mir erzählt. Aber er hat damals nichts 'rausgerückt.«

»Und du bist doch auch überzeugt, daß er ganz genau Bescheid weiß, wie es mit meinem Vater steht?«

»Berta, wer kann das behaupten? Vermutungen haben da gar keinen Zweck. Und als Rechtsanwalt braucht er dir kein Wort zu sagen.«

»Nein, damit ließ ich mich so lange hinhalten. Aber plötzlich ist es wieder über mich gekommen. Ich kann dir das nicht erklären, Peter. Ich mußte jetzt unter allen Umständen wissen, wer mein Vater ist. Ich konnte so nicht länger leben, Peter.«

»Und du hast vorhin gesagt -- -- du weißt es jetzt?«

»Ja, es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Es war der unglaublichste Moment, den ich jemals erlebt habe. Ich saß bei ihm -- bei dem Justizrat, Peter -- und er war wieder so glatt und schleimig -- genau wie ein Aal glitt er mir durch die Finger -- aber plötzlich wurde er furchtbar böse -- da ließ er die Maske fallen, verstehst du -- und da -- --«

»Da hat er es dir gesagt?«

»Kein Wort hat er mir gesagt! Das tut er nicht! Aber ich wußt' es! Aus mir selber! Jetzt bringt mich kein Mensch mehr davon ab! Justizrat Schwarz ist mein Vater! Kein anderer!«

Rietschel starrte seine Frau an. Dann stand er langsam auf.

»Du glaubst es wohl nicht?«

»Berta -- wenn er es nicht zugegeben hat -- schriftlich oder vor Zeugen -- bloß weil du den Eindruck hattest --«

»Der genügt vollständig! Jetzt weiß ich genau, was ich zu tun habe! Aber ich glaube, du übersiehst die Sache noch nicht --«

»Was soll ich denn übersehen?«

»Na, du als gewiegter Geschäftsmann -- lassen wir mal meine Person aus dem Spiel -- aber wenn ich jetzt meinen Vater kenne -- wenn ich jetzt meine Ansprüche stelle -- Justizrat Schwarz ist vielfacher Millionär -- Kinder hat er nicht -- ich bin, soviel ich weiß, das einzige -- --!«

»Ja, ja ... Na ja ... Das ist ja alles möglich. Aber ich sehe nicht, wie du überhaupt was erreichen willst -- du hast doch nun mal keinen Beweis in Händen.«

»Glaubst du, daß es mir jetzt noch schwerfallen wird, ihn zu bekommen?«

»Das glaub' ich allerdings! Was du mir gesagt hast, das sind lauter Illusionen! So einer ist mit allen Wassern gewaschen! Wenn der gemerkt hat, was du vorhast --«

»Das soll er nur merken! Das will ich!«

»Glaubst du, mit dem wirst du fertig? Der will dich doch los sein! Dem bist du doch unbequem! Der bedankt sich für ne uneheliche Tochter! Das schadet ihm bei den Leuten! Der verleugnet dich, und wenn er vor dem lieben Gott steht!«

»Kann er das?!«

»Können kann er alles! Nach meiner Überzeugung hat er mit den Alimenten schon getan, wozu er verpflichtet war! Seine Person kannst du nicht antasten! Er wird dir einfach den Rücken drehen und die Majorsche in Strelenwalde, die erst recht! Bei Tübbeke haben sie auch die Mäuler gestoppt!«

Während Rietschel mit großen Schritten umherging, lehnte Berta sich in das Sofa zurück. Ihr Gesicht wurde ganz klein und bleich. -- »Es ist schrecklich,« flüsterte sie -- »daß du einem immer gleich den Mut nehmen mußt ...«

»Zum Donnerwetter!« schrie Rietschel. »Damit ich dir ein bißchen Sinn für die Wirklichkeit gebe! Ich bin doch dein Mann! Das muß ich!«

»Und daß die Zukunft deiner Kinder davon abhängt? Daß unser ganzes Leben plötzlich einen Umschwung kriegen kann -- das siehst du nicht?«

»Ach, du meinst am Ende, wenn wir die Millionen von Herrn Justizrat Schwarz erben! Von deinem ›Papa‹?! Nee, liebe Berta -- darum leg' ich mich noch nicht 'ne Minute aufs Kanapee! Mein solides Geschäft und mein gesunder Menschenverstand -- die sind mir sicherer!«

Sie erhob sich und ging mit schleppenden Schritten zur Tür. -- »Also gut«, sagte sie dort müde. »Dann muß ich eben allein kämpfen. Das bin ich ja gewohnt. Ich schwöre dir -- ich setze es durch, ich zwinge den Mann, ich gebe mein gutes Recht nicht auf!« --

Als Rietschel allein war, überlegte er sich die Sache noch einmal. Seine Lebenserfahrung kam nun doch zu einem anderen Ergebnis. Hätte Berta nicht so hilflos vor der Wirklichkeit gestanden, wäre sie nicht in der Tat ein ›Kind‹ geblieben -- sie hätte schon Mittel gehabt, um die Vaterschaft des Herrn Justizrates festzustellen. Aber sie tappte an jeder praktischen Möglichkeit vorbei. Sie ließ sich von Gefühlen mitreißen. Die Vereinsamung ihrer Jugend rächte sich. Rietschel aber durfte sie nicht aufklären. Er lieferte sie sonst nur noch mehr den Wahnideen aus. Sie war dieser Welt nicht gewachsen. Er mußte für die Beruhigung sorgen. Was sie umgab, das war ihr Glück -- sonst nichts.

Nach der Unterredung mit ihrem Mann wurde Berta still und undurchsichtig. Rietschel bekam seine Ruhe, aber es war eine Ruhe, die ihm nicht wohltat. ›Vor dem Sturm‹, dachte er oft. Berta war wieder pünktlich und fleißig, doch ihre Tätigkeit blieb mechanisch, sie hatte die Tür zu ihrem Innern verschlossen. Daß sie von ganz anderen Dingen erfüllt war, wurde immer deutlicher.

Aber sie hatte von Rietschel gelernt. Der Zusammenstoß mit dem hellen Sachsen wirkte auf ihre dumpfe Leidenschaft. Sie kam zu der Erkenntnis, daß sie sich nichts verderben durfte. Gerade weil sie nun ganz auf sich gestellt war, mußte sie jeden Schritt auf das Ziel richten. Sie glaubte endlich die Aufgabe ihres Ehrgeizes gefunden zu haben. Rietschel sollte staunen, ganz Berlin sollte staunen. Sie genoß schon in stillen Traumstunden ihren Triumph.

Aber die Stärke des Gegners verkannte sie nicht. Emsig arbeitete sie an ihrem Kriegsplan. Wie ein kluger Jäger wollte sie die Schlingen legen, in denen der große Herr Justizrat sich verfing.

So gab sie jeden Gewaltstreich auf und verlegte sich darauf, den Gegner zunächst zu beunruhigen. Er sollte es immer im Bewußtsein haben, daß sie vorhanden war, er sollte keinen Tag mehr vor ihr sicher sein. Daß diese stille, zähe Verfolgung nur ~einen~ Grund und ~einen~ Zweck haben konnte, wurde einem Mann von seiner Intelligenz natürlich klar. Er hatte ja kein gutes Gewissen. Er wehrte sich, solange es ging. Vielleicht war er schließlich froh, wenn sie es gut mit ihm meinte, ihm ihre traurige Jugend verzieh und eine Stütze seines Alters wurde ...

Da ließ sie sich schon wieder zu schönen Träumen hinreißen! Nein, so weit war sie noch nicht, noch lange nicht! Noch saß er auf seinem Thron und wehrte alles ab, was ihm gefährlich werden konnte ...

Keine Gelegenheit, über Justizrat Schwarz etwas zu erfahren, ließ Berta unbeachtet. Sie abonnierte das ›Berliner Tageblatt‹, wenn Rietschel auch darauf schimpfte. Hier glaubte sie den Bannkreis des Justizrates am besten zu überblicken. Jede Versammlung, jedes Fest, das er besuchte, konnte sie durch ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung herausbekommen. Selbst zu diesen Veranstaltungen zu gehen, war ihr nur selten möglich; denn erstens war es zu teuer, und zweitens fehlte ihr die Persönlichkeit, um dort Figur zu machen. Vorläufig konnte sie sich noch nicht dort bewegen, wo ihr Vater sich bewegte ...

Aber sie lauerte ihm auf. Sie spionierte, wo er zu finden war. Wenn er, nichts ahnend, in heiterer Geselligkeit einen Saal verließ, stand Berta plötzlich in der Garderobe und zwang sich in seinen Blick. Er kam nicht an ihr vorbei, er mußte sie grüßen. Dann grüßte sie stets mit der höchsten Liebenswürdigkeit wieder, auch mit einer Vertraulichkeit, die ihn ärgern mußte. Sie zeigte dabei ein vornehm geheimnisvolles Lächeln, von dessen Wirksamkeit sie überzeugt war. Das hatte sie sich zu Hause vor dem Spiegel einstudiert.

Zu einer Ansprache kam es freilich nie. Der Vielgewandte schlängelte sich immer wieder an ihr vorbei. Als die Begegnungen sich häuften, kam eine hochmütige Verwunderung in seine Züge, aber er wahrte die Form, er grüßte, und Berta dankte, als wollte sie sagen: ›Ich kriege dich doch.‹

Was mußte er sich denken? Nur eines war möglich: ›Sie weiß jetzt, wer ich bin. Nun will sie mich quälen, nun will sie mich lächerlich machen am Ende. Entweder wird sie mein bester Freund oder mein bitterster Feind.‹

Ja, das waren unbedingt seine Gedanken. Dennoch wurde dieses Spiel von Katz' und Maus schließlich qualvoll. Berta war kein freier Mensch mehr. Es war unendlich schwierig, Geschäft und Haushalt mit der Vaterjagd zu vereinigen. Zwischen Rietschel und ihr wurde nichts mehr ausgesprochen. Der Zündstoff sammelte sich. Wenn Bertas Zerstreutheit ihr einen Streich spielte, gab es kostspielige Dummheiten. Sie schädigte ihren Mann um Hunderte. Aus der einst so tüchtigen Gehilfin war sein Niedergang geworden. Auch brauchte Berta jetzt erheblich mehr für ihre Privatausgaben. Wohin es kam, das viele Geld, konnte Rietschel nur ahnen. Er verschluckte seinen Ärger so lange, bis ihm schließlich der süßeste Bliemchenkaffee nicht mehr schmeckte.

Schlimmer aber noch stand es um die heranwachsenden Kinder. Bertas Sorge war ihnen treu, doch was sie tat, konnte ebensogut eine fremde und bezahlte Person tun. Das spürten die erwachenden Seelen. Wo Innigkeit sein sollte, fanden sie Zwang; wo das beste Ausruhen war, eilte ein gehetzter Mensch vorüber. Die Kinder fühlten sich ohne Schuld und trauerten unbewußt um ihr Bestes. Ja, wenn es eine böse Stiefmutter gewesen wäre, wie die in den Märchenbüchern -- aber es war ja ihre gute, leibliche Mutter.

Berta sah nur in lichten Augenblicken, was vorging. Ihre Kinder waren sauber und gepflegt, wie sonst -- dennoch glichen sie Verwaisten. Sie wurden ernst und still, sie hatten etwas Fragendes im Blick, was jeden Empfänglichen ergreifen mußte.

Ob es ebenso auf Rietschel wirkte, war nicht zu ersehen. Er wandte seine Gefühle ingrimmig dem Pudel Schneemann zu. Damit waren Paul und Grete ganz einverstanden. Schneemann blieb das neutrale Gebiet -- an seiner klugen Drolligkeit konnten sie sich alle aufrichten.

Nur etwas wurde Rietschel unerträglich: Was sollten die Leute von seiner Frau denken? Bertas sonderbares Leben geheimzuhalten, war nicht möglich. Das Dienstmädchen genügte schon, den Klatsch in Gang zu bringen. Das wußte, daß Frau Rietschel mindestens drei Abende in der Woche nicht zu Hause war. In seiner Ehre war Rietschel am empfindlichsten -- kein großer Zorn, sondern ein wühlender Ärger kam über ihn. Berta war ja anständig. Er fürchtete nur Mißdeutung. Wo er konnte, kämpfte er mit Ausreden für ihren guten Ruf. Er schilderte ihre Begeisterung für Theater und Musik, ihr Interesse für Versammlungen. Eines Abends aber, als Berta erst um Mitternacht nach Hause kam, fuhr er sie plötzlich an: »Wo warst du heute?«

»Ich? Im Opernhaus.«

»Das glaub' ich nicht! Du bist wahrscheinlich wieder bloß draußen 'rumgebummelt! Ich habe dich schon dreimal so gesehen!«

»Belauerst du mich?«

»Ich will bloß verhüten, daß du ins Gerede kommst! Ich interessiere mich noch für den Ruf meiner Frau! Das ist ja in Berlin sonst nicht mehr Mode!«

»Was soll das alles? Ich war im Opernhaus, ich habe ›Zar und Zimmermann‹ gehört. Buls hat das Lied ›Ach selig, ach selig, ein Kind noch zu sein‹ viermal gesungen. Hier ist der Abschnitt vom Billett. Genügt dir das?«

Er starrte sie verblüfft an. Mit der wurde er nicht fertig. Aber ~warum~ ging sie ins Opernhaus? Er ahnte mancherlei. -- »Na jedenfalls -- die Geschichte wird mir zu teuer«, sagte er abschließend.

»Ich wüßte nicht, daß du mir schon ein Billett bezahlt hast. Ich bestreite solche Nebenausgaben von meinem Sparkassengeld. Damit basta!«

Er knurrte nur noch vor sich hin und beschloß, sich morgen einmal um die Portokasse zu bekümmern. --

Im Sommer verreiste Justizrat Schwarz. Da mußte Berta pausieren. Ihren Plan, ihm nach Karlsbad zu folgen, gab sie auf. Das ging denn doch nicht. Als er aber wieder in Berlin war, wußte sie es sofort, denn sie verstand sich darauf, am Telephon mit verstellter Stimme zu sprechen. Herr Hollunder sagte ihr alles. Nun nahm sie mit ausgeruhten Kräften die Verfolgung wieder auf. Der Herbst verging, und bis Neujahr ließ der Justizrat es sich gefallen. Als er aber an einem Januarabend zum Presseball ging, und Berta vor der Philharmonie auf ihn wartete, wurde es ihm zuviel. Er war heute ohnehin schlecht aufgelegt, denn es war ein richtiges ›Sauwetter‹, und er hatte keinen Wagen bekommen. So senkte er wütend seinen Regenschirm in die Richtung, wo die kleine Frau stand. Gleichsam hinter einem Schilde stampfte er an ihr vorbei. Mochte sie ihm nur betroffen nachstarren -- Jetzt wußte sie wenigstens, woran sie war.

Im Saal aber interessierte er ich nur für ~eine~ Begegnung. Minister, Geheimräte und berühmte Dichter waren ihm heute gleichgültig -- er suchte Gusti Bernhardi. Die hatte nun schon ihre Jugend hinter ich, aber sie war noch immer eine stattliche Frau, und ihre Wiener Lebenslust war nicht zu knicken. Als Schwarz sie endlich entdeckt hatte, zog er sie in einen Nebensaal und gestand ihr dort bei einer stillen Flasche, was ihn bedrückte.

»Gusti,« schloß er, »ich weiß, du hast dir von heute Abend was anderes versprochen; aber ich weiß auch, daß du die klügste Frau bist, der ich in meinem Leben begegnet bin. Du hast mich noch nie im Stich gelassen -- nun rate mir, bitte, in dieser Sache.«

Gusti Bernhardi sah ernst auf ihren Busen nieder, den ein großer Brillantschmuck zierte -- sie antwortete noch nicht.

Er sah sie zweifelnd an: »Stört dich die Sache etwa? Bist du enttäuscht, daß ich ein uneheliches Kind habe? Das hätt' ich bei dir allerdings --?«

»Wart's doch ab, mein Lieber«, sagte sie jetzt. »Ich muß mir's erst überlegen. Es wundert mich allerdings, daß ein so gescheiter Mann, wie du, so dumm und unüberlegt handeln kann.«

Er brauste auf: »Pardon! Das geht denn doch ein bißchen zu weit!«

»Aha! Wenn man bei dir aufrichtig wird, stößt man sofort auf die liebe Eitelkeit! Wenn Sie ein großer Mann werden wollen, müssen Sie sich die Eitelkeit abgewöhnen, hat, glaub' ich, Talleyrand gesagt.«

»Unsinn -- ich bin nicht eitel -- ich habe nur mein Selbstbewußtsein. Außerdem bin ich zu gutmütig -- viel zu gutmütig. Wie hätt' ich denn anders handeln sollen? Ich kann doch die Person nicht niederschießen! Außerdem ist sie, wie ich dir schon gesagt habe --« hier dämpfte er seine Stimme und blickte scheu umher -- »sie ist tatsächlich meine Tochter.«

»Aber wie du sie mir schilderst, ist sie auch ein bißl verrückt. Das ist immer gefährlich. Der kleinste Spleen kann das größte Unglück anrichten. Ich bin überzeugt, daß sie jetzt gemerkt hat, daß ~du~ gemerkt hast --«

»Was soll ich gemerkt haben?!«

»Schrei nicht so -- der Kellner macht schon Augen. Ihr spielt doch Verstecken miteinander. An der Art, wie du sie behandelst, merkt sie, daß du weißt -- was sie gemerkt hat. Herrgott, ist das eine verzwickte Geschicht'!«

»Ich habe nie etwas zugegeben -- mit keinem Wort, mit keiner Miene --«

»Na, deiner Miene bist du nicht sicher, lieber Vicki! Aufs Wort verstehst du dich ja -- das muß dir der Neid lassen. Selbstverständlich wirst du dich nie verschnappen, aber sie weiß jetzt, wie lästig sie dir ist, und das kann nur einen Grund haben.«

Schwarz schenkte mit finsterer Miene die beiden Gläser voll. -- »Und was wird sie tun?« fragte er nach einer Weile.

»Mit dem Verstand nichts, was du zu fürchten hättest. Aber ~ohne~ Verstand --«

»Was willst du damit sagen?«

»Daß du sie allmählich närrisch machst, wenn die Geschicht' so weiter geht. Dann schnappt sie über, und plötzlich kommt ein Krach, an den du ewig denken wirst. Außerdem, wenn sie auch unrecht kriegt -- ein Skandal ist immer dabei, und an dir bleibt er hängen. Du kennst doch die Menschen.«

Schwarz stützte den Kopf in die Hand: »Freilich, freilich. Und ich sage dir, Gusti, einen Skandal ~darf~ es nicht geben! Jetzt gerade -- das große englische Geschäft -- ich habe mich persönlich dafür eingesetzt -- und die Engländer sind ja so schrecklich moralisch. Eher kann ich ihnen eine Million verlieren, als -- --«

»Als daß du eine uneheliche Tochter hast? Das kann ich mir doch nicht vorstellen. So sind die Engländer auch nicht --«

»Das verstehst du nicht! Es kommt bei jedem Unternehmen auf die Basis an! Die Basis ~dieses~ Unternehmens ist die Sittlichkeit!«

»Ja, ja. Aber wenn du so penibel sein mußt -- Herrgott, dann wär's doch das beste, du verständigst dich mit ihr? Du läßt sie, soweit es möglich ist, zu ihrem Recht kommen?«

Schwarz schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Kellner sprang herbei: »Noch eine Flasche, Herr Justizrat?«

»Nein! Danke! -- Jetzt redest du sehr dumm, liebe Gusti. Eine Verständigung ist vollkommen ausgeschlossen. Wenn ich ihr irgendein Recht einräume -- wenn ich überhaupt nur zugebe, daß eine Vaterschaft besteht -- -- es ist nicht auszudenken! Erstens bin ich nicht mehr jung und in einer weithin sichtbaren Position -- und sie -- du kennst sie ja nicht -- sie ist ein kleiner, dicker Purzel mit so lebhaften Augen, daß sie an sich schon etwas Komisches hat! Wenn ich die in Berlin plötzlich als meine Tochter vorstelle -- fürchterlich! Außerdem der Ballast, der an ihr hängt, die Familie! Mir schwindelt bei dem Gedanken, daß ich mit Herrn Rietschel verkehren müßte, daß seine beiden Gören am Ende Großpapa zu mir sagen -- -- warum lachst du denn, Gusti?!«

Seine Freundin hatte sich plötzlich zurückgelehnt und verfiel einer herzlichen Heiterkeit. Dann faßte sie sich: »Ach, Vicki -- nimm mir's nicht übel -- aber die Konsequenzen des Lebens sind gar zu komisch! Ja, man sollt' es sich wirklich überlegen mit der Liebe, wenn man jung ist! Aber das geht halt nicht! Weise wird man erst mit der Glatzen! Pardon, Herr Justizrat, ich krieg' ja auch schon graue Haare! Aber nun ernsthaft: Ich seh's ein -- du darfst ihr nicht den kleinen Finger reichen, sonst nimmt sie die ganze Hand. Du selbst kannst nur passiv Widerstand leisten -- handeln muß ein anderer!«

Schwarz fuhr auf: »Du, Gusti! Du!«

Gusti streichelte ihn: »Du tust mir wirklich leid, und darum will ich's versuchen. Laß mir freie Hand. Ich hab' schon eine Idee. Die werd' ich kurieren, die muß ich kurieren. Außerdem interessiert mich die Geschicht'. Da schaut man doch mal ein bißl ins Leben hinein, und das war mir immer lieber als alle Romane.«

»Was hast du vor? Du willst wahrscheinlich, ganz unabhängig von mir, ihre Bekanntschaft machen? Hab' ich's getroffen?«

»Sehr richtig, Vicki. Aber weiter sag' ich dir nichts. Das andere wart' nur ab, bis ich Bericht erstatte.«

Als Berta an einem der nächsten Nachmittage allein im Laden war, überhörte sie, daß eine Dame eintrat. Die saß in schweren Gedanken hinter der Kasse. Die plötzliche Wandlung des Justizrates an dem Abend, da sie ihn vor der Philharmonie erwartete, vergaß sie nicht. Seine ganze Haltung zeigte äußerste Erbitterung. Das war an sich ganz gut, Ärger gönnte sie ihm; aber das hübsche Zufallsspiel war nun aus, und sie konnte sich von ihrem eigenen Vater nicht behandeln lassen.

»Verzeihung -- aber ich möchte gern ein hübsches Briefpapier.«

Berta fuhr empor. Eine Kundin -- sie hatte sie garnicht bemerkt. Rasch stand sie auf und entschuldigte sich. Nachdem sie einige Kartons vorgelegt, war die Dame mit der Wahl beschäftigt. Nun konnte Berta sie betrachten. Es war ihr immer besonders lieb, eine Frau der großen Welt in Augenschein zu nehmen. Hier hatte sie ein Exemplar vor sich, das sie direkt begeistern konnte. Gerade weil die Dame nicht mehr jung war -- Berta verachtete die unerfahrene -- wirkte sie vorbildlich. Sie hatte die etwas anrüchige Eleganz, die Männern großen Stils gefiel. Sie sah gescheit aus und gutherzig -- jedenfalls mußte sie sehr frei in ihren Anschauungen sein.

›So wie die möcht' ich werden -- genau so‹ dachte Berta seufzend -- da richtete die Dame sich auf und sagte liebenswürdig: »Also das da -- bitt' schön -- was bin ich schuldig?«

»Acht Mark fünfzig, gnädige Frau.« Berta wickelte den Karton ein -- dann wagte sie plötzlich eine Frage: »Sind gnädige Frau vielleicht aus Wien?«

Die Dame lächelte sie mit ihren klugen Augen an: »Denken Sie, und ich wollt' Sie grad' fragen, ob Sie nicht von außerhalb sind.«

»Sprech' ich denn nicht berlinisch?«

»Nein viel feiner. Das hör ich gleich. So wie Sie sprechen, das erinnert mich lebhaft an vornehme Schlesier. Ich kenn' dort den Adel recht gut.«

Berta wurde ganz blaß vor Genugtuung: »Ach, Gott, mit dem schlesischen Adel hab' ich nichts zu tun; aber es freut mich riesig, daß Sie bei mir eine vornehme Sprache finden. Ich glaube, Sie können so was ganz besonders gut beurteilen.«

Gusti Bernhardi beugte sich über den Ladentisch: »Sie sind ja eine ganz scharmante kleine Frau. Ja, so was entdeckt man plötzlich in Berlin -- das blüht im Verborgenen, bei ganz bürgerlichen Leuten. Sie verzeihen schon ...«

»Ach gnädige Frau, was glauben Sie, wie bürgerlich mir es hier vorkommt! Hier erstickt man! Hier hat man schon jede Hoffnung begraben!«

»Das müssen Sie nicht, das dürfen Sie nicht. Sie haben sicher ein kolossales Talent fürs Leben.«

»Ach -- meinen Sie wirklich --?«

»Darf ich Ihnen sagen, was ich für eine Empfindung hatte, als ich hier eintrat, und Sie so ganz verträumt hinter der Kasse saßen?«

»Sagen Sie mir bitte alles!«

»Ich dacht' mir, das ist ja ein Dornröschen. Wer die aufwecken kann, gewinnt sich einen Schatz. Ich red' jetzt nicht von Männern, denn Sie sind ja verheiratet, Sie haben wahrscheinlich Kinder --«

»Zwei -- und einen Mann. Aber das -- das ist es nicht, was mich rettet. Ich stecke in Kämpfen -- davon versteht hier kein Mensch was ...«

»Das kann gewiß nur eine Frau verstehen. Eine richtige Freundin!«

»O, wenn ich die hätte!«

»Da trifft sich Ihre Sehnsucht mit mir. Ich lebe schon zwanzig Jahre in Berlin und habe noch immer keine Freundin gefunden. Was meinen Sie, liebe Frau Rietschel -- wollen wir zwei es mal miteinander versuchen?«

Berta starrte ganz betäubt vor Glück die wunderbare Frau an. -- »Ich weiß ja garnicht, was ich sagen soll«, stammelte sie.

»Das wird schon kommen. Aber nicht hier. Dazu müssen wir ganz allein sein. Wissen sie was? Sie schließen doch um sieben, und ihr Mann scheint heut nicht dazusein. Da komm' ich um sieben wieder und warte draußen auf Sie. Dann gehn wir zusammen spazieren, und Sie erzählen mir von Ihrem Leben.«

ZWANZIGSTES KAPITEL

Frau Bernhardi wartete in einem Taxameter auf Berta. -- »Steigen Sie nur bitte ein, Liebste,« sagte sie, ihr die Hand in braunem Wildleder entgegenstreckend -- »hier in der grausligen Geschäftsgegend kann man ja doch nicht spazierengehen. Wir fahren rasch hinaus. Wohin möchten Sie denn? In den Tiergarten?«

Berta saß neben ihr und sog den Duft ein, der ihrem kostbaren Pelzmantel entströmte. -- »Ach wissen Sie,« antwortete sie mit geschlossenen Augen, »am liebsten möcht' ich zum Kurfürstendamm. Wundern Sie sich bitte nicht darüber. Ich weiß, da ist es sehr lebhaft, da wird man immer angeguckt; aber ich komme am besten zum Reden, wenn ich die vielen Leute sehe. Das reizt mich, wissen Sie, das macht mich klar, wenn ich vor mir habe, was ich doch nicht erreichen kann.«

Die Freundin nickte mit unbestimmtem Lächeln: »Hm ... ich versteh' schon. Aber Sie meinen gewiß: was Sie nicht zu erreichen glauben? Wir werden ja sehen.« -- Sie öffnete die Wagentür und rief hinaus: »Also zu Schilling, Kutscher! Kurfürstendamm!«

Behaglich lehnte sich Gusti Bernhardi wieder zurück: »Da haben wir's nett. Herumlaufen kann man jetzt doch nicht mehr bei der Kälte. Sie kennen doch Schilling?«

»Nur von außen.«

»Na, Ihr Mann scheint aber wenig Sinn für das wahre Berlin zu haben.«

Das ›wahre Berlin‹, das Gusti Bernhardi meinte, hatte sich in den letzten Jahren sehr verschoben. Der Westen der Potsdamer Straße war immer mehr Geschäftsgegend geworden, und das Tiergartenviertel wurde zur stillen Insel konservativer Solidität. Die amerikanisierten Berliner strebten über den Zoologischen hinaus nach Schöneberg und Wilmersdorf. Um die Kirche des alten Wilhelm, die der archaisierende Protestantismus des jungen erbaut hatte, schwirrten alle Konfessionen, Sitten und Werte. Von hier gingen die Strahlen ins Neuland der Weltstadt aus. Die Tauentzienstraße löste allmählich die Friedrichstraße ab. Der Kurfürstendamm zielte auf die Verbindung Berlins mit dem Grunewald, und das Bayerische Viertel hörte dort auf, wo es eben wieder anfing. Es war ein sichtbares Wachsen und Werden.

Berta liebte diese Gegend wie keine andere in Berlin. Gerade weil sie von jeher nach C und O verbannt gewesen, glaubte sie im Westen den Sinn der Zukunft. Die Frau aber, mit der sie diese Straßen jetzt wiedersah, nahm sie wirklich auf; denn sie gehörte dazu, sie war der ›Typ‹ der neuen Dame.

Bei Schilling genossen sie gute Dinge und kamen noch nicht zum Ernst des Lebens. Es gab zuviel zu sehen und zu hören. Gusti Bernhardi entwickelte ihre ganze Kennerschaft von Toilettegeheimnissen und Skandalen. Berta wurde so vergnügt, daß sie den tiefen Seelengrund der neuen Freundschaft vergaß. Andächtig lauschte sie der überlegenen Frau. Als Gusti zum zweitenmal Benediktiner kommen ließ, schwand ihre letzte Hemmung.

»Kind, wie ist das nett, daß Sie sich noch so an allem freuen können«, sagte Gusti Bernhardi, Bertas Hand tätschelnd. »Das genieß' ich förmlich. Aber geben Sie Obacht -- das hier ist noch garnichts. Nächstens nehm' ich Sie in den Kaiserhof mit, zum five o'clock.«

»Was ist das eigentlich?« fragte Berta, an ihrem Likör saugend. »Das hab' ich schon so oft gehört. Feif o clock. Hängt das mit Pfeifen zusammen?«

Gusti lachte: »Nein! Aber Sie haben ganz recht -- wozu englisch reden, wenn man Fünfuhrtee sagen kann?«

»Ach so! Ach das ist es! Aber das soll ja so schrecklich vornehm sein! Da pass' ich doch nicht hin! Mit meiner Fahne!«

»Unsinn! Das Kleid ist sehr nett, und Sie sind ja jung und hübsch! Das ist die Hauptsache! Außerdem wird das bürgerlich Solide jetzt eben wieder modern!«

»Das wird modern? Wie kommt denn das? Das versteh' ich nicht!«

»Nur einen neuen Hut müssen Sie haben!«

»Ach ja, mein größter Wunsch! Ein schicker Hut! Ein wirklich schicker Hut! Nicht immer die olle Rietsche! Daran merkt man ja gleich, daß ich Rietschel heiße! Herrgott, jetzt hab' ich wirklich einen Schwips!«

Gusti klopfte lachend ihren Arm: »Das macht nichts, macht nichts! Das steht Ihnen ausgezeichnet! Aber Sie sollen den Herrn Gemahl nicht um den neuen Hut bitten -- der ist nicht auf der Höhe, der verdirbt Ihnen nur die Stimmung! Jetzt heißt es für Sie, auf ~meiner~ Linie bleiben!«

»Ach ja!«

»Versprechen Sie mir, daß Sie es richtig auffassen, wenn ich Ihnen einen wundernetten, neuen Hut anbiete, den ich doch nicht tragen kann! Pariser Modell -- Madame Kühne hat ihn für mich kommen lassen! Aber mir steht er nicht! Ich bin nicht jung genug dafür! Sie werden entzückend damit aussehen!«

Berta wischte sich die Augen: »Sie sind zu gut zu mir -- viel zu gut, Frau Bernhardi.«

»Sagen Sie doch Gusti zu mir -- und ich sage Berta -- topp, das gilt! Also übermorgen holen Sie mich um vier in meiner Wohnung ab, und dann mach' ich Sie ein bißl zurecht, und dann ziehn wir los, wie der Berliner sagt! Herzig, wie die kleine Frau sich freuen kann! Wissen Sie, liebste Berta -- Ihren Mann begreif' ich nicht!«

Ein Schatten kam auf Bertas Gesicht. Sie ließ den Benediktiner los und lehnte sich zurück: »Ach Gusti -- den kann man schon begreifen. Wie der, so sind wohl viele. Bloß daß ich an ihn geraten bin -- das ist das Malheur. Er ist ja gewiß sehr tüchtig und anständig und fleißig und ein guter Vater -- aber ich hätte mir doch einen andern Mann nehmen sollen!«

Gusti legte die Hand aufs Gesicht, weil sie ein Lächeln verbergen wollte: »Hm ... Das sagt man sich oft ... So büßen viele Frauen ihre Illusionen.«

»Nein, sehen Sie mal -- Rietschel ist so: er ist -- wie soll ich das gleich sagen? -- er ist nicht sensitiv. Er weiß nicht, was in mir vorgeht. Er kümmert sich viel mehr um unsern Pudel, wenn dem etwas fehlt -- das sieht er, das versteht er.«

»Ja -- dann bleibt eben nichts anderes übrig -- dann muß man halt selbst zu seinem Recht kommen.«

Berta fuhr jetzt so heftig zusammen, daß Gusti sie erschrocken ansah: »Mein Gott, was haben Sie?«

Die kleine Frau schüttelte sich: »Ach, das -- das Wort -- das trifft mich -- Recht -- entschuldigen Sie -- das ist ja mein Verhängnis, solange ich lebe! Immer wollte ich zu meinem Recht kommen, und nie, nie hat mir einer geholfen!«

Jetzt stürzten Tränen aus ihren Augen. Sie lehnte sich erschüttert zurück. Von den Nebentischen sah man neugierig zu den beiden Frauen hinüber. Gusti Bernhardi bereute ihre Unvorsichtigkeit -- sie hatte zu schnell den Kern berührt. -- »Fassen Sie sich doch«, flüsterte sie bittend. »Nehmen Sie sich zusammen. Glauben Sie mir, ich bin eine, die Ihnen wirklich helfen will. Ich weiß schon viel von Ihnen, ohne daß Sie mir viel gesagt haben. Ich ahne die Zusammenhänge. Wenn Sie mir beichten wollen -- lieber Gott, das geht jetzt leicht. Nur wollen wir den Leuten hier nichts zeigen. Kommen Sie, ich zahle, und dann begleit' ich Sie heim.«

Unterwegs kam die erlösende Beredsamkeit über Berta. Sie konnte in der dunklen Droschke hervorstammeln, was in ihr wogte. Bald wußte Gusti Bernhardi alles. Sie hörte zu, als ob jede Einzelheit neu für sie wäre. Klug prägte sie sich die ganze Beichte ein, um das Material zu beherrschen. Leicht wurde es ihr nicht ums Herz dabei. Sie hatte die primitive Leidenschaft dieses Menschenkindes unterschätzt. Was sie für oberflächlich gehalten hatte, erwies sich doch als tiefe Sehnsucht. Nie hatte sie diesen moralischen Fanatismus in einer kleinen Bürgersfrau vermutet.

Dennoch -- weich machen ließ sie sich nicht. Sie hatte es Viktor Schwarz versprochen -- ihr Wort mußte sie halten. Berta tat ihr leid, sie hatte sie wirklich gern -- aber sie ärgerte sich auch immer wieder. Das ganze Gefühlsleben dieser Frau war verstiegen, sie glaubte ihre kleine Person im Mittelpunkt der Welt. Das ging denn doch nicht. Wer die Tatsachen nicht mehr anerkannte, mußte unter ihnen leiden.

Das war Gusti Bernhardis Gedankengang, während sie Bertas Geständnissen lauschte. Was sie aber aussprach, war anders. Sie konnte so falsch sein wie die ganze Wiener Unergründlichkeit. So brachte sie es fertig, Berta mit Herzenstönen recht zu geben, sie aufzurichten, wie nie ein Mensch sie aufgerichtet hatte, und insgeheim zu planen, wie sie sie unschädlich machte. --

An dem Tage, an dem Berta sie zum Fünfuhrtee abholen sollte, war Gusti Bernhardi vormittags bei Viktor Schwarz. Sie berichtete ihm, und er war sehr befriedigt. Ein Schatten kam erst auf seine Miene, als die Freundin sagte: »Nun kostet die Geschichte aber auch Geld, Vicki. Fest machen kann ich sie nur, wenn sie wirklich etwas von mir hat. Ich will ihr verschaffen, was sie haben möchte -- nur dich soll sie aufgeben -- das ist mein Plan. Heut nachmittag zum Beispiel bin ich mit ihr im Kaiserhof. In ihrem wollenen Kleidchen lass' ich sie noch, aber ich hab' ihr bei der Kühne einen scharmanten Hut gekauft, und da mußt du schon so gut sein, das Geld nachher hinzuschicken, 350 Mark. Du weißt ja, Schulden hab' ich nicht gern.«

Viktor Schwarz schielte grimmig durch seinen Kneifer: »Das ist gut -- als ob es deine Schulden wären!«

»Also, ordne die Sache, bitt' schön, und mach' dich drauf gefaßt, daß noch manches dazu kommt.«

»Aber nur bis zu einer gewissen Grenze, die ich bestimmen werde!«

»Na weißt du, wenn du dir deine Tochter garnichts kosten lassen willst!«

»Nicht so laut! Tübbeke horcht auch durch die Doppeltür! Ich meine nur, wenn ich jetzt am Ende Tausende hinlegen soll, dann hätt' ich die Person auch anerkennen können!«

Gusti Bernhardi stand auf: »So? Ach so! Ja, dann liegt die Sache ja viel einfacher! Dann brauch' ich mir ja garnicht so viel Müh' zu geben!«

Sie ging zur Tür. Er wackelte ihr nach: »Gusti, ich bitte dich, sei vernünftig! Es handelt sich hier um keinen schlechten Witz! Also tu nur, was nötig ist! Zu weit gehn wirst du ja doch nicht! Du handelst ja in meinem Interesse!«

Sie verließ ihn. -- ›Alter Knicker‹, dachte sie mit bitterem Lächeln. ›Es schadet dir garnichts, wenn du mal Haare lassen mußt. Du trittst ja doch immer nur auf Menschen herum und besonders auf uns Weibern. Was hab' ~ich~ mir schon alles von dir gefallen lassen müssen! Und deine arme Frau! ... Pfui Deibel, es sind eigentlich eklige Götzen, was die Leut' so anbeten!‹

In eigentümlichen Zorn auf den Mann, für den sie alles tat, kam sie heim. Diese Stimmung machte sie nur noch eifriger, Bertas Leben zu verschönen.

Pünktlich um vier Uhr erschien die kleine Frau. Nun spielte Gustis liebenswürdiger Eifer fast eine Stunde mit ihr. Staunend lernte Berta das Toilettezimmer einer großen Dame kennen. Der neue Hut hob ihre Erscheinung dermaßen, daß sie mit naiver Andacht vor ihrem Spiegelbilde stand. Schließlich drängte die Freundin ihr auch noch kostbare Handschuhe auf und parfümierte sie so, daß Berta plötzlich ausrief: »Wenn Rietschel das riecht -- der denkt Gott weiß was!«

Sie fuhren mit der neuen Untergrundbahn zum Leipziger Platz. Von dort gingen sie Arm in Arm zum Kaiserhof hinüber. Hier gelang es Gusti, Bertas Verlegenheit zu bemänteln. Man merkte kaum, wie fremd und ungeschickt die kleine Papierhändlersfrau war. Sie gefiel sogar, weniger ihres Hutes wegen, als weil sie so hübsche, glückshungrige Augen hatte.

»Den Hut kann ich aber nicht mit nach Hause nehmen«, sagte Berta schließlich. »Rietschel wird zu grob, wenn er ihn sieht. Der denkt womöglich, ich hab' ihn von einem Liebhaber!«

»Das wär' ihm ganz gesund!«

»Nein, nein, Gusti. Die ist unmöglich -- das liegt mir auch garnicht. Erlaube mir, bitte, daß ich erst noch zu dir komme und wieder werde, was ich war.«

»Selbstverständlich -- du kannst die Sachen bei mir deponieren. Aber sie gehören dir.«

»Gusti, ich bitte dich --«

»Willst du mich beleidigen?«

So fuhren sie denn noch einmal nach dem Wittenbergplatz. Hier hatte Gusti Bernhardi eine elegante Wohnung, wo sie nur ihrem Behagen lebte. Der Modesalon war längst verkauft. Berta wurde von dem Glanz des Nachmittags in all ihren Wünschen angeregt -- sie wollte jetzt gern wissen, was die Freundin über ihre Geständnisse dachte, insbesondere über Herrn Justizrat Viktor Schwarz.

Gusti Bernhardi setzte ihr bewährtes Sphinxlächeln auf. -- »Ja, liebstes Bertl,« erwiderte sie langsam, »da muß ich dir zunächst mal sagen: Ich kenn' deinen angeblichen Papa sehr gut.«

Berta sprang auf -- sie zitterte an allen Gliedern: »Du kennst ihn? Das sagst du mir jetzt erst?! ...«

»Ich hab' mir die Geschicht' erst überlegen wollen. Aber jetzt bin ich mir ganz klar. Jetzt kann ich dir sagen, was ich dir zu sagen hab'.«

Berta langte mit demütigem Vorwurf nach ihrer Hand: »Warum hast du ihn denn eben bloß meinen -- angeblichen Papa genannt?«

»Das mußt du mir nicht übelnehmen. Du hast es mir erzählt, und an deinen Worten zweifle ich natürlich nicht. Aber daß der Beweis nicht erbracht ist -- das wirst du ja selber zugeben.«

Berta senkte den Kopf. -- »Mein Gott,« flüsterte sie in tiefer Traurigkeit -- »du glaubst es also auch nicht? Hältst du es denn nicht für möglich?«

»Die Möglichkeit ist natürlich niemals ausgeschlossen.«

»Wie du auf einmal sprichst? Ich weiß nicht -- so juristisch?«

»Ich kenn' halt viele Juristen.«

»~Ihn~ zum Beispiel?«

»Ja, Berta, und weil ich den wirklich ~sehr~ gut kenne -- übrigens wär's ja ein Wunder, wenn's anders wär' in Berlin --, darum rat' ich dir dringend: laß ihn los, lauf ihm nimmer nach.«

»Gusti! ...«

»Fass' dich doch. Ich will doch nur dein Bestes. Das glaubst du mir hoffentlich? Ich seh' dich direkt in einen Abgrund laufen, wenn du's so weiter treibst mit dem Schwarz.«

»Warum denn? ...«

»Ja, ich muß dir ein bißl Furcht machen. Du bist gar zu leichtsinnig. Von vielen Fällen weiß ich, daß der Schwarz über Leichen geht. Außerdem ist er allmächtig. Beikommen kannst du ihm nicht.«

»Was soll er mir denn tun?«

»Nicht nur dir, sondern auch deinem Mann und deinen Kindern. Juristisch erreichst du nichts, das weiß er am besten -- wenn's ihm zu bunt wird, bietet er jedem Skandal Trotz und schickt dir die Polizei ins Haus. Auf Erpressung läßt sich alles deichseln.«

Berta lehnte sich bleich zurück: »Mein Gott ... mein Gott ..., wenn ich das auch noch aufgeben soll ...!« Sie fuhr plötzlich hoch: »Dann will ich nicht länger leben!«

Gusti hielt sie mit beiden Händen fest: »Aber Kind! Was fällt dir denn ein? Du wirst doch jetzt keine Dummheiten machen? Denk' doch, daß du ~mich~ gefunden hast! Kann ~ich~ dir denn nicht ersetzen, was der alte, gräßliche Mensch ... Sei froh, daß du dem nicht in die Hände gerätst ... Man ~muß~ über so was hinaus ... Dann findet man sich ... Dann weiß man erst, daß man auf der Welt ist ... Was schert mich denn Vater und Mutter? Ich bin selber da, und mir kann nix geschehn!«

Sie hatte stark und überzeugend gesprochen, aber in ihren Augen sprühte das höllische Feuer. Berta wollte tief hineinsehen und bebte doch davor zurück. Gebannt und befremdet flüsterte sie: »Du hast ja recht ... Du wirst ja sicher recht haben ... Wenn ich nur nicht so anders wär' als du ... Ich werde dir immer dankbar sein; aber, lieber Gott, was ~du~ meinst -- das ist doch vergänglich ...«

Dabei blieb es. Gusti hütete sich auch, weiter in sie zu dringen -- eine Verständigung war nicht möglich, und schließlich mußte sie ihr verdächtig werden. Daß sie Bertas Fanatismus gegen Schwarz gebrochen hatte, hielt Gusti für sicher. Das Gespenst der Polizei und die Furcht vor Rietschel waren zu groß.

So erschlaffte die Freundschaft nicht, aber sie äußerte sich anders. Berta hatte mehr aufgegeben, als Gusti wußte -- nun klammerte sie sich an den äußeren Gewinn. Betäubung konnte ihr die Freundin geben, den kurzen, schönen Wahn, das Haschen nach Dingen, die ihr doch nicht treu blieben.

Sie unternahmen täglich etwas Neues. Berta scheute bald nicht mehr, sich mit Gustis Geschenken zu zeigen, als gebührten sie ihr, ihr und der Welt, in der sie eigentlich lebte. Überall herumnaschend, wurde sie zu einer Kennerin und benahm sich, als ob sie die anerkannte Tochter ihres Vaters wäre.

Ein Sachse weiß sich zu helfen -- auch in Groß-Berlin. Rietschel sah seine Frau in den Sumpf geraten, aber er wollte klar sehen. Sein Freund, der Kriminalschutzmann Polko, half ihm. Rasch brachte er heraus, daß es sich um keinen Liebhaber handelte, sondern daß eine Frau Bernhardi, geschiedene Zuckerkandl, geborene Vinegger, Berta beeinflußte. So wurde Rietschel schnell mit der Sachlage fertig. Er war nicht nur im Ehrenpunkt beruhigt, sondern auch hinsichtlich der Verschwendung. In eigentümlicher Selbsttäuschung hatte er immer noch geglaubt, daß Berta die Mittel für ihren Aufwand stahl. Er wußte ja am besten, wie knapp er sie hielt.

Doch eine neue Tatsache brachte ihm Polko: Frau Bernhardi, geschiedene Zuckerkandl, geborene Vinegger, entpuppte sich als das langjährige Verhältnis von Justizrat Schwarz. Jetzt ahnte Rietschel schreckliche Zusammenhänge. Berta wurde also grenzenlos betrogen. In welcher Weise und zu welchem Zweck, das konnte er noch nicht ergründen. Doch sollte er untätig zusehen, wie sie sich verfing? Mußte er sie nicht aufklären und warnen? Er war nicht so grob geartet, um nicht zu ahnen, was er ihr damit nahm. Berta lebte ja nur von schönen Illusionen.

Aber die Entwicklung der Dinge kam seiner sorgenvollen Überlegung zuvor. Berta hatte bald Grund, über ihre Freundin zu klagen. Ihr norddeutscher Glaube an die Gefühle der Wienerin war zu weit gegangen. Als Gusti wußte, daß sie die kleine Frau von Schwarz abgeschreckt hatte, wurde ihre Freundschaft lässig. Sie kümmerte sich immer weniger um Berta -- wenn diese zu ihr kam, ließ sie sie warten, und bei Verabredungen war sie unpünktlich. Berta nahm das anfangs als menschliche Schwäche einer sonst liebenswürdigen Frau. Auch wußte Gusti jede Verstimmung durch Geschenke, die Schwarz bezahlte, wieder zu vertreiben. Schließlich aber machte sie doch einen groben Fehler. Zu einem Fünfuhrtee im Kaiserhof kam Berta allein, ohne Verabredung -- sie hoffte, Gusti dort zu treffen. Das war auch der Fall, doch heute störte sie die vielseitig verpflichtete Frau. Gusti beherrschte sich nicht -- als Berta plötzlich vor ihr auftauchte, wurde sie unfreundlich und zeigte, daß sie peinlich berührt war.

Eine Weile blieb Berta bei Gusti und ihren Bekannten stehen -- an Launen der Glücklichen war sie ja gewöhnt. Als man aber gar nicht das Wort an sie richtete und ihre unscheinbare Person wie ein Dienstmädchen behandelte, machte Berta plötzlich kehrt und verließ den Kaiserhof. Gusti ließ sie heute gehen -- sie war sehr ärgerlich auf sie.

Am nächsten Tage hielt sie es in Rücksicht auf Schwarz für klüger, Berta anzurufen: »Warum bist du denn eigentlich gestern so davongelaufen?«

»Wenn du dich meiner schämst, hat es ja doch keinen Zweck!«

»Sei nicht so albern, Berta! Wie ich's meine, müßtest du jetzt schon wissen! Ich war nur ein bißl nervös, weil wir uns gar nicht verabredet hatten!«

»Ach, du meinst wohl, daß du mich immer an die Leine nehmen mußt; wie so'n Hundchen? Nein, liebe Gusti -- da täuschst du dich ganz gewaltig! Dankbar bin ich dir, gewiß, aber ein selbständiger Mensch muß ich auch bleiben! Das ist es ja eben, was ich brauche! Bloß so'n Anhängsel, was man duldet, bin ich wirklich nicht!«

»Dafür hab' ich dich auch nie gehalten! Aber ich seh' jetzt ein, was du wirklich bist!«

»Na, was denn? Was denn?«

»Furchtbar eingebildet bist du! Nur weiß ich nicht recht, worauf!«

Jetzt hängte Berta den Hörer an. Sie zitterte vor Zorn. Mit der Versöhnung war es also diesmal nichts. Bald tat es ihr leid, daß sie Gusti nicht mehr die Wahrheit gesagt hatte. Ja, eingebildet war sie, weil das Blut ihres Vaters in ihr lebte, des stolzen, berühmten Herrn Justizrates. Daß einem die Schlagfertigkeit doch immer zu spät kam! Jetzt ging es wieder mit ihr durch. Heftige Erbitterung gegen Gusti ergriff sie, denn die war es ja, die sie von ihrer Aufgabe abgelenkt hatte. Was nützte das Naschen und Horchen? Man blieb doch minderwertig. Das Leben packen und besitzen konnte nur der, der seine Ebenbürtigkeit durchgesetzt hatte.

Zunächst hieß es, mit den vorhandenen Mitteln einen echten Luxus vortäuschen. Berta revidierte alles, was sie Gusti zu danken hatte. Das Wirksamste blieb der Hut. Aber den hatte sie nun jedesmal im Theater und beim Tee getragen. Man kannte ihn schon auswendig. Ihr Versprechen, den Hut bei Madame Kühne umgarnieren zu lassen, hatte die liebe Gusti natürlich nicht gehalten.

So beschloß Berta denn eines Nachmittags, das kostbare Stück selbst in das Atelier zu tragen. Das Schicksal wollte es, daß Madame Kühne, die unfehlbar jede schädliche Dummheit mied, heute nicht anwesend war. Berta wurde von einem Fräulein bedient, dessen Puppenkopf kein Überlegen kannte. Sie sah den Hut und rief: »Ach, der! Ja, ja, den kenn' ich! Den hat ja damals Herr Justizrat Schwarz bestellt!«

Berta glaubte sich verhört zu haben: »~Wer~, Fräulein?«

»Na, Herr Justizrat Schwarz im Grunewald, Königsallee 27!«

»Sie meinen doch wohl -- Frau Gusti Bernhardi?«

Der Puppenkopf schüttelte sich: »Mein Gott, mein Gott -- das ist ja auch richtig! Stimmt ja ganz genau, gnädige Frau! Frau Bernhardi hat ihn bestellt, aber Herr Justizrat Schwarz hat ihn bezahlt! Das ist immer so! Aber nun haben gnädige Frau den schönen Hut fallen lassen! Na, gnädige Frau -- --!«

Berta hatte die Tür aufgerissen und stolperte die Treppe hinunter. Den Hut ließ sie dort, wo er bezahlt worden war. Auf der Bendlerbrücke blieb sie stehen. Plötzlich warf sie ihre schönen Wildlederhandschuhe ins Wasser. Ein kleiner Junge sah das mit an und machte Augen, als wollte er bis an sein Lebensende so staunen.

Erst am Potsdamer Platz, mitten im Gewühl, kam Berta zu sich. Es hämmerte in ihren Schläfen. Was war geschehen? Nur das eine wurde ihr klar: Gusti Bernhardi und Viktor Schwarz waren Verschworene. Die Frau, der sie das bißchen Traum dankte, hatte sich mit dem Mann, der sie verleugnete, verbündet. Das war ein Abgrund. Leise weinend stand sie vor dem ungeheuren Betrug.

Da wurde sie plötzlich angerührt. Entsetzt fuhr sie empor und glaubte aus einer finsteren Grube ins grelle Licht zu starren. Alfons Grunow stand vor ihr. Er war seltsam verändert -- sein üppiges Lockenhaar war fort, und das einst so rosige Gesicht war hart und gelb geworden.

»Alfons,« lallte Berta -- »hast du mich erschreckt! Ich hab' dich so lange nicht gesehen!«

Eine tiefe Falte zuckte zwischen den Augen des Mannes. Er lächelte und zeigte schadhafte Zähne: »Das glaub' ich. So geht es mir jetzt mit vielen. Ich war ja zwei Jährchen verschwunden. Aufruhr und Landesverrat -- so haben sie's genannt. In Rummelsburg war ich.«

»Doch nicht im Zuchthaus?!«

»Schrei's man dem Schutzmann zu -- dann nimmt er mich gleich wieder mit. Wird ohnehin nicht mehr lange dauern.«

»Deine arme Mutter!«

»Ach Gott, die ist froh, daß ich wieder da bin. Mutter ist stolz auf ihren Sohn -- verstehst du? Stolz!«

Der ärmliche Mensch, der da vor Berta stand, hatte etwas düster Großes. Sie schauderte zusammen, und plötzlich fühlte sie sich ihm wieder sehr verwandt. Wo blieben Recht und Gerechtigkeit? Wurde man nicht mißbraucht und sollte den Mißbrauch noch anerkennen?

»Alfons!« flüsterte sie -- »ich will das gar nicht weiter beurteilen -- ich versteh' ja doch nichts von Politik. Aber sage mir bloß eins: Was tut man mit 'nem Menschen, der einen immer bloß beleidigt und schikaniert, und der noch triumphiert, wenn man um sein Recht gebracht wird?!«

»Von wem redest du?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Ich möchte nur wissen, Alfons -- schon als Kind hab' ich dir doch immer geglaubt -- Du warst der Erste -- -- vielleicht bist du der Letzte auch -- --«

»Mach' keine Dummheiten! Du stehst doch am Trog, du hast es doch wahrhaftig nicht nötig! Wenn unsereiner radikal sein will, dann knallt er einfach seinen Feind nieder! Aber das ist nichts für dich! Solche Feinde hast du nicht!«

Alfons Grunow ging weiter. Berta wandte sich ihrer Wohnung zu. -- ›Wer weiß?‹ flüsterte sie mit hängendem Kopf. ›Wer weiß?‹ Vielleicht sollte ich auch so radikal sein, wie du!‹

Daheim ging sie ganz verwandelt umher. Die Kinder standen blaß in den Ecken und sahen ihr mit stiller Trauer zu. Rietschel aber dachte: ›Jetzt weiß sie es. Sie muß hinter den ganzen Schwindel gekommen sein! Wenn ich bloß Näheres wüßte! Na, ich muß sie so zur Ruhe kommen lassen.‹

Er war freundlich und nachsichtig gegen sie. Aber das half ihr nicht. Am nächsten Tag trat sie halb unbewußt in einen Waffenladen und kaufte sich einen kleinen Revolver. »Fürs Geschäft«, sagte sie zu dem Verkäufer. »Ich bin so viel im Laden allein, und die Kasse, wissen Sie -- heutzutage muß man vorbeugen.«

Schießen konnte sie nicht, aber es mußte auch so gehen. Die Handgriffe hatte ihr der Verkäufer gezeigt. Ihr Dämmerzustand verließ sie nicht. Nachmittags schon fuhr sie nach dem Grunewald und wartete in der Königsallee, bis es Abend wurde. Das Haus des Justizrates wurde hinter allen Fenstern erleuchtet -- offenbar erwartete er Gesellschaft. Berta stand, von einem Baum gedeckt, auf der anderen Seite der Straße. Sie konnte in die prachtvollen Räume blicken: Ein stürmisches Weh wallte in ihr auf. Was wies sie dort zurück? Was hatte sie verschuldet? So mochte denn alles zugrunde gehen ...

Es schlug sieben -- bald mußte der Justizrat aus der Stadt zurückkehren. Berta hatte den Revolver entsichert und wählte den Standort, den sie für richtig hielt. Plötzlich mußte sie die Waffe verbergen und rasch zur Seite treten. Ein merkwürdiges Paar kam langsam an ihr vorbei. Der erblindete alte Herr ging am Arm eines jungen Mädchens, dessen schlichte Schönheit Berta bewußt wurde. Sie konnte ein Bruchstück des Gespräches auffangen. Der Alte sagte: »Ich will keine Last für dich werden, Erika. Du sollst deine Jugend genießen.« Das Mädchen antwortete: »Aber, Vater -- ich bin doch dein Kind.«

Weiter hörte Berta nichts. Sie sah die beiden in heiliger Einigkeit weitergehen. Schwarz und drohend ragten die Grunewaldkiefern in den Abendhimmel. Da kam eine vernichtende Scham in Berta auf -- sie fühlte ein Erwachen, warf den Revolver über das nächste Gartengitter und eilte der Stadt zu.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Viktor Schwarz war krank. Er wußte es schon lange, aber er war ein Geschöpf des Berliner Tempos und kam zu keiner wirklichen Vorsorge. Er pflegte sich und gehorchte dem Arzt -- andererseits steckte er, wie Vogel Strauß, den Kopf in den Sand und genoß die verbotensten Dinge.

Er konnte nicht anders leben. Entweder mußte er Ratgeber oder Spekulant oder Tafelaufsatz sein -- auch als Volkstribun hatte er sich schon versucht. Er selbst war nirgends mehr, auch nicht bei Gusti Bernhardi. Was die an ihn band, war doch nur der Abglanz der öffentlichen Meinung. Sie fand ihr gutes Leben bei ihm und wollte ihn beerben -- darüber war er sich klar. Im übrigen blieb er ein Börsenkurs.

Aber dieses Leben des einzelnen, der allen gehören wollte, war namenlos anstrengend. Es zerrieb, während man die Fülle vortäuschte. Schon die Diners waren eine Verpflichtung, die allmählich zerstörend wirkte. Der Repräsentant blieb am Ende nur ein Mensch mit einem einzigen Magen. Wen er nicht vor den Kopf stoßen wollte, an dessen Tisch mußte er sich setzen. Das Niveau der Küchen war so hoch, daß auch hier jede Abschätzung fehlte. Es war unmöglich, festzustellen, wo der getrüffelte Puder oder der garnierte Rehrücken besser schmeckte. Nach der Arbeit kam auch immer wieder der Hunger. Wollte man nicht als minderwertig gelten, mußte man zugreifen. Und man lebte ja auch nur einmal.

Aber die Gicht war unaufhaltsam. Ein Zaubermittel, das sich all die geplagten Feinschmecker zugestanden, war ein schlichtes Mineralwasser, Fachinger genannt. Sie tranken unzählige Flaschen Bordeaux -- der Fachinger mußte es dann wieder gutmachen. Dieses kühle Reinigungsmittel galt noch nicht als Zeichen der Invalidität.

Nun wollte auch das bei Viktor Schwarz nicht mehr helfen. Seine sorgenvolle Stimmung wuchs. Als er an einem grauen Märztage sein Bureau verließ und in das Automobil steigen wollte, das er sich als Syndikus des Kraftwagenkonzerns Universum erworben hatte, sah er plötzlich wieder seine Verfolgerin vor sich. Die Frau, die durchaus seine Tochter sein wollte, wartete auf ihn. Er wurde blaß vor Wut, stapfte mit seinen Gichtfüßen an ihr vorüber und stieg in den Wagen.

Als das Automobil ihn forttrug, wurde ihm aber klar, daß Berta Rietschel sehr verändert gewesen. Eine sonderbare Beängstigung ergriff ihn. Sie hatte einer Traumgestalt geglichen, die er seit Wochen nicht vergaß. Es hatte ihm geträumt, daß er zur Dämmerstunde in seine Grunewaldvilla zurückgekehrt war, und plötzlich hatte ein Weib ihm mit erhobenem Revolver gegenüber gestanden. Eben war er noch ins Haus gelangt -- als die Tür sich hinter ihm schloß, war der Schuß gefallen -- da war er auch aufgewacht.

So blaß, so drohend, stillen Wahnsinn in den Augen, wie das Traumgesicht, hatte Berta nun wirklich vor ihm gestanden. Sie hatte diesmal nicht gegrüßt, nur ernst genickt, und dieses Nicken schien ihm zu sagen: ›Ich tu's nicht. Weil du mein Vater bist, tu' ich's nicht.‹

Immerhin -- die Person war gefährlich -- das spürte er jetzt. Schon nahm sie das alte, freche Spiel wieder auf. Nirgends konnte er mehr ruhig sein -- die Verfolgerin brachte alles in Erfahrung, immer stand sie da und lauerte, mit dem verrückten Nicken, ohne Gruß.

Dem war er nicht mehr gewachsen. Als Gusti Bernhardi zu ihm kam, herrschte er sie an: »Du hast dich schön blamiert! Jetzt ist die Geschichte schlimmer als je!«

»Was meinst du denn?« fragte sie, Konfekt knabbernd.

»Na, sie lauert mir schon wieder auf! Der Vampir! Das kleine Scheusal!«

»Berta? Wahrhaftig? Ja, ich bin leider mit ihr verzankt.«

»Das ist ja großartig! Das teilst du mir so einfach mit? Konntest du das? Durftest du das?! Jetzt gerade, bei meinem Zustand? Ich darf mich nicht aufregen! Ich habe keine ruhige Minute mehr!«

»Aber, Vicki ... Es ist doch halb so schlimm. Was mit Berta los ist, weiß ich freilich nicht zu sagen. Plötzlich war sie eingeschnappt und kam nicht mehr und antwortete nicht, wenn ich ihr schrieb. Nachlaufen konnte ich ihr natürlich nicht. Sie muß halb närrisch sein.«

»Das fürcht' ich auch!«

»Wenn sie nun den alten Unsinn wiederanfängt ...«

»Also, du hast total versagt, Gusti! Ich muß mir jetzt selber helfen! Die Sache wird für mich im höchsten Grade gesundheitsschädlich! Dazu bin ich mir denn doch zu schade! Laß mich jetzt überlegen, was man tun kann! Ich dank' dir schön, aber misch' dich bitte garnicht weiter ein!«

»Das ist auch nicht mein Ehrgeiz, Vicki. Deine unehelichen Kinder unschädlich zu machen, ist ein undankbares Geschäft. Ich amüsier' mich lieber.« --

Am nächsten Tage ging es Schwarz schlechter. Er mußte alle Gesellschaften absagen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als im Bett zu bleiben. Doch das bißchen Ruhe tat ihm nach dem Tempo der letzten Jahre wohl. Er kam endlich einmal zum Überlegen seiner Angelegenheiten. Plötzlich ging ihm Bertas wegen ein Licht auf. Trotz seiner schmerzenden Füße mußte er lächeln. Er, der kluge, unfehlbare Viktor Schwarz, hatte da eine gewaltige Dummheit gemacht. Wie war es ihm nur möglich erschienen, daß eine Frau, wie Gusti, ihn befreien könnte? Die hatte es sicher nur noch schlimmer gemacht. Gerade seitdem Berta die große Welt durch sie kennengelernt, reizte es sie natürlich doppelt, den Mann zu gewinnen, der ihr diese Welt schenken konnte.

Wie behandelte man denn Leute mit fixen Ideen? Er erinnerte sich, neulich erst mit einem berühmten Psychiater darüber gesprochen zu haben. Man versuchte ihnen die Ideen nicht auszureden, sondern sie im Gegenteil darin zu bestärken. Nur das ~Objekt~ der Idee in dem kranken Bewußtsein zu verändern, darauf kam es an. Viktor Schwarz stieß einen Jubelton aus -- dabei ging es ihm so schlecht. Das war es! Das half! Jetzt schüttelte er sie von sich!

Rasch griff er nach Papier und Feder und schrieb mit schmerzender Hand:

›Sehr geehrte Frau Rietschel!

Könnte ich Sie in einer für Sie bedeutungsvollen Angelegenheit sprechen? Ich habe allmählich die Empfindung bekommen, daß Sie einen Vorteil für Ihre Zukunft von mir erwarten, und Sie sollen sehen, daß ich nicht der Mann bin, ihn Ihnen vorzuenthalten. Leider geht es mir jetzt nicht gut, ich leide an rheumatischen Anfällen und muß für einige Tage das Bett hüten. Nach reiflicher Überlegung will ich aber Ihre Angelegenheit nicht länger verzögern. Ich bitte Sie deshalb, am nächsten Montag nachmittag, etwa um 4 Uhr, zu mir zu kommen. Nicht in das Bureau also, sondern Grunewald, Königsallee 27. In der Hoffnung, Sie bei mir begrüßen zu können, bin ich Ihr

hochachtungsvoll ergebener

Viktor Schwarz, Justizrat.‹

Mehrmals las er diesen Brief durch. Bedenken gegen das Wagnis regten sich. Er war krank, er konnte sich vielleicht in der Szene, die Berta ihm machte, nicht behaupten. Aber am stärksten blieb doch sein Wunsch, die unerhörte Belastung nicht in gesunde Tage mitzuschleppen. Er mußte jetzt ein für allemal damit fertig werden. --

Bertas Kinder waren schon so weit herangewachsen, daß sie den Zustand ihrer Mutter als Unglück des Vaters empfanden. In ihren kleinen Herzen brannte der Wunsch, durch irgendein schönes Ereignis die arme Mutter aufrichten zu können. Das geschah gewiß durch eine rechte Freude. Aber woher sollte die kommen?

Da brachte die Post eines Tages einen Brief. Das Dienstmädchen war eben nicht zu Hause, die Kinder mußten der Mutter den Brief verwahren. Nun hatten sie einen gewaltigen Begriff davon. Namentlich dieser Brief erschien ihnen vielversprechend. Er konnte von keinem Verwandten sein -- dagegen sprach das feine Papier und die merkwürdige Schrift. Aus einer höheren Sphäre stammte der Brief -- das empfanden Paul und Grete. Plötzlich sagte der kleine Junge: »Du, vielleicht ist das was Schönes für Mutti. Am Ende freut sie sich so darüber, daß sie wieder ganz vergnügt wird.«

Grete meinte: »Na ja -- dann wollen wir's ihr man geben, wenn sie nach Hause kommt. Dann wollen wir's ihr beide geben.«

Es wurde eine Verschwörung, die ihnen außerordentlich Spaß machte. Einer nahm immer den andern den Brief weg. Schließlich beschlossen sie, ihn beide anzufassen und der Mutter zu überreichen.

Sie hatten Glück. Berta kam heute vor Rietschel nach Hause. Verdrossen trat sie ein und setzte sich an ihren Nähtisch. Da sah sie die schüchterne Feierlichkeit ihrer Kinder auf sich zukommen. Auch hier war sie jetzt gegen jeden Spaß. Zornig riß sie den Brief an sich. Aber Paul und Grete ließen sich nicht einschüchtern -- sie warteten, bis die Mutter gelesen hatte.

Das war nun geschehen. Die Wirkung erwies sich über alles Erwarten. Bertas Augen blieben an den Zeilen haften und füllten sich mit Tränen. Ihre Lippen flüsterten unverständliche Worte -- offenbar versuchte sie den Inhalt des Briefes zu sprechen, um ihn besser verstehen zu können. Ein Wunder mußte ihr entgegengekommen sein, etwas völlig Unerwartetes. Paul und Grete waren entzückt -- in plötzlicher Eingebung liefen sie auf die Mutter zu und drängten sich an sie.

Berta sah staunend auf sie nieder. Sie konnten ja nicht ahnen, was der Brief enthielt, aber es waren Seelen, die zu ihr gehörten, und sie teilte sich ihnen mit. So flüsterte sie zu den blonden Köpfen herab: »Das ist ein guter Brief ... Da habt ihr mir was Schönes verwahrt ... Aber etwas ist nötig, Kinder -- merkt euch das -- ihr dürft nichts zu Vater sagen -- Vater darf nichts davon wissen -- dem sag' ich es später selbst.«

Glücklich, aber auch befremdet hörten die Kinder diesen Befehl. Zum erstenmal hatte die Mutter eine Heimlichkeit mit ihnen vor dem Vater -- war das möglich? Aber sie waren stolz darauf, und ihr eifriges Nicken glich einem Schwur.

Als Berta mit dem Brief allein war, wurde sie klarer und bedenklicher. An ihrer Überzeugung, daß der Entschluß des Justizrats nur ~einen~ Sinn haben konnte, änderte sich nichts. Aber ihre Erfahrungen hatten sie mißtrauisch gemacht. An eine plötzliche Wandlung glaubte sie nicht. Woher sollte die kommen? Schwarz war und blieb ein Vorteilsmensch. Es mußten sich entscheidende Gründe für ihn ergeben haben, die Maske fallen zu lassen. Schließlich empfand ja auch er den unerträglichen Zustand. Er würde nun gewiß versuchen, billig davonzukommen. Ein stolzes Gefühl packte Berta: Dieser Mann ahnte nicht, daß ihr am Gelde wenig, am Siege der Gerechtigkeit alles lag.

Nun, sie würde ja bald wissen, wie es zusammenhing. Vielleicht hatte Gusti Bernhardi doch noch etwas durchgesetzt. Von Reue wurde Berta vor Gusti ergriffen. Hatte sie ihr doch unrecht getan? War sie zu schnell mit ihrem leidenschaftlichen Bruch gewesen?

Jetzt wollte sie jedenfalls vorsichtig sein. In eine Falle ging sie nicht mehr. Nachdem sie diesen Brief empfangen, kam sie ja mit dem unschätzbaren Vorteil ihres guten Rechtes.

Erst als sie nach dem Grunewald unterwegs war, fiel ihr ein, daß der Brief des Justizrates doch merkwürdig förmlich war. Sie riß ihn aus der Tasche und las ihn noch einmal. ›Sehr geehrte Frau Rietschel? Ich habe allmählich die Empfindung bekommen, daß Sie von mir einen Vorteil für Ihre Zukunft erwarten? Nach reiflicher Überlegung will ich ihre Angelegenheit nicht länger verzögern? In der Hoffnung, Sie bei mir begrüßen zu können, bin ich Ihr hochachtungsvoll ergebener ...‹ Schrieb man so an seine Tochter? Auch wenn noch nichts ausgesprochen war?

Es durchrieselte sie kalt. Aber nun stand sie schon dort, wo sie einst mit dem Revolver gestanden hatte. Umkehren wollte sie nicht mehr. Sie brauchte Klärung, nicht ewige Dunkelheit. Klärung erwartete sie jedenfalls.

Sie läutete und wurde von einem Diener eingelassen. Es war wohltuend, in diesem prachtvollen Hause als erwarteter Besuch behandelt zu werden. Der Diener sprach höflich und leise. Er mochte sich vielleicht über Berta wundern, aber er zeigte es nicht. Bald führte er sie in den ersten Stock hinauf. ›Das sind Gobelins, die können hunderttausend Mark kosten‹, dachte Berta, während ihr Blick die Wände des Treppenhauses streifte. Unwillkürlich fühlte ihr Fuß an den dicken Teppichen herum. Perser oder Smyrna? Sie wußte es nicht. Nun mußte sie eine Minute warten -- dann kam der Diener wieder und bat sie mit wehmütigem Lächeln, einzutreten.

Sie stand im Schlafzimmer des Justizrates, aber im Bett lag er nicht. In einen Lehnstuhl sah sie ihn, und neben ihm war ein kleiner Teetisch gedeckt. Hier mußte sie sich ihm gegenüber setzen.

Die Hand, die er ihr reichte, war verbunden, und seine Füße steckten in dicken Filzpantoffeln.

Berta wurde von Mitleid ergriffen. Er mußte doch ernstlich krank sein -- so sah man nicht aus, wenn man nur Rheumatismus hatte.

»Wie geht es Ihnen denn?« fragte sie nach einer Weile.

»O, danke sehr, es macht sich schon wieder. Man muß zufrieden sein. Aber reden wir nicht von mir ...«

Seine schwarzen Augen schielten sie lächelnd an. ›Der Blick war unvermindert lebensvoll, teuflisch lebensvoll‹, dachte sie. Wie gern hätte sie jetzt das andere, Göttliche oder auch nur Menschliche darin gefunden. Nein, wie ein Vater sah er sie nicht an.

»Bitte, bedienen Sie uns freundlichst mit Tee und Kuchen. Ich kann leider mit meinen kranken Händen nichts tun. Ja, ja, meine liebe Frau Rietschel -- man wird hart gestraft.«

Gestraft? Sie horchte? auf. Aber so schwerwiegend meinte er es wohl nicht.

»Wie gesagt -- reden wir nicht von mir. Ich habe Sie nur Ihretwegen zu mir gebeten. Ihr Schicksal interessiert mich natürlich Ihrer lieben Mutter wegen.«

Berta konnte nur nicken. Sie spürte, wie sie zitterte, und versuchte ärgerlich, sich selbst festzuhalten.

»Das Vergnügen, Sie zu sehen, hatte ich ja in den letzten Jahren wiederholt, wenn ich auch von diesen Gelegenheiten leider keine Besprechung ableiten konnte.«

Er lächelte noch immer, seine Worte klangen leicht und freundlich, verbargen aber eine spöttische Schärfe. Bertas Hoffnung begann zu sinken. Wie wollte er von diesem Ton zum Vaterbekenntnis hinüberfinden? Aber sein Brief, sie hatte ja seinen Brief.

»Ich habe mir eine Besprechung furchtbar gewünscht«, stieß sie hervor. »Darum war es eine doppelte Freude für mich, als Sie mir schrieben ...«

»Ja, ja,« sagte er rasch und erledigend -- »schriftlich mußte es jetzt geschehen. Ich hatte auch offen gestanden keine Lust mehr --«

»Seien Sie mir nicht böse, Herr Justizrat! Sie können sich doch denken, was in mir vorgeht!«

»Das weiß ich. Das weiß ich ganz genau. Ich wollte Ihnen eben nicht erst böse werden, darum schrieb ich Ihnen. Sie müssen bedenken, daß Sie der erste Besuch sind, den ich empfange -- in meinem Krankenzimmer empfange --«

»Ich danke Ihnen vielmals! ...«

»Nichts zu danken. Aber der Kürze müssen wir uns befleißigen -- in Rücksicht auf meinen Zustand -- nicht wahr? Also -- haben Sie Tee getrunken, Kuchen gegessen? Sind wir so weit? Dann hören Sie zu, was ich Ihnen zu sagen habe.«

Berta lauschte gehorsam, mit großen, fiebrig glänzenden Augen.

Justizrat Schwarz lehnte sich zurück und sah während des Folgenden nicht sie an, sondern eine schöne Kopie, die ihm gegenüber hing. Es war Helene Fourment von Rubens. Berta hatte die nackte Frau noch nicht bemerkt.

»Also -- weil ich mich für Sie interessiere, Ihrer lieben Mutter wegen -- will ich dem Zustand ein Ende machen und Ihnen sagen, was ich weiß. Es handelt sich doch mit einem Wort um Ihren Vater. Sie wollen von mir wissen wer Ihr Vater ist.«

Berta versuchte etwas zu äußern, aber es gelang ihr nicht. Sie fürchtete, nur ein Wort zu verlieren.

Die gelbe Miene des Justizrates wurde jetzt ernst und straff. Etwas Amtliches kam in seinen Ton: »Ich weiß nicht, ob Sie sich darüber klar sind, was das Anwaltsgeheimnis ist. Eine Vorlesung kann ich Ihnen darüber nicht halten. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich seit Ihrem ersten Besuch zur Diskretion im Interesse meiner Klientin verpflichtet war. Meine Klientin ist Ihre Mutter -- Sie sind es nicht, nicht wahr? Wenn ich mich heute trotzdem selbst von meiner Pflicht entbinde, so geschieht das deshalb, weil ich es mir in meiner jetzigen Position leisten kann. Ich bitte Sie aber, einen Akt besonderen Vertrauens darin zu erblicken und mir strengstes Stillschweigen zu geloben.«

»Aber gewiß, Herr ... ich ... ich werde doch nicht -- --!«

»Es ist nur zu Ihrem eigenen Vorteil. So. Das wäre die Voraussetzung. Und nun zur Sache selbst!« -- Er sah von Helene Fourment fort, lehnte sich zurück, und sein peinlicher Blick ruhte wieder auf Berta. »Versuchen Sie jetzt mal, mich ganz ruhig und objektiv anzuhören, liebe Frau Rietschel. Als ob es sich garnicht um Ihre Mutter handelte, sondern um irgendeinen fremden Menschen, von dem ich Ihnen eine interessante Geschichte erzähle. Nur so gewinnt man nämlich ein Urteil.«

»Ich möchte vor allen Dingen von meinem Vater was wissen«, stieß Berta hervor.

Er nickte ungeduldig: »Ja, ja! Das hängt doch selbstredend zusammen. Also, die Sache ist folgende: Ich sage Ihnen jetzt, wie Sie auf diese zweifelhafte Welt gekommen sind, liebe Frau. Bleiben Sie sitzen! Sie wollen wahrscheinlich sagen: ›Das wissen Sie also?‹ Ja, Frau Rietschel -- das habe ich damals schon gewußt, als Sie ein Backfisch wahren -- das wußte ich schon, bevor Sie geboren wurden. Aber ich bin Rechtsanwalt -- ich führte die Sache Ihrer Mutter -- ich führte sie gegen Ihren Vater!«

Berta saß mit hängenden Armen da. Leer starrte sie ihn an. Er also -- er war es nicht? Er selber nicht? ...

»An der Stelle,« fuhr Justizrat Schwarz mit gehobener Stimme fort, »wo Sie vor kurzem mir gegenüber saßen, in meinem Bureau saß mir vor 28 Jahren Ihre arme Mutter gegenüber. Sie hatte eine Stellung in Berlin -- wo, ist ja irrelevant -- sie war ein junges, blühendes Geschöpf -- ich sehe sie noch vor mir, und --« Schwarz schneuzte sich -- »und sie gestand mir die Tragödie ihres Lebens. In dem Lokal, wo sie angestellt war, verkehrten junge Offiziere -- einer von ihnen, ein bildschöner Gardeulan aus Spandau, alter Adel, Frau Rietschel -- der hatte sich stürmisch in Ihre Mutter verliebt, die Liebe war gegenseitig, und das Verhältnis hatte Folgen.«

Jetzt ruhte sein Blick mit unechter Weichheit auf ihr, eine fette Rührung kam in seine Stimme. -- »Der junge Leutnant war ein Ehrenmann«, fuhr er fort. »Seine Leidenschaft war echt, und er faßte den schwärmerischen Entschluß, das arme Ladenfräulein zu heiraten. Doch er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht -- ich meine seine adelstolze Familie. ›Niemals!‹ scholl es ihm da entgegen. Und sehen Sie, liebe Frau Rietschel -- wie das Leben nun einmal ist ...« Er lächelte schmerzlich und machte trotz seiner Gicht eine eigentümlich resignierte Bewegung mit beiden Händen.

Berta folgte dieser Bewegung. -- »Er hat sie sitzen lassen?« flüsterte sie.

»Er gab nach. Unter den schwersten Kämpfen. Wir leben ja leider nicht in der Welt unserer Dichter. Die liebe Wirklichkeit siegt schließlich doch. Es ging um sein Majorat, um sein Offizierspatent -- um sich dem ganzen Wirrsal zu entziehen, fuhr er nach China, mit Waldersee -- aber von diesem Kriege wissen Sie wohl kaum etwas -- da kamen Sie eben zur Welt.«

»Und Mutter hat ihn gehen lassen?«

Viktor Schwarz nickte schwer. -- »Ja«, sagte er mit dumpfer Stimme.

»Und das Kind bin ich?«

»Das Kind sind Sie.«

»Warum hat mich denn Mutter nicht behalten, das wär' doch ein Trost für sie gewesen?«

»Nein. Sie war zu verbittert. Sie wollte ganz allein bleiben. Deshalb kamen Sie zu Frau Grunow.«

»Aber eins versteh' ich nicht -- was wollte denn Mutter bei Ihnen?«

»Sie brauchte in Ihrer furchtbaren Bedrängnis einen Rechtsbeistand. Ich war ihr von mehreren Seiten empfohlen worden.«

»Na ja .. Aber ich denke, sie hat schon von selbst gewußt, was sie tat? Wenn so'n armes, verlassenes Mädel aus Liebe handelt und ihren Bräutigam aufgibt, um ihm nicht im Wege zu sein -- dazu braucht sie doch keinen Rechtsbeistand?«

Die fanatische Logik dieser Fragen wurde dem Justizrat unbequem. Außerdem begannen seine Füße wieder zu schmerzen. -- »Na ja, na ja. Sie war eben verzweifelt«, brummte er. »Wie soll ich Ihnen das erklären? Es ist auch schon zu lange her. Sie wollte meinen Rat, und ich riet ihr, als ich die Situation übersah.«

»Sie rieten ihr, den Leutnant aufzugeben? Sie als ihr Rechtsbeistand? Das klingt ja, als ob Sie die Familie von ihm vertreten hätten.«

Schwarz hob den rechten Fuß: »Au! ... Entschuldigen Sie -- aber mein großer Zeh -- es wird mir wirklich schwer, Ihnen weiter Rede zu stehen. Wir müssen uns jetzt kurz fassen. Ihre Fragen leiten auch immer vom Thema ab.«

»Das finde ich nicht, Herr Justizrat. Wenn man eben erst gehört hat, wer man sein soll. Also ich habe sozusagen blaues Blut in mir?«

Sie fragte es knapp und scharf. Mißtrauisch sah er sie an -- war Hohn in ihrer Stimme? Glaubte sie ihm etwa nicht? Diese Wendung durfte keinesfalls eintreten. Jetzt rüstete er sich zum letzten Widerstande. -- »Ja, meine liebe Frau Rietschel,« sagte er mit der feierlichen Stimme seiner Plädoyers, »in Ihnen ist adliges Blut. Bestes Bürgertum und Aristokratie. Das kann doch jetzt nur tröstlich für Sie sein.«

»Das glaub' ich nicht. Das nimmt mir ja die Ruhe. Darum wünsche ich mich ja immer wo anders hin. Niemals pass' ich dahin, wo ich lebe. Nicht Fisch und nicht Fleisch bin ich.«

»Aber Ihre Kinder! Sie sind doch Mutter! Vergessen Sie denn vollkommen Ihre Kinder? In denen wird einst der natürliche Adel zum Vorschein kommen! Sie gleichen doch wahrscheinlich jetzt schon ihrem Großvater!«

»Nein, die gleichen Rietschel! Aber es handelt sich jetzt nicht um die Kinder. Ich muß selbst Bescheid wissen, sonst werd' ich verrückt. Wie heißt mein Vater? Der, von dem Sie mir erzählt haben.«

»Selbstverständlich der! Um wen soll es sich sonst handeln? Aber den Namen darf ich keinesfalls nennen!«

»Etwa wegen seiner Familie? Sie vertreten doch bloß meine Mutter?«

»Zum Donner -- Ihre Mutter hat es ja selbst gewünscht! Verstehen Sie denn das nicht?«

»Nein, verstehen tu' ich so was nicht. Aber das tut ja nichts zur Sache! Das ist wohl immer so bei einem Rechtsanwalt!«

»Was heißt das?«

Berta war aufgestanden. Jetzt bebte ihre kleine Gestalt. In einer sonderbaren Eingebung riß sie ihren Kneifer aus aus dem Gürtel und setzte ihn auf. Er glaubte, daß sie ihn schärfer ins Auge fassen wollte, und wich unwillkürlich zurück. Sie aber wollte ihm ein Erbe zeigen, das sie dem Vater dankte -- ihre schwarzen Augen zogen sich hinter den Gläsern zusammen, und sie schielte ihn ebenso an, wie er sie.

»Lebt mein Vater?« fragte sie mit kippender Stimme.

»Nein!« rief Schwarz energisch. »Das muß ich Ihnen nun auch eröffnen! Er ist im Orient gestorben! An den Folgen des Chinakrieges! Eigentlich hat Ihr Vater den Heldentod fürs Vaterland erlitten!«

»Das macht mir keinen Eindruck! Ich bin Sozialdemokratin!«

»Oho! Da möchte ich Sie doch dringend warnen, liebe Frau Rietschel! Hüten Sie sich vor den Wahnideen unserer Zeit!«

»Es ist ja bloß meine Privatansicht. Politik mache ich nicht. Und wenn ich auch sozialdemokratisch bin -- in Militärsachen weiß ich doch recht gut Bescheid, Herr Justizrat!«

»Was heißt das? Was wollen Sie damit sagen?«

»Ach, bloß 'ne Kleinigkeit -- mein Vater, der Herr Leutnant, soll in Spandau gestanden haben? In Spandau gibt's ja gar keine Ulanen!«

»Da irren Sie sich!«

»Ich irre mich nicht! In solchen Sachen nie!«

»Blau mit gelben Litzen! Eine wunderbare Uniform!«

»Die stehen in Potsdam!«

Justizrat Schwarz lehnte sich erschöpft zurück: »Also meinetwegen in Buxtehude. Mit Ihnen zu streiten, gebe ich auf. Ich habe das Meinige getan. Ich habe Ihnen aus eigenem Entschluß, ohne es nötig zu haben, Aufklärungen gegeben. Nun wissen Sie das hoffentlich zu schätzen, nun richten Sie sich danach.«

Bertas starrer Blick verließ ihn nicht. Ihr Gesicht war kreidig, ihre bläulichen Lippen bewegten sich eine Weile, bevor sie sprechen konnte: »Das tu' ich ... Jetzt weiß ich Bescheid ... Ich danke Ihnen dafür ... Und nun will ich auch nicht länger stören ... Die schöne Geschichte, die Sie mir erzählt haben, war wohl etwas anstrengend? Auf Wiedersehen, Herr Justizrat!«

Sie ging rasch fort.

Draußen, in der stillen Grunewaldstraße, verlor sie den Atem. Sie mußte stehenbleiben und rang die Hände im Schoß! Dieser Lügner! Dieser Schänder des Heiligsten! Nie in ihrem Leben hatte sie einen Menschen so gehaßt. -- --

Justizrat Schwarz aber saß mit verblüfftem, ängstlichem Blick allein. Was war denn das? Sie glaubte ihm nicht? Der ganze, schöne Plan ins Wasser gefallen? Er stampfte mit seinem Gichtfuß. -- »Ich Esel!« flüsterte er. »In Spandau stehen ja wirklich keine Ulanen!«

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Es war Rietschel gelungen, die Kinder über ihren Schmerz fortzubringen. Besonders bei Gretchen war es schwer gewesen. Aber Berta mutete ihnen auch wirklich zuviel zu. Jetzt hatte sie vollkommen an Gretchens Geburtstag vergessen! Was Rietschel nicht für möglich gehalten, trat ein: Kein Geschenk war besorgt, kein Kuchen gebacken -- am Morgen des Geburtstages wurde die Mutter gesucht, statt daß sie zu ihrem Kinde kam. Es stellte sich heraus, daß sie schon in aller Frühe ausgegangen war. Das Dienstmädchen machte ein vielsagendes Gesicht.

Dieses Gesicht! ... Rietschel fürchtete nichts tiefer, als daß es ihm plötzlich überall begegnen könnte. Es war ein Schmerz, der an Schande grenzte. An seinem Stammtisch fiel zuweilen das Wort Dalldorf. Durch den Namen der großen Irrenanstalt bezeichnet der Berliner alles Unnormale. Sobald Rietschel dieses Wort hörte, verfärbte er sich. Die Vorstellung beschlich ihn, wie es wohl sein würde, wenn seine Frau einmal in Dalldorf wäre.

Aber so schlimm konnte es ja nicht werden. Er mußte vorbauen. Der vergessene Geburtstag war freilich arg. Dennoch gelang es ihm, seine Kinder über die große Enttäuschung fortzubringen. Er ging mit ihnen zu Kranzler und dann in Castans Panoptikum. Die Schreckenskammer mußte er ihnen freilich versagen, aber, um nachgiebig zu sein, ließ er sie einen Blick auf die erwachte Scheintote tun.

Als man angeregt in die Wohnung zurückkehrte, fand man dort die Mutter vor. Sie saß an ihrem Nähtisch und schrieb einen Brief. Mit wildem Blick sah sie sich um, als Mann und Kinder eintraten. Schnell riß sie eine Schublade auf und warf den unfertigen Brief hinein. Es knallte nur so. Die Kinder blieben erschrocken stehen.

»Na, man immer kalt Blut und warm angezogen«, sagte Rietschel. »Guten Abend, Berta. Ich hab' ja fast zwei Tage nicht das Vergnügen gehabt.«

»Wo warst du mit den Kindern?« fragte sie scharf.

»Ach, bloß ein bißchen Geburtstag haben wir gefeiert, erst bei Kranzler und dann im Panoptikum.«

»Geburtstag habt ihr gefeiert?«

»Jawohl. Du hast nämlich eine Tochter namens Gretchen, wenn du dich erinnerst. Das Kind hat heute Geburtstag.«

Jetzt geschah etwas Unerwartetes. Berta sprang auf, lief zu der Kleinen hin, hob sie hoch empor und küßte sie stürmisch. Ihr ganzes Wesen war plötzlich reuige Mutterliebe. Solche Gefühlskraft war Rietschel fremd, sie ergriff ihn, und er vergaß seinen schmerzlichen Groll. Nein, nein, sie mußte doch noch ihren ganzen Verstand haben. Die arme Frau -- wer wußte denn, womit sie sich quälte?

Auch Paul bekam einen Kuß. Mit der Tüchtigkeit, die sie von ihrer Mutter geerbt, brachte Berta noch rasch ein festliches Abendessen zustande. Die Kinder waren selig. Nur mit der Wirkung des Ungarweines rechnete man nicht. Als Berta das zweite Glas getrunken hatte, starrte sie plötzlich vor sich hin, sah nicht mehr, was sie umgab, und brach in heftiges Weinen aus. Bald darauf lief sie aus dem Zimmer.

Wie gelähmt blieben die anderen sitzen. Schließlich sagte Rietschel mit zitternder Stimme: »Kinder, was ist das nun? Mit eurer Mutter? Ob wir nicht doch mal den Doktor kommen lassen?«

»Ach, Vater, das nutzt ja nichts«, erwiderte Paul. Sein klarer Kinderblick suchte dem inneren Auge des Vaters zu begegnen. »Ich glaube, es hängt mit dem Brief zusammen, den Mutter vorgestern gekriegt hat.«

Gretchen fuhr auf: »Aber Paul! Davon sollen wir doch nichts sagen!«

Der Bruder schüttelte den Kopf: »Jetzt ist es mir egal.«

»Was war das für ein Brief?«

Die Kinder erzählten. Wer an die Mutter geschrieben, war nicht festzustellen, aber Rietschel kam bald auf die rechte Fährte. Alles führte ja bei Berta schließlich zu diesem Punkt. --

Sie schrieb in der Nacht noch ihren Brief zu Ende. Nun war sie entschlossen, nun sandte sie ihn ab. Als sie ihn zum letztenmal durchlas, kam ein befriedigtes Lächeln auf ihr Gesicht.

Lieber Vater!

So muß ich dich jetzt nennen, weil ich Respekt vor dem Gefühl eines Kindes habe. Wenn ich von einem Menschen weiß, daß er mein Vater ist, muß ich ihn liebhaben, mag mir auch noch so sehr nach dem Gegenteil zu Mut sein. Dagegen können Sie nichts machen, hochgeehrter Herr Justizrat. Auch daß ich Ihnen den schönen Roman, den Sie mir von meiner Mutter erzählt haben, glaube -- wollen Sie mich dazu zwingen? Vergebliche Mühe, Herr Rechtsbeistand. Ich kenne die Wahrheit, und jeder Schwindel prallt an mir ab. Es handelt sich um die Stimme der Natur. Daß meine Mutter nicht drauf hören will, ist unglaublich; aber dazu hast Du sie natürlich gebracht. Ich jedenfalls, das schwöre ich Dir -- ich lasse mich nicht so ducken wie Mutter. Jetzt komme ich zu Dir nicht mehr, aber ich weiß, wohin ich zu gehen habe. Ich werde mir schon Gehör verschaffen, Herr Justizrat. Zunächst mal hetze ich einen Kollegen, einen Rechtsanwalt auf Sie, und dann werden wir weiter sehen. Es wäre ja schließlich nicht das erstemal, daß die Leute einer richtigen Überzeugung geglaubt haben. Wer das Recht auf seiner Seite weiß, geht durch dick und dünn. Dafür ist ja schließlich auch unser Heiland gestorben.

Oder weißt Du nichts von dem? Was geht denn eigentlich in Dir vor, Vater, warum willst Du mich denn nicht? Ich hätte doch noch eine richtige Liebe für Dich, jetzt, wo Du alt und krank bist. Ein Mensch, der nur Gerechtigkeit will, kann doch kein schlechter Mensch sein. Du könntest es noch so gut haben, wenn Du mich endlich dahin ließest, wo mein Platz ist.

Aber das ist wohl alles vergebens. Jetzt mache ich mir keine Hoffnung mehr. Lebe wohl, und Du wirst von mir hören.

Deine Tochter Berta.‹ -- --

Viktor Schwarz war mühsam zusammengeflickt -- mehr galt sie nicht, seine Genesung. Er wußte es, aber es genügte ihm, daß die Welt ihn wieder sah und verehrte. Wieviel geheime Ruinen herrschten in Groß-Berlin! Er steigerte sogar sein früheres Leben. Die Gesellschaften in der Grunewaldvilla wurden immer glanzvoller, und man konnte an eine späte Blüte glauben, denn Justizrat Schwarz war nicht mehr allein. Nach seiner letzten Krankheit hatte er es gewagt, was ihm bisher zu kühn erschienen -- er hatte seine langjährige Freundin ins Haus genommen. Gusti Bernhardi stellte er offiziell als Wirtschafterin vor.

Sie war am Ziel. Nun konnte sie den Eigensinnigen ganz beherrschen, die kolossale Erbschaft war ihr gewiß. Ihre wienerische Grazie machte auch alle bösen Zungen stumm. Das Dekorum wurde gewahrt, und man gönnte dem leidenden alten Mann das bißchen Freiheit, wenn er auch Präsident des Bundes für ethischen Fortschritt war. Die strengsten Herren amüsierten sich jetzt dank Gusti Bernhardi ausgezeichnet im Hause Schwarz.

Sie ahnte, was ihren Freund zu seinem Entschluß gebracht hatte. Von Bertas Besuch hatte er ihr nicht erzählt, denn er fürchtete, vor ihr blamiert zu sein; aber er biß so sichtlich noch einmal die Zähne zusammen, sammelte so ingrimmig alle Machtmittel seines erfolgreichen Lebens, daß dieser letzte Kraftaufwand nur einen Grund haben konnte: Das kleine, hungerige Tier nagte an seiner Wurzel, die Verfolgerin, die nicht leben wollte ohne ihren Erzeuger. Täglich fühlte er sich bedroht und wartete auf einen Überfall. Der Tag, der keinen brachte, war ihm geschenkt, und er lächelte oft seltsam erleichtert, wenn man sich an seine Tafel setzte.

Bertas Brief hatte er ohne Antwort gelassen. Weitere Briefe die er bestimmt erwartet, folgten nicht. Es vergingen Wochen, Monate -- Berta blieb stumm. Hatte sie es aufgegeben? War ihr endlich die Erkenntnis gekommen, daß die Eroberung dieser Festung unmöglich war?

Viktor Schwarz dachte vergeblich darüber nach -- schließlich nahm er an, daß der Rechtsbeistand, den Berta befragen wollte, nicht ihr, sondern dem vermeintlichen Vater geholfen hatte. Welcher orientierte Anwalt in Berlin wagte es, mit Viktor Schwarz anzubinden? Viele gab es sicher nicht. Das hatte er in dreißig Jahren doch erreicht. Man ›wimmelte‹ die kleine Querulantin ab -- vom Standpunkt des Gesetzes war ja doch nichts mehr zu machen.

Aber während Viktor Schwarz sich immer mehr beruhigte, verkannte er die wahre Ursache von Bertas Beschwichtigung. Sie war von ihm abgelenkt, sie hatte trotz ihres Vorsatzes keinen Kollegen auf ihn gehetzt, weil die stärkeren Mächte des Lebens sie gepackt hatten.

Ihre Kinder erkrankten. Es war Scharlach und die Gefahr wurde groß. Als die Krisis überwunden war, folgte eine Augenentzündung, die den Arzt sehr besorgt machte. Er fürchtete, daß das Ehepaar Rietschel blinde Kinder behalten würde. Nun tat man alles, um das Unheil abzuwenden. Ein berühmter Spezialist, den Rietschel kommen ließ, verordnete eine langwierige Kur in einem thüringischen Sanatorium. Dorthin mußte Vater oder Mutter mit den Kindern übersiedeln. Nur so konnte ihnen das Augenlicht erhalten bleiben.

Rietschel überlegte nach langer Zeit wieder einmal eine große Entscheidung mit Berta. In seine Angst um die Kinder mischte sich auch die, daß Berta ihn jetzt nicht verstehen könne. Mißtrauisch sah er sie an, während er ihr die Verordnung des Arztes auseinandersetzte:

»Es ist natürlich schrecklich, es schmeißt uns alles wieder um. Wir müssen die Kinder aus der Schule nehmen, wir müssen selber auseinander gehen, denn entweder mußt du oder ich mit ihnen nach Jena. Aber was bleibt einem übrig? Das ist eben das Leben, das heißt verheiratet sein. Gespielt und gespaßt wird nicht immer. Plötzlich kommt der große Ernst und --«

»Warum redest du denn so viel?«

Berta stellte diese Frage mit seltsamer Überlegenheit. Er ärgerte sich und bekam einen roten Kopf: »Weil man doch bei dir nie weiß, woran man ist! Sollen unsere Kinder blind werden?!«

Er schluchzte fast. Sie aber antwortete mit einer Milde, die sie lange nicht besessen: »Du bist ein Esel, Peter.«

»Na jedenfalls -- ich kann hier nicht weg!! Sonst geht das Geschäft zugrunde! Von dem Geschäft leben wir! Das ist die Hauptsache! Auch für die Kinder!«

»Du bleibst selbstverständlich hier und ich fahre mit den Kindern.«

Rietschel starrte sie an -- sein Gesicht begann sich aufzuhellen: »Weißt du aber auch, was du übernimmst, Berta?«

»Es ist unglaublich! Du redest wirklich nicht mehr mit mir, als ob ich die Mutter wäre!« --

Berta reiste mit den Kindern. Staunend sah Rietschel, welche Entschlossenheit sie beherrschte. Fanatisch griff sie alles an, aber hier wurde ihr Fanatismus zum Segen. Rietschel glaubte daran, daß sie ihre Aufgabe durchführen würde. Zum erstenmal fühlte er wieder Stolz auf seine Frau. Eigentümlich äußerte sich seine Empfindung. Er stand mit geballten Fäusten da und flüsterte: »Der alte Lump im Grunewald -- muß er das arme Weib nun so quälen?« -- --

Länger als ein Jahr blieb Berta mit Paul und Grete in dem Sanatorium. Es war eine teure und opfervolle Zeit, aber sie brachte dreifach Segen. Die Kinder genasen; Rietschel, der trotz aller Sorgen doch wieder einmal Ruhe hatte, verdiente viel, und Berta war von ihrer Vatersuche abgelenkt. Ein Viertes aber ergab sich, das die tiefste Bedeutung hatte. Die Kinder fanden sich endlich ganz zur Mutter. Sie sahen in das wahre Feuer ihrer Seele, und nun konnte sie nichts mehr von ihr trennen. Wer keinen Schlaf und kein Essen gebraucht, um ihnen zu dienen, der blieb ihr bester Halt, auch wenn die Rätsel des Lebens noch so viel verwirren wollten. Bertas Kinder erfaßten den Urzusammenhang und ließen von ihrer Mutter nicht mehr ab.

Als sie endlich wieder in Berlin waren, von dem vereinsamten Vater freudig begrüßt, schien die glückliche Zeit fortzudauern. Berta wurde von Rietschel mit Anerkennung überschüttet, sie wachte auch über den gesunden Kindern, und die alten Gespenster schienen weitab zu fliehen.

Es war Rietschels Tragik, daß er nichts von seiner Frau wußte, als er sie stolz und glücklich zu durchschauen glaubte. Berta lebte unter einer Pflicht, für sie gab es keine Wahl vor solcher Aufgabe, denn sie war wirklich eine Mutter, aber für ihr eigenstes Wesen, das nun einmal bei Rietschel darben mußte, war die Wandlung des letzten Jahres nur Betäubung gewesen. Sie hatte abgebüßt, was sie dämonisch ins Verderben trieb. Sie hatte Vergessenheit gefunden in der Welt, die sie nur als Frau und Mutter gelten ließ. Der Durst ihres Innersten blieb ungestillt.

Aber zu einem wirklichen Schritt konnte sie sich nicht mehr aufraffen. In schwermütige Bitterkeit verbissen, lebte sie weiter -- auch in Berlin, wo sie nun alles an alte Leiden erinnerte. Die Wanderungen mit den Kindern über Thüringer Waldhöhen hatten sie abgelenkt -- jetzt wußte sie wieder, wo der Weg in den Grunewald führte. Es hieß, den Kopf in den Sand stecken, arbeiten und im Pfluge gehen.

So vergingen einige Jahre. Das große Einerlei schliff manchen ruhelosen Wunsch ab. Rietschel wußte um Bertas enges Dasein ein Behagen zu breiten, das billig betäubte -- er hielt es für den Frieden, den sie gebraucht. Oft reizte es sie, aufzuspringen, die Hülle abzuschütteln, dem selbstzufriedenen Manne zuzurufen: ›Nein, du irrst dich! Ich bin noch ebenso, wie ich war! Du kannst mir nicht geben, was ich brauche!‹ Dann aber sah sie auf ihre Kinder und verstummte. Paul und Grete wurden schöne, aufrechte Menschen. Man wunderte sich oft, daß den Rietschels solche Kinder beschieden waren. Rührend, durch frühes, gemeinsames Leid verknüpft, festigte sich ihr Geschwisterbund.

Rietschels galten als wahrhaft glückliche Familie -- Justizrat Schwarz hörte davon zuweilen durch Tübbeke, seinen Bureauvorsteher. Frau Grunow war inzwischen an Altersschwäche gestorben, ihr Sohn Alfons lebte bei politischen Freunden in Rußland -- Tübbeke war ganz allein. Justizrat Schwarz behielt den Greis, der seine Arbeit immer noch verrichtete, er war ihm auch wertvoll, weil er ihm von Berta Rietschel erzählte. Was der alte Lebenskünstler im Grunewald gern glaubte, das glaubte er intensiv. Berta war für ihn erledigt. -- »Als Gattin und Mutter hat sie doch noch ihre Bestimmung gefunden«, sagte er zu Gusti Bernhardi. Seine Freundin zuckte die Achseln -- sie hatte einen tieferen Blick in Bertas Leben getan, aber sie ließ ihn bei seinem Glauben.

Viktor Schwarz hatte immer den Frühling geliebt. Schon aus ferner Jugendzeit waren ihm bestimmte Bilder in Erinnerung geblieben. Aber der Frühling war auch die Zeit der Schmerzen und Gefahren für ihn. Er wurde nun doch ein alter Mann -- daran war nicht zu rütteln. Ein Maiabend, allzulange im Garten bei köstlicher Bowle verträumt, hatte ihn verführt, seine letzte Leidenschaft zu entfachen. Gusti Bernhardi gewährte es ihm, denn sie sah, was er nicht sah: die Nähe des dunklen Hafens. Von Mitleid und Berechnung erfüllt, diente sie einem Absterbenden. Der Morgen dann wurde kritisch. Zusammenbruch drohte, aber der eigensinnige Mann hörte auf keine Warnung. Er hatte ein großes Geschäft vor, es trieb ihn, stolz auf seine Kraft zu bleiben -- nach dem Frühstück brach er auf und humpelte an seinem Krückstock in den Frühling hinaus. Was Gicht -- was Krampfadern -- er konnte noch leben und lieben!

Das Automobil erwartete ihn erst in Halensee -- bis dorthin wollte er unter der lieben Sonne gehen. Sonderbare Bilder tauchten heute vor ihm auf. Er sah sich plötzlich wieder als jungen Assessor in Strelenwalde. Am offenen Fenster seiner Wohnung stand er und blickte auf das Haus des Konditors hinüber. Dann ging er zu Liese, der blonden, schlanken, in den schattigen Garten der Zubermühle. Er hatte doch nur sie geliebt. Niemals vergaß er die Stunde jener Nacht, als sie sich gebückt und Blumen aufgehoben hatte. Huschten die verflogenen Küsse über seine welken Lippen? »O Jugend«, flüsterte Viktor Schwarz -- es war ein blutender Laut der Reue. Dann blieb er plötzlich stehen, griff an sein Herz, starrte hilflos mit großen Augen vor sich hin und sank zu Boden.

Man fand den Toten und erkannte ihn bald. Das Automobil wurde geholt, und es trug ihn zu Gusti Bernhardi zurück. -- --

Rietschel las jetzt die Vossische Zeitung. Im Interesse seiner Kundschaft war er dazu übergegangen. Eines Abends stutzte er plötzlich, warf einen schnellen Blick auf Berta und versuchte noch die Bewegung, die ihm eine Nachricht brachte, zu bemänteln. Aber es war zu spät. Berta pflegte ihn immer beim Zeitunglesen zu beobachten.

»Na, was ist denn?« fragte sie unruhig.

Er überlegte schnell -- aber Verheimlichen hatte keinen Zweck -- sie erfuhr es ja doch -- dann wurde es nur noch schlimmer.

»Na, Berta«, sagte er sanft -- »nun ist es eben eingetreten. Er soll ja schon lange ein verlorener Mann gewesen sein.«

»Wer? ...«

Bevor er antworten konnte, war sie schon aufgestanden, hinter ihn getreten und sah über seine Schulter in das Blatt. Er fühlte, wie sie bebte. Sie konnte nichts sagen. Es dauerte lange, bis sie es verstand. Keine Familiennachricht war dem verstorbenen Justizrat gewidmet, sondern ein langer Artikel im lokalen Teil. Die Wichtigkeit des Toten spiegelte sich darin. Berlin war um einen großen Namen ärmer.

»Laß dich nicht so davon aufregen, Bertchen«, sagte Rietschel nach langem Schweigen. »Ich kann ja verstehen, daß es dich packt. Die Art, wie der Mann gestorben ist, hat was Trauriges. Aber der Tod macht nun mal keinen Unterschied. Auch Kaiser Friedrich ist gestorben -- das fällt mir jetzt bloß so ein. Und du darfst nie vergessen -- um dich hat er keine Träne verdient.«

Er blickte schließlich zu ihr auf, da sie noch immer nicht antwortete. Da sah er, wie sie erst mechanisch die Lippen bewegte -- dann hörte er sie: »Meinst du, daß ich um ihn weine? Nein. Innerlich bin ich seit Jahren mit ihm fertig. Den Tod hat er verdient --«

»Berta ...«

»Ja, ja, es klingt abscheulich, aber ich muß es jetzt sagen. Er mußte auf der Straße sterben. Nicht mal die Bernhardi ist bei ihm gewesen -- --«

»Laß ihn ruhen, Berta.«

»Von mir aus ...! Wenn er kann ...! Wenn er sterben konnte, ohne mir mein Recht zu geben --!«

»Herrgott, was meinst du denn damit?«

»Peter, wir standen schon wieder so gut miteinander -- mach' mich nicht irre, Peter! Er war mein Vater, wenn er's auch nicht zugegeben hat! Jetzt, nach seinem Tode, ist er's ebenso und mehr noch, denn er kann es mir nicht mehr abstreiten! Jetzt sag' ich es laut vor der ganzen Welt!«

Rietschel drückte den Kopf in beide Hände. --

»Nun geht deine Geschichte wieder von vorne los«, flüsterte er gequält.

Berta ging mit heftigen Schritten im Zimmer umher: »Die hat bei mir noch niemals aufgehört! Du sollst jetzt sehen, Peter, das ich recht behalte! Ganz beschämt sollst du sein, weil du kein Vertrauen zu deiner Frau gehabt hast, die doch nur deine Zukunft im Auge hat!«

Mit geröteten Augen sah Rietschel sie an: »Ich kann dich nicht verstehen, Berta. Was meinst du? Der Mann ist tot, erreicht hast du nichts bei ihm, nun laß ihn schlafen, nun komm du im Leben zur Ruhe!«

Sie blieb vor ihm stehen, in ihre Augen kam ein seltsam lächelnder Triumph: »Ich will aber zu mehr kommen, mein Lieber -- ~weil~ er tot ist, weil ich im Leben zur Ruhe kommen möchte!«

»Was heißt das? Meinst du, daß er dich im Testament noch anerkannt hat?«

»Das will ich nicht sagen! Aber er hat mich unbedingt in seinem Testament bedacht!«

»Berta, um Gottes willen, wie kommst du denn darauf? Du machst dir wieder Illusionen -- so was hab' ich noch nicht gesehn! Dem alten Gauner lag doch nach seinem Tode ebensoviel an seinem Ruf wie vorher! Ums Geld ging es ihm nicht -- aber was die Leute ihm nachreden, daß da alles klappt, und daß er wie so'n richtiger Engel in den Himmel fliegt. Dich konnte er nicht brauchen, da verlaß dich drauf -- du kommst in seinem Testament nicht vor! Dafür haben die Erbschleicher gesorgt!«

Berta ging zum Fenster und starrte hinaus. --

»Nein, Peter,« sagte sie nach einer Weile -- »Du siehst die Sache nicht richtig. Ich weiß es ganz genau. Was er im Leben nicht konnte, das war ihm im Tode möglich -- oder vielmehr in seinem letzten Willen, wovon ja bis jetzt kein Mensch was weiß. Da kommt die große Überraschung. Denn ich will dir sagen, was die Hauptsache ist: Er hat es ~gebraucht~. So weit kannte ich ihn auch. Der Mann war nie glücklich, weil er ~mir~ gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte. Das wußte ich, und darum blieb ich hinter ihm her. Ich sage dir, es war nicht vergebens, daß ich ihm nicht von der Pelle ging. Ein Erbschleicher war ich darum nicht -- darf man die eigene Tochter so nennen?! Ich wollte nur erreichen, daß er mich nicht vergißt, und das habe ich erreicht. Du wirst sehen -- ganz zuletzt hat er noch Frieden mit mir gemacht. Der Mann war ja so klotzig reich -- was lag ihm denn daran, mich mit hunderttausend Mark 'reinzusetzen?«

»Man sachte, sachte«, sagte Rietschel, den Kopf schüttelnd. »Hunderttausend Mark -- das ist leicht gesagt. Mich soll's wundern, wenn es tausend sind ...«

»Willst du mir schon wieder den Mut nehmen?«

»Nein, Kind, ich weiß ja, du meinst es gut. Du denkst an die Kinder. Aber Geld allein macht nicht glücklich --«

»Man muß es auch haben!« -- Scharf auflachend verließ Berta das Zimmer. Er kam nicht weiter mit ihr. --

In den nächsten Tagen studierte sie mit fieberhafter Spannung alle Zeitungen. Doch was sie suchte, fand sie nicht. Immer wieder standen Nachrufe darin -- ein Dutzend Aktiengesellschaften ehrten ihren verstorbenen Aufsichtsrat, viele Vereine und Stiftungen priesen den verblichenen Wohltäter -- nur die einfache Anzeige der Familie fehlte. Die mußte ja Ort und Stunde des Begräbnisses mitteilen.

Abends sagte Berta zu Rietschel: »Eine Bitte mußt du mir erfüllen, Peter!« -- Er zuckte zusammen: »Erst sage, was es ist.«

»Du wirst es mir nicht abschlagen. Ich rate dir, tu's nicht. Ich möchte mit dir zu der Beerdigung gehen --«

»Berta!«

»Doch, Peter! Das ist die einzige Gelegenheit, wo ich mal alle beisammen sehen kann! Die Leute, zu denen ich ja auch gehöre! Ich bin doch eigentlich die Hauptperson!«

»Das ist ja peinlich, Berta. Was soll ich denn da? Ich kenn' doch keinen Menschen, und wo bloß die Neugierigen stehen, da willst du doch nicht bleiben --«

»Sicher nicht! Ich stell' mich in die vorderste Reihe! Dicht an den Sarg!«

»Da haben wir's! Womöglich noch in Schwarz und mit 'n langen Schleier?«

»Was denn sonst? Ich weiß, was sich gehört!«

»Also -- Berta -- wann wirst du endlich Vernunft annehmen?«

»Du hast es mir versprochen!«

»Ich -- --«

»Du hast es mir versprochen!« --

Berta blieb bis zum nächsten Morgen in einer geradezu glücklichen Spannung. Sie versprach sich alles mögliche von dem Begräbnis. Als sie aber in die Zeitung blickte, wich die Farbe wieder aus ihrem Gesicht -- zusammenknickend stand sie vor Rietschel.

»Na, was ist denn? Steht was drin?«

Sie antwortete nicht. Nun las er die Anzeige der Familie:

›Am 5. Mai verschied nach langem Leiden unser lieber Vetter, Onkel und Schwager, Herr Justizrat Viktor Schwarz, Ritter hoher Orden. Im Sinne des teuren Entschlafenen hat das Begräbnis bereits in aller Stille stattgefunden.

Die trauernden Hinterbliebenen.‹

Rietschel konnte ein Lächeln kaum unterdrücken -- er fühlte sich sehr erleichtert. Berta aber flüsterte mit zuckenden Lippen: »Der ist unglaublich! Der entwischt einem im Tode noch! Aber laß man gut sein, Peter -- das Testament! Ich warte auf das Testament!«

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Onkel Tübbeke war schon auf Bertas Besuch gefaßt. Nun kam sie ausgerechnet, als er eben ein Abendbrot verzehren wollte, auf das er sich schon lange gefreut hatte: Bockwurst mit Kartoffelsalat. Es war ohnehin keine Kleinigkeit für einen alten Mann, allein zu wirtschaften -- den Verlust seiner Schwester empfand er bitter. Nun erschien noch diese aufgeregte, kleine Frau und wollte womöglich, daß er ihr zu einer Erbschaft verhülfe.

Tübbeke verschanzte sich: »Was ist los, Berta?«

»Ich will dich nicht weiter stören, Onkel -- sage mir nur, wer die Testamentsvollstrecker sind.«

»Von ihm?« -- Er machte eine vielsagende Bewegung.

»Ja, natürlich! Du mußt es doch wissen!«

»Und warum willst ~du~ das wissen?«

»Lieber Onkel, wir wollen uns darüber nicht unterhalten, Du kannst dir ja vorstellen, daß ich ein berechtigtes Interesse an dem Testament habe.«

»Ich kann mir garnichts vorstellen.«

»Sage mir bitte jetzt, wer die Vollstrecker sind.«

»Ich bin nicht berechtigt, dir das zu sagen.«

»Reize mich nicht, Onkel!«

Sie schlug mit ihrer zitternden Faust auf den Tisch. Dem alten Mann wurde es ängstlich zu Mut. Er war mit dieser exaltierten Person allein -- ihrem Verstande traute er schon lange nicht. Bis er die Leute im Hause herbeirief, stach sie schon mit der Gabel auf ihn ein oder tat sonst etwas Unglaubliches. Auch wurde die Bockwurst kalt, wenn er auch einen Teller darüber gestülpt hatte. Schließlich konnte er ihr ja die Namen nennen -- sie loszuwerden, war dann Sache der mächtigen Herren.

»Also, damit du mich endlich in Ruhe läßt -- der Notar ist Justizrat Alexander II in der Nürnberger Straße 15. Testamentsvollstrecker haben wir außerdem noch drei, denn das Testament ist danach.«

»Wohl unglaubliche Reichtümer?«

Onkel Tübbeke sah zur Decke: »Das kannst du dir ja denken.«

»Und die andern Herren? Ich schreib' sie mir gleich auf.«

Er nannte ihr noch drei Adressen. Berta glaubte Kostbarkeiten zu sammeln, während sie sie notierte. Die Namen imponierten ihr gewaltig -- ein Universitätsprofessor, ein Kommerzienrat und der Direktor einer großen Bank.

»Na, das sind doch Leute -- die werden schon ein gerechtes Urteil haben«, sagte sie vor sich hin.

Onkel Tübbeke brummte etwas Unverständliches. Er lüftete den Teller und befühlte die Bockwurst. -- »Sonst noch was?« fragte er verdrießlich.

Berta stand auf: »Nein, Onkel. Danke sehr. Jetzt lass' ich dich essen. Entschuldige bitte die Störung. Aber sage mir nur noch das eine: Was glaubst du, wie ~ich~ bedacht bin?«

»~Wo?~«

»In dem Testament!«

»Davon weiß ich nichts.«

»Hältst du es aber für möglich?«

»Möglich ist vieles im Leben.«

Bertas Gesicht erglühte. Nach einer Pause fragte sie noch: »Wann ist denn die Testamentseröffnung und wo?«

»Übermorgen bei Alexander II.«

»Da kann ich doch hingehen?«

»Hingehen kannst du natürlich; aber ob sie dich 'reinlassen, ist die Frage. Man muß 'ne Karte haben.«

»Die krieg' ich schon noch.«

»Ist aber die höchste Zeit.«

Als Onkel Tübbeke wieder allein war, dachte er kopfschüttelnd: ›Sie ist doch 'n richtiges Kalb geblieben. Wenn sie keine Karte kriegt, dann gilt sie doch auch nicht als Erbin, dann braucht sie sich doch gar keine Hoffnung zu machen. Daß sie sich das nicht sagt ...‹ --

Berta war schon nach der Nürnberger Straße unterwegs. An ihre Pflicht zu Hause dachte sie nicht -- das Mädchen würde schon fürs Essen sorgen. Sie selbst kaufte sich eine Apfelsine und zwei Bananen. Während sie diese Früchte verzehrte, dachte sie: ›Nun komm' ich bald nach Italien und nach Indien. Ich will überhaupt große Reisen machen. Da vergißt man hier den Plunder und kommt auf andere Gedanken.‹

Bei Justizrat Alexander II empfing sie ein strammer, gescheitelter Bureauvorsteher, an dem jedes überflüssige Wort abprallte. Er sah sie von oben bis unten an: »Sie wünschen eine Karte für die Testamentseröffnung Viktor Schwarz? Wenn für Sie eine bestimmt war, hätten Sie sie längst durch die Post erhalten. Wie ist denn Ihr werter Name?«

»Prutz« stieß Berta hervor. »Nein -- Rietschel!«

Das Personal kicherte. Der gescheitelte Herr schnitt eine Grimasse, um ernst zu bleiben: »Also gilt wohl die Berichtigung? Rietschel?«

Er sah in einer Kiste nach -- dann schüttelte er den Kopf: »Bedaure, der Name Rietschel ist nicht aufgeführt. Und Prutz, der Ordnung halber -- auch nicht.« -- Er wandte sich Berta zu. »Sie sind keine Erbin«, sagte er mit strenger Polizeimiene.

Jetzt blickten alle auf sie -- es war, als ob man eine Diebin ertappte.

»Das ist ja ganz unmöglich«, stammelte Berta.

»Ich habe das Meinige getan -- ich bitte, meine kostbare Zeit nicht länger in Anspruch zu nehmen.«

»Ich werde es anfechten!«

Jetzt hörte sie ein deutliches Lachen um sich her.

»Da sollten sie doch mindestens die Eröffnung des Testaments abwarten«, sagte ein Fräulein in halb mitleidigem, halb spöttischem Ton.

»Das werde ich! Auch ohne Karte!«

Sie lief fort. Die Heiterkeit legte sich nach ihrem Verschwinden noch lange nicht. -- »Ja, ja, was man nicht alles erlebt«, sagte der gescheitelte Herr, sich die Augen wischend. »Es ist unglaublich. Wenn es heißt ein Millionentestament, dann melden sich Leute, die mit dem Erblasser mal in der Elektrischen gefahren sind.«

»Und die kleine Frau tat so, als ob sie die eigene Tochter wäre«, meinte das Fräulein. --

Die Testamentseröffnung war jedenfalls ein Ersatz für das versäumte Begräbnis. Berta konnte nun doch noch alle beisammen sehen. Eine Stunde vor Beginn erschien sie in der Nürnberger Straße und sah in einem wunderlichen Gemisch von Neid, Groll und Neugier die Geladenen kommen. Gusti Bernhardi fuhr in Justizrat Schwarz Automobil vor -- ihre Trauerkleidung war von vorbildlicher Eleganz.

Berta stand abseits und zappelte vor Aufregung. Sie hielt sich noch immer für die Hauptperson, die auf dem Höhepunkt des Dramas in die Handlung eingreifen konnte. Ob und wie sie es tat, darüber konnte sie zu keinem Entschluß kommen. Schließlich packte sie der Wunsch, in den Versammlungsraum zu gelangen, so stark, daß sie mit Nachzüglern hineinzuschlüpfen versuchte. Aber der gescheitelte Bureauvorsteher stand als Zerberus vor der Tür. Er erkannte sie sofort und fragte schroff: »Ihre Karte?« -- Berta verstummte. -- »Ohne Karte hat niemand Zutritt!«

Weinend wich sie auf die Treppe zurück. -- »Na, was ist denn, Frauchen?« fragte ein Schornsteinfeger, der eben vorüberkam.

Berta erschrak vor seiner höllischen Erscheinung, aber sie antwortete: »Ich bin die leibliche Tochter und soll nichts erben!«

Der schwarze Mann sah sie betroffen an: »Ist nicht möglich ... ja, so sind die Reichen. Na, machen Sie doch Krach!«

Er ging mit seinem Besen weiter. Berta stand wieder auf der Straße. Der Mann hatte recht. Krach wollte sie machen. Krach mußte sie machen! Sogleich, wenn die Erben das Haus verließen, sollte es geschehen!

Endlich kamen sie. Die meisten sichtlich beflügelt -- heuchlerische Trauer deckte kaum ihre heimliche Wonne. Man wahrte die Form -- man stelzte würdig von dannen. Aber auch Mißvergnügte kamen. Das Testament mußte doch unangenehme Überraschungen enthalten. Als Gusti Bernhardi wie eine königliche Witwe davonrauschte, konnte Berta sich nicht mehr halten. Sie stürmte über den Damm. Das Automobil rollte schon an ihr vorbei, und es war ihr, als ob Gusti betroffen aus dem Fenster sehe. Vor dem Hause aber stand jetzt ein heftig debattierender Schwarm. Lachende Erben waren es nicht -- man scheute nicht den Spott der Beobachter und stritt um das Testament.

Hier glaubte Berta einsetzen zu können. Sie trat an die Gruppe heran und fügte immer wieder, wenn ein Gekränkter seine Meinung gesagt, mit ihrer klagenden Stimme ein: »Und ich bin das Kind!«

Man achtete anfangs nicht auf sie, man war zu sehr mit den eigenen Interessen beschäftigt -- dann aber fuhr plötzlich ein dicker Herr zu der kleinen Frau herum: »Was wünschen Sie denn eigentlich? Sie flöten mir da immer was ins Ohr, und ich kenne Sie garnicht! Das macht einen ganz nervös!«

Auch die anderen blickten Berta verwundert lächelnd an.

»Entschuldigen Sie -- ich bin sein Kind«, flüsterte sie.

»Was sind Sie?« fragte der Dicke.

»Sein Kind, seine eigene Tochter!«

Man sah sich an -- das war doch noch das Originellste an diesem Testament -- nun kam noch das erheiternde Nachspiel der Tragödie.

Ein schmaler, hochschulteriger Herr, der sich wie ein gravitätischer Storch bewegte, fragte Berta, an seiner Brille rückend: »Haben Sie geerbt, meine Gnädige?«

»Nein, garnichts. Ich bin leer ausgegangen. Ich durfte nicht mal 'rein.«

Einige Damen bekamen das Lachen und wandten sich ab. Eigentlich mußte man ja ernst sein.

»Leiten Sie einen Anspruch davon ab, daß Sie das Kind des Erblassers sind?« fragte der Storch.

»Ja, natürlich! Was glauben Sie denn?«

»Sie sind illegitim?«

»Ich bin seine Tochter!«

Ein junger Herr tanzte schon auf einem Bein. -- »Das ist großartig!« zwitscherte er.

»Nun,« meinte der Storch bedauernd -- »dann machen Sie sich keine Hoffnung. Wir sind mit dem Seligen legitim verschwägert und müssen uns mit bescheidenen Andenken begnügen.«

Man ließ jetzt von ihr ab und warf ihr noch Blicke zu, die nicht mißzuverstehen waren -- ja, das Leben war schon zum Verrücktwerden. Dann trennten sich die Erben und gingen, von dem Zwischenfall aufgeheitert, friedlich auseinander. --

Berta lief wie eine Löwin vor dem verhaßten Hause auf und ab. -- »Ich fechte es an! Ich fechte es an!« rief sie immer wieder. Einige Kinder, die einen großen Spaß witterten -- ihnen war es gleich, ob es sich um eine Verrückte oder eine Betrunkene handelte -- folgten ihr. Schließlich aber tauchte ein großer dunkler Mann mit blitzenden Knöpfen vor ihr auf. Berta starrte ihn in sein rotes Gesicht.

»Gehen Sie jetzt nach Hause!« rief der Schutzmann. »Sie erregen hier Ärgernis!«

Er wollte nichts gegen sie unternehmen, aber seine Erscheinung wirkte überwältigend. Von Kindesbeinen hatte Berta eine fürchterliche Angst vor Schutzmännern gehabt. Nun erhielt sie zum erstenmal einen wirklichen Verweis von dem Manne des Gesetzes. Blutrot machte sie kehrt und lief davon.

Auf dem Untergrundbahnhof Wittenbergplatz aber sah sie eine Frau wieder, die auch das Haus des Testamentsvollstreckers verlassen hatte. Es war eine dürftige, vergrämte Person. Sie trug ein amtliches Schriftstück in der Hand, das sie zuweilen las, um dann immer wieder erbittert den Kopf zu schütteln. Als sie Bertas ansichtig wurde, steuerte sie plötzlich auf sie zu:

»Entschuldigen Sie, Sie sagten doch eben, daß Sie die Tochter von Justizrat Schwarz wären?«

Berta zitterte: »Jawohl! aber man hat mich ausgelacht!«

»Die Ochsen! Was wissen denn die! Raten Sie mal, wer ich bin! Ich bin Minna!«

»Minna? ... Ach seien Sie mir nicht böse -- aber dadurch weiß ich noch nichts!«

»Daran sieht man aber, daß Sie den alten Schwarz nicht gut gekannt haben -- sonst müßten Sie wissen, wer Minna ist! Ich war achtzehn Jahre Köchin bei ihm! Achtzehn Jahre! Und wissen Sie, was er mir vermacht hat? Ein Sparkassenbuch mit 3000 Mark!«

»Das ist doch wenigstens was.«

»Haben Sie 'ne Ahnung, was sonst noch in dem Testament steht?! Hier halt' ich's in der Hand! Das ist die Abschrift!«

Berta flog am ganzen Körper: »Ach bitte! Bitte! Lassen Sie mich's lesen!«

»Warum auch nicht? Ein Geheimnis ist es nicht! Ganz Berlin wird davon sprechen! Aber mögen die Leute noch so begeistert sein von dem Mann -- ich, Minna Schramm, ich sage: er war ein Schubjack!«

»Darf ich mir vielleicht erlauben, Sie in ein Café einzuladen? Da haben wir's ruhig -- da kann ich auch besser lesen ...!«

»Meinetwegen. Ich habe für seinen kranken Magen gesorgt wie 'ne Mutter, sag' ich Ihnen! Wenn der Mann aus Karlsbad kam, dann hing sein Leben von mir ab! Und nun steht die eigene Tochter auf der Straße und bettelt --«

»Ich bettle nicht!«

»Na ja -- ich meine das bloß so! Aber Sie kriegen nichts, und ich kriege 3000 Mark, und was die Bernhardische ist, die kriegt 300000!«

»Ist es möglich?«

»Jawoll, und die ganze Grunewaldvilla dazu!«

»Das muß doch angefochten werden!«

Sie saßen im Café. Berta konnte jetzt lesen. Aber es schwirrte ihr vor den Augen. So viel nur verstand sie: der Mann hatte Millionen hinterlassen. Fünfzehn Aktenseiten umfaßte das Testament. Man konnte sich kaum in den Papieren und Grundstücken zurechtfinden. Die Erben lebten in allen Weltteilen. Am größten waren gemeinnützige Institute und wohltätige Stiftungen bedacht. Rastlos hatte dieser ehrgeizige Mann an seinem Denkmal gebaut. An zweiter Stelle aber kam Gusti Bernhardi, seine Freundin. War die nicht illegitim?

Berta saß erschüttert, mit gebeugtem Kopfe da. Sie dachte an ihre Kinder, an ihren Mann. Wie würde es sein, wenn sie denen jetzt eine halbe Million nach Hause brächte?

Minna Schramm, die beleidigte Köchin, aß inzwischen auf Bertas Kosten den Kuchenaufsatz leer. Sie schlürfte Schokolade dazu und sagte: »Ja, ja -- so ist es auf der Welt. Unsereiner guckt durch die Röhre. Aber ich nehme mir jetzt einen Rechtsanwalt.«

Da leuchtete es noch einmal in Bertas Augen: »Das tu' ich auch!« --

Sie kannte in der Zimmerstraße einen Kunden ihres Mannes, den Rechtsanwalt Albin Fuchs-Trota, den sie für sehr gescheit hielt. Keinesfalls wollte sie heute nach Hause, ohne bei diesem Mann gewesen zu sein. Rietschel wartete auf sie -- sie mußte ihm unbedingt ein positives Ergebnis mitbringen.

So besuchte sie noch Albin Fuchs-Trota. Der kleine, kurzatmige Mann war kühl und skeptisch, bevor er den Namen des Erblassers wußte. Sobald er aber hörte, daß es sich um Viktor Schwarz handelte, leuchtete es in seinen Äuglein auf und er rief: »Mein alter politischer Gegner? Tot ist er jetzt, Gott sei Dank, aber nun wird man ihm noch eins aufs Protzengrab versetzen! Da kommt mir Ihre Sache sehr gelegen, liebe Frau Rietschel! Lassen Sie mir bitte freie Hand!«

Berta griff tastend nach jeder Hoffnung: »Glauben Sie denn, daß noch was zu machen ist, Herr Rechtsanwalt?«

»In moralischer Beziehung unbedingt! Praktisch, da muß ich mich erst mal über die Rechtslage informieren! Jedenfalls gibt es einen famosen publizistischen Kampf! Mit seiner ganzen Clique!«

»Mir liegt natürlich bloß daran, endlich als seine Tochter anerkannt zu sein.«

»Eins mit dem andern, liebe Frau! Wir werden ja sehen!« --

Was Berta dann sah, war wenig und wurde immer weniger. In einem Skandalblatt begannen Artikel zu erscheinen, deren anonymer Verfasser Fuchs-Trota war. Sie wühlten das ganze Leben des verstorbenen Justizrates auf. Unsaubere Hände waren am Werk, eine Säule der Gesellschaft noch nachträglich ins Wackeln zu bringen. Als Haupttrumpf mußte schließlich das Kind eines sehr unmoralischen Verhältnisses herhalten. Wer gemeint war, wurde immer durchsichtiger. Es kam dazu, daß man Rietschel daraufhin ansprach und ihm zu verstehen gab, daß er einschreiten müsse, sonst würde sich die ganze Kundschaft von ihm zurückziehen. Rietschel war außer sich, aber er durfte Bertas Nerven gegenüber nicht zu weit gehen. Seinen wirklichen Vorwurf hielt er zurück. Er ahnte, wie die Enttäuschung sie erschütterte.

Als er eben damit umging, Fuchs-Trota persönlich um das Ende des schmählichen Feldzuges zu bitten, hörte er schon von selbst auf. Eine neue »Affäre« erschien, und man brauchte andere Artikel. Es wurde wieder still um Berta. Sie wandte sich an keinen Rechtsanwalt mehr -- sie haßte jetzt Rechtsanwälte. Aber die Testamentsvollstrecker nahm sie noch aufs Korn. An Justizrat Alexander II schrieb sie einen langen Brief, der dem fremden Manne ihr ganzes Leben schilderte. Antwort kam, aber es fror Berta bei diesen abgewogenen Worten. Ein Vielgewandter dankte ihr verbindlich für ihre ausführlichen Mitteilungen, die ihn ~sehr~ interessiert hätten, allerdings nur in rein menschlicher Hinsicht; denn rechtlich sähe er keinen Weg, ihr irgendwie nützlich zu sein. Selbst wenn Bertas Behauptung, eine uneheliche Tochter des Entschlafenen zu sein, zuträfe, selbst dann wäre ja jedem gesetzlichen Anspruch vollauf Genüge geschehen. ›Wenn Ihnen auch an meiner persönlichen Ansicht gelegen sein sollte,‹ schloß der Justizrat sein Skriptum, ›so gebe ich gern zu, daß wir in puncto Legitimität noch immer in recht besserungsbedürftigen Zuständen leben. Noch fehlt uns das Gesetz, das im höchsten Sinne Gerechtigkeit schafft. Sicherlich ist die Frau hier gegen den Mann benachteiligt. Unsere Kindeskinder werden vielleicht ein solches Gesetz genießen, wir aber, wie gesagt, wir haben es noch nicht, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns den bestehenden Verfügungen zu unterwerfen. Dies möchte ich auch Ihnen, sehr geehrte Frau Rietschel, dringend empfehlen, in Ihrem eigenen Interesse und in dem Ihrer Angehörigen, denn von jeher ist der Schwache, der gegen die Mauer des Starken anrennen wollte, zerschellt.

Mit ausgezeichneter Hochachtung bin ich

Ihr sehr ergebener

Alexander II, Justizrat und Notar.‹

Berta blickte wie ein verwirrtes Hündchen umher. Hilflos suchte sie Erkenntnis und Gerechtigkeit. Halb unbewußt ging sie zu den anderen Testamentsvollstreckern. Universitätsprofessor Stieglitz, ein altes Männchen, empfing sie, aber er stand auf einer hohen Leiter in seiner Bibliothek. Einmal drehte er sich nach Berta um, ganz schnell, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren -- dann kramte er in seinen Büchern weiter. Bertas Mitteilungen interessierten ihn nicht. Das einzige, was er schließlich erwiderte, war »Plautus!« Mit diesem Ruf zog er vergnügt einen versteckten Band heraus. Berta wartete noch eine Weile -- dann warf sie in heftiger Eingebung einen Stuhl um und verließ den Herrn Professor. Sie hörte noch deutlich zwei Worte hinter sich: »Gans!« und »Kapitol!«

Von Professor Stieglitz lief sie zu Bankdirektor Markbreiter. »Leider in New York«, war der Bescheid. Dahin konnte sie nun freilich nicht. Aber sie schöpfte Hoffnung, dafür den Kommerzienrat Rosenthal zu erwischen. Hier nannte ihr ein unvorsichtiger Diener die Sprechstunde seines Herrn. Jede reale Angabe war für Berta jetzt ein Schatz. Viermal kam sie wieder, viermal ließ sie sich fortschicken. Beim fünftenmal nahm sie Rietschels Rassiermesser mit, aber sie zückte es nicht, als der Diener wieder »Nicht zu sprechen« antwortete. Draußen, vor der Villa, stand ein Schutzmann -- das schreckte sie ab.

Sie stürzte davon und schrieb auf der Post einen Brief voll Beleidigungen. Zum Glück verwechselte sie bei der Adresse Rosenthal mit Lilienthal und vergaß die Hausnummer. So ging der Brief verloren. Rietschel hatte einen Kummer weniger. Als Berta aber eines Tages einem Kunden Füllfederhalter vorlegte, trat sie plötzlich zurück, schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und lief aus dem Laden. Dem verblüfften Käufer grauste es -- bei Johann Peter Rietschel hatte er eine andere Bedienung erwartet.

Berta aber stürmte, wie sie war, auf ein Automobil zu und ließ sich nach der Königsallee fahren. Heute hatte sie Glück. Als sie eben das Schwarzsche Grundstück betrat, kam ihr Gusti Bernhardi entgegen. Entschlüpfen war nicht möglich. Die erfahrene Wienerin sah auch sofort, daß sie eine Besessene vor sich hatte. Sie wollte Berta vor allem beruhigen und empfing sie deshalb mit bezwingender Liebenswürdigkeit. Rasch nahm sie ihren Arm und führte sie in das Haus.

»Das ist aber reizend, daß du dich endlich meiner erinnerst«, sagte sie mit ihrem hübschen Lächeln, das links und rechts einen Goldzahn zeigte.

»Ich habe oft an dich gedacht«, stieß Berta tonlos hervor.

Sie saßen nun in dem Zimmer, wo Berta einst dem kranken Justizrat gegenüber gesessen. -- »War das nicht sein Schlafzimmer?« fragte sie.

»Ach, du warst schon einmal hier? Ja, ja -- das war sein Schlafzimmer, aber da es so schön zum Garten hinaus liegt, hab' ich es zu meinem Zimmer gemacht.«

Berta starrte sie an: »Dir gehört also das Haus?«

»Ja, Berta. Das wußte ich übrigens schon lange.«

»Du gehst ja in Schwarz?«

»Das schickt sich wohl nicht anders -- wie?«

»Na, eher müßte ich doch in Schwarz gehen.«

»Äußerlichkeiten, Berta.«

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Berta mit würgendem Ton: »Mir ist furchtbar zu Mute ...«

Gusti Bernhardi griff nach ihrer rechten Hand -- das war keine rechte Bewegung -- neulich erst hatte Berta so etwas im Theater gesehen. »Warum?« fragte die vorsichtige Frau. »Ich habe doch nichts geerbt -- und du? ...«

»Ach Berta -- du solltest mich nicht beneiden.«

»Ich beneide dich nicht!!«

»Sei ruhig -- bitte -- wir wollen beide ganz ruhig sein. Hast du dir denn überhaupt mal klargemacht, was für ein Leben ich bei dem Mann hatte?«

»Das ist mir ganz egal! Ich war seine Tochter, und das glaubt mir kein Mensch!«

»Das will und kann dir natürlich kein Mensch glauben.«

»Warum denn?«

»Weil niemand ein Interesse daran hat. Du hast dich von Illusionen verblenden lassen, Berta. Du tust mir furchtbar leid. Aber helfen kann dir kein Mensch.«

»Gott wird mir helfen!«

»Also, das wünsch' ich dir von ganzem Herzen.«

»Gott sieht, was die Lumpen alle nicht sehen. Ich habe ein ehrliches Leben hinter mir! Ein schweres Leben! Nun soll ich nicht mal das Recht meiner Geburt haben? Nun soll ich nichts sein, garnichts, bloß weil's die Bande will?«

Gusti Bernhardi zuckte die Achseln: »Glaube mir nur, ich habe auch meinen Ärger und meine Enttäuschungen. Wenn du mich jetzt auch im Glanz siehst. Eins zum Beispiel -- das muß ich dir doch zum Trost erzählen: ich war nämlich garnicht so auf sein Geld aus, wie manche Leute glauben -- ich hab' immer eine ideale Richtung in mir gehabt. Und darum lag mir am meisten an seinen alten Bildern -- besonders die beiden Niederländer im Arbeitszimmer, darauf hab' ich mich gefreut. Und nun ...«

Berta horchte auf: »Hast du die Bilder nicht gekriegt?«

»Nein, sie sind verkauft worden, und den Erlös bekam eine Frau Major von Rotkraut in Strelenwalde --«

Berta erhob sich: »Wer --?«

»Ach so -- mein Gott, das ist ja deine Mutter? Daß ich das vergessen konnte! Aber nun siehst du's -- an deine Mutter hat er gedacht --«

»Und ich? ... Aber hat denn das im Testament gestanden? Ich habe das Testament gelesen!«

»Dann hast du die Bilder übersehen. Es handelt sich um 250000 Mark.«

»Für meine Mutter? ... Und ich ...?«

Berta taumelte, nach Stützen greifend, hinaus. Gusti Bernhardi folgte ihr nicht. Mit bösem Lächeln flüsterte sie: »Du Tropf ... Was warst du ihm, und was war ihm deine Mutter?«

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Im Lokalanzeiger stand es: ›St. Petersburg. 5. Juli. Ein Streich von Revolutionären, die kürzlich aus dem Newagefängnis entwichen sind, bildet das allgemeine Gesprächsthema. Unter der Führung eines Deutschen setzten die Männer nicht etwa ihre Flucht fort, sondern blieben in der Stadt und zeigten sich bald offenkundig auf den Straßen. Mit einer roten Fahne zogen sie umher, sogar am Winterpalais vorbei, wo gegenwärtig der Zar wohnt, und sangen nihilistische Lieder. Schließlich erfolgte die Verhaftung. Nach kurzem Prozeß wurden alle Beteiligten, darunter auch der Deutsche namens Alfons Grunow, auf dem Hof des Newagefängnisses erschossen.‹

Onkel Tübbeke saß in seinem Lehnstuhl und las diese Notiz immer wieder. Er nickte mit dem weißen Kopf: »Ja, ja -- so mußte der Junge enden. Gut, daß die Mutter es nicht mehr erlebt hat.«

Aber einen großen Zug hatte die Geschichte doch -- es ging da ein bißchen anders zu als am Elisabethufer. Im Tode imponierte Alfons seinem Onkel. Nun, Adolf Tübbeke hatte nicht so leben können. Jetzt genoß er seine Pension, in der Belle-Alliance-Straße wohnte er, die den großen Vorzug hatte, daß man mehr vom Berliner Leben zu sehen bekam. Man hatte sogar zweimal jährlich die schönste Aussicht auf die Parade, denn im Frühling und im Herbst führte der Kaiser die Fahnenkompagnie dicht an Tübbeke vorbei.

Im übrigen war er ein einsamer Greis. Seufzend legte er die Zeitung mit Alfons' Todesnachricht fort und humpelte zur Tür, denn es hatte geklingelt. Er erwartete Berta Rietschel, die ihm nach Jahresfrist wieder einmal geschrieben hatte. Jetzt regte ihn ihr Besuch nicht mehr auf. Viktor Schwarz war erledigt, die Erbschaft auch und, es konnte sich nur um einen freundschaftlichen Besuch handeln. Im stillen hoffte er auch auf Bertas Freigebigkeit -- sie wußte ja, was ihm schmeckte.

Hierin täuschte er sich nicht. Frau Rietschel brachte ihm eine Flasche Gilka und eine Braunschweiger Cervelatwurst mit. Sie war doch eine noble Person -- dabei hatte sie es auch nicht mehr so reichlich. Die Zeiten waren durch den amerikanischen Börsenkrach schlecht, und die kleinen Geschäftsleute kämpften erbittert gegen die Warenhäuser. Außerdem zwei Schulkinder -- die kosteten schon etwas.

Berta selbst gefiel dem immer noch scharf blickenden Alten nicht. Sie war bleich und aufgeschwemmt und sichtlich vernachlässigt. In ihren ruhelosen Augen glomm ein Feuer, das Verderben kündete. ›Ob sie sich noch immer nicht beruhigt hat?‹ dachte Onkel Tübbeke.

»Du wohnst hier hübsch, Onkel«, sagte Berta, die Hand auf das schlagende Herz gedrückt. »Wenn ich ans Elisabethufer denke --«

»Na, dagegen brauchst du doch eigentlich nichts zu haben? Wenn du auch 'ne schwere Jugend hattest --«

»Alles, was verfahren an mir ist, das hängt mit meiner Jugend zusammen! Ich habe solchen Haß auf meine Jugend, Onkel --«

»Aber wie kann man denn das?«

»Ich wünschte, ich hätte nie gesehen, was man vom Leben haben könnte, und was einem von all den Bestien gestohlen wird!«

›Herrgott,‹ dachte Tübbeke, ›nun fängt sie wieder an.‹ Er versuchte abzulenken. Aber die schreckliche Neuigkeit von Alfons Grunow hielt er nicht für geeignet. Berta wäre womöglich selbst mit einer roten Fahne durch Berlin gelaufen. Er brachte sie auf etwas Sicheres: »Warum hast du denn die Kinder nicht mal mitgebracht? Ich hätte mich wirklich darüber gefreut.«

Bertas Blick irrte umher: »Ach, mein Onkel. Das ist sehr nett von dir, aber die Kinder konnte ich heute nicht brauchen. Oft kommt es mir vor, als ob ich sie überhaupt nicht brauchen könnte --«

»Berta, Berta!«

»Na, ja! Was sind sie denn? Was tun sie denn? Wenn man sich darüber klar wird -- sie wollen hundert Sachen von mir, Tag für Tag, aber von meiner eigensten Angelegenheit wissen sie nichts, da stören sie mich nur!«

»Was ist denn das -- deine eigenste Angelegenheit?«

»Das fragst du noch, Onkel? Selbstverständlich, daß ich als Tochter von Justizrat Schwarz anerkannt werde!«

Tübbeke fuhr zurück. Er faltete die Hände: »Noch immer?«

Jetzt lachte Berta. Es war ein hartes, unheimliches Lachen: »Bis an mein Lebensende, Onkel! Und ich sage dir: Ich sterbe nicht eher, als bis die volle Wahrheit an den Tag kommt!«

Der Alte sah erst auf die Gilkaflasche und die Cervelatwurst -- er mußte einen Halt haben: »Aber Berta -- der Mann ist nun lange tot -- das Testament ist ausbezahlt -- das hättest du doch sofort anfechten müssen. Aber weil du ganz genau wußtest, daß du nichts machen kannst --«

»Wer sagt dir denn, daß es mir um das Testament geht? Ich danke für alles, was der Mensch besessen hat -- das soll nur seine Kokotte im Grunewald behalten. Ich würde jetzt nichts mehr annehmen. Aber ich habe das feste Gefühl in mir, daß das Recht irgendwo liegt und auf mich wartet. Ich seh' es nur noch nicht. Aber du, Onkel, du hast jetzt deine sichere Pension, du brauchst ja keine Rücksicht mehr zu nehmen -- willst du dich nicht aufschwingen und noch ein gutes Werk tun? Willst du mir nicht raten und helfen?«

Tübbeke saß zurückgelehnt und schüttelte den schwachen weißen Kopf: »Aber Berta -- wie stellst du dir das vor?«

»Gib mir Ruhe, Onkel!«

»Ich tät's ja so gern -- aber ich glaube bestimmt: Ruhe kriegst du nur, wenn du verzichtest.«

»Ich?! Verzichten?! In Unehre sterben, blamiert vor meinem Mann und meinen Kindern? Nie! Nie, Onkel!«

»Hm ... ja, da wüßte ich wirklich nicht ...« Tübbeke schwieg ziemlich lange, den Kopf in die Hand gestützt. Berta wartete in eigentümlicher Spannung. Dann sah der Alte sie plötzlich wieder an: »Hast du eigentlich mal im Kirchenbuch nachgesehen?«

»Im Kirchenbuch? Wo denn, Onkel? Was denn?«

»Na, du weißt doch wohl, das jede Geburt und jedes getaufte Kind in einem Kirchenbuch stehen muß? Hier handelt es sich selbstverständlich um den Ort, wo du geboren bist. Wie heißt doch das Nest?«

»Strelenwalde -- an der Anhalter Bahn -- -- Du meinst, da steht es drin? Das kann noch zu finden sein?«

»Aber sicher. Merkwürdig, das du darauf noch nicht gekommen bist? Ihr Frauenzimmer guckt doch immer übers Nächste weg. Deine Mutter hat dich doch damals eintragen lassen, und dein Vater steht natürlich auch drin --«

»Mein Vater?!«

»Und das ist doch der sicherste Beweis, den du kriegen kannst? Wenn's dir bloß darauf ankommt -- so'n Kirchenbuch, das ist doch sozusagen dem lieben Gott sein Buch -- wenn du darin stehst, kann kein Mensch daran tippen.«

»Adieu, Onkel! Auf Wiedersehen!«

Berta war schon hinaus. Der Alte blieb kopfschüttelnd zurück. Nun fuhr sie also nach Strelenwalde. Vernünftiger wäre es wohl gewesen, wenn sie dort ins Amtsgericht ginge. Aber mochte sie nur in die Kirche gehen. Übrigens Strelenwalde -- der Name erinnerte ihn an irgend etwas, was er kürzlich in der Zeitung gelesen hatte. Es war nichts Alltägliches gewesen. Aber, soviel er sich jetzt auch besann -- es wollte seinem alten Kopf nicht mehr einfallen. Mochte sie nur hinfahren. Vielleicht gelang es ihr, und sie bekam es schwarz auf weiß. Dann hatte sie Ruhe. Er riskierte ja nichts. Seine Pension hatte er weg, der Justizrat war tot, und wer kümmerte sich jetzt noch um seine unehelichen Kinder? -- --

Das stille Strelenwalde war tatsächlich in den letzten Wochen oft in den Zeitungen genannt worden. Ein Ereignis hatte sich dort abgespielt, sehr grauenvoll und grotesk. Doch bevor es erzählt werden kann, muß ein Blick auf die Menschen geworfen werden, die es miterlebten. Es griff recht tief in ihre Stimmung ein, wenn sie auch noch so friedlich im Gleise des Kleinstadt fuhren.

Liese von Rotkraut war seit einigen Jahren Witwe. Sie hatte ihren alten Invaliden treulich in den letzten Schlummer hinübergeflegt. »Du reines Weib!« waren die letzten Worte des Majors gewesen. Er hatte sie mit dem einen Auge, das ihm in Afrika geblieben, lange angesehen -- nie vergaß Liese diesen Abschiedsblick. Seltsam war ihr Herz von schwankenden Gefühlen zerrissen worden -- einesteils glaubte sie, die Krönung durch den ahnungslosen Mann nicht zu verdienen, andernteils wußte sie, wie sehr sie sich Anerkennung bei ihm erworben hatte. Sie führte ihre Rolle bis zur letzten Stunde durch. Hermann von Rotkraut war in der Überzeugung gestorben, eine Heilige zurückzulassen. Keine Ahnung von den wilden Strecken ihres Lebens war ihm gekommen. Aber Liese hatte auch noch mit einem anderen Vermächtnis zu kämpfen. Das lag weiter zurück. Noch zu Lebzeiten des Majors hatte Tante Sanftleben die Augen geschlossen. Ihre letzten Worte an Liese lauteten: »Vergiß deine Tochter nicht.«

Dem einen Spruch zu folgen und den anderen bestehen zu lassen -- dazu fehlte es Liese an Kraft. Sie führte ihre Konditorei weiter, sie betäubte sich durch Arbeit, sie blieb hart und still. Auch als die Nachricht kam, daß Viktor Schwarz gestorben, ließ sie sich nicht aufschrecken. Gierige Freude flammte noch einmal in ihr auf, als die große Erbschaft sie überraschte. Solchen Segen hatte sie freilich nicht erwartet. Aber es tat ihr wohl, unter diesem Eindruck noch Frieden mit dem untreuen Mann schließen zu können -- sie dachte sogar mit Inbrunst im Garten der Zubermühle an ihn und sorgte im übrigen dafür, daß die Erbschaft den Strelenwaldern nicht verdächtig wurde. Das Kind des Toten blieb ihr fern.

Die letzte Belebung ihres Daseins brachte Käthe Bomsdorf, das neue Ladenfräulein. Diese hübsche Person war namentlich bei der Herrenkundschaft beliebt, aber ihr keckes Wesen stieß immer wieder mit Liese zusammen, die ihre eigene Vergangenheit leugnete und die wandelnde Sittenstrenge war. Von Adele Schörg hörte Liese nur wenig. Sie wußte, wie Strelenwalde an seinem alten Prügelkinde handelte, und es war ihr peinlich, zu diesen Roheiten Stellung zu nehmen.

Adele hatte Simba geheiratet. Sie war leidenschaftlich in ein spätes und seltsames Glück gestolpert. Bald aber hatten sich Konflikte ergeben, von denen sie nichts geahnt. Zunächst mußte der Neger als christlicher Ehemann einen deutschen Familiennamen annehmen. Er war bisher nur der Königssohn Simba gewesen, und sein afrikanisches Selbstgefühl sträubte sich gegen einen Namen, der für ihn keinen Sinn hatte. Er ließ sich nichts vorschreiben, auch von Adele nicht, und beschloß plötzlich, sich einfach nach seinem fernen Vaterlande zu nennen, nämlich Großpopo.

Adele war außer sich. Sie sah sofort, was kommen würde -- das Gelächter war unendlich. Doch vergebens suchte sie Simba von den Namen, dessen deutsche Bedeutung sie ihm klar machte, abzubringen. Er war tief beleidigt. Großpopo, seine Heimat, klang ihm besonders schön, und er spuckte aus, wenn man ihm mit Meyer oder Schulze kam. Gegen Simbas Überzeugung war nichts zu machen -- Adele mußte sich fügen, wollte sie ihr ganzes Glück nicht aufs Spiel setzen.

Die Strelenwalder lachten sich satt. Berühmt wurde der Ausspruch, den die Frau Bürgermeister bei einer Kaffeegesellschaft tat: »Den neuen Namen von Adele Schörg können anständige Leute unmöglich aussprechen. Wir haben beschlossen, sie von jetzt an Frau Großpapa zu nennen.«

Dabei blieb es, aber es schwankte auch hin und her, bald a, bald o; besonders die Schuljugend konnte sich an tückischen Verwechselungen nicht genugtun. Adele erkannte nun erst, als sie eine geachtete Frau geworden, was das Verhängnis ihres Lebens war. Sie konnte nicht wie die andern sein -- immer wieder heftete sich das Lächerliche an ihre Gefühle.

Sie hatte Liese Prutz die Tatkraft abgesehen -- nun übernahm sie nach ihrer Heirat des Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Aber sie verkaufte das väterliche Haus und zog in ein schöneres, das sie sich schon lange gewünscht hatte. Dicht neben der Kirche lag es -- das erhöhte noch den Respekt. Aber Adele konnte tun, was sie wollte, sie wurde wirklich eine tüchtige Geschäftsfrau, und Simba half ihr mit der zähen Arbeitskraft des Negers -- ihre Existenz wurde nicht ernst genommen. Über dem Laden hing ein Schild mit der schön gemalten Firma S. Großpopo vormals Schörg -- das genügte, um das Haus zur Zielscheibe täglichen Witzes zu machen. Die Schuljugend ärgerte das fleißige Ehepaar mit ihren kleinen Streichen; jeder Erwachsene, der den Laden betrat, schnitt ein Gesicht zwischen Ernst und Spott und feinfühlige Leute -- das war das allerschlimmste -- vermieden es bald, bei Großpopo zu kaufen. Adele verlor ihre beste Kundschaft.

Es war von jeher die Eigenschaft der Strelenwalder gewesen, vom Märchen des Lebens nichts zu spüren. Jetzt blühte es mitten in ihrer Gemeinschaft, aber sie starrten nur auf den Namen, der ihnen komisch klang, auf den Begriff, der einer fremden Seele gehörte.

Ob Simba verstand, wie es um ihn herum zischte und kicherte, war nicht zu erkennen. Adele fürchtete nichts so, wie sein Begreifen; denn sie wußte, wie furchtbar er werden konnte, wenn man ihn beleidigt hatte. Wie ein Löwe nahm er dann Rache und war zu allem fähig.

So gelang es ihr, ihm die böse Stimmung fernzuhalten, zum mindesten in einem Licht zu zeigen, daß er selbst darüber lachen konnte. Leider wirkte das verächtliche Wesen des Schwarzen noch aufreizender auf die Strelenwalder. Man wurde immer unverschämter. Adele versuchte es bei den beiden Instanzen, die sie anrufen konnte: bei der benachbarten Kirche und bei der Polizei. Der Herr Pastor, der stolz auf seine Missionstat war, einen Neger bekehrt zu haben, sagte: »Liebe Frau -- Großpopo, Ihr innerer Besitz entscheidet. Sie sind doch eine glückliche Frau, Sie sagten mir soeben, daß Sie sich Mutter fühlten -- nun, was hat denn das Leben Größeres zu geben? Bei Schwarz und Weiß, in Europa und in Afrika? Das muß Ihnen über jeden kleinen Ärger forthelfen.«

»Gewiß, Herr Pastor. Aber die Leute hier benehmen sich, als ob wir in Amerika wären, die lynchen uns ja nächstens, weil ich einen schwarzen Mann habe.«

»Nein, Frau Adele. Das ist übertrieben. Davor schützt Sie doch zunächst die Nachbarschaft der Kirche. Unsere Mitbürger sind auch nicht ganz so schlimm, wie Sie meinen. Ich werde übrigens in meiner nächsten Predigt energisch auf die Toleranz gegen eine fremde Rasse hinweisen. Und Sie rufen am besten den Schutz der Polizei an, wenn die Schuljugend sich noch einmal untersteht, Unrat vor Ihre Tür zu legen.«

»Mein Mann macht es mir so schwer, Herr Pastor. Wenn der so was findet, ärgert er sich nicht mal drüber -- für den ist das nämlich garnichts Schmutziges. Ich mußte es ihm erst auseinandersetzen. Ja, man hat's nicht leicht, Herr Pastor.« --

Bei der Polizei erreichte Adele noch weniger. Als die Beamten Frau Großpopo tückisch lächelnd empfingen, hinkte sie schnell wieder fort.

Nach Monaten unermüdlicher Arbeit kam das Ereignis, das Wandel schaffen konnte. Adele gebar ein Kind. Die wilde Vaterfreude Simbas tröstete sie wirklich. Nie hatte sie bei einem Menschen einen so urwüchsigen Stolz gesehen. Er trug seinen Sohn wie ein Heiligtum umher -- die feindliche Welt versank.

Otto hieß der kleine Junge, nach Bismarck. Aber es stellte sich bald heraus, daß er es nicht leichter in Strelenwalde haben würde als seine Eltern. Er erbte nicht nur den Namen seines Vaters, sondern auch die Häßlichkeit seiner Mutter, und außerdem war er kein weißes Christenkind, sondern ein bräunlicher Mulatte.

Das genügte. Alles spitzte sich auf Simbas Sohn, der natürlich zum Unterschied Kleinpopo genannt wurde. Jahre vergingen. Erst in der Schule erkannte Otto sein Schicksal. Da machte man ihn zum Hanswurst, und ohne Erbarmen wurde er gehänselt. Menschliche Lehrer schritten dagegen ein, aber vergebens -- die Bestie wollte ihr Opfer haben. Scheinbar harmlos gingen die Jungen vor dem Sattlerhause auf und ab, mit geschwärzten Gesichtern, Wulstlippen und humpelnd. Einer stand Schmiere -- der gab Signale, wenn Gefahr drohte.

Eines Tages erwachte der kleine Otto. Er begriff den Zusammenhang. Das deutsche Erbe in ihm ließ ihn den ganzen Gram empfinden -- dann aber packte ihn auch das Blut des Afrikaners, und er dürstete nach Rache. So ließ er sich dazu verleiten, seine Beleidiger herauszufordern. Eine große Prügelei entstand. Otto mußte, von Todesangst gejagt, die Flucht ergreifen. Die ganze Rotte rannte hinter ihm her. Sie erwischte ihn nicht -- er gelangte noch eben ins Vaterhaus. Hier aber sank er vor Simba nieder. Ein furchtbarer Ausbruch der gepeinigten Kinderseele enthüllte dem Vater, was geschehen.

Jetzt begriff es Simba. Durch sein Kind mußte er es begreifen. Er bezwang sein kochendes Blut und versprach seinem Sohn Genugtuung. Adele verschwieg er sein Vorhaben und legte sich auf die Lauer. Sobald die kleinen Teufel wieder herankamen, brach er hervor und prügelte fürchterlich, was er erreichen konnte.

Adele kam zu spät. Jetzt konnte sie keine Duldsamkeit mehr predigen. Entsetzt erkannte sie, daß unter den Bestraften die Kinder der einflußreichsten Bürger waren. Sie bluteten und liefen heulend nach Hause. Der Skandal setzte ein.

Jetzt sorgte der Pastor dafür, daß die Polizei von dem wütenden Vater abließ. Aber was er nicht verhindern konnte, war die stille Verschwörung gegen Simbas Geschäft. Ganz amerikanisch versammelten sich die deutschen Kleinstädter und erklärten: ›Einen Neger, der unsere Kinder mißhandelt, dulden wir nicht.‹ Niemand, der das öffentliche Urteil scheute, kaufte von nun an bei S. Großpopo. Wie viele gab es in Strelenwalde, die das öffentliche Urteil nicht scheuten? --

Adele erkannte die Verdammung. Sie war ja ein Kind dieser Stadt. Nun wurde es in dem kleinen Laden ganz still. Schon wollte sie ohne Simbas Wissen Bittgänge tun, die zürnenden Bürger zum Mitleid bewegen -- aber ihr letzter Stolz hemmte sie, und die Zeit war zu schlecht, um vom Mitleid zu leben. Bald regte sich die Konkurrenz.

Adele schonte Simba nicht mehr. Jetzt sagte sie ihm, was er angerichtet. Er aber warf ihr einen unvergeßlichen Blick zu: »Sie wollen uns auch verhungern lassen, meinst du? Weil ich schwarz bin, und weil unser Kind der Mutter gleicht? Wären sie zufrieden, wenn ich ein weißer Dieb wäre, und wenn ich Otto von einer Dirne hätte? Wozu haben diese Menschen Zeit? Sie arbeiten nicht, sie beten nicht, sie stehen vor einem Apfelbaum und verspotten ihn, weil er krumme Äste hat -- dann fressen sie seine Äpfel. Nein, Adele -- mit diesen Menschen können wir nicht leben.«

»Dann wollen wir in eine andere Stadt ziehen, Simba.«

»Wird es dort anders sein? Wird man uns dort nicht mit Gelächter begrüßen?«

»Du darfst nicht vergessen, daß wir ihnen wirklich viel zugemutet haben. Ich war schon immer ihr Prügeljunge, aber damit wurde ich schließlich fertig, und dann habe ich noch einen Schwarzen geheiratet und mein Kind ...«

Adele konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Tränen würgten ihre Stimme. Simba aber erwiderte mit einer großen und düsteren Gebärde: »Du sagst es. Ich bin Christ geworden um ihretwillen, und man hat mich betrogen. Hier sind keine Christen. Ich glaube, Christen gibt es nicht. Wohin wir auch ziehen werden. Laß mich jetzt, Adele -- ich will nachdenken für uns alle. Ich will tun, was meine alten Götter mir befehlen.« --

Es graute ihr bei seinen Worten, aber sie nahm es hin, denn sie hatte immer Ehrfurcht vor seinem reinen Willen. Was in ihm vorging, konnte sie nicht ermessen. Unheimlich, wie ein dunkler Dämon, ging Simba umher. Wenn er allein im Laden war und ein Käufer erschien, so verschränkte er die Arme und funkelte den Weißen an, bis dieser sich ängstlich wieder zurückzog. Bald kam niemand mehr. Ein Jahr verging, und das verrufene Sattlerhaus steckte in Schulden. Der kleine Otto hatte die Schule verlassen -- kein Lehrer konnte den Haß seiner Mitschüler bändigen. Ins große Unglück starrend, hockten Simba, Adele und ihr kleiner Mulatte beisammen.

Eines Tages erschien der Herr Pastor. Er kam als geheimer Abgesandter der Bürgerschaft. Mild und wohltönend war seine Rede: »Sie sind uns allen ein geschätzter Mitbürger, lieber Herr Simba, aber Sie sollten sich doch besser in einem anderen Orte niederlassen.«

»Wo? Ich bleibe.«

»Denken Sie doch an Ihre Familie. Sind Sie nicht Christ geworden?«

»Es gibt keine Christen.«

»Das wagen Sie mir zu sagen, der Ihnen die heilige Taufe gab?«

»Sie haben mir nichts gegeben. Sie haben mir schöne Geschichten erzählt. Draußen ist alles anders. Der Mann, der gekreuzigt wurde, weiß nichts mehr von denen, die kreuzigen. Ich sterbe in Flammen, ich will mich nicht kreuzigen lassen. Ich singe und sterbe in Flammen.«

Der Pastor entfernte sich. -- ›Die arme Frau und das arme Kind‹, dachte er. ›Darf man sie in den Händen eines Wahnsinnigen lassen?‹ Aber er tat nichts weiter und glaubte seine Pflicht erfüllt zu haben. --

Es wurde ein glühend heißer Sommer. In ihrer Stube, die kaum noch gelüftet wurde, saß die Familie des Negers und stöhnte und starrte verzweifelt ins Nichts. ›Was werden wir morgen essen?‹ dachte Adele. ›Wie soll ich zum ersten die Zinsen bezahlen? Das Haus wird versteigert und dann?‹ -- Otto aber schmiegte sich an sie und fühlte sich als einen Teil seiner Mutter. Das linderte sein geängstigtes Herz.

Plötzlich stand Simba auf. Mit bangem Staunen folgten ihm die Augen der anderen. Er trat ans Fenster und öffnete es.

»Endlich«, flüsterte Adele.

»Fühlst du einen Unterschied? Es brennt.«

»Wo brennt es?«

»In der Luft. Das erinnert mich an Afrika. So soll es werden, so soll es bleiben.«

Mit diesen dunklen Worten ging er hinaus. Bei Nacht erst kehrte er zurück. Jetzt lächelte er zum erstenmal wieder. Er brachte köstliche Dinge mit. Wurst und Schinken, Früchte, weißes Brot und eine Flasche Schnaps. --

»Wovon hast du das alles gekauft?« stammelte Adele. -- »Von dem Ring, den der Herr Major mir hinterlassen hat.«

Otto weinte -- so sehnte er sich nach den guten Sachen. Da wurde er von Vater und Mutter leidenschaftlich gefüttert, dann erst aßen sie selbst. Der Schnaps aber hüllte alle drei in bewußtlosen Schlummer. -- --

Die Nacht blieb heiß wie der Tag. Langsam schritt Kilian, der Wächter, zwischen den alten Giebelhäusern von Strelenwalde. Vor der Kirche blieb er stehen und schnüffelte. Dann schüttelte er den Kopf und ging weiter. Als er zum andern Male zurückkehrte, sah er an verschiedenen Stellen des Sattlerhauses jähen Rauch aufsteigen. Aus Dach und Fenstern quoll der Rauch. Was war denn das? Aber Kilian sah erst nach der benachbarten Kirche. Die war ja die Hauptsache. Entsetzlich, da rauchte es auch! Es züngelte, schwebte und breitete sich aus.

Jetzt schlug der Nachtwächter Lärm. Tutend lief er durch die Gassen. Feuerlärm! Es wurde licht und lebhaft in den Häusern. Aus heißen Betten hüpften die Strelenwalder, Nachtmützenköpfe streckten sich aus den Fenstern.

»Wo denn? Was ist denn? Wo brennt's?« -- »In der Kirche!« -- »Gott im Himmel! In der Kirche?« -- »Nebenan beim Sattler auch!«

Nun zog das schreckliche Gerücht schon viele Menschen auf die Gassen. Pfeifen, Rufen, Fragen -- die freiwillige Feuerwehr mit ihren komischen Blechhelmen formierte sich. Spritzen wurden rasselnd aus der Remise gezogen. Ganz Strelenwalde war in einer halben Stunde auf den Beinen. Aber das Unheil war schon viel zu groß. Man hatte die beste Hilfe verschlafen. Jetzt galt es, von der Kirche zu retten, was noch zu retten war.

Die größte Feuersbrunst seit Menschengedenken entfaltete sich. Das tat der böse Gewitterwind, der durch die schwüle Nacht sauste. Der war stärker als alle Menschenhände. Die Kirche brannte lichterloh. Dämonen schienen hinter ihren leuchtenden Fenstern Gottesdienst zu halten. Ein furchtbares Unglück -- man scharte sich um den Pastor, der halb wahnsinnig vor der brennenden Kirche stand. Plötzlich rief er: »Es muß Brandstiftung sein!« -- Ein wütender Schrei antwortete ihm: »Jawohl! Wer hat es getan?« -- »Das weiß ich nicht!« -- »Doch, ich weiß es«, rief ein Schüler, dem Simbas Prügel noch in den Gliedern lagen. »Der Schwarze! Der Sattler!«

Ein Schrei aus hundert Kehlen gab ihm Recht. Nun stürmten alle zu Simba, um Rache zu nehmen. Aber man hatte sich überhaupt noch nicht um sein Haus gekümmert -- nun war hier noch weniger zu retten als an der Kirche. Das Sattlerhaus war in Flammen gehüllt. Von Grauen gepackt, wich man zurück -- man wußte drei Menschen schliefen hinter diesen Mauern.

Sie hatten sich nicht mehr gezeigt. Später wurden fürchterliche Dinge erzählt. Der eine wollte durch das Fenster des brennenden Hauses den Neger gesehen haben, wie er Weib und Kind umschlungen hielt und mit glühenden Augen sang. Der andere behauptete sogar, die Worte seines Gesanges verstanden zu haben, und gab sie wieder: »Wir sterben in Flammen, wir sterben zusammen, wir aus dem Lande der Sonne! Tod ist uns Wonne! Ich liebe dich, wie du bist! Hörst du es, Mörder Christ?«

Der das erzählte, war ein verkommenes Subjekt, ein armer Literat, der sich endlich interessant machen wollte. Die Verse stammten sicherlich von ihm; denn bei näherer Überlegung mußte man sich ja sagen, daß Simba, wenn er überhaupt gesungen hatte, es sicherlich in seiner Muttersprache getan, von der man ja doch kein Wort verstand. --

Das Ereignis der schauerlichen Nacht war, daß die Kirche von Strelenwalde halb und das Sattlerhaus, in dem auch der Küster gewohnt hatte, ganz verbrannt war. Der Küster selbst hatte das nackte Leben retten können, aber es wurde bald bekannt, daß bei ihm unersetzliche Dinge, zum Beispiel die ganze Bücherei der Kirche, vernichtet worden.

Simbas Verbrechen stand fest. Aber man hatte nichts von dieser Feststellung, denn in dem Sattlerhause fand man nur verkohlte Leichen. Es dämmerte den Strelenwaldern auch allmählich, daß sie ihrer Niedertracht eine furchtbare Strafe verdankten. Zerknirscht umgaben sie ihren gebeugten Seelsorger.

Zwei Wochen vergingen. Der Brandschutt war längst beseitigt, nur ein paar hohle Mauerreste kündeten noch das Schreckliche, was geschehen. Im Rathause wurde schon eifrig beraten, wie schnell und wie herrlich das verlorene Gotteshaus wieder errichtet werden könnte. Reue diktierte den Strelenwaldern eine nie dagewesene Freigebigkeit. --

An einem schönen Augusttage kam eine Frau auf dem Bahnhof an, klein, blaß und voll unruhiger Erwartung. Sie eilte, ihr Handtäschchen schwingend, direkt auf die verbrannte Kirche zu. An der Prutzschen Konditorei kam sie vorbei, aber sie mied ihren Anblick. Berta ahnte nicht, daß eine alte Frau am Fenster stand und ihr nachstarrte. ›Ist das nicht --?‹, dachte Liese von Rotkraut eben, da war die kleine Person schon um die Ecke.

Starr stand Berta vor der Brandruine. Eine redselige Obsthändlerin gesellte sich zu ihr, die glücklich war, einer Fremden noch einmal die ganze Schauergeschichte erzählen zu können. Berta hörte zu und schwieg. Dann sagte sie mühsam: »Das ist ja schrecklich ... Davon hatte ich garnichts gelesen ... Aber sagen Sie mal -- wenn auch die Kirche gelitten hat -- die Bücher müssen doch noch da sein?«

»Was für Bücher meinen Sie?«

»Nun die, wo alles darin steht -- alle Geburten und alle Verstorbenen, mein' ich -- alle Kinder, die in Strelenwalde zur Welt gekommen sind?«

Die Frau lächelte giftig: »Ach, Sie wollten da am Ende was nachsehen?«

»Jawohl, das wollt' ich, darum bin ich hier.«

»Da hätten Sie aber vierzehn Tage früher kommen sollen. Nebenan bei dem Sattler hat unser Küster gewohnt, und bei dem sind sämtliche Kirchenbücher verbrannt.«

»Sämtliche -- Kirchenbücher sind --?«

»Da ist auch nicht ein einziges von übriggeblieben. Aber was ist Ihnen denn? Sie schwanken ja so? Sie stehen wohl viel zu lange in der Sonne? Kommen Sie doch in den Schatten 'rüber.«

FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Rietschel hoffte noch immer, daß seine Kinder nichts merkten. Er hatte sie besucht, als sie in ihren Betten lagen, und sie schienen die Geschichte von Mutters Ausflug zu glauben. In Wahrheit hatte Rietschel keine Ahnung, wo Berta sich heute befand. In Wahrheit stand er den ganzen Sonntag schon am Fenster und wartete auf ihre Rückkehr. Am Morgen hatte sie ihn richtig überrumpelt. Während er sich rasierte, war sie eingetreten, die Reisetasche in der Hand, und hatte ihm zugerufen: »Adieu, ich komme vielleicht erst morgen wieder!« Bevor der eingeseifte Mann sie befragen konnte, war sie schon die Treppe hinunter.

Von Groll und Angst erfüllt, verbrachte Rietschel den Tag. Berta hatte schon mancherlei angestellt, aber einfach fortreisen, ohne ein Ziel zu nennen, das war denn doch noch nicht passiert. Das ging ihm über die Hutschnur.

Es hieß zunächst, die Kinder vor Angst zu bewahren. In ihnen hatte sich mit den reifenden Jahren eine eigentümliche, leidenschaftliche Zärtlichkeit für die Mutter herausgebildet, die wie Partei gegen Vater aussah, aber nur dem gütig überlegenen Trieb, zu helfen, entsprang. Paul und Grete hatten früh erkannt, daß das eigentliche Kind im Hause die Mutter war. So täuschte sich Rietschel heute über ihre wahre Empfindung. Er hatte ihnen von einem Ausfluge des Kegelvereins erzählt, den die Mutter mitmache, da er selbst Rheumatismus fürchte. Aber die Kinder kannten schon den ratlosen Ausdruck seiner Augen -- diese Miene des Vaters hatte immer nur einen Grund. Die Mutter entzog sich ihm, er hatte keine Macht mehr über sie, täglich konnte das Unheil hereinbrechen.

Was die drohende Gefahr eigentlich bedeutete, machten sie sich nicht klar. Den Geist, dem sie so viel verdankten, glaubten sie in einem Licht, das nicht zu trüben war. Nur in tiefer Not sahen sie die Mutter, im Fluch einer rätselhaften Umhergetriebenheit. So hockten sie auch heute wieder in ihren Betten und schliefen nicht ein und berieten sich leise. Während der Vater nebenan am Fenster stand, flüsterten sie sich ihre Sorgen zu. Nein, sie waren nicht die ahnungslosen Kinder mehr. Schmale, bleiche Geschöpfe mit großen, dunklen Augen, von angstvoller Sehnsucht gequält -- so sprachen sie miteinander.

»Mutter ist, glaub' ich, garnicht mit dem Kegelverein«, flüsterte Paul.

»Das hab' ich mir auch schon gedacht«, antwortete Grete. »Aber wo kann sie bloß sein?«

Sie richtete sich plötzlich auf und kroch zu ihrem Bruder hinüber. So konnte sie ihm ins Ohr flüstern. Ihre langen, weißen Mädchenbeine kamen dabei zum Vorschein, aber das tat nichts -- Bruder und Schwester kannten sich innen und außen.

»Vater tut mir so leid. Der weiß noch immer nicht, was mit Mutter los ist«, sagte Paul, vor sich hinstarrend.

»Weißt ~du~ es denn?«

»Ich denke mir so manches. Mutter ist manchmal ganz einsam, wenn sie auch bei uns ist. Immer ist sie ganz einsam gewesen.«

Jetzt nickte Grete mit ihrem blonden Köpfchen: »Da hast du recht. Das ist es. Und ich weiß auch, glaub' ich, den Grund.«

»Was weißt du denn?«

»Es heißt doch, daß sie ihren Vater -- daß sie den garnicht gekannt hat -- oder daß sie ihn gekannt hat, aber er wollte ~sie~ nicht kennen. Und ihre Mutter will auch nichts von ihr wissen. Das ist doch schrecklich, Paul. Stell' dir vor -- wo Mutter so furchtbar gut ist. Wir beide, wenn es uns so gehen würde --«

Paul schüttelte den Kopf: »Mit uns kannst du das nicht vergleichen. Wir haben immer gewußt, wo wir hingehören. Wir kennen es doch nicht anders, als daß wir Vater und Mutter haben.«

»Aber Mutter ist doch -- wie soll ich gleich sagen? -- Mutter ist kein Kind mehr?«

Ein Lächeln wollte auf Gretes fragendes Gesicht kommen, aber es verschwand vor dem Blick des Bruders. -- »Wahrscheinlich wissen wir das noch nicht so«, entschied er. »Wahrscheinlich bleibt man sein Leben lang ein Kind, indem daß man braucht, was wir eben haben, und das hat Mutter nicht, und darum kann sie einem so leid tun.«

Grete sah ihn scheu von der Seite an. Langsam zog sie sich in ihr Bett zurück. Es gab Augenblicke, da der Bruder ihr viel älter vorkam. Dann hatte er plötzlich die gewölbte Stirn, die nur alte, weise Männer hatten. Das Dunkel seiner Augen schien zu sagen, daß man ihn nicht mehr belehren könne. Fremdes, überlegenes Blut rollte in seinen Adern -- Grete spürte nichts davon. --

»Sie kommt nicht«, flüsterte Rietschel um Mitternacht und trat mit schmerzender Stirn vom Fenster fort. --

»Das ist nun mein Sonntag, Schneemann«, sagte er dann zu seinem Pudel, der ihn aufmerksam ansah. Rietschel weinte fast vor Sorge und Ingrimm. Er setzte sich auf das Sofa und zog Schneemann neben sich. -- »Dazu hat man nun die ganze Woche geschuftet. Dazu hat man Frau und Kinder. Aber ich tu's nicht länger. Ich halt's nicht mehr aus. Jetzt heißt es biegen oder brechen. Biegen oder brechen!«

Er wiederholte diese Worte noch einige Male in seinem singenden sächsischen Ton, aber er war sich nicht darüber klar, was er eigentlich vorhatte. Mit dem dumpfen Ausspruch: »Das hat man eigentlich garnicht nötig« legte er sich um ein Uhr schlafen. --

In aller Frühe klingelte es. Berta erschien. Rietschel starrte sie an: »Wo kommst du jetzt her?«

»Das kann dir ja egal sein.«

»Meinst du? ... Und wie siehst du denn aus? Hast du am Ende im Freien kampiert?«

»Irgendwo auf dem Bahnhof.«

Die Miene, mit der sie an ihm vorüberging, konnte ihn ängstlich machen. Er wagte es weder sie zur Rede zu stellen, noch zu befragen. Ins Geschäft mußte er nun -- es blieb ihm nichts anderes übrig. Aber diese Frau allein bei den Kindern lassen? Paul und Grete hatten Ferien, das kleine Dienstmädchen kam als Schutz nicht in Betracht. Rietschel wurde von der Erinnerung an einen gräßlichen Fall beschlichen, der sich erst kürzlich ereignet hatte. Da war eine Frau in Abwesenheit ihres Mannes mit ihren Kindern ... Aber nein, das war bei Berta ganz unmöglich. Jetzt noch glaubte er fest an ihren guten Kern.

Beschwörend wandte er sich zu ihr, bevor er ging: »Berta, sei ein bißchen nett zu den Kindern --«

»Was heißt das?«

»Na, ich meine bloß, gestern war Sonntag, und du hast dich garnicht um sie gekümmert.«

»Wer kümmert sich denn um mich?«

»Das darf eine Mutter nicht sagen.«

»Daran glaubte ich auch mal. Jetzt weiß ich besser, was man darf.«

»Was quält dich, Berta? Warum sagst du mir nicht, wo du gestern gewesen bist?«

»Weil du's doch nicht verstehst. Du bist ein guter Mann, Peter, aber verstehen tust du nicht alles. Na, bald kommt die Zeit -- da wird es dir klar.«

Nach diesen Worten ging sie zu den Kindern hinein. Rietschel stand noch eine Weile unschlüssig -- dann stampfte er mit dem Fuß und entfernte sich.

Paul und Grete saßen in einem Winkel und sahen mit bangen Blicken der Mutter zu. Sie ging schweigend im Zimmer umher. Unter dem schiefen Hut hing ihr ein Zopf herunter, und am linken Stiefel schleifte das Schnürband. Eigentümlich gedunsen war ihre fahle Miene. Die Augen schienen den Blick verloren zu haben.

»Wenn sich alles gegen einen verschwört, Gott und die Menschen -- dann weiß man wenigstens: Es hat sich nicht gelohnt! Aber die Rache bleibt trotzdem auf der Welt!«

Diese Worte sagte die Mutter ganz deutlich -- Paul und Grete verhörten sich nicht. Unwillkürlich machten beide eine Bewegung, als wollten sie nun vorspringen und einer grenzenlos Verlassenen helfen. Vor dieser großen Liebesregung stutzte Berta. Ihr Blick gewann wieder Leben. Sie näherte sich den Kindern und sagte: »Seid mir nicht böse, daß ich jetzt oft so komisch bin. Ich kann nicht anders. Bald werdet ihr alles verstehen.«

Sprechen konnten die Kinder nicht -- aber ihr Blick brachte die Mutter noch mehr zum Erwachen. -- »Habt ihr euch gestern geängstigt?« fragte sie nach einer Weile. »Vater scheint sich auch wieder geängstigt zu haben. Das müßt ihr nicht tun. Man kann nicht immer sagen, was man vorhat. Jeder hat im Leben seine eigenen Sachen. Aber damit ihr nicht um den Sonntag kommt -- da habt ihr zwei Mark. Geht zu Wilczek und holt euch, was ihr gern habt.«

Sie ging in ihr Zimmer. Paul und Grete sahen sich an. Nun hatte die Mutter doch endlich wieder mit ihnen gesprochen. Und zwei Mark -- für Pralinés -- ein richtiger Schatz. Sie wären keine Kinder gewesen, wenn sie sich jetzt nicht gefreut hätten, aber sie waren beide noch Kinder. -- --

Berta stand überlegend am Fenster. -- ›Er ist mir durchgegangen‹, sagte sie vor sich hin. ›Jetzt kriege ich ihn nicht mehr. Jetzt ist er wirklich weg. Er muß im Bunde mit dem Deibel sein -- anders ist es nicht möglich. Da kann unsereiner nichts machen. Im Leben war er Rechtsanwalt -- da brauchte er keinen Deibel. Da konnte er mir allein entwischen. Aber dann -- wie er tot war -- das Kirchenbuch, das beim lieben Gott verwahrt war -- daß ich da auch nicht mehr 'ran kann -- dazu brauchte er den Schwarzen. Der hat sein Haus angesteckt, damit das Kirchenbuch verbrennt. Nun bin ich ausgelöscht. Nun komme ich überall zu spät. Da kann unsereiner nichts machen.‹

Diese Worte klangen wie ein unerschütterliches Fatum. Sie schluchzte noch einmal auf: ›Mutter! Aber nein -- die gibt es auf dem Totenbett nicht zu. Ich bin ja ihr Schandfleck ...‹

Sie warf sich auf das Bett. Nach einer Weile flüsterte sie: ›Was bleibt denn eigentlich vom Menschen? Staub. Sie haben ihn, glaub' ich, verbrannt. Aber die Urne mit der Asche -- die ist noch da. Die liegt im Kirchhof. Eigentlich ist es ja nichts. Wenn ich da frage und schreie, antwortet er nicht. Wenn ich da mit beiden Fäusten gegenschlage, tut es ihm nicht mal weh. Aber etwas kann ich ihm doch noch tun!‹

Eine plötzliche Eingebung packte sie -- letzter Haß riß sie empor. ›Was er noch hat, woran ihm gelegen hat bis zuletzt, und was die Leute immer noch für ihn tun -- -- das ist die Ehre! Das Denkmal! Ja! Auf dem Kirchhof ist sein Grab! Recht protzig natürlich mit Marmor und goldener Inschrift und vertrockneten Kränzen! Das dulde ich nicht! Er hat keine Ehre verdient! Die Welt soll wissen, was er verdient hat. Ich kenne ihn, ich gehe hin und schmeiße sein Denkmal um! Ich zerschlage sein Grab!‹

Von wilder Tatkraft erfüllt, erhob sie sich. Jetzt war sie ganz verwandelt -- nach vielen Jahren kam wieder ein großer Zweck über sie. Ihr Wahn gewann eine Logik, die ihrer Vernunft gefehlt hatte. Mann und Kinder hörten sie singen, als sie am Mittagstisch saßen und auf sie warteten. Endlich kam Berta mit federnden Schritten. »Mahlzeit!« rief sie und nickte ihren Kindern heiter zu. Freilich wirkte das nicht so, wie sie meinte. Die Kinder duckten sich, als ob der neue Ton sie wie eine Rute träfe, und Rietschel starrte mit gerunzelter Stirn auf seine Frau.

Nachmittags faßte er einen Entschluß. Er wollte zu einem berühmten Nervenarzt gehen und die Kinder eventuell zu seiner Schwester nach Chemnitz schicken. Daß für Berta jetzt etwas geschehen mußte, war ihm klar.

Doch während er so tatkräftig wurde, überflügelte ihn seine Frau. Berta fuhr nach Zehlendorf, um auf dem Friedhof nachzusehen, wo Viktor Schwarz begraben war. Dies mußte bei Tageslicht geschehen, damit sie nachts orientiert war, wenn sie ihr eigentliches Vorhaben ausführte. Viel Zeit zum Suchen hatte sie dann nicht -- das machte sie sich klar. Sie wußte überhaupt noch nicht, wie sie in den verschlossenen Friedhof gelangen sollte. Daß sie aber hineinkam, war ihr ebensowenig zweifelhaft, wie daß sie mit ihren kleinen Händen ein Marmordenkmal umstürzen und eine Urne aus der Erde zerren könnte. --

Endlich war sie in Zehlendorf. Die Sonne stand schon tief. Man empfing sie in der Friedhofsinspektion mit Mißbilligung. -- »Um sechs Uhr wird geschlossen, und es ist schon drei Viertel«, sagte der alte Beamte. »Sie kommen ja kaum noch 'raus, wenn sie jetzt noch zu dem Grab wollen.«

Er dachte an sein Abendbrot, aber Berta sagte energisch: »Ich muß hin. Schlagen Sie mir's nicht ab.«

Ihr Ton machte Eindruck. Sie wurde durch viele Gräberreihen zu der Stelle geführt, wo Viktor Schwarz bestattet lag. Das Denkmal auf seinem Hügel war größer und prächtiger als in der ganzen Nachbarschaft. Berta sah es und nickte lächelnd. Dann stellte sie fest, daß der Hügel unter den Kränzen schließlich nur aus Erde bestand, und daß das Denkmal von Händen, die es ernstlich wollten, umzuwerfen war. Jetzt machte sie sich langsam auf den Rückweg zum Friedhofstor. Sie sah sich immer wieder um, damit ihr für die Dunkelheit Kennzeichen blieben. Verirren in diesem Wald von Kreuzen -- das war das schlimmste.

Der Inspektor hatte sich in der Nähe gehalten -- sie wußte nicht, daß er ihr beobachtend folgte. Er war ein kluger, alter Mann, der sich auf Menschengesichter verstand. Diese sonderbare Person, die so spät und ohne Blumen gekommen und so hart gespannt nach einem Grabe gefragt hatte, war ihm nicht geheuer. Er atmete auf, als er sie den Friedhof verlassen sah. --

Doch Berta kehrte nicht nach Berlin zurück. Dazu war es zu spät. Sie mußte im Umkreise des Friedhofes bleiben. Plötzlich fiel ihr ein, daß es doch das beste gewesen wäre, sich einschließen zu lassen. Aber der Friedhof war so neu und kahl -- es gab keinen Baum, hinter dem man sich verstecken konnte. Sie ging durch die stillen Vorortstraßen. Daß sie stundenlang auf den Beinen blieb, wurde ihr kaum bewußt. Dann zog es sich immer dunkler um sie zusammen -- es war wirklich Nacht geworden. Wie ein Dieb näherte sie sich im Schatten der Häuser wieder dem Friedhof.

Eine seiner Mauern war dem freien Felde zugewandt -- hier glaubte sie sich unbeobachtet. Aber hinaufzuklettern war für sie unmöglich. Jetzt stand sie erst vor dem eigentlichen Hindernis. ›Elende Zwergin, die ich bin,‹ dachte sie -- ›so hat ~er~ mich gemacht!‹ Von Angst gepackt, lief sie weiter, immer die endlose rote Mauer entlang. Plötzlich fand sie eine Bank und daneben einen ziemlich kräftigen Baum. Hier mußte es geschehen. Hier war es auch für sie möglich.

Sie wurde zum Schulmädel. Das Turnen war für ihren kleinen, behenden Körper immer eine Lust gewesen. Rasch stieg sie auf die Bank und erklomm von dort einen ziemlich hohen Ast. Er trug sie, und als sie darauf ritt, sah sie, daß sie das Gesims der Mauer mit den Händen erreichen konnte.

Mit letzter, wütender Anstrengung riß sie sich empor. Sie verlor ihren Hut, der Rock ging in Fetzen -- was lag daran? Sie saß auf der Mauer, und ohne Besinnen glitt sie nach der anderen Seite hinunter. Nun war sie im Friedhof. Aber die gespenstische Wildnis der Kreuze verwirrte sie -- sie wußte nicht, wo sie sich befand, jedes Kennzeichen fehlte. Wimmernd lief sie durch die fremden Gräberreihen. Die unglaubliche Stille um sie her dröhnte allmählich. Schon reckten sich aufgestörte Geister und hoben drohende Arme gegen die Frevlerin.

Doch Berta wurde von ihrer letzten Vernunft gehalten. Gespensterfurcht sollte sie nicht umwerfen. Sie blieb stehen und prüfte und erinnerte sich -- endlich fand sie ein Kennzeichen wieder. An dieser Ecke war eine weiße Säule gewesen -- Berta liebte abgebrochene Säulen und hatte sich den Vornamen gemerkt: Adele! Jetzt sah sie ihn wieder. Wenige Schritte davon nach links lag das Grab von Viktor Schwarz ...

Sie war am Ziel. Ein leises Kreischen stieg aus ihrer tobenden Brust. Zum erstenmal glaubte sie, ihr Schicksal in Händen zu haben. Wilde Wonne ließ sie jede Vorsicht verlieren. Sie warf sich über den feuchten Hügel. »Du, du!« flüsterte sie in die erdige Tiefe. »Du bist es doch! Du bist mein Vater, und ich bin dein Kind! Hörst du? Hörst du?!«

Sie wühlte mit ihren rasenden Händen im Efeu und zerstörte die saubere Ordnung der Pflanzen. Wie weit es noch bis zu der Aschenurne war, wußte sie nicht. Dann irrte ihr Blick zu dem Denkmal empor. »Das falsche Kreuz!« rief sie, und es hallte über die stummen Gräber hin. Dann erhob sie sich und schlug gegen das Kreuz und zerkratzte die goldene Inschrift.

Jetzt näherten sich rasche Schritte. Der Inspektor hatte den Ruf gehört. Er glaubte schon andere verdächtige Geräusche vernommen zu haben -- nun eilte er furchtlos mit seinem Hunde hinaus. Grabschändung brachte ihn in furchtbaren Zorn. Er entsicherte seinen Revolver. Dann sah er es -- seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen. Das sonderbare Weib, dem er nachmittags das Grab gezeigt, hatte einen dunklen Zweck gehabt. Nächtlich war es eingedrungen und tat seine nichtswürdige Arbeit.

»Hände hoch oder ich schieße!« rief der Beamte und zielte auf Berta. Sie drehte sich jäh nach ihm um. Im nächsten Augenblick stürzte sie bewußtlos zusammen.

Die Polizei erschien, aber die Grabschänderin war noch immer nicht bei Bewußtsein. Endlich holte man auch einen Arzt. Der untersuchte die Ohnmächtige und meinte: »Es hat doch keinen Zweck, sie zur Wache zu bringen, sie muß doch gleich ins Krankenhaus. Es handelt sich natürlich um einen Fall von Geistesstörung. Der Mann muß benachrichtigt werden. Sie fahren am besten mit, Herr Schutzmann. Ich werde an die Psychiatrische Klinik telephonieren.« --

Rietschel kam bei Morgengrauen und fand Berta schon bei Bewußtsein. Sie saß ganz friedlich in der Wohnung des Inspektors; doch als sie ihren Mann erblickte, schien ein furchtbares Erwachen über sie zu kommen, und sie begann zu toben. Nun mußte noch ein Krankenwärter geholt werden -- dem gelang die Überführung.

Von gerichtlichen Schritten sah man ab. Man hatte eine Irre vor sich, die lange vorbereitete Psychose kam zum Ausbruch. Berta mußte in der Anstalt bleiben. In der ersten Zeit wurde ihr Zustand für aussichtslos gehalten. Sie verfiel nach dem Toben in völlige Apathie, erkannte ihren Mann nicht mehr und schien ihre Kinder zu vergessen. Ihre letzte Geistesregung bestand aus wirren Worten, die von Viktor Schwarz und dem Teufel sprachen, von der Fähigkeit ihres Vaters, als Luftgebilde zu zergehen.

Rietschel kam in jeder Woche zweimal. Die Anstalt lag wie der Friedhof in Zehlendorf, und man konnte von ihren Fenstern die Mauer sehen, die Berta überstiegen hatte. Eines Tages wurde Rietschel von dem Oberarzt beiseite genommen -- man teilte ihm mit, was notwendig geworden: der Zustand seiner Frau gebe wenig Hoffnung. Man müsse den bedauernswerten Gatten in seinem und seiner Kinder Interesse vorbereiten.

Der tapfere Sachse hielt dem Ansturm stand. Tränen rollten über seine Backen, aber er reckte sich und erwiderte: »Es ist schrecklich, aber es ist eben Schicksal, Herr Professor. Die Frau tut mir furchtbar leid -- aber es ist eben Schicksal. Was soll ich nun aber tun? Kann ich mein ganzes Leben an solche Frau binden? Ich bin gesund, ich habe mein gutes Geschäft, und die Kinder --«

»Lieber Herr Rietschel,« sagte der Oberarzt, auf die Wanduhr blickend, »Sie haben nach meiner Ansicht absolut das Recht, die Scheidung einzuleiten. Sie müssen endlich an sich selbst denken. Eine verlorene Frau ist keine Frau.«

Mit schwerem Kopfschütteln stand Rietschel da. Da meinte er: »Nee, ich weiß nicht -- ich kann es mir noch immer nicht vorstellen, trotz allem, Herr Professor. Ich muß es mir erst noch überlegen.«

»Selbstverständlich. Das tun Sie nur.«

Rietschel fuhr nach Hause. Seine grübelnden Gedanken hielten ihn im Dämmerzustand. Ja, die Freiheit lockte -- er war wirklich noch ein junger, kräftiger Mann. Wenn er an die Jahre mit Berta zurückdachte -- nach seinem Wohlbefinden war es selten gegangen. Dennoch -- er hatte mit ihr vor Gott gestanden. Es tat ihm bitter leid um diese Frau. Immer wieder sah er sie vor sich, wie sie gewesen, nicht wie sie geworden war. Und was ihn hemmte, nun das Letzte noch umzustoßen, das lag weniger in seinem Gewissen als in den Seelen seiner Kinder. Er konnte es sich nicht vorstellen, was die Kinder sagen würden, wenn er ihnen die Mutter nahm. Gab es denn eine neue Mutter? --

Er trat in seine Wohnung. Plötzlich sah er, daß die Kinder ihn mit starker Spannung erwarteten. Es war heute weniger das Befinden der Kranken, von dem sie wissen wollten, als die Mitteilung eines eigenen Entschlusses. Betroffen sah Rietschel sie an: »Na, was ist denn mit euch? Was habt ihr denn?«

Paul blickte auf Grete -- dann ergriff er, als ob dies seine männliche Pflicht wäre, das Wort: »Vater, wir haben uns eben was überlegt. Es hat lange gedauert, aber nun wissen wir's wenigstens.«

»Seid ihr denn garnicht neugierig, wie's Mutter geht?«

»Nein, Mutter geht es gewiß noch schlecht. Aber es wird ihr bald besser gehen, Vater.«

»Lieber Junge -- gerade heute kann ich dir keine Hoffnung machen. Der Herr Professor meint --«

»Das weiß der Herr Professor nicht. Schicke ~uns~ nur immer wieder zu ihr, Vater.«

»Euch? Was versteht ~ihr~ denn --?«

»Das haben wir uns eben überlegt. Wir verstehen Mutter, weil wir ihre Kinder sind. Sie ist auch nur so krank geworden, weil sie -- weil sie immer noch ein Kind ist. Wenn wir keine Eltern hätten, wäre es uns ebenso gegangen. Aber, weil wir noch Eltern haben, müssen wir Mutter jetzt helfen. Das hat sie um uns verdient.«

Rietschel sah staunend auf seinen Sohn. Heute erst spürte er, daß er einen Sohn hatte. Aus diesen klugen Augen, aus dieser gewölbten Leidensstirn sprach sein Richter -- das fühlte er erschüttert. Bertas Kinder ertappten ihn bei seinen dunklen Zerstörungsgedanken. Bertas Kinder hielten fest, was er preisgeben wollte. Weil sie als Mutter treu gewesen, blieben ihr nun die Kinder treu.

Er wischte sich die Augen und erwiderte: »Also gut denn, wie ihr wollt, Kinder. Versucht es mal -- ich habe das Meinige getan. Mich kennt sie nicht mehr -- vielleicht kennt sie euch noch.«

»Aber natürlich, Vater. Es ist doch unsere Mutter«, sagte Grete. Da küßte Rietschel ihren blonden Scheitel und wandte sich ab.

Jetzt war noch nichts besser -- dennoch wurde eine große Last von ihm genommen. Ganz im Stillen konnte er seine Beschämung überwinden, und die Arbeit ging ihm wieder von der Hand, weil er den Hort seiner Ehe bei Gläubigen wußte. --

Nun fuhren Paul und Grete täglich nach Zehlendorf hinaus. Arzt und Pflegerinnen wollten diese beharrlichen Besuche erst verbieten, sahen dann aber, daß sie zum mindesten nicht schadeten, und ließen es dabei. Die Kranke kam in keinen Erregungszustand, wenn sie ihre Kinder sah. Sie schien allmählich die neue Zeit mit der alten zu verwechseln. Bald glaubte sie wieder daheim zu sein und für die Kinder zu sorgen, und wenn sie mit ihnen im Garten der Anstalt spazierenging, erlebte sie die schöne Zeit von Thüringen wieder.

Paul und Grete sahen nichts Krankhaftes darin und bestärkten sie in solchen Stimmungen. Sie gaben der Mutter wegen auch gern ihren Ehrgeiz auf, als Gymnasiast und Gymnasiastin zu gelten. Da es der Kranken wohltat, schraubten sie sich scheinbar auf ihre kindliche Unselbständigkeit zurück. Paul brachte seine elektrische Eisenbahn mit, und Grete spielte wieder mit Puppen.

Das war Friede und mehr noch: es war wirklich ein Weg zur Genesung. Die Ärzte sahen es ein und lernten gern von naiver Güte. Nach einem halben Jahr konnte der Oberarzt Rietschel bessere Aussichten eröffnen. Er lobte seine Kinder mit einer Begeisterung, die dem geprüften Vater wohltat.

Es wurde allmählich wieder Frühling. Eines Abends kamen Paul und Grete später als sonst aus Zehlendorf zurück. Rietschel empfing sie schon besorgt. Aber er sah ihre glücklichen Mienen und wurde ruhig. Paul erzählte, denn Grete hatte eine schwere Zunge und versagte immer in ihrer tiefen Empfindung. Paul aber stellte es dem Vater lebendig dar, wie heute plötzlich eine entschiedene Besserung bei der Mutter eingetreten sei. Im Garten habe sie ganz ruhig und überlegen all die schlimmen Sachen mit ihnen besprochen. Die ganze Vergangenheit habe sie aufgerollt, und nun wüßten Paul und Grete endlich, wie alles zusammenhinge. Das Schönste aber, was die Mutter heute gesagt, sei das gewesen: »Kinder, man sollte doch eigentlich tot sein lassen, was tot ist. Man sollte sich viel zu gut dafür sein, denen nachzulaufen, die sich doch nie um einen gekümmert haben. Euch beide hab' ich ja wirklich, und ihr habt mich. Das ist das Leben.«

»Hat sie das gesagt?« fragte Rietschel zitternd. »Wie kam denn das?«

»Ich weiß nicht, Vater -- der Tag war heute so schön --«

»Nein, Paul« -- unterbrach ihn da Grete eifrig -- »es war doch, erinnerst du dich denn nicht -- der Zeppelin kam doch plötzlich über den Himmel -- Mutter hat zum erstenmal ein Luftschiff gesehen -- und da -- --«

»Ja, ja,« meinte Rietschel, »da kann man schon an 'ne neue Zeit glauben. Na, ich gratulier' euch, Kinder -- ihr könnt wirklich mehr als der Arzt. Jetzt glaub' ich auch an Besserung. Wenn die fixe Idee erst tot ist --«

»Die ist tot, Vater. Mutter will nur noch alles, was lebt.«

»Na, ~ihre~ Mutter aber -- die lebt doch auch noch?«

»Ja, und da dachten wir schon,« -- stotterte Grete -- »da wollten wir dich schon bitten, Vater -- willst du nicht mal zu Großmutter hinfahren -- und von ihr ein gutes Wort für Mutter holen?«

»Meint ihr, daß man das riskieren darf, Kinder?«

»Doch«, erwiderten beide mit strahlendem Glauben. »Doch!« --

So fuhr denn Rietschel ohne Scheu nach Strelenwalde. Er wollte jetzt auch etwas leisten. Bei der alten Frau von Rotkraut, die er als Witwe fand, wurde ihm seine Bitte nicht schwer. Sie saß noch immer in ihrem Mädchenzimmer, wo sie dem alten Helden die Augen zugedrückt. Sie hörte mit einer schmerzlich wissenden Miene die ganze Leidensgeschichte ihrer Tochter an. Dann richtete sich ihr Blick mit schwerem, aber dankbarem Ausdruck auf Rietschel.

»Es ist gut, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Ich will Ihnen gestehen, Herr Rietschel -- im Innersten hab ich mir so was schon lange gewünscht. Ich bin nun ganz allein nicht wahr -- was früher mal unabänderlich war, das sieht doch jetzt ganz anders aus. Ich konnte Berta früher nicht aufklären -- es lag wahrhaftig nicht an mir.«

»Und Sie werden zugeben, Frau Major -- Berta hat ihr Versprechen gehalten. Ihnen kann ich es jetzt sagen: sie hat so schauderhaft leiden müssen, weil sie immer Rücksicht auf ihre Mutter nahm. Auf solche Weise konnte sie aber ihren Vater nicht finden.«

Liese nickte: »Das mag wohl sein. Sie muß schrecklich gelitten haben. Aber ich habe auch gebüßt, Herr Rietschel. Glauben Sie mir, hinter all meiner Unruhe und Angst steckte das Gefühl: Du brauchtest gar nicht so allein zu sein, du hast eine Tochter -- wer hindert dich, dich doch zu ihr zu bekennen? Ja, wer hindert uns eigentlich, das Nötigste zu tun? Wir selbst oder das Schicksal?«

Rietschel, der Unphilosophische, rückte unruhig auf seinem Stuhl umher: »Das kann man gar nicht sagen, Frau Major. Aber noch ist es ja, wie gesagt, nicht zu spät. Sie wird wieder ganz gesund werden. Wie gesagt, es wär' doch schön, wenn am Tor vom neuen Leben -- wie soll ich mich gleich ausdrücken? -- wenn da ein Gruß von ihrer Mutter stände, und wenn die Mutter auch den Vater nicht mehr verheimlichen täte.«

Liese erhob sich mit wankenden Knien: »Da haben Sie ganz recht. Sie sind ein vornehmer Mann, Herr Rietschel. Doch, doch -- ich freue mich, daß Berta solchen Mann gefunden hat.«

»Nun sollten Sie erst mal unsere Kinder sehen! Ihre Enkelkinder!«

»Ach Gott, wahrhaftig. Man ist so reich und weiß es gar nicht. Na, vielleicht kommt es dazu auch noch. Ich habe ein Leben hinter mir -- da hat es neben aller Not auch nicht an Gnade gefehlt.«

Sie ging langsam zu dem alten Sekretär ihres Vaters hinüber: »Gedulden Sie sich bitte ein paar Minuten, Herr Rietschel. Ich will jetzt die Zeilen an Berta schreiben.«

Rietschel saß in der stillen Stube und sah zu, wie Liese von Rotkraut schrieb. Nun erfuhr also Berta, wer ihr Vater gewesen. Er fühlte, daß es gute Worte waren, Labsal für eine gemarterte Seele. Daß aber ein unsichtbarer Geist sie diktierte, Tante Sanftlebens selige Gestalt -- das wußte Rietschel nicht.

Mit frohem Mut kehrte er nach Berlin zurück. Jetzt wagte auch er sich wieder nach Zehlendorf.

Heute begleitete er die Kinder. Berta empfing ihn mit einer Fassung, die er nicht erwartet hatte. Nichts Krankes mehr sprach aus ihren Zügen, sondern eine reife Festigung, die sie nie besessen hatte. Jetzt war sie wirklich kein Kind mehr. Sie schien sogar etwas größer geworden zu sein. Oder täuschte ihn die Hoheit ihrer überwundenen Leiden?

Er gab ihr den Brief der Mutter. Ängstlich beobachtete er sie, während sie las. Dann aber sah er, daß das Lesen ihr wohltat, ohne sie zu erschüttern. Über den Brief fort schweifte ihr Blick. Sie griff nach den Kindern, die zu ihr eilten, und auch Rietschel mußte näher kommen. So traten alle Hand in Hand zum Fenster und sahen in den Frühlingsregen hinaus.

»Seht,« sagte Berta, »da drüben ist die Mauer von dem Friedhof, wo mein Vater liegt. Jetzt tut er mir bloß noch leid. Alle Menschen tun mir leid, die sterben müssen und nie ans wahre Glück gedacht haben. Ich weiß jetzt, was es ist, und nun lass' ich es nicht mehr los. Es ist doch schön, daß man auf der Welt ist!«