SECHSTES KAPITEL
Tante Sanftleben wohnte am Strohmarkt, aber der dürre Name hatte ihren poetischen Sinn nicht gehemmt. Es gab wohl kein anderes Haus in Strelenwalde, dessen Fenster so schön mit Blumen geschmückt waren. Eine Besonderheit noch hatte der schmale, einstöckige Bau insofern, als seit Jahr und Tag zwei Oleanderbäume in grünen Kübeln vor der Tür standen. Ottilies Vater war ein angesehener Gastwirt gewesen, dessen Lokal nicht mehr bestand. Er hatte die Oleanderbäume vor der Tür gehabt, die manchen bezechten Strelenwalder vorbeigelassen. Man erzählte sogar, daß der Herr Amtsrichter und der Apotheker einmal die ganze Nacht weinselig auf den grünen Kübeln gesessen hätten. Nun sahen die Oleanderbäume nur noch sittsame Ordnung. In ihrer Mitte, vor Tante Sanftlebens Tür, saß Moritz, ihr schwarzer Pudel, und hütete die Schwelle.
Aber aus dem tiefen Frieden hatte das alte Fräulein sich doch noch einmal herausreißen lassen. Zur allgemeinen Bestürzung beging Tante Sanftleben eine der revolutionärsten Taten der Strelenwalder Moralgeschichte: sie nahm eine »Gefallene« auf. Sie erbarmte sich eines Menschen, der allgemein verurteilt wurde. Liese Prutz war genugsam um Assessor Schwarz beneidet worden. Nun, da von der ganzen Herrlichkeit nur die Verstoßung durch den Vater übriggeblieben, ließ man seinen Gefühlen freien Lauf. Doch der Sturm wurde durch die herausfordernde Tat des alten Fräuleins um seine Entladung gebracht. In Haß und Hetze kam doch allmählich mahnende Beschämung. Niemand wagte die christliche Tat der mutigen Tante anzufeinden.
Es war Winter und Weihnachten geworden. Liese saß in dem Lehnstuhl, den Tante Sanftleben ihr eingeräumt hatte. Er stand an einem Fenster, und man konnte über den verschneiten Strohmarkt sehen. Viele Leute gingen hier nicht vorüber; doch die einzige Unterhaltung, die es gab, hatte die Tante ihren Gast überlassen. Liese war jetzt zu philosophischen Betrachtungen geneigt, sie knüpfte an jeden Vorübergehenden die Deutung seines Schicksals. Dazu kam die Arbeit, die sie mit der Tante emsig durchführte -- die kleine Aussteuer für das leidvoll Erwartete.
Es dämmerte schon. Plötzlich ging unten Vater Prutz vorüber. Er mochte die Beobachtenden am Fenster spüren, denn sein heftiger Schritt, seine trotzige Haltung sahen wie eine Kundgebung aus. Tante Sanftleben hatte gehofft, daß Liese den Vater nicht bemerkt hätte; doch da sagte sie schon: »Er sieht aus, als ob er es nicht mehr lange macht. Findest du nicht auch, Tante? Der arme, alte Mann. Ich kann nur sagen: er hätte es anders haben können.«
»Selbstverständlich«, flüsterte die Tante mit empörtem Blick.
»Es ist eben das traurige, daß er alles bloß wegen der Leute tut. Aber so wird man in Strelenwalde.«
»Ich glaube, liebes Kind, so wird man auch in Berlin. Nur in größerem Stil, möchte ich sagen. Hätte ein gewisser Herr sein Herz und sein Gewissen sprechen lassen ...«
»Das konnte er nicht mehr, Tante. Herz und Gewissen hat er längst verkauft ...«
Ein leises, schmerzliches Lachen kam in Liese auf, aber es ging sogleich in Weinen über. Dann faßte sie sich: »Vater ist jedenfalls noch schlimmer dran als ich. Ich glaube, das Geschäft geht auch kaputt. Ich bilde mir ja nicht viel drauf ein, was ich mal gekonnt habe, aber immerhin kommt es doch auf 'ne nette Bedienung an. Wenn Vater jetzt im Laden steht mit einem Gesicht, als ob er jeden auffressen wollte, und die Adele kommt gehumpelt -- das kann doch nichts für die Herren sein.«
Liese ließ plötzlich ihre Häkelarbeit sinken und starrte vor sich hin: »Ach Tante, das Leben ist eigentlich so sinnlos. Was soll denn der Mensch auf der Welt, wenn er nicht aus Liebe geschaffen wird?«
Es war ein Schmerz in ihrer Stimme, der mehr sagte als jedes Wort. Ergriffen streichelte Tante Sanftleben ihren Arm: »So darfst du nicht denken. Das sind schädliche Gedanken für dich. Solch Kind ist ganz unschuldig --«
»Ja, Tante! An allem!«
»Ich meine -- das geht seinen eigenen Weg -- das wird ein Mensch für sich -- außerdem hast du doch, als es geschaffen wurde, an Liebe geglaubt.«
Liese schauderte zusammen. Dann sagte sie:
»Das ist das Schlimmste -- aber ich kann nicht anders -- an das Kind denk' ich nicht gern, Tante.«
»Liese!«
»Ich fühl's in mir -- ich werd' es auf die Welt bringen -- aber es wird mir ganz fremd bleiben. Immer werd' ich dran denken, daß es doch der Grund von allem war, was ich auszustehen habe. Gewiß, es kann nichts dafür. Meine Pflicht will ich tun -- aber zwingen tu' ich mich zu nichts. Ich wünschte nur, daß es erst auf der Welt wär'.«
»Du sprichst sehr sündhaft. Liese, aber ich rechne es deinem Zustand an. Wir wollen jetzt still sein. Wir wollen beide unsere Pflicht tun.« -- --
Es wurde wieder Frühling. Da vollzog es sich in dem kleinen, blumengeschmückten Hause am Strohmarkt. Ein Mädchen wurde geboren, ein sehr winziges, aber gesundes Mädchen. Die erste Regung der jungen Mutter nach langer Apathie war, daß sie, Tante Sanftlebens Hand drückend, sagte: »Tante, darf ich es Ottilie nennen?«
Da gab die Gute nach kurzem Kampf eine überraschende Antwort. »Nein, Liese. Tu das nicht. Versteh mich. Ich muß für mich bleiben. Nenn' es Berta, wenn dir der Name gefällt. So hat deine Mutter geheißen.«
Verwundert, nicht gekränkt, schwieg Liese. Dann aber stimmte sie zu. Die kleine Berta bekam im Himmel eine Patin.
Nun aber, während Liese sich erholte, entfaltete Tante Sanftleben eine energische Tätigkeit. Sie wollte die Rechte des neuen Menschenkindes sichern. Entwischen sollte der treulose Mann ihr nicht. Da ging sie nun täglich in das ernste Gebäude, wo einst auch Viktor Schwarz amtiert hatte. Mit seinen Kollegen bekam sie es zu tun, aber niemand entzog sich der peinlichen Pflicht. Fräulein Sanftleben wurde zum Vormund bestellt, und an den Vater des unehelichen Kindes eine amtliche Weisung beschlossen.
Doch bevor sie ihn erreichte, schrieb Tante Sanftleben ihren Brief an Viktor Schwarz. Die Antwort kam. Auf einem Geschäftsbogen mit Bankkonto und Telegrammadresse standen diese Zeilen:
»Nach Empfang Ihres gefl. Schreibens vom 4. d. M. diene Ihnen zur Nachricht, daß ich jegliche Einmischung bzw. Diskussion in der fraglichen Angelegenheit ablehne. Dem von Ihnen erwähnten amtlichen Schreiben sehe ich gern entgegen und werde es darauf prüfen, ob und wieweit meine Person darauf zu reagieren hat. In jedem Fall erkläre ich Ihnen hiermit wie jedem anderen Interessenten definitiv, daß für meinen Standpunkt einzig und allein die gesetzlichen Bestimmungen maßgebend sind.
Hochachtungsvoll
Viktor Schwarz, Rechtsanwalt.«
Liese erfuhr von diesem Briefe nichts. Tante Sanftleben ließ die Dinge gerichtlich ordnen und beschränkte sich darauf, den Lebensmut der jungen Mutter zu stärken. Als Liese genesen war, wollte sie fort. Der Boden von Strelenwalde brannte ihr unter den Füßen. Das verstand die Tante. Als sie aber Lieses Entschluß hörte, stutzte sie. Die Nichte wollte nach Berlin? Es gab für sie keinen anderen Ort, um eine Zukunft zu gründen? Hoffte sie doch noch auf den Verführer?
Und ihr Kind wollte sie mitnehmen! -- »Das kommt in Pflege«, sagte sie. »Hier lasse ich es nicht. In Berlin ist man doch ein bißchen heller und freier, Tante. Da macht man's keinem Menschen zum Vorwurf, daß er auf der Welt ist. Nun komm' ich also doch noch nach Berlin -- auch wenn der Herr Rechtsanwalt mich nicht hinbringt. Ich spüre so allerlei in mir. Man wird sich vielleicht noch wundern. In unserm Froschteich bleib' ich jedenfalls nicht.«
Tante Sanftleben fügte sich. Sie konnte nur mit stummen Augen bitten: Weiche nicht vom Pfade der Tugend.
Sie sorgte noch für eine möglichst gute Übersiedlung. In aller Morgenfrühe brachte sie Mutter und Kind zur Bahn. Liese weinte erst, als Tante Sanftleben ihr einen Frühlingsstrauß in die Hand steckte. Dann faßte sie sich gewaltsam und lächelte die treue, alte Freundin an: »Vater wird's ja doch bald hören, Tante -- wie?«
»Ich gehe heute zu ihm und teile ihm alles mit. Ich fürchte mich nicht vor ihm.«
»Ach, dann sage doch auch Adele, sie soll ein bißchen besser für den Peter sorgen! Du weißt doch, mein alter Schimmel! Er kam mir neulich so mager vor! Adele denkt ja doch bloß ans Naschen! Sie soll gut Hafer nehmen, zweimal täglich! Vater hat es ja dazu!«
Tante Sanftleben unterdrückte eine Antwort. Mit feuchten Augen rief sie: »Gut, gut, liebes Kind! Ich werde alles in deinem Sinne ordnen! Und nun leb' wohl! Und Kopf hoch, nicht wahr? Ach, wie dein Bertchen dazu nickt!«
»Nein, Tante, sie nickt, weil sie schrecklich müde ist!« Der Zug fuhr ab. Liese stand noch eine Weile am Fenster, im rechten Arm das Kind und mit dem linken hinauswinkend. Dann kam eine Biegung -- Tante Sanftleben verschwand.
Liese setzte sich. Draußen flogen die letzten Häuser von Strelenwalde vorbei. Sie drückte das schlafende Kind an ihre Brust, aber die innere Kälte wollte nicht weichen. Sie schloß ihre Augen und lehnte sich zurück. Nach einer Weile spürte sie, daß sie nicht allein war. Sie erinnerte sich eines kleinen, ziemlich umfangreichen Mannes, der nach ihr eingestiegen. Er hatte sich sogleich in ein Notizbuch vertieft, während Liese mit der Tante gesprochen hatte. Es war eine betonte Diskretion. In ihrer Feindseligkeit gegen jeden Mann warf Liese auch jetzt nur einen kurzen, grimmigen Blick auf den Reisegefährten.
Dieser aber zeigte einen eigentümlichen Wechsel zwischen sachlicher Gleichgültigkeit und persönlicher Liebenswürdigkeit. Er saß in seiner Ecke, Liese gegenüber, und blickte bald, die Lippen bewegend, auf seine Notizen, als wollte er sagen: Mich geht kein Mensch was an -- bald ließ er seine klugen Äuglein hurtig über die junge Frau gleiten, und sie wurde von einer warmen Sympathie berührt.
Nun faßte sie ihren Reisegefährten doch näher ins Auge. Er hatte eigentlich etwas sehr Drolliges, und wenn sie nicht so traurig gestimmt gewesen wäre, hätte sie lächeln müssen. Elegant und protzig gekleidet -- eine doppelt goldene Uhrkette mit wunderlichen Anhängseln um den geblümten Bauch -- dabei wirkte er, als ob er in seine Kleider eingenäht wäre und immerfort etwas an ihm platzen könnte. Der bartlose Kopf mit dem Stumpfnäschen und den pfiffig empfindsamen Augen konnte mit Theater oder Zirkus zu tun haben, doch erinnerte die saubere Korpulenz des ganzen Mannes wieder an einen geübten Wirt. Jedenfalls mußte er recht klug sein und ein Berliner ganz bestimmt.
Das Schweigen dauerte nicht allzulange. Mit einer devoten Bewegung zog der Reisegefährte ein Fenster hoch und sagte: »Es könnte doch wohl etwas ziehen für das Kindchen. Ein Fenster auf genügt doch wohl -- nich wahr, Madam?«
Er sprach gemütlich, aber auch energisch. In seiner wichtigen Art, die ihn leicht außer Atem brachte, lag eine Ehrlichkeit, die Liese gefiel.
»Madam sind gewiß eine gebürtige Strelenwalderin, wenn ich mir diese Frage erlauben darf?« fragte er nach einer Weile, indem er sich, ohne um Erlaubnis zu bitten, eine Zigarre anzündete.
Jetzt wappnete sich Liese. Ausfragen ließ sie sich nicht. Man konnte nicht wissen, von wem der Herr orientiert worden war. -- »Ja, ich bin aus Strelenwalde«, erwiderte sie kurz.
Er paffte: »'n liebes, altes Nest, aber in den Ansichten schauderhaft rückständig.«
Sie konnte ihm nicht widersprechen.
»Ich komme nämlich schon seit zwanzig Jahren hierher. Ich mache nämlich meine Einkäufe immer persönlich, und gewisse Sachen kauft man am besten in solchen Nestern. Strelenwalde zum Beispiel -- Ihre Spickgans is mir lieber als die Rügenwalder. Außerdem die Bouillonstangen von Konditor Prutz --«
Jetzt klopfte Liese das Herz. War sie denn blind gewesen? Sie kannte doch diesen Mann -- sie hatte ihn schon als Kind gesehen. Seinen Namen wußte sie nicht -- aber früher war er oft im Laden ihres Vaters gewesen.
»Solche Spezialitäten aus der Provinz lieben die Herren in Berlin am meisten. Meine Frühstücksgäste --ich sage Ihnen, Madam, die lassen Dressel und Borchardt dafür stehen. Ich bin nämlich der Besitzer der allgemein bekannten Müffelschen Frühstücksstube, Französische Straße siebenundzwanzig. Ich gebe das Brötchen mit echtem Rheinlachs für fünfundsechzig Pfennige. Spezialität: Müffelbrötchen. Erlaube mich ergebenst vorzustellen.«
Er senkte wiederholt seinen kahlen Kopf. Liese flüsterte: »Sehr angenehm.« Ihren Namen nannte sie nicht.
Jetzt aber sah der Reisegefährte sie treuherzig an: »Aber Fräuleinchen -- Sie kennen mich doch? Guido Müffel? Wie oft bin ich zu Ihrem Papa gekommen! Bloß die letzten Jahre nich mehr. Da hab' ich die Bouillonstangen aus Potsdam bezogen. Aber nun hab' ich mich mal wieder auf die gute alte Quelle besonnen.«
Sie nickte hastig: »Ja, Sie waren bei meinem Vater -- ich weiß. Aber wenn es Ihnen recht ist, Herr Müffel, sprechen wir lieber nicht davon. Ich stehe nicht mehr gut mit Vater. Ich kann Ihnen das nicht so erklären.«
Er betrachtete sie bewegt: »Als ob man keine Augen im Kopp hätte! Als ob man nicht das Kindchen da gesehen hätte und die ganze Art, wie Sie von Tante Sanftleben Abschied genommen haben! Halten Sie denn Guido Müffel für schwach auf der Brust? Außerdem, wenn man in Strelenwalde seine Geschäftsfreunde besucht hat -- da erfährt man doch mancherlei!«
Liese lehnte sich, die Augen schließend, zurück.
Jetzt rückte Guido Müffel ihr näher: »Fräulein Prutz -- es ist ein furchtbar netter Zufall, daß wir zusammen nach Berlin fahren ... Ich mische mich sonst nich 'rein; aber was ich von Ihnen weiß, kommt nicht etwa von Ihrem Vater, sondern von seinem Konkurrenten -- Herr Breitkopf oder Mohrenkopp, wie sie ihn nennen, hat es mir erzählt. Es ist die alte Geschichte -- Sie kennen doch das berühmte Gedicht von Heine? Das hat neulich Richard Kahle vom Königlichen Schauspielhaus bei mir deklamiert. Ich sage Ihnen, uns sind die Tränen über die Backen gelaufen.«
»Herr Müffel,« bat Liese mit stockender Stimme -- »was soll das alles?«
Er steckte die Hand, an der kostbare Ringe blitzten, zwischen Oberhemd und Weste: »Zunächst -- es soll Ihnen sagen, daß ich selbstverständlich die ganze Sache übersehe. Ich verurteile die Handlungsweise Ihres Herrn Vaters, so sehr ich den Mann sonst schätze. Der Mann ist rückständig. Heutzutage verflucht man seine Tochter nicht mehr. Das kommt bloß in faulen Theaterstücken vor. Aber ich kenne auch den Kunden, der Ihnen mitgespielt hat -- na gut, na schön, ich bin ja schon stille, ich rede keinen Ton mehr. Man weiß doch als alter Wirt, wie man sich zu benehmen hat. Aber so viel will ich Ihnen sagen: Sie müssen den Spieß jetzt umkehren! Sie müssen sich in Berlin durchsetzen! Mit Ihrer Figur! Und mit Ihren Haaren! Die haben ja 'ne ganz aparte Farbe! Und überhaupt: Sie besitzen savoir vivre, wie der Franzose sagt! So 'n Kindchen -- das machen Sie nebenbei ab! Sie verstehen mich hoffentlich, Fräulein Prutz?«
Liese sah eine Weile auf die Anhänger an Guido Müffels Uhrkette. Der eine war das in Gold gefaßte Bildchen einer nackten Frau, der zweite war ein Bulldoggenkopf aus Kristall mit Rubinaugen. Dann bemerkte sie noch einen kleinen Neger, der an einem Baumast aufgehängt war. Nach einer Pause erwiderte sie leise: »Durchsetzen will ich mich ja. Dazu geh' ich ja nach Berlin, Herr Müffel. Aber für mich kommt nur was Anständiges in Frage. Ich muß einen guten, ehrlichen Beruf haben.«
Guido Müffel schlug sich mit beiden Händen auf die Knie -- es klatschte nur so: »Aber gewiß? Ich weiß doch, wo Sie herstammen! Sie können Ansprüche machen, zum Donnerwetter! Woran denken Sie nun? In welche Branche, wenn ich so sagen darf, wollen Sie 'reinkommen?«
»Ich war immer ganz geschickt im Hüte garnieren.«
Guido Müffel schnitt ein entwaffnendes Gesicht: »Putzmacherin? Um Gotteswillen? Sie sind ja 'ne scharmante Person, aber nehmen Sie mir's nicht übel -- Sie haben doch wahrscheinlich den kiebigen Strelenwalder Geschmack! Damit können Sie in Berlin nichts machen. Höchstens, wenn Sie sich 'n besonders nettes Geschäftslokal mieten, wissen Sie, so'n Schmuckkästchen in der Friedrichstadt -- aber Sie haben doch wahrscheinlich gar kein Betriebskapital?«
»Nein«, erwiderte Liese kleinlaut.
»Also was andres, Fräuleinchen -- was andres! Denken Sie mal nach!«
»Vielleicht versuch' ich es mit dem, was ich gelernt habe, und gehe als Verkäuferin in 'ne gute Konditorei?«
Noch einmal schnitt Herr Müffel sein Gesicht: »Das is auch nichts! Was kommt denn dabei 'raus? Das hat nicht den Berliner Stil -- Konditorei! Ne, ne, Fräulein -- wenn Sie in Berlin Karriere machen wollen, dann müssen Sie die Wurscht am Zippel fassen! Immer das Neueste, so kommt man vorwärts! Haben Sie nicht 'n bißchen Vertrauen zu mir? Darf ich Ihnen als erfahrener Geschäftsmann nicht einen guten Vorschlag machen?«
Liese sah ihn verwirrt an: »Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Müffel ...«
»Zunächst -- ehe ich mit der Sache selber 'rausrücke -- was haben Sie mit der kleinen Angelegenheit da vor?« -- Er deutete auf das Kind.
»Ich will sie nicht behalten. Ich will sie in Kost geben, irgendwo, bei sauberen, zuverlässigen Leuten.«
»Bon! Gott sei getrommelt und gepfiffen! Ich dachte schon, Sie wollten sich mit Ihrem Sprößling belasten! Also ohne Anhang -- ganz frei wollen Sie sein?«
Jetzt leuchtete es wieder einmal in Lieses blauen Augen: »Jawohl, Herr Müffel!«
»Ich biete Ihnen eine glänzende Stellung an! Meine Büfettdame geht zum ersten August -- ich habe fünfundzwanzig Bewerberinnen, aber Ihnen gebe ich den Vorzug! Kost und Logis und neunzig Mark monatlich, nach einem Jahr hundert! Einverstanden?«
Er streckte ihr seine Hand hin.
»Ja, wenn ich solche Stelle ausfüllen kann --?«
»Einverstanden?!«
Sie drückte ihm die Hand: »Furchtbar gern, Herr Müffel!«
»Sie werden eine Attraktion, das seh' ich schon vor mir. Meine Kundschaft wird von Ihnen begeistert sein: Sauberkeit und Ordnung -- na, darüber verfügen Sie ja. Von der persönlichen Liebenswürdigkeit will ich garnicht reden. Mit Einkauf und Kasse haben Sie nichts zu tun -- das ist mein Ressort. Nur das Buch muß stimmen, und die Kellner müssen Sie an der Strippe haben. Na, das wäre gemacht. Das freut mich wirklich kolossal. Und Ihrem Papa gönn' ich's, daß Sie in Berlin gleich hochkommen.«
»Wenn ich nur erst für das Kind was hätte!«
Guido Müffel kicherte gutmütig: »Aber was glauben Sie denn? Guido macht doch alles! Ich hab natürlich schon 'ne Adresse! Mein seliger Bruder war Zimmerherr bei einer Frau Grunow am Elisabethufer! Tadellose Briefträgerswitwe! Ihr Sohn ist Stubenmaler, und ihr Bruder ist Bureauvorstand bei einem Rechtsanwalt! Die nimmt sicher ein Kostkind, namentlich, wenn ich die Sache arrangiere! Also, das hätten wir schon!«
»Sie sind wirklich großartig, Herr Müffel!«
»Ich mache meine Augen auf, sonst nichts! Na, nu fahren Sie schon ein bißchen ruhiger nach Berlin, nicht wahr, Fräuleinchen?!«
Jetzt konnte Liese aus vollem Herzen zustimmen. Sie hatte endlich wieder Glück und vertraute ihrem Reisegefährten ehrlich. So gab es eine ganz lustige Fahrt. Nur die kleine Berta wurde bald ungemütlich und schien sich gegen das Leben, in das man sie trug, zu wehren. Guido Müffel stellte alles auf, um seiner neuen Büfettdame bei der Beruhigung ihres Sprößlings zu helfen.
SIEBENTES KAPITEL
Am Elisabethufer wurde eine Leiche aus dem Kanal gezogen, als die Droschke, die Liese zu Frau Grunow trug, vor Nummer 24 hielt. Das Ereignis hatte viele Menschen angelockt, die in einer eigentümlichen Mischung von Grauen und Spott das Geländer säumten. Liese begriff, was vorging, hütete sich aber davor, etwas erkennen zu wollen. Sie bezahlte schnell und lief mit ihrem Kinde in das Haus.
Vier Treppen mußte sie steigen -- dann las sie endlich das kleine Porzellanschild: M. Grunow, Näherin in und außer dem Hause. Darüber befand sich eine größere Holztafel, die nach Lieses Eindruck ganz geschmackvoll mit allerlei Nixen und Wasserpflanzen bemalt war. Sie trug in Schnörkelschrift den Namen Alfons Grunow, Maler und Innendekorateur. Auf einer vergilbten Visitenkarte stand noch: Tübbeke, Bureauvorsteher.
Sie klingelte. Ein kläffender Hund wurde hörbar. Dann schlurfte es heran, und eine bejahrte Frau öffnete mißtrauisch die Tür.
»Ach, Sie sind es, Fräulein«, sagte sie dann langsam. »Kommen Sie man 'rein.«
Die Stimme klang mürrisch. Das fahle Runzelgesicht heimelte Liese nicht an. Sie war in Strelenwalde an glücklichere Erscheinungen gewöhnt. In der Wohnung sah es sehr ärmlich aus. Zum erstenmal regte sich ein dunkles Mitleid in Liese für das kleine Wesen, das hier abgesetzt wurde.
Aber dieses Gefühl erstickte sie. Aufrecht saß sie der alten Näherin gegenüber: »Ich bringe Ihnen das Kind, Frau Grunow. Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden. Herr Müffel hat Ihnen ja geschrieben.«
Frau Grunows verglommene Augen musterten Lieses Erscheinung. Sie gähnte dann und strich das graue Haar aus der Stirn: »Ja, ja, -- ich weiß schon. Müffel ist ein anständiger Mann. Sein Bruder, der war anders. Gesoffen hat er, und gekommen ist er zu nichts, und dann hab' ich ihn zwei Jahre hier krank gehabt. Aber Guido ist tüchtig. Kriegen Sie nun wirklich die Stelle, Fräulein?«
Die Frage klang so skeptisch, daß Liese rot wurde. »Ich werde mir alle Mühe geben, sie auszufüllen.«
»Ach, geben Sie sich man nicht zuviel Mühe. Die Hauptsache ist, daß eine nett aussieht. Guido versteht den Zimmt. Ja, der eine hat Dusel, und der andere muß sich sein ganzes Leben schinden und kommt zu nichts.«
»Ach, wissen Sie, Frau Grunow, ich habe auch bis jetzt nicht viel Dusel gehabt.«
»Na, was wollen Sie denn? So'n Kind das macht Ihnen doch nichts mehr? Und mit die Männer -- lieber Gott, denen gefallen Sie wahrscheinlich jetzt noch besser.«
Liese schnitt das peinliche Thema ab: »Nun kann ich wohl noch sehen, wo das Kindchen schlafen wird?«
Frau Grunow machte eine ärgerliche Bewegung: »Schlafen tut se hier -- da steht ja das Bettchen. Was soll ich Ihnen sonst noch erzählen? Ich arbeite bloß noch zu Hause, seit ich die verfluchte Gicht habe. Also da ist immer einer, und die Milch von Bolle kennen Sie doch? Die Hauptsache ist, daß Sie genug Geld dalassen, damit ich was kaufen kann fürs Kind. Was Sie da mitgebracht haben -- die zwei Windeln und das fusselige Wolltuch -- damit kommen wir nicht weit.«
Es kochte in Liese. Sie hatte mit Tante Sanftleben alles so nett gerichtet -- da ließ sie sich nicht angreifen. Aber sie bezwang sich. Vorläufig sah man sie ja nicht wieder. -- »Gut, also gut. Hier sind noch dreißig Mark. Das wird ja wohl vorläufig genügen?«
»Und monatlich pünktlich schicken, nicht wahr? Auslegen kann ich nämlich nichts. Uns geht's hier miserabel. Mein Bruder, was der Bureauvorsteher ist, der ist ein oller Geizkragen, der sitzt auf seine Kröten. Und mein Sohn, der Alfons, der könnte als Stubenmaler so viel verdienen, aber der quatscht bei seine Partei, macht Versammlungen und glaubt, daß übermorgen alles anders wird. Nee, Fräulein -- hier kommt es bloß auf mir an. Das eine kann ich Ihnen man sagen: Dem Kind fehlt nichts, und das kommt daher, weil ich noch fromm bin. Ich gehe nämlich jeden Sonntag in die Kirche. Ja, so was gibt es noch in Berlin. Nu können Sie sich ja vorstellen, daß es hier gut für so'n Kind ist.«
Liese widersprach nicht. Sie verabschiedete sich bald. Als sie in der Pferdebahn saß und nach der Französischen Straße zurückfuhr, war sie ganz beruhigt. Das Kind war untergebracht -- sie mußte jetzt selbst durchkommen. --
Ihren Koffer hatte sie noch in einem Fremdenheim in der Mittelstraße. Sie sagte Guido Müffel, ihrem neuen Chef, daß das Kind nun fort sei, und daß sie zu ihm übersiedeln könne. Er sah sie strahlend an und war mit allem einverstanden.
Liese hatte Talent für den neuen Beruf. Ihr Erfolg entsprach den Erwartungen. Überrascht blickten Guido Müffels Gäste auf die neue Büfettdame. Diese schlanke, blonde Person war keine zur Schau gestellte Puppe, sondern ein tüchtiger Mensch. Sie versäumte keine Freundlichkeit, aber sie bewährte sich auch hinter den Kulissen. Das Geschäftliche ging am Schnürchen, und in der Küche merkte man bald, daß Fräulein Prutz kochen konnte. Den Kellnern gegenüber hatte sie ein glückliches Gemisch von Dame und Wirtschafterin. Aber es erfüllte sich auch, was Frau Grunow prophezeit hatte: Der Instinkt der lebenserfahrenen Herren spürte, daß Liese Prutz schon einiges »hinter sich« hatte. Das aber gab ihr den höchsten Reiz. Man glaubte es nicht mehr so weit zu haben bis zur Verständigung. Doch auch der keckste Werber machte die Erfahrung, daß man eine mißhandelte Seele vorläufig in Ruhe lassen mußte.
Freude hatte Liese an ihrem Beruf. Das Zerstreuende der täglichen Pflichten und der Wechsel der Erscheinungen war das, was sie gebraucht hatte. Auch gab es wirklich interessante Männer, die bei Guido Müffel verkehrten. Nicht nur müde Geschäftsleute, die in der Erholungsstunde materiell gestimmt waren -- es kamen auch viele Künstler, und ihre selbstbewußte Art herrschte natürlich vor. Besonders ein bekannter Sänger vom Königlichen Opernhause und ein anderer von der Operette in der Friedrich-Wilhelm-Stadt beschäftigen sich mit Liese. Mit beiden scherzte sie bald, als ob ihr überhaupt nichts Böses geschehen wäre. Das Lokal war jeden Tag von Heiterkeit erfüllt. Guido wurde immer stolzer auf seine Entdeckung.
Bald machten die Stammgäste sich einen Spaß, der aus guten Herzen kam. Sie durchschauten, daß es sich bei Liese um einen Menschen handelte, dessen Empfindlichkeit geschont werden mußte. Sie war immer nett und sauber, aber dürftig gekleidet. Dies war der einzige Punkt, der Guido Müffel Sorge machte. Zu der Seelengröße, seine Büfettdame entsprechend einzukleiden, konnte er sich doch nicht aufschwingen. Da verschworen sich nun die zahlungsfähigsten Verehrer, einen Fond zu gründen, einen »Liese-Prutz-Fond«, dessen Mittel zur Beschaffung eleganter Garderobe dienen sollte. Man hatte eine kindliche Freude daran, alles zusammenzutragen, was dem hübschen Fräulein stand. Dabei wurde für die Empfängerin jede Peinlichkeit vermieden -- bei keinem Gegenstande kam es zutage, wer ihn gestiftet hatte. Man sprach immer nur von »unserer« Liese, man wollte gleicherweise an etwas beteiligt sein, was so viel Freude machte. Guido Müffel übernahm es, Liese in die Sache einzuweihen. Es war eine heikle Aufgabe, aber sein Schützling erleichterte sie ihm. Liese spürte, daß sie nichts hergab, was sie sich wahren wollte. So erschien sie denn schelmisch lächelnd von Zeit zu Zeit mit einer neuen Errungenschaft im Lokal, mochte es eine seidene Bluse oder ein Schildpattkamm oder feine Schuhe sein. Immer hörte sie das leise »Ah!«, das den Beifall der Verschwörer bedeutete. Auf solche Weise konnte sie allen gehören --
Eines Morgens kam eine Postkarte von Frau Grunow, das Kind sei krank gewesen, aber nun schon über den Damm. Sie wollte es der Mutter erst schreiben, wenn alles überstanden war. Liese erschrak trotzdem, denn sie schämte sich vor ihrem Kinde. Eines Sonntagnachmittags beschloß sie wieder nach dem Elisabethufer zu fahren. Im Lokal war sie erst abends nötig. Sie bat Herrn Müffel, eine Tüte mit allerlei Süßigkeiten mitnehmen zu dürfen, und er füllte sie ihr selbst mit Datteln, Traubenrosinen und kleinen Kuchen.
Liese kam überraschend. Es war Sonntag, und in Frau Grunows Wohnstube befand sich eine lebhafte Kaffeegesellschaft. Liese staunte, wie nett die arme, alte Frau alles herrichten konnte. Einen Napfkuchen hatte sie gebacken, den Onkel Tübbeke alle fünf Minuten aufs neue beurteilte. Außer dem Bruder der Frau Grunow traf Liese diesmal auch Alfons, ihren Sohn, ferner Fräulein Milchner, eine benachbarte Lehrerin, und Herrn Frosch, einen Friseur, der sein taubstummes Töchterchen mitgebracht hatte, selbst aber außerordentlich beredt war.
Nicht weit vom Kaffeetisch lag Berta in ihrem Bettchen. Das erschien Liese in Anbetracht der rauchenden Männer nicht ganz richtig, aber sie wurde von Frau Grunow sogleich beruhigt. Die Hauptsache sei, man müsse solch Kind an alles gewöhnen.
Liese bekam einen Ehrenplatz auf dem Sofa. Sie wurde überhaupt mit großer Höflichkeit behandelt. Ihre elegante Erscheinung wirkte in dieser Ärmlichkeit. Frau Grunow freute sich an der Tüte mit den Süßigkeiten, bot aber, als sie den Inhalt übersehen hatte, nichts davon an. Nur eine elegische Betrachtung knüpfte sie an das Geschenk, die das unterbrochene Gespräch wieder in Gang brachte.
»Ja, ja -- da kriegt man mal wieder so'n Schimmer von dem, was andere Leute jeden Tag haben. Unsereiner muß für Kartoffeln und Bohnen sorgen -- weiter reicht es nicht.«
»An den süßen Sachen verdirbt man sich bloß die Zähne«, meinte Onkel Tübbeke, obwohl er beständig Kuchen aß.
»Als zielbewußter Proletarier ziehe ich meine einfache Kost entschieden vor!« platzte Herr Frosch heraus, indem er seine flackernden Augen über Liese gleiten ließ. Dann tat er, was er nach jeder Äußerung tat: er beugte den Kopf zu seinem taubstummen Töchterchen, als wollte er sehen, ob es etwas wünschte. Es war auch diesmal nur eine mechanische Bewegung.
Alfons Grunow, der einen überraschenden Haarwuchs hatte, richtete seinen düsteren Künstlerblick auf Liese. Er ließ Herrn Frosch seinen Parteigenossen, immer zuerst sprechen -- dann äußerte er gleichsam die abschließende Wahrheit; »Der Tag wird kommen, wo es auch bei uns Rosinen gibt. Aber die Knackmandeln, die wir vorher spendieren, werden ein bißchen anders aussehen, was Bruno?!«
Frosch nickte eifrig und beugte sich wieder zu seinem Kinde.
Onkel Tübbeke, der mit seinem bartlosen Runzelgesicht und seiner fuchsigen Perücke an eine Figur aus der alten Berliner Posse erinnerte, sagte mit komischer Grimasse: »Na, Alfons -- sie werden euch schon auch noch manches zu knacken geben -- warte man ab.«
»Onkel, du hast keine Ahnung von Morgenluft«, erwiderte der Neffe, indem er mit beiden Händen in seine Lockenfülle griff.
»Als wie icke? Ich stehe doch jeden Morgen um halb sieben Uhr auf, und um achte bin ich im Bureau.«
»Na ja, -- das mein' ich aber nicht. Du kommst von den Burschoa und gehst zu den Burschoa. Du hast dir den Sturmwind der Zeit noch nie um die Nase wehen lassen.«
»Dafür dank' ich auch, mein Junge. Davon kriegt man bloß'n Schnuppen.« -- Jetzt kicherte Onkel Tübbeke. Vom Kichern kam er ins Husten. Trotzdem wiederholte, er allmählich brüllend, indem er sich zu Liese wandte: »Davon kriegt man bloß 'n Schnuppen.«
Alfons machte eine verächtliche Bewegung, die der Onkel übelnehmen konnte. Fräulein Milchner glaubte wieder einmal vermitteln zu müssen: »Ich glaube, wir werden für unser Leben mit den bestehenden Verhältnissen vorliebnehmen müssen. Für uns heißt es: seine Pflicht tun. Gerechtigkeit wird es wohl niemals geben.«
Jetzt schlug Herr Frosch mit der Faust auf den Tisch: »Das wollen wir doch mal sehen, Fräulein! Da bin ich ganz anderer Ansicht! Gerechtigkeit muß kommen! Da hätten Sie Bebel hören müssen in der letzten Parteiversammlung! Und Paul Singer! Es wird anders! Alles wird anders! Eher, als Sie glauben! Der Zukunftsstaat ist nahe!« -- Er beugte sich zu seinem stillen Kinde.
»Vergeßt den Napfkuchen nicht«, sagte Frau Grunow, die wieder neue Stücke schnitt.
Alfons saß düster zurückgelehnt: »Rege dir man nicht auf, Bruno. Du vergißt immer wieder, daß wir von Burschoa umgeben sind. Es ist nicht unser Horizont, lieber Freund. Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe.«
Jetzt wurde Fräulein Milchner energischer: »Entschuldigen Sie, lieber Herr Grunow, da muß ich doch aber bemerken, daß eine Gemeindeschullehrerin die Not des Lebens wahrhaftig besser kennt als mancher geräuschvolle Arbeiter. Wir gehören zum geistigen Proletariat, wir haben nicht mal Ihre Waffen. Wenn wir zu Ruhe und Frieden mahnen, geschieht es einzig deshalb, weil wir ganz genau wissen, daß eine Auflehnung gegen die Machthaber nur noch größeres Elend brächte. Wir Lehrerinnen müssen den bestehenden Staat, der noch nicht der schlechteste ist, stützen.«
Die Stimme des ältlichen Fräuleins bewahrte kaum ihre Festigkeit, aber sie hatte etwas Respekt Gebietendes, vor dem auch der wilde, junge Maler schwieg.
Jetzt wagte sich auch Liese vor: »Ach, ich glaube, wir Frauen lassen überhaupt am besten die Finger davon. Politik ist nun mal nicht unsere Sache.«
Man konnte das ihrer hübschen rosigen Erscheinung aufs Wort glauben. Alfons aber flüsterte mit finsterer Ironie: »Besonders nicht in gewissen Lokalen, wo die blauen Lappen fliegen.«
Onkel Tübbeke warf seinem Neffen einen strafenden Blick zu. Fräulein Prutz gefiel ihm sehr, und er duldete keine Kränkung. -- »Sie haben ganz recht, Fräulein. Hol' der Deibel die ganze Politik! Wir sind ja doch bloß das affige Publikum, das die Puppen tanzen sieht -- von den Drahtziehern sehen wir nichts. Wenn man siebenundzwanzig Jahre bei Rechtsanwälten gearbeitet hat, wie ich, dann weiß man Bescheid.«
»Ja, ja, die Rechtsanwälte«, sagte Liese nachdenklich. Dann fragte sie, indem sie mit der Hand über die Stirn strich: »Sie sind Bureauvorsteher, Herr Tübbeke?«
»Ich war's schon fünfzehn Jahre bei einem der ersten Anwälte von Berlin, Justizrat Joachim in der Taubenstraße. Von dem haben Sie doch gewiß schon gehört?«
Es entging der Gesellschaft nicht, daß Liese Prutz nach dieser Auskunft ihren Löffel in die Tasse fallen ließ. -- »Ach ja, von dem hab' ich schon gehört ...« Man merkte ihr an, wie gierig sie auf weitere Mitteilungen wartete.
Onkel Tübbeke ließ sich nicht lange bitten: »Nun ist der alte Justizrat ja zurückgetreten. Sein Neffe hat die Praxis übernommen. Das ist noch 'n janz junger Dachs, aber ich sage Ihnen: schneidig, der hat was los.«
»Sind Sie auch bei dem -- Bureauvorsteher?«
»Selbstverständlich. Er hat mich geerbt. Ohne mich kann ja der kleine Schwarz nicht auskommen. In sechstausend Akten finde ich mich zurecht. Das Wichtigste weiß ich auswendig.«
»Dein Gehalt aufbessern sollt' er«, murrte Frau Grunow.
»Das ist ja erst geschehen. Aber ich werde schon an den reichen Knauser wieder herantreten, wenn es so weit ist. Er ist nämlich klotzig reich, Fräulein.«
Liese sah in ihre Tasse: »Nun ja -- solche Praxis.«
»Und was meinen Sie wohl, wie der geheiratet hat? Sie soll 'ne Million haben -- die einzige Tochter vom Bankdirektor Kroner. Herr Schwarz hat schon gewußt, wo daß er sich 'reinsetzt.«
»Und was hat er nun davon?« fragte Frau Grunow. »Die Frau soll häßlich sein wie 'ne Nachteule, und außerdem ist sie immer krank. Du hast doch selber erzählt, daß sie nie zum Vorschein kommt. Immer liegt sie im Bette und schluckt Medizin, und wenn sie auch alles hat, was sie braucht -- für so'n Mann ist sie 'ne Kugel am Bein.«
Liese war blaß und rot geworden -- aber sie beherrschte sich, sie mußte mehr hören: »Was fehlt denn der Dame?«
»Am Magen hat sie's«, erwiderte Onkel Tübbeke, noch einmal nach dem Napfkuchen greifend. »So was ist immer eklig. Aber er wird schon wissen, wo daß er bleibt.«
»Ein Idyll aus der Burschoasie«, sagte Alfons Grunow und erhob sich. Herr Frosch, dessen Töchterchen eingeschlummert war, stand ebenfalls auf.
Liese Prutz aber schien das Thema nicht verlassen zu wollen: »Ist Ihr Rechtsanwalt ein Lebemann, Herr Tübbeke?« fragte sie mit roten Wangen.
Der alte Bureauvorsteher kicherte: »Das will ich meinen! Allerdings -- gesagt hab' ich nichts! Er läßt sich natürlich nichts merken! Wenn man draußen alles sauber ist -- drinnen mach' der Deibel seine Häufchen! Sie entschuldigen schon!«
»Unerhört«, flüsterte Fräulein Milchner. »Kaum ein Jahr verheiratet! Diese Herren ziehen wirklich alle sittlichen Gesetze in den Schmutz ihrer Gewissenlosigkeit!«
»Ach ja«, sagte Liese Prutz, indem sie die Augen schloß. »Aber es straft sich von selber.«
Sie blickte auf ihr Kind -- dann nahm sie Abschied. Nun fühlte sie sich mit Frau Grunow und den Ihrigen eng verknüpft. Sie versprach, bald wiederzukommen. Rasch ging sie durch den kühlen Regenabend nach Hause. Erschrocken spürte sie, daß sie ihre eben gewonnene Ruhe wieder verloren hatte. Das Schicksal wollte es -- sie sollte mit dem Verderber in Berührung bleiben. Gleichgültig war er ihr noch immer nicht.
Mit heißen Wangen trat Liese bei Guido Müffel ein. Ihr Chef machte ein sehr unglückliches Gesicht, denn es waren schon mehrere Gäste anwesend, und er mußte persönlich am Büfett bedienen. Aber er zürnte der Unpünktlichen nicht -- er war nur froh, daß sie endlich da war. Doch Liese blieb blaß und zerstreut -- als man wieder gutmütige Anspielungen auf ihren neuen Hut machte, der auch aus dem »Fond« stammte, verstand sie es nicht und ärgerte sich.