Chapter 1 of 8 · 3691 words · ~18 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

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Geschichten

von

Robert Walser

mit Zeichnungen von Karl Walser

[Illustration]

Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1914

Einband und Zeichnungen von Karl Walser. Gedruckt bei Hesse & Becker, Leipzig. 100 Exemplare wurden auf Stratford abgezogen und handschriftlich numeriert.

+Copyright 1914 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig+

Inhalt

Seite Sechs kleine Geschichten 1

1. Von einem Dichter 1

2. Laute 3

3. Klavier 6

4. 9

5. 11

6. Der schöne Platz 14

Simon. Eine Liebesgeschichte 19

Zwei Geschichten 33

Das Genie 33

Welt 38

Mehlmann. Ein Märchen 43

Seltsame Stadt 48

Der Greifensee 54

Der Waldbrand 59

Der Park 66

Illusion 73

Theaterbrand 77

Kerkerszene 87

Lustspielabend 92

Katzentheater 104

Ein Schlafzimmer 104

Flußgegend mit Turm 108

Eine Singspielhalle 112

Vornehme Straße mit Gartengitter 116

Die Schauspielerin 120

Die Talentprobe 129

Kleist in Thun 135

Wenzel 156

Paganini. Variation 176

Die Schlacht bei Sempach 182

Tagebuch eines Schülers 199

Ein Vormittag 217

[Illustration]

Sechs kleine Geschichten

1. Von einem Dichter

Ein Dichter beugt sich über seine Gedichte, deren er zwanzig gemacht hat. Er schlägt eine Seite nach der anderen um und findet, daß jedes Gedicht ein ganz besonderes Gefühl in ihm erweckt. Er zerbricht sich mit großer Mühe den Kopf, was das wohl für ein Etwas ist, das über oder um seine Poesien schwebt. Er drückt, aber es kommt nichts heraus, er stößt, aber es geht nichts hinaus, er zieht, aber es bleibt alles wie es ist, nämlich dunkel. Er legt sich ganz auf das geöffnete Buch in seine verschränkten Arme und weint. Dagegen beuge ich mich nun, der Schelm von Verfasser, über sein Werk und erkenne mit unendlich leichtem Sinn das Rätsel der Aufgabe. Es sind ganz einfach zwanzig Gedichte, davon ist eines einfach, eines pompös, eines zauberhaft, eines langweilig, eines rührend, eines gottvoll, eines kindlich, eines sehr schlecht, eines tierisch, eines befangen, eines unerlaubt, eines unbegreiflich, eines abstoßend, eines reizend, eines gemessen, eines großartig, eines gediegen, eines nichtswürdig, eines arm, eines unaussprechlich und eines kann nichts mehr sein, denn es sind nur zwanzig einzelne Gedichte, welche aus meinem Mund eine, wenn nicht gerade gerechte, so doch schnelle Beurteilung gefunden haben, was mich immer am wenigsten Mühe kostet. Eins aber ist sicher, der Dichter, der sie gemacht hat, weint noch immer, über das Buch gebeugt; die Sonne scheint über ihn; und mein Gelächter ist der Wind, der ihm heftig und kalt in die Haare fährt.

[Illustration]

2. Laute

Ich spiele auf der Laute Erinnerung. Sie ist ein geringfügiges Instrument mit nur immer einem und demselben Klang. Dieser Klang ist bald lang, bald kurz, bald träge, bald hurtig. Er atmet in ruhigen Zügen, oder er setzt in einem hastigen Sprung über sich selber hinweg. Er ist traurig und lustig. Das Sonderbare ist nur, daß, wenn er schwermütig klingt, er mich lachen macht, daß, wenn er lustig ist und springt, ich dabei weinen muß. Gab es jemals solchen Ton? Wurde jemals auf so wunderlichem Instrument gespielt? Es ist kaum in die Hand zu nehmen, das Instrument; die Hände, selbst die weichsten und feinstgebildeten, sind zu rauh dafür. Es hat unaussprechlich dünne, zarte Saiten. Haare sind Halftern dagegen. Es gibt einen Knaben, der darauf zu spielen weiß; und ich, der ich Zeit habe, auf der Lauer zu liegen, ich horche ihm zu. Er spielt Tag und Nacht, ohne an Essen und Trinken zu denken, in die Nacht und in den Tag hinein. Vom Tag in die Nacht und von der Nacht in den Tag hinein. Die Zeit muß ihm nur dazu da sein, sie wie einen Ton an sich vorbeiwehen zu lassen. Sowie ich auf ihn horche, den Spielenden, so horcht er, der Spieler, die ganze Zeit lang auf seine Geliebte, den Klang seines Instruments. Noch nie lag ein Verliebter so treu, so beständig auf der Lauer. Wie süß ist es, dem Lauernden aufzulauern, den Verliebten verliebt zu sehen, den Vergessenen an seiner Seite zu fühlen. Der Knabe ist Künstler, die Erinnerung sein Instrument, die Nacht sein Raum, der Traum seine Zeit; und die Töne, denen er das Leben gibt, sind seine eifrigen Diener, die von ihm reden in der Welt begierige Ohren. Ich bin nur noch Ohr, unsäglich ergriffenes Ohr.

[Illustration]

3. Klavier

Ich weiß nicht, wie der Bursche heißt, der das Glück hat von einer so schönen und hoheitsvollen Klavierlehrerin Unterricht auf dem Flügel zu genießen. Jetzt eben ist er daran, sich von den schönsten Händen der Erde die Behendigkeit auf den Tasten beibringen zu lassen. Die Hände der Dame gleiten über die Tasten wie weiße Schwäne auf dem dunklen Wasser. Sie sprechen sehr anmutig schon aus, was hinterher die Lippen sagen. Der Knabe ist von einer Zerstreutheit umfangen, welche die Lehrerin nicht beachten zu wollen scheint. »Spielen Sie das;« aber er spielt es unbeschreiblich schlecht. »Spielen Sie es noch einmal;« aber er spielt es noch schlechter als zuvor. Nun, es muß noch einmal gespielt werden; aber er spielt es schlecht. »Sie sind träge.« Er weint, dem dies gesagt wird. Sie lächelt, die dies sagt. Er liegt mit dem Kopf auf dem Klavier, der sich das muß sagen lassen. Sie streichelt ihm das braune weiche Haar, die ihm dies hat sagen müssen. Nun küßt der Bursche, der unter der Liebkosung aus seiner Scham erwacht, die zärtliche Hand, die sehr vornehm und weiß ist. Nun umschlingt die Dame den Hals des Knaben mit ihren herrlichen Armen, die sehr weich und zu einer Umarmung die rechten Zangen sind. Nun läßt sich die Dame küssen und nun erliegen die Lippen des lieben Burschen einem Kuß der freundlichen Dame. Nun haben die Knie des Geküßten nichts Eiligeres zu tun, als wie umfallende Grashalme zusammenzusinken, und die Arme des Knienden nichts Einfacheres, als wieder die Knie der Dame zu umarmen. Der Dame Knie schwanken ebenfalls und nun sind beide, die gütige, schöne Dame, und der einfache arme Knabe, eine Umarmung, ein Kuß, ein Zusammensturz, eine Träne -- und was mehr ist: eine unerwartete schreckliche Überraschung für jemanden, der in diesem Augenblick die Türe des Zimmers öffnet, was sowohl der Süßigkeit von der beiden vergessener Liebe, als der Erzählung davon ein Ende bereitet.

[Illustration]

4.

Nun, ich besinne mich, daß einmal ein armer, von Stimmungen sehr gedrückter Dichter lebte, welcher, da er sich an der freien Gottesnatur satt gesehen hatte, auf den Entschluß kam, nur noch seine Phantasie dichten zu lassen. Er saß eines Abends, Mittags oder Morgens, um acht, zwölf oder zwei Uhr in dem dunklen Raum seines Zimmers und sagte zu der Wand desselben: Wand, ich habe dich im Kopf. Gib dir keine Mühe, mich mit deiner ruhigen seltsamen Physiognomie zu täuschen. Fortan bist du ein Gefangener meiner Phantasie. Hierauf sagte er dasselbe zu den Fenstern und zu der düstern Aussicht, welche ihm dieselben tagtäglich boten. Hernach unternahm er, von Abenteuerlust angefeuert, einen Spaziergang, welcher ihn durch Felder, Wälder, Wiesen, Dörfer, Städte, über Flüsse, Seen immer unter dem schönen Himmel führte. Aber zu Feldern, Wiesen, Wegen, Wäldern, Dörfern, Städten und Flüssen sagte er immerfort: Kerls, euch habe ich fest im Schädel. Bildet euch nicht länger ein, ihr Leute, daß ihr auf mich einen Eindruck macht. Er ging heim und lachte beständig vor sich hin: Ich habe sie alle, ich habe sie alle im Kopf. Also ist anzunehmen, daß er sie noch jetzt dadrinnen hat, wo sie (wie gerne wollte ich ihnen helfen) nicht mehr hinauskommen. Ist das nicht eine phantasievolle Geschichte???

[Illustration]

5.

Es war einmal ein Dichter, der so verliebt in den Raum seines Zimmers war, daß er den ganzen Tag über in seinem Lehnstuhl saß und die Wände anbrütete, die vor seinen Augen lagen. Er entfernte die Bilder von diesen Wänden, um durch keinen zerstreuenden Gegenstand gestört und verleitet zu werden, irgend etwas anderes zu betrachten, als die kleine, fleckige, unfreundliche Wand. Man kann nicht sagen, daß er den Raum mit Absicht studierte, sondern man muß gestehen: Er lag ohne einen Gedanken in den Banden einer grundlosen Träumerei, in welcher seine Stimmung weder lustig noch traurig, weder munter noch melancholisch, sondern so kalt und gleichgültig wie die eines Wahnsinnigen war. Er verbrachte drei Monate in diesem Zustande und an dem Tage, mit welchem der vierte beginnen sollte, konnte er sich nicht mehr von seinem Platze erheben. Er war festgeklebt. Das ist etwas Sonderbares und es liegt Unwahrscheinlichkeit in dem Versprechen des Erzählers, der beteuert, daß sogleich noch Sonderbareres folgen soll. Zu dieser Zeit nämlich suchte ein Freund unseres Dichters den Dichter in seinem Zimmer auf und fiel, wie er dasselbe betrat, in dieselbe schwermütige oder lächerliche Träumerei, in welcher der erste gefangen lag. Einige Zeit nachher widerfuhr einem dritten Verse- oder Romanschreiber, der kam, um nach seinem Freunde zu sehen, das gleiche Unglück, in welches nacheinander sechs Dichter fielen, die alle kamen, um sich nach dem Freunde zu erkundigen. Nun sitzen alle sieben in dem kleinen, dunklen, düsteren, unfreundlichen, kalten, kahlen Raum und draußen schneit es. Sie kleben an ihren Sitzen und werden wohl nie wieder eine Naturstudie machen. Sie sitzen und starren, und das freundliche Gelächter, welches diese Geschichte belohnt, ist nicht imstande, sie aus ihrem traurigen Bann zu erlösen. Gute Nacht.

[Illustration]

6. Der schöne Platz

Die Geschichte, obschon ich an ihrer Wahrscheinlichkeit zweifle, hat mir, als man sie mir erzählte, viel Freude bereitet; und ich gebe sie, so gut ich kann, hier zum besten, unter der einzigen Vorbedingung jedoch, daß man mich bis zum Ende nicht durch Gähnen unterbreche: Es waren einmal zwei Lyriker, von denen der eine sich Emanuel nannte, welcher ein sehr nervöser, sensibler, junger Mann war. Der andere, mehr gröberer Natur, hieß Hans. Emanuel hatte sich einen Winkel im Walde ausgefunden, der vor aller Welt verborgen war, und wo er sehr gerne zu dichten pflegte. Zu diesem Zwecke schrieb er artige und unbedeutende Verslein in ein Notizbuch, welches er von seinem Großvater geerbt hatte, und schien mit diesem seinem Berufe sehr zufrieden zu sein. Und wahrlich, warum hätte er es nicht sein sollen? Die Stelle im Wald war so still und angenehm, der Himmel über derselben so heiter und blau, die Wolken so unterhaltend, die Bäume des gegenüberliegenden Randes so abwechselnd und von so gesuchter Farbe, die Wiese so weich, der Bach, der diese einsame Waldwiese bewässerte, so erfrischend, daß Herr Emanuel ein Narr hätte sein müssen, wenn er etwas anderes als sich glücklich gefühlt hätte. Der Himmel lachte zu seinem unschuldigen Gedichtemachen ebenso blau und schön herab wie auf die Waldbäume; und der Frieden dieses Idylls schien so unzerstörbar, daß die Störung, die nun sogleich herantreten wird, wie das Unglück in der Woche, sehr unglaublich erscheinen muß. Die Sache ist aber folgende: Ich habe euch Hans schon genannt. Hans, dieser zweite Lyriker, trieb sich einmal, selber getrieben vom Zufall, in dem Walde und in der Nähe des einsamen Platzes umher und entdeckte bei dieser Gelegenheit den Winkel und dessen Bewohner, den Bruder Emanuel. Sofort erkannte Hans in Emanuel, obschon sie sich nie zuvor gesehen, den Dichter, so wie ein Vogel den andern sofort erkennt. Er schlich sich hinter ihn und, um die Geschichte kurz zu machen, versetzte ihm einen tüchtigen Schlag auf die Wange, daß jener laut aufschrie und ohne sich weiter umzusehen nach dem, welcher ihn also traktiert hatte, die Beine springen ließ und zwar so schnell, daß er im Augenblick nicht mehr zu sehen war. Hans triumphierte! Er durfte hoffen, seinen Nebenbuhler auf ewig von der schönen einträglichen Stelle verjagt zu haben und er sann gleich darüber nach, wie er wohl am wirksamsten die Lieblichkeit dieser einsamen Waldgegend darzustellen habe. Auch er hatte ein Notizbuch bei sich, welches voller Verse, schlechter und guter, war, die er nächstens zu veröffentlichen hoffte. Dieses Buch zog er nun hervor und fing an, darin allerlei Gedankenlosigkeiten hineinzukritzeln, wie Lyriker zu tun pflegen, um sich in die geeignete Stimmung zu bringen. Er schien aber viele Mühe zu haben, die ruhige milde Schönheit seiner errungenen Landschaft in zarte Silben zu zwängen, so daß etwa noch ein Schimmer von Lebendigkeit hervorgucken mochte; und wie er dabei war, sich auf solche Weise abzuplagen, erstand ihm von vorne oder von hinten eine neue Plage, die derart war, daß sie auch ihm dieses Paradies, welches er wie ein Hund dem andern abgekläfft hatte, verleiden mußte. Es zeigte sich eine dritte Person auf dem Schauplatz in Gestalt einer Dichterin. Hans, der, erschreckt durch das Geräusch, aufblickte, erkannte sie sogleich als eine solche, verlor keine Zeit mit Galanterien, sondern verschwand wie sein Vorgänger im Augenblick. -- Hier stockt die gute Erzählung und ich billige und begreife ihre Ohnmacht vollkommen, da ich ebensowenig wie sie imstande wäre, hier fortzufahren, wo alles Weitergehen in den Abgrund der Nutzlosigkeit führen müßte. Denn wäre es etwa nichts Nutzloses, noch das Gebaren der Dichterin herzuleiern, wo schon zwei Dichter abgesungen sind? Ich begnüge mich, zu berichten, daß die erstere an der Schönheit des Waldplatzes nichts Schönes und an der Seltenheit desselben nichts Seltenes fand und ebenso geräuschvoll verschwand als sie aufrückte. Mag der Teufel Poet sein.

[Illustration]

Simon

Eine Liebesgeschichte

Simon war zwanzig Jahre alt, als ihm eines Abends in den Sinn kam, er könnte so, wie er gerade im weichen grünen Moose am Wege lag, fortwandern und Page werden. Dies sprach er sehr laut in die Luft hinauf zu den Tannengipfeln, welche, ich weiß nicht ob es wahr oder erlogen ist, ihre scheinheiligen Bärte schüttelten und ein stummes, tannzapfenartiges Gelächter anstimmten, welches unserem Mann auf die Beine half und ihn antrieb, sofort das zu werden, wozu ihn eine unbändige Lust anfeuerte. Jetzt hat er sich erhoben und marschiert ins Blaue oder Grüne hinein, ohne sich um eine geographische Richtung zu kümmern. Kümmern wir uns ein wenig um sein Äußeres. Er hat lange, für einen angehenden anmarschierenden Pagen viel zu lange Beine, welche seinem Gang etwas Tölpelhaftes geben. Seine Schuhe sind schlecht, seine Hose ideal zerrissen, sein Rock voller Flecken, sein Gesicht ist ein unzartes Gesicht und sein Hut, um auf das oberste zu kommen, kommt langsam in eine Form hinein, in die ihn unsorgfältige Behandlung und geringer Stoff mit der Zeit bringen müssen. Er, der Hut, sitzt auf ihm, dem Kopf, wie ein verschobener Sargdeckel, oder wie der blecherne Deckel auf einer alten rostigen Bratpfanne. Wirklich, der Kopf ist beinahe kupferrot und hat nichts gegen einen gebratenen Vergleich einzuwenden. An Simons Rücken (wir, die Erzählung, gehen jetzt immer hinter ihm her) hängt eine alte wüste Mandoline und wir sehen, wie er dieselbe in die Hand nimmt und darauf zu zupfen anfängt. O Wunder. Welch einen silbernen Klang birgt dieses alte magere Instrument. Ist es nicht, als wenn liebliche weiße Engel auf goldenen Geigen spielten! Der Wald ist eine Kirche und die Musik, welche tönt, wie die eines alten ehrwürdigen italienischen Meisters. Wie zart er spielt, wie weich er singt, dieser rohe Bengel. Wahrhaftig, wir verlieben uns in ihn, wenn er nicht bald aufhört. Er hört auf und wir haben Zeit, uns auf neuen Atem zu besinnen.

Wie seltsam, dachte Simon, als er aus dem Wald heraustrat und bald wieder in einen neuen hineinkam, wie seltsam, daß die Welt keine Pagen mehr hat. Hat sie denn etwa keine schönen, großen Frauenzimmer mehr? Wohl nicht, denn ich besinne mich, die Poetin unserer Stadt, der ich meine Gedichte zusandte, war dick, behäbig und majestätisch genug, um eines beweglichen Pagen zu bedürfen. Was tut sie wohl jetzt. Denkt sie wohl noch an mich, der ich sie anschwärmte? Mit solchen Gedanken und Empfindungen brachte er es ein Stück Weg weiter. Die Wiesen schimmerten, als er neuerdings aus dem Wald heraustrat, wie ausgeschüttetes Gold, die Bäume darauf waren weiß, grünlich, grün, und so saftig, daß er lachen mußte. Die Wolken lagen träge und breit am Himmel wie ausgestreckte Katzen. Simon streichelte in Gedanken ihr farbiges weiches Fell. Dazwischen lag Blau von wunderbarer Frische und Feuchte. Die Vögel sangen, die Luft zitterte, der Äther triefte von Wohlgerüchen und in der Ferne lagen felsige Berge, zu denen unser Bursche nun geraden Wegs hinlief. Schon fing der Weg an zu steigen und schon fing es an, zu dunkeln. Simon griff wieder in die Mandoline, auf welcher er Zauberer war. Die Erzählung setzt sich hinten wieder auf einen Stein und horcht ganz verblüfft. Unterdessen gewinnt der Verfasser Zeit, auszuruhen.

Es ist ein mühseliges Geschäft, Geschichten erzählen. Immer hinter solch einem langbeinigen, mandolinenspielenden romantischen Bengel herlaufen und horchen, was er singt, denkt, fühlt und spricht. Und der rohe Schurke von Page läuft immer und wir müssen hinter ihm herlaufen, als ob wir wahrhaftig des Pagen Page wären. Hört weiter, geduldige Leser, wenn ihr noch Ohren habt, denn jetzt machen bald verschiedene Personen ihre untertänigsten Reverenzen. Es wird lustiger. Ein Schloß zeigt sich; welch ein Fund für einen burgruinensuchenden Pagen. Nun zeige deine Kunst, Kind, oder du bist verloren. Und er zeigt sie. Er singt die Dame an, welche sich auf dem Balkon im ersten Stock zeigt, mit so süßer, lügenhafter Stimme, daß das Herz der Dame notwendigerweise gerührt wird. Wir haben ein dunkles, märchenhaftes Schloß, wir haben Felsen, Tannen, Pagen, nein, nur einen Pagen, ja, unsern Simon, welcher in diesem Augenblick alle lieblichen Pagen der Welt in seiner zierlichen, oben beschriebenen Person vereinigt. Wir haben Gesang und Mandolinenton, wir haben Süßigkeit, welche der Knabe seinem Instrument zu entlocken weiß. Es ist bereits Nacht, Sterne schimmern, Mond brennt, Luft küßt, und wir haben, was wir unbedingt haben müssen, eine milde, weiße, herablächelnde Dame, welche mit der Hand heraufwinkt. Der Gesang hat im Herzen der Frau Platz genommen, denn es ist ja ein so einfacher, lieber, süßer Gesang. »Komm herauf, lieber, süßer, schöner, gefühlvoller Knabe!« Wir hören noch das Jubilieren, das Schluchzen vor Freude, das einen kurzen Augenblick aus der Kehle von dem glücklichen Kerl die Nacht durchdringt; wir sehen seinen Schatten verschwinden, und nun ist draußen alles Stille und Schatten.

Der Verfasser grübelt nun aus seiner gequälten Phantasie hervor, was seine Augen nicht mehr sehen dürfen. Die Phantasie hat durchdringende Augen. Keine zehnmetrige Mauer, kein noch so schwarzer giftiger Schatten hemmt ihren Blick, der Mauern und Schatten wie ein Netz durchsieht. Der Page flog die breite, teppichbelegte Treppe hinauf und wie er oben ankam, stand seine gnädige Herrin im schneeweißen Kleid am Eingang und zog Simon mit der Hand hinein, auf welche derselbe seinen heißen Atem hauchte. Alle die Händeküsserei zu beschreiben, die nun folgt, erlasse man uns. Keine Stelle der schönen Arme, Hände, Finger, Fingernägel blieb von den gierigen roten Lippen ungeküßt, und diese Lippen schwollen ganz auf bei dem galanten Geschäft. Deshalb, jetzt merken wir, haben Pagen stets solche wie zwei Seiten eines Buches aufgeschlagene Lippen. Lesen wir ruhig, was die Sprache darin weitererzählt.

Die Frau, nachdem sie dem Knaben Einhalt geboten, erzählte ihm in vertraulicher Weise, etwa so, wie man zu einem klugen anhänglichen und treuen Hund spricht, daß sie sehr einsam sei, daß sie nachts immer auf dem Balkon stehe, daß die Sehnsucht nach einem unsagbaren Etwas sie keine angenehme gedankenlose Stunde verbringen ließe. Sie strich Simon das rauhe Haar von der Stirne weg, berührte seinen Mund, tastete an seinen glühenden Wangen und sagte mehrere Male hintereinander: »Lieber, guter Knabe! Ja, du sollst mein Diener, mein Knecht, mein Page sein. Wie hübsch du gesungen hast. Wie treu deine Augen sehen. Wie schön dein Mund lächelt. Ach, einen solchen Knaben wünschte ich mir schon lange zum Zeitvertreib. Du sollst um mich herumspringen wie ein Reh und meine Hand soll das zierliche kleine unschuldige Reh streicheln. Ich will mich auf deinen braunen Leib setzen, wenn ich müde bin. Ach ...« Hier errötete denn doch die hohe Frau und sah lange verschwiegen in einen dunklen Winkel des Zimmers, welches sehr prächtig schien. Dann lächelte sie wohlwollend, und stand, wie sich selbst beruhigend, auf und nahm beide Hände Simons in eine von den schönen ihrigen. »Morgen kleide ich dich als Pagen an, lieber Page. Du bist müde, nicht wahr?« und lächelte und aus dem Lächeln küßte ihm gute Nacht entgegen. Sie führte ihn hinauf in einen, wie es schien, hohen Turm, in ein kleines, reinliches Gemach. Dort küßte sie ihn und sagte: »Ich bin ganz allein. Wir wohnen hier ganz allein. Gute Nacht!« und verschwand.

Als Simon am folgenden Morgen hinunterging, stand die weiße Frau, wie wenn sie schon lange geduldig wartete, an der Türe. Sie reichte ihm Hand und Mund und sagte: »Ich liebe dich. Ich heiße Klara. Nenne mich so, wenn du mich begehrst.« Sie gingen in ein kostbares, ganz mit Teppichen ausgefüttertes Zimmer, welches eine Aussicht in einen dunkelgrünen Tannenwald hatte. Hier lagen auf der reichgeschnitzten Lehne eines Stuhles schwarzseidene Pagenkleider. »Diese ziehe nun an!« -- O, was für ein dummglückliches ehrlichbegeistertes Gesicht muß nun unser Kaspar, Peter oder Simon machen! Sie deutete ihm, sich darin umzukleiden, ging schnell hinaus, kam lächelnd nach zehn Minuten wieder hinein und fand Simon als den schwarzseidenen Pagen wieder, wie sie sich in träumerischen Stunden wohl einen solchen mochte phantasiert haben. Simon sah sehr hübsch aus in dem Kleid; seine schlanke Gestalt paßte vorzüglich in die enge Gefangenschaft der Pagentracht. Er benahm sich auch sofort sehr pagenmäßig, schmiegte sich schüchtern und doch unbewußt an den Leib der Frau. »Du gefällst mir,« lispelte sie. »Komm, komm!«

Sie spielten nun Tag für Tag Herrin und Page, und befanden sich wohl dabei. Simon war es ernst. Er dachte, er habe nun seinen eigentlichen Beruf gefunden, worin er auch sehr recht hatte. Ob es der gnädigen Frau mit ihrer Gnade ernst war, daran dachte er keinen Augenblick, und darin hatte er auch wieder sehr recht. Er nannte sie Klara, wenn er um ihren wollüstigen Leib dienend beschäftigt war. Er fragte sonst nichts, denn das Glück, o Leser, hat keine Zeit zum lange Herumfragen. Sie ließ sich ruhig, als wie von einem Kind, von ihm abküssen. Einmal sagte sie zu ihm: »Du, ich bin verheiratet, mein Mann heißt Aggapaia. Nicht wahr, ein teuflischer Name. Er wird bald zurückkehren. O, wie fürchte ich mich. Er ist sehr reich. Ihm gehört das Schloß, die Wälder, die Berge, die Luft, die Wolken, der Himmel. Vergiß den Namen nicht. Wie heißt er schon?« Simon stotterte: »Akka -- --, Akka -- --.« »Aggapaia, mein lieber Knabe. Schlafe ruhig darauf aus. Der Name ist kein Teufel.« -- Sie weinte, als sie dies sagte.