Part 2
Es vergingen wieder einige Tage und als eine Woche oder zwei verlebt waren, saßen sie, Frau und Page, eines Abends, als es schon dunkel zu werden begann, auf dem Balkon des Schlosses. Die Sterne funkelten wie verliebte Ritter hinunter auf das seltsame Paar: die modern gekleidete Frau und den spanisch kostümierten Pagen. Der griff, wie er immer abends zu tun pflegte, in die Saiten seiner Mandoline und die Erzählung streitet mit mir über den Punkt, was süßer gewesen sei, das Spiel der behenden Finger, oder die stillen Frauenaugen, welche auf den Spieler herabsahen. Die Nacht schwebte wie ein Raubvogel umher. Das Dunkel nahm zu, da hörten sie beide einen Schuß fallen im Wald. »Er kommt, Teufel Aggapaia ist in der Nähe. Bleibe ganz ruhig, Knabe. Ich stelle dich ihm vor. Du hast nichts zu fürchten!« Dennoch runzelte, die dies gesagt hatte, die Stirn, ihre Hände zitterten, sie seufzte und mischte ein kurzes Lachen unter die Flut von Beängstigung, welche sie zu verbergen bemüht war. Simon betrachtete sie ruhig; unten sagte jemand: Klara! Die Frau antwortete mit einem lieblich klingenden, sonderbar hohen »Ja«. Die Stimme erwiderte und fragte: Wen hast du da oben bei dir sitzen? »Mein Reh ist's; mein Reh!« Wie das Simon hörte, sprang er auf, umarmte das zitternde Weib und schrie hinunter: »Ich bin's, Simon! Mehr als zwei Arme braucht es nicht, um dir zu beweisen, du Schurke da unten, daß ich ein Bursche bin, der nicht mit sich Spaß treiben läßt. Komme nur herauf, ich stelle dir meine geliebte Herrin vor!« Teufel Aggapaia, welcher wohl merkte, daß er im Augenblick ein sehr dummer, hintergangener, gehörnter Teufel sein müsse, blieb unten stehen, scheinbar, um den Angriff zu überlegen, den eine so gefährliche Lage, wie die, vor welcher er stand, erforderte. »Ein blinder, kalter, achselzuckender, frecher Schuft da oben. Meine Überlegenheit ist zweifelhaft. Ich muß überlegen, überlegen, überlegen.« Die Nacht auch, das seltsame Benehmen der Frau, die Stimme des »Buben da oben«, das rätselhafte Etwas, wofür der Teufel kein Wort fand, hießen den Teufel blindlings überlegen. Überlege, wimmerten die Sterne, überlege, schnarrten die Nachtvögel, überlege, schüttelten unklar und doch deutlich genug die Tannengipfel heraus ... »Er überlegt,« sang siegesfroh des Pagen frische Stimme. Er überlegt noch heute, der arme schwarze Teufel Aggapaia. Er klebt an seiner Überlegung fest. Simon und Klara sind Mann und Weib geworden. Wie? sagt später einmal die Geschichte, welche hier atemringend der Ruhe bedarf.
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Zwei Geschichten
Das Genie
In einer eiskalten Nacht stand Wenzel, das Genie, auf der Straße, in einem dünnen, dünnen, und nochmals dünnen Kleidchen und bettelte die Passanten an. Die Herren und Damen dachten, Gott, er ist ja ein Genie, er darf sich das schon erlauben. Genies bekommen den Schnupfen nicht so schnell wie gewöhnliche Sterbliche. Wenzel schlief die Nacht im Portal des Königlichen Palastes und seht, er ist nicht erfroren. Genies erfrieren nicht so leicht, und mag es noch so kalt sein. Am Morgen meldete er sich bei der jugendlichen schönen Königstochter an, in dem Kleid, das er noch anhatte. Er sah erbärmlich darin aus, aber die Bedienten stießen sich gegenseitig in die Seiten und vor die Schlauköpfe und murmelten: ein Genie, Kinder, ein Genie, und meldeten Wenzel bei der Herrscherin an und ließen ihn zu derselben lustig eintreten. Wenzel verbeugte sich gar nicht einmal vor der Prinzessin, denn seht, so etwas kommt einem Genie nicht bei. Die Prinzessin jedoch, in richtiger Anerkennung von der Größe ihres Geistes, verbeugte sich tief vor dem Genius, ich meine vor dem jungen Wenzel, und reichte ihm eine schneeweiße Hand zum Schleckkuß dar, worauf sie fragte, was er denn wolle. »Zu essen«, erwiderte der Grobian, aber die Antwort fand Anklang, denn sofort wurde auf den Wink der Gütigen ein herrliches Frühstück mit Portwein hereingetragen, alles auf silbernen Schüsseln und in Kristallflaschen und das alles zusammen auf einem goldenen Brettchen. Das Genie schmunzelte, als es das sah, denn seht, Genies sogar können schmunzeln. Die Königin war überaus freundlich, aß mit Wenzel, der nicht einmal eine anständige Krawatte anhatte, seinem genialen Zustand gemäß, erkundigte sich über seine Werke und trank Gesundheit mit ihm: alles mit einer unschuldigen süßen Grazie, die ihr besonders eigen war. Das Genie war zum erstenmal in seinem wildzerrissenen Leben vollkommen glücklich, denn seht: auch Genies haben oft die feine, übrigens sehr menschliche Eigenschaft, glücklich zu sein. Wenzel brachte unter anderem beim Tischspruch vor, daß er gesonnen sei, morgen oder übermorgen die Welt umzustürzen. Die Königstochter, die begreiflicherweise heftig darüber erschrak, eilte ängstlich und lieblich kreischend, wie eine gescheuchte Nachtigall zum Zimmer hinaus, das Genie seinem Genius überlassend, und erzählte alles ihrem Vater, dem Herrn Prinzregenten des Landes. Dieser allerdings ersuchte dann Wenzel, sich doch möglichst schnell und behend zu entfernen, was befolgt wurde. Nun befindet sich unser Genie wieder auf der Gasse, hat nichts zu essen, was ihm übrigens alle Leute gern verzeihen, da er solch ein grantiges Genie ist; und weiß nicht woaus, woein vor Kummer. In diesem Zustand kommt ihm eben ein flinker genialer Gedanke (alle genialen Gedanken sind äußerst behend) zuhilf. Er läßt schneien, und zwar so heftig und so lang, daß in kurzem die Welt im Schnee vergraben liegt. Er, das Genie, liegt auf der hartzugefrorenen Schneekruste, oben, und hat und pflegt das nicht üble Gefühl, daß unter ihm eine Welt vergraben liege. Er sagte sich, es sei eine Welt von drückenden Erinnerungen. Dies sagte er sich lange genug, bis er endlich merkt, daß er wieder Hunger sowohl nach gutem erdenmäßigem Essen (zum Beispiel solchem im Hotel Continental) als nach schlechter Behandlung durch die Menschen hat. Die Sonne da oben ist auch nicht gerade angenehm, und so allein in der Sonne zu sitzen -- puh -- er friert ganz. Kurz, er läßt den vielen Schnee wieder schwinden. In der Welt ist dadurch einiges und weniges anders geworden: ein frischgewaschenes Geschlecht von Menschen ist erstanden, das Hochachtung vor aller Art Übermenschlichkeit bekommen hat. Das gefällt eine Weile Wenzel, bis es ihm wiederum nicht mehr paßt. Er jammert, und die Seufzer, die aus seinem Innern kommen, gelangen zu allgemeiner Anerkennung. Man will ihm helfen, man sucht ihn zu überzeugen, daß er ja der Menschheit sogenannter Genius ist, oder ihn vorstellt und personifiziert. Aber alles das hilft nichts, weil eben einem Genie auf keine Weise zu helfen ist.
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Welt
Als der alte Herr Zerrleder abends etwas zu spät nach Hause kam, nahm ihn gleich sein Herr Schlingel Sohn über das Knie und walkte ihn tüchtig durch. »In Zukunft«, sprach der Sohn zum Vater, »gebe ich dir überhaupt keinen Hausschlüssel mehr, verstanden!« -- Wir wissen nicht, ob es so ohne weiteres begriffen wurde. Am andern Morgen bekam die Mutter von der Tochter eine schallende Ohrfeige (weithinschallend ist das rechte Wort), weil sie zu lange vor dem Spiegel gestanden. »Eitelkeit«, sprach die entrüstete Tochter, »ist eine Schande an so alten Leuten, wie du bist,« und jagte die Arme in die Küche. Auf der Straße und in der Welt trugen sich folgende beispiellose Dinge zu: Die Mädchen gingen den jungen Herren um die Ecken nach und belästigten sie mit ihren Anträgen. Einzelne dieser also verfolgten Jünglinge wurden rot über die frechen Anreden von heranstreichenden Damen. Eine solche Dame machte am hellen Tageslichte einen offenbaren Angriff auf einen ganz unbescholtenen, gut beleumundeten Bürgerssohn, welcher schreiend die Flucht ergriff. Ich selber, zügelloser und weniger tugendhaft, ließ mich von einem jungen Mädchen abfangen. Ich sträubte mich eine Weile, jedoch nur aus vorher studierter Ziererei, womit ich das feurige Mädchen nur noch mehr reizte. Ich hatte das Glück, von ihr im Stich gelassen zu werden, was mir recht war, der ich nur auf bessere Damen erpicht bin. In der Schulstube konnten die Schullehrer ihre Lektion zum siebenten oder achten Mal wieder einmal nicht und wurden deshalb in Arrest gesetzt. Sie weinten, denn sie hätten so gern den Nachmittag mit Biertrinken, Kegeln und andern Flegeleien verbracht. Auf den Gassen schlugen die Passanten ungeniert an den Wänden ihr Wasser ab. Hunde, die zufällig vorüberspazierten, entsetzten sich billigerweise darüber. Eine adlige Dame trug einen bestiefelten und bespornten Lakaien auf ihrer zarten Schulter; eine rothäutige Magd wurde in offener Kalesche vom Herzog des Landes spazieren geführt. Sie lächelte mit drei Wackelzähnen gar manierlich. Die Kalesche wurde von Studenten gezogen. Jeden Augenblick rührte man sie mit der flinken Peitsche. Einige Straßenräuber liefen hinter einigen verhafteten Gerichtsdienern her, welche sie unterwegs in Schenken oder Bordellen aufgegriffen. Der Spektakel lockte eine Menge Hunde herbei, die die Gefangenen lustig in die Waden bissen. So geht es eben, wenn Gerichtsdiener saumselig sind. Über dieser Welt voll Possen und Sünden stürzte der Himmel heute nachmittag herein, zwar ohne Krachen, nein, vielmehr als ein weiches feuchtes Tuch und verschleierte alles. Weißgekleidete Engel liefen barfüßig in der Stadt umher, über die Brücken, und spiegelten sich eitel aber anmutig im blinkenden Wasser. Einige der schwarzborstigen Teufel jagten mit wildem Geschrei, ihre Gabeln in der Luft schwenkend, zum Entsetzen aller Menschen daher. Sie benahmen sich im ganzen sehr ungeniert. Was soll ich noch sagen? Himmel und Hölle spazieren auf den Boulevards, in den Kaufläden handeln die Seligen und die Verdammten untereinander. Alles ist Chaos, Geschrei, Gejodel, Laufen, Rennen und Stinken. Endlich erbarmte sich Gott dieser schnöden Welt. Er ließ sich herbei, die Erde, die er einst in einem Vormittag verfertigt hatte, ohne weiteres in seinen Sack zu stecken. Der Augenblick (gottlob, daß es nur ein Augenblick war) war freilich entsetzlich. Die Luft wurde mit einem Mal so fest oder noch fester wie Stein. Sie zerschlug die Häuser in der Stadt, die gegeneinanderprallten wie Trunkenbolde. Die Berge hoben und senkten ihre breiten Rücken, Bäume flogen wie ungeheure Vögel durch den Raum, und der Raum selbst zerfloß schließlich in eine gelbliche kalte unbestimmbare Masse, die weder Anfang noch Ende hatte, weder Maß noch Etwas, sondern Nichtsmehr war. Von Nichts sind wir auch nicht mehr imstande, etwas zu schreiben. Selbst der liebe Gott löste sich aus Gram über seine eigene Zerstörungswut endlich auf, so daß dem Nichts nicht einmal mehr der es bestimmende, färbende Charakter blieb. --
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Mehlmann
Ein Märchen
Es war einmal eine kleine, schwarzverhangene Bühne. Auf die Bühne sprang ein weißer Mehlmann und tanzte. Man hörte seine Schritte und Absätze nicht, denn die Bühne war mit dicken Teppichen belegt. Plötzlich stand der Mehlmann still, legte den Finger dumm an die spitze, rötliche Nase, sann, wie es schien, nach und machte dann Gesichter. Das war seine Gewohnheit. Das Publikum kannte es zur Genüge. Es wußte, wann es kam; es kam pünktlich wie ein Wechsel am Verfalltage. So ein Mehlmann verfügt über seine zwanzig Gesichter im Gesicht. Es ist nur dumm, daß man sie alle auswendig kennt wie die Knöpfe an seinem Gilet. Die Komik ist ein begrenztes Gebiet, und hochgebildete Komiker gibt es selten.
Der Mehlmann war nicht hochgebildet. Er entstammte einer Lehrerfamilie, und war selber ein sehr entarteter Zweig. Seine Familie natürlich verabscheute ihn bloß. Einst berechtigte der Mehlmann zu großen Hoffnungen, aber wie die Dinge jetzt stehen, berechtigt er zu einem halben Gelächter. Man bemitleidet ihn mehr, als daß man ihn komisch findet. Er erscheint in seiner Komik eingezwängt wie der Irrsinnige in der Zwangsjacke. Sein Auftreten gibt nur Fühllosen zu lachen, Empfindliche macht es eher vor Zorn weinen.
Der Mehlmann huschte dumm ab, es sollte ein Witz sein, das Abhuschen, aber es war wie ein Fehltritt. Armer, armer Mehlmann!
Ein Knabe kam! Ein schlanker, schmaler Knabe im schneeweißen, enganliegenden Kleid. Das Kleid mit goldenen Rissen, Schlitzen und Umschlägen! Eine dunkelrote, großblättrige Rose im Gürtel. Es war ein wunderschöner Anblick, man rief ah! In dem ah! lag viel Liebe und Achtung und das größte Interesse. Frauen fanden das Kleid des Knaben in Verbindung mit seiner Haltung wundervoll. Die Rose schaukelte im Gürtel. Jetzt flog der Knabe mit einem Male durch die Luft, ohne daß man einen Abstoß bemerkt hatte, nicht wie ein Akrobat, nein, wie ein Engel. Das Herabfallen aus dem Raum auf den Boden war namentlich unvergleichlich schön. Der erste Tritt auf dem Boden war zugleich der erste Schritt zu einem leise hin und her wiegenden Tanz. Welche Grazie, sagte man. Wie männlich doch noch, sagten die Damen. Wie kindlich einfach, sagten anwesende große Künstler. Eine Baronin, die Baronin von Wertenschlag, warf dem Tanzenden ein Veilchenbukett zu. Er erhaschte es mit dem Mund an seinem kleinen Stiel. Man jubelte über die süße, zartsinnige Geschicklichkeit. Ein junger Gott ist er, der Sohn einer Göttin, so sagte man wieder.
Auf einmal schoß aus der Kulisse eine zischende, rote Kugel hervor, rollte bis vor die Füße des Tanzenden, dieser sprang mit einer leichten Hebung des Beines hinauf und die Kugel rollte mit dem Knaben davon, dem Hintergrund zu, der, so schien es, in einen Abgrund verlief. Jetzt sah man nichts mehr.
Es ist die Sonne, die ihn davongetragen hat, sagte eine Dame.
Nein, der Mond, sagte ein Mann.
Nein, sein Herz, sagte ein Mädchen, und errötete.
Die Mutter des Mädchens schaute es groß und gütig an, nahm es dann beim Köpfchen, streichelte es und küßte es.
Unterdessen fragten die Kellner, ob Bier gefällig sei.
Spitzbuben!
Dann trat eine große, vornehm gekleidete Dame auf die Bühne und sang Lieder. Ein Lied ist ein Schmerz! Es gibt keine lustigen Lieder, nur lustige Sinnesarten, Gemüter! So empfand man, und dann ging man nach Hause.
Die Baronin Wertenschlag stieg mit gesenkten Augen und träumend in ihren Wagen. Ein Dichter komplimentierte. Der Kutscher rollte davon. So ein Flegel von Kutscher!
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Seltsame Stadt
Es war einmal eine Stadt. Die Menschen darin waren bloß Puppen. Aber sie sprachen und gingen, hatten Gefühl und Bewegung und waren sehr höflich. Sie sagten nicht nur: Guten Morgen, oder: Gute Nacht, sie meinten es auch, und zwar herzlich. Herz hatten diese Menschen. Daneben waren sie vollkommene Städter. Das Bäuerliche und Grobe hatten sie, gleichsam unwillig, sanft abgeschüttelt. Der Schnitt sowohl ihrer Kleider als ihres Betragens war der feinste, den man sich, ist man Menschenkenner oder Berufsschneider, nur denken kann. Alte abgetragene und am Leib schlotternde Kleider trug kein Mensch. Der Geschmack war in einen jeden einzelnen hineingedrungen, einen sogenannten Pöbel gab es nicht, alle waren sich in Manier und Bildung vollkommen gleich, ohne sich doch ähnlich zu sein, was wieder langweilig gewesen wäre. Auf der Straße sah man auf diese Weise eben nur schöne, elegante Menschen mit edlem, freiem Betragen. Die Freiheit wußten sie auf das feinste zu handhaben, zu leiten, zu zügeln und zu bewahren. Deshalb kamen nie Ausschreitungen in bezug auf öffentlichen Anstand vor. Verletzungen der schönen Sitte gab es ebensowenig. Die Frauen namentlich waren herrlich. Ihre Kleidung war ebenso entzückend wie praktisch, ebenso schön wie lockend, ebenso anständig wie reizend. Das Sittliche lockte! Die jungen Männer spazierten abends hinter diesem Lockenden einher, langsam, wie träumend, ohne in hastige, gierige Bewegungen zu verfallen. Die Frauen gingen in einer Art Hose einher, einer meist weißen oder hellblauen Spitzenhose, die gegen oben in eine engschließende Taille verlief. Die Schuhe waren farbig, von feinstem Leder und hoch. Entzückend war, wie sich die Schuhe den Füßen und dann dem Bein anschmiegten, und wie das Bein es fühlte, daß es von etwas Kostbarem umgeben war, und wie die Männer es fühlten, wie das Bein es fühlte! Das mit dem Hosentragen hatte das Gute, daß die Frauen Geist und Sprache in ihren Gang legten, der, unter dem Rock verborgen, sich weniger betrachtet und beurteilt fühlt. Es war überhaupt alles ein Fühlen. Die Geschäfte gingen glänzend, weil die Menschen lebhaft, tätig und brav waren. Brav waren sie aus Bildung und Taktgefühl. Einander die leichte, schöne Existenz streitig machen, das mochten sie nicht. Geld war genug vorhanden und für alle genug, weil alle so vernünftig waren, zu allererst fürs Notwendige zu sorgen, und weil alle es allen leicht machten, zu schönem Geld zu kommen. Sonntage gab es keine, ebensowenig eine Religion, um deren Satzungen willen man sich hätte streiten können. Die Vergnügungsorte waren die Kirchen, in denen man sich zur Andacht versammelte. Lust war diesen Menschen eine heilige, tiefe Sache. Daß man in der Lust reinlich blieb, war selbstverständlich, denn alle hatten das Bedürfnis dazu. Dichter gab es keine. Dichter hätten solchen Menschen nichts Erhebendes, Neues mehr zu sagen gewußt. Es gab überhaupt keine Berufskünstler, weil Geschicklichkeit zu allerhand Künsten zu allgemein verbreitet war. Das ist gut, wenn Menschen nicht der Künstler bedürfen, um zur Kunst aufgeweckte und begabte Menschen zu sein. Diese waren es, weil sie gelernt hatten, die Sinne als etwas Köstliches zu hüten und zu benützen. Man brauchte nicht Redensarten in Büchern nachzuschlagen, weil man selber seine, laufende, wache und zitternde Empfindung hatte. Man sprach schön, wo man auch Anlaß nahm zu sprechen, man hatte die Herrschaft der Sprache, ohne zu wissen, wie es kam, daß man sie bekommen. Die Männer waren schön. Ihre Haltung entsprach ihrer Bildung. Es gab vieles, an dem man sich ergötzte, mit dem man sich beschäftigte, aber es geschah alles in Beziehung auf die Liebe zu schönen Frauen. Es wurde alles in feine und träumende Beziehung gebracht. Gefühlvoll sprach und dachte man über alles. Geschäftssachen wußte man empfindlicher, edler und einfacher zu besprechen, als es heute geschieht. Es gab keine sogenannten höheren Dinge. Ein solches sich nur vorzustellen, das wäre für diese Menschen, die alles schön nahmen, was war, einfach unleidlich gewesen. Alles was geschah, geschah lebhaft. So? Wirklich? Was für ein dummer Kerl ich bin! Nein, mit dieser Stadt und diesen Menschen ist es absolut nichts. Das hat keine Wirklichkeit. Das ist aus der Luft gegriffen. Fahr ab, Bursche!
Da ging der Bursche spazieren und setzte sich auf eine Gartenbank. Es war Mittag. Die Sonne schien durch die Bäume und machte Flecken auf den Weg, auf die Gesichter der spazierenden Menschen, auf die Hüte der Damen, auf den Rasen, es war spitzbübisch. Die Spatzen hüpften leicht umher und Kindermägde rollten mit Kinderwägelchen. Es war wie ein Traum, wie ein bloßes Spiel, wie ein Bild. Der Bursche lehnte seinen Kopf in seinen Ellenbogen und ging auf in dem Bild. Plötzlich stand er auf und ging weg. Nun, das ist seine Sache. Dann kam der Regen und verwischte das Bild.
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Der Greifensee
Es ist ein frischer Morgen und ich fange an, von der großen Stadt und dem großen bekannten See aus nach dem kleinen, fast unbekannten See zu marschieren. Auf dem Weg begegnet mir nichts, als alles das, was einem gewöhnlichen Menschen auf gewöhnlichem Wege begegnen kann. Ich sage ein paar fleißigen Schnittern »guten Tag«, das ist alles; ich betrachte mit Aufmerksamkeit die lieben Blumen, das ist wieder alles; ich fange gemütlich an, mit mir zu plaudern, das ist noch einmal alles. Ich achte auf keine landschaftliche Besonderheit, denn ich gehe und denke, daß es hier nichts Besonderes mehr für mich gibt. Und ich gehe so, und wie ich so gehe, habe ich schon das erste Dorf hinter mir, mit den breiten großen Häusern, mit den Gärten, welche zum Ruhen und Vergessen einladen, mit den Brunnen, welche platschen, mit den schönen Bäumen, Höfen, Wirtschaften und anderem, dessen ich mich in diesem vergeßlichen Augenblick nicht mehr erinnere. Ich gehe immer weiter und werde zuerst wieder aufmerksam, wie der See über grünem Laub und über stillen Tannenspitzen hervorschimmert; ich denke, das ist mein See, zu dem ich gehen muß, zu dem es mich hinzieht. Auf welche Weise es mich zieht, und warum es mich zieht, wird der geneigte Leser selber wissen, wenn er das Interesse hat, meiner Beschreibung weiter zu folgen, welche sich erlaubt, über Wege, Wiesen, Wald, Waldbach und Feld zu springen bis an den kleinen See selbst, wo sie stehen bleibt mit mir, und sich nicht genug über die unerwartete, nur heimlich geahnte Schönheit desselben verwundern kann. Lassen wir sie doch in ihrer althergebrachten Überschwenglichkeit selber sprechen: Es ist eine weiße, weite Stille, die wieder von grüner luftiger Stille umgrenzt wird; es ist See und umschließender Wald; es ist Himmel, und zwar so lichtblauer, halbbetrübter Himmel; es ist Wasser, und zwar so dem Himmel ähnliches Wasser, daß es nur der Himmel und jener nur blaues Wasser sein kann; es ist süße blaue warme Stille und Morgen; ein schöner, schöner Morgen. Ich komme zu keinen Worten, obgleich mir ist, als mache ich schon zu viel Worte. Ich weiß nicht, wovon ich reden soll; denn es ist alles so schön, so alles der bloßen Schönheit wegen da. Die Sonne brennt herab vom Himmel in den See, der ganz wie Sonne wird, in welcher die schläfrigen Schatten des umrahmenden Lebens leise sich wiegen. Es ist keine Störung da, alles lieblich in der schärfsten Nähe, in der unbestimmtesten Ferne; alle Farben dieser Welt spielen zusammen und sind eine entzückte, entzückende Morgenwelt. Ganz bescheiden ragen die hohen Appenzellerberge in der Weite, sind kein kalter Mißton, nein, scheinen nur ein hohes fernes verschwommenes Grün zu sein, welches zu dem Grün gehört, das in aller Umgebung so herrlich, so sanft ist. O wie sanft, wie still, wie unberührt ist diese Umgebung, wird durch sie dieser kleine, fast ungenannte See, ist selber also so still, so sanft, so unberührt. -- Auf eine solche Weise spricht die Beschreibung, wahrlich: eine begeisterte, hingerissene Beschreibung. Und was soll ich noch sagen? Ich müßte sprechen wie sie, wenn ich noch einmal anfangen müßte, denn es ist ganz und gar die Beschreibung meines Herzens. Auf dem ganzen See sehe ich nur eine Ente, welche hin und her schwimmt. Schnell ziehe ich meine Kleider aus und tu wie die Ente; ich schwimme mit größter Fröhlichkeit weit hinaus, bis meine Brust arbeiten muß, die Arme müde und die Beine steif werden. Welch eine Lust ist es, sich aus lauter Fröhlichkeit abzuarbeiten! Der eben beschriebene, mit viel zu wenig Herzlichkeit beschriebene Himmel ist über mir, und unter mir ist eine süße, stille Tiefe; und ich arbeite mich mit ängstlicher, beklemmter Brust über der Tiefe wieder ans Land, wo ich zittere und lache und nicht atmen, fast nicht atmen kann. Das alte Schloß Greifensee grüßt herüber, aber es ist mir jetzt gar nicht um die historische Erinnerung zu tun; ich freue mich vielmehr auf einen Abend, auf eine Nacht, die ich hier am gleichen Ort zubringen werde, und sinne hin und her, wie es an dem kleinen See sein wird, wenn das letzte Taglicht über seiner Fläche schwebt, oder wie es sein wird hier, wenn unzählige Sterne oben schweben -- und ich schwimme wieder hinaus. --
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Der Waldbrand