Chapter 3 of 8 · 3910 words · ~20 min read

Part 3

Noch konnte man nichts bemerken, aber mit einem Male stand der ganze Berg in roten Flammen. Die herrlichen, breitgewachsenen Eichen brannten wie leichte Zündhölzer herunter, die weißen Felsen liefen schwarz an von der Glut, die an ihnen hinaufleckte. In der Stadt sahen die Menschen mit Fernrohren zu dem feurigen Schauspiel hinauf, und im See, am Fuße des Berges gelegen, spiegelte sich der schreckliche Brand in wundervollen Farben wider. Unten in den Straßen liefen und schrien und hüteschwenkten die erregten Bürger. Einzelne mieteten Boote, fuhren in den See hinaus, um aus gehöriger Entfernung den Anblick zu genießen, unter diesen Genußmenschen befanden sich junge Dichter und Maler, sogar ein Musiker war dabei, der die brennende Welt auf sein tönendes Innenleben wirken ließ. Ob er später einmal eine Symphonie daraus gemacht hat, ist bis heute noch nicht ermittelt worden. Die Feuerwehr war natürlich solch einem Naturbrande gegenüber absolut machtlos; nichtsdestoweniger läuteten die Glocken und hornten die Hörner und sprangen auf Wagen die Spritzen und deren Bedienung umher. Die Stadträte waren durch Eilboten oder Telephon und Telegramme zu einer Sitzung berufen worden. In den stillen, verborgenen Teichen, die in alten, herrschaftlichen Gärten schlummerten, leuchtete es und warf Flecken von Brand und Glut hinein, daß ein Mensch, wenn er vorbeiging, es sehen mußte. Das Glockenläuten wollte absolut nicht aufhören. Die Flammen da oben schienen die Glocken in Bewegung zu setzen, immer stärker, immer stürmischer, hin und her, mit Getöse und Getön, verschiedene Glocken wie eine einzige Übermächtige loslassend; zu Fenstern, die nie geöffnet wurden, steckte heute eine alte Mannes- oder Frauensperson, eine treue, von der Welt gar nicht gekannte Magd, oder ein Herr mit Habichtsnase und schneeweißem Haar den Kopf heraus, um zu sehen, zu hören und weiß nicht was sonst noch zu machen. Der unsichtbare, geläufige Schrecken lief durch die Gassen, klopfte an alte Gartentore, stieg über Mauern und traf die Stirne eines Fräulein, welches am Fenster stickte; der Schreiner hatte seine Hobeln aufgesteckt, der Schlosser sein Hämmern, der Schuster sein Klopfen, der Schneider sein Stechen, der Handlanger auf den Bauplätzen sein Schaufeln, der Totengräber sein Graben, der Uhrmacher sein Polieren, der Gelehrte sein Studium, alles hatte einen neuen und einen gleichen Beruf bekommen, den des bangen Abwartens, wie das enden würde. Aus den umliegenden, über die Felder und Hügel verstreuten Ortschaften lief es herbei, ein Gerassel von Beinen, Köpfen und Armen; Fuhrwerke sprangen, Radfahrer radelten, Weiber schrien, Kinder, die gestoßen wurden, weinten, fielen um und erhoben sich wieder; am Bahnübergang gab es eine Stockung von Menschen, Rädern und Schimpfworten, bis der Eisenbahnzug vorbeifuhr und man durchkonnte. Immer dieses Geläute und diese schreckliche Röte, als ob irgendwo, in einer räuberischen Ecke, die Welt angezündet worden wäre, von einem krassen, übernatürlichen Spitzbuben, von einem Gott; als ob die Glocken ohne die Röte nicht hätten läuten und schallen können, als ob der Tag, wie ein in zornige Scham gehülltes Gesicht, mit diesem feurigen Rot unbedingt hätte überzogen werden müssen. Manchmal sah es wie eine groß angelegte, dekorative, freskohafte Wandmalerei aus, Feuerbrand darstellend, bis ein Laut dazu kam, der einen wieder an die plastisch-bewegliche Wirklichkeit erinnerte. Jetzt wiederum schien es mehr am Himmel als auf der Erde zu brennen, so sehr hatte das Feuer den Himmel gerötet. Die untergehende Sonne schien ein mattes Lämpchen dagegen zu sein, nicht imstande, noch ein einziges Auge an sich zu ziehen. Oftmals hielten die Hornrufe inne, als müßten sie Atem geschöpft haben, um zu erneuten Leistungen zu gelangen. Stundenweit, hieß es später in den Zeitungen, sah man das herrlich-traurige Farbengemälde, und die entfernten Menschen stießen sich in den fernen Wohnungen, Straßen, Plätzen, Promenaden und Arbeitsstätten an und sagten: du, sieh, was ist das für ein Schein, dort in der Ferne? Dann wurde es Nacht, aber niemand wagte, sich niederzulegen und zu schlafen; die Lampen wurden angezündet in den Zimmern, und um die Familientische vereinigt saßen Mutter, Vater, Sohn, Tochter, Bruder, Kind und Schwester und Tante und Schwager, und sprachen miteinander von der Waldfeuersbrunst und von dem furchtbaren Schaden, den sie angerichtet hatte. Viele Leute gingen hinauf zu der weiten, sich über den ganzen, breiten Berg erstreckenden Brandstätte, die noch zischte und dampfte und knisterte in ihrem Verlöschen. Andern Tags erblickte jedermann statt des grünen einen schwarzen, rauchenden Berg, der schöne Wald war verbrannt, alle die heimlichen Lustplätze, das Moos über dem hohen Felsen, das Dickicht der Pflanzen und Sträucher, die hohen Tannen und Eichen mit ihren Armen voll grünen, süßen Laubes, alles das ist ein jammervoller Anblick gewesen und der materielle Schaden ein beinahe tödlich verwundender. Man ist nie dahintergekommen, wer den Brand verursachte, aber man vermutet, es seien Schuljungens gewesen, die sich mit allerhand Feuerzeug von jeher gern im Wald herumgetrieben haben. Ein Maler hat davon ein Gemälde gemacht, er heißt Hans Kunz, ist ein Trunkenbold und ein Verächter aller guten und wohlgefälligen Sitten. Das Bild wird im Rathaussaal aufgehängt werden, zum fortdauernden Andenken an das große, Wald-, Berg- und Gemeindeunglück.

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Der Park

Wachehabende Soldaten sitzen auf einer Bank neben dem Portal, ich trete ein, zu Boden gefallene, dürre Blätter fliegen und wirbeln und rollen und rühren mir entgegen. Das ist ungemein lustig und zugleich gedankenvoll; das Lebhafte ist immer gedankenvoller als das Tote und Traurige. Parkluft grüßt mich; die vielen tausend grünen Blätter der hochaufragenden Bäume sind Lippen, die mir guten Tag sagen: Auch schon aufgestanden? In der Tat ja, ich wundere mich selber. So ein Park, das ist wie ein weites, stilles, abgesondertes Zimmer. Übrigens ist es in einem Park eigentlich immer Sonntag, denn es ist immer ein bißchen wehmütig, und das Wehmütige erinnert lebhaft an zu Hause, und Sonntage hat es ja eigentlich nur zu Hause gegeben, wo man ein Kind gewesen ist. Etwas Elterliches und Kindliches haben Sonntage. Ich gehe weiter unter den hohen, schönen Bäumen, wie das leise und freundlich rauscht, ein Mädchen sitzt allein auf einer Bank, sticht mit dem Sonnenschirm in den Boden, hält den hübschen Kopf gesenkt und ist in Gedanken versunken. Was mag sie denken? Will sie eine Bekanntschaft machen? Eine lange, hellgrüne Allee tut sich auf, einzelne Menschen begegnen mir, die Bänke sind indessen ziemlich spärlich besetzt. Wie die Sonne so scheinen mag, so für gar nichts. Sie küßt die Bäume und das Wasser des künstlich angelegten Sees, ich betrachte ein altes Geländer und lache, weil es mir gefällt. Heutzutage ist es Mode geworden, vor alten eisernen Geländern stehen zu bleiben und deren solide, zierliche Arbeit zu bewundern, was ein bißchen dumm ist. Weiter. Ein Bekannter steht plötzlich vor mir, es ist Kutsch, der Schriftsteller, er erkennt mich nicht, während ich ihn doch freundlich grüße. Was hat er? Übrigens hatte ich immer geglaubt, er sei in die afrikanischen Kolonien gegangen. Ich eile auf ihn zu, da verschwindet er mit einem Male; tatsächlich, es ist nur eine alberne Einbildung von mir gewesen, der Platz unter der hohen Eiche, wo ich ihn zu sehen glaubte, ist leer. Eine Brücke! Wie das Wasser unter der Sonne glitzert und schimmert, so zauberhaft. Aber es fährt hier niemand im Kahn, das gibt dem See etwas Verschlafenes, es ist, als ob er nur gemalt daläge. Junge Leute kommen. Merkwürdig, wie man sich an solch einem Sonntagvormittag in die Augen schaut, als ob man sich gegenseitig etwas zu sagen hätte, aber man hat sich nicht das geringste zu sagen, sagt man sich. Ein kleines, entzückend schlankgebautes Schloß ragt vor mir zwischen Bäumen in die weißlich-blaue Luft. Wer mag hier gewohnt haben? Vielleicht eine Mätresse, ich hoffe es, der Gedanke ist anziehend. Hier mag es einstmals von hohen und höchsten Herrschaften gewimmelt haben, Droschken und Kaleschen und Diener in grünen und blauen Livreen. Wie verlassen und vernachlässigt jetzt das edle Gebäude aussieht! Gottlob beachtet man es nicht, denn wenn der Baumeister käme und es mit Hilfe einer Gelehrtenbrille renovierte, man gestatte mir, diese Idee unabgewogen hinunterzuschlucken. Was ist aus uns Volk geworden, daß wir das Schöne nur noch in Träumen besitzen dürfen. Eine alte Frau und ein alter Mann sitzen da, ich gehe vorüber, auch an einem lesenden Mädchen gehe ich vorüber, es geht nicht gut an, ein Liebesabenteuer mit den Worten anzufangen: Was lesen Sie da, Fräulein. Ich gehe ziemlich rasch und plötzlich bleibe ich stehen: Wie schön und still ist so ein Park, er versetzt einen in die abgelegenste Landschaft, man ist in England oder in Schlesien, man ist Gutsherr und gar nichts. Am schönsten ist es, wenn man scheinbar das Schöne gar nicht empfindet und nur so ist wie anderes auch ist. Ich blicke ein wenig zum stillen, halb grünen Fluß hinunter. Übrigens ist ja alles so grün, und grau, das ist eigentlich eine Farbe zum Schlafen, zum die Augen zudrücken. In der Ferne, von Blättern umschlossen, sieht man das bläuliche Kleid einer sitzenden Dame. Zigaretten darf man hier auch nicht rauchen, ein Mädchen lacht hell auf, sie geht zwischen zwei jungen Herren, von denen der eine sie umschlungen hält. Wieder eine Aussicht in eine Allee, wie schön, wie still, wie merkwürdig. Eine alte Dame kommt auf mich zu, das feine, blasse Gesicht von Schwarz umrahmt, diese alten, klugen Augen. Offen gestanden, ich finde es prachtvoll, wenn eine vereinzelte alte Dame durch eine grüne Allee geht. Ich gelange zu einer Blumen- und Gewächsanlage, wo auf einer hübschen Bank im Schatten ein Jude sitzt. Hätte es vielleicht ein Germane sein sollen, würde das besser gewesen sein? Eine kleine Statue steht mitten unter Blumen, es ist eine kreisrunde Anlage, ich gehe langsam rund herum, da kommt wieder das lesende Mädchen, es liest jetzt gehend, es lernt halblaut französisch. Diese wundervolle Langeweile, die in allem ist, diese sonnige Zurückgezogenheit, diese Halbheit und Schläfrigkeit unter Grün, diese Melancholie, diese Beine, wem seine, meine? Ja. Ich bin zu faul, Beobachtungen zu machen, sehe auf meine Beine herab und marschiere weiter. Ich sage ja, Sonntage gibt es nur an Familientischen und auf Familienspaziergängen. Der erwachsene, einzelstehende Mensch ist dieses Vergnügens beraubt, er kann, wie Kutsch, jede Stunde nach Afrika abdampfen. Überhaupt, welch ein Verlust, fünfundzwanzig Jahre alt geworden zu sein. Es gibt anderes dafür, aber von diesem anderen mag ich jetzt nichts wissen. Ich bin jetzt auf der Straße und rauche und trete in eine bürgerliche Kneipe ein, und hier bin ich auch sogleich Herr der Umgebung. Schöner Park, schöner Park, denke ich da.

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Illusion

Ich besaß doch wenigstens eine Landkarte, sie hing an der Wand meines Schreibzimmers, und da konnte ich, soviel ich Lust hatte, mit der Nasen- oder Fingerspitze in der weiten Welt umherreisen. Das große weitschweifige Rußland entzückte mich schon als Körper. Mitten in diesem mächtigen Körper lag ganz wie ein fester, schöner, ehrlicher Mittelpunkt in einer Mitte die Stadt Moskau, die der Schnee versilberte. Schlitten, ganz kleine und zierliche, flogen, von munteren Pferden gezogen, im Schnee durch die merkwürdigen Straßen dahin. Herrlich strahlten, als es begann dunkel zu werden, aus den Fenstern der fürstlichen Paläste die Lichter, und herrlich war es, zu sehen, wie aus manchem Fenster sich anscheinend süße und schöne Frauengestalten hervorbeugten. Lieder, uralte russische Lieder, von der nationalen Wehmut verzaubert, tönten mir bestrickend nach. Ich trat in ein Vergnügungshaus hinein, und da konnte ich ihnen in die Augen schauen, den stolzen russischen Frauen. Sie lächelten, aber unnennbar verächtlich, so als liebten sie dieses Leben und verschmähten es gleichzeitig. Wundervolle Tänze wurden aufgeführt, feenhaft schöne Malereien schmückten die Wände der Säle von oben bis unten. Unedles erblickte ich fast gar nichts, sei es, daß mir die Augen überliefen vom sichtbaren und unsichtbaren Entzücken, sei es, daß mich das Vorurteil, alles schön zu finden, beseelte. Ich setzte mich an einen der reichgedeckten Tische und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Weine wurden mir kredenzt von großen, mützenbedeckten Leuten; da schritt eine Frau, Dame vom Wirbel bis zur Sohle, auf mich zu, und da sie sich vom Anstand, den ich, beglückt wie ich war, zur Schau trug, überzeugte, setzte sie sich unter einer artigen, unaussprechlich anmutvollen Verbeugung zu mir an den Tisch und befahl mir in der Sprache, die jeder Liebende versteht, ihr ein Glas Wein einzuschenken. Sie nippte am Glas wie ein Eichhörnchen. Im Verlauf unserer Unterhaltung, sonderbar, ich verstand mit einemmal gut Russisch, bat ich sie, mir die Hand zum Kuß darreichen zu wollen. Sie ließ sie mir und mich durchrieselten Wonnen, als ich meine Lippen auf dieses blasse, süße, schneereine und weiße Wunder drücken durfte, mir war es, als sauge ich einen neuen Glauben an Gott ein durch die Berührung und Bewegung, der ich mich mit Seelengewalt und -lust hingab. Sie lächelte und nannte mich einen netten Menschen. Und dann, und dann, weh mir Elendem, verschwand das alles und ich saß wieder im schriftstellernden, gedankenvollen Zimmer. Neue Ideen strömten auf mich ein, es war mir, als müsse ich Felsblöcke fortwälzen. Es war schon Nachmitternacht geworden, ich trat, umnebelt von Einbildungen, ans offene kalte Fenster und überließ mich dem Anblick der überwältigenden Stille.

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Theaterbrand

Es war damals eine eigentümliche Zeit. Man muß über die Einzelheiten der damaligen sozialen Weltordnung schweigen, weil man darüber in zu großen Zorn geraten müßte. Eine unerhörte Verschwendungs- und Genußsucht, ein Luxus ohnegleichen herrschte, wo man auch hinkam. Die Persönlichkeit galt alles. Der Kühnheit und dem Ehrgeiz war alles gestattet. Der Geldsack schrieb die Gesetze vor. Trotz dem Elend, in dem die Armen lebten, gab es entsetzlich viel Menschen, derart, daß auf einzelne Menschenleben nicht das geringste Gewicht gelegt wurde. Eine Polizei gab es damals ebensowenig wie eine Kirche; der Mörder konnte ungestraft morden, der Dieb stehlen, der Ungläubige spotten, der Starke triumphieren, die Kraft beleidigen, wann und wo und wen sie wollte. Der Degen oder die Pistole in der Hand war die einzige Waffe, Ungebühr abzuwehren. Dazumal mußte sich jeder einzelne selber wehren und Recht und Billigkeit verschaffen. Etwas allerdings besaß diese schreckliche Epoche: ein glänzendes Theater. Die Schauspieler glichen edlen, gewandten Rittern von Geblüt, so vortreffliche Manieren besaßen sie und mit soviel ausgesuchter Feinheit wußten sie sich auf der Bühne zu bewegen. Auch was die Sprache betrifft, waren sie erlesene und gut erprobte Meister. Malerei und Dichtung blühten in der üppigsten Weise trotz den Gefahren des Alltags; ja man möchte sagen, daß diese edlen Blumen vielleicht gerade um der Schutzlosigkeit willen, welcher sie ausgesetzt waren, zu so unübertroffen schönen Blüten und Düften gelangten. Und erst die Baukunst. Die Städte glichen zu jenen Zeiten architektonischen Märchen. Entzückend luftig wölbten sich die schlanken Brücken über die zahlreichen tiefen Kanäle. Die hohen Fassaden der Häuser trotzten einen stolzen, schlimmen, aber schönen Geist aus. Wie gesagt. Na ja.

Eines Nachts, es wird so gegen zehn Uhr gewesen sein, brach in einem der zahlreichen Theater der Hauptstadt jenes von uns modernen Menschen gottlob weit entfernten und in die Zeiten zurückversunkenen Reiches Feuer aus. Hallo, Feuer! so tönte plötzlich ein Schreckensruf. Das Theater war dick voll von Zuschauern, gespickt und geschlagen voll bis hoch oben. Die Galerien erst, die sogenannten Flöhböden, glichen einem wimmelnden Ameisenhaufen. Kopf an Kopf, Atem an Atem, Gesicht an Gesicht saßen dort oben die Menschen aus den unteren Volksschichten. In den Logen saßen Prinzen und Prinzessinnen aus fürstlichen Häusern, prachtvolle, steinkalt scheinende Menschenfiguren. Auch Geldleute, die nirgends fehlen, wo die anmutige Vornehmheit sich zeigt, waren anwesend, mit dito Gemahlinnen mit flach abgezeichneten, weit vorragenden, Wohlleben ausstrahlenden Brüsten. Diamanten blitzten an Hälsen, Perlen an nackten Armen, und die schmiegsamen, ringgeschmückten Hände hielten einen Fächer, ein Spitzentuch oder ein Glas zwischen den Fingern. In der Mitte der Theaterdecke hing ein herrlicher Kronleuchter, blendendes Licht ausstreuend, nieder. Das Orchester spielte. Solche Menschen, die sich an den Darbietungen der Bühne satt geschaut hatten, promenierten in den Gängen hin und her, lustig und nachdenklich, geziert und schön, getragen und einfach, in jeder Tonart, in allen nur erdenklichen Schrittarten. Aber Feuer, Feuer! Kein Mensch kümmert sich jetzt um Tonarten.

Zu jenen liederlichen Zeiten gab es kaum eine Feuerwehr, aber absolut keine Brandvorsichtsmaßregeln. Zuerst schlug die Flamme, als wäre es ein ergötzliches Schauspiel gewesen, zum Bühnenraum heraus. Einige wollten schon in die Hände klatschen und bravo rufen, aber jetzt merkten sie plötzlich, sei es an der Blässe nachbarlicher Gesichter, sei es an irgendeiner unhörbaren Schreckensstimme, die nicht das Ohr, sondern die Seele zu vernehmen pflegt, daß es eine ernsthafte Flamme war, die da hervorsprang, ein Tier, ein furchtbares, mit dem nicht zu spaßen war. Auch jetzt gab es aber noch etliche, die nichts von dem Tiger wußten, der da urplötzlich geboren worden und zum Herrscher des Theaterabends geworden war. Die Schauspieler, die gerade spielten, schrien laut auf und flüchteten vom Kunstfeld weg, und nun schrie auch das Publikum. Auf den Galerien erhob sich eine neue Art Untier: die Angst. Jede neue Minute schien jetzt irgendein neues Ungeheuer gebären zu wollen. In einer der Logen, die der Adel besetzte, stand an eine goldene Säule gelehnt Ritter Josef Wirsich, einer jener Edelleute, die dem sichern Tod pflegen ruhig ins Auge zu sehen. Dieser furchtbare Mensch verzog keine Miene, keinen Zug, keine Muskel seines stahlharten Gesichtes. Er schaute gleichgültig auf ins Furchtbare, das jetzt geschah, und blieb unbeweglich.

Man muß nicht glauben, daß es zu den damaligen Zeiten eiserne Schutzvorhänge, Rolladen oder derartiges gab. Nein, jenes Geschlecht hatte für solche oder ähnliche Dinge kein Verständnis. Und nun das neue Tier, das da eben aufstund: der panische Schrecken! Jetzt, Mensch, verzweifle an den Künsten deiner Kultur. Es gab jetzt einige ganz Kopflose, Verstürmte und Verzweifelte, die sich, da sie keine Rettung mehr sahen, von der Galerie mit dem unsinnigen Kopf voran in die Tiefe des Theaterraumes stürzten, auf Leute, die dort unten stehen und warten mußten, herab, auf Frauen herab, die verzweiflungsvoll und herzenzerreißend schrien, auf Knaben, die zum erstenmal in ihrem Leben ins Theater gehen durften. Das Verderben nahm ebenso grauenhafte wie geradezu lächerliche Gebärden an. Zwei oder drei Menschen wurden durch den Ton der grausigen Angstschreie vorzeitig getötet. Der Tod verzerrte sein Gesicht sowohl zu den komischsten wie zu den traurigsten Fratzen. Aber Josef Wirsich, der typische Mensch jener Epoche, stand auch jetzt noch, als ob er ein schicksalwendender Gott gewesen wäre, unbeweglich.

Es waren auch Kinder im Theater. Man erbebe nicht, man versetze sich ins Zeitalter und man wird nicht weinen beim Tod eines unschuldigen Kindes. Man versetze sich in beides: ins Zeitalter und in den Unglücksmoment, und man wird eine Furchtbarkeit, die jetzt beginnt, um sich zu greifen, nicht allzu entsetzlich finden. Mütter zertraten ihre eigenen lieblichen Blüten; Männer rissen Kindern ganze Büschel Haare aus, und es gab ein schönes kleines Mädchen, dem mit Füßen ins Augenlicht getreten wurde. Ein Kampf entstand, wie ihn die späteren Kulturen vielleicht nie wieder inmitten des alltäglichen Lebens erlebt haben. Frauen wurden an Säulen und Geländern erdrückt, und unterdessen fingen auch die Menschen an zu brennen, zu brennen, wie Papier brennt. Aber was fürchterlicher brannte als Frauen, das war der erstickende innerliche Jubel, der die Geretteten zu zerfressen drohte, als sie sich gruppenweise draußen in der Kälte und im winterlichen Frost befanden, wo sie sich zu dritt und zu viert, einander schlagend vor Freude, in den knirschenden Schnee warfen. Viele wurden irrsinnig.

Hunderte von Geängstigten warfen sich zu den Fenstern des ersten, zweiten und dritten Stockwerkes blindlings hinaus, auf den harten Schnee hinunter, wo sie mit zerschmetterten Gliedmaßen liegen blieben. Einige von denen, die derart hinaussprangen, hatten feurige Flügel, ihre Köpfe brannten oder ihre Hände, und sie sahen wie merkwürdige Vögel aus, die schreien aber nicht fliegen konnten. Hundert Menschen lagen im Treppenhaus auf einen rauchenden, verkohlte Äste emporstreckenden Haufen zusammengehäuft. Durch einen von diesen Leichenhaufen arbeitete sich Wirsich hindurch, es gelang ihm, er fing an zu brennen, er verstand das Feuer zu ersticken, er schlug links und rechts mit seinen furchtbaren Kräften aus, er wollte leben, es kam ihm plötzlich der Gedanke, er müsse leben, und er kam lebendig aus dem Rachen des Todes heraus. An der frischen Luft angelangt, gab es ein Rettungswerk für ihn. Er fing mit seinen eisenstarken Armen zu Fenstern herausstürzende Menschen auf. Die Haut seines Gesichtes und seiner Hände hing ihm in schwarzen Fetzen herunter, und dieser Mensch fand den Mut, nachdem er die Brandstätte verlassen hatte, zu seiner Freundin, der Gräfin Nidau zu gehen, die gerade zu dieser Stunde eines ihrer berühmten Gastmähler gab. Er trat dort ein, man schrie auf bei seinem Anblick, und er lachte und bat, indem er seiner Herrin mit seiner verbrannten Lippe die Hand küßte, um die Erlaubnis, seinen Durst löschen und ein Glas Wein trinken zu dürfen.

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Kerkerszene

Maria Stuart: Wie hübsch du bist, Mortimer. Und so jung. Du lernst die Königin von Schottland spät kennen. Nein, schweige. Sage nichts. Ich weiß ja so gut, was du mir sagen willst, aber ich weiß noch mehr: ich weiß, daß du mich liebst, und das kannst du nicht sagen, das zeigst du. Welche schönen Augen; du hast die unschuldigen Augen eines schüchternen Rehes, Mortimer. Wie du die Hand da küssest. Sauge! Dein Mund betet an meiner Hand. Du bist an die rechte Frau gekommen, sie ist gewohnt, daß man sie anbetet. Sie liebt das jedesmal neu. Meine Hand liebt dich, Junge. Willst du kein Junge sein, schmollst du, du machst mir so sonderbare Lippen. Wenn ich zu dir sage: Knabe! so bist du Marias Mann, und das ist ein Knabe. Ich entfeßle die Männer von allen Verpflichtungen. Sie lieben mich, das ist ihre einzige Stärke. Willst du den Degen zücken und Verschwörungen anzetteln? Laß das, ich hasse diese Art akademischer Tapferkeit, das hast du in Rom gelernt, du mußt wissen, das imponiert mir gar nicht. Wenn man so reizend aussieht wie du, darf man nicht wollen in der Welt eine Rolle spielen. Lerne kühn sein zu meinen Füßen. Deine Befreiungspläne hassen mich, aber der Schwung deiner Lippen liebt mich und befreit mich aus dem Kerker. Gib mir ihn, gib Küsse. Dein Mund ist dein Sarg. Schau diese Hand an. Wie schmeckt dir der Hauch? Angeworfen an den Duft dieser Hände stirbst du eines Tages. Dein letztes Röcheln, wenn du blutüberströmt, wie deine beneidenswerten Vorgänger, am Boden liegst, wird mir noch Dank sagen. Sieh zu, daß es nicht soweit kommt, ich wünsche es nicht, aber gib her, noch einmal! Nicht so stürmisch. Du kostest zu wenig! Knabe, du bist verworfen, merke dir das. Dein rascher Untergang steht dir auf der Stirn geschrieben. Sei behutsam. Nicht, nicht so. Lerne in die Wollust die Ehrfurcht zwängen. Laß uns stumme Musik machen, laß uns die Königin von England entthronen. Knie nieder. Bette dich mit dem Kopf in meinen Schoß. So. O, die Pracht dieses Palastes, die Unversiegbarkeit dieses Herrschertums! Ich bin schön, ich empfinde es. Du bist reizend, Mortimer, weil du mich meine Königreiche empfinden machst. Dank. Wie süß es ist, dir durchs Haar zu streichen. Deine schwarzen Locken brennen. Deine vor mir niederstürzende Liebe wirft Elisabeth in Verzweiflung. Was tust du? Suchst du Gott? Da wirst du nie an ein Ende kommen. Laß es lieber. Da? Tu's nicht. Ich möchte deiner Wonne die Spitze nicht biegen. Was für Glieder du hast, und dein Nacken. Es ist mir, als habe er Augen und sähe mich durstig an. Ich verstehe es, Durst zu entflammen. Was kann sie mir rauben, die englische Willkür? Die Freiheit? Nichts mir Unpassenderes. Das Glück? Es liegt mir zu Füßen. Die Machtentfaltung? Ich spüre die höchste. Die Ruhe? Ich werde geliebt. Das Frauentum? Es feiert Triumphe. Sieh mich an, Mortimer. Steh auf, geh jetzt. Du willst nicht? Ich mag es dir nicht befehlen. Deine Wünsche und Lüste umflattern mich wie gezähmte Tauben. Ich ströme Zwang aus, weil ich so viel Wildheit ausströme. Meine Zartheit geht noch über meine Schönheit. Du lächelst. Ich wünsche, du stürbest jetzt. Ich kann die Gnade vergrößern, aber nicht noch versüßen. Laß uns jetzt still sein. Laß uns thronen im Nichts-mehr-Empfinden.

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Lustspielabend