Chapter 4 of 5 · 788 words · ~4 min read

IV.

»Aber, du Unglücksrabe!« rief Arnold, als er bald nach der im Keime steckengebliebenen ärztlichen Konsultation zu Fridolin hereinstürmte. »So etwas muß einem Menschen doch gesagt werden! Wie kommst denn du zum Velozipedfahren?«

»Ich bitte dich -- in Gerolstein!«

»Gut, aber dann sagt man mir's doch wenigstens!«

»Ich hatte dich in den letzten Tagen nicht gesehen, und tatsächlich bin ich erst seit einigen Tagen Radfahrer. Ein großer Künstler bin ich allerdings noch nicht; ich hatte erst drei Lektionen genommen und an dem kritischen Abend allein meine erste Ausfahrt versucht.«

»Ein Anfänger fährt doch nicht im Finstern spazieren!«

»Ich tat es absichtlich, um nicht durch meine vorauszusehenden Stütze der lieben Straßenjugend von Gerolstein ein erfreuliches Schauspiel darzubieten. Ich hatte mir auch nur entlegene, menschenleere Straßen ausgesucht.«

»Was gedenkst du nun zu tun?«

»Ich gedenke Se. Exzellenz gerichtlich zu belangen!«

»Mensch, bist du verrückt?!«

»Durchaus nicht. Der Ehrenbeleidigungsprozeß wird ihm angehängt! Ich bin ›Numidier‹, und das bin ich der Radfahrerschaft schuldig. Es muß dem Pöbel, stehe er so hoch wie er wolle, beigebracht werden, daß der Radfahrer nicht vogelfrei ist, und daß nicht der erste beste das Recht hat, einem harmlosen Radfahrer in den Weg zu laufen und ihm dann gar noch, wenn ein Zusammenstoß erfolgt ist, eine Injurie an den Kopf zu werfen.«

»Mein lieber Fridolin, ich glaube, es rappelt bei dir! Der Ministerpräsident ist der erste beste, und du, der ihm die Rippen bricht, bist ein harmloser Radfahrer. Wirklich, ein angenehmer Radfahrer!«

»Ich bin unschuldig. Mich zwingt die Polizei, eine Laterne mit einer Nummer an mein Rad zu hängen, aber sie kümmert sich nicht um den miserablen Stand der Straßenbeleuchtung in der Schleiermachergasse, und wenn der Herr Ministerpräsident seinen ausführlichen Bauch im Finstern spazieren führen will, so soll er das auf dem Bürgersteig tun, nicht aber auf der Fahrstraße, auf der er nichts zu suchen hat. Oder wenn er doch dort lustwandeln will, so soll er sich wenigstens auch eine Laterne an den Bauch hängen. Ich bin nicht verpflichtet, die Ministerpräsidenten auch im Finstern von weitem zu erkennen.«

Arnold schlug bei diesem respektlosen Bericht die Hände über dem Kopf zusammen.

»Aber, Menschenskind!« rief er entsetzt. »Ich glaube, du rasest!«

»Nicht im mindesten! Er hat mich einen ›Schafskopf‹ genannt und einen ›unverschämten Menschen‹. Das lasse ich mir unter keinen Umständen gefallen!«

»Du wirst dir eben auch kein Blatt vor den Mund genommen haben.«

»Oh, ich war sehr höflich. Ich habe mich mit einem ›alten Esel!‹ begnügt; das reicht ja aus für solche Fälle.«

»Oh, du heiliger Strohsack! Wir kriegen den schönsten Hochverratsprozeß auf den Hals!«

»Ich will nicht hoffen, daß ich durchaus etwas verraten habe.«

»Fridolin, man wird dich einsperren!«

»Oho! Für eine Ehrenbeleidigung wird man nicht gleich eingesperrt! Übrigens -- die beste Art der Verteidigung ist -- anzugreifen. Ich werde ihn zuerst verklagen, lasse ihn verurteilen, und dann --«

»Und dann?«

»Und dann werde ich ihn um die Hand seiner Nichte bitten!«

»Nur?« Arnold glaubte vom Sessel fallen zu müssen. »Also darum -- Gerolstein?!«

»Jawohl, nur darum! Jetzt weißt du wenigstens alles.«

»Das ist in der Tat ungemein sinnreich. Ihn erst verklagen und verurteilen lassen und ihn dann um die Hand seiner Nichte bitten!«

»Eins schließt doch das andere nicht aus!«

»Höre, Fridolin, du gehörst wirklich in ein Tollhaus!«

»Warum denn? Ich lasse mich auch von meinem zukünftigen Schwiegeronkel nicht einen Schafskopf heißen!«

»Da muß etwas geschehen; die Sache muß beigelegt werden. Schade, daß gerade du der Übeltäter bist. Ich hätte da einen so schönen Sensationsprozeß daraus gemacht!«

»Das kannst du ja noch, -- nur zu! Ich spreche ganz im Ernst. Für mich wäre es ja auch sehr nützlich gewesen, wenn ich da als Arzt angekommen wäre. Der großartige Hinauswurf hat die schönsten Hoffnungen zunichte gemacht. Du bist ja aber nicht auch hinausgeworfen worden, du sitzest jetzt im Rohr, schneide Pfeifen! Bausche die Sache nur zu einer imposanten Affäre auf. Dir wird's nützen, und mir kann es nicht schaden.«

»Nein, lieber Freund, gegen dich führe ich keine Prozesse!«

»Das wäre ein lächerliches Opfer. Die Ministerpräsidenten liegen doch nicht alle Tage so auf der Straße herum. Sei froh, daß du einmal einen aufgelesen hast!«

»Das verstehst du nicht. Es hat auch vieles für sich, einen Ministerpräsidenten zum Prozeßgegner zu haben. In Gerolstein ist es sogar für mich gewiß praktischer, gegen den Ministerpräsidenten zu prozessieren als für ihn.«

»Ich könnte« -- fuhr der Rechtsanwalt fort -- »nun ganz gut das mir von ihm verliehene Mandat in seine Hände zurücklegen und deine Vertretung übernehmen, aber das, was für mich praktisch und nützlich wäre, kommt hier nicht in Betracht. Wir müssen trachten, daß die Sache beigelegt werde und sich in Wohlgefallen auflöse.«

»Den ›Schafskopf‹ lasse ich aber nicht auf mir sitzen.«

»Der ist, meine ich, hinlänglich kompensiert. Man wird sich gegenseitig entschuldigen.« --