V.
So leicht war aber der Ausgleich doch nicht, wie Arnold sich ihn gedacht hatte. Herr Besenbeck, der gebietende Staatsmann, wollte von einem Ausgleich nichts wissen. Die Radfahrer waren ihm an sich verhaßt, und mit den »Numidiern« traf er die Opposition so recht ins Herz, ohne daß man ihm dabei eine politische Absicht hätte nachweisen können. Jetzt war der Tag der Vergeltung für die zahllosen Nadelstiche gekommen, mit welchen ihm die boshafte Rotte arg und lange genug zugesetzt hatte. Den Redakteur des »Morgenblattes« hatte er nicht zu fassen vermocht; aber der Präsident des Radfahrklubs, der sollte ihn kennen lernen.
Der Arzt, der sofort nach dem unglücklichen Debut Fridolins geholt worden war, hatte über die Verletzung der Rippe noch kein abschließendes Urteil fällen können. Besenbeck erklärte, daß er an der kritischen Stelle geschwollen sei, während der Arzt eher der Meinung zuneigte, daß man dort nur die natürliche Rundung und Wölbung der edlen Körperformen Sr. Exzellenz zu konstatieren hätte. Es täte ihm weh, meinte Besenbeck, wenn er sich auf die rechte Seite legte. Der Arzt riet nach längerem Nachdenken, er möchte sich nicht auf die rechte Seite legen, dann empfahl er kalte Umschläge und schließlich sich selbst.
Arnold fand den hohen Patienten in sehr schlechter Laune und gar nicht zu einer milderen Auffassung des Falles geneigt.
Unter so bewandten Umständen hielt es Arnold doch für rätlich, die Vertretung des Ministerpräsidenten noch nicht zurückzugeben.
»Wir müssen uns auch beizeiten über die etwaigen Einwendungen des Gegners Klarheit zu verschaffen suchen«, begann Arnold, nachdem er sich umständlich wegen seines Mißgeschickes entschuldigt hatte, daß gerade der Delinquent von ihm als Arzt empfohlen worden sei.
»Es gibt keine Einwendungen«, entgegnete Se. Exzellenz ziemlich schroff. »Die Sache war so, wie ich sie geschildert habe, und dagegen gibt es keine Einwendungen.«
»Gewiß nicht, Exzellenz, aber die Gegner werden doch solche zu erheben versuchen. Sie werden beispielsweise betonen, was sie freilich nicht retten wird, daß die öffentliche Beleuchtung in der Schleiermachergasse --«
»Woher wissen Sie,« sagte der Ministerpräsident zu dem jungen Rechtsanwalt, »daß der Zusammenstoß in der Schleiermachergasse stattgefunden hat?«
»Der Fall wird bereits in der Stadt besprochen, und so sind auch mir gewisse Gerüchte zu Ohren gekommen.«
»Hm?« Se. Exzellenz ward nachdenklich. »Wird schon gesprochen davon? Das tut nichts; jedenfalls darf im Verlaufe des Prozesses die Schleiermachergasse nicht genannt werden.«
»Wie Sie befehlen, Exzellenz. Ich meinte nur, daß eine böswillige Gegnerschaft vielleicht den Anlaß benutzen dürfte, Kritik zu üben an unseren öffentlichen Zuständen. Die Straßenbeleuchtung wird als naheliegender Vorwand dienen müssen, und man wird, weil die Beleuchtung in der Schleiermachergasse --«
»Ich wiederhole, daß die Schleiermachergasse in den Verhandlungen nicht vorkommen darf«, unterbrach der Präsident seinen Rechtsbeistand noch einmal, und dieses Mal in ungeduldigem Tone. »Der Ort des Zusammenstoßes ist ganz nebensächlich; die Hauptsache ist, daß ich beleidigt und verletzt worden bin; alles andere hat aus dem Spiele zu bleiben. Ich muß Sie dringend bitten, sich lediglich an den Tatbestand und an meine Instruktion zu halten.«
»Also gut; lassen wir sie beiseite, die Schleiermachergasse.«
Als nun der Name dieser Gasse doch wieder ausgesprochen wurde, zeigte sich der Ministerpräsident sehr nervös, und ein unwilliges Zucken mit den Schultern verriet, wie unangenehm ihm die Nichtbeachtung seines Befehles sei. Arnold sah ihn befremdet an, aber dann ging ihm plötzlich mit einem Male ein ganzes Meer von Licht auf. Ach so!! Also darum!! In der Schleiermachergasse lag der heilige Hain der Quellgöttin Egeria, -- die schöne Baronin Waltersheim wohnte in der Schleiermachergasse! Arnold atmete auf; nun konnte die Sache für seinen Freund Fridolin nicht mehr schlimm werden.
»Ich habe den ganzen Schlachtplan fertig, Exzellenz!« rief er nach einigem Nachdenken zuversichtlich. »Es wird ein Sensationsprozeß von höchster politischer Bedeutung werden! Es sind schon aus geringfügigeren Anlässen große Dinge hervorgegangen. So wird auch manchem unser Fall im Anfang nicht sehr erheblich erscheinen wollen, und doch dürfte die Welt eines schönen Tages erwachen und die Tatsache vorfinden, daß wir aus diesem scheinbar geringfügigen Anlaß -- die Opposition zerschmettert haben!«
Der Ministerpräsident hörte das nicht ungern, und er nickte seinem eifrigen Anwalt ermunternd und verständnisinnig zu. Das war ja auch sein geheimer staatsmännischer Gedanke gewesen. Der Sack sollte geschlagen werden, aber nicht der Sack war es, der gemeint war.
»Exzellenz sind zu gut!« rief Arnold, immer wärmer werdend. »Nachsicht wäre hier nicht am Platze; es stehen hohe Interessen auf dem Spiele. Lassen Sie nur mich machen. Die Welt soll etwas erleben! Wir wollen doch sehen, ob Stadt und Staat einer Rotte von Übermütigen preisgegeben sein soll! Wir werden den öffentlichen Verkehr sichern und säubern und das Land von einer Landplage befreien. Der Dank der Patrioten soll der Lohn für unsere Mühe sein!«
Arnold wurde mit den nötigen Vollmachten zur Vertretung des Präsidenten in dieser Sache versehen, und als er sich darauf von ihm verabschiedete, um sofort an die Arbeit zu gehen, da blieb jener in zuversichtlicher und gehobener Stimmung zurück, die höchstens dadurch einigermaßen getrübt wurde, daß die Rippe doch nicht mehr so recht weh tun wollte.
Aber auch die Gegner waren nicht müßig geblieben. Der Ausschuß der »Numidier« hatte sich sofort, nachdem der fatale Zwischenfall bekannt geworden war, zu einer Beratung zusammengetan und eine Reihe sehr ernster Beschlüsse gefaßt. Das ausführliche Schreiben, durch welches Arnold als der Vertreter des Privatklägers von den Ergebnissen der Ausschußberatung verständigt wurde, wurde ihm von Fridolin selbst überbracht, der an den Beratungen natürlich auch teilgenommen hatte.
Mit diesem Schriftstück bewaffnet, erschien er zwei Tage nach seiner letzten Unterredung mit dem Ministerpräsidenten im Präsidialbureau. Es hatte diesen nicht länger im Bette gelitten, und in heroischem Pflichtbewußtsein hatte er, nachdem die Sache mit der Rippe sich noch immer nicht aufgeklärt hatte, erklärt, daß er nun doch wieder »regieren« gehen müsse.
»Das ist unser erster Triumph!« rief Arnold, indem er dem Präsidenten das Schriftstück vorwies. »Die Radfahrer kriechen schon zu Kreuze! Unsere Sache steht ausgezeichnet!«
Der Exzellenzherr schmunzelte vergnügt und bat Arnold, ihm das Schriftstück vorzulesen, und Arnold las:
»~Gerolsteiner Radfahrerklub ›Die Numidier‹.~
An Se. Hochwohlgeboren Herrn +Dr.+ Arnold Winter,
Rechtsvertreter Sr. Exzellenz des Herrn Tobias Besenbeck, Ministerpräsident des Großherzogtums Gerolstein
in Gerolstein.
Hochgeehrter Herr!
Mit tiefer Entrüstung und aufrichtiger Teilnahme haben wir Kenntnis erhalten von dem beklagenswerten Unfall, dessen Opfer Se. Exzellenz der Herr Ministerpräsident infolge sträflicher Fahrlässigkeit und Ungeschicklichkeit eines unserer Klubmitglieder geworden ist. Es hieße unsere hohe Mission verkennen, wenn wir hier versuchen wollten, ein strafwürdiges Mitglied in Schutz zu nehmen. Wir haben eine hehre Aufgabe zu erfüllen; diese besteht aber nicht darin, daß wir ein einzelnes Mitglied schützen, das sich gegen die Gesamtinteressen vergangen hat, sondern darin, dem Staate zu dienen, indem wir unserem Sporte dienen. Gewiß sind auch Sie, hochgeehrter Herr, nicht minder wie Ihr hoher Auftraggeber von der großen kulturellen und militärischen Bedeutung des Radfahrsportes für den Staat durchdrungen.«
»Das ist ein Unsinn!« erklärte hier Se. Exzellenz. Arnold aber las weiter:
»Ihnen brauchen wir also all das nicht zu erläutern, und wir begnügen uns daher mit der Erklärung, daß wir das schuldige Mitglied ~preisgeben~, und daß wir uns, soweit es nur gesetzlich zulässig ist, dem ~Strafverfahren anschließen~!«
»Sie sehen, Exzellenz,« unterbrach hier Arnold die Lektüre, »schon haben wir die Herren von der Opposition zu uns herübergezogen!«
»Das ist in der Tat gar nicht so übel«, meinte Besenbeck, wohlgefällig lächelnd; »doch lesen Sie weiter!« Und Arnold las:
»Es ist der dringende Wunsch des ergebenst unterzeichneten Ausschusses, daß der schuldige Radfahrer bestraft, möglichst strenge bestraft werde, und auch wir wollen unserseits alles tun, was zur Klarstellung des Sachverhaltes dienen kann. Nichts soll in diesem Falle den Lauf der Gerechtigkeit hemmen. Wir wollen beweisen, daß, wenn ~ein~ Radfahrer schuldig ist, es doch nicht ~alle~ sind; wir wollen zeigen, daß wir mit einem wirklich Schuldigen nicht gemeinsame Sache machen. Mit Rücksicht auf den hier erwähnten Zweck haben wir uns zu zwei Kundgebungen entschlossen. Es soll erstens ein Aufruf an unsere Mitglieder erlassen und zweitens ein Artikel über den Vorfall in der nächsten Sonntagsnummer des ›Morgenblatt‹ veröffentlicht werden. Zur gerechten Beurteilung der ganzen Angelegenheit ist es unumgänglich nötig, daß ein Lokalaugenschein aufgenommen werde. Es wird sich dabei bis zur Evidenz herausstellen, daß es bei auch nur einiger Aufmerksamkeit dem schuldigen Radfahrer ein leichtes sein mußte, der Persönlichkeit Sr. Exzellenz auszuweichen, beziehungsweise sie zu umfahren; es wird sich herausstellen, daß auch für eine solche Kurve die Straße noch breit genug ist. Es muß also eine Gerichtskommission in die ~Schleiermachergasse~ entsendet werden, damit sie den Schauplatz der Tat studiere. Das Unglück geschah vor dem Hause Nr. 12 in der ~Schleiermachergasse~.«
»Das ist eine freche Lüge!« rief der Präsident wütend. -- In dem Hause Nr. 12 wohnte nämlich die schöne Baronin Waltersheim. -- Der junge Rechtsanwalt aber verlas das Schriftstück weiter:
»Der Lokalaugenschein muß ferner, um allen Parteien gerecht zu werden, des Abends in der Dunkelheit vorgenommen werden, und unser Aufruf an die Mitglieder bezweckt nichts anderes, als sie aufzufordern, sich der Gerichtskommission zur Verfügung zu stellen. Sie sollen vollzählig zur festgesetzten Stunde am Schauplatz der Tat erscheinen, und zwar, um die Arbeit der Kommission nach jeder Richtung zu erleichtern, mit Fackeln. --«
»Die Schufte werden doch keinen Fackelzug vor dem Hause Nr. 12 veranstalten wollen?« rief der Präsident förmlich atemlos in seinem Ingrimm. -- Arnold las weiter:
»Wir können versprechen, daß der Aufruf an unsere Mitglieder recht warm gehalten werden soll, und daß eine recht zahlreiche Beteiligung zu erhoffen sein wird. Der Aufruf wird mit dem Appell schließen: Auf, Sportgenossen, es gilt die gemeinsame große Sache! Auf, alle pünktlich in die ~Schleiermachergasse~! Sammelpunkt vor dem Hause Nr. 12.«
Se. Exzellenz schnappte erneut nach Luft.
»Dabei soll es aber nicht sein Bewenden haben. Am nächsten Sonntag soll auch ein Artikel erscheinen, der insbesondere unsere jüngeren Fahrer belehren soll. Der Artikel wird den Fall, wie sich's gebührt, kraß, aber natürlich wahrheitsgetreu schildern. Er wird den Titel führen: ›~Die Katastrophe in der Schleiermachergasse~‹ -- denn eine Katastrophe bedeutet der Fall für unseren Sport. Die Radfahrer müssen eindringlich gemahnt werden, in den Straßen der Stadt mit Vorsicht und Besonnenheit zu fahren; es soll ihnen gesagt werden, daß jeder Staatsbürger das verfassungsmäßig gewährleistete Recht habe, nicht umgerannt zu werden, und daß der Bauch eines Ministerpräsidenten nicht vogelfrei sein darf. Es muß ihnen gesagt werden, daß sie unseren Sport schädigen, wenn sie unseren Ministerpräsidenten beschädigen. Wie Harun-al-Raschid in den Straßen Bagdads, wie Numa Pompilius durch die Straßen Roms, wenn er heimlich seine Egeria aufsuchte, so wandelte er still und unerkannt durch die Schleiermachergasse, das Wohl des Staates erwägend -- und dabei sollte er seines Lebens nicht sicher sein? Das wäre ein ganz unhaltbarer Zustand, und das muß unseren Radfahrern gesagt werden. Sie sehen, hochgeehrter Herr, wir sind ganz auf Ihrer Seite und bereit, alles zu tun, um Sie in Ihren Bemühungen, den Schuldigen der verdienten Strafe zuzuführen, nach jeder Richtung hin zu unterstützen. Wir sind weit entfernt davon, etwas vertuschen zu wollen, und werden Ihnen immer gerne behilflich sein, die Sache nicht einschlafen zu lassen.
Mit sportlichem All Heil!
+Dr.+ A. ~Wohlrab~, Präsident. +Dr.+ Fr. ~Bruckner~, dzt. Schriftführer.«
»Was?« rief der Präsident, als Arnold zu Ende gelesen hatte, »der Schriftführer heißt +Dr.+ Bruckner?! Ist das am Ende gar derselbe, der --«
»Es scheint.«
»Das ist stark!«
»Es ist jedenfalls ein Zeichen von hoher Objektivität, wenn er selbst den Stab über sich bricht.«
Der Präsident sah sich Arnold etwas genauer an. Ob der junge Mann wohl etwas gemerkt hat? Arnold bestand die Prüfung zur Zufriedenheit des Präsidenten, der nun überzeugt war, daß er nichts gemerkt hätte. Das nahm ihn für den jungen Rechtsanwalt ein.
Der Ministerpräsident nahm eine Miene der Überlegenheit an, als ihn Arnold zu dem bisher schon erreichten prozessualen Erfolge beglückwünschte, und sagte dann, zwar noch immer ernst, aber doch sehr leutselig:
»Leider habe ich jetzt doch nicht die Muße, den Prozeß weiter zu verfolgen. Es zeigen sich ernste Verwickelungen in unserer auswärtigen Politik, und da habe ich nicht die Zeit, meinen Privatpassionen nachzugehen.«
Arnold tat sehr betrübt, als der weitblickende Staatsmann das Schriftstück der »Numidier« in den Papierkorb warf und ihn beauftragte »abzurüsten«, da es nicht zum Kriege kommen solle, -- die Sache sei es ja doch nicht wert. Wenn man den Kasus genau betrachte, müsse man ihn für einen geringfügigen halten. Arnold stimmte auch dem mit Wärme bei; er hätte das gleich und immer gesagt. Merkwürdig! Exzellenz konnte sich daran doch gar nicht erinnern!
Arnold wurde aber von seinem hohen Auftraggeber mit noch einer weiteren, mehr diplomatischen Mission betraut. Er sollte auch bei der gegnerischen Seite abwiegeln. Das müßte natürlich klug angestellt werden. Es sollte so herauskommen, als ob er, der Ministerpräsident, die kleine Torheit gnädigst verzeihen wolle, und daß er es für wünschenswert halte, daß von dem Vorfalle nichts in die Öffentlichkeit dringe; das sei schon notwendig mit Rücksicht auf seine Autorität. Arnold könne auch versprechen, daß, falls diese Wünsche die entsprechende Beachtung fänden, der Radfahrsport, dem tatsächlich eine hohe Bedeutung nicht abzusprechen sei, von Seite der Obrigkeit stets eine nachdrückliche Förderung erfahren solle.
»Sehen Sie, mein junger Freund,« schloß der Präsident, »so macht man Politik! So gewinne ich die Opposition viel sicherer, als durch Zank und Streit. Es ist besser, die erregten Gemüter zu beruhigen, als die Leidenschaften zu entfesseln.«
Arnold ging, um seine Mission zu erfüllen, während der zurückbleibende und nun von jedem Zwange befreite Präsident in seinem tiefen Ingrimm nur bei dem Gedanken einige Beruhigung fand, daß es auf jene gottvergessene Rotte Korah einmal doch noch Pech und Schwefel regnen müsse.
Das Resultat seiner Bemühungen, das Arnold am nächsten Tage Sr. Exzellenz zu berichten hatte, war kein durchaus befriedigendes. Die »Numidier« als solche waren zwar gewonnen, der Ausschuß ebenfalls, nicht minder der Klubpräsident und Redakteur des »Morgenblattes«, aber der eigentliche Schuldige selbst, der war durchaus nicht zur Vernunft zu bringen.
»Ja, was will denn der Mensch?« fragte Besenbeck erstaunt.
»Exzellenz, er behauptet, ein ›Schafskopf‹ genannt worden zu sein!«
»So, so; behauptet er das? Dann wird es wohl auch richtig sein.«
»Und den möchte er nicht auf sich sitzen lassen.«
»Dann werden wir den ›Schafskopf‹ zurücknehmen.«
»Damit will er sich nicht mehr begnügen.«
»Was meint der Narr noch? Soll ich mich mit ihm schlagen?«
»Das würde er für ungesetzlich halten.«
»Ja, was in aller Welt will er sonst?«
»Er will seinen Prozeß.«
»Was?« schrie nun Se. Exzellenz wütend. »Seinen Prozeß mit Fackelzug und berittenen Bannerträgern vielleicht?!«
»Er ist so furchtbar starrköpfig,« klagte Arnold, »und wir haben kein Mittel, ihn von der Klage abzuhalten.«
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich jetzt zu solchen Dummheiten keine Zeit habe. Die Sache muß hintertrieben werden um jeden Preis, hören Sie -- um jeden Preis?!«
»Exzellenz, einen Ausweg hat er mir allerdings angedeutet, aber ich wage nicht --«
»Nur heraus damit; die Sache muß hintertrieben werden!«
»Exzellenz, es ist so seltsam, was er verlangt, daß ich wirklich kaum den Mut finde, sein Ansinnen hier zu wiederholen. Er meint, die Beleidigung, die ihm hier widerfahren sei, könne ein Ehrenmann sich höchstens von einem ihm sehr nahestehenden Manne, so gewissermaßen nur von einem Familienmitgliede gefallen lassen.«
»Ich kann doch ihm zuliebe jetzt keine Verwandtschaft zwischen ihm und mir herzaubern!«
»Derselben Ansicht war auch ich, Exzellenz, er aber meinte, daß dies doch möglich wäre.«
»Das ist ja ein kompletter Narr!«
»Gar so unmöglich ist die Sache auch wirklich nicht, das heißt -- sofern Exzellenz nur zuzustimmen geneigt sein sollten. -- +Dr.+ Bruckner liebt nämlich das gnädige Fräulein, Ihre Nichte, und wird von ihr wiedergeliebt.«
Der Herr Ministerpräsident schnappte nach Luft und blies sie dann wieder von sich wie ein Blasebalg. Die mächtige Präsidentenglocke wurde in Schwung gesetzt und dem sofort eintretenden Lakai bedeutet, daß Fräulein Käthe sofort in der Präsidialkanzlei zu erscheinen habe. Käthe kam auch hereingewirbelt wie ein Frühlingssonnenstrahl.
»Sage mal, Käthe,« begann der gestrenge Leiter der politischen Geschicke des Großherzogtums Gerolstein, »was würdest du sagen, wenn wir dich aus Gründen der Staatsräson verheiraten wollten?«
»Aus Gründen der Staatsräson heiratet man gewöhnlich einen Prinzen«, erwiderte Käthe.
»Ja, einen Prinzen! Den würdest du allerdings nehmen!«
»Den würde ich allerdings nicht nehmen!«
»Nicht?! Warum nicht?«
»Weil ich keinen Prinzen will.«
»So -- das ist ein Grund; dagegen läßt sich nichts sagen. Wenn es nun aber kein Prinz wäre -- aber lassen wir das vorläufig. Sage mal, Käthe, -- wir wollen jetzt von etwas anderem sprechen, -- kennst du einen Herrn +Dr.+ Friedrich Bruckner?«
Käthe wurde feuerrot im Gesicht, aber sie nickte tapfer ein Ja!
»So! Davon weiß ich ja gar nichts! Woher denn? Wenn ich fragen darf?«
»Ach, Onkel, das erzähle ich dir ein anderes Mal. Wenn aber die Staatsräson da verlangen sollte --«
Käthe vollendete den Satz nicht. Sie sah, wie ihr der Onkel und Vormund aufmunternd zulächelte, und sie warf sich ihm in stürmischer Freude an die Brust.
»O, du süßer, du lieber, du guter, guter Onkel!« rief sie, indem sie ihn küßte.
Der Präsident war ganz gerührt und rief dann wohlwollend zu Arnold hinüber, der sich diskret in eine Fensternische zurückgezogen hatte:
»Sehen Sie, mein junger Freund, so arrangiert man schwierige Dinge, und so löst man bedenkliche Konflikte. Benachrichtigen Sie den jugendlichen Starrkopf, und sagen Sie ihm, ich hoffte, daß wir noch gute Freunde werden würden!«
Eine Entlarvung.
Erich Rodebach, der deutsche Stahlmagnat, auf dessen Wink zehntausend Arbeiter und Beamte einzuschwenken hatten wie die bestgedrillten pommerschen Füsiliere, war aus dem Wuppertale, in dem sich sein industrielles Königreich ausbreitete, in einem Zug nach Nizza gefahren, um doch selber nach dem Rechten zu sehen. Frau und Tochter -- seine einzige Tochter -- hatten einige Wochen vorher eine Vergnügungsreise angetreten und weilten nun an der Riviera. Ihre Briefe aus Nizza waren einigermaßen beunruhigend gewesen. Da ward viel phantasiert von einem entzückenden exotischen Prinzen, den sich Alma, sein Herzenskind, im Fluge erobert hätte. Alma erwiderte seine Liebe, und ein stilles Verhältnis besiegelte vorläufig den schönen Bund. Ein stilles natürlich, denn offiziell sollte die Sache erst werden, wenn Papa erst selbst gesehen und seinen Segen dazu gegeben haben würde.
Rodebach hatte einen instinktiven heillosen Respekt vor entzückenden exotischen Prinzen, die in Nizza in so naher Nachbarschaft von Monte Carlo auftauchen. Er machte sich also schleunig auf und kam und sah und forschte und ließ forschen, und er fand seine schlimmsten Befürchtungen nicht nur bestätigt, sondern durch die Tatsachen noch weitaus überboten. Das Frauenzimmervolk ist doch von einer unglaublichen Naivität! Er hatte in wenigen Tagen die Wahrheit herausgebracht, und nun war er daran, Schluß zu machen. Dazu fühlte er sich Mannes genug, ohne erst die Hilfe der Behörden in Anspruch zu nehmen. Er war ein weltkundiger Mann, ein Mann der Praxis. Jetzt wollte er Ordnung machen. Er fühlte sich sicher. Das Material, das er in der Hand hatte, war ein erdrückendes. Nun hatte er sich den »Prinzen« vorgeladen und nun sollte die Entlarvung und darauf prompt der Hinauswurf erfolgen.
Der Prinz, der mingrelische Prinz Bradian, wurde gemeldet, und in der nächsten Minute standen sich die beiden Männer in dem eleganten Salon des vornehmen Hotels gegenüber. Ein starker Kontrast, die beiden Erscheinungen. Rodebach wuchtig, in schier überlebensgroßen Dimensionen gestaltet, mit angegrautem, aber dichtem Haupthaar und starkem Knebelbart, buschigen Augenbrauen, wulstigem, gerötetem Gesicht; der Prinz eine zarte, zierliche Figur, jugendlich schlank, mit gescheiteltem, glänzend schwarzem Haar und kleinem Schnurrbärtchen, mit wunder hübschen schwarzen schwärmerischen, wie in schwermütiger Träumerei aufblickenden Augen, das Antlitz ein wenig bleich, etwa von der Farbe des nachgedunkelten Elfenbeins. Er verneigte sich stumm und machte nicht den Versuch, seinem Partner die Hand entgegenzustrecken. Rodebach hieß ihn mit einer Gebärde Platz zu nehmen.
»Sie können sich denken, weshalb ich Sie herbeschieden habe.«
»Ich habe allerdings so eine dunkle Ahnung, Herr Rodebach, möchte aber nicht vorgreifen. Bitte!« Und er lud mit einer Handbewegung den gebietigen Mann ein, vorzubringen, was er auf dem Herzen habe.
»Gut. Wie Sie wünschen. Sie wissen, daß ich Sie vom Fleck weg verhaften lassen kann.«
»Das können Sie nicht, Herr Rodebach. Aber Sie gestatten ja, daß ich mir eine Zigarette anzünde. Das Gespräch scheint interessant werden zu wollen, und unter Männern spricht es sich angenehmer, wenn man dabei raucht. Vielleicht angenehm? Nicht? Schade!«
Und damit steckte er die goldene Zigarettendose wieder ein, die er dargeboten hatte, und versorgte sich aus einem gleichfalls goldenen Zündhölzchenbehälter mit Feuer.
»Ich wiederhole, daß ich Sie sofort verhaften lassen kann.«
»Ich wiederhole, daß Sie das nicht können, mit dem besten Willen nicht. Sie sind da vollständig im Irrtum, Herr Rodebach; ich weiß das besser!«
»Sie sind nicht das, wofür Sie sich ausgeben.«
»Ich könnte zwar durch meine Papiere, die vollständig in Ordnung sind, beweisen, daß ich wirklich Prinz Bradian von Mingrelien bin, aber ich lege auf solche Kleinigkeiten kein Gewicht. Ich gebe Ihnen ohne weiters zu, daß ich kein angeborenes Recht habe, als Prinz aufzutreten. Man hat manchmal so seine kleinen Launen!«
»Herr, Sie sind ein Unverschämter! Ich werde Sie aber zwingen, von Ihrem hohen Roß herabzusteigen.«
»Ganz wie ich vermutet; die Sache verspricht interessant zu werden.«
»Ihr wahrer Name ist Moriz Hofmann; geboren und zuständig zu Nikolsburg in Mähren.«
»Vollkommen richtig. Ich bin stolz darauf und denke nicht daran, es in Abrede zu stellen.«
»Sie sind vierzig Jahre alt und nicht, wie Sie sich ausgegeben haben, achtundzwanzig.«
»Ich betrachte es als einen hübschen persönlichen Erfolg, daß man mir die achtundzwanzig geglaubt hat.«
»Sie sind ein berüchtigter Verbrecher. Von den vierzig Jahren haben Sie zwölf in den Zuchthäusern verschiedener Herren Länder verbracht!«
»Sie sehen, wie die Rechnung stimmt. Diese zwölf Jahre habe ich aus meinem Leben gestrichen, -- bleiben genau achtundzwanzig. Ich war berechtigt dazu. Denn -- sagen Sie selbst, Herr Rodebach -- so ein Leben in den Gefängnissen -- ist denn das wirklich ein Leben?!«
»Ich bin also hinreichend berechtigt, Sie nun mit Fußtritten aus meinem Zimmer zu jagen!«
»Nicht so, Herr Rodebach! Mir wäre das ja ein ganz erwünschter Vorgang, und ich habe ihn auch schon in ernste Erwägung gezogen. Wenn Sie also durchaus wollen -- bitte, bedienen Sie sich. Ich möchte Ihnen abraten, obschon ich keinen Versuch der Gegenwehr machen würde. Das wäre nicht nur unnütz, es wäre auch unklug. Warum soll ich nicht einmal die Treppe hinunterstiegen? Wenn ich Glück habe, setzt es dabei eine bessere Verwundung ab. Für einen Nervenschock garantiere ich, -- und Nervenschocks sind nicht billig!«
»Ich muß sagen, einer solchen Frechheit gegenüber bleibt mir der Verstand stehen!«
»Und ich, Herr Rodebach, muß wiederholt andeuten, daß Sie den Ton, auf den Sie unsere Unterhaltung zu stimmen versuchen, recht unglücklich gewählt haben. Ich fühle mich -- Sie wissen sehr wohl, aus welchen zarten Rücksichten --«
»Ich verbiete Ihnen, auch nur ein Wort ~davon~ zu sprechen.«
»-- verpflichtet, Ihre Interessen zu wahren. Sie reiten sich ja immer tiefer hinein und liefern sich mir förmlich in die Hände. Alles, was Sie sinnen und reden, drängt in schnurgerader Linie zu einem großen, europäischen Skandal, den zu vermeiden Sie dringendere Gründe haben als ich. Nichts kann klarer sein. Auf der einen Seite meine Ehre, -- ich beschönige nichts -- die Ehre eines Hochstaplers, auf der andern der Name Ihres Hauses -- reden wir nicht weiter! Die Partie steht zu ungleich zu Ihren Ungunsten.«
»Darin haben Sie allerdings recht!«
»Wie ich denn überhaupt Wert darauf lege, immer korrekt zu denken und korrekt zu handeln.«
»Der edle Stolz eines Gauners!«
»Herr Rodebach, ich kann Ihnen den sanften Vorwurf nicht ersparen, daß Ihr Diapason noch immer falsch gestimmt ist. Es ist ausschließlich ~Ihr~ Interesse, mich nicht zu verstimmen. Je höher ich als Ehrenmann vor Ihren Augen und jenen der Welt dastehe, desto besser für Sie. Rekapitulieren wir einmal, um zu sehen, wie sich die Dinge ausnehmen würden, wenn alles nach Ihrem Kopfe ginge. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis zünde ich mir dazu eine frische Zigarette an. Sie wissen ja, es spricht sich besser, wenn --«
»Also gut; dann rauche ich auch eine Zigarre. Das Vergnügen, einen philosophischen Betrüger anzuhören, ist ein seltsames und will mit Muße genossen sein.«
»Die starken Ausdrücke tun mir weh, Herr Rodebach, weil Sie Ihre Position verschlechtern. Also fassen wir zusammen: Erst wollten Sie mich nur gleich ins Loch stecken lassen, weil ich mir den Titel eines Prinzen beigelegt habe. Das geht nicht. In Deutschland oder in Österreich hätte ich wegen Falschmeldung eine kleine Geldstrafe, immer noch keine Verhaftung, zu gewärtigen. Auf französischem Boden kümmern sich die Gerichte um solche Albernheiten nicht. Da kann sich einer auch einen Herzogstitel anmaßen und es kräht kein gallischer Hahn danach. Während Sie aber bei diesem Versuche nur durchgefallen wären, würden Sie mit Ihren andern Intentionen einfach reinfallen. Sie haben sich damit ganz in meine Hand gegeben. Unbesorgt -- ich werde keinen unedlen Gebrauch von Ihren Unvorsichtigkeiten machen! Sie wollen mich zwingen, vom hohen Roß herabzusteigen. Was heißt das? Sie werden mich entlarven. Aber ich bitte -- entlarven Sie! Wer hindert Sie? So schreien Sie es doch hinaus in die Welt: Dieser Mann ist kein Prinz; er ist der größte Hochstapler Mitteleuropas, und dieser Mann hat sich mit meiner Tochter verlobt!«
»Das ist erlogen!«
»Pardon! In meinem Geschäfte habe ich immer auf Korrektheit gehalten. Ich behaupte nichts, was ich nicht beweisen kann. Ich bin in der angenehmen Lage, einem hohen Gerichtshofe eine ganze Anzahl von schriftlichen Beweisen vorzulegen. -- Hat sich mit meiner Tochter verlobt, hat sie geküßt --«
»Bube, ich schlage dich ins Gesicht!«
»Das würde nichts beweisen und wieder nur Ihre Lage verschlechtern. Ich dagegen würde auch das beweisen, und zwar durch zeugeneidliche Vernehmung der beiden Damen, Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin und meiner nicht minder hochverehrten Braut.«
Wie von der Natter gestochen sprang Rodebach auf, als dieses letzte Wort an sein Ohr schlug. Sein ungleicher Partner mahnte aber zur Besonnenheit.
»Bleiben Sie ruhig sitzen, Herr Rodebach. Diese Erregungen erschweren nur unsere Auseinandersetzung. Ich wollte nur dartun, daß Ihre Position als Angreifer eine unhaltbare ist. Weiters aber will ich Ihnen beweisen, daß Sie selbst ~mir~ die Mittel an die Hand gegeben haben, zum Angriff überzugehen. Sie haben sich zu Ehrenbeleidigungen hinreißen lassen, und nichts hindert mich nun, meinerseits mit einer gerichtlichen Klage vorzugehen. Ich gebe mich keiner Illusion hin. Ich würde mit der Klage nicht durchdringen. Es fehlt uns das Moment der Öffentlichkeit, das zu einer regelrechten Ehrenbeleidigung erforderlich ist. Sie würden freigesprochen werden, aber mir ist es gar nicht um Ihre Verurteilung zu tun. Dazu habe ich ein zu gutes Herz. Mir würde es vollständig genügen, unsere Angelegenheit vor der Öffentlichkeit verhandeln zu lassen.«
»Auf alle Gefahr hin -- Hofmann, Sie sind wirklich ein ausgemachter Schurke!«
»Halten wir uns nicht mit leeren Redensarten auf. Ich habe noch andere Pfeile im Köcher. Wenn ich mit der Ehrenbeleidigung durchfiele, so würde ich mit der ›gefährlichen Drohung‹ mehr Glück haben. Sie erinnern sich der mir in Aussicht gestellten Gewalttätigkeiten. Ganz sicher aber hätte ich Erfolg mit dem ›Vorwerfen der ausgestandenen Strafe‹. Da würden Sie heilig eingehen.«
»Ich würde es darauf ankommen lassen.«
»Das glaube ich. Nicht aber auf die öffentliche Erörterung der Umstände! Sie können beruhigt sein. Ich denke nicht daran, gegen Sie irgendwie feindlich vorzugehen. Dazu schätze ich Sie und Ihre verehrten Angehörigen viel zu hoch.«
»Wir fühlen uns außerordentlich geschmeichelt!«
»Diese Ironie soll der Ausdruck einer Verachtung sein, die mir nicht ganz gerechtfertigt erscheint. Schließlich -- ich habe das Herz Ihrer Tochter gewonnen!«
»Reden Sie nichts davon!«
»Ich bitte um Verzeihung, ich muß davon reden, weil es schließlich klar werden muß zwischen uns. Sie hat mich liebgewonnen, und sie ist eine Heilige. Sie hat mich liebgewonnen -- ich stelle es unter Beweis! --, und das muß doch einen Grund haben. So ganz verwerflich kann ich nicht sein. Ich habe keine Zauberkünste aufgewendet. Es war die einfachste Sache von der Welt. Wir haben uns kennen und lieben gelernt. Mit meinem Reichtum habe ich nicht geprunkt, und mein erborgter Titel kann sie nicht geblendet haben. Sie verkehrt nur in aristokratischen Kreisen und ist darüber hinaus, daß sie sich durch Titel blenden ließe. Sie werden ihr zehn, zwanzig, vielleicht fünfzig Millionen mitgeben -- was weiß ich! Ich war nie so gemein, danach zu forschen, -- da kann sie, wenn sie will, sich jeden Titel kaufen. Da Sie nun ein Vorurteil gegen mich haben ...«
»Ein Vorurteil -- gegen einen Betrüger?!«
»Allerdings, ein Vorurteil. Gegen einen Betrüger? Ich zweifle nicht, daß in absehbarer Zeit eine vorgeschrittene und geläuterte Gesetzgebung den Betrugsparagraphen einer Revision wird unterziehen müssen. Im Kampf ums Dasein muß es Sieg und Niederlage geben. Siegen wird immer der Stärkere über den Schwächeren, der Klügere über den -- Minder klugen. Und jeder Sieg wird mehr oder minder ein Betrug sein. Es ist nicht anders im Kampf ums Dasein.«
»Wie bereits erwähnt -- ein philosophischer Gauner!«
»Ich sehe, daß Sie von Ihrem Vorurteil nicht abzubringen sind, und darum -- es mag Sie beruhigen, Herr Rodebach --, trete ich zurück und gebe meine Ansprüche auf.«
»Reden wir deutlich. Was kostet das?«
»Ach, Herr Rodebach, zu Erpressungen habe ich mich nie erniedrigt. Ferne sei es von mir --«
»Keine Redensarten! Was kostet's?«
»Ich will mein Leben ändern. Mein bisheriges Geschäft --«
»Der Hochstapelei!«
»Die Hochstapelei -- war ganz schön, aber die Betriebskosten sind zu hoch. Man behält schließlich nie etwas übrig. Ich will ins bürgerliche Leben, ich will in die Armut zurückkehren. Mit zweitausend Mark glaube ich das Auslangen finden zu können.«
»Ich denke auch, daß ein alleinstehender Mensch damit leben könnte.«
»Mit zweitausend Mark monatlich --«
»Monatlich?!«
»Mit zweitausend Mark monatlich glaube ich in der Tat bei bescheidenen Ansprüchen mein Leben fristen zu können. Es wäre Hochstapelei, Herr Rodebach, wenn ich weniger angäbe. Ich müßte dann doch wieder kommen und Ihnen Ungelegenheiten bereiten, und das möchte ich um keinen Preis.«
»Hören Sie, das ist ein bißchen unverschämt, ein bißchen sehr!«
»Ich verlange nicht das Kapital; es wäre nicht sicher in meinen Händen. Mir genügt es, wenn ich meine monatliche Rente pünktlich zugestellt erhalte.«
»Unter der Voraussetzung, daß Sie als Moriz Hofmann untertauchen, nie in meinem Hause sich blicken und von der ganzen Angelegenheit kein Wort verlautbaren lassen!«
»Das ist die selbstverständliche Bedingung. Die Rente hört auf, wenn ich diese Bedingung nicht einhalte.«
»Wünschen Sie etwas Schriftliches?«
»Nein, Herr Rodebach. Nicht etwa nur, weil mündliche Verträge dieselbe bindende Kraft haben, sondern überhaupt, weil Ihr Wort mir die beste Bürgschaft bietet, die es auf der Welt gibt.«
»Gut. Sie werden meinem Hause Ihre Adresse angeben, und die Sendungen werden regelmäßig erfolgen. Und somit wären wir fertig. Sie reisen sofort ab.«
»Sofort, Herr Rodebach, nur muß vorher noch anstandshalber eine kleine Formalität erledigt werden. Hier meine Hotelrechnung, -- ich bin momentan wirklich nicht in der Lage, sonst würde ich mir gewiß nicht erlauben --«
»Geben Sie her; ich werde das Geld sofort hinüberschicken. Donnerwetter! Dreitausendzweihundert Francs -- Sie haben nicht schlecht gelebt, Hofmann!«
»Ich habe nie schlecht gelebt, Herr Rodebach, außer wenn ich -- auf Ferien war.«
»Gut, soll auch gemacht werden. Adieu!«
Eine Verbeugung -- und von diesem Augenblick an gab es einen Prinzen weniger auf der Welt.
* * * * *
Hinterher fiel Herrn Rodebach etwas ein -- +esprit d'escalier+! Er hatte sich den Kriminaldetektiv Schulze IV aus Berlin verschrieben gehabt, der die Tatsachen feststellte und Photographie und Fingerabdrücke als Überführungsmaterial beschaffte. Nun erst -- zu spät -- erinnerte sich Rodebach an Dagobert. Wenn er dem die Sache übertragen hätte -- er wäre sicher besser weggekommen. Was tut's? Er war's auch so zufrieden.
Wolfgang Lenburg,
»Straße 27«.
Aus »Oberlehrer Müller«.
Mit Genehmigung der Verleger ~Gebrüder Paetel~ in ~Berlin~ aus ~W. Lenburg~ »~Oberlehrer Müller~«. Gbd. M. 3.--
»Straße 27«.
Wenn mich meine Bekannten jetzt fragen, wohin ich denn eigentlich seit dem ersten April gezogen sei, so beschleicht mich immer ein Gefühl der Beschämung.
Früher habe ich auf die Frage nach meiner Wohnung stets frohgemut sagen können: Potsdamer Straße 73. Die »vier Treppen« schenkte ich mir, denn wer mich alsdann besuchen wollte, fand mich ja doch schon mit Hilfe des stummen Portiers. Nur bei solchen Menschen, deren Gehen mir lieber war als ihr Kommen, fügte ich mit hohler Stimme unheilverkündend noch hinzu: »Eigentlich sind es fünf, denn das Hochparterre ist so gut wie erster Stock.«
Wer Berlin +W+, Potsdamer Straße wohnt, braucht sich nicht zu schämen, vorausgesetzt, daß er sonst keinen Grund dazu hat. Aber die Bezeichnung meines neuen Domizils, »Straße 27«, klingt denn doch gar zu sehr nach unbezahlten Baumaterialien, Trockenwohnern auf Halbmiete, Rückkompanie und Kulturmangel.
»Straße 27!«
Man sieht förmlich dabei im Geiste auf käfigartigen Balkons zum Trocknen ausgebreitete Betten, Wäschestücke und Strümpfe, und darüberlugend Leute in Hemdsärmeln und viele Kinder mit ungeputzten Nasen.
Herr Kommissionsrat Bräuer, dessen zwölfjährigem Sohne ich ein Jahr lang mit unbegrenzter Ergebnislosigkeit Nachhilfestunden im Lateinischen gegeben hatte, meinte, als ich ihm meine neue Wohnung nannte, in vorwurfsvollem Tone: »Sie hatten doch aber ein ganz gutes Einkommen und manche Nebeneinnahmen!«
Und wie hört es sich nun gar an, wenn ich der Straßenbezeichnung noch meine Hausnummer zufüge: »Straße 27-34!« Gerade als wenn man auf dem Bahnhof eine Droschke nach der Blechkontrollnummer aufruft!
Eine Tante von mir hat sich übrigens mit vieler Mühe die Nummer 2734 in der Königlich-Preußischen Klassenlotterie verschafft und ist ziemlich sicher, mit einem nicht unerheblichen Gewinn herauszukommen.
Welch törichter Aberglaube!
Das ist auch noch eine, freilich sehr, sehr schwere Kulturaufgabe der Schule, solch mittelalterlichen Köhlerglauben aus dem Herzen der Menschen zu roden.
Die meisten meiner Bekannten sagen, wenn sie hören, daß ich jetzt in der »Straße 27« wohne: »Nanu, warum denn?« oder »Achherrje, das ist wohl da hinten?« oder auch bloß: »Oh!«
Nur Maler Rönne, mein alter, unentwegt manifestierender Schulkamerad, fand in der Fülle des Beileids keine Worte, sondern drückte mir nur stumm die Hand. Sonst gestaltete sich unser zufälliges Zusammentreffen auf der Straße immer zu einer geschäftlichen Transaktion, in welcher ich den Vorzug hatte, als »Selbstdarleiher« -- Rückzahlung bis 1930 ausgeschlossen -- zu figurieren. So unangepumpt wie diesmal bin ich noch nie von Rönne losgekommen.
Jetzt habe ich mir schon angewöhnt, immer zu sagen: »Straße 27, -- aber es ist gar nicht so schlimm!«
Und wirklich, so schlimm ist's auch gar nicht. Straße 27 liegt auch nicht »da hinten«, sondern in Berlin +W+. Ja, ~wirklich~, in Berlin +W+, und dicht am Kurfürstendamm.
Auch muß ich gestehen, daß die Häuser in Straße 27 mit ihren niedlichen Erkern, verschiedenartig gestalteten Balkons und den lichtfrohen Hausfluren einen gewissen Individualismus haben und recht anheimelnd aussehen. Und mit einem Anflug von Stolz sehe ich noch einmal die Straße 27 hinab, ehe ich meinem Hause zuschreite.
»Holla, siebenundzwanzig -- vierunddreißig,« ruft mich da plötzlich der Vorsitzende unseres Literarischen Zentralvereins an, »wie geht's, wie steht's?«
Im ersten Augenblick bin ich über das unerwartete Zusammentreffen mit meinem Vereinspräsidenten, dem Amtsrichter +Dr.+ Scherbe, ebenso überrascht, wie über meine »Numerierung«. Ja, ich lasse unwillkürlich den Blick an meinem Anzug hinabgleiten, ob etwa die ominöse Zahl 27-34 mir aufgestempelt oder angeheftet sein könne.
+Dr.+ Scherbe bemerkt dies wohl und sagt, indem er mir lachend die Hand schüttelt: »Nichts für ungut, daß ich Sie mit Ihrem neuen Vereins-Spitznamen anrede. Jeder bei uns hat ja seinen, wie Sie wissen, nur Sie sind bisher immer noch ohne solchen davongekommen. Denn, wahrhaftig, bei Ihnen ist immer alles bisher so unauffällig, so wohlgeordnet und so regulär gewesen, daß man für Sie gar keine recht passende Bezeichnung hat finden können, wohlverstanden: ~bisher~. ~Jetzt~ aber verdanken Sie Ihren Spitznamen Ihrer werten Straße.«
»Hol' der Teufel die Straße,« sagte ich unwillig, »und den neuen Spitznamen dazu! Ich hasse solche ›+nick-names+‹.«
»Na, Verehrtester,« erwiderte +Dr.+ Scherbe mit beschwichtigender Handbewegung, »seien Sie darüber nur nicht so ungehalten. Wem anders denn als Ihnen habe ich, der Amtsrichter Scherbe, den Beinamen ›Scherbengericht‹ zu danken? -- Übrigens hat solch eine Zahl 27-34 doch als Spitzname unleugbare Mängel,« fuhr der Amtsrichter nachdenklich und dozierend fort, »denn die meisten nannten Sie bald unter falscher Nummer.«
»So«, sagte ich mit recht gemischten Gefühlen.
»Ja,« meinte Scherbe, »und solch einem unhaltbaren Zustande mußte ein Ende gemacht werden. Ich selbst habe im geselligen Teil unserer letzten Vereinssitzung die Einziehung Ihres eben erst aufgefundenen Beinamens beantragt und durchgesetzt.«
»Ich danke Ihnen,« erwiderte ich mit Wärme, »mir wär's wirklich recht fatal gewesen, und der Witz ist doch recht mäßig.«
»Fand ich auch«, sagte Amtsrichter Scherbe zustimmend. »Dafür ist aber ein anderer, ~ganz~ neuer Beiname für Sie gewählt worden, und zwar«, fügte er mit stolzem Bewußtsein hinzu, »von ~mir~.«
Meine eben noch aufkeimende Dankbarkeit fing plötzlich an, sich in finsteren Haß zu verwandeln.
»Und wissen Sie, alter Freund,« fuhr der Amtsrichter mit großem Selbstgefühl fort, »wissen Sie, wie ich dazu gekommen bin? Durch eine merkwürdige, aber naheliegende Ideenassoziation. Nämlich, wenn ich Ihre Zahl aussprach, mußte ich immer an Droschken denken, an Droschken, die von den sogenannten Weißlackierten gelenkt werden. Ja, und da schlug ich für Sie den Namen ›~Der Taxameter~‹ vor.«
»Und was sagten die Herren Vereinsgenossen dazu?« fragte ich mit unverhohlenem Mißbehagen.
»Ach,« sagte der Amtsrichter, vor Vergnügen sich förmlich schüttelnd, »die Kerls haben ja ~so~ gelacht!« -- -- --
Straße 27 erhält endlich einen Namen.
Die Debatte über die Straßenbenennung hatte sich an jenem Abend noch bis nach Mitternacht hingezogen. Mein Kollege Schubert war auch bald nach mir aus der Versammlung fortgegangen, und der vorsitzende Major hatte, wie ich vom Schuhmacher Hegel bei der Ablieferung meiner neuen, doppelsohligen Schaftstiefel erfuhr, wegen Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Geschäftsordnung in galliger Stimmung das Präsidium niedergelegt und mit Protest das Lokal verlassen.
Infolge der vorgerückten Stunde hatten nur noch Schuhmacher Hegel, Kolonialwarenhändler Grabow, zwei Zigarrenhändler, ein Friseur, vier von den fünf Fahrradhändlern der Straße und ein alter Kanzleisekretär a. D. an der weiteren Sitzung teilgenommen.
Hegel leitete nun die Verhandlung und sprach zunächst sein Bedauern aus, daß einige Herren so geringes Interesse der Sache entgegenbrächten und vor der endgültigen Abstimmung schon aufgebrochen wären. Ebenso bedauerlich sei es, daß der Herr Major und seine Partei wegen einer an sich geringfügigen Differenz die Versammlung verlassen hätten. Man solle doch nachgiebig und duldsam sein. Er selbst z. B. ziehe seinen Vorschlag, die Straße »Hans-Sachs-Straße« zu benennen, gern zurück. Er sehe ein, daß ein Straßenname hauptsächlich kurz und prägnant sein müsse. »Sachsstraße« allein täte dem Namen des großen Poeten und Schusters nicht die schuldige Ehre an, »~Hans~-Sachs-Straße« aber wäre eben zu lang. Er sei ja auch eventuell erbötig, dem Herrn Major zuliebe, der ein guter Kunde von ihm sei, und nach dessen Leisten er nun schon seit zehn Jahren die Ehre habe zu arbeiten, die Straße Trainstraße taufen zu lassen, obwohl er selber bei den Schwedter Dragonern gestanden hätte, und schon aus dem Grunde eben die Bezeichnung Trainstraße unzutreffend wäre. Jedenfalls aber müsse dem bisherigen unhaltbaren Zustande ein Ende gemacht und noch heute die Petition an den Magistrat mit einem bestimmten Vorschlage abgesandt werden.
Der Kanzleisekretär meinte, daß er Artillerist gewesen wäre und gegen eine Bezeichnung wie Kanonierstraße oder Artilleriestraße nichts gehabt hätte. Aber die gäbe es ja schon. Für »Train«straße könne er nicht stimmen. Man könne ja aber, schon um zu zeigen, daß man auch die Wünsche der Abwesenden nach Möglichkeit berücksichtigen wolle, den Vorschlag der beiden bebrillten Herren wieder aufnehmen und zum Beschluß erheben, daß die Straße »Marlostraße« genannt werden solle. Er selber müsse offen bekennen, daß er von der Mar~litt~ wohl schon, aber noch nie von der Existenz eines Marlo oder so ähnlich etwas gehört hätte. Der Name an sich wäre ihm aber nicht unsympathisch.
Darauf erhob sich wieder Schuster Hegel und erklärte, man könne ja »einen Komponist schließen« und die Straße »~Marlitt~straße« nennen. Wenn Oberlehrer Müller erwähnt hätte, daß Marlo ein Schustersohn gewesen wäre, so könne er allerdings nicht sagen, ob die ~Marlitt~ eine Schuster~tochter~ war, so sympathisch ihm speziell dies sein und für Zurücknahme seines eigenen auf »Hans-Sachs-Straße« lautenden Vorschlags Ersatz bieten würde.
Und in wohl schon recht bierseliger Stimmung fügte der Meister, dem gar manchmal ein arger Schalk im Nacken saß, hinzu, daß die Herren Lehrer vielleicht auch die Namen, die Geschlechter und die Nebenumstände nur verwechselt hätten, und ~der Marlo~ und ~die Marlitt~ möglicherweise ~eine~ Person wären. Solche Zerstreutheiten kämen gerade bei Gelehrten so häufig vor. Er selbst habe auch schon mal ein Paar Stiefel, die für den Herrn Major bestimmt waren, dem Oberlehrer Müller abgeliefert, der sie übrigens ruhig getragen hätte, obwohl er einen ganz anderen Leisten habe. Nachher könne man es gar nicht fassen, daß man wirklich so zerstreut gewesen sei. Unzweifelhaft aber habe die Marlitt, deren Werke er selbst besitze, wie man so sage, »einen guten Stiebel« geschrieben. Und was Oberlehrer Müller und der andere Lehrer gesagt hätten, daß wir ihren Schriften eine Befruchtung des deutschen Genius, einen neuen Glanz und eine neue Blüte unserer Dichtkunst zu verdanken haben, so könne er, Schuster Hegel, dies vollauf bestätigen. Er erinnere nur an »das Geheimnis der alten Mamsell«.
Bei Erwähnung dieses Werkes wurde auch der Kanzleisekretär warm. Ja, es stellte sich die für die Marlitt sehr schmeichelhafte, für Marlowe aber tiefbeschämende Tatsache heraus, daß fast alle übrigen Anwesenden irgend etwas von der ersteren schon gelesen, von Marlowes literarischer Betätigung aber noch nie etwas vernommen hatten.
Der Friseur entpuppte sich sogar als Kenner ~sämtlicher~ Marlitt-Romane, und nur Poppelmann, der Radlerwirt, kennt weder Marlowe ~noch~ Marlitt, da er früher nie für Lektüre geschwärmt hatte und jetzt auch nur die Inserate einer Radlerzeitung liest.
So wurde denn einstimmig die Benennung »Marlittstraße« beschlossen und der hochwohllöbliche Magistrat der Haupt- und Residenzstadt Berlin durch Schuhmacher Hegel in nicht ungeübter Schrift, aber mit zum Teil schon recht fidelen Buchstaben namens der versammelten Bewohner der Straße 27 ersucht, bewußte Straße in Zukunft »~Marlittstraße~« zu benamsen, besonders »~in Hinsicht darauf, daß wir der Marlitt eine Befruchtung des deutschen Genius, einen neuen Glanz und eine neue Blüte unserer Dichtkunst zu verdanken haben~«.
Ich könnte über dies alles nicht so genau referieren, da ich ja nicht selbst Augen- und Ohrenzeuge der weiteren Verhandlungen war; aber Friedrich Hegel hat mir bei Überbringung meiner neuen Stiefel den ganzen Hergang mit peinlichster Genauigkeit erzählt.
Wie der ~eigentliche~ und endgültige Schlußakkord jenes Abends geklungen hat, kann ich freilich nur mutmaßen. Ich glaube aber, er ist nicht ganz rühmlich für Schuhmacher Hegel gewesen und soll für ihn noch ein polizeiliches Strafmandat wegen nächtlicher Ruhestörung und Widerstands gegen die Staatsgewalt im Gefolge haben.
Tatsache ist, daß am folgenden Tage die Schuhmacherwerkstatt erst am späten Nachmittag geöffnet wurde, und das Blau des Himmels sich auf intensivste Weise in dem einen Auge des Philosophen Hegel widerspiegelte. --
Mein Kollege Schubert wäre vermutlich zu jeder anderen Zeit über die Umformung seiner Absichten vom Schlage getroffen worden. Statt des alten Faustpoeten die ihm verhaßte Marlitt! Aber augenblicklich ist er in einer so rosigen Stimmung, daß er die ganze Menschheit an seine Brust drücken möchte. Es ist ihm ja ein großes Glück geworden, -- ihm ist ein Söhnlein geboren.
Einen anderen Schuster will er sich aber doch nehmen, da er es dem braven Hegel nicht verzeihen kann, wenn er durch dessen Schuld künftig in der Marlittstraße wohnen muß.
Übrigens kann er sich darüber beruhigen und ebenso die anderen Taufgevattern unserer Straße, denn keinem soll es nach Willen gehen, und das versöhnt ja untereinander. Der hochwohllöbliche Magistrat von Berlin hat aus eigener Entschließung die Straße mit einem Namen versehen, der zwar die vom Schuhmacher Hegel verlangte drakonische Kürze vermissen läßt, aber an sich auch recht hübsch wirkt.
Seit gestern prangen unsere Straßenschilder mit der Bezeichnung: ~Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha-Straße~.
Wir müssen ziehen.
Schade!
Gerade jetzt, wo die Wohnung überall so hübsch trocken geworden ist!
Na ja, man hätte sich's ja denken können, daß man gesteigert werden würde.
Aber schade ist's doch!
Wir hatten uns schon so an die Physiognomie der Straße und ihrer Bewohner gewöhnt. Nun aber, das hilft dann nichts. Zweihundert Mark mehr zahlen, -- das geht beim besten Willen nicht.
»Ei, Frauchen, du wirst doch nicht Tränen in deine lustigen blauen Augen hineinlassen! Mir wird's ja auch nicht leicht, aus diesen Räumen zu scheiden, in denen wir unser Nest gebaut und unser glückliches Eheleben begonnen haben.«
Und da liegt unser Kleinchen im Bett und schläft sanft und sicher und weiß nichts von Mietesteigern und Umzug. --
Es ist doch schön, ein Fleckchen Erde so ganz sein eigen nennen zu können, das heißt -- noch bei ~Leb~zeiten.
Ach, wir modernen Nomaden!
Und ich ziehe meine Frau zu mir heran und sehe trübe mit ihr aus dem Fenster, an dem gerade eine Schwalbe vorüberflattert, als wenn sie noch einen Scheidegruß bringen wollte, bevor sie wieder zum Süden zieht.
Wo sie ihr Nest wohl hat? -- Sicher nicht an unserem Hause!
Großstadt und Schwalbennest!
Aber bei uns, im kleinen mecklenburgischen Heimatsstädtchen, ja, ~da~ war die Schwalbe heimisch, da nistete sie an meinem grünumrankten Vaterhause.
Und ich erzähle meinem Frauchen aus meiner Kindheit, von meinem Vater, der als Bürgermeisterlein mit seiner zahlreichen Familie friedlich, wenn auch in wohlbegründeter Einfachheit lebte. Ja, ~der~ hatte ein Heim, wie ich es mir ersehnte, eine Scholle, die ihm zu eigen gehörte!
Und ich höre wieder das Windessäuseln in den beiden alten Pappeln, die vor der Haustür wie zwei mächtige Riesen Wacht hielten, atme den Duft der Blumen aus meiner Mutter Ziergärtchen und schmecke fast auf der Zunge die rotbäckigen Borsdorfer, die Malvasierbirnen, die blauen und gelben Pflaumen, die Erdbeeren und all die anderen Früchte, die unser schöner, schattiger Garten so mannigfaltig bot. Ach, und du fröhlicher gefiederter Sängerchor!
Wie herrlich war's im Elternhaus, und mein Vater war der glückliche Mann, der in diesem Paradiese, weit ab vom Weltgetriebe, als Herr und Gebieter hauste.
Welche Ruhe, welch Glück, welch tiefer Frieden über dem Bilde!
Wie goldener Sonnenstrahl zieht es an meinem Geiste vorüber und macht mein Herz in Sehnsucht schwellen.
Und seltsam! Mein Vater wiederum sehnte sich hinaus aus dem Frieden und empfand wie Fesseln die kleinen Verhältnisse, die ihn an die Scholle bannten. Still für sich trug er die Sehnsucht nach dem Weltgetriebe, und pochenden Herzens verfolgte er die Zeitläufe, wie sie sich besonders in der Hauptstadt schnell und aufregend abspielten, während zu unserem Erdenfleckchen nur langsam diese und jene unruhvolle Kunde drang, so wie in geschützter Bucht kaum leichter Schaum von der scharfen Brandung eines aufgepeitschten Sees zeugt.
Und jene Hoffnung, doch noch einmal nach der Residenz versetzt zu werden, hielt ihn jung und jugendfrisch. Aber dann wurden seine Wünsche ruhiger und immer ruhiger, -- bis sie ihn hinaustrugen aus dem Hause, an den treuen, hohen Pappeln vorüber, von denen er sich oft hinweggesehnt hatte nach dem herzlosen kalten Häusermeer. -- --
Und ~mich~ hat das Geschick nach der Großstadt geweht, und ich sehne mich nach dem Rauschen der alten Bäume und habe Heimweh nach dem sonnigen Garten meiner Kindheit.
Wenn aber mein Lebensabend herankommt, so will ich ihn in dem Winkelchen jener kleinen Welt mit meinem tapferen Frauchen verleben und ausruhen von dem täglichen Kampf ums Dasein. Aber eben darum heißt's jetzt noch recht kämpfen.
Leicht möglich, daß uns in jener abgeschiedenen Stille dann tiefe Sehnsucht nach der altgewohnten Großstadt beschleicht, so wie mein Vater sich wohl gern wieder aus dem verwirrenden Lärm zurückgeflüchtet hätte in die idyllische Ruhe der kleinen Stadt.
Das Verpflanzen bekommt doch nur den ganz jungen Bäumen. --
Sieh da, unser Visavis, Oberlehrer Schubert, am Fenster, seinem rosigen Sprößling zunickend, den ihm die junge, glückstrahlende Frau lachend entgegenhält.
Also wieder wohlauf, Frau Wöchnerin, und so heiter und froh hinausgeschaut in den linden Septembertag?
»Morgen will ich ihr einen Besuch machen,« sagt meine Frau, nach drüben hinüberschauend, »denn ihr Männer kennt euch doch nun, da ist's nicht aufdringlich, wenn ich mich nach ihrem Befinden erkundige und mir das Kleinchen ansehe. Meinst du nicht auch?« --
Die Schwalben haben ihren Flug längs der Straße aufgegeben und fliegen nun quer über den Damm, von unserem Fenster zu dem gegenüberliegenden von Schuberts, hinüber und herüber, leicht an der Mauer emporgleitend und dann sich sanft wieder senkend, in fortwährendem Wechselspiel, als wenn sie Grüße bringen und wieder zurücktragen wollten.
Schuberts fällt auch das Spiel der Schwalben auf, und sie blicken nun zu uns grüßend herüber. Auch das junge Frauchen grüßt »unbekannterweise« mit Kopfnicken, und als ihr Gatte ihr einige Worte zuflüstert, da hebt sie mit holdem Erröten ihren kleinen Sprößling hoch empor, als wenn sie uns ihr junges Glück so recht zeigen wollte.
»Liebchen,« flüsterte ich meiner Frau zu, »erinnerst du dich, wie wir unser Klein-Mariechen triumphierend den jungen, damals uns ganz unbekannten Eheleuten zeigten, und wie die junge Frau errötete und ihr Haupt an der Brust des Mannes barg?«
»Ja, Lothar,« erwidert mein Frauchen leise, »ich weiß es noch sehr wohl.«
»Auch ihnen ist bald ein holdes Glück erblüht, und hoffentlich scheint ihnen so hell wie uns eitel Lust und Freude aus den Augen des kleinen Weltbürgers entgegen. Und nun sieh nur, wie sie den Kleinen dir wieder zuhält, ja, genau so, wie du unser Klein-Mariechen ihr entgegengehalten hast. Und wie brennend rot sie damals geworden ist! Ist's nicht so? -- Nicht wahr, Frauchen, ist's nicht so?«
Ich blicke zu meinem Weibe lächelnd und fragend herab, um in ihren Augen die Antwort zu suchen. Aber sie hat ihr glühendes Antlitz tief an meiner Brust verborgen und antwortet nicht.
Und es entsteht plötzlich in meiner Seele ein merkwürdiges Klingen und Singen, und ich halte mein Frauchen fest umschlungen und küsse andächtig ihren blonden Scheitel. Und der Normaletat, der sich wie ein dichter, grauer Schleier über die Zukunft senken will, wird von den Strahlen der Sonne durchbrochen und weicht langsam von hinnen.
»Frauchen,« sage ich nach einer kleinen Weile, »wenn wir nach Friedenau oder Steglitz hinaus ziehen, so zahlen wir weit weniger Miete und haben sogar noch etwas von der Natur. Ei, wie ich mich auf solchen Wohnungswechsel freue!
~Gewiß~ freue ich mich und rede nicht nur so. Du weißt doch, wie ich die Natur liebe, das Grün der Wiesen und Bäume, die Alleen. Und ~das~ fehlt uns hier doch gänzlich. Und denk' einmal, wenn wir eine Parterrewohnung mit einem Vorgärtchen bekommen könnten, wo ich Blumen und Sträucher ziehen würde und du Petersilie.
Wie schön, und welche Ersparnis!
Oder wenn's nicht ~so~ ist, dann doch immerhin ~Aussicht~ auf Bäume und Gärten. Oder wenn's auch ~das~ nicht ist, so könnten wir doch uns ein oder zwei Blumenbretter anlegen und darauf deine und meine Lieblingsblumen ziehen. Hier in Straße 27 wären die nie gediehen. Und wenn's dann auch vier Treppen hoch sein sollte, so haben wir doch unsere Blumen vor dem Fenster und sehen wie in einen Garten. Das ist denn doch schon der Vorgeschmack von unserem einstigen Eden, vom Ziel meiner Sehnsucht, vom alten grünumwobenen Vaterhaus.
Und dahin wollen wir uns durcharbeiten, langsam, Tag für Tag, froh in der Arbeit, Frieden im Herzen, bis wir uns durchgerungen haben ~zur großen Müdigkeit~, die ~erworben~ werden muß, um köstlich zu erscheinen, die, um willkommen zu sein, uns nicht plötzlich überfallen darf, sondern zu der wir hinübergleiten wie im seligen Traum.«
»Ach,« seufzt meine Frau liebevoll, »wenn du nur immer ums tägliche Brot arbeiten mußt und durch die vielen Nachhilfestunden so ganz deiner literarischen Arbeiten verlustig gehst, wie sollst du da froh und glücklich aufatmen können! Du wirst es nie verwinden, daß die Not des täglichen Lebens dich fern hält von deinen Zielen, deinen Liedern, deinem Trachten. Und nur um des elenden Geldes willen!«
»Schätzchen,« sage ich ruhig und mit stillem Ernst, »ich bin innerlich so von Herzen zufrieden, und wenn du's auch bist, so braucht es nicht mehr. Es sind mir auch in letzter Zeit viele, leider zu berechtigte Zweifel gekommen, ob mein Wollen nicht mein Können weit überragt. ~Doch, doch~, sprich nicht dagegen! Ach, und dich betrübt es gewiß, wenn ich nicht, wie ich wahrlich selbst geglaubt und dir oft zugeflüstert habe, im Parnaß meinen Platz suche und finde.«
»Lothar«, meint mein Weib, so recht froh und mit glänzenden Augen mich anschauend, als wenn ich ihr ein großes Glück verkündet hätte, »Lothar, ach, ~wenn's~ doch so wäre! Ich habe im geheimen immer Angst gehabt, daß du mir durch den Ruhm entfremdet werden könntest. Ach, und nun bleibst du bei mir, auf unserer lieben, lieben, schönen Erde? Freilich würden wir ja durch deine Werke viel schneller zu Geld und Macht gelangen. -- Ach, es ist gewiß nur eine vorübergehende Stimmung, die dich niederdrückt?«
»Nein, nein! Sieh, wenn in den zehn Jahren, seit welchen ich mich mit meinen ›unsterblichen Werken‹ befasse, nichts, gar nichts bisher entstanden ist, so habe ich mich doch sicher überschätzt und kann nur froh sein, wenn ich dies noch erkenne, ehe es zu spät ist. Ja, ~fühlen~ kann ich das Schöne, Gute, Edle in der Brust und mir auch im Geiste gestalten, und ›das ist ein Gewinn, der niemals uns entrissen werden kann‹. Aber so gestalten, daß es andere sehen wie ich, ~darstellend schaffen~ -- Frauchen, Frauchen, ich fürchte, ich wollte über meinen Schatten springen. Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Und ~doch~ sollen einmal meine Lieder erklingen. Aber dir nur allein! Und du sollst sie mir mit deiner lieben Stimme vorsingen, und unser Kleinchen soll sie nachsingen in deiner sanften Weise. Und für diese Köstlichkeit der Gegenwart gebe ich dann allen Glanz des Nachruhms hin.
Und Geld?!
Viel schneller zu Geld und Macht gelangen, wie du sagst? Ach, mein kleines, leichtgläubiges, vertrauendes Närrchen! -- Sieh, wenn wir uns wacker durchkämpfen, Schritt für Schritt, dann erglänzt unser Lebensabend in so goldigem Schein, daß wir alles ~irdische~ Gold entbehren können. Und nun fröhlich hineingeschaut in die Welt und mutig voran!« --
* * * * *
Und als der Frühling wieder ins Land schaut, da räumen wir die Wohnung, um unseren Nachfolgern Platz zu machen.
Aber wehmütig stimmt es uns doch, aus den vertraut gewordenen Räumen ausziehen zu müssen. Und heute ist der letzte Tag! -- --
Da klingelt es.
Wer kann uns wohl noch aufsuchen wollen, wo es so unwirtlich überall aussieht, Koffer und Kisten gepackt sind und ein wildes Chaos in allen Räumen uns umgibt?
Soso, nur der Postbote ist's.
Aber welch offiziell aussehendes Schreiben mit großem Siegel übergibt er mir?
»Lothar,« ruft meine Frau in freudiger Erregung, »du sollst sehen, der letzte Tag in der alten, lieben Wohnung bringt uns noch Glück. Vielleicht bist du zum Gymnasialdirektor ernannt worden. Man ~kann~ doch gegen deine Vorzüge nicht blind sein!«
»Du Närrchen, du, dazu bin ich noch lange nicht an der Reihe«, meine ich lächelnd, aber doch auch in einer mir ungewohnten Erregung.
Nein, -- es ist eine Trauerbotschaft vom Gericht. Die alte Tante ist verstorben, die einzige Verwandte, die ich noch hatte, obwohl ich sie nicht einmal von Angesicht zu Angesicht kannte.
Meine Frau ist kleinlaut geworden und sieht in ihrer Enttäuschung ganz blaß aus.
Daß mich die alte Dame, wie das Gericht mitteilt, zum Erben eingesetzt hat, vermag mein Frauchen nicht freudiger zu stimmen; denn sie weiß von mir, daß die Tante nur ein kümmerliches Witwengehalt bezog und nur über ein paar alter gebrechlicher Möbel verfügte, die sicher kaum den Transport verlohnen würden.
»Aber nein, was ist das? Herrgott, ist's nur möglich?! Weibchen, Weibchen! Denke nur, die Tante hat auf ihr Lotterielos Nummer 2734 vierzigtausend Mark gewonnen, und die gehören ~uns~ nun. ~Uns!!~ Da soll noch einmal jemand gegen den törichten Aberglauben reden!«
»Lothar«, sagt mein Frauchen mutwillig und erhebt ihren kleinen Zeigefinger warnend, während in ihrer Stimme Freude und Glück zittern, »Lothar, den mittelalterlichen Aberglauben aus dem Herzen der Menschen auszuroden, soll und muß die hehre, wenn auch unendlich mühevolle Kulturaufgabe der Schule sein!«
»Schatz,« erwidere ich jubelnd, »in diesem Falle plädiere ich für mildernde Umstände. Aber wem verdanken wir dieses Glück? Doch unserer alten, lieben Straße 27 und unserer braven Hausnummer 34. Da wär's eigentlich recht und billig, wenn ich denen ein kleines literarisches Denkmal setzte und über ›Siebenundzwanzig-Vierunddreißig‹ ein Büchelchen schriebe, so wie ich's gerad' kann. Was meinst du?«
»Lothar,« ruft entzückt meine kleine Frau, ihre Arme um meine Schultern legend, »ach, dann wirst du ~doch~ vielleicht noch berühmt.«
»Berühmt? Ei, ei, so leicht ist das Berühmtwerden nicht. Ich wäre schon zufrieden, wenn das Publikum wirklich mein Büchlein lesen würde.«
»Du sollst sehen,« sagt mein Frauchen und sieht dabei so überzeugungsdurchdrungen aus, als wenn sie es schon verbrieft hätte, »das Publikum ~wird~ dich lesen.« Und dann fügt sie, sich zärtlich an mich anschmiegend, mit kindlichem Vertrauen hinzu:
»Schon ~mir~ zuliebe.«
Johannes Trojan,
Wie man einen Weinreisenden los wird.
Kleine Leiden auf einer Landpartie.
Drei Gedichte.
Mit Genehmigung der ~J. G. Cotta~schen Buchhandlung Nachfolger in ~Stuttgart~ und ~Berlin~: »Wie man einen Weinreisenden los wird« und »Kleine Leiden auf einer Landpartie« aus »~Johannes Trojan~, ~Das Wustrower Königsschießen~ u. a. Humoresken«. Gbd. M. 3,--.
»Männertreue und Weiberkrieg« und »Der Glückstag« aus »~Johannes Trojan~, ~Gedichte~«. »Der Oberamtsrichter von Neckarsulm« aus »~Johannes Trojan~, ~Scherzgedichte~«. Gbd. M. 3,50.
Wie man einen Weinreisenden los wird.
Manche werden sagen, das sei überhaupt unmöglich, ich weiß aber, daß es geht, denn ich habe es mit Erfolg probiert. Freilich war ich nicht unvorbereitet, sondern hatte mir die Sache in Gedanken eingeübt. Die Firma ~J. G. Pfropfenberg~ & Comp. in Frankfurt a. M. hatte mich wissen lassen, daß in einigen Tagen ihr Vertreter die Ehre haben würde, bei mir vorzusprechen und meine Aufträge entgegenzunehmen. Mit einiger Spannung erwartete ich den jungen Mann.
Er kam, wurde mir gemeldet und in mein Zimmer geführt. Mit dem Ausdruck lebhafter Freude trat ich ihm entgegen. »Sind Sie endlich da?« rief ich. »Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet. Bitte, nehmen Sie Platz!« Dieser Empfang schien ihn ein wenig zu wundern, doch mochte er wohl denken, ich sei in großer Weinnot. Auf meine wiederholte Aufforderung setzte er sich und begann: »Ich komme im Auftrage des renommierten Hauses ~Pfropfenberg~ & Comp. in Frankfurt a. M., um Ihnen unsere edlen, wirklich reingehaltenen und höchst preiswürdigen ...«
»Halt!« fiel ich ihm ins Wort -- »aus Frankfurt a. M. kommen Sie?«
»Jawohl«, erwiderte er.
»Welch eine Stadt!« rief ich entzückt. »Die herrlichen Gebäude, unter denen der Dom und der Römer in erster Reihe stehen! Die wundervollen Denkmäler von Goethe und Gutenberg! Das Goethehaus! Der Palmengarten! Das Ariadneum! Die historischen Erinnerungen an Karl den Großen und den Bundestag! Und das Wasser! Ich halte den Main für einen der schönsten Ströme. Nachdem er zusammengeflossen ist aus dem weißen Main, der im Fichtelgebirge entspringt, und dem roten, der aus dem Rotmainbrunnen im Westen von Kreusen herkommt, läuft er um den fränkischen Jura herum, geht er vorbei an Bamberg, Würzburg und Aschaffenburg, endlich an Frankfurt a. M., um dann bald darauf sich mit donnerartigem Brausen in den Rhein zu stürzen.«
Die lebhafte Schilderung hatte mich außer Atem gebracht, ich mußte einen Augenblick anhalten, um Luft zu schöpfen. Aber auch mein Gegenüber gebrauchte einige Zeit, um sich von dem Eindruck, den mein Vortrag auf ihn gemacht hatte, zu erholen. So kam ich ihm denn, als er eben das Wort ergreifen wollte, zuvor.
»Sie sind«, sagte ich »nicht aus Frankfurt a. M. gebürtig?«
»Nein,« entgegnete er, »aus Offenbach. Ich habe die Ehre, Ihnen im ...«
»Aus Offenbach?« fiel ich schnell ein. »Das habe ich mir gleich gedacht. Sie sind aber gern in Frankfurt, und Ihnen gefällt Ihr Beruf?«
»Im allgemeinen ja. Das Haus Pfropfenberg & Comp., in dessen Auftrag ...«
»Glücklich in Ihrem Beruf!« rief ich, ihm ins Wort fallend. »Wie selten kann das einer von sich sagen! Die meisten wünschen sich einen anderen Beruf, als den, welchen sie haben. Der Dichter beneidet den Seifensieder, der Maler den Klempner, der Musikus den Schankwirt, der Regierungsrat den Geistlichen, der Bankier den Seemann und so weiter. Ich selbst -- Sie wissen, daß ich Käfersammler bin -- möchte manchmal mit dem friedlich und harmlos von seinen Zinsen lebenden Rentier tauschen.«
Ich war, nachdem ich dies gesagt hatte, so barmherzig, ihm einen Augenblick Zeit zu lassen, und sofort schoß er los: »Erlauben Sie mir, mein Herr, daß ich Ihnen im Auftrage der renommierten Firma Pfropfenberg & Comp. unsere wirklich reingehaltenen ...«
Weiter kam er nicht, denn ich sah ihn plötzlich so fest und scharf an, daß er unwillkürlich verstummte. »An wen,« sagte ich, indem ich fortfuhr ihn anzusehen, »an wen erinnern Sie mich doch so lebhaft?«
»Ich weiß es in der Tat nicht«, sagte er verlegen.
»Halt, ich hab's!« rief ich. »Haben Sie Verwandte in Goldap?«
»Nein!« erwiderte er mit Entschiedenheit.
»Wie war doch nur Ihr geehrter Name?« fragte ich.
»~Meyer~ -- ~A. H. Meyer~!«
»Sonderbar!« rief ich, »auch die Namen stimmen. Ich lernte vor nun bald siebzehn Jahren, als geschäftliche Angelegenheiten mich nach Goldap führten, dort einen Herrn ~Meyer~ kennen, dem Sie sehr ähnlich sehen, und ich hätte darauf schwören mögen, daß er mit Ihnen verwandt sei, vielleicht ein Onkel von mütterlicher Seite. Also Sie stehen in keinem Verwandtschaftsverhältnis zu diesem Herrn? Sehr auffallend, besonders da auch der Name zutrifft. Dieser ~Meyer~ war Holzhändler und damals ein angehender Sechziger. Seine Frau war eine -- warten Sie einmal -- richtig! eine geborene ~Kloppfleisch~. Ein prächtiger Kerl war er und ein schneidiger Geschäftsmann. Unterdessen ist er auch natürlich älter geworden.«
Während ich so sprach, war er sehr unruhig geworden, wie ich an den eigentümlichen Bewegungen seiner Füße merkte. »Erlauben Sie mir --« begann er noch einmal.
»Noch eine Frage!« unterbrach ich ihn. »Leben Ihre Eltern noch?«
»Ja!« stöhnte er.
»Das freut mich zu hören«, sagte ich. »Es ist ein nicht gewöhnliches Glück, in Ihren Jahren noch beide Eltern am Leben zu haben. Darf ich mich weiter erkundigen, ob auch Ihre Großeltern noch leben?«
Ganz rot im Gesicht, war er aufgesprungen. »Ich muß mich« -- rief er mit vor Ärger halb erstickter Stimme -- »ich muß mich Ihnen empfehlen. Meine Zeit ist sehr in Anspruch genommen und ...«
»Sie wollen schon gehen?« rief ich. »Darf ich Ihnen nicht ein Glas Wein anbieten? Es ist zwar nur Kutscher und etwas säuerlich, aber durchaus rein und sehr gesund. Meine Frau würde sich freuen, wenn ich Sie ihr vorstellte.«
»Es tut mir leid,« schrie er, »aber ich habe keinen Augenblick Zeit. Wenn Sie einen Auftrag ...«
»O gewiß habe ich einen Auftrag. Wenn Sie das schöne Frankfurt wiedersehen, grüßen Sie es tausendmal von mir. Aber ich hoffe, daß wir uns hier noch sehen werden, beim Weihenstephan oder auf der Siegessäule oder ...«
Er war schon draußen. »Herr Meyer! Herr Meyer!« rief ich, mich über das Treppengeländer beugend. Er hörte nicht darauf. Schnell stürzte ich in mein Zimmer zurück, riß das Fenster auf und schrie auf die Straße hinunter: »Herr Meyer! Wenn Sie einmal nach Goldap kommen sollten ...«
Er wandte sich nicht mehr um, sondern lief unaufhaltsam dem nächsten Halteplatz für Droschken zu.
Ob er wohl wiederkommen wird?
Kleine Leiden auf einer Landpartie.
Nein, meine Herren! pflegte der Doktor Sauerwein auszurufen, wenn die Rede auf Landpartien kam -- nein! über diese Vergnügungen bin ich hinaus für immer. Ich weiß ja nicht, meine Herren, was Sie unter Landpartien verstehen, meinen Sie aber einen Ausflug in Begleitung von Damen zu Wagen oder auf der Eisenbahn, an den sich ein Spaziergang in einen Forst oder in eine Heide, meinetwegen mit Feueranmachen und Kaffeekochen anschließt, dann muß ich gestehen, daß derartige Vergnügungen sich für Leute von meinem Naturell durchaus nicht eignen.
Es liegt an mir, ich weiß es. Mir fehlt vor allem die notwendige Geistesgegenwart, Besonnenheit und Erfindungsgabe.
Was soll zum Beispiel geschehen, wenn der rechte Schuh einer jungen Dame an einer morastigen Stelle des Weges stecken geblieben und versunken ist? Die junge Dame steht nun auf dem linken Fuße. Lange kann sie so nicht stehen, also sagen Sie mir schnell: was soll geschehen? Sie wissen es nicht? Natürlich! Ich habe diese Frage Leuten vorgelegt, die durchaus nicht auf den Kopf gefallen waren, und habe doch keine einzige befriedigende Antwort darauf erhalten. Der eine wollte einen Notschuh aus Baumrinde zimmern, ein zweiter schlug eine Tragbahre von jungen Baumstämmen vor, ein dritter meinte, man müsse für solche Fälle auf jeder Landpartie einen eleganten zweirädrigen Karren mit sich führen. Ein grausamer Barbar endlich -- ich verschweige seinen Namen, obgleich er es verdient, daß ich ihn an den Pranger stelle -- gab den Rat, man solle die junge Dame stehen lassen und ruhig weiter gehen, sie werde schon von selbst nachgehüpft kommen!
Ist Ihnen das noch nicht genug? Gut! so will ich Ihnen die Geschichte meiner letzten Landpartie erzählen.
Ich machte diese Landpartie mit der liebenswürdigen Familie Krusius. Da war also Steuerrat Krusius, seine Frau, die beiden Töchter, Minna und Elvira, und die Tante Sophie. Dazu kam Herr Knoppermann vom Gericht, ein alter Hausfreund, und der junge Nathanael Semmlein, ein Studiosus der Theologie und an die Familie empfohlen. Der achte war ich und der neunte -- doch halt! Der fand sich erst unterwegs ein. Es war beschlossen, mit der Bahn bis zur Station Dingelfeld zu fahren, hinter welcher sich eine sehr romantische Wald-, Sand- und Moorgegend ausbreiten sollte.
Wir nahmen im »Blauen Löwen« ein ländliches Mahl ein, und als dann auch der Kaffee vorüber war, und der Steuerrat sein Mittagsschläfchen absolviert hatte, wurde der übliche Spaziergang »in die Fichten« angetreten.
In den Fichten war es, wie es dort häufig zu sein pflegt, sehr romantisch, sehr heiß und sehr belebt von ausgezeichnet großen Ameisen. Als wir nun ein Stück gegangen waren und um eine Waldecke bogen, bot sich uns ein eigentümliches Schauspiel dar. Am Waldessaume stand eine große Kiefer und unter der Kiefer stand ein Invalide, augenscheinlich seines Zeichens ein Feldhüter, während ein großer Hund mit wütendem Gebell um den Baum herumsprang. Oben aber, auf einem Aste des Baumes saß ein junger Mann, der eine grüne Pflanzenkapsel an einem Riemen über der Schulter trug, und zwischen dem jungen Manne oben und dem Alten unten fand folgendes Wechselgespräch statt.
»Den Augenblick kommen Sie herunter!« rief der Alte.
»Ich bin noch immer nicht von der Notwendigkeit überzeugt!« schallte es von oben.
»Meinetwegen bleiben Sie oben!« hob der Feldhüter wieder an. »Werfen Sie gefälligst die fünfzehn Groschen herunter, dann will ich gehen.«
»Was für ein närrischer Kauz sind Sie doch!« rief der Botaniker herunter. »Denken Sie, das Geld wächst hier oben auf dem Baume? Oder meinen Sie, daß jemand so einfältig sein wird, auf eine wissenschaftliche Landpartie sein Vermögen mitzunehmen? Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie man dazu kommen kann, im Walde Geld auszugeben. Ist es etwa gebräuchlich, daß die Vögel, wenn sie ein Stück gesungen haben, mit dem Teller umhergehen? Oder ist es erhört, daß man für das Hundert Brombeeren oder Haselnüsse, die man frischweg vom Busche verzehrt, auch nur einen Pfennig bezahlt?«
Unterdessen waren wir näher getreten und erkundigten uns bei dem Alten, um was es sich handle. Er erzählte uns, daß er den Botaniker auf der an das Gehölz stoßenden Wiese, die zu betreten streng verboten sei, betroffen habe. Als der junge Mann seiner ansichtig wurde, sei er ausgerissen und habe sich auf diese Kiefer geflüchtet. Jetzt solle er entweder festgenommen werden oder fünfzehn Groschen Strafgeld erlegen.
Wer weiß, wie lange der Botaniker noch oben hätte sitzen müssen, wenn nicht der Steuerrat und der alte Knoppermann den Invaliden vorgenommen und ein vernünftiges Wort mit ihm gesprochen hätten. Einem vernünftigen Worte, wenn es durch Geld und Zigarren unterstützt wird, kann auch der zornigste Feldhüter auf die Dauer nicht widerstehen, und so kam es denn, daß der Alte, nachdem er noch dem Botaniker mit dem Wiedertreffen »draußen im Freien« gedroht hatte, mit seinem Hunde den Rückzug antrat. Als die beiden alten Herren diesen Akt der Menschlichkeit vollzogen hatten, ersuchten sie den Naturforscher, herunterzusteigen und sich der Gesellschaft anzuschließen.
Den jungen Damen schien der Zuwachs zu unserer Gesellschaft nicht unlieb zu sein. Im Umsehen waren sie schon mit dem Botaniker in einem eifrigen Gespräche über die einheimische Flora begriffen, wobei ich den Verdacht nicht unterdrücken konnte, daß ein großer Teil der lateinischen Pflanzennamen, die er den jungen Damen auftischte, vollständig ausgedacht und erlogen war.
Ich ging an der Seite der Tante Sophie, die mir erzählte, daß sie einmal in einer ähnlichen Gegend und an einem ähnlichen Tage Gott weiß was erlebt habe. Ich war viel zu ärgerlich, um ordentlich hinzuhören. Zu großer Freude gereichte es mir, als der Steuerrat den Vorschlag machte, sich an einem hübschen Punkte niederzulassen und einen Imbiß zu nehmen. »Unser neuer Freund«, sagte er, »wird sicherlich in der Nähe einen dazu passenden Ort wissen.« Da hätten Sie sehen sollen, wie die Augen des jungen Mannes aufleuchteten und mit welcher Eilfertigkeit er uns nach einem geeigneten Plätzchen hinführte.
Nachdem auf Wunsch der Damen eine genaue Inspektion des Terrains vorgenommen war und dasselbe sich als ziemlich ameisenfrei und spinnensicher erwiesen hatte, lagerten wir uns ins Grüne und begannen die mitgenommenen Vorräte auszupacken. Das Plätzchen war allerdings recht artig auf einem Hügel am Rande des Waldes gelegen. Vor uns öffnete sich ein kleines Tal, in dem mehrere Bürgerfamilien, die gleich uns mit der Bahn gekommen waren, sich am Ringelspiel, Tanz und anderen ländlichen Vergnügungen erfreuten. Der Anblick war allerliebst. Munteres Gelächter und Geschrei schallte zu uns herauf. Wir unserseits waren auch in der besten Stimmung. Die Flasche ging von Hand zu Hand, und der Botaniker sprach unserem kalten Braten und unserem Weine mit einem Appetit zu, der bei seinen Grundsätzen in bezug auf das Mitnehmen von Geld und in Anbetracht, daß die Jahreszeit reife Brombeeren und Haselnüsse noch nicht darbot, nichts Erstaunliches hatte. Der Jubel erreichte den höchsten Grad, als der Steuerrat mit dem alten Knoppermann und dem Botaniker ein Lied anstimmte, in dem zum großen Verdruß des Theologen das Räuberleben als die einzig passende Beschäftigung für lebenslustige und poetisch gesinnte Leute nach allen Richtungen hin gepriesen wurde.
Ein Stündchen mochten wir so in der besten Laune zugebracht haben, als der Steuerrat bemerkte, daß es nun wohl an der Zeit sei, nach Dingelfeld zurückzukehren, wenn wir nicht den Abendzug versäumen wollten. »Ich möchte Ihnen«, sagte der Botaniker, »einen anderen Vorschlag machen. Es führt von hier aus ein sehr romantischer Weg über Kuckucksweiler und Amselhagen nach der Bahnstation ...«
»Ich fürchte nur,« fiel ihm der Steuerrat ins Wort, »es wird zu weit sein.«
»Durchaus nicht,« entgegnete unser Gast. »Warten Sie -- bis Kuckucksweiler haben wir zwanzig Minuten, von da bis Amselhagen höchstens fünfzehn und von Amselhagen nach Dingelfeld wieder zwanzig. Das macht zusammen noch keine Stunde.«
»Wissen Sie aber auch den Weg genau?« fragte der Steuerrat.
»Ich?« entgegnete der Botaniker. »Ich? Auf fünf Meilen im Umkreise will ich hier jedem Vogel, der sich etwa verflogen hat, sagen, wo sein Nest ist. Wenn Sie es verlangen, will ich Ihnen einen Adreßkalender der in hiesiger Gegend seßhaften Eichhörnchen schreiben.«
Die Damen stimmten sämtlich für den »romantischen« Weg, und so brachen wir denn auf, voran ging der Botaniker mit den jungen Mädchen.
Es scheint mir nun, daß über dasjenige, was romantisch zu nennen ist, sehr verschiedene Ansichten unter den Leuten existieren müssen. Wenn es zum Romantischen gehört, öde, unbequem und gefährlich zu sein, so war der Weg, den wir nunmehr machten, in der Tat sehr romantisch. Ich erwähne nur, daß wir nacheinander ein Wildgatter, zwei Schluchten, einen steglosen Bach -- den die Damen auf hineingelegten Steinen überschreiten mußten -- und einen Bruchacker zu passieren hatten. Eine gute Stunde waren wir so fortgegangen ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen, und es fing bereits an dunkel zu werden. Da sah der Steuerrat nach der Uhr, und sich zu unserem Führer wendend, bemerkte er: »Es scheint mir, mein Freund, als müßten wir doch schon lange über Kuckucksweiler wenigstens hinaus sein.«
»Es ist mir auch unbegreiflich,« entgegnete der Angeredete, »daß wir noch nicht am Ziele sind; indessen bin ich überzeugt davon, daß wir an der nächsten Ecke den Kirchturm von Kuckucksweiler erblicken werden.«
Wir waren über die nächste Ecke hinaus, aber nichts, was einer menschlichen Behausung ähnlich sah, ließ sich entdecken. Das Terrain fing an unheimlich zu werden. Die Bäume wurden seltener und kleiner, und endlich breitete sich vor uns eine mit spärlichem Gestrüpp bedeckte Ebene aus, über der ein höchst verdächtiger Nebel lag.
Da bemerkte ich plötzlich, daß der Boden unter meinen Füßen zitterte und schwankte. Ich hatte das Gefühl, als ob ich auf Gummi oder Guttapercha träte. In demselben Augenblick mochten die anderen dieselbe Wahrnehmung machen. Wir blieben sämtlich stehen und sahen den Botaniker fragend an.
»Ich fürchte,« begann derselbe ziemlich kleinlaut, »daß wir uns etwas mehr rechts hätten halten sollen. Wir sind hier in ein kleines Luch oder Torfmoor geraten. Der nächste Weg würde nun allerdings quer durch das Luch führen, und solange wir uns nur in der Nähe der kleinen Gebüsche halten, ist meiner Ansicht nach die Gefahr des Versinkens eine sehr geringe. Besonders finster wird es nicht werden, da wir einerseits Mondschein haben, anderseits auch bald die Irrlichter aufgehen müssen.«
Das war uns zu stark. Den Damen kam das Weinen nahe, und wir allgesamt erklärten, daß wir lieber die Nacht unter freiem Himmel zubringen, als noch einen Schritt weiter in den abscheulichen Sumpf wagen wollten.
»Gut«, sagte der Botaniker, »dann ist es das beste, daß wir rechts abbiegen.«
Was war zu tun? Nach kurzer Beratung bogen wir rechts ab, obgleich dort ein eigentlicher Weg nicht vorhanden war. Nachdem wir uns eine tüchtige Strecke durch Dickicht und Dornen durchgeschlagen hatten, bemerkten wir in unserer Nähe Gebäude. Es wurde ausgemacht, daß die Gesellschaft, wo sie eben stand, warten sollte; ich aber und der Botaniker, wir sollten versuchen, eines Menschen habhaft zu werden, der uns zurecht wiese. Gesagt, getan! Wir näherten uns den Häusern und gelangten an einen kleinen Gartenzaun, den wir überstiegen. Wir riefen zu wiederholten Malen, ohne Antwort zu erhalten. Wir marschierten weiter. Ich ging voran, dem Hause zu, während mein Begleiter um ein weniges zurückblieb. Plötzlich hörte ich, wie er einen Freudenruf ausstieß.
»Was haben Sie?« fragte ich. »Ach, Stachelbeeren!« antwortete er. »Kommen Sie! Hier sind genug für uns beide.«
»Ei, zum --« wollte ich ausrufen, in demselben Augenblicke aber fühlte ich, daß über meinem rechten Fuße etwas zusammenschnappte und daß derselbe auf höchst schmerzhafte Weise eingeklemmt war. Auf mein Geschrei sprang der Botaniker hinter dem Busch hervor. »Kommen Sie! helfen Sie mir!« rief ich. »Ich bin im Fuchseisen gefangen!«
Auf mein Geschrei erschien an den Fenstern des Hauses Licht; wir hörten Stimmen, Hundegebell, und alsbald näherte sich mir vom Hause her ein Trupp Menschen. Voran schritt ein grimmig aussehender Mann, der in der einen Hand eine Laterne und in der anderen eine Flinte trug. Ihm folgte eine Anzahl von Knechten, welche mit Heugabeln, Ästen, Zaunlatten und anderen lebensgefährlichen Werkzeugen bewaffnet waren. »Hurra!« rief der Grimmige, indem er mir seine Laterne vors Gesicht hielt, »da haben wir endlich den Spitzbuben gefangen!«
»Hurra!« riefen die anderen und schwangen ihre Waffen.
Ich hatte nun bald heraus, daß man auf einen Obst- oder Blumendieb gefahndet hatte und daß für diesen das Fuchseisen, in welchem ich festsaß, bestimmt gewesen war. Natürlich hielt man mich für den Schuldigen, und augenscheinlich sollte an mir Lynchjustiz geübt werden. Ich wäre verloren gewesen, wenn nicht im rechten Augenblicke die Gesellschaft erschienen wäre und sich ins Mittel gelegt hätte. Es war aber schwer, dem Grimmigen begreiflich zu machen, daß ich nicht der Spitzbube sei und daß ich seinen Garten nur betreten habe, um mich nach der Lage von Kuckucksweiler zu erkundigen. Er behauptete, das sei eine leere Ausrede und es gäbe überhaupt keinen Ort namens Kuckucksweiler. Nur auf flehentliches Bitten der Damen entschloß er sich dazu, meinen Fuß aus dem Eisen zu lösen. Als er zu diesem Behuf den Boden beleuchtete, fielen seine Blicke auf ein in der Nähe befindliches Nelkenbeet, das arg zertreten und verwüstet war. Ohne Zweifel rührte diese Verwüstung von dem Botaniker her, welcher inzwischen die Flucht ergriffen haben mußte, denn wir sahen uns vergeblich nach ihm um. Meine Vermutung, daß er während der ganzen Dauer der Verhandlungen hinter den Stachelbeeren steckte, hat sich nachher bestätigt.
Was half's, daß ich meine Unschuld beteuerte! Der Grimmige erlöste mich nicht eher aus dem Eisen, als bis ich den ganzen Schaden, den er in der Geschwindigkeit auf sieben Mark und fünfundzwanzig Pfennig abschätzte, bezahlt hatte. Unter Schimpfreden und Hohngelächter wurden wir dann aus dem Garten hinausgeleitet. Kaum erreichten wir es, daß uns der Weg nach dem nächsten Wirtshause gezeigt wurde.
Eben hatten wir den ungastlichen Ort verlassen, als der Mond sich mit Wolken bezog und es anfing zu regnen! Das fehlte noch zu unserem Unglück! Schrecklich tönte durch die Stille der Nacht das Jammern und Klagen der Damen. Der Regen wurde stärker, und schon ganz durchnäßt waren wir, als wir in dem bezeichneten Wirtshause, einer elenden Fuhrmannsschenke, anlangten.
Da saßen wir nun, eine verunglückte Landpartie, in der niedrigen, dumpfigen Gaststube. »Herr Gott! wo ist Knoppermann?« rief plötzlich der Steuerrat. Es wurde im Hause nach ihm gesucht, er war nicht zu finden. Nun fiel es uns allen ein, daß wir ihn schon seit längerer Zeit nicht mehr unter uns bemerkt hatten. »Wo kann er nur geblieben sein?« sagte der Steuerrat.
»Das will ich euch sagen,« erklang aus dem Hintergrunde die harte Stimme der Tante, »er wird mit dem Kopfe nach unten im Sumpfe stecken.«
»Ich wollte es nicht zuerst aussprechen,« nahm die Steuerrätin das Wort, »aber ich fürchte sehr, daß er in der Tat versunken ist.«
Kaum hatte sie das gesagt, als die Tante, welche vermutlich noch Absichten auf Knoppermann hatte, in lautes Weinen ausbrach.
»O, es ist entsetzlich«, jammerten die jungen Damen.
»O, Sie Unglücksvogel!« rief der Steuerrat, indem er auf den Botaniker zutrat und ihn an den Schultern faßte, »was haben Sie angerichtet! Schaffen Sie uns Knoppermann wieder! Sagen Sie uns, was wir tun sollen!«
Es wurde beschlossen, das Moor mit Laternen zu durchsuchen, und die Expedition sollte eben ins Werk gesetzt werden, als die Tür sich öffnete und der Vermißte eintrat, oder vielmehr von einem alten Reisigweiblein, welches hinter ihm kam, in die Stube geschoben wurde. Er war das Bild des Jammers, ohne Hut, ohne Stock, vom Regen durchnäßt, von Dornen zerzaust, über und über mit Fichtennadeln garniert.
»Gott sei Dank, daß Sie da sind!« riefen wir wie aus einem Munde.
»Also das Herrlein gehört zu Ihnen?« schmunzelte die Alte.
Anfangs war der arme Knoppermann unfähig zu sprechen. Nachdem er sich durch ein Glas heißen Getränkes gestärkt hatte, erzählte er uns, daß er, vor Ermüdung zurückgeblieben, die Gesellschaft verloren hätte. Dann hätte er gerufen, niemand hätte geantwortet. Dann wäre er Hals über Kopf einen Abhang hinabgerollt, von einem Baum zum anderen geschleudert worden und unten bewußtlos liegen geblieben. Dort hätte das Waldweiblein ihn gefunden, durch anhaltendes Schütteln ins Leben zurückgerufen und glücklich hierher geleitet. »Meinen Hut und Stock«, schloß er, »scheine ich verloren zu haben. Auch ist es mir so, als hätte ich vorher einen Paletot über dem Arm getragen. Ich weiß nicht, ob es der rechte oder der linke Arm gewesen; jetzt aber bemerke ich ihn auf keinem meiner beiden Arme.«
»Lassen Sie uns froh sein,« sagte der Steuerrat, »daß Sie selbst sich wiedergefunden haben. Was Ihre Sachen betrifft,« fügte er mit einem strengen Blick auf den Botaniker hinzu, »so werden dieselben sich möglicherweise in Kuckucksweiler oder in Amselhagen wiederfinden.«
Das war am Ende auch der beste Trost. Unterdessen hatte der Regen ein wenig nachgelassen, und nachdem wir die Alte belohnt und vom Wirt eine Mütze und einen Schal für Knoppermann geborgt hatten, machten wir uns auf den Weg nach der Bahnstation.
Wir waren sämtlich in der schlechtesten Stimmung, und keiner von uns hatte Lust ein Wort zu sprechen. Der Botaniker ging neben mir. Er hatte die ganze Botanisiertrommel voll gestohlener Stachelbeeren und aß nun eine nach der anderen. Da sie sämtlich noch unreif waren, so gab es, so oft er ein Beerchen zerbiß, einen kleinen Krach, wie beim Nüsseknacken.
Wir trafen noch gerade zur rechten Zeit in Dingelfeld ein, um einen Nachtzug zur Heimfahrt benutzen zu können. Todmüde, verstört, mit ruinierten Kleidern und in der elendesten Gemütsverfassung langten wir zu Hause an.
Vier Wochen lang lag ich zu Bett, acht Wochen ging ich am Stock, ein ganzes Jahr lang blieb ich ein Hinkefuß.
Dies, meine Herren, war meine letzte Landpartie. Lassen Sie sich diese Geschichte zur Warnung dienen. Ich weiß, Sie tun es doch nicht, Sie werden sich wieder verleiten lassen. Dann bitte ich Sie nur um eines. Sollten Sie irgendwo auf einer Landpartie unseren jungen Freund, den Botaniker, treffen, und er sitzt wieder in einer Kiefer -- lassen Sie ihn doch ja in der Kiefer sitzen!
Männertreue und Weiberkrieg.
+Veronica chamaedrys+ und +Ononis spinosa+.
~Die Frau spricht~:
Es ist ein Kräutlein, heißt Männertreu, In jedem Frühling blüht es aufs neu. Am Waldrand steht es und auf der Au Und Blumen trägt es, anmutig blau. Doch pflückst davon du dir einen Strauß, Nicht eine Blume bringst du nach Haus. Herunter fallen sie gar geschwind, Schon unterwegs weht sie ab der Wind. Des Kräutleins Name, der ist nicht schlecht, Und seinen Namen trägt es mit Recht. Den Männern sag' ich es ins Gesicht: ~So sind sie alle -- nur meiner nicht!~
~Der Mann spricht~:
Ein Kräutlein ist Weiberkrieg genannt, Das wächst auf Anger und Heideland. Da siehst du blühen es weit und breit Schön weiß und rot um die Sommerszeit. Doch will ich raten dir: Laß es stehn! Mit hundert Häkchen ist es versehn, Verletzt die Hände dir, hemmt den Schritt, Viel Ärger hast du und Not damit. Das ist so recht ja der Weiber Art, Ob sie auch lieblich sonst sind und zart, Sie sind ein Kräutlein, das kratzt und sticht. ~So sind sie alle -- nur meines nicht!~
Der Glückstag.
Ich war am Morgen So frohen Mutes, Als müßt' begegnen Mir etwas Gutes. Wohlan, es komme Das Glück gegangen! Bereit hier sitz' ich, Es zu empfangen.
Da kam ein Brief, Den die Post mir brachte,
Ich brach ihn auf, sah Hinein und lachte. Logierbesuch will Ins Haus mir kommen: Sei er mit Jubel Denn aufgenommen!
Drauf kam ein Mann, um Von mir zu borgen, Obwohl ich selbst war Bedrängt von Sorgen. Daß er auf mich sein Vertrauen setzte, Rührt' mich, ich gab ihm Sorglos das Letzte.
Nun eine Zeitung Nahm in die Hand ich, Darin auf mich was Geschrieben fand ich, Was Böses, Arges. Wie das mich freute! Seht, so beachten mich Doch die Leute!
Ich war noch immer Bei frohem Mute,
Als müßte kommen Noch andres Gute. Um mehr des Glückes Noch zu empfangen, Bin aus dem Haus ich Hinausgegangen.
Da überfiel mich Mit Donnerschlägen, Mich Unbeschirmten, Ein heft'ger Regen. Dem Himmel dankt' ich, Daß er uns schenkte Willkommenes Naß Und die Saaten tränkte.
Von einem Fenster- Brett fiel ein bunter Tontopf mit Nelken Auf mich herunter. Doch meinen Hut nur Hat er zertrümmert, Heil blieb ich selber Und unbekümmert.
Nach Hause eilt' ich, Da sah ich jagen
Scharf um die Ecke 'nen Schlächterwagen. Zu Boden riß er Mich freilich nieder, Doch kaum verletzt sprang Empor ich wieder.
Allmählich wurde Der Himmel heller; Nach Hause hinkt' ich, Stieg in den Keller, Holt' eine Flasche Mit gutem Weine. Wohl mir, ich hatte Just noch die eine.
Zusammen rief ich Darauf die Meinen, Mit mir im Jubel Sich zu vereinen. Kommt her und trinket, Seid frohen Mutes! Mir ist begegnet heut So viel Gutes.
Der Oberamtsrichter von Neckarsulm.
(Der Mann, von dem dieses Gedicht handelt, ist der vor einigen Jahren verstorbene Oberamtsrichter Ganzhorn von Neckarsulm. Das Abenteuer bestand er, als er auf einer Wanderung nach Aßmannshausen kam.)
Das war ein kernfest tüchtiger Mann, Von dem man Bestes melden kann, Von Gliedern stark, an Geist gesund, Was Zier des Manns ist, war ihm kund. In mancher Kunst war er geübt, Und ob's noch solche Zecher gibt, Wie er war -- zweifelhaft ist das! Er saß so fest beim Römerglas, Er war von echter deutscher Art, So mild und doch wie Stahl so hart, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~.
Einst kam er wandernd an den Rhein, Der war beglänzt von hellem Schein, Von untergehnder Sonne Glut. »Fürwahr, ein Bad wär' gar zu gut! Es kann ja gar so schlimm nicht sein, Heut noch zu schwimmen durch den Rhein Und wieder hier ans Land zurück -- Das nenn' ich noch kein Wagestück!« Die Kleider wirft er ab sogleich
Und birgt sie unter dem Gesträuch, Drauf in den Strom wirft er sich kühn, Der faßt mit starken Armen ihn. Er regt die Glieder frisch und keck, Kommt anfangs auch recht gut vom Fleck; Doch mählich wächst des Stromes Kraft, Gewaltig wird er, riesenhaft, Kämpft mit dem Mann und reißt ihn mit, Hinunter wohl manch hundert Schritt; Der wehrt sich auch, so gut er kann: So kämpfen beide, Strom und Mann, Und miteinander ringen sie, Bis daß zuletzt mit vieler Müh' Das andre Ufer er erreicht, Der Mann. »Das war, bei Gott, nicht leicht! Ich traf den Rhein nicht häufig so.« Er spricht es, seiner Landung froh, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~.
Da steht er nun am Uferrand, Die Gegend ist ihm nicht bekannt. Schon dunkel ist's, er nackt und bloß! Traun, die Verlegenheit ist groß. Zurück zu schwimmen durch den Rhein, Darauf lass' sich ein andrer ein! Er spürt, er weiß, das wär' nicht gut, Ob's ihm auch sonst nicht fehlt an Mut.
Die Kleider drüben und der Fluß Dazwischen -- o welch ein Verdruß! Wohin jetzt lenkt er seinen Lauf? Wer nimmt den neuen Adam auf? Da sieht ein Licht er gar nicht weit, Schleicht unterm Schirm der Dunkelheit Hinan sich. »Ha, ein Wirtshaus! Dort Helf' ich mir jetzt schon weiter fort.« Er lauscht. »Horch! Heller Gläserklang! Jetzt unverzagt! Jetzt nur nicht bang!« Ein wenig öffnet er die Tür Und ruft: »Ein Mann in Not ist hier! Reicht, Freunde, mir, ich bitt' euch sehr, Ein Bettuch oder Tischtuch her! Das reicht zu meiner Rettung hin. Habt keine Furcht vor mir, ich bin ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~.«
Das Linnen wird ihm hingereicht, Er hüllt sich ein darin -- nun gleicht Er einem alten Römer fast. Ins Zimmer tritt der werte Gast: »Ihr Herrn, die ihr da sitzt beim Wein, Verzeiht, daß ich so spät erschein' Und in so seltsamem Kostüm! Das macht des Rheines Ungestüm, Der her mich ließ, doch nicht zurück.
Ein Licht erblickt' ich hier zum Glück Und lenkte zu ihm meinen Schritt. Wenn ihr's erlaubt, zech' ich jetzt mit. Mich hat das Schwimmen müd' gemacht, Mich überkam dabei die Nacht, Nun schaudert mich bis tief ins Mark. Wein her! Wein her! Mein Durst ist stark.« Da stehn sie all ehrfürchtig auf, Platz machend ihm. Der Wirt darauf Bringt ihm den Wein und füllt sein Glas: »Trinkt, lieber Herr! Wohl tu' Euch das!« Er hebt das Glas und leert's und spricht: »Der Rhein meint's doch so übel nicht, Daß er mich warf an diesen Strand! Hier fühl' ich mich in guter Hand; Der Ort gefällt mir und der Wein.« Er spricht's und schenkt sich fröhlich ein, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~.
Da fiel beim Trunk manches gutes Wort, Denn wackere Zecher saßen dort. Der Wirt bedient mit allem Fleiß, Daß von der Stirn ihm troff der Schweiß. Sein Amt ihm harte Arbeit schuf, Denn unaufhörlich scholl der Ruf Von irgendeiner Seite her: »Wein her! Wein her! Ich hab' nichts mehr.«
Als spät es ward, nach alter Sitt' Man zu den bessern Sorten schritt, Von Jahrgang sich zu Jahrgang schwang Bis zu dem Wein von erstem Rang. Da funkeln Augen, Wangen glühn, Weinrosen purpurrot erblühn. Nun sitzt erst da voll Herrlichkeit Der Mann im weißen Römerkleid. Vor sich die Flaschenburg erbaut, Stolz er das Ganze überschaut Und spricht mit Kraft und trinkt und trinkt. Wie wohlgemut das Glas er schwingt, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~!
Und wie es spät und später wird, Die Eule schon zu Neste schwirrt, Da wird doch manch ein Zecher still; Die Hand nicht mehr gehorchen will, Und wie ein Mohnhaupt regenschwer Zur Seite sinkt, so hält nicht mehr Sich aufrecht, von der Last gebeugt, Manch Haupt, vom Weine schwer; es neigt Sich auf den Tisch und ruht da fest, Und ungetrunken bleibt ein Rest. Die Hähne krähn, der Morgen graut, Der Tag fahl in die Fenster schaut. Da sitzt noch einer ganz allein,
Der Weißumhüllte, wach beim Wein. Er füllt sein Glas und trinkt es leer -- »Will denn kein andrer trinken mehr? Hat alles schon so früh versagt, Da es ja doch erst eben tagt, Und noch des Weins da ist genug?« Er sprach's und tat manch tiefen Zug, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~.
Hell in die Fenster scheint der Tag, Sich schier darob verwundern mag, Was in der Gaststub' er erblickt. Da schlafen, übern Tisch gebückt, Alle bis auf einen -- dieser spricht: »Jetzt duldet's mich hier länger nicht. Kein Mensch ist da, der mit mir trinkt, Das Schnarchen mir unlieblich klingt, Des Weines find' ich auch nichts mehr; Den Wirt zu wecken, scheint mir schwer, Drum will ich gehn. Die hier ihr ruht, Ihr Schläfer all, bekomm's euch gut!« Er spricht's, von seinem Platze steht Er auf und ohne Schwanken geht Er hin zur Tür und tritt hinaus. Wie sieht die Welt seltsamlich aus! In Glut getaucht sind Wald und Bühl, Und doch weht es ihn an so kühl --
Zum Ufer schreitet er sodann, Da steht bei seinem Kahn ein Mann. »Hier find' ich, was mir eben not, Schau' einen Fährmann und ein Boot! Freund, fahrt Ihr mich wohl übern Rhein?« Der staunt, doch sagt er: »Steigt nur ein!« Vollendet glücklich ist die Fahrt; Die Kleider hat der Strauch bewahrt. Sie anzulegen wird ihm leicht, Das Lailach er dem Schiffer reicht. »Bringt dies zurück dem Wirt im Stern, Grüßt ihn und grüßt die guten Herrn, Die ich dort antraf, jung und alt. Dem Wirte sagt, ich käme bald Ihm zu bezahlen meine Schuld -- Ein wenig wohl hätt' er Geduld. Und dies hier ist für dich, mein Sohn!« Er gibt dem Mann gar guten Lohn Und geht davon aufrecht und stolz Durch Feld und Flur, durchs duft'ge Holz Grad' aus auf eine gute Stadt. Welch einen tücht'gen Schritt er hat, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~!
Er zecht nicht mehr vom vollen Faß, Er schwingt nicht mehr das Römerglas, Er atmet nicht mehr goldne Luft,
Längst ruht er schon in kühler Gruft. Doch wo vereint beim goldnen Wein Sitzt eine Zecherschar am Rhein, Da wird um manche Mitternacht In Ehren seiner noch gedacht. Da heißt's: Klingt mit den Gläsern an! Ihm gilt's! Das war ein wackrer Mann, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~!
Druck und Einband von Hesse & Becker in Leipzig.
Fußnoten:
[1] »Ah, alle Achtung! Eine mächtige Hand! In der ganzen Welt findet man nicht ihresgleichen.«
[2] »Was wollen Sie? Ich bin Ihr Gefangener, mein Herr! Warum mir diese Beschimpfung? Vor Ihrem Bataillon?«
[3] »Nun denn, Kamerad, vorwärts! Sie sind mein Gefangener.«
[4] »Ihren Namen, Ihren Namen, mein tapferer Kamerad!«
[5] heiser.
[6] wann.
[7] Flut.
[8] Lumpenpuppe.
[9] Seemannsscherz, wegen der lehmgrauen Farbe.
[10] Scherzausdruck des Ekels oder der Abwehr.
[11] Fußspuren.
[12] naßwischen.
[13] Bürste.
[14] Lumpen.
[15] Kessel.
[16] steuern.
[17] anschmeicheln.
[18] Kapitän sein.
[19] ihnen.
[20] Haufen, aber nur von halbflüssigen Stoffen.
[21] unruhig.
[22] Zeichen, daß die Flut eintritt.
[23] Taschenkrebs.
[24] Übereilen.
[25] kleiner Damm.
[26] Mittelamerika.
[27] Affen.
[28] Pantoffeln.
[29] d. h. die Sonnenhöhe gemessen hattest.
[30] Wer.
[31] klug.
[32] Scherz.
[33] Der quer durch den Strom schifft.
[34] Teil.
[35] Launen.
[36] Dicker.
[37] Ruß.
[38] Rahmtorten.
[39] mit Petroleummotor.
[40] Wie siehst du aus?
[41] Bataten.
[42] lügt.
[43] Naseweis.
[44] Rahm.
[45] verdrießlich.
[46] Trog.
[47] Zeugklammern.
[48] Spaßmacher.
[49] schwärmen, herumlaufen.