Sechstes Kapitel
Erst spät in der Nacht war Hannes eingeschlafen, und als sie erwachte, war es noch nicht sieben Uhr. Ihre Gedanken setzten sofort dort wieder ein, wo die Ermüdung sie unterbrochen hatte: bei Hans.
Die Arme unter dem Kopf verschränkt, lag sie ganz still, mit weitgeöffneten Augen.
Hans ... Wie oft hatte sie das Wort vor sich hin gesprochen, in all den Jahren des heißen Mühens und Studierens, der ersten, angsterfüllten Versuche und der großen, stolzen Siege in ihrer Kunst. Er wußte es ja nicht. Er wußte ja nicht, daß sie ihm alles verdankte, den ganzen, reichen Inhalt ihres Lebens. Er hatte die Liebe in ihr wachgeküßt, und die Liebe hatte den Ehrgeiz der vornehmen Seele geweckt, es dem Geliebten gleich zu tun an Wissenseifer, und den Drang nach der Schönheit der Form. Dann hatte er den ersten, gewaltigen Schmerz in sie hineingetragen, und der Schmerz hatte den großen Stolz gezeitigt, zu zeigen, daß es für den Mann kein Herabsteigen gewesen wäre zur unlösbaren Verkettung von Seel’ und Leib.
Ein leises, liebes Lächeln glitt um ihren Mund. Hans — — —.
Die Wunden, die sie bei dem jähen Abschied davongetragen, waren längst verharrscht. Und im Laufe der Jahre waren die Narben immer glatter, immer feiner geworden. Wenn sie in stillen Nächten, in denen sie heimdachte, mit gleitendem Finger danach tastete, fand sie kaum noch die Spuren. Dann dehnte sie den jungen, gestählten Körper und spürte in ihm statt Wunden und Schmerzen das Wunder der Frauenkraft. Eines Tages — o, eines Tages würde er sie nötig haben, wie den Duft der Heimatscholle, den kein Sohn des Niederrheins auf immer zu missen vermochte, der zu den Treuen im Lande zählte. Sie glaubte fest an diesen Zug der Heimat. Warte nur, über ein kleines ...!
Sie hatte gewartet, und das Warten war ihr nicht sauer geworden. Alle Energien in ihr waren frei geworden und, von einem zähen Willen geleitet, den Weg gegangen, den ihr erst der Trotz und dann in seltsamer Wandlung das erwachte Gefühl der Persönlichkeit gewiesen hatte. Mit geklärtem Auge schaute sie mehr und mehr in alle Dinge und ihre Beweggründe hinein, und wenn sie auf eine unbefriedigte Ehe traf, sah sie die Verschiebung der einst harmonierenden Motive nicht so sehr in äußerlichen Ablenkungen, als in dem rein innerlichen Umstand, daß die Frau am Tage der Hochzeit mit der straffen, geistigen Erziehung abzuschließen pflegte, während für den Mann jetzt erst die Weiterentwicklung und mit ihr die geistigen Kämpfe begannen. Fand er auf die Dauer kein mitgehendes Verständnis, fand er in ihr, in der er eine Kameradin erhofft hatte, immer wieder nur das launenhafte Kind, kaum auf einer höheren Warte stehend als die Kinder, die sie geboren hatte und die sie zu stolzen, starken Menschen erziehen sollte, fand er in ihr nie und nimmer anderes als das Evageschöpfchen, das »um seiner selbst willen« geliebt sein wollte — was Wunder, daß die Kluft breiter und breiter wurde und eine der Seelen frierend am Ufer stand.
Das war dem jungen, im Dunkel seines ersten Liebeswehs umherirrenden Mädchen wie eine Erleuchtung gekommen: eine Frau muß dem Manne, auch nach dem Rausch des Lenzes, ebenbürtig bleiben; nicht in der Fülle des Wissens, aber in der Fülle des Verständnisses. Dann hat sie ein Recht auf ihn, als sein wahrhaftiger Zeltgenosse, der Kampf und Sieg mit ihm teilt, beides wie ein gleichwertiges; nicht als seine hübsche Magd, der er für ein Lächeln ein Armband mit heimbringt.
Darauf war ihr Streben gerichtet gewesen. Sollte der Tag kommen — auf alle Fälle, sie wollte bereit sein.
Der Tag war nicht gekommen. Ihn mit kleinen Künsten herbeizuführen, lag in ihrem Wesen nicht.
Die Reihe war an ihm, dem Manne — und sie wartete, und wenn sie vergeblich warten sollte. Heute stand sie ihm nicht mehr nach, weder in der Kunst, noch im Leben.
Der selbstbewußte Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens schwand plötzlich hin, eine Unruhe trat in ihre Augen. Sie zog die Arme unter dem Kopfe fort und saß aufrecht da.
Was hatte Onkel Springe gestern abend gesagt? Was war mit Hans?
»Er ist drauf und dran, über Bord zu gehen — —«
Noch einen Moment ließ sie die Worte in ihren Ohren tönen und hämmern. Dann war sie mit einem Sprunge aus dem Bett und kleidete sich an. »Oho,« murmelte sie vor sich hin, während sie die Haken ihres Promenadenkleides schloß, »oho!« Sie wußte nicht, war es eine Drohung, war es, um sich selbst Mut zu machen. Noch war ihr ja gänzlich fremd, in welcher Lage, in welcher Bedrängnis Hans eigentlich stak. Aber die Gewißheit, daß es eine Bedrängnis war, genügte, um sie vergessen zu machen, daß — die Reihe an ihm sein sollte, zu ihr zu kommen; und all die mütterlichen Eigenschaften, die unbewußt im Weibe ruhen, waren in ihr ausgelöst.
Sie klingelte dem Zimmermädchen.
»Sehen Sie doch sofort nach, ob Herr von Springe schon sein Zimmer verlassen hat. Sonst lassen Sie ihn wecken.«
Heinrich Springe erwartete seinen Bundesgenossen bereits im Frühstückszimmer. Sie ließen sich an einem separaten Tisch servieren und saßen allein.
»Guten Morgen, meine Lerche!«
Sie legte den Arm um seinen Hals und ihre weichen Lippen auf seinen Mund.
»Töchterchen,« sagte er zärtlich und streichelte ihr Gesicht und ihr Haar ... »Dort kommt der Kellner. Jetzt heißt es zulangen. Ein Mensch, der ein ordentliches Frühstück im Magen hat, hat schon halb gewonnen. In diesem Sinne los, Hannes! Wer die beste Klinge schlägt!«
Da hielt sie wacker mit.
»Wunderst du dich nicht, daß ich dir gar keine Komplimente über dein Singen mache?« fragte er nach einer Weile. »Du mußt mich unbedingt für einen Barbaren halten. Gelt, das ist die Meinung?«
»Onkel Springe! Wer ist denn musikalischer als du?!«
»Für den Hausgebrauch, Kind. Die musikalischen Schwingungen muß jeder Künstler in sich verspüren, ob Maler, Dichter oder Klavizimbelspieler. Aber sieh mal, Mädel, da reise ich geschlagene acht Stunden mit dem Kurierzug, um dich nach Jahren wiederzuhören, und als es geschehen ist, bleibe ich stumm.«
Sie streichelte seine Hand und sah ihn schelmisch von der Seite an. »Du wolltest wohl erst die Kritiken in den Morgenblättern lesen?«
»Schlauberger!« lachte er. »Übrigens ist das bereits auch geschehen. Die Herren Musikkritiker verstehen zwar durch die Bank mehr von Instrumentalmusik als von einer Stimme, aber diesmal haben sie sich denn doch zu ~einem~ schönen Jubelchor vereinigt. Mein Mädel hat es ihnen angetan, mußte es ihnen ja antun; mir hattest du es ja auch angetan, daß ich den unbezwinglichen Drang verspürte, alle Menschen teilnehmen zu lassen, irgend eine gute Tat zu tun, und da bin ich spornstreichs zum Hans gelaufen.«
Damit war das Wort gefallen. Die beiden sahen sich ernst an.
»Eine Frau ist im Spiel,« sagte Springe kurz.
»Liebt er sie — —?«
»Wenn’s das wäre! Gelt, Mädel, dann würden wir uns bescheiden. Aber das ist es eben nicht. Es ist schlimmer. Er ist mit seinen Sinnen, seinem Hochmut, seiner Eitelkeit engagiert. Das ist ein böses Trisolium für einen Mann, der gewohnt ist, alles von sich selbst aus zu beurteilen und sich in jeder Situation zu bespiegeln. Die Coeur-Dame aber hat ebenfalls ihren Ehrgeiz für sich. Sie möchte außer einem Gatten von Rang und Würden auch noch einen Mantelträger — hm, anders kann ich dir das nicht erklären — und für dies ehrenvolle Pöstchen hat sie in ihrer großen Güte Hans ausersehen.«
»Und Hans — und Hans?«
»Ist aus allen seinen Himmeln gestürzt. Ich habe die feste Gewißheit, daß er sie nicht liebt, so, weißt du, Kind, wie wir das Wort verstehen, mit dem Ewigkeitsbegriff. Aber er ist im Lauf der Jahre ein armer, einsamer Mensch geworden, und todmüde. Da kommt nun eine schöne Frau des Wegs — sagen wir: die gefeiertste Weltdame — und da der verschlossene Sonderling für sie Nouveauté ist, beginnt sie zur Kurzweil das Spiel. Der Mann, der schon auf alle Freuden des Lebens verzichtet hat, traut seinen Augen nicht, zögert, alte Erinnerungen werden in ihm lebendig, und, teils aus Haß, teils aus Gier, noch einmal seine Kräfte zu erproben — er greift zu. Wenn ein Todkranker sich an etwas anklammert, mein Kind, dann fragt er nicht viel nach den Qualitäten, dann redet nur noch sein Egoismus, denn er weiß, es ist das letzte Mal ...«
Springe sann nach. In seinem Geiste sah er, wie Bild für Bild sich entwickelt hatte.
»Die schöne Frau aber,« fuhr er mit ironischer Betonung fort, »hatte bereits andere Pläne, auf die sie nicht verzichten wollte. Und da ihr unterdes Hans unentbehrlich geworden war, als Troubadour, so wirkte sie mit verdoppeltem Nachdruck auf seine Sinne, um ihn für das vorbehaltene Pöstchen des Schleppenträgers gefügig zu machen. Gestern abend erfolgte die Erklärung, und der überrumpelte Hans warf dennoch im ersten Ansturm den Bettel über den Haufen.«
»Ah — —« stieß die Zuhörerin hervor, und über ihr blaß gewordenes Gesicht huschte eine Röte.
»Das muß der Frau wohl imponiert haben. Möglich auch, daß sie darauf vorbereitet war, den Mann erst ein bißchen der Raserei überlassen wollte, um sich dann über den Niedergebrochenen gnädig zu neigen, überzeugt, daß er nun für ein Glück halten werde, was ihm zuvor das Anfassen nicht wert schien. Als ich gestern bei Hans war und meine Plaudereien aus der Heimat ihn still und in sich gekehrt gemacht hatten, platzte in die frommste Stimmung ein =billet de diable= hinein. Und die schönste Explosion war fertig.
Ich halte im allgemeinen nichts von sogenannten Schickungen. Das sind Eselsbrücken für Faulpelze, die nicht fest zupacken wollen. Aber als in diesem Augenblick bei Hans just eine schwere Erkältung zum Durchbruch kommen mußte, Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerz, na, Kleine, da hab’ ich für das eine Mal die Segel gestrichen und die ›Schickung‹ akzeptiert. Auf vierundzwanzig Stunden mindestens liegt er in der Klappe. Gottlob! Mit einem feudalen Husten und Schnupfen kann man weder den Othello, noch den Romeo agieren.«
»Onkel Springe,« bat sie leise, »sei doch ernsthaft!«
»Ich war nie ernsthafter als jetzt. Als ich gestern nacht vor dem Schlafengehen noch für einen Moment in das Café des Kaiserhofs trat, traf ich Herrn Willibald Hüsgen, der Hans bei uns vermutete und ihm auflauern wollte, um sich für den ›genußreichen Abend‹ im Hause Frau Bettina Wittelsbachs zu bedanken. Hans hatte ihn auf seine Quälereien hin dort eingeführt. Herr Willibald war ebenso konfus wie wütend, scheint sich aber einen gut rheinischen Abgang gemacht zu haben. Von ihm hörte ich, daß der bevorzugte Bräutigam ein kleiner, wenn auch etwas abgetakelter Prinz ist. Verstehst du jetzt? Und hier ist das Billett, das Hans gestern nach dem intimen Verlobungszirkel noch erhielt. Ich habe es eingesteckt.«
Er legte die Karte Bettinas auf den Tisch, und Hannes las. Dann lehnte sie sich schweigend zurück, aber in ihren Augen und um ihren Mund stand ein Zug fester Entschlossenheit.
»Nun —?« fragte Springe. »Jetzt gilt’s, den Kriegsplan entwerfen, Kleine.«
»Ich werde zu der Dame hingehen.«
»Was — —? Du — —?«
»Jawohl, ich. Es muß doch auf der Stelle etwas geschehen. O nein, nicht meinetwegen.«
»Aber, Mädel, alter, tapferer Hannes, was willst du denn dort?«
»Das weiß ich noch nicht. Wenn ich ihr gegenüberstehe, werd’ ich es wissen.«
Springe schwieg. Dann nahm er Hannes’ Hände.
»Hör mich mal an. Ich weiß mit Frauenzimmern schlecht Bescheid, oder sie müßten sein wie Frau Margot, du und Mutter Stahl. Düsseldorfer Auslese. Aber daß ~du~ zu der Dame hingehst, das duld’ ich nicht. Wenigstens jetzt noch nicht. Du bist ein junges Mädchen, und ich ein gesetzter Mann, wenn’s auch keiner glaubt. Folglich — werde ~ich~ hingehen. Das war auch meine Absicht.«
»Onkel Springe, dir werden deine Kavaliertugenden im Wege stehen.«
»Ja, Kind, um mich dort herumzuprügeln, geh’ ich auch nicht hin.«
Nun mußte sie doch lächeln, trotz ihrer schweren Stimmung.
»So meinte ich es nicht. Aber gewisse Dinge können sich nur Frauen sagen. Und wenn du nichts erreichst?«
»Dann, ja dann soll die Reihe an dir sein. Abgemacht!«
Sie erhoben sich und unternahmen einen Spaziergang, über die Linden, durch das Brandenburger Tor und den Tiergarten. Das Thema wurde nicht weiter berührt. Sie waren beide wortkarg geworden.
Als es gegen elf Uhr ging, verabredeten sie, da das Wetter heiter war, eine Rendezvousstelle am westlichen Ausgang des Tiergartens. Springe nahm einen Wagen und fuhr zum Kurfürstendamm. Dem Hausmädchen, welches ihm die Korridortür öffnete, gab er seine Karte und trug ihm auf, der gnädigen Frau zu bestellen, daß er eine Mitteilung von Herrn Doktor Steinherr zu überbringen habe. Wenige Minuten darauf stand er im Empfangssalon Bettina gegenüber.
Sie sah etwas abgespannt aus, aber gerade der matte Flor um die Augen verstärkte den pikanten Reiz.
»Meine gnädige Frau,« sagte er mit tiefer Verbeugung, »ich erbitte Ihre Verzeihung, daß ich so gänzlich ungerufen —«
»O,« erwiderte sie lächelnd, »die Freunde des Herrn Doktor Steinherr sind auch meine Freunde.«
»Ich werde mir diesen Vorzug zu eigen machen.«
Sie zog einen Moment die Augenbrauen hoch; dann wies sie lässig auf einen Sessel. »Sie ließen mich wissen, daß ein Auftrag des Herrn Doktor Sie zu mir führe ...«
»Ein Auftrag? Pardon, nein. Das ist ein Mißverständnis. Lediglich ein Mitteilungsbedürfnis trieb mich her.«
Eine Pause trat ein. Frau Bettina war auf der Stelle orientiert. Und diese Pause benutzten sie beide, um sich schweigend zu beobachten. Dann sagte die Dame des Hauses kalt: »Jetzt ist es an mir, Ihre Verzeihung zu erbitten. Aber ich erwarte in dieser Minute noch Besuch.«
Heinrich von Springe verneigte sich, aber er blieb sitzen. »Der Besucher, meine gnädige Frau, ist leider durch eine heimtückische Krankheit ans Bett gefesselt.«
»Hans ist krank — —?« entfuhr es ihr so schnell, daß sie ihren Fehler nicht mehr korrigieren konnte.
»Ja,« wiederholte Springe höflich, »er ist krank. Gestern abend ist er plötzlich erkrankt.«
Sie nagte nervös an der Lippe, um die Beherrschung wiederzufinden. Dann sah sie ihr Gegenüber scharf an.
»Sie wissen, um was es sich handelt?«
»Um eine Influenza, gnädige Frau.«
»Ah —!« rief sie zornig und sprang auf. »Mir scheint, Sie wollen die Situation ins Lächerliche ziehen.«
Auch Springe hatte sich sofort erhoben.
»Wenn gnädige Frau mit der Frage etwas anderes bezweckten, dann allerdings habe ich —«
»Nein, nein,« lachte sie ungeduldig auf, »es handelt sich in der Tat um diese — diese Influenza.«
Springe lachte unaufgefordert mit, als ob er die Pointe in ihren Worten durchaus nicht verstanden hätte.
»Sie haben recht, gnädige Frau, das ist freilich eine außerordentlich komische Krankheit.«
Da wurden ihre Gesichtszüge unbeweglich.
»Ich danke Ihnen, mein Herr, für die Freundlichkeit, mich zu benachrichtigen. Ich darf aber wohl Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.«
Und als Springe zögernd auf seinem Platze verharrte, sagte sie mit einer hoheitsvollen Abschiedsverneigung: »Herr von Springe — —?«
Da rückte sich Springe zusammen und trat einen Schritt näher.
»Gestatten Sie mir, meine gnädige Frau, daß ich noch ein bei der Vorstellung entstandenes Versäumnis nachhole. Ich möchte nicht gehen, ohne mich Ihnen in meiner Eigenschaft als Vater Hans Steinherrs zu präsentieren.«
Frau Bettina trat überrascht zurück, glühende Röte auf der Stirn. »Sie scherzen,« stammelte sie verwirrt, »das ist doch nicht möglich.«
»Die Verwunderung ist ganz auf meiner Seite, gnädige Frau. Sollte Hans das nie erwähnt haben?«
»Er liebte es nicht, von daheim zu sprechen,« gab sie, immer noch fassungslos, zur Antwort. »Nur einmal, ganz kurz, erwähnte er eines alten Freundes, der durch Heirat sein, Hansens, Stiefvater geworden sei.«
»Dieser alte Freund bin ich, gnädige Frau, und die Freundschaft ist auf meiner Seite unverändert geblieben.«
»Sie sind nicht alt ...« sagte sie gedankenlos.
»Ist denn äußerlich erkennbares Alter ein unbedingtes Erfordernis zum Ehemann?«
Sie zuckte zusammen. Das war Hohn. — — Nun hatte sie sich wieder.
»Da Sie sich als Vater meines besten Freundes ausweisen,« sagte sie mit lächelnder Liebenswürdigkeit, »so müssen Sie mir schon erlauben, daß ich Sie noch ein wenig hier behalte. Das ist eine unerwartete Freude für mich.«
Springe stutzte; aber er ließ sich wieder nieder.
»Und nun erzählen Sie mir von ihm. Von dem Hans, als er noch ganz klein und unartig war.«
»Sollte es nicht,« erwiderte Springe verblüfft, »in unserem Falle richtiger sein, ~Sie~ erzählten mir von dem Hans, als er schon ganz groß und — artig war?«
»Bitte, bitte,« schmeichelte sie, und ihre dunklen Augen schienen weich und flehend. »Was ich zu berichten habe, ist nicht immer erfreulich. Er hat mir viel Sorgen gemacht, aber ich hab’ ihn gern und bewundere sein Talent; und von seinen Freunden erträgt man viel, das haben Sie wohl auch erfahren. Erzählen Sie mir von seiner Jugend. Nachher mag die Reihe an mich kommen, zu ergänzen.«
Noch einmal machte Springe einen Anlauf, das Gespräch auf der anderen Bahn zu halten. Aber sie legte ihm sanft die Spitzen ihrer zarten Finger auf die Hand und sah ihm mit dem rätselhaft lächelnden Blick in die Augen.
Das arme Ding, dachte er mitleidig, sie kann nun einmal nicht gegen ihre Natur. Es ist ein Jammer, daß man so einem schönen Geschöpf wehe tun muß. Na, anders geht’s doch nicht.
Aber er begann zunächst zu erzählen. Vom Rhein, vom Düsseldorfer Leben, von seiner ersten Bekanntschaft mit Hans, von den großen Qualitäten des jungen Freundes und seiner Entwicklung, von den feinen, dichterischen Talenten, die durch eine Jugendliebe geweckt worden seien, und vieles mehr. Jedesmal, wenn er zu Ende kommen wollte, berührte sie leise seine Hand, und ihr Auge verlangte, daß er fortfahre.
Mitten in einer Schilderung hielt er inne. Die Zimmeruhr hatte die Mittagsstunde geschlagen. Der Zweck seiner Mission fiel ihm heiß aufs Herz. »Gnädige Frau,« sagte er sich erhebend, »Sie müssen mir den Jungen freigeben, zumal ich mich gleichzeitig beehren darf, Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche zur Verlobung auszusprechen.«
Frau Bettina lehnte sich tief zurück. Das war die Ironie, die ihr immer imponierte.
»Und wenn ich ihn trotzdem behalten möchte.«
»Das ist des Rheinlands nicht der Brauch. Wir da von der Westgrenze sind als reichlich selbstbewußt, oder sagen wir ruhig: hochmütig verschrieen bei aller unserer Lebensleichtigkeit; auch in unserem Lieben machen wir Anspruch auf die ~erste~ Stelle.«
»Und in Ihrem Hassen?«
»Ich bin kein Adelsnarr. Aber auf dem Wappen meiner Familie steht der rechte Spruch: ›=Pectus amicis, hostibus frontem=.‹ Sie haben die Wahl.«
»Ich verstehe kein Latein.«
»Ich auch nicht. Ich hab’s wieder verlernt, seitdem ich merkte, daß in der Welt viel zu wenig ›deutsch‹ geredet würde. ›Die Brust dem Freund, die Stirn dem Feind‹, lautet der Spruch.«
»Wollen Sie mein Freund sein, Herr von Springe?«
»Gnädige Frau tun mir unverdiente Ehre an.«
»Wer ist heute noch ein Freund? Ihr Hans, o ja; heute schon läßt er mich allein. Aber ein Mann ist er doch, der Tollkopf, und deshalb muß er mein Freund bleiben. Und Sie sind sein Erzieher ... Aus dieser Quelle hat er geschöpft. Lassen Sie mich auch davon profitieren.«
»Meine gnädige Frau, der Zweck meines Besuches ist denn doch wohl —«
»Den Zweck Ihres Besuches,« fiel sie ein und schüttelte ihm herzlich die Hand, »den sollen Sie mir morgen sagen, um diese Stunde. Kommen Sie allein, oder kommen Sie mit Hans. Heute laß ich mir die schöne Stimmung, die ich Ihnen danke, nicht angreifen. Das ist Ihre eigene Schuld.«
Sie sah ihn an, mit halb über die Augen gesenkten Wimpern.
»Auf Wiedersehen, Herr von Springe! Ihrem Pflegling die zärtlichsten Wünsche.«
Da stand er draußen; lachend, wütend, vollständig durcheinandergewirbelt. Die Hexe, sprudelte es in ihm. Da hat sie mich so lange von Düsseldorf erzählen lassen, bis wir glücklich so familiär geworden waren, daß ich ihr nicht mehr grob kommen konnte. Hannes meinte ja gleich, meine Kavalierstugenden — — ach was, Kavalierstugenden! Blamiert hast du dich, alter Sohn! Vor zwei kokettierenden Satansaugen hast du geschnurrt wie ein Kater, dem man das Fell streicht!
Als er seiner Bundesgenossin ansichtig wurde, schlug ihm doch das Herz. Aber er bemäntelte seine Niederlage nicht.
»Sie hat mich in Watte gewickelt,« knurrte er und biß sich auf den Schnurrbart. »Viel hätte nicht gefehlt, und ich wär’ ihr um den Hals gefallen.«
»Gott sei Dank!« gab das Mädchen zur Antwort.
»Gott sei Dank?« wiederholte Springe perplex. »Wieso denn das?«
»Onkel Springe, wenn selbst du nicht standhalten kannst, ist Hans doch auch entschuldigt!«
Das ist die Logik der Liebe, dachte Springe. Aber er war kleinlaut geworden und sagte es nicht laut.
»Erwarte mich im Hotel, Onkel. Spätestens in einer Stunde bin ich zurück.«
Er sah ihr nach, wie sie über den Damm mit leichtem, flotten Gang auf eine Droschke zuschritt. In dem rotblonden Haar lag die Vorfrühlingssonne wie eine lustige Lohe. Ist das ein Mädel! gestand sich Springe. Man wird gesund und fröhlich vom bloßen Anschauen. Da liegt ein anderer Schmiß drin als in der Treibhausblume von vorhin. — — — Na, na, na ... Nachträglich Schimpfen, das ist auch so eine Art —.
Dann wandte er sich ab und schlug langsam den Weg zum Hotel ein. — — —
Hannes hatte Frau Bettina ihre Künstlerkarte hineingeschickt, wie sie sie im Verkehr mit Konzertdirektoren und Arrangeuren zu benutzen pflegte.
»Johanna Stahl?« las Bettina nachdenklich. »Die berühmte Altistin, die gestern erst im Philharmonischen — Sagen Sie der Dame, Anna, daß ich sehr erfreut bin, sie zu empfangen.«
Die beiden Frauen standen sich gegenüber.
»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Bettina, überwältigt von der eigenartigen Erscheinung und der jugendlichen Schönheit der Sängerin, und streckte ihr beide Hände entgegen, »was verschafft mir den Vorzug, einen so ausgezeichneten Gast bei mir zu sehen?«
»Bewilligen Sie mir wenige Minuten Gehör, gnädige Frau? Ich möchte vorausschicken, daß die Angelegenheit, die mich herführt, in erster Linie ~Ihre~ Interessen tangiert.«
Bettina ließ die Arme sinken. Die andere hatte ihre Willkommenbewegung gänzlich übersehen.
»Nehmen Sie Platz, mein Fräulein,« sagte sie mit formeller Höflichkeit. »Womit kann ich Ihnen dienen?«
Hannes machte von der Einladung keinen Gebrauch. Eine Sekunde lang kreuzten sich ihre Blicke. Die eine sah die dunkeläugige, gefährliche Favoritin, die andere das freie, unerschrockene Germanenmädchen.
»Ich spreche gern die Hoffnung aus,« begann Hannes ruhig, »daß unsere Unterredung ebenso kurz wie befriedigend verläuft. Mein Pflegeonkel, Herr von Springe, ist, wie sich denken ließ, unverrichteter Sache heimgekehrt. Ich hatte ihm gleich gesagt, daß das kein Geschäft für Männer sei.«
»Ein Geschäft —? Mein Fräulein, Sie bedienen sich recht seltsamer Ausdrücke.«
»Wir wollen hier nicht um Worte streiten, gnädige Frau. Das würde die Erledigung der Angelegenheit nur verzögern.«
»So — so — —. Sie kommen aus demselben Grunde wie Herr von Springe? Nun, ich finde das für Sie nicht sonderlich delikat.«
»Gnädige Frau, Sie wollen gütigst beachten, daß das — Parfüm nicht von mir herstammt.«
»Mein Fräulein!«
»O nein, Sie erschrecken mich nicht. Ich fasse mich kurz. Das ist auch mein Geschmack. Es liegt in Ihrem Interesse, daß ich Sie bitte, Ihre Beziehungen zu Herrn Hans Steinherr ohne weiteres abzubrechen.«
»Verehrtes Fräulein,« lachte Bettina und zuckte die Achseln, »die Rolle der verlassenen Ariadne, in der Sie sich gefallen, ist einfach lächerlich.«
»Es freut mich, daß Sie das Kolorit dieser Rolle richtig taxieren, obwohl ich nicht viel mit ihr zu tun habe. Ich reise morgen nach München und singe in acht Tagen in Paris. Aber eben Sie, gnädige Frau, möchte ich vor dieser Rolle bewahren.«
»Tragen Sie keine Sorge. Ich qualifiziere mich nicht dazu.«
»Das zu erfahren, läge lediglich in meiner Hand.«
»Sie machen mich neugierig.«
»Ich frage Sie nur, ob Sie, die Verlobte eines hohen Herrn, die Beziehungen zu meinem Jugendfreunde lösen wollen oder nicht.«
»Und wenn ich Ihnen jegliche Antwort darauf verweigerte?«
»Soll ich das als Antwort auslegen?«
»Es steht in Ihrem Belieben.«
»So zwingen Sie mich, auf der Stelle zum Prinzen Georg hinzufahren und ihm den Inhalt dieser Unterredung mitzuteilen. Entscheiden Sie sich!«
Bettina war erblaßt. Ihre Brust hob und senkte sich tief, und die langen Wimpern zitterten über ihren Augen.
»Wenn Sie durchaus Lust verspüren, sich selbst mit diesem Schritt zu kompromittieren — —. Sie verstehen mich wohl. Übrigens wird man Sie nicht empfangen.«
»Man ~wird~ mich empfangen. Ich bin meiner Kunst dankbar, daß sie mir alle Türen öffnet. Und vor einer Kompromittierung fürchte ich mich nicht. Das ist mir die Freundschaft schon wert.«
Die beiden Frauen sahen sich fest in die Augen. Dann sagte Bettina mit einer starken Willensanstrengung: »Ihr glühendes Eintreten stellt mir den Preis so verlockend vor, daß ich Lust habe, freiwillig dem Prinzen abzusagen und Herrn Doktor Steinherrs Werbung heute noch anzunehmen.«
»Das kommt zu spät, gnädige Frau.«
»Mein Fräulein, ich muß mir jetzt jeden weiteren Einspruch verbitten.«
»Gestern hätten Sie noch ein Recht dazu gehabt, heute nicht mehr. Ich lasse Hans nicht unglücklich machen.«
»Unglücklich? Wenn ich ihn heirate? Das ist zum wenigsten originell.«
»Hans würde über die gestrige furchtbare Enttäuschung nie hinwegkommen. Er würde nie das Vertrauen zurückgewinnen und an den quälenden Gedanken zu Grunde gehen.«
»In Ihnen aber, nicht wahr, in Ihnen würde er die rechte Gefährtin finden. Nun, ich bin nicht seelengroß genug, um Ihnen den erwählten Gatten abzutreten. Mein Entschluß ist jetzt gefaßt.«
»Gnädige Frau,« begann Hannes, und ihr stolzer Mädchenkörper reckte sich hoch auf. Über ihrem Gesicht lag eine finstere Ruhe. »Gnädige Frau, ich habe bis jetzt ~nicht~ von mir gesprochen, aber wenn Sie mich zwingen, ~werde~ ich von mir sprechen.«
»Ah — das klingt wie eine Drohung ...«
»Und es ~ist~ eine Drohung. Sehen Sie mich an. Wir sind zwei Frauen, und keiner hört uns. In der Stunde der Gefahr soll keine falsche Scham zwischen uns stehen. Sehen Sie mich an. Sie sind schön und üben Ihren Einfluß auf die Männer; und ich —« eine dunkle Röte flog über ihre Stirn, aber in ihren Augen blieb das stahlharte Leuchten — »ich traue mir zu, es mit Ihnen aufzunehmen. Kein Mann hat mich je berührt, mit Ausnahme Hans Steinherrs, als er noch ein halber Knabe war. Das fällt mit in die Wagschale. Wagen Sie es, von seiner Stimmung Gebrauch zu machen, wagen Sie es, ihn für immer an sich zu ketten und damit sein Leben zu zerstören, nachdem Sie seinen Glauben schon zerstört haben! Selbst ~dann~ werde ich meine mädchenhafte Scheu überwinden, und ich werde schöner sein und treuer sein als Sie, und ich werde länger jung bleiben um seinetwillen! Wagen Sie den Kampf? Ich werde ihn mit der Heimatsstimme rufen und dem Ton der alten Erinnerungen. Für sein Glück soll mir ~kein~ Opfer zu schwer sein, und der Herrgott wird es mir verzeihen.«
Frau Bettina starrte das Mädchen an. Das war kein Ausbruch verwundeter Eitelkeit, das war die hinreißende Frauenreinheit, die alles darf, und die durch nichts befleckt wird. Und mit einem Male kam sie sich alt und müde vor neben dem jungen, zu jedem Kampf entschlossenen Geschöpf.
»Gehen Sie, gehen Sie!« murmelte sie und drückte die Hand vor die Augen.
Da trat Hannes auf sie zu und zog Frau Bettinas Hände herab. »Ich bin, als ich eintrat, Ihrem Händedruck ausgewichen, gnädige Frau. Lassen Sie mich jetzt Ihre Hände drücken.«
»Ich weiß nicht, womit Sie es mir angetan haben,« stammelte die Frau. »Sie — Sie haben den gläubigen Mut ...« Und plötzlich, dem Impuls des Weibes folgend, schlang sie den Arm um Hannes und sah ihr leidenschaftlich in das ernste und doch so jugendstrahlende Gesicht.
»Leben Sie wohl, Sie glückliche Natur! Ihr Hans soll nie wieder von mir hören. Nur drei Abschiedszeilen zum Adieu.«
Mein Hans — dachte Hannes mit einem wehmütigen Lächeln. Aber sie behielt tapfer ihre Haltung bei, und ruhig und gefaßt schieden die Frauen voneinander. — —
Im Hotel ließ sie Springe auf ihr Zimmer bitten. Sie nickte dem aufgeregt Hereinstürmenden zu.
»Hans wird ~nicht~ über Bord gehen. Die Gefahr ist vorbei.«
* * * * *
Als Springe am Nachmittag den Freund aufsuchte, fand er ihn am Schreibtisch sitzend. Stumm wies Hans Steinherr auf ein Blatt Papier. Bettina schrieb ihm, daß sie noch am selben Abend zu Verwandten ihres Verlobten abreise, ihn aber um seine Verzeihung bitte.
»Komm mit nach Düsseldorf!« sagte Springe ernst. »Du bist es dir und du bist es auch der Mutter schuldig. Die Heimat wird dich gesund machen.«
»Ich glaube an kein Gesundwerden mehr, Heinrich. Ich habe meine Wurzeln eigenhändig zerstört.«
Aber er ließ sich leicht überreden, er war müde und hatte eine traurige Sehnsucht. —
Hannes war nach München abgereist. Er hatte ihre Grüße empfangen und sie selbst nicht gesehen. Sie schien vor ihm geflohen zu sein, und das schmerzte ihn tiefer, als er es Springe wissen ließ.
In den ersten Märztagen fuhr Hans Steinherr an der Seite Heinrich von Springes durch Hannover, Westfalen und das niederrheinische Land. In sich versunken blickte er auf die Lichter Düsseldorfs, die sich rasch näherten. Er kam nicht als Sieger, aber er kam.
Die Heimat hatte ihren erkrankten Sohn zurückgefordert.
[Illustration]
Siebentes Kapitel
Herr Friedrich Leopold von Springe saß an seinem hochbeinigen Schachtisch, dessen eingelegte Platte von einer niederen Galerie umgeben war, um die Figuren vor dem Hinabstürzen zu bewahren. Er trug eine elegante, flauschige Jagdjoppe, sein dünnes Haar war sorgfältig frisiert, und sein schlohweißer Schnurrbart strebte noch immer in keck gestutzten Spitzen nach oben. Nur in seinen Händen war ein leichtes, wenn auch kaum auffallendes Zittern zu bemerken, wenn er den Läufer zum Sturm beorderte oder den Springer den Rösselsprung vollziehen ließ. Er behauptete zwar, das sei die Aufregung des Spiels, kompliziert durch die Partnerschaft einer angebeteten Dame.
Diese Partnerin und Verehrte seines Herzens thronte in Gestalt Frau Stahls auf einem hohen Ledersessel ihm gegenüber. Über ihre faltigen Züge huschte, so oft sich Herr Friedrich Leopold in einer chevaleresken Bemerkung gefiel, ein kurzes, verschämtes Lächeln, das sie alsbald unter einem verdoppelt strengen Ernst zu verstecken sich mühte, gerade so, als müßte man sich von dem gefährlich tuenden alten Herrn der unglaublichsten Heißspornigkeiten gewärtig halten und dürfte daher seinem Jugendfeuer nicht die geringsten Konzessionen machen.
Eine warme Gemütlichkeit herrschte in dem Zimmer. Kein Geruch nach Lavendel und Rosmarin. Aber es duftete verräterisch nach echtem Sellnerschen Punsch vom Karlsplatz.
»Durchaus nicht, weil ich am Alkohol hänge,« pflegte der alte Herr jedesmal zu betonen, wenn er aus dem Tischuntersatz das Glas hervorholte und verbindlich gegen Frau Stahl hob. »Ich bin eigentlich von Haus aus Vegetarier und schwärme für junges Gemüse. Aber wo soll der Mensch in den ersten Tagen des Märzen Maikräuter herbeziehen!«
Gegen diese eiserne Logik ließ sich nichts einwenden. Und wenn auch Frau Stahl von Zeit zu Zeit mit dem liebevoll geschärften Blick, mit dem man große Jungen zur Einkehr zwingt, auf die nach dem Tischuntersatz tastende Hand des alten Herrn schaute, ~so~ ungefähr, als ob sie auf seinem Handrücken etwas ganz außerordentlich Interessantes erblickte, so erhob sie sich doch zu mehreren Malen am Abend, um aus dem Kamin schweigend den dampfenden Wasserkessel hervorzuziehen.
Dann saß Herr Friedrich Leopold ganz still, die Hände im Schoß gefaltet, und beobachtete ihr Tun. Mit leichtgewölbten Nasenflügeln schnupperte er den Duft, der aus der innigen Vermählung des Punschsirups mit dem brodelnden Wasser aufstieg, und bewegte leise die Lippen.
»Aber, Herr von Springe,« sagte die alte Frau mahnend, »können Sie denn gar nicht abwarten?«
»Ach,« erwiderte Friedrich Leopold harmlos, »Sie meinen also wirklich, das geschehe wegen des Punsches? O, meine gute Frau Stahl, in welchem Irrtum bewegen Sie sich. Wenn meine Lippen sich regen, so tun sie es, weil es sie zum Reden drängt. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Und wenn ich so die Zierlichkeit Ihrer Bewegungen bei der Punschbereitung betrachte — nein, nein, lassen Sie mich nicht weitersprechen. Aber das Wort des einzigen Philosophen, den ich anerkenne, bleibt dennoch wahr: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.«
»Haben Sie denn Sorgen, Herr von Springe? Das bißchen Podagra meldet sich doch nur beim Witterungsumschwung.«
»Liebessorgen, meine verehrte Frau; Liebessorgen um Sie.«
»Ja,« sagte die alte Frau und hob betrüblich die Achseln, »da ist freilich nix zu machen. Sie kennen meinen Standpunkt. Ich bleib’ fest, aus Konsequenz.«
»Na, dann geben Sie mir wenigstens den Leidenskelch. Frau Stahl, Frau Stahl! Wenn ich in meinen besten Mannesjahren jählings zum Trinker werde — Sie tragen die Verantwortung. Nein, nein!« protestierte er, »keine stärkere Wasserzugabe. Ich bin durch Ihre Absage genügend abgebrüht.«
Sie aber ließ sich nicht behindern, den Trank nach Gutdünken zu mischen.
In dem offenen Kamin knatterten die Holzscheite hinter dem Eisengitter. Das war bei kaltem Wetter Herrn Friedrich Leopolds größte Freude.
»Sehen Sie,« belehrte er Frau Stahl, »der Stolz auf sein altes Adelsgeschlecht, das ist doch kein leerer Wahn. Man muß ihn nur richtig handhaben. Ich bin ja nur ein dürres Reis an unserem Stammbaum, aber trotzdem, ich habe die Geschichte unseres Hauses im kleinen Finger. Und wenn ich so sitze und grübele — dann gehört ein offenes Kaminfeuer dazu und das Rattern und Knattern der Scheite. An so einem Kaminfeuer haben sich auch meine Herren Vorgänger im lustigen Mittelalter höchstihre Fußsohlen gewärmt, wenn sie von mehr oder weniger tugendhaftem Beginnen auf ihre Burg am Rhein zurückkehrten. Geben Sie gut acht. Der Kamin und das Füßewärmen tun’s nicht allein; aber — die Tradition. Es ist so ein eigentümlich Ding um so eine Familientradition. Man sollte ihr auch in Bürgerkreisen mehr nachgehen. Glauben Sie mir, die Gedanken daran wandeln sich in Blutkörperchen um, und die Blutkörperchen geben Haltung. Man weiß, man ist seinen Vorgängern und Nachfolgern etwas schuldig, und wäre es auch nur die — gute Haltung. Ein Meteor, das sich von seinem Heimatstern ablöst, strahlt zwar sehr schön und setzt alle Welt einen Atemzug in Staunen, aber wenn es seine Bahn durchsaust hat, sinkt es auf fremder Erde in Nacht und Grauen. Höchstens findet’s ein Professor. Der klopft und riecht dran herum und — o Tragikomödie des Meteors — erklärt der gläubigen Jüngerschar: Meine Herren, das, was Sie hier sehen, ist durchaus kein Element an sich. Es hatte einmal elementare Qualitäten, als es noch seine Kräfte aus dem zuständigen Heimatsrevier des Saturn oder Uranus zog. Jetzt aber, jetzt — tun Sie’s in Ihre Sammlung, unter: Verschiedenes.«
Der alte rheinische Junker stemmte seine Füße fest gegen das Kamingitter und fuhr fort: »Die Familientradition, ja, die hat eben etwas an sich. Man braucht sie nicht nachzubeten, bloß in den Knochen soll man sie haben. Das ist auf alle Fälle ein feiner Regulator zwischen dem modernen Geist und der alten Materie. Sie mögen sagen, was Sie wollen: das sind Imponderabilien, die man bei der Rassenentwicklung nicht unterschätzen soll. Schauen Sie sich um unter den Söhnen des Landes. Bengel sind sie ja alle, gottlob!, und das ist ein gesundes Zeichen. Aber wie Sie, im engeren, unter den Akademikern untrüglich die Verbindungsstudenten herauswittern, so werden Ihnen, im weiteren, immer die jungen Leute auffallen, die durch ihre Erziehung darauf hingeleitet worden sind, ihrer Altvorderen, ob bürgerlichen oder adligen Grades, zu gedenken. Was natürlich mit der persönlichen Hinneigung des einzelnen zum Genie oder zum Schafskopf auch nicht das allermindeste zu tun hat. Ich resümiere nur auf die Haltung; in allen Lebenslagen.«
Die alte Frau, die das Leben wissend gemacht hatte, nickte. Auch heute freute sie sich an der draufgängerischen Frische des Altersgenossen, aber sie hatte Lust, zu opponieren.
»Und wenn ein Kind keine Familientradition besitzt? Es gibt doch auch solche Würmer.«
»Donnerwetter,« sagte der alte Herr eifrig, »dann heißt es eine anlegen; auf einer Basis, so groß und breit und tief und unveräußerlich, wie — na — kurz — wie ein Fideikommiß. Deubel ja, muß das schön sein, eine werdende Familie zu etablieren, so eine mit Haken und Ösen. Und der dolle Stolz, den man dann darauf hat!«
»Zum Beispiel: wie der alte Steinherr,« meinte Frau Stahl nebenbei.
Herr Friedrich Leopold sah sie groß an.
»Ich sprach doch nicht von einem Krämergeschäft mit Addieren, Multiplizieren und Bruch- und Prozentrechnung, bis die Siebenstellige im Münzwert voll ist? Nein, meine verehrte Frau, ich meinte die Etablierung eines besonders feinen und körperlich gesunden Menschenschlags, mit Addieren und Multiplizieren, bis die Siebenstellige im geistigen oder seelischen Wert voll ist, von der dann die Nachkommen auf Generationen hinaus zehren. Um Ihnen ebenfalls mit einem Beispiel zu dienen: Hannes!« — —
Die alte Frau stand auf, ging zum Kamin und schüttelte dem Realphilosophen derb die Hand.
»Ja, ja, ja,« philosophierte der weiter, »und langlebig macht so eine gute, alte Familienerinnerung! Wenn andere Leute in das Kaminfeuer blicken, denken sie zurück bis zu dem Tage, an dem sie ihre Nase im Gesicht verspürten. Bei mir jedoch werden hundert Jahre wie ein Tag. Da seh’ ich alle meine Leute durch die Jahrhunderte schreiten, und alle sind sie mir bekannt, die Würdigen und die Borstigen, und so oft ich sie aufmarschieren lasse — ätsch, ich bin der Jüngste. Sehen Sie, meine verehrte Freundin, darin liegt das große Geheimnis meiner ewigen Jugend.«
Die Greisin sann nach.
»Sie sind ein glücklicher Mensch,« sagte sie dann.
»Bin ich auch.«
»Den einen trifft’s und den anderen kann’s auch treffen. Wenn man in die Jahre kommt, von denen geschrieben steht: sie gefallen mir nicht ...«
»Nee, nee, nee, Frau Stahl, nun schwindeln Sie. Die Jahre gefallen uns gar nicht schlecht. Jungen Leuten wie uns kann’s doch nicht auf ein paar lumpige Jahre ankommen. Die Hauptsache ist: leben, und wissen, daß man lebt! Beste Freundin, Ihre Lippen sind sonst doch immer schwer an Sprüchen der Weisheit. Ist Ihnen denn über den Wert des Lebens kein kräftig Wörtlein geläufig?«
Die alte, ungebeugte Frau mit dem großen Lebenstrotz saß auf ihrem Ledersessel und strich mit der Handfläche über die aufmarschierten Schachfiguren hin und her. Dann begann sie zu reden: »Es begegnet dasselbe einem wie dem anderen, dem Gerechten wie dem Gottlosen, dem Guten und Reinen wie dem Unreinen, dem, der opfert, wie dem, der nicht opfert. Wie es dem Guten gehet, so gehet’s auch dem Sünder. Wie es dem, der schwört gehet, so gehet’s auch dem, der den Eid fürchtet. Das ist ein bös Ding unter allem, das unter der Sonne geschieht, daß es einem gehet wie dem anderen; daher auch das Herz der Menschen voll Arges wird, und Torheit ist in ihrem Herzen, dieweil sie leben; danach müssen sie sterben. Denn bei allen Lebendigen ist, das man wünscht: Hoffnung; ~denn ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe~.«
»Bravo!« rief Herr Friedrich Leopold und rieb sich die Hände. Besonders das Beispiel hatte seinen Beifall.
»Denn die Lebendigen,« fuhr die Greisin mit einem kleinen Lächeln über des alten Freundes Zustimmungsruf fort, »wissen, daß sie sterben werden; die Toten aber wissen nichts, sie haben auch keinen Lohn mehr; denn ihr Gedächtnis ist vergessen, daß man sie nicht mehr liebet, noch hasset, noch neidet; und haben keinen Teil mehr auf der Welt in allem, das unter der Sonne geschieht.«
»Ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe,« bestätigte der Zuhörer.
»So gehe hin,« schloß die Greisin frisch, »und iß dein Brot mit ~Freuden~, trinke deinen Wein mit ~gutem Mut~ —«
»Bravo, bravo —«
»— denn dein Werk gefällt Gott. Laß deine Kleider immer weiß sein, und laß deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Brauche des Lebens mit deinem Weibe, das du lieb hast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat, solange dein eitel Leben währet; denn das ist dein Teil im Leben und in deiner Arbeit, die du tust unter der Sonne. Alles, was dir von Handen kommt zu tun, das tue ~frisch~; denn in der Hölle, da du hinfährst, ist weder Werk, Kunst, Vernunft, noch Weisheit.«
»Schade um den Schluß,« sagte Herr Friedrich Leopold, »aber bange machen gilt nicht, und Spaß muß sein.«
Dann verließ er seinen Kaminsitz, nahm Frau Stahl gegenüber am Schachtisch Platz und schaute sie voll ehrlicher Bewunderung an.
»Allen Respekt, Verehrteste, das war eine Leistung. Aber, aufrichtig: aus sich selbst haben Sie das nicht, das haben Sie mal irgendwo gelesen.«
»Das steht in der Bibel, Herr von Springe; im Prediger, neuntes Kapitel.«
»Ja, ja, ja,« sagte der alte Junker ein wenig kleinlaut .... »Hören Sie mal,« meinte er nach einer Pause, und das ehrliche Staunen stand wieder in seinen Augen, »wie haben Sie das nur alles seit der Schulzeit behalten?«
»Ich habe das seit der Schulzeit regelmäßig wieder aufgefrischt, Herr von Springe.«
»Aber natürlich, aber natürlich ... Eigentlich schlimm, daß ich ... Aber nun hab’ ich ja den Pastor im Hause, mir wird nichts mangeln,« und er schüttelte der Freundin vergnügt die Hand.
Dann spielten sie, wie allabendlich, ihre Schachpartie zu Ende.
Draußen stritt die Dämmerung mit dem Märzabend. Hier drinnen war es friedlich und fröhlich. Eine hohe Stehlampe mit breitem, rotem Schirm erleuchtete und beschattete zugleich harmonisch die kleine Welt der beiden Alten, die kraft ihrer Erinnerungen die Grenzen ausdehnen konnten zu einem weiten Reich und zusammenziehen zu einem stillen Hafen. Im Kamin sangen die Buchenkloben alte, einfältig schöne Lieder, und von der gebräunten Ledertapete schauten im engen Beisammen ein paar nachgedunkelte Ahnenbilder, Frau Margots strahlende Züge und die klaren, kühnen Mädchenaugen des Lieblings Hannes herab.
Herr Friedrich Leopold streifte die Bilderreihe mit einem liebevollen Blick.
»Wir sind das Bindeglied,« meinte er und nickte zu der kleinen Galerie hinüber. »Wir sitzen hier als Vermittler auf der Wacht, bis wir selber ein Ahne werden. Aber dazu muß man zunächst Großvater sein ...« Frau Stahl sah ihn prüfend an und lachte dann vor sich hin.
»Finden Sie nicht,« fuhr der Unverbesserliche fort, »daß man uns eigentlich ein großes Vertrauen schenkt, uns so mutterseelenallein zu lassen? Das heißt: das Vertrauen hat eigentlich etwas Beleidigendes. Wie alt sind wir denn? Knapp fünfundsiebzig pro Person. Vor lumpigen vierzig Jahren hätte man uns nicht so allein gelassen, meine verehrte Frau. Das sollten wir den Rackers da drüben doch mal anstreichen, und da wir sicher noch kostbare fünfundzwanzig Jährchen vor uns haben, so meine ich, ein ehrenwerter Antrag — —«
Und er schmunzelte wie ein Spitzbube, der seinen Partner in Bedrängnis gebracht hat.
Frau Stahl legte den Kopf auf die Seite und blinzelte ihn an.
»Na ja,« ließ sie sich nach einer oberflächlichen Prüfung des Antragstellers vernehmen, »das Köpfchen wäre ja noch ganz gut, aber ...«
»Bitte, da gibt es durchaus kein Aber!« rief Herr Friedrich Leopold, und reckte seine lange Gestalt, um schleunigst wieder zusammenzuknicken. Irgendwo in den Gelenken hatte es verdächtig geknackt.
»Achtung, Achtung! Nicht das Spiel aufhalten!« Frau Stahl tat mit der Königin einen kühnen Raubzug.
»Das Spiel? Na, warten Sie. Das wollen wir gleich haben. Ah, siehste wie de biste? =Gardez la reine!=«
»Jawoll,« gab sie zur Antwort, schlug seinen Springer und bedrängte ihn im eigenen Lager. »Schach dem König, mein Herr.«
»Oho, das wäre ...«
»Ist bereits so. Matt!«
Betrübt ließ der alte Herr die Figuren durcheinander fallen.
»Da hört sich doch alles auf. Kein Glück in der Liebe und kein Glück im Spiel. Und Sie können über solch eine doppelte Schicksalstücke auch noch lachen! So sind die Weibsen!«
Sie ließ ihn ruhig sich ausschelten, aber das heimliche Lächeln blieb in ihren Augen sitzen.
»Sie haben ganz und gar unrecht,« sagte sie endlich sanft.
»Ich unrecht? Na ja, den verehrten Damen ist es ja selbst möglich, die Tatsachen auf den Kopf zu stellen. Aber in meinem Falle — — Nee, nee, bitte, keinen Honig, lieber ein Glas Punsch.«
»Sollen Sie haben,« entgegnete die alte Freundin, »zur Feier Ihres Glückes.«
»Meines — Glückes —? Und soeben sehen Sie erst klipp und klar, daß ich weder Glück in der Liebe noch —«
Sie stellte das gefüllte Glas vor ihn hin und legte ihre verarbeiteten Hände auf die seinen.
»Doch. Sie ~haben~ Glück in der Liebe. Ganz Ihrem Wunsch gemäß ...« Und sie ließ den Blick nach den Ahnenbildern schweifen.
»Frau Stahl — —! Verehrte Freundin — —!« Der alte Junker wußte nicht, wo ihm der Kopf stand.
»Still, still. Ich sollte ja eigentlich noch nichts davon verraten ...«
»Still?« schrie Herr Friedrich Leopold und sprang auf die Beine, ohne auf das verdächtige Gliederknacken zu achten. »Still? O meine verehrte Frau, ich bin gewiß ein Mann von Erziehung, aber da soll der Deubel still bleiben, ich sage Ihnen, der Deu — — —«
Da hatte sie ihm schon die Hand auf den Mund gelegt.
»Aber ja, aber natürlich. Nur muß es doch zunächst Herr Heinrich erfahren. Das sehen Sie doch ein. Vielleicht kommt er heute abend schon zurück; dann können Sie morgen, wenn Sie wollen, die Fahnen zum Haus herausstecken.«
»Tu’ ich auch,« murmelte der alte Herr und marschierte aufgeregt im Zimmer auf und ab, »tu’ ich auch.« Und immer wiederholte er leise frohlockend, schmeichelnd, streichelnd: »Ein Stammhalter ... ein Stammhalter.«
Plötzlich kehrte er zum Tisch zurück, stand kerzengerade, faßte sein Glas und leerte es auf einen Zug.
»Das war für Frau Margot, die liebe ... liebe ... Frau Margot.«
Der rüstigen Greisin standen lachende Tränen in den Augen.
»Nun aber genug. Habt ihr Männer denn gar kein Zartgefühl? Bedenken Sie doch, wenn eine Frau gewissermaßen große Gesellschaftsdame gewesen ist, und überdies fünfundvierzig, die man ihr zwar nicht ansieht —«
»Ach was,« fiel Herr Friedrich Leopold lebhaft ein. »Große Gesellschaftsdame! Fünfundvierzig! Ein ganz famoses Frauenzimmer ist sie, mit der ich Staat machen werde, an der sich unsere Hyperkultur ein Beispiel nehmen soll! Meine Großmutter war gut und gern ein halbes Dutzend Jahre älter, als mein Vater sich zur Stelle meldete. Das nenn’ ich gesunden, rheinischen Schlag. Widersprechen Sie nicht. Ich versichere Sie meiner vollsten Unzufriedenheit, Frau Stahl.«
Er ereiferte sich von neuem, rannte strahlenden Auges herum und gestikulierte mit den Händen.
»Parbleu, diese Margot, diese — diese — — Nein, das halt’ ich nicht aus. Die muß geküßt werden, die muß — —«
Und mit einem Male begann er aus Leibeskräften zu rufen.
»Margot! — — Margot! — —«
Da riß der alten Frau die Geduld.
»Wenn Sie nicht augenblicklich Ruhe geben, Herr von Springe, so sag’ ich Ihnen schlankweg, daß ich Ihnen ein Märchen aufgebunden habe, und Frau Margot wird Ihnen dasselbe sagen. Was wollen Sie dann machen?«
Das leuchtete Herrn Friedrich Leopold ein, und ganz beschämt strich er die Segel bei.
»Liebe Frau Stahl,« bat er flehentlich, »aber sehen möcht’ ich sie nur, bloß sehen und mich an ihr freuen. Das werden Sie mir doch zugestehen können? Ich will ja kein Sterbenswörtchen verlauten lassen.«
Damit erklärte sich Frau Stahl einverstanden, nachdem sie ihm noch einmal »Zartgefühl« eingeschärft hatte.
»Ich will nur schnell den Abendtisch richten,« sagte sie, »dann ruf’ ich sie.«
Dem alten Herrn ging heute das Anrichten nicht schnell genug. Er sah sich veranlaßt, verschiedentlich in die Küche hineinzugucken und in zarten Worten seinem Mißfallen Ausdruck zu verleihen.
»Frau Stahl, Frau Stahl, sonst sind Sie doch immer die Jüngste — —«
Endlich ging sie, Frau Margot zum Tee zu bitten; und nun wäre ihr Herr Friedrich Leopold am liebsten nachgelaufen, um sie zum Bleiben zu bewegen. Denn er wußte absolut nicht, wie er sich nur benehmen sollte.
Da öffnete sich die Tür, und Frau Margot schlüpfte herein, weich und schmiegsam, lustig und lachend. Vom Scheitel bis zur Sohle ganz die Frau, die im zweiten Frühling ungeahnt emporgeblüht ist und jede Zeitrechnung Lügen straft. »Guten Abend, Papachen! Schachpartie zu Ende? Du Ärmster, hat dich Frau Stahl matt gesetzt?«
»Mein Kind,« antwortete Herr Friedrich Leopold mit Haltung und bot ihr den Arm wie einer Fürstin, »Unglück im Spiel — Glück in der Liebe.«
Sie saßen um den Teetisch herum und plauderten. Keiner verspürte rechte Lust, ordnungsgemäß zuzulangen. Frau Margot war mit ihren Gedanken immer wieder in Berlin, und immer wieder nannte sie den Namen ihres Gatten.
»Nun ist er fast eine Woche fort, eine ganze Woche, der Herumtreiber. Wenn er nur nicht mit Hannes durchgegangen ist! Pst, nicht in Schutz nehmen, Papachen! Die Liebe zu den Stahls liegt den Springes im Blut. Aha, jetzt wirst du rot. So ist’s recht, immer hübsch Farbe bekennen!«
Der alte Junker warf Frau Stahl einen schadenfrohen Blick zu.
»Das ist also, was die Damen ›Zartgefühl‹ nennen. Das muß für spätere Fälle festgestellt werden.«
Frau Stahl machte ihm heftige Zeichen mit dem Kopf. Sie traute dem Landfrieden nicht.
Aber Frau Margot war bereits wieder bei ihrem alten Thema. »Von Hannes hat Heinz spaltenlange Berichte geschickt. Und die Kritiken erst! Nein, das Mädel ist auch zu einzig. Hätt’ ich es doch hier, das liebe, liebe Ding — — Ich hab’ immer eine Sehnsucht danach, das ist nicht zu beschreiben. Gott, was mag nur mein armer Junge anstellen — —«
»Schreibt denn Heinrich nichts Neues von Hans?«
»O doch. Er ist täglich mit ihm zusammen. Der arme Kerl lebte seit einiger Zeit ganz außer Verkehr, schreibt Heinz, aber er hätte doch die alten Spuren in ihm wieder aufgedeckt und viel von der warmen Seele wiedergefunden, die der Junge früher in so reichem Maße besaß. Weißt du, Papa, ich mache mir seit langem schon die trübsten Vorwürfe, daß ich ihm früher nicht genug Mutter, oder doch nicht genug mütterliche Kameradin war.«
»Gold gehört ins Feuer, wenn es geläutert werden soll,« bestimmte Friedrich Leopold. »Und der Junge ist Gold, verlaß dich darauf. Ich habe auch nicht die Spur Angst.«
»Ja,« meinte Frau Margot sinnend, »du bist auch nicht seine Mutter.«
Da schwieg der alte Herr sinnend. Das Wort Mutter hatte seit einer Stunde für ihn einen besonders heiligen Klang.
»Ach, Großmutter Stahl,« sagte Frau Margot und spann träumerisch ihre Gedanken weiter, »Hans und Hannes — —. Unsere schönen Pläne — —. Nun sind wir hier, und der ist da, und der ist dort. Warum —?«
Die Greisin antwortete nicht. Sie blickte finster vor sich hin.
»Sie haben Hans nicht verziehen?«
»Nein.«
»Aber wenn er heimkommt — Heinz schrieb mir, daß er ihn überreden würde — Sie werden mir helfen und ihm auch helfen. Die Jugend glaubt ja doch, sie müsse sich erst immer Kämpfe schaffen, sonst sei das Glück nichts wert.«
»Wir wollen warten, bis er da ist, Frau Margot. Vielleicht bedankt er sich wieder einmal für unseren guten Willen.«
Es klingelte an der Korridortür. Frau Margot erhob sich sofort, um nachzusehen. Als sie zurückkam, hielt sie ein Briefchen in der Hand.
»Von Heinz,« sagte sie erregt und brach das Kuvert auf, »ein Dienstmann brachte es vom Bahnhof.«
»Heinrich ist angekommen?« rief der Senior so freudig, als ob der Sohn eine Weltumsegelung bestanden hätte. Frau Margots Augen überflogen hastig das Billett. Dann klärten sich ihre gespannten Züge, ihre Lippen lächelten, und sie mußte die Augen schließen, um sich zu sammeln.
»Nicht allein Heinz,« sagte sie mit zuckendem Munde. »Er hat sein Wort eingelöst, der treue Mann. Er bringt mir meinen Jungen zurück. Soeben sind sie in Düsseldorf angekommen.«
»Und noch nicht hier?« rief Herr Friedrich Leopold. »Ja da soll doch gleich! Müssen die denn zunächst =stante pede= irgendwo einen Schoppen machen?«
»Nein, nein, Papa, wo denkst du denn hin? Hans ist nicht ganz auf dem Posten gewesen in den letzten Tagen, schreibt Heinz, und nun möchte er sich nicht als Halbkranker präsentieren. Mein eitler Junge! Und Heinz ist mit ihm nach der Grafenbergerchaussee gefahren und liefert ihn in seinem Knabenstübchen ab. In seinem Knabenstübchen — —. Möge er dort, in der ersten Nacht unter dem heimatlichen Dache, finden, was ihm not tut: das Vergessen und — das Erinnern.«
Nie zuvor hatte Frau Margot ihr mütterliches Gefühl so stark ausströmen gefühlt.
»Ich glaube, heute bin ich ~wirklich~ glücklich,« sagte sie, und ihre Augen sahen in die Weite.
Herr Friedrich Leopold legte den Arm um ihre Taille und führte sie zum Kaminsitz, mit der zärtlichen Sorge, mit der man ein Kind geleitet. Wie schön, wie wohltuend das war. Sie streichelte ihm dankbar die Wange.
»Wie gut du bist, Papachen — —.«
Und der alte Herr, ganz überwältigt von den vielen Eindrücken des Abends, stotterte: »Ach was, Margot, gut — —! Lieb hab’ ich dich, Töchterchen, lieb, ganz furchtbar lieb. So lieb, daß ich gleich Hurra! schreien möcht’. Und überhaupt, wenn der Heinrich kommt — ach Gott, der glückliche Bengel! Du bist nun doch einmal ein Prachtweib, und nun, bitte — nun gib mir einen Kuß!«
Sie sah ein wenig scheu und errötend zu Frau Stahl hinüber. Aber als die Vertraute des Hauses gleichmütig fortfuhr, den Tisch abzuräumen, umfaßte sie schnell den schneeweißen Kopf, der dem des Gatten so ähnlich sah, und küßte ihn zu wiederholten Malen auf den Mund.
»So! Bist du jetzt zufrieden, Papa? Ihr seid doch Schwerenöters, ihr Springes, Vater wie Sohn.«
Und sie lachte glücklich in sich hinein, und der alte fröhliche Herr tat desgleichen.
Dann saßen sie, Herr Friedrich Leopold, Frau Margot und Großmutter Stahl, vor dem Kamin und gaben ihren Gedanken Audienz. Ein jeder still für sich. Ein jeder dachte sich eine Welt. Und doch war der Kreis ihrer Gedanken so eng umsponnen, daß sie sich alle darin wiederfanden.
Die Lampe surrte, und die Holzscheite knisterten in hellen Funken auf, die lustige Reigentänze vollführten. —
Es mochte wohl eine halbe Stunde vergangen sein, da fuhr Frau Margot auf.
»Heinrich!«
Aber Frau Stahl war schon fort, um zu öffnen.
»Heinz! Heinz!« und sie lag an seiner Brust, glückstrahlend wie ein junges Mädchen.
»Bummler!« lachte sie, »Ausreißer, unverbesserlicher Junggeselle! Warte, ich werde dir die Leviten lesen, daß du dich wundern sollst! Acht Tage — —! Acht Tage — — Und nun unterschlägt er mir auch noch den Jungen.«
»Wenn du meinen Mund nicht freigibst ...«
Sie ließ ihn in ihrer Freude nicht zu Worte kommen. Alle Fragen, die sie erwartungsvoll im Herzen getragen hatte, drängten sich auf ihre Lippen und überholten sich.
»Was ist das mit Hans? Weshalb kommt er nicht zuerst zur Mutter? Du, so sag doch, wie er aussieht? Ich bin ja so froh, daß er da ist. So froh! Mach nicht solch ein liebes, dummes Gesicht. Natürlich freu’ ich mich auch über dich. Doch, doch! Aber wenn der Hans krank ist — du, ich möchte hin, sogleich. Ach Gott, wenn der Mann doch endlich sprechen wollte!«
Nun war es an ihm, ihr die Hände auf die Lippen zu legen.
»Was ist das für ein Empfang? Wie? Existiere ich gar nicht mehr? Ja, ja, gewiß, ich kusche schon. Also der Hans! Der ist in der alten Wohnung. Und da laß ihn heute abend allein, du liebste Frau und Mutter. Er ist noch ein bißchen herunter und möchte sich erst — hm — zurechtfinden. Verstehst du das? Bei einem Mann? Na, ja, ich wußte es. Morgen mit dem frühesten ist er bei dir. Und wenn ihr mich jetzt verhungern lassen wollt, kann ich nachher nicht weiterreden.«
Er hatte sie um die Taille gefaßt und schwenkte sie lachend durch die Luft wie einen Kreisel.
Herr Gott, dachte Herr Friedrich Leopold, wo bleibt denn die große Gesellschaftsdame?
Aber dann zupfte er seinen Junior am Rock, und als sich der Racker durchaus nicht stören lassen wollte, zupfte er energischer und ruckte mißbilligend mit dem Kopf.
»Margot, Margot,« rief Heinrich Springe, »nun schau dir doch um alles in der Welt mal diesen schamhaften alten Herrn an. Oder — du — er ist eifersüchtig!«
»Er weiß eben noch nichts; er hat eben auch nicht die geringste Ahnung,« sagte Herr Friedrich Leopold weise zu Frau Stahl. »Dieser große Kindskopf. Es ist unglaublich.« — —
Frau Margot sorgte, daß für den Gatten noch einmal aufgetischt wurde. Als er abgespeist hatte, saß die ganze Gesellschaft wieder um den Kamin herum, und Springe berichtete. »Den Hans, den hätten wir hier. Ein bißchen erkältet zwar, auch seelisch, aber ich vertrau’ auf euch Frauen. Mit Kamillentee wird’s nicht allein zu machen sein, aber ihr habt ja auch noch andere Heilmethoden, wie den Magnetismus, das Handauflegen. Gerade das Handauflegen — so eine liebe, stille und doch vielsagende Frauenhand — —. Aber wem sag’ ich das! Was wir Männer mit dem Seziermesser suchen, das findet ihr Frauen mit dem Instinkt!«
»Und ~deine~ Meinung, Heinrich?«
Er strich der Gattin über das ängstlich zu ihm aufschauende Gesicht. »Heimweh an den Rhein,« resümierte er kurz.
Da atmete sie tief auf und drückte ihm dankbar die Hand.
»Denkst du noch an den Abend, als wir uns verlobten? Dort drüben auf der Veranda? Ich hatte nur ~eine~ Bedingung zu stellen: Mach mir auch den Hans glücklich. Dann fehlte mir nichts mehr, um auch an mich zu denken.«
»Und an mich nicht?« fragte Heinrich Springe schalkhaft.
»O, du bester Mensch, wenn ich an mich denke, so heißt das doch: an dich.«
Da konnte sich der Ehemann nicht enthalten. Er mußte sich erheben und trotz der Zuschauer Frau Margot in die Arme nehmen und eine Familienszene absolvieren. Wieder stand Herr Friedrich Leopold hinter ihm, und als der Junior den Kopf hob, rieb sich der Senior vor Freude die Hände und nickte ihm mit weitaufgerissenen, leuchtenden Äuglein heftig zu, als wollte er sagen: »Ich gratuliere, ich gratuliere.« Aber er sagte keinen Ton. Der Junge machte ein zu dämliches Gesicht.
Und nun wandte sich Heinrich Springe zu der Greisin und nahm ihre Hände und berichtete von Hannes. Wunderdinge! Wie ihr die vornehmsten Menschen der Reichshauptstadt und selbst die Damen vom Hof zugejubelt hätten, ohne Aufhören, zehnmal, zwanzigmal. Und wie sie ausgesehen hätte. Noch viel schöner und vornehmer als die ganze vornehme Umgebung. »So echt und recht Stahlsch,« sagte Herr Heinrich mit einer Verbeugung. Und gesungen hätte das Mädel, gesungen! »Wie nur ein Menschenkind singen kann, das über seine Schönheit hinaus eine gewaltige Gottesseele besitzt.«
In den Augen der Greisin zitterte ein Licht, und es wurde, je weiter der Mann da vor ihr sprach, ein stolzes Licht, und sie bewegte unhörbar die Lippen. Sie gedachte wohl der Tochter, die ihr Mutterglück draußen auf dem Goltzheimer Friedhof verschlafen mußte, und des einsamen Mannes, der bei Spichern lag, und segnete sie um ihrer Liebe willen.
»Grüße hat mir das Mädel aufgetragen,« schloß Herr Heinrich, »Grüße, damit würd’ ich bis morgen nicht fertig. Aber das Beste ist doch: in sechs Wochen haben wir sie hier, und bis zum Winter sollen wir sie behalten.«
Frau Margot empfand beinahe eine mütterliche Eifersuchtsregung. »Und Hans?« fragte sie hastig. »Wie lange werden wir Hans haben?«
»Wenn er sich wiederfindet — für immer. Und wie sollte er nicht, unter den guten Augen einer solchen Mutter!«
»Glaubst du wirklich, daß er wieder heimisch werden könnte — —?«
»Die Guttaten der Heimat werden den hartgewordenen Sinn weich und gütig machen.«
»Du weißt nicht, was er unter gut versteht,« sagte sie nachdenklich. »Er ist so eigenartig — — der arme Junge.«
Da aber legte sich Herr Friedrich Leopold ins Mittel.
»Darüber kann es nur eine einzige Auffassung geben,« versicherte er aufs bestimmteste, »ebenso wie es nur einen einzigen Philosophen gibt, der, weil unwiderlegbar, die allgemeinste Anerkennung besitzen muß. Wie sagt also dieser einzige Philosoph? Er sagt:
›Das Gute, dieser Satz steht fest, Ist stets das Böse, das man läßt.‹
Wonach sich zu richten. Gute Nacht.«
Und heiteren Gemütes trennte man sich. —
[Illustration]