Chapter 6 of 18 · 9876 words · ~49 min read

Sechstes Kapitel

Es war eine Sonntagsstille. Die Nachmittagssonne schmeichelte sich an den Kanten der leinenen Vorhänge vorbei in die kleine Kammer und lag nun, als hätte sie ihren Willen erreicht, golden und friedlich auf dem weißen Bette. Hannes saß aufrecht in den Kissen. Sie hatte das gelöste Haar über den Arm gebreitet und ließ die Enden in der Sonne schimmern. Ihre Augen besaßen wieder den alten Glanz, auf den Wangen zeigte sich eine feine Röte.

Ihre Hände spielten, aber ihre Gedanken waren nicht bei dem Spiel.

»Großmutter!« rief sie nach einer Weile leise.

Die alte Frau, die im Nebenzimmer ein Nickerchen gehalten hatte, kam herbei.

»Hab’ ich dich aufgeweckt, Großmutter? Nicht? — Du, Großmutter, dann bleib doch bei mir sitzen. Willst du?«

»Aber gewiß, Kind.«

»Du, Großmutter — — — bist du mir arg böse?«

»Ach, Unsinn. Es ist ja nichts passiert.«

»Es ist nichts passiert — —« wiederholte das Mädchen und strich über ihr sonnenglühendes Haar.

Die alte Frau rückte die Kissen zurecht und zupfte und glättete an den Decken. Dann zog sie einen Stuhl heran und setzte sich nieder. Sie wartete.

»Hast du keine Angst gekriegt, Großmutter, als man mich brachte?«

Die Greisin machte eine jähe Bewegung. Aber sie bezwang sich und lächelte.

»Angst? Vor was denn? Ich kenn’ doch meine Johanna.«

»Du sagst das so — so — —. Was meinst du denn damit?«

»Krank werden kann jeder. Dabei ist nichts Böses. Die Krankheiten stehen in Gottes Hand, das Böse in der unseren. Siehst du, so meint’ ich es. Angst hat man nur vor dem Bösen.«

»Und das — das traust du mir nicht zu, Großmutter?«

»Nein, Kind, das trau’ ich dir nicht zu. Nicht, weil ich dich für so viel besser hielte als andere Menschen, sondern einfach darum, weil du es deiner Mutter wegen nicht darfst.«

Da schwiegen sie beide.

»Sag,« meinte dann das Mädchen sinnend, »Mutter war wohl sehr schön?«

»Sie war schön und gut. Gut ist viel mehr. Das war sie.«

»Und — und Vater?«

»Dein Vater, mein Kind, war ein Mann von Ehre. Er verdiente, daß deine Mutter ihn über alles liebte.«

»Und doch — und doch — —?«

»Und doch?« fragte die Greisin und hielt den Atem an.

»Gelt, Großmutter,« rief das Mädchen leidenschaftlich und schlang die Arme um den Nacken der Alten, »gelt, Großmutter, ich brauch’ mich nicht zu schämen?«

Die alte Frau preßte den Kopf der Jungen fest an ihre Brust. Unablässig streichelte ihre Hand den Scheitel und die zuckenden Schultern der Enkelin und bewegten sich lautlos ihre Lippen.

»So sprich doch, Großmutter, so sprich doch nur.«

»Kind, ich habe dir doch gesagt, daß deine Mutter gut war. Was sie tat, war Güte. Und die Reinheit der Güte verstehen die Menschen nicht. Nein, bei Gott dem Allmächtigen, du brauchst dich nicht zu schämen, du kannst stolz auf deine Mutter sein — wenn du nur stolz auf dich selbst bist.«

»Du, Großmutter,« stieß das Mädchen hervor, »ich glaube, ich könnte es auch. So lieben wie Mutter.«

Die Alte erwiderte nichts. Aber mit beiden Händen umspannte sie den Kopf der Enkelin und drückte ihn fest an sich. Eine atemlose Stille war um sie, die Sonne kroch langsam über die weiße Decke heran und überströmte das bange Alter und die bange Jugend.

»Johanna,« sagte die Greisin, »hör mich einmal an, Johanna. Wir haben alle ein Schicksal zu erfüllen. Dagegen können wir nicht an, und wir Frauen zumal nicht. Aber ~wie~ wir es erfüllen, darauf kommt es an. Was wir hineintragen und mit welchen Gedanken wir es tun. Verstehst du mich auch recht? Was bei dem einen Sünde ist, kann bei dem anderen zur Tugend werden. Aber immer nur bei einem, nicht bei allen! Nur sich kein Vorbild aufstellen wollen, denn es gibt keine Beispiele für uns. Was du tust, das tue, weil du es ~mußt~, nicht weil du es magst. Und was du mußt, das ist: dir selber treu sein. Wir können von den Menschen keine größere Wertschätzung verlangen, als die wir uns selber beilegen.«

»Aber die Liebe, Großmutter ...?«

»Die Liebe, mein dummes Mädchen, ist der Stolz auf den Glauben des Geliebten.« — —

Das Mädchen hatte sich losgemacht. Mit gefalteter Stirn lag es in den Kissen und starrte in die Luft.

»Ist das wahr, Großmutter?«

»Es ~ist~ wahr.«

»Und wenn man den Stolz nicht hat?«

»So ist die Liebe eine Lüge. Und Lügen haben kurze Beine.«

»Du meinst, man geht daran zu Grunde. — — Ach, das Sterben kann nicht so schwer sein.«

»Wenn andere um uns jammern, nicht. Aber wenn man sich selbst bejammert.«

»Großmutter,« sagte das Mädchen mit einem plötzlichen Ernst, der eine Feierlichkeit über ihre Züge goß, »ich glaube, ich habe den Stolz.«

»Ich habe mich immer darauf verlassen, Johanna,« erwiderte die Greisin.

»Soll ich dir die Hand darauf geben? Hier hast du sie.«

Sie ergriff die hartgearbeitete Hand der alten Frau und preßte sie mit ihren weichen Fingern.

»Ich werde dir keine Unehre machen, Großmutter.«

Die Alte nickte. Es war ihr feucht in die Augen gekommen, und sie wandte den Kopf.

»Was ist das für ein Sonntag,« murmelte sie. »Sieh nur, all die Sonne.«

»Laß noch mehr herein, Großmutter. Ich kann so viel vertragen.«

Und während die alte Frau die Vorhänge beiseite schob, kam endlich die Frage, die sie erwartet hatte.

»Hat sich denn keiner nach mir erkundigt?«

Aber die Frage rief jetzt nur noch ein stilles Lächeln auf den zerfurchten Zügen wach. Die Gemeinsamkeit des Blutes hatte sich dargetan. Der Handschlag der Enkelin galt.

»Der junge Herr Steinherr war in der Frühe da. Aber du warst noch gar nicht wieder aufgewacht. Da hat er etwas für dich abgegeben und gesagt, er wollte gegen Abend noch einmal vorsprechen.«

»Gott, was für ein Getue.«

»Mädel, Mädel,« lachte die Frau, »aus einem Fehler fällst du in den anderen. Muß ich denn mit einem Male deine eigenen Freunde gegen dich in Schutz nehmen?«

»Ach was, Freunde! Aufdringlich ist er!«

»Du — —,« sagte die alte Frau mahnend. »Vorläufig hast du allen Grund, ihm dankbar zu sein. Aber ich merke schon, du wirst wieder gesund. Das war soeben der echte Hannes.«

Hannes drehte sich auf die Seite. Sie war flammend rot geworden. Dann, nach einigen Minuten, klang es halb zag, halb trotzig aus dem Kissen: »Was hat er denn für mich abgegeben? Eine Gratulationskarte?«

Frau Stahl ging in das Wohnzimmer und kehrte zurück. Auf den bloßen Arm gestützt, sah ihr das junge Mädchen gespannt entgegen. Keine Spur mehr das ernste Wesen von vorhin, ganz das erwartungsfrohe Kind.

»Rosen,« rief sie jubelnd und streckte die Hände aus, »Rosen, ein ganzer Arm voll. Großmutter, das sind Maréchal Niel und das sind La France! Himmel, sind die schön! Und das — was ist denn das? Du,« sagte sie ganz feierlich, »das ist ja eine Bonbonnière, denk mal, von Branscheidt. Feineres gibt’s in ganz Düsseldorf nicht.«

Sie breitete die Herrlichkeiten auf der Bettdecke vor sich aus und staunte sie an. Dann schob sie die Konfitüren zusammen und reichte sie der Großmutter.

»Da, nimm nur, das ist was für dich. Ich darf ja jetzt doch nicht. Aber sofort essen.«

»Ich heb’ sie auf, Kind, bis später.«

»Ach, dann macht’s keinen Spaß mehr. So was Extraes muß immer extra auf der Stelle genossen werden. Dann schmeckt’s ganz anders. Zeig mal. Einen Bonbon kannst du mir doch abgeben.«

Sie stopfte sich eine große kandierte Frucht in den Mund und ließ die Großmutter ihre Schätze in Sicherheit bringen. Unterdes band sie den Rosenstrauß auseinander, roch an jeder einzelnen Blume, ordnete sie nach der Farbe, nach dem Duft, legte sie paarweise, Rosa und Gelb, zusammen, um endlich alle wieder zu einem großen Buschen zu vereinen und sie wie eine Garbe in den Arm zu legen. Die Wange hatte sie tief in die Fülle der Blütenkelche geschmiegt.

Als die Großmutter nach einer Weile eintrat, lag das Mädchen wie eine Rose unter Rosen. Schnell zog sie sich zurück, um dem Kinde die heimliche Freude nicht zu stören. Sie hatte ein merkwürdig junges Herz, die alte Frau, die einst ihrer Tochter den Segen gab, damit sie den blutroten Tag von Spichern leichter ertragen könne.

Daß sie heute immer ihrer Tochter gedenken mußte —

War es ein Unrecht gewesen — damals —?

Ein heller Schein flog über der Alten Gesicht. Reue? Wofür? Nur Sünder bereuen. Sie aber hatte aus tiefster Seele gehandelt, und die Seele ist ein Stück von Gott und spricht wahrer als die Gesetze der Menschen.

Die Greisin suchte ihre Brille hervor, rückte den Strohsessel dicht an den Tisch und schlug die Bibel auf. Sie traf die erste Epistel Pauli an die Korinther. Die Blätter teilten sich wie von selber bei dem 13. Kapitel, als kannten sie seit langem die Zufluchtstätte der alten Frau. Stumm und ernst blickte sie in das Buch. Dann las sie mit halblauter Stimme die gnadenreichen Worte des Apostels, die sie mit ihrem starken Menschensinn menschlich gerade deutete; das monotone Gemurmel klang wie ein Gebet, und über das Gebet hinaus wie ein Glaubensbekenntnis, und es war eine große Feiertagshaltung.

»Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte, und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie lässet sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit. Sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden, und die Sprachen aufhören werden, und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, und war klug wie ein Kind, und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich’s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.«

Die alte Frau nahm die Brille ab und lehnte sich zurück. Sie lächelte. Wer wollte mehr wissen als sie, was gut und böse sei, wenn unser Wissen Stückwerk ist? Wer, der nicht erkannt hatte, daß die Liebe das Größte ist? — — Die Liebe! — Die alte Frau erhob sich. Das Lächeln machte einem feierlichen Ernste Platz.

»Sie freuet sich aber der ~Wahrheit~!« sagte sie mit starker Stimme. »Das ist es. Die Wahrheit allein gibt den Ausschlag. Dann mag sein, was will: wir taten das Unsere.«

Es wurde an die Tür geklopft, die zur Treppe führte, und die Alte ging, um zu öffnen. Draußen stand Hans Steinherr.

»Treten Sie ein,« sagte sie freundlich, »meine Enkelin ist wach und auch wieder wohl.«

»Sie sind heute so gütig zu mir, Frau Stahl.« Der junge Mann drückte dankbar die dargebotene Hand. »Daran erkenn’ ich schon, daß es Fräulein Johanna besser gehen muß.«

Er hatte unwillkürlich an Stelle des kindischen »Hannes« Johanna gesagt.

»Es ist Sonntag heute,« entgegnete die Greisin einfach.

»Nicht wahr? Das ist wirklich ein Sonnentag! Alle Blumen strecken die Köpfe hoch.«

»Sie haben schon wieder Ihren Garten geplündert? Sie müssen nichts übertreiben.«

»Nur drei Rosen. Es waren die schönsten, und sie baten so sehr, für ihr Blühen belohnt und mitgenommen zu werden.«

Frau Stahl sah den Schmeichler prüfend an.

»Sie haben die Worte hübsch in der Gewalt. Das kleidet Sie. Hoffentlich tönt es unter dem Kleid gerade so.«

Hans verstummte. Aber er blickte offen zu der Sprechenden auf.

»Ich werde meiner Enkelin sagen, daß Sie da sind.«

Einige Augenblicke später stand er in ihrer Kammer.

»Guten Tag, Herr Steinherr,« tönte eine zage Stimme, die gern einen festeren Beiklang gezeigt hätte.

Da trat er an das Bett und reichte ihr seine Rosen. Zu sehen vermochte er immer noch nicht. Er fühlte, wie seine Hand scheu ergriffen wurde. Und nun sank der Schleier.

»Guten Tag, Fräulein Hannes,« sagte er rasch. »Gottlob, daß Sie wieder gesund sind!«

»Ach,« meinte sie und vermied seinen Blick, »das bißchen von gestern. Unkraut vergeht nicht.«

»Unkraut?« machte er staunend. Ihre ganze Lieblichkeit wurde er gewahr. Wie sie dalag, bis unter das Kinn zugeknöpft in dem weißen Linnen, das leuchtende Haar glatt heruntergestrichen zu beiden Seiten der zartgezeichneten Wangen, das leinene Hemdchen Hals und Brust bedeckend. Und vor ihr lagen die Rosen, die er am Morgen hergetragen hatte, und sie sagten so wenig, so gar nichts; wie kleine Dienerinnen vor einer kleinen Prinzessin.

»Unkraut?« wiederholte er und schüttelte den Kopf. »Wie kann man nur so was aussprechen!«

»Sie scherzt,« sagte Frau Stahl. »Ganz so gering schätzt sich Johanna doch nicht ein.«

Da wurde die kleine Rekonvaleszentin ausgelassen.

»Buh!« machte sie und streckte ihrem Besucher so plötzlich ihr Köpfchen entgegen, daß er zurückfuhr. Dann warf sie sich lachend zurück. »Ich bin ein Ungetüm, gelt? Ein schreckliches Menschenkind! Antworten Sie, auf der Stelle!«

»Wahrhaftig,« rief Hans begeistert, »das sind Sie! Aber ich glaube, mehr ein schrecklich ~liebes~ Menschenkind. Hab’ ich recht, Frau Stahl? Sie verstellt sich nur immer, damit’s keiner merkt.«

»Jawohl, ihre Unarten auch noch beloben! Na, nun setzen Sie sich nur nieder. Einen Augenblick dürfen Sie schon hierbleiben.«

»Großmutter,« sagte Hannes und lächelte die Alte an, »trinken wir denn heute nachmittag keinen Kaffee?«

»Ach so,« meinte die Greisin trocken. »So hatt’st du dir das gedacht?«

»Herr Steinherr ist doch zu Besuch gekommen,« schmollte die Kleine und zupfte an den Rosen.

»Aber ich bitte, Frau Stahl,« warf der junge Besucher verlegen ein, »ich möchte Sie nicht stören.«

»Freilich,« stieß das Mädchen trotzig heraus, »dann — dann — wenn es Herrn Steinherr geniert, bei uns Kaffee zu trinken. Es ist ja auch gar kein richtiger Kaffee. Wir trinken ihn nur so.«

»Fräulein Hannes!«

Hans Steinherr war empört.

»Das war schlecht,« fügte er nach einer Weile hinzu. »Das durften Sie mir ganz gewiß nicht sagen.«

Sie antwortete nicht, aber sie zog mit einer hastigen Bewegung ihr Haar bis über die Augen zusammen.

»Sie werden unseren Kaffee schon mögen,« meinte die alte Frau. »Wollen Sie mittun?«

»So viel Freundlichkeit hab’ ich ja gar nicht erwartet,« murmelte Hans.

»Ich werde das Geschirr hereinholen. Dann trinken wir mit Johanna zusammen.«

Sie ging ruhig hinaus, um den Kaffee aufzubrühen. Bald vernahm man ihr Hantieren mit Töpfen und Tassen.

Hans Steinherr blickte zu seiner kleinen feindlichen Freundin hinüber. Er konnte unter dem dichten Haarschleier nichts von ihrem Gesicht erkennen. Nur die im Haar verkrampften Fäustchen waren sichtbar.

»Fräulein Hannes,« sagte er recht knabenhaft weich.

Sie regte sich nicht.

»Sie schämen sich wohl, Fräulein Hannes? Dann ist ja alles wieder gut.«

Keine Antwort. Sie lag wie eine Bildsäule. Nur über ihrem Munde zitterte das Haar.

Da wagte er es, ihre Hände zu fassen. Und die Fäustchen, die so fest verkrampft schienen, zeigten sich so willfährig, nachzugeben, und er schob sie sacht beiseite und strich ihr ganz sanft das Haar aus dem Gesicht.

»Sie haben ja Tränen in den Augen,« sagte er leise und tupfte mit zartem Finger die Tropfen fort.

Sie ließ alles mit sich geschehen, aber sie wich auch seinem Blick nicht mehr aus.

»Buh!« machte er plötzlich, wie sie vorher, und streckte mit einer lustigen Grimasse den Kopf gegen sie aus.

Erschrocken fuhr sie zusammen. Und dann lachte sie, lachte, daß es durch die Kammer schmetterte, in einem Lachkrampf, der sich nicht bändigen lassen wollte. Und Hans sekundierte ihr mit seinem jungen, durchdringenden Bariton, und wenn der eine aufhören wollte, begann der andere von neuem, und beide wußten nicht mehr, worüber sie lachten. Über ein Nichts, über alles — das war ihnen Nebensache. Bis Großmutter Stahl energisch gegen die Türe pochte.

»Sind Sie — noch — ärgerlich auf mich?« schluchzte Hans.

»Och,« schluchzte Hannes und rieb sich mit dem Handrücken die Augen, bis sie brannten, »ich — ich hab’ mich ja nur — über mich selber — geärgert.«

»Dann — dann — könnten wir doch wirklich — gut’ Freund sein.«

»Ja — — —«

Da kam Frau Stahl mit dem Nachmittagskaffee. Schnell sprang Hans zu, um ihr behilflich zu sein. Er zog aus der Ecke einen kleinen Tisch herbei, deckte das Tuch darüber, das Frau Stahl unterm Arme trug und half ihr, die Sonntagsgenüsse aufbauen. Aniszwieback, gezuckerten Zwieback und Burger Brezeln. Die rüstige Frau stopfte ihrem Enkelkind ein paar Kissen in den Rücken, und dann saßen sie zu dritt in der kleinen Kammer und griffen wacker zu.

»Schmeckt Ihnen der Kaffee?« fragte die Kleine mit größter Unbefangenheit.

»Einfach fürchterlich!« erwiderte Hans.

»Das wundert mich,« fuhr die Kleine in aufrichtig klingendem Tone fort, »Großmutter nimmt aber bestimmt nur die beste Zichorie.«

»Ich hatte es auf gebrannte Eicheln taxiert,« entgegnete Hans verbindlich und bat um eine neue Füllung. »Wir haben soeben Freundschaft geschlossen, Frau Stahl. Sie merken es wohl am Ton.«

»Die Freundschaft ist immer die beste, die sich eines guten Tones befleißigt,« sagte die alte Frau. »Das hält die Gewöhnlichkeit der Gewöhnung zurück, den schlimmsten Feind der Freundschaft.«

Hans bröckelte stumm an seiner Brezel. Wie einfach und sicher die Greisin sprach. Dieser Frau glaubte er es, daß sie einst die Würde der Beamtenfrau ruhig mit der Stellung einer Lohnarbeiterin vertauschen konnte, ohne auch nur die Spur von sich selbst zu verlieren. Wie beneidenswert seine kleine Freundin war, daß sie eine solche Erzieherin hatte.

»Hat man Ihnen denn gar nichts aufgetragen?« hörte er plötzlich die Stimme des Mädchens.

»Aufgetragen?« fragte er und richtete sich auf. »Wer sollte mir denn etwas aufgetragen haben?«

»O, ich dachte nur — —« machte Hannes gedehnt. »Sie waren also nicht bei Hüsgens?«

»Gewiß, heute vormittag.«

»Und sie haben sich nicht nach mir erkundigt?«

Hans wurde ein wenig verlegen und suchte nach Worten. Sie bemerkte es sofort.

»Geben Sie sich keine Mühe,« sagte sie spöttisch, »ich bin nicht so feinfühlig.«

»Das sind Sie wohl,« warf er eifrig ein. »Aber Sie wissen ja selber, daß der edle Willibald alles andere eher ist. Ich fürchte, seine Schwester nicht minder. Doch daraus dürfen Sie sich nichts machen.«

»Tu’ ich auch nicht. Aber etwas muß doch gesagt worden sein.«

»Nun ja,« gab er zögernd zu, »Willibald hatte Angst, seine schönen Veranstaltungen könnten ihm in die Brüche gehen — so sagte er wörtlich — und er schalt auf das unzeitgemäße Krankwerden.«

»Also eine gute Besserung hat er mir nicht wünschen lassen,« sagte sie und zog die Stirn in Falten.

»Er hat es wohl nur vergessen,« begütigte Hans. »Sie kennen doch seine Art.«

»Dann soll er auch meine Art kennen. Ich werde ihn und seine schöne Veranstaltung auch vergessen.«

»Sie wollen nicht mehr mittun?« rief Hans überrascht. »Ach nein, Fräulein Hannes, das kann nicht Ihr Ernst sein. Wir haben uns doch alle so auf den Abend gefreut.«

»Und ich tu’ doch nicht mit,« beharrte sie trotzig. »Er soll sich suchen, wen er will. Ich lass’ mich so nicht behandeln. Von dem am wenigsten, diesem Bierwirtsjungen!«

»Johanna,« verwies Frau Stahl sie zürnend.

»Laß nur, Großmutter, ich tu’s doch nicht.«

»Fräulein Hannes,« sagte Hans niedergeschlagen, »was soll denn aber aus dem schönen Abend werden?«

»Och, der Abend läuft uns nicht weg. Wir unternehmen was für uns.«

»Für uns?«

»Nun ja. Großmutter, Sie und ich. Oder — paßt Ihnen die andere Gesellschaft besser?«

»Darauf gebe ich Ihnen jetzt keine Antwort mehr. Das ist gerade wie vorhin mit dem Kaffeetrinken.«

»Sie sind einverstanden!« lachte sie, ohne auf seine beleidigte Miene zu achten. »Großmutter, du auch? Also nächsten Sonntag? Wohin wollen wir denn? Nach Schloß Benrath? Ja, bitte, nach Schloß Benrath!«

Sie beugte sich vor, schlang die Arme um den Hals der alten Frau und küßte sie auf den Mund. Frau Stahl erhob sich schnell.

»Jetzt ist es aber Zeit, Herr Steinherr,« sagte sie mit freundlichem Ernst. »Das Kind wird viel zu unruhig.«

Sofort stand Hans auf. Man verabredete, sich am nächsten Sonntag nachmittag zwei Uhr am Bahnhof zu treffen. Bei gutem Wetter sollte der Rückweg zu Fuß angetreten werden. Hannes lag ganz still, mit geschlossenen Augen, im Bette, als Hans Steinherr sich verabschiedete. Sie gab ihm kaum die Hand.

»Ich kann Sie leider nicht auffordern, in der Woche noch einmal vorzusprechen,« sagte die alte Frau, als sie Hans die Tür im Vorzimmer öffnete. »Ich bin die ganze Woche draußen auf Arbeit.«

»O, Frau Stahl, ohne Ihren Willen würde ich es auch nicht wagen.«

»Es ist gut,« entgegnete sie.

»Haben Sie vielen Dank, Frau Stahl. Der Nachmittag bei Ihnen war wirklich schön.«

»Adieu, Herr Steinherr.«

Er stolperte die Stiegen hinunter und stand mit erhitztem Kopf auf der Straße. Wohin? dachte er. Nur nicht unter Menschen jetzt. Er eilte auf kürzestem Wege nach Hause, in den Garten. Er fühlte, daß seine Brust ganz schwer war von all den Gestalten, die er mit sich trug. Ein unerklärlich wonniges Gewicht. Bis in die Nacht saß er in der Laube und hielt mit den Gestalten allerlei närrische Zwiesprache. — —

Frau Stahl hatte leise die Kammertür geöffnet.

»Schläfst du, Johanna?« fragte sie.

Als keine Antwort kam, blieb sie im Wohnzimmer. Grübelnd stand sie am Fenster und blickte hinaus. Dann kehrte sie sich ruhig um und suchte sich eine Handarbeit heraus.

Sie sollen ihre Jugend haben, dachte sie, das ist ihr Recht. Man soll dem Menschenfrühling nicht ins Handwerk pfuschen, wenn man das Wort Glück im Munde führt. Und — und — das Kind gab mir doch die Hand darauf. — —

* * * * *

Zweimal im Laufe der Woche war Hans Steinherr im Atelier seines Freundes Springe gewesen. Er hatte sich stundenlang an den Bildern vorbeigeschoben, in alle Ecken geguckt und ganz sonderbar herumgedruckst.

»Was gibt’s denn, Junge? Hast du Schulden beim Konditor, eine schlechte Zensur, oder bist du verliebt?«

»Ach, Sie spotten ja nur.«

»Also verliebt. Dann behalt’s bei dir! Die Heimlichkeit erhöht den Reiz. Hoffentlich ist sie von altem Adel?«

»Sehen Sie? Ich wußte ja, daß Sie für gewisse Dinge kein Verständnis haben.«

Der Maler hatte eine Melodie gepfiffen und rastlos weiter gearbeitet.

»Herr von Springe?«

»Nun, mein Junge?«

»Wenn — wenn ich nun einmal jemanden nötig haben sollte, der — der — auf den ich mich — verlassen könnte?«

»Soweit meine Verständnislosigkeit reicht, würde ich der Jemand ja sein können.«

»Herr von Springe!«

Hans war auf ihn zugesprungen und hatte sich an ihn gehängt.

»Mach’ daß du nach Hause kommst und halte die Leute nicht auf. Marsch, ab! Hörst du nicht, ich habe zu arbeiten. Ich will allein sein.«

Und jedesmal, wenn der Junge nach solch einer Szene gegangen war, hatte der Maler die Arbeit beiseite geschoben und war auf die Veranda hinausgetreten, an der das Weinlaub rubinrot schimmerte und tausend dringendere Fragen stellte, als der Mund des mannbar gewordenen Knaben ...

Und nun war Sonntag. Ein Herbsttag von jener Schönheit und tiefen Schwermut, die noch einmal alle Erinnerungen des enteilenden Sommers zusammengreifen möchte zu einem lang nachschwingenden Akkord. Aus Hoffen und Bangen gemischt: Was wird der Tag bringen, was wird nach ihm kommen? Nütze den Tag! Er trägt in sich, was über den Winter hilft. Sein Zittern ist dein Zittern. — —

Hans Steinherr stand am Bahnhof. Er hatte sich bei den Eltern mit einem Ausflug entschuldigt, ohne die Namen der Teilnehmer anzugeben, und wartete nun schon seit einer Viertelstunde auf Frau Stahl und ihre Enkelin. Für jede der Frauen trug er ein paar Rosen in der Hand. Er war so aufgeregt, als gälte es eine Weltreise.

»Hier!« rief er plötzlich aus Leibeskräften und schwenkte den Hut. Da waren sie neben ihm.

Frau Stahl war nicht sonderlich modern gekleidet. Er merkte es nicht. Er war nur dankbar, daß sie gekommen war. Und Hannes? War das denn Hannes? Ja, war sie denn gewachsen in den acht Tagen und umsoviel reifer geworden? Er kam sich fast wie ein Knabe neben ihr vor.

»Wie geht es Ihnen?« murmelte er und stopfte ihr die Rosen in die Hand. »Wie ich mich freue! Sie sind also wieder ganz gesund? Freuen Sie sich denn auch ein wenig auf die Tour? Hier, Frau Stahl, bitte, nehmen Sie doch auch die Blumen. Da kommt der Zug. So, bitte, hier können wir einsteigen.«

Frau Stahl hatte den Griff des Coupés gefaßt. Jetzt ließ sie ihn wieder los.

»Herr Gott,« lachte sie, »da wären wir beinah falsch eingestiegen. Das ist ja die erste Klasse.«

»Dann stimmt’s doch. Bitte, Fräulein Hannes.«

Das junge Mädchen blickte fest auf die Coupénummer. Dann preßte sie die Lippen zusammen und stieg ein, als ob sie’s anders nicht gewöhnt sei. Frau Stahl folgte schweigend, und als letzter Hans. Während der kurzen Fahrt bis zur Station Benrath wollte kein Gespräch zu stande kommen.

Steif schritten die Frauen die Feldwege einher, die zum Schloß führten. Auch Hans war verstimmt. So zogen die drei Menschen fürbaß.

»Soll ich den Pedell rufen, damit er uns das Schloß zeigt?« fragte Hans, als sie vor dem Rokokobau standen und die Blicke über die Rasenfläche schweifen ließen, die sich vor ihm ausbreitete.

»Bitte,« sagte Hannes kurz.

Der Pedell kam und übernahm die Führung. Aber was er auch von dem Erbauer, dem kunstsinnigen pfälzischen Herzog Karl Theodor und seinem fröhlichen Hofstaat zu erzählen wußte, was er berichtete von allerhand Zeitläuften und Schicksalen, von hohen und höchsten Herrschaften, die geruht hatten, in diesen und jenen historischen Betten zu ruhen: er fand nicht das mundaufsperrende Verständnis, das er bei diesen Gästen zu finden gehofft hatte. Erst das Trinkgeld stimmte ihn um. Er empfahl angelegentlich, nicht zu versäumen, den Park zu besuchen. »Der herrlichste Park, den der Niederrhein besitzt. Mit der Dunkelheit wird er geschlossen. Sonst müssen Sie übers Gitter klettern.«

Wieder standen die drei Menschen draußen und blickten stumm über die Rasenfläche.

»Sind Sie müde, Frau Stahl? Wir hätten wohl erst die Wirtschaft aussuchen sollen. Entschuldigen Sie, daß ich nur an mich dachte.«

»Großmutter hat sich in den letzten Tagen überarbeitet,« sagte Hannes kurz.

Hans blickte auf die alte Frau und errötete. Hannes gewahrte es und wandte sich finster ab.

»Komm, Großmutter, es ist nicht weit. Nur ein paar Schritte bis zum Grund.«

Durch die lockende Sonntagspracht gingen sie mit lässigen, müden Bewegungen.

Im Wirtshaus im Grund saßen sie, bis die Sonne im Westen zu flammen begann. Da drängte die alte Frau, die jungen Leute sollten den Tag nicht vertrauern und noch einmal hinausgehen. Sie fühlte sich bereits wieder wohler. Das Stillsitzen und der Abendfriede täten ihr am besten.

Da gingen die beiden jungen Menschenkinder den Weg zurück zum Schloß und traten durch das Gittertor in den gepflegten Garten und gingen weiter, an den Sandsteingöttern vorbei, vorüber an den Wasserspielen und dem mit Seerosen bedeckten Bassin, die laubenartig verwachsenen und künstlich verschnittenen Heckengänge entlang, in denen es einsam war wie in stillen Grotten, und weiter, bis der Park sie aufnahm mit seinen Baumriesen und wundervollen Landschaftsbildern, bis sie den Rhein in der Ferne aufblitzen sahen und sein heimatliches Gemurmel hörten.

Es war ein Duften um sie her nach kräftigem Waldboden.

Und sie blieben beide stehen und schlossen die Augen und sogen den Duft ein. Den Duft von niederrheinischer Scholle, deren Kinder sie waren.

Als sie die Augen öffneten, hatte die flammende Abendsonne den Park mit Glut gefüllt, die Bäume schillerten in goldenen Konturen, und die Wipfel waren wie purpurne Baldachine. Das Gras zu ihren Füßen war ein persischer Teppich geworden in bunten Farben und phantastischen Mustern.

»Wie — schön — —« stammelte fassungslos das junge Mädchen.

Und der junge Begleiter ergriff ihre Hand, als müßte er ihr zeigen, daß sie ritterlichen Schutz genösse in diesem Zaubermärchen.

Als die tiefen Schatten fielen und das Licht auslöschten, behielt er die Hand in der seinen, und so gingen sie wie Kinder, die sie waren: Hand in Hand.

Es wurde nicht dunkel heute. Ein silbriger Schimmer spielte in dem Dämmer und durchdrang es. Der Mond kam herauf. Durch den flüsternden Park gingen die Kinder Schulter an Schulter, bis sie in den Laubengängen waren, in denen einst die Liebe des Rokoko geseufzt. Drüben, im Garten, lächelten die verschwiegenen Sandsteinfiguren, die allwissenden Heidengötter, wie ehedem; auf den Teichen träumten die Wasserrosen; durch die Hecken glitt ein Singen wie von einer Harfensaite, immer derselbe, einzige, sehnende Ton; und der Park dort öffnete wie eine Mutter die Arme weit.

Die Kinder spürten ein Zittern in den Händen, an denen sie sich gefaßt hielten. Sie blieben stehen. Da lief das Zittern durch ihren Körper.

Und das Mädchen legte den Kopf zurück und blickte mit weitgeöffneten ergebungsvollen Augen dem Knabenkopf entgegen, der sich mit bebendem Mund über sie beugte und ihre Lippen suchte.

Sie berührten sich wie ein Hauch, staunend blieben sie übereinander gebeugt, und in ihre kalten Wangen strömte das junge, warme Leben zurück.

Die Hände lösten sich und hingen schlaff herab. Dann hoben sich die Arme, scheu und ungelenk, und eines umschlang den Nacken des anderen, und die Lippen, halbgeöffnet, neigten sich zueinander und drängten sich fest aneinander und kehrten, wenn sie sich lassen wollten, immer wieder hastig, durstig zueinander zurück. Keines sprach ein Wort. Aber wenn sie innehielten, zählte eines des anderen Herzschläge. Bis die Herzschläge durcheinander jubelten.

»Hannes, Hannes, ich habe dich so lieb, daß ich es nicht sagen kann.«

»Ich hab’ dich lieb gehabt, wie ich dich sah, und werde nur dich lieb haben,« murmelte das Mädchen, und ihre Finger zitterten auf seinem Haar, seinen Augen, seinen Wangen.

»Weshalb warst du immer so böse zu mir?«

»Sprich doch nicht,« flehte sie und hob die feuchten Augen und die jungen, verlangenden Lippen.

Da faßte er sie um den biegsamen Leib und preßte sie an sich, daß ihnen beiden schwindelte.

»Komm, komm, du sollst dich setzen,« und er führte sie behutsam zu einer Bank.

Sie saß auf seinem Schoß, seinen Kopf in beiden Händen, und sah ihm ganz nahe in die Augen.

»Du!« stieß sie jäh hervor und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.

»Du! Du! Du!« stammelte er. »Wenn du mich vergessen solltest!«

»Hans!« rief sie, und sie lachte und schluchzte durcheinander.

»Weshalb hast du mich immer so gequält? Sag es mir doch, damit ich ruhig werde,« bat er.

»Ich kann es nicht. Ich kann es wahrhaftig nicht.«

»Aber ich leide darunter. Ich habe ja nie einen anderen Menschen so lieb gehabt.«

»O, du! Und ich? — Und ich werde auch nie einen anderen Menschen lieb haben können. Nie! Hörst du? Ich habe nicht und ich werde nicht. Hans, Hans!«

»So mußt du es mir auch sagen können. Erst heut nachmittag — o, du weißt — da warst du so kalt.«

»Sei nicht böse,« sagte sie beschämt und drückte ihr Gesicht an seine Brust.

Und plötzlich, unaufgefordert, begann sie zu sprechen. Ohne ihr Gesicht von seiner Brust zu heben.

»Ich war ja so kindisch. Siehst du, als ich dich sah, und immer wieder sah, da warst du für mich so vornehm. Und ich wollte nicht, daß du vornehmer wärst als ich. Und ich hatte solche Angst, du könntest es merken, daß du vornehmer seist als ich und könntest dich über mich lustig machen wollen. Deshalb war ich so trotzig. Lieb hatt’ ich dich ja längst. Und du mich auch; das merkte ich. Aber ich wollte, daß du dich nicht schämen solltest. Ich wollte werden wie du, und ich will es auch werden. Ich will es! Du darfst dich nie, nie meiner schämen. Ach, du, es kann dich ja keiner so lieb haben wie ich. Auf der ganzen Welt nicht! Im ganzen Leben nicht!«

Hans kniete vor sie hin, umschlang ihre Kniee und drückte seinen Kopf in ihren Schoß.

»Wie gut das tut,« sagte er aus Herzensgrund. »Wie lieb du bist!«

Er küßte ihr Kleid, und sie schmiegte die Wange auf sein Haar.

»Schwöre mir, daß du mein Weib wirst. Daß du auf mich warten wirst, was auch kommt!«

Sie schwur es, mit einem stillen Lächeln in der Stimme.

Und er gab tausend heiße Knabenschwüre zur Antwort.

»Komm, Hans,« sagte sie endlich, »Großmutter wartet. Sie vertraut auf mich.«

Da stand er von dem kühlen Boden auf, und sie gingen wieder Hand in Hand, wie Kinder gehen. Durch den lauschenden Garten, vorbei an den lächelnden Sandsteingöttern.

Sie hatten lange zu suchen, bis sie eine Stelle im Parkzaun fanden, durch die sie hindurchschlüpfen konnten. Das Parktor war verschlossen. Doch der Spaß des Suchens war größer als die Angst. Und alles Kindische kehrte in ihnen zurück. Ausgelassen tollten sie den Weg zum Wirtshaus im Grund zurück.

Frau Stahl war im Garten eingenickt. Der Wirtssohn spannte eine Kalesche an und fuhr die Gäste nach der Stadt zurück. Die alte Frau schlummerte im Fonds, müde von der Last der Arbeit, der Sorge und der Jahre. Ihr gegenüber saß das Märchen, das sich Jugend nennt, und schaute selig lächelnd in die ewigen Sterne.

[Illustration]

Siebentes Kapitel

Der Spätherbst setzte mit endlosem Regen ein. Es regnete fort bis in den Dezember. Verdrießlich eilten die sonst so lebensfrohen Düsseldorfer über die Straßen, verdrießlich über das Wetter und die allgemeine schlechte Geschäftslage. Selbst in den Narrensitzungen, die wie alljährlich pünktlich mit der elften Abendstunde des elften November begonnen hatten, um mit weiser Gründlichkeit den Karneval, den »Fastelowend«, für den Monat Februar vorzubereiten, wurde mehr gallige Bosheit als blanker Humor gezeitigt. Im Hofgarten war das Herbstlaub an den Bäumen verfault. Harte Windstöße rissen es von den Zweigen und klatschten es auf den Boden, wo es zu einer breiigen Masse ward. Die Schwäne auf den Teichen ruderten zerzaust am Ufer entlang, als wären sie in der Mauser. Kein Mensch bekümmerte sich um die sonst so verwöhnten Tiere. Über den Rhein, den das aufgewühlte Grundwasser der Nebenflüsse lehmiggelb gefärbt hatte, pfiffen die Winde, daß jeder die Kaimauer mied. Die Schiffahrt war eingeschränkt. Die Frachtkähne wagten sich bei dem rapid wachsenden Pegelstand nicht aus den Heimatshäfen, und die paar kleinen Lokalboote fuhren meist ohne Passagiere. Große Geschäftskrisen standen vor der Tür, und der unaufhörliche Regen machte die Stimmung immer noch grauer.

Hans und Hannes gewahrten von alledem nichts. Die Not der Zeit blieb ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie wußten nicht anders, als daß das goldene Zeitalter hereingebrochen sein müsse. Und wenn sie an jeder Straßenecke über das erbärmliche Hundewetter schelten hörten, so lachten sie und segneten das Hundewetter. Unter demselben Regenschirm, eng aneinandergeschmiegt, unternahmen sie ihre Streifzüge durch die entlegenen Viertel der Altstadt oder setzten den Brückenwärter in Erstaunen durch stundenlange Promenaden auf der menschenleeren Schiffsbrücke.

»Nu säg ehner, wat en Rejen is!« brummte der Alte kopfschüttelnd. »Dene hät et dörch et Dach jerejent, da sind se öwerjeschnappt. Knatsch jeck.« — — —

Hans und Hannes hörten und sahen nichts, als nur sich selbst. Jedem ging im anderen eine neue Welt auf, und sie suchten sie sich zu eigen zu machen und aus der Vermischung eine einheitliche mit erweiterten Grenzen aufzubauen. Das Mädchen war dem jungen Manne in der schnelleren Anpassung weit voran. Als hätte ihre Seele nur darauf gewartet, daß einer an die verriegelte Pforte poche und das »Sesam, öffne dich« spräche, so breitete ihr Empfinden und ihr Verständnis die Schwingen. Mit dem unausgesprochenen Fraueninstinkt fand sie heraus, was in ihrer ungebundenen Natur den guterzogenen Freund verwirrte, sie las ihm sein ganzes Formentalent ab, das sie bisher als den Ausdruck angeborener Vornehmheit angestaunt hatte, und zitterte insgeheim vor Freude, wenn sie seinen verwunderten Blick bemerkte. Aber sie sprach nie ein Wort über ihre Lerntätigkeit. Sie hatten auch so viel anderes zu besprechen ...

Regelmäßig trafen sie sich zwischen der sechsten und siebenten Abendstunde, wenn Hans das notwendigste Aufgabenpensum der Schule erledigt hatte. Die Ecke am Pempelforter-Stall, neben Schloß Jägerhof, galt ihnen als Rendezvous, aber meist trafen sie sich, da Hannes als erste zur Stelle war, halbwegs der Jakobistraße und bogen sofort in den triefenden, aufgeweichten Hofgarten ein. Als Hans im Gummimantel erschien, erschien auch Hannes im Gummimantel. Daß sie ihn aus dem Erlös ihres Francesca-Gewandes erstanden hatte, verschwieg sie. Der elastische Stoff legte sich fest um den schlanken Mädchenleib, hob die feinen Formen und gab der Figur etwas über die Jahre hinaus Vollendetes und Reifes.

»Wie wunderschön du bist!« sagte Hans. »Wie ein verkleideter Page. Man wagt gar nicht, dich anzufassen.«

Dann nahm sie seinen Arm, drückte sich an ihn und versuchte, mit ihren zierlichen Füßen seinen Schritt einzuhalten.

Kam ein Tümpel, so hob sie die Röckchen, prüfte erst mit der Spitze des Stiefels die Tiefe und schritt hindurch wie eine kleine Bachstelze.

»Du sollst mir nicht so nach den Füßen schauen, Hans,« sagte sie drüben.

»Ach, Hannes, liebster, süßer Hannes, in ein paar Jahren bist du ja doch meine Frau.«

»Ich will es aber nicht, Hans. Oder riskierst du das auch bei den jungen Damen, die in eurem Hause verkehren?«

Dann ging er verstimmt neben ihr her. Bis die Bäume sich lichteten und die Alleestraße sichtbar wurde, und sie sich plötzlich mit einer jähen Bewegung an seine Brust warf und sich von ihm herzen, drücken und küssen ließ und den Kuckuck danach fragte, ob er das auch bei den jungen Damen, die in seinem elterlichen Hause verkehrten, »riskierte«.

»Hans, ach, du, du!«

»Hänschen, Hänschen, weshalb bin ich nicht schon was geworden!« — —

Mit der gleichen, jähen Bewegung machte sie sich los, und mit der sicheren Eleganz, als wäre sie die Schwester des so apart erscheinenden jungen Menschen, überschritt sie mit ihm die Straße, um durch die Altstadt oder an der Kunstakademie vorbei den Weg zum Rhein zu nehmen.

Sie führten keine tiefen Gespräche, die beiden. Und doch war ihnen jedesmal, wenn sie sich trennten, als hätten sie die Tiefen der Weltweisheit erschöpft, und sie fühlten sich in ihrer Lebensklugheit bereichert mehr denn von allen Schuljahren.

Im stürmenden Wetter, unter dem schwankenden Regenschirm dicht aneinandergeschmiegt, blieben sie oft mitten auf der Straße stehen und horchten, halb selig, halb verängstigt, auf etwas Unerklärliches, Beunruhigendes, Wunderbares — —. Und es war nur das Pulsen ihres Blutes, das sie in der dichten Berührung verspürten.

* * * * *

Nun war Frost eingetreten. Es ging auf Weihnachten zu. Manchen verregneten Sonntagnachmittag hatte sich Hans von der alten Frau Stahl erbettelt, ihn in dem primitiven Wohnzimmer der Pempelforterstraße zubringen zu dürfen. Denn an den Sonntagen verließ die Enkelin die Großmutter nicht. Über den einzigen freien Tag, den die alte Frau besaß, hatte sie auch allein zu verfügen. Seit in dem jungen Mädchen das Geheimnis der Frauennatur zur Offenbarung rang und unbewußt nach Betätigung drängte, umschloß sie mit verdreifachter Liebe die einzige Frau, die, wenn auch alt und greis, ihrem Leben näher stand und ihr das gleiche Geschlecht verkörperte. Dann wandelte sich der Liebeshunger in eine Liebesverschwendung.

Und in der Greisin stieg es jung und heiß empor.

»Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle,« murmelte sie und reckte sich auf.

Mit Hans saß sie oft und plauderte. Ruhig, ernst, auf ihre Weise. Sie ließ ihn Blicke in ihr Leben tun, und ihr Leben, ihr siebzigjähriges, spiegelte siebzig Jahre der Menschheit. Alle Kreuz- und Quersprünge der Zeit und der Zeitgenossen, das Trotzen, Aufbegehren, Himmelstürmen, das Nachgeben, Erkennen, Resignieren, die Inzucht des Egoismus wie das Sichfeilhalten des Strebertums, alle Narrheiten und alle Tugenden des Menschengeschlechts hatten der alten Frau ein Spiegelbild lassen müssen, und sie mischte die Bilder in ihrem Kaleidoskop und hielt es dem stumm Aufhorchenden hin und sagte: »In all dem suchte die Menschheit das Glück. Schauen Sie nach, ob Sie es sehen.«

Und Hans sah es nicht.

»Ich sehe es in ganz etwas anderem,« sagte er mit seiner warmen Knabenstimme.

»Das taten die anderen von Haus aus auch. Aber sie waren zu schwach, ihre Meinung vor den Leuten festzuhalten. Links und rechts lockte es, akkurat wie das Glück. Und obenein schien es bequemer oder ruhmreicher, oder vornehmer und eleganter; und sie brachen von der Bahn aus und nahmen Richtwege. Da fanden sie die Bequemlichkeit, den Ruhm, die Vornehmheit, die Eleganz. Und das Glück, das dumme, kindische, einfältige, und doch über alles, alles, alles triumphierende Menschenglück? Ich bin siebzig Jahre. Fragen Sie Leute, die so alt sind wie ich, was sie an Orden und Ämtern bieten für das, was sie — als sie jung waren — auf der geraden Bahn liegen sahen. Damals, als sie sich ihrer Jugendmeinung, ihres Impulses schämten. Wissen Sie auch, was das ist: sich schämen? Scham ist Feigheit.«

Über das Wort hatte er lange nachgegrübelt. Er empfand sehr wohl, daß es nur bedingungsweise gebraucht worden war und auch nur bedingungsweise seine Anwendung finden konnte. Aber gerade deshalb wurde es ihm zum Sporn, den Motiven nachzuspüren und sich zu prüfen, wenn er drauf und dran war, sich einer Sache, eines Menschen wegen zu schämen. Bevor er dem Gefühl der Scham Gewalt über sich ließ, sezierte er mit Gedankenschnelle die treibenden Gründe. Waren sie ideeller Natur, gaben sie ihm ein Recht, mit sich oder anderen unzufrieden zu sein, so schämte er sich für sich und die anderen mehr denn früher. Ging ein egoistischer Zug hindurch, vor allem der, der zur grundlosen Überhebung und jener eigensüchtigen Art der Verleugnung drängt, aus der Petrus nach des verlästerten Nazareners Gefangennahme die Worte sprach: »Ich kenne den Menschen nicht,« so versuchte er mit Gewalt Herr über sich selbst zu werden und murmelte es nach wie eine Beschwörung: »Scham ist Feigheit.«

An einem Dezemberabend war es, als Hans der Gedanke kam, mit Hannes gemeinsam das Springesche Atelier aufzusuchen. Es sollte ein Überfall in aller Form sein. Er wollte, daß Springe das Mädchen sehen, daß er im stande sein sollte, sich ein Urteil zu bilden. Nie hatte er mit dem älteren Freunde über seine Neigung mehr gesprochen, als in losgelösten Andeutungen, nie einen Namen genannt. Nun aber trieb ihn der jugendliche Renommierstolz, ein Zipfelchen des Schleiers, den er über den selbstentdeckten Schatz gebreitet hatte, geheimnisvoll zu lüften. Er kam sich mit seinen neunzehn Jahren unendlich kavaliermäßig vor, als er, das sechzehnjährige Mädchen am Arm, die Treppe des Hauses in der Immermannstraße hinaufstieg und die Klingel zur Springeschen Wohnung zog.

Der alte Herr öffnete wie gewöhnlich. Er blinzelte überrascht, als er das Pärchen erblickte.

»=Parbleu=,« sagte er und machte eine Verbeugung wie aus einem graziösen, altmodischen Menuett. »Die verdammten Kalendermacher! Machen die Kerle einem weiß, Dezember sei; und vor der Tür steht der Frühling! Treten Sie ein, meine schöne, kleine Gnädige.«

Das junge Mädchen, im molligen, schwarzen Krimmerjackett, die Pelzmütze auf dem Kopf, trat errötend näher. Die chevalereske Begrüßung hatte ihr sensitives Schönheitsgefühl erregt und sofort die Brücken geschlagen zwischen ihr und dem jovialen alten Herrn. Als er ihr die Hand zum Gruße reichte, machte sie ihm unwillkürlich einen so tiefen, ehrerbietigen Knicks, wie er ihr vorher wohl nie in ihr kapriziöses Köpfchen gekommen war, und als er, erfreut, ihre derb behandschuhten Händchen hob, um ihr wie einer Dame den Zoll des Handkusses zu entrichten, kam sie ihm zuvor und berührte mit ihren warmen, jungen Lippen seine schönen, weißen Aristokratenhände.

Mit einem Griff nahm er das feine Kind um die Taille.

»Sommervögelchen,« sagte er mit lächelndem Drohen, während sie schelmisch seinem Blick stand hielt, »das bitt’ ich mir aber aus. Sparen Sie sich das Küssen, bis es für den Mund reicht. Gelt? Das ist abgemacht.«

Dann ließ er sie mit einer Verbeugung los und nahm die Hacken zusammen.

»Gestatten Sie, meine allergnädigste Kleine: von Springe. Übrigens der Ältere. Aber nur dem Geburtsschein nach.«

Da trat Hans vor und übernahm schnell die Vorstellung seiner Freundin.

»Fräulein Johanna Stahl. — Verzeihen Sie, Herr von Springe, daß ich Sie am Abend noch mit einem Besuch überfalle. Aber ich hatte Fräulein Stahl so viel von dem Atelier des Herrn Heinrich erzählt — und — und — am Tage habe ich wegen der Vorbereitung zum Examen so wenig Zeit — daß — daß — —«

»Wie denn nur? Die Freude ist auf unserer Seite. Burg Springe ist entzückt. Mein liebes Fräulein, lassen Sie sich von dem korrekten jungen Mann da nicht ihre köstliche Natur verderben. Erstens mal ist es erst sechs Uhr, und daß im Winter die Sonne früher untergeht als im Sommer, ist ihr eigenes Pech. Und zweitens bitte ich überhaupt, Burg Springe als Ihr Eigentum zu betrachten. So eine Lehnsherrin habe ich mir schon lange gewünscht. Meinen Respekt, schöne Gönnerin.«

»Donnerwetter noch mal!« entfuhr es ihm, als er sie an sich vorbeischreiten ließ und sie ihn mit ihren großen Augen kinderfroh anlachte. »Bitte, hier einzutreten. Verzeihen Sie eine kurze Weile, ich werde sofort Licht machen. Die jüngere Generation von Springe verrichtet im Nebenzimmer gerade ihr Abendgebet. Pardon also für wenige Minuten. Religiöse Handlungen soll man nicht stören.«

Er ging, um einen Kerzenfaden herbeizuholen, mit dem er die Lichter anzünden wollte.

Aus dem Nebenzimmer drangen die Klänge eines meisterhaft gespielten Flügels. Sie suchten sich mit sehnsuchtsvoller Friedlosigkeit, in durstiger Leidenschaft und tauchten unter in plötzlicher, zärtlicher Erinnerung genossener Träume, um dann ihre Stimme aufs neue zu erheben und von der großen Liebe zu sagen, die da gleich ist in der Nähe und in der Ferne, im Leben und im Sterben. Und die horchenden jungen Menschenkinder erschauerten vor der ungeahnten Menschenherrlichkeit. Sie waren blaß geworden, blaß in der Erkenntnis der Größe der Liebe, und ihre Hände kamen sich scheu entgegen, und als sie sich hielten, verkrampften sie sich. Der Mann am Flügel spielte Tristan und Isoldens Liebestod.

Und in der Dunkelheit des Zimmers, in dem sie warteten, von demselben Gedanken getrieben, hoben sie beide gleichzeitig die Arme und umschlangen sich und preßten in Angst und Wonne Mund auf Mund, wie sie noch nie einen Kuß geküßt.

Ebenso hastig ließen sie voneinander ab. Die Musik rauschte auf.

»Das ist wie ein Brautbesuch,« flüsterte Hans stockend.

»Wie ein Brautbesuch,« wiederholte das Mädchen und suchte den schweren Atem zu bändigen.

Herr Friedrich Leopold von Springe kam mit dem brennenden Kerzenfaden und zündete die großen Atelierlampen an. Auch die Kerzen in den Bronzeleuchtern mußten heute daran glauben.

»Ein bißchen festlichen Glanz muß Burg Springe doch hergeben,« meinte er schmunzelnd. »Ein Turnier kann ich in der Kürze der Zeit leider nicht abhalten lassen. Hoffentlich haben Sie sich vorhin im Dunklen nicht allzusehr gefürchtet.«

Der alte Herr schob die augenfällige Ergriffenheit der Kinder auf die aufwühlende Tristanmusik.

»So,« sagte er lakonisch, als drinnen der Deckel des Flügels klappte, »er hat ausgerungen.«

In der Tür stand Heinrich Springe. Er konnte sich in dem Lichtmeer nicht gleich zurechtfinden und beschattete einen Augenblick lang die Augen mit der Hand. Dann warf er den Kopf zurück, sah fest auf das Bild vor sich und ging mit ausgestreckten Händen auf seinen Besuch zu.

»Meine Freundin, Fräulein Johanna Stahl, würde sich so sehr freuen, wenn sie Ihr Atelier sehen dürfte ...«

»Herzlich willkommen. Das ist ja beinahe wie eine Weihnachtsbescherung. Gelt, Papa?«

»Wahrhaftig, mein Sohn, ich werde unsere Tanne um drei Tage zu früh anzünden. Man soll die Tage nicht nach dem Datum, sondern nach dem Inhalt feiern.«

Und der alte Herr verschwand händereibend im Nebenzimmer, in dem der Flügel stand.

Heinrich Springe hielt die Hände des jungen Mädchens. Wie entzückend die Kleine war, wie biegsam und weich, und doch wie stark und selbstsicher an der Seite ihres jungen Freundes! Es ging ein Duft von ihr aus, so frisch wie von einer Waldblume. Glückliche Jugend, dachte er, wer die Zukunft so sähe wie ihr!

»Darf ich Ihnen aus dem Jackett heraushelfen?« fragte er. »Es wird Ihnen zu warm werden, und ein Stündchen müssen Sie nun schon bei uns alten Junggesellen aushalten. Ergeben Sie sich nur gleich auf Gnade und Ungnade.«

»Ja, ja, mein Sohn,« fuhr er fort und schob Hans scherzend beiseite, »das hättest du wissen sollen, als du dich in dies Nest wagtest. Die alten Springes von ehedem waren arge Raubritter und Schnapphähne, und die jungen kitzelt zuweilen auch noch das Blut. Jetzt erfind nur schnell ein Lösegeld. Das Fräulein aber zahlt für ~sich~.«

»Und wenn ich mich sträube?« lachte das Mädchen und reckte sich in ihrem blauen mit weißen Litzen besetzten Tuchkleidchen nachdrücklich auf.

»So stehle ich Ihnen Ihr Konterfei und laß es zu Weihnachten an böse Kinder verteilen mit der Unterschrift: ›Die unartige Johanna‹.«

»Da muß ich mir doch erst Ihre Malkunst ansehen,« meinte sie würdevoll, »damit ich mir klar werde, was vorzuziehen ist.«

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Arm reiche, meine Gnädigste?«

»Sie sind sehr aufmerksam.«

Hans war sprachlos. War das sein wilder, scheuer Hannes aus der Zweizimmerwohnung der Pempelforterstraße? War das dasselbe Mädchen, das noch vor wenigen Monaten nichts vom gesellschaftlichen Ton gewußt und sich feindselig gegen alles, was aus den ihr fremden Kreisen kam, gesträubt hatte? Wer hatte das in sie hineingelegt? Der gute Junge ahnte ja nicht, daß er es selber gewesen war. Er wußte ja so gar nichts von der geheimnisvollen Kraft der Frauennatur, die, wo sie liebt, spielend bewältigt, wozu sonst Jahre der Erziehung oft nicht ausreichen wollen. Hannes aber war nur von einem Gedanken beherrscht: ihrem Freunde keine Unehre zu machen, tapfer die erste gesellschaftliche Probe zu bestehen, zu zeigen, daß sie es wert war, aus der dunklen Ecke herausgeholt zu werden, und daß sie das Licht jetzt nicht mehr scheute. Es wurden Kräfte in ihr frei, vor denen sie sonst gezagt hätte, aber ein urplötzlich erwachter starker Wille spornte sie an, sich ihrer zu bedienen, damit der Freund jede ängstliche Besorgnis verliere, sich ihrer an anderer Stelle einmal schämen zu müssen, damit sich sein Vertrauen wie sein Stolz aus seinen kleinen, namenlosen Schatz stärke.

Sie lächelte ihm zu, als sie an des Malers Arm von Staffelei zu Staffelei wanderte. Halb Kinderlächeln war es, und halb süße, frauliche Überlegenheit.

Heinrich von Springe war nicht weniger überrascht als Hans Steinherr. Er hatte nach den wenigen Andeutungen seines jungen Freundes geglaubt, es handle sich um eine der unausbleiblichen Kinderliebeleien mit einem der kleinen, nicht gar zu prüden rheinischen Mädel. Und nun fand er ein Geschöpf, das zwar die ganze Rasse und die ganze Anmut der Rheinlandstöchter in sich verkörperte, dem aber eine Tiefe innewohnte, vor deren ernstem Grundspiegel er fast erschrak. Mit seinem geschärften Künstlerauge sah er in diesem Spiegel, welche Flut von Gefühlen die Tiefe bewegte, wie sich diese Mädchenseele ängstete und wie sie sich trotzig mühte, wie sie selig erzitterte und wie sie tapfer kämpfte. Und er sah, wie auf dem Grunde sich schon die Wandlung vom Kinde zum Weibe vollzogen hatte und ein grenzenloses Vertrauen rührend klar bis zur Oberfläche stieg. Jede Antwort, die sie ihm gab, jede freie Äußerung, die von einem feinen weiblichen Empfinden für Kunst und Schönheit Zeugnis ablegte, bestärkte seine schnelle Zuneigung zu dem seltsamen Mädchen, dessen zierliche Schönheit sein Entzücken herausforderte und dessen ungehobener innerlicher Reichtum sein Mitgefühl entzündete. Würde Hans Steinherr der Mann sein oder doch der Mann werden, den Schatz zu heben, ohne die Form zu zerstören? Die Form zu erkennen, ohne den Schatz verkümmern zu lassen? Was wußte der junge, unerfahrene Mensch von dem Wert des Geschenkes, das er wie ein blindtappendes Sonntagskind am Wege gefunden hatte! Noch hatte er keinerlei ernste Probe im Leben zu bestehen gehabt.

Heinrich von Springe streifte den jungen Mann zum ersten Male mit einem sorgenvolleren Blick.

»Kinder,« sagte er dann, »wie schön, daß ihr gekommen seid!«

»Sie sind also nicht böse?« schmeichelte Hans. »Eigentlich gehörte es sich ja nicht, Sie zu überfallen.«

»Mein Fräulein,« wandte sich der Maler an die Kleine, die, ganz Kind wieder, bei Hans’ Worten beschämt die Augen gesenkt hatte, »gewöhnen Sie diesem jungen Herrn doch die Salonsprache ab, wenn er sich unter Freunden befindet. Von Ihnen nehme ich als ganz gewiß an, daß Sie sich ebenso freuen wie ich. Stimmt’s?«

»Ja,« sagte sie ehrlich, und es wurde ihr so frei zu Sinn, daß sie klar und ruhig die Augen zu ihm erhob.

»Sie müssen mich nicht schelten, Herr Heinrich,« bettelte Hans. »Ich konnte doch nicht wissen, wie Sie meine Eigenmächtigkeit aufnehmen würden.«

»Auch nicht fühlen?« meinte der Maler und strich ihm über das Haar. »Bin ich dein Freund, he? Und bin ich ein blutwarmer Mensch oder ein verknöchertes Monstrum, das sich selbst zum Sterben mit Albertis Anstandsbuch in den Händen niederlegt? Kleiner Dummkopf du!«

»Ha,« entfuhr es Hannes, »das war famos!«

»Freut mich, mein Fräulein, daß ich mich zum Dolmetscher Ihrer Empfindungen machen durfte.«

Er ergriff mit übertriebenem Zeremoniell ihre Hand und führte sie an die Lippen, und Hans, glückselig, ergriff ihre andere Hand und führte sie ebenso an die Lippen, und das Mädchen stand zwischen ihnen, errötend und doch ihrer Freude nicht Herr; wie ein Weihnachtsengel, der seine Flügel ausspannt.

»Was ist denn das?« fragte Heinrich Springe und hob den Kopf.

Alle drei horchten sie auf. Aber ihre Stellung behielten sie inne.

Drinnen im Nebenzimmer suchte jemand auf dem Flügel eine Melodie. Jetzt hatte er sie, wenn auch etwas klapperig, weil er sie nur mit einem Finger zu spielen verstand.

»Ihr Kinderlein, kommet, O kommet doch all — — —«

Die Musik wurde von einer brüchigen, aber sehr gefühlvollen Stimme begleitet.

»Die Kinderlein sind wir,« flüsterte der Maler. »Weiß Gott, Herr Friedrich Leopold hat Ernst gemacht und das Geburtstagsfest des Herrn Jesus um drei Tage vordatiert!«

»Ihr Kinderlein, ~kommet~!« mahnte die Singstimme des alten Herrn dringend von neuem, denn seine musikalischen Kenntnisse waren mit den beiden Verszeilen erschöpft.

»Also kommen wir,« entschied der Maler. »Man kann Weihnachten nie ausgiebig genug feiern.«

Noch immer hielten sie das Mädchen links und rechts bei den Händen, und so führten sie es hinein, just, als würde das stimmungsvolle Kindheitsfest nur für das fremde Mädchen gefeiert.

Auf dem Tisch strahlte eine kaum drei Schuh hohe, sattgrüne Tanne in buntem Kerzengeflimmer. Eine Schale, hochaufgetürmt mit Früchten aller Art, war neben einer bauchigen Champagnerflasche und langgestielten Kelchen aufgebaut. Durch das Zimmer zog der harzige Duft des Waldes.

Herr Friedrich Leopold saß am Flügel. Er hatte nun schon dreimal seinen Vers gesungen, und als er jetzt den reizenden Weihnachtsengel hereinschweben sah, überkam ihn eine andere poetische Erinnerung aus der Kinderzeit. Da der Finger auf den Tasten streikte, so klatschte er kurz entschlossen den musikalischen Rhythmus mit den Händen und sang dazu begeistert und aus Leibeskräften:

»Christkindchen, komm in unser Haus, Pack die große Tasche aus — —«

»Donnerwetter,« unterbrach er sich bestürzt und sprang eilig auf die Beine. »Das war natürlich nur ein Versehen, meine Allergnädigste, ein bloßes Vergreifen in meinem Liederschatz. Sie werden mir im Ernst nicht die bodenlose Unhöflichkeit zutrauen, von meinem lieben Gast das Mitbringen und Auspacken einer großen Tasche zu ergieren. Was singen wir nun?«

Heinrich Springe setzte sich auf den Klavierstuhl, sann einen Augenblick nach, und bald begann der Flügel unter seinen Händen zu jauchzen und zu jubeln. Der Maler sah Hannes an, die neben ihm stand. »Kennen Sie das?« fragte er, ohne sich im Spiel zu unterbrechen.

»Aus den Weihnachtsliedern von Peter Cornelius.«

»Ah — — das überrascht mich. — — Die Lieder sind nicht sehr bekannt.«

»Die Musiklehrerin, von der Schule her, hat sie mich gelehrt. Ich durfte zuweilen zu ihr kommen.«

»Bitte, singen Sie,« und er begann von neuem.

Ihr Blick fuhr blitzschnell von einem zum anderen; hilfesuchend, verwirrt. Ihr Herz begann in rasendem Tempo zu schlagen. Der Maler wartete, die Hände auf den Tasten; der alte Herr und Hans standen gespannt neben der Tanne. Da hob sie sich in den Schultern und trat, die Stirn zusammengezogen, dicht an das Instrument heran.

»Wie schön geschmückt der festliche Raum. Die Lichter funkeln am Weihnachtsbaum. O fröhliche Zeit! O seliger Traum!«

Der Maler wandte während des Spiels den Kopf und nickte ihr zu: »Bravo!« Das half ihr über die Angst. Und sie sang so frisch und unbekümmert das Lied zu Ende, als wüßte sie von keinem Zuhörer.

Heinrich Springe reichte ihr die Hand.

»Sie haben ein schönes Organ,« sagte er, »und was mehr ist, Sie haben Seele. Wir müssen mehr miteinander musizieren. Topp, schlagen Sie ein!«

»Sie spielen wundervoll,« stammelte sie und suchte mit den Augen den Geliebten.

Den aber hatte Herr Friedrich Leopold bei den Rockaufschlägen genommen, ihn wach zu rütteln.

»Sie sind an der Reihe, mein Sohn! Es geht ein Rundgesang an unserem Tisch herumvidiwum!«

»Ich lebe seit Jahren im Stimmbruch, Herr von Springe.«

»Sie brauchen auch gar nicht zu singen; lassen Sie Ihre Muse singen; die ist doch so Gott will über den Stimmbruch erhaben. Sie Drückeberger sind der einzige, der heute abend nichts geleistet hat.«

»Ich habe Ihnen Fräulein Stahl gebracht,« sagte Hans mit einer Verbeugung.

»Wahrhaftig,« beeilte sich der alte Herr und erwiderte die Verbeugung tief. »Ich werde beim Papst darum einkommen, daß man Sie für diese Tat heilig spricht.«

Darauf ließ er mit einem Knall den Sektpfropfen an die Decke springen.

»Noch nicht, Vater,« bat der Maler. »Horcht! Das paßt in die Stimmung.«

Vom nahen Klösterchen in der Oststraße klangen die Glocken zu einer weihnachtlichen Messe.

»Hast du wirklich kein neues Gedicht verfaßt, Hans?« fragte der Maler. »Wir bilden doch eine Familie.«

»Hans dichtet?« rief Hannes überrascht. »Ach — ich meinte — Herrn Steinherr.«

»Herrn Steinherr?« versetzte der alte Herr trocken. »Hier gibt es nur einen Hans; und der dichtet in der Tat.«

»Ein Weihnachtsliedchen,« sagte Hans mit leiser Stimme, und es trat feierliche Stille ein.

»Komm, komm — — — — —! Die Weihnachtsglocken läuten. — — Du sollst das Lied mir deuten, Ganz leis, ganz fromm. Dort auf dem Tannenmoos, Von Zweigen überhangen, Laß, Liebste, dich umfangen Auf meinem Schoß.

Still, still — — —! Was können Worte sagen? Ich spür’s an seinem Schlagen: Dein Herz, es will —

Will aus dem Glockenklang Mir eine Mär’ verkünden, Die ich nicht konnt’ ergründen Ein Leben lang.

Du! Du! — — — O, laß mich weiter hören! Mit keinem Hauche stören Will ich die Ruh’. Weich nicht verwirrt zurück — Ein Lachen und ein Singen Will dich und mich bezwingen Von innrem Glück.

Bald, bald — — —! Und wieder brennen Kerzen, Und Glockenruf im Herzen Uns widerhallt. Was heiß in uns gegärt, Die Wünsche, die wir spannen Zu Weihnacht unter Tannen — Gewährt, gewährt!

Dann, dann — — — — —! O jetzt noch schweigen müssen! Sprich’s aus in tausend Küssen, Was ich gewann. — — Horch, in den Lüften blieb Der Weihnachtsglocken Klingen, Und unsre Seelen singen: Ich hab’ dich lieb. — — —«

Er blieb unter der Tanne stehen und blickte, weltvergessen, sein Mädchen an, dem die Kniee zitterten. Sie hätte sich ihm an den Hals geworfen, trotz des fremden Ortes, trotz der fremden Menschen, wenn sie vermocht hätte, sich von der Stelle zu rühren. Ihr ganzes Wesen war in Aufruhr.

Heinrich Springe schenkte die Gläser voll und wortlos reichte er sie herum. Dann trat er auf Hans zu und legte ihm den Arm um die Schulter.

»Das soll das Wort sein, das diesem Tag die Weihe gibt: ›Ich hab’ dich lieb.‹ Komm, nenne mich du.« —

Noch ein halbes Stündchen blieben sie beisammen. Dann ging der Maler an den Flügel.

»Noch ein Abschiedslied,« sagte er und intonierte die Melodie. »Kennen Sie es wiederum, Fräulein Johanna?«

»Aus den Brautliedern von Cornelius,« erwiderte sie leise und setzte ein.

»Nun, Liebster, geh und scheide — — — Morgen ist auch noch ein Tag. — Morgen, morgen, morgen ...«

Und das »morgen« klang liebeschwer, sehnsuchtsvoll und wunderbar trostreich. — —

»Mein Dichter,« flüsterte sie erregt, als sie durch den Winterabend heimschritten, »du wirst so groß, so berühmt werden ...«

»Ich habe ja alles von dir!« rief er leidenschaftlich und preßte ihren Arm. »Ich dürfte dich nie verlieren.«

Da stieg ein seltsam neues Gefühl in ihrer jungen Brust auf. Das zärtliche Muttergefühl des Weibes für den Geliebten. —

[Illustration]