Buch 1
Im +D+-Zug Berlin-Hamburg saßen die Freunde zusammen -- Georg Freimann, Carstensen, Timmermanns. Ihre Herzen brannten vor Verstimmung und Groll.
»Es war nicht gerade nötig, Freimann, daß Sie die Verhandlungen mit einem Bekenntnis zur Republik eröffneten«, sagte der alte Carstensen. »Dieser -- na, sagen wir mal Opportunismus wirkte wenig überzeugend -- gerade an Ihnen, der Sie, wie die Welt weiß, einmal ein Günstling, um nicht zu sagen ein Freund des Kaisers waren -- und sich in der Sonne der Allerhöchsten Gnade immer höchst behaglich gefühlt haben.«
»Wenn diese Worte eine Anzweiflung meines Charakters sein sollen,« entgegnete Georg Freimann scharf, »dann sprechen Sie es bitte deutlich aus -- damit ich genau weiß, wie ich mich hinfort zu Ihnen zu stellen habe.«
»Sie sind immer ein großer Diplomat gewesen, lieber Freund«, sagte der Greis behutsam. »Ich habe Ihre Elastizität stets bewundert. Sie ist eine der wichtigsten Ursachen Ihrer Erfolge geworden. Aber diesmal hat, meiner Beobachtung nach, Ihre Anpassungsfähigkeit Ihnen einen Streich gespielt. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß Ihre politische Neueinstellung auf die Herren, mit denen wir verhandelten, etwas verblüffend gewirkt hat. Ich brauche mich wohl nicht deutlicher auszudrücken.«
»Nein -- das brauchen Sie nicht«, sagte Freimann eisig. »Über meine Gesinnung zu urteilen, erlaube ich auch Ihnen nicht. Ich erkenne nur mein Gewissen als Richter an. Und mein Gewissen -- das ist der Vorteil der Linie. Heute wie je.«
»Frage nur, ob Sie dem gestern wirklich gedient haben -- dadurch, daß Sie sich so beflissen auf den Boden der Tatsachen gestellt haben. Das hat auf die Männer der Stunde keinesfalls überzeugend gewirkt. Das Ergebnis zeigt's: Wir kriegen kein Geld. Und damit gut' Nacht, H. T. L., gut' Nacht, Hammonia-Werft! Jetzt können wir beide die Bude zumachen.«
»Dafür bedanken Sie sich lieber bei Ihrem Herrn Mitarbeiter!« Georg Freimann warf dem stumm vor sich hinbrütenden Timmermanns einen bitterbösen Blick zu ... »Es wäre noch alles gut abgegangen, wenn dieser Gewaltmensch da nicht die Nerven verloren hätte -- und den rötlichen Herren mit dem Vorwurf ins Gesicht gesprungen wäre, die Republik scheine nur Geld für Schaffung neuer Ministerien und keins für die nationalen Aufgaben zu haben ...«
»Kann sein, daß es geschadet hat«, erwiderte Bob Timmermanns mit grimmiger Genugtuung. »Mich freut's, daß ich's ihnen gesagt hab'! Sie werden's nicht hinter den Spiegel stecken.«
»Es war trotzdem eine Dummheit, Timmermanns«, sagte der Brotherr des Getadelten. »Eine Dummheit, für die wir alle büßen müssen.«
Bob Timmermanns hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge. Aber der alte Herr hatte recht ...
Die drei Männer, deren Stellung zueinander eine Lebensfrage der deutschen Schiffahrt bedeutete, verstummten in Bitterkeit und Entfremdung. Aber zu stark war in ihnen allen dreien das Gefühl der Verantwortung für das Schicksal der ihnen anvertrauten Unternehmungen, der Tausende von Menschenleben, die unmittelbar von ihren Entschlüssen abhingen -- des Vaterlandes, das Eintracht und Zusammenarbeit von allen seinen Söhnen gebieterisch forderte -- und von den Führern am meisten.
Georg Freimann war wirklich von den dreien der Anpassungsfähigste. Er war der erste, dem es gelang, Enttäuschung und Verärgerung niederzuzwingen. Seit dem rätselhaften Verschwinden seines Sohnes, an dem er sich selber einen Großteil der Schuld beimessen mußte, war er ohnehin zu Milde und Nachsicht geneigter denn je zuvor.
»Carstensen,« sagte er, »das hat keinen Zweck. Wir dürfen uns jetzt nicht entzweien -- wir dürfen nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und auch Timmermanns. Gesagt ist gesagt, geschehen ist geschehen. Also Schluß damit. Wir müssen vorwärts. Was ist zu tun?«
»Ich weiß es nicht«, sagte der alte Carstensen mutlos. »Küstendampfer von dreitausend Tonnen bauen -- und ab und zu mal einen neutralen Auftrag größeren Umfangs ergattern -- dabei kann die Werft nicht bestehen. Und auch abgesehen davon -- ich müßte danken. Liquidieren, Freimann! Wenn ich nicht mehr schaffen darf -- Großes schaffen, wie ich's gewohnt bin -- dann lieber Schluß!«
»Und unsere Arbeiter?!« warf Timmermanns dazwischen.
»Aha! Die Herren Arbeiter!« sagte Carstensen heftig. »Das verdammte Kapital hat zwar nicht das Recht, den Arbeitern Vorschriften zu machen, aber die Pflicht, ihnen Brot zu schaffen. Wie es das anfängt, das ist seine Sache.«
»Jawohl,« sagte Timmermanns, »es ist seine Sache. Und darum hat der Herr Präsident recht: was tun?«
Freimann hatte tief nachgesonnen. »Sie wissen, meine Herren, ich könnte der Linie -- und vielleicht auch der Werft aus dem Schlamassel helfen, wenn ich an Elias Patterson nach Neuyork telegraphierte, die H. T. L. sei jetzt bereit, seinen Vorschlägen nachzukommen und ihre Aktiva an den Patterson-Konzern zu verkaufen. Dann faßte die Blue-Star-Line in Hamburg und damit in Deutschland Fuß, das Personal der H. T. L. würde übernommen und hätte in Zukunft unter dem Sternenbanner weiterzuarbeiten -- für die Hammonia-Werft fiele wohl doch im Laufe der Zeit mancher Auftrag der Amerikaner ab -- und ich für meine Person würde vielleicht als Subdirektor des Konzerns bis an mein Lebensende weiter vegetieren dürfen ...«
»Entzückende Aussichten!« brummte Timmermanns. »Dann hätte der Feindbund ja sein Ziel erreicht: die deutsche Schiffahrt als europäischer Nebenbetrieb der angelsächsischen ... Die deutsche Industrie wird den gleichen Weg gehen -- schließlich ist ganz Deutschland nur noch eine Filiale der Entente, alle Deutschen Lohnsklaven ihrer Feinde ... Es ist erreicht!!«
»Nein,« sagte Georg Freimann, »es ist nicht erreicht -- noch nicht ... Versuchen wir zunächst noch einmal bei den Banken unser Heil! Der neue Dampfer muß auf die Helgen, muß ... Diese Gesellschaft, die sich heute Reichsregierung nennt, wird abwirtschaften ... Wir werden unsere Entschädigung bekommen, wenn nicht morgen, dann übermorgen ... Solange müssen die Banken einspringen. Wollen sehen, ob nicht auch sie begreifen, daß Schiffahrt not ist -- Leben aber nicht!«
In des Reeders Auge glühte der alte Hansentrotz. Die Freunde sahen's mit stolzer Genugtuung. Des Sohnes Verschwinden -- es hatte dem zähen Eroberer den Nacken nicht gebrochen, nein gesteift. Und da sprach auch er selber schon den Gedanken aus, den die anderen hinter seiner arbeitenden Stirn geahnt:
»Dieser Phantast, der einmal mein Sohn hieß, der soll nicht recht behalten ... Nicht neue deutsche Menschen braucht's, die alten waren ganz gut so, so wie sie waren ...«
2
In der zugigen Schiffsbauhalle der Hammonia-Werft stand ein junger Mann von etwa dreißig Jahren neben einem Vorarbeiter, der ihn anleitete. Der Lehrer bemühte sich, dem Schüler das »Versenken« beizubringen. Seltsamer Name für eine Arbeit, die nichts erforderte als eine sichere Hand, ein aufmerksames Auge und etliche Gewissenhaftigkeit! Eine Eisenplatte lag flach auf einem kniehohen Gerüst -- um ihre vier Ränder zog sich eine Doppelreihe sauber eingestanzter Löcher. Sie waren für die Niete bestimmt, welche die Platte an das stählerne Schiffsgerüst anheften und damit zu einem Bestandteil der eisernen »Oberhaut« des werdenden Fahrzeugs machen sollten. Diese Löcher bedurften noch einer letzten Zurichtung durch Ausfräsen mit einem kegelförmig abgestumpften Bohrer. Diesen zu führen, sollte der »Neue« lernen -- der heute morgen vom Betriebsrat der Werft als »Ungelernter« eingestellt worden war. Er hatte sich als Heimkehrer aus der russischen Kriegsgefangenschaft angemeldet. Papiere besaß er nicht, die waren in die Hände der Bolschewisten gefallen. Sein beschmutzter Matrosenanzug und seine korrekten Antworten auf einige seemännische Fragen machten seine Aussage glaubhaft, daß er mit +U+ 387, das während eines Vorstoßes der Hochseeflotte in die Bucht von Ösel durch eine Wasserbombe außer Gefecht gesetzt worden und in die Hände der russischen Küstenverteidigung geraten war, in Gefangenschaft gekommen sei. Er hieß Anders Niemann.
»Junge, du hest 'n Kopp!« lobte der Vorarbeiter, als der Lehrling seine ersten Versuche gemacht hatte. »Du kümmst bald bi dei Utgeliehrten!«
Anders Niemann lächelte geschmeichelt.
»Büst all organisiert?« examinierte der Lehrmeister.
»Ick weur vor'n Krieg op'n Lann«, erklärte der Neue. »Doar hebbt wi noch kein Organisatschon hatt ... Öwerst ick lat mi noch hüt inschrieben ...«
»Dat's gaud,« lobte der Kollege, »süß weur ock dien's Bliewens hier nich lang west.«
Noch eine halbe Stunde blieb der Vorarbeiter neben seinem Zögling stehen, um dessen Arbeit zu überwachen -- dann klopfte er ihm derb auf die Schulter.
»Du brukst kein'n Oppasser mehr -- mok man so wieder ...«
Und Anders Niemann »versenkte« stumm und angespannt arbeitend Nietloch um Nietloch. War eine Platte fertig, so kam auch schon die nächste angerollt. Das vollzog sich wie die Arbeit eines ungeheuren Triebwerks, in dem auch die Menschen nur einzelne Stifte oder Radzähne waren.
In der Mittagspause folgte Anders Niemann dem Strom seiner neuen Kameraden, der sich aus dem ganzen weithingestreckten Werftgelände, in vieltausenden Rinnsalen zusammenfließend, zur Kantine ergoß. Alles bewegte sich in hastigem Tempo, die Hungrigen und Flinksten gar im Laufschritt. Man gab eine Marke ab, empfing einen Topf mit Zusammengekochtem, suchte sich in der niederen Halle an den langen, dichtumdrängten Tischen einen Platz und löffelte seinen Topf aus ... Anders Niemann hatte einen Schauder zu überwinden. Alles andere war zu ertragen ... die dumpfe Schlafstelle in der elenden Hafenkneipe drüben am St. Pauli Fischmarkt -- man würde ja über kurz oder lang ein etwas menschlicheres Quartier finden. Die Gesellschaft der neuen Kollegen -- der Dunst von frischem Schweiß und verschwitzter, verfilzter Wäsche, von ungepflegter Körperlichkeit, kurzum so etwas wie der Geruch einer fremden Rasse -- das kannte er schließlich von der engen Gemeinschaft der Kaserne, von den Schlafkojen der Hochseeschiffe und des Tauchbootes ... Auf die Gespräche freute er sich ... um ihretwillen war er hier. Aber wie diese Menschen aßen -- dies Schmatzen, Schlürfen, Schlingen -- daran mußte man sich erst gewöhnen ...
Immerhin -- Anders Niemann fühlte sich sehr wohl inmitten all der knorrigen, derbknochigen, muskelstarken, in verschlissene, schmutzstarrende, über und über geflickte Kleider gehüllten Gestalten, in deren Mitte er, mit aufgestemmten Ellenbogen, wie sie, sein erstes durch Handarbeit verdientes Mittagsmahl verzehrte. Und als der Heißhunger gestillt war, kam eine Unterhaltung in Gang. Aber von ihrem Inhalt war Anders ein wenig enttäuscht. Nichts Grundsätzliches -- keine Ideen ... Lohnfragen -- nichts als Lohnfragen ... Er war zwischen lauter ältere Genossen geraten ... Es sei ein Skandal, meinten die, daß heutzutage der Ungelernte wie der Gelernte bezahlt werde ... Das sei früher nicht gewesen, und das könne auch nicht bleiben. Und auch, daß es jetzt keine Akkordarbeit mehr geben solle, das sei ein Unverstand ... Wenn man mit fleißiger Hand nicht mehr verdienen könne als mit fauler, dann mache das ganze Arbeiten keinen Spaß. ... Anders Niemann lauschte mit stummer Genugtuung. Die revolutionäre Überspannung des Gleichheitsbegriffs schien bei den besonneneren Angehörigen der Klasse schon ihre erste Werbekraft verloren zu haben.
Bald brannten die Zigaretten. Nun kamen die persönlichen Fragen. Anders Niemann freute sich seiner Beherrschung des Plattdeutschen, das er seiner Vertrautheit mit der Mannschaft verdankte. Niemand kam auf den Einfall, der junge hübsche Kerl mit dem kahlgeschorenen »Stiftekopp« und dem ersten Stoppelflaum eines sprossenden Bärtchens auf der Oberlippe könne etwas anderes sein als ein waschechter Genosse ...
In bedeutend langsamerem Tempo als der Hinmarsch zur Futterstelle wurde der Rückmarsch zur Arbeitsstätte angetreten. Und Anders Niemann »versenkte« weiter seine Nietlöcher. Immer die gleiche Bewegung, das gleiche Tasten mit dem schnurrenden Bohrer, bis er richtig über der Mitte des Loches saß ... Dann eine Senkung, die rasenden Feilzähne packten zu -- rrrr -- das Loch war fertig ... weiter, weiter ... Das Hirn verblödete, die Augen schmerzten, alle Glieder brannten, bis endlich die Sirene Feierabend gebot ... Dann trottete Anders Niemann im Schwarm seiner Arbeitskollegen zur Werft hinaus, überquerte in der vollgepfropften Dampffähre den gärenden Elbstrom und schlenderte nun der Reeperbahn zu, um eine Abendunterhaltung im Stil seiner neuen Lebensführung aufzusuchen. Und alsbald war er untergetaucht in einem Schwall von Menschen, die in ihren Kleidern den Dunst der Arbeit mit sich trugen, in ihren Gesichtern die Abspannung eines Tagewerks, das ihnen nichts als freudlos ertragene Fron bedeutete ... eines Daseins, aus dem sie nichts zu machen, dem sie keinen Sinn, kein Ziel zu geben gewußt hatten ... Wie das dahinflutete, ruhelos, hoffnungslos, lechzend nach einem Augenblick der Entspannung, nach Genüssen, roh und leer wie ihre Mienen ... Ein grenzenloses Mitleid schwoll in Anders Niemanns Herzen. Wie arm waren diese Menschen ... Oh, sie waren nicht hungrig -- sie waren satt, sie konnten sich noch satt essen, während unzählige Geistige schon darben gelernt hatten ... Sie waren Masse und hatten es verstanden, als Masse aufzutrumpfen und manches zu erzwingen, was die Angehörigen höhergestellter Berufe längst entbehren mußten ... Und dennoch waren sie arm. Sie hatten nicht verstanden, nicht gelernt, ihr Leben mit Stolz und Auftrieb zu füllen ... Würde man ihnen helfen können --?!
»Heute gr. Ball!« Anders war in einen Schwall von Pärchen geraten, der dem grell durch eine Bogenlampe erleuchteten Eingang eines Tanzlokals zustrebte und sich einsaugen ließ wie ein Schwarm Nachtschmetterlinge in einen Exhaustor. Drinnen eine Luft zum Schneiden -- rote Papiergirlanden, rote Fähnchen an den Wänden -- am Klavier ein abgeschabter Klimpergreis, neben ihm ein hagerer, langhaariger Jüngling mit der Geige -- zu ihrem blöden Walzergedudel im enggekeilten Tanzgewirr sich drehend Paar um Paar -- die Söhne und Töchter der »andern Welt«.
Anders Niemann bestellte sich ein Glas Bier in einen Winkel und beobachtete. Ihm ging's zunächst wie einst bei seinen Rekruten. Es schien, als seien das alles dieselben Menschen, derselbe eine Mensch in ein paar hundert fabrikmäßig hergestellten Exemplaren, nur jedes ein bißchen anders angemalt und ausstaffiert ... Die Burschen gutmütig, sinnenhungrig, zu handgreiflicher Gewalt so rasch bereit wie zu schneller Brüderschaft ... Die Mädchen putzfroh, verliebt, lechzend nach derber Zärtlichkeit, leichtgläubig und gleich schnell zum Lachen und Weinen zu bringen ... Allmählich schälte sich dann doch eine ganze Welt von Typen heraus -- und aus dem Gewühl hob sich gar die eine oder andere Einzelpersönlichkeit von eigener Prägung.
Ein Strammer namentlich fesselte den versteckten Beobachter. Er schwitzte und schäumte förmlich Lebenskraft und Lebensgier. Die Mädchen rissen sich um seine Gunst, klebten an seiner breiten Brust wie Fliegen am Leimpapier. Aber er schien zu keiner zu gehören -- nachlässig langte er sich Dirn um Dirn zum Tanz, sprach zu der schmachtenden Partnerin von oben herab, schob, wenn das Gewoge verebbte, die sehnsüchtig auf Gespräch und Einladung harrende wie ein lästiges Bündel von sich. Dabei brannte in seinen Augen ein Feuer, das ihn selber auszudörren schien. Er löschte es, indem er nach jeder Runde einen Schnaps hinunterkippte ... Eine schöne, wilde, gefährliche Bestie ...
Der Mordskerl, dem die Weiblein sehnsüchtig zuschmachteten, schien unter den Männern viel Bekannte zu haben. Von allen Seiten trank man ihm zu, hielt ihm das Henkelglas hin:
»Suup, Tedje, suup! Büst lang naug bi Woter un Brot in't Bargwark fohrt!«
Aber nur mit einem der Kollegen hielt der Stramme Kameradschaft -- einem Stillen, Seltsamen, der für Anders Niemanns Gefühl ganz aus dem Rahmen fiel. Blondes Schlichthaar war senkrecht zurückgestrichen von einer vierkantigen Träumerstirn, unter der ein Paar blaue Kinderaugen standen. Die Nase bäurisch grob, der Mund schmal und schwärmerisch, das Kinn breit ausladend und kantig wie der Schädel -- ein merkwürdiger, unvergeßlicher Kopf.
In einer Pause bemerkte er, wie der Starke auf den wunderlichen Freund einsprach -- der wehrte ab, aber wie einer, der sich gern nötigen lassen möchte. Und rundum wurden Stimmen laut:
»Clos Mönkebüll! Du sast uns 'ne Red' hollen! 'ne Red' van de niege Tied!«
Und endlich stand der Allbegehrte auf. Sein strammer Gefährte hob ihn wie eine Puppe auf den Tisch -- alles drängte herzu, der Tanzbums wurde zur Volksversammlung.
»Kam'raden -- Genossen -- Brüder!« hob der Hagere mit leuchtendem Antlitz an: »Wer von uns fühlt dat nich, dat wir am Anfang stehn von eine neue Minschheit, von eine bessere, reinere Zeit?! Wir alle, was wir ältere Jungs sind, wo vor dem großen Massenmorden schon in der Arbeit gestanden sind, wir wissen es alle, daß wir damals wie in eine Stickluft gelebt haben und geschafft mit unsre schwielige, rissige Fäuste. Unsere Arbeit war der Fluch von unser ganzes Leben, wir waren angefüllt bis zum Bersten mit Haß -- mit dem roten, glühentigen Haß -- gegen den Staat, der nur für die Großen und Mächtigen inricht' wor, un vör uns arme Schindluder nix öwerig harr as Schinnerei un Invalidität. Un dorbi war in unsre Herzen ganz tief, tief innen eine große Sehnsucht, ein großes Heimweh nach eine bessere, schönere Welt ... und denn hebbt wi Johr üm Johr doar buten in Slamm un Füer liggen müßt un unsre Brüder drüben in' annern Graben kaputschießen oder uns von sie kaputschießen lassen ... do hebbt wi Tied naug hatt tau'n Simmelieren -- doar sünd wi all erweckt worden un hebbt begrepen, dat wi uns blot sülben helpen künnen ... Un dorüm hebbt wi Sluß mokt un hebbt uns hulpen un hebbt dei Throns umstött ... Un nu is dat Volk Herr im eignen Hus ... Aber noch ragt in unsrer Mitte eine mächtige Burg! Doar sitten sei noch jümmers drin, dei Gewaltigen von't Kapital ... Diese letzte Zwingburg möt wi noch stürmen un breken, ut düsse letzte Stellung möt wi den Feind der Minschheit noch rutsmieten, doarmit dat dei grote Gottesfräden von Brüderlichkeit öber dei Welt kümmt, dat wi all den'n glieken Andeil an dei irdischen un an dei ewigen Göder bekamen -- dat dat nich mehr Utpowerer gift un Utpowerte, kein Herren mehr un kein Sklaven, nix als freie, schöne, glückliche Menschen un Gotteskinner ... dat is dei niege Heilslehr', dei von Moskau utgahn is in alle Welt ... In ehrem Deinst hebbt wi de ierste dütsche Revolutschon mokt -- un in ehrem Deinste wüllt wi bald dei tweite moken -- un nach dem Götzen Monarchismus auch den Götzen Kapitalismus in den Abgrund stürzen ... In diesem Sinne, Genossen un Genossinnen: Es lebe die Weltrevolutschon!!« -- --
Andächtiger als eine Prozession von Wallfahrern der Predigt unterm Gnadenbilde, hingerissener, gläubiger hatten diese jungen Männer und Mädchen dem Propheten aus ihrer eigenen Mitte gelauscht. Nun brach ein Jubel aus, der die niedere Halle sprengen wollte. Der Redner ward von nervigen Armen emporgehoben, hinter ihm formte sich ein Zug, der immer und immer wieder die Runde um den Tanzboden machte. Auch Anders Niemann ward in den Strudel gerissen. Irgend etwas in ihm jauchzte, irgend etwas schluchzte ... Er fühlte die Echtheit und Tiefe der Sehnsucht, die in all diesen jungen, vom Leben, von ihrem eintönig herben Arbeitsleben wie von den stumpfen, seelenlosen Genüssen ihrer Ruhestunden ungesättigten Menschen schwelte -- nach etwas, dem sie selber keinen Namen zu geben wußten ... nach etwas, das vielleicht unerreichbar war, weil erst die ganze Weltordnung hätte umgebaut werden müssen ... diese fürchterliche neue Weltordnung des 19. Jahrhunderts, die aus der Welt Goethes und -- na, meinetwegen auch Napoleons, die Welt der Massenarbeit und des Massenmordes gemacht hatte -- die Welt der Maschine, das scheußliche Zerrbild der Schöpfung Gottes ...
Aus der Menge, die hinter dem redemächtigen Burschen wie hinter einem Triumphator drein tobte, rang ein Lied sich los:
»Wir bluteten vier Jahr' in Schlamm und Glut und Graus für Krone, Thron, Altar -- nun ist die Knechtschaft aus!
Was hoch und stolz, das fällt im Sturm der neuen Zeit, nun bringen wir der Welt die rote Seligkeit!«
Und bei den ersten Klängen des Liedes geschah etwas Seltsames. Der gefeierte Redner sprang von den Schultern derer, die ihn erhöht hatten, und kämpfte sich bis zum Klavierpodium durch. Er schob den verhungerten Musikmacher vom Drehstuhl und schlug mit geübter Hand, in machtvollen Akkorden, die Tasten. Wie die Harfenarpeggien eines Rhapsoden rauschten seine Modulationen daher -- von ihnen umrankt, schwang die neue Weise wie ein Sturmgesang durch den dumpfen, schweiß- und tabakdunstigen Raum, und taktfest dröhnte in ihren Rhythmus das Stampfen der nägelbeschlagenen Schuhe, das Händeklatschen der Mädchen ... Es schien, als wolle das Lied die Welt aus den Angeln heben -- diese Greuelwelt des Apparates, der Macht, Allmacht gewonnen über den Menschen ...
Und als das Lied zu Ende war, als der Zug sich auflöste, alles den Plätzen, dem Schenktisch zustrebte, um die jählings entfachte Glut zu löschen -- da blieb der Redner und Klaviervirtuos im zerschlissenen Soldatenrock am Klavier sitzen -- und immer noch glitten seine Finger über die Tasten ... aber nicht stürmisch und zerschmetternd mehr erklangen die Weisen, die er dem abgeklapperten Instrument abzwang ... sie wurden immer munterer, lichter, freudiger ... Und Anders Niemann glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen -- sie gingen in eine Melodie über, die er kannte -- eine Tanzweise ... aber nicht der übliche Gassenhauer aus der letzten Modeoperette -- es war Webers »Aufforderung zum Tanz«.
Da zog es den Neuling der Schiffsbauhalle mit geheimer Magie zum Instrument. Wortlos nahm er dem langmähnigen Geigenjüngling die Violine aus der Hand, klemmte sie unters Kinn -- und übernahm die Oberstimme ... Der Feldgraue am Klavier sah nur einen Augenblick mit frohem Staunen zu dem unerwarteten Kumpan am Klavier auf, dann versank er nur noch tiefer in das perlende Gewoge des unvergänglichen Tanzliedes. Und durch den Saal, den eben der trunkenmachende Päan von der roten Seligkeit durchbrandet hatte, schwebte nun wie ein Gruß aus der fernen Welt der Schönheit und Grazie die holdselige Walzerweise des Freischützsängers.
Und schau! Die jungen Kerls und Deerns, die sich eben, ein rasender Haufe Weltenstürmer, hinter dem roten Fanal des berauschenden Liedes geballt, fanden sich nun Paar zu Paar, umschlangen einander und walzten durch den Saal, nicht brünstig aneinander geklemmt wie vordem beim lüsternen Schmalzgedudel der dirnenhaften Foxtrottseufzer, sondern gelöst, beschwingt, durcheinandergewirbelt von der kecken Heiterkeit eines naturverbundenen Genius.
3
Die Verhandlungen mit den Banken wollten nicht vorwärts. Georg Freimanns Zuversicht geriet ins Wanken. Er hatte, dem Auftrage der Generalversammlung entsprechend, den Vertrag über die Lieferung eines Doppelschrauben-Turbinendampfers für Fracht- und Passagierbeförderung von siebenundzwanzigtausend Tonnen nach den Entwürfen der Hammonia-Werft unterzeichnet, und schon begann auf der größten Helling das Grundgerüst des Doppelbodens sich aufzubauen. Aber die Geldbeschaffung machte ernste Schwierigkeiten und drohte völlig ins Stocken zu geraten. Die Banken verlangten Garantien.
Ein abermaliger Versuch bei der Reichsleitung in Berlin schien nicht ratsam. Die hatte Wichtigeres zu tun, diesmal im Ernst Wichtigeres. Die Friedensverhandlungen in Versailles hielten sie in Atem.
In den Sitzungen des Direktoriums der Linie hüben wie in den Besprechungen der Werftleitung drüben flatterten die Gedanken der Verantwortlichen immer halb scheu, halb hoffnungsvoll um den einen Namen, den jeder auf der Lippe hatte, jeder auszusprechen sich scheute. Es war grauenhaft zu denken, daß dies stolze Deutschland, daß diese deutsche Handelsschiffahrt, die einmal die zweite Stelle in der Welt eingenommen hatte, nun nirgendwo anders das Heil erhoffen konnte als bei dem großen Feinde, dessen Eingreifen den Krieg wider die Welt zu Deutschlands Ungunsten entschieden hatte. Der Dollar hatte begonnen, seinen Siegeszug um den Erdball anzutreten.
Und eben von da drüben hatte eine Hand sich ausgestreckt, eine einzige Hand -- nicht um zu helfen zwar, sondern um auch das Letzte noch zu nehmen, das der größten deutschen Schiffahrtslinie von einstiger Machtüberfülle noch geblieben war. Aber hinter dieser Hand stand immerhin ein Menschenantlitz -- nicht eine Larve des Hasses und Vernichtungswillens ... Wie, wenn es gelänge, in dem Hirn, das dieses Antlitz, diese Hand regierte, etwas wie ein menschliches Verständnis, eine kluge Achtung zu erwecken für den zähen Lebenswillen, den unausrottbaren Hansengeist, der den Verzweiflungskampf der Linie, der Werft befeuerte?!
Das war die letzte Hoffnung, welche die harten Ringer diesseits und jenseits der Norderelbe noch aufrecht hielt, in den endlosen Besprechungen und Sitzungen, die der brennenden Frage der Geldbeschaffung galten. Denn schon waren die Banken so schwierig geworden, daß vorübergehend eine Stockung eintrat. Die Löhne konnten nur noch mit größter Mühe pünktlich bezahlt werden. Und damit kam aufs neue die Unruhe unter die Tausende von Angestellten, in den Kontoren wie auf der Werft. Was fragten diese Tausende nach den Schwierigkeiten der Leitung?! Sie verlangten an jedem Zahltag ihren Lohn -- und bekamen sie den nicht pünktlich und richtig, so waren sie schnell bei der Hand mit unseligen, sinnlosen Taten der Mißhandlung und Sabotage.
Mit solchen Sorgen zerquälten die Leiter aller großen Betriebe Hamburgs ihre Tage und Nächte in den furchtbaren Sommermonaten des ersten Jahres nach dem Verstummen der Geschütze. Aber zu solchen Beklemmungen hatten Georg Freimann und sein Freund Detlev Carstensen noch einen bitteren Herzenskummer zu tragen. Von dem jungen Manne, der einmal die Lebenshoffnung dieser beiden Väter gewesen, war seit jenem regentriefenden Aprilabend, der seine Spur verschlungen und verwischt hatte, nicht die leiseste Kunde mehr gekommen.
Ein anderer freilich war über dies Verschwinden höchst erfreut gewesen. Aber gerade der mußte erfahren, daß seine Hoffnungen enttäuscht wurden.
Im dienstlichen Verkehr hatte Bob Timmermanns täglich Gelegenheit, mit der Tochter seines Chefs in Berührung zu kommen. Er war der Mann, diesen Vorteil auszunutzen. Er zeigte sich von seiner besten Seite. Seine Unverwüstlichkeit durchdrang den ganzen Riesenapparat der Werft, befeuerte das Tempo der Arbeit, rann wie ein belebender Strom durch Kontore und Bauhallen, in die Docks und Helgen und ließ nirgendwo Erschlaffung, Unruhe, Unsicherheit aufkommen.
Ilse Carstensen wäre keine Frau gewesen, hätte sie nicht herausgefühlt, daß solche Leistungen eines Starken noch aus einer anderen Quelle ihre Unversieglichkeit schöpften als nur aus Pflichtbewußtsein, Schaffensdrang und Vaterlandsliebe. Bob Timmermanns besaß nicht die Kunst der Verstellung, des Abwartenkönnens. Das mächtige Gefühl, das seinen mächtigen Willen durchfieberte, verlangte nach Entladung, drängte nach Erwiderung.
Es gab Stunden, in denen Ilse der ungeheuren Energie dieser stummen Werbung, mit der Bob Timmermanns sie umgab, zu erliegen meinte. Das Gefühl der Wesensverschiedenheit, mit dem sie anfangs die überlaute, überderbe Art des Riesen abgelehnt, war längst überrannt. Der Werkmeistersohn war für die Patrizierin in die gleiche Ebene des Menschentums emporgestiegen.
Wäre Heinz geblieben -- hätte die Braut täglich Gelegenheit gehabt, an der Stärke des Werbers die Schwäche und Verworrenheit des Verlobten zu messen -- vielleicht hätte die Kraft gesiegt. Aber der Schwache, der Komplizierte, der Problematische war fort. Und knirschend erkannte Bob Timmermanns, was Heinz Freimann, wie Bob ihn zu kennen glaubte, in naivem Versagen getan -- es war das klügste, was er hätte tun können. Die Ferne, das Geheimnis waren stärkere Mächte als die Gegenwart, die Eindeutigkeit ...
Untersinkend hatte der Entrückte im Herzen seines Mädchens, das immer noch den Ring des Verlobten am Finger und jenen, den er ihr zurückgelassen, auf dem Busen trug, einen Anker versenkt, der fester hielt als einst das Treuegelöbnis, die Angst um den Kämpfer, den Gefangenen, die Seligkeit des Wiederfindens. Ilse wand sich in Reuequal. Gewiß: wenn Ilse dem Verlobten hatte merken lassen, wie sehr der Ingenieur ihr imponierte -- so war das nicht ganz ohne einen Hauch von koketter Bosheit geschehen ... Er hatte es merken sollen -- hatte es gemerkt. Und darum war er still gegangen -- darum ... So mächtig ist in der Frau das Allgefühl ihrer Liebe: sie will es nicht wahrhaben, daß der Geliebte auch noch anderen Einwirkungen unterliegt -- was ihm geschieht, was er leidet und handelt -- ihre Liebe wähnt sich selber die einzige Triebfeder der Leiden, der Entschlüsse, der Schicksale des Mannes, dem sie sich verbunden weiß ...
Das Verhalten seiner Mutter mußte sie in dem Glauben bestärken, sie allein habe ihn vertrieben. Wohl hatte Frau Johanna selber den Sohn in seiner Not ohne Mutterhilfe gelassen -- hatte in der plötzlichen Erkenntnis ihrer Schuld gegenüber ihrem Gatten den Seelenkampf, die tiefe Verlassenheit ihres Sohnes übersehen ... Aber das hatte sie längst vergessen. Sie gab es der Schwiegertochter rückhaltlos zu verstehen: ihre Tändelei mit Timmermanns habe Heinz von hinnen getrieben ... Ja, selbst ihren Vater hatte Ilse im Verdacht, er denke das gleiche ... Diese Auffassung, so schmerzlich und drückend sie für Ilses Gewissen war -- barg sie nicht auch eine ungeheure Schmeichelei? Eine verführerisch hohe Meinung von ihrem eigenen Wert? Es ist süß, wähnen zu dürfen, daß man für den geliebten Menschen das Schicksal bedeutet -- das ganze, das alleinige Schicksal ...
Schließlich: welcher andere Beweggrund für Heinzens Flucht war erkennbar, war überhaupt denkbar?! In den kurzen Stunden des Beisammenseins -- ehe das große Mißverstehen kam -- waren die Seelen einander noch viel zu wenig nahegekommen, als daß Ilse eine Ahnung von den verwickelten Vorgängen hätte haben können, die Heinz von hinne getrieben -- als daß sie hätte ahnen können, ihre betonte Abkehr von ihrem Verlobten sei nicht die einzige, ja nicht einmal die tiefste Ursache seiner Flucht gewesen -- höchstens der äußere, fast zufällige Anstoß ...
Einerlei: der schmerzlich-süße Wahn, der Ilses Gewissen belastete, wob ein festeres Band um sie und das Bild des Geflohenen als dereinst seine Gegenwart ...
Bob Timmermanns fühlte das. Zu einfach, zu leicht verständlich war dieser Zusammenhang. Und mit seinem ganzen Berserkergrimm haßte der Sehnsüchtige den Entflohenen, der aus unbekannter Ferne mehr Macht über das Wesen seiner Verlobten übte denn jemals durch seine Gegenwart.
4
Anders Niemann hatte das erhoffte Quartier gefunden. Clas Mönkebüll, sein Partner am Klavier, und dessen strammer Freund Tedje Tietgens hatten den neuen Kollegen mit heimgenommen. Und mit dem Sohne des Hauses teilte nun auch der »Neue« das Zimmer, in dem einstmals die drei Brüder Tietgens gehaust hatten -- -- von denen zwei in Frankreich verscharrt lagen.
Anders Niemann war den beiden Alten bald ein lieber Hausgenosse geworden. Nicht nur, daß er und der blonde Holsteiner allabendlich mit ihrer Musikmacherei ganz neue Freuden in das schlichte Arbeiterheim gebracht hatten -- es schwatzte sich so gut mit ihm ... Vater Tietgens taute auf. Er hatte einen Gesinnungsgenossen gefunden. Seinen Sohn hatte er längst aufgegeben -- das war ein hoffnungsloser Radikaler -- Kunststück, wenn man keinen Abend nüchtern nach Hause kommt -- -- auf dem Schnapssumpf blühte die Giftblume des Spartakismus am üppigsten -- das hatte Vater Tietgens längst heraus. Schwieriger war's zu verstehen, daß auch der scheue, schwere Clas ein so hitziger Moskowiter geworden war.
Anders Niemann glaubte beide genügend zu verstehen, um sie dem Alten begreiflich machen zu können.
»Vadder,« sagte er, »wat Ehr Tedje is, dei is ganz vullsagen mit Haß -- dorüm will hei alles kaputsloh'n, wo hei nich an kann. Clos is anners! -- Clos hett tau väl Leiw ... Alle Minschen möchte hei glücklich moken ... Dorüm kann hei't nich mit anseihen, dat weck in Öberfluß sick mästen -- un weck nich dat dröge Brot hebbt ...«
»Kannst recht hebben, Jung«, sagte der Alte. »Wo hest du blot all dei Wür her?! Denken kann'k ok so'n Soken -- Öwerst wenn ick dat utspreken will, dann finn' ick dat nicht tausam'n ...«
Vorsicht! dachte Anders Niemann. Und er bemühte sich, seine Gedanken ein wenig einfacher zu fassen ...
Immer wieder versuchte er von den Menschen seiner neuen Umgebung zu erfahren, was der innerste Grund ihrer maßlosen Verbitterung sei. Vater Tietgens gab zu, es sei dem deutschen Arbeiter vor dem Kriege nicht schlecht gegangen, die »Verelendungstheorie« habe nicht mehr gestimmt ... Auch die soziale Gesetzgebung erkannte er als einen großen Segen für die Arbeiterschaft an. Nicht minder war es ihm klar, daß eine Verteilung der Güter der wenigen Reichen unter die zahllosen Armen keinem helfen würde -- daß aber der Luxus der Großen vielen Kleinen Brot und Nahrung gebe.
Er selber, der Alte, stand seit Jahren in der Politik und empfand vor allem als Politiker. »Unse Klasse hat die mehrsten Minschen -- und deiht die mehrste Arbet -- da mutt se ok die mehrste politische Rechte hebben ... Wenn dat Volk tau seggen hatt harr', denn harrn wi den'n Schietkrieg nich kregen, odder hei weur nah en halv Johr tau Enn' west ...«
Das war ein Urteil, dem Anders auch im Munde seiner Arbeitskollegen immer wieder begegnete ... Man war zu lange festgehalten worden im Blutsumpf ... Und derweil hatten daheim die Schieber oben und die fünfzehnjährigen Rotzbengels unten sich Bäuche und Taschen gefüllt.
»Do sünd dei Kapitalisten an schuld ... un dei Generals in dei Etapp' ... nich blot in Dütschland, ok bi'n Engelsmann un bi'n Franzmann ... Dei hebbt dei Völker nich tauso'm finnen loten ... dei hebbt dei Verbrüderung hinnert ... Und dorüm möt dat Proletariat miehr Macht kriegen. -- Nich alle Macht, as dei Spartakisten und dei Bolschewisten willen -- öwerst miehr Macht, grote Macht ... Denn giwwt dat kein'n Krieg miehr, denn kümmt dei internationale Solidarität von't Proletariat! Vadderland? Ick haust op dat Vadderland! -- Vadderland, so seggen dei Utpowerer, wenn sei den lütten Mann dat Fell öwere Ohren trecken!«
Ja -- das war es: Dieser alte Mann, der so ganz deutsch lebte, dachte, handelte -- er fühlte nicht deutsch. Man hatte es ihn nicht gelehrt ... und das wenige an vaterländischem Gefühl, das Schule, Kasernenhof und Heimatluft in ihm vielleicht doch geweckt, das hatte er sich aus dem Herzen wieder herausschwatzen lassen. Und es hätte wenig Zweck gehabt, würde Anders den Versuch gemacht haben, dem Alten von dem Deutschland seiner Träume zu erzählen. Es galt, nicht aus der Rolle zu fallen.
Immerhin, mit dem Alten war gut schwatzen. Schlimm war's, wenn Tedje der Dritte im Bunde war. Der schlug immer auf den Tisch:
»Vadder -- du büst nich in Rußland west -- du kanns goar nich mitsnacken! Dei Russen hebbt uns wiest, wo't mokt warden mutt! Ick segg jug, wenn een' dit mit anseih'n hett, wo sei dat Burschoapack tau foftig un hunnert an de Muur'n stellt hebbt -- un denn eenmol mit'n Maschinengewehr dröwer hen, dat se ümpurzelten as Bliesoldoten -- da giwwt Luft vör't Volk!«
»So -- un wer mokt nu de Plän' vör dei Scheep un Dampers?« fragte der Alte bedachtsam.
»Na -- de Inschineure --!« lachte Tedje. »Dei hebbt sei leben loten! Dei Inschineure, dei geheuren ok tau't arbeitende Volk ... Dat sünd Kopparbeiters, weißt du ... Öwerst dei kriegen nu nich dat Hunnertfache mehr as dei Handlanger un dei Nieters --!«
»Dei Frag' is blot, ob sei denn ok noch so gode Plän' moken köhnt --« warf Anders behutsam dazwischen. »Kopparbeit is wat anners as Handarbeit. En Kopparbeiter mutt anners lewen können as'n Handarbeiter ... dei brukt Bäuker -- dei mutt reisen können un sich furtbilden ...«
»Wat du nich all weißt!« knurrte Tedje. »Du büst jo en ganzen Klauken, du! Öwer dit 's egol ... 'n goden Kierl büst du doch! Kumm, mien Jung, will'n ein'n drinken -- un denn säukt wie uns en säute Deern un gohn mit ehr slapen -- kumm, mien Jung!«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür -- und eine junge Dame trat ein -- »Gu'n Abend, Vadder -- gu'n Abend, Tedje ... ah, Besäuk?«
Plötzlich verstummte sie -- und starrte den neuen Schlafburschen an wie ein Gespenst. Und Anders Niemann saß da wie behext ...
Aber schnell hatte Antje sich gefaßt. Sie ging auf den neuen Hausgenossen der Eltern zu und streckte ihm die Hand hin:
»Entschülligen S' man -- ick harr all dacht, Sei wieren en Bekannten -- Ick bün Antje.«
»Un dit is Anders Niemann,« lachte Tedje, der bei dem seltsamen Stutzen der Schwester und des Kollegen, wie auch der Vater, zuerst verblüfft und argwöhnisch dreingeschaut hatte -- »kiek di'n man gaud an, mien Deern, dat 's 'n fixen Jungen -- en Nieter von de Werft! Un he wahnt bi Muddern -- un Viegelin spält hei noch'n beten beter as Clos Mönkebüll Klovier -- dat is nu 's Abens bi Mudder Tietgens dat reine Künstlerkonzert ...«
Auch Anders hatte sich rasch gefaßt. Er brachte einen wundervoll linkischen Kratzfuß zustande und stotterte:
»Djä, Fräulein -- dat's jo scheun ... ick harr gor nicht dacht, dat in de Uhlentwiet so wat Nüdliches wass'n künn ...«
»Dat gleuw ick di, Jung!« griente Tedje behaglich. »Dat is ok mien Swester ... Wat ick as Jung bün, dat is sei as Deern ... Nich, Mudder? Grod ut dien Gesicht sneden, donn as du noch jung weurst ...«
Das welke Mutterchen, das stumm und wesenlos in der Ecke hockte und sich nur zu regen pflegte, wenn es die Mannsleut zu betreuen galt, lächelte schweigend über sein ganzes, in tausend Fältchen zerknittertes Gesichtchen.
Und schon saß Antje mit den Männern am Tisch. Bald ward die Runde vollzählig -- denn auch Clas Mönkebüll, dessen Gutmütigkeit von Mudder täglich zum Einholen angestellt wurde, kam mit einem Henkelkorb voll Bierflaschen, Brot und Wurst unterm Arm. Bald kaute alles aus vollen Backen, lustig flatterte das Gespräch um den Tisch.
Nur ab und zu warf Antje einen heimlichen Blick zu dem Flüchtling der Villa Freimann hinüber. Sie wußte längst, daß der Sohn ihres Chefs seit ein paar Tagen spurlos verschwunden war. Aber dies Wiedersehen -- einstweilen überstieg es ihre Fassungskraft. Die Zeit war so kraus, so abenteuerlich, so vergiftet von Argwohn und Schurkerei -- eine Sekunde lang schoß ihr der Gedanke: Spitzel? durch den Kopf. Kaum gedacht, schon verworfen. Diese schwermütigen, innerlichen Züge hehlten nicht Verrat. Ihr Geheimnis lag tiefer, verschleierter.
Nicht minder unauffällig, nicht minder eifrig beobachtete der »Neue von der Werft« die Tochter seines Quartiergebers. Ihre Ähnlichkeit mit Tedje war auffallend -- freilich nur im Gesicht. Die schlanke Figur mochte sie von der jetzt ganz verbrauchten und verwitterten Mutter haben. Ein Vergnügen, wie sie mit ihren Lieben verkehrte ... Sie sprang, um dem Vater Pantoffeln und Pfeife zu holen -- ging der Mutter beim Abdecken und Spülen zur Hand -- und mit dem rauhen Bruder stand sie auf einem Fuße derber, oft handgreiflicher Neckerei, die aus dem schlimmen Tedje ganz ungeahnterweise einen täppisch-vergnügten, kindlich-gutmütigen Buben herausschauen ließ ... In die Schwester war er offenbar so verliebt, wie ein sinnlich veranlagter, doch kerngesunder Bursch in eine bildhübsche Schwester eben verliebt sein darf. Antje vergalt ihm mit einer harmlos lustigen Kameradschaft, durch die eine halb mütterlich sorgende, halb überlegen-erzieherische Zärtlichkeit anmutig hindurchschimmerte ...
Aber Clas Mönkebüll?! Er warf kaum einmal ein schwerfällig hingestammeltes Wort in das neckische Geschwätz hinein. Er saß mit aufgestemmten Armen stumm und andachtsvoll dem Mädchen gegenüber -- seine wasserblauen Augen unter der kantigen Stirn folgten jeder ihrer Bewegungen, sein schmaler Mund über dem breiten Kinn belächelte jedes ihrer Scherzworte wie eine Offenbarung ... Und Antje beachtete ihn kaum. Ja, manchmal schien es, als sei dies hingegebene, verzauberte Anstarren ihr unbequem ...
Sie schickte ihn schließlich selber ans Klavier -- trat mit ins Nebenzimmer und staunte, daß die zwei Kunstgenossen richtige Noten, funkelnagelneue, auf das Klavier und auf ein aus Zigarrenbrettern zusammengezimmertes Stehpult stellten ...
»Darf ich Sie später nach Hause begleiten?« flüsterte Anders Niemann der Haustochter zu.
»Ja -- aber die andern dürfen's nicht merken -- ich nehme niemals Begleitung in Anspruch ... Gehen Sie in einer halben Stunde fort und erwarten Sie mich unten ...«
Clas Mönkebüll hatte zu präludieren begonnen. Es waren die ersten Takte des Andantes aus der Kreutzer-Sonate. Nur das Thema wollten sie spielen und die beiden ersten Variationen. Die übrigen waren für Clas doch gar zu schwer ... Nun sah der Holsteiner sich ungeduldig um. Er sah, daß sein Kollege und Antje einen Blick tauschten, in dem etwas wie ein geheimes Einverständnis glomm ... da schaute er schnell wieder auf seine Noten -- ein banges Zucken um die schmalen Lippen.
Und dann stieg ein fremder, hoher Gast in die Proletarierstube hernieder. In unbegriffener Andacht neigten sich ihm die Herzen der wesensverschiedenen Menschen, die hier beisammensaßen, verbunden im Innersten durch ein gemeinsames, ihnen selber unbewußtes Geheimnis -- das Geheimnis ihrer Sehnsucht ... Die hatte plötzlich Sprache bekommen -- sie jubelte und klagte in ihnen allen als schmerzlich-seliges Gefühl einer tiefsten, innerlichsten Zusammengehörigkeit ... Und Anders Niemann war es zumute, als habe er nie so heiß die Wonne empfunden, in Tönen sich ausströmen zu können -- nicht im weiland Kasino beim Damenabend -- nicht einmal im Elternhaus -- wie noch jüngst im Zusammenspiel mit dem Mädchen, das er so schmerzlich, so entsagend liebte -- das nun, es konnte ja nicht anders sein, ihm längst entglitten war, eines Stärkeren, eines Ganzen Beute ... Nein, selbst bei ihrer Begleitung hatte er nicht so hingegeben, so aufgeschlossen gespielt -- geschenkt -- sich selber verschenkt wie heut ...
Denn die da oben, die lebten ja in der Fülle ... Sie hatten ihren Beruf, der war ihnen nicht eine fluchbeladene, zermürbende Hantierung, deren stumpfes Gleichmaß ihnen die Nerven zerrieb, die Seele aushöhlte -- nein, höchster Lebensinhalt, Waffe und vollwertiger Ausdruck ihrer Persönlichkeit -- nicht etwas Fremdes, von der Daseinsnot Erzwungenes -- nein, sie selber ... Ihre Ruhestunden waren umstellt von einer Umwelt, die nicht minder ihres eigenen Wesens Prägung war ... Aber der Genuß der höchsten Schöpfungen des Genius -- was bedeutete er ihnen mehr als eine Entspannung -- eine Ausbalancierung ihres seelischen Gleichgewichtes?!
Diese Menschen empfingen das unbegriffene Gnadengeschenk der Schönheit wie eine Erfüllung ihrer Träume, eine Erlösung vom Fluch ihrer Existenz ... Keiner von ihnen, vielleicht nicht einmal die eine, die sich über die Sphäre ihres Ursprungs emporgeschwungen hatte -- auch sie hätte wohl kaum zu deuten vermocht, was dieses rätselvoll bange Behagen denn eigentlich war, das die Lauschenden durchschauerte, das ihnen die müden, versorgten, vergrämten Herzen so schwer machte und zugleich so frei, ihre enge Welt um sie schön und schwebend -- das den Wunsch entzündete, beisammen zu sein, sich eins dem andern hinzugeben, sich auszusöhnen, liebend zu verschwenden -- --
Ja -- was war es denn eigentlich?!
5
Anders Niemann hatte es doch nicht fertiggebracht, Antjes Vorschlag zu folgen und sich wegzustehlen aus dem Kreis, in dem er so unerwartet heimisch geworden war, um sie draußen zu erwarten. Die Unwahrheit seines Dahinlebens unter diesen einfachen, natürlichen Menschen bedrückte ihn ohnehin schon schwer genug. Er hatte eine Maske tragen müssen -- sein ganzes Jugendleben hindurch -- die starre, in korrekte Falten gebügelte Maske des wilhelminischen Offiziers. Nun lechzte er danach, er selber sein zu dürfen ... Wenigstens innerhalb dieses selbstgewählten Scheinlebens keine unnötige Komödie mehr! Ganz offen bat er, Antje heimbegleiten zu dürfen.
Die Wirkung solcher fremdartigen Galanterie in diesem Kreise war verblüffend. Auf den Gesichtern der beiden Alten ein Staunen, fast als hätte er Antjes Hand erbeten ... Ein rascher Blickwechsel: Oho?! Na ja -- schließlich: warum nicht? Einmal muß es ja doch sein -- und der ist der Übelste noch lange nicht ... So stand es im Auge des müden Frauchens dort in der Ecke. Und der Alte blickte zurück: Hm ... eigentlich hätt' ich mir für meine Antje noch etwas Besseres gewünscht als einen Ungelernten aus der Schiffsbauhalle ... Nun, er mag sein Glück versuchen -- ist er nicht gut genug für sie, wird sie ihn schon ablaufen lassen ...
Bruder Tedje war nicht der Mann, seine Gedanken und Gefühle bloß mit Blicken auszudrücken. Er schlug lachend auf den Tisch.
»Kiek mol! So'n Kierl! Gliecks Sprung auf, marsch, marsch! Paß Achtung, Deern -- dat 's 'n Gefährlichen, dei!« In diesem Blick funkelte etwas, das zur Harmlosigkeit seiner Worte nicht recht stimmen wollte. Etwas von brüderlicher Eifersucht -- im Hintergrunde gar etwas wie ein vager, noch ganz unbewußter Argwohn ...
Clas Mönkebüll aber saß stumm, regungslos, beklommen. Ein Traum, der entschwebt, ein strahlender Dur-Akkord, der in wehmütiges Moll zerrinnt ...
-- »Es ist eine große Sorge um Sie daheim, Herr Kapitänleutnant«, sagte Antje und schritt hastig fürbaß, den Neuen Steinweg hinab. Um beide wogte das abendliche Getriebe der wimmelnden Straßen. Überall Menschen -- Menschen, vom harten Alltagstempel geprägt ... Und rechts und links, aufstarrend wie die herzumängstenden Klippen einer endlosen Felsschlucht, die staub- und rußgeschwärzten Häuserfronten -- hier die verzogenen, kaum mühselig noch im Lot sich haltenden Ziegelwände jahrhundertealter Zinshäuser, dort der gräßliche, verlogene Prunk stucküberladener, aber auch längst wieder halb verwitterter Warenhausfassaden ...
»Kann mir's denken«, lachte Heinz. »Jetzt, wo's zu spät ist! Übrigens, bitte -- Anders Niemann heiß' ich!«
Antje meinte zu begreifen. Sie hatte längst bemerkt, daß der Reif, den Herr Freimann damals an der Linken getragen, verschwunden war. Er berichtete, wie er zu Antjes Eltern gekommen sei -- selbstverständlich ohne Ahnung des bevorstehenden Wiedersehens. Er habe ja nicht einmal den Namen der jungen Dame gewußt, die ihm eine so gründliche Lektion erteilt habe.
»Die scheint also doch einigen Eindruck auf Sie gemacht zu haben.«
»Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hier.«
»Oh ... das ist mehr, als ich mir hätte träumen lassen.« Antje fühlte Glut in ihren Wangen.
»Sie sprachen mir von der Seele des Volkes -- ich bin hingegangen, sie zu suchen.«
»Und -- was haben Sie gefunden?!«
»Etwas sehr Schönes: das Gefühl einer tiefen Leere -- und den glühenden Wunsch, sie ausgefüllt zu sehen.«
»Ausgefüllt -- mit was?«
»Mit etwas Großem, Beglückendem, Aufrichtendem -- mit einem Ideal.«
»Geben Sie's -- das Ideal!«
»Wenn ich's hätte!«
»So helfen Sie's uns suchen.«
»Das will ich. Darum bin ich, wo ich bin. Aber ich glaube sogar, ich weiß es schon zu benennen -- ein Vaterland -- ein Mutterland, das allen den Seinen ein rechtes Elternhaus wäre ... Das Land unserer Liebe.«
»Ach, wenn Sie es fänden!«
»Ja -- dann wäre uns allen geholfen -- uns armen, zerrissenen Deutschen.«
6
Ohne den Freunden, den Gesinnungsgenossen etwas zu verraten, hatte Georg Freimann an Patterson gedrahtet:
»Erwarte angekündigte Vorschläge.«
Vierzehn Tage später machte eine schlanke Privatjacht unter amerikanischer Flagge an den St. Pauli Landungsbrücken fest. Der Reeder ging an Land -- mit ihm ein untersetztes, straffes Girl von siebzehn Jahren, mit kapriziöser Eleganz gekleidet -- aschblond, nußbraune Augen, feste, weiße Hände ... Der alte Herr winkte ein Auto heran, Miß Bessie zog ein kleines Sternenbanner aus der Handtasche und befestigte es mit einem geübten Griff in der Düse des rumpligen Mietwagens.
»H. T. L.-Gebäude!« befahl der Ankömmling in leise fremdartig klingendem Deutsch.
»So, +my darling+, du magst nun eine halbe Stunde lang in der Stadt herumkutschieren --«
»Fällt mir nicht ein«, erklärte Bessie. »Ich bin toll vor Neugier, diese gräßlichen Deutschen kennenzulernen, die unsere ›Lusitania‹ versenkt und unsere armen Kriegsgefangenen gekreuzigt haben.«
»Diese nicht, die du jetzt kennenlernen wirst, Bessie«, sagte Patterson gehorsam und entließ das Auto.
»Schade ... die andern will ich aber auch kennenlernen.«
Vater und Tochter schwebten im palisandergetäfelten Lift zum Präsidentenbureau der Linie empor.
»Ich finde, +daddy+, hier sieht's gar nicht hunnisch aus ... Sollte der New York Herald uns beschwindelt haben?«
»Möglich«, murmelte Elias Patterson. »So -- nun benimm dich manierlich. Die Deutschen sind ernsthafte Leute.«
Georg Freimanns Auge leuchtete heimlich auf, als er sah, daß der Gerufene nicht allein gekommen war. Auf einen Piratenzug nimmt man keine Dame mit.
»+Good morning+, Freimann -- darf ich wieder Freimann sagen? Der Mister geniert mich.«
»Sie dürfen, Patterson -- weil Sie so reizende Gesellschaft mitbringen. Miß Patterson -- willkommen in Deutschland.«
»Dank Ihnen, Mister Freimann«, sagte Bessie. »Sie haben einen Sohn, sagt +daddy+ ... Er ist verlobt -- schade ... Verlobte junge Männer interessieren mich nicht ... Verheiratete, das ist was anderes ... Ist er vielleicht schon verheiratet?«
»Leider nein«, sagte Freimann zwischen Lachen und Befangenheit. »Er ist durchgebrannt -- mir und seiner Braut.«
»Durchgebrannt --?! Das finde ich +smart+ von ihm ... Wo ist er?«
»Ich weiß es nicht, Miß Patterson.«
»Oh -- wir werden ihn suchen und finden. Ich wünsche ihn zu sehen ...«
»So, kleine Maid, nun halt' mal den Mund ...« sagte der Vater. »Ich habe mit Mister Freimann von Geschäften zu reden.«
»Das ist gut,« sagte Bessie, »ich liebe Geschäfte. Ich mache selber Geschäfte. Zu Hause, Mister Freimann, züchte ich Hunde -- ganz kleine und ganz große -- Collies, Neufundländer, alles, was Sie wollen. Schauen Sie her, das ist einer von meiner Zucht!« Und sie griff in die Tasche ihres Kleiderrockes und holte einen winzigen Zwergpintscher heraus, der, aus seiner Haft erlöst, sofort auf den nächsten Stuhl sprang und seine Freiheit mit wütendem Gekläff begrüßte. Aber schon hatte seine kleine Herrin ihn beim Wickel, schwenkte ihn ein paarmal wie einen nassen Lappen im Kreise und stopfte ihn wieder in die Tasche. »Das ist eins von meinen Zuchtmütterchen ... Von der hab' ich einen ganzen Wurf zu hundert Dollar das Stück verkauft ... Sehen Sie, das sind meine Geschäfte ... Von dem Erlös habe ich mir einen fabelhaften Kodak gekauft mit prima prima Objektiv ... Nachtaufnahmen kann man damit machen, sag' ich Ihnen!«
»So, nun ist's aber genug!« Vater Elias machte einen krampfhaften Versuch, Autorität zu markieren. »Herrn Freimanns Zeit ist kostbar.«
»Denkst du, meine nicht?!« lachte die Kleine. »Nun, ich will euch zweien eine Viertelstunde bewilligen. Dann wirst du mir die Stadt zeigen, die ich sehr niedlich finde ... Ein reizendes Puppenstädtchen, wenn man von drüben kommt ... Ich habe im Vorzimmer eine junge Dame gesehen, ich werde mir von ihr etwas erzählen lassen. Ich wünsche zu wissen, ob die deutschen Mädchen wirklich so langweilig sind, wie es immer in unseren Romanen steht.« Und schon war sie fortgeschwirrt.
Die Männer sahen sich an und lachten.
»Sie glauben nicht, Patterson, wie gut das tut, in Deutschland einmal wieder lachen zu hören und lachen zu dürfen ...«
»Nun, Sie werden sich noch oft genug zu ärgern haben über den Racker ... Sie kann einem schon auf die Nerven fallen ... Werden Sie dann ruhig grob, sie ist's gewohnt, wenn sie's gar zu bunt treibt ... Und nun ans Werk, lieber Freund. Sie haben gerufen -- ich bin da.«
Georg Freimann schilderte dem Ankömmling die Lage mit jener rückhaltlosen Offenheit, die sich in seinem Geschäftsleben immer als die beste Politik bewährt hatte.
Patterson hörte aufmerksam und leise mit dem schmalen Kopfe nickend zu. So etwa hatte er sich die Entwicklung selber vorgestellt.
»Ich finde, lieber Freund,« sagte er bedächtig und mit einem Anflug von Ironie, »die Situation der Linie hat sich wenig geändert, seit Sie mein Angebot auf Übernahme Ihrer Aktiva so entrüstet zurückgewiesen haben.«
»Sie haben nicht unrecht, Patterson ... aber auch unser Wille hat sich nicht geändert, lieber unsern Trümmerhaufen mit eigner Hand in die Luft zu sprengen, als ihn unter das Sternenbanner zu stellen -- wenigstens unter das Sternenbanner allein.«
»Hm -- und wenn nun die Sterne und Streifen -- sich neben Ihre Reichsflagge pflanzen würden? Ihr sollt ja eine neue bekommen, schwebt mir vor -- wie sind doch die Farben?«
»Schwarz-rot-gold«, sagte Freimann unfroh. »Die Farben des Reiches im Mittelalter ... Auch sie haben eine Tradition.«
»Aber nicht als Handelsmarke«, erwiderte der Amerikaner. »Eine schöne Dummheit, Freimann. Die Firma ist pleite bis unters Dach -- nur ein einziges Aktivum hat sie noch: das alte, in der ganzen Welt eingeführte Warenzeichen ... Und das wollen die Liquidatoren freiwillig fallen lassen ... Nette Kaufleute das ...«
»Wenn Schwarz-rot-gold uns aus der Tiefe unseres Jammers zu neuem Aufstieg führt -- wäre es nicht kindisch, ihm die Gefolgschaft versagen zu wollen? Sie meinen, das schwarz-rot-goldene Banner und das Sternenbanner -- sie würden sich miteinander vertragen?«
»Da beides die Hohheitszeichen von Republiken sind -- warum nicht?« sagte der Mann von drüben. »Machen wir's kurz. Ich glaube, daß ihr dickköpfig genug seid, lieber unterzugehen als zu liquidieren. Ihr habt's bewiesen. Und Sie, Freimann, werden nicht nach Holland gehen ... Auf Ihren wirtschaftlichen Zusammenbruch zu warten, habe ich keine Geduld ... Also wie denken Sie über eine Fusion?«
* * * * *
»Guten Tag«, sagte Bessie zu der Sekretärin. »Sie verstehen ja Englisch, nicht wahr? Sie haben sehr schönes braunes Haar -- es flimmert wundervoll in der Sonne. Sie haben sich einen sehr guten Platz ausgesucht -- da am Fenster. Es ist sehr effektvoll. Erlauben Sie einen Augenblick.«
Antje Tietgens saß in stummer Verblüffung. Knips! machte der Kodak. »Danke Ihnen«, sagte die Fremde. »Das ist das erste Porträt, das ich von einer deutschen Dame gemacht habe. Es ist ein guter Anfang.«
»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Antje.
»Oh -- Sie sprechen Englisch, das ist schön«, sagte Bessie. »Waren Sie drüben?«
»Nein -- ich lebe in einer Pension, in der vor dem Kriege sehr viele Amerikaner verkehrten.«
»Das merkt man«, sagte die Fremde anerkennend. »Ich bin Bessie Patterson ... Sie wissen, was das bedeutet?«
»Ich weiß«, lächelte die Deutsche.
»Möchten Sie gerne nach drüben kommen? Es ist drüben schöner als hier. Die Leute hier machen alle traurige Gesichter -- Sie auch, sogar wenn Sie lachen. Ich liebe das nicht.«
»Wir haben wenig Grund zu lachen. Wir sind besiegt -- im größten aller Kriege. Und wir fangen jetzt erst an, es richtig zu merken.«
»Oh -- ich bin sehr neugierig, zu wissen, was ihr für Menschen seid. Ich habe mir euch ganz anders vorgestellt. Ich will das deutsche Volk kennenlernen.«
»Das Volk, Miß Patterson? Was nennen Sie das Volk? Bei uns versteht man unter Volk die sogenannten kleinen Leute.«
»Die will ich gerade kennenlernen. Ich bin eine Demokratin, Miß -- wie heißen Sie? -- Oh, das ist ein schwerer Name ... aber ich werde ihn lernen. In Amerika gibt es keine kleinen Leute. Es gibt nur solche, die das Rennen schon gemacht haben -- und solche, die es noch machen wollen -- außerdem natürlich auch solche, die ausgeschieden sind -- weil sie nicht reiten können --. Aber auf die kommt es nicht an, sie sind uninteressant. Mein Vater, sehen Sie, der hat das Rennen gemacht. Und ich bin dabei, es zu machen. Dazu fehlt mir nichts als ein Mann. Wenn ich heimkomme, gehe ich mir vielleicht einen suchen. Vielleicht warte ich auch noch ein paar Jahre. Ich habe ja noch Zeit. Ich bin siebzehn. Ich finde schon den, den ich suche. Sind Sie schon dabei zu suchen?«
* * * * *
Es stellte sich heraus, daß Patterson bereits einen fertigen Entwurf für das Zusammengehen der H. T. L. und seines Konzerns mitgebracht hatte. Und noch mehr kam heraus: Die Blue Star Line, die wichtigste der transatlantischen Linien des Konzerns, hatte drei große Passagierdampfer der H. T. L. angekauft -- darunter den »Altreichskanzler« ... der hieß jetzt »President Lincoln« und fuhr von San Franzisko nach Schanghai. Den Atlantischen Ozean oder gar seinen Heimathafen würde er niemals wiedersehen ...
Mit tiefer Bitterkeit und doch zugleich mit innerer Erleichterung vernahm der Präsident der H. T. L. die Vorschläge seines einstigen Konkurrenten -- der nunmehr gewillt war, sein Partner zu werden. Es würde noch harte Kämpfe geben -- ums Ganze und um tausend Einzelheiten ... Freimann betonte, daß die Linie sich mit der Hammonia-Werft dermaßen solidarisch fühle, daß eine Vereinigung der Interessen beider großer Reedereien für die H. T. L. nur annehmbar sei, wenn zugleich eine Bindung zustande komme, welche der Werft ein beträchtliches Mindestmaß von Aufträgen für die fusionierten Linien sichern würde ... Und dann war es immer noch fraglich, ob des alten Detlev Carstensen hartes Teutonentum für einen Wiederaufbau, dessen Grundlage das amerikanische Kapital bilden müsse, überhaupt zu haben sein würde ... Und auch in der Generalversammlung würde es nicht an Stimmen fehlen, die mit patriotischer Entrüstung jedes Zusammengehen mit Angehörigen eines der Feindstaaten als Vaterlandsverrat ablehnen würden -- ohne doch einen anderen Weg der Rettung zu wissen ... Aber diese Gedanken behielt Georg Freimann für sich. Schließlich und endlich -- blieb überhaupt eine Wahl?!
Nach einer halben Stunde der Aussprache erhoben sich die Männer und schüttelten einander die Hände mit dem unbedingten Gefühl, daß man sich zusammenfinden würde. Ein befreites Aufatmen hob Georg Freimanns Brust. Aus der Tiefe des deutschen Elends, über das wüste Geröll des deutschen Zusammenbruchs schien ein erster, noch schlüpfriger und klippiger Anstieg zu neuen Lebensmöglichkeiten gefunden.
Beim Scheiden trafen die Herren Miß Bessie in heftigem Geplauder mit der Sekretärin. Das Pintscherlein saß neben der Schreibmaschine und lauschte der Unterhaltung mit klugen Menschenaugen. Aber kaum waren die Männer in der Tür erschienen, da warf es sich ihnen mit wütendem Gekläff entgegen. Schon war seine Herrin hinter ihm drein, packte das tobende kleine Scheusal und stopfte es gelassen wieder in sein Gefängnis.
»Ich wünsche Mistreß Freimann meinen Besuch zu machen«, erklärte Bessie. »+Daddy+, fahr mich zu Mistreß Freimann. +Good morning+, Miß Tiet-- Tiet-- nein, das ist zu schwer, das kann man beim ersten Male nicht behalten. Aber ich werde es lernen ... Wie heißen Sie mit Vornamen? Antje -- oh, das ist reizend, ich werde Sie Miß Antje nennen. +Good morning+, Mister Freimann -- +go on, daddy+.«
7
Es war höchste Zeit gewesen. Vorgestern hatte die Werft zum ersten Male ihren Beamten und Arbeitern nur fünfzig Prozent ihrer Löhne zahlen können und sie, nach langer, erregter Aussprache mit dem Arbeiterrat, der schließlich der Maßregel zugestimmt hatte, wegen des Restes auf Anfang bis Mitte der nächsten Woche vertrösten müssen. Aber heute, am Montag früh, war die Stimmung auf der Werft bedrohlich. Überall schleppte die Arbeit sich nur mühsam hin -- allenthalben standen erregte Gruppen zusammen. Die Hetzer forderten passive Resistenz und erreichten zum mindesten, daß das sonst so wohlgeregelte Ineinandergreifen der Hunderte von Arbeitselementen gründlich durcheinandergeriet. Folge: allgemeine, stündlich steigende Verärgerung.
Ihre trüben Spritzer gischteten bis in die Chefbureaus hinauf. Die Leitung kannte diese Sturmzeichen.
Bob Timmermanns kam vom Vortrag aus dem Zimmer des alten Carstensen. Auf seiner kantigen Stirn hockte die Sorge.
»Gnädiges Fräulein -- es wäre vielleicht besser, Sie hielten sich heut nachmittag zu Hause«, sagte er zu Ilse und blieb schwer atmend neben ihrem Schreibmaschinentischchen stehen. »Es geht da unten dermaßen fragwürdig zu, daß kein Mensch die Bürgschaft für den nächsten Augenblick übernehmen kann. Wenn die Bestie da unten kein Geld zu sehen bekommt, wird sie gefährlich. Und Ihr Herr Vater weiß auch keinen Rat mehr. Die Banken rücken nichts mehr heraus. Es geht zu Ende.«
»Ich hoffe, Timmermanns, Sie haben eine zu gute Meinung von mir, als daß Sie mich ernstlich für eine Drückebergerin halten.« Auch auf Ilses Stirn vertiefte sich eine Falte -- aber senkrecht über der Nasenwurzel. Sie war ererbt: Auf allen Bildern der Carstensen seit vier Jahrhunderten war sie erkennbar.
»Sie sind eine Frau ...« warnte der Riese. »Ich bin nicht immer zur Hand ... Erinnern Sie sich an Tedje.«
Ein Frösteln lief dem Mädchen über den Nacken. Seit damals war's ihr immer wieder aufgefallen: Der wüste Kerl stand täglich unfern der Schranke am Werfteingang, morgens, wenn sie kam, nachmittags, wenn sie ging ... In seinen Augen der gleiche Ausdruck wie damals, als er das scheußliche Wort von den Zarentöchtern gesprochen.
»Ich habe keine Angst, Timmermanns. Man muß seinem Schicksal auch ein bißchen vertrauen. Es gibt Schutzengel -- ich weiß es aus Erfahrung.« Und sie lächelte dem Getreuen freundlich und dankbar zu. Er hatte es verdient -- sie hatte ihn recht schlecht behandelt die letzten Wochen hindurch. Er hatte begriffen und an sich gehalten. Jetzt durfte er belohnt werden.
Aber um ihre Lippen erstarrte der zarte, schwebende Zug -- es war schon wieder zu viel gewesen. In die stählernen Augen des Riesen trat ein Fieber, sein Mund zuckte unterm blonden Stachelbart.
Ilse neigte sich zur Maschine und schrieb eifrig. Da wandte sich Bob Timmermanns. Er fühlte ein Wanken in seinen Knien, als er hinaustappte. Und aus seinem Herzen stieg's ihm in die Kehle. Er biß die Zähne zusammen.
In seinem Bureau fand er unerwarteten Besuch. Bruder Armin -- um seine Lippen kräuselte sich ein zufriedenes Lächeln.
»Na, Bobchen? Ist's bald so weit?«
Der Riese begrüßte ihn mit einem Knuff gegen den Bauch. »Mal wieder auf der Hetztour, was?! Hol' dich der Teufel ... Rechtsbolschewisten oder Linksbolschewisten, Hose wie Jacke.«
»Meinst du? Wer weiß -- vielleicht schon heute nachmittag denkst du anders. Hier habe ich die Telephonnummer der hiesigen Zentrale vom Bund ›Retter des Vaterlandes‹ aufgeschrieben. Zwei Panzerautos mit Maschinengewehren stehen bereit. Du brauchst nur auf den Knopf zu drücken.« Der Leutnant griff in die Zigarettenschachtel, die auf des Bruders Arbeitstische stand, und ließ sich behaglich in den Ledersessel fallen. Er beobachtete mit Genugtuung, daß die Vorstellungsreihe, die er angesponnen, in seines Bruders Hirn weiterwob.
Er sollte noch eine größere Genugtuung erleben. Bob schritt zu seinem Kleiderschrank, um den Straßenrock, den er zum Vortrage beim Chef angelegt, mit einem seiner Arbeitskittel zu vertauschen. Ein Gepolter entstand -- etwas Schweres plumpste aus dem Schrank auf den Fußboden. Es war der Karabiner.
»Donnerwetter, Bob -- ist das Dings da etwa aus deiner Bude da drüben in dein Bureau herübergeflogen?!«
Da mußte Bob Timmermanns wider Willen lachen. Die Brüder sahen sich an -- sie empfanden: trotz Bobs knurriger Ablehnung waren sie einander näher gekommen.
»Für den äußersten Notfall ...« grunzte Bob. »In der Sache ändert sich nichts. Ihr seid genau solche Schädlinge wie die Schürer und Stänker da unten.«
»Sollte nicht doch ein kleiner Unterschied sein?« schmunzelte der Leutnant. »Es gibt schließlich doch noch etwas anderes als die Wirtschaft -- es gibt ein Ding, das heißt Politik! das heißt Partei!«
»Quatsch! Politik! Es gibt nur zweierlei Parteien auf Erden: die Fleißigen -- und die Faulen! Die, welche arbeiten wollen -- und die Hetzer! Jawohl, ich habe deinen Karabiner im Schrank stehen -- aber solange es geht, führe ich Zirkel und Reißstift! Du aber, du hast nichts als deine Panzerautos und deine Maschinengewehre! Damit bringst du uns nicht wieder hoch! Arbeit' was! Dann kannst du von mir aus eine schwere Batterie im Schrank haben!!«
Klirr! Eine Fensterscheibe barst, ein wuchtiger Stein sauste vor Bobs Nase vorüber und krachte wider die jenseitige Wand. »Die Arbeit ihrem lieben Kapital!« hohnlachte Armin.
Da schnarrte der Fernsprecher. Bob, schon unterwegs zum Fenster, bremste die Wucht seines Körpers und nahm den Hörer. Im Lauschen schoß ein jäher Freudenstrahl in sein Gesicht.
»Donnerwetter! Das ist die Rettung, gnädiges Fräulein -- tausend Dank! Ich lasse mir sofort den Arbeiterrat kommen. Schluß!«
»Was ist los?«
Aber Bob sprach noch nicht. Die helle Freude auf seinem Gesicht war abgeblaßt -- irgend etwas schien in ihm sich aufzubäumen. Armin lauschte atemlos.
»Hilfe in der Not!« kam es keuchend aus Bobs Kehle. »Aber von wo?! Von -- drüben ... wir müssen ... Hauptsache ist: Wir kriegen Geld ... Wir können wieder arbeiten ... Ist da Zentrale? Bitte Arbeiterrat ...«
Achselzuckend, zähneknirschend verließ Armin das Zimmer.
* * * * *
Tedje fauchte, als die Anordnung des Arbeiterrats durch die Werkstätten und Arbeitsplätze schwirrte. Nachzahlung der fehlenden Lohnhälfte für morgen sichergestellt! Arbeit früh sofort mit Hochdruck aufzunehmen! Was würde die Zentrale sagen? Und wie würde der Alte da oben auf seinem Kran triumphieren!
Was Tedje dem Vater niemals zu gestehen gewagt haben würde, war Tatsache geworden: Die Zentrale des Spartakusbundes hatte ihn zu ihrem Vertrauensmann auf der Werft bestellt. Ein Agent der Bundesleitung hatte ihn aufgesucht -- und im Tresor der seit kurzem in Hamburg eröffneten Filiale einer Moskauer Bank hatte er ein paar Kisten voll Sowjetrubel deponiert ... Zu dem Geheimfach hatte Tedje Tietgens den Schlüssel. Und der Agent hatte dem Genossen zwinkernd auf die Schulter geklopft:
»Alles für großes Befreiungswärk ... Abber kleine Mäddchen in Hamburg wollen auch lebben ... Mußte ibberall Stimmung machen für großes Befreiungswärk -- auch bei kleine Mäddchen ...«
Seitdem war Tedje bei den abendlichen Musikunterhaltungen im Elternhause nur noch ein seltener Gast. Um so bekannter und geschätzter wurde er von Nacht zu Nacht in den Weiberspelunken um die Reeperbahn herum.
Nach Berlin hatte er in den letzten Tagen berichten können, die Werft scheine am Ende ihrer Mittel -- die Krawallstimmung seiner Kollegen sei im Wachsen. -- Nun würde er mal wieder abblasen müssen ...
Bald kamen Anordnungen der Zentrale, welche der neuen Lage entsprachen. Die Glut durfte nicht kalt werden -- es galt, sie zuzudecken und unter der Asche fortglimmen zu lassen. Zu solch heimlichem Schürwerk taugte der Genosse Mönkebüll nicht -- was er sprach, war Lava aus glühendem Liebesherzen, wohl geeignet, lodernde Flammen anzufachen -- zu elementar und naiv, um unterirdische Lavaströme im Sieden zu halten. Aber die Zentrale wußte Rat. Sie hatte ihre Spezialisten für jede Temperatur.
Sie versprach, den Genossen Dragomiroff zu schicken. Er würde sprechen über das Thema: »Deutschland als Stoßtrupp der Weltrevolution.« Das mußte ziehen ... Und nicht etwa als Sonderaktion für die Genossen der Hammonia-Werft. -- Drüben in der Stadt sollte das arrangiert werden als Werbeversammlung für das gesamte Proletariat des Unterelbegebietes.
Tedje, der faule Geselle, dem die Arbeit stets eine Last gewesen war, wurde plötzlich ein vielgeschäftiger Hans Dampf in allen Gassen. Er setzte seine Freunde rückhaltlos an. Clas und Anders mußten nach Schichtschluß Plakate kleben, Briefe schreiben, mit Saalbesitzern verhandeln ... Anders Niemann war mindestens so eifrig wie Tedje. Tausendfache Gelegenheit, die Gesinnungen seiner neuen Welt zu erforschen ... Aber wenn er so abends durch die still gewordenen, im kargen Laternenschein, im Vollmondlicht der Frühsommernächte phantastisch hindämmernden Gassen Alt-Hamburgs und St. Paulis zog und die knallroten, in blutrünstigen Phrasen schwelgenden Werbeplakate an die Anschlagsäulen und Häusermauern pappte, kam er sich wie verhext und verwunschen vor ... Wenn Ilse ihn so gesehen hätte ... oder auch Antje ...
Antje --! Sie ahnte so wenig wie die braven Tietgens-Eltern etwas von der unterirdischen Betriebsamkeit der drei jungen Kumpane. Seit der neue Schlafbursch im Hause war, kam es wie von selbst, daß die Tochter öfters als vordem abends den Weg zur Uhlen-Twiete fand. Sie komme nur der schönen Konzerte wegen, betonte sie öfters, als nötig war. Dann schmunzelten die Alten in sich hinein. Als ob Mudder Minchen nicht längst gemerkt hätte, daß die Tochter niemals versäumte, ein paar Blumen für die Stube der drei »Söhne« mitzubringen ... daß sie Anders Niemanns Wäsche ausbesserte, ihm Bücher auf seinen Nachttisch legte ... Ja, einmal war Mudder in der Dämmerung der Tochter begegnet, wie sie mit Anders Niemann in versonnenem Gespräch den Holstenwall hinabschlenderte und bald mit ihm in die Anlagen um die alten Wallgräben hineinbog ... Ein seltsames Paar, die elegante Sekretärin und der schlanke Werftarbeiter im abgewetzten Matrosenanzug ... Aber der würde vorankommen, tröstete sich Mudder Minchen. Jetzt war er bereits von seiner eintönigen Hantierung am Versenkbohrer abgelöst. Er machte nun den Hilfsmann bei seinen Schlafkameraden -- hatte die glühenden Nieten, welche der Vorwärmjung ihm zureichte, vom Innern des werdenden Schiffskörpers her durch die Nietlöcher zu stecken, die er selber noch vor wenigen Tagen »versenkt« hatte -- und sie mit der Zange festzuhalten, bis Tedje und Clas, die Nieterzwillinge, sie von draußen mit raschem Ticktack ihrer lustig sausenden Schmiedehämmer unlösbar mit der Eisenplatte zusammengeschweißt. Derselbe Handgriff auch hier wieder, tausend-, zehntausendmal an einem Tage derselbe -- aber man war doch nicht mehr allein, man arbeitete nicht mehr in der öden Schiffsbauhalle, sondern draußen auf der Helling in der Sommersonne, durchlüftet vom Hauch der nahen Nordsee -- und konnte ab und an mit Vadder einen Gruß tauschen, der droben mit seinem Kran hin und wieder fuhr und aus seiner luftigen Höhe Stahlschiene um Stahlschiene herniederschweben ließ, die dann dem immer höher sich auftürmenden Spantengerüst eingefügt wurden ...
Das alles wußte Mudder Tietgens aus den allabendlichen Erzählungen ihrer Tisch- und Hausgenossen. Ihre vier Mannsleut' waren täglich bei der Arbeit vereinigt. Schön war das zu denken -- das alte Frauchen, das im stillen Winkel fast stumm geworden war, vergnügte sich in seiner Einsamkeit mit der Vorstellung, wie sie da zusammen schafften, ihre vier Mannsleut' ... Aber den Anders, den hatte sie besonders in ihr Herz geschlossen, weil er ihr am meisten Ehre gab. Sie war ja so bescheiden, so wenig verwöhnt ... Aber schön war's eben doch, daß der Neue sie mit einer Achtung und Rücksicht behandelte, zu der Vadder und Tedje bei aller Liebe zu Mudder nun doch mal nicht erzogen waren. Ihr Fritzing, der wäre am Ende auch so geworden ... Aber der lag an der Somme -- wenn die Granaten seinen Leichnam nicht längst in tausend Fetzen zerrissen hatten. Ach ja, Fritzing ... Die müden Augen standen wieder einmal in einsamen Tränen ... Sie begriff's, daß Antje zu dem schmucken Anders hielt ... Sie und Fritzing waren ja auch unzertrennlich gewesen ... Und Anders würde aufsteigen -- der könnte es noch mal zum Werkmeister bringen ... früher als Vadder, der schon so lange von der Vierzimmerwohnung im Werfthaus drüben schwärmte -- und ja doch wohl schließlich seinen Kran behalten würde, bis die Invalidität kam ... Tja, und wenn die Antje sich also für den Anders nicht zu fein war -- Mudder Mines Segen hatten sie -- die zwei Kinder.
Und Antje?!
Oh, Antje war klug.
So sehr sie in der Theorie Revolutionärin war und für das republikanische Ideal der Gleichheit schwärmte -- sie stand lange genug im Leben der Oberschicht -- sie wußte: Zwischen ihr und dem Sohne ihres Chefs lagen Welten ... Was wollte das besagen, daß Heinz Freimann sich in einen Anders Niemann gewandelt hatte? Eine Herrenlaune -- eine Maskerade, die jederzeit abgestreift werden konnte wie ein Faschingskostüm ... Und Anders Niemann war dann wieder Heinz Freimann.
Und doch gab's Stunden, da war's der braunen Antje, als könne, als müsse ein Wunder geschehen. Das war, wenn sie einmal Sonntags mit Anders Niemann nach Blankenese schlenderte oder nach Großborstel. Dann flatterten Gespräche, Gedanken, Empfindungen zwischen den Kindern der zwei Welten hin und wider, die ein Band von Gemeinsamkeit woben, wie Antje sie niemals geträumt ... Sie hatte schon oft genug Gelegenheit gehabt, die reichen und übermütigen Söhne des Bürgertums aus der Nähe zu betrachten. In ihrer Pension hatte sie ihre Typen kennengelernt -- aus aller Herren Ländern. Für die war eine arbeitende Frau stets nur das Ziel eines einzigen Wunsches ... Und da Antje die leiseste Anspielung mit dem Stolz einer Prinzessin abwies, hatte sie gar von diesem und jenem exotischen Jüngling stürmische Heiratsanträge bekommen. Das war nichts für sie gewesen. Ein Deutscher mußte es sein ... Gegen jenes Vaterland, das ihr die zwei Brüder entrissen, Fritzing, den Liebling zumal -- gegen Kaisertum, Junkertum, Militarismus -- gegen das alles empfand sie den leidenschaftlichen Haß ihrer Klasse. Wie ihre Lieben und auch die Mehrzahl ihrer Kolleginnen schwärmte sie für internationale Solidarität der Hand- und Kopfarbeiter aller Völker, für Verbrüderung der Nationen und ewigen Frieden. Aber noch stärker war in ihr der Weibinstinkt, der die Deutsche zum Deutschen zog ... Ihr selber völlig unbewußt war sie eine leidenschaftliche Nationalistin des Rassegefühls ... Und dieser Sohn des Großbürgertums in der ersten Reife vollerblühter Männlichkeit -- der war ihr verwandt durch etwas, das sie kaum hätte deuten können. Es gab zwischen ihnen beiden ein gemeinsames Ideal, einen Traum, ein Wunschbild vom Menschentum -- was war es nur?
In hundert Gesprächen umkreisten die zwei jungen Menschen dies unbekannte, ersehnte, erahnte Land ... Dies Land, in dem sie beide sich beheimatet fühlten. Sie vernahmen seine Stimme aus Beethovens Sonaten und Schumanns Klavierstücken, aus Wilhelm Meister, den er ihr, und aus Richard Dehmels Gedichten, die sie ihm zu lesen gegeben hatte. Aber auch in Vater Tietgens' abendlichen Schwärmereien von den Zukunftsrechten des Proletariats, in Clas Mönkebülls phantastischen Gesichten von der Erlöserin Weltrevolution, ja selbst in Tedjes Blutträumen war etwas von diesem fernen, nebelhaft vor den Seelen schwankenden Land ... Wenn Antje dann nach solchen Spaziergängen und Gesprächen in ihrem Pensionskämmerchen unter die Decke schlüpfte, dann träumte sie doch für selbstvergessene Viertelstunden den uralten Mädchentraum von dem Königssohn, der das Dornröschen weckte zu einem Leben im Licht ... Und dann rann ihr das trostvolle Gesicht einer Seelenheimat für alle Menschen ihrer Sprache und ihres Blutes zusammen mit seinem verengerten, ins Heimliche und Geborgene verkleinerten Abbild, seiner mütterlichen Urzelle: einer Heimat für zwei Glückliche.
8
Vater Patterson hatte recht gehabt: Die kleine Bessie konnte einem schon auf die Nerven fallen.
Sie fand es selbstverständlich, daß sie den Vater überallhin begleiten durfte. An seiner Seite drang sie in die ängstlich umhüteten Bureaus der unnahbarsten Direktoren -- im H. T. L.-Haus wie drüben auf der Werft. Und nicht minder ungeniert spazierte sie durch die endlos hingedehnten Werkstätten, ließ sich im Aufzug zum schwindelnden Helgengerüst emporfahren, turnte zum Entsetzen der ölbeklexten Maler zwischen ihnen über die frisch mit Mennig überholten Stahlgerüste, tauchte neben dem alten Tietgens im Kranführerhäuschen auf, war plötzlich wieder drunten, kroch durch den Doppelboden des werdenden Riesendampfers, kletterte an den Leitern der Aufrichtegerüste hinauf, flitzte über die Laufstege des schon zur vollen Höhe hinangewachsenen Zehntausendtonnendampfers, stand voll brennenden Interesses neben dem glosenden Vorwärm-Feuer und beobachtete, wie der Junge die rotglühenden Niete aus dem Kohlenbecken holte und durch eine offengebliebene Lücke der Beplattung ins Innere des Schiffes reichte ... staunte, wie der Stiel des Nietes plötzlich aus einem der Nietlöcher auftauchte, wie die Nieterzwillinge mit ihren langgestielten Hämmern zuschlugen und ticktack, ticktack aus dem Stiel ein glattes, rundes Köpfchen zurechthämmerten ... Und überall Fragen, Fragen -- überall, knips, der Kodak in Tätigkeit ...
Und kaum war sie zu ebener Erde angekommen, dann tat sie einen Griff in die Tasche, und das Pintschermütterchen wurde in Freiheit gesetzt ... Es entschädigte sich für die stumm ertragene Haft, indem es mit widerlich grellem Kläffen den ernsthaften Herren in den Direktionsbureaus zwischen die Beine fuhr, die Arbeiter, deren Geruch das kleine Scheusal empörte, in die schlampigen Hosen biß ... Dann lachte seine Herrin, so daß der kostbare Reiherbusch auf ihrem Strohhütchen wippte wie vom Sturm gezaust.
Eines Morgens zog sie beim Frühstück ihrem Vater das Scheckbuch aus der Brusttasche, reichte ihm ihren Füllfederhalter hin:
»Schreib, +daddy+ ... sechshundert Dollar ...«
»+Goddam+ -- wofür?«
»Wirst du gleich sehen. Habe mir ein Auto gekauft.«
»Du bist toll -- wozu?«
»Für meine Studienreisen.«
»Ach, bitte -- was studierst du, wenn man fragen darf?«
»Die Deutschen. Sie sind sehr merkwürdig, die Deutschen. Sie haben wenig zu essen, sind schlecht angezogen, mögen nur acht Stunden arbeiten und schimpfen, wenn man einen guten Anzug trägt. Aber ich weiß mit ihnen fertig zu werden. Ich lache sie aus, dann werden sie friedlich. Und noch eins: ihre Kinder ... Wenn man gut zu ihren Kindern ist, dann kann man alles mit ihnen anfangen.« Sie wies auf ein mächtiges Paket, das sie aus ihrem Zimmer mitgebracht: »Schau her, +daddy+ ... alles Süßigkeiten und Schokolade für meine kleinen Freunde in den schlimmen Vierteln ...«
»In den schlimmen Vierteln?!«
»Gewiß -- ich gehe immer in die schlimmen Viertel. Darum mußte ich mir das Auto kaufen -- daß ich ordentlich herumkomme in den schlimmen Vierteln. Oh, du glaubst nicht, wie interessant es ist in den schlimmen Vierteln!«
9
Tedje hatte so etwas wie ein Hauptquartier aufgeschlagen. In einer jener finsteren Nebengassen der Neustadt, in denen die Männerwelt der Unterschicht ihre Trösterinnen zu finden wußte, hauste als Zuchtmeisterin eines Rudels verlorener Kinder der Schande ein hexenhaftes Weib, das im Nebengewerbe mancherlei Gut zu bergen und umzuschlagen wußte, welches ohne Zustimmung seiner Eigentümer in ihre Hände gelangt war ... Mudder Lore war eine Mexikanerin von Geburt -- sie hatte einmal Dolores Jacinto geheißen. Ein Hamburger Kaufmannssohn hatte sie als junges Ding aus ihrer Heimat in die nordische Küstenstadt mitgenommen. Dann hatte er geheiratet, sie hatte die Abfindung, die der Überdrüssige, doch Dankbare, ihr ohne Knickern hinterlassen, mit neuen Freunden schnell verpraßt. Von Stufe zu Stufe sinkend war sie erst Insassin und dann, zum alraunenhaften Scheusal alternd, Vorsteherin eines Liebesverschleißes niedrigster Sorte geworden. In dieser Eigenschaft hatte Tedje sie kennengelernt -- und war ihr Günstling geworden. Ihm führte sie ihre »frische Ware« zu -- er machte gelegentlich den »Herausschmeißer«, wenn die Kunden zu frech wurden ... Und eines Tages hatte Mudder Lore ihrem Vertrauten auch ihre unterirdischen Vorratsräume gezeigt, in denen sie die Stapel von Waren jeder Art aufspeicherte, welche ihre Geschäftsfreunde ihr nächtens zutrugen. Tedje staunte: Ein Labyrinth von engen, stickigen Gängen, schlüpfrigen, ausgetretenen Treppen, muffigen Kellerlöchern und geheimnisvollen Gewölben -- dazwischen hier und da eingekapselt plötzlich ein Stübchen für verstohlene Liebesfreuden, mit schwülem, verschlissenem, nach zweifelhaften Parfüms und altem Zigarettenqualm riechendem Prunk ausstaffiert -- alles verbunden durch Geheimtüren, die im Innern von Schränken mündeten, die mit alten Kleidern oder Fastnachtskostümen vollgepfropft waren ... Eine wahrscheinlich jahrhundertealte Heimstätte des Lasters, Diebstahls, Verbrechens jeder Art -- wie aus einem jener mit grellbunten Titelbildern gezierten Groschenhefte herausgeschnitten, die Tedjes einzige, in Massen verschlungene Lektüre bildeten.
Tedje schrie vor Wonne, als Mudder Lore ihn in das Geheimnis ihres »Dachsbaus« einweihte. So etwas hatte er gesucht, seit er der Vertrauensmann des Spartakistenbundes geworden war. Hier war Schlupfwinkel, Arsenal und Munitionsdepot zugleich ...
In den nächsten Nächten füllten sich die unterirdischen Räume, in die vom Grundwasser der Flete feuchte Sickerungen hineindünsteten, mit ungewohnter, gefährlicher Ware. Dutzende von rostigen Maschinengewehren, Hunderte von Flinten und Karabinern, Berge von Handgranatenkisten -- Abraum des grausamsten aller Kriege, Trümmer aus der großen Konkursmasse Deutschland -- einstmals Werkzeuge ruhmreichster Verteidigung, nun bestimmt, in scheußlichem Bruderkriege den zum Irrsinn entarteten Idealen einer kreißenden Zeit zu dienen ...
Bei all solchem Greuelwerk waren Clas Mönkebüll und Anders Niemann die stets dienstwilligen Helfershelfer ihres Zimmergenossen.
Oft überkam den einstigen Offizier des Kaisers ein dumpfes Grausen. Furchtbar gefährliches Spiel, das er spielte! Es brauchte nur inmitten der gärenden Welt, in der er trieb, einer von jenen Hunderten von Söhnen dieser Welt aufzutauchen, denen er einst Vorgesetzter, Erzieher, Führer im Kampfe gewesen war -- ein Wort, das ihn entlarvte -- und der Abgrund, auf dessen schwankendem Boden er sich tummelte wie auf einem Sportplatz, verschlang ihn -- das stinkende Labyrinth, in dessen pestaushauchende Tiefen er täglich hinuntertauchte, gab ihn nicht wieder heraus ...
* * * * *
»Dolores Jacinto, Pensionsinhaberin« stand ehrbar im Fernsprechverzeichnis. Aber eine geheime Verbindung führte von dem amtlichen Apparat, der harmlos im Korridor des allbekannten »öffentlichen Hauses« hing, in das tiefversteckte Kellergelaß, in dem Tedje seinen »Generalstab« um sich versammelte. Von hier aus sprach Tedje jeden Nachmittag nach seiner Heimkehr von der Werft mit der Berliner Zentrale. Um die Gefahr des Abhörens durch die Beamten zu vermeiden, machte ein Russe den Vermittler. Ihn hatte die Zentrale ihrem Vertrauensmann als Mitarbeiter -- und ohne sein Ahnen zugleich als Aufseher -- überwiesen. Er und ein paar Begleiter gleicher Nationalität waren von Tedje nach und nach als Ungelernte auf der Werft untergebracht worden. Mit diesem Dolmetscher und mit seinen beiden Kumpanen suchte Tedje täglich sein Hauptquartier auf.
Heute bekam er aus Berlin ein Lob. Er hatte berichten können, die Versammlung sei auf übermorgen abend festgesetzt, das Werbeplakat klebe in ganz Hamburg, ein Riesenandrang sei zu erwarten. Berlin teilte mit, Genosse Dragomiroff werde pünktlich mit dem Nachmittagszuge eintreffen. Sollte wider Erwarten der drohende Streik der Eisenbahner auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sich nicht mehr bis übermorgen aufhalten lassen, so werde Dragomiroff im Auto kommen ... Man möge sich schlimmstenfalls auf eine unbedeutende Verspätung gefaßt machen.
Dragomiroff -- der große Dragomiroff ... Er galt in Spartakistenkreisen als so etwas wie ein Prophet ... Tedje und seine Freunde fieberten nach der Bekanntschaft des Gewaltigen -- keiner brennender als Anders Niemann ...
In Hochstimmung verließen die Gesellen ihren Unterschlupf und schlenderten die dunstige Gasse hinab. Als sie in die etwas breitere Knibbel-Twiete einbogen, sahen sie ein verblüffendes Schauspiel.
Ein winziges, gelblich-weiß-lackiertes Auto kam die Gasse herab, von den armseligen, verwahrlosten Kindern, die im Gassenschlamm ihr Wesen trieben, mit Hallo begrüßt. Eine Dame lenkte es -- fast noch ein Backfisch. Sie winkte den Kindern lachend zu wie eine alte Bekannte ... streute im Fahren Hände voll in Silberpapier gewickelter Gegenstände, offenbar Schokoladetäfelchen, unter die jubelnde Schar, die sich, wie ein Schwarm Hühner aufs Futter, auf die süße Gabe stürzte mit Balgen und Gekreisch.
Da -- o weh! -- Hatte die Lenkerin im Grüßen und Spenden die nötige Achtsamkeit versäumt?! -- Ein Stoß, ein Aufschrei, ein vielstimmiger Schreckensruf als Echo -- ein Mädelchen von fünf Jahren, nur mit einem schmutzstarrenden Kattunröckchen bekleidet, flog vom Auto angerannt gegen einen Prellstein und blieb bewußtlos liegen.
Die unglückselige Fahrlässige stoppte ihr Gefährt sofort ab, sprang heraus, ohne sich um ihren Wagen zu kümmern, hob das kleine Opfer ihrer Unachtsamkeit mit zartester Sorgfalt empor, preßte es an ihre Brust -- im Nu war sie von einem Rudel zeternder Weiber umringt. Entsetzliche Schimpfworte, geballte Fäuste, gekrallte Finger --.
Tedje Tietgens hatte den Auftritt beobachtet. Es stieg ihm glührot in die Augen. Eine Feine -- eine wie jene, die seine Gier seit Wochen umstrich ... Zupacken -- züchtigen -- und im Strafen sich ersättigen ... Und schon hatte er die Weiber zur Seite gestoßen, stand vor der unglückseligen Kleinen, deren begütigendes Lächeln im Schreck erfror -- --. Er riß das Kind aus den Armen der Zitternden, schob es einer keifenden Dicken zu, packte die »Feine« an den Schultern, zerrte sie empor, schüttelte sie und schauderte wie im Fieber, als er den Druck der kleinen, festen Brüste spürte.
Da fühlte er selber sich an den Armen gepackt. Von beiden Seiten.
»Tedje -- büst du öwersnappt?! Lat ehr doch -- is jo unschüllig, dei Lüttje! Is man'n Malleur west!«
Sie riefens durcheinander, seine beiden Kumpane: Clas, Anders ...
Tedje blaffte wie ein Bullenbeißer, dem ein anderer Köter den erbeuteten Fleischfetzen streitig machen will. Aber mit derbem Zugriff zwangen die Freunde den Starken, sein Opfer fahren zu lassen.
Mannesgier, Pariahaß, gekränkte Eitelkeit schäumten auf in Tedjes zuchtloser Seele.
Er schüttelte die Freunde ab, daß sie zurücktaumelten. Kreischend stob der Weiberschwarm auseinander, ballte sich ringförmig wieder zusammen zu lüsternem Gafferkreis. Eine Rauferei zwischen drei Freunden, Kollegen, Proletariern um ein Kapitalistenfrätzchen?!
Wie bösartige Hunde kläfften die guten Gesellen einander an -- kreischende Hetzrufe schrillten dazwischen. Das armselige Mädelchen, das des ganzen Spektakels unschuldiger Anlaß gewesen war, hatte sich im Arm seiner neuen Beschützerin längst von seinem Schrecken erholt und starrte auf die drei Kampfhähne.
Mit einem Male löste sich die dräuende Spannung des Moments in ein orkanartig aufbrausendes Gelächter. Die Fremde, durch das Eingreifen der Freunde ihres Bedrängers ledig geworden, hatte seelenruhig den Kodak, den sie am Riemen um den Hals trug, aufgeklappt, war einen Schritt zurückgetreten, hatte kaltblütig visiert -- klapp! die Aufnahme war fertig.
»+Thank you, gentlemen+ ...«
Die Komik der Situation war so elementar, die Geistesgegenwart der kleinen Missetäterin so verblüffend und versöhnend zugleich -- daß aller Groll des in der Tiefe schwelenden Klassenhasses ebenso jäh, wie er aufgeflammt, in sich zusammensank.
Die Fremde schritt durch eine Gasse besänftigt schmunzelnder Menschen zu ihrem Auto, nahm eine riesige Bonbontüte heraus, stopfte sie dem Würmchen, dem sie Schmerz und Schreck zugefügt, in die Hand, pappte ihm eine Probe des Inhalts ins schleckernde Mäulchen -- und schon saß sie in ihrem Puppenwägelchen, töffte triumphierend und fuhr durch ein Spalier lachender Gesichter, krähender Kinderfrätzchen von dannen.
10
In den nächsten Wochen bekam Elias Patterson zu spüren, was deutsche Gründlichkeit -- und was deutsche Zerrüttung bedeutete.
Er selber hatte sich über die große Wassertiefe hinüber mit seinem Konzern spielend verständigt. Ein paar lange Kabeltelegramme waren hinüber- und herübergeflogen -- und wenige Tage nach der grundlegenden Besprechung mit dem Präsidenten der H. T. L. befand sich Patterson bereits im Besitz unbeschränkter Vollmachten der gesamten hinter ihm stehenden Kapitalgruppen, mit den Deutschen im Rahmen seiner Vorschläge abzuschließen.
Auch finanziell arbeitete er in großem Stil. Zunächst streckte er der Werft für den Weiterbau des Schnelldampfers eine bedeutende Barsumme vor. Sodann deponierte er bei drei Hamburger Großbanken Schecks auf Neuyork und wies die Hinterlegungsstellen an, sich von den bezogenen amerikanischen Bankfirmen deren Einlösungsbereitschaft telegraphisch bestätigen zu lassen. Dies Guthaben stellte er den Banken, welche der Hammonia-Werft bisher das Geld für den Dampfer vorgeschossen hatten, als Bürgschaft zur Verfügung -- unter dem Vorbehalt freilich, diese Bürgschaft gegenüber künftig zu erwartenden Abhebungen jederzeit zurückziehen zu können.
So konnte die Werft bis auf weiteres wieder arbeiten.
Aber Elias Patterson sollte seines Entgegenkommens, die Werft ihres Flottwerdens nicht lange froh werden. Der deutsche Jammer hemmte alsbald aufs neue den frisch erwachten Auftrieb.
Täglich versammelte der alte Carstensen seine Direktoren zu stundenlangen Konferenzen, die sich, außer mit den fast stündlich anschwellenden Forderungen der Arbeiterschaft, mit der nicht minder lawinenartig wachsenden Teuerung aller Materialien, Rohstoffe wie Halbfabrikate, zu befassen hatten. Die mühsam aufgestellten Kalkulationen des Gestern wurden durch die lächerlich-grausige Abwärtsentwicklung des Heute bereits wieder über den Haufen geworfen. Wohin würde man noch kommen? Und wie sollte das enden?! Wahrlich, es gehörte übermenschliche Nervenkraft dazu, in diesem Wirbel der Katastrophen den Mut und Entschluß zur Weiterarbeit hochzuhalten.
Der alte Carstensen verfiel sichtlich. Und Ilse wuchs wider Willen und Ahnen aus ihrer ursprünglichen Tätigkeit als Korrespondentin mehr und mehr in die Stellung der »rechten Hand« hinein. Das war ihr Stolz, ihr Glück -- ihre Rettung fast. Denn wie der Vater sich immer tiefer und tiefer umdüsterte, die Lage des Unternehmens, das er auf altererbtem Grunde zu seiner stolzesten Blüte entwickelt, sich immer fragwürdiger gestaltete -- die Wehen und Krämpfe, die das angstumschauerte, von Zwietracht und Zersetzung umstürmte Werden der jungen deutschen Republik erschütterten, immer heftiger und schmerzlicher aufzuckten -- in diesem ganzen Wirrwarr von seelischer und körperlicher Überspannung fühlte Ilse mit schmerzhafter Deutlichkeit, daß sie ein Weib war -- von der Natur zur Kämpferin im Ringen einer Welt um Neugestaltung nicht bestimmt. Und wo war die Brust, an die sie sich hätte lehnen, an der sie Lebensangst und Einsamkeitsschauer hätte ausweinen können?!
Ihr zur Seite stand ein Mann, dessen rauhe Tatkraft wie von selber in die immer sichtbarer freiwerdende Stelle des Oberleiters dieses Riesenorganismus zusammengeballter Kräfte vorrückte. Der hatte alles, was eine Frau in Ilse Carstensens Lage von dem Gefährten, den sie als Stütze brauchte, nur hätte wünschen können. Alles -- außer dem einen ...
Die Tochter des alten Geschlechts von harten Rechnern, kühnen Unternehmern, kühlen Ziffern- und Tatsachenmenschen war alles andere als eine Schwärmerin. Ihr ererbter und durch ihre Arbeit seit vier Jahren geschärfter Sinn für die Wirklichkeit ihrer besonderen Lebensbedingungen sagte ihr täglich: der Mann, der da neben ihr aufgesproßt war wie ein Eichbaum -- in eben die Aufgabe, die sie selber ihm als Lebensaufgabe anzuvertrauen in der Lage war, hineingewachsen wie eigens für sie geboren -- das sei der Kamerad, den sie brauchte ... und nicht jener andere, der kampflos den Platz an ihrer Seite geräumt hatte, um ins Nichts zu verschwinden ...
Ilse war keine Romantikerin -- ihrer Vorliebe für Schumann und Brahms zum Trotz. Sie war eine Carstensen -- aber -- sie war eine Frau. Das zähe Wollen ihrer Vorfahren richtete sich bei ihr auf frauliche Ziele. Sie verlangte, als Vollmensch, ein volles Leben -- aber eben ein Frauenleben. Gerade die Carstensen in ihr sehnte sich nach der verträumten Weichheit, der ziellosen, undurchsichtigen Tiefe, dem wunderverheißenden Sonntag im Sohn der Johanna Freimann ...
Die Gütige gestattete ihr noch immer, sie Mutter zu nennen ... Aber in ihrem stillen Schmerzensgesichte las Ilse dennoch immer, immer die verstohlene Anklage: du -- du hast ihn mir genommen!
Und so hatte Ilse doch schließlich keinen anderen Halt als den Mann, dem ihr Schicksal sie mit Gewalt in die Arme pressen zu wollen schien.
Ilses Erscheinung verriet trotz der gesucht einfachen Kleidung, die sie für ihren Arbeitsalltag anlegte, den Bürgeradel ihrer Abstammung. Sie war nachgerade dem ganzen vieltausendköpfigen Werftpersonal als Tochter seines Brotherrn bekannt. Es kam ganz von selber, daß sie im Getriebe des Bureaugebäudes wie der Maschinenhallen, Helgen, Docks bisweilen an der Seite des Direktors Timmermanns gesehen wurde. Von dem aber wußte der jüngste Lehrling, daß er der Stellvertreter des alternden und unverkennbar langsam versagenden Werfteigners war ... Schon bezeichnete das Gerücht der Kantine die zwei als Brautleute ...
Und als solche galten sie auch in der Meinung jener zwei von den siebentausend werkenden Männern, die unter beider Leitung standen -- jener zwei, die das Paar noch mit anderen Augen ansahen als mit dem scheelsüchtigen Aufblick der Dutzendmenschen zu den Auserwählten, den Begnadeten des Schicksals.
Anders Niemann ... Er sah dies Mädchen, das er einst im Arm gehalten, nun aus doppelter Ferne ... Sie war ihm verloren, verfallen ohne Gegenwehr dem Einfachen, dem Klaren, dem Wollenden ...
Bisweilen, wenn er hoch droben am werdenden Schiffsrumpf Niet um Niet setzen half, sah er da unten, hinten weit im Verwaltungsgebäude, die wohlbekannte, schlanke Gestalt am Fenster des Chefbureaus auftauchen oder an der Seite des blonden Gewaltmenschen zur Bauhalle hinüberschreiten ... Dann schrie sein ganzes Wesen nach ihr ... Am Abend war er dann verstört, zerrissen, abwesend ... Und wenn seine Freundin Antje ihn bei ihren immer häufigeren Besuchen im Elternhause in dieser Verfassung antraf, dann zerflatterte der letzte Nachklang der törichten Träume, die sie abends beim Einschlummern in der innersten Herzenskammer gewiegt hatte.
Und noch in einem anderen Manne war Sturm und Not, wenn die Feine, die Ferne neben dem Herrn Direktor aus dem Werkmeisterhause durch das Werftgelände ging. Vergebens, daß Tedje Tietgens sich von Mudder Lore so manches abenteuerlustige Weiblein aus der Kleinbürgersphäre der Neustadt, so manche ausgehungerte Kriegerswitwe, so manches mannslüsterne Fabrikgör in seinen Schlupfwinkel zutreiben ließ -- der wüste Tedje gierte nach seiner »Zarentochter« ... Und es machte ihm ein grimmiges Vergnügen, sich abends neben der Portierloge aufzupflanzen und der Vorüberschwebenden mit schreckhaft drohender Begehrlichkeit ins Gesicht zu starren. Sie mied sein Auge nicht -- sie ließ ihren Blick mit dem Ausdruck völliger Nichtbeachtung über den Frechling hinweggleiten ... Aber Tedje Tietgens wußte: bemerkt hatte sie ihn ... Ihn übersah man nicht. Und das genügte ihm für den Augenblick. Seine Stunde würde kommen.
* * * * *
Und durch die Sorgen und Kämpfe der Deutschen quirlte die kleine Hundezüchterin, Photographin, Automobilistin wie ein wahnsinnig gewordener Sonnenstrahl. Sie war beständig auf Entdeckungsreisen. Und überall fand sie Menschen, welche sich um Dinge quälten, die ihr neu, unverständlich, geheimnisvoll interessant waren. Alle diese Deutschen hatten ihre Sorgen -- und Sehnsüchte.
Ihre neue Entdeckung war Ilse Carstensen. Um die war ja eine förmliche Dunsthülle von Rätseln ... Eine Braut, der ihr Bräutigam durchgebrannt ist ... Eine Dame aus den ersten, vornehmsten Kreisen einer Großstadt -- die arbeitet wie ein Mann -- statt sich verwöhnen, feiern und beschenken zu lassen ... Und dabei hat sie einen Verehrer, der sie mit lächerlich ehrerbietiger, täppischer Ergebenheit umwedelt wie ein treuer, am Auge der Herrin hängender Neufundländer ...
Das war überhaupt das erste, was Bessie herausbekommen hatte: Dieser Riesenkerl, aus dessen kantigem Schädel die Modelle des »President Lincoln« und des werdenden Riesendampfers für die neue Aktiengesellschaft, die ihr Vater zu gründen hergekommen war, entsprungen sein sollten -- der war in diese kühle, imposante Stenotypistin verliebt wie nur ein wohldressierter Neuyorker +business-man+ in eine typische Modeschönheit vom Manhattan Square. Er tat ihr ein bißchen leid, der arme Neufundländer. Vergebens Wedeln, Schöntun, Apportieren ... nicht einmal einen freundlichen Blick bekam er zum Dank, von einem Stückchen Zucker ganz zu schweigen.
Bessie stattete seit dem Beginn ihrer Schwärmerei für Ilse dieser täglich auf ihrem Bureau einen höchst unbequemen Besuch ab. Eines Tages wurde sie wieder einmal Zeugin, wie die neue Freundin ihren Seladon, der mit einer ganzen Menge guter Nachrichten vom Fortgang des Dampfers um ein freundliches Wort geworben hatte, kurz angebunden und fast ungnädig entließ. Da faßte sie sich Mut, für den Riesen ein gutes Wort einzulegen.
»Miß Ilse -- Sie haben das härteste Herz, das ich jemals an einem jungen Mädchen gefunden habe ...«
Ilse hatte sofort verstanden. »Oh -- Sie haben bemerkt, Kleine?!« sagte sie mit zurückhaltendem Lächeln.
»Ich bin nicht blind. Sie sind schlecht zu ihm, Miß Ilse.«
Die Deutsche mußte lachen. »Aber wenn er mich doch langweilt, Bessiechen?«
»Sie verdienen es nicht, daß er sich um Sie grämt. Er grämt sich um Sie, wissen Sie das nicht? Ja, Sie wissen's -- aber Sie sind schlecht. Sie freuen sich, daß er sich grämt. Wo wohnt der arme Junge? Ich meine, welche Zimmernummer hat er? Ich werde ihn besuchen. Ich werde ihn vor Ihnen warnen. Ich werde versuchen, ihn zu trösten.«
Und schon war sie hinaus.
Als sie vor dem Zimmer stand, dessen Tür die Aufschrift »Direktor Timmermanns« trug, klopfte ihr keckes Herz doch ein wenig. Von drinnen klang ein grimmiger Singsang, rauh wie ein indianisches Kriegsgeheul.
Ihr Klopfen wurde überklungen von diesem wilden Getöse. Da klinkte sie vorsichtig auf -- und erblickte den Gestrengen in einer seltsamen Beschäftigung. Der Besucherin den Rücken zukehrend, hemdärmelig stand der Riese -- mit beiden Fäusten hielt er ein Etwas, das Bessie sofort als ein ziemlich kurzes Soldatengewehr erkannte. Er war beschäftigt die Waffe zu putzen und sang dazu in dröhnendem Rhythmus ein Lied, dessen Worte Bessie nicht enträtseln konnte.
»Was nützet mihaich ein schönes Mädchen, wenn andre mit spazieren gehn? Was nützet mimamich ein schönes Mädchen, wenn andre mit spazieren gehn? Und küssen ihr die Schönheit ab, und küssen ihr die Schönheit ab -- Daran ich meine, so ganz alleine, daran ich meine Freude hab'?!«
»Wundervoll! Entzückend!« jubelte Bessie, als der Barbar seinen Hunnengesang beendet hatte. Wie besessen klatschte sie in die Händchen.
Bob Timmermanns fuhr herum, vor Staunen blöde. Sie sahen sich an, der Enakssohn und das Püppchen -- und lachten -- lachten -- lachten, daß ihnen die Tränen von den Backen liefen.
»Oh -- das ist eine sehr +wonderfull song+«, radebrechte die Kleine -- der Tölpel konnte ja kein Englisch, sie wußte schon. »Sie muß lernen zu mir diese +wonderfull song+ ...«
»Das ist ein Soldatenlied, kleines Fräulein.«
»Oh ... Die deutschen Soldaten sind sehr +melancholical+, wenn sie singen +songs+ so swer -- swer --«
»Schwermütig ...«
»Ja, swermjutig ... Sie müssen lernen zu mir diese swermjutige +soldiers song+ ... Aber Sie müssen nicht singen swermjutige +songs+, Sie müssen singen lustige +songs+ ...«
»Kann ich auch, kleine Puppe -- da, nehmen Sie Platz ...« Er faßte die Besucherin um die Hüfte und setzte sie mit einem Schwung auf seinen mit Zeichnungen besetzten Arbeitstisch, daß die Röckchen nur so flogen. »Hören Sie zu:
›Bei der Kaiserin Klementine haben wir heut Musik gemacht, der eine spielte auf der Viggoline, der andre auf dem Stiewelschacht -- Hodahumpahumpahadaha -- hodahumpahumpahadawumm!‹«
»Das Sie müssen auch lernen zu mir!« jubelte das kleine Ungeheuer. »Ist es auch eine +German soldiers song+? Ich wünsche zu lernen hundert +German soldiers songs+ -- das wird machen eine gigantische Effekt in Amerika ...«
11
Minder als Bessie war ihr Vater mit seinem Aufenthalt in Deutschland zufrieden. Das Tempo der Entwicklung machte ihn nervös.
Sah er die Werft unterm Druck des im Hintergrunde lauernden Spartakismus, so fand er die Linie durch die Schwerfälligkeit ihres Apparats gehemmt.
Zum Abschluß eines Vertrages wie die geplante Fusion war die Genehmigung der Generalversammlung erforderlich. Schon ihre Einberufung machte Schwierigkeiten. Bald streikte die Eisenbahn, bald streikte die Post ... Aus allen Teilen des Reiches kamen Anträge auf Aufschub, Bitten um Aufklärung, dringende Warnungen vor einer Verbindung mit dem amerikanischen Kapital ... Auslieferung an das feindliche Ausland, schmachvolle Kapitulation vor dem Dollar, Vaterlandsverrat waren tägliche Liebenswürdigkeiten.
Man kam nicht vom Fleck. Patterson verlor die Geduld. Er spielte seinen letzten Trumpf aus. Er stellte der Linie eine Frist zur Entscheidung über den Fusionsantrag des Patterson-Konzerns. Nach ihrem fruchtlosen Ablaufe werde der Kredit gesperrt.
Das half. Die Generalversammlung trat endlich zusammen.
Freimann hatte seinen großen Tag. Vor einer Hörerschaft der ersten Köpfe und Kapitalmächte der deutschen Hochfinanz, Industrie und Schiffahrt verfocht er seine These: Besser Schulter an Schulter mit Amerika leben als verlassen zugrunde gehen ... Die deutsche Ehre sei nicht in Gefahr ... Der Vertrag sei nicht eine versteckte Aufsaugung des Besiegten durch den Sieger, sondern ein Bündnis gleichberechtigter Mächte ... Es sei kein Zeichen nationaler Gesinnung, den ersten Ausweg aus dem Elend des Zusammenbruchs, den wohlmeinende Hände von drüben aufgetan, unversöhnlich wieder zu verrammeln ... Das Meer, die Lunge der Völker, müsse den Deutschen zunächst wieder geöffnet werden, koste es, was es wolle ...
~Seefahrt ist not~ ...
Georg Freimann feierte einen großen rednerischen Triumph. Er schien in diesem Jahre furchtbarsten Ringens äußerlich gealtert, innerlich gereift -- ungebrochen, ja gefestigt, nicht mehr geschmeidiger Stahl wie früher, nein, starres, kantiges Eisen ...
Fast einstimmig genehmigte die Generalversammlung die Anträge des Direktoriums. Und noch in derselben Stunde vollzogen die Herren Freimann und Patterson die längst fertig daliegende Fusionsakte.
Die United Transatlantic Lines waren gegründet.
* * * * *
In derselben Stunde, als die Führer der deutschen Überseeschiffahrt mit ihren Damen sich auf Einladung ihres neuen Verbündeten von drüben zu einem Festdiner im Atlantic-Hotel versammelten, strömten aus ganz Hamburg die Arbeiter und Unterbeamten der Werften und Häfen in dem niederen, doch weitgedehnten Saale der »Neuen Welt« am Heiligengeistfelde zusammen, um sich von Wassily Petrowitsch Dragomiroff aus Moskau über »Deutschland als Stoßtrupp der Weltrevolution« belehren zu lassen ...
Anders Niemann, der durch Antje über die Vorgänge im Präsidialbureau der Linie genau unterrichtet war, mußte lächeln in grimmig bitterer Ironie, als er sich Schulter an Schulter mit seinen Stubenkameraden zur »Neuen Welt« begab. »United Transatlantic Lines« und »Sturmtrupp der Weltrevolution« -- konnte das deutsche Elend, die deutsche Zerrissenheit packender, wahrhaftiger formuliert werden?!
Mit seinen »Söhnen« ging auch Vater Tietgens zum Riesenmeeting seiner Klasse. Auf seiner Stirn stand Entmutigung und Hoffnungslosigkeit. Der Wahnwitz der Masse schickte sich an, mit den Trümmern des Deutschen Reiches auch die marxistische Ideologie in Atome zu zersprengen. Das Chaos brach an. Und Vater Tietgens, der graue Theoretiker der sozialistischen Doktrin, begann an allem irre zu werden -- auch an der beseligenden Lehre vom Zukunftsstaat. Er hatte lange mit dem Entschluß gekämpft, in der Versammlung das Wort zu ergreifen und vor Überspannung des republikanischen, des sozialistischen, des Rätegedankens zu warnen. Er hatte verzichtet. Die Jungen, die Ungelernten, die formlose Masse der ewig Unbelehrbaren würden ihn niedergebrüllt haben. Das Unheil mochte seinen Lauf nehmen. Und wer -- wer hatte es heraufbeschworen?!
Der alte Sozialdemokrat fühlte sich dumpf angeekelt von dem Gedanken, daß der Russe kommen dürfe, den deutschen Arbeiter über seine Aufgaben bei der Neugestaltung des Menschheitsaufbaues zu belehren ... Noch fast unbewußt keimte in seiner Brust die Erkenntnis, daß dem Deutschen nur der Deutsche helfen könne -- daß moskowitische Ideale niemals Führer sein könnten im Ringen des zertretenen Deutschlands um seine Wiedergeburt ...
Was Tedje Tietgens bejubelte, anführte, organisierte -- konnte es das Gute, das Heilsame sein?!
In der Brust des alten Mannes keimte etwas wie Angst und Abscheu vor der eigenen Brut ... dem Sohn seiner Lenden und seiner Lehren ...
Und nicht minder empört sah er auf diesen Anders Niemann ... In ihm hatte er gehofft, einen Gesinnungsgenossen zu finden -- und hatte nun seit Wochen mit ansehen müssen, daß der junge Bursch, um den seine Antje sich bemühte und härmte -- daß der ganz in die Hörigkeit seiner beiden Arbeitskameraden geraten war ...
Übrigens sah Tedje nicht drein, als sei er wunschlos glücklich ... Was er bisher nicht einmal den Hausgenossen anzuvertrauen gewagt hatte, war der Inhalt eines Eiltelegramms aus Berlin, das ihn vor einer halben Stunde erreicht hatte. Die Zentrale meldete, der Eisenbahnerstreik auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sei gestern, allen Bemühungen um Aufschub zum Trotz, um einen Tag zu früh ausgebrochen, die Strecke lahmgelegt ... Es sei Fürsorge getroffen, daß der Genosse Dragomiroff in Wittenberge ein Auto vorfinden werde ... Schlimmstenfalls möge das Bureau die Versammlung bis zum Eintreffen des Hauptredners anderweitig beschäftigen ...
Tedje biß die Lippen vor Wut. Die Zentrale hatte ja schon vorher auf diese Möglichkeit hingewiesen ... Als Einberufer, so sagte er sich zähneknirschend, hätte er für diesen Fall Vorkehrungen treffen, andere Redner bereithalten müssen ... Seine mangelnde Erfahrung hatte ihm einen Streich gespielt. Wie würde es möglich sein, eine Versammlung von fünftausend arbeitsmüden Männern und Frauen auf unbestimmte Zeit festzuhalten? Die Stimmung würde abflauen, die große Aktion verkleckern, womöglich alles auseinanderlaufen ... Eine wüste Blamage lag im Bereich der Möglichkeit ... Und dann war es um seine Stellung unter den Genossen geschehen ...
Einer von den vier Hausgenossen war ahnungs- und hemmungslos glücklich: Clas Mönkebüll ... Seit einigen Tagen glaubte er bemerkt zu haben, daß die Annäherung zwischen Antje und Anders keine rechten Fortschritte mehr mache. Seit Anders ganz und gar unter Tedjes Einfluß geraten war, hatten die Musikabende im Hause Tietgens seltener und seltener zustande kommen wollen. Eines Abends war Clas zufällig zu Hause geblieben, während seine beiden Freunde im »Hauptquartier« zu schaffen hatten. Da war Antje gekommen -- schmerzlich enttäuscht ... Was ihr fehle, hatte Clas bescheiden gefragt ... Ach -- es sei nur, daß sie sich so sehr auf die Musik gefreut habe ... Ei -- da könne ihr geholfen werden ... ob er selber ihr vorspielen dürfe ... Und stundenlang hatte sie seinem vor Erregung doppelt ungelenken, leidenschaftlich hingegebenen Spiele gelauscht ... Und beim Abschied ein Blick, ein Händedruck -- Clas bebte bei der bloßen Erinnerung.
Die Welt ist schön, der Mensch ist gut! sang es in Clas Mönkebülls Herzen. Alles wird neu, alles muß herrlich werden -- »die Welt wird schöner mit jedem Tag!« Und er glaubte, glaubte brünstiger denn je an die Zukunft des Menschengeschlechts -- an den neuen Erdentag -- dessen erste Morgenröte heut aufgehen werde, heut -- mit dem Vortrage des Genossen Dragomiroff ...
Ob sie auch kommen würde -- sie? O gewiß ... von Tracht und Sitten eine Bürgerin war sie Genossin im Herzen ... Eine Gläubige auch sie, ein treues Kind ihres Standes, ihrer Klasse ... Eine Revolutionärin, rot bis in den innersten Winkel der Seele -- sie, die Verkörperung der roten Seligkeit ...
* * * * *
Die Enttäuschung der vieltausendköpfigen Versammlung war grenzenlos.
Tedje saß glührot auf seinem Präsidentensitz und starrte in die Menge, die Kopf an Kopf in dem niederen, dumpfen Saal sich drängte. Seine Ankündigung, daß der Genosse Dragomiroff auf sich warten lassen müsse, weil die Genossen auf der Strecke Wittenberge-Berlin in den Streik getreten seien, hatte mit ihrer ganzen tragikomischen Ironie auf die harrende Masse gewirkt -- dämpfend, beschämend, stimmungmordend ... Es war kein Vergnügen, mit müden Knochen, eng zusammengepreßt im atembeklemmenden Brodem sitzen zu müssen -- Leib an Leib ringsum an den Wänden zu stehen bis auf die Stiege hinaus ... Gelächter scholl auf, Scharren, Trampeln, vereinzelte Pfiffe ... Tedje Tietgens schwang die Klingel, forderte in herrischen Worten Versammlungsdisziplin ... Da scholl eine Stimme aus dem Hintergrunde:
»Stillgestanden! Richt' euch! Aushalten! Durchhalten! Maul halten!«
Grimmiger, höhnischer scholl das Gelächter.
In dieser Not kam dem Einberufer ein rettender Einfall. Er winkte seinen Freund Clas heran, der drunten ganz bescheiden im dicken Knäuel an der Wand klebte:
»Clas -- späl 'n Lütten op!«
Und schon saß Clas Mönkebüll an dem stark strapazierten Flügel, der als Begleitinstrument für die Proben und Konzerte der Arbeitergesangvereine im Hintergrunde des Podiums stand. Er schlug begeistert in die Tasten -- aufbrandete sein Leiblied ...
Mit schmetterndem Gesang fiel die Versammlung ein. Alle zehn Verse wurden heruntergesungen:
»Der alte Haß sei tot, die Liebe sei befreit -- aus unsern Herzen loht die rote Seligkeit --!«
Aber auch die zehn Verse gingen zu Ende. Und noch immer kein Genosse Dragomiroff ...
Clas Mönkebüll war aufgestanden, hatte sich auf seinen Stehplatz zurückschleichen wollen. Da kamen Rufe aus der lauschenden Menge:
»Musik! Mehr Musik!«
Clas warf einen Blick zum Vorsitzenden, der nickte Genehmigung. Und wieder schritt Clas zum Klavier: und abermals rauschten Klänge auf. Auch jetzt ein Befreiungsklang ... aber nicht das rohe Trutzlied einer Kaste, nicht die Losung zum Bürgerkrieg -- ein Sang von der Schmach und Not eines geknechteten Volkes, von seinem heroischen Dulden, seinem anschwellenden Ingrimm, seiner aufsteigenden Empörung -- seinem Siege wider die fremden Bedrücker, seiner Erlösertat -- vom Triumph der Freiheit -- jener Freiheit, die den Herrenvölkern gebührt -- den Männervölkern.
Wer von den Fünftausend, die drunten lauschten, kannte dies hochheilige Freiheitslied -- kannte Beethovens Ouvertüre zu Goethes Egmont --?!
Wer von den Jauchzenden ahnte, daß er nicht den Aufstieg einer Klasse bejubelte, nicht den Anbruch der roten Seligkeit, den Sieg im Bürgerkriege, die Diktatur des Proletariats -- nein, den Sieg eines brüderlich geeinten Volkes wider volksfremde Zwingherrschaft?!
Einer wußte es: der junge Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel unter dem wetterbraunen Gesicht, in dem das kecke Schnurrbärtchen jetzt den letzten Rest von Ähnlichkeit mit jenem Typus verwischt hatte, den es durch sein ganzes Jugendleben getragen: dem Typus des kaiserlichen Marineoffiziers! In seinem verschlissenen Matrosenanzug sah Anders Niemann heut ganz und gar wie ein frischer, straffer Sohn der Arbeit aus ...
Aber der Blick, den er quer durch die Breite des Saales zu seiner braunscheiteligen Freundin sandte -- der funkelte geheime Ironie ... Es war der Blick eines Wissenden -- eines Liebenden, der hoch über dem Wust der Stunde in eine lichtere Zukunft seines Volkes schaute ... Und eine Ahnende erwiderte ihn ...
Du! sagte dieser Blick: gehören wir nicht zusammen -- trotz allem -- du und ich -- ihr und wir?!
Ist es nicht herrlich, dieser ahnungslose Jubel der Tausende, die da meinen, den Wahn ihres eigenen, engen Klassensieges zu feiern -- und in Wahrheit einer Befreiungstat zujauchzen, die -- die uns allen, allen einmal nicht erspart bleiben wird, wenn wir Freie, wenn wir Deutsche, wenn wir -- Menschen bleiben wollen?
Die Republikanerin, die Revolutionärin, die -- Proletarierin fühlte in dieser Sekunde ganz als Deutsche ...
Und der Offizier, der Bourgeois, der Sohn des Großreeders glühte vom Überschwang brüderlichen Gemeinsamkeitsgefühls mit diesen Tausenden, deren Seele er in sich hineingetrunken seit Monaten -- die er nun kannte in ihrer unbewußten, traumhaften Sehnsucht nach einem neuen Ideal, einer neuen Seelenheimat -- einem neuen -- freien -- großen -- nach innen und außen großen -- wiedergeborenen -- Vaterland --
Mitten in dem Beifallssturm geschah es, daß aller Augen sich der Tür zuwandten, die vom Flur her auf das Podium führte. Da stand plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, eine fremdartige Gestalt: ein untersetzter Mann mit stumpfbegehrlichem Slawengesicht, den breiten Mund von struppigem Graubart umbuscht, mit stechenden Äuglein, in denen es zuckte und gewitterte von der fressenden Loheglut der Götterdämmerung...
»Dragomiroff!« schrie Tedje Tietgens und stürmte dem Moskowiter entgegen, tauschte mit ihm zwei schallende Bruderküsse.
Und »Dragomiroff!!« scholl betäubendes Echo des Fanatismus.
Schau! von den Gesichtern der Fünftausend war der feierliche Ausdruck des hingegebenen Lauschens, der gesammelten Andacht, der ahnungsvoll gläubigen Erhebung wie weggewischt ... Ein grelles Flackerfeuer loderte aus diesen zahllosen Augenpaaren, die nun stier und hingerissen auf den knochigen Burschen im lederumgürteten langen Leinwandkittel starrten...
Die Bestie wachte plötzlich auf -- aus dem Abgrunde der Jahrtausende brodelte, kreißte, schwelte es wieder empor: das alte Chaos ... die Urnacht ...
Tedje Tietgens schwang die Klingel:
»Der Genosse Dragomiroff aus Moskau hat das Wort.«
12
Um dieselbe Stunde schäumte im Atlantic bereits der Champagner. Der Gastgeber konnte sich's leisten.
Die Deutschen, die da zur Tafel saßen, gehörten ausnahmslos zu jener Oberschicht des Besitzes, an die selbst Kriegs- und Revolutionsnot nicht herankönnen -- solange der Krieg nicht im eigenen Lande ist und die Revolution nicht ihre letzten Folgerungen zieht. Erst gegenüber der Üppigkeit dieses Dollargastmahls kam es ihnen zum Bewußtsein, wieviel anspruchsloser doch auch die verwöhntesten und geschontesten von ihnen geworden waren.
Die Feststimmung, die diesen Kreis deutscher Seehandels-, Industrie- und Geldmagnaten zum ersten Male seit dem Schlußakt der grausen Tragödie wieder zusammenführte und für eine Stunde über den grimmigen Daseinskampf ihres Nachkriegsalltags hinwegriß, hatte einen melancholischen Unterton: aus Bewußtsein der deutschen Verarmung und Vereinsamung ...
Es war nicht alles Sympathie und Zusammengehörigkeitsgefühl, was aus den Augen der Deutschen sprach, wenn sie Elias Pattersons schmale, beherrschte Gestalt betrachteten, sein vor Behagen und Selbstbewußtsein glänzendes Yankeegesicht ...
Auch auf den Zügen der Damen, der Gesellinnen all dieser Machthaber des industriellen, kommerziellen, nautischen Deutschland, hatte die Sorge der Kriegsnot, der Schmerz um liebe Gefallene, das Grausen vor der roten Sturmflut unverwischbare Zeichen gegraben. Ihre prüfenden Blicke hingen mit nicht größerem Wohlgefallen denn die Gesichter ihrer Männer an den Vertreterinnen amerikanischer Weiblichkeit: das waren die Frauen des Generalkonsuls der Vereinigten Staaten und vor allem die Tochter des neuen Verbündeten: die exzentrische kleine Bessie Patterson ...
Trotz allem: es war ein Bild langentwöhnten Glanzes, das heute den eichengetäfelten Spiegelsaal des ersten Hotels des Kontinents füllte. Man war zwar nur geladen, um die Gründung der United Transatlantic Lines zu feiern -- aber die Herzen der Deutschen feierten das erste Zeichen deutschen Wiederaufstiegs.
Auf den Scheiteln und Hälsen der Damen funkelte noch immer manch blendender Stein- und Perlenschmuck -- die Frackaufschläge der Herren wiesen, dem Sturz der Throne zum Trotz, den blinkenden Schmuck der Orden all der verschwundenen deutschen Dynastien, und auf der Brust der jüngeren Teilnehmer leuchtete der stille, unverlöschliche Glanz der Eisernen Kreuze.
Auf dem Ehrenplatz der Hufeisentafel, zur Rechten des Gastgebers, thronte das feine, müde Gesicht Johanna Freimanns. Zu Ehren des glückhaften Abends hatte sie sich aus der Gesellschaft ihrer Bücher gerissen, die seit ihres Sohnes Verschwinden die einzigen Vertrauten ihrer einsamen Tage geworden waren. Während des Krieges hatte sie Ablenkung genug gehabt als Präsidentin des Roten Kreuzes -- nun blieben ihr die Dichter ... Aber heute strahlte sie doch: Georg strahlte ja auch ...
Ihr gegenüber, an der Seite des amerikanischen Generalkonsuls, saß Ilse Carstensen. Auch sie gab sich betont heiter, unterhaltsam, überlegen. Ihr Partner strahlte, erzählte ihr, daß gleichzeitig mit dem Abgang der Nachricht vom Zustandekommen der Fusion nach Neuyork ein Kabelgramm Pattersons abgegangen sei, welches die Blue Star Line angewiesen habe, alle Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des Verkehrs mit Deutschland zu treffen. Die »Union«, ihr pompösestes Schiff, solle als erstes unter der Flagge der neuen Allianzlinie für die Fahrt nach Hamburg bereitgestellt werden.
»Waren Sie schon drüben, Miß Carstensen? Aber nein, verzeihen Sie, das war eine dumme Frage -- vor dem Kriege waren Sie ja noch ein Backfisch ... Um so besser: Ihr Vater wird Ihnen erlauben müssen, die erste Fahrt Hamburg-Neuyork an Bord der ›Union‹ mitzumachen ...«
Mit höflichem Lächeln dankte Ilse. Ob der Gentleman wohl ahnte, daß sie die Braut eines Tauchbootkommandanten war? Was für Schrecknisse und Abgründe lagen zwischen den beiden Völkern, deren mutigste Pioniere einander heute wieder die Hand zu reichen wagten --
Lusitania -- die Argonnenschlacht -- die Vierzehn Punkte.
Dennoch -- man stieß mit den Kristallschalen an, man tauschte Liebenswürdigkeiten und Zukunftspläne -- es wurde wieder heller in der Welt -- die Giftgasschicht, die den Erdball umlagert hatte, begann zu zerflattern ...
Bessie schmollte ein wenig. Sie saß auf einem Ehrenplatze zur Linken des alten Carstensen, der die Gattin des amerikanischen Generalkonsuls führte, und zur Rechten des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der H. T. L., des Präsidenten der Deutschen Bank ... Zwischen den Weißköpfen kam sie sich wie verbannt vor. Sie hatte kategorisch verlangt, ihr Tischherr müsse der große dicke Direktor werden, der immer in Miß Carstensens Bureau komme ... Das hatte ihr Vater ihr ausnahmsweise einmal abgeschlagen -- Robert Timmermanns saß heute, seiner gesellschaftlichen Stellung entsprechend, am unteren Ende der Tafel -- inmitten einer Gruppe von Direktoren der Linie und der Werft. Dazwischen waren die kaufmännischen und technischen Mitglieder des Stabes eingestreut, den Patterson gleich bei seiner ersten Anwesenheit in aller Heimlichkeit in Hamburg installiert hatte, und der nun auf einmal aufgetaucht war und sich als glänzend informiert und mit allen Hamburger Verhältnissen aufs genaueste vertraut erwies.
Und jetzt erhob sich der Festgeber. Er war rücksichtsvoll genug, seine Begrüßungsansprache in einer Art von Deutsch zu halten. Ihr Inhalt schien der zu sein, daß er die Fusion der beiden großen transatlantischen Reedereien Deutschlands und der Vereinigten Staaten als ein erstes, hoffnungsvolles Zeichen der Wiederherstellung des durch den Krieg zerrissenen Weltverkehrs begrüßte, auf das Wohl der H. T. L. und der Erbauerin des ersten neuen Personendampfers der United Transatlantic Lines, der Hammonia-Werft, insonderheit der Vorsitzenden der großen Unternehmungen, der Herren Georg Freimann und Detlev Carstensen, sein Glas leerte.
Die Versammlung erhob sich, die Deutschen grüßten mit ihren Gläsern zu ihren neuen Wirtschaftsverbündeten hinüber, in ruhigem, gemessenem Ernst, mit jenem Ausdruck respektvoller Zurückhaltung, welcher ihren Gefühlen entsprach. Die deutsche Würde -- bei diesen Führern deutschen Schaffens war sie wohl aufgehoben.
Und nun schlug Georg Freimann ans Glas. Auf seinem Frackhemde blinkte das weiße Emaillekreuz des Roten Adlerordens, das Wilhelm II. ihm eigenhändig umgelegt, als der Reeder dem Kaiser einstens das Zustandekommen des Morgan-Trusts gemeldet hatte. Es schien ihm Pflicht, auch äußerlich zu bekunden, daß die deutsche Hochseeschiffahrt der Republik nur auf dem Fundament weiterbauen könne, welches das Kaiserreich gelegt habe.
»Meine Damen und Herren!« begann der Präsident. »Aus tausend Wunden blutet unser zerrissenes, zertretenes Vaterland. Niemand weiß das besser als wir, als dieser Kreis von Vorkämpfern deutschen Aufschwungs, der, wie wenige unserer Landsleute, die ganze Tiefe unseres Sturzes ermißt. Alle Großmächte des Erdenrunds haben wider uns im Felde gestanden. Eine aber hat durch ihren Beitritt zum Feindbunde den Sieg, der sich schon auf unsere heldische Gegenwehr niederzusenken schien, auf die Seite unserer Gegner hinübergezwungen: es ist das Land des Präsidenten Wilson -- es sind die Vereinigten Staaten von Amerika.«
Alle Blicke im Saale flogen zu dem feinen Weltmannskopfe des Generalkonsuls und dem holzgeschnitzten Kommodorengesichte des Präsidenten des Patterson-Konzerns hinüber. In beider Mienen zuckte kein Nerv.
»Wir alle, meine Damen und Herren, kennen die Welt von Bitterkeit, welche diese Tatsache umschließt. Und darum wissen Sie auch alle, welche inneren Kämpfe hinter uns lagen, als wir uns entschlossen, in die Hand einzuschlagen, die uns zertrümmert hatte. Wir haben es getan in der schmerzlichen Erkenntnis, daß uns keine Wahl blieb, daß wir nur zu entscheiden hatten zwischen einsamem Versinken oder Anschluß an eine jener Mächte, deren Eingreifen unser Glück und unseren Aufstieg vernichtet hat. Es wäre unseres stolzen Schmerzes unwürdig, wollten wir diese Tatsachen in dieser Stunde verschweigen oder verschleiern.«
Die Versammlung lauschte in tiefem Ernst. Die Amerikaner konnten es sich nicht versagen, einen ruhigen Rundblick im Kreis ihrer Feinde von gestern zu tun. Der Eindruck war erschütternd. Alle diese Gesichter, die von zähester Energie, lebenslangem Fleiß, von Kenntnissen, Erfahrungen, angeborenem und anerzogenem Führertum sprachen, wiesen zugleich den unverwischbaren Stempel eines Jahrfünfts verbissener Gegenwehr gegen erdrückende Übermacht, versunkener Hoffnungen, unverwindbar entsetzlicher Enttäuschungen, unstillbarer Trauer, ungeheuerster Erschütterungen aller Grundlagen ihres Lebens und Empfindens -- kurz aller tiefsten Leiden und Schmerzen, die über Staubgeborene verhängt werden können.
Aber in diesen scharfgeprägten Menschenköpfen war auch die Spur unbändigen Trotzes, unerschütterlichen Lebenwollens, unversieglicher Hoffnung.
Georg Freimanns Stimme bebte leise von innerem Krampf. »Diese klare Aussprache der Wahrheit mindert in nichts das Gefühl der Genugtuung, ja, ich schäme mich nicht zu sagen des Dankes für Sie, meine Herren von drüben, die Sie als erste die Versöhnungshand uns hingestreckt, als erste uns zu erneuter, gemeinsamer Arbeit im Dienste der Menschheit aufgefordert haben -- vor allem für Sie, Freund Elias Patterson -- der Sie zugleich der Gastgeber dieses unvergeßlichen Abends sind. Seefahrt ist not -- ohne sie muß ein großes Volk in seiner eigenen Kraft ersticken und verkümmern. Darum haben wir Ihre Hand ergriffen, die uns den Weg zum Meer aufs neue erschließt. Und Sie, meine Herren von drüben, Sie haben durch die Tat bewiesen, daß Sie nicht wollen, daß unser Volk verkümmert und erstickt ... Darum haben Sie auch Ihre Zustimmung gegeben, daß das erste Schiff, das auf Rechnung zwar unserer Linie auf deutscher Werft erbaut, doch für gemeinsame Rechnung im Dienste der United Transatlantic Lines den Ozean, der Ihr und unser Land verbindet, durchqueren soll -- daß dies stolze Schiff, dessen Rumpf auf den Helgen der Hammonia-Werft schon stattlich emporwächst, den Namen tragen soll, der unseren Herzen am teuersten ist: den Namen ›Deutschland‹.«
Ein feierliches Rauschen ging durch die Versammlung -- es klang wie erster Flügelschlag des Adlers, der, von toddrohender Verwundung genesen, zu neuem Sonnenfluge sich reckt.
In der Deutschen Augen schimmerte es feucht. Frau Johanna Freimann aber und Ilse Carstensen senkten tief, tief den grauen, den blonden Scheitel ...
Der Präsident tat ein paar schwere Atemzüge. Nun hatte seine Stimme wieder den alten Vollklang:
»Meine Damen und Herren! Dunkel liegt auch heute noch die deutsche Zukunft vor uns. Alles, was uns teuer und heilig war, liegt in Trümmern, das Werdende ist noch gestaltlos und unbewährt. Wir aber arbeiten. Und unsere Arbeit, so hoffen wir, wird die Quelle unserer Zukunft sein, wie sie die Wurzel unseres vergangenen Glanzes gewesen ist. In dieser Hoffnung, in dieser Gewißheit begrüßen wir das Werk dieses Tages, begrüßen unsere neuen Mitarbeiter von drüben und den Herrn Vertreter des großen Volkes, das heute, wir wissen es, in seiner Gesamtheit noch fremd und ablehnend uns gegenübersteht, das aber dennoch das erste Land der Erde ist, dessen Bürger sich mit uns zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben. Wir begrüßen das Kind dieses Tages, die United Transatlantic Lines -- wir begrüßen das freie Weltmeer, das sich nach vier Jahren der Verstrickung wiederum vor uns auftut -- wir grüßen die Zukunft -- die Zukunft unseres Volkes, die Zukunft des Menschengeschlechts.«
Kein Hoch klang, kein Jubelruf, kein Tusch -- in stummem, feierlichem Ernst neigten sich die Gäste dieses Festes der Versöhnung vor der Weihe der Stunde.
13
Und endlich forderte die Freude doch ihr Recht.
Der Champagner löste die Lippen, beschwingte die Hoffnungen, machte die Augen der Frauen leuchten, entrunzelte die Stirnen der Männer. Die starre, zusammengeraffte Haltung der Deutschen lockerte sich. Man stand in Gruppen, man fand sich zu immer neuer Begrüßung zusammen.
Um Johanna Freimann, um Ilse Carstensen bildeten sich dichte Kreise der Verehrung, der Huldigung. War's nicht fast, als hielten zwei Fürstinnen der Vergangenheit Cercle?
Die Jugend von hüben und drüben drängte sich um den kleinen Wildfang von der Third Avenue. Bessie aber schaute unzufrieden in der Runde der bartlosen, geschniegelten Jünglinge umher, die sie umdrängten ... Sie spähte nach ihrem Lehrmeister -- dem Riesen mit dem struppigen blonden Bart ...
Natürlich -- da stand er inmitten des Kreises, der sich um Ilse Carstensen drängte ... Um fast seines ganzen Strudelkopfes Länge ragte er aus dem Schwall.
Da schoß ein toller Einfall durch Bessie Pattersons Hirn. »Machen Sie Platz, Gentlemen!« befahl sie und brach sich mit einer Art Schwimmbewegung durch die Fräcke Bahn. Und schon saß sie am Flügel. Sie präludierte im Rhythmus einer Jazz-Band ... Aber dann kam plötzlich ein marschfester Takt in ihr Spiel. Und mit einem munteren Krähstimmchen begann sie zu singen.
Ihre deutschen Verehrer, auf deren Brust fast überall das Eiserne Kreuz prangte, verstummten und erblaßten vor Entsetzen. Aus dem kecken Bubenmündchen der kleinen Yankeemaid klangen Töne und Worte, die sie -- -- kannten -- --
»Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen, uänn andre mit spätziere gehn? Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen, uänn andre mit spätziere gehn -- und kussen ihr die Schönheit äbb, und kussen ihr die Schönheit äbb -- --«
Mit triumphierendem Rundblick ersättigte sich das kleine Ungeheuer an der sprachlosen Verblüffung seiner Hörer -- strahlte vor Wonne, als die Gruppe, die sie umdrängte, aus dem ganzen Saale Zuzug erhielt ...
Und plötzlich lachte sie mitten im Liede schallend auf: Ihr Gewaltmittel hatte geholfen -- hinter der vier- und fünffachen Reihe staunender, lächelnder, fassungsloser Jünglinge, Männer, Greise, verhalten entsetzter alter und überlegen und abschätzig naserümpfender junger Hamburgerinnen tauchte der blonde Dickschädel ihres Lehrmeisters auf -- auch in seinen wasserblauen Augen stand ein humoristisches Grausen ...
Schmetternd trällerte Klein-Bessie:
»Darän ich meine, so gänz alleine, darän ich meine Freude häbb -- Darän ich meine, so ganz alleine, darän ich meine Freude häbb --!«
Da klang in ihr tolles Krähen eine empörungbebende Stimme:
»+Bessie, finish, please --!+«
Elias Patterson, mit entgeistertem Gesicht, drängte sich durch die Menge und klappte mit einem Ruck den Deckel der Klaviatur zu.
Da wirbelte Bessie sich vier-, fünfmal auf dem Klavierstuhl herum, patschte in die Hände wie ein Schulmädel und lachte, lachte, lachte ...
Inmitten des verlegenen Entsetzens, das die Familienszene umgab, klang da ein schmetterndes Echo. Eine Baßstimme, dröhnend wie ein barbarisches Siegesgeheul ... Der Bann war gebrochen -- Hamburgs kühle Reserve, die Korrektheit der Ingenieure und Kaufleute aus Pattersons Stabe -- das alles ward hingerissen in einen Ozean lang aufgestauter Fröhlichkeit ...
Selbst Papa Patterson entrann seinem Schicksal nicht ... Er mußte wieder einmal vor Klein-Bessie kapitulieren. Es hielt ihn nicht: er lachte mit.
Aber -- -- was -- war denn -- das -- --?!
In die aufschäumende Heiterkeit derer, die im Lichte wohnen, drang plötzlich ein Grollen aus der Tiefe ...
Gegen die geschlossenen Rolläden krachten Steinwürfe -- vieltausendstimmiges Gebrüll brandete von der Alsterpromenade herauf:
»Nieder mit dem Kapitalismus!«
»Licht aus -- Messer 'raus!«
»Es lebe die Weltrevolution!«
Erblassen -- Entsetzen -- starres Verstummen -- fieberndes Lauschen -- --
Nun kam ein stampfender, knirschender Rhythmus in das formlose Getöse, das den Hotelpalast umbrandete ...
Gesang -- schrecklicher, sturmtoller, Vernichtung dräuender Gesang:
»Die Guillotine saust, der Rachejubel schreit, es flammt in unsrer Faust die rote Seligkeit!«
Drittes