Chapter 2 of 3 · 13729 words · ~69 min read

Buch 1

Die Räterepublik in München hatte abgewirtschaftet.

Die Weimarer Verfassung war angenommen. Der »Friedensvertrag« unterzeichnet.

Es schien, als sollte das unglückseligste aller Länder zur Ruhe kommen.

Über Hamburg aber waren in eben jenen Tagen, da im Spiegelsaale von Versailles deutsche Namen unter das Instrument scheußlichster Vergewaltigung Deutschlands gesetzt wurden, noch einmal schwere, entsetzliche Tage gekommen. Durch die Gassen der Innenstadt raste die Junirevolte.

Eine Woche lang stand diesseits und jenseits der Elbe die Arbeit still. In den Adern der Stadt stockte das Blut.

Die Männer, welche dem Schaffen ihrer Heimat Führer waren, saßen in ihren Häusern, ihren Villen untätig, mit gramverzerrten Gesichtern, ohnmächtig geballten Fäusten.

Die grauen und weißen Häupter, in denen sich die Erfahrungen, Kenntnisse, Begabungen ihres Zeitalters konzentrierten, waren zu wertvoll, um dem Wahnsinn der tollgewordenen Masse preisgegeben zu werden. Ordnung zu schaffen, war Sache der Jugend -- der Söhne und Erben jener Gesellschaftsschicht, die in guten Tagen zwar die Führung und Verantwortung des großen Schaffensprozesses der Nation auf sich genommen, dafür aber auch die Freuden, Genüsse und Erhebungen einer erhöhten Lebensstellung genossen hatte.

Die Bürgerjugend versagte nicht. Als der Blut- und Plünderungstaumel des Pöbels auf seinem Höhepunkt angekommen war, als die scheußliche Hefe der Großstadt im Bunde mit Schwärmen von Gott weiß wo herangeströmten stadtfremden Gelichters das Innere Hamburgs in ein Tollhaus zu verwandeln drohte, wurden die Bahrenfelder Jäger und Husaren alarmiert. Sie rückten ein, stellten sich entsagungsvoll unter das Kommando des kommunistischen Stadtkommandanten -- kämpften in hartem Straßenkampfe viele Stunden lang wider die Meute, deren Führer der entartete Abschaum des ruhmvollen deutschen Heeres geworden war -- und wurden dann durch scheußlichen Verrat überrumpelt, entwaffnet und unter die Nagelsohlen der vertierten Masse getrampelt.

Tage tiefster Schande für die Stadt der drei Türme -- Tage, die ihre Chronisten ausstreichen möchten aus ihrer Geschichte ...

Und endlich kam dennoch die Erlösung.

Lettow-Vorbecks Regierungstruppen rückten in die umzingelte Stadt. Und plötzlich war das Gesindel zerstoben.

* * * * *

Für Anders Niemann war's eine entsetzliche Zeit gewesen. Kaum ein anderer Sohn der Stadt hatte auch nur entfernt Ähnliches gelitten. Um nicht den Argwohn seiner Arbeitsgefährten zu erwecken, hatte er sich nicht völlig zurückhalten dürfen. Aber er hatte einen Ausweg gefunden: Er hatte sich zum Sanitäterkommando gemeldet, hatte die Leiber seiner verwundeten Kameraden aus dem heftigsten Feuer herausschleppen, ihnen die erste Hilfe bringen dürfen ... Und hatte dabei mit hundert Sinnen beobachtet, gelauscht, gelernt ...

Er wußte nun, was es war, das »Volk«. Er wußte zu unterscheiden.

Er hatte begriffen: Es gab zweierlei »Volk«. Es gab die Masse -- und es gab den Pöbel.

Die Masse ... Im unmittelbaren Umkreise des namenlosen Daseins, das er für eine ungewisse Zeit des Schauens und Erkennens über sich verhängt hatte, gehörten zur Masse die Tietgens-Eltern, Clas Mönkebüll und -- ach ja, auch Antje.

Das waren die Millionen, die seit Beginn der Herrschaft der Maschine in allen zivilisierten Ländern herangewachsen waren, nicht Opfer, wie sie selber wähnten, sondern Produkte der Industrie. Die Fabrik hatte den Fabrikarbeiter, die Maschine den Maschinenmenschen erzeugt. Etwas völlig Neues in der Geschichte der Menschheit -- mit dem Proletarier vergangener Epochen auch nicht entfernt vergleichbar. -- Ein neuer Typus, eine neue Rasse. Zunächst noch ohne seelische Verbindung mit den geschichtlichen Menschenarten, dann ohne historischen Instinkt. Und dennoch notwendig, unentbehrlich, ein organischer Bestandteil der neuen Unterschicht, welche sich zu formen begann unter der Herrschaft der ungeheuerlichsten aller Wandlungen, die jemals über das »Ebenbild Gottes« gekommen waren ...

Noch hatte diese Masse sich selber nicht begriffen -- und die andern, die alten Stände, begriffen sie ebensowenig. Kein seelisches Band wob sich vom Hause Tietgens zum Hause Carstensen, von Antje zu Georg Freimann ... fremd und fern standen sie beieinander, diese Menschen, die an gemeinsamem Werke wirkten ...

Und was das entsetzlichste war: Am Boden der Masse, als dicke Hefeschicht des brodelnden Gärkessels dieses gigantischen Wandlungsprozesses hatte sich ein Etwas gebildet, das gar nicht neu, sondern uralt war, und doch, wie alle anderen Elemente der Menschheit, sein Gesicht gewandelt hatte -- der Pöbel ...

Überall, wo im Laufe der Menschheitsjahrtausende die Zivilisation in das Stadium des Stadtlebens hineingewachsen war, überall da hatte sich Pöbel gebildet -- der Bodensatz der Schwachen, der Faulen, der Lebensuntauglichen, der nicht Vollwertigen, der Dummen, der Schlechten ... Und uralt war auch die Erscheinung, daß dieser Pöbel, dieser Großstadtpöbel zuzeiten rebellierte -- daß die Hefeschicht nicht mehr ruhig und stumpf an der Tiefe sich ablagerte, sondern aufschäumte, emporquoll, die ganze Masse des Volkstums durchtränkte, verunreinigte, in wüste Wallung brachte bis zum Überschäumen, bis zur greulichen Zersetzung ...

War's ein Wunder, daß diese Erscheinung in nie geahnter Furchtbarkeit an dieser Zeit sich auswirkte -- an dieser nie erhörten Zeit der Umformung und der Erschütterung, welche die -- -- Maschine über die Menschheit verhängt hatte?!

Sie hatte ihr die Mittel gegeben, über Kontinente, durch Meerestiefen hindurch, rund um die Lufthülle des Erdballes zu schreiben erst und nun auch zu sprechen ... Und endlich hatte der Mensch gar das Fliegen, dem Grausen der Wassertiefe sich vermählend, das Tauchen gelernt ... Das alles verdankte er diesem Geschöpf seines Hirns, das nun die Meisterin seines Schicksals geworden war, der Dämon seines Geschlechts ...

Anders Niemann schwindelte, wenn er solch phantastischer Schickung nachsann -- in den schlaflosen Stunden dieser finsteren Nächte, in denen neben ihm der schwere Atem seiner Kumpane klang.

Unsäglich das Grauen solcher Nächte -- durchängstet von der hoffnungslosen Frage:

Wie soll das enden?!

Aber stärker noch als das Grauen schwoll in Anders Niemanns aufgeschlossener, von Schauen, Grübeln und Erkennen durchrüttelter Seele das Mitleid ... ein grenzenloses Mitleid mit diesem verdammten Geschlecht seiner Tage ...

Das »Volk« ... war es nicht verraten und verloren in seiner hilflosen Seelenöde? In seinem dumpfen Groll über dies Schicksal seines Daseins, das es durch eine unüberbrückbar scheinende Kluft vom Zusammenhange mit der Entwicklung seines Volkstums, mit der Geschichte seiner Nation, mit dem Seelen- und Geistesleben der historisch gewordenen Gesamtheit trennte? Das unverstanden und ohne zu verstehen nur das eine begriff: daß es irgendwie vergewaltigt werde, irgendwie betrogen um sein Menschenrecht: sinnvoll, befriedigt und freudig mitwirken zu dürfen am gemeinsamen Werk?

Was half es diesen Millionen, daß der Staat der Vergangenheit ihnen ein Mindestmaß der Existenz gesichert hatte, sie geschützt vor den lebenauslöschenden Folgen der Krankheit, des Unfalls, des Alters? Was half's ihnen, daß sie heute, zur organisierten Masse geballt, imstande waren, sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Anpassung ihrer Entlohnung an den schwindenden Geldwert zu ertrotzen?!

Arm blieben sie dennoch -- sie konnten nicht glücklich werden, niemals und auf keine Weise glücklich ...

Denn glücklich lebt nur, wer begreift ... wessen Denken geschult ward, sein Dasein in einem großen Zusammenhang als nützlich, zweckmäßig, wesentlich, notwendig, sinnvoll -- heilig zu begreifen ...

Wer hatte sie das gelehrt -- wer sah auch nur die Aufgabe, sie das zu lehren -- wer war selbstlos, unantastbar -- und dabei wort- und wissensgewaltig, überzeugt und überzeugend, wer war groß und rein genug, sie das zu lehren?!

Ach -- und selbst der Abschaum, der Pöbel -- verdiente er Verdammung, Niederknüppelung, Bändigung durch Knute und Kette, durch Fußtritt und Maulkorb -- oder war nicht auch er weit mehr des Mitleids würdig, des Erbarmens, der Erlösung?

Dieser Tedje war von seinen Eltern gewiß mit aller Liebe und Sorgfalt erzogen, deren ihr tüchtiges, ernsthaftes Wesen, ihr angeborenes und in harter Lebensfron gestärktes Pflichtgefühl fähig war. Er war gewiß einmal ein schwieriger zwar, doch im Grunde gutartiger Bursch gewesen ... hätte vielleicht doch im Laufe ruhiger Entwicklungsjahre die Dämonen seines Wesens, den Schnaps und die Sinnengier, überwunden, und wär's an der Hand einer strammen, rüstigen, tüchtigen Frau ...

Aber da war der Krieg gekommen und hatte ihn gelehrt zu töten, zu nehmen, was nicht sein war, zu faulenzen, zu spielen, sich zusammenzurotten, zu neiden, zu hassen ... Die Gefangenschaft war gekommen, und die Peitsche kaukasischer Bergwerksvögte hatte seine Menschenwürde zerstriemt ... So war er geworden, was er war: ein Bolschewist -- ein Verneiner des Wirklichen, ein Zertrümmerer des Überlieferten, ein Stück Chaos, ein Stück Satan ...

Und mit dem Haß und der Verneinung war die Gier gekommen und der Neid ... Haben, was die anderen hatten ... Nicht es verdienen durch zähe Arbeit des Kopfes -- nein, es erraffen, an sich reißen mit der Masse der starken Fäuste -- nicht es genießen mit den tausend Organen verfeinerter Hirne, nein, es verprassen und verwüsten in sinnloser, verständnisloser Orgie ...

Und wenn man jeden einzelnen der entsetzlichen Horde, welche die sechzehn jungen Bahrenfelder Jäger zerhackt, zerrissen, ersäuft, zertrampelt hatte -- wenn man jede einzelne dieser Menschenbestien wissenschaftlich zergliedert hätte, der Entwicklung ihres Schicksals, ihrer Seele nachgespürt bis in die letzten Wurzeln ihres Wesens -- hätte man nicht am Ende solchen Analysierens und Durchdringens überall das gleiche gefunden:

Unabweisbare Folgerichtigkeit -- lückenlose Kausalität -- unentrinnbare Logik -- --

Notwendigkeit -- --?!

Im Schauer solchen Erkennens begriff Anders Niemann auch sich selber -- sein Handeln, Dulden, Unterlassen ... begriff's, daß er sich nicht, wie er's unzählige Male im Hirn gewälzt, der selbstgewählten Verstrickung entraffte -- nein, daß er es fertig brachte, in seiner Maske, in seiner Rolle auch jetzt noch auszuhalten ... neben diesem rasenden Tedje, diesem verblendeten Clas ... Denn wichtiger noch als dies: daß der Ordnung ein Retter mehr, dem Chaos ein Bezwinger mehr entstand -- wichtiger war dies andere: daß einer da war, der Ohren hatte zu hören, Augen zu sehen und ein Herz zu verstehen ...

Denn wenn hier eines retten konnte, dann war's das Herz -- das hörende, schauende, verstehende Herz ...

* * * * *

In diesen Wochen letzter Verzweiflung, tiefsten Entsetzens war's für Anders Niemann ein Glück ohne Maßen gewesen, daß er fast täglich das Beisammensein mit der Freundin genossen hatte.

Das riesige Verwaltungsgebäude der H. T. L. war in diesen Tagen verödet gewesen, nur von einer Truppe unbedingt zuverlässiger, mit Maschinengewehren und Handgranaten schwerbewaffneter Beamten bewacht und darum von der Meute nicht gefährdet. So hatte Antje, nach Schauen und Begreifen lüstern wie ihr Freund und um ihres Freundes willen, sich in der Masse der Neugierigen umgetrieben, die, seltsam genug, am Rande des Dreckvulkans doch immer Kopf an Kopf sich gedrängt hatte, durch pfeifende Kugeln und gelegentliche Blutopfer beständig in Angst und Fluchtbereitschaft gehalten, dennoch nie ganz verscheucht ... Und abends hatten sie dann an Mudder Minings Tisch ihre Beobachtungen und Gedanken ausgetauscht, die beiden Alten, die Tochter und der Hausgenosse, dieweil Tedje und Clas in erstürmten Wirtschaften und Hotelsälen wüste Orgien gefeiert und ihre Spießgesellen mit trunkenen Phrasen berauscht hatten ... Und klarer noch als das kühle Beobachterauge des maskierten Sohnes der anderen Welt hatte das Herz des Mädchens aus der ringenden Klasse neuer Menschen begriffen und gedeutet, was sich da eigentlich vollzog ... dem Freunde den Weg gewiesen in die Tiefen dieser Tausende verworrener, verwahrloster, verhetzter, irregeführter Menschenherzen -- in jene Tiefe, in der, ihrer selbst unbewußt, die Sehnsucht schluchzte -- die Sehnsucht nach Zusammenhang, nach Licht, nach Sinn ...

Ihr Herz war voll Liebe, darum sah sie. Ihr Herz war licht, darum erkannte sie. Ihr Herz war Güte, darum begriff sie, darum konnte sie begreifen lehren.

2

Kaum waren die letzten Schüsse verhallt, kaum hatten die ersten Kompanien Lettows in den Höfen der staatlichen und städtischen Amtsgebäude ihre Gewehre zusammengesetzt, da kam auch das gewaltige Rädergetriebe der Arbeit dieser unübersehbaren Zusammenballung von Kräften und Möglichkeiten wieder in Schwung.

Im H. T. L.-Palast wie auf der Hammonia-Werft fand sich die überwiegende Mehrzahl der Angestellten aller Abstufungen alsbald wieder zur Arbeit ein.

Bob Timmermanns meldete sich bei seinem Chef mit verbundenem Kopf und Arm, dicke Beulen im Gesicht, blaue Flecken am ganzen schmerzenden Körper. Er war einem Rudel junger Lümmel, die auf der Werft zu plündern und Maschinen zu beschädigen versucht hatten, mit Armins Karabiner in der Hand entgegengetreten, hatte einen der Attentäter schwer angeschossen, war aber dann umzingelt und jämmerlich zusammengehauen worden. Nur das Eingreifen einer Anzahl Werkmeister, die ihm vom Familienwohnhause der alten Vertrauensleute mit bewaffneter Hand zu Hilfe gekommen waren, hatte sein Leben gerettet. Unter ihnen war auch der alte Tietgens gewesen, der jeden Morgen zur Werft gekommen war, um nach seinem Kran zu sehen.

Vater Carstensen und Ilse konnten sich nicht genugtun, dem tapferen Verteidiger ihres Eigentums zu danken. Bob Timmermanns schwamm in Glück.

Aber wenn Ilses ernste Augen ihn mit nie erträumter Herzlichkeit anstrahlten, dann sah er neben ihrem schmal gewordenen, vom Grauen der durchlittenen Tage gezeichneten Gesicht ein keckes Stumpfnäschen auftauchen, hörte ein helles Krähstimmchen trällern:

»-- und kussen ihr die Schönheit äbb -- und kussen ihr die Schönheit äbb ...«

Herr Elias Patterson war samt seiner Tochter und seinem ganzen Stabe mit dem letzten Schnellzug, der vor der Erstürmung des Hauptbahnhofes durch Spartakus noch hatte abgelassen werden können, inmitten eines entsetzten Schwarmes flüchtender Ausländer nach Bremen abgereist und von dort mit einem englischen Frachtdampfer nach drüben zurückgekehrt.

Zum Glück ergab eine telephonische Anfrage bei den Banken, daß er die eingeräumten Kredite weder eingezogen noch gesperrt hatte ... Also er hatte den Glauben an die unzerstörbare Kraft der deutschen Wirtschaft anscheinend noch nicht verloren.

Und kaum hatte der Telegraph die Kunde von Hamburgs Wiederherstellung in die Welt getragen, da kam auch schon Kabelgramm auf Kabelgramm geflogen, die dartaten, daß die Hoffnung auf Pattersons Standhaftigkeit nicht getrogen habe. Er bat um schleunigen Bericht über die Lage und riet dringend, nunmehr sofort an die Reichsbehörden mit dem Verlangen nach beschleunigter Anerkennung des Entschädigungsanspruchs der Reedereien heranzutreten.

So fuhren denn schon wenige Tage nach dem Einrücken der Regierungstruppen Georg Freimann und Detlev Carstensen mit einigen ihrer Direktoren nach Berlin. Bob Timmermanns hatten sie diesmal zu Hause gelassen -- nicht nur weil er mit seinen Beulen und Verbänden wenig repräsentationsfähig aussah ... Statt dessen hatten sie einige Unterbeamte der Linie und einige Arbeiter der Werft mitgenommen, unter letzteren den alten Tietgens als Mitglied des Vorstandes der S. P. D., Ortsgruppe Hamburg. Dennoch erntete Robert der Gewaltige den Lohn seiner Aufopferung. Unter Verleihung des Titels »Generaldirektor« wurde er zum stellvertretenden Oberleiter der Werft ernannt und für die Zeit der Abwesenheit des Herrn Detlev Carstensen mit der Leitung des Gesamtbetriebes beauftragt.

Vor wenigen Wochen würde Bob Timmermanns diese ungewöhnliche Ehrung als Ermunterung noch stolzerer Hoffnungen aufgefaßt haben. Ilse Carstensen hatte etwas Derartiges befürchtet und sah den Tagen, in denen sie nun täglich mit dem Getreuen stundenlang zusammen zu arbeiten haben würde, mit geheimem Bangen entgegen. Aber sie erlebte eine angenehme Überraschung -- oder hatte sie nicht einen leisen Beigeschmack von Enttäuschung? -- Der Riese, so sehr er sich draußen im Vollgefühle seiner neuen Würde sonnte, war der Tochter seines Chefs gegenüber von einer seltsamen Befangenheit ...

Seine Mimik war so durchsichtig wie seine Psychologie. Die schlaue Ilse hatte ihn bald durchschaut. Die plötzliche Teilnahme der kleinen Neuyorkerin für sein Seelenleid -- und dann die Szene im Atlantic -- Bessie deutsche Soldatenlieder singend, Bob Timmermanns vor Lachen berstend und inmitten des entsetzten Hamburgertums wie ein Berserker Beifall brüllend -- und nun das jähe Abflauen seiner Huldigungen -- da bestand ein Zusammenhang ...

Ilse lachte belustigt in sich hinein, als sie ihres Verehrers Seelennot enträtselt zu haben meinte. Aber bald hatte sie noch mehr herausbekommen. Bobbie schwankte. Bobbie wußte noch nicht recht: ... Bessie -- das Täubchen auf dem Dach -- o weh -- es war sogar schon ein paar Häuser weiter entschwebt ... Ilse: der Spatz in der Hand! Na, warte, Bobbie -- so leicht soll dir deine Untreue denn doch nicht werden!

Und fortan machte die stolze Ilse sich das kokette Vergnügen, dem Abtrünnigen ein wenig einzuheizen.

Aber wenn Ilse Carstensen während der Werktagsstunden sich boshaft vergnüglich an dem schelmischen Spiel ergötzt hatte, ihren schwankenden Verehrer zwischen Entzücken und Verstimmung, zwischen hoffender Gewißheit und im Dustern tappendem Zweifel, zwischen Ilsetraum und Bessietraum hin und wieder zappeln zu lassen -- dann weinte sie nachts in ihre einsamen Kissen um den Mann, der nun längst ihr Lebenskamerad wäre, hätte sie ihn zu verstehen, zu stärken, zu trösten gewußt in einer Krise, die seinem bewährten Herzen gewißlich keine Schande gemacht hatte.

3

Die Orkane, welche die drei Türme umtobt hatten, waren verstummt -- aber drunten in der Tiefe brauste und gurgelte noch immer die »Tote See«.

Die Wahnwitzigen, welche die Lebensmittelgeschäfte ausgeplündert, auf dem Wochenmarkte die Eierkörbe umgestürzt und den Bauersfrauen die Preise diktiert hatten, bekamen nun die logische Folge ihres Eingriffs in den Wirtschaftsorganismus der Stadt zu spüren -- leider mit ihnen die ganze Bürgerschaft. Die Zufuhr alles Notwendigen war ins Stocken geraten. Der Bauer blieb auf seinem Dorfe, die städtischen Händler waren ruiniert. Die Teuerung, die seit dem ersten Kriegsjahre langsam, doch unabwendbar angeschwollen war -- nun ward sie Lawine und begrub die Reste des Wohlstandes ganzer Bevölkerungsklassen. Sie lastete wie immer am schwersten auf den Schultern des Proletariats. Sparen hatte es nicht gelernt. Seine Vorkämpfer hatten es nicht gelitten. Es durfte sich ja nicht »verbürgerlichen«.

»Tjä, denn helpt dat allens nich,« murmelte sogar Mudder Tietgens, »denn möt ji üm Lohnerhöhung inkomen, süß kann'k jug nich miehr satt kriegen, Jungs ...«

Und wieder telephonierte Tedje an seine Zentrale -- und wieder kamen russische Hilfstruppen -- kamen Hetzer und Rubelnoten. Die große Pestbeule war aufgestochen und heilte äußerlich ab -- aber längst war der ganze Körper infiziert ... Das Gift fraß weiter und fand an dem tiefgeschwächten Ernährungszustande des hinsiechenden Patienten Deutschland den günstigsten Nährboden.

Tedje hatte sich von seiner ersten Angst erholt. Seine Stellung auf der Werft, inmitten seiner Kameraden, war fester als je. Nun schwang er sich an die Spitze eines Ausschusses der Werftarbeiter, welcher die neuen Lohnforderungen formulieren und der Leitung vortragen sollte.

Als Termin für die Aktion war der Tag bestimmt, in dessen Frühe die Regierungstruppen abrücken sollten ...

An diesem Morgen erhielt Bob Timmermanns beim Ankleiden den Besuch seines Bruders Armin. Der Leutnant erschien in Uniform, marschbereit. Die Schicksale, die hinter ihm lagen, hatten ihn sehr verändert.

Er hatte sich mit seiner Gefolgschaft junger Kaufleute und Studenten der Hamburger Einwohnerwehr zur Verfügung gestellt und hingebend an der Verteidigung des Rathauses teilgenommen. Nachdem die Hamburger »Regierung« mit dem unterlegenen Mob jenen schändlichen Waffenstillstand abgeschlossen hatte, war er mit seinen Kameraden der Rachewut des Gesindels ausgeliefert gewesen und wie durch ein Wunder mit zwei Messerstichen in Arm und Kopf davongekommen. In einer Privatklinik versteckt, hatte er einen Nervenzusammenbruch erlitten. Die Schmach und das Grauen hatten ihn niedergeschmettert. Das Leiden hatte ihn ernsthafter, aber auch gefährlicher gemacht. Armin Timmermanns war nicht der Mann zu vergessen. Er wußte jetzt erst, was Haß ist.

»Also leb' wohl, teures Bruderherz -- und mein aufrichtiges Beileid, daß du ohne unsern Schutz in diesem Pestloch von Stadt zurückbleiben mußt ... Was macht der Karabiner?«

»Der ist auf meinem Bureau im Geldschrank eingeschlossen. Du hast recht behalten -- er hat sich bewährt.«

»Ich weiß. Aber hast du das Gefühl, lieber Kerl, daß du ihn schon nach seinem vollen Werte bezahlt hast?!«

»Nein!« lachte Bob gutgelaunt und griff in die Brieftasche. »Wann sieht man dich in Hamburg wieder?«

»Hoffentlich bald ... Ich habe schon einmal so etwas wie deinen Retter spielen dürfen ... Die große Abrechnung mit den November- und Juniverbrechern möchte ich nirgendwo anders als hier erleben -- wo man mich bespuckt und getreten hat ...«

Als der Generaldirektor an diesem Morgen das Werftgelände betrat, wußte er sofort, daß etwas nicht stimmte ... Überall feiernde, disputierende Gruppen ... Dicht vor dem Bureauhause, um die Laderampe und den Güterschuppen der Werfteisenbahn herum so etwas wie eine kleine Volksversammlung zusammengeballt. Das Gezeter eines Redners von der Rampe herniederschallend -- grelle Zwischenrufe, die Klingel eines selbstbestellten Verhandlungsleiters -- ein Güterwagen als »Olymp«, das Dach des Schuppens dicht von gierig lauschenden Hörern im Arbeitskittel besetzt -- ja sogar am Schaft eines riesigen Bogenlampenkandelabers klebten sie wie die Fliegen ... Und als des verhaßten Generaldirektors allbekannte Gestalt unfern dem Meeting vorüberstapfte, schollen Pfiffe, Gröhlen, Schimpfworte: »Wullt du een' op de Nehs' hebben, Grotsnuut?!«

Aber auch das erkannte des Kundigen Auge: Es waren nur die jüngeren Elemente, die Ungelernten, die »Halbstarken«, welche die »Bewegung« trugen. Die älteren, besonnenen Werftangehörigen fehlten einstweilen. Ein Trost -- aber ein geringer. Der Terror der Jugend würde früh genug auch die Widerwilligen, die Friedfertigen, die Maßvollen mitreißen ...

Ilse kam dem Freunde mit fiebernden Augen entgegen:

»Heut gibt's wieder was! Gut, daß Sie kommen -- ich hatte schon Angst, man hätte Ihnen den Weg verlegt ...« Und ihre Augen leuchteten Dank, Vertrauen ... Bobbies Herz klopfte, seine Donnerstimme ward brüderlich zart:

»Keine Angst, Fräulein Ilse --« wahrhaftig, er wagte es, Fräulein Ilse zu sagen! -- »es ist vorläufig halb so schlimm ... Nur die Lausebengels sind beisammen ... Aber freilich: das ist immer der Anfang ... Die andern lassen sich mitreißen ...«

»Ein Streik muß unter allen Umständen vermieden werden«, meinte Ilse. »Ein Kabel von Patterson ist da: Der Konzern bestehe darauf, daß die ›Deutschland‹ spätestens Mitte Januar vom Stapel laufe -- andernfalls werde man die Hoffnung auf Wiederherstellung unserer Bündnisfähigkeit aufgeben ...«

»Wann wird er kommen?« fragte der Generaldirektor.

Um Ilses Lippen zuckte ein flüchtiges Lächeln. »Er schweigt sich aus. Aber hier ist noch ein Telegramm an Ihre Privatadresse.«

Timmermanns trat ans Fenster und las -- o weh -- es war Englisch -- und dabei die Unterschrift: Bessie Patterson ... Verflucht ...

Ein kurzer Kampf -- dann wußte er, was er zu tun hatte. Mochte die Stolze immerhin wissen, daß die kleine Dollarmaid ihm etwas mitzuteilen hatte.

»Würden Sie die Güte haben, Fräulein Ilse, mir das vorzulesen?«

Und lächelnd entzifferte Ilse: »Höre bedauernd meines dicken Meisters Verletzung, kabelt Befinden.« Und mit boshaftem Schmunzeln las sie laut den Namen der Absenderin.

Bobbie glühte wie ein Stahlblock unterm Fallhammer. Na -- wenn schon -- --

»Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und setzen Sie mir eine Antwort auf!«

Ilses Lippen zuckten vor Übermut. Sie kritzelte ein paar englische Worte auf ein Notizblatt und reichte es dem Treulosen.

»Heißt wie auf Deutsch?«

»Knochen wieder gesund, Herz unheilbar angeknackst. Bobbie.«

»Fräulein Ilse --!« stammelte der Riese. »Ich bitte Sie -- wie können Sie nur --«

»Versuchen Sie nicht zu schwindeln -- -- Herr -- Generaldirektor!« lachte Ilse. »Das können Sie nicht.«

Ein rauhes Klopfen überhob ihn der Antwort. Und schon sprang die Tür auf: Eine Gruppe junger und ganz junger Arbeiter stapfte geräuschvoll herein -- mit ihr eine Wolke von Schweißdunst, Öldunst, Teerdunst, Schnapsdunst --.

Tedje Tietgens an ihrer Spitze ... auf seinen Zügen flammte die Röte der Destille. Da sah er Ilse -- und eine zweite heißere Flamme zuckte in seinen Augen auf. Er wandte sich halb an den Generaldirektor, halb an die »Feine«.

»Wir sünd die Deputaschon von unsre Kollegen!« begann er pathetisch. »Wir sünd von die Versammlung unsrer Kollegen beauftragt, die Forderungen der Arbeiterschaft vorzulegen -- und wir sünd beauftragt, die Werftdirekschon ein Ul -- ein Ul --«

»-- ein Ultimatum, wollen Sie sagen, Tietgens«, half Timmermanns herablassend ein.

»Ja -- dat is dat Wort --« stotterte Tedje, »öwerst ick bün nich Tietgens, dat Sei't wissen, Herr Timmermanns -- ick heiß' Herr Tietgens!«

Die Kollegen knurrten grinsend Beifall.

»Und ich heiß' Herr Generaldirektor, Herr Tietgens, daß Sie's wissen«, erwiderte Timmermanns gelassen. »Nehmen Sie Platz, meine Herren, soweit die Stühle reichen. Bitte um die Aufstellung.«

Tedje setzte sich breitbeinig, reichte ein Blatt, das die Forderungen der Streikwilligen enthielt. Der Generaldirektor gab die Tabelle an die Tochter seines Chefs weiter. Die las aufmerksam, gesenkten Hauptes. Tedje verschlang jede ihrer Bewegungen. Höll' un Düwel -- so was in die Arme kriegen -- -- das nächste Mal mußte es noch viel doller gehn -- die rote Woche durfte nur ein Auftakt gewesen sein. Man hatte sich begnügen müssen, entwaffnete Männer aus der Bourgeoisie zu massakrieren ... bis an die Weiber war man noch gar nicht gekommen ...

Ilse Carstensen reichte ihrem Getreuen das Blatt zurück. Beider Blicke trafen sich. Bob Timmermanns verstand Ilses stumme Frage: Ist das überhaupt tragbar? Er schüttelte den Kopf.

»Meine Herren,« sagte der Generaldirektor, »wenn Sie denken, die Werftleitung hätte die Mittel, um diese Forderungen zu bewilligen, dann irren Sie sich. Wir verfügen über einen Kredit, der beschränkt ist -- das Geld ist fast alle. Herr Carstensen ist in Berlin, um mit der Reichsregierung wegen der Entschädigungen für die Reedereien zu verhandeln. Werden die vom Reich bewilligt, dann läßt sich über eure Forderungen reden. Vorher -- ausgeschlossen. Sagen wir heute ja zu diesen Ansprüchen, dann müssen wir in acht Tagen die Bude zumachen.«

»Een Pund Brot kost' seit gistern hundert Mark, Herr Generaldirektor«, sagte Tietgens. »Reken Sei sick gefälligs ülben ut, woans en Familienvadder mit den'n ollen Lohn bestohn kann.«

Und wieder brummten die Genossen Zustimmung.

Timmermanns schwieg in dumpfem Sinnen. Sie hatten recht ... die Leute ... Die Not der Zeit wuchs allen über die Köpfe -- den Arbeitnehmern wie den Arbeitgebern ... Als ungerecht, als überspannt konnte man die Ansprüche der Arbeiterschaft unmöglich bezeichnen. Aber was war zu machen? Es ging nicht ...

»Leute, seid vernünftig ... Wenn wir eure Forderungen bewilligen, ist die Werft in acht Tagen pleite, ich schwöre es euch ... Es ist eine schwere Zeit -- wir müssen alle zusammen uns einschränken ...«

»Solang dei Döchder von unse Arbeitgebers noch Brillanten an die Fingers drägen,« rief Tedje mit einem Vampirblick nach Ilses leise bebenden Händen, »solang'n söhlen Sei uns nich wat von Inschränken vörklöhnen --«

In Scham zog Ilse ihre Hand zurück ... Wie hatte sie nur vergessen können, den Ring abzulegen ...

»Ji sitten in dei Villas un eeten Botter un Wittbrot!« kreischte Tedje und sprang auf. »Wie slopt op Stroh un fret dreuges Markenbrot -- kamt uns nich mit Inschränken, süß sprekt wi en anner Word!! Ne, Timmermanns, so mötten Sei uns nich komen!« Und er hieb mit der hammergewohnten Faust auf den Tisch, daß die Tintenfässer tanzten.

»Respekt, Minsch, Dunnerslag noch mol!« brüllte da Bob Timmermanns. »Wenn ji vergeten doht, wen je vör jug hebbt, dann smiet ick Sei an de Wand, Tietgens, as all eenmol! Hebbt Sei dat all vergeten?«

Diese Erinnerung an seine Niederlage vor den Ohren und Augen dieser Frau -- der wilde Bursche verlor den Rest seiner Besinnung. Er griff einen Stuhl und schwang ihn empor. Seine Kameraden fielen ihm in den Arm. Ilse riß Timmermanns zurück -- ihre Kinnbacken bebten.

»Teuf, mien Deern!« schrie Tedje unter den Fäusten seiner Kollegen. »Ick will di woll kriegen -- un wenn dien Schlöks von Brögam bi di wakt und bi di slöppt ... Unsre Kam'roden in Rußland -- --«

Da schnarrte der Fernsprecher.

Ilse nahm den Hörer ... und schon hatte sie ihres Vaters Stimme erkannt. Es war wie ein Zauber -- als stünde er neben ihr, so laut und klar klang seine Stimme, dem Beben froher Erregung zum Trotz, das sie durchschwirrte ...

»Ach, Ilse -- du selber? Eine Freudenbotschaft: Die Regierung bewilligt der H. T. L. als erste Rate hundert Millionen!«

»Meine Herren,« sagte Ilse, »die Werftleitung bewilligt die Forderungen der Arbeiterschaft.«

»Verdammi!« knirschte Tedje Tietgens in sich hinein.

4

Selbfünft schritten sie über das Werftgelände, vom Direktionsgebäude zur Helling hinüber -- umstiebt vom ersten Schnee.

»+Goddam!+« knurrte Elias Patterson, »arbeiten könnt ihr immer noch, ihr Deutschen ...«

In seinem knisternden Nerzpelz sah er neben der verschlissenen Vorkriegseleganz Detlev Carstensens wie der reiche Verwandte aus, der den verarmten Vetter zu besuchen kommt. Aber der verarmte Vetter brauchte sein Haupt heute nicht niederzusenken, da stand seine Leistung: die »Deutschland« reckte sich schon bis fast unters Krangerüst ... Und überall klang im scharfen Dezemberhauch das tausendfältige Ticktack der Niethämmer, das schnarrende Schwirren des elektrischen Nietens -- das Knarren der Krane, die viele hundert Tonnen hoben wie Streichholzschachteln und durch die Lüfte entführten wie Flaumfedern ... Der alte Carstensen nahm die geflüsterte Anerkennung des Mannes von drüben mit stummem Behagen hin. Ja -- es ging aufwärts ...

Timmermanns fand sich selber sehr komisch -- zwischen den zwei jungen Damen, von Bessies frierendem Köterchen mit verärgertem Kläffen umkreist ... In eine von euch bin ich verliebt, dachte er -- wüßt' ich nur genau in welche ...

Ilse beobachtete den Getreuen, Treulosen, mit geheimem Schmunzeln ... Bobbies Psychologie war heute mal wieder sehr durchsichtig ...

Es war, als empfinde auch Bessie, daß ihr langer Lehrmeister nicht mit ganzem Herzen bei ihr sei. Sie schob plötzlich ihre kleine feste Hand unter seinen Arm, lachte den Überraschten von unten her vielsagend an. Es war wie eine Beschlagnahme.

Hoch droben auf dem obersten Laufsteg hämmerten die Zwillinge Tedje und Clas. Pink, pank! -- Die Gesichter vom Schneesturm gerötet, die Hände klamm vor Frost, der ganze Oberleib dampfend vom Schaffen, aller halben Minuten ein Niet -- tick tack -- pink pank.

Plötzlich sah Tedje, daß sein Helfmann Anders entgeistert in die Tiefe starrte. Tedje folgte dem Blick -- und sah da unten seinen Feind stehen -- und -- -- die Feine ...

Düwel -- und noch jemanden, den er kannte ...

Dies kleine Gör in dem plustrigen silbergrauen Pelzmantel, war das nicht -- --

»Verdammi, Jung -- weißt noch, Anders? Wegen dei hebbt wi twei us an de Köpp kregen vör Tieden!«

Wahrhaftig -- sie war's ... Anders Niemann aber starrte wie verzaubert auf -- die andere ... So nahe hatte er sie -- seit seinem Versinken -- nicht mehr gesehen ...

Da hob sie den Blick -- alle drei schauten sie an der Steile des Schiffsrumpfes empor, Bob Timmermanns' erklärendem Finger folgend ... Mit einem Ruck zog Anders den Kopf in die Luke zurück. Und die kleine Amerikanerin hob den Kodak, die zwei schwindelfreien Klopfgeister hoch droben aus der Froschperspektive festzuhalten ...

In Tedjes frostrotes Antlitz schlug die Lohe des Abgrundes. Seine Brust keuchte, die Augen traten aus ihren Höhlen ...

»Mak keen Beesteri, Tedje!« rief Clas heiser.

Zu spät ... wie aus Versehen glitt der wuchtige Niethammer aus Tedjes Fingern, sauste in die Tiefe ...

Ein dreifacher Aufschrei drunten --

Haarscharf zwischen Robert Timmermanns und Ilse Carstensen klirrte das Wurfgeschoß des Hasses auf einen Querbalken der Helling, schnellte schräg empor, prallte mit hellem Klang wider die eiserne Schiffshaut, fiel zum zweiten Male dicht vor den Füßen der Erstarrten nieder.

Hoch droben glotzten zwei Jungmännergesichter -- eins aufatmend, dankbar, daß der Streich mißglückt -- eins grimmzerfressen, zähnefletschend in tückischer Wut ...

»Entschülligen S' man -- t' weur man 'n lüttjes Verseih'n ...«

5

Herr Patterson hatte einen endlosen Fragebogen mitgebracht: Die Fusion hatte drüben tausend Probleme und Einzelfragen ausgelöst, die besprochen und geklärt sein wollten. Und neben Bessie und dem technischen und kaufmännischen Stabe waren diesmal auch mehrere führende Persönlichkeiten der Kapitalgruppen mitgekommen, welche im Patterson-Konzern zusammengeschlossen waren. Während auf der Hammonia-Werft die »Deutschland« mit wahren Riesenschritten dem Tage des Stapellaufs entgegenwuchs, kamen für die Direktion der Linie wie der Werft harte Wochen voll täglicher, stundenlanger Sitzungen. Die Herren von drüben waren sachkundig, zäh, auf die Wahrung ihrer Interessen bedacht. Es gab scharfe Auseinandersetzungen. Manchmal schien es, als solle das junge Bündnis über einem Sonderpunkt wieder scheitern.

Elias Patterson war diesmal nicht ganz der zärtliche, rücksichtsvolle Vater wie bei seinem ersten Besuch. Bessie kannte das. Sie wußte, das Geschäft ging vor. Sie würde sich auch ohne daddy die Zeit zu vertreiben wissen.

Zu ihrem nicht geringen Ärger versagte aber auch ihr Freund und Sangesmeister. Auch er stand ganz im Banne der Arbeit. Die Amerikaner verlangten neuerdings, daß die H. T. L. sofort auch noch zwei Frachtdampfer von je zwölftausend Tons auf Helgen lege. Dazu reichte die von der Regierung bewilligte Entschädigungsrate nicht aus. Neue Reisen nach Berlin, neue Verhandlungen wurden nötig. Und wenn es heute gelang, bei den Ministerien, beim Reichstage neue Bewilligungen durchzudrücken -- morgen warf die anschwellende Markentwertung alle Vorschläge über den Haufen.

Oft zuckten die Amerikaner untereinander die Achseln: Nein, es war doch unmöglich, mit den Deutschen zu arbeiten ... ihre nationale Disziplin war zum Teufel -- sie fraßen einander auf, bewucherten sich gegenseitig in den Hungertod, in den Bürgerkrieg, in den völligen Untergang hinein ...

Und dann wieder staunten die Herren über täglich neue Überraschungen deutscher Tüchtigkeit und Unverwüstlichkeit. ... Ein Rätsel, diese Menschen, dieses Volk ...

Bob Timmermanns verzehnfachte sich. Er hatte sich's in den Kopf gesetzt, auch die Frachtdampfer müßten völlige Neuschöpfungen werden ... Alle Probleme, welche die Entwicklung der Schiffsbautechnik in den Jahren der Isolierung und Absperrung Deutschlands hatten heranreifen lassen, wollten an der Hand der ausländischen Fachliteratur und Publizistik studiert, durchdacht, immer neuer, eigenartiger Lösung entgegengeführt sein. Die Konstruktionsbureaus ächzten unter der Last ihrer Aufgaben, welche der Generaldirektor ihnen stellte. Es galt, die Sachverständigen von drüben in ständiger sprachloser Verblüffung zu halten ... Was galt in solchen Tagen die Stimme des Herzens? Sie hatte zu schweigen. Und sie schwieg. Bob Timmermanns hatte sich in der Gewalt.

Wenn Bobbie jemals geträumt hatte, die Aufmerksamkeit, die Bessie ihm unverkennbar entgegenbrachte, würde seine Aussichten bei Ilse verbessern -- dann hatte er sich getäuscht. Die schattenhafte Eifersucht, die sich fast unbewußt in Ilses Kopf mehr als in ihrem Herzen geregt hatte -- sie fand keine Nahrung, weil Bob für Bessie einfach keine Zeit hatte. Aber was das Auftauchen der kleinen Nebenbuhlerin nicht bewirkt hatte, das erzwang ganz ungewollt und ahnungslos des Generaldirektors unerhörte Tüchtigkeit. Er imponierte dem Mädchen, das er vergötterte. In diesen drangvollen Wochen des Planens und Ringens entfaltete sich Bob Timmermanns' technische Genialität, seine fanatische Hingabe an die Werft und ihre Aufgaben, seine titanische Arbeitskraft so überwältigend, daß Ilse sich gefangen und verstrickt fühlte. Ein Rauhbein, ein Streber, ein Prolet --. Ilses krampfhafte Selbstverteidigung übte immer neue Kritik an Roberts Wesen. Aber ohne auf Wirkung auszugehen oder sie, als sie eintrat, auch nur zu bemerken, zwang der Starke das Mädchen, das ihn nun kannte und erkannte wie kein anderer Mensch, in den Bann seiner Persönlichkeit. Ein Rauhbein -- ein Streber -- ein Prolet -- aber ein Mann -- ein Kerl.

Und Heinz Freimanns Bild verblaßte -- ward entrückt ... Die Ferne, die Zeit übten ihre Rechte.

Nur eine empfand das mit Trauer und Bitterkeit: Johanna Freimann.

In ihrem mütterlichen Herzen stand über allem Gram der felsenfeste Glaube an das Kind ihres Wesens. Er lebt, er arbeitet, er wächst ... Er wird wiederkommen, ein Lebensheld, wie er ein Kriegsheld gewesen ... Ganz gleichgültig, wo er sich verborgen hält und warum -- gleichgültig, was er treibt, leidet, fühlt -- es ist notwendig -- notwendig für ihn und darum für sein Volk, sein Vaterland ... Er wird seiner Mutter, seinem Elternhause, seiner Braut nicht anrechnen, was sie alle durch Teilnahmlosigkeit, durch Mangel an Verständnis, an gläubiger, entsagender Liebe wider sein Werden, seine Genesung gefehlt ... Denn sein Wesen ist Güte, ist Herzenskraft ... In seinem Herzen trägt er den Kompaß, der ihn leiten wird durch die Wirrnis, die er über sich selber verhängt hat ...

So sah Mutter Johanna den Sohn, so erklärte ihn ihre Sehnsucht -- so mühte sie sich, sein Bild im Herzen der Braut aufzurichten ... Ihr feines Fühlen hatte längst durchschaut, daß jenes Bild in der Seele des Mädchens, das sie dem geliebten Jungen auch bei seiner zweiten Heimkehr entgegenführen wollte, nicht mehr ganz hell im Lichte stand ...

Dies Ahnen, dies Wissen hing wie ein quälender Schatten zwischen den zwei Frauen, die einander so viel geworden waren. Der Kampf gegen diesen Schatten war der geheime Inhalt aller Gespräche, die endlos jene immer karger ausgesparten Stunden ausfüllten, in denen Mutter Johanna und Ilse um die Zukunft rangen.

6

Auch zwischen Bessie und Ilse herrschte nicht mehr das alte muntere Einverständnis.

»Ilse, ich liebe Sie!« rief die Kleine im Tone der Ausruferin vor einer Menagerie. »Und ich will, daß Sie mich lieben ... Aber Sie wollen nicht, ich fühle es ...«

»Kleiner Schafskopf!« erwiderte Ilse. »Ich mag Sie lieber als alle Mädchen der Welt -- genügt Ihnen das?«

»Ich will, daß Sie mich lieber haben als alle anderen Menschen der Welt ... Aber es gibt zwei Menschen, in die sind Sie verliebt ... Und das ist mehr als lieben ...«

»Zwei, Bessiechen?«

»Ja, zwei ... Sie tragen einen Ring von einem Manne, den ich nicht kenne ... Also sind Sie noch immer in ihn verliebt, sonst hätten Sie den Ring längst abgelegt ...«

»Nun, und der andere?«

Die kecke Kleine wurde rot bis unter die strohblonden Stirnlöckchen.

»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen ... Und er ist sehr verliebt in Sie, wenn er jetzt auch keine Zeit hat -- für uns beide ...«

Da flog über die stolze Stirn Ilses ein flüchtiges Rot. »Liebling, ich will Ihnen ganz offen etwas sagen: Der Mann, den Sie meinen, der ist ein Esel.«

»Schämen Sie sich, Ilse!«

»Doch, er ist ein Esel. Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Esel zwischen den zwei Heubündeln?«

* * * * *

Zum Glück hatte Bessie noch eine andere Freundin. Der ging es besser als ihrer Kollegin von der Hammonia-Werft. Denn sie war nur »Arbeitnehmerin« und nicht Tochter des Hauses ... Die stülpte um fünf Uhr den Kasten auf ihre Schreibmaschine -- und war dann frei. Bessie belegte sie nun energisch mit Beschlag. Und seit sie erst heraus hatte, daß Antje ein Kind des Volkes, ein Kind jener »schlimmen Viertel« war -- seitdem fand die kleine Demokratin sie noch viel interessanter ... Damals, als die Blue Star Line vom 27. Stock eines Wolkenkratzers am Broadway hernieder ihre Fäden um den Erdball zu spinnen begann -- damals schon war ihr Leiter ein junger Abenteurer namens Elias Patterson. Der entdeckte in einem seiner Riesenbureaus eine allerliebste kleine Stenotypistin, eine Fabrikarbeiterstochter aus Long Island, und machte sie zu seiner Frau. Kein Wunder, daß die einzige Tochter dieses Paares eine tiefe Sympathie für die Privatsekretärin des Herrn Freimann empfand.

Dieser Freundin hatte Bessie natürlich auch ihr Abenteuer mit dem kleinen Mädchen erzählt ... Und mit geheimem Gruseln hatte Antje die Geschichte wiedererkannt. Andersherum war sie ihr ja nicht mehr neu. Sie hatte an manchem Abendschwatz bei Mudder als Gesprächsstoff herhalten müssen. Aber die Sekretärin bekam doch eine Gänsehaut bei dem Gedanken: wie, wenn der verkappte Offizier und der herzensgute Clas -- nicht zur Stelle gewesen wären? -- und warnte.

Bessie lachte: »Mein Schutzengel ist mir noch stets auf irgendeine Art zu Hilfe gekommen ... Er ist immer da, ich weiß es -- sonst wäre ich nicht so übermütig ...«

Antje war skeptisch -- sie warnte die kleine Phantastin energisch. »Es könnte vielleicht doch einmal passieren, daß der Schutzengel sich verschliefe, wenn Sie losgondeln mit Ihrer weißlackierten fliegenden Nußschale ... oder daß er nicht mit könnte mit Ihrem Tempo ...«

»Schämen Sie sich, Miß Antje!« zürnte Bessie. »Ein Schutzengel kann alles ...«

Plötzlich klatschte sie in die Hände -- blieb vor einem Ladenfenster stehen: »Schauen Sie -- da ist er ja schon wieder, und zwar in eigener Gestalt! Da sitzt er hoch oben auf diesem Tannenbaum ... Aber schauen Sie -- was ist das für ein merkwürdiger Baum?«

Und Antje erklärte ... Ein Ton von Rührung kam in ihre ruhige Stimme ... Zuviel hatte man erlebt, zuviel ... Zuinnerst war jedes deutsche Herz verwundet. Die lindeste Berührung machte es zucken -- selbst die Seligkeit der Erinnerung wurde zum Schmerz.

»Es ist ein Kinderfest, Miß Bessie ... aber wir alle werden Kinder, wenn Weihnachten kommt -- und warten, daß wir beschenkt werden -- beschenkt mit irgend etwas, das groß und heilig ist und hoch, hoch über unserm Wünschen und Hoffen steht ...«

»Was haben Sie, Miß Antje? Sie weinen ja ...«

»Ach -- es ist nichts ... Ich bin ein bißchen überarbeitet ... wir sind's alle ... Ach, Miß Bessie, wenn sie ahnten, wie wir leiden, wir alle ...«

Bessie ahnte es nur zu gut. Und in ihrem Herzen regte sich etwas wie böses Gewissen. Sie wußte: An diesem deutschen Leiden -- Amerika hatte daran sein gerüttelt Maß von Anteil. Man hatte ihm gesagt, es gehe wider die Hunnen ... Nun wußte Bessie Bescheid im Hunnenlande ...

»Oh,« lachte sie, im Bedürfnis abzulenken, »was ist das für ein hübscher alter Mann, der da neben dem Lichterbaum steht, mit einem großen Bart -- und einem großen Sack -- und er trägt einen Besen in der Hand?«

Das sei der Weihnachtsmann, erklärte Antje. Er gehöre zu einem echten deutschen Weihnachtsfeste wie der geschmückte Tannenbaum und der geflügelte Engel an seiner Spitze ...

Ein sehr merkwürdiges Land, das Hunnenland. -- Wie werden meine Freundinnen staunen in Neuyork, wenn ich ihnen erzähle vom Hunnenland ...

Die Vorstellung des Kinderfestes spukte in Bessies kapriziösem Köpfchen weiter. So etwas mußte sie machen -- für ihre kleinen Freunde in den schlimmen Vierteln.

Zuerst nahm sie sich vor, den großen Festsaal im Atlantic mit Beschlag zu belegen und ihre Günstlinge dorthin einzuladen. Aber dann hätte +daddy+ davon erfahren -- und die anderen alle, die sie immer auslachten und exzentrisch schalten ... man hätte ihr Fest hintertrieben oder ihr wenigstens die Freude verdorben ... Nein -- das mußte ganz im geheimen geschehen, und erst wenn alles vorbei wäre, würde Bessie berichten und sich am komischen Entsetzen der andern weiden ...

Das Christkind steigt zu den Menschen nieder, hatte die ernste Antje gesagt ... Nein -- es war nicht das richtige, die Kinder der schlimmen Viertel ins Atlantic zu bestellen ... Sie würden geblendet und blöde stehen und all die Pracht bestaunen -- und schon in ihren jungen Seelen würde der Haß aufglühen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte ... Der Neid der Armen auf die Reichen ...

Nein, man würde zu ihnen gehen -- niedersteigen wie das Christkind selbst ... Bessie fühlte, wie es ihr feucht in die Augen schoß vor Bewunderung und Ergriffenheit über ihre eigene Güte, ihr verständnisvolles Zartgefühl ... Man würde einen Saal mieten, einen kahlen, schmucklosen Tanzsaal mitten drin im Schmutz und Brodem der Proletariergassen -- den würde man mit Flittergold und bunten Fähnchen ausputzen, und in der Mitte müßte so ein großer, schöner Baum stehen. Auf der Spitze ganz oben aber müßte der Schutzengel schweben ... und ein Weihnachtsmann müßte auch dabei sein -- mit einem langen Bart -- einem Sack voll vergoldeter weißer Nüsse und Apfel -- und einem Besen unterm Arm ...

Wenn sie nur jemanden wüßte, der ihr helfen könnte ... keiner von ihren Freunden ... keiner von den Deutschen, die hätten sie nur ausgelacht und wieder einmal so seltsam angeguckt, als sei sie eine Sehenswürdigkeit aus dem Zoologischen Garten, irgendein exotisches kleines Wundertier ... Und die Amerikaner? Es waren smarte Jungen dabei, die Bessie wohl leiden mochte -- aber sie waren alle nüchtern und schwunglos wie ein Lineal -- die würden sie groß und respektvoll anstaunen -- und schleunigst bei daddy verpetzen. Nein -- es müßte einer aus der andern Welt sein, aus der Welt der schlimmen Viertel.

Und da fiel ihr ein, daß ja ihr Schutzengel schon einmal beliebt hatte, die Gestalt eines jungen Arbeiters aus den schlimmen Vierteln anzunehmen. Wie, wenn sich das wiederholen möchte? Man wird sehen.

Und Bessie stopfte Little Puck in die Tasche und kurbelte an.

Ihr Ortssinn war fabelhaft entwickelt, wie all ihre Sinne. Schon im Lyzeum hatten ihre Lehrer behauptet, sie müsse Indianerblut in den Adern haben ... Mit der Sicherheit einer Nachtwandlerin fand sie alsbald die finstere, von hohen, geschwärzten Giebelhäusern umstellte Gasse wieder, in der es ihr vielleicht doch wohl schlimm ergangen wäre, wenn der Schutzengel wirklich geschlafen hätte -- oder ihrem Tempo nicht hätte folgen können ... Pah -- diese Stenotypistin mit dem braunen Madonnenscheitel -- was wußte die von einem Schutzengel?!

Richtig ... hier war's gewesen -- hier an der Ecke zu dieser -- noch viel engeren -- puh -- wahrhaftig, ein bißchen gruseligen Gasse war er aufgetaucht, der schmucke Bursch, in dessen Herz ihr Schutzengel an jenem Sommernachmittage gefahren war ...

Heute war es kalt, und nur wenig Kinder huschten hin und wider, Körbe am Arm und schmutzige Geldzettel in den Händen ... Aber die erkannten sie, schwirrten kreischend heran und boten der Tante die klebrigen Patschen.

»Kennen ihr ein junges Mann, was hat ein braunes Schnurrbart ... und hat ein Gesicht sehr gut -- und ist sehr mjutig?«

Die Kinder grinsten verlegen, enttäuscht, daß die gewohnte Spende ausblieb.

Bei der Gassenkreuzung stand ein hexenhaftes Weib mit lauernden, gierigen Augen. Sie sah die Fremde, die Vornehme, die Auskunft suchte -- und sah das elegante Wägelchen, witterte Valuten. Sie schob sich heran:

»Wat wull dei Dam', Kinnings?«

Die Kinder kicherten: »Dei Dam' söcht en jungen Mann!« Gelächter brach aus. Die älteren Gören quiekten vor wissender Wonne.

»+Yes, madam+,« bestätigte die Fremde, ein wenig beunruhigt durch die Erscheinung der Alten, »ich suche ein junges +man+, braunes Schnurrbart, was ist sehr mjutig.«

Über das Runzelgesicht der Alten zuckte ein jählings aufflackerndes Verständnis. Nicht die erste kleine Abenteurerin aus der Welt des glänzenden Scheins, der Dolores Jacinto zu einer perversen, abseitigen Seligkeit verholfen hatte ...

»Den'n kann ick Sei besorgen,« kicherte die Hexe, »so ein'n kenn ick gaud ... kam'n Sei man mit mi! Dat Maschinken, dat stellt wi bei mi ünner -- dat verwohr' ick so lang'n. Doar kümmt Sei nix an ...«

Dunnerslag! dachte Mudder Lore im Voranhumpeln, während die Fremde vom schwatzenden und feixenden Kinderschwarm umschwirrt, etwas benommen in die schwarze Schlucht der Nebengasse folgte -- »Fohrräder heff ick all männigesmol opbewohrt -- öwerst 'n Auto, un noch dortau son'n fien' -- dat is dat ierstemol ... Tedje sall nich slecht kieken, wenn ick em dit säute Fräten bring ... Man gaud, dat hei grod doer ünn'n in'e Gang'n is ...«

In ihrem alten Hirn war die Sprache ihrer mexikanischen Heimat längst verdunstet -- sie dachte sogar auf hamburgisch.

Es ging in einen stockfinsteren Gang -- Bessie schauderte und schickte ein wortloses Stoßgebet zu ihrem Schutzengel: Komm, ich fürchte, heut werd' ich dich brauchen ...

»So ... hier lat'n wi dat Maschinken stohn ... Da kümmt sei nix an ...« Schade -- surrte es durch das Hirn der Alten -- dat wier wat taum Verschärfen -- öwerst doar wieren tau väl Oogen rund rüm ... Nein -- für das Eigentum der kleinen Kundin war gesorgt ... Auf so gefährliche Sachen ließ Mudder Lore sich nicht ein. Die Dame würde gut bedient werden ... dies eine Mal ... Denn solche vornehmen Vögel pflegten nicht zum zweiten Male wiederzukommen. Die brauchten Abwechslung -- und scheuten es, eine Spur zu hinterlassen, die entdeckt werden konnte.

Nun eine Stiege hinauf -- durch einen elektrisch beleuchteten, nach scheußlichen Parfüms duftenden Korridor -- hier und da öffnete sich eine Tür, ein wuschliger Mädchenkopf tauchte auf, nackte Schultern ... und noch einer, noch einer -- Kichern, kreischende Worte, kreischendes Gelächter -- Bessie fühlte, daß ihre blonden Stirnlöckchen sich wie Schraubenzieher aufrichteten ... Umkehren? fliehen? war es nicht schon zu spät? Schutzengel, hilf!!

Einen Augenblick machte die Führerin halt, öffnete ein Behältnis, das in einer Ecke stand -- holte zwei Flaschen mit Goldhälsen und eine dritte hervor, um deren Hals ein halbmondförmiges Etikett mit drei Sternen sich schlang -- füllte einen verbeulten Kühler mit knirschenden Eisstücken, packte alles in einen Korb, entnahm aus einem andern Schrank ein paar Sektschalen, legte sie sorgsam zu dem übrigen -- grinste vertraulich, streckte die Hand aus ... Bessie, von Entsetzen geschüttelt, griff in ihre Tasche, drückte der Alten einen ganzen Haufen Dollarnoten in die Krallen -- die prüfte genau, schmunzelte zufrieden, knickste und humpelte weiter.

Am Ende des endlosen Korridors hielt die Führerin -- hier schien die Welt zu Ende ... Aber plötzlich drehte sich wie durch Hexerei die ganze Abschlußwand -- eine neue Finsternis gähnte ... Doch die Alte fand drinnen tastend einen Schalter, eine schwache Birne glomm auf, ein neuer Korridor öffnete sich ... Nun eine ausgetretene Stiege hinunter, knips, neues Licht, ein neuer muffiger Gang ...

Bessies Kehle war wie zugeschnürt. Wenn der Schutzengel nicht kam, war sie verloren ...

»Nein -- nein --« stammelte sie zwischen Grausen und Ekel. »Sie wissen nicht ... Sie taten nicht verstehen mich ... ich will -- lassen mich gehen ...«

Die Hexe grinste begütigend. Sie kannte solche Anwandlungen von Reue im entscheidenden Augenblick ... Das legte sich -- das hatte keine Bedeutung.

»Nein, nein!« stotterte die Kleine noch einmal und klammerte sich an den skelettartig hageren Arm ihrer Führerin -- »ich will fort, ich will heraus ...«

»Ruhig, ruhig, mien Düwken!« tätschelte die Alte, »do kümt jo all de Frigersmann -- nich bang sien, mien Lütting, hei is 'n Strammen, du schast tofreden sien ...«

Eine mächtige Mannesgestalt tappte den Flur entlang -- tauchte plötzlich im dunstigen Lichtkegel auf ...

Bessie erstarrte ... Das -- das war -- --

Fassung ... Mut ... und Dreistigkeit -- -- nur Lachen konnte retten ...

Wie ein brünstiges Tier stand er vor ihr, die alte Hexe drückte sich grinsend in eine Ecke ... er ... vor dessen rohen Tatzen -- damals! -- der Schutzengel in Gestalt des jungen Mannes mit dem braunen Schnurrbärtchen -- -- den hatte sie gesucht -- und da war -- der andere ...

Er selber schien nicht minder sprachlos erstarrt als sein Opfer ...

Bessie hatte sich wieder. Sie zwang ein schwirrendes Lachen der Wiedersehensfreude auf ihre Lippen.

Der stiernackige Bursch im geflickten, rostfleckigen Arbeitskittel fühlte etwas wie Kavaliersanwandlung.

»Dat's aber scheun, Fräulein -- dat wi uns hier wiederfinnen ...«

»Oh, ich bin entzuckt ... heute Sie gefallen mich viel besser als bei unser erstes Begegnung.«

»Sei mich auch, Fräulein --« Tedje konnte galant werden, o ja, das konnte er -- »Sei hebben mi glieks sihr god gefallen, hahaha ...«

»Wie heißen Sie?«

»Ick heit Tedje Tietgens ...«

»Tiet --?!« Bessie horchte hoch auf. »Ich kenne eine junge Mädchen -- was auch heißt Tiet--«

»Wat's dit?! Sei kennen mien' Swester Antje --?!«

»Antje -- +yes+ -- +that's it+!« Schutzengel, hab' Dank!!

Über das Gesicht des Burschen, das sich schon dunkler rötete, glitt eine jähe Ernüchterung. Antje -- sie kennt Antje ... Er machte eine Bewegung, als wolle er etwas Bedrückendes, Störendes verscheuchen. Eine Bekannte, eine Freundin vielleicht von Antje ... hatte nicht die Schwester etwas von einer kleinen Amerikanerin erzählt, mit der sie häufig zusammenkomme?

»Sagen Sei, Fräulein -- sind Sei am End' von Amerika?«

»+Yes, yes+, ich bin ein Bürger von die +United States+ ...« Die Kleine reckte sich. Ihr war, als flattre schirmend über ihrem Köpfchen das Sternenbanner.

»Düwel, Düwel ...« Tedje richtete sich aus seiner lässig-behaglichen Haltung auf ... Seine Stimme klang verändert -- beunruhigt, respektvoll ... Etwas von der Verehrung für die Schwester, die in Tedjes rohem Herzen als stilles Heiligtum ruhte, glitt auf dies fremde Mädchen über, von dem Antje mit Achtung und Sympathie gesprochen hatte.

»Nu seggen S' mi man dit eine, Fräulein -- wie kamen Sei in dit Lakal -- un bi Mudder Lore?!« Ein dumpfes Begreifen meldete sich an: Hier war ein Mißverständnis ... ein Geheimnis ...

»Oh -- ich bin gegangen zu suchen ein junges Mann -- mit ein braunes Schnurrbart ...«

»Na -- dat heff' ick ja ook --« versuchte Tedje zu scherzen.

»Nein -- ich meine ein andres junges Mann -- was Sie kennen also ... damals, Sie wissen, wie Sie haben wollen strafen mich, habend geworfen zur Erde das kleine Mädchen, das andere junge Mann hat gesagt, Sie nicht Böses tun zu mich ... und ihr habt euch nahe geschlagen, ihr zwei, für meine Sache ...«

»Dunnerslag ... dat 's mien Fründ Anders Niemann ...«

»Ach ... sehen Sie, Sie kennen ihm ... Sie werden mich bringen zu ihm ...«

Wenige Minuten später schritten sie ganz freundschaftlich die nun schon tief im Dämmer liegende Lastergasse hinab zur Knibbel-Twiete -- die kleine Amerikanerin und der Spartakist. Sprachlos, verständnislos glotzte die Mexikanerin hinter den zweien drein. Aus den Fenstern gafften die Wuschelköpfe ihrer Kinderchen ... Tedje schob Bessies Auto wie ein Kinderwägelchen vor sich her. Und eine Viertelstunde später standen die zwei vor Vadder Tietgens' einstöckigem Ziegelhäuschen. Tedje pfiff das Signal des Freundschaftsbundes der drei Stubenkameraden: die Anfangszeile des Liedes von der roten Seligkeit ... Alsbald antwortete von droben die zweite Zeile -- aus einem Fensterchen schob sich der Kopf des jungen Mannes mit dem braunen Schnurrbärtchen ...

In Bessies Herzen war ein dankbares Frohlocken. Der Schutzengel hatte auch diesmal nicht geschlafen.

7

Auf die frostklirrenden deutschen Lande senkte die sechste Schmerzensweihnacht sich nieder. Die sechste Schmerzensweihnacht!

Nach dem Donner der Geschütze der Zweieinhalbtausend-Kilometer-Front waren zur Stunde auch die Maschinengewehre und Handgranaten des Bruderkrieges verstummt. Nicht mehr starben täglich zwölfhundert deutsche Männer den Schlachtentod. Aber immer noch siechten dahin die Darbenden, die hilflosen Alten, die hilflosen Kinder ... Noch immer lag auf dem ausgepreßten Volke der würgende Bann der Hungerblockade ...

Und dennoch: Bis dicht an die heilige Stunde heran, im ganzen Lande, vom Fels bis zum Meer, sausten die Spindeln, ratterten die Webstühle, glühten die Essen, wuchteten die Fallhämmer, ticktackten die Nietschlegel ...

Der Geist der Arbeit hatte sich aus Kriegslähmung und Welterneuerungsfieber losgerungen.

Die Bauleute waren am Werk, die Trümmer wegzuräumen -- und aus dem Schotter hoben sich langsam die Mauern des neuen Reichsbaues. Auf dem Gerüst flatterte ein neues -- ein uraltes Panier.

Nicht alle Blicke, längst nicht alle, grüßten es mit Ehrfurcht und Glauben. Es waren die schlechtesten nicht, jene Hunderttausende, welche die alten Farben nicht vergessen mochten, für die sie gelebt, geschafft, gekämpft, geopfert, geblutet.

Aber auch die waren wackere Deutsche, die da glaubten, die neue Zeit brauche auch ein neues Gleichnis ... Die da hofften, es werde einst die Stunde kommen, da die Schwarz-weiß-roten und die Roten sich zusammenfänden, um im Schwarz-rot-gold das Zeichen eines neuen Bundes aller, aller deutschen Menschen zu verehren ...

Einstweilen war es ein Glück und eine Hoffnung, daß sie alle drei, die Hüter der heiligen Erinnerungen, die Fanatiker der roten Seligkeit -- und die Vorkämpfer eines Deutschland der Brüderlichkeit sich wieder zusammenzufinden begannen, tief unterhalb des wirren Treibens der brodelnden Oberfläche des Parteikampfes zu stiller, scheinloser, hingebender Arbeit ...

Heute aber schritt über die gärende Fläche und über die schaffende Tiefe das uralte Fest der Rast -- der Sammlung -- des Einklangs ...

Das Fest der Menschen, die guten Willens sind.

* * * * *

Im palisandergetäfelten Speisesaal der Villa Freimann saßen stille, müde, sinnende Menschen um einen hohen, schmucklosen Tannenbaum, in dessen dunklen Nadeln sparsam verteilte Lichter knisterten. Frau Johanna hatte es sich nicht nehmen lassen, der Braut ihres Sohnes und dem alten, immer mehr in sich zusammensinkenden Freunde Detlev Carstensen das Fest zu bereiten. An Gaben fehlte es nicht -- aber selbst in diesem Kreise, den die rauhe Lebensnot noch nicht zu nahe bedrängte, trugen die Geschenke den Stempel der ernsten Zeit. Man spendete nicht mehr Gold, Edelsteine, Bronzen, Bilder -- man schenkte Genußmittel, die man sich sonst versagte -- man gab Gegenstände des täglichen Bedarfs ...

Ach -- und mitten in der Reihe waren auch die Gaben für den einen aufgebaut, der dem Feste fern blieb ... dem gleichwohl aller Gedanken, Träume, Schmerzen galten. Dem Verschollenen ... Wenn er heimkäme, würde er sie finden ... und er würde heimkommen -- aus der geheimnisvollen Ferne, in die er sich geflüchtet vor dem Unglauben der Seinen -- wie er einst heimgekommen war aus dem Graus der Meerestiefe, in den ihrer aller Glaube ihn begleitet hatte.

Keine hatte den Abwesenden, den Entrückten reichlicher, sinnvoller, zarter beschenkt als jene, die sich als die Hauptschuldige seines Versinkens fühlte ... Ihr war, als hätte sie doppelt gutzumachen -- doppelt innig zu bekunden, wie treu sie zu ihm stände ...

Mutter Johanna hatte in Ilses Beisein den Vorschlag gemacht, den treubewährten Mitarbeiter ihres alten Freundes am Festabend von seiner Junggeselleneinsamkeit zu erlösen. Und dabei hatten ihre Augen mit seltsam scharfer Prüfung die Züge der künftigen Schwiegertochter gesucht ... Ilse hatte das empfunden, hatte sich heftig gegen diesen Vorschlag gewandt: Herr Timmermanns stecke tief in der Arbeit, lehne alle Einladungen ab, fühle sich am wohlsten in seiner verräucherten Bude zwischen seinen Zeichnungen und Tabellen, sei überhaupt kein Mann für Feste des Gemüts ... Und schnell und mit geheimem Aufatmen hatte Johanna die geplante Einladung aufgegeben.

Aber einen anderen Gast hatte man nicht ausschließen dürfen: Bessie Patterson. Sie gehörte ja seit zwei Wochen zum Hause. Ihr Vater war heimgekehrt, um bald nach Neujahr an Bord des Dampfers »Union« der Blue Star Line, welcher als erstes Schiff unter der Flagge der United Transatlantic Lines den neuen Dienst Neuyork-Hamburg aufnehmen sollte, wiederum die Europafahrt anzutreten. Aber Bessie hatte es durchgesetzt, daß sie bleiben durfte. -- »Ich kann meine Studien über dies kuriose Land jetzt nicht unterbrechen ...« Sie hatte es halbwegs erzwungen, daß Frau Johanna ihr die Gastfreundschaft ihres Hauses anbot ... obwohl die den kleinen Exzentrikclown nicht mochte ... Und so war Bessie seit zwei Wochen in ein Gastzimmer der Villa Freimann übergesiedelt, samt dem allverhaßten Puck, dem Kodak und dem Puppenauto ...

Selbstverständlich stand auch für sie ein reicher Gabentisch gedeckt. Aber welch Aufatmen, als Bessie am Nachmittag von irgendwoher da draußen angerufen hatte, man möge sie zum Feste entschuldigen -- sie werde vielleicht nach dem Abendessen erscheinen ... Gottlob -- die Heiligabend-Stimmung war gerettet ...

Ilse hatte still in sich hineingelächelt. Auch sie würde sich nach der Bescherung für eine Stunde beurlauben müssen. Bessie hatte sie im letzten Augenblick ins Vertrauen gezogen und zu ihrer Kinderweihnacht eingeladen. Der Wagen war bestellt.

Als aber die Kerzen brannten, die Gaben ausgetauscht waren -- da bedauerte Johanna fast, daß der kleine Sprühteufel fehlte. Die Stimmung war da -- aber anders, als die Festgeberin gehofft hatte. Die Väter saßen stumm rauchend in ihren Sesseln, von bohrenden Sorgen und trotzigen Plänen bedrückt und ausgefüllt, und starrten abwesend in die tröstlichen Lichter.

Die Frauen aber durften einander kaum ansehen, so wurden ihnen auch schon die Augen feucht. Und der eine, der ihnen allen Trost, Hoffnung, Stütze hätte sein sollen -- der fehlte. Sie alle fühlten sich schuldig, ihn missen zu müssen. Sie alle hatten ihn ausgetrieben -- dem Heimgekehrten hatten sie keine Heimat gegeben, weil er anders war und anderes ersehnte, als sie es von ihm gehofft, erwartet, verlangt hatten ...

Und kurz nach dem Abendessen stand Ilse auf, bat, sie für eine Stunde zu beurlauben, da sie zu einer Weihnachtsfeier des Roten Kreuzes zugesagt habe, und ließ die drei Alten allein.

Da ging Frau Johanna leise aus dem Zimmer. Sie wußte: Georg liebte keine Tränen.

* * * * *

In Mudder Minings Stube brannte ein winziges Bäumchen, nur mit vier Kerzen, aber mit viel verblichenem Flitterkram aus besseren Tagen ausgeputzt. In der engen Wohnstube war's ganz unsagbar gemütlich und friedvoll. Wie hatte sich aber auch ein jedes angestrengt, die Seinen zu beschenken! Vollends Tedje -- Kunststück, er war seit Monaten der reine Großmogul ... Die Eltern fragten nicht nach der Quelle solches plötzlichen Wohlstandes -- der Junge war großjährig, hatte sein Tun und Lassen selber zu verantworten ... Jedenfalls war Vadder sehr erfreut über seine »tapezierten« Zigarren, seinen Tabak, seinen Schnaps, seine Ölsardinen -- ob er auch tiefinnerst den leisen Verdacht hegte, diese Schätze möchten irgendwie im Zusammenhang mit den Wirren vom vergangenen Juni stehen ... Und wenn Mudder ihren Lieben heut Bohnenkaffee und Frankfurter Würstchen vorsetzen konnte, so dankte sie auch das der Freigebigkeit ihres Einzigen ... Und wie hatten die zwei Kostgänger sich angestrengt, Clas und Anders! Ein kaum noch erträumter Reichtum an allerhand langentbehrten guten Dingen war auf dem Gabentisch gestapelt --. »Die reinsten Friedensweihnachten --!« meinte Vadder Tietgens -- paff, paff -- »Dunnerslag -- wat'n Tobak!«

Aber den Vogel schoß Antje ab. Die hatte ja wohl ihre ganzen Ersparnisse draufgehen lassen ... Sie hatte ihre Gaben nicht unterm Weihnachtsbaum aufgebaut, sondern war mit einem Berg Pakete gekommen und ging nun von einem zum andern. Und jeder bekam etwas ganz Besonderes, etwas, das an jene Zeiten gemahnte, die für deutsche Menschen wohl sobald nicht wiederkommen würden ... Eine lange Pfeife mit Hornausguß für Vadder -- für Mudder eine wollene -- ja wahrhaftig, eine reinwollene Strickjacke ... Dann kam Tedje dran -- er bekam als Ersatz für die Bolschewistenmütze, die Antje nicht leiden mochte, einen wunderschönen grünen Lodenhut -- und eine in Seidenpapier gewickelte Flasche, die er sofort begierig ausschälte ... Da setzte er sie mit einem harten Bums auf den Tisch, markierte einen Tobsuchtsanfall der Enttäuschung, warf sich auf die Schwester, packte sie zähneknirschend an den Armen -- und versetzte ihr einen schallenden Klaps auf jene Stelle ihres schlanken Körpers, die er vor Jahren manchmal nach Bruderart harmlos gezüchtigt.

Die anderen am Tische brachen in ein Freudengeheul aus. -- Die Aufschrift der Flasche lautete:

»Apollinaris« ...

Und dann kam Clas an die Reihe: Er bekam Noten -- Klavierstücke von Grieg ...

Aber mit wahrer Fieberspannung beobachteten alle Hausgenossen, wie Antje nun, eine leichte Röte um Stirn und Augen, verlangsamten Schrittes sich ihrem Anders näherte. Die Alten tauschten einen Blick: Wird's nun kommen -- das Erwartete -- trotz mancher Bedenken im geheimen doch Ersehnte?

Mit unsicheren Händen reichte das Mädchen dem Freunde ein Buch -- er las die Aufschrift:

»Seefahrt ist not ... Roman von Gorch Fock.«

Der Finger der Geberin unterstrich leise die Aufschrift: also wohl auf die kam es an ...

Anders Niemann hörte die Donner von Skagerrak -- sah aus der aufgewühlten See die Schaumfontänen aufschießen bis hoch über die Beobachtungstürme der kämpfenden grauen Schiffsriesen -- fühlte die Stahlwände auf S. M. S. Derfflinger krachen und knirschen unterm Einschlag und Bersten der Granaten Jellicoes ... und sah dann unter Hunderten von Leichnamen deutscher Kameraden einen treiben, um dessen erblassende Stirn die Glorie des Dichters schwebte ...

Dann blickte er ins Antlitz der Mahnerin. Es sprach: Entscheide dich ... Wohin gehörst du?

Ist dir Seefahrt not, dann laß ab von mir -- und steige wieder empor in die Höhen, auf denen du geboren bist -- auf denen du entbehrt und ersehnt wirst ... Ich glaube, ich weiß fast, du wirst es tun ... dann aber tu's bald -- ich trag's nicht mehr ...

Oder gehörst du zu uns? Dann sag's -- dann laß mich's wissen ... Ich bin reich, ich habe einen Himmel zu verschenken ... Willst du ihn, dann sprich ... Ich trag's nicht mehr ...

Und Heinz verstand die bange, schluchzende Frage. Und er gab ihr stumm die Antwort. Er schenkte der Freundin den »Poggfred« ... Darin stand die schmerzvoll süße Ballade von der kleinen Fiete -- oft hatte er sie ihr vorgelesen:

»Was willst du -- noch einmal dein Köpfchen lehnen an meine Brust -- ich soll mich nach dir sehnen?!«

Da neigte sie leise das braungescheitelte Haupt. So stirbt ein Mädchentraum.

Und keiner der Lauschenden, der Harrenden, der nicht begriffen hätte. Enttäuscht die Alten -- aufatmend Clas Mönkebüll ... aufknirschend vor verbissener Wut der Bruder ...

Er hatte nun endlich ernst machen sollen, der Duckmäuser, der um Antje herumstrich, als könne er das Wort nicht finden ... Der sie längst ins Gerede gebracht hatte bei allen Kollegen -- bei den Lästermäulern in allen Höfen und Twieten um den Neuen Steinweg -- bis hinunter zu den Gemüseweibern auf dem Neumarkt ... Wenn sie denn schon einmal einen Kerl haben mußte, dann in Gottes Namen den ... Er war wenigstens rot bis in die Knochen und nicht so ein Halber, Lauer wie Vadder und seine Gesinnungsgenossen von der S. P. D. -- Aber der Kerl war ja wohl nicht recht bei Troste ... Sah er nicht, wie Antje sich verzehrte um ihn? oder -- wollte er nicht sehen? Hatte er am Ende gar -- verdammi!! eine andere gefunden? -- eine mit Geld? Na wart, Kamerad!!

Immer giftiger schwoll in Tedjes wildem Herzen die Wut. Was sie wohl auch heut wieder zu tuscheln hatten, die zwei? Und Clas steckte ja wohl mit ihnen unter der Decke -- wie seit acht Tagen schon -- seit er selber dumm genug gewesen war, die kleine Dollarkröte laufen zu lassen und sie gar noch mit seinem Freund Anders zusammenzubringen ... Aber es kam noch schlimmer. Es war ein förmliches Komplott ... Als man bei den Bierflaschen saß, fing's trotz aller Enttäuschung an, recht gemütlich zu werden unter Mudders Weihnachtsbaum. Die guten Leibbinden-Zigarren, die Tedje vor einem halben Jahr aus dem Alsterpavillon hatte mitgehen heißen, die feinen Schnäpse aus der Elysium-Bar -- das war doch mal wieder 'n richtiges Weihnachtsfest ... Plötzlich standen sie alle auf, Clas, Antje, Anders -- und sagten ein bißchen verlegen, sie hätten noch 'nen Gang -- in einer halben Stunde wären sie wieder da ... Weg waren sie -- und hatten Tedje nicht ins Vertrauen gezogen, wie schon seit acht Tagen nicht mehr, wenn sie die Köpfe zusammensteckten und verschwunden waren alle drei ...

Nach ein paar Minuten stand auch Tedje brüsk auf. »Ick warr bald wedder kamen ...«

Und Vater und Mutter blieben allein. Ganz traurig und verlassen saßen sie da, nur die Schnäpse und Zigarren zur Gesellschaft ...

»Tjä, Mudder, denn helpt dat nich -- denn möten wi uns allein trösten ...«

»Hest jo mi, Vadder --« sagte Mudder Mining und legte ihr müdes, dünnumsträhntes Köpfchen an ihres Lebensgefährten breite Schulter.

Verlöschend knisterten die Weihnachtskerzen.

8

Im dumpfen Tanzsaal einer verkommenen Gastwirtschaft in der Wincklerstraße hatten Antje und Bessie den ganzen Nachmittag am fröhlichen Festwerk gewirkt, bis die Sekretärin sich zur Bescherung der Eltern verabschiedet hatte. Seitdem arbeitete die kleine Fee aus dem Dollarlande allein weiter, wie Antje sie's gelehrt. Für dreißig Kinder hatte sie Gaben besorgt -- für dreißig Kinder, die sie noch gar nicht kannte. War alles fertig, dann würde sie mit ihrem Freund Anders durch die Straßen gehen und von den Schaufenstern der Neustadt die Ärmsten unter den Armen auflesen, die dort herumlungerten, um wenigstens einen Abglanz des Festes der Glücklichen zu erhaschen. Inzwischen fühlte Bessie sich seltsam heiter und begnadet. So hatte sie noch nie zuvor im Leben empfunden, daß Reichtum eine Gnade bedeutet -- und eine Verpflichtung zugleich ... Sie hatte sich nicht genug tun können im Kaufen und Auswählen ... Antje hatte sie zügeln müssen.

»Nicht gar zu sehr verwöhnen! -- Sie werden's nie wieder so gut bekommen -- und später immer enttäuscht und traurig sein ...«

»Unsinn, Antje! Sie sollen ihr Leben lang an dies Weihnachten denken ... Und ich komme ja auch wieder ... Ich möchte immer hierbleiben -- es gefällt mir viel besser in Deutschland als in Amerika ... Ihr friert, sagt ihr? Es ist warm bei euch -- viel wärmer als drüben ...«

Nun freute sie sich, daß sie soviel, viel mehr gekauft hatte, als die Führerin hatte dulden wollen. Sie schob zuletzt unter jeden Teller noch eine Fünf-Dollarnote. So -- nun war sie aber auch völlig blank ... Gut, daß sie im Hause Freimann Quartier hatte ...

Und dann kicherte sie heimlich auf: Jetzt mußte der dicke Bobbie ihren Gabenkorb bekommen haben -- der arme Bobbie in seinem einsamen Junggesellenstübchen -- zwischen seinen langweiligen Schiffsmodellen und Kartenstößen ... Ob er sich's wohl schmecken ließ? All die erlesenen Dinge, die sie zusammengepackt? Und ob er wohl einmal dabei an sie denken würde?! Ach nein -- er dachte gewiß an die schlanke Ilse -- die soviel vornehmer war, soviel interessanter, soviel klüger ... Und der kleinen Bessie Busen hob sich in einem melancholischen Seufzer ...

Ach was -- an die Arbeit ... Ilse hatte recht, ein Esel war er, ein recht dicker, langohriger Esel ...

An die Arbeit! Wie hübsch der schmutzige, kahle Saal doch geworden war unter den schmückenden Mädchenhänden! Es war doch gut, daß sie Ilse eingeladen hatte -- die würde staunen -- und sich vielleicht doch ein wenig schämen, daß sie sich so wenig um Elias Pattersons verlassenes Töchterchen gekümmert hatte.

So ... fertig ... Wenn jetzt nur die Freunde kämen ... Antje und ihre zwei jungen Männer, die sich so nützlich gemacht hatten in den Tagen der Vorbereitung ... Der hübsche Anders -- dessen Seele einmal Bessies Schutzengel hatte beherbergen dürfen -- und der wunderliche Kauz, dessen arbeitsharte Fäuste doch so schön gespielt hatten auf dem scheußlichen, klapprigen Pianino da hinten in der Ecke ... Wie drollig er sich ausnehmen würde im Kostüm des Weihnachtsmannes, das nebenan im Kämmerchen ausgebreitet lag -- samt allem Zubehör: dem langen weißen Umhängebart -- dem Sack mit Äpfeln und Nüssen -- und der Rute für die unartigen Kinder ...

Horch -- welch wunderschönes Getön da draußen?! Bessie stieß das Fenster auf, um zu lauschen. Freilich still war's heute in den finsteren Höfen ... hinter den schneeüberlagerten Fensterborden der schwarzen Hausfronten, die das Geviert umstanden, blinkten überall die Kerzenbäume -- und droben, wo die Hauswände mit schwarzem Strich zu Ende gingen, ein Stück stahlblauen Nachthimmels, mit tausend funkelnden Sternen beflittert ...

Aber über all das schwang sich ein mächtiges Getön -- noch nie meinte die Tochter in der tosenden Millionenstadt der Wolkenkratzer und autodurchrasten Avenuen solch wunderbare Musik vernommen zu haben. Glocken -- Kirchenglocken -- aber wie viele -- wie unmenschlich viele!

Sie konnte nicht wissen, die kleine Genießerin aus dem Goldlande, daß es kaum noch die Hälfte von den Glocken waren, die in dieser Stadt um diese Stunde dereinst, vor dem Kriege, das Christfest eingeläutet hatten -- daß mehr als die Hälfte von jenen heute, in hunderttausend Fetzen zerrissen, eingebettet in der Erde der Schlachtfelder dreier Erdteile lag, in den Tiefen dreier Ozeane ... inmitten der modernden Leiber wackrer Soldaten aus allen Kontinenten des wahnsinnig gewordenen Erdballs ...

Die übriggeblieben waren -- ihr vereinter Schall war immer noch machtvoll genug, das Herz der hergewehten Lauscherin mit nie geahnten Schauern zu füllen. Zumal von der Straßenseite her das gewaltige Geläut der Michaeliskirche die Lüfte durchbrauste ... Der Amerikanerin war es, sie hörte die Stimme dieses wundersamen, geheimnisvollen, rätselschweren Landes -- dieses Landes, das sie drüben das Hunnenland nannten -- und in dem sie nichts als gütige, schnurrige, traurig-selige, stolze, klingende Menschen gefunden hatte ...

Wahrlich, wenn irgendwo die Lehre des Kindes von Bethlehem in den Herzen eine Stätte gefunden hatte, dann war es hier -- und nicht im Lande der Bethlehem Steel Company ...

O holdes Wunder, das im Liede dieser Glocken schwang -- o Seele, Mädchenseele, erschauernd in nie geahntem Glück der Verbundenheit -- des Einklangs mit Erdseele, Menschenseele, Weltseele ...

Doch -- da waren die Freunde ... Wie sie staunten, die beiden guten Jungen -- die hatten wohl nie so etwas Schönes gesehen alle zwei ... Ganz ergriffen standen sie und starrten auf den Glanz dieses reichen Festes, als sei es ihnen selber zugerichtet ... mit rechten Kinderaugen staunten sie, die zwei guten Jungen ...

»So, Antje!« befahl die Festgeberin, »nun werden Sie helfen zu Ihr guter Freund Mister Clas anziehen sein Kostüm ... Und Sie, Mister Anders, Sie werden gehen mit mir auf die Straße zu suchen unsere kleine Gäste. In halb eine Stunde, ich hoffe so, wir werden haben zusammen unsre dreißig. Aber gut achtgeben, Mister Anders, daß sie sind richtig sortiert ... fünfzehn Jungen, fünfzehn Mädchen, sonst gibt's +confusion+!«

Und Clas und Antje waren allein. Das Mädchen half unter Kichern und Prusten ihrem Getreuen die grauwollenen Pluderhosen über seinen Sonntagsanzug ziehen, den mit weißem Krimmer verbrämten langschößigen Kittel, die hohe schwarze Pelzmütze, an der ein paar lange weiße Locken angenäht waren ... Zuletzt hing sie ihm noch den ehrwürdigen Bart um -- klatschte dann jubelnd in die Hände: Der Weihnachtsmann war fertig, wie aus dem Bilderbuch herausgeschnitten! Ein Spiegel hing im Kämmerchen, blind, verstaubt:

»Kieken S' mol, Clos, wat vör'n nüdlichen Wihnachtsmann wi ut Sei mokt hebbt!«

Der gute Junge sah sich an und kannte sich nicht. Nur ein schmerzliches Gefühl von Unsicherheit und Befangenheit überkam ihn bei dem Anblick, bei des Mädchens Fröhlichkeit. Er konnte den Entsagungsblick nicht vergessen, den Seufzer nicht, der ihre volle Brust gehoben hatte, als sie und Anders einander beschenkt hatten. Er begriff nur schwer, was in den beiden vorgegangen war in jenem Augenblick ... Nur das eine fühlte er: und ob sie jetzt lachte und in die Hände klatschte wie ein Schulkind -- sie litt ...

Er wandte sich ab -- es stieg ihm feucht in die Augen. Er nahm seinen Sack und seine Rute und stapfte in den Saal zurück. Das alte zerschrammte Pianino zog ihn wieder magisch an, wie schon einmal heut am Tage, als er einen Stoß Pakete abgeladen hatte, welche die Fremde ihm bei Tietz aufgehalst ... Und er saß, hauchte in die frostverklammten Finger, die vom ewigen Ticktack, vom eisigen Dezembersturm immer ungelenker wurden -- und schlug die Tasten an:

»O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit ...«

Auf einmal konnte er nicht mehr weiter. Es warf ihn um. Seine Finger glitten von den Tasten -- über den weißen Bart kollerten aus des Jünglings wasserhellen Nordlandsaugen die blanken Tränen ...

»Wat hebbt Sei, Clos?«

»Och ... Antje ... ick bün so unglücklich ... En Musiker harr' ick warden mücht ... un ick weet, ick harr't warden künnt ... öwerst mien Vadder weur man 'n Arbeitsmann, as ick nu ok een bün ... ick heff mien Klavierstünn' opgeben ... öwerst ick heff ümmer flietig speelt -- un Sei weeten jo ok, Antje, dat ick schön spälen kann -- öwerst nu warden mien Finger ümmer stiewer und stiewer ... un bald ward dat woll ganz all sien mit dat Klavierspeelen ...«

Umsonst versuchte Antje den lieben Jungen zu trösten. Sie hatte es ja selbst bemerkt, wie sein Spiel nachließ ... Proletarierlos ...

Sie trat von hinten an den Freund heran und streichelte ihm ganz lind und leise die nasse Wange überm flächsernen Umhängebart. Da sank das Haupt des armen Weihnachtsmannes an Antjes hochatmende Brust -- seine glühenden Schläfen fühlten das heiße Klopfen des starken, ringenden Mädchenherzens.

»Antje!« stammelte Clas und suchte der Freundin schlanke Damenhände zu fassen. »Antje ... mit düssen Anders, dat ward jo doch nix ... ick weit nich, wat dat is mit den Jungen ... öwerst ick gleuw -- ick gleuw ... Antje ... ick heff Sei so bannig giern ...«

Da löste die Schlanke sich ganz langsam von Haupt und Händen des Mannes.

»Mien lewe Fründ!« sagte sie leise und innig, »mien lewe Fründ ...«

»Antje ... und dat wier ganz unmögelich, dat Sei ... ick weit, Sei sünd tau gaud vör mi ... öwerst ick heff Sei so giern, so bannig giern ...«

»Still, still, mien gauden Clos ... ick kann't nich ... ick kann't nich ...«

* * * * *

»Sie kommen!« rief Antje. Auf dem Hofe scholl das Geschwirr halblauter Kinderstimmen, von Andacht und bang hoffender Spannung gedämpft ...

»Schnell, Clas, Lichter anzünden!«

Bald flammte der Baum im Wunderglanze der seligen Nacht.

Und -- da kamen sie. Die Tür flog auf, Bessie trat ein, so stolz, frostfrisch und süß wie eine kleine Märchenfee -- sie trat zur Rechten -- und zur Linken ihr Gefährte, kaum fähig, seine Erschütterung zu meistern.

Und nun trappsten und trippelten sie herein -- auf ihren zerschlissenen, geflickten Nagelschuhen -- ach, es waren gar ein paar Barfüßer dabei -- die Kinder des Elends ... In jedem dieser fahlen, verquollenen, schrundigen, oft von Narben und Schorf überkrusteten Gesichter stand eine Geschichte ... das Schicksal einer Blüte, die der Frost gelähmt, der Wurm zernagt, der Sturm zerpflückt, die Dürre verödet ... In den meisten noch ein Rest des großen Kinderstaunens über den Irrsinn des Leidenmüssens -- in vielen aber auch schon die Gerissenheit und Verschmitztheit des gehetzten Getiers, in dem und jenem gar schon das Notmal frühreifen Lasters, ererbten, verfrühten Erwachens des Bewußtseins des zu selbstverständlicher Hantierung gewordenen Verbrechertums ...

Und doch allen gemeinsam in diesem Augenblick ein verklärender Zug von Glückseligkeit -- die alle hatten dieser Weihnachtszeit entgegengehungert ohne Hoffnung auf einen Lichterbaum, einen freundlichen Willkomm, eine schenkende Hand, eine noch so bescheidene Gabe -- bei keiner Wohltätigkeitsorganisation waren sie angemeldet, keine mildtätige Familie hatte sie für diesen Abend in den Frieden ihres Hauses geladen -- sie waren allesamt Freiwild, Nachwuchs der Fäulnisschicht, die in der untersten Schlammtiefe der Großstadt wuchert, prädestiniert zu einstigen Insassen der Obdachlosenasyle, der Bordelle, der Zuchthäuser, der Irrenanstalten.

Und nun war ihnen doch einmal, ach vielleicht nur dies eine Mal, das große Kindheitswunder erschienen ... In ihr dumpfes, verpestetes, verdammtes Leben fiel ein Strahl des ewigen Gnadenlichts ...

Man sah's ihnen an: keines begriff, was eigentlich mit ihm geschah ... Sie ahnten nicht, was die Person mit dem feinen Pelzrock und den blanken Stiefelchen von ihnen wollte -- wie sie dazu kam, einen Haufen fremder Kinder von der Straße aufzulesen und mit sich zu schleppen ... Und wie kam es, daß sie sich als Helfer einen jungen Kerl von ihrer Sorte ausgesucht hatte -- einen Arbeitsmann und ehemaligen Matrosen?! Und da war ja noch eine Dame, nicht so fein wie die Kleine -- Dunnerslag! Dies und jenes aus der Neustadt kannte sie sogar: Das war ja Vadder Tietgens seine Antje aus der Uhlen-Twiete, die bei der H. T. L. tippen ging!

Aber nun geschah etwas ganz Ungeheuerliches, Unheimliches und doch eigentlich Wunderschönes: Da stand ja unter dem Lichterbaum auf einmal -- so'n alter Kerl, wie sie wohl in den großen Ladenschaufenstern standen, aber ausgestopft -- und das war ein lebendiger -- zwar die scharfen Augen der Wildlinge sahen sofort: Es war gar kein wirklicher alter Mann, er hatte ein frisches, rotes Jugendgesicht, und der lange, ehrwürdige, schneeweise Bart, den er trug, der war aus Wolle, und er hatte sich ihn nur umgehängt zum Spaß ... aber das war ja gerade das Schöne, daß es man Spaß war ...

Ach -- und nun ging der Weihnachtsmann ans Klavier und fing an zu spielen ...

Und die dreißig Kindermünder sangen froh und tapfer und grell und selig mit, als nun die alte Weise klang -- die wunderliebe deutsche Weise von der stillen, der heiligen Nacht.

* * * * *

Die drang durch die Fensterscheiben in die schluchtenge, flockendurchstiebte Gasse hinaus, in die nun draußen, drunten die gleißenden Lichtkegel eines Automobils fielen. Und aus dem Wagen tastete sich eine schlanke, pelzbehandschuhte Hand, schob sich ein feiner Mädchenfuß ... Mit leichtem Gruseln stand Ilse Carstensen im schmutzigen, schlüpfrigen Schnee.

Und da schrak sie plötzlich heftig zusammen: Aus der Dämmerung, welche der matte Widerschein der Wagenlampen außerhalb ihres scharfumgrenzten Bereichs schuf, stierten ein Paar Augen sie an, unstet flackernd, heißhungrig wie die Lichter eines Wildkaters ...

Mit hastigen Schritten floh Ilse da die Stiege zur Wirtshaustür hinan ... Und nun klang ihr das Lied von droben entgegen:

»Christ, der Retter ist da -- Christ, der Retter ist da ...«

Das rüttelte an ihres Herzens Pforten, die sie daheim im Elternhause gewaltsam hatte zusperren müssen, damit die liebsten Menschen nicht sähen, was sie doch nicht sehen durften -- ihres einsamen Herzens hilflos zitternde Not ... Nun sprangen die Riegel, wehrlos, unverteidigt ergab sich des Mädchens verlassene, verlorene Seele der Gnadenbotschaft aus der Höhe.

Sie klinkte die Saaltür auf, hinter der soeben die letzten Klaviernachklänge verschwebten -- und stand geblendet im verschwenderischen Lichte des Tannenbaums, den die Hand einer Glücklichen aus glücklichem Lande für die Ärmsten des ärmsten aller Völker geschmückt hatte. Und Ilse sah ... sie sah das Bild aufatmenden Kinderglücks, das, ungläubig immer noch und endlich doch begreifend, unfaßbarer Schätze sich bemächtigt ... Sie sah das lachende, gebeselige Gesicht ihrer exzentrischen kleinen Freundin, in deren Augen sich die Neugier der schauensfrohen Globetrotterin mit dem reinen Herzensgold der Güte so lieblich mischte -- und sie sah, wie nun der Weihnachtsmann vom Klavier her an der Festgeberin Seite trat und sie ihm dankbar und bewundernd die Hand schüttelte. Aber da war ja auch noch ein anderes Paar -- sieh da -- Fräulein Tietgens, ihres Schwiegervaters Sekretärin -- mit der die kleine Patterson sich ja, Ilse wußte es, in ihrer unterstrichenen Popularitätssucht so demonstrativ angefreundet hatte ...

Auch sie war um die Kinder bemüht, half ihnen bewundern und packen -- aber dabei lächelte sie mit weich-wehmütigem Schwesterblick einem jungen Manne in Matrosenkleidern zu, welcher, der Tür den Rücken kehrend, mit der Sekretärin plauderte.

Wirklich ein feines, eigenes Geschöpf, dieses Fräulein Tietgens -- sah wahrhaftig wie eine Dame aus -- und war doch, wenn man sich recht erinnerte, aus ganz kleinen Verhältnissen ... Und der junge Mann, mit dem sie im Wechsel mit ihren Unterweisungen auf die tausend Fragen der immer mehr auftauenden Beschenkten so eifrig und hingegeben plauderte -- das wird wohl so etwas wie ein Schatz sein ... merkwürdiges Paar, die sorgfältig, fast elegant gekleidete junge Person -- und der Matrose mit dem kahlgeschorenen Kopfe ...

Nun drehte der Seemann sich um, ein tiefgebräuntes Gesicht mit braunem Schnurrbärtchen neigte sich zu einem der Buben nieder, ein Paar arbeitsderbe Fäuste griffen zu, um dem Knaben beim Verstauen seiner Schätze behilflich zu sein -- jetzt hob der Kopf sich ein wenig -- --

Ilse fühlte etwas wie einen Stoß gegen ihr Herz. Ihre Augen brannten, in ihrer Kehle stieg ein Schluchzen empor ... das keinen Ausweg fand --

Und wieder wandte er -- er! -- wandte sich wieder an dieses Fräulein Tietgens, und Scherzworte flogen hin und her -- es lächelte der weich-wehmütige Schwesterblick ... in tiefem Verstehen strahlten die zwei jungen Menschen einander an, in ihren Augen war der Abglanz des Lichterbaumes, die Weihe des Liebeswerkes, in dessen Dienste sie sich regten, die reine Flamme der Menschengüte.

Sie -- sie ist gut zu ihm -- sie darf um ihn sein, ihm helfen, mit ihm Gutes tun an den Ärmsten -- und ich -- --

Also hier -- hier ist er -- hierhin hat er sich geflüchtet aus der Welt der Geschäfte und Fusionen, der Kontore und Werften, der Helgen und Docks, des Trotzes und Ehrgeizes, des Ringens um Besitz und Macht --?!

In Ilses Wesen löste sich etwas -- etwas Starres und Stählernes -- etwas Stolzes und Steifes -- löste sich, fiel ab wie Schale, wie Schlacke -- und aus befreiter Tiefe quoll's auf, eine Fülle ward entbunden, eine Helligkeit brach hervor, eine lang gebundene Musik ward Harfen- und Schalmeienjubel -- ein Mensch ward sich seiner Menschlichkeit bewußt.

Und jetzt -- jetzt richtete der junge Mann im Matrosenkittel sich vollends auf, sein Antlitz, geheimnisvoll angezogen, wandte sich zur Tür -- -- und da sanken seine Arme am Leib herab -- und auch in seine Augen kam jählings das gleiche kinderselige Staunen, wie es auf den dreißig Angesichtern der freudelachenden Beschenkten stand.

Und Blick senkte sich in Blick.

Du bist's -- du -- -- hier find' ich dich -- hier bist du --! staunte Ilses Auge. Unter den Ärmsten der Armen -- im Kleide der Schlichten ... hingegeben dem Werk der schenkenden Güte -- --

Verstehst du mich? fragten des Geliebten Blicke zurück.

Nein -- ich versteh' dich nicht -- aber ich glaube -- -- ich -- ahne dich ... und mir ist, als säh' ich dich heut erst, wie du bist ... begriff' erst heute, wer du bist ...

Eine Sekunde nur hielten die Augen der Liebenden einander fest -- schimmernd im Glanz der Weihnachtslichter grüßten ihre Seelen sich über den Abgrund hinüber, den Heinz zwischen sich und seine Welt gelegt ...

Aber diese eine Sekunde gab tiefstes Verstehen -- dieser kurze Blicketausch war letztes Erkennen -- ein Liebesgeständnis ... ein neues Verlöbnis. Erlösende, beseligende Zwiesprache der Herzen -- inmitten des Schwarms, der sich um die Gabentische drängte -- heiligstes Geheimnis dieser heiligen Nacht -- --

Und schon war Heinz wieder Anders Niemann geworden -- mit einem Ruck zurückverwandelt ...

Denn hinter Ilse Carstensens Lichtgestalt war im Rahmen ein Schatten aufgetaucht -- ein Gespenst aus der Tiefe ... inmitten des Liebesfestes ein Dämon des Hasses ...

Nur einen Moment -- und schon war er verschwunden -- geblendet, hinweggescheucht vom Glanz der heiligen Stunde.

Viertes