Buch 1
Ein verschlissenes Plüschsofa, davor ein fleckiges Marmortischchen in der dumpfen, dunklen Nische eines winzigen, kleinbürgerlichen Cafés der Steinweg-Passage zwischen Altem Steinweg und Wexstraße -- das war seit Weihnachten für Heinz und Ilse das Asyl ... Hier wußte niemand, wer das elegante, schlanke Mädchen war, das sich mit einem Matrosen traf -- niemand kümmerte sich darum. Hier hatten die Verlobten einander gefunden. Ilse begriff nun alles -- verstand des Freundes Suchen und Sehnen -- wußte, was er da unten erhofft und gefunden, kannte seine Erlebnisse, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen ...
Draußen fegten die Sprühschauer und Sturmböen des Vorfrühlings um die berußten Ziegelfronten der Neustadt -- aber durch die jagenden Wolken fiel bisweilen doch auch schon ein Strahl der belebenden Märzsonne. Unter das Glasdach der stickigen Passage, in die muffige Enge dieses spießigen Kaffee- und Kuchenverschleißes brach kein Sonnenblick, wehte kein Lenzhauch. Aber die zwei Menschen, die in der Frühnachmittagsstunde dieses Sonntags die einzigen Gäste waren, die hatten ihren Frühling mitgebracht. Sie saßen Hand in Hand, und ihre Worte, ihre Gedanken jagten sich wie draußen Wind und Wolken, und durcheinander wirbelten Bangigkeit und Hoffnung, Sorge und Zuversicht.
»Wie schön du dich heute gemacht hast!« strahlte Heinz. »Für mich armselige Blaujacke schwerlich -- also beichte, für wen?«
»Selbstverständlich nicht für dich!« lachte Ilse. »Für ganz wichtige Leute! Um drei Uhr legt an St. Pauli Landungsbrücke die ›Union‹ an -- das erste Schiff, das unter der Flagge der United Transatlantic Lines Hamburg anläuft! Alle diese Pracht ist für die von drüben!«
»Ein großer Tag für meinen Vater!« sagte Heinz versonnen.
»Für uns nicht minder! Für unser ganzes Vaterland!« sagte Senator Carstensens fleißige Sekretärin. »Und morgen mittag Stapellauf der ›Deutschland‹ -- doch, wir sind ein Stück vorwärts gekommen.«
»Aber,« meinte Heinz bedenklich, »das innerpolitische Thermometer steht wieder einmal auf Sturm. Die Arbeiterschaft ist furchtbar erregt. Man munkelt von einem unmittelbar bevorstehenden Rechtsputsch -- die Republik sei in Gefahr.«
»Es scheint etwas daran zu sein«, gab Ilse zu. »Auch in unserem Bureau und bei der H. T. L. sind Informationen eingelaufen, daß irgend etwas bevorstehe wie ein Unternehmen zur Wiederherstellung der alten Ordnung ... Also die Stimmung in ›euren‹ Kreisen ist bedrohlich?«
»Sehr ... es wäre höchst fatal, käme die Sache gerade jetzt zum Ausbruch ... Also hör': Mein Schlafkamerad Tedje Tietgens ist wieder sehr tätig. Sollte wirklich ein gegenrevolutionäres Unternehmen in diesen Tagen zum Klappen kommen, dann sind Rückwirkungen auf die Hamburger Arbeiterschaft unvermeidlich -- dann kracht's auch hier, und ganz besonders auf unserer Werft!«
»Das wäre fürchterlich ...« sagte Ilse unruhig. »Ach, Heinz, wie bang' ich mich um dich ... Vor diesem Tietgens hab' ich eine entsetzliche Angst ... Du weißt ja, der unheimliche Kerl lauert mir seit Monaten bei jeder Gelegenheit auf ... Vor ein paar Tagen, ich muß es dir sagen, ist mir sogar etwas ganz Entsetzliches passiert ...«
Und glühend vor Scham und Empörung erzählte sie dem Freunde, daß der Arbeiter sich erfrecht habe, sie in der Dämmerung anzusprechen. Er müsse sie einmal mit Heinz zusammen beobachtet haben ... denn er habe gesagt »Fräulein, wenn mein Kamerad Anders Niemann die Ehre hat, mit Ihnen spazierenzugehen, dann ist es vielleicht erlaubt zu fragen, ob auch unsereins einmal so frei sein darf ...«
»Unverschämtheit!« zischte Heinz. »Das ist allerdings schlimm ... Ich habe schon seit ein paar Wochen das Gefühl: er ist nicht mehr wie sonst ... er hält sich zurück, belauert mich ... Nun -- und was wurde weiter? Was sagtest du, tatest du?«
»Alles ist gnädig abgelaufen«, erzählte Ilse, noch fiebernd in der Erinnerung. »Der Bursche hatte mich kaum angesprochen, da trat ein hochgewachsener Herr dazwischen und schrie deinen Freund an, er solle mich in Frieden lassen, ich sei die Tochter des Senators Carstensen ... es war ein Leutnant Timmermanns -- der Bruder unseres Generaldirektors ...«
»Ah -- deines stillen Verehrers!«
»Ach -- der ist mir längst abtrünnig geworden!« lachte Ilse ein wenig befangen. »Er zappelt gewiß in diesem Augenblicke vor Ungeduld, bis die ›Union‹ anläuft ... Ich habe ihn an Amerika verloren ...«
»Sein Glück!« gab Heinz das Lächeln zurück und drohte mit dem Finger. »Nun -- und wie ging's aus?«
»Es hätte nicht viel gefehlt und Leutnant und Arbeiter wären um meinetwillen handgemein geworden. Aber Herr Timmermanns war zum Glück nicht allein ... Ein paar sehr stattliche junge Herren, die in seiner Gesellschaft gewesen waren, erschienen als Verstärkung -- da ist der böse Tedje schleunigst verduftet. Aber dieser entsetzliche Abschiedsblick -- mir gruselt noch, wenn ich daran denke ... ekelhaft ...« Ihre Schultern fröstelten -- unwillkürlich zog sie den Blaufuchskragen am Hals zusammen. »Heinz -- und du mit solchen Kerlen seit einem Jahr unter einem Dach, in einer Kammer zusammen -- wie du das nur erträgst ... Wenn ich nachts schlaflos liege -- du ahnst nicht, wie oft ich's tu um deinetwillen -- mich ängstigen entsetzliche Bilder ... hast du denn wenigstens das Gefühl, daß deine ganze wunderliche Unternehmung ihren Zweck erreicht?«
»Das hat sie längst getan, Ilse -- und ich denke, es ist nun genug. Ich warte jetzt nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ ab -- dann werde ich wieder Heinz Freimann -- und Anders Niemann wird Episode gewesen sein ...«
»Heinz -- ist's wahr?!« Die Braut umschlang den Verlobten und küßte ihn. Aber ihre Hände und Lippen zitterten. »Und dann, Heinz, und dann?«
»Dann werden meine Erfahrungen ›ausgewertet‹, wie wir im Kriege sagten. Das ist ein langes Kapitel ...«
»Erzähl' mir, Heinz -- erzähl' mir ... Ich will doch einmal deine Gehilfin werden, deine Mitarbeiterin -- noch in einem ganz anderen Sinne als jetzt bei Vater ...«
»Wo soll ich nun anfangen, Ilse, um dir das klarzulegen, was ich gelernt hab'? Ich kenne nun -- oder bilde mir's wenigstens ein -- ich kenne das große Rätselding: die Arbeiterseele.«
»Gibt's das denn überhaupt?« fragte Ilse. »Ich lebe doch nun seit vier Jahren inmitten unserer Arbeiterschaft -- von Seele habe ich wenig gespürt, möglichst viel Lohn und möglichst wenig dafür leisten müssen -- da hast du die Arbeiterseele!«
»Ilse! Jetzt sprichst du Harvestehudisch und nicht Deutsch!« zürnte Heinz.
»Ach nein -- die sind unersättlich, die!« eiferte die Patriziertochter. »Was hat das Kaiserreich nicht alles für sie getan! Bedenk doch nur -- unsere vorbildliche Arbeiterschutzgesetzgebung!«
»-- die kein großes Kulturvolk uns nachgemacht hat -- sollte das nicht zu denken geben?! Frag' mal unsere Ärzte, unsere Juristen, unsere Sozialpsychologen! Da wirst du seltsame Dinge zu hören bekommen: Rassenverschlechterung trotz der Hygiene ... Untergrabung des Verantwortlichkeitsgefühls, des Spartriebes, des Familiensinnes -- Züchtigung der Rentenpsychose und des Simulantentums -- -- Und was das schlimmste ist: das Volk fühlt halb unbewußt, daß diese Fürsorge nur seinem leiblichen Wohl gilt -- nur bestimmt ist, seinen Wert als Produktionsfaktor vor allzu schneller Abnutzung zu bewahren ... Wer aber hat die wahre, die seelische Aufgabe erkannt, die das riesige Anwachsen des Industrieproletariats unserer Zeit gestellt hat? Wer hat es unternommen, dem Manne an der Maschine einen -- Lebensinhalt zu geben? Sein Dasein einzuordnen in den inneren Entwicklungsgang der Nation? Wer hat sich den Mächten entgegengestemmt, die es seinem Volkstum entfremdeten -- es zum Internationalismus erzogen?! Wer hat den Arbeiter gelehrt, sich als Deutschen zu fühlen?«
»Und das -- das willst du --?!«
»Ich will's -- solange kein anderer es tut -- kein anderer als vielleicht der Feind -- durch das Übermaß seiner Bedrückung! Diese Fragen sind die wichtigsten von allen großen Menschheitsfragen unserer Tage. Entweder wir lösen sie, oder unser Volkstum, unsere Kultur, unsere ganze Welt versinkt in der roten Flut.«
»Also was willst du tun?«
»Ich gehe nach Berlin. Ich fordere eine Reform des Volksschulunterrichts auf nationaler und sozialer Grundlage. Ich werde meine Erfahrungen allen Männern der Zeit unterbreiten, die irgendwelchen Einfluß auf die Geschicke unseres Vaterlandes haben oder verdienen. Ich werde schreiben, ich werde schreien, wenn's sein muß: Hier ist eine ungeheure Not -- Millionen der Menschen, die unsere Sprache sprechen, die unseres Blutes sind, schmachten in hoffnungsloser seelischer Verzweiflung. Oh, ich weiß noch gar nicht, was ich alles tun werde. Ich weiß nur das eine: Hier muß geholfen werden. Ich verstehe ja jetzt auf einmal alles -- ich begreife, warum wir den Krieg verloren haben. Darum, weil wir innerlich noch gar kein Volk waren, als die große Prüfung über uns kam.«
»Und euer berühmter Geist von 1914?«
»Ein schöner Traum -- eine Vorahnung nur von -- etwas, das einmal kommen muß ... Ein Ergebnis der eisernen Friedensdisziplin unseres Heeres -- nicht eines tief inneren Zusammengehörigkeitsgefühls unseres ganzen Volkes ... Das furchtbare Erwachen ist gekommen -- langsam, unabwendlich. Im Graus der Schlachten zerschmolz mit dem geschulten Heere der Geist des 1. August ... Wir mußten auffüllen ... aus den Massen, die der Friedensdrill nicht erfaßt hatte -- die außerhalb der Volksverbundenheit geblieben waren. Das hat sich in Kürze nicht ausgleichen lassen -- man hat's auch nur sehr unvollkommen versucht. So -- ist's gekommen.«
»Und -- was soll werden?« fragte Ilse.
»Hand ans Werk! Der Proletarier muß erkennen lernen, daß auch er ein Deutscher ist. Daß wir zusammengehören -- über den Klüften der Bildung, des Besitzes, der Bekenntnisse, der politischen Überzeugungen. Dies und nichts anderes will die deutsche Stunde, die deutsche Not. Das alles habe ich inmitten meiner neuen Freunde erlebt und erkannt -- das will ich den Deutschen sagen, das müssen sie begreifen lernen -- dieser Gedanke, diese Erkenntnis muß die Grundlage alles unseres zukünftigen Denkens werden. Nicht mit Arbeiterschutzgesetzen, nicht mit Lohnerhöhungen, nicht mit Sozialisierung der Betriebe, nicht mit der Diktatur des Proletariats -- aber auch nicht mit Wiederherstellung der alten Ordnung, nicht mit der Wiedereinführung des ›Herr-im-Hause-Standpunktes‹ ist uns geholfen ... unser ganzes nationales Leben muß umgestaltet werden, aufgebaut auf dem einen Grundgedanken der Erziehung aller Deutschen zur Volksgemeinschaft!«
»Ach, Heinz,« klagte Ilse, »die Volksgemeinschaft -- ist das nicht auch nur ein Wort, eine Theorie -- eine Phrase?!«
»Es ist ein Wort -- eine Phrase ist es nicht«, sagte Heinz mit stolzem Ernst. »Es ist -- ~das~ Wort.«
»Welch eine Riesenarbeit nimmst du auf deine Schultern!«
»Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, sie zu tragen. Aber darauf kommt es auch gar nicht an -- dazu bedarf es aller Kräfte der Nation. Die Hauptsache ist, daß diese Aufgabe zunächst einmal erkannt wird. Ich habe sie erkannt -- und ein Lump will ich sein, wenn ich nicht alle meine Kräfte daransetze, sie in den Brennpunkt unserer nationalen Arbeit zu rücken! Früher haben wir uns überhoben, jetzt trauen wir uns überhaupt keinen Aufschwung mehr zu ... Aber hör' ein Beispiel: Ein amerikanischer Matrose hat mir's in einer Hafenkneipe erzählt. In jeder Schule in den Vereinigten Staaten, aber auch in jeder, hängt über der Schultafel eines jeden Klassenzimmers ein riesengroßes Sternenbanner. Wenn der kleine Bub oder das Mädchen morgens sein Schulzimmer betritt, stellt es sich zunächst vor die Flagge, legt salutierend die Hand ans Köpfchen und sagt: +My flag+! Dann kommt der Lehrer, begrüßt die Kinder, und stehend singt die ganze Klasse zuerst das amerikanische Flaggenlied! Das nenne ich nationale Erziehung!«
»Wundervoll! Wundervoll!« rief das Mädchen. »Aber -- wer wird die Kraft haben, so etwas in Deutschland einzuführen? Ja -- und welche Flagge sollen unsere Schulkinder nun salutieren? Wir haben ja zwei -- an der einen hängt unser Herz, unsere heiligsten Erinnerungen -- und die andere -- die wird uns aufgezwungen ...«
»Ja, es ist eine Trauer,« sagte Heinz, »ein rechtes Gleichnis unserer unausrottbaren deutschen Zerrissenheit. Ich würde vorschlagen: Wenn die schwarz-rot-goldene Flagge einmal durch ein Reichsgesetz eingeführt worden ist, wollen wir sie ehren als ein Symbol unseres einigen, unzerstörbaren Deutschen Reiches. Mit meiner Treue gegen unsere schwarz-weiß-roten Erinnerungen hat das gar nichts zu tun. Nicht auf das Zeichen, auf die Sache kommt es an. Ich bin ein so guter Schwarz-weiß-roter gewesen und geblieben als irgendein Deutscher, ich dächte, das hätte ich bewiesen und beweise das auch heute noch. Aber sobald ein Mehrheitsbeschluß vorliegt, der die neue Flagge einführt, scheint es mir sinnlos, dies neue Gleichnis zu schmähen, das ja übrigens in Wirklichkeit uralt ist. Hinter der schwarz-rot-goldenen Flagge wie hinter der schwarz-weiß-roten sehe ich, ehre und liebe ich die gleiche Sache, mein deutsches Vaterland ... Mein deutsches, denn ich habe nur eins. Ich kann mich nicht in einen Hamburger und in einen Deutschen teilen. Und es wäre schön, wenn auch der Preuße und der Bayer und der Lipper sich endlich als Deutsche fühlen wollten und auf das Kokettieren mit einem Spezialpatriotismus verzichten lernten ... Siehst du, das alles sind Bruchstücke der großen neuen Erkenntnis, die das Jahr in der Tiefe mir gebracht hat ... das alles will ich bekennen vor meinem Volk, bekennen vor meinen Standesgenossen und meinen Kameraden. Nicht rückwärts, vorwärts wollen wir schauen in die deutsche Zukunft!«
2
An den St. Pauli Landungsbrücken -- ein Bild fast wie aus der Friedenszeit ...
Ja, die Stimmung der Hunderte, die wartend harren, noch gespannter, erregter, fast fieberhaft. -- -- Was einst alltäglich war, nun ist's ein Langersehntes, ein fast schon Mythe Gewordenes.
Ein Riese des Ozeans wird erwartet -- ach, es ist kein deutsches Schiff ... das gibt's nicht mehr ... Gibt's -- noch nicht wieder ... Wird's aber geben, einmal wird's das wieder geben ... Drüben auf der Hammonia-Werft, auf der vordersten Helling, mit seinem massigen Leib aufragend bis unters Krangerüst, wuchtet der Gigantenleib der künftigen »Deutschland« ... Schon flattert auf der Spitze des Aussichtstürmchens, dessen keckes Stahlskelett in die planvolle Spierenwirrnis des Helgengerüstes eingebaut ist, das schwarz-rot-goldene Banner des neuen Reiches -- -- morgen wird das stolze Schiff vom Stapel laufen.
Und was heute kommt, ist fast so etwas Ähnliches wie ein deutsches Schiff ... Die »Union« der Blue Star Line wird heut zum ersten Male unter der Flagge der United Transatlantic Lines von Neuyork her Hamburg anlaufen -- dieser Linie, die trotz ihres englischen Namens das erste Zeugnis deutsch-amerikanischer Verständigung ist ... ein erstes tröstliches Zeichen des Wiederaufbaues der Weltwirtschaft -- nach der allverschlingenden Sintflut die Taube mit dem Ölzweig ...
Am Heck wird sie das Sternenbanner führen, am Top aber die weiße Fahne mit den Buchstaben »U. T. L.« -- dem Symbol erster Wiederbesinnung der wahnzerrissenen Menschheit.
Inmitten der Hunderte, die des großen Ereignisses harrten, stand eine Gruppe von Vertretern der Hansa-Transatlantik-Linie und der Hammonia-Werft. Es galt, den Chef des befreundeten Konzerns zu begrüßen, der heut zum dritten Male von drüben kam, diesmal inmitten eines großen Kreises von Vertretern der Kapitalgruppen, die sich unter seiner Leitung zur Großmacht des Patterson-Konzerns zusammengeschlossen hatten. Alle diese Herren, deren Namen und Bedeutung das Kabel schon längst ihrer Ankunft vorausgesandt, würden kommen, um an das große Einigungswerk der Linie die letzte Hand zu legen -- und dem feierlichen Stapellauf der »Deutschland« beizuwohnen, der Zeugnis ablegen sollte, daß die junge Republik die Nachwehen der furchtbarsten Prüfung, die qualvollen Wehen ihres Werdens überwunden habe.
Hatte sie das wirklich?!
Wer das Bild des Hamburger Hafens kannte, wie die wartenden Herren von Linie und Werft es kannten -- wer wußte, was sie wußten -- der mußte es billig bezweifeln.
Es brodelte wieder einmal mächtig in der Tiefe der Stadt Hamburg -- wie es in Deutschlands Tiefen brodelte und schwelte.
Seit heute morgen standen die Arbeiter in der Hephästos-Werft im Streik -- und auch auf der Hammonia hatten den ganzen Tag über die Versammlungen einander abgelöst. Es war, als sollte den Amerikanern mit aller Gewalt gleich bei ihrer Ankunft klargemacht werden, daß diesen Deutschen nicht mehr zu trauen, nicht mehr zu helfen sei ...
Schlimmer noch: die Wissenden ahnten, es müsse noch Ärgeres kommen als ein örtlicher großer Ausstand im Hamburger Hafen. Mit den ersten Frühlingslüften war in den Herzen aller derer, die an das neue, an das schwarz-rot-goldene Deutschland nicht glauben wollten, eine jähe Hoffnung aufgekeimt. Der starke Mann, der sich's zutraute, das Rad der deutschen Geschichte um sechs Jahre zurückzudrehen -- -- er war gefunden.
Die Männer freilich, welche die Ankunft ihrer Vertragsfreunde von drüben erwarteten, die sahen dieser Entwicklung mit tiefer Beklemmung entgegen. Was gab ihnen dieser fast Namenlose, von dem man munkelte, er plane die rettende Tat des Umsturzes von oben, der Gegenrevolution? Sie kannten ihn nicht, er bedeutete ihnen nichts -- was würde er dem Volke bedeuten? Und wenn es wirklich zur Tat kam -- würde sie nicht das Signal sein zur Entfesselung eines neuen, schrecklichen Bürgerkrieges -- ein neues, vielleicht das letzte Glied in der Kette, die Deutschland immer noch von der Völkerwelt abschloß, um es nun vollends zu erwürgen?!
Es waren keine hoffnungsfreudigen Gespräche, welche der alte Detlev Carstensen, schneeweiß und altersgebeugt, und Georg Freimann, gefurchten Antlitzes, doch stramm und zusammengerissen, mit ihren Mitarbeitern tauschten.
Ein wenig abseits standen zwei von den Frauen, die dem großen Ereignis dieses frühlingumwitterten Märznachmittages am nächsten standen: Frau Johanna -- und Bessie.
Mutter Johanna war verjüngt, aufgeblüht, kaum wiederzuerkennen. Ihr hatten die zwei Freundinnen, mit Heinzens Erlaubnis, schon am ersten Weihnachtstage das große Geheimnis anvertrauen dürfen:
Heinz ist gefunden!
Oh, nun war alles gut, alles gut. Der fromme Mutterglaube hatte nicht getrogen ... Er ging seinen Weg, er wußte sein Ziel. Noch hielt ihn die Aufgabe, die er selber sich gestellt, in der Tiefe fest, in die er freiwillig hinabgetaucht ... Wer ein Führer des Volkes werden wollte, der mußte es vor allem kennen bis in seinen moorigen Bodensatz hinunter. Aber einst -- doch gewiß bald -- da würde er wiederkehren -- um den Seinen Kunde zu geben, was er da unten erlebt -- und vielleicht den rettenden Gedanken ins Licht zu heben, die große Versöhnungstat -- die aus allen Deutschen Brüder machen sollte -- aus den sechzig Millionen in Wahrheit endlich nach tausendjährigem Irren -- ein Reich -- ein Volk.
So träumte Mutter Johanna ...
»Wo nur Ilse bleibt?« zürnte die ungeduldige Bessie. »Ich wette, sie trifft sich einmal wieder mit ihrem Matrosen ... Ach, wer's auch so gut hätte ...«
Die achtzehnjährige Brust hob sich in einem tiefen Seufzer. Bobbie -- du dummer Klotz ... Bangst dich immer noch um deine Ilse -- willst es nicht glauben, daß du bei der verspielt hast ... ahnst nicht, daß ein kleines Mädel aus weiter Ferne dich hunnisches Rauhbein gar zu gern in einen Gentleman von neuestem Neuyorker Schick umdressieren möchte ...
»Wehe aber, wenn sie zu spät kommt zur Ankunft ...«
Nein -- sie würde nicht zu spät kommen. Eben tauchte sie auf -- ganz frühlingsmäßig zum Empfang geputzt.
Ach -- es war ihr schlecht bekommen, das Wagnis, an diesem Sonntage, da es wieder einmal kriselte in der Welt des Hamburger Hafens, in der Tracht der Glücklichen ohne Geleit einen Gang durch die schlimmen Viertel zu machen. Sie glühte vor Erregung, ihre stolzen Züge waren fast zum Weinen verzogen ... Es hatte abscheuliche Rufe, Schimpfworte, Drohungen gehagelt um ihren hastigen Wandel ... Wenig hätte gefehlt, und die erbosten Weiber aus den Hafenstraßen hätten ihr das seidene Jäckchen in Fetzen gerissen ...
Aber nun, zwischen der erschrockenen Schwiegermutter und der scheltenden Freundin, schüttelte sie Schreck und Scham ab.
»Mama -- Bessie -- ich hab' ihn gesprochen ... übermorgen kehrt er heim ... Nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ will er abwarten -- dann, meint er, sei's genug -- dann macht er Schluß mit Anders Niemann -- und will wieder unser sein ...«
Ein Jubelruf auf Mutterlippen ... fast hätte Mutter Johanna die Braut umarmt ... Aber nein -- Hamburg ist Hamburg, man weiß sich zu beherrschen, wenn andere zuschauen.
»Und dann? Und dann, Ilse?«
»Er hat große Pläne ... Er will nach Berlin, will im Kultusministerium berichten ... hat allerhand Vorschläge für eine Reform des Unterrichtswesens auf nationaler Grundlage ... freilich -- es will mir kaum über die Lippen -- unter Anerkennung der Republik -- er, des Kaisers Offizier ...«
Da rümpfte auch Johanna die Nase. Das war ja kaum möglich ... Nun, man würde ja hören ... Wenn er nur wiederkam -- alles andere würde sich finden -- diesmal sollte er nicht mehr klagen dürfen, sein Elternhaus sei ihm nicht Heimat mehr ...
»Puh!« lachte Bessie, »was ihr zwei für Gesichter macht, wenn ihr von eurer Republik sprecht ... Sie beißt nicht, die Republik ... +Daddy+ und ich sind auch Republikaner, sogar geborene ... gebt mir acht, ihr werdet's auch ... Oh, ich werde sehr gut sein mit Mister Heinz, wenn er ein Republikaner ist ... Nimm dich in acht, Ilse -- wenn du schlecht zu ihm bist, schnapp' ich ihn dir vor der Nase weg ... Er hat mich einmal gerettet, also gehört er mir so schon halb und halb ...«
»Und wie beurteilt Heinz die Lage der Werft?«
»Nicht allzu ungünstig ... Die älteren, besonneneren Elemente sind gegen den Streik. Zwar leidet alles furchtbar unter der Geldentwertung ... Aber der alte Tietgens, der ihr Führer ist, hat heute drüben in der Versammlung eine große Rede gehalten: Die Amerikaner kämen heute an, denen dürfe man nicht das Schauspiel eines inneren Zerwürfnisses bieten -- sonst verlören sie das Vertrauen -- und die Vereinigung der beiden Linien bräche wieder auseinander ... Auch würden sie dann der Werft keinen Dampfer in Auftrag geben ... und wenn die Werft nichts zu tun habe, könne sie keine Löhne zahlen ... Das hatte Heinz ihm alles klargemacht ... da siehst du, Mama, wie gut es ist, daß er noch geblieben ist ...«
Erregung schwoll auf -- alle Hälse reckten sich ... Dort hinten, wo für das Auge die schwärzlichen Häusermassen von Altona mit den hochgetürmten Eisengerüsten der Hephästos-Werft zusammenzustoßen schienen, tauchte zwischen dem Mastengewirr der kleinen Dampfer und Segler, die nun die Stelle der Riesen von einst belegt hatten, der Rumpf eines Gewaltigen auf, überragt von den klobigen Zylindern der drei schwarzen Schornsteine mit dem weißen Reif, auf dem sich alsbald der blaue Stern abzeichnen würde ... Voran tänzelte das Lotsendampferchen -- als führe die Hand eines Kindes einen tappenden Goliath, der sich zum Spaß die Augen hätte verbinden lassen.
Ein Rauschen innerster Bewegung ging durch die harrende Menge. Fünf Jahre lang war der drittgrößte Hafen- und Handelsplatz der Welt vom großen Leben des Erdballs abgeschnitten gewesen -- ausgesperrt vom freien Weltmeer, dem Tummelplatz aller großen Völker, dem Sehnsuchtsziel germanischer Träume seit Wikingertagen -- dem Ruhmespfade der Hansa, der froh befahrenen Lebensstraße des zweiten Kaiserreichs ...
»Unsre Zukunft liegt auf dem Wasser --« herrischer Fürstenmund, der einst dies kühne Wort gesprochen, nun in selbstgewählter Verbannung verstummt ...
Der Irrsinn innerer Zwietracht hatte das festlandgebundene Volk der Deutschen aus der Reihe der hoffenden Nationen getilgt ... Wär's möglich -- täte die See aufs neue vor ihm sich auf?!
Mit fest zusammengebissenen Zähnen stand Georg Freimann.
War nicht eine Stunde gewesen, da neben dem begonnenen Abschiedsbrief an die Lebensgefährtin der Browning lag --?
Dankbar suchte das Auge des Reeders der Gattin liebeschweres, wissendes Antlitz.
Nun flatterten viel hundert weiße Tücher, viel hundert winkende Hände -- drunten auf dem wimmelnden Landungssteg ... Droben aber auf den Promenadendecks, der Kommandobrücke, harrten Kopf an Kopf gedrängt die Sendlinge der Neuen Welt der Ankunft in dem Lande, dessen verzweifelte Gegenwehr von Amerikas Granaten in den Grund geschossen worden war. Und auch droben winkte manche Hand, flatterte manches Tuch den Gruß der wiedererwachten Menschlichkeit.
3
Tedje Tietgens fühlte es in allen Knochen: seine Stunde kam. Immer näher und näher. Unabwendbar.
Seine Seele war ganz Haß geworden. Ganz Grimm und Rachegier. Die tollen, blutigen Junitage durften nur ein Vorspiel gewesen sein. Nur ein Vorspiel.
Die »Deutschland« war fertig. Ihr Stapellauf bedeutete ihm den Triumph des Kapitalismus -- das Scheitern der Weltrevolution. Und was ihm selber nur dumpf und wirr in Sinnen und Hirn gor -- der Sendling des Ostens hatte den Höllensud gargekocht. Die »Deutschland« würde nicht vom Stapel laufen -- --
Seit Wochen hatten Tedje und sein Vertrauter päckchenweise das Dynamit, das die Berliner Zentrale geschafft, in ihren Taschen auf die Werft geschmuggelt. In einem verschwiegenen Keller standen drei Kisten bereit, groß genug, eine Armada in die Luft zu blasen ...
Oh, wie er es haßte, das stolze Schiff, an dessen Vollendung seine starken Fäuste seit mehr denn einem Jahre mitgeschafft -- im Bunde mit seinen Freunden, seinen Stubengenossen!
Aus welchem Kopfe war es entsprungen? Jeder auf der Werft wußte es: Bob Timmermanns -- der Werkmeisterssohn -- hatte es ersonnen. Er, der ihn einmal am Kragen gepackt und an die Wand geschmissen wie einen tollen Hund ...
Wer würde den Ruhm davon haben? Die Hammonia-Werft. Der alte Carstensen -- für den hatte er sich abgeschunden sein ganzes Jugendleben hindurch ... er und die Tausende seiner Kollegen ... Und oll Carstensens Tochter würde am Bugspriet stehen und die Sektflasche gegen die Eisenwand des Dampfers schleudern ... Sie, die Feine, die »Zarentochter«.
Und dann -- dann würde die »Deutschland« zu Wasser gehen -- und nach Amerika fahren -- und schwer Geld verdienen -- für die H. T. L. Für die Feinde -- die Kapitalisten.
Und Tedje? Und die andern fünf-, sechstausend, die daran mitgeschafft hatten in Glut und Frost, in Fleiß und Schweiß?
Nicht zu früh triumphieren -- ihr da oben im Licht!!
Die »Deutschland« läuft morgen ~nicht~ vom Stapel! Die »Deutschland« geht heut nacht in die Luft!
Und dann -- wenn alles drunter und drüber geht -- dann holt Tedje Tietgens sich seine Feine -- seine »Zarentochter« --!!
* * * * *
In dumpfer Maulwurfshöhle hielt Spartakus Kriegsrat. Tedje Tietgens hatte nicht den Vorsitz mehr -- die Beratungen leitete im Auftrage der Berliner Zentrale der Sendling Moskaus: der Genosse Dragomiroff. Und in der Runde der Spießgesellen, die um Mudder Lores Tisch saßen, an den Wänden sich rekelten, auf dem Fußboden kauerten, sah man inmitten der lenzluftgebräunten Köpfe der Werftarbeiter manches fahle, spitzknochige Slawengesicht. Die Wodkaflasche kreiste, in den Taschen knisterten die Sowjetrubel.
Dragomiroff war mit der Haltung des Hamburger Proletariats höchst unzufrieden. Die Schlappmacher von der Mehrheitssozialdemokratie, selbst die unsicheren Kantonisten, die Unabhängigen -- sie schielten alle nach dem Brotkorb, den der Kapitalismus ihnen mit kargen Brocken zu füllen geruhte. Kein Glaube mehr, keine Begeisterung, kein Opfermut! Da waren wir Russen doch andere Kerle, hatten ganze Arbeit gemacht!!
Nein, so ging's nicht weiter. Jetzt oder nie! Die Gegenrevolution rüstete zu ihrem längst geplanten großen Streich. Die Zentrale hatte sichere Kunde, daß in den nächsten Tagen die Weißen mit einer ganzen Armee gen Berlin rücken würden, um die Regierung der Lauen und Halben zu stürzen und das Reich des Mammonismus und Militarismus aufs neue aufzurichten in Deutschland.
Da ging über die angespannten Gesichter der Lauschenden eine jache Glut.
Nieder die Bourgeoisie! Es lebe die Weltrevolution! Die Weißen an die Laterne!
Der Russe lachte Hohn. Sein gewandtes, östlich schnarrendes Deutsch goß siedendes Öl in die Seelen seiner Hörerschaft. »Pah -- schreien! Damit seid ihr immer bei der Hand, ihr schlappen Deutschen! Aber wo steckt ihr, wenn's ans Handeln geht?! Ein bißchen putschen, ein paar Cafés und Villen plündern, das Rathaus mit Maschinengewehren punktieren, einen Haufen entwaffneter Weißgardisten zertrampeln -- dazu reicht's! Sind das Taten? Lausbubenstreiche sind's, nichts weiter! Der Feind, der handelt --! In eben dieser Stunde läuft im Hafen ein Dampfer ein, an dessen Bord die Zwingherren Amerikas von drüben kommen -- das internationale Kapital reicht dem deutschen die Hand, damit dem Siegeszuge des Bolschewismus ein Damm entgegengetürmt werde! Und drüben auf der Werft soll morgen ein Schiff vom Stapel laufen, das ihr selber, ihr albernen Tröpfe, gebaut habt als Bindeglied und Stärkung für die Macht des Götzen, der euch alle knechtet, euch Proletarier der alten wie da drüben in der neuen Welt! Dieses Schiff wird den Namen ›Deutschland‹ tragen -- eine neue Herausforderung des international gesinnten deutschen Proletariats -- eine neue Verherrlichung des Nationalismus -- dieser diabolischen Erfindung des Kapitals, das mit seiner Hilfe die Arbeiter des Erdenrunds verhindert, sich in unwiderstehlicher Stoßkraft zu verbrüdern -- das sie vier Jahre lang widereinander gehetzt hat ... Und sie mußten sich gegenseitig zerfleischen, vorn im vordersten Graben, aber die Offiziere, die Sendboten des Kapitals, die euch in Blut und Tod jagten, die blieben hübsch hinten und versteckten ihr kostbares Leben, das Leben eurer Unterdrücker, in bombensicheren Unterständen!«
»Haut sie!« brüllte der Chor der jungen Gesellen, von denen gut die Hälfte höchstens im Rekrutendepot den Krieg erlebt hatte. »Messers rut! An'ne Wand dei Schufte!«
»Deutschland! Was heißt das? Ist Deutschland der Proletarier Vaterland? Dann ist's ein Rabenvaterland! Hat's für euch jemals etwas anderes übrig gehabt als verblödende Arbeit -- elenden Hungerlohn -- stinkige Zinskasernen -- gemeinen Fusel und halbverfaulte Kartoffeln -- und wenn eure Knochen morsch wurden, aufgerieben und zermürbt von einem Leben der Arbeit für die Großen -- hundert Mark Invalidenrente?!
Und übermorgen werden sie jubeln, wenn das Werk eurer Hände zu Wasser geht, jubeln und sich brüsten, als hätten sie es gebaut und nicht ihr!
Soll's dazu kommen?!«
»Nein!« brüllte die Horde.
»Gut -- so sorgt mir, Genossen, ihr Entschlossenen, ihr Jungen, ihr, die ihr euch ekelt mit mir vor der Halbheit und Lauheit der Maulproletarier, der verkappten Bourgeois -- sorgt mir, daß die versumpfende, verrottende sogenannte ›Bewegung‹ endlich Beine bekommt, Flügel bekommt, Klauen und Zähne bekommt! Sorgt, daß ein Fanal aufglüht, ein Posaunenstoß schmettert, eine Sprengmine in die Luft geht!
Es lebe die Propaganda der Tat!!«
Der Sendling Lenins ließ sich in einen Stuhl fallen -- stürzte ein Glas Branntwein hinunter. Und mit eisig kühlem Vivisektorenblick musterte er die wüste Schar seiner Hörer, die ihn tobend, armefuchtelnd umdrängten.
»Wat söhlt wi moken -- Genosse? Wat köhnt wi dauh'n? Du hest doch'n Plon, Kierl -- spuck'n mol ut!«
Dragomiroff empfand: Die Zündschnur glomm. Nun mochte ein anderer pusten, sie in Brand zu halten. Er gab dem Genossen Tietgens das Wort.
Tedje stand auf. In seinen dunklen Augen glosteten drei Höllen auf einmal: Wollust, Zerstörungswut -- und die gelbste, tückischste, stinkendste aller Schwefelflammen: der Neid. ... Der Neid des Unfruchtbaren auf die Könner, des Athleten auf die Gedankenriesen, des Glaubensleeren auf die Glaubensstarken.
»Jungs!« zischte er, »dei ›Dütschland‹ lopt morgen nich von'n Stopel -- wi blost ehr in dei Luft!! In'n Keller von dei Maschinenbuhalle, doar stohn dree Kisten Dynamit!!«
Was -- -- -- hatte er gesagt -- der Tedje?!
Die »Deutschland« in die Luft blasen -- mit -- Dynamit?! -- Die -- -- »Deutschland« --?!
Starr saßen sie plötzlich, die jungen Burschen -- glotzten blöden, jählings erblaßten Gesichts im Kreis -- --
Die Wodkadünste, die Phrasennebel rissen, verflatterten ... Eine Tat reckte sich auf, scheußlich, irrsinnig -- eine fratzenhafte Ausgeburt der Hölle ...
Selbst für diese zerrütteten, verrohten Gestalten zu aberwitzig, zu bestialisch ...
Anders Niemann saß regungslos. Er hatte hundertfachen Schreckenstod geschaut -- seine Nerven hatten gezuckt wie unter glühenden Zangen -- sein Herz hatte nicht gebebt. Jetzt bebte es.
Die »Deutschland« in die Luft gesprengt ... War's auszudenken?
Dragomiroff -- nun ja, Halbasien -- -- ein Tier mit Menschenantlitz und Menschensprache, aber mit Wolfsinstinkten ...
Aber Tedje -- --! War das möglich -- dann -- was war dann nicht zu fürchten -- von der Masse, der entfesselten, der zuchtentsprungenen --?!
Anders Niemann saß in fieberndem Lauschen und Schauen. War's möglich -- sie -- konnten ihn dulden -- -- -- -- diesen -- diesen Plan?!
Sie fielen nicht über ihn her, über diesen höllenentstiegenen Satan -- schlugen nicht mit ihren sehnigen deutschen Werkerfäusten das Hirn zu Brei, das diesen gräßlichen Gedanken ausgespien?! Ihm und -- -- seinem Helfershelfer, diesem Sohn einer deutschen Mutter?!
Nein -- sie überlegten -- -- hinter dieser und jener niederen Stirn, in dem und jenem unstet flackernden Augenpaar glomm's schon auf -- eine scheußliche, quallige Zerstörungswollust ...
Ja, sie wankten, sie taumelten, diese Haltlosen, Glaubenslosen, Willenlosen -- stürzten hinein in den Mahlstrom des Irrsinns, der aus dem giftgeschwollenen Maul des Höllenfremdlings zu ihren Seelen emporbrandete, ersäufte, hinwegschwemmte, was gut, gesund, eigen -- was deutsch in ihnen war. Der Osten siegte -- das Nihil ...
Die Ungestalt über die Gestalt, das Chaos über den Kosmos ... Ahriman über Ormuzd ...
»Verdammi -- ick bün dobi!!«
Clas Mönkebüll hatte es gerufen -- der blauäugige Holste, der Schumann und Brahms zu spielen wußte und den schmerzlichen Wahn im Herzen trug, er hätte ein Künstler werden können, hätte des Elends würgende Faust ihm nicht das Werkzeug der Seele gestumpft ...
»Ick ook! Ick ook!«
Dort und dort reckte sich eine arbeitsharte Faust ... immer mehr -- immer mehr ...
Sinn war in Unsinn verwandelt, Schaffenskraft in Zerstörungswut, Tat in Untat ...
Waren's noch Menschen, Deutsche, Brüder -- die beisammenhockten, den scheußlichen Plan durchsprachen bis in alle Einzelheiten, die Rollen verteilten, die Stunde, die Minute des Vollbringens festlegten, das -- Chaos organisierten --
Anders Niemann blieb noch immer ganz regungslos. Unvorbereitet stand er dem Entsetzlichen gegenüber, das sich plötzlich hirnerstarrend vor ihm aufreckte.
Mitwisser -- dieses -- dieses Geheimnisses?! Dieses -- dieses Planes --!!
Ja -- nun wandte sich's gegen ihn, was er seit einem Jahre, reinen Herzens, getan und gelebt. Er war in diese Welt der Tiefe hinabgestiegen, ein Liebender, ein Suchender -- und sah sich plötzlich nun verstrickt, hineingezerrt in ein entsetzliches Geheimnis -- er, Georg Freimanns Sohn.
Was tun?!
Die »Deutschland« -- Georg Freimann -- die H. T. L. -- die United Transatlantic Lines -- das Vaterland -- das alles war eins -- das alles wollten sie vernichten, diese Verrückten, mit einem einzigen Streich -- einem Bubenstreich -- einem Satansstreich -- --
Heinz -- Anders -- Mann -- Sohn -- Deutscher -- was tun?!
Im Sinnen war's ihm plötzlich, als stäche eine glühende Nadel ihm ins Hirn. Aufblick: Tedje --! Er belauert, wittert mich! Vorsicht --!!
Anders Niemann fühlte ein Würgen, als griffe eine drosselnde Faust nach seiner Kehle. Nur jetzt nicht erkannt, durchschaut, zertreten werden!! Einen Augenblick lang meinte er, klar zu sehen -- wähnte nun erst zu wissen, was sein Weg war -- meinte plötzlich zu begreifen, daß dies der eigentliche Sinn seines Handelns habe sein sollen: daß er des grausen Anschlags Mitwisser hatte werden sollen ... und so der Retter ... der »Deutschland« ... Deutschlands ...
Aber nein, es war ja ganz anders gewollt, geplant, ausgeführt ... ganz, ganz anders -- --
Ein Spion -- -- ein Spitzel wider Willen? Wahnwitzige Schrulle des Geschicks -- --. Zwölf Monate Kamerad unter Kameraden, Freund unter Freunden, Stubengenoß, Tischgenoß -- dem sie alle vertraut -- den eine -- -- liebte.
Und nun: Denunziant -- Verräter?!
Unmöglich, Heinz Freimann -- unmöglich!!
Die hohe Sendung, die dich in die Tiefe geführt, sie wäre nicht nur gescheitert -- sie wäre auch -- geschändet ... dein Sehnen zur scheußlichen Fratze entstellt ...
Nein -- das war unmöglich -- gab's denn kein anderes Mittel, das Unausdenkbare zu verhindern?!
Und Anders Niemann warf sich dem Mahlstrom entgegen. Er bat ums Wort. Er beschwor die Kameraden, abzustehen von ihrem grauenvollen Vorhaben.
»Kameraden!« rief er, »ick begriep dat nich: Dei ›Dütschland‹, dei hebbt wi doch mokt, alltausomen hebbt wi s' mokt! Nich blot dei Inschenöre, nich blot Timmermanns -- du un du un du un ick, wi hebbt unsen Sweit un uns' Gedanken un -- ick kann't nicht beter seggen, wi hebbt en Stück von uns' Hart 'rinbugt in dat Schipp!«
»Hahaha!!« lachten da um die Wette der bärtige Russe, der ungeschlachte Tedje.
»So ist's recht!« knarrte Dragomiroff. »Deutscher Knechtssinn! Unausrottbar! Wer bist du denn, junger Mann, daß du's besser weißt, was dem Arbeiter frommt, als ich, der Vorkämpfer des siegreichen russischen Proletariats, he?! Oder dein Kollege Tietgens hier, der Vertrauensmann der glorreichen Volksrepublik des Ostens?«
Anders Niemann ließ sich nicht den Mund verbieten. Heiß schwoll ihm das Herz. Arbeiter sein, das durfte doch nicht heißen, das Werk seiner Hände verachten und hassen! Liebe müsse bei dem Tagwerk sein, sonst sei es sinnlos und verflucht! Mit wildem Flehen rang er um das Herz der Brüder. Vollendet stehe da drüben das große, gemeinsame Werk -- vom rechnenden messenden Kopf ersonnen, aufgetürmt von der tausendfältig schaffenden Hand ... Morgen solle es hinaus in die freie Flut, um später, nach weiteren Monaten harter Arbeit der werkelnden Faust, hinauszufliegen und denen da draußen in aller Welt zu verkünden, daß Deutschland noch aufrecht stehe -- daß es Erdrosselungskrieg und Erdrosselungsfrieden überstanden habe und leben, leben, leben wolle ... Freilich, davon könne Dragomiroff nichts verstehen -- er sei ein Russe, ein Fremdling ... Und arbeiten habe noch kein Mensch den jemals gesehen ...
»Tedje, Clos!« beschwor er die Freunde, »wi hebbt tausomen vel hunnertdusend Niete mokt in dei ›Dütschland‹ -- is dat nich uns' Wark, dat Schipp, is dat nich uns' Kind?!«
In Clas Mönkebülls heißem Gesichte sah Anders den Abglanz seiner Glut wühlen und flammen ... Aber noch etwas anderes erkannte er in des Freundes Auge: etwas, das ihn seit Wochen zuweilen angeglotzt aus des treuen Burschen zerquältem Gesicht: etwas wie dumpf schwelender Haß ... Und -- Tedje?!
Kiek den Duckmäuser! Tut sich auf einmal als Klugschwätzer auf -- will mir meinen schönen Racheplan vermasseln! Der Schleicher, der scheinheilige -- um den meine Antje sich härmt! Na teuf, mien Jung!
Dragomiroff hatte lauernd, abwartend beobachtet, wie des Matrosen Worte wirken würden. Er sah, wie sie eindrangen, dort und dort, in die verwilderten, verstörten Herzen. Jetzt war's Zeit.
»Hast du nun genug gequatscht, du Schwätzer, du Pope, du Scheinheiliger?« schrie er wutverzerrten Gesichts. »Ich will dir helfen, du Esel, klüger sein zu wollen als wir, die Vorkämpfer der proletarischen Freiheit! -- Genossen! Wer steht zu unserm Plan? Wer will der vorderste sein am großen Vernichtungswerk, das den Götzen Mammon zertrümmern soll? Wer legt die Zündschnur -- wer setzt sie in Brand?!«
Nur zwei traten vor: Tedje Tietgens und -- -- Clas Mönkebüll ...
Arm in Arm stellten sie sich, auf Dragomiroffs Geheiß, in der Kameraden Mitte. Der Russe nahm sie mit Handschlag in Eid und Pflicht und gab ihnen einen knallenden Weihekuß. Und so die anderen alle -- sie, die sich verpflichtet hatten, die ständigen Wächter der Werft von hinten anzuschleichen und mit zähem Messerschnitt in die Gurgel zu erledigen. -- »Dann aber, Genossen,« schloß Dragomiroff, »dann, wenn die Tat geglückt ist -- dann heißt es: Zu den Waffen! Denn die Weißen stehen bereit, unsere Tat wird auch für sie das Signal. Dann heißt's die Kameraden fortreißen, ehe die zur Besinnung kommen. Es lebe die Propaganda der Tat!«
Dann winkte er Tedje zu sich heran.
»Tietgens!« flüsterte er ihm heiser ins Ohr, »gib acht auf den Quatschkopp, den Niemann -- der Hund ist gefährlich!«
»Dat will'k woll gleuwen, Genosse!« zischte Tedje zurück. »Clos Mönkebüll sall em op dei Hacken blieben! Verlot di op mi, den'n Kierl lot wi nich ut Sicht!«
* * * * *
Und nun: der Wirrwarr und Lärm des Aufbruchs ... Heinz raffte sich aus seinem krampfigen Grübeln. Er hatte Klarheit. Was galt Heinz Freimanns Leben, was galt selbst seine Ehre -- wo es um alles ging?! Nein -- wer solches plante, der hatte das Recht auf Treue verwirkt ...
Wenn der Anschlag mißglückt -- mißglückt, weil er verraten ist -- Tedje Tietgens wird wissen, an wen er sich zu halten hat. An den Kollegen, den er einmal mit der Tochter seines Chefs hat spazierengehen gesehen ... und das bedeutet ein gräßliches Ende -- vielleicht ein spurloses Verschwinden ... Was tut's? Die ihn lieben, werden wissen, wie und für was er gestorben ist ...
Aber schweigen? Den Plan dieser Schreckenstat kennen und schweigen?! Unmöglich ...
In einem Nebelmeer von Zigarettenqualm schwamm das unterirdische Gelaß -- alles umdrängte den Russen, verlangte noch letzte Weisungen ... Heinz hatte sich bis zur Tür durchgepirscht. Ein rascher Späherblick in der Runde -- nein -- niemand beobachtete ihn ... und mit einem Ruck war er im stockfinstern Flur, tappte sich die wohlbekannten triefenden Wände entlang, glitschige Stufen hinauf, öffnete eine geheime Tür nach der andern mit kundigem Druck -- stand im Flur des Vorderhauses, verschwand in der Telephonzelle, in der sonst die verlorenen Kinder, die unter Mudder Lores Fuchtel ihre armseligen Leiber feilhielten, mit ihren Freunden ihre Sonntagsverabredungen trafen. Das aber entging ihm, daß mit Katzentritten vier Füße ihm nachgeschlichen waren -- daß zwei Männergestalten dicht neben der Telephonzelle in der Wand verschwunden waren -- in einem geheimen Versteck, aus dem man jedes Gespräch belauschen konnte ...
Er hob den Hörer, verlangte die Nummer der Villa Carstensen ...
»Hier bei Senator Carstensen ...«
»Hallo -- kann ich Fräulein Ilse sprechen? Bitte sofort -- es ist äußerst dringlich ...«
Er lauschte in bebendem Warten. Klangen nicht draußen Tritte?
»Ilse Carstensen ...«
»Hier Heinz ... Ilse, ich muß dich unbedingt sofort sprechen ...«
»Unmöglich, Heinz -- du weißt doch, die Amerikaner -- in einer halben Stunde beginnt der Empfang bei euch zu Hause -- ich bin gerade bei der Toilette ...«
Ein Bild stieg sekundenlang vor des Mannes Augen auf ... eine Vision -- beglückend und fern wie ein nie erreichbares Sehnsuchtsland ...
»Wann kannst du dich frei machen?«
»Frühestens nach dem Abendessen, ich denke etwa um halb zehn ...«
»Das wird zur Not genügen. Also höre, Ilse: Ich werde um punkt halb zehn im Auto an unserer Gartentür vorfahren, auf dem Harvestehuder Weg ... Du erwartest mich, steigst zu mir ein, wir fahren einmal um den Häuserblock herum, ich sage dir schnell, was zu sagen ist -- und in fünf Minuten kannst du wieder bei euren Gästen sein ... einverstanden?«
»Ja, Heinz -- kannst du mir nicht wenigstens eine Andeutung --?«
»Telephonisch unmöglich ... Es bleibt dabei: um halb zehn an unsrer Gartenpforte! Laß mich nicht im Stich, es steht viel, es steht alles auf dem Spiel ... Auf Wiedersehen, mein Herz ...«
»Auf Wiedersehen ...«
Mit einem Ruck riß Heinz die Tür der Telephonzelle auf -- spähte umher, ob er unbelauscht geblieben sei -- alles leer, alles still ... Völlig beruhigt kehrte Heinz um, legte aufs neue den ganzen Weg bis zum Versteck der Verschwörung zurück und mischte sich unter die Genossen, die noch immer erregt schwatzend beisammenhockten.
Kaum war er hinter der geheimen Tür verschwunden, welche aus dem Flur des Vorderhauses in das unterirdische Labyrinth führte, da öffnete sich neben der Telephonzelle die Wand, und mit wutverzerrten Gesichtern traten Tedje und Clas aus dem Versteck hervor.
»So'n Hund, so'n entfomtigen Hund!« knirschte Tedje. »Clas, ick mutt di wat seggen: Düssen Anders, düssen Kierl, de mien Swester 'n Kopp verdreiht hett -- den'n heff ick -- vor drei Dag heff ick'n seihn, as hei sick mit Fräulein Carstensen in dei Passage an'n ollen Steinweg dropen hett -- un is mit ehr in 'ne lüttje Konditorei verswunnen -- un doar hebbt sei 'n Stünn' un länger tausomen snackt ... Un nu telephoniert hei 'ne gewisse Ilse, und seggt tau ehr: Hier Heinz ...«
»Verdammi --!« zischte Clas, »verdammi! Is dat denn meuglich, dat hei -- dat uns' Anders Niemann --«
»-- en Spitzel is? En ganzen hundsgemeinen Spion un Verräter?! Wenn du dat nu noch nich markt hest, Clos, denn lat di in Alsterdörp in dei Idiotenanstalt opnehmen -- doar geheurst du hen, mien Jung!«
»Wat mokt wi mit em, Tedje, wat mokt wi blot?!«
»Dat 's nu dien Sok, Clos«, sagte Tedje mit tückischem Grinsen. »Ick denk', du hest sowieso wat mit em aftaumoken, mit düssen Anders Niemann odder ... Heinz ... Dunnerslag ... doar fallt mi wat in -- Heinz ... Im Hause meiner Eltern, hett sei seggt ...«
Und mit atemlosen Worten erinnerte er den Freund: ob er sich denn nicht mehr entsinnen könne, daß vor einem Jahr in ganz Hamburg davon gesprochen worden sei, der Kapitänleutnant Heinrich Freimann, der Sohn des Generaldirektors der H. T. L., eben als Kapitänleutnant aus englischer Gefangenschaft zurückgekehrt, sei plötzlich spurlos verschwunden?!
»Dat is hei, Clos! Strof mi Gott, dat is hei!!«
Clas Mönkebülls gutmütiges Musikantengesicht hatte sich längst in Grimm und Glut verzerrt. Dem Kameraden, dem Kollegen hatte er Antje blutenden Herzens gönnen müssen ... wehe aber, wenn dieser Kollege ein Schuft war, ein Verräter, ein Weißer gar, ein -- nicht auszudenken -- ein Bourgeois, ein ehemaliger Offizier ...
»Du weits nu Bescheid. Clos! Ick verlot mi ganz op di ... Hest 'ne Waffe?«
»Heff ick!« knirschte Clas und ließ sein Messer einschnappen. »De kümmt mi nich weg, Tedje.«
»Mok dien Sok' man gaud, Clos ... ick leg' ok 'n gaud Wort vör di in bi mien Swester ...«
Da lächelte Clas melancholisch und beschattet. Im Augenblick, als er die Hand zum Schwur dem Russen hingestreckt, hatte er in tiefer Seele das dunkle Rauschen vernommen -- das er aus den Erzählungen seiner Kriegskameraden kannte. Wem es erklungen war, der hatte des kommenden Tages Morgenröte nicht mehr geschaut. --
»Dat 's vörbi, Tedje ... hüt nacht goht wi twei kaput ...«
»Meuglich --« murmelte Tedje ... »öwerst denn sall dei entfomigter Slieker, dei Anders Niemann -- ne, dei Heinz Freimann -- dei sall denn mit us twei tausom'n kaput gohn!!«
Wenige Augenblicke später stand Clas Mönkebüll neben Heinz -- der bewegte sich wieder ganz harmlos inmitten der abschiednehmenden Kameraden, die sich immer noch nicht von den Wodkaflaschen trennen konnten.
»Kumm, Anders!« sagte Clas und stieß den Schlafkameraden vertraulich mit dem Ellbogen an, »wüllt een' Lüttjen nehmen! Wer weit, ob dat nich de letzte is!«
Anders Niemann fuhr herum. Diese Stimme -- unterirdisches Grollen ... dies Gesicht -- verändert, verzerrt ... Die aufrechte Gestalt wie seltsam verkrümmt ... Reue?! Freilich, diese arme, arbeitsrissige Hand, der die Läufer und Passagen immer mehr unter den Fingern wegrollten -- sie hatte sich einem Werk des Wahnsinns verschworen ... ein Fluchgezeichneter, ein Todgeweihter vielleicht ... unmöglich, ihm diese Bitte abzuschlagen. Man wird sich rechtzeitig losmachen müssen.
»'t is recht, Clos -- wo goht wi hen?«
Clas Mönkebülls Augen flackerten irr und trüb. »Wat söhlt wi noch wied lopen? Lot uns in Mudder Lor' ehr lütt' Kabuff sitten ... sei hett 'n ollen lüttjen Köhm, so een' is in ganz Hamborg nich weddertaufinnen ...«
Im schlimmsten Falle, du Hund, kommst du aus Mudder Lores Dachsbau überhaupt nicht wieder heraus! -- --
* * * * *
Tedje hatte sich als letzter von Dragomiroff getrennt. Nun war er sich selber überlassen. Er schlenderte durch die engen Gassen des unheimlichen Viertels zwischen Wexstraße und Neustädter Straße. Sein Schädel dampfte, Gesicht und Hände zuckten im Krampfe.
Anders Niemann ein Spitzel ... ein Spion ... der verschollene Sohn des Generaldirektors der H. T. L.! Und wohnt seit einem Jahr in Mudders Jungsstübchen ... ißt an Vadders Tisch -- schafft auf der Hammonia-Werft mit Clas und Tedje ... und macht die arme Antje Tietgens verrückt ... Hund du -- Hund --!!
Was hat er nur gewollt?! Sekundenlang blitzte es durch Tedjes brodelndes Hirn, ob doch irgendein Geheimnis dahinterstecken möchte -- irgendein verborgenes Wollen, das anständig wäre und ehrenwert ... Nein, nein -- es soll nicht sein! Er soll ein Schuft sein, nichts weiter als ein ganz gemeiner Verräter. Jetzt ist's ja klar, er hat spionieren wollen, nichts als spionieren! Na, und das ist ja auch gelungen -- jetzt weiß er etwas, das lohnt, verdammi, das ganze Jahr Verstellung!
Wirst dich verrechnet haben, Spion! Der starke Arm, der alle Räder stehen lassen kann, wenn er will -- der greift nach deiner Gurgel! Wir lassen dich nicht aus -- sollst danebenstehen und zusehen, wie die stolze Hoffnung deines Vaters in die Luft geht -- und dann -- dann bist du reif fürs Messer!
Und wenn du nicht mitgehen willst -- wenn du Anstalten machst, Alarm zu schlagen, zu warnen -- dann -- schon vorher! Bei Clas bist du gut aufgehoben -- schon um Antjes willen --!
Arme Antje ... Wenn nun morgen keiner von uns dreien wiederkommt?! Sie wird weinen -- um wen? Nicht um den armen Clas, der sich hätte totschlagen lassen für sie ... um den Bruder vielleicht ein paar Tränchen ... aber die Augen aus dem Kopfe wird sie sich weinen -- um den Schuft, um den Halunken, um den Verführer, um den Verräter ...
Nein ... Das darf nicht sein ... Sie soll wenigstens wissen, wer er ist ... Sie soll -- sie soll nicht um ihn weinen ... einerlei, ob er unter Clas' Messer verblutet oder heut nacht mit der »Deutschland« in die Luft geht -- Antje Tietgens soll nicht um ihn weinen. Sie soll erfahren, daß sie ihr Herz und ... wer weiß was sonst noch alles an einen Lumpen und Verräter weggeschmissen hat. Sie wird sich grämen vor Schande -- aber sie wird wenigstens nicht um ihn weinen. Das ist er nicht wert ... Die Ehre soll er nicht mal im Tode genießen.
Also heim -- zu Antje ...
Und dann? War nicht noch etwas anderes zu erledigen, bevor es ans große Rachewerk geht?! Was war's doch nur?!
Ah -- die Feine ...
Halb zehn an unserer Gartenpforte -- du erwartest mich, steigst zu mir ins Auto -- --
Wirst vergebens warten auf deinen Bräutigam, schöne Zarentochter ...
Aber wie -- wenn statt seiner -- ein anderer im Auto säße --?!
Düwel, Düwel -- dit wier 'n Snack --!!
Mit einem Ruck blieb Tedje stehen -- mitten in einer der üblen Gassen, an deren Fenstern die armseligen Huldinnen der schlimmen Viertel auf Beute warteten.
Da war sie ja, endlich, die lang umlauerte Gelegenheit ... Hahahaha!
Der eigene Bräutigam hatte sie aus ihrer Festung herauslocken müssen -- trieb sie in Tedje Tietgens' Arme ...
Das kommt nie wieder!
Und just in der letzten Stunde vor der großen Entscheidung -- vor der Tat, die so leicht mißglücken kann -- -- Dynamitkisten sind keine Schiffsniete ... da kann einer leicht aus Versehen mit in die Luft gehen ... Und vorher das da!
Düwel, Düwel -- so 'n Snack!
Esel und Schlappstiefel, wer da nicht zupackt!
War ja alles zum Lachen einfach, -- die zwei hatten's ja eingefädelt!
Als wenn man nicht ein halb Dutzend Freunde hätte unter den Benzinkutschern ... Dazu noch irgendeinen handfesten Kollegen als Helfershelfer -- ohne Gewalt wird es ja nicht abgehen ... Die läßt sich in Stücke reißen -- schreit ganz Hamburg zusammen ... Für alle Fälle ein Paket Watte und eine Flasche Äther, kriegt man in jeder Drogerie -- --
Aber schnell, schnell, in zehn Minuten ist Ladenschluß!
4
Mudder Lores »Bar« entbehrte nicht einer gewissen klebrigen Gemütlichkeit. Hier hatte Anders Niemann nach mancher Sitzung des »revolutionären Aktionskomitees« mit seinen Freunden scharf gezecht. Und nun -- diese Abschiedsstunde ...
Da saß er ihm gegenüber, dem guten Gesellen, mit dem er unzählige Stunden reinen Glücks erlebt -- wenn sie zusammen an Mudder Minings klapprigem Pianino Beethovens und Brahms' Sonaten gespielt -- und sich emporgeschwungen hatten über Enge und Niedrigkeit in strahlende Höhen kampfgeläuterten Menschentums ... Und nun -- nun war's vielleicht das letztemal ...
Anders hob das Glas: »Nich so trurig kieken, Clas, vellicht kümmt dat all man half so slimm.«
Da traf ihn aus des Freundes Augen ein Blick, unter dem er zusammenzuckte.
»Wi will'n drinken ...« stammelte der Holsteiner, »nich snacken ... blot nich snacken ... ick kann nich ... ick kann nich ...«
Was war das?! Ahnte er irgend etwas? Unmöglich -- Woher sollte er ...
Clas Mönkebüll war nicht der Mann, eine Hölle verschwiegen in der Brust zu tragen. Er litt ohne Grenzen.
»Wat hest du, Clos? Is di nich gaud --?!«
»Ne,« sagte Clas, und seine Brauen zogen sich so fest zusammen, daß sie die Augen fast verhüllten, »gaud is mi nich.«
Anders glaubte zu begreifen. Der Schwur ... die Freveltat, zu der er sich im Wirbel des Augenblicks hatte dingen lassen ... dieser wahnwitzige, fluchwürdige Plan -- -- Ach -- wenn man ihn retten könnte ...
»Jo, Clos, hest recht ... dat döggt nich, wat wi uns von düssen Russen hebbt ansnacken loten.«
»Dat helpt nich ... wi hebbt sworen ...« Clas stürzte ein großes Glas Schnaps hinunter und winkte der grellbunt gekleideten Aufwärterin um eine frische Füllung.
»Ick nich, Clos -- ick nich ...«
»Ne ... öwerst ick ...«
Ein ungeheures Mitleid schwoll in Anders Niemanns Seele. Wie er verzweifelt rang, der treue Bursch, wider das Unausdenkbare, das der Dämon aus dem Osten ihm eingeblasen ... Oder war's etwa das nicht allein?! Immer wieder hoben sich des Freundes wirre Augen und sandten einen Blick herüber, in dem noch mehr lag als nur Verzweiflung über das eigene Schicksal ... ein Argwohn, ein Verdacht ... Nein, das war unerträglich. Anders fühlte erst in dieser Stunde mit voller Klarheit: Dieser junge Mensch aus der Tiefe war ihm wert und lieb geworden -- und dies das letzte Beisammensein vielleicht ... Wie immer der Ausgang sein sollte, ob es zur Vollendung kam oder nicht -- Anders Niemann und Clas Mönkebüll würden nie mehr zusammen arbeiten, plaudern, trinken, musizieren ... O Wehmut ohne Grenzen ... o grausamer Irrsinn des Lebens ...
Wohl hatte Anders Niemann eine Maske getragen -- wohl war zwischen ihm und dem Proletarier da drüben niemals im letzten Sinne Wahrheit gewesen ... Dennoch -- ein Band hatte sich geknüpft, stark genug, wenn eines Tages die Hülle des Truges fiele, über die Klüfte des Standes und der Bildung hinüber ein Leben lang zu dauern -- ein Anfang war gemacht, diese Klüfte zu überbrücken ... in seiner Freundschaft zu diesem Schlichten hatte Heinz Freimann einen ersten Schimmer der Erfüllung seiner kühnen Träume von einer versöhnenden Gemeinschaft aller deutschen Menschen erlebt ... Und nun dies Ende ... War denn kein Ausweg? War es denn ganz unmöglich, diesen kindguten, herzenswarmen Menschen der höllischen Verstrickung zu entreißen, in die er sich hatte hineinzerren lassen?!
»Clos ... segg mi, dat -- dat bliwt, dat du hüt nacht -- ick kann't un kann't nich gleuwen von di ...«
»Dat bliwt!!« sagte Clas hart.
Hier war ein Kamerad über Bord gegangen, kämpfte mit den Wogen, die ihn verschlingen mußten. Und der alte Seemann stürzte sich in den Strudel. Rettung! Rettung!
Er nahm seine ganze Kraft zusammen. Welches Glück, daß er der Sprache des Volkes mächtig geworden war bis in ihre feinsten Schattierungen! Wie mit wuchtigen Schwimmstößen rang er sich an die Seele des Freundes heran, packte die widerstrebende, kämpfte verzweifelt wider ihren selbstmörderischen Willen zum Untergang. Von Deutschland sprach er, das ihrer beider Vaterland sei. Von dem stolzen Schiff, in das sie beide seit einem Jahr ihre Kraft und ihren Fleiß hineingebaut. Von dem Fahneneid, den sie einst als Rekruten geschworen ...
Umsonst. Immer finsterer, immer unnahbarer zog des Arbeiters Seele sich vor dem heißen Werben des Mannes zurück, den er ein Jahr seinen Freund genannt. Und plötzlich überkam den Werber die jähe Erkenntnis, daß zwischen ihm und dem Gefährten noch etwas anderes liegen müsse als der Schwur, den jener geleistet ...
»Clos -- du hest wat gegen mi -- segg't mi iehrlich, Clos!«
»Ick verstoh nich ...«
»Doch -- du versteihst mi ... hett di een' wat ... seggt öwer mi --?«
Clas konnte nicht lügen. Mit einem Male richtete er sich hoch auf, sah dem Frager starr ins Auge und sagte:
»Geben Sei sick keine Meuh -- -- Herr -- Kapitänleutnant.«
Anders Niemann fühlte einen Stoß wider das Herz. Also das!! Aber wie?! und seit wann?!
»Ach so!« sagte er, und ohne sein Wollen ging eine Verwandlung mit ihm vor. Anders Niemann sank in die Tiefe -- Heinz Freimann ward wiedergeboren.
»Also du weißt, wer ich bin, Clas Mönkebüll«, sagte er gefaßt. »Ich will dich jetzt nicht fragen, woher. Komm her, lieber Junge, hier ist meine Hand. Ich bin dein Freund -- du hast keinen besseren. Glaub' mir's -- werde nicht irre an mir Ich will dir alles erklären.«
»Geben Sei sick kein Meuh, Herr.«
Er stand auf, gab dem Frauenzimmer am Büfett einen Wink. Die verschwand. Man hörte, daß sie die Tür hinter sich abriegelte. Nun schritt Clas Mönkebüll zu der Tür, die zum Flur führte, schloß sie ab, steckte den Schlüssel in die Tasche und trat auf Heinz Freimann zu.
»Wenn Sei vellicht noch en Vadderunser beden will'n --«
In seiner Hand blinkte das Messer.
Heinz Freimann sprang auf. Einen Augenblick lang fuhr's ihm durch den Kopf: Eine Waffe! Dann: Schreien! Um Hilfe schreien -- pah -- umsonst. Er begriff nichts -- nichts als dies eine: Er war verloren.
Und plötzlich ein Blitzstrahl: Antje ... Was in diesen umdüsterten Augen schwelte, war nicht allein der Haß der Klasse -- solch fressendes Feuer entzündete nur verschmähte Liebe.
»Ein Wort noch, Clas!« sagte er fest und in Haltung. »Du willst mich töten, weil ich um euren Plan weiß -- und weil du glaubst, daß ich ihn verraten will. Ehrlich gestanden, ja -- ich hätte ihn verraten müssen, wenn du mich leben ließest. Müssen, Clas -- und wenn's mich meine Ehre gekostet hätte. Ich habe euch gewarnt -- habe euch angefleht mit allen Kräften meines Herzens, ihr solltet dem Hund, dem Moskowiter, nicht folgen. Es hat nichts geholfen. Darum muß ich euch verraten -- muß, wenn du mich leben läßt. Tu du, was du verantworten kannst. Aber ich glaube, zuvor ist zwischen dir und mir noch etwas anderes klarzustellen. Du bist unserer Freundin Antje Tietgens gut. Du glaubst, ich hätte sie dir abwendig gemacht. Und darum willst du mich töten. Tu's -- aber dann geh hin zu Antje, grüß' sie von mir -- und sag' ihr, ich hätte dir in meinem letzten Augenblick gesagt, daß ich niemals auch nur die leiseste Gunst von ihr bekommen hab' ... Ich habe ihre Lippen niemals berührt --!«
Da wurde Clas Mönkebülls gestraffter Körper plötzlich matt und schwankte. In die grimmverzerrten Züge trat ein ungläubiges, irres Staunen. Die zuckenden Lippen stammelten:
»Is -- dat -- wohr?! -- Is dat -- wohr --?«
»So wahr ich ein braver Soldat bin -- und dein guter Kamerad, dein treuer Freund, der dich wie einen Bruder ehrt und liebt ...«
Des armen Burschen Hand mit dem blinkenden Messer sank schlaff am Leibe herab. »Nu kann'k 't nich dauhn,« stammelte er heiser, »nu kann'k 't nich dauhn ...«
»So tu auch das andere nicht, Clas!« rief Heinz und legte seine beiden Hände auf des Freundes Schultern. »Besinn dich! Du bist ein Deutscher ... Es ist Wahn, dein Lied von der roten Seligkeit ...«
»Dei kümmt -- dei kümmt ...« Das war wie ein verzweifeltes Sichaufbäumen gegen empordämmernde Erkenntnis -- krampfhaftes Sichanklammern an treibende Trümmer ... Und nun: ein letzter Blick -- mit beiden Fäusten umklammerte Clas Mönkebüll des Freundes Rechte -- es war, als wolle er ihn an seine Brust reißen -- aber mit einem krampfigen Schluchzen machte er sich los, stürmte zum Ausgang, schloß auf, zog den Schlüssel ab, warf die Tür von draußen zu -- ein schwerer Riegel ward vorgeschoben, der Schlüssel krachte ins Schloß. --
Heinz Freimann war gefangen.
5
»Öwersnappt sünd's, Mudder -- öwersnappt!« eiferte Vadder Tietgens.
»Hest recht, Vadder«, hüstelte Mining. »Helpt jo allens nich, dat oll Gestreik un Geputsch ... flietig in dei Hann' spucken un arbeiten, as ji freuer arbeit' hebbt -- nich acht Stünn', ne, tein, twolf ... süß köhnt wi jo nich wedder hoch komen!«
Da paffte Timm Tietgens eine mächtige Unmutwolke: »Ne, Mudder, dat mi den'n Achtstünndag, dat mutt blieben ... öwerst se möten in dei acht Stünn' ok würklich arbeiten un nicht ümmer diskurieren un debattieren ...«
Antje saß still und bedrückt den Alten gegenüber. Wo nur die Jungens blieben?! Es braute sich etwas Schwüles, Dräuendes zusammen -- sie fühlte es am Zerren ihrer Nerven, am aussetzenden Schlag ihres gequälten Herzens. Ach, daß ein Mensch so leiden konnte, wie sie litt seit Monaten. Sie, die aufrechte, nackensteife Frau ...
Vadder Timm gähnte vernehmlich. »Ick bün meud -- ick warr doch hellschen klapprig, nich, Mudder? So 'n grote Red' -- dat is nix miehr vor mi ... Geihst du nich to Hus, Deern?«
»Ick wull op dei Jungs luern«, sagte Antje gepreßt. »Öwer goht ji man tau Bed, all beid ... ick heff' jo 'n Slötel ...«
Und dann saß sie einsam -- lauschte dem Stundenschlag der unzähligen Kirchtürme, die über dem Brodem der Stadt ihres feierlichen Ruferamtes walteten -- und sann -- sann -- sann ...
Nun feiern sie in der Villa Freimann -- die Glücklichen, die Reichen ... Und morgen, nach dem Stapellauf, da werden sie wieder feiern ... Das Werk, das zwölftausend Hände geschaffen, sie rechnen sich's allein an, weil's aus ihrem Kopf entsprungen ist ... Und wer wird dann der zwölftausend fleißigen Hände gedenken, ohne die ihr Planen ewig Papier und Phantasie bliebe?! Nein -- die Faust hatte schon recht, sich zu ballen und aufzurecken wider den herrischen Kopf, der allein im Lichte stand ... Gemeinsam war das Werk, gemeinsam sollte die Feier sein ... die Freude ... der Stolz ...
Einer von denen da oben, der hatte angefangen, das zu begreifen. Der träumte von einer neuen Welt, in der Kopf und Fäuste das Werk nicht nur gemeinsam schüfen, nein, auch gemeinsam begriffen, umfingen mit ihrer ganzen Seelenmacht. -- Er hatte nicht umsonst ein Jahr lang die Luft dieses Hauses, dieser bescheidenen Stuben geatmet, nicht umsonst aus Mudders Topf gegessen, mit Vadder geraucht und politisiert, mit den Burschen geschlafen und gewacht, gearbeitet und geschwatzt ...
Und würde nun doch emporsteigen aus der Niederung -- empor in seine helle Welt -- in die Welt des herrschsüchtigen Kopfes, des triumphierenden Geistes, des Glanzes, der Feste -- empor zu seinen Menschen, den Menschen seiner Rasse, seiner Klasse -- empor -- empor zu -- der andern ... mit der sie ihn vor wenig Tagen, Schulter an Schulter, durch die kahlen Bosketts am Glacis hatte schlendern gesehen -- wie er hundertmal mit ihr geschlendert war -- mit der armen Antje ...
Und Antje würde vergessen sein ... vergessen die unzähligen Stunden, in denen er ihr, sie ihm gegeben hatte -- das Beste, was ein jedes besessen -- eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und Hoffnungen ...
Ach ja -- einmal ein Jahr aus seiner Welt in die andere hinüberwechseln, aus der Höhe in die Tiefe steigen ... das konnte er, das mochte er -- aber dann -- dann tat sie sich doch aufs neue zwischen hüben und drüben auf, die ewige, die unausfüllbare Kluft zwischen den zwei Völkern, die eines Blutes waren, eine Sprache redeten, eines Staates Bürger waren -- eines Vaterlandes Kinder ...
Pah -- Vaterland!!
Ach -- es blieb doch ewig wahr: Nur die da oben, nur die hatten überhaupt ein Vaterland ... die unten, die blieben ewig die »vaterlandslosen Gesellen ...«
O Heinz -- du hast das alles empfunden und verstanden -- du Guter -- du Reiner -- du Großer im Wollen und Sehnen ... du willst sie schließen helfen, die unüberbrückbare Kluft ...
Oh, wenn dir das gelänge -- ja, wenn du auch nur standhaft, gläubig, heilig genug wärst, dein Leben zu setzen an dies Werk -- deine Antje wollte sich's nicht gereuen lassen, daß sie ihr ganzes Herz in dich, in dein Wollen und Wesen hinein verblutet hat ...
-- Horch ... die Stiege knarrt ... Tedje ... nicht ganz sicher, wie immer ... aber ... allein. Und Clas und Anders --?!
Da stand er in der Tür ... Gott ... diese Augen --
So blickt kein Mensch ... so blickt ein -- --
»Kiek ... Antje ... un dei Ollen?!«
Das Mädchen legte die Hand auf die Lippen.
Leise schwankend tappte sich der Bruder an den Tisch. In seinen gedunsenen Zügen zuckten die Gedanken, die Gefühle, wetterleuchtend von innerem Aufruhr. Jetzt legte er die rissige Arbeitshand auf der Schwester vollen Arm:
»Hest 'n arg leiw -- dien'n Kierl -- nich wohr, mien Deern?«
»Ick verstoh di nich, Tedje ...«
Nein -- sie verstand ihn nicht ... zwar seine Worte, aber nicht sein Fühlen. In seinem rohen, zerwühlten Gesicht strahlte jählings etwas selten, fast nie Geschautes auf -- eine wehe Güte -- eine schmerzvolle Liebe ...
»Wenn hei nu eens Dogs nich wedder köm' -- dat deed di weih, nich wohr, mien Deern?«
Wunderlicher Gesell -- seine Stimme zitterte -- es stand etwas in seinem Auge, das im stillen Schein des Glühdrahts blinkte wie eine Perle ... Und schon war's verwischt, hinweggeweht ... und etwas Tückisches, Lauerndes, Abscheuliches flatterte empor.
»Ick will di wat vertellen, Antje ... Clos un ick -- wi gohn hüt nacht en sworen Gang tausomen ...«
Antje saß erstarrt ... ganz Lauschen -- ganz ahnungsvolles Grausen ...
»Meuglich, dat wi tausom'n dorbi kaput gohn ... dat wi, kein ein wedder an Mudders Disch tau sitten kümmt ... Dat wull ick di seggen, mien Deern ... du sast dei Ollen grüßen van uns twei ... un wenn't so kümmt ... denn sast du Vaddern seggen, dat wi follen sünd op dat grote Slachtfeld von dei Frieheit -- as truge Söhns von't Proletariat ...«
»Um Gottes willen, Tedje -- wat hebbt ji vör?!«
Und mit dem nervösen Begreifen, das diese grausengewöhnte Zeit ihren Menschen angezüchtet:
»Den'n Damper! dei ›Dütschland‹? ... dei wöllt ji sabotieren --?!«
Tedje schwieg -- ein Satansgrinsen um die Lippen, zwischen denen die Zähne bleckten wie ein Hyänengebiß.
»Jo -- dei geiht in dei Luft, hüt nacht!!«
»Dat's nich wohr, Tedje -- dat's nich wohr!«
»So wohr as ik hüt noch hier sitt -- un morgen vellicht nich miehr ... Wi hebbt sworen, Clos un ick --!«
»Tedje --« schrie das Mädchen, »un Anders? -- Wat is mit Anders?!«
Da verzerrte sich des Bruders Gesicht zu einer Grimasse urweltentstiegenen Hasses.
»Dien Kierl -- hahaha! Dien Kierl! Weißt du, wer dat is? 'n Spitzel is hei, 'n ganz hundsgemeinen Verräter!«
Und in grellen, abgerissenen Sätzen stieß er heraus, was er wußte von Anders Niemann. Daß er in Wahrheit Heinz Freimann sei -- und daß er um halb zehn das Fräulein Carstensen treffen wolle, seine Braut, um ihr den Anschlag seiner Kameraden zu verraten.
»Öwerst doar hett hei keen Glück mit -- Clos Mönkebüll bliwt em op de Hacken ... hei mutt met op dei Werft ... Un wenn wi annern in dei Luft gohn, denn geiht hei mit! Un wenn hei sich vörher muckst, dann sitt em Clos sien Messer twüschen dei Rippen!«
Entgeistert hatte Antje der entsetzlichen Kunde gelauscht. Nun saß sie noch immer bewegungslos, unfähig, das Unfaßbare in sich aufzunehmen.
»Na, Deern, wat seggst nu tau dien'n Kierl?! Dat heff'k di seggen wullt -- dat du weißt, wat hei vör'n Halunk weur -- un dat hei nich wert is, dat du di üm em grämst, wenn hei verswinnt op Nimmerwedderseihn ...«
»Tedje!« schrie Antje. »Dat dörft ji nich -- ji dörft em nix dauhn! Ji kennt em nich -- öwerst ick, ick kenn' em ... Ick heff dat jo allens wußt, von'n iersten Oogenblick an heff ick dat wußt, donn all, as ick em seih'n heff an Mudders Disch ...«
»Dat -- hest du -- wußt?!«
»Dat heff ick, Tedje ...« Und in jagenden Worten versuchte sie dem Bruder klarzumachen, was den Kapitänleutnant Heinz Freimann heruntergezogen in die Welt der harten Handarbeit ums tägliche Brot ...
Tedje Tietgens hatte sich in einen Stuhl fallen lassen. Er ließ der Schwester angstgehetzte Schilderung über sich hinbrausen -- im Anfang mit hämischem Grinsen -- dann immer gebannter ... immer verstörter. Fern, ganz fern dämmerte etwas herauf -- eine Ahnung, ein mattes, ungewisses, hauchhaftes Leuchten ...
Nein -- nein -- das durfte nicht sein ... Der Traum von der roten Seligkeit, die moskowitische Prophetie hatte in Tedjes zerfahrenes, verludertes Leben etwas wie einen Sinn, ein Ziel, eine Hoffnung hineingebracht ... An das alles klammerte er sich verzweifelt an, um nicht ins Bodenlose zu sinken ... Brüsk raffte er sich auf:
»So -- nu is't 'naug, Antje! Hest di gaud besabbeln loten, Deern -- ick fall' do nich op 'rin! Allens Swindel, allens Kaptalistenhumbug! Adjüs, Swester -- ick heff di seggt, wat ick weit -- nu mok, wat du wullt ... grüß dei Öllern -- un wenn wi nich wedderkomen -- denn vergeet mi nich ganz, heurst?«
Er faßte die Schwester an beiden Schultern, wie er's so oft getan -- preßte sie an sich in wilder, verzweifelter Zärtlichkeit -- riß sich los -- stürmte hinaus, die hölzerne Stiege hinunter polterten seine schweren Schuhe, die Tür fiel drunten ins Schloß, auf der Straße verklang sein Schritt.
An allen Gliedern schlotternd, stand Antje. Über ihre zuckenden Wangen stürzten die Tränen.
Was tun? Was tun?!
Die »Deutschland« sabotiert -- Antje wußte, was das bedeutete. Die H. T. L. -- die United Transatlantic Lines -- die Hammonia-Werft -- alles brach zusammen. Ach -- und ihre kleine Welt? Die Welt ihres armen, gemarterten Herzens? Der Bruder -- Clas -- verloren beide ... diese enge, geliebte Stube -- morgen wird sie widerhallen vom Jammer der Verzweiflung ...
Und Heinz --! Wo war er? Sie wußte es nicht -- kein Schatten einer Ahnung ... Nur das eine war gewiß: Er war in den Händen der zwei Männer, mit denen er seit einem Jahr Wachen und Schlaf geteilt -- die er als seine Freunde, sie wußte es, geehrt und geliebt -- nun waren sie binnen einer Stunde durch ein unbegreifliches Schrecknis seine Todfeinde geworden ...
Auch er -- verloren -- verloren ... und damit das letzte, was ihres eigenen Lebens ganzer Sinn und Inhalt geworden war.
Was tun?! Es gab nur eine Antwort, nur eine Lösung:
Zu ihr -- zu der andern -- zu seiner Braut. Wenn einer noch retten konnte -- dann war sie es -- sie -- und die Menschen, die sie umgaben -- die Klugen, die Starken, die Mächtigen.
Und schon stand Antje in Hut und Mantel, schon raste sie die Treppe hinunter.
Zu ihr ... zur Schwester ihres Leides ...
6
Aus ungezählten hellerleuchteten Fenstern strahlte Haus Freimann die Siegeshoffnung seines Herrn in die Märznacht -- in die kahlen Parks und Baumarkaden um die vornehmste Villenstraße Deutschlands.
Die Yankees waren keine zugeknöpften Engländer -- sie waren freimütige Söhne eines freien Landes. Es war ihnen wohl in dieser Stunde, durch die ein warmer Hauch von Versöhnung, von Menschlichkeit, von Hoffnung flutete. Und sie hielten's nicht für Raub, sich behaglich zu geben, wo sie sich behaglich fühlten.
Die Herren waren im Salon beisammen, in Gruppen um kleine Tische verteilt. Frau Johanna inmitten -- strahlend in Hoffnung und Güte. Manch offenes Männerwort wurde gesprochen. Die Deutschen konnten sich manchen lange getragenen Groll von der Seele reden.
Hinüber und herüber flog's -- Anklagen, Bitterkeiten -- grundlose und tief berechtigte hüben und drüben ...
Und doch über dem allen eine geheime Entspannung. Man sah sich, man fühlte sich wieder -- man sprach sich aus ... man fing an, einander zu begreifen ...
Die Jugend im Saale hatte kurzen Prozeß gemacht. Ihr Lebensdrang, ihr Freudebedürfnis hatte den großen Abgrund schnell überbrückt. Misses und Jungmädchen, Jungherren und Gentlemen drehten sich längst im Onestep, im Boston, im Tango ...
Zwar fehlte von den beiden jungen Königinnen dieses Abends die eine: Ilse Carstensen hatte sich nach aufgehobener Tafel für eine Stunde entschuldigen lassen. Die war längst herum -- aber vergebens schauten die jungen Ingenieure und Abteilungschefs vom Patterson-Konzern sich die Augen aus nach der schlanken blonden Hamburgerin. Bessie aber konnte sich kaum des Ansturms der kriegsgestählten Jünglinge erwehren, auf deren Fräcken -- nu jrade! -- die Eisernen Kreuze von verbrausten Schlachten, von verschmerzten Leidensjahren erzählten.
Wie ein Turm ragte Bob Timmermanns' Hünengestalt, leuchtete sein blonder Schädel, flammte sein blonder Bart über dem Tanzgewühl. Er brach sich und seiner Tänzerin Bahn wie seine Schiffe durchs Wellentosen des entfesselten Ozeans ... Aber immer wieder sah man in seinem Arm das straffe Körperchen der munteren Bessie, an seinem breiten Männerbusen das kapriziöse Köpfchen mit den weißblonden Wuschellocken. Und im Gewühl neigte der Riese den kantigen Friesenschädel, schmachtete das Schelmengesicht zu ihm empor:
Bär du -- Hunnensohn -- du gefällst mir ...
Musik verklingt -- Gewühl beruhigt, entwirrt sich ...
Zu Bob Timmermanns tritt auf leisen Sohlen, in Eskarpins und Seidenstrümpfen, korrekt gefältelten Gesichts der greise Charlie:
»Herr Generaldirektor -- eine Sekunde, wenn ich bitten darf ...«
»Schön -- verzeihen Sie, Miß Bessie ... Gehen Sie hinaus«, flüsterte Timmermanns dem alten Diener zu. »Ich finde Sie draußen ...«
Verflucht! Jedenfalls etwas Unangenehmes ... Eine Meldung von der Werft ... Nur jetzt keine Krise, nur jetzt nicht ...
Beim Hinaustreten erkannte er sofort die junge Dame im schlichten Lodenmantel ... die Sekretärin des Hausherrn.
»Fräulein Tietgens -- was gibt's?«
»Herr Generaldirektor -- heut nacht um drei Uhr soll die ›Deutschland‹ in die Luft gesprengt werden.«
»So -- --« sagte Bob Timmermanns tonlos. »So -- -- Erzählen Sie, Fräulein.«
»Herr Generaldirektor -- ist Fräulein Carstensen wieder im Saal?«
»Nein -- sie hat sich vor -- es muß schon länger als eine halbe Stunde sein -- sie hat sich entschuldigt -- Kopfschmerzen -- ist nach Hause gegangen -- wollte bald wieder hier sein. Aber was hat das mit -- mit der ›Deutschland‹ zu tun?«
»Sie -- ist nicht -- wiedergekommen?! Ich war vor zehn Minuten schon einmal hier, um nach Fräulein Carstensen zu fragen -- man sagte mir, sie sei nach Hause gegangen -- ich ging zur Villa Carstensen ... Da ist sie auch nicht ... ist überhaupt gar nicht da gewesen ...«
Robert Timmermanns griff sich an den Kopf. »Sie machen einen ganz verständigen Eindruck, Fräulein -- aber alles, was Sie mir da erzählen -- bitte, nehmen Sie sich ein wenig zusammen -- und sagen Sie mir kurz und bündig, was Sie zu sagen haben.«
Und nun erzählte Antje. Ihr Bericht war klar wie ein Diktatbrief ihres Chefs.
Der Generaldirektor hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu, ohne sie auch nur durch einen Ausruf, einen Laut zu unterbrechen.
»Fräulein,« sagte er dann mit einer Gelassenheit, durch die nur leise das Beben seiner Erschütterung hindurchschwang, »Sie wissen, was auf dem Spiele steht. Die Amerikaner dürfen's nicht merken -- Sie verstehen mich. Ich werde niemanden benachrichtigen als -- als meinen Bruder, der glücklicherweise drinnen im Saal ist. Und, Fräulein -- Ihren Herrn Chef werden wir auch in Kenntnis setzen müssen.«
Er winkte dem alten Charlie -- der stand wie eine Mumie an der Saaltür, hinter der eben jetzt aufs neue die lockenden Tanzweisen aufquirlten.
»Kennen Sie meinen Bruder, den Leutnant Timmermanns? Ich muß ihn sprechen. Holen Sie ihn heraus -- und auch den Herrn Präsidenten. Aber so, daß es nicht auffällt -- verstanden?«
Der Diener nickte wortlos. Die Saaltür öffnete sich, eine Sekunde lang blitzte das Fest in die Dämmerung der Diele hinaus, jubilierten die Geigen, rauschten die Akkorde des Flügels, schwebte der Tanz einher. Antjes Seele schrie. Bob Timmermanns stand unbeweglich, das harte Gesicht in scharfem Überlegen zusammengekrampft.
Im Augenblick, da der Alte die Tür von draußen schließen wollte, schlüpfte ein zierliches Figürchen an ihm vorüber, von perlmutterfarben schillernden Pailletten überrieselt, spähenden Blicks -- Bessie ... Hatten ihre Indianersinne die Witterung des drangvollen Moments?
»Verdammt -- die fehlt uns gerade ...« zischte Timmermanns.
Aber schon hatte Bessie ihre Freundin Antje erkannt. Sie raschelte heran, streckte beide Hände aus.
»Oh, das ist schön, daß Sie kommen, Miß Antje. -- Ich habe mich den ganzen Abend nach Ihnen gesehnt! Warum sind Sie nicht auf dem Fest? Sie gehören doch auch dazu ... Ich wette, Sie haben wegen dieses Schiffes mehr Briefe geschrieben als alle anderen Menschen zusammengenommen! -- Aber -- was haben Sie? Sie sind ja so aufgeregt? Und auch Sie, Mister Bobbie.«
Sie ließ sich nicht beruhigen. »Nein, nein, mir macht keiner was vor -- stimmt etwas nicht in Ihrem Stapellauf? Es wäre entsetzlich ...«
»Fräulein Bessie,« sagte Timmermanns, der von ihrem hastigen Englisch natürlich keinen Ton verstand, aber den Sinn ihrer Fragen erriet, »gehen Sie ruhig wieder hinein -- ich komme gleich zurück, Sie haben mir den nächsten Boston versprochen ... Fräulein Tietgens hat etwas Geschäftliches mit mir zu bereden -- zu Unruhe ist nicht die leiseste Veranlassung ...«
Umsonst -- da kamen schon die Herren -- der Leutnant, der Präsident. Und Bessie war nicht abzuschütteln ...
»Nein, nein, ich gehe nicht fort ... Ich will wissen, was los ist ... Vor allem will ich wissen, wo Miß Ilse ist ...«
Es blieb nichts übrig -- man mußte in ihrer Gegenwart Antjes Bericht entgegennehmen.
Mit der letzten Anspannung seiner Willenskraft hörte Georg Freimann seine Mitarbeiterin an. Was die sagte, war unbesehen als Wahrheit anzunehmen. Aber -- -- welche Kunde!!
Die »Deutschland« in Gefahr -- Ilse verschwunden -- Heinz wiedergefunden, aber in höchster Not ...
Ein Schwindel wollte den Reeder umwerfen. Gewaltsam raffte er sich zusammen -- und übernahm sofort die Führung.
»Miß Bessie, Sie haben gehört und verstanden, nicht wahr? Ich erwarte von Ihrer Freundschaft zu uns allen, daß Sie Ihrem Vater und Ihren Landsleuten gegenüber schweigen werden. Versprechen Sie mir das?«
Das Mädchen kämpfte vergebens mit den Tränen. »Miß Ilse!« stammelte sie schluchzend, »o Gott, wo ist Miß Ilse?!«
»Davon später! Ihre Hand, Miß Bessie -- Sie werden die Ihrigen nicht unnütz und vorzeitig beunruhigen? Gut -- so bleiben Sie ... Herr Generaldirektor -- Sie übernehmen ja wohl den Schutz der Werft. Mein Wagen wird Sie zum Hafen bringen. -- Sie alarmieren die Hafenpolizei, außerdem werde ich Ihnen noch zwei oder drei Ihrer jungen Herren herausschicken ... Genügt das? Oder haben Sie noch Wünsche oder Fragen?«
»Nein, Herr Präsident!« sagte Robert fest.
»Gut -- so bleiben zwei weitere Fragen: Wo ist Fräulein Ilse Carstensen -- und wo ist mein Sohn? Haben Sie eine entfernte Vorstellung, Fräulein Tietgens, was mit den beiden geschehen sein könnte?«
»Nein, Herr Präsident«, flüsterte Antje. »Nicht die leiseste Ahnung ... Aber ich fürchte, ich fürchte ...«
»Was fürchten Sie?!«
»Ich weiß -- daß mein Bruder ...« Schamglühenden Gesichtes verstummte sie.
»Ihr Bruder hat schon seit Monaten Fräulein Carstensen beunruhigt --« sagte Robert. »Wir wissen es, Fräulein Tietgens. Glauben Sie, daß -- halten Sie es für möglich -- -- mein Gott, das wäre ja entsetzlich ...«
»Ich ... kann mir wenigstens Fräulein Carstensens Verschwinden -- nur auf diese Weise erklären --« stammelte das gepeinigte Mädchen.
»So ... das ... halten Sie für möglich«, sagte Georg Freimann durch die Zähne. »Und wohin könnte er sie ... mein Himmel -- -- Hamburg ist groß ...«
Verzweifelt zuckte Antje die Achseln.
Die kleine Bessie hatte bislang stumm und gespannt gelauscht. Jetzt trat sie hastig einen Schritt vor:
»Ich weiß, wo Miß Ilse ist! Mister Freimann, geben Sie mir einen tapferen jungen Mann zur Begleitung, mehr brauche ich nicht. Mister Timmermanns soll sich Polizisten holen, ich werde mir auch Polizisten holen. Aber außerdem brauche ich einen tapferen und eleganten jungen Mann zur Begleitung. Geben Sie mir den, ich werde Miß Ilse finden und befreien.«
Sie ließ sich auf keinerlei weitere Erklärungen ein. Aber ihre Bestimmtheit hatte etwas dermaßen Ansteckendes und Beruhigendes --
»Gut«, entschied Georg Freimann. »Sehen Sie sich diesen Herrn da an -- Sie wissen, es ist der Bruder des Herrn Generaldirektors Timmermanns -- würde der Ihren Ansprüchen genügen?«
Bessie musterte den Leutnant mit scharfer Prüfung.
»Er tanzt sehr gut, dieser Herr -- er hat auch sehr viele Orden, also ist er jedenfalls sehr tapfer gewesen -- er genügt mir. Kommen Sie, Mister Timmermanns.«
»Ich vertraue Ihnen Fräulein Bessie an, Herr Leutnant«, sagte Freimann. »Ich weiß, Sie werden sich eher in Stücke reißen lassen ...«
»Dessen können der Herr Präsident sicher sein«, sagte Armin.
»Gut -- so bliebe noch zu überlegen, ob wir nichts für meinen -- Sohn tun können ...«
Und abermals stand Antjes zuckendes Gesicht in dunkler Glut.
»Er wohnt bei meinen Eltern ... Wenn er irgendwo zu finden ist, dann ist er dort ... Ich will hingehen ... Es ist wenigstens eine entfernte Möglichkeit ...«
Wiederum griff die kleine Amerikanerin ein. »Wir gehen nachher alle mit Ihnen, Miß Antje, und suchen den jungen Mister Freimann. Vorher aber suchen wir Miß Ilse -- und Sie, Sie gehen mit uns. Wir werden in die schlimmen Viertel gehen -- und Sie, Sie kennen sich aus in den schlimmen Vierteln ... Miß Ilse haben wir in einer halben Stunde -- dann ist immer noch Zeit, Mister Freimann zu suchen ...«
»Miß Bessie,« sagte der Präsident, »ich mache mir schwere Gewissensbisse, Sie ohne Zustimmung Ihres Vaters in ein Abenteuer --«
»Oh, oh, Mister Freimann, nein, nein. -- Sie werden doch meinen guten +Daddy+ nicht aufregen! Ach nein, der ist solche kleine Überraschungen von mir gewohnt ...«
»Jedenfalls ist es mir eine große Beruhigung, Fräulein Tietgens, daß Sie mit von der Partie sind ... Mein Gott, welche Zeit, welche Zeit ...«
»Herr Präsident,« sagte Robert Timmermanns, »es ist jetzt alles aufs beste überlegt. Gehen Sie ruhig zu Ihren Gästen zurück -- die dürfen unter keinen Umständen etwas merken. Dazu brauchen Sie ihre Nerven. Alles andere überlassen Sie ruhig Ihren Getreuen ...«
Als die drei jungen Ingenieure der Werft, die Georg Freimann zusammengesucht hatte, sich im Vestibül einfanden, trafen sie den Generaldirektor bereits im Pelz. »Vorwärts, vorwärts, meine Herren ... das Auto wartet ... Ich erkläre Ihnen draußen alles.«
Armin strahlte wie ein Sekundaner beim ersten Rendezvous, als er der kleinen Amerikanerin den Arm bot. »Gnädiges Fräulein -- ich habe in Krieg und Frieden manche nächtliche Streife mitgemacht -- aber noch nie mit einer Dame am Arm ...«
Bessie, bis zur Nasenspitze in einen Sealpelz von märchenhafter Kostbarkeit gehüllt, schob ihre feste kleine Rechte in den straffen Arm ihres Kavaliers -- mit der Linken zog sie Antje an sich heran.
»Wir werden gehen an ein sehr schlimmes Platz ... Ich noch nicht weiß, wie zu kommen hinein ... Ich werde sein ein kleines Mädchen von der Straße ... und will gehen mit Sie zu solch eine Platz, wo er will bleiben mit ihr in diese Nacht ...«
»Donnerwetter!« schmunzelte Armin. Aber er schämte sich sofort. Die Lage war verteufelt ernst.
Die drei traten in den Park hinaus. Ein frühlingslauer Nachtsturm tobte ihnen entgegen.
»Also kommt ... Ich weiß sehr genau das Weg ... nur ich weiß nicht, wo zu finden das nächste +Police office+ ...«
»Das weiß ich«, sagte Antje. »Aber schnell, schnell, Miß Bessie ...«
Unter den sturmgepeitschten Ulmen des Harvestehuder Weges warteten das Carstensensche und das Freimannsche Auto. Wenige Sekunden später sausten beide davon -- das eine zum Hafen, das andere zur Neustadt.
Georg Freimann aber hatte schon längst mit strahlendem Gesichte den Saal betreten. Der Tanz war wieder flott im Gange. Amerika und Deutschland plauderten, flirteten, stepten, becherten um die Wette. Es war nichts vorgefallen -- gar nichts.
»Ich gratuliere Ihnen, lieber Freund«, sagte Elias Patterson und klopfte dem Hausherrn bewundernd auf die Schulter. »Ein ganz entzückendes Fest -- ein glückliches Omen für morgen -- und ein vielversprechender Auftakt für die Reihe von angenehmen Tagen, die Ihre Gastfreundschaft uns bereiten wird ... Ihr seid doch Mordskerle, ihr Deutschen ...«
7
Entsetzlich, mit solch aberwitzigen Träumen ringen zu müssen -- -- und sich nicht wachkämpfen zu können ... Es war ja, dem Himmel sei Dank, nur ein Traum, das alles ... Gleich würde sie aufwachen ... in ihrem behüteten Bettchen daheim -- und die abscheuliche Vision abschütteln mit einem befreienden Aufatmen ... diese ekelhaften Wahnbilder von einem angstvollen Gang durch den Freimannschen Park -- um irgendwen -- wen nur? -- zu treffen -- von einem Auto, in das man vertrauensvoll einstieg, um diesen jemand zu finden. Von einer frechen Umarmung -- einem abscheulichen, süßlichen, erstickenden Geruch -- von mühsamer Gegenwehr gegen ein grausiges, unfaßliches Etwas, das sich auf Lunge und Willen stürzte ...
Himmel, wie schwer der Schlaf -- wie mühsam dieser Kampf um das erlösende Erwachen ... Eine Angst schwoll in Ilses Brust. -- Mein Gott -- wenn das alles am Ende gar kein -- Traum -- gewesen wäre -- sondern --
Mit letzter Anspannung rüttelte Ilse an den verschlossenen Pforten des Erwachens -- nun richtete sie sich empor, nun riß sie krampfhaft die Augen auf -- -- und schloß sie sofort wieder, von Grausen durchfröstelt bis ins Mark. Nein -- der Traum war noch immer nicht abgeschüttelt ... oder -- --?!
Und abermals hob sie mühsam die Lider -- -- und sah -- -- und sah -- -- sah sich -- -- nicht im Nachtgewande, nicht in ihrem behüteten Bettchen -- nein, in ihrem meergrünen Gesellschaftskleide, mit bloßen Schultern, denen der pelzgefütterte Abendmantel entglitten war -- -- wo? Auf einem verschlissenen verstaubten Diwan, inmitten eines Berges abgeschabter Kissen, die nach alten, schlechten Parfüms und kaltem Zigarettenqualm rochen ... verknitterte Samtportieren -- ein Taburett, darauf ein Sektkühler mit zwei goldenen Flaschenhälsen -- zwei Schalen, in denen die Perlen leise knisternd aufstiegen ...
Wahnsinn!! Gegenüber ein aufgeschlagenes Bett ... aufgleißend im matten Schein einer roten Ampel ...
Und neben dem Bett saß ... ein Dämon ... ein Tier mit lauerndem Basiliskenblick ... er ... der Kerl ...
Ein einziger wilder Schrei des Entsetzens -- dann hatte Ilse begriffen. Und schon hatte sie sich gefaßt. Sie erstarrte in der Haltung einer unnahbaren Königin. Sie wußte, daß sie verloren war. Und ihre Hände tasteten, ihre Augen spähten umher nach einem Werkzeug, sich die hämmernden Adern zu öffnen.
»Na, mien Deern -- glücklich opwokt!« grinste der Unhold. »Wat heff ick di seggt --?! Mien Kamroden in Rußland -- --«
Seltsam -- Ilse Carstensen empfand eigentlich keine Angst. Nicht ein Mensch, ein Deutscher, ein Landsmann -- ein betrunkener Gorilla ... Was diese glotzenden Augen heischten, diese zusammengekrampften Fäuste zu erzwingen willens waren, das war vollkommen unmöglich -- das würde nie geschehen. Und ihre schmalen Lippen sprachen im Ton unsäglicher Verachtung über den Abgrund der Klassen hinüber:
»Ich wünsche ungestört zu bleiben. Machen Sie, daß Sie fortkommen!«
Über Tedjes Haupt klang in diesem Augenblick ein dunkles Rauschen. Er kannte es -- aus den Erzählungen seiner Kameraden im Felde, wenn eine größere Unternehmung bevorstand. Dann hatte der oder jener seiner liebsten Kriegsgesellen ihm heiser flüsternd dies Gefühl beschrieben ... und von denen, die sich solchermaßen ihrer Angst zu entlasten versucht hatten, war niemals einer wiedergekommen.
Da ächzte der wilde Tedje -- und in seinem fiebergeschüttelten Körper schäumte gieriger Lebenshunger, quälender Durst nach Helle, Glück, Genüssen empor ... Die Stunde war da, die er ewig ersehnt hatte. Die lichte, die obere Welt ... Die Welt, die nichts von Schmutz und Schweiß, von Frost und Hunger, von eintönig freudloser Arbeit und stumpfsinnigen, tierischen Genüssen weiß. Die Welt voll Inhalt, voll Seele, voll Sinn ...
Und wie sie da vor ihm sich auftat -- das Sinnbild seiner Träume, in seiner Hand, ihm verfallen, wehrlos, rettungslos -- da fühlte, da wußte sein dumpfgrübelndes Hirn, daß er sie ja doch nie erfassen, nie besitzen, nie -- haben könnte ... Sie an sich reißen, wie man ein kostbar gebundenes Buch rauben mag, ein Buch, dessen Lettern man nicht lesen kann -- ja, das vermochte er ... Ein solches Buch kann der Räuber verschmutzen, zerreißen, zerstampfen -- begreifen, erfassen, erleben kann er es nicht.
Das alles schoß als mystisches Ahnen durch den Kopf des wilden Tedje ... Das lähmte ihm den gierenden Willen, den tierischen Trieb. Ein grenzenloses Mitleid mit sich selber überkam ihn, ein tiefer Ekel vor der schmutzigen Niedrigkeit seiner Existenz, aus der er selber nichts zu machen gewußt. Selbst seine Schönheit, die ihm unzählige Frauen seines Bereichs als willenlose Beute in die Arme getrieben, seine Manneskraft, der Dunst der Gefährlichkeit, der ihm den Respekt seiner Feinde, sogar seiner Vorgesetzten im Felde verschafft hatte -- in dieser Frau erweckte das alles nichts als Ekel und Abscheu -- kaum Haß, ja nicht einmal Furcht, nicht einmal Abwehr ... Die Welt seiner Sehnsucht lehnte ihn ab, stieß ihn aus, ganz selbstverständlich, ganz tatlos, durch ihre bloße Gegenwart, durch ihre eisige Fremdheit, ihre weltenweite Ferne ...
Gut denn -- und wenn er sie denn niemals haben, niemals erleben soll -- die Welt seiner Träume -- so soll sie wenigstens zertrümmert sein.
Langsam, von Selbstekel und Zerstörungswollust geschüttelt, erhob sich der wilde Tedje. Geduckten Hauptes, wie der Kampfstier in die Arena schreitet, tappte er auf das niedere Tischchen zu, auf dem die goldbehalsten Flaschen, die gefüllten Kristallschalen seine Sehnsucht höhnten. Und da fuhr auch das Mädchen empor. Jetzt hob der Mann die arbeitsharte Tatze, sie krampfte, sie krallte sich zusammen, die blassen Schultern der »Zarentochter« mit wütendem Griff zu packen. Da nahm Ilse Carstensen mit einer gelassenen Bewegung eine der Sektschalen und stieß sie dem Bedränger ins glutgedunsene Gesicht, daß sie klirrend zersprang.
Tedje taumelte, von Wein und Blut überströmt -- und fühlte zugleich eine Faust in seinem Nacken. Die Tür hinter ihm war aufgeflogen -- ein Herr im Frack -- Schutzmannshelme -- --
Aber schon hatte der Arbeiter sich losgemacht. Ein Sprung -- ein Griff in das aufgeschlagene Bett -- die Daunendecke flog dem Befrackten entgegen, umhüllte ihn sekundenlang, daß er wankte -- den nachdrängenden Beamten in die Arme sank -- -- und jetzt -- Höllenspuk! jetzt klaffte an der Wand zwischen Bett und Diwan ein meterbreiter schwarzer Spalt ... ein Hohngelächter gellte -- der Spalt schloß sich --
Tedje Tietgens war verschwunden -- wie weggeweht.
Ein Beben rann durch Ilse Carstensens hochaufgerichtete Gestalt. Ein Schrei des Entsetzens und der Erlösung zugleich ...
Und schon war das enge Gelaß mit Menschen wie gestopft. Armin Timmermanns hatte sich freigemacht, schoß auf Ilse zu:
»Zur rechten Zeit gekommen, gnädiges Fräulein?!«
Stumm nickte das Mädchen -- bot ihrem Retter die eiskalte Hand. Der zog sie ritterlich an die Lippen ... Und jetzt -- jetzt schwirrte ein helles Triumphlachen -- und da streckte Bessie der geretteten Freundin ihr festes Händchen entgegen, fiel ihr jauchzend und schluchzend um den Hals ... und jetzt -- hoch lauschte Ilse auf -- durch das wirre Brausen erregter Männerstimmen hatte sie eine Stimme vernommen --
Gewimmel der Polizisten, die alle Möbel abrückten, Teppiche und Bilder aufhoben, um nach der Feder zur geheimen Tür zu fahnden, durch die der Attentäter verschwunden war.
Sie stießen eine scheußliche, schlotternde, greinende Vettel in die Mitte des Raumes ...
»Olle Düwelsbroden, wies uns dei Fedder, süß brekt wi di alle Rippen in'n Liew kaput ...«
Und jetzt -- durch die Reihen der Behelmten drängte sich ein junger Mann in einer Matrosenbluse ...
»Ilse --!!«
Da warf Senator Carstensens stolze Tochter sich an des Verlobten Brust. Vergebens Fragen, Bitten, Tröstungen. Sie weinte -- weinte -- weinte.
8
Über den unruhig wogenden Elbstrom, vom Sprühschaum umstiebt, sauste ein leise fauchendes Motorboot. Am Steven, fieberhaft nach vorn spähend, als könne sein Blick die Mitternachtsschwärze durchdringen, stand Robert Timmermanns -- den Zylinder fest in den Nacken geschoben, den Paletot überm Frack. Neben ihm ein Polizeileutnant, im Boot ein Vierteldutzend junger Ingenieure der Werft und zwölf Schutzleute, Karabiner umgehängt, Revolver im Gurt.
»In dieser Nacht, Herr Generaldirektor,« flüsterte der Polizeileutnant, »rückt die Armee der Ordnung in die Stadt Berlin ein ... Morgen früh sitzt die Regierung der Republik hinter Schloß und Riegel ... In acht Tagen herrscht wieder Zucht und Recht in Deutschland.«
»Gott geb's!« knurrte Robert. »Mir ist's im Augenblick wichtiger, daß wir noch zurecht kommen, ehe sie uns die ›Deutschland‹ in die Luft sprengen.«
Kommen wir zu spät, dachte er bei sich -- dann schieß' ich mir eine Kugel aus Armins Karabiner in den Schädel.
Schade wär's doch --! sann er grimmig. Es fing gerade an, ein bißchen nett zu werden -- das Leben. United Transatlantic Lines -- Generaldirektor -- Stapellauf der »Deutschland« -- und ich laß mich hängen, wenn ich die tolle kleine Yankeemaid nicht doch noch ein bißchen lieber habe, als ich diese unheimlich vornehme Ilse jemals hätte haben können ... Na -- wollen sehen ... Wenn mir von den Saboteuren einer zwischen die Klauen kommt, dem sei Gott gnädig ...
Auf der Werft alles still. Der riesige Würfel des Verwaltungsgebäudes zur Linken -- gegenüber das phantastische Gefüge des hochgetürmten, breit hingelagerten Helgengerüstes -- und darunter wie ein Gebirge massig aufwuchtend der dunkle Gigantenleib der »Deutschland« -- alles lag in gelassen rastendem Schweigen.
Da stieß -- des Polizeileutnants Fuß plötzlich an etwas Weiches ... Dies Gefühl kannte er -- aus hundert Nachtgefechten ...
Eine Taschenlampe blitzte auf: ein lebloser Mann -- an seinem Hals ein gräßlich klaffender Schnitt -- Blutgüsse auf Kleidern und Fußboden ... Bob Timmermanns erkannte den Toten: ein braver Werftwächter ...
»Ihr Hunde --!« knirschte er, »ihr Hunde!«
Weiter -- weiter! Heran an die Helling, heran an das Schiff! Wir dürfen nicht zu spät kommen! Da -- ein paar Gestalten, die sich niedergekauert, springen auf, rasen gehetzt von dannen. ... Schon fliegen die Karabiner an die Backen, Schüsse blitzen hinter den Fliehenden drein -- weiter! weiter! Der hastige Gang wird zum Lauf -- da sind wir am Schiffsrumpf -- steil klaftert die Eisenwand sich empor, vom Gewirr der Gerüste und Laufstege befreit, bereit, in die Flut zu gleiten ...
Schau! Glimmt dort nicht etwas am Boden?! Hölle und Teufel, eine Zündschnur ... Mit den mächtigen Tatzen zerdrückt Bob Timmermanns die Glut ... Mit dem Lichtkegel der Laterne verfolgen sie die Schnur: Da steht eine Blechkiste, groß genug, um ein ganzes Geschwader in die Luft zu sprengen ... Und da -- noch ein Toter -- nein, ein Sterbender ... Bob Timmermanns kennt das Gesicht, aber nicht den Namen ... Ein Blondkopf mit großen, halb offenen Träumeraugen -- hinter dieser Stirn hätte man alles andere gesucht als einen Dynamitarden ... Er ist gut getroffen ... aus seiner Schlagader rinnt matter schon der pulsende Strahl. Er öffnet den Mund -- will etwas sagen -- aber es kommt kaum noch ein Hauch ... Es klingt wie: Antje ...
Hast gebüßt, Gesell. Zieh hin, wo auf dich wartet, was du verdient hast.
Sie haben gut gesorgt, die Hunde. Mittschiffs eine zweite Kiste aufgebaut, am Heck eine dritte. Vor allem die Zündschnuren durchschneiden! Unnütze Vorsicht -- die haben sie nicht einmal mehr in Brand gekriegt -- außer der einen.
Der Polizeileutnant teilt eine Wache und Patrouillen ein. Das ganze Werftgelände wird abgestreift, ein paar junge Kerle, die sich versteckt hatten, werden eingefangen und unsanft vor den Leutnant geführt. Schluchzend gestehen sie ihre Teilnahme an dem Komplott. Aufgefordert aber, die Namen der Rädelsführer zu nennen, schweigen sie, halb angstvoll, halb verbissen. Einen Kameraden verraten? Das tut man nicht -- außerdem würde es einem schlecht bekommen. -- Einer ist gefallen -- kennt ihr den? Sie werden zu dem Toten geführt: Ja -- das ist der Mönkebüll.
Still liegt das weite Werftgelände, still dahinter zieht der Fluß seine Bahn zum Meer. Hamburg schläft, Altona schläft. Die paar Schüsse haben die Stadt der Arbeit nicht aus dem Schlummer geweckt.
* * * * *
Bob Timmermanns saß in seinem einsamen Bureau und braute sich einen Grog. Über ihn kam eine furchtbare Müdigkeit. Verflucht, waren das Tage gewesen ... Die Vorbereitungen für die Ankunft der Amerikaner, für den Stapellauf hatten die Direktion in fieberhafter Anspannung gehalten. Und dann -- das Fest ... der Tanz ... Die Ankunft der Sekretärin -- ihre Schreckensbotschaft -- Kleine Bessie -- wie mag's dir ergangen sein.
Des Riesen harte Züge wurden ganz weich. Er streckte sich in seinem Klubsessel, trank in bedächtigen Zügen das glühheiße Getränk -- und fiel in Träumerei. Kleine -- süße Bessie ... Ein ganzer Teufelskerl, diese tolle Neuyorkerin ... Mit ihrer ruhigen Bestimmtheit hatte sie sogar dem Präsidenten imponiert.
Hamburg ist groß! hatte er mit hängenden Armen gesagt. Und die Kleine: Ich weiß, wo sie ist ... Glück zu, Prachtkerlchen ... Wenn du das fertig bringst -- und uns unsere Ilse wiederschaffst -- dann verlange von Bob Timmermanns, daß er vom Aussichtstürmchen auf dem Helgengerüst in die Elbe springt -- er tut's.
Kleine ... süßeste ... Bessie ...
»Guten Morgen, Bob.«
Der Generaldirektor fuhr auf. Teufel -- eingeschlafen ... Vor ihm stand sein Bruder Armin -- auch er noch immer im Frack.
»Erzähl'!«
»Gerettet!«
»Erzähl'!«
»Erst einen Grog, mein Teurer ... Die Hauptsache weißt du ja.«
Ein hastiges Berichten hinüber und herüber.
»Entwischt -- Düwel un Dunnerslag!« fluchte Bob. »Gib acht, der macht uns noch zu schaffen! Ich wette, der steckt hinter allem ... und du meinst, er hat ihr nichts getan?«
»Wir sind im allerletzten Augenblick gekommen. Hat ihm einfach das Sektglas in die Fresse gehauen!«
»Die Ilse! Die Prinzessin! Kaum zu fassen! Wo ist sie nun?«
»Liegt jedenfalls im Augenblick schon mollig und weich in ihrem seidenen Bettchen ...« schmunzelte Armin. »Ja, mein guter Bob -- bei der hast du verspielt ...«
Bob Timmermanns entzündete die Spiritusflamme aufs neue. Er lachte stumm in sich hinein. Wenn du ahntest, Bruderherz ... »Zigarette gefällig?«
»Danke!« sagte Armin und füllte sich sein Etui.
»Und -- die kleine Amerikanerin?« fragte Bob -- leichthin, wie er meinte. Aber des Bruders scharfes Ohr hatte doch den Unterton gehört. Er lachte in sich hinein. Recht so ... Geld in die Familie ...
»Weißt du, was -- ich bekommen habe von der? So wahr ich lebe -- einen Kuß! -- Da leckst du dir die Lippen, nicht -- Bobchen?! Habe sie dann persönlich im Atlantic abgeliefert. Sie platzt vor Stolz. Übrigens mit Recht. Süßer kleiner Käfer -- schwärmt für dich, Bob!«
Er bekam keine Antwort. Einen Augenblick träumten beide Brüder den Wölkchen ihrer Zigaretten nach.
»Na, mein Jung,« fragte nach einer kleinen Pause Armin, »bist du nun bald soweit? Glaubst du's nun, daß Republik und Chaos das gleiche bedeuten?«
Bob gähnte heftig. »Verdammt müde«, sagte er. »Büschen happig, dieses Nächtchen.«
»Schlaf, Michel, schlaf!« sang Armin wütend. »Du wirst's nicht eher glauben, als bis du mit der ganzen Werft in die Luft fliegst.«
Bob rappelte sich auf. »Ne, Armin, du hast recht. Wenn dein Kapp es schafft -- ich war schon ein halber Republikaner -- aber dann mausere ich mich rückwärts. So geht's nicht weiter.«
»Aha -- dich ins Schlepptau nehmen lassen, wenn's gut gegangen ist! So reden sie alle -- so schwatzt dies ganze marklose Bürgertum ... Nein -- mittun -- selber handeln -- vorangehen!«
»Das mögen andere machen. Ich bin Generaldirektor der Werft -- werde morgen alle Hände voll zu tun haben, den Streik niederzuhalten.«
»So is recht -- Herr Generaldirektor! Jeder sorgt für sein Krämchen -- rettet ›die‹ Deutschland -- seine kleine ›Deutschland‹, und derweil geht das große Deutschland in die Luft -- äh -- schlappe, versumpfende Nation ...«
»Was soll ich machen?!«
»Erlaube mir, mich morgen mit einer Anzahl meiner Kameraden in Arbeiterkleidern auf der Werft einzufinden. Wir schaffen noch vor Dämmerung unsere Waffen heran ...«
»Du vergißt, lieber Kerl: der Eigentümer der Werft ist ein gewisser Senator Carstensen!«
»Der wird dir's morgen danken, daß du auch diesmal in seinem Interesse das Richtige angeordnet hast! Kommt's morgen oder übermorgen auf der Werft zum Krawall -- so greifen wir ein und treiben die Arbeiter zu Paaren ... Alle öffentlichen Gebäude, alle Werftdirektionen, alle Bahnhöfe in unsere Hand. Der rote Senat, die rote Bürgerschaft werden abgesetzt, eine örtliche Diktatur für Hamburg wird aufgerichtet, die Verbindung mit Berlin wird aufgenommen, über dem hoffentlich morgen abend die schwarz-weiß-rote Fahne weht.«
Bob war im Lauschen wach geworden. Der Schrecken saß ihm noch in den Gebeinen. Nein -- wenn sie ihm an seine Schiffe wollten -- dann hörte die Gemütlichkeit auf.
Und dann -- die Amerikaner! Sollten sie denn schon einmal das Schauspiel eines deutschen Bürgerkrieges miterleben, dann wenigstens eines solchen, der mit dem Siege der Ordnung endigte.
»Mein lieber Armin -- das läßt sich hören. Das mußt du mir noch mal genauer auseinandersetzen.«
Die Brüder steckten die Köpfe zusammen.
Draußen ragte die gerettete »Deutschland«.
Und zu Füßen des Schiffes erkaltete der Leichnam eines jungen Deutschen, der für das Vaterland seiner Träume gestorben war.
9
Tedje Tietgens tastete sich einen Seitengang im Labyrinth der Mudder Lore entlang, der, nur ihm bekannt, in einer Nebengasse mündete. Er hatte sich im Dachsbau verirrt ... hatte lange im Finstern umhertappen müssen, nachdem er das letzte Streichholz verbrannt. Bis er schließlich fast durch einen Zufall doch noch einen Ausgang gefunden. Jetzt öffnete er eine Tür, die ins Freie führte ... Vorsicht ... Vielleicht hatten die Blauen auch dieses Schlupfloch erspäht und besetzt?! Nein -- alles still ... und schon war er draußen, schob sich wie eine Katze an den finsteren, klebrigen Ziegelmauern entlang, stand auf der menschenverlassenen Wexstraße. Hastete dem Hafen zu. Er hielt einen Augenblick inne, wischte sich mit dem Rockärmel die angetrocknete Kruste aus Wein, Blut, Schweiß vom Gesicht. Seine mächtige Gestalt bebte, seine Kinnbacken knirschten vor fressender Wut.
Die »Zarentochter« war ihm entrissen. Jetzt wenigstens nicht zu spät kommen, wenn die »Deutschland« in die Luft geht ... Clas Mönkebüll wird da sein ... Und »Anders Niemann« -- hahaha! Feine, den wenigstens kriegst du nicht wieder zu sehen -- deinen »Heinz«! Der geht mit deinem Schiff in die Luft!!
Nur nicht zu spät kommen! ...
Die Turmuhren schlugen an. Verdammt ... drei Uhr ... Er beschleunigte den Schritt, stand endlich am Hafen, auf St. Pauli Fischmarkt, hart gegenüber der Werft. Dort hatten Dragomiroff und die Spießgesellen ihn erwarten wollen.
Alles tot, menschenleer. Verdammt ... also doch zu spät gekommen ... Aber -- warum ging's denn da drüben noch nicht los?!
Horch -- ein Motorboot töfft über den hochgehenden Strom -- legt zu Füßen des Lauschers an. Ein paar dunkle Gestalten klimmen die Treppe hinauf -- im Licht einer Straßenlaterne aus grauem Wirrbart das fahle Gesicht des Genossen Dragomiroff.
Tedje tut einen leisen Pfiff ... das Signal der Moskauer. Er wird erwidert ...
»Nun?«
Der Russe knirscht einen schmutzigen Fluch. »Jetzt kommst du, Scheißkerl -- jetzt, wo alles versaut und vorüber ist ...«
Er erzählte. Eine Stunde und länger hatte er mit den Genossen gewartet -- kein Clas, kein Tedje. Schließlich war Mönkebüll gekommen ...
»Allein?!« fragte Tedje heiser.
»Allein --«
»Un Anders Niemann? Ick harr em opdrogen, dat hei em mitbringen süll -- un wenn dat nich güng, denn süll hei em kolt moken ...«
»Wohl bedacht!« lobte der Russe. »Ich habe ihm nie getraut, dem Braunen ... dann wird Clas ja wohl mit ihm abgerechnet haben. Um so besser --«
»Na -- un doar dröben? Worüm is dat denn nich losgohn?«
»Da muß Verrat im Spiele sein ... Wir hatten die erste Lunte bereits angezündet -- auf einmal fallen Schüsse, Mönkebüll bricht neben mir zusammen ... Wir reißen aus, was Beine hat ... Na, und da sind wir ... Ein paar von uns scheinen sie erwischt zu haben.«
»Verdammi ... wat nu, Genosse?«
Der Russe ließ sich Tedjes Abenteuer ausführlich erzählen.
»Hundesohn!« schäumte er. »Das hast du davon, daß du in einer Nacht, die der Tat gehört, dein Säuchen hüten mußtest ... Nun erzähl' mir wenigstens alles -- ich merke, du hast noch irgend etwas hinterm Berge ...«
Und schamglühend mußte Tedje gestehen, daß er ein Telephongespräch belauscht hatte -- und dabei erfahren, daß Anders Niemann, sein Freund und Vertrauter, der Mitwisser aller Geheimnisse des Komplotts, ein Spitzel und Verräter war ...
Auf einmal hellte des Russen Gesicht sich auf. »Du -- das rettet uns vielleicht. Ein Spitzel -- ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. -- das ließe sich ausschlachten ... Laß sehen -- laß sehen ... Ich hab's, du Ochse! Gib acht: Ich nehme an, Clas Mönkebüll hat dafür gesorgt, daß der Verräter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist ... jetzt drehen wir den Spieß um. Ich habe ganz sichere Nachricht, daß heute nacht in Berlin eine große gegenrevolutionäre Unternehmung zum Klappen kommt. Glückt sie, so reagiert morgen früh das ganze deutsche Proletariat mit dem Generalstreik. Also die Stimmung wird morgen früh ohnehin ziemlich gespannt sein. Da haken wir ein. Du bist ja dank deiner kleinen Seitensprünge bei der Unternehmung gegen die ›Deutschland‹ gar nicht kompromittiert -- kannst dein Alibi nachweisen, hahaha! Du wirst morgen früh den Kollegen die Geschichte mit diesem Anders Niemann oder Heinz Freimann erzählen -- und daß der die ganze Sabotagegeschichte angezettelt hat. Er selber kann sich nicht mehr verteidigen, Clas wird auch schweigen, wenn er nicht überhaupt schon ganz stumm ist ... Hast du begriffen?«
Mit glühenden Augen hatte Tedje dem Genossen zugehört. Nun dämmerte ihm das Verständnis. Ein Spitzel -- der ein Jahr lang auf der Werft gearbeitet hat -- den sie alle kennen, die Kollegen, und der ist ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. -- und jetzt, wo der Anschlag auf den Dampfer mißglückt, ist er verschwunden ... Daraus ließ sich etwas machen.
»Also gib acht, du Schuft. Wir stellen die Sache so dar, als ob das ganze Attentat gegen die ›Deutschland‹ das Werk eines Spitzels gewesen sei -- eines +agent provocateur+, du weißt wohl, was das ist, nicht wahr?«
»Weit ick, weit ick«, grinste Tedje. »Ick begriep ganz gaud. Dei Kollegen söhlen gleuwen, dat dei ganze Sabotasch' --«
»-- nur ein Bluff der Weißen ist -- ein Mittel, das Bürgertum gegen die Arbeiterschaft aufzuputschen ... Sollst mal sehen, was das für eine bildschöne Wut gibt ... Hauptsache ist, daß der Stapellauf morgen vereitelt wird -- daß die Amerikaner den Eindruck bekommen: in Deutschland geht alles drunter und drüber ... Wie ich sie kenne, werden sie sich dann für die Weiterführung des Bündnisses bedanken -- werden abreisen und Werft und Linie ihrem Schicksal überlassen. Wenn wir das erreichen, ist so gut wie alles gewonnen. Die Verbindung zwischen dem Kapitalismus Amerikas und Deutschlands, die sich schon angesponnen hatte, reißt wieder ab -- ein Haupthindernis für das Übergreifen der Weltrevolution nach Deutschland ist beseitigt. Verstehst du mich, Tedje?«
Aufleuchtenden Auges bejahte der Bursch. Die Rache ... sie kam also doch noch ...
Aber -- wenn man ihn morgen da drüben -- wegen seines Attentats auf die Tochter seines Chefs -- verhaften ließe?!
»Du wirst nicht so dumm sein und ihnen in die Hände laufen. Bring die Arbeiterschaft nur ordentlich in Bewegung. Wenn's kocht, greift keiner ungestraft in den Topf.«
»Dat mok ick!« flammte Tedje auf. »Nich koken -- öberkoken sall dei Supp -- dat oll Timmermanns un oll Carstensen sick dei Nees' verbrennt!«
Und ich -- hab' ich die »Zarentochter« nicht gekriegt -- der andere kriegt sie wenigstens auch nicht ...
Hahaha -- du Feine! Deinen Bräutigam, den siehst du nicht wieder! Der liegt, wo Mond und Sonne niemals hinscheinen -- mit Clas Mönkebülls Messer zwischen den Rippen --!!
Und wenn die »Deutschland« nicht in die Luft gegangen ist -- die H. T. L. geht deshalb morgen doch in die Luft! Und hoffentlich die Hammonia-Werft mit ...
Und dann -- Generalstreik ... in Hamburg, in ganz Deutschland ...
Sie kommt ja doch -- kommt doch -- die Diktatur des Proletariats -- die Weltrevolution -- --!
Die rote Seligkeit -- --!!
10
An der Lombardsbrücke hatten Heinz und Antje sich von Bessie und ihrem Kavalier, dem strammen Leutnant Timmermanns, verabschiedet.
Als die beiden außer Sicht waren, zog Heinz die Hand der Freundin in seinen Arm, beugte sich nieder und küßte die fleißigen Finger. In Dank und Wehmut schwoll ihm das Herz.
»Antje --« sagte er leise -- »Antje ... alles hast du gerettet -- die ›Deutschland‹, die Werft -- die -- Linie -- meines Vaters Lebenswerk -- meine Ilse -- mich selber -- alles ... Mädchen, Mädchen -- wie soll ich dir danken?!«
Sie schritten den neuen Jungfernstieg entlang. Die träge Wasserfläche der Binnenalster kräuselte sich kaum -- der Märzsturm, vom starren Schirm der ragenden Hotel- und Kaufhausfronten abgefangen, brauste nur droben in den Lüften und hetzte dichte Wolkenzüge, die selten ein flüchtiges Aufleuchten des sinkenden Mondes durchstieß. Die nächtlichen Straßen wie gefegt ... an den tief umschatteten Häuserreihen hallten die Schritte des einsamen Paares gespenstisch wider.
In Antjes Seele rangen Glück und Bitterkeit. Ja, ihr -- -- euch hab' ich alles gerettet -- und ich?!
Mein Bruder flüchtig, die Polizei auf seiner Spur ... morgen vielleicht sitzt er hinter Schloß und Riegel -- weil er es gewagt hat, Blick und Hand zu einer von euch zu erheben ... und vielleicht außerdem als Schuldiger des scheußlichen Planes, den doch nur die Verführung aus dem Osten ihm eingegeben haben kann ... Der Anschlag ist mißglückt -- gottlob -- das Getöse der Explosion hätte ganz Hamburg erschüttert. Nein -- diese Sorge war man los. Der Generaldirektor war zur rechten Zeit gekommen. Aber Clas Mönkebüll? Der gute, stille, umgängliche Mensch, der sie einmal vergebens um Liebe gebeten hatte?! Was mag aus ihm geworden sein? Vielleicht ist er gefangen, vielleicht -- -- und morgen früh werden die Eltern alles erfahren -- die Kammer der »drei Söhne« wird verödet sein -- -- für lange Zeit -- vielleicht für immer ... Das stille Glück um Mudders Tisch ist zertrümmert ...
Ach, Antje -- und dein eigenes Herz?!
Er hielt, er küßte ihre Hand -- der Mann, der seit einem Jahr ihres Lebens Inhalt war ... ihres Lebens Inhalt bleiben würde ... Aus Dank -- nur aus Dank -- weil sie ihm die Braut gerettet hatte ... Ahnte er denn gar nicht -- auch nicht im leisesten -- was er ihr bedeutete? O doch, er ahnte, nein, er wußte es -- mußte es wissen ...
Pah -- was war sie ihm? Eine interessante Bekanntschaft -- aus einem Abschnitt seines Entwicklungsganges, der nun hinter ihm lag -- ein weibliches Exemplar jener fernen, fremden Rasse, an deren Erforschung er ein Jahr seines Lebens gesetzt -- ein -- Studienobjekt ... Was wußte er von ihrer Seele -- von ihrer Liebe? Was -- verlangte er von ihr zu wissen?!
Heinz wußte von ihr. Alles wußte er -- und daß er ihr ewiger Schuldner bliebe -- bleiben müßte. Denn morgen war's ja doch zu Ende -- alles, was zwischen ihnen beiden gewesen war -- dies lange, erlebnistiefe, schöne -- ja, ja! unsagbar schöne Jahr hindurch. Gott -- zu Ende? War das möglich? Durfte das möglich sein?
Denn jetzt erst -- jetzt, da es zu Ende ging -- jetzt erst, da dieses Mädchen ihm die Braut, die Zukunft, das Leben gerettet hatte -- jetzt erst ward es ihm ganz und schmerzlich klar: er liebte Antje ... nicht wie eine Freundin -- nein, wie eine Ersehnte, Unentbehrliche -- ein Stück seines Wesens, ein bestes Teil seines Lebens.
War das möglich?! Liebte er denn Ilse -- nicht?!
O ja, ja -- er liebte Ilse -- heißer, sehnsüchtiger, stolzer, hoffender denn je ... war das -- möglich?!
Es war Wirklichkeit ... eine Wirklichkeit, zu schön, zu groß, zu hold für diese Erde ...
Er mußte wählen -- er hatte gewählt. Was ihn zu diesem Mädchen zog, das da so still, so dunkel, so leidvoll neben ihm schritt -- dem er so viel, dem er verdankte, was er niemals vergelten konnte -- das mußte er niederzwingen -- das durfte sie nicht einmal ahnen.
Er raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen, hastig, in halb scherzhaftem Ton fröhlicher, dankbarer Kameradschaft. Sie soll sich nicht grämen um ihren Bruder. Tedje wird Verzeihung erhalten. Für alles -- für sein Vergehen gegen Ilse -- für seinen Anteil an dem -- gottlob -- vereitelten Plane dieser Nacht -- für seine Wühlarbeit auf der Werft. Man wird für ihn sorgen -- so daß er sich emporarbeiten kann -- er ist ja so begabt, so energisch. Nur mißleitet ist er -- man wird ihn auf den rechten Weg bringen.
Ob er wohl glaubt, was er da sagt? dachte Antje. Sie fühlte den herzlichen Willen des Freundes, ihr Gutes und Aufrichtendes zu sagen. Das machte sie froh -- nur helfen konnte er ihr nicht.
In tiefer Nachtstille lag die gewaltige Stadt. Die Schritte des einsamen Paares hallten wider an den vielfenstrigen Fronten der stattlichen Kaufhäuser, der hochgetürmten Bank- und Handelspaläste. Seine Welt -- die ihn nun wieder an sich zog, ihn halten würde. Und sie -- sie wird vergessen sein -- wenn nicht morgen, dann übermorgen.
Ihre Seele weinte, rang, schrie -- er hörte es nicht, sollte es ja auch nicht hören -- nein, das sollte er nicht. Für Mitleid hatte Antje keine Verwendung.
Heinz redete, redete ... Wieviel er gelernt habe -- in dem langen, ernsten, reichen Lehrjahr. Wie tief er allen zu Dank verbunden sei -- und daß er seinen Dank in Taten umsetzen wolle. Er wird mit seinem Schwiegervater sprechen ... Vadders Träume werden sich nun erfüllen -- in ein paar Tagen wird er Mudder in das Werkmeisterhäuschen neben dem Werftgebäude führen können. Und auch für Clas Mönkebüll wird nun gesorgt werden. Er soll nicht länger Niete setzen ... Er ist ja noch so jung -- man wird ihn auf das Konservatorium schicken -- einen tüchtigen Musiker aus ihm machen. Und dann -- dann will er selber, Heinz, sich an die Verwirklichung all der großen und rettenden Pläne machen, welche das Lehrjahr in ihm gereift. Er will auf ein paar Jahre in die Direktion der Werft eintreten ... will sofort Bildungskurse für die Begabten, Strebsamen unter den Arbeitern einrichten, Vorträge für die ganze Arbeiterschaft -- mit Lichtbildern -- die sie in den Sinn des ganzen großen Produktionsprozesses einführen. Vielleicht läßt es sich ermöglichen, die Älteren und Bewährten irgendwie am finanziellen Erträgnis der Werft zu beteiligen ...
Er redete -- redete ... Antje warf nur zuweilen ein kaum bewußtes Wort dazwischen: »Ja -- das wär' schön --« oder: »Gewiß, das könnte viel Segen stiften ...« Aber ihr Herz klagte stumm: er liebt mich nicht. Er gehört der andern -- gehört ihr allein.
Plötzlich durchkreuzte ihren Schmerz ein angstvoller Gedanke: Tedje -- -- wo war er, was trieb er in diesem Augenblick?!
Die Polizei war hinter ihm drein -- pah, sie würde ihn nicht kriegen, des war sie sicher. Aber -- was tat er, was plante er sonst?! Er war nicht der Mann, die Hände in den Schoß zu legen. Und hätte er's gewollt -- sein böser Dämon lauerte ja auf ihn, würde ihn zu neuen, entsetzlichen Plänen aufpeitschen -- der Genosse Dragomiroff ...
Nur mit halbem Ohr lauschte sie fortan den Schwärmereien des Freundes. Was würden sie aushecken in dieser Stunde -- ihr Bruder -- und der Russe?!
Es half nichts -- sie mußte den Freund warnen ...
Sie unterbrach seine eifrigen Zukunftsphantasien -- fragte ihn, was er selber jetzt zu tun gedenke. Und nun erst besann sich Heinz, daß er sich diese Frage im Drange der Ereignisse dieser wilden Nacht noch gar nicht überlegt hatte. Das war ja selbstverständlich, daß er Antje zu ihrer Wohnung begleitete ... Aber dann?! In sein Quartier zurück -- zum Hause Tietgens, um dort womöglich mit Clas und Tedje zusammenzutreffen? Nein -- das ist vorbei. Nun -- sein Elternhaus steht ihm ja offen -- aber -- dann kommt's schon morgen früh heraus, daß Anders Niemann -- -- Und -- die Arbeiter? Werden nicht die Kollegen sein ganzes Handeln aufs ungeheuerlichste mißverstehen --?
Hastige Gedanken werden jagende, einander überstürzende Worte.
»Heinz -- bedenk doch -- Dragomiroff -- und -- mein Bruder ...«
»Natürlich -- sitzt die Polizei dem auf den Hacken -- er ahnt ja nicht, welch eine Fürsprecherin er gefunden hat ... Er muß denken, ihn könne nichts retten, als wenn -- als wenn morgen --«
»-- alles drunter und drüber geht!« nickte Antje in zitterndem Eifer. »Alles drunter und drüber -- auf der Werft -- in ganz Hamburg ...«
Da war der Freihafen, da der Wolkenkratzer, in dem Antjes Pension sich befand. Und die zwei mußten wandern, wandern ... Die Vorsetzen entlang ... Schon umschritten sie den mächtigen Häuserblock der Verwaltungsgebäude an St. Pauli Landungsbrücke.
»Gewiß, gewiß,« sagte Antje, und die quälende Sorge um den Freund durchzitterte immer unverhüllter ihre sachlich verhaltenen Worte, »so kommt's, verlaß dich drauf! Sie sind zu allem fähig, die zwei!«
»Nun gut -- so geh' ich morgen früh zur Arbeit, als sei nichts vorgefallen -- und stelle mich dem Sturm.«
»Du bist wahnsinnig, Heinz! Du kennst sie nicht -- die Arbeiter! Der leiseste Verdacht -- und sie reißen dich in Stücke!! Nein, Heinz, nein -- das darfst du nicht!«
Sie preßte des geliebten Mannes Arm ... Ihre bebende Angst durchbrach den Wall der Entsagung.
Heinz fühlte den Druck, hörte das Zittern der Stimme, verstand der Freundin gefoltertes Herz. Er hätte sie an sich reißen mögen, um sie nicht zu lassen ... und hatte doch vor wenigen Stunden den Mund einer anderen geküßt, in kniefälligem Dank um ihre Rettung, um Wiederfinden, Lebenshoffnung, Glauben an nahe Erfüllung ...
O Glück, o Sehnsucht, o Schmerz ... Laßt ab, ihr ewigen Mächte, mit mir zu spielen ...
Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...
»Aber was soll ich denn sonst tun, Antje?«
»Es gibt nur eins: Du mußt zu deinen Eltern gehen, dich verborgen halten, bis alles vorbei ist ...«
»Damit der Russe und dein Bruder gewonnenes Spiel haben? Damit sie den Kollegen sagen können, ich sei verschwunden, weil ich ihre Rache fürchtete?! Dann werden sie glauben, daß die Werftleitung mit mir im Einverständnis gewesen sei -- werden das Ganze als ein Komplott der Direktion ansehen ... Und der alte Carstensen, Timmermanns, die Werft?! Nein -- das ist unmöglich -- -- ich habe die ganze Verantwortung ... Ich habe für mich allein gehandelt, ich allein muß die Folgen tragen, darf sie nicht auf alle diese Männer abwälzen, die von mir keine Ahnung gehabt haben --«
»-- was die Arbeiter aber niemals glauben werden --« warf Antje ein.
»Siehst du, siehst du! Und darum muß ich mich in Bereitschaft halten, muß im äußersten Falle meine Person einsetzen, um Zeugnis abzulegen vor der ganzen Arbeiterschaft, daß die Werftleitung nichts von mir gewußt hat, daß das Attentat auf die ›Deutschland‹ nicht mein Werk ist, nicht eine Tat der Provokation -- kurz: Für die Wahrheit muß ich zeugen -- komme was wolle!«
»Heinz, Heinz -- du bist verloren!«
»Mag sein -- Früchte meines Tuns --! Ich hab' eine Maske getragen ein ganzes Jahr lang -- ein Dasein geführt, das ein einziger großer Betrug war -- und habe Schlafen und Wachen, Dach und Speise, Arbeit und Muße geteilt mit euch ... Jetzt kehrt sich's gegen mich ... Ich bin ein alter Seemann und Soldat -- kein Drückeberger ... Ich werde mich dem Schicksal nicht aufdrängen -- aber bereit werd' ich mich halten. Ich werde -- -- jetzt weiß ich, was ich tu. Ich fahre morgen früh im geschlossenen Auto zur Werft, melde mich beim Generaldirektor Timmermanns. Kommt es zum Äußersten, so stell' ich mich den Arbeitern. So ist's gut -- so mach' ich's.«
Vergebens, daß Antje in zitternder Angst immer aufs neue den Freund beschwor, sich in seinem Elternhaus in Sicherheit zu bringen, bis der Sturm, der kommen müsse, vorbei sei ...
Nun hatten sie die Gebäude am Hafentor umschritten -- da lag die gigantische Rotunde des Elbtunnels -- und vor ihnen brauste der sturmgepeitschte Fluß -- und nun -- nun hob sich über die niederen Schuppen drüben, im ersten fahlen Morgenlicht, das Gewirr der breit hingelagerten Baugerüste der Werft. Und da -- da lag der Koloß der »Deutschland« -- unversehrt, wie ein Gebirge aufgetürmt ... Eine Ruhe strömte von ihm aus, eine Kraft -- die goß neuen Glauben in die ringenden Herzen der beiden engverbundenen Menschenkinder.
Einen Augenblick standen sie stumm und regungslos, erschüttert vom Anblick des stolzen Werkes deutscher Tatkraft, deutschen Lebenswillens, deutscher Hoffnung. Die Sozialistin, des Kaisers Offizier. Zwei deutsche Menschen -- zwei Liebende.
Es warf sie zusammen. Mit jäher Bewegung riß Heinz das Mädchen in seine Arme. Sie küßten sich. Ihre Tränen rannen.
Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...
Sie lösten sich -- sie hielten einander an den Händen. Sie suchten einer des andern Blick -- auf ihren bleichen Gesichtern lag das erste ferne Leuchten des neuen Tages. Des Tages, da die »Deutschland« sich den Wellen des großen Stromes vermählen sollte.
Und sie wußten, daß sie zu entsagen hatten. Sie wußten, daß sie die Kraft zur Entsagung finden würden.
11
Der Morgen kam. Hamburg stieg in seinen Tag.
Unter den grauen Massen der Hafen- und Werftarbeiter, die längs des Elbufers auf die Dampfbarkassen und Motorboote warteten, liefen wilde, erregende Gerüchte um. Berlin in der Hand der Gegenrevolution ... Die Regierung entflohen -- oder, wie andere wissen wollten, hinter Schloß und Riegel ... Auch in Hamburg rühren sich die Weißen ... heute nacht sind ganze Kisten mit Waffen und Munition zur Hammonia-Werft hinübergeschafft worden ... Die Republik ist in Gefahr ...
Erregte Gruppen rotteten sich zusammen, ballten sich zu immer größeren Massen, zu förmlichen Volksversammlungen. Hier und dort sprang einer, der des Wortes mächtig war, auf eine Rampe, eine Treppe, schleuderte wilde Hetzreden über die murrenden Häupter, die geballten Fäuste seiner Klassengenossen.
»Kam'roden! Proletarier! Brüder! Die Reakschon is wieder am Werk! Die Errungenschaften von die Revolution sollen euch entrissen werden! Ji söhlt wedder veertein Stünn däglich schuften statts acht! Dei Löhne söhlt jug besneden warden! Der Militarismus erhebt aufs neue sein scheußliches Haupt! Op dei Hammonia-Werft hefft sei hüt nacht söben Genossen an de Wand stellt!«
Wutschreie -- Pfiffe -- geschwungene Knüppel ...
Ein anderer wußte noch mehr:
»Spitzel sünd in'ne Gang! Aschang prowockatöhrs! Do dröben op dei Werft hett hüt nacht so'n Oos den'n niegen groten Dampfer in dei Luft sprengen wullt, öwer dei Nachtwach hett em bi't Schlaffittchen kregen!«
»Wo is dei Halunk?!« schrie's aus der Menge. »Dei mutt lüncht warden, dei Swienhund!«
Da heulte die Sirene der Barkasse. In dunklen Strömen fluteten die Erregten zur Landungsbrücke, trotteten über die schmalen Stege, schwangen sich über die Brüstung des Dampfers, fanden sich während der Fahrt zu kleineren Grüppchen zusammen. Die Jungen kreischten und hetzten: »Wi hebbt Waffen! Wi störmt dei Direkschon! Sei möten uns den'n Spitzel rutgeben!«
»Proteststreik!« schrie eine grelle Knabenstimme.
»Ne -- Generalstreik! Generalstreik!« --
Das war das Wort der Stunde.
Aber die Älteren, die Besonneneren protestierten.
»Kold Blaud, Jungs, ümmer kold Blaud! Mit Generalstreik fängt dat an, mit Utsperrung hett dat sin'n Furtgang! Dei Streikkassen sünd leddig. Dat Leben ward däglich dürer! Dei Verdeinst dörf nich afrieten -- süß köhnt wie Hungerpooten sugen.«
Vadder Tietgens hatte einen schweren Stand inmitten der Halbwüchsigen, der Ungelernten, der Kriegsverwahrlosten.
»Dat is allens Bleudsinn mit dei Sabotasch! Dat will wi uns erst mol negger bekieken!«
»Swiegt Sei man blot still, Vadder Tietgens! Ehr eigen Söhn hett mi dat vertellt! Hei loppt op dei Landungsbrügg rüm un vertellt dat jeden, dei't heurn mag!«
»Mien Söhn is en ... Dei Düwel sall em halen! En Hetzer is hei!«
»Ehr Söhn is 'n ganzen dägten Kierl! Ehr Söhn sall vör sien Kollegen op de Direkschon -- un sall uns' Forderungen vördrägen, sall oll Timmermanns dat Mul stoppen!«
Der Alte raffte sich zusammen. Auf dem Fährdampfer, der schaumumsprüht die hochgehende lehmgelbe Elbflut durchquerte, ließ er zum zweiten Male die große Rede vom Stapel, die er zehnmal hatte halten wollen -- und zehnmal wieder in sich hineingewürgt hatte aus Angst vor dem Hohngebrüll der »Halbstarken« ... bis er sie gestern abend endlich losgeworden war. Heute sprach er noch freier, leidenschaftlicher, eindringlicher ... Daß sie doch alle Deutsche seien ... Daß die »Deutschland« vom Stapel müsse, müsse -- damit der Hafen wieder aufblühe, Hamburg, das Vaterland ... Daß es Wahnsinn sei, wenn die Arbeiter gegen ihre Brotherren wüteten, ihre Führer im großen Kampf um Deutschlands wirtschaftliche Wiedergeburt ... Daß man zusammenhalten müsse, brüderlich zusammenhalten ...
Umsonst -- die Verbohrten, die Verhetzten, die Unbelehrbaren, die Unreifen brüllten den alten Mann mit rohem Gelächter nieder ...
»Generolstreik -- Generolstreik!«
»Nieder mit die Reakschon!«
»Es lebe das internationale Proletariat!«
»Es lebe die Weltrevolution!«
Drüben auf der Werft fand der alte Tietgens alles in wildester Erregung. Niemand dachte daran, die Arbeit aufzunehmen Einer erzählte es dem andern, eine Gruppe schrie der andern die Geschehnisse der Nacht zu.
»Unsern Kolleg Mönkebüll hebbt sei dotschotten hüt nacht! Sien Liek liggt in dei Hall von't Direkschonsgebäude!«
»Dei Hellingen sünd polezeilich afsparrt! Polezei is op dei Werft!«
Einer kam vom Eingang herangestürzt:
»Jungs -- Kollegen -- weet ji all dat Niegste? Dei Swienhund, dei hüt nacht dei ›Dütschland‹ hett in de Luft sprengen wullt, dat is'n Spitzel west! Un weit ji ok wer? Een von dei Nieters -- Anders Niemann hett hei sick nennt! Öwerst in Wohrheit weur dat 'n Spion! Offizier is hei west -- Marineoffizier! Kapteinleutnant! un hett en ganzes Johr op de Werft as Nieter arbeit! Un weet ji ok, wo hei heet, dei Halunk, dei entfomigte? Hei heet Freimann, Hinrik Freimann -- un is en Söhn von den'n Generoldirekter von dei H. T. L.!«
Weit offenen Mundes hatte der alte Tietgens die phantastische Erzählung angehört. Jetzt legte er dem jungen Burschen seine schwere Faust auf die Schulter:
»Dat sast du mi bewiesen, mien Jung, wat du doar snackt hest! Anders Niemann is mien Fründ -- hei wohnt as Kostgänger in mien Hus siet en Johr! Dat sast du mi bewiesen! -- Wer hett di dat seggt?!«
Der Halbwüchsige hielt den zürnenden Blick des Graukopfes aus. »Dat hett Ehr Söhn mi seggt, Vadder Tietgens!«
»Lagen is dat -- utverschamt lagen!« schäumte der Alte. »Vör Anders Niemann legg ick mien Hand in't Füer!«
Umsonst -- von allen Seiten schwirrte es heran, das entsetzliche Gerücht. Anders Niemann ein Spitzel -- ein +agent provocateur+ der Gegenrevolution ... ein Saboteur -- ein scheußlicher, schmutziger Spion und Verräter ...
Hochauf schäumte die Wut. Das war ein Bubenstreich, so abgefeimt, so bodenlos gemein, daß er nur mit einer unmißverständlichen Gegendemonstration des ganzen Werftpersonals beantwortet werden konnte.
Von Werkstatt zu Werkstatt, von Halle zu Halle, von Dock zu Dock, von Helling zu Helling schwirrten die wahnwitzigsten Gerüchte, Vermutungen, Fragen, Kombinationen.
Wie war es denn möglich, daß der Bubenstreich hatte entdeckt werden können? Vielleicht war überhaupt alles bloß ein Schwindelmanöver, um das Bürgertum gegen die Arbeiter aufzuputschen -- Stimmung für den Umsturz von oben zu machen? Die Republik zu unterwühlen?!
Aber nein -- es war ja geschossen worden auf der Werft -- und da standen sie ja am Fuß des Helgengerüstes, mit fünf Schritt Abstand, Gewehr am Riemen, Handgranaten am Gürtel -- die Würgengel des Proletariats, die Schutzengel des Kapitalismus, die Noskebrüder. In voller Ausrüstung, als wäre Krieg ... Die ganze Helling, auf der die »Deutschland« ihres Stapellaufes harrte, war abgesperrt ... Mit stummem, verächtlichem Lächeln ließen die Beamten die Flüche, die gräßlichen Schimpfworte der Wütenden über sich ergehen.
Auch droben in den weiten Gängen, Hallen, Treppenhäusern des Direktions- und Verwaltungsgebäudes fieberte die Erregung, schwirrten die Gerüchte von Kontor zu Kontor. Die Stimmung war gespalten. Ein Teil der kaufmännischen und technischen Beamten stand zur Republik, ein anderer, vor allem die meisten der ehemaligen Kriegsoffiziere, ersehnte die Gegenrevolution, die Diktatur des starken Mannes, die Wiederherstellung der alten Ordnung, im letzten Hintergrunde den Sturz der Republik, die Wiederaufrichtung der Monarchie ... Niemand dachte an Arbeit -- die ganze Hammonia-Werft stand in tollster Gärung.
Und inmitten dieses wilden Treibens wuchtete stumm, riesenhaft, herrlich die »Deutschland« -- ein Werk von Menschenhand, doch nicht leblos, seelenlos -- ein Stück Weltgeist, zu einer Wirklichkeit des Erdenlebens materialisiert ... Eine Abkürzung, ein Symbol des großen, immer noch herrlichen, immer noch heiligen Landes, dessen Namen sie in goldenen Buchstaben zu beiden Seiten des Vorderstevens und über der massigen Schwellung des Hecks trug.
* * * * *
Und wiederum fühlte sich Ilse wie eingehüllt in eine dichte, lastende Wolke, die nicht weichen mochte. Aber diesmal war es kein ängstliches, quälendes Gefühl -- eine tiefe, süße Geborgenheit, der das Herz nur ungern sich entraffte, um wieder hinauszustreben in den heischenden Tag ... Denn diesmal war sie ja wirklich daheim -- in ihrem behüteten Bette ... und alles, alles war gut ... sie war gerettet -- Heinz war gerettet ... alles -- war gut. Und Ilse konnte sich noch nicht entschließen, die Augen zu öffnen ...
Aber plötzlich meldete sich die Gewohnheit strenger Lebensführung -- das Pflichtbewußtsein. Heute: Stapellauf der »Deutschland« -- großer Tag für die Werft ... Senator Carstensens fleißige Sekretärin wird wieder einmal die erste sein auf dem Bureau ...
Mit einem Ruck richtete sie sich auf -- und schau -- an ihrem Bette saß in all ihrer lächelnden Güte Mutter Johanna. Nun legte sie die Hand auf die Schultern der Schwiegertochter, drückte sie sanft in ihre Kissen zurück.
»Aber ich muß doch zur Werft, Mama --«
»Still, Kind, still -- dein Vater will, daß du dich ausschläfst ... und ich habe ihm feierlich versprechen müssen, dich unter keinen Umständen vor dem Mittagessen aus dem Bett zu lassen. Wir fahren dann um zwei Uhr alle zusammen zum Stapellauf -- mein Mann, ich, du, die Herren von der Linie, die Amerikaner ...«
Ilse ergab sich. Es war so seltsam süß, nach langer Zeit einmal wieder betreut zu werden von Mutterhänden ...
Frau Johanna hatte tausend Fragen auf der Seele. Aber sie zwang sie nieder.
»Nur Ruhe, Ilsekind, nur Ruhe -- fürs Erzählen bleibt noch Zeit genug ...«
Das Frühstück mußte im Bett verzehrt werden -- und dann zog Johanna sich in eine Ecke zurück und Ilse blieb ihren Träumen überlassen.
Heinz kommt wieder, sang ihr Herz: Heute kommt er wieder für immer, für alle Zeit. Bald bin ich sein ... Ein neues Leben fängt an -- meines und seines -- unser Leben ...
Nein, sie war nicht geschaffen, ihre Tage auf dem Bureau, an der Schreibmaschine zuzubringen ... Sie hatte ihre Pflicht getan -- als Tochter ihres alten Hauses, ihres alternden Vaters -- mit Stolz und Freude -- aber im tiefsten Innern hatte sie sich immer gesehnt, eines gepflegten Hauses beglückte, beglückende Herrin zu sein -- wie vor ihr die lange, lange Reihe der Frauen, deren Bilder alle Wände ihres Elternhauses schmückten -- wie die Carstensens sie sich im Laufe der Jahrhunderte aus den ersten Familien ihrer Vaterstadt geholt hatten, ihnen hauszuhalten und Kinder zu schenken ...
Freilich, sie wird keine Carstensen bleiben -- sie wird eine Freimann ... Im Hause ihres künftigen Gatten hängen keine Ahnenbilder aus vier Jahrhunderten. Was tut's? Der Mann, dem sie folgen wird, ist ein zwiefach Bewährter -- ein Kriegsheld -- und hat nun auch im Leben des Alltags durch tausend Anfechtungen seinen Weg gefunden ... Wird in der vordersten Linie stehen, nun es gilt, das tief gesunkene Vaterland wieder emporzuheben. Vertrau' mir, Heinz -- vertrau' deiner Ilse ... Sie will dir die Kameradin sein, die du brauchst ... Nie mehr wird sie hochmütig, verschlossen auf die dunklen Massen herabschauen, die drunten hastend sich mühen, damit die Carstensens reich und geehrt regieren droben im Kontor -- und in prächtigen Villen wohnen ... Heinz Freimann soll nicht umsonst da drunten Niete gesetzt und in des Kranführers Hause gewohnt haben ... Zwar dieser entsetzliche Tedje ist ein Tier -- aber wer hat denn Ilse Carstensen gerettet aus seinen Händen? -- Diese Antje -- die seine Schwester ist ... und die Heinz Freimann seine Freundin nennt ...
Freundin? Ilse lächelte still in sich hinein. Sie wußte: Was Heinz für dieses Mädchen empfand, war mehr als Freundschaft ... Und das Mädchen liebte ihn ... Noch vor wenigen Tagen hatte dies Wissen ihr manche bittere, qualvolle Stunde gebracht. Nun waren die längst verflogen. Denn dies Gefühl, das zwischen Antje und Heinz war -- was wäre aus ihr selber geworden ohne diese zarte, verschwiegene Neigung? Sie wäre verloren ... Was so viel Segen gebracht, konnte es böse, gefährlich, konnte es unrecht sein?! Nein, ihr beiden tapferen, hilfreichen Menschen -- ihr sollt Freunde sein, Freunde fürs Leben. Ich vertrau' euch.
Und um dieser Rettungstat willen, Antje Tietgens, soll auch deinem Bruder vergeben sein ... Vielleicht ist er noch zu retten ... vielleicht, wenn in sein wildes Leben ein wenig Fürsorge, ein wenig Leitung kommt -- vielleicht lernt auch er noch einmal erkennen, daß Heinz Freimann recht hat: daß wir alle zusammengehören, wir armen, gepeinigten Deutschen ... ohne Gleichheitswahn, ohne Freiheitsphantom -- eingereiht zu sorgsam gestufter Gemeinarbeit ...
Oh, wie alles licht wurde, wenn man solche tröstliche zukunftweisende Gedanken dachte ... solche Heinz-Gedanken ...
* * * * *
Auch jenseits des frühlingssturmüberkräuselten Spiegels der Außenalster, in einem Hotelzimmer des Atlantic, wob der Morgentraum um eine Mädchenstirn. Bessie Patterson dehnte sich im Glück ihres Rettertums. Oh, wieviel würde sie drüben zu erzählen haben ... Sie würde interviewt werden ... Die Zeitungen würden riesenhafte Beschreibungen bringen: Junge amerikanische Lady rettet deutschen Großreeders Tochter -- Bündnis der amerikanischen und deutschen Transozeanlinien durch Heldentat junger Neuyorkerin gekittet ... Wer weiß -- vielleicht machten sie drüben aus ihren Hamburger Erlebnissen gar noch einen Film, der die Welt erobern würde ... Und alle ihre Freunde müßten darin vorkommen -- vor allem er, der ihr so stark, so tapfer, so tollkühn erschien wie eine Coopersche Romanfigur -- der dicke Bobbie ... Ach Himmel -- wie mochte es dem wohl ergangen sein heut nacht?! Nun gewiß, er war zur rechten Zeit gekommen -- wäre die »Deutschland« in die Luft gegangen, das hätte man doch wohl in der ganzen Stadt gehört ...
Ach nein -- was Bobbie anfaßt, das glückt ...
Bobbie ... du armer, dummer Hunne -- du dicker, grauer Esel zwischen den zwei Heubündeln ...
Es klopfte. »Ich bin's, Bessie -- darf ich?«
»Aber gewiß, +daddy+!«
Vater Elias trat ein, ganz verstört ... »Steh auf, Kind ... Es stimmt etwas nicht in der Stadt ... Und überhaupt in diesem entsetzlichen, versinkenden Lande ... Aus Berlin sollen Nachrichten gekommen sein: Eine Gegenrevolution ist im Gange ... Deutschland steht vor dem Bürgerkrieg ... Wer weiß, ob der Stapellauf heut nachmittag überhaupt stattfinden kann ... Vor allem aber erzähl' mir, warum du heut nacht so ganz heimlich vom Fest verschwunden bist ... Mister Freimann sagte, du hättest Migräne und seist schlafen gegangen ... Migräne? Ist ja ganz etwas Neues bei dir ... Ich wollte dich heut nacht nicht stören ...«
»Ach, +daddy+ --« lachte Bessie -- »was ich dir alles zu erzählen habe --? Du wirst staunen --!«
* * * * *
Antje Tietgens saß längst in ihrem Bureau. Das Telephon stand nicht still. Kaum war sie eingetroffen, da läutete ihr Chef von seinem Haus aus an: Er habe Nachricht aus Berlin, daß dort ein Rechtsputsch im Gange sei. Das Bureau solle versuchen, Verbindung mit der Berliner Vertretung der Linie zu bekommen. Das Postamt gab zur Antwort: Jede Verbindung mit Berlin sei unterbrochen. Aber beim Nachtdienst waren noch Stöße von Telegrammen aus der Reichshauptstadt eingelaufen. Sie meldeten: Die Truppen der Gegenrevolution marschieren mit wehenden Fahnen in die Stadt. Die Regierung ist nach Süddeutschland geflohen. Die Linksparteien werden den Generalstreik proklamieren.
Bald rief die Hammonia-Werft an, die eine eigene Verbindung mit der Linie unterhielt. Antje erkannte die Stimme des Generaldirektors Timmermanns.
»Wer ist am Apparat?«
»Tietgens ...«
»Ach, Sie, liebes Fräulein -- nun, so kann ich Ihnen gleich im Namen der Werft unsern vorläufigen Dank abstatten ... Die Sabotage der ›Deutschland‹ ist vereitelt. Leider nicht ganz ohne Blutvergießen: ein Werftwächter ist erstochen, ein Werftarbeiter erschossen worden ...«
»-- Ein Werftarbeiter?! -- Wissen Sie zufällig seinen Namen?«
»Doch -- auch das -- ein gewisser Mönkebüll ...«
Clas -- o Gott -- mein armer, armer Clas -- nun hast du sie, deine »rote Seligkeit« ... Nun schwebt deine unruhvolle Seele in den Musikantenhimmel, den du so oft heruntergezwungen auf unsere arme Tränenerde ... Still, mein Herz ... bin ja im Dienst ...
Herr Timmermanns berichtete: Die Stimmung der Arbeiterschaft auf der Werft sei sehr beunruhigt ... Er hoffe gleichwohl, der Bewegung Herr werden zu können. Wenn der Herr Präsident komme, sei ihm zu berichten, daß die Werft entschlossen sei, den Stapellauf stattfinden zu lassen. Noch Fragen?
»Herr Generaldirektor, darf ich ein gutes Wort für ... für meinen unglücklichen Bruder einlegen? Ist Ihnen etwas über ihn bekannt geworden?«
»Noch nicht, liebes Fräulein ... jedenfalls in den Händen der Polizei ist er nicht, das habe ich bereits festgestellt. Seien Sie überzeugt, daß er jede erdenkliche Nachsicht erfahren wird -- schon um seines würdigen Vaters willen, unseres alten treuen Mitarbeiters -- vor allem aber um Ihretwillen ... Und noch einmal: den Dank der Werft ... auch im Namen meines Herrn Chefs, der noch nicht eingetroffen ist ... Sie werden noch von uns hören. Auf Wiedersehen, liebes Fräulein -- seien Sie getrost, ich werde für ihren Bruder tun, was in meinen Kräften steht.«
Tief aufatmend legte Antje den Hörer auf die Gabel. Oh, wie gut, wie gut ... Vielleicht war er noch zu retten -- der arme, wilde, verführte, der geliebte Junge ...
Georg Freimann trat ein. Mit ausgestreckten Händen ging er auf seine Mitarbeiterin zu. War's möglich? Er zog ihre Hand an seine Lippen ...
»Fräulein Antje,« sagte er mit einem Ausdruck in Gesicht und Stimme, den das Mädchen an seinem Chef noch niemals gesehen hatte, »ich finde keine Worte, um Ihnen zu danken. Was wäre geschehen ohne Sie? Es ist nicht auszudenken --«
»Meine Pflicht -- Herr Präsident --«
»Ach was, Pflicht -- ein Prachtmädel sind Sie ... Die Linie, die Werft können Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben ... Und ich -- ich vollends -- Sie haben mir meinen Sohn, meine Schwiegertochter und -- mein Lebenswerk gerettet ... Kommen Sie her, Kind -- ich kann nicht anders ...«
Er nahm das Mädchen in seine Arme -- er küßte ihre Stirn wie einer lieben Tochter ... Seine herbe Stimme erstickte in einem jähen Schluchzen.
»Oh, unser Volk ...« stammelte er, ich hab' es oft verflucht und verlästert in diesen gräßlichen Zeiten ... Um Ihretwillen werd' ich's wieder lieben, ihm neu vertrauen lernen ... um Ihretwillen, Sie liebes, liebes, herrliches Mädchen ...«
12
Der alte Carstensen, noch immer tief erschüttert vom Schrecken und vom Erlösungsglück dieser Nacht, hatte sich in selbstverständlicher Pflichterfüllung auf sein Kontor begeben. Die Botschaften, die ihn empfingen, rissen ihn in den Wirbel der Gärung hinein, die sein Eigentum, die Stätte seiner Lebensarbeit, durchfieberte. Alsbald ließ er sich seinen getreuen Stellvertreter zum Bericht kommen.
Bob Timmermanns stand vor seinem Brotherrn mit nicht ganz reinem Gewissen. Zwar erntete er ein warmes Lob und einen herzlichen Dank für sein tatkräftiges Eingreifen, das die »Deutschland« gerettet und unübersehbares Unglück von der Werft, der Stadt Hamburg, dem ganzen Vaterlande abgewandt hatte. Aber er fühlte sich dennoch tief bedrückt. Seit Morgengrauen hatten hundertfünfundzwanzig junge Männer in Arbeitertracht, durch Geleitschein von seiner eigenen Hand ausgewiesen, die Portierloge der Werft passiert. Die packten in diesem Augenblick, er wußte es nur zu gut, in den weitläufigen Kellerräumen des Direktionsgebäudes jene geheimnisvollen Kisten aus, die um fünf Uhr auf einem Lastauto angerollt waren ... War es möglich, daß alle diese Vorbereitungen unbemerkt geblieben waren -- daß nichts davon bis zu den erregten Massen der Werftarbeiter durchgesickert war? Die ballten sich da unten überall, zu Füßen der ragenden Helgengerüste und Docks, an den Eingängen der Kantinen, der Maschinen- und Schiffsbauhalle, zu schwärzlichen Klumpen zusammen. Aus denen schrillten abgerissene Fetzen von Hetzreden, grelle Zwischenrufe, bisweilen ein jähes Aufbrüllen Hunderter von Männerkehlen herüber. Wußte man dort bereits, daß das Direktionsgebäude, dem berühmten hölzernen Roß von Ilion vergleichbar, den gewappneten Feind des Proletariats im Bauche berge --?!
Bob Timmermanns fühlte sich nicht berechtigt, dem Herrn dieses Hauses und dieses Betriebes das nächtige Geheimnis zu verschweigen.
Der alte Carstensen war entsetzt. »Mein lieber Timmermanns,« sagte er langsam und nach Worten ringend, »Sie haben heute nacht -- so viel für mich getan -- daß ich -- daß ich mich schwer entschließen kann, Ihnen zu sagen -- daß Sie mit dieser Anordnung -- Ihre Kompetenzen denn doch erheblich überschritten haben ...«
»Ich weiß, Herr Senator, ich weiß --« stotterte der Riese. »Aber bei der Kürze der Zeit -- --«
Carstensen hob die Hand. Auf seinem zerfurchten Greisengesicht war ein Zug, den Timmermanns lebenslang kannte. Er kündete den Herrn -- schnitt jeden Widerspruch ab.
»Wenn Ihr Bruder Gegenrevolution spielen will, so mag er das tun, wo er es verantworten zu können glaubt -- ich für meine Person muß Ihnen, lieber Freund, mit aller Bestimmtheit erklären, daß ich mir auf meinem Grund und Boden jede Betätigung antirepublikanischer Gesinnung, so ehrlich und edel sie gemeint sein mag, verbitten muß. Ich habe vor wenigen Minuten telegraphisch aus Berlin die Schreckensbotschaft bekommen, daß tatsächlich dort in dieser Nacht eine große gegenrevolutionäre Unternehmung stattgefunden hat -- und zwar, soweit es sich im Augenblick übersehen läßt, mit einem gewissen ... unleugbaren ... Anfangserfolg. Ich wünsche nicht, daß meine Werft in diese Bewegung hineingezogen wird, verstehen Sie mich, lieber Timmermanns? Was geschehen ist, ist geschehen. Ich lehne jede Verantwortung für Leben und Sicherheit der jungen Leute ab, wenn Sie -- -- nehmen Sie mir's nicht übel, ich bin doch ein bißchen sprachlos!!«
In glühender Beschämung senkte Timmermanns den blonden Schädel. »Herr Senator, ich werde Sorge tragen, daß niemand sich zeigt ... ich werde meinem Bruder sagen, daß er sich und seine Leute lediglich als Schutzmannschaft für die Werft zu betrachten hat -- daß nicht das mindeste unternommen werden darf ohne einen persönlichen Befehl aus Ihrem Munde ...«
»Recht so, Timmermanns. Danke Ihnen.«
In diesem Augenblick trat die Sekretärin, die Ilses Dienst übernommen hatte, ins Zimmer und meldete eine Abordnung der Arbeiterschaft.
»Sollen kommen. Bleiben Sie, Timmermanns.«
Schweren Schrittes stapften die Männer ins helle Gemach. Lauter gereifte, scharfgeprägte Köpfe -- besonnene, erlesene Vertreter ihrer Klasse. Werkmeister, Vorarbeiter. Als ihr Sprecher voran der alte getreue Kranführer Timm Tietgens.
Detlev Carstensen sagte gelassen: »Nehmen Sie Platz, meine Herren.«
Der alte Tietgens begann seinen Spruch. Die Arbeiterschaft sei in tiefer Erregung. Sie müsse die Werftleitung um Aufklärung ersuchen. Erstens: es sei heute nacht, wie das Gerücht wissen wolle, ein Sabotageversuch gegen die »Deutschland« unternommen worden. Dabei solle einer der Arbeiter erschossen worden sein. Die Arbeiterschaft sei überzeugt, es sei ausgeschlossen und unmöglich, daß dieses schändliche Unternehmen in ihren Reihen geplant worden sei. Sollten tatsächlich Angehörige der Werft bei der Ausführung beteiligt gewesen sein, so könne es sich nur um einzelne Verführte und Bestochene handeln. Der angeblich Gefallene -- es werde der Name Clas Mönkebüll genannt -- sei ihm, dem Sprecher, persönlich bekannt. Er sei seit einem Jahr sein Kostgänger -- ein etwas phantastischer Junge, leidenschaftlich, aber grenzenlos gutmütig, leider leicht zu beeinflussen. Ob es Tatsache sei, daß er gefallen sei?
»Das ist leider Tatsache«, sagte Detlev Carstensen. »Die Werftleitung hatte von dem geplanten Unternehmen Kunde bekommen -- Herr Generaldirektor Timmermanns hat die Polizei alarmiert -- es ist ihm gelungen, die geplante Untat im letzten Augenblick zu vereiteln. Leider hat man einen meiner braven Werftwächter erstochen aufgefunden. Dann sind Schüsse gefallen -- man hat den Arbeiter Mönkebüll sterbend angetroffen, die anderen Täter sind entflohen. Am Fuße der ›Deutschland‹ fanden sich drei Kisten Dynamit, groß genug, um die ganze Werft zu rasieren. Eine Zündschnur brannte, das ist die Lage.«
Der alte Tietgens richtete sich hoch auf. Die Arbeiterschaft weise mit Entrüstung und Empörung die Verantwortung und den Verdacht der Übereinstimmung mit dieser Tat ab.
Carstensen erklärte ruhig und bestimmt, er nehme diese Erklärung mit Dank und vollem Glauben entgegen. Es habe ihm nichts ferner gelegen, als die Gesamtheit seiner Mitarbeiter oder auch nur ihre Gesinnung für eine solche abscheuliche und sinnlose Tat verantwortlich zu machen.
Jetzt müsse aber noch etwas anderes zur Sprache kommen, fuhr der Sprecher der Arbeiter fort. Es gehe das Gerücht: die Tat sei das Werk eines Spitzels, eines Provokanten. Es werde der Name eines Arbeiters genannt, der seit einem Jahr unter dem Namen Anders Niemann auf der Werft als Nieter tätig sei. Das Gerücht aber wolle wissen, daß dieser Arbeiter -- in Wirklichkeit gar kein Arbeiter gewesen sei -- daß sein Name ein angenommener sei -- daß sein Träger in Wirklichkeit ganz jemand anders sei -- nämlich -- -- der Sohn des Präsidenten der Hansa-Transatlantik-Linie, der seit einem Jahr verschollene Kapitänleutnant Heinrich Freimann -- --.
Der alte Carstensen saß wie eine Mumie. Seine Augen nur wurden unnatürlich groß, in seine wächsernen Züge stieg eine kongestive Röte. Er hatte das alles ja kommen sehen. Aber nun war es da -- -- und eine zitternde Wut war in ihm -- gegen den jungen Mann, dem er die Hand seiner Tochter vertraut hatte -- -- und der legte nun durch sein phantastisches Tun den Feuerbrand an das Werk, dem Detlev Carstensen sein Leben gewidmet hatte. Und neben ihm saß der Generaldirektor -- in der gleichen stummen Empörung -- ihm schoß das Blut in die Augen, in die Stirn ... seine mächtigen Fäuste ballten sich, sie begannen zu zittern, als müsse er sich zwingen, sich mühsam bändigen ...
»Ich weiß das alles --!« sagte Detlev Carstensen. »Aber -- ich weiß es erst seit heute nacht.«
»Herr Senator,« begann Robert Timmermanns zwischen zusammengebissenen Zähnen, »gestatten Sie mir eine Frage an den Sprecher der Arbeiterschaft? Ich danke ... Herr Tietgens, ist Ihr Sohn auf der Werft?«
»Ja, Herr Generaldirektor.«
Er wagt es!! dachte Robert Timmermanns. Er wagt es ... Und wider Willen fühlte er eine dumpfe Bewunderung für des Proletariers freche Größe.
»Haben Sie Ihren Sohn schon gesprochen heut morgen?«
»Das hab' ich, ja. Und er hat mich alles bestätigt, wat ich vorgedragen hab'. Er is auch der Ansicht, dat der sogenannte Anders Niemann der Täter is. Der is ja auch heut morgen nich auf de Werft.«
Timmermanns erhielt Erlaubnis, Tedje Tietgens holen zu lassen. Ein Beamter sollte den Auftrag erhalten -- aber die Arbeiter mischten sich ein: es sei jetzt nicht rätlich, einen Herrn vom Bureau zu den Arbeitern hinauszuschicken -- man könne für seine Person nicht bürgen. Eines der Mitglieder der Abordnung erklärte sich bereit, den jungen Tietgens herbeizuschaffen.
Carstensen ersuchte mit matter Stimme Herrn Timmermanns, die Verhandlung weiterzuführen. Regungslos, mit geschwollenen Stirnadern saß der alte Herr -- folgte dem Fortgang der Besprechung mit abwesendem Gesicht -- nur die schweren Atemstöße seiner Brust verrieten den Sturm, der sein Inneres schüttelte.
Der alte Tietgens erzählte ausführlich, wie Anders Niemann zu ihm gekommen sei, wie er bei ihm gelebt habe, ein Vertrauter seines Hauses, ein Freund seiner Kinder und des umgekommenen zweiten Kostgängers geworden sei. Des alten Mannes Augen feuchteten sich in der Erinnerung ... Niemals hätte er für möglich gehalten, was nun Wahrheit zu sein scheine ...
Die Arbeiterschaft könne sich diesen ungeheuerlichen Vorgang nur so erklären, daß die Werftleitung von der Anwesenheit des Sohnes des Leiters der befreundeten Linie Kenntnis gehabt haben müsse ... Und das um so mehr, als jetzt auch bekannt geworden sei, daß der Kapitänleutnant Freimann mit der Tochter des Herrn Carstensen verlobt sei ... Und darüber verlange man in erster Linie Aufklärung.
Jetzt regten sich die Lippen des Greises, der dieses Hauses Herr war, der Arbeitgeber der Achttausend da unten war, die sich anschickten, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.
»Die Werftleitung hat keine Ahnung gehabt, daß der Nieter Anders Niemann, wie Sie behaupten, einen falschen Namen getragen hat. Genügt Ihnen das, meine Herren?«
Die Arbeiter steckten die Köpfe zusammen. Einer der Werkmeister meinte:
»Herr Senator, Ihnen glauben wir alles. Aber -- hat auch der Herr Timm -- der Herr Generaldirektor nix davon gewußt?!«
»Mein Ehrenwort«, sagte Robert Timmermanns. »Auch ich habe erst heute nacht erfahren, daß der junge Freimann ein Jahr lang unerkannt auf der Werft gearbeitet hat.«
»Herr Generaldirektor,« sagte Timm Tietgens, »Sie haben einen Bruder, der is im Krieg Leutnant gewesen -- dann hat er mit die Bahrenfelder ins Rathaus gesteckt, letzten Juni, Sie wissen wohl. Und jetzt soll er ja auch wieder im Land herumspuken. Kann der wohl etwas davon gewußt haben?«
Timmermanns zuckte die Achseln. »Er ist im Hause -- Sie können ihn fragen.« Das war ihm herausgerutscht -- schon bereute er.
Die Arbeiter horchten hoch auf -- tuschelten erregt zusammen.
»Dann darf man wohl fragen,« sagte Tietgens bedächtig prüfend, »wat de Herr Leutnant Timmermanns heut auf die Werft zu suchen hat?!«
»Er hat mich besucht, zum Donner!« rief der Generaldirektor. »Das geht doch wohl keinem Menschen was an als Herrn Senator Carstensen, nicht wahr?!« Beschämung und Grimm erstickten des Riesen Stimme.
»Ja -- dat wär' der dritte Punkt«, fuhr Tietgens ruhig und entschieden fort. »Wir möchten gern wissen, ob dat wohr is, dat heut nacht Waffen auf die Werft geschafft sünd -- un dat im Keller mehr als hundert Weißgardisten versteckt sünd?!«
In diesem Augenblick riß der alte Carstensen sich aus seiner Erstarrung. Sein Mitarbeiter hatte ihm heut nacht sein Eigen, sein Alles gerettet -- jetzt galt's, für ihn einzutreten. Er richtete sich auf.
»Die Werftleitung hat es für ihre Pflicht gehalten, Vorkehrungen zu treffen, um im Notfalle die Anlagen der Werft, das heute nacht durch bübischen Anschlag gefährdete Schiff und Leib und Leben ihrer arbeitswilligen Mitarbeiter gegen unbesonnene und frevelhafte Anschläge verhetzter und landfremder Elemente zu schützen.«
In der Stimme des Greises war Herrenklang. Die Abordnung, die schon willens gewesen war, sich zu erheben und die Verhandlung abzubrechen, empfand, verstand diesen Klang.
Da öffnete sich die Tür -- und Tedje Tietgens trat ein. Hochaufgereckten Hauptes -- polternden Schritts. In seinen verwüsteten Zügen stand verbissener Wille, knirschender Trotz. Rebell -- Zerstörer -- Dämon.
»Goden Morrn' alltausomen«, sagte er frech.
Auf einen Wink seines Chefs übernahm Timmermanns die Befragung. Tedje antwortete knapp, höhnisch, verschlossen.
Ja, es sei wahr -- Anders Niemann sei der Kapitänleutnant Freimann. Die ganze Arbeiterschaft wisse bereits um den Bubenstreich des fälschlichen Anders Niemann ... Sie sei überzeugt, daß er ein Werkzeug der Reaktion sei -- und sie sei entschlossen, diese Schurkerei mit der Verkündigung des Proteststreiks zu beantworten ... Übrigens sei es inzwischen bekannt geworden, daß in Berlin ein monarchistischer Putsch gegen die Republik im Gange sei ... Die Arbeiter seien entschlossen, die Republik mit allen Mitteln zu verteidigen ... also werde es ohnehin in der nächsten Stunde zum Generalstreik kommen.
»Genug!« unterbrach da der alte Carstensen und stand auf, mühsam, doch gebietend. Und alle erhoben sich. »Ich wiederhole noch einmal: die Werftleitung steht allen diesen Dingen völlig fern und verurteilt sie. Nun aber noch ein Wort an Sie, meine Mitarbeiter -- wenigstens an die Verständigen unter Ihnen -- denn Sie, Tedje Tietgens, Sie gebe ich auf, Sie sind entlassen, mit Ihresgleichen wünsche ich nicht eine Sekunde länger zusammenzuarbeiten. Aber ihr, ihr alten, getreuen Kameraden, von denen ich jeden einzelnen seit Jahrzehnten kenne, von euch erwarte ich, daß ihr nicht die Tat des Wahnsinns, welche die ›Deutschland‹, unser aller gemeinsames Werk, vernichten wollte -- daß ihr die nicht weit schlimmer wiederholt. Ihr alle wißt, was dieser Tag für die Werft, für die H. T. L., für Hamburg, für unser ganzes Vaterland bedeutet. Heut nachmittag sollte die ›Deutschland‹ vom Stapel laufen -- und ich hoffe noch immer, sie wird's. Amerika wartet auf dies Ereignis -- als auf ein Zeichen, daß Deutschland nicht das Werk seiner Feinde vollenden wird durch innere Zerrüttung -- daß der Bürgerkrieg, der dem Kriege gefolgt ist, sich ausgetobt hat. Vereitelt ihr diese Hoffnung -- ihr seid alle viel zu erfahren und vernünftig, als daß ihr nicht wüßtet, was das für Folgen haben wird -- für unser Vaterland, für die Werft, für euch alle, für mich! Wir gehören zusammen. Wer uns trennt, vernichtet uns. Nicht mich allein -- euch alle mit. Guten Morgen, meine Herren, ich danke Ihnen.«
Er neigte kurz und herrisch das Haupt. Die Arbeiter, tief bewegt, verbeugten sich mit all der Ehrerbietung, die sich in Jahrzehnten gemeinsamer Arbeit mit ihrem Brotherrn in ihnen angesammelt hatte. Aber in die nachdenksame, beherrschte Stille schrillte ein rohes Gelächter.
»Hahaha!« grinste Tedje Tietgens, »kiek, wo se sick duken, wo sei den Steert intrecken, dei ollen grotmuligen Bullenbieters! Öwerst ji sünd nich dei Arbeiterschaft -- ji sünd olle lendenlahme Knackstäwels! Wat wi annern sünd, wi Jungen, wi Radikolen -- wi lat't uns nich besabbeln! Wi willt unse Republik verteidigen gegen den gefräßigen Götzen Mammon!«
Da winkte der alte Tietgens seinem Sohne Schweigen und trat noch einmal vor:
»Herr Senator -- meine Kollegen un ich, wir werden dat all beraten, wat Sie uns gesagt haben. Ich für meine Person, ich glaub' Sie ja dat alles ... Aber dat mit die hundertzwanzig Mann vom Leutnant Timmermanns -- un mit die Waffenkisten -- dat gefällt uns nich -- un dat eine kann ich Sie sagen im Namen von die ganze Arbeiterschaft: Reakschon is nich! -- Gegenrevolution is nich! ... An unse Republik laten wi nich rühren -- wer dat verseuken will, dei is unser Feind -- un gegen den'n stohn wi all tausomen bit op den'n letzten Blaudsdruppen!!«
* * * * *
Die Arbeiter hatten sich entfernt. Carstensen und sein erster Mitarbeiter blieben allein. Der Greis schwieg. Er fühlte das Gebäude seines Lebens wanken. Der Sturm aus dem Osten hatte seine Fundamente unterwühlt. Bis zu dieser Stunde hatte der alte Mann alle Erschütterungen der Zeit mit einem Achselzucken abgetan. Kriegsfolgen -- Ermattungs- und Lähmungserscheinungen ... Das gleicht sich aus ... In einem, in zwei Jahren läuft die Karre wieder wie zuvor ... Die unruhigen Elemente werden allmählich abgestoßen, man wird wieder Herr im Hause sein ... Er hatte es bis zur Stunde vermieden, persönlich mit den Arbeitern zu verhandeln. Dafür war sein Stellvertreter da. Jetzt hatte er ihnen ins Auge gesehen ... Darin stand etwas Neues, etwas, dem die Zukunft gehörte. Die Masse war aus ihrer Unpersönlichkeit erwacht. Man würde sie niederhalten müssen -- aber überhören durfte man sie nicht mehr.
Gut -- aber er würde dabei nicht mehr mittun. Mochte die Jugend sehen, wie sie mit der erwachten Masse fertig wurde.
Robert Timmermanns sah, wie die aufgerührten Gedanken hinter der von harten Adersträhnen gesäumten Stirn seines Chefs arbeiteten. Er wartete, bis der Senator das Wort an ihn richten würde. Da schrillte das Telephon. Präsident Freimann erkundigte sich nach der Lage.
»Wollen Sie selber antworten, Herr Senator?«
»Geben Sie her. Glauben Sie, Timmermanns, daß wir es verantworten können, an dem Stapellauf festzuhalten?«
»Mit Bestimmtheit, Herr Senator.«
»Guten Morgen, Freimann, guten Morgen ... Ja, ja, allerdings, es ist eine gewisse Unruhe unter der Arbeiterschaft ... Aber zu irgendwelcher Besorgnis ist einstweilen keine Veranlassung ... Doch, doch, Sie können die Amerikaner durchaus beruhigen ... Ja, der hat tatsächlich die Frechheit gehabt, auf der Werft zu erscheinen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre ... Er scheint der schlimmste Hetzer zu sein ... So, Sie haben seiner Schwester versprochen, ein gutes Wort für ihn einzulegen ... Nun, er macht's uns freilich schwer genug -- wollen sehen, was sich tun läßt ... Ich ließe den Schuft am liebsten sofort verhaften ... Nein, nein, es bleibt alles bei unsrer Verabredung ... Um drei Uhr erwarte ich die Anfahrt der Herrschaften ... Um drei ein Viertel geht die ›Deutschland‹ zu Wasser ... Wie meinen Sie? Es würde die Amerikaner beruhigen, wenn einer meiner Herren sie abholen würde? Doch, doch, das läßt sich machen ... Ich halte die Lage auf der Werft sogar für so vollkommen gesichert, daß ich Ihnen meinen Generaldirektor schicken kann ... Das dürfte den Herren genügen, wie? Sie nehmen Ilse mit, nicht wahr? -- Ob Heinz hier draußen ist? Nein -- bis jetzt nicht ... So? Fräulein Tietgens behauptet, er müsse bei uns sein? Nun, dann wird er wohl noch kommen ... Ich soll ihn nicht allzu unsanft empfangen? Na, lieber Freund, er hat mir mit seiner phantastischen Unternehmung eine schöne Bescherung angerichtet ... Ich soll ihm wenigstens verzeihen, wenn alles gut geht? Wenn alles gut geht, lieber Freimann -- so weit sind wir leider noch nicht. Grüßen Sie Ihre Sekretärin ... und bringen Sie das Prachtmädel mit zum Stapellauf -- sie gehört mit dazu, sie vor allen ... Ich danke ihr dann noch persönlich. Also auf Wiedersehen um drei, lieber Freund -- Ob mir gut ist? Doch, doch, selbstverständlich -- meine Stimme -- matt? Keine Idee ... Schluß!«
Mit mächtiger Willensanspannung rang der Greis die tiefe Müdigkeit nieder ... Heute noch einmal galt es, vor Mitarbeitern und Außenwelt den Herrn der Werft darzustellen. Einmal noch ...
»Sie haben gehört, Timmermanns ... Die Linie legt Wert darauf, daß Sie die Amerikaner abholen ... Ich hoffe, die Werft kann Sie entbehren. Im schlimmsten Falle habe ich ja Ihren Bruder. Ich bin jetzt ganz froh, daß er da ist. Können ihn mir schicken.«
Schon hatte der Generaldirektor die Türklinke in der Hand, da klopfte es. Robert Timmermanns öffnete -- Heinz Freimann trat ein in seiner abgewetzten Matrosenbluse ... Aber in Gesicht und Mienen ganz der verantwortungsfreudige, tatbewußte Offizier.
»Guten Morgen, Papa. Ich melde mich ganz gehorsamst zur Stelle.«
Detlev Carstensen saß unbewegt. »Ich weiß noch nicht, ob für dich ein Platz in diesem Zimmer ist, Anders Niemann!« sagte er beherrscht. »Verantworte dich.«
Timmermanns wollte sich verabschieden. Sein Chef befahl ihm mit Handwink zu bleiben.
In knappen Sätzen sprach Heinz aus, was ihn bewogen habe, in die Tiefe hinabzusteigen. Er gab zu, sein Handeln habe sich gegen ihn gekehrt -- ihn selber und alles, was er liebe, in Gefahr gebracht. Aber der Schwiegervater wolle nicht vergessen, daß er auch Opfer gebracht -- ein schweres Opfer. Er sei treulos geworden an den Kameraden -- deren Vertrauen ihn zum Mitwisser ihrer verbrecherischen Pläne gemacht habe. Sein Leben sei in höchster Gefahr, seine Ehre nicht ganz fleckenrein. Auch einem Verbrecher die Treue brechen sei Verrat. Er sei bereit, sein Leben als Sühneopfer darzubieten. Er stelle sich zur Verfügung für den Fall, wo es gelten möchte, vor der Arbeiterschaft Zeugnis abzulegen, daß die Werftleitung von seiner Anwesenheit auf der Werft keine Ahnung gehabt -- daß er kein Spion, kein Spitzel der Direktion, kein +agent provocateur+ der Gegenrevolution sei, sondern ein Deutscher, voll heißer Liebe zu seinen Volksgenossen, voll heißer Sehnsucht, beizutragen zu großen Werke der Versöhnung der Klassen.
Detlev Carstensens strenge Züge waren immer milder geworden beim knappen, freimütigen Bericht des Verlobten seiner Tochter.
»Du Träumer,« sagte er mit leisem Kopfschütteln, »du Phantast ... Es ist gut, mein Junge ... Ich glaube dir jedes Wort ... Ich glaube sogar fast, ich fange an, dich zu verstehen ... Herr Timmermanns wird dich im Hause verbergen ... Du bleibst zur Verfügung, bis wir dich brauchen ... Wenn die ›Deutschland‹ zu Wasser gegangen ist, werde ich wissen, ob du noch wert bist, die Hand meines einzigen Kindes in die deine zu nehmen.«
Er winkte gnädig Entlassung.
* * * * *
Die Mittagspause kam. Von Arbeit war nicht viel die Rede gewesen auf der Werft. Überall hatten Versammlungen unter freiem Himmel stattgefunden -- mit dem sausenden Märzsturm kämpfend hatten die Redner sich heiser geschrien. Ein heißer Kampf: die ruhigen, verständigen Elemente waren schroff gegen den Generalstreik. Die Sabotageangelegenheit sei nicht geklärt -- die Werftleitung habe sorgfältige Untersuchung unter Mitwirkung der Arbeitervertreter versprochen -- man müsse das Ergebnis abwarten. Es sei Wahnsinn, den Stapellauf zu hintertreiben -- er müsse heut nachmittag um drei Uhr planmäßig und ohne Störung stattfinden, sonst sei die Verbindung mit Amerika gefährdet. Die Folgen seien jedem Vernünftigen klar: Aufhören der Bestellungen auf Dampferneubauten, Erliegen der Werft, Schluß mit jeder Arbeitsmöglichkeit --
Die Hetzer griffen's auf: das sei ja im höchsten Grade wünschenswert --!! Die Verbindung der Kapitalisten von hüben und drüben bedeute eine neue Versklavung des arbeitenden Volkes -- der Bolschewismus müsse triumphieren, die Reaktion niedergeschmettert werden -- die Woge der Weltrevolution werde alle Dämme niederreißen, die das Proletariat des Erdballs in Nationen zersplittere -- dann werde die neue Menschheit erstehen, die Brot und Seligkeit für alle bringe ...
Eine Einigung war nirgends zustandegekommen. Als die Sirenen im ganzen Hafengebiet die Mittagstunde ausriefen, trieb der Hunger alles in die Kantinen. Die Arbeit hatte stillgestanden -- die Küche war glücklicherweise treulich am Werke geblieben.
Aber auch die Hetzer blieben am Werke. Der Terror vergewaltigte die Vernunft. Als die Essensstunde vorüber war, hatten die Fanatiker, die Wahnwitzigen die Oberhand gewonnen.
Und plötzlich waren auch Waffen da. Woher sie kamen, wer vermochte es zu sagen? Sie waren da. Die Halbwüchsigen schleppten ganze Arme voll rostiger Gewehre heran, drängten sie den Unwilligen auf, stopften jedem ein halbes Dutzend Ladestreifen mit grünspanüberzogenen Patronen in die Taschen. Auf erhöhten Punkten postierten ehemalige Somme- und Flandernkämpfer Maschinengewehre.
Armin Timmermanns verstand sein Handwerk: sein Meldedienst funktionierte. Kein Zweifel, es galt ... Ein Koppel mit Patronentaschen und kurzem Seitengewehr umgeschnallt, einen Stahlhelm auf dem Kopf, einen Karabiner umgehängt, trat er in dienstlicher Haltung vor den alten Carstensen:
»Herr Senator, ich melde ganz gehorsamst: die Roten rüsten zum Sturm auf das Verwaltungsgebäude.«
Detlev Carstensen thronte in seinem Arbeitsstuhl wie ein Cäsar, der die Kunde empfängt, seine Hauptstadt sei im Aufruhr. Kaum, daß seine schneeweißen Brauen sich etwas zusammenzogen.
»Ihr Bruder schon zurück?«
»Nein, Herr Senator.«
»Gut -- ich lege den Schutz der Werft in Ihre Hand. Sie werden Übereilungen zu verhüten wissen.«
»Jawohl, Herr Senator. Gehorsamsten Dank.«
Draußen harrten seine Adjutanten. Knapp und klar erklangen seine Befehle. Alles beste Schule. Treppauf, treppab spritzten die jungen Herren auseinander. Gemessenen Schrittes folgte der nervige Diktator der Hammonia-Werft. Er wußte: es würde klappen. Mochten sie kommen -- sie sollten sich blutige Köpfe holen.
Jetzt dröhnte die weite Halle des Lichtschachtes, der das ganze Gebäude durchstieß, vom Ansturm der Jungmannen, die nun behelmt und bewaffnet dem Keller entquollen und die Treppen hinanstürmten, um die ganze Front nach der Werft hin zu besetzen. In den Korridoren öffneten sich die Türen -- erschrockene Köpfe tauchten auf -- Direktoren, Ingenieure, Prokuristen, Sekretärinnen ... Ah -- also doch! Man war verteidigt ...
Sie mochten kommen.
13
Vor dem Hotel Atlantic, an der stattlichen Häuserreihe entlang, welche das weitgedehnte Becken der Alster im Osten einsäumt, hielt die stattliche Reihe der Kraftwagen, welche die Vorstände der United Transatlantic Lines zum Stapellauf ihres Dampfers »Deutschland« führen sollten. Im Vestibül waren die Festgäste versammelt: die Direktion der Hansa-Transatlantik-Linie mit ihren Damen, die Abgesandten des Patterson-Konzerns. Nur Elias Patterson selber und seine Tochter fehlten noch.
Georg Freimann bewegte sich inmitten seiner Freunde mit seiner ganzen weltmännischen Geschmeidigkeit und Sicherheit. Niemand sah ihm an, welche Sorgen seine Seele bedrängten. Noch fehlte der Generaldirektor Timmermanns, der ihm Kunde bringen sollte, wie es auf der Werft stehe ... noch fehlte jede Kunde von Heinz ...
Endlich -- da tauchte über dem Gewimmel der glattrasierten Yankeegesichter der Blondbart des Hünen auf ... Sein holzgeschnitztes Gesicht strahlte Hoffnung und Zuversicht ... Aber das konnte Maske sein ... und wirklich, was er mit raschen Flüsterworten von der Stimmung der Arbeiterschaft auf der Werft erzählte, klang nicht übermäßig beruhigend ...
»Was meinen Sie -- können wir's wagen?«
»Ich übernehme die volle Verantwortung ...«
»Also gut ... und mein Sohn?«
»-- ist auf der Werft in Sicherheit. Er benimmt sich glänzend. Sie können stolz auf ihn sein. Da wächst uns allen eine Stütze heran.«
»Timmermanns ... Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet ... Ich danke Ihnen. -- Also los ... Vielleicht holen Sie Herrn Patterson persönlich ab ... dritter Stock, Zimmer 285.«
»Noch eins, Herr Präsident ... wenn die Amerikaner im Wagen sitzen, möchte ich verschwinden und vorauf zur Werft zurückfahren, um mich zu überzeugen, daß wir es wagen können, unsere Gäste anfahren zu lassen. Wenn nein, dann lasse ich die ganze Kavalkade bei der Ausfahrt aus dem Elbtunnel zurückhalten. Ich nehme das vorderste Auto, sause gleich los und fahre auf dem nächsten Wege über den Rathausmarkt zum Hafen. Sie, Herr Präsident, nehmen vielleicht den zweiten Wagen und fahren die Yankees zunächst mal über Lombardsbrücke, Ringstraße und Holstenwall am Bismarck vorbei -- kann ihnen sowieso nichts schaden, wenn sie den Schutzpatron unsres Vaterlandes mal zu sehen kriegen ...«
»Abgemacht --« sagte Georg Freimann und trat wieder unter seine Gäste. Gestrafften Nackens, leuchtenden Angesichts. Er fühlte sich verjüngt, erneuert. Er war nicht länger erbelos, nicht mehr allein. Er hatte einen Verbündeten. Sein eigen Fleisch und Blut.
Der Generaldirektor Timmermanns fuhr im Lift zum dritten Stock empor, den Chef des befreundeten Konzerns persönlich zur Fahrt auf die Werft einzuladen. Aber seine kraftvolle Rechte zauderte doch einen Augenblick, ehe er am Salon anklopfte, den der Hotelpage ihm als Wohnung des Herrn Patterson bezeichnet hatte.
»+Enter, please!+« Eine helle Mädchenstimme hatte es gerufen. Himmel -- wenn er sie allein träfe ... und wär's auch nur für einen Augenblick ...
Und -- da stand sie ... Wie der leibhaftige Frühling ...
»Ah, Mister Timmermanns ... Das ist schön -- Sie wollen kommen zu holen uns ... Nun -- was tun Sie sagen zu Ihre kleine Gesangschülerin? Tat nicht ich machen sehr gut mein Sache -- diese Nacht?«
»Fräulein Bessie -- Sie sind das prachtvollste kleine Frauenzimmer, das mir je in meinem Leben vorgekommen ist ...«
»Oh -- das freut mich -- das freut mich -- +quite enormously+ ...«
»Wahrhaftig -- Fräulein Bessie?«
»Aber Sie, Mister Bobbie -- Sie sein ein ganz, ganz dummer dicker Hunne ...«
»Wie -- meinen Sie das -- Fräulein Bessie?«
»Ja, wenn Sie das verstehen noch immer nicht -- dann sind Sie noch viel, viel dümmer, als ich dachte jemals ...«
»-- -- Bessie -- --!!«
Und schon flog das feine Figürchen in seine Arme. Er hob sie wie ein Püppchen an seine breite Brust.
Da öffnete sich die Tür, die zu den Schlafgemächern führte -- Elias Patterson stand mit einem Gesicht, das ihn in der Generalversammlung um seine ganze Autorität gebracht haben würde.
Bessie machte sich los, stürzte auf den Vater zu, ergriff seine Hand und zerrte ihn auf den Deutschen zu.
»Deinen Segen, +daddy+, schnell -- schnell -- die Herren warten drunten schon seit einer Viertelstunde auf uns ...«
* * * * *
Die Autokolonne ruckte an. Gleich hinter dem Wagen, in dem die beiden Chefs der United Transatlantic Lines saßen, kamen die vier Damen:
Mutter Johanna Freimann, überselig, seit Georg ihr hastig zugeflüstert: »Heinz auf der Werft in Sicherheit -- Timmermanns ist begeistert von ihm ...«
Neben ihr Klein-Bessie, kaum fähig, ihren Jubel zu bemeistern ... Wenn man doch erst losfahren möchte! Dann wird sie erzählen ... Warum auch verschweigen, was so gut wie besiegelt und unterschrieben war? Er sträubte sich ja noch ein bißchen, der gute +daddy+ -- aber wann hatte ihm das je etwas genützt?!
Auf dem Rücksitz Ilse Carstensen -- glühend im Glück über so tröstliche Nachricht -- und doch auch fiebernd vor Unruhe ... Wie mochte es stehen auf der Werft?!
Alle drei Frauen Vertreterinnen der Oberschicht des Bürgertums zweier Welten -- verwöhnter, als sie selber ahnen mochten, durch die Macht des Besitzes ... Die schützte sie vor tausend Stößen des Lebens, denen von hundert Staubgeborenen neunundneunzig langsam erliegen ...
Und als vierte die eine, sorgfältig, doch im Vergleich unendlich bescheiden gekleidet -- Antje Tietgens ... die Sekretärin -- heute von allen mit Ehre überhäuft ... noch ganz benommen von ihrem Glück, und doch auch sie beklommen von geheimem Bangen vor dem Schicksal der nächsten Stunde, im Herzen die qualvoll süße Erinnerung an den höchsten Augenblick ihres Lebens ...
Die Wagenkolonne fauchte über die Lombardsbrücke. Vor den Augen der Amerikaner tat sich ein Standbild auf, das auch bei den Bürgern der Metropole der neuen Welt seinen Eindruck nicht verfehlen konnte -- in seiner bodenständigen Eigenart, seiner alteingewurzelten Vornehmheit. Zur Linken das enge Becken der Binnenalster, der Jungfernstieg mit seinem flutenden Verkehr, die drei Türme -- zur Rechten der breit ausladende See der Außenalster, schon wieder wie in Friedenszeiten vom lustigen Gewimmel der Paddelboote und im Frühlingssturm sich blähender Segel belebt ... Dann ging's über die Reste der einstigen Umwallung -- zwischen den märzkahlen Bosketts, aus denen die Spiegel der ehemaligen Festungsgräben blinkten, und der stattlichen Reihe der Amtsgebäude und der Musikhalle ...
Und jetzt -- jetzt tauchte aus braunen Baumgruppen ein ragendes Gleichnis empor: von Hugo Lederers Meisterhand geschaffen, das Bild des Mannes, der einstmals die Fürsten und Völker Deutschlands zum »ewigen« Bunde zusammengezwungen ...
Der steinerne Gigant schaute schweigend, wachsam gen Westen -- dorthin, wo das Meer war, dem Deutschen ewig ersehnt, ihm ewig wieder versperrt vom Neide der Welt ... Seine gepanzerten Arme hielt er um den Knauf des Schwertes verschränkt, das er seinem Volke geschmiedet, das sein Volk sich hatte entreißen und zerbrechen lassen nach vier Jahren eines Abwehrkampfes, wie nie ein Volk ihn bestanden ...
Die beiden deutschen Mädchen sahen einander in die Augen, die Patrizierin, die Sozialistin ... und fühlten zum zweiten Male, daß sie Schwestern waren, Schwestern durch Blut und Schicksal. Und eine preßte der andern Arm in stummem Gelöbnis:
Zusammenhalten -- -- weil wir zusammengehören --!!
14
Sie kamen.
Aus der Deckung der Maschinenhalle, der Schiffsbauhalle, der hochragenden Docks schoben sich tausendköpfige Massen zusammen, ballten sich zu einer lebenden Mauer, die dunkel und dräuend immer näher auf das Verwaltungsgebäude heranrückte. Dahinter ragte der schwarze Schattenriß der »Deutschland« -- überhöht vom breitgespannten Schirm des Eisengerüstes, auf dessen Türmchen die Seehandelsflagge des Deutschen Reiches flatterte.
Armin Timmermanns überflog vom Fenster des Chefkontors mit dem Blick des kampfbewährten Führers das Bild der Lage. Die Wahnsinnigen! Wollten sie als dichtgekeilte Masse zum Sturm antreten?!
Näher -- immer näher ...
»Gestatten Herr Senator, daß ich das Feuer eröffne?«
Detlev Carstensen saß im Thronsessel seiner Arbeit wie sein eigenes Standbild. Auf seiner kantigen Stirn schwollen die Aderstränge. Nun hob er sich mit schwerfälligem Ruck.
»Das -- Feuer eröffnen?! Herr Leutnant -- wir sind nicht auf dem Schlachtfeld -- wir sind auf meiner Werft. Eins ist noch nicht versucht. Wo ist Heinz Freimann?«
»Er wartet im Zimmer meines Bruders.«
»Soll nach unten in die Vorhalle kommen.«
Der Greis schritt zur Tür.
»Darf ich fragen, was Herr Senator beabsichtigen?« fragte Timmermanns verständnislos.
»Mit meinen Leuten reden. Mein Schwiegersohn wird mich begleiten. Geschossen wird nicht.«
»Zu Befehl, Herr Senator.«
Gelassenen Schrittes stieg Detlev Carstensen in die weitgedehnte Vorhalle hinab. Dort drängten sich, zwischen den Glaskästen mit den gewaltigen Dampfermodellen, ganze Rudel aufgeregter alter Herren in Kontorröcken und schlotternde, schluchzende Bureaudamen.
In einem Seitengang harrte der Stoßtrupp -- Studenten, junge Kaufleute --, alles alte Kriegsoffiziere, zwei Dutzend Teufelskerle vom Schlage ihres Führers -- des Augenblicks, der sie im Notfalle in den Kampf reißen sollte --. Carstensen begrüßte die bunt zusammengewürfelte Versammlung mit einem stummen Kopfnicken. Um ihn war eine Würde, eine Kraft, vor der sich alles neigte. Durch eine schnell sich öffnende Gasse schritt er zum Hauptportal -- sah unbeweglich hinaus -- der dunklen Mauer entgegen, die sich immer näher, immer dräuender gegen sein Lebenswerk heranschob.
Und jetzt traten zwei junge Männer an seine Seite ... Heinz -- Armin ...
»Sie brauche ich noch nicht, Herr Leutnant«, sagte Carstensen. »Halten Sie sich bereit -- aber nur für den äußersten Fall.«
Mit ruhigem Griff öffnete der Greis die Tür, schob seinen Arm unter den des Schwiegersohnes und trat mit ihm auf die breitausladende Freitreppe hinaus --
Die dunkle Mauer erstarrte -- stand. Eine Stille ward. Nur eine Sekunde -- dann schwoll dumpfes Wutgebrüll auf, tobten wüste Schreie: »Doar is hei ja -- dei Schuft! dei Spitzel! dei Spion!«
Detlev Carstensen streckte die Rechte aus -- und abermals ward lastende, lauschende Stille.
»Arbeiter!« rief Detlev Carstensen, und seine Stimme klang voll und gebietend wie in den Tagen seiner Lebenshöhe, »dieser Mann ist kein Spion -- kein Verräter. Um euch nahe zu kommen, hat er mit euch gelebt und geschafft. Die Werftleitung hat nichts davon gewußt. Was er sonst noch zu sagen hat, hört von ihm selber.«
Heinz Freimann sprach: »Kameraden! Ich habe nicht viel zu sagen. Ich bin nicht ehrlos gewesen. Was ich wollte, kann und muß ich vertreten. Laßt meinen Fall untersuchen und dann macht mit mir, was ihr wollt -- ich wehre mich nicht!«
Und ruhigen Gesichtes löste Heinz Freimann sich von Detlev Carstensen und stieg langsam die Freitreppe hinunter, der geballten Masse entgegen, die schweigend, unbeweglich seinen Worten gelauscht hatte. Viele drohend erhobene Fäuste, viele geschwungene Waffen senkten sich.
Da klang aus der Menge eine wüste, schrille Jungmännerstimme: »Du Swindler! Klooksnacker du! Olle Volksbedreiger! giv mi mien Fründ t'rügg -- Clos Mönkebüll giv mi wedder!«
Und aus der Masse drängte ein grimmiger Bursch sich hervor in schmutzig zerfetztem Arbeiterkittel. Hoch schwang er das Gewehr über dem Kopfe, sprang mit ein paar wilden Sätzen heran, sich auf Heinz Freimann zu stürzen.
Im selben Augenblick flog an dem Greise, der droben ragte, und dem jungen Mann, welcher der Masse seine wehrlose Brust bot, eine andere Männergestalt vorüber, warf sich dem Anspringenden entgegen: der Leutnant im Stahlhelm -- und auch er schwang im Anlauf über seinem Haupte das Gewehr --.
Schon standen die zwei auf eines Schrittes Breite einander gegenüber. Die Kolben sprangen in die Luft, zielten nach des Feindes Haupt, sausten nieder --.
Aber Tedje Tietgens' Arm war stärker -- in weitem Bogen flog des Leutnants Waffe zur Seite, ein zweiter Kolbenschlag donnerte auf seinen Stahlhelm nieder, daß Armin betäubt zu taumeln begann ... in derselben Sekunde ließ der Proletarier das Gewehr fallen, zückte sein Messer und grub es mit tückischem Stoß tief in des Leutnants Hals.
Über dem zusammenbrechenden Leibe des Feindes stand Tedje Tietgens hoch aufgerichtet -- stieren Blicks -- das blutige Messer in der langsam sinkenden Hand.
Da -- aus dem ersten Stockwerk des Bureaugebäudes -- ein Knall, ein Feuerstrahl -- Tedje Tietgens zuckte jäh auf, seine Rechte ließ das Messer fallen, fuhr nach dem Herzen -- und schon sank der mächtige Körper in sich zusammen, fiel über den verröchelnden Leib seines Opfers.
Droben Bob Timmermanns, irren Auges, den rauchenden Karabiner in der Hand -- --.
Das alles in fünf Sekunden ...
Nun endlich brach ein Aufschrei aus Tausenden von Kehlen -- aber ein Aufschrei nicht der Wut, der Rache -- sondern des Entsetzens -- des Abscheus vor dem eigenen Tun ...
Kainstat hüben, Kainstat drüben ...
Doch schon einen Atemzug später tausendstimmig ein zweiter Schrei -- Heinz Freimann war vorgesprungen, stand neben den verknäulten Leibern der Opfer des Wahns -- breitete die Arme gegen seine Kameraden aus: »Über mich dies Blut -- schlagt mich tot!«
Schon hoben sich aufs neue viel hundert geballte Fäuste, mordgierige Waffen. Und aus dem Verwaltungsgebäude quoll Armins Stoßtrupp hervor -- des Führers Tod zu rächen. Eine Sekunde noch, und ein Blutbad begann, unhemmbar, unsühnbar ...
Aber zwischen den gezückten Waffen, den anrückenden Gestalten der entflammten Rächer zwängten sich mit einem Male zwei Frauengestalten hindurch. Ilse Carstensen flog mit jagenden Sprüngen über den Platz, schon stand sie neben dem stumm verzweifelnden Heinz -- trat vor ihn hin, breitete weit und schützend die Arme aus. Und jetzt stand Antje Tietgens neben ihr -- auch sie reckte die Arme, den Sohn des Bürgertums zu decken gegen ihre Klassengenossen ...
Und sieh: der Ansturm von hüben und drüben erlahmte. Bajonette, Kolben senkten sich -- mit ausgebreiteten Armen standen beide Frauen inmitten -- Gleichnisse beide von einer höheren Ordnung der Dinge, Künderinnen einer reineren Zukunft, einer kommenden Menschheit. Zwei Töchter eines Volkes ...
Da hob Ilse die Rechte -- wie eine Priesterin, wie eine Seherin stand sie da.
Und aller Blicke folgten der gebietenden Weisung: Hoch überm Schwall der fiebernden Tausende türmte sich ihrer heute zum Kampf gekrallten Hände gigantisches Friedenswerk: die »Deutschland« ...
Antje starrte in tränenlosem Jammer auf des Bruders zusammengesunkenen Leichnam. Nun aber richtete sie sich auf und rief: »Arbeiter, Kameraden, kennt ihr mich? Der Tote da, das ist mein Bruder -- und dieser Anders Niemann hier, das ist mein Freund! Keiner hat gewußt, wer er war, solange er zwischen euch geschafft hat. Ich aber, ich hab's gewußt! In all der Zeit hab' ich's gewußt! Und ich, ich, die Proletarierin, ich bezeuge es ihm nun auch: Er ist kein Spitzel, kein Spion! Er ist unser Bruder, unser Kamerad! ... Gebt Liebe um Liebe! Laßt uns zusammenhalten -- wir gehören zusammen! Kopf und Faust, Arbeit und Kapital, Bürger und Proletarier --! Das hat er mich gelehrt, er, mein Freund, unser Freund -- glaubt mir's, glaubt's ihm ... Der da, mein armer Bruder, der hat's ihm nicht glauben wollen ... darum ...« Ihre Stimme wollte brechen -- aber noch einmal raffte sie sich auf: »Versöhnung! Brüder -- Kameraden -- Versöhnung!!«
Und jetzt trat der alte Carstensen vor bis zu der Stelle, wo der todbereite Mann stand -- geschützt nur von der Liebe der zwei Frauen, die ihn verstanden.
Der Senator hob im Vorschreiten das Gewehr von der Erde, das des Leutnants Händen entfallen war. Und nun ergriff er auch das zweite, das der Arbeiter hatte sinken lassen, um zum Messer zu greifen. So stand der alte Mann -- in jeder Hand eine Waffe ... nun hob er beide -- hoch in die märzlich durchstürmten Lüfte. Über dem schneeweißen Haupt, aus dem diese ganze Schaffenswelt ringsum entstanden war, schwankten die zwei braunen Kolben. Nun sausten sie nieder aufs blutgetränkte Pflaster des Werfthofes, zersplitterten mit einem ächzenden Krachen. So groß war die Bewegung, so einfach und herrlich ihr Sinn -- sie zwang die Tausende in ihren Bann.
Und jetzt trat aus der Pforte Bob Timmermanns, den Karabiner in der Hand, aus dem er den rächenden Schuß getan. Dem Beispiel seines Meisters folgend hob er als erster die Waffe und schlug sie entzwei.
Da ging durch die harrenden Massen ein tiefes, aufatmenden Begreifen.
Erst waren es drei, vier, sechs Arme, die sich hoben, die Waffe des Bruderkrieges zu zertrümmern -- schon zersplitterte Kolben um Kolben, flog Schaft um Schaft zuhauf -- nun stürmten Dutzende heran, dem Opferfeste, der Versöhnungsfeier sich anzuschließen -- zu Hunderten jetzt zerkrachten die Gewehre, geweiht dereinst zu des Vaterlandes Verteidigung, geschändet nun durch den Kampf der Parteien, der Klassen, der Brüder ...
Und wie Waffe um Waffe zersprang, wie die Trümmer zum Berge sich türmten inmitten -- da traten sie von hüben und drüben aufeinander zu, die Roten und die Weißen, und schauten sich ins Auge. Und Hammerhand und Federhand fanden, fügten sich zusammen über den Leichnamen der Opfer, besiegelten in stummem Gelöbnis den neuen Bund, den Bund der Deutschen, schwuren wortlos heiligen Schwur.
Droben aber an einem Fenster des ersten Stockwerks, zwischen aufatmenden Männern und leise schluchzenden Frauen, stand das Kind eines fernen, eines glücklichen Landes, eines längst schon einigen und freien Volkes -- inmitten seiner staunenden Landsleute vom Patterson-Konzern -- und sah, wie Deutsche zu Deutschen sich fanden -- sah den Starken, den Trotzigen, dem sie sich zu eigen gelobt, drunten Hand in Hand mit dem alten Manne stehen, dem er den Sohn erschlagen, dessen Sohn ihm den Bruder getötet ...
Und da quoll aus ihrer jungen Seele ein heiliges Gelöbnis: für dieses Volk zu zeugen, soweit ihre schwache Mädchenstimme Kraft hatte zu klingen ... an dieses Mannes, dieses Volkes Zukunft ihr unentweihtes Herz, ihr freudig pulsendes Leben zu wagen.
Mehr noch -- mehr noch -- immer mehr -- alle -- alle -- --
In dichten Massen drängten sie heran, die eben noch zum Sturm antraten wider die Herzkammern ihres eigenen Schaffens und Lebens. Zur großen, freien Sühnetat eilen sie herzu, zerschlagen die Werkzeuge des Hasses, zerschlagen den Haß, die Verbitterung, den Neid -- schwören ab dem Bruderzwist, dem Klassenzwist. Geloben sich dem Genius ihres Volkes, der selbstverleugnenden Arbeit fürs Ganze, der Eintracht, der Versöhnung, der Wiedergeburt.
* * * * *
Spürst du, wie ein leises Beben den rostfarbenen Gigantenleib der eisernen Riesin durchrinnt?! Die Hammerschläge dröhnen und treiben die letzten Keile heraus. Nichts hemmt nun mehr den Drang der Gewaltigen, der sie zum Strome treibt, in das sturmgepeitschte Wogengetriebe, das ohne Hasten und ohne Rasten dem nahen, dem freien Meer entgegen sich wälzt.
Und jetzt -- jetzt ist es getan -- in erhabener Ruhe setzt die lastende Masse sich in Bewegung. An ihrem Heck flattert die Seeflagge des Deutschen Reiches ...
Die Bremsketten rasseln, die Gleitbahn ächzt, der Boden wankt unterm schweren Wandel der Riesin --
Schneller, immer schneller --
Und nun erschallt ein Jauchzen ringsum -- nun heben sich zu jubelndem Gruß die tausend und aber tausend Hände derer, die sie planten, die sie bauten -- die aber tausend Hände, noch bebend vom Treugelöbnis, das sie alle zum neuen Bunde zusammengefügt ...
Jetzt schäumt die Welle des Elbstromes hochauf grüßt schäumend ihre jüngste Bezwingerin ...
Hoch droben am Heck aber, wo die sturmgepeitschte Fahne des Deutschen Reiches flattert, sehen die tausend und aber tausend Augenpaare der Jauchzenden in goldenen Lettern den Namen glänzen, dem sie ihr Herz, ihre Faust, ihr Leben heut aufs neue geweiht:
~den Namen des Landes unserer Liebe~.
~Walter Bloem Romane~
~Hafis Ausgabe~
[Illustration]
10 Ganzleinenbände in Kassette M. 32.50
10 Halblederbände in Kassette M. 48.--
Jeder Band ist einzeln lieferbar
in Ganzleinen M. 3.25, in Halbleder M. 4.80
~Inhalt~
Band 1: Das eiserne Jahr Band 2: Volk wider Volk Band 3: Die Schmiede d. Zukunft Band 4: Das verlorene Vaterland Band 5: Der krasse Fuchs Band 6: Das jüngste Gericht Band 7: Brüderlichkeit Band 8: Das lockende Spiel Band 9: Sonnenland Band 10: Das Land unserer Liebe
Walter Bloem steht seit langem in der ersten Reihe jener Erzähler, deren Werke dem deutschen Volke ans Herz gewachsen sind. Mit dem Studentenfrohsinn des »Krassen Fuchses« stürmte er übermütig hervor; dann klärte der gärende Most sich zum Edelwein in den vaterländischen Romanen, der Trilogie »Das eiserne Jahr«, »Volk wider Volk« und »Die Schmiede der Zukunft«, Schilderungen aus der gewaltigen Zeit des Krieges 1870/71 voll packenden Lebens und begeisterter Gesinnung. Ihre hellen Flammen wurden vom Sturmhauch des Weltkrieges zu düsterer Glut angefacht, im »Verlorenen Vaterland« am heißesten lodernd, um dann voll tiefen Gefühls in »Brüderlichkeit« und dem »Land unserer Liebe« das Unglück des jüngsten Jahrzehnts zu beleuchten.
Alle diese Romane -- und nicht minder die hier unerwähnten -- können beste, jedem Leser zuträgliche Geisteskost genannt werden. Geschieht nun durch billigsten Preis das Möglichste, um diese in Hunderttausenden von Exemplaren verbreiteten Dichtungen einem noch viel größeren Kreise zugänglich zu machen, so darf dies als ein wahrhafter Dienst an unserem Volke gelten.