Buch I
»Kiekt ens an!« rief die Weise-Frau.
Sie trat, das in ein buntes Stechkissen eingebündelte Neugeborene auf beiden flachen Händen hinhaltend, es so gleichsam präsentierend, an das Bett, in dem die Mutter auf rot gewürfeltem Kissen lag. Unter einer einfachen, grobhaarigen Decke, über welche ein weißes Laken geschlagen war, ruhte die Wöchnerin.
»Kiekt ens an, Madam Rinke, es dat nit en staats Weit[1]?!«
[1] Mädchen.
Die junge Frau, die bis dahin mit geschlossenen Augen gelegen hatte, rührte sich. Ihr rundes, vollwangiges Gesicht, dem nur die Angst der letzten Stunden ein wenig die Farbe genommen, lächelte.
»Och e ja,« sagte sie erfreut und rückte sich, um ihr Kind besser besehen zu können. Es war ihr erstes Kind. »Wat et für schrumplige Händches hat! Un alles e so rot!«
»Rot?« wiederholte die Weise-Frau, förmlich beleidigt. »Rot?! Kömmert Euch da nit dröm! Weiß es et, weiß wie Allebaster un Liljen. En Haut hat et wie Sammet,« – stolz warf sie sich in die Brust – »Ehr könnt mech dat jlöwe, Madam Rinke, ech han noch nie e so en schön Kink jeholt. Paßt ens op, dat jeht als Engelche mit bei de Prozession!«
Über das lächelnde Gesicht der jungen Mutter flog plötzlich ein Schatten, und sie stieß einen Seufzer aus.
»Jott stonn mech bei, wat es dann noch zu seufzen?!« eiferte Frau Dauwenspeck. »Ehr hat et ja nu hinger Euch, Feldwebelin – un so en staats Weit! Da könnt Ehr wohl in der Lamberteskirch en Kerz für opstecken!«
Die Frau Feldwebel sagte nichts dazu. Sie hatte wieder die Augen geschlossen, aber nicht um zu schlummern, unruhig warf sie den blonden, zerzausten Kopf hin und her.
Kopfschüttelnd trat die Dauwenspeck vom Bett weg an’s Fenster: so eine echte Freude hatte die Feldwebelin doch eigentlich gar nicht! Am Ende weil es kein Junge, bloß ein Mädchen war?! Der Preuße würde sich’s schon in den Kopf gesetzt haben: ›’ne Jung’‹ – no, natürlich!
»De Leut sin jeck,« brummte sie und sah dabei nachdenklich auf das runde Köpfchen, das schwer und warm in ihrem Arm lag. Mit der freien Linken schob sie die Gardinchen von der schmalen Fensterscheibe zurück. Jetzt, im hellen Licht des Sommertages, sah man erst recht, wie kräftig das Kind war – hochgewölbt die Brust, der Schädel prächtig entwickelt. Entzückt schmunzelnd, prüfte die Weise-Frau das Gewicht: allen Respekt, elf Pfund waren das sicher und gewiß!
»Als ob et immer Junges sein mößten,« brummte sie weiter, »Mädches sin auch wat notz. Wat hätt’ de Adam dann allein op der Welt jemacht?! Pß – sß – bis still, dau lecker Dierke!«
Sie wiegte das kleine Mädchen, das, vom Sonnenlicht getroffen, zu niesen anfing, sanft schaukelnd hin und her, ihren rauhen Baß dabei zum summen dämpfend:
»Heia Popinke, Din Motter heißt Kathrinke, Din Vatter es ene Kappesbuhr Kömmt de hem, da kiekt de suhr.«
Im Bett rührte sich die Frau nicht mehr, sie war nun doch wohl eingeschlafen. An der niederen Balkendecke des weißgetünchten Zimmers summten die Fliegen; unruhig wirbelten sie um den Stock, der, mit Syrup beschmiert, vom Mittelbalken herabhing.
Es war heiß, Hochsommer. Jenseits des Exerzierplatzes, drüben über’m Kanal, ballte sich eine dicke, dunkle Wolke mitten im lichten Blau. Die vereinzelten Bäume dort rührten sich nicht; wie aus steifem, grünem Papier geschnitten, standen sie starr. Auf dem noch unbebauten Plan jagten sich ein paar große Hunde, scharrten in den Gruben und stürzten dann durstig die Böschung hinunter zum Wasser.
Auf den weiten, staubigen Platz prallte die Sonne; er lag ganz leer, kein Offizier übte mit seinem Pferde dort spanischen Tritt, kein Bursche ließ den Gaul seines Herrn an der Longe laufen, auch keine Mannschaft exerzierte. Alles ausgestorben. Doch horch, jetzt eine Stimme:
»Achtung! Präsentiert das – Gewehrrr!«
No, der war ja wieder gut am Schimpfen, und hier oben war ihm doch ein Kind geboren! Eilig steckte Frau Dauwenspeck ihren Kopf mit der bebänderten Haube zum Fensterchen heraus – richtig, da stand gerade unter’m Fenster eine kleine Anzahl Rekruten, so ein paar Sündenböcke, dicht an der Mauer, um ein wenig Schatten zu haben, und der Feldwebel lief vor ihnen auf und ab in der prallen Sonne und übte selber mit ihnen nach.
»Himmelkreuzsakrament, ihr rheinischen Dickköppe, wozu sind euch denn die Tatzen an den Leib gewachsen? Immer man feste!«
»Achtung! Gewehr auf – Schulter!«
»Das Gewehrr – über!«
»Pst!« Frau Dauwenspeck neigte sich weiter hinaus, »Feldwebel, he, pst!« Mit beiden Armen streckte sie das Kind von sich und hob es zugleich ein wenig in die Höhe – so mußte er’s sehen!
Er sah es auch. Einen flüchtigen Augenblick schaute er zum Fester seiner Wohnung hinauf; über sein strenges, braunes Gesicht zuckte etwas wie ein Freudenstrahl, aber gleich darauf fuhr sein Blick wieder rollend über die Soldaten hin.
»Schlaft ihr? Ich wer’ euch lehren, die Kompagnie verschimpfieren, ihr Rasselbande! Kopf hoch! Brust ’rraus! Bauch ’rrein!«
»Faßt das Gewehrr – an!«
»Gewehrr – ab!«
Die strenge Stimme tönte über den ganzen Platz und weckte ein hallendes Echo drüben in der stillen Leere jenseits des Kanals.
Indigniert zog sich die Dauwenspeck vom Fenster zurück und ließ sich pustend auf den nächsten Schemel fallen. Das war einer, nicht mal einen Moment kam er heraufgelaufen, sich sein Erstgeborenes anzusehen! Am frühen Morgen schon war er weggerannt, hatte sie mit dem armen Weib in aller Not allein gelassen, und man hätte ihn doch zu einer Handreichung nötig gehabt! ›Käthe‹, hatte er gesagt, und seiner angstvoll blickenden Frau auf die Wange geklopft, ›Courage! Du bist jetzt wie der Soldat vor der Schlacht – man los, man tapfer!‹ Und damit war er gegangen. Ja, die Preußen! Die hatten kein Herz im Leib, die dachten nur an hauen und stechen und schießen!
Die Alte war sehr unzufrieden.
Da waren doch die Pfälzer und Österreicher, die in ihrer Jugendzeit, als Düsseldorf noch Festung gewesen, hier gelegen, ganz andre Leute! Bei der Dame eines Pfälzer Offiziers hatte sie ihre allererste Entbindung gemacht; ausgelernt hatte sie noch gar nicht gehabt, sie verstand’s nur, weil ihre Mutter und Großmutter dasselbe Gewerbe betrieben hatten und ihr Vater ein Barbier- und Ruchwarenlädchen besaß, schröpfte und Zähne zog und mehr Zuspruch hatte wie ein Doktor. Die Dame damals war gar nicht so wohl gewesen wie jetzt die Feldwebelin, aber doch hatte der Pfälzer gesprungen und gepfiffen und einen Zettel an seinen Obersten geschickt: der möchte ihn exküsieren, er könnte heut nicht zum Dienst kommen, seine Frau hätte ein Kind gekriegt. Und Wein hatte er bringen lassen und ein paar Kameraden geladen, da hatten sie auf das Wohl des kleinen Fräuleins getrunken. Und ihr hatte der lustige Herr einen baren harten Thaler in die Hand gedrückt, und Geld war doch rar in der Stadt um 1795.
›Käthe‹ – schon allein, daß der Feldwebel ›Käthe‹ zu seiner Frau sagte, war zum ärgern. Mochten sie in Preußen immerhin ›Käthe‹ sagen, hier am Rhein sagte jedermann ›Kathrina‹ oder ›Trina‹ oder ›Tring‹. Der armen, jungen Frau so den christlichen Taufnamen zu verschimpfieren. Aber was konnte man von dem denn andres erwarten, der war ja ein ›Lutherscher‹! Der Bürger Zillges hätte auch besser gethan, seine Tochter einem von hierzulande zur Frau zu geben, als dem, der dahergeschneit kam von Gott weiß wo, aus der Sandwüste Berlin. So einem Soldatenjungen, der wohl gar im Marketenderkarren geboren war, beim Troß oder in irgend einem Festungsgraben. Aber dat Tring war ja wie toll gewesen. Keiner hatte ihr bisher gut genug gedünkt, vierundzwanzig war sie schon geworden, aber sie verließ sich auf ihr rundes Gesicht und des Vaters Geldbeutel. Die Wirtschaft ging flott, und Bürger Zillges konnte wohl was überlegen für sein einziges Kind. Da trat eines Tages der Preuße in die Wirtsstube ›Zum bunten Vogel‹, keck verlangte er ein Kännchen Bier, seine Knöpfe blinkerten, die hohe Binde schnürte ihm fast den Hals zu, er hielt sich so gerade, als hätte er einen Zaunstecken verschluckt und – weg war die Trina, ganz verschossen.
Ne, das hatte keine Art: ein Preuß’, ein Soldat, ein Ketzer! Wenn Düsseldorf nun auch schon leider Gottes seit über ein Dutzend Jahr’ zum Preußenstaat gerechnet wurde, man würde sich selber nie daran gewöhnen. Und so ein Preuße, so ein unverfälschter Berliner, der eben erst vor vier Wochen hier hereingerochen hatte, der sollte die Tochter aus dem ›Bunten Vogel‹ freien?! Die ganze Ratingerstraße geriet darüber in Aufregung. Und konnte man es dem Zillges verdenken, daß er herumging wie ein Ungewitter, und daß Mutter Zillges den teilnehmenden Nachbarinnen ihr bekümmertes Herz ausschüttete? Wer hätte gedacht, daß die Trina so eine halsstarrige Frauensperson wäre?! Sie war doch immer so mollig, so schnuckelig, so ein bißchen bequem gewesen, und nun wollte sie auf einmal in den Rhein springen, wenn die Eltern ihr nicht den Feldwebel gäben. Sie weinte sich die Augen rot, sie verlor förmlich von ihrer Völligkeit, nie mehr vertieften sich die Grübchen in ihren Backen; sie ließ sich gar nicht mehr unten in der Wirtsstube sehen, saß immer oben am Kammerfenster hinter ihren vertrockneten Blumenstöcken und reckte nur den Hals, wenn ein soldatischer Tritt auf dem Pflaster dröhnte, und groß und stramm der Feldwebel vorbeimarschierte, allein oder mit der Wache, die zum Burgplatz zog. Stolz ging er, den Schnauzbart gewichst – ein stattlicher Kerl, das mußte ihm der Neid lassen! Mußte auch sein Handwerk verstehen, denn ›Feldwebel‹, das war doch mehr als ein gewöhnlicher Soldat; und alt war er auch noch lange nicht, vielleicht an die dreißig!
Die Dauwenspeck wußte jetzt nicht mehr, wie es gekommen, daß ihr Herz sich nach und nach für den Preußen erweicht hatte; denn daß er ihr eines Abends, als sie ratlos vor dem, die Ratingerstraße halb überschwemmenden Rinnstein stand und sehnsüchtig nach ihrer Hausthür hinstarrte, über’s Wasser half, das war doch nur selbstverständlich! Ach, hätte sie lieber nicht bei Mutter Zillges ein gutes Wort für den Preußen geredet, denn – die Alte starrte nachdenklich auf das in ihrem Schoß jetzt sanft schlummernde Kind – war die Trina glücklich geworden?!
Erst schien sie es freilich. Das war eine Glückseligkeit, als der Zillges den Preußen aufgefordert, näher zu treten. Trina hatte kein Wort dazu gesagt, aber den schönen Soldaten immer angesehen mit verschämtem Erröten, die blinkernden Knöpfe hielten sie gebannt; und als er sich verabschiedet, hatte sie ihm das Geleit gegeben auf den Hausflur, bis an die Hausthür, und als er dort eben mal den Arm um ihre Taille legte, hatte sie den Kopf an seine Brust fallen lassen und war so eine ganze Weile verblieben.
Oha, die Dauwenspeck wußte das alles ganz genau, nicht umsonst wohnte sie dem ›bunten Vogel‹ gerade gegenüber. Sie hatte fleißig beobachtet, deutlich gesehen, wenn’s auch schon dämmerte, und was da etwa fehlte, konnte sie sich leicht hinzudenken; man war doch nicht unerfahren. Tagtäglich war er gekommen. Kein Wunder, so ein povrer Preuße, der nichts hatte, als seine paar Pfennig Löhnung – die Infanteristen waren doch die allererbärmlichsten, die Husaren in der Neustadt hatten wenigstens ein Pferd – der ließ sich’s wohl sein im fetten Bürgerhaus! Die Frau Zillges kochte vorzüglich, war sie doch guter Leute Kind, eine Tochter aus der ›Stadt Venlo‹ in der Ritterstraße, wo der berühmte Mostrich herkam. Eine Mostertsauce zum fetten Rindfleisch verstand sie zu rühren, so lecker, daß auch ein andrer, als der hungerleiderige Preuße wohl schlecken mochte! Und ›Stühl und Bänk‹[2] kochte ihr keiner nach. Es dauerte nicht lange, und der Brautschleier wurde in Auswahl genommen, und die goldenen Ringe wurden bestellt bei Schmitz im ›Blumenkörbchen‹. Bald danach trug Zuckerbäcker Troost aus dem ›heiligen Apollinarius‹ in der Altestadt den Hochzeitskuchen in den ›bunten Vogel‹, und ein Rudel Kinder lief hinterdrein, um den Krokantaufsatz mit dem Amörchen im Taubenwägelchen auf der Torte anzustaunen.
[2] Alt-Düsseldorfer Gericht, bestehend aus weißen Bohnen, Mohrrüben und Kartoffeln.
Die Trina war eine strahlende Braut gewesen. Ihr Gesicht glühte, als sie neben ihrem Feldwebel in die Kirche trat. Der stand stramm in der Paradeuniform. Aber Peter Zillges schien grauer geworden, und Frau Josefine Cordula duckte den Kopf; wie die armen Sünder schlichen die beiden Eltern hinterdrein. Ja, das war nicht so leicht, das einzige Kind, auf das sie elf lange Ehejahre geharrt hatten, zur Trauung gehen zu sehen, denn weder die Glocken von Lambertus läuteten, noch von St. Andreas, noch von der Jesuiterkirche, noch von der Maxpfarre – Trina hatte eingewilligt, ihre Kinder ›lutherisch‹ werden zu lassen! ›Denn‹, hatte der Preuße gesagt und dabei die Faust fest auf den Tisch gestemmt, ›Soldatenkinder müssen beten, wie ihr König betet.‹ Darauf bestand er, da halfen keine Vorstellungen. Herr jemine, hatte der Zillges geschimpft – die Kinder Ketzer – nie! Aber ›na, denn nich,‹ hatte der Preuße gesagt, ›denn wird aber auch nicht geheiratet.‹ Was sollte der Zillges machen? Die Trina schrie und fing wieder an, mit dem Rhein zu drohen, sie wollte schon aus der Thür laufen, der Vater kriegte sie noch gerade beim Arm zu fassen; und die Mutter weinte mit ihr. Das war eine Thränenflut zum versaufen.
Ein kleiner Trost war’s, daß die Garnisonkirche, in der die Trauung stattfand, ›Sankt Anna‹ hieß; da wurde auch gut katholisch drin gebetet, sie diente beiden Konfessionen. Und das mit den Kindern – ei, kommt Zeit, kommt Rat, vorderhand wollte man sich nun darüber nicht mehr grämen.
So waren Feldwebel Friedrich Rinke und Jungfer Kathrina Zillges zusammengesprochen worden ohne Weihrauch, ohne Gesang – gar keine richtige Trauung, und doch war heute prompt, wie es sich gehörte, das erste Kind einpassiert.
»Du arm Ditzke!« Mitleidig schlug Frau Dauwenspeck ein Kreuz über Stirn und Brust des Neugeborenen. Das schöne Kind, Sünde und Schande, wenn seine Seele dereinst nicht selig werden sollte!
Ein schwerer Tritt drückte die Holzstiege nieder, die zur Feldwebelwohnung emporführte, man hörte das Knarren – aha, nun kam er! Die Dauwenspeck setzte sich in Positur. ›No‹, wollte sie zu ihm sagen, ›endlich!‹ Bah, vor dem hatte sie noch lang keine Angst! Mutter Zillges hatte immer eine dumme Scheu vor dem Schwiegersohn. I, warum nicht gar? Ein richtiges rheinisches Mundwerk ist so einer Berliner Schnauze noch lange gewachsen. Der sollte sich nur mal trauen, sie schief anzugucken! ›Seid Ehr jeck?‹ würde sie dann sofort sagen, ja, das würde sie – ›Ehr seid ja je–‹
Sie fuhr zusammen; schon war er eingetreten. Mit einem großen Schritt stand er neben ihr. Ohne weiteres nahm er ihr das Kind aus dem Arm, hielt es vor sich und betrachtete es lange, ohne Wort. Ein Freudenglanz breitete sich über sein Gesicht, weich wurden seine strengen Züge.
Die Dauwenspeck sah ganz verdutzt drein, sie hätte es nicht für möglich gehalten: war das ein verliebter Vater!
»Ein Prachtbengel,« sagte er endlich, und in stolzem Glück leuchteten seine Augen, »ein Prachtbengel!«
»En Prachtmädche, met Verlöw,« sagte die Dauwenspeck. Aber sie sagte es nicht ohne Besorgnis – der würde ihr wohl bald den Kopf abreißen!
Sie hatte sich geirrt. Wohl flog’s erst wie Enttäuschung über sein Gesicht, aber er faßte sich rasch: »Na, wenn schon! Denn also: ein Prachtmädel! Sie wird Preußen wackre Soldaten schenken.«
Und er bückte sich und küßte sein kleines Mädchen.
Draußen fingen die Glocken an zu läuten, von St. Lambertus, von St. Andreas und wie die Kirchen alle heißen.
»Wat läuten se denn eso?« fragte die junge Frau, jäh aus dem Schlummer auffahrend.
Ihr Mann trat an’s Bett; sich über sie beugend, nahm er ihre Hand in die seine. »Na, Käthe,« sagte er gut gelaunt und klopfte ihre bleiche Wange – »na, Mutterchen?!«
»Wat – läuten – se – so?« wiederholte sie wie im Fieber.
»Na, Mittag!«
Mit einem Seufzer schloß die Müde wieder die Augen.
* * * * *
Und die Glocken der Stadt läuteten weiter. Zur Hochzeit des Feldwebels hatte keine einzige geläutet; jetzt riefen sie alle mit schallender Stimme, von all den vielen Kirchen und Kapellen, hoch und hell, voll und tief, über Straßen und Dächer, über Höfe und Gärten, in lautem, vielstimmigem Chor.
Sie begrüßten mit Freuden des Feldwebels Tochter: ein rheinisches Kind.
II
Vierzehn Tage später, an einem August-Sonntag 1830, wurde Josefine Rinke getauft.
Der Feldwebel hätte seine Erstgeborene gern Luise genannt, nach Preußens geliebtester Königin, aber es wurde als ganz selbstverständlich angenommen, das Kind mußte einen Namen von Großmutter Zillges führen; und so wollte er seinem erst eben genesenen Weib, das ohnehin leicht flennte, diesen Kummer nicht auch noch anthun. War es Trina doch Kummer genug, daß sie die Taufe nicht mit einem Fest feiern sollte, wie sie es gewohnt war bei weit geringeren Anlässen. Im ›bunten Vogel‹ hatte man gern gefeiert; es gab so viel Heiligentage, so viel fröhliche Gelegenheiten. Und wenn man sich nur einen ›Spaß‹ machte, Bratäpfel und Kastanien schmauste, sobald der erste Schnee fiel, oder singend über flackernde Lichtstümpfchen hüpfte.
Nun sollte nicht einmal die Taufe der kleinen Josefine mit einem Essen begangen werden, zu dem man Gevattern und Freunde einlud! Ein größerer Gefangenentransport war nach der Festung Wesel zu eskortieren; statt des plötzlich erkrankten Offiziers hatte man Rinke das Kommando angeboten, und er hatte es angenommen. Hätte er’s nicht ebenso gut ablehnen können, die Taufe seines Kindes war doch Grund genug?! Aber nein – Frau Trina war außer sich – annehmen mußte er’s, aus purer Eitelkeit! Und wenn’s denn schon sein mußte, so hätte man ja doch die Taufe verschieben können, um ein, zwei Tage bloß; aber nein, auch das nicht, der einmal festgesetzte Termin mußte innegehalten werden. Weil der Garnisonspfarrer am Sonntag nach der evangelischen Kirche ein halb Dutzend Soldatenkinder zusammen taufte, mußte das Finchen auch ’ran. Das arme Finchen, das kriegte ja gar keine richtige Tauf’!
›Wenigstens en Tass’ Kaffee mit Bollebäuskes und Rodon,‹ hatte sie schluchzend ihren Mann gebeten, ›un nachher e Jläsche Wein! Un nur en paar jute Bekannte derzu! Dat können mer doch auch ohne dich, da brauchst du ja jar nit bei zu sein!‹
›Ob ich ›bei‹ bin oder nicht,‹ hatte er gesagt, ärgerlich ihre Sprechweise nachahmend, ›ich will den Sums nicht! Schlicht getauft, weiter was ist nich nötig!‹ Die Feldwebelin hatte sich bitter bei ihrer Mutter beklagt.
Schmerzlich bewegt schritt Frau Zillges heute mit der Tochter und der getreuen Dauwenspeck, die den Täufling trug, zur Kirche. Sie kamen ein wenig zu früh, aber sie standen lieber draußen vor der Thür und warteten, als daß sie eingetreten wären, wozu der Küster sie leise aufforderte.
Es fing an zu regnen, ein kühler Gewitternachregen war’s; das Pflaster der Kasernenstraße trat sich unangenehm schlüpfrig. Die junge Frau trippelte blaß und fröstelnd hin und her, ihre blauen Augen irrten verdrossen die Straße auf und ab: ach, gar nichts zu sehen! Nur ein paar Soldaten in Drillichjacken guckten gelangweilt aus den Fenstern rechts und links von Sankt Anna.
Die Dauwenspeck schlug einen Zipfel ihrer Mantille über den Täufling und drückte sich, so sehr sie konnte, auf der Schwelle der Kirche unter die etwas vorspringende Eingangsbedachung.
Mutter Zillges stand unbeweglich und schien des Regens nicht zu achten, der ihre Haube näßte; sie war in Gedanken versunken. Für eine, die schon einige Jahre die Fünfzig hinter sich hatte, war ihr Gesicht merkwürdig glatt geblieben, dies freundliche, behagliche, zufriedene Gesicht. Heut sah man doch, daß es auch schon Runzeln hatte. War’s denn nicht auch zu traurig? Solch eine Taufe! Der Vater nicht zugegen, der Großvater nicht zugegen – was sollten die Leute wohl denken, daß der Zillges nicht mitgekommen war? Jemand Fremdes zu Gevatter zu bitten, hatte man ja ohnehin bei so einer Taufe gar nicht gewagt. Frau Josefine Cordula fühlte sich heut wirklich unglücklich, sie konnte sich nicht erinnern, je in ihrem Leben unglücklicher gewesen zu sein, nicht einmal, als ihre Eltern starben. Da hatte der Weihrauch die ›Stadt Venlo‹ durchweht, wie ein sanft tröstender Hauch des Himmels. Heut aber, hier auf der regenfeuchten Straße, angesichts einer Taufe, die eigentlich gar keine war, versagte ihre Fassung. Hatte ihr zu alledem doch noch Zillges heute morgen erklärt, als er das bedrohliche Wetter sah, sie solle nur allein zu der ›Ketzerei‹ laufen, er ginge nicht mit. Sie hatte ihn ›bequem‹ gescholten, sogar mit ihm gebrummt, was selten vorkam, aber der sonst so gemütliche Peter blieb dickköpfig. Nein, wenn der nicht wollte, dann wollte er nun mal nicht. Überdies hätte er Leibschmerzen, sagte er.
Wenn Frau Zillges es recht bedachte, verdenken konnte sie ihrem Peter sein Fernbleiben eigentlich nicht, der Rinke hatte ihn doch zu sehr geärgert. Freilich hatte die dumme Trina in der ersten Verliebtheit jedes Zugeständnis gemacht, aber nun hätte Rinke doch auch ein bißchen mit sich reden lassen können: wenigstens halb und halb – die Mädchens nach der Mutter, die Jungens nach dem Vater! Mutter Zillges hatte die ganzen vierzehn Tage seit der Geburt der Kleinen gehofft, der Feldwebel werde sich besinnen und das Kind durch eine heilige Taufe den wahren Gläubigen zugesellen.
Sie hatte ihre Tochter, die ja immer ein bißchen lässig war und gern Unangenehmem aus dem Weg ging, beschworen, ihrem Mann ernstliche Vorstellungen zu machen.
Trina behauptete auch, das gethan zu haben: aber ›er is doch nu ens so,‹ hatte sie gejammert, ›ich krieg ihn nit derzu. Wat soll ich dabei machen? Laßt mich zufrieden!‹
Ach, ach, es war aber auch alles zu ärgerlich! Frau Zillges biß sich auf die Lippen; sie wurde nicht gleich so grob wie ihr Mann, aber wenn sie den Rinke jetzt hier gehabt hätte, glaubte sie sich imstande, ihm ordentlich den Text zu lesen. Jedes harmlose Pläsier verdarb einem der Preuße!
Während der ganzen ersten Hälfte der Ansprache, die der Pastor hielt, dachte sie darüber nach, warum sie eigentlich für einen so betrüblichen Tag einen so großen Zwetschgenkuchen gebacken hatte und einen so leckeren Blatz mit Korinthen. Wie konnte man denn essen, wenn man so traurig war?! Aber sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah, war es der Anblick des Kindchens, das, ganz so rund und blond wie die Mutter, brav schlummerte, die kleinen Hände zu Fäustchen geballt? Das nicht einmal aufzuckte, als die kalten Wassertropfen den zarten Flaum seines Köpfchens besprengten? Sie bekam freundlichere Gedanken.
Und hier der Hochaltar von Marmorstein, den man von den frommen Cölestinerinnen hergebracht – und da der heilige Johannes Nepomuk und dort in der Nische die heilige Anna! Nein, noch war nicht alles verloren! Ihre Stirn glättete sich; sie sah nieder: ei, so ein klein lecker Stümpken! Akkurat so hatte ihr einst das eigne Kind, die kleine Trina, im Arm gelegen, wie hatte da ihr Herz vor Freuden geklopft! Und nun war sie Großmutter! Ihr Herz klopfte wieder, gerade so innig, nein, fast noch mehr! Warm fühlte sie’s in sich aufwallen. Ja, sie wollte es lieb haben, und was an ihr lag, das wollte sie wohl thun, der Preuße sollte nicht die Oberhand kriegen; am Rhein war es geboren, ein rheinisch Kind sollte das Finchen bleiben!
Sie mußte an sich halten, um dem Enkelkind nicht einen schallenden Kuß aufzudrücken.
Der Geistliche sprach den Segen über die Täuflinge; es beruhigte die Großmutter, daß er dabei wenigstens ein Kreuz machte. Durch das Glas der Kirchenfenster fielen bunte Strahlen. Draußen schien wieder die Sonne – ei, das war gut, da sah sich alles noch einmal so freundlich an!
Als sie dem Ausgang der Kirche zuschritten, hatte Frau Zillges wieder ihr gewohntes behagliches Gesicht.
»Et hat noch jut jejangen,« flüsterte sie und nickte der Tochter zu. Diese gähnte, war abgespannt und hatte Lust auf ein Gläschen Wein; aber sie hatte keinen Viertelschoppen zu Hause, das fiel ihr ein, und darum seufzte sie. Plötzlich fuhr sie zusammen, als die Mutter einen Laut der Überraschung ausstieß.
Hinter dem letzten Pfeiler trat Vater Zillges auf sie zu. Er schmunzelte über’s ganze Gesicht, zugleich ein bißchen pfiffig und ein bißchen verlegen; da hatte er die ganze Zeit über versteckt gestanden und zugesehen.
»No, Zillges,« flüsterte Frau Josefine Cordula und gab ihrem Mann einen kleinen Puff in die Seite, »du bis aber einen!« Sie wollte ärgerlich thun, aber sie brachte es nicht fertig. »Warum biste dann nit wenigstens vornehin jekommen?!«
Er faßte sie unter den Arm und flüsterte zurück unter noch stärkerem Schmunzeln: »Dat war mich nit möjelich, wahrhaftijens Jott nit – du weißt doch – dat Bukping!« Und dabei knibbelte er mit dem Auge.
In guter Laune traten sie aus dem Portal. Es war wunderschönes Wetter geworden; Damen mit Parasols und blumengeschmückten Kiepenhüten bauschten ihre sommerlich hellen Gewänder.
»Wohin dann?« fragte Zillges, als sich Trina jetzt nach links wendete. Die Infanteriekaserne dehnte sich lang, nahm die ganze eine Seite der Straße ein, und die Feldwebelwohnung lag in Hof I, im äußersten linken Flügel. »No, wat dann, wohin jehste?«
»Nach Haus,« murmelte Frau Trina mit zuckenden Lippen; es wurde ihr doch gar schwer, wenn sie daran dachte, daß sie an dem schönen Sonntag, der noch dazu der Tauftag ihres Kindes war, so mutterseelenallein in der öden Kaserne sitzen sollte. Die Eltern würden ja nicht zu ihr kommen, die hatten in dem ganzen Jahr kaum einmal die Feldwebelwohnung betreten; und wenn auch der Rinke nicht da war, das thaten sie doch nicht. Überdies war am Sonntag nachmittag immer viel Zuspruch im ›Bunten Vogel‹. »Och Jott, och Jott!« seufzte sie; sie fühlte sich doch noch recht schwach.
Als hätte der Vater ihre Gedanken erraten, so sagte er jetzt: »No Huus?! Biste jeck? Du wirst doch net e so trübselig allein sitzen?! Komm du nur bei uns, Tring!«
»Un dat Finken kömmt auch mit bei sein Jroßmamma,« rief Mutter Zillges und lächelte zärtlich ihr Enkelkind an.
Die junge Frau war zögernd stehen geblieben und wurde abwechselnd rot und blaß. Ach ja, sie wollte sehr gern mitgehen, aber hatte ihr Mann ihr nicht befohlen, sich ruhig zu Haus zu halten? Unschlüssig sah sie vom Vater zur Mutter und auch zur kleinen Josefine hin, sie wußte sich keinen Rat; ihr grauste vor den getünchten Kasernenwänden und der Einsamkeit. Wie viel besser war’s in der getäfelten Wirtsstube des ›Bunten Vogel‹, und nebenan im kleinen Comptörchen, wo der große Lederstuhl am Fenster zum Ruhen einlud, und das erst kürzlich angebrachte Spiönchen die Straße aufwärts und abwärts in seinem Glas spiegelte. O, da war’s gut sein! Aber hatte Rinke nicht gesagt: ›Du bist noch schwach, leg dich lieber ein paar Stunden hin, schon wegen der Josefine!‹ Schwach, schwach?! Ne, sie war ganz kräftig!
Die Dauwenspeck gab den Ausschlag. »No, Madam’ Rinke,« mahnte sie, »steht hie nit e so lang erum, dat es Euch nit jut. Zeit for ’t Mittagessen es et auch als. Un et Finken hat auch als Appetitt. Madam Zillges, seid e so freundlich, dragt dat Finken e Stücksken, et es mech als janz schwer.«
Und nun schwenkte die kleine Karawane, als sei es so ganz selbstverständlich, statt nach links, nach rechts ab, in der der Feldwebelwohnung entgegengesetzten Richtung. –
Wer hätte gedacht, daß das heute noch so ein vergnügter Tag werden würde! Mutter Zillges hatte ein gutes Mittagsessen vorbereitet gehabt, und alle thaten ihrer Kochkunst Ehre an. Die Dauwenspeck versicherte, sie könne sich tot essen an den gestovten Saubohnen und dem frischgekochten durchwachsenen Speck; einen leckreren Zwetschgenkuchen verstand überhaupt keiner zu backen, er schmeckte so ›herzlich‹. Auch dem Düsseldorfer Obergärigen wurde wacker zugesprochen, und zuletzt stieß man mit einem Gläschen Rheinwein auf das Wohl des Täuflings an.
Es herrschte ein ungemeines Behagen in der um diese Zeit noch leeren Wirtsstube, an deren altertümlichen Wänden, zwischen ausgestopften Vögeln und Schmetterlingskästen, verschiedene Lithographien des Kaisers Napoleon hingen. Auf der einen stand er einsam, im kleinen Hütchen, die Hand im Busen; auf der andern lag er zu St. Helena auf dem Sterbebett.
Peter Zillges bildete sich etwas darauf ein, daß er den Napoleon gut gekannt. Hatte er dem Kaiser doch dazumal, anno elf, bei seinem Einzug in Düsseldorf, so nahe gestanden, daß er ihn hätte am Rockschoß greifen können. Auf dem Hügel am neuen Hafen war’s gewesen, da hatte Napoleon einen Augenblick verweilt. Die Bürgergarde bildete Spalier, Tücher wurden geschwenkt, Kinder und Jungfrauen streuten Blumen, Musik spielte, Trommeln wirbelten, vom Boulevard Napoleon und der Rue l’Empereur her wehten Fahnen, eine Ehrenpforte war gebaut am Ratinger Thor, eine schaulustige Menge drängte sich, es gab ihrer genug, die da schrieen: »_Vive l’empereur!_« Aber finster hatte jener gestanden, die Arme über der Brust gekreuzt, und hinausgestarrt auf den Rhein, der unruhig seine schweren, herbstgrauen Wogen vorbei rollte. Der arme Kaiser, dem ahnte wohl schon Unheil!
Zillges erzählte das gern und anschaulich; er konnte sich nie eines gewissen Bedauerns dabei erwehren. Man kannte den Napoleon doch von Angesicht zu Angesicht, man war lange genug französisch gewesen, und die Kurpfälzer und Österreicher, die vordem in der Stadt gelegen, hatten übermütiger gehaust, wie die Truppen der Division Lefebvre. Und wem hatte die Stadt denn den neuen Hafen und die schönen Anlagen des Hofgartens, in denen der Bürger sich mit Weib und Kind ergehen konnte, und den Ananasberg und den Napoleonsberg und die breite Alleestraße zu verdanken? Nur dem Napoleon! Ohne den säße man noch in der engen Festung und hätte Gott weiß was für Einquartierung auf dem Hals.
Ja, der Napoleon, das war einer gewesen – Gott hab’ ihn selig!
Ganz bescheiden nahm sich der Preußenkönig, Friedrich Wilhelm III., zwischen den beiden großen Lithographien aus.
Man saß noch hinter’m Tisch, als ein paar Gäste im ›Bunten Vogel‹ erschienen, gute Bekannte, die Mutter Zillges gleich zum Kaffee einlud. Nun fuhr sie ihren Korinthenblatz auf.
Trina saß da mit hochgeröteten Wangen; sie hatte ihr Kind an der Brust und ließ sich’s selber auch wohl sein. Ihre Augen glänzten; die Freunde bewunderten das ›staatse‹ Kind – und dann war so viel zu hören und zu erzählen! Sie hatte sich lange nicht so recht ausgesprochen. Gedankenlos aß und trank sie in sich hinein; der Nachmittag verflog im Umsehen.
Es kamen der Gäste noch mehr, heut schenkte Peter Zillges gratis ein – das erste Enkelkind, da wollte er sich doch nicht lumpen lassen. Die Fröhlichkeit wurde laut, durch die offenen Fenster schallten die Stimmen weit hinab die Ratingerstraße. Mancher Bürger, der vorüberging, trat, angelockt durch das lustige Getön, in den ›Bunten Vogel‹ ein und blieb drinnen. Der Kreis vergrößerte sich bedeutend; auch junge Leute waren da, die mit der Trina einst ›Dopp‹ auf der Straße geschlagen und um den alten Jan Willem auf dem Markt ›Nachläufches‹ gespielt. Sie neckten sie alle mit ihrem Preuß’; aber die Neckerei war gutmütig, und so lachte sie mit, daß sie sich schüttelte.
Nun fing man an zu singen. Die jungen Männer gehörten zum Gesellenverein und hielten ihre Übungen zu allen kirchlichen Feiern; mit einem langgezogenen, choralartigen Lied begannen sie denn auch erst, aber bald folgten leichtere Weisen. Der Tenor legte sich ordentlich in’s Zeug, donnernd fiel der Baß ein; zuletzt freilich ging der Gesang etwas auseinander.
Es war heiß geworden, die Luft in der Wirtsstube stickig, von Pfeifenqualm erfüllt. Die kleine Josefine quäkte unruhig. Frau Dauwenspeck hatte sie der jungen Mutter abgenommen, schaukelte sie hin und her und gab ab und zu ein beruhigendes Kläpschen auf die Rückseite des fest zugebündelten Stechkissens.
Einer der jungen Männer, der Schnakenbergs Hendrich aus der ›Windmühl‹, pfiff der Kleinen freundlich etwas vor, ein Rheinländer war’s – hei, fuhr der allen in die Beine! Man stand auf und fing an zu schleifen. Der Zillges war ein rechter Schalk, ehe seine Josefine Cordula sich dessen versah, hatte er sie um die Taille gefaßt: vier Schritt nach links, vier nach rechts, schwenkt euch rund, immer rund! Weiß Gott, der tanzte seine rheinische Polka noch wie ein Junger.
Trina war auch von der Bank aufgesprungen, sie stellte sich auf die Zehen und reckte sich hinter’m Tisch, um Großvater und Großmutter tanzen zu sehen, und lachte unbändig. Rosig und hübsch sah sie aus. Wie lange nicht, vertieften sich die Lachgrübchen in ihren runden Wangen, ihre Augen glitzerten vor Vergnügen; nun streckte sie den Finger aus und kreischte laut auf. Sie hatte einen ganz kleinen Schwips.
Der schwarze Hendrich, der früher schon immer ein Auge auf sie gehabt, voltigierte hinter den Tisch und zog sie vor. Ob sie sich auch kichernd sträubte, er drehte sie ein paarmal herum, nur ein paarmal; sie waren noch kaum vom Tisch weggekommen, da stockte ihr der Atem – jemand war eingetreten, ein strammer Langer, in Uniform – da – da – der Feldwebel!
Mitten in der Stube stand er und sah sie an mit einem bösen Gesicht.
Es war eine unangenehme Überraschung für beide Teile. Frau Trina wurde noch glühender rot, des Feldwebels gebräuntes Gesicht wurde fahl.
Aha, da war er ja gerade zur rechten Zeit gekommen! Also darum hatte es ihn innerlich so getrieben, daß er sich in Wesel, nachdem er in später Nacht seine Gefangenen eingebracht und den Ablieferungsschein erhalten, nur wenige Stunden Rast gegönnt und im Morgengrauen bereits wieder die Rückfahrt angetreten?! In Kaiserswerth hatte er seine Mannschaft hinter sich gelassen und war auf einem ausgespannten Gaul heimgeritten, so rasch der müde Klepper laufen konnte.
Nur nach Haus! Eine Sehnsucht hatte ihn plötzlich ergriffen, noch heimzukommen am Tauftag seines Kindes. Ganz wollte er doch nicht fehlen; auch die Käthe würde sich freuen, wenn er noch kam.
Er hatte von seinem Vater einen Siegesthaler von anno 13 ererbt – eine Öse war schon daran – da sollte die Käthe gleich ein Schnürchen durchziehen, und er wollte ihn seiner Tochter heute um den Hals hängen als einen Talisman. Er war ganz glücklich in dieser Idee.
Was der Wachtmeister Rinke wohl sagen würde, wenn er wüßte, daß sich sein Enkelkind an seinem Siegesthaler einmal die Zähnchen durchbeißen könnte?! Freuen thäte der sich.
Lebhaft gedachte der Feldwebel in dieser Stunde seiner Eltern. Nun er selber Vater war, fühlte er sich ihnen näher, obgleich er die Stelle, wo sein Vater in der Erde ruhte, nicht kannte. Der Alte lag wohl in irgend einem Massengrab bei Waterloo. Und die Mutter? Die war schon begraben worden anno 13, als der Vater noch unter’m alten Blücher im Kriege focht.
Die Mutter! Ach ja, die hatte bitter Not gelitten in ihrer Todkrankheit; die Nachbarn im armen märkischen Nest hatten auch nichts, er, der Zwölfjährige, war ihre einzige Stütze. Rinke erinnerte sich deutlich der kalten Winternacht, in der er, ohne Strümpfe, die nackten, mit Lappen umwickelten Beine in die zerrissenen Schuhe gesteckt, zum Flüßchen hinabgelaufen war, um Eis zu hacken, damit sie ihren Durst löschen sollte. Die Axt war ihm abgeglitten und hatte seinen Fuß getroffen, er hatte dessen nicht geachtet und war in fliegendem Lauf zu der Fiebernden zurückgeeilt. Da hatte er gelernt, die Zähne zusammenzubeißen. Es gehörte Mut dazu, die einsame, lange Winternacht hinzubringen in der kalten Kammer, an deren klapperndem Fenster der Wind rüttelte. Die Sterbende suchte bei ihm Wärme in ihrer Todeskälte; selbst frierend, preßte er sie in seine Kinderarme. So hatten sie einander umklammert, der Sohn der Mutter Schutz gebend und doch zugleich noch Schutz bei ihr suchend.
Friedrich Rinke hatte kein Glück, wenn er seiner Frau von der Vergangenheit erzählen wollte. Das erste Mal, als sie eben verheiratet gewesen, hatte sie zwar mitleidig geweint, aber als er noch einmal darauf zu sprechen kam, sagte sie: ›Och, laß dat!‹ Es machte sie graulen und verdarb ihr die gute Laune. Aber seiner Tochter wollte er früh davon erzählen, das nahm er sich vor. –
Immer rascher trieb er sein Pferd an. Schaum stand dem Tier auf den Flanken, als er in den Kasernenhof sprengte. Mit steifen Beinen stolperte er die Holzstiege zu seiner Wohnung hinan; er lachte in sich hinein – ob die kleine Josefine wohl schlief? Es war drinnen ganz still. Die Hand auf die Klinke legend, drückte er sie behutsam nieder – was, verschlossen?! Donnerwetter, hatte die Käthe sich eingesperrt?!
Er klopfte, erst mit dem Finger, dann mit der Faust; er rief: »Käthe, Käthe!« Und immer grollender: »Frau!« Keine Antwort. Sie war nicht da. Aber das Kind mußte doch drinnen sein?! Er horchte: auch von dem kein Tönchen!
Was war denn das für eine Zucht?! Einen Fluch ausstoßend, polterte er die Stiege wieder hinunter. Wo steckten sie?
Ein paar Soldaten, die auf der Bank vor der Thür ihres Blocks rauchend den Sonntag verdruselten, standen stramm: Die Frau Feldwebel war gegen mittag mit dem Kind und dem alten Weibsbild fortgegangen; bis jetzt hatten sie sie nicht wiederkommen sehen.
»Blinde Hessen!«
Fort stürzte der Feldwebel. – – –
Also hier fand er sein Weib?! Auf Rinkes Stirn schwoll die Zornesader; mit einem Blick, der alles durchbohren zu wollen schien, maß er die lustige Gesellschaft.
Eine augenblickliche Verlegenheit entstand. Der schwarze Hendrich machte einen Kratzfuß und ließ die Frau Feldwebelin schleunigst auf die Bank niedersitzen. Trina wurde so blaß, wie sie vorher rot gewesen; der fröhliche Rausch verflog, sie war plötzlich ernüchtert, ihr Herzschlag stockte.
Nur Peter Zillges, in seiner glücklichen Harmlosigkeit, nahm des Feldwebels seltsame Miene nicht krumm. Am frohen Fest allen Groll vergessend, schlug er ihn freundschaftlich auf die Schulter: »No, Herr Schwiejersohn, wat es jefällig? Bier oder e Jläsche Wein? Ja, heut hat de Pitter Zillges de Spendierbuxen an. Dat Finchen soll leben, un sein Eltern derneben! Hoch, hoch, hoch!«
Sie riefen alle: »Hoch, hoch, hoch!« Aber der Preuße verzog keine Miene und blieb frostig. ›Steif wie ein Zaunstecken,‹ mäkelten die Gäste hernach.
Auch als die Schwiegermutter, die einem etwaigen Ungewitter vorbeugen wollte, sich bethulich um Rinke mühte, hatte sie kein Glück. Was sie auch anbot an Speise und Trank, schlug er aus; sie hatte Mühe genug, daß sie ihn zum sitzen bekam. Ihre Erklärungen: die Trina habe sich ohne ihn so einsam gefühlt, darum hätten sie sie mitgenommen in den ›Bunten Vogel‹ – die Gäste seien nur ein paar Nachbarn, die sich zufällig eingefunden – bei der Taufe sei das Finchen sehr brav gewesen, es sei ein gar zu lecker Tierchen und seinem Vater schon ähnlich – all das beantwortete er mit keiner Silbe. Nach wenigen Minuten erhob er sich wieder:
»Komm, Käthe!«
Auf solchen Ton gab’s kein Widerstreben; Frau Trina stand sofort auf. Hastig band sie sich den Hut zu und warf die weite Mantille mit der Seidenfladrusche um; es fröstelte sie plötzlich. So sehr drängte er zum Aufbruch, daß sie kaum ein Nicken für die Freunde fand und ein kurzes: »Adjüs zusammen!«
Die Mutter war mit herausgelaufen; nun stand sie in der Hausthür und schaute dem Paar nach. Trina hatte das Kind tragen wollen, er es ihr aber fortgenommen. Jetzt machte er so große Schritte, daß die Frau kaum nach konnte; ein paar Ellen war er immer voraus. Seufzend und mit bekümmertem Gesicht sah Mutter Zillges hinter den beiden drein – ach Gott, ach Gott, das gab ein böses Donnerwetter!
Nie war Trina der Weg von der Ratinger- bis zur Kasernenstraße so lang geworden trotz des schnellen Rennens; sonst ging sie ihn in einer guten Viertelstunde, heut dauerte er ewig. Die Kniee zitterten, die Füße versagten, ihr war schwindlig und schlecht zu Mut; aber sowie sie einen Augenblick stehen blieb, um nach Luft zu ringen, rief ihr Mann: »Komm!« Sie wagte nicht, zurückzubleiben, sondern hastete sich ab, daß ihr der Schweiß auf der Stirn perlte. Es war ihr nie geheuer, wenn er sie so stumm ansah, nur knapp ein Wort sagte; war er erst am Schimpfen, dann war’s nicht mehr so schlimm, da kam sie ganz gut gegen an, ihr Züngelchen konnte sich flink rühren. Aber heut hätte sie sich kein Wort getraut.
Atemlos tappte sie die Stiege hinauf; er wartete längst oben und sah sie an mit einem Blick, als ob er sie durchbohren wollte. Als sie den Schlüssel mit zitternder Hand aus ihrer Tasche vorholte, entfiel er ihr; sie bückten sich beide zugleich danach und pufften die Köpfe gegeneinander. Da wagte sie, obgleich ihr der Schädel brummte, ein kleines Lachen; aber ihr Mann ging nicht darauf ein, sah sie gar nicht an, entriß ihr den Schlüssel und stieß ihn heftig in’s Schloß.
Sie traten ein, und plötzlich, wie mit einer Riesenlast, fiel es der jungen Frau auf die Seele: wie dürftig, wie häßlich war’s hier! Getünchte Wände ohne Schmuck, keine Bilder, nackte Dielen, unbequeme Holzschemel, nebenan in der Kammer die schmalen, eisernen Bettstellen mit den groben, härenen Decken und des Feldwebels tannener Kleiderkasten. Ach, und zu Haus alles so hübsch, so behaglich! O, daß sie auch nicht dagegen protestiert, als der Bräutigam alles überflüssig fand! So ein Soldat, was weiß der von Behagen! Jetzt hätte sie sich prügeln mögen. Wenigstens ein Bett mit einem Himmel hätten sie doch haben müssen, ein Muttergötteschen und eine traulich glimmende ewige Lampe! Ganz verzweifelt fuhren ihre Blicke umher; noch nie hatte sie so den Unterschied zwischen dem ›Bunten Vogel‹ und der povren Soldatenstube gesehen wie heut. Das Herz sank ihr, sie fing an zu weinen und setzte sich in einen Winkel.
Der Feldwebel brachte selber sein Kind zur Ruhe; kaum daß Trina sich traute, als er draußen in der Küche nach einem Stück Brot suchte, das Kleine aus der Wiege zu nehmen und an die Brust zu legen. Der Kopf war ihr schwer, der Magen that ihr weh, sie weinte in einem fort. Weinend kroch sie in’s Bett, noch weinend schlief sie ein.
In der Nacht erwachte sie jäh – das Kind schrie durchdringend. Ganz entsetzt sprang sie auf. Ihr Mann stand schon bei der Wiege; er hatte das Öllämpchen angezündet und leuchtete damit in’s Bettchen nieder, in dem er das Kind aufgebündelt. Die kleine Josefine zog krampfhaft die Beinchen hoch an den Leib, jämmerliche Schmerzensschreie ausstoßend.
»Jesus, wat hat et nur, warum weint et dann?« fragte Trina erschrocken.
Er gab ihr keine Antwort; finster blickend raffte er die Decke von seinem Bett und wickelte das Kind hinein. So trug er’s im Zimmer auf und ab, immer auf und ab, rastlos hin und wieder.
Sie wollte es ihm abnehmen.
»Zu Bett!« herrschte er sie an.
Ängstlich verkroch sie sich wieder unter ihre Decke und blinzelte nur verstohlen zu ihm hin.
Mitternacht war längst vorüber, schon dämmerte ein bleicher Schein über’m Exerzierplatz. Noch immer wanderte Rinke auf und ab, hin und wieder, und noch immer wimmerte das Kind. Sie konnte es nicht länger mehr aushalten, an schlafen war doch nicht zu denken; die Decke abwerfend, lief sie zu ihm hin.
»Is et krank? Och Jott, och Jott!« rief sie angstvoll und rannte neben ihrem Mann her, bleich und fröstelnd. Sie klammerte sich an seinen Arm. »Och, Jesus Maria, Rinke, sag ens, wat hat et dann?«
»Bauchweh!« stieß er kurz heraus. »Und du bist schuld dran!« Und als sie ihn betroffen, ganz verdutzt ansah mit ihren müden, verschwiemelten Augen, hob er zornig die Hand und gab ihr einen Backenstreich.
III
Der erste Weg, den Josefine lernte allein zurückzulegen, war der zu den Großeltern. Munter und großäugig blickend, trippelte die Kleine über Hof I der Kaserne. Ein mit einem Lämmchen besticktes Perlentäschchen trug sie umgehängt, da hinein steckte ihr die Großmutter immer etwas Leckeres.
Feldwebel Rinke war nicht für die Verwöhnung; ob es regnete oder windete oder fror, Josefine mußte heraus, nur daß sie dann statt des runden Hutes mit Bändern, der ihr ewig im Nacken hing, ein Kapüzchen trug und um den bloßen Speckhals ein Radmäntelchen. Frau Trina war weniger für die Abhärtung, die Fina war ja noch so jung: sie wird den Husten kriegen, sie kommt noch zu Unglück! Aber im Grunde war sie doch ganz froh, einmal für eine Weile ein Kind los zu sein, sie hatte ja noch den knapp um ein Jahr jüngeren Wilhelm und ein ganz Kleines in der Wiege. Zwischen Wilhelm und dem Kleinsten war eins gestorben, ein Mariechen. No, das war ja nur drei Wochen alt geworden, und zu warten hatte sie auch so noch genug! Die Eltern hielten ihr zwar jetzt ein Mädchen für die Tagesstunden, aber das war fast selber noch ein Kind, eben erst zur heiligen Kommunion gegangen.
Das Kasernenthor war die einzige ernste Schwierigkeit auf Josefines Weg zur Ratingerstraße, den schweren Thorflügel konnte sie nicht heben; und stand keine Spalte offen, um durchzuschlüpfen, mußte sie Hilfe rufen. Hell schallte die Kinderstimme über den Hof, die Soldaten spitzten die Ohren, wie bei einem Trompetenstoß. Nur rasch, sonst schrie die kleine Blage[3] sämtliche Spottnamen der Kompagnie! Die wußte sie ja alle; und die Soldaten wollten sich darüber totlachen. Jeder von ihnen kannte die Feldwebelstochter.
[3] Ungezogenes Mädchen.
Wurde auf dem großen Platz exerziert, stand die Kleine gewiß oben in der Wohnung auf dem Fensterbrett, den einen Arm um’s Fensterkreuz geschlungen, den andern zum Schutz vor die geblendeten Augen gelegt. Wurde in Hof I gedrillt, hockte sie sicher in der Nähe, auf dem Pumpentrog, auf irgend einer Treppenstufe und folgte mit aufmerksamem Blick jedem Griff, jeder Wendung.
Feldwebel Rinke freute sich seiner Tochter; er war nicht wenig stolz auf sie. Abends, wenn er sich die Pfeife anzündete – die einzige, die er sich überhaupt gönnte – rief er: »Antreten!« Und Josefine, die schon lange auf diesen Ruf gelauert, war mit einem Sprung zur Stelle. Einen zugestutzten Haselstock trug sie im Arm.
»Achtung!« Der Vater kommandierte. Hei, da wurden Griffe geübt, geschmeidig klammerten sich die kleinen Finger um das Stockgewehr.
»Faßt das Gewehrr – an! Gewehrr – ab! Faßt das Gewehrr – an! Ladestock im Lauf! Gewehrr – hoch! Spannt den Hahn!«
Der Feldwebel schmunzelte: ja, die beschämte manchen Rekruten! Und die wichtige Miene dabei, das Gesicht ganz erfüllt vom Ernst des Augenblicks!
Nun wurde Stellung geübt, und Wendungen auf der Stelle, und Marsch.
»Bataillon – Marsch! Kurz getreten! Frei – weg! Halt!«
Kein Großer konnte exakter den Kommandos folgen, schneller die Beine werfen.
Dann folgte theoretischer Unterricht. Sie mußte lernen: Meldungen machen, – ›richtig und kurz‹, das war die Hauptsache – die verschiedenen militärischen Grade aufsagen vom Feldmarschall an bis herab zum Gefreiten, die verschiedenen Truppen unterscheiden nach den Waffen. Und wurde ihr das alles auch noch schwer, so schwer, daß sich ihre Augen oft mit Thränen füllten, ihre Instruktionsstunde hätte sie nicht hergegeben, selbst für eine ganze Düte voll ›Klümpches‹ nicht.
Und fragte der Vater ernst und gemessen: »Wie viel Elemente haben wir?«
»Fünf!«
»Wie heißen sie?«
So antwortete sie mit leuchtenden Augen: »Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!«
Frau Trina schüttelte wohl den Kopf über diese ›Dummheiten‹, aber sie sagte nichts – wenn es ihnen nu Spaß machte! ›Jedet Dierken hat sein Pläsierken,‹ dachte sie.
Die blonde Feldwebelin war in den sieben Jahren ihrer Ehe recht auseinandergegangen; ihr blühendes Fleisch war Fett geworden, sie machte sich nicht viel Bewegung. Die Wochentage brachte sie meist in Unterrock und loser Jacke oben in ihren paar Stuben zu, schluffte vom Herd zur Wiege und wohl auch von der Wiege zum Fenster. Da sah sie auf dem, im Sommer staubigen, im Winter grundlosen Platz das tägliche Schauspiel des Exerzierens, und, wenn’s hoch kam, jenseits des Kanals Arbeiter Erde und Steine karren. Dort wurde eine Promenade angelegt über’m Graben, und schöne Kastanien wurden gepflanzt; Bauplätze waren auch schon feil. Da würde es einmal angenehm zu spazieren sein!
»Och Jesus!« seufzte sie dann wohl, schlich wiederum zur Wiege zurück und schaukelte das greinende Kind. Ein alter Reim fiel ihr ein:
›Wenn andre Leut’ spazieren gehn, Muß ich an der Wiege stehn, Muß da machen: knick, knick, knack, Schlaf, du kleiner Habersack!‹
Und dann trübten sich ihre blauen Augen.
Der Wilhelm machte ihr viel zu schaffen, mehr als das Kleinste; er war ein kränkliches Kind und für seine fünf Jahre schwach auf den Beinen. Bald hatte er einen Husten, bald einen Ausschlag, der Vater wurde schon ganz ungeduldig – das sollte ein Soldatenjunge sein?! Hing ewig an der Mutter Rock und flennte wie ein altes Weib, wenn die Josefine mit ihm exerzieren wollte! Wenn die Schwester ihn prügelte, prügelte er nicht wieder – das Hasenherz!
Bei jeder solchen Gelegenheit äußerte sich des Feldwebels Unwillen – der Junge würde nun und nimmer ein Soldat! Und Rinke nahm das als eine persönliche Beleidigung; ohne daß er es wußte, wurde sein Ton barscher, wenn er mit dem Knaben sprach. War es da nicht natürlich, daß die Mutter sich gerade dieses Kindes besonders annahm?
Auch Josefine liebte den Bruder; sie schlug ihn nur, wenn er beim Exerzieren den Stock verkehrt hielt und die Beine nicht stramm stellte. –
Heute führte sie ihn, sorglich wie eine kleine Mutter, an der Hand. Es war Sonntag, und die Geschwister trippelten vor den Eltern her über die Kasernenstraße, während Stina, das noch kindliche Stundenmädchen, den Kleinsten im blaugestrichenen Holzwägelchen hintennachzog.
Die Familie rückte zum Sonntagnachmittagsspaziergang aus; es war das einzige Vergnügen, das Frau Trina hatte, und dies ließ sie sich auch so leicht nicht nehmen.
Dann holte sie einmal ihren Putz hervor und zeigte sich, am Arm ihres Feldwebels, als gute Bürgerstochter, die mehr Geschmack hat, als eine gewöhnliche Soldatenfrau. Die Schnürbrust ließ sich freilich so eng nicht mehr zusammenziehen, aber der Rock setzte sich modisch mit vielen Falten unter dem runden Leibchen an, die Ärmel bauschten mächtig bis zum Ellenbogen, und reichlich gesteifte und wattierte Unterröcke gaben dem Rock einen schönen Fall.
Frau Trina war heut nicht ganz zufrieden mit dem Ziel des Ausflugs, sie hätte ihren Staat lieber mehr sehen lassen und selber gern welchen gesehen im Kaffeegarten ›Zum Stockkämpchen‹ oder in der ›Petersburg‹ auf dem Flingersteinweg, wo man beim Gläschen Wein und Bier Musik von der Estrade des großen Saals zu hören bekam und nachher auch ein Tänzchen machen konnte. Aber ihr Mann, der war ja zu geizig für so etwas, der ging am liebsten nur, jenseits der Schiffbrücke, nach der ›andern Seite‹, wo man im Grasgarten des Bauernwirtshauses Bauernbrot und dicke Milch aß.
Schon hatte man den alten Jan Willem am Marktplatz erreicht und spazierte, das eherne Reiterbild, auf dessen mächtigem Haupt Scharen unverschämter, schirpender Spatzen saßen, zur Rechten lassend, herunter zum Zollthor. Und sieh da – der Rhein, der Rhein!
Josefine stieß einen hellen Jubelschrei aus. Ja, da war er! Ein heiteres Sonnenlicht küßte seine breite, schleppende, lichtgrüne Flut. Langsam ziehend und lautlos glitt Welle auf Welle am Brückenkopf vorbei.
Mit lautem Jauchzen stürmte Josefine voran; es machte ihr ein unsägliches Vergnügen, die Planken der langen Schiffbrücke unter ihren Füßen leis schwanken zu fühlen und durch die Ritzen das Wasser unter sich strömen zu sehen. Sie rannte dahin, als hätte der Rheinduft sie berauscht, dieser köstliche Geruch nach Tang und Teer und durchfeuchtetem Holz. Den Kopf zurückgeworfen, die Flügel der kleinen Stumpfnase gebläht, die Arme ausgebreitet, lief sie dem Rheinwind entgegen, helle Glücksschreie ausstoßend. Und der Wind pustete sie an, daß ihre Bäckchen leuchtender strahlten in einem warmen, weichen Rot.
Auch Frau Trinas Gesicht war heiter geworden; jetzt war man drüben, und der Blick zurück auf die Stadtseite war gar zu schön. Weiß zeigten sich die Häuser an der Werft, in ihren Fenstern blitzte der Sonnenglanz und machte sie zu blendenden Spiegeln; stolz ragten dahinter die Türme der Kirchen, und mächtig und klotzig erhob sich das alte Schloß. Seine rötlichen Mauern standen hart am lichtgrünen Strom, mit vielen Fensteraugen blickte es rheinauf und rheinab.
Stolz wies die Düsseldorferin hinüber. »Kuck ens, Rinke!« Er meinte zwar, die Spree gäbe dem Rhein an Breite nicht viel nach, auch könne sich der alte Rumpelkasten da mit dem Königsschloß zu Berlin nicht messen; aber er betonte heut doch nicht mit gleicher Schärfe, wie sonst bei jeder Gelegenheit, sein Preußentum. Sein Hauptinteresse war bei Josefine.
Gleich einem Vogel auf eiligem Flug durchflatterte sie das satte Grün der Wiesen. »Krieg’ mich, krieg’ mich!« Oft verschwand sie ganz im fetten Gras, um dann plötzlich aufzutauchen mit dem schrillen, zwitschernden Schrei der Schwalbe, die den Äther durchschießt. Langgestielter, blauer Salbei, goldäugige, weiße Sternblumen, brennend roter Mohn nickten um sie. Mit beiden Händen griff sie hinein in die Blütenpracht, in ausgelassener Lust raufte sie aus, und, sich hintenüber in’s Gras werfend, goß sie all ihre Blumen wie einen Sommerregen über sich.
Der kleine Wilhelm hatte sich längst zu dem Rock der Mutter geflüchtet, er hing sich an und zockelte so nach. Vergebens ermunterte ihn der Vater, der Schwester zu folgen, nur fester klammerte er sich an die Falte; als der Vater ihm die Finger lösen wollte, erhub er ein jämmerlich Geschrei.
Da begann die Mutter, den Arm ihres Mannes fahren lassend, auf die wilde Josefine zu schelten. »Kömmste hiehin! Wie siehste nu als wieder aus? Du Blage! Lauter Jraßflecken!« Sie hob die Hand zum Schlag. »Wat machste dann?«
Glühend vom Tollen, bebend vor Atemlosigkeit, sah Josefine der Mutter in’s Gesicht. »Ich freu’ mich,« sagte sie und nahm den Schlag hin, ohne mit der Wimper zu zucken; doch dann senkte sie tief den Kopf, weh gethan hatte ihr die Ohrfeige nicht, aber sie schämte sich.
Der Feldwebel biß sich auf die Lippen; er ärgerte sich über seine Frau. Aber: famoses Mädel, die Josefine, wie sie dastand und sich das Weinen verkniff und den Kopf hängen ließ, daß man ihr nicht in’s Gesicht sehen sollte! Die hatte Ehrgefühl, Gott sei Dank! Die Ehre, die Ehre, nicht früh genug hält man die hoch. Ja, seine Tochter – die war Blut von seinem Blut! Ein mißbilligender Blick traf den noch immer heulenden Wilhelm.
Als Rinke über ein Weilchen nach Josefine umschaute – er mußte doch sehen, ob sie noch immer trauerte – da sah er hinter einem Busch zwei langbehoste, kleine Beine in der Luft zappeln. Josefine schlug Purzelbäume.
Der Spaziergang auf die ›andre Seite‹ war für den Feldwebel immer der Anlaß zu allerhand militärischen Betrachtungen: hier hatten einst die Soldaten des General Bernadotte den Freiheitsbaum mit der Jakobinermütze aufgepflanzt und von dem Rasenwall aus die Stadt Düsseldorf beschossen. Jetzt standen freilich harmlose Brettertische und Bänke an gleicher Stelle, und zwischen zwei starken Weidenbäumen quietschte eine Schaukel.
Es war Friede, stiller, eintöniger, schläfriger Friede. Der Feldwebel sagte sich nicht ohne Bitterkeit: er war ein Jahrzehnt zu spät auf die Welt gekommen; die großen Befreiungskämpfe waren ohne ihn ausgefochten, ihm war es wohl nur beschieden, in der Kaserne zu hocken und statt des Pulverdampfes den Staub des Exerzierplatzes zu schlucken.
Heut waren alle Tische und Bänke vor dem bäuerlichen Wirtshaus besetzt, selbst die im verstecktesten Eckchen; nur ein schöner Tisch, so recht am besten Platz, war merkwürdigerweise noch frei.
Mit schwenkendem Rock und frohem Lachen stapelte Frau Trina darauf los, die Ihren durch lauten Zuruf ermunternd, doch ja recht rasch Besitz zu ergreifen. Die Kinder erkletterten denn auch schon die Bank, als der Feldwebel in peinlicher Überraschung stutzte. Donnerwetter, da am Nebentisch, ganz dicht, saß ja sein Hauptmann, der Herr von Clermont, den erkannte er schon vom Rücken! Rinke hielt seine Frau zurück und winkte den Kindern, aber Trina sagte ziemlich laut: »No, wat dann?! Dadrum sollen wir uns nit dahin setzen?!« Sie ärgerte sich über die Devotion ihres Mannes. »Wenn de zu vornehm is, da braucht de ja nit derhinzujehn, wo die Bürjer jehn. Ich setz’ mich!«
In diesem Augenblick wendete sich der Hauptmann herum, und der Feldwebel stand stramm. Herr von Clermont winkte ab und machte dann seine Frau lächelnd auf die kleine Josefine aufmerksam, die auf den Wink ihres Vaters von der Bank herabgeglitten war und nun, den Finger an den Lippen, halb scheu, halb dreist den ihr bekannten Vorgesetzten anstarrte.
Inzwischen hatte Frau Trina Platz genommen; nicht ohne Absicht sprach sie recht hörbar und lachte ungeniert, keiner der Umsitzenden sollte denken, daß sie sich wegen des Vorgesetzten ihres Mannes auch nur die geringste Gêne anthat. Das Kindermädchen mußte ihr sogar den Kleinsten reichen, und sie legte ihm eine frische Windel unter.
Rinke war wütend auf seine Frau; aber sie schien seine stumm-beredten Blicke nicht zu bemerken, fröhlich nickte sie ein paar Bekannten zu: »Tag zusammen!« und schöpfte mit Geklapper und Ausrufen des Entzückens die dicke Milch aus der irdenen Schüssel.
»Schrei nich so!« flüsterte er. Sie hörte nicht, und deutlicher wagte er nicht zu werden, am Nebentisch konnte man ja jedes Wort verstehen. Er saß wie auf Nadeln.
Josefine starrte noch immer mit großen Augen, sie hielt ordentlich den Atem an – da saß neben der Dame des Herrn Hauptmann ein Mädchen, das war so klein wie sie, aber lange, dunkle, gedrehte Locken fielen auf dessen Schultern, und neben dem Mädchen saß einer, ein – ja, nur ein Junge war’s, aber er hatte schon Uniform an! Eine ganze, richtige, wirkliche Uniform! Ihre Blicke waren gebannt.
Hauptmann von Clermont wurde aufmerksam: »He, du Kleine, was giebt’s denn hier zu sehen?«
Sie wurde rot wie eine Rose; krampfhaft das Fingerchen streckend, ganz aufgeregt, ganz glückselig bewundernd, stammelte sie: »Der – och, der da – der kleine Soldat!«
Alles lachte. Herr von Clermont winkte sie zu sich heran; dreist kam sie bis an sein Knie, aber ihre Augen verließen den Jungen nicht.
»Der kleine Soldat da,« sagte der Hauptmann amüsiert, »das ist ein Kadett, verstehst du? Ein Kadett!«
Sie nickte stumm-strahlend.
Der Kadett war auch ganz rot geworden, die großen Blicke des kleinen Mädchens genierten ihn sehr. Er drehte den Kopf weg.
»Feldwebel, hat Er schon gesehn? Mein Sohn!« Der Hauptmann wendete sich zu Rinke. Dieser stand wie vorhin stramm, aber leutselig winkte der Vorgesetzte wieder ab: »Bitte bequem.« Und fuhr dann fort: »Großer Junge, was? Erst elf. Habe ihn schon drei Jahre im Korps in Bensberg, ist in den Ferien hier. Kommt bald nach Potsdam. Ich denke, wird mal einen ganz netten Leutnant Seiner Majestät abgeben; hoffe, wenn’s Glück gut ist, bei Seiner Majestät Garde. Viktor, sitz gerade! Kopf hoch, daß du wächst!«
Der Junge reckte sich. Auch Josefine reckte sich unwillkürlich. Die Blicke beider Kinder begegneten sich. Der Kadett lächelte ein wenig spöttisch, ein wenig von oben herab und zugleich doch geschmeichelt.
»Möchtest du vielleicht mit dem kleinen Mädchen spielen, Cäcilie?« sagte jetzt die Frau Hauptmann zu ihrem Töchterchen, und das blasse, vornehme Gesicht dem blonden Kind zuwendend, fragte sie gütig: »Wie heißt du?«
»Zu Befehl: Josefine!«
Wieder lächelte der Hauptmann, der Kadett aber prustete laut heraus. Da wurde Josefines freier Blick unsicher, es zuckte um ihren Mund; hastig nach der Hand der kleinen Schwarzhaarigen, die sich ihr schüchtern genähert hatte, greifend, riß sie die mit sich fort, weg von den Tischen, hinein in die Wiese.
Die beiden Mädchen, sich an der Hand haltend, liefen rasch immer weiter hinein in das hohe, blumige Gras.
Da stand der Kadett auf, drehte sich erst noch ein wenig in der Nähe der Tische herum, pfiff, schleuderte ein Steinchen, schüttelte an einem Baum, besah seine Stiefel und ging dann langsam, mit gemessenem Schritt, den beiden Kindern nach in die Wiese. –
Von diesem Sonntag an war Josefine zur Gespielin des kleinen Fräulein von Clermont erkoren; der Hauptmann hatte seinem Feldwebel allerhand Freundliches über das frische, blonde Kind gesagt.
Rinke bemühte sich, seiner Frau nicht zu zeigen, wie stolz er auf die Ehre war, die seiner Tochter widerfuhr; die Käthe hatte ja doch gar kein richtiges Verständnis dafür. »Du lieber Jott, wat is dat dann?!« sagte sie. Der Großvater brummte auch. »Wat soll dat Kind da? Mir sin Düsseldorfer Börjer, mir scheren ons en Dreck om de ›Vons‹!« Die Großmutter war ebenfalls wenig erbaut: die Clermonts waren evangelisch, aus Thüringen sollten sie sein, daher, wo man den Luther auf der Burg versteckt gehalten. Die alte Frau war sich über ihre Gefühle nicht ganz klar, aber ihr bangte für ihr Finchen; allerlei Reden führte sie vor dem Kind, die es nicht verstehen konnte, jedoch es fühlte heraus, Großeltern und Mutter freuten sich nicht über die Einladung. Aber der Vater!
Es war ein großer Moment für beide, als Josefine an des Feldwebels Hand nach der Bilkerstraße hüpfte. Dort wohnten die Clermonts. Sie war in ihrem besten Kleid, weiß hingen ihr die Höschen unter dem Röckchen vor bis an die Knöchel. Ihr Herz klopfte vor Erwartung: hatte der kleine Soldat nicht gesagt, er würde vielleicht auch einmal mit ihr spielen? Exerzieren – ach ja, das wollten sie!
Ehe der Vater an der Klingel zog, ermahnte er noch: »Mach mir Ehre, Josefine, und wenn dir auch was gegen den Strich geht, nich gemuckt, hörste?«
»Aber – wenn se mich hauen?« fragte sie und warf trotzig den Kopf zurück.
»Dann hauste nich wieder – untersteh dich!«
Das Kind machte große Augen – heute verstand es seinen Vater nicht.
* * * * *
Die Clermonts waren nicht reich, der Hauptmann hatte nicht mehr als seine Gage und jährlich ein paar hundert Thaler Zuschuß aus dem Erbe seiner Frau. Sie mußten sich sehr einschränken, aber die Welt merkte nichts davon. Die Frau Hauptmann trug, wenn sie ausging, ein seidenes Kleid und Armbänder, aus den Haaren ihrer Eltern und Kinder geflochten, mit goldenen Schlößchen daran; und die hübsche Cäcilie sah aus wie ein englischer Kupfer, mit ihren langen, gedrehten Locken, in den zarten, bandgegürteten Kleidchen.
Für Viktor hatte der Hauptmann eine Freistelle im Kadettenkorps, und wenn der Leutnant in spe zweimal im Jahr von Bensberg nach Hause kam, so saß er als blinder Passagier neben dem Kutscher des Stellwagens oder wurde wohl auch noch innen zwischengeklemmt.
Viktor war sehr stolz auf sein ›von‹. Im Korps waren sie alle adelig, sogar zwei Grafen waren da. »Ich bin zwar nur Freiherr,« sagte er zur kleinen Josefine, »aber unsre Familie ist viel älter, wie denen ihre. Papa hat mir erzählt, daß schon Clermonts in den Kreuzzügen mitgewesen sind unter Gottfried von Bouillon. Meine Mama ist auch von ganz altem Adel, ihre Familie hat in der Reformationszeit sich hervorgethan. Aber das verstehst du ja nicht, dazu bist du noch zu dumm!«
Nein, sie verstand ihn auch nicht; sie fühlte nur eine ganz instinktive Bewunderung für ihn, wenn er die Uniform trug. Sprang er dagegen im Garten hinter dem Hause herum und trug dabei ein paar verschabte Hosen, aus des Vaters abgelegten Beinkleidern geschneidert, und ein verwaschenes Drillichjäckchen, dann fühlte sie sich mit ihm ganz auf gleich und gleich. Er spielte noch sehr gern. Freilich, vom Exerzieren wollte er nicht viel wissen, das mußten sie im Korps so viel, selbst in den Freistunden, thun; er mochte lieber mit ihr über die Gartenmauer klettern, hinunter zum Speeschen Graben, und da mit einem Stock fischen und Frösche fangen und Regenwürmer suchen und Papierschiffchen schwimmen lassen. Sie machten sich naß und schmutzig dabei und waren sehr glücklich.
Sie rissen auch wohl aus nach dem Kacheloch, einem noch wüsten Plan am Ausgang der Bilkerstraße, wo stark duftender Hollunder wuchs und im Schutt Stechapfel und Nachtschatten, und wo das Bauen der ersten Häuser der schönen Freiheit noch keinen Abbruch that.
Blau wölbte sich der Sommerhimmel, und die goldne Sonne strahlte. Große Schmetterlinge gaukelten, blaue Brummen surrten, lärmend spielte eine ganze Kinderschar. Ein frecher, dicker Bürgersjunge von der Hohestraße war der Schinderhannes, Josefine die geraubte Prinzessin, Viktor der Offizier des Königs, der ritterlich den Räuber verfolgte. Was noch an übrigen Kindern da war, mußte die Meute sein. Da wurde gehetzt und gekläfft und geschrieen bis hin in die wogenden Kornfelder der Bilkerallee; da wurde geknufft und geprügelt, in zitternder Angst sich verkrochen und mit lautem Hallo losgestürmt. Viktor war tapfer, aber der Schinderhannes auch nicht feige, sie schlugen sich manche Beule.
Die Großeltern klagten, sahen sie doch so gut wie gar nichts von der Enkelin mehr; auch zu Hause war Josefine nicht viel. »Mutter, is et nu Zeit? Laß mich doch als jehen! Och, laß mich doch!«
Frau Trina schalt: sonst hatte ihr die Fina schon oft die kleineren Geschwister ›verwahrt‹. Aber der Feldwebel leistete seiner Tochter Vorschub: »Na, lauf man!«
Und sie lief davon, so rasch sie konnte, immer nach der Bilkerstraße, und blieb vom Morgen früh bis zum Mittag, und vom Nachmittag früh bis zum Abend. Sie teilte die mager gestrichenen Brote von Clermonts Kindern; kein fettes Schmierchen, kein Stück Blatz mit Korinthen bei der Großmutter hatte ihr je so gut geschmeckt.
Viktor verschmähte es durchaus nicht, kleine Streifzüge über die Gartenmauern anzutreten und des Nachbars Speckbirnenspalier einer eingreifenden Besichtigung zu unterziehen. Wehe, wenn der Vater ihn betroffen hätte! Mit wildklopfendem Herzen stand Josefine auf Vorposten; selbst Cäcilie wurde es vergönnt, aufzupassen.
O, diese noch harten, grünen Birnen! In der versteckten Laube wurden sie verteilt, am Steintisch mürbe geklopft und mit Entzücken verspeist. Durch das dichte Pfeifenkraut drang kaum die neugierige Sonne. Dämmerig war’s in der versteckten, engen Laube, unendlich die heimliche Seligkeit.
Doch es kam ein Morgen, an dem Josefine, viel früher als sonst, weinend wieder zu Hause erschien. Sie wollte nicht essen und nicht spielen, trübselig kauerte sie in einem Winkel und schüttelte auf alles Befragen der Mutter nur stumm den Kopf. Sie mußte etwas angestellt haben! Der Feldwebel, der zu Mittag heraufkam, war ganz besorgt: »Nanu, Josefine, was ’s denn los?«
Da warf sie sich laut schluchzend an des Vaters Hals – der kleine Soldat war abgereist.
IV
Zum fünften und sechsten Mal war der Storch über den Exerzierplatz geflogen und hatte vor des Feldwebels Fenstern geklappert.
Nun ließen fünf lebendige Kinder ihre Stimmen in der engen Feldwebelwohnung erschallen; diese war zwar um eine Kammer vergrößert, aber immerhin noch bedrängt genug. Die Großeltern Zillges hatten deshalb der Tochter den Vorschlag gemacht, ihnen ein Kind zu überlassen, es ihnen ›zum verwahren‹ zu übergeben. Die Wahl war auf Wilhelm gefallen. Die Kleinsten konnten die Mutter noch nicht entbehren. Josefine war schon als Hilfe zu gebrauchen, auch hätte der Vater die nicht hergegeben; bei Wilhelm hatte er weniger dawider, dem würden die guten Brühen der Großmutter zu statten kommen.
So hatten die alten Zillges auf einmal wieder ein Kind. Sein Bettchen stand neben dem Ehebett mit dem Kattunhimmel, und oft in der Nacht, wenn Frau Josefine Cordula den ruhigen Kinderatem hörte, glaubte sie, wieder ein junges Weib zu sein. All die Zärtlichkeit, die in dem alten Herzen nie erstorben war, die sich nur, fast verschämt, versteckt gehalten, brach wieder vor und strömte wie eine quellende Flut über das Haupt dieses Kindes. –
Nun ging der Bube schon in’s achte Jahr, aber er besuchte noch immer keine öffentliche Schule. Für die Freischule war er doch wahrhaftig zu schade, die rohen Jungen wurden ihn verprügeln; so ließ ihn der Großvater privatim unterrichten, wie er selbst auch in seiner Jugend privatim, beim Schreibmeister Müller in der ›Luft‹, gelernt hatte: lesen, schreiben und rechnen für fünfzehn Stüber monatlich. Der Lehrer, der nicht gern die gute Bürgerkundschaft verlieren wollte, lobte den Wilhelm, wenn der auch nicht immer zu loben war.
Sonst hatte sich der Wilhelm gut herausgemacht; freilich, zart war er geblieben, aber er sah nicht kränklich aus. Der Maler Deger, ein ganz berühmter, malte ihn als kleinen St. Johannes mit Kreuzchen und Lämmchen auf ein Altarbild, und auch andre Maler sprachen im ›Bunten Vogel‹ vor und baten um das hübsche Modell. Großmutter Zillges weinte verstohlene Thränen gerührter Freude. Sie hätte nicht mehr das Herz gehabt, ihrem kleinen St. Johannes etwas zu versagen; von nun an ließ sie ihm auch das schöne Haar lang wachsen und wickelte ihm abends die Locken ein.
Josefine war schon das vierte Jahr bei den Ursulinerinnen; die Großmutter hatte es durchgesetzt, daß sie dahin in die Schule gekommen. Das Geld war knapp im Feldwebelhaushalt, denn Rinke machte sich keinerlei Nebenverdienst von den Herren Freiwilligen oder bei der Kammer und der Menage, und so kam es, daß er in einer bedrängten Stunde seiner Frau, vielmehr deren Eltern, die Sorge für Josefines Schulgeld, zugleich hiermit aber auch die Wahl der Schule überlassen hatte. Und die Wahl war nicht groß für Mutter Zillges und Frau Trina, hatten sie beide doch auch bei den Ursulinerinnen die ersten schönen Gebetchen gelernt. Solange sie denken konnten, wurden da die Töchter guter Bürgersleute erzogen. Der fromme Gesang der Kinder schallte weit über die Ritterstraße und erbaute das Ohr der Anwohnenden. Auch stricken und nähen wurde dort gelehrt und französisch parlieren und späterhin feine Paramentenstickerei.
Rinke war sich über ›Schule‹ nicht ganz klar; in nebelhaften Umrissen erhob sich ihm ein Bild von stillesitzen, von pünktlichem Gehorsam und besonderer Reinlichkeit. So war’s wenigstens im Militärwaisenhaus gewesen: kam einer da nicht blitzblank zum Unterricht, gleich hieß es: Hemd ’runter! Unter der Pumpe wurden ihm die Ohren mit einem Strohwisch gescheuert, und wären’s zwanzig Grad Kälte gewesen. Er machte ein erfreutes Gesicht, als ihm Josefine den ersten Zeugniszettel nach Hause brachte:
Fleiß und Aufmerksamkeit: sehr lobenswert.
Betragen: sehr gut.
Flüchtig klopfte er seinem Kind die Backe: »Hm, gut abgeschnitten, mach mir weiter Ehre!«
Josefine ging gern zu den Ursulinerinnen; still saß sie da, ihre munteren, großen Augen hingen andächtig an den sanften Nonnenlippen. Das war etwas andres als die rauhen Töne, die über den Kasernenhof schallten! Auch geprügelt wurde hier nicht; die größte Strafe war, wenn eins der Kinder nicht mit in der langen Reihe der Schülerinnen zur Kapelle ziehen durfte, das Kindchen Jesu auf dem Schoß seiner Mutter zu schauen.
Sie hörte die Legenden der lieben Heiligen, die waren schöner als alle Märchen; sie lernte die Lieder zum Preis der holdseligen Jungfrau Maria. Die Augen strahlend erhoben, die Hände fromm gefaltet, sang sie mit heller Stimme die Hymnen; ihre Seele war ganz dabei.
Freilich, war die Schule aus, und kam sie von den Nönnchen heim in die Kaserne, atmete den eigentümlichen Schimmel- und Knasterduft, der diesen Wänden untilgbar anhaftete, sah die Bajonette auf dem Exerzierplatz blitzen und hörte den Gesang der Mannschaft beim Stiefelwichsen und Knöpfeputzen, dann brach etwas in ihr los, was bei den Ursulinerinnen geschlafen.
Frau Trina schalt viel über Finas tolle Ausgelassenheit; in ihrer hartumdrängten Mutterschaft vergaß sie jetzt manchmal, daß auch sie einst vor lauter Lust am Leben gar nicht gewußt wohin. Hier eine kleine Hand, dort eine kleine Hand! Hier ein jämmerliches Klagen, dort ein begehrliches Kreischen! Da konnte einem wahrhaftig mal die ›pläsierliche‹ Laune abhanden kommen.
»Nich tot zu kriegen,« sagte der Vater, wenn er seine Josefine ansah, und ein Freudenschein flog über sein hartes Gesicht.
Rinke hatte gealtert; trotz seiner Vierzig mischten sich ihm schon graue Fäden in’s dunkle Kopfhaar und den rötlichen Schnauzbart. Von den Augenwinkeln nach den Schläfen zogen sich viele feine Fältchen, und um die Mundecken hatte sich ein verbissener Zug festgesetzt. Jahraus jahrein Kommiß macht müde; und das Sitzen im Bureau vor’m Nationale und dem Löhnungsbuch, auch; die Parole den Herren Offizieren zustellen, den Kompagnierapport anfertigen, genau Erkrankungen und Beurlaubungen berichten, das Strafverzeichnis, das Schießbuch, die Rangierrolle, die Abrechnungen führen und Gott weiß was sonst noch, auch; und täglich drei Stunden neben dem Herrn Hauptmann über den Kasernenhof pendeln, immer hin-her, her-hin, mit geschlossenen Augen wissen, wo der rechtsum wendet, wo linksum, auch.
Heraus aus dem einförmigen Trott!
Ach, in den Zeitungen stand wohl zu lesen: Der gallische Hahn krähe wieder frech, anno dreizehn sei ihm nicht genug geschehen, es sei an der Zeit, ihm vollends den Garaus zu machen – zu den Waffen!
Krieg, Krieg, wann kam der?!
Der Feldwebel wartete schon lange.
Heute hatte ihm seine Josefine ein Gedicht vorgelesen, auf einem Zeitungsausschnitt stand es, der schon die Runde durch viele Hände gemacht:
›Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, Ob sie wie gier’ge Raben Sich heiser danach schrein.‹
Das Kind las laut und langsam, jede Silbe deutlich artikulierend; erwartungsvoll sah es beim Schluß zum Vater hin. Der saß am Fenster, den Kopf in die Hand gestützt und schaute unter zusammengezogenen Brauen in das Abendrot, das über’m Exerzierplatz verglomm.
»Nochmal, Josefine, lies noch mal,« sagte er jetzt seltsam gepreßt.
Und sie las noch einmal:
»Sie sol-len ihn nicht ha-ben Den frei-en deut-schen Rhein.«
Auch Frau Trina war näher gekommen und spitzte die Ohren: was lasen sie da vom Rhein?
»Bis sei-ne Flut begra-ben, Des letz-ten Manns Ge-bein!«
»Nein, das sollen sie auch nicht!« So heftig stieß der Feldwebel seine Pfeife auf’s Fenster, daß sie zerbrach. »Heiliges Kanonenrohr! Haben sie am Ende doch recht, die da sagen: man rüstet in Preußen?! I, das wäre! Na, gebt den Rothosen man eins drauf, daß sie alle werden für jetzt und ewige Zeiten! Haha« – er lachte vor innerem Entzücken – »Preußen immer vorneweg! Nu geht’s los!« Aber gleich darauf verfinsterte sich sein Gesicht wieder. »Ich glaub’s nich, wir haben noch keine Ordre. Zeit wär’s, Kerle werden täglich fauler. ’ne Affenschande, muß ich hier sitzen auf dem verlorenen Posten, statt da mittenmank!« Unwirsch fuhr er sich durch die kurzgeschnittenen Haare. »Verfluchtes Lausenest!«
»Düsseldorf is en prachtvoll schöne Stadt,« sagte Frau Trina beleidigt.
Er hörte sie gar nicht. Den Blick starr auf den öden Exerzierplatz gerichtet, murmelte er: »Wenn’s man losginge, wenn’s man losginge!« Eine starke Röte war ihm in’s Gesicht gestiegen; er schüttelte sich wie in einem Schauer und preßte die Zähne aufeinander: »Wenn’s man!«
»Jehste jetzt im Krieg, Vater?« fragte das Kind.
Er kaute am Schnauzbart. »Vielleicht,« sagte er, sich beherrschend; aber man hörte doch die Freude heraus.
Josefine rief denn auch sofort: »Da haste aber en Freud’, jelt, Vater?«
»Ja,« sprach er, alles vergessend. Und in einer tiefinneren Erregung sich aufrichtend, reckte er sich zu seiner ganzen Länge; die Arme streckte er über den Kopf, daß sie gegen die niedere Decke stießen. »Man ist ganz steif geworden – hah!« Wie ein Erlösungsseufzer klang sein tiefes Atemholen.
Frau Trina hatte die Augen weit aufgerissen, nun fing sie plötzlich an, bitterlich zu weinen. »Och, nu – nu jeht er wahrhaftig im Krieg! Och, Jesusmarijosef, ne, hätt’ ich dat jewußt!« Sie sah sich suchend nach ihren drei Jüngsten um, die beim Weinen der Mutter erschrocken zu brüllen anfingen. »Kinder, der Vater, er jeht im Krieg! Och, hätt’ ich dat jewußt!« Fassungslos sank sie auf den nächsten Schemel, das Gesicht mit der Schürze bedeckend.
Fassungslos sah auch der Feldwebel drein – hätt’ ich das gewußt! Ja, dann hätte sie ihn wohl nicht geheiratet. Und er?! – Es zuckte für einen Augenblick um seinen Mund – nun, und er vielleicht auch nicht.
Finster, die Stirn zusammengezogen, betrachtete er die Weinende. Da saß sie nun und heulte, daß ihr ganzer übervoller Busen schütterte. War das noch dieselbe, die ihm einst im ›Bunten Vogel‹ entgegengeschwänzelt war, so frisch und frank und frei, die Augen blank, der Mund lachend, so ein echtes, rheinisches Mädel? Ein rasches Wohlgefallen hatte ihn damals erfaßt, wie lauter Lust hatte es ihn angeblasen – hei, die würde immer fröhlich sein, würde eine kernige Mutter werden für stramme Soldatenkinder! Ihr Geld hatte ihn nicht gereizt, was sollte er damit? Aber es lohnte sich wohl, um sie einen Strauß auszufechten mit den protzigen Alten. Die Hindernisse reizten erst recht. Zur Attacke! Vorwärts, marsch, im Sturmschritt! Diese rheinischen Dickköpfe sollten doch sehen, mit dem Verachten des Preußen war’s Essig, der war ihnen noch lange über, der wurde doch ihr Schwiegersohn – nun gerade! Und ’s Mädel war verliebt bis über die Ohren, zeigte es ihm in jedem Blick – also warum denn nicht?! Wenn einer nicht Vater, nicht Mutter mehr hat, nichts Zärtliches auf der Welt, da thut eine weiche Patsche ganz gut, die streichelt. Also: Los auf die Festung, sie ergiebt sich! –
Und jetzt?!
Schwer ruhte des Feldwebels Blick auf seiner Frau. Er seufzte. Arme Käthe, die hatte sich auch betrogen! Der Soldat muß allein sein, oder er muß ein Weib haben, das da spricht: Mit Gott für König und Vaterland!
»Josefine!« Unwillkürlich suchte sein Blick die Tochter. Sie sah ihn aufmerksam an. »Josefine, was thut der Soldat, wenn sein König ruft?«
»Jehorcht.«
»Ja, du kennst den Rummel,« sagte er weich.
Frau Trina war mit den heulenden Kleinen nach der Küche gegangen, die Abendsuppe zu bereiten; Vater und Tochter saßen in der Stube allein. Josefine hockte auf einem Fußschemel und stemmte beide nackte Ellbogen auf des Vaters Kniee. Das schöne Abendrot über’m Exerzierplatz warf einen warmen Schimmer auf die Geranienstöcke im Fenster und von da einen noch durchglühteren auf das blonde Haar des Kindes.
Der Feldwebel hatte sich auf der Brust, da wo sonst immer das lederne Dienstbuch mit den Notizen zu stecken pflegte, die Knöpfe aufgerissen; der Rock war ihm auf einmal so eng. Krieg, Krieg!!
Er rieb sich die Hände; ein Frohlocken war in seinem Ton:
»Nanu, die Franzosen wollen wieder krächzen?! Ich sage dir, das läßt sich unser neuer Herr und König nicht gefallen. Der hat was los. Sagt’ er nicht letzthin zu Berlin: ›Gott erhalte unser preußisches Vaterland, sich selbst, Deutschland und der Welt zur Ehre!‹ Unser Preußen – ihm zur Ehre, ja! Dresche müssen kriegen, die ihm zuwider sind – alle Hallunken! Aber warte man, warte!«
In freudiger Aufwallung legte er seine Hand auf Josefines Kopf: »Du sollst mal sehen, du wirst’s erleben, wie ich’s erlebt habe, anno 13. Da war ich nur wenige Jahre älter wie du jetzt. Da liefen sie alle hin unter die Fahnen; die Männer wurden wieder zu Jünglingen und die Jünglinge zu Männern. Und die Weiber haben ihren Männern nicht das Herz schwer gemacht« – unwillkürlich suchte sein Blick die Thür, hinter der Frau Trina verschwunden war – »und die Bräute haben sich ihren Liebsten nicht an den Rockzipfel gehängt. Ich weiß es noch wie heute, als Vater ausrückte. Wir standen vor der Thür, Mutter und ich, er saß schon auf dem Gaule.
»›Adjö, Karline, auf’s Wiedersehen,‹ sagte er. Sie sagte nur: ›Mit Gott.‹ Und dann gaben sie sich die Hände. Keine Thräne hat Mutter geweint. Aber ihm kullerten ein paar dicke Tropfen über die Backen; ’s war ihm wohl bange um sie, sie war verdammt schmächtig.
»Als ich bei meinem Alten die Thränen sah, fing ich an loszuheulen, aber es war mehr darum, daß ich noch ein Knirps war, daß ich noch nicht mitkonnte in den großen Krieg. Vater bückte sich vom Gaul, lupfte mich ein wenig hoch und gab mir ’nen freundschaftlichen Klaps auf den Hintern: ›Hier wird nich geflennt! Sei Muttern ’ne Stütze – mach mir Ehre!‹
»Da verbiß ich mir das Heulen, und als der Gaul davongaloppierte, galoppierte ich hintennach bis auf den Marktplatz, wo sie sich sammelten, und schrie, bis mir der Atem ausging: ›Hurra, hurra, hurra!‹ Und das schrei’ ich noch heut!«
Der Feldwebel war aufgesprungen und breitete die Arme weit: »Hurra, hurra, hurra!«
Josefine hatte ihm ohne Laut zugehört, die Augen fest auf ihn gerichtet; jetzt umklammerte sie seinen Arm: »Vater, weiter, erzähl’ weiter!« Und als er nicht gleich fortfuhr, stampfte sie ungeduldig mit dem Fuß: »Weiter, erzähl’ doch!«
»Ja, das ist was für dich,« schmunzelte er, »das glaub’ ich! – Und die Frauenzimmer brachten ihre goldenen Nadeln und Kämme und Ohrgehänge, was sie an Goldkram hatten, und das wurde eingeschmolzen und gab Geld für’s Vaterland. Sie trugen nun anstatt ihres Schmucks eiserne Anhänger und waren stolz drauf. Da waren Weiber, die gaben ihre Eheringe her, und welche, die gar nichts hatten, ließen ihr schönes Haar abschneiden und verkaufen das, und –«
»Ich will auch mein Haar abschneiden lassen!« Josefine schrie plötzlich auf und faßte mit beiden Händen nach ihrem kurzen Schopf. Eine heiße Röte lag auf ihrem Gesicht, ihr Atem ging rasch, die Kinderbrust flog unter dem Schürzchen. »Schneid’ mir mein Haar ab, lieber Vater – da haste’t – schneid’ et doch ab!«
Er lachte. »Das ist ja viel zu kurz. Na, na, laß man,« und er strich ihr liebkosend über die blonde Mähne.
Da ließ sie die Arme herunterhängen und den Kopf auch und kauerte sich ganz auf ihrem Schemel zusammen. Unter Schluchzen stieß sie heraus: »Ich will aber – wat soll ich dann jeben? Ich – ich hab’ ja nix – jar nix!«
»Warte man,« tröstete der Feldwebel und legte ihr seine Hand auf die heiße Stirn. Aber er lachte nicht mehr, seine Stimme klang ernst: »Warte man, Josefine, warte, deine Zeit, die kommt auch noch!« –
Das verklärende Abendrot über’m Exerzierplatz war erloschen, plötzlich aller Glanz hin. Ein nüchterner, bleichherbstlicher Nachthimmel spannte seinen Bogen, und ein Windstoß fegte abständige Kastanienblätter der Königsallee wirbelnd in den Kanal. Matte Sterne zogen auf und standen, ohne zu leuchten, über der Kaserne.
V
Der alte Peter Zillges konnte sich nicht in die jetzige Welt finden.
»Et es nu als bald Zeit for mich, Mutter,« sagte er zu seiner Frau. »Wat haben se dann aus Düsseldorf jemacht?! Dat es doch uns jut alt Düsseldorf nit meh! Dat se aus ’m Kapellchen unnen in der Straß’ en Tabaksmajazin jemacht han un nachher ene Peerdsstall, dat es schon schreckelich, aber dat mer nu for de neue Promenad’ langs der Kanal ›Königsallee‹ sage soll, nach dem neuen König, dem Friedrich Wilhelm dem Vierten, dat will mich nu janz un jar nit im Kopp. Wat jeht uns de Mann an?! De es in Berlin, mir sin hie am Rhein. Ich sag’ ›Kastanienallee‹. – Un dann de neumodsche Eisebahn! Die es dem Deiwel sein Kutsch’. Kann mer nit laufen bis im Jesteins? We dat nit meh kann, de soll zu Huus bleiwen. Wat soll dat noch all werden? Bis Elberfeld fahren jetzt als de Leut’!«
Bürger Zillges war grämlich geworden. Ein paarmal schon hatte er sich in den neuangelegten Straßen verlaufen, und auch der Hofgarten, in dem er so gern spazierte mit seinem kaffeebraunen Leibrock angethan und den Kniehosen, mit der gefälteten Hemdenkrause und dem mehrfach verschlungenen Tuch unter den Vatermördern, war ihm verleidet. Hatten doch freche Kinder, die seiner Tracht nicht mehr gewohnt, hinter ihm drein gespottet und seinen Hut, den hohen mit der breiten Krempe, durch den Wurf mit einem Erdkloß beschmutzt.
Die Wirtschaft ging auch längst nicht mehr so flott. Das junge Volk suchte andre Lokale auf von modischerem Geschmack, in denen die Fensterscheiben höher, die Wände tapeziert und die Stubendecken nicht durch Balken verunziert waren. Einsamer wurde es im ›Bunten Vogel‹, ganz einsam.
Nur die Enkelkinder brachten Leben; Frau Josefine Cordula dankte allabendlich ihrem Schutzpatron dafür. Da standen sie jeden Sonntag, in aller Frühe schon, in der Wirtsstube aufgepflanzt in stattlicher Reihe und streckten die Hände verlangend aus nach dem Korinthenblatz, den die Großmutter verteilte.
Obenan die Josefine, hochgeschossen für ihre elf Jahre und doch breit in den Schultern und gewölbt in der Brust. Viel schmächtiger nahm sich der Wilhelm aus, aber wie hübsch! Backen wie Milch und Blut, von schönen Locken umringelt, und Augen so blau, daß die Großmutter, schaute sie hinein, wähnte, in den Himmel zu blicken.
Der Friedrich und der Ferdinand und der jüngste, das Karlchen, hatten nichts Besondres an sich, die waren Jungen, wie andre auch: dick, laut und gefräßig. Den ganzen Tag trieben sie sich auf der Straße herum, machten ›Schellemännkes‹ an allen Thüren, uzten die beiden Stadtoriginale, den scheelen Ludwig und das Rosinchen, und patschten durch jede Pfütze. Die Mutter verwies ihnen nichts, war doch der Vater streng genug.
Der Feldwebel wurde immer strenger. War er zu Haus, wagten die Knaben keinen Muck. Das Mittagessen verlief stets wenig erfreulich. Die Mutter schöpfte den Jungen auf, so viel sie wollten: »Laß die Kinder doch satt kriejen.« Aber der Feldwebel schrie: »Satt, ja, aber nicht den Wanst vollstopfen zum platzen! Das giebt faules Fleisch. Ruhe – giebt nichts mehr!«
Die drei Jüngsten scheuten den Vater; aber Wilhelm fürchtete ihn.
Wilhelm war ganz seiner Großeltern Kind, kam kaum noch in die Kaserne, und auch dann nur, wenn der Vater nicht zu Hause war; lieber lauerte er stundenlang in einem Versteck, bis er den fortgehen sah. Der hatte so eine Art, ihn durchbohrend anzustarren, daß er den Blick nicht aushalten konnte und verwirrt die Augen niederschlagen mußte.
Rinke machte sich Gedanken über den Jungen – warum sah ihm der nicht gerade in’s Gesicht? Hatte er was auf dem Gewissen? Es war Zeit, daß er unter strenge Zucht kam: ordentlich hoch nehmen, stramm ’ran!
Der Feldwebel machte sich eines Tages auf nach dem ›Bunten Vogel‹. Wilhelm, der vor der Thür spielte, sah den Vater kommen, lief, nichts Gutes erwartend, rasch in’s Haus, die Treppe hinauf, bis auf den Söller und versteckte sich im Taubenschlag.
Die Großeltern Zillges waren durch den seltenen Besuch des Schwiegersohns nicht angenehm überrascht.
»Wat – de Willem wollen Se uns wegholen?« grämelte der Alte, »so mir nix, dir nix? Den kriejen Se nit!« Und dabei schlug er, heftig werdend, auf den Tisch. »Oho, de Peter Zillges läßt sich so ’schwind nit auf Seit däuen.[4] Sie sind wohl auch neumodsch? Wenn et heißt, einen aus’m Dreck trecken,[5] dann es mer jut – wat war de Jung’ for ene erbärmliche Krott! – äwer dann hat mer nix meh bei zu duhn, dann heißt et: mach dich ab! Eja, de Neumodschen, dat sin de Richtigen, die haben kein Tippelchen Pietät!«
[4] däuen: schieben.
[5] trecken: ziehen.
Rinke wollte aufbrausen, aber dann besann er sich – hatte der Alte nicht recht? Die Großeltern hatten das Kind, das immer gekränkelt, zu einem gesunden Jungen herausgepflegt, und nun, da sie Freude an ihm hatten, wollte er ihn ihnen wegnehmen?! Unschlüssig drehte er an seinem Schnauzbart.
Frau Josefine Cordula ersah ihren Vorteil; sie legte sich auf’s Bitten. »Ne, dat werden Se uns doch nit anduhn, Rinke, dat Se uns jetzt de Jung’ wegnehmen? Wir sind alt un einsam, de Willem es unser Freud’ – ne, wenn ich denk’, de Willem sollt’ nit meh bei uns sein –!« Die Tropfen fingen an, ihr aus den Augen zu rinnen, und auch Zillges schneuzte sich heftig.
Es ging dem Feldwebel gegen den Strich, jetzt auf sein Vaterrecht zu pochen – was hatten die alten Leute doch alles an dem Jungen gethan! Es wollte freilich in seinem Herzen kein rechter Dank aufkommen, doch überwand er sich und reichte seiner Schwiegermutter die Hand.
»Na, dann behalten Sie ihn, bis« – sein Gesicht verfinsterte sich wieder, mit dem Soldatwerden war’s doch bei dem Jungen Essig – »bis er in die Lehre kommt. Aber ich bitt mir’s aus: seien Sie strenger, viel strenger; der Bengel pexiert was, nich gerade ansehen kann er einen ja.«
»Pexieren – dat Jüngesken?! Och du lieber Jott! Angst hat de,« platzte die Großmutter heraus, »Angst vor Ihnen!«
»Angst – vor mir?!«
Der Feldwebel war betroffen. Angst sollte sein Sohn vor ihm haben? Angst – warum denn? Seine Kinder hatten Angst vor =ihm=? Angst vor ihrem Vater?! Das wollte ihm nicht aus dem Sinn. In brütenden Gedanken ging er heimwärts.
Auf dem Kasernenhof begegnete ihm Josefine, Karlchen an der Hand. Er hielt sie an. »Josefine,« sagte er und sah ihr forschend in das offene Gesicht, »sag mal, hm« – die Worte wollten nicht leicht heraus, es würgte ihn etwas in der Kehle – »hm, sag ehrlich, hast du – hm – hast du Angst vor mir?«
»Wat jefällig?« Sie verstand ihn gar nicht.
»Ob du – Angst vor mir hast?«
Nun lachte sie hell auf: »Ne!«
»Na, siehste!« Sein Gesicht erheiterte sich; aber nicht für lange. Es trug wieder den finsteren Ausdruck, als er allein auf seinem Lieblingsplatz am Fenster saß. Niemand war oben, alle fort, auch Frau Trina; der offengebliebene Kleiderschrank zeigte da, wo sonst ihre Mantille und ihr Hut hingen, eine leere Stelle.
Über den Exerzierplatz kam Glockenschall, von all den vielen Kirchen der Stadt läutete es; das war ein mächtiges Hallen und Widerhallen, stärker denn sonst, ein Dröhnen und festliches Rufen. Aha, morgen war wohl katholischer Feiertag?
Durch das halb geöffnete Fenster stahlen sich linde Frühsommerlüftchen und strichen dem Feldwebel mit schmeichelnden Händen das heiße Gesicht. Er schloß die Augen. Wie im Traum hörte er wohlbekanntes Klappen sich in den Glockenchor mischen, die Kerle klopften ihre Montur aus. Und nun sang einer, ein hoher Tenor:
»Köln am Rhein, du schönes Städtchen, Köln am Rhein, du schöne Stadt, Und darinnen muß ich verlassen, Mein’ herzallerliebsten Schatz!«
Ein zweiter pfiff eine andre Melodie; Rinke kannte sie wohl: das war das alte Lied von der Katzbach! Unwillkürlich spitzte er die Lippen und pfiff mit:
»Hei, das war eine Lust, hei, das war eine Hatz, Wie wir packten die französische Katz’ An der Katz, an der Katz, an der Katzbach.«
Und ein dritter hub dröhnend an, mit kräftigem Baß:
»Patriot, schlag ihn tot, Bonapart’, den Erzkujon« –
Zwei, drei Stimmen fielen lustig mit ein:
»Mit der Picke, in’s Genicke, Daß er kriegt die Schwerenot!«
Hastig schlug der Feldwebel das Fenster zu, er mochte nichts mehr hören. Ihm war schwer zu Mut. Also, der Wilhelm sollte ihn fürchten – sein Kind sich vor ihm fürchten?! Und Krieg gab’s auch nicht! Nun schrieb man das Jahr 41, und fast ein Jahr war’s her, daß er mit der Josefine hier gesessen und sie ihm das Rheinlied vorgelesen. ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein‹ – da hatte er gemeint, nun ginge es gleich los.
Was hatten die Leute doch alles gefaselt von der ›Erhebung des Vaterlands‹?! Keine Waffe hatte im Ernst geklirrt: man exerzierte und manövrierte nur zum Spiel. Und von der ›Erhebung‹ hörte man kein Wort mehr. Alles still, alles ruhig, wie versunken in bleiernen Schlaf.
Der alte Soldat lächelte bitter – und er hatte gehofft! Warum nur? Wenn sie ihn nun totgeschossen hätten?! Dank für die Ehre! Tapfer gekämpft und tapfer gestorben für König und Vaterland – giebt’s einen besseren Schluß?!
Er räusperte sich und fuhr sich durch die Haare – viel graue Fäden drin! Ja, wenn die Vierzig erst überschritten sind, geht’s schnell abwärts. Was hatte der Garnisonprediger am Sonntag gesagt?
›Des Menschen Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist‹ – – –
Würde sein Leben auch einstmals köstlich gewesen sein?! Mit einem unruhigen Blick sah er umher. Der lange Tag hatte sich noch nicht geneigt, goldne Sonne beschien die Wände – noch war es Zeit, noch konnte das Köstliche kommen! Aber hoffentlich bald, bald!
Da ging die Thür. Frau Trina kam zurück mit Gesangbuch und Rosenkranz. Ihre Augen waren gerötet, als hätte sie geweint.
Ihr bekümmertes Gesicht fiel ihm auf. »Käthe,« rief er.
»Wat dann? Willste jett?« Mit einem unsicheren Blick sah sie an ihm vorbei.
»Komm mal her!«
»Ich hab’ jetzt kein Zeit!« Sie stülpte den Hut ab und wischte sich verstohlen über die Augen.
Argwöhnisch betrachtete er sie: kam wohl wieder aus der Beichte? »Was ’s denn los? Hast ja geflennt?«
»Ich –? Och ene!« Sie lachte gezwungen und wollte in die Schlafkammer.
Aber schon war er bei ihr und faßte ihr Handgelenk.
Glühend rot werdend, schüttelte sie ihre Hand. »Laß mich doch! Autsch!«
Hatte er sie denn so fest gedrückt? Unwirsch ließ er sie los.
Gebetbuch und Rosenkranz rasch auf den Tisch legend, schlug sie beide Hände vor’s Gesicht. »Wat hab’ ich en Leid, wat hab’ ich en Leid!« schluchzte sie.
»Na, na – Käthe!« Er war wirklich erschrocken und bemühte sich, ihr die Hände vom Gesicht zu ziehen. »Na, was ’s denn los? Nu red’ schon ’nen Ton!«
»Och – och,« wimmerte sie und weinte immer heftiger, »och Jesus! Dat Leid! Wat hab’ ich dann auf dieser Welt? Jar nix, ich muß mich plagen alle Tag. Un wenn mer denkt, dat mer nachher nit emal in de ewige Seligkeit kömmt! Un uns’ arm’ Kinder, wat können die dafor?! Och, och, die müssen auch brennen im Fegfeuer!« Jammernd rang sie die Hände. »Jesus Maria, un ich bin schuld dran!«
Fast war’s ihm lächerlich, ihr Gebaren war so komisch, aber er brachte doch kein Lachen heraus. Er ärgerte sich: kam sie ihm schon wieder mit ihren überspannten Mucken?! Sich bezwingend, versuchte er, sie zu beruhigen: »Na, na, Käthe, wird so schlimm nich sein, gieb dich zufrieden!« Er wollte seinen Arm um ihre Schultern legen, sie riß sich los.
»Bleib mer vom Leib! Du bis an allem Verdruß schuld!« Ihre thränenüberströmten Wangen glühten, in ihren sonst so gutmütigen Augen flammte ein Strahl auf, der fast dem Haß glich. »Hab’ ich dich nit e so vielmals jebeten, du sollst de Kinder wenigstens richtig taufe lassen, so wie et sich jehört?! Ne, kein’ Ohren haste jehabt, du bis en Preuß’, du has kein’ Jlauben, kein’ Relijon – nu hammer et Unjlück!« Mit erneuter Stärke erhob sich ihr Gejammer: »Un ich bin schuld, un ich bin schuld dran!«
Das Blut war ihm zu Kopf gestiegen, unwillkürlich zuckte seine Hand – verrücktes Weibsbild! Da fiel sein rollender Blick auf den Rosenkranz, auf das Buch. Wie Weihrauchduft stieg’s auf aus dessen Blättern. »Wo kommste her?« fragte er rauh.
»Aus der – der Kirch’ – aus der Beicht!«
»Aha! Daher bläst der Wind? Haben sie dir wieder ’nen Floh in’s Ohr gesetzt – na, natürlich! Und ich sage dir, die Kinder werden schon in die Seligkeit kommen, wenn’s unser Herrgott für sie an der Zeit hält. Da haste dich jetzt nich drum zu scheren!« Er stampfte mit dem Fuß auf und setzte dann bitter hinzu: »Und was uns beide anbelangt, na, wo wir mal nach’m Tode hinkommen, wird wohl ziemlich wurscht sein.«
Mit einem ungeduldigen Seufzer, der einem Stöhnen glich, kehrte er sich von ihr ab; sie benutzte die Gelegenheit, um in die Schlafkammer zu schlüpfen.
Schweren Tritts ging er zu seinem Platz am Fenster zurück. Jetzt war er wieder allein und doch nicht allein, ihm war, als hätten die Wände das Schluchzen des Weibes eingeschluckt und gäben es nun wider in einem langgezogenen, spottenden Echo. Jedes Wort: ›Du bist an allem Verdruß schuld – du Preuß’ ohne Glauben – du – du‹ – warum sagte sie es nicht gleich gerade heraus: ›Du hast mich unglücklich gemacht!‹ Unglücklich?! Ach was, der ging’s ja gar nicht so tief – heut unglücklich, morgen kreuzfidel! Wer doch auch so sein könnte! Auf – nieder, wie ein Stehaufmännchen, das die Buben aus Hollundermark schneiden. Aber dazu mußte man hier zu Lande geboren sein, mit der Muttermilch ihn in den Leib gekriegt haben, den bequemen Leichtsinn!
* * * * *
Der Feldwebel saß schon eine Viertelstunde, ohne sich zu rühren, ohne den starren Blick des Auges, der immer auf einem Punkt der Diele haftete, zu mildern.
Ein Trappeln auf dem Flur wurde laut.
Josefine kam heim mit den Geschwistern; mit Hallo jagten sie sich draußen und stürmten nun in die Stube. Erschrocken fuhren die Knaben zusammen und duckten sich – da saß ja der Vater! Nur Josefine lief auf ihn zu.
Bemerkte er sie denn nicht? Fast beleidigt zupfte sie ihn: »Vater!«
»Ich wollte, es gäbe Krieg,« murmelte er. Und dann fuhr er auf: »Wer da – ah du! Na, Josefine?«
Sie lachte ihn an.
Da fiel’s ihm auf, wie sah sie denn aus? Das ganze Haar in Papilloten gedreht, ein Wickel neben dem andern.
»Nanu, was hast du denn angestellt?« Verwundert tippte er sie auf den Kopf.
»Jarstig, jelt, Vater? Aber morjen, da sollste ens kucken, da werd’ ich aber auch dafor fein jemacht!« Jubelnd schlug sie die Hände zusammen. »Lauter Löckskes, de Jroßmutter hat se mer eben einjedreht! Un en weiß’ Kleid mit lauter Säumcher! Un ene blaue Kranz krieg’ ich auf de Locken! Ich trag’ dat Herz Jesu auf’m Kissen!«
»Was – was trägst du?« Plötzlich aufmerkend sah er sie an. »Was redste für Unsinn? Herz Jesu – weiß Kleid – blauen Kranz – wozu – weswegen?«
»No, morjen is doch Fronleichnam! Prozession nach’m Calvarienberg an der jroße Kirch’.« Ganz bestürzt sah sie ihn an. »Dat weißte nit? Wer am besten in jeder Klass’ is, darf wat tragen. Eine aus der untersten Klass’ trägt et Lämmchen, en janz Jroße trägt en Fahn’, un ich« – mit stolz leuchtendem Gesicht reckte sie sich vor ihrem Vater – »ich krieg’ et Kissen!«
Er hatte sie ausreden lassen, jetzt fuhr er auf mit einem Fluch; erschrocken prallte sie zurück, er rannte sie fast über den Haufen.
»Frau!« Da stand er, die Fäuste geballt, das Gesicht fahl. Und als Trina nicht gleich hörte noch einmal: »Frau!«
Jetzt kam sie.
Er schrie sie an: »Weibsbild, verdammtes, denkste, du kannst Schindluder mit mir spielen? Oho, untersteh dich!« Mit wilden Augen sah er sie an.
»No, wat is dann als schon wieder?« rief sie halb trotzig, halb kleinlaut.
»Ich sag’ dir, ich bin kein Esel, du machst mir kein X für ein U. Was treibst du hinter meinem Rücken für Allotria – he?« Er packte in seiner Wut das erste beste, was ihm unter die Hände kam – das Gebetbuch war’s – riß es vom Tisch und warf es ihr vor die Füße. Die Blätter flogen.
Zitternd bückte sie sich und las ihre geweihten Palmzweiglein, ihre bunten Heiligenbildchen zusammen. Sie wußte selbst nicht, woher ihr der Mut kam, sie war empört: »Au, meine Bildches, wat fällt dich ein?«
Er riß ihr die Bildchen aus der Hand und zerfetzte sie. »Da – da! Und ich sag’ dir, jetzt hat’s en Ende, das alle Morgen in die Messe-rennen und das im Beichtstuhl-hocken! Jetzt weiß ich, warum du heulst! In den Ohren liegen sie dir: katholisch sollen die Kinder werden! Katholisch wollt ihr die Josefine machen! Keinen Schritt geht sie mit zur Prozession! Mir allein hast du zu parieren – verstanden? Nich gemuckt. Und nu: in die Küche! Geh an deinen Herd, koch, die Kinder wollen essen.«
Sonst drückte Trina sich gern, wenn Rinke schalt, heute blieb sie wie angewurzelt stehen.
Er drehte ihr den Rücken. Die Knaben, die scheu an der Thür gehorcht, hatten sich verkrochen; nur Josefine stand da, unbeweglich, und sah den Vater starr an. Sie war ganz blaß geworden.
Er rief sie zu sich, langsam kam sie. »Josefine,« sagte er in etwas gemäßigterem Ton, »geh, wickel dir das Haar aus, komm mir so nich mehr unter die Augen!« Und als sie gehen wollte: »Halt! Heut war’s das letzte Mal, daß du zu den Ursulinerinnen gegangen bist, verstanden? Ich wer’ denen das Handwerk wohl legen!« Die Wut flammte wieder in ihm auf: »Weg mit dem Firlefanz!«
Er selber griff ihr in die Haare und zerrte ihr einen Papierwickel heraus; es mußte weh thun, aber sie rührte sich nicht.
»Ich verbiete dir auch, nach der Ratingerstraße zu gehen – hörst du, von heut ab! Keinen Schritt dahin – hörst du? Antwort!«
»Ja.«
»Und mir allein hast du zu gehorchen – mir allein, hörst du?« Eisern klang jedes Wort. »Niemand anderm, auch nicht – auch nicht deiner Mutter – denn –«
Jetzt zuckte das Kind zusammen, Frau Trina hatte ein wimmerndes Schluchzen hören lassen.
Mit einem Ruck riß sich Josefine vom Vater los und warf sich mit einem lauten Aufschrei der Mutter an den Hals: »Mutter, wein’ nit! Wein’ doch nit, ich hab’ dich auch lieb! Och ’n doch, Mutter, ich hab’ dich lieb – Mutter, Mutter!«
»Josefine!« Der Feldwebel rief, aber vergebens. Zum erstenmal in ihrem Leben gehorchte ihm die Tochter nicht.
»Josefine!«
Sie schüttelte nur verneinend in leidenschaftlichem Weinen den Kopf an der Brust der Mutter, um die sie, wie zum Schutz, ihre beiden Arme schlang.
»Josefine!« Es klang fast bittend.
Sie rührte sich nicht.
Da rief der Feldwebel nicht mehr. Ein paar Augenblicke stand er, wie vor den Kopf geschlagen, dann stolperte er zur Thür. Im Finstern tappte er die Holzstiege hinunter, und in’s Finstere lief er hinaus. – – –
VI
Eigentlich war es schon Winter. Die Düsseldorfer Hausfrauen hatten längst ihren Herbsthausputz vollendet, jedes Sommerstäubchen war ausgefegt, blitzblank schauten die Fenster auf das saubere Trottoir. Und doch war es noch nicht Winter, denn der November ließ sich an wie ein Oktober. Die Kastanien in der Königsallee waren noch nicht gänzlich entlaubt, im Hofgarten blühten noch Dalien und Georginen; Allerheiligen war lange vorbei, und doch dufteten noch bleiche Rosen auf den Gräbern. Vom Rhein kam ein lindfeuchtes Wehen, kein Wind. Die niederen Wiesen jenseits des Flusses schimmerten noch frischgrün, die Weidenbüsche standen wie im Saft.
Gut Wetter zum Martinsabend.
Josefine Rinke freute sich: heut abend würden sie alle mit dem Laternchen gehen; nur die arme Mutter durfte nicht mit, der Vater fand das zu lächerlich.
Zint Mäten, Zint Mäten![6]
[6] Sankt Martin.
Sie machte einen kleinen Hops, aber dann besann sie sich und steckte die Nase wieder in’s Buch, das sie, aufgeschlagen, vor sich her trug. Sie lernte noch auf dem Schulweg.
Jetzt war sie keine so gute Schülerin mehr, wie damals bei den Ursulinerinnen. Seit anderthalb Jahren ging sie in die evangelische höhere Töchterschule in der Kanalstraße, die unter dem Protektorat der Prinzessin Luise, der erlauchten Gemahlin Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich von Preußen stand, der im Jägerhofschlößchen am Hofgarten residierte.
Der Feldwebel war nicht wenig stolz darauf und auch seinem Hauptmann nicht wenig dankbar, der ihn, als er sich damals, da der Schulbesuch Josefines bei den Ursulinerinnen jäh abbrach, ratsuchend an ihn gewandt, dem früheren Garnisonprediger und jetzigen Regierungsschulrat empfohlen. Der leutselige Beamte hatte ein Einsehen gehabt, durch eine Ermäßigung des Schulgeldes wurde es dem bewährten, langgedienten Soldaten ermöglicht, seine Tochter einer höheren Bildung teilhaftig werden zu lassen. Von der Zeit an hatte sich der Feldwebel die einzige abendliche Pfeife abgewöhnt – das Schulgeld war für seine Verhältnisse noch immer hoch genug. –
Josefine schlenderte langsam, ihre Schulsachen in einem Lederriemen unter den Arm gepreßt. Gut, daß die Straße noch still war, um halb acht in der Frühe! Nur ein Hammer Gemüsekarren rumpelte, und eine Milchfrau trug ihren Rahm aus. Josefine mußte nachholen, was sie gestern versäumt; das große Bataillonsexerzieren hatte all ihre Zeit in Anspruch genommen, und die deutsche Orthographie wollte ihr so wie so schwer in den Kopf.
Ein schwarzlockiges Mädchen kam hinter ihr drein gerannt: »Fina! Finchen!«
Sie hörte nicht.
Nun zupfte sie die Schwarzlockige leicht am Jackenschoß. »Hörst du denn gar nicht?«
»Och, Cilli, du! Ich lern’ noch, ich kann noch nix!«
Schon wieder vertiefte sich Josefine in ihr Buch, aber Cäcilie von Clermont zog es ihr weg.
»Ach, laß doch jetzt! Ich sag’ dir vor, wenn du dran kommst, wahrhaftig!« Und dann wendete sie sich zu dem Burschen um, der, in eine Livree gesteckt, ihr den Bücherpacken nachtrug: »Buschmann, Sie können jetzt nach Haus gehen – so – ich trag’s mir schon allein. Aber nicht dem Herrn Major sagen, Buschmann, auch nicht der Frau Major!«
Der Bursche grinste und machte Kehrt.
»So, Fina, nu faß mich unter,« sagte Cäcilie. »Erzähl mir was. War gestern das Bataillonsexerzieren schön? Ich wär’ schrecklich gern zu euch in die Kaserne gekommen zum zugucken, aber Mama sagte, das schickte sich nicht mehr für mich. Auch mit der Laterne soll ich heut nicht gehen. Scheußlich! Und es ist doch Martinsabend!« Sie schmollte. »Ich wünschte, der Viktor wär’ nicht gerad’ jetzt auf Urlaub gekommen, der ist so – so – weißte, der bestärkt Mama noch in so was. Der wird nu bald Fähnrich, aber er thut mindestens schon so, als ob er Major wäre wie Papa. Du mußt ihn bloß mal sehen – schneidig, sag’ ich dir!«
»Ich will ihn jar nit sehen!« Josefine warf den Kopf zurück. »Wann du nit mehr bei uns kommen darfst, komm’ ich auch nit mehr bei euch. Un den Viktor, bäh« – sie schnitt eine Grimasse – »de kenn’ ich jar nit mehr, dazumal war ich ja noch janz klein!«
Seit Josefine in die Töchterschule ging, war sie wieder mit Cäcilie von Clermont befreundet, besser sogar, wie sie es als Kinder gewesen. Da war nur der kleine Soldat das Bindeglied gewesen, und als der fort, zeigte Josefine keine Neigung mehr für das Clermontsche Haus; sie sträubte sich sogar, wenn sie ab und zu noch hin gebeten wurde. So war der Verkehr bald ganz eingeschlafen. Der Zufall hatte nun die beiden Gleichaltrigen nicht nur in derselben Klasse, nein, auf derselben Bank zusammengeführt.
Es war ein großes Ereignis für den Feldwebel, wenn die Tochter seines alten Hauptmanns, jetzt des Majors, seine Josefine besuchte. War Josefine auch keine besonders gute Schülerin – alles was sie bei den Ursulinerinnen gelernt, konnte sie in der neuen Schule nicht verwerten – so umschwebte sie doch ein eigner Nimbus. Sie kam ja aus der Kaserne! Endlos zog sich der einstöckige Bau längs der Straße, hinter seinen mit Blechkästen versperrten Luken schmachteten Soldaten im Arrest, schöne Offiziere klirrten über die Höfe, auf dem Exerzierplatz spielte die Regimentsmusik, – und auf den vielen Treppen, den zahllosen Gängen, all den Stuben und Kammern, was mochte da nicht vor sich gehen?! Die andern Mädchen beneideten Cäcilie von Clermont um ihre Freundschaft mit der Feldwebeltochter. –
Als heute die Nachmittagsschule aus war, schlenderten die beiden wieder Arm in Arm, aber sie trennten sich nicht an der Ecke, wo sie sich sonst Adieu zu sagen pflegten, die eine begleitete die andre immer noch ein Stück Wegs; sie kamen gar nicht von einander los.
»Du,« sagte Cäcilie und schlug die langbewimperten Augen entzückt gen Himmel, »herrlich, daß ich nun doch mit der Laterne gehen darf! Ich hab’ aber über mittag auch gequält! Am Jan Willem auf dem Markt treffen wir uns also. Du – ha, findst du nicht, es riecht schon aus jedem Haus so lecker nach Puffert? Ach, wenn wir doch auch welche backten!«
»Bis still,« tröstete Josefine, »ich bring’ dir morjen welche mit nach der Schul’. Meine Jroßmutter backt se aber lecker! Aus Buchweizenmehl mit Korinthen, in Leinöl. Un dann in Syrup gestippt – ha!« Sie klopfte sich mit einem strahlenden Gesicht auf den Magen. »Ich kann ’r en Dutzend essen. Wenn ’t nur schon Abend wär!« Trällernd machte sie einen Freudensprung: »Zintmäten, Zintmäten, de Kälber –«
»Gott, Fina!« Erschrocken hielt ihr Cäcilie den Mund zu. »Was sollen die Leute von uns denken?«
Ein paar Jünglinge drehten sich eben nach den beiden Mädchen um. Cäcilie wurde rot und schlug verschämt die Augen nieder, Josefine aber schnitt eine Fratze: »Dumme Junges! Zintmäten, Zintmäten! Adjüs, Cilli, letzt!« Kräftig schlug sie die Freundin auf den Rücken.
»Vergiß nicht – um sieben Uhr – am Jan Willem,« rief ihr Cäcilie nach.
Fina hörte schon nicht mehr. Da rannte sie hin, daß ihr halblanger Rock flatterte, und man ihre weißbestrumpften Beine bis zum Knie sah. –
Peter Zillges war nicht für die neumodischen Papierlaternen; er hatte seinen Enkeln Kürbisse ausgehöhlt, ihre Namen und allerlei andres hineingeritzt: Gesichter, und Sonne, Mond und Sterne. Die Zeichnungen waren unvollkommen – Großvaters Hand hatte schon sehr gezittert – aber schimmerte ein Lichtchen von innen durch, machte sich solch ein Kürbis doch wunderbar schön.
Vom ›Bunten Vogel‹ zogen die Geschwister am Abend aus. Josefine trug ihren Kürbis, der groß und gelb wie ein Holländer Käse war, auf einem Stock; die Brüder schwenkten ihre kleineren an Bindfadenschnüren. Die Kinder sangen; hell klangen ihre Stimmen in den lauen Abend hinaus.
Und von nah und fern, vom andern Ende der Ratinger-, von der Ritter- und der Mühlenstraße, vom Hunsrück und der Mertensgasse, von allen Seiten fielen Kinderstimmen ein, hoch und tief, rein und falsch, durchdringend wie Pfeifenton, jubelnd wie Trompetenfanfaren: »Zintmäten, Zintmäten!«
Wie Glühwürmchen funkelt es auf in den dunkeln Straßen, an den Häusern zieht es vorbei in bunten Reihen, über den Köpfen wogen und wirren schwanke Lichter in Weiß und Gelb, in Rot und Grün. Licht, Licht – ein Meer von schwankenden Lichtern! Ganze Kinderscharen haben sich zusammengefunden beim Klang einer Schelle; und wo sich Knaben und Mädchen begegnen, pusten sie sich in die Laternen, und die Buben singen grob:
»Zintmäte, Zintmäte. De Kälver hant lang Stäte, De Jonges sin Rabaue, De Weiter wolle mer haue.«
Und die Mädchen zirpen dagegen:
»De Weiter sin Rabaue, Die Jonges wolle mer haue, De Weiter trinke rode Wing, De Jonges schmeiße mer in der Rhing!«
»Zintmäte, Zintmäte!«
Josefine hielt ihren Kürbis krampfhaft hoch, ein paar große Jungen hatten es durchaus darauf abgesehen, ihr das Lichtchen zu löschen; sorgsam trug sie es vor sich her, wie etwas Heiliges bei der Prozession, schier andächtig die Blicke darauf geheftet.
Je näher dem Rhein, desto größer das Getriebe, desto lauter das ›Zintmäten‹.
An den Bürgerhäusern klingelt es, helle Kinderstimmen erheben den Bittgesang:
»Hier wohnt en reicher Mann, De ons wohl jett jäwe kann. Selig soll hä läwe, Selig soll hä stärwe, Dat Himmelreich erärwe!«
Bei dem ›Himmelreich‹ steigt die Melodie auf einen hohen Ton, freudig gejauchzt klingt es weit in den Abend. Und die Thüren thun sich auf, und Äpfel, Nüsse, Kastanien, Korinthenstuten und Puffertkuchen fallen in die aufgehaltenen Kittel und Schürzchen.
Um den alten Jan Willem am Markt dreht sich ein wirbelnder Gnomenreigen. Auf den Treppen des Rathauses und des Theaters halten Eltern ihre Kleinsten in die Höhe, und wo die winzige Kinderhand das Laternchen nicht schwenken kann, thut es die kräftige Faust des Vaters.
Zintmäten, Zintmäten! – Da ist keiner zu alt.
Josefine hatte viel Anfechtung, die großen Jungen von der Ratingerstraße waren ihr bis hierher gefolgt. Hilfesuchend sah sie sich um, aber die Brüder waren im Gedränge abhanden gekommen; nun setzte sie sich allein zur Wehr. Mit dem Rücken an das Gitter, das den Jan Willem vor’m Marktgetriebe schützt, gelehnt, reckte sie ihren Stock so hoch sie konnte.
Gleich neckenden Teufeln hüpften die Buben vor ihr herum:
»Zintmäte, Zintmäte! De Weiter lecke de Plate, De Jonges esse de Tate, De Jonges esse jebackene Fisch. De Weiter schmeiße mer unger der Disch –«
Der Allerdreisteste hüpfte in die Höhe und haschte nach dem Kürbis. Er pustete hinein – da – Josefine kreischte auf, ehe er das Lichtchen löschen konnte, fiel ihre Hand derb auf seine Backe: »Eklige Jung!«
»Frech Weit!«
»Freche Rabau!«
Josefines Augen funkelten, das Mützchen war ihr längst in den Nacken geglitten, die blonden Haare ringelten sich halbgelöst – jetzt stieß sie einen hellen Hilferuf aus, und ein andrer Ruf antwortete: »Fina!«
Hurra, das war Cäcilie! Sieben Uhr schlug’s dumpf vom Rathaus. Mit einem heftigen Anlauf ihre Bedränger zur Seite stoßend, stürmte Josefine durch, im Schwung warf sie sich der Freundin an den Hals.
»Mein Stern, mein Stern!« Ängstlich hielt Cäcilie ihren roten Papierstern in die Höhe, der einen rosigen Schimmer auf ihr zartes Gesichtchen unter der weißen Schwanenkapuze warf. »Viktor, o die frechen Jungens!«
»Unverschämte Bande,« sagte das junge Herrchen an ihrer Seite und zuckte die Achseln. Die Jungen ohne Hut, in Kittel und Holzklumpen, wagten keinen neuen Angriff, sondern zogen nur noch ein Weilchen johlend hinterdrein.
Also das war der Viktor, wirklich der Viktor?! Der kleine Soldat?! Josefine war enttäuscht: heut trug er keine Uniform. Aber groß war er geworden, und wie stramm er sich hielt! Fähnrich wurde er, hatte die Cilli gesagt; dann war er auch bald Offizier – o! Es war doch wieder etwas von der alten Bewunderung in dem Blick, mit dem sie ihn neugierig von der Seite betrachtete.
Er fühlte das und begann an der Oberlippe zu zupfen. Noch war da erst ein kaum sichtbarer Flaum, wie bei einem jungen Vogel, aber er zupfte doch. Komisch, daß es ihm eigentlich Spaß machte, mit den kleinen Mädchen zu gehen; was würden wohl die Kameraden dazu sagen? Na, natürlich: ›Viktor der Sieger‹ – so nannten sie ihn ja in seiner ganzen Kompagnie.
»O wie gut, daß du mitgegangen bist, daß wir nicht allein sind,« seufzte Cäcilie in einem wonnigen Grausen nach überstandener Gefahr.
»Sie sollen sich nur unterstehen,« sagte er und warf einen stolzen Blick zurück.
Josefine wunderte sich im stillen, daß der Viktor gar nichts von früher zu ihr sagte. Ob er nicht mehr wußte, daß sie vor Jahren so schön miteinander gespielt? Hatte er denn alles vergessen? Sie wußte es doch noch. Auch daß er sie ›Sie‹ nannte! Das war ja so fremd. Ein Fräulein war sie doch noch nicht – Gott sei Dank! Mit einem strahlenden Blick sah sie auf ihre freien Füße herunter. Die Cäcilie konnte den Rock immer nicht lang genug kriegen – no, so geck!
»Zintmäten, Zintmäten!« Sie machte einen kecken Hopser über den breiten Rinnstein, und dann fing sie an, mit ihrer lustigen Stimme zu singen:
»Zintmäte sein Vöjelche Met dat rote Köjelche –«
Viktor, der angehende Fähnrich, betrachtete sie sehr wohlgefällig von der Seite. Nett war die geworden – ganz famos! Soviel er sich erinnerte, war sie immer niedlich gewesen – aber so niedlich? Er fing an, Josefine zu necken: mit ihrem Düsseldorfisch, mit ihrem Kürbis. Frischweg ging sie darauf ein, nur als er ihr das Lichtchen ausblasen wollte, sagte sie drohend: »Mach!« und hob die Hand.
Er machte es nicht im geringsten besser, wie die Rabauen in den Holzklumpen; wie vorhin die, so umhuschte er sie jetzt, bald von rechts, bald von links. Das war ein Jagen über’s Trottoir, ein Schäkern und Lachen, ein ausgelassener Kampf um das Lichtchen. Zintmäten, Zintmäten – sie vergaßen ganz das ›Sie‹.
So schön war’s heut. Der Mond am Himmel schämte sich und versteckte sich vor all dem Glanz. Vom Rhein grüßte ein lindes Wehen und strich sanft kühlend über die glühenden Wangen, die erhitzten Stirnen.
»Zintmäten, Zintmäten!« Jauchzend sprang Josefine dahin, wie getragen von Windesflügeln, die roten Lippen zu schallendem Gesang geöffnet.
Und der Abend flog auch dahin – zu rasch.
»Nach Hause,« sagte Viktor plötzlich und faßte die Hände seiner Schutzbefohlenen. Es behagte ihm auf einmal nicht mehr, allerhand Pöbel füllte die Straßen, Rheinkadetten, Burschen und Mädchen aus den Fabriken; in langer Reihe, Arm in Arm, sperrten sie den Weg. Schon mischten sich andre Lieder in’s Martinsliedchen der Kinder. Hier und dort wurde recht wüst gegröhlt:
»Küt de Lehrer in de Scholl’, Setzt hä sich ob singe Stoll’ –«
und wo die Bürgerhäuser ihre Thüren nicht mehr öffneten bei’m ungeduldigen Pochen der Fäuste:
»Dat Huus, dat steht up eene Penn, De Jietzhalz, de wohnt metten drenn – Jietzhals, brich der Hals, Dat de morje stärwe kanns!« – – –
* * * * *
»Och, wie schad’,« seufzte Josefine, als ihr letztes niedergebranntes Lichtchen vor der Thür des ›Bunten Vogels‹ verlöschte. Drinnen roch es nach den leckeren Puffertkuchen der Großmutter, und doch zögerte sie noch: »Wie schad’!«
Viktor schlug die Hacken zusammen und verbeugte sich abschiednehmend; aber dann nahm er die kleine, warme Hand, die sich ihm entgegenstreckte und sagte: »Ich bleib’ ja noch vier Wochen hier!« Und dann mit einem bedeutsam festen Druck: »Bis morgen!«
* * * * *
Vier Wochen, lange vier Wochen, – waren sie wirklich schon vorbei?!
Viktor von Clermonts Urlaub neigte sich seinem Ende zu; das Weihnachtsfest würde er nicht mehr zu Hause verleben, nur noch den Nikolaustag. Der war heute.
Betrübt schlenderte er über die Kasernenstraße und zerbrach sich den Kopf: wie sollte er’s ermöglichen, =ihr= einen Weckmann zu schenken? Da war wohl keiner in ganz Düsseldorf, der heut, an Sankt Nikola, seiner Angebeteten nicht einen Weckmann verehrte.
In allen Konditor- und Bäckerläden prangten Weckmänner: große und kleine, von Kuchenteig und Weckteig, einfachere und leckerere; solche mit Schokoladenknöpfen und ohne Knöpfe, solche mit Mandeln und Zitronat gespickt, und Ungespickte. Aber alle mit Korinthenaugen und der Pfeife im Maul.
Sinnend blieb Viktor an einem Bäckerfenster stehen. Zweimal hatte er ihr was spendiert: das erste Mal eine Crêmeschnitte bei Konditor Geisler, das andre Mal freilich nur eine Düte gerösteter Kastanien bei’m ›Appel-Len‹. Zu einer ›Blase Leckers‹ hatte es nie gelangt, – ach, wenn das Taschengeld doch nicht so knapp wäre! Es reichte nicht immer zu den notwendigsten standesgemäßen Ausgaben. Und der Vater konnte beim besten Willen nicht mehr geben; wenn der jetzt auch Major war, er war doch auch immer knapp. Na, hoffentlich würde es anders werden, wenn man erst Seiner Majestät Leutnant war bei der Garde! Bald würde es wohl Krieg geben – Viktor hoffte stark – da wollte er sich nebst den Epauletten auch noch das eiserne Kreuz verdienen, auf der linken Brust zu tragen.
Zögernd klimperte er mit seinen letzten paar Groschen in der Hosentasche. Da im Fenster lag so ein ganz kleiner Weckmann, der würde gewiß nicht mehr kosten wie ein Kastemännchen![7] Wie würde sie sich darüber freuen! Morgen mußte er ja ohnehin fort, und dem Mädel blieb nichts wie diese Erinnerung.
[7] 2½ Silbergroschen.
›Ha, wie lecker,‹ würde sie sagen und lachend in den braunen Weckmann ihre weißen Zähne vergraben.
Und seine Hand würde sie fassen wie letzthin, als er mit ihr im Hofgarten promenierte und es anfing, schaurig dunkel zu werden unter den hohen Bäumen der Seufzerallee. Na, da mußte er sich eben das Taschenbürstchen oder den Nägelpolierer verkneifen!
Entschlossen betrat er den Laden. Nach wenigen Augenblicken kam er wieder heraus, den kleinen Weckmann, in ein gelbes Papier eingeschlagen, sorgfältig in der Hand. Und nun ging er die Straße, auf der der Kaserne gegenüberliegenden Seite, immer auf und ab.
Ob sie noch nicht kam? Sie hatte heute doch schulfreien Nachmittag. Ein Glück, daß Cäcilie verschnupft war und sich nicht hatte anschlängeln können! Er wollte mit Josefine an den Rhein gehen, da gab’s was zu sehen: Hochwasser. Die Brücke war heute nacht abgefahren worden, man hatte die Kanonenschüsse gehört, und am Morgen ging die Schreckenskunde: ein Joch sei abgetrieben und ein Brückenwärter darauf.
Wenn sie doch käme! Es war frostig heute; wenn’s auch nicht goß, wie seit ein paar Wochen ohne Unterlaß, es war doch feuchtkalt und die ganze Luft von Wasserdunst erfüllt.
Halt, knarrte jetzt nicht das Kasernenthor? So öffnete =sie’s= immer, ein wenig mühsam, sich stemmend gegen die schwere Wucht des Thürfügels.
Sie war’s! Schon lief sie über die Straße auf ihn zu; aber sie war nicht allein, ihr jüngstes Brüderchen führte sie an der Hand. »Tag, Viktor! Dat Karlchen will auch der Rhein kucken jehen. Und dann muß ich nach der Ratingerstraß’. Hau, der janze Keller is da voll Wasser!«
Wie lästig, daß sie das kleine Kind mitbrachte! Viktor fühlte sich gekränkt. Und dann wollte sie gleich nach der Ratingerstraße laufen, um das Wasser im Keller zu sehen – also =das= war ihr die Hauptsache am letzten Tag?! Beleidigt steckte er den Weckmann in seine Rocktasche – wenn sie so war, nun dann kriegte sie den auch nicht!
Sie merkte nichts von seiner Verstimmung, lustig schwatzte sie. Nun hatte sie schon alle Frühjahr, wenn das Eis trieb und der Schnee schmolz, das Grundwasser in die Keller steigen, sämtliche Gossen und Kanäle der Stadt übertreten und auf den Wiesen der andern Seite die Weidenbüsche wie vereinzelte Haarschöpfe herausstehen sehen; aber so früh im Winter war noch nie Hochwasser gewesen. Jetzt waren Straßen überschwemmt, und – jubelnd klatschte sie in die Hände – am Zollthor und in der Rheinstraße sollten sie mit Kähnen fahren.
»Lassen wer kucken jehn, lassen wer kucken jehn!« Rasch riß sie ihn mit fort.
Und Menschen, Menschen hasteten dem Rhein zu. Alles lief. Immer schlüpfriger wurde das Pflaster, beschmutzt von unzähligen, nassen Tappen. Selbst aus den Steinen schien schlammige Feuchtigkeit zu quellen; es roch nach Moder. An der Ecke der Marktstraße, wo sonst die Obstfrau sitzt, war die Gosse ein See; Krämer standen auf ihren niedrigen Ladenschwellen, filzbeschuht, mit blauer Schürze, und schauten, ihr Pfeifchen paffend, nach dem Wasser aus.
Und halt, nun – die Menge staute sich, Josefine stieß einen hellen Schrei aus –, nun geht’s nicht weiter, das Wasser, das Wasser! Es plätschert dem alten Jan Willem um die Füße.
Noch sind Bretter über Blöcke gelegt, schwankende Stege, die nur mit kühnem Balancieren zu überschreiten sind; aber dann breitet sich die Flut, die tiefe, stille, lautlose, dunkle Flut, die nichts mit dem schönen Grün des Rheins gemein hat. Die Rathaustreppen sind überspült, die Säulen des Theaters ragen wie Stümpfe aus dem Wasser; hinunter nach dem Zollthor fahren Kähne. Aus den Häusern der Zollstraße schauen vom Oberstock Weiber mit blassen Gesichtern; sie haben in der Nacht wenig Schlaf bekommen, da sie flüchten mußten, von unten nach oben, mit Kind und Wiege und Mann und Maus. Aber sie lachen. Und die Männer, denen aus den Kähnen Feuerung und Wasser und Brot und Kartoffeln an Stangen in Eimern zugereicht werden, lachen auch. Und die Rheinschürgen, die in ihren hohen Stiefeln und den geteerten Jacken geschäftig sind, lachen auch. Und die vorwitzigen Jungen, die, die Hosen aufgekrempelt, barfuß in’s Nasse plantschen, bis ihnen das Wasser plötzlich bis unter die Achseln steigt, lachen auch. Es klatscht und spritzt, es plätschert und sprüht – Neugierige werden bis auf’s Hemd naß, kein Mensch hat einen trocknen Fuß, aber alles lacht, lacht, lacht.
Josefine war außer sich vor Entzücken; auch Viktor vergaß seinen Mißmut und fühlte sich ganz als Beschützer. Hier zwei Hilflose, und er der Ritter und Retter. Sorgsam bot er dem Mädchen die Hand, an schwierigen Stellen nahm er Karlchen Huckeback.
Vom Rhein wehte es stark – ach, wer den jetzt nur ganz übersehen könnte! Vom Kohlenthor erhaschten sie endlich den Blick.
O, wie das floß und floß und sich dehnte, grau, grau, bis in’s Unendliche, ein weites, unabsehbares, ein in alle Ewigkeit flutendes Meer! Drüben die grünen Wiesen von Niederkassel bis gen Heerdt verschwunden, nur Pappelkronen ragen noch auf und die Dächer der Bauernhöfe. Kein Gras mehr, keine Büsche, kein weidendes Vieh; der Rhein hat sich breit gemacht und alles verschluckt. Hinauf nach Köln und hinunter nach Holland ist alles sein. Selbst der Himmel ist sein; er hält den umarmt im grauen Dunst. Wo sind Wolken, wo Wasser? Man weiß es nicht – alles eins im Duft, im schwimmenden Nebel. Grauend und brauend wogt es und wallt es, zieht und flieht, naht und drängt, weht und winkt – Schleier und Netze wirft der Rhein aus, die alles umstricken. –
Es war den beiden heiß, glühend heiß, als sie am ›Bunten Vogel‹ anlangten. An jedem Haar hing ihnen ein Tröpfchen; das waren Perlen vom Rhein, der hatte sie in den Armen gehalten und auf die Stirnen geküßt. Sie hatten angekämpft gegen den sausenden Wind, der ihre Kleider gelüftet und ihnen Lust in die Herzen geblasen. Ihre Augen strahlten. Im Hausflur holte Viktor rasch seinen Weckmann hervor und drückte ihn Josefine in die Hand.
Wie selbstverständlich trat er mit ihr in die Stube.
Draußen spülte das Wasser schon bis an die Schwelle des ›Bunten Vogels‹, aber innen saß sich’s gemütlich, doppelt warm. Die Großmutter holte in gastlicher Freude Kaffee und Blatz. Der Großvater grämelte: das sei ja gar kein richtiges Hochwasser. »Kein Wunder, auch de Rhein kömmt aus der Reih’. De find’t sich auch nit meh zurecht in Düsseldorf – all de neuen Straßen un de Plätz, de Eisenbahn, de Fabriken – Teufelswerk! Un wat se nit alles noch am planen sind! Ich les’ et als in der Zeitung: en einig Deutschland! Dumm’ Zeug! Wat jeht uns dat an? Dat de Börjer zufrieden es, dat es de Hauptsach –«
»Peter,« unterbrach ihn die alte Frau, »weißte noch dazumal, da lief et Wasser langs de janze Bolkerstraß’?«
Da vergaß der Alte sein Grämeln. »Eja, dat war noch Hochwasser, um vierundachtzig, als ich noch ene junge Kerl war! Da lief de Rhein über im Hornung, wie en Pott voll gärig Bier!«
»Un weißte noch,« fiel sie wieder ein, »wie de Rhein beim von Cornelius im ›Feigenbaum‹ de Trepp’ erauf stieg? Ich war noch e jung Weit, aber ich weiß et wie heut. Da mußt’ de sein klein Peterken durch’t Fenster im Nachen tragen, mitten in der Nacht. Ja, eja« – sie stieß einen behaglichen Seufzer aus – »de es nu auch als ene alte Mann, de Cornelius Pitter! Wat de Zeit verjeht!«
»Komm,« flüsterte Josefine und stieß unter dem Tisch an Viktors Knie, »lassen wir ens im Keller jehn! Da is en Bütt’, da können wir uns in fahren!«
Die beiden Alten, in ihre Vergangenheit vertieft, merkten es nicht, daß die beiden Jungen zur Stube hinausschlüpften.
Im Keller des ›Bunten Vogel‹ war alles auf Stellagen gerettet: die Flaschen und Krüge, die Fässer und die Kappestonne. Eine weiße Katze lauerte oben an der Treppe auf die Mäuse, die sich etwa in’s Trockene flüchten mochten.
Sorgsam zog Josefine die Kellerthür hinter sich zu. Nun waren sie ganz im Dunkeln. Eine feuchtwarme, schwere, moderdurchschwängerte Luft hüllte sie ein. Viktor verging der Atem, tastend griff er um sich.
»Bis still,« flüsterte Josefine. Und nun flammte es auf, sie hatte ein Streichhölzchen angerieben; ein Kerzenstümpfchen holte sie aus der Tasche und steckte es an.
Jetzt sahen sie: wenige glitschige Stufen hinunter, und da war schon das Wasser. Schwarz wie Tinte, regungslos stand’s unter dem Gewölbe. Eine große, ovale Waschbütte schaukelte wie ein Nachen am Treppenpfosten.
Hand in Hand blieben sie auf der untersten, schon bespülten Stufe stehen; Josefine hatte das Lichtstümpfchen niedergestellt, nun warf es flackernden Schein auf die fahle Kellerwand gegenüber und zeigte ihnen ihre Schatten wunderlich groß. Sonst schien alles versunken in der dunkel gähnenden, geheimnisvollen Höhle.
»Fahr’ mich,« hauchte sie bittend.
Und so fuhren sie in der Bütte; sie mit den Händen im schwarzen Wasser plätschernd, er ein paar aufgefischte Holzscheite als Ruder benutzend. Langsam paddelten sie umher. Sie sprachen kein Wort – alles still – auch von außen kein Laut. Da war eine versunkene Stadt, und sie beide schwammen allein miteinander, mutterseelenallein, auf einem weiten, weiten Meer.
Ein immerwährendes, glückliches Lächeln lag auf Josefines Gesicht.
»Fahr’ mich noch mehr, fahr’, fahr’!« Mit auf die Seite geneigtem Kopf sah sie den Jüngling selig an.
Viktor machte eine ungeschickte Bewegung – da – die Bütte drehte sich, schwankte, heftig puffte sie gegen die unterste Treppenstufe; das Lichtstümpfchen erlosch.
Josefine stieß einen leisen Schrei aus, der Nachen legte sich auf die Seite; aber schon hatte Viktor sie umfaßt. Mit kräftigem Arm hob er sie auf die Stufe.
»Fina,« flüsterte er, sie noch umschlungen haltend, »Finchen, morgen muß ich ja fort!«
»Och, wie schad’!«
»Wirst du mich auch nicht vergessen?«
»Ne, och ne!«
Da küßte er sie, und sie küßte ihn wieder. Ganz im Dunkeln. Er fühlte nicht, daß seine Füße im Wasser standen. Sie fühlte nicht, daß ihr halblanger Rock durchnäßt war; sie fühlte nur den heimlichen Schauer, der ihr leise, in mädchenhafter Scham, über den jungen Körper rann.
Zweites