Buch VII
Es rührte sich allerorten, als wollte es lenzen. Ein Gären steckte tief innen im Schoß aller Dinge, ein geheimnisvolles Sichregen, ein Pochen und Drängen. Was will das werden?!
Ein Wehen geht durch die Lande, leis noch, kaum fühlbar, aber ein Wehen so eigner Art, daß die einen begeistert rufen: »Frühling, Frühling!« und die andern erschreckt: »Sturm, Sturm!«
Frühling –?! Noch war es nicht an der Zeit. Schnee flockte noch vom Himmel und begrub die grünen Hoffnungen.
Es war das Jahr 1847.
Der weite Düsseldorfer Exerzierplatz lag noch einmal, nachdem die Februarsonne schon schmelzend geschienen, in tiefem Winter; am Kanalrand waren die vorwitzig knospenden Veilchen erfroren.
An dem Fensterchen der Feldwebelwohnung stand Josefine Rinke am Sonntag nachmittag und hauchte ihren warmen Atem gegen die bereifte Scheibe. Ihre Wangen waren heiß, ihre volle Brust hob und senkte sich rasch. Nun zeigte ein verstohlenes Lächeln ihre gesundweißen Zähne; ihr Blick wurde glänzend – was hatten die Offiziere auf dem Kasernenhof heut doch hinter ihr drein geflüstert? ›Schönes Mädchen‹ – ah, schönes Mädchen! War sie denn schön?! Sie schloß halb die Augen und legte den Kopf in den Nacken; mit einer unwillkürlichen Bewegung hob sie beide Arme und drückte sie an ihre Brust. Da innen klopfte es so stark, so voll. Das war ihr Herz. Poch, poch, wie ein Hammer. Und jeder Hammerschlag trieb ihr das Blut rascher durch die Adern.
»Nanu,« sagte der Vater vom Tisch her und schlug so kräftig auf seine Zeitung, daß die Tochter sich nach ihm umwendete. »Was wollen sie nu schon wieder? Immerzu stänkern!«
Der Feldwebel ärgerte sich stets, wenn er die Zeitung las. Mit ein paar Kameraden zusammen hielt er sich das Düsseldorfer Kreisblatt. Man erfuhr ja sonst gar nichts von der Welt, und das that doch jetzt not; es verlangte einen zu wissen, wo’s zuerst losgehen würde, ob in Frankreich oder Spanien, ob in Bayern oder Baden, in Nassau, Württemberg oder Hessen, ob in Portugal oder Dänemark und wie die Länder alle heißen. Überall war’s nicht recht geheuer.
»Was« – er regte sich ordentlich auf – »Verfassungsreform?! Was wollen die Schreier denn? Unser Herr und König regiert, wie seine Vorfahren regiert haben, und die haben Preußen groß gemacht. Bande! Verfassungsreform – was heißt das?!«
»Vater,« sagte Josefine, trat an den Tisch und guckte ihm über die Schulter in’s Zeitungsblatt, »kuckste, da steht et ja: ›Ausgleichung, Versöhnung zwischen Thron und Volk! Die Krone muß freiwillig eine wirkliche, den Zeitforderungen entsprechende Verfassung verleihen.‹ Die Krone, damit is der König jemeint, jelt, Vater! Aber dat andre versteh’ ich nit!«
»Na, das ist so, wenn – hm – als ob« – der Feldwebel kratzte sich hinter dem Ohr – »ä, hol’ sie alle der Teufel! ’reinquatschen wollen sie eben, wenn unser König was befiehlt. Er ist unser Herr, er allein hat zu kommandieren, und wir zu gehorchen – was, was sagst du?«
Josefine hatte etwas in sich hinein gemurmelt; nun kreuzte sie die Arme über der Brust und warf den Kopf in den Nacken. »Beim Metzger in der Bastionsstraß’ haben sie heut jesagt: dat Volk hätt’ auch sein’ Forderungen. Da haben se doch janz recht in, Vater, man will doch auch en Wort sagen dürfen.«
»Dumme Gans!« So heftig hatte sie der Vater fast noch nie angeschrieen. »Was verstehst du davon? Von morgen ab holst du’s Fleisch wo anders – nicht bei dem Kerl, verstanden?!« Mit gerunzelter Stirn vertiefte er sich wieder in die Zeitung.
Stumm war Josefine an’s Fenster zurückgetreten, aber sie konnte es nicht unterlassen, die Achseln zu zucken: Der Vater hörte eben nicht alles, was die Leute sagten – was die schimpften! – beim Bäcker, beim Metzger, auf dem Gemüsemarkt. Es müsse anders werden! Was anders werden müsse, sagten sie freilich nicht.
Auch der Großvater schimpfte. Der mochte gar nicht mehr ausgehen, saß immer auf der Ofenbank oder in seinem Lehnstuhl im Comptörchen und drehte die Daumen umeinander. Auch durch’s Fenster guckte er nicht, denn die Leute, mit denen er alt geworden, gingen nicht mehr vorüber, und die jungen interessierten ihn nicht.
Der arme Großvater! Tief atmend drückte Josefine die Hand auf’s Herz – nur nicht alt sein! Immer jung, immer frisch, sich freuen! Die Welt war ja so schön, und brachte mal ein Tag Verdruß, gleich machte es der andre doppelt gut. Wie die Offiziere sie angelächelt hatten! Sie war das gewohnt, aber es machte ihr doch jedesmal wieder Spaß. Und die Sergeanten, die Unteroffiziere und Gefreiten waren doch auch nette Leute! Manch einer unter ihnen fast ebenso schneidig, mit ebenso schlanker Taille, wie ein Herr Leutnant. Alle Soldaten waren nett. Nur keinen Bürger heiraten! Einer müßte es sein, mit roten Streifen längs der Hosennaht, mit blanken Knöpfen am Rock, mit einem gebräunten Soldatengesicht, dessen Stirn einzig da, wo der Helm geschützt, einen Streifen helleres Weiß zeigte.
Der Feldwebel wußte gar nicht, warum seine Tochter plötzlich zu ihm an den Tisch gesprungen kam, den Arm um seinen Hals schlang und die weiche Wange auf seinen Scheitel drückte.
»Na, na,« machte er unwirsch und rührte sich doch nicht; die weiche Wange that ihm wohl, wie ein warmer Strom floß es von ihr durch seinen Körper. Und in der Stube war’s kalt, man konnte im Februar nicht mehr stark heizen, so reichlich waren die drei Klafter geliefertes Holz nicht.
»Na,« sagte er noch einmal und lächelte, »was ’s denn los?«
Aber sie antwortete nur mit einem festeren Druck und einem leichten Lachen und hüpfte dann auf ihren früheren Platz zurück. Die Stirn gegen die Scheibe gelehnt, starrte sie hinaus auf den weißen Schnee des Exerzierplatzes. Es wollte schon dämmern, jenseits über’m Kanal versanken die schönen neuen Häuser der Königsallee allmählich hinter einem feinen Schleier.
So wie heute hatte Josefine, während die Mutter noch in der Kammer ihr Mittagsschläfchen hielt, in mancher Sonntagsdämmerstunde hier gestanden; wochentags hatte sie keine Zeit zum Träumen, da gab’s zu waschen und zu kochen, zu kehren und zu scheuern, den Brüdern die Kittel und Strümpfe zu flicken. Die Mutter schonte sich jetzt, da sie eine erwachsene Tochter hatte; es that ihr auch not, nach den vielen Wochenbetten. Und eine Kleinigkeit war’s auch gerade nicht, mit zwölf Thalern siebzehn Silbergroschen sechs Pfennigen monatlicher Löhnung, alle Zulagen eingerechnet, auszukommen; wenn auch die Großeltern heimlich wacker zusteckten und, war der Feldwebel nicht zu Hause, Mettwurst, Schinken, Blatz, Schmierchen, Kappes, Bier, alles mögliche Eß- und Trinkbare vom ›Bunten Vogel‹ her in die Küche wanderte, es blieb eine Kunst, so viele Mäuler zu stopfen.
Seit Fina mit vierzehn Jahren aus der Schule gekommen war, besuchte Frau Trina ihre alten Eltern tagtäglich. Der Feldwebel hatte nichts dagegen; wenn er auch selber nicht in den ›Bunten Vogel‹ ging, seine Frau hatte die Verpflichtung – ›ehre Vater und Mutter!‹ Freilich, daß sie stets den Umweg über die Maxpfarre oder die Lambertuskirche machte, auch bei so und so viel Bekannten in der Altestadt vorsprach, das wußte er nicht.
Auch die Kinder besuchten die Großeltern. Seitdem Josefine von den Ursulinerinnen fort, und seitdem gar der Wilhelm in der Lehre war, sah Rinke keinen Grund mehr, den Alten die Enkelkinder zu entziehen. Er war der Stärkere – was sollte er den schwachen Greisen zuwider sein? Hoffte er, sich doch auch dermaleinst an Josefines Kindern zu erlaben.
Der Feldwebel betrachtete seine Tochter oft mit demselben Blick, mit dem er die Neueingezogenen musterte. Er hatte ja auch über =sie= Bericht zu erstatten; wenn auch nicht bei dem Herrn Hauptmann, so doch bei dem Herrgott da oben. Gesund, wohlgemut und ehrlich, so stand die Siebzehnjährige vor des Vaters Augen. Das Herz pochte ihm vor Freuden, wenn er sie schaffen sah mit starken Armen. Oft schlich er heimlich hinter die Küchenthür und belauschte sie am Waschfaß. Hochgeschürzt stand sie, ihre Kleidertaille hatte sie ausgezogen und wusch in Hemdärmeln. Unermüdlich tauchten ihre runden Arme in die Lauge, die Seifenflocken spritzten ihr bis auf’s blonde Haar; und immer sang sie mit schallender Stimme, so voll, so lustig – kein Wunder, daß die ganze Kompagnie in sie verschossen war.
Wenn er nur erst den rechten Mann für sie wüßte! Mit scharfem Blick ließ der Feldwebel alle Revue passieren; da war nur einer, der ihm gut genug dünkte, der Conradi. Der stammte auch aus Preußen, wenn auch nicht aus der Mark; bei Königsberg war er zu Hause, ein Bauernsohn, dessen älterer Bruder den Hof geerbt, ihm aber ein hübsches Sümmchen ausgezahlt hatte. Und sparsam war der und nüchtern. Für sich selbst hatte der Feldwebel nie des Geldes geachtet, aber nun er an der Zukunft seiner Tochter baute, war ihm das doch ein angenehmer Gedanke. Zwölf Jahre diente der Conradi nun schon als Unteroffizier, ein wackerer Kerl, der sich nie etwas hatte zu schulden kommen lassen. Und groß war er, noch einen starken Kopf größer, wie die Josefine, und breit in den Hüften – das gab was für’s erste Garderegiment zu Fuß! Freilich, abgehen wollte jetzt der Conradi, schon bereitete er sich zum Gendarmerie-Examen vor; sechs Monate Urlaub wurden ihm demnächst bewilligt zur Probedienstleistung. Aber war die Gendarmerie denn nicht dem Militär nahe verwandt? So wollte sich Rinke nicht daran stoßen.
Daß er selber einmal abgehen könne, war ihm bisher nie in den Sinn gekommen; vor kurzem hatte ihn erst sein Hauptmann darauf gebracht.
»Ich begreife nicht, Rinke,« hatte der vertraulich gesagt, als sie zusammen auf dem Kasernenhof hin und her pendelten, »warum Sie sich noch im Kommiß schinden? Sie dienen doch wohl schon an die zwanzig Jahr’?«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann, fast vierundzwanzig!«
»Um Gottes willen!«
Der Feldwebel hatte sich bei diesem Ausruf seines Hauptmanns auf die Lippen gebissen – warum echauffierte sich der Hauptmann denn so? Vierundzwanzig – war das etwa zu lang? War er nun schon abständig, knackschälig, konnte er seiner Pflicht nicht mehr genügen?! Mit unsicherem Blick hatte er nach der vergoldeten, mit dem Namenszug des Königs verzierten Schnalle auf seiner Brust gesehn, die hatte er doch bekommen als Dienstauszeichnung.
Als erriete der Hauptmann seine Gedanken, sagte er: »Es sei ferne von mir, Ihre Dienste unterschätzen zu wollen, Rinke! Mir persönlich würde es höchst fatal sein, mich an einen andern Feldwebel gewöhnen zu müssen; aber ich meine, wenn man so lange im gleichen Trott gestrampelt hat wie Sie, möchte man auch einmal seinen eignen Gang gehen. Eine gute Civilversorgung ist Ihnen doch sicher: ein Plätzchen bei der Steuer, ein Zollaufseherposten oder dergleichen!«
Dem Feldwebel war’s trocken im Munde geworden, stumm hatte er den Kopf gesenkt.
»Also nicht Ihr Fall? Na, dann melden Sie sich doch mal bei der Lazarettverwaltung – Lazarettinspektor, gar nicht übel!«
Ja, das wäre schon eher etwas, da hörte man doch noch den rauhen Fall der Kommandos heraufschallen, das Klirren der Waffen, das Stampfen der Mannschaft – altgewohnte Klänge, einem in Fleisch und Blut übergegangen. Eine begehrte Versorgung und doch –! Der Feldwebel verstand sich selber nicht: da hatte er sich oft herausgesehnt aus dem täglichen Einerlei des Dienstes, er hatte gelechzt nach einem Sturmwind, der alle Riegel aufstößt, und jetzt, wo sich ihm vielleicht eine Thür aufthun wollte, konnte er nicht herausfinden. So nicht, so nicht! Wenn er heraustrat aus den Mauern der Kaserne, aus des Dienstes ewigem Einerlei, so mußte es zu einem andern Dienst sein, einem noch höheren, heiligeren: dem auf dem Feld der Ehre. Mochte ihm seine Frau nun auch in den Ohren liegen: ›dank doch ab, mach, dat du ’rauskömmst, meine Eltern sind alt, wir könnten dat Jeschäft übernehmen‹ – er hörte gar nicht, was sie schwatzte. Er wollte Soldat bleiben.
Und trotz dieses Entschlusses lag er oft Nächte lang und zergrübelte sich; einen Argwohn hatte die Frage des Hauptmanns in ihm erweckt, den Argwohn, nicht mehr zu genügen. Wenn er einmal mit seinem alten Hauptmann, dem Herrn Major von Clermont, darüber spräche?! Der war kein so Neugebackener, hatte, gleich ihm, lange gedient, der würde wissen, wie man’s halten soll: ob gehen, ob bleiben.
Rinke zog sich die zweite Garnitur an, zwängte die frischgewaschenen Wildlederhandschuhe über die Finger, stülpte den Helm erster Garnitur auf und wanderte nach der Bilkerstraße; der Major wohnte noch im selben Haus. Schon unten sagte der Bursche, der Herr Major seien unpäßlich. Er wurde aber doch vorgelassen.
Herr von Clermont saß in einem Lehnstuhl beim Ofen; das verfluchte Reißen hatte er sich, wie er stöhnend sagte, vom letzten Manöver aus den nassen Wiesen an der holländischen Grenze mitgebracht. Uff, er konnte auf kein Pferd! Das hatte man nun davon! Er war überhaupt auf den ganzen Krempel nicht gut zu sprechen. Als ihm der Feldwebel seine Zweifel wegen Abschiednehmens vortrug, nickte er zustimmend: »Ja, man avanciert nicht, es ist zum Rabiatwerden! Man ist eingerostet. Schlechte Zeiten für uns, schlechte Zeiten für alle!«
Rinke sah den Vorgesetzten mit großen Augen an: ein preußischer Major und unzufrieden?! Ganz verdutzt stand er. Ein neuer Geist, ein Geist, den er nicht verstand, wehte durch die Stube des Herrn Major.
Da öffnete sich die Thür, eine junge Dame in weißem Kleid, mit einem rosenfarbenen Band um die langen, dunklen Locken kam herein. »Papa,« sagte sie, nahm seine Hand und küßte sie, »wie geht es dir heut?«
Er strich ihr über die Locken: »Gleich, Cäcilie, gleich! Habe nur mit dem Rinke noch ein paar Worte zu reden.«
Die junge Dame sah flüchtig nach Rinke hin. »Rinke?« fragte sie lächelnd. »Feldwebel Rinke?«
»Zu Befehl, gnädiges Fräulein.«
»Was macht denn Ihre Tochter, die Josefine? Geht’s ihr gut?«
»Zu Befehl, gnädiges Fräulein, sehr gut!«
»So, das freut mich!«
Das war wahrhaftig nett von dem ›Fräulein Major‹, daß sie sich der Schulgefährtin noch erinnerte! Der Feldwebel fand es ganz begreiflich, daß man das Fräulein von Clermont die erste Schönheit der Stadt nannte – so was Vornehmes und doch so was Freundliches!
»Grüßen Sie Ihre Tochter von mir!« Sie neigte leicht den Kopf mit einer großen Anmut und schwebte wieder zur Thür.
Donnerwetter war die hübsch geworden! Aber seine Josefine war auch nicht zu verachten! Im Geist hielt der Feldwebel deren blonde Flechten neben jene dunklen Locken, die frischroten Backen neben das zartweiße Gesicht.
Der Major sprach in seine Betrachtungen hinein – das Herz mußte ihm übervoll sein, er vergaß ganz den Untergebenen –: »Ja, wenn ich die Tochter nicht hätte, keine Stunde bliebe ich mehr! Nichts los, gar nichts mehr los! Aber so viel weiß ich, sowie meine Tochter ’ne Partie gemacht hat, nehme ich den Abschied; so lange muß ich schon noch aushalten.« Er seufzte. »Na, und dann ziehen meine Frau und ich uns in irgend einen netten Winkel zurück, ich halte mir Hühner und okuliere Rosen. Mein Sohn muß schon alleine sehen, wie er fertig wird. Ich bin’s müde. Aber daß Sie, Rinke, nicht längst um eine Civilversorgung eingekommen sind, begreife ich nicht. Meiner besonderen Fürsprache sind Sie sicher!«
Also auch der redete ihm zu, zu gehen?! Nein, nein! Rinke konnte sich doch nicht entschließen, wie mit Klammern hielt es ihn am Dienst fest. Wenn’s nun Krieg wurde und er kam nicht mit?! So lange er aktiv war, konnten sie ihn nicht daheim lassen. Und er mußte mit, er mußte mit, solange er noch einen Fuß rühren konnte! – –
Frau Trina hatte kein Glück mit ihren Anbohrungen, fest wie Eisen blieb ihr Mann. Da gab sie die fruchtlosen Bemühungen auf; was sollte sie auch ihren Rinke und sich selber ärgern?! Vielleicht, daß der Wilhelm mal den ›Bunten Vogel‹ übernehmen konnte! Der Großvater war schon sehr alt, und allein würde die Großmutter nie und nimmer fertig werden. Das war doch etwas andres für den Wilhelm, als das ›Schneider lernen‹!
Gegen das Handwerk an sich hatte Frau Trina nichts einzuwenden, wohl aber, daß es gerade ein Militärschneider war, zu dem Rinke den Jungen in die Lehre gebracht. Wenn’s noch ein richtiger däftiger Bürgersleutschneider wäre!
Sonst ließ sich der Wilhelm ganz gut in der Lehre an; besonders hatte er es verstanden, sich der Meisterin angenehm zu machen. Er war eben kein solches Rauhbein, wie die meisten Düsseldorfer Rabauen; die sanfte Hand der Großmutter merkte man ihm noch immer an. Und daß er ein wenig versteckt war – versteckt konnte man eigentlich nicht sagen, ein bißchen ›für sich‹ – dafür machte Frau Trina ihren Mann verantwortlich, der hatte den Jungen eingeschüchtert.
Der junge Mensch zeigte nach wie vor eine große Abneigung gegen die Kaserne, darum ging die Feldwebelin öfters zu ihm hin – eine gesprächige Freundschaft verband sie mit seiner Meisterin – oder sie führte ihn auch Feierabends spazieren und kehrte mit ihm im ›Bunten Vogel‹ ein.
Aber alle Sonntag nachmittag mußte der Sohn in der Kaserne antreten – unwiderruflich – der Vater verlangte es.
Auch heute erwarteten sie ihn. Der Feldwebel hatte schon zum zweitenmal seine Zeitung von A bis Z durchstudiert, nun horchte er auf das Schlagen der Uhr. Konnte der Bursche denn nie pünktlich sein? Auf seiner Stirn zog sich die Falte zusammen.
Josefine schlüpfte aus dem Zimmer in die Küche, um von dort auf den Hof zu spähen. Sie kannte dies Gesicht des Vaters. Wo blieb der Wilhelm denn nur? Statt pünktlich zu kommen, war er eine Stunde später noch nicht da! Wie dumm! Nun war der Vater gleich von vornherein schlechter Stimmung.
Die Mutter lag noch in der Schlafkammer auf dem Bett mit gelöstem Mieder und aufgeknüpften Rockbändern in friedlichem, lang andauerndem Mittagsschlaf, ohne Ahnung, daß sich ein Ungewitter zusammenzog.
Endlich knarrte die Stiege. Gott sei Dank! Wie der Wind flog Josefine an die Treppe und zog den Bruder erst noch einen Augenblick in die Küche. Hier sah sie ihm besorgt in das blasse Gesicht: »Is dich jett?«
Ihre Nasenflügel hoben sich, sie beschnupperte seinen Rock: »Willem, wie riechste dann? Du has ja jeraucht!«
Rasch zog sie ihm den Rock herunter und schlenkerte ihn vom Küchenfenster aus in die scharfkalte Luft. »Dat der Vater et nur nit zu riechen kriegt, du – Jeses – Willem, wat siehste schlecht aus?!«
Der blasse, junge Mensch vermied ihren Blick; mit gesenkten Lidern stand er und nestelte an seinen Hemdärmeln, schaudernd in der frisch hereinwehenden Kühle. »Bis still,« sagte er dann, »schrei doch nit eso! Ich hab’ jeraucht – wat is da weiter bei?!«
»Aber du sollst doch nit!«
Er zuckte die Achseln. »Ich kann nix dafor, se lachen einem ja aus, wenn mer nit raucht. Der Jesell hat mich en Piep Toback jejeben, ein einzije, wahrhaftijens Jott! Aber da is et mich e so kotzjämmerlich nach jeworden – ba!« Er schüttelte sich noch in der Erinnerung und spuckte aus.
»Un jetrunken haste auch,« sagte Josefine vorwurfsvoll.
»Et war mich zu schlecht, da hat mich de Jroßmutter ’ne Bittre jejeben un de Jroßvater auch eine. Un in der Wirtsstub’ saß de Schnakenbergs Hendrich, un dem seine Schwiejervatter, un ich mußt’ mich bei se setzen, un se traktierten mich mit Bier – da würd’ et mich jleich wieder jut – och Jott, och Jott, Finken!« Er hielt sich den Leib.
»Josefine!« rief von drinnen des Vaters Stimme.
Wilhelm schreckte zusammen.
»Josefine! Ist der Bengel noch nicht da? Josefine!«
Man hörte im Zimmer das Rücken eines Stuhls und einen schweren Tritt.
»’schwind!« Josefine half dem Bruder in den Rock und drängte: »’schwind, mach dat de erein kömmst! Halt dich jerad’, Willem! ’schwind, ’schwind!«
»Na,« sagte der Vater, als sie in die Stube traten, und richtete seinen scharfen Blick auf sie. Einen bösen Blick, so erschien es wenigstens Wilhelm; er suchte sich hinter der Schwester zu verbergen.
»Du kommst spät! Warum?« Es klang wie ein Verhör.
»Er war erst noch in der Ratingerstraß’,« beeilte sich Josefine zu sagen. »Bei den Jroßeltern kömmt mer immer eso rasch nit fort!«
»So – hm!« brummte der Feldwebel. »Na,« – er streckte Wilhelm die Hand hin – »na, dann setz dich, Junge!«
Scheu ergriff der Sohn die Hand des Vaters; seine schlanken Finger verschwanden ganz in der sehnigen Faust. Das war ein eiserner Griff! Wilhelm unterdrückte ein Zusammenzucken.
»Pimpliger, pampliger Schlingel!« Mit einem halb gutmütigen, halb ärgerlichen Lachen gab der Feldwebel die schmächtige Hand frei. Würde der Junge denn nie Mark kriegen? Den nähmen sie nicht beim Militär! Es gab ihm einen Stich: ein Sohn von ihm nicht wenigstens seine paar Jahre dienen?! Verstimmt setzte er sich nieder, nahm wieder die Zeitung vor und sagte kein Wort mehr.
Auch Wilhelm wagte nicht zu sprechen; schlapp vornüber gebeugt, hing er auf einer Ecke seines Stuhls, mit trüben Augen in’s Licht blinzelnd. Josefine hatte die Talgkerze auf dem Messingleuchter angezündet; in dem fahlen Flackerlicht sah das Knabengesicht noch fahler aus, die Schatten unter den Augen erschienen noch tiefer. Wilhelm kämpfte mit dem Übelsein; aber als ihm die Schwester jetzt einen Kaffee und eine Kommißbrotschnitte, zur Feier des Sonntags mit Apfelkraut bestrichen, vorsetzte, wagte er nicht, dies auszuschlagen. Zögernd nahm er Schluck für Schluck. Der Kaffee würgte ihn förmlich im Halse, verzweifelt stierte er auf das Brot – wie sollte er das herunterkriegen? Schon der Gedanke an essen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; schwindlig wurde ihm auch, und gähnen mußte er, gähnen, als wäre er drei Nächte in kein Bett gekommen. Josefine blinkerte ihm warnend zu – ja, er wußte es auch, der Vater konnte das Gähnen für den Tod nicht ausstehen, aber was sollte er machen?! So sehr er auch die Lippen aufeinanderpreßte und die Luft durch die Nase zog, es zwang ihm gewaltsam den Mund auf, er mußte gähnen, gähnen aus den Tiefen seiner Seele.
Ein verwunderter Blick des Vaters traf ihn. »Hast wohl die ganze Nacht gewacht? Gearbeitet, he?«
Etwas undeutlich Gestottertes war die Antwort; eine glühende Röte stieg dem Jungen dabei in die bleichen Wangen.
Argwöhnisch betrachtete der Feldwebel ihn – was, trieb sich der Bengel etwa gar herum?! Haltung und Gesichtsfarbe gefielen ihm gar nicht. Immer finsterer wurde die Falte auf des Vaters Stirn. Er that, als ob er lese, stützte den Kopf in die Hand, aber von unten herauf betrachtete er unausgesetzt den Sohn. Dieser merkte das, und, unter’m Tisch die Hände zusammenpressend, mühte er sich gewaltsam, das krampfhafte Gähnen zu unterdrücken und sich ein möglichst harmloses Aussehen zu geben. Er versuchte sogar ein leises Pfeifen; der Vater untersagte ihm das sofort.
Wenn doch Josefine wenigstens drin geblieben wäre! Aber die war gegangen, die Mutter zu wecken, der Mond schien ja schon bleich. Und der Schnee leuchtete in gespenstischer Helle. Ein Schweigen lastete draußen auf dem Platz, ein Schweigen auch in der Stube, so drückend, daß des Jungen Herz pochte.
Gott sei Dank, endlich kam die Mutter! Mit Herzlichkeit begrüßte sie den Sohn. Josefine mußte ihr von Wilhelms Übelbefinden berichtet haben, denn sie fragte mehrmals in einem Atem: »Wie jeht et dich, wie is dich jetzt, is et dich jett besser?«
»Wickel ihn doch lieber in Watte,« sagte der Feldwebel plötzlich und stieß ein kurzes Lachen aus.
Aber Frau Trina ließ sich jetzt so leicht nicht mehr einschüchtern, war sie doch die Besitzende in der Ehe, guter Bürgersleute Kind. »Laß doch,« sagte sie. »Meine arme Jung’! De hat et auch schwer jenug. Morjens als eso früh eraus, de Baas,[8] de läßt sich de Stieweln von ihm wichsen, un sie, de Meisterin, all dat Wasser un Holz schleppen! Un dat Rennen der janze Tag – de Preußen machen ja en Wirtschaft um eine armselige Knopp! Un dann nit emal sechs Penning Trinkjeld!«
[8] Meister.
»Ist auch kein Unglück,« brummte der Feldwebel. »Geld – wozu braucht der Bengel Geld? Daß er’s verraucht –« er hob rasch den Kopf, ein voller Blick traf den Sohn, der unter diesem Blick zusammenknickte – »oder mit Frauenzimmern verposamentiert!«
»Rinke!« Frau Trina sprach es vorwurfsvoll und legte den Arm um die Schultern ihres Sohnes. »Ne, de thut doch so jett nit! Dat Jüngesken!«
»Na,« – eine unheilverkündende Röte stieg langsam dem Feldwebel in die Stirn – »der Jüngste, der Beste! Da sollte man doch hierzulande die Frauenzimmer nicht kennen! Machen sich hier immer so groß mit ihren rheinischen Mädels – haha! Die Weibsbilder, die halbnackt den Malern Modell stehn, die sind auch rheinische Mädels – nette Sorte – na, ich danke!«
»Et Fina is doch auch en rheinisch Mädchen,« platzte Frau Trina heraus; sie ärgerte sich mächtig über den geringschätzigen Ton ihres Mannes.
»Die Josefine – meine Tochter?! Du bist ja verrückt!«
»No, wat dann?« Jetzt fing Frau Trina an, hell zu lachen. »Et Fina is doch in Düsseldorf jeboren, un hie is doch de Rhein! Un et is so, wie die Mädches hie all sind, akkurat so, un nun soll et auf einmal kein rheinisch Mädche sein?!«
»Halts Maul!« Der Feldwebel schrie sie grob an, und dann faßte er den Jungen vorn an den Rockklappen, beroch ihn, schüttelte ihn hin und her und schob ihn mit einem unsanften Stoß der Mutter zu. »Da – wie stinkt der Bengel?! Nach Knaster und Kneipe! Ich will dich lehren, wo hast du dich ’rumgetrieben, he?«
Keine Antwort. Schreckensbleich starrte Wilhelm drein; in einem nervösen Zucken bewegten sich seine Lippen, aber keinen Laut brachte er heraus.
»Wo hast du dich ’rumgedreht, wie siehst du aus? Antwort! Wird’s bald?«
Josefine mengte sich ein. »Vater, wat is dann, sei doch nit bös!«
Er stieß sie von sich. »Kümmer dich um deine Sachen! – Wo hast du dich ’rumgetrieben, Bengel?!« Er stampfte auf. »Lüge nicht! Du weißt, vormachen lass’ ich mir nichts – na?!«
Der Knabe erstarrte förmlich unter des Vaters Blick.
»Vater,« rief Josefine, »er hat sich nit erumjetrieben! Willem, nu sag et doch, sei doch kein Bangbüx! Der Jesell hat ihm en –«
»Er hat ja jar nix jethan,« schrie die Mutter dazwischen, »de arme Jung’! Rinke, wat fällt dich ein?!«
»’raus! Frauenzimmer ’raus!« Mit unwiderstehlicher Gewalt schob Rinke die beiden Frauen in’s Nebenzimmer. Nun verriegelte er die Thür. Mit starken Schritten kam er dann zurück, direkt auf Wilhelm zu. Der war ganz in eine Ecke gewichen.
»So,« – unheimlich ruhig klang’s – »so, mein Sohn, nu sage mir mal, wo du dich ’rumgetrieben hast, ich möcht’ das gerne wissen.« Und dann aufbrausend: »Ich muß es wissen!«
»Ich hab’ – mich nit – erum–je–trieben!«
Ein Schlucken stieß den Knaben.
»Lüge nicht!«
»Ich lü–lüg’ – ja – nit!«
»Jawohl, du lügst!« Immer drohender wurde das Auge des Vaters, es blitzte unter den düsteren Brauen.
»Wahrhaftijens Jott –«
»Junge!« – Des Feldwebels Stimme verlor plötzlich an Rauheit, sie wurde fast bittend – »Junge, sag mir die Wahrheit, thu’s mir nicht an, daß du lügst!«
»Ich – hab’ mich nit – erumjetrieben! De Jesell jab mich ene Pfeif’ – et wurd’ mich so schlecht – de Jroßmutter jab mich ene Bittre, de Jroßvater auch – se jaben mich Bier – ich kann nix dafor – Vater, Vater!« Aufschreiend hielt er sich schützend beide Arme über den Kopf; der Feldwebel hatte die Hand gehoben.
Feig?! Ein verächtliches Zucken ging über des Feldwebels Gesicht, und dann kam ein Ausdruck von Scham. Feig – sein Sohn war feig! Wer feig ist, lügt auch.
»Ich glaube dir nicht,« sagte er hart. »Sieh mich an!« Und als Wilhelm den Blick nicht hob, noch einmal: »Ansehen!«
Die gesenkten Lider öffneten sich zwinkernd, das matte Auge des Sohnes versuchte, dem Blick des Vaters standzuhalten, aber es füllte sich jäh mit Thränen. Geblendet, verwirrt senkte es sich wieder zu Boden.
»Laß mich eraus,« stöhnte Wilhelm. Alles drehte sich mit ihm, eine peinvolle Übelkeit kam ihn an.
»Gleich kannst du gehen – aber vorerst – vorerst wer’ ich dich lehren – du Bengel – wie man’s Lügen austreibt!« In Schmerz und Empörung sah der Feldwebel um sich: da lag hinter’m Ofen der Stecken zum ausklopfen der Montur.
»Vater, Vater!«
»Schockschwerenot – willst du die Wahrheit sagen?!«
»Ich sag’ se ja – ich sag’ se ja!«
Draußen raschelte es vor der Thür, Mutter und Schwester horchten am Schlüsselloch.
»Jesses, Rinke!« Das war Frau Trinas Stimme. »Mach ens auf, Rinke!«
»Wirst du’s jetzt sagen?« Rinke streckte den Arm nach dem immer mehr und mehr Zurückweichenden aus. »Wo warst du?«
Wilhelm wimmerte: »Vater, Vater!«
»Vater, thu ihm doch nix! Vater, hör doch!« Josefine warf sich mit der ganzen Wucht ihrer jungen Kraft gegen die Thür und rüttelte am Schloß. »Mach ens auf, Vater!«
Er ließ sie rufen und klopfen. »Rumtreiber, Lügner!« stöhnte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen. Und dann machte er einen großen Schritt und langte den Stecken hinter dem Ofen vor und stand wieder vor dem ganz in eine Ecke Gedrückten.
»Komm ’raus!« Eine unbarmherzige Strenge lag um des Feldwebels Mund, nichts regte sich in seinem Gesicht. »Hose ’runter! Eins, zwei –«
Der junge Bursche starrte ihn an, als verstände er nicht. Seine Augen waren schreckhaft weit geöffnet, er wurde totenblaß, und dann schoß ihm auf einmal eine glühende Röte bis unter die Haarwurzeln.
»Hörst du nicht? Hose ’runter – eins – zwei – drei!«
»Laß mich!« Das war ein Schrei der Empörung. Beide Hände vorgestreckt, stierte der junge Mensch den Vater an. »Ich laß mich nit hauen – ich laß mich nit mehr hauen! Ich will mich nit mehr –«
»Du – du läßt dich nicht mehr hauen? Du willst nicht mehr?! Was?!« Schon hatte der starke Arm des Feldwebels den sich verzweifelt Sträubenden aus der Ecke gezerrt. Kein Widerstand half. Wie ein unmündiges Kind wurde der Sohn über’s Knie gezogen – Hose herunter – eins, zwei, drei – sausend fiel die Gerte nieder. Und wieder und wieder.
Weiter kein Laut hörbar. Auch die draußen Lauschenden waren verstummt.
»So,« sagte jetzt der Vater kurz und schleuderte die Gerte weg. »So. Nu kannst du gehen!«
Der Sohn richtete sich auf. Mit zitternden Händen seinen Anzug ordnend, stand er einen Augenblick, dann wankte er zur Thür. Als er den Riegel fortschob, warf er einen Blick in die Stube zurück, einen einzigen kurzen Blick, scheu und von unten herauf; aber neben der Furcht, und stärker als diese, glimmte noch etwas andres in seinen Augen.
»Adjüs!« sagte er heiser. Dann riß er die Thür auf.
An Mutter und Schwester vorbei stürzend, flüchtete er die Treppe hinunter. Vergebens riefen sie ihm nach.
Als die Frauen bestürzt in die Stube traten, saß der Feldwebel wieder vor seiner Zeitung, anscheinend ganz vertieft. Aber Josefine fand, der Vater hatte eine seltsam gramvolle Miene.
VIII
Schnee, Schnee, überall Schnee. An die Mauern war er angeweht worden und klebte in allen Ritzen; in den Fensterecken hatte er Polster aufgeschichtet, vor die Hausthüren hatte er sich gelagert, über die abschüssigen Dächer war er heruntergerutscht und hing nun drohend in den Rinnen.
Die Bäume der Königsallee, die schon dicke, zum aufplatzen geschwellte Knospen gezeigt, hatten alle Frühlingsträume vergessen; sie standen in Sterbehemden. Der weite Exerzierplatz war von einem Leichentuch überdeckt, kein Tritt schallte, kein Kommando ertönte.
Frau Trina seufzte fröstelnd, als sie am sonnenlosen Spätnachmittag beim Fenster saß. Auf ihrem Schoß lag eine alte Hose ihres Mannes – wie mit Pechdraht genäht! Das war eine mühselige Arbeit, den roten Vorstoß herauszutrennen; aber man konnte doch die Jungen nicht herumlaufen lassen wie gezeichnet. Immer wieder ließ sie die Hände sinken, zuletzt lehnte sie den Rücken an und schloß die Augen.
Aber sie nickte nicht ein, wie sonst wohl gern, eine bange Unruhe hatte sie heut zu keinem Schläfchen kommen lassen. Den ganzen Tag schon lag es ihr in den Gliedern, ein garstiger Rabe hatte heut morgen unter dem Fenster gekrächzt – was wohl der Wilhelm machen mochte? Der arme Junge, hatte der gestern einen Sonntag gehabt! Es würde wohl kein Unglück sein, wenn der sich mal ein kleines Pläsier gemacht hatte, statt den ganzen Sonntagnachmittag in der muffigen Kaserne zu sitzen! Prügel hatte er dafür bekommen – Prügel!
Ein wahrer Zorn erhob sich in Frau Trinas Seele: mußte denn gleich zugehauen werden? Und immer geschnauzt?! Ach, was war sie doch so dumm gewesen! Hätte sie lieber dazumal den Schnakenbergs Hendrich aus der Windmühl’ geheiratet, wie gut hätte sie’s jetzt! Ein Kanapee, und Hörtchens vor’m Fenster und keine Sorgen. Dem seine Frau ließ es sich wohl sein. Ach, und es war doch auch etwas ganz andres, in einer Straße zu wohnen – sie warf einen mißbilligenden Blick hinaus auf den Platz – mal Menschen zu sehen, nicht bloß Soldaten!
Seufzend stand sie auf und ging nebenan in die Schlafkammer. Da holte sie aus der Lade ihr Gebetbuch vor; wahrhaftig, ein Trost that ihr not!
Sie schlug es auf. Wie das paßte:
›Ich muß leiden und durch geduldige Ertragung der Leiden mich für den Himmel befähigen.‹
»Ach ja!« Sie sank in die Kniee vor der alten tannenen Lade und las, die Hände gefaltet, das Gebet an Maria um Geduld.
›Ich bedarf in meinen Leiden des Trostes zur Erleichterung, der Stärke zur geduldigen Ertragung derselben – beide suche ich bei dir, o schmerzvolle Mutter!‹
Schmerzvolle Mutter! Die Thränen, die schon lange lose gesessen, fingen Frau Trina an zu rinnen, sie dachte an ihren Wilhelm.
Aber sie las weiter:
›Du tröstest mich in den Bedrängnissen mit der lebendigen Hoffnung auf den herrlichen Lohn, der auf die Leiden dieser Zeit folgt.‹
Und eine große Erleichterung kam über sie. Sie las noch viele Gebete, auch solche, die nicht auf ihre jetzige Kümmernis paßten; aber alle verschafften ihr Ruhe. –
Draußen, jenseits des Flurs, trällerte Josefine in der Küche. Sie schrubbte die Dielen, daß Holzsplitterchen und schmutziges Wasser spritzten.
»Als de Jroßvatter die Jroßmutter nahm, Da war de Jroßvatter ’ne Bräutijam –«
sang sie mit schallender Stimme, gerade als die Mutter ihr Büchlein wieder in der Lade verschloß.
Frau Trina horchte auf – die war ja so lustig?! Nun ging sie auch nach der Küche.
»Mit dir, mit dir in’t Federbett, Mit dir, mit dir in’t Stroh –«
klang es übermütig weiter. Den Schrubber wie einen Tänzer vor sich haltend, drehte sich Josefine in der Küche; ihre Holzklumpen klappten, aber geschickt galoppierte sie auf dem feuchtglitschigen Boden.
»Dann sticht mich auch kein Federchen, Dann beißt mich auch kein Floh! Mit dir, mit dir –«
Schon fing sie wieder von vorne an, aber der ungeschlachte Tänzer kam ihr zwischen die Füße – er polterte hin – lachend flog das Mädchen auf die Mutter zu und faßte die um die Taille.
Und dann sangen Mutter und Tochter, beide sich umeinander wirbelnd, das alte Tanzlied und lachten dabei, daß sie weinten.
»Mit dir, mit dir in’t –«
»Pst!« Josefine legte plötzlich den Finger an die Lippen – der Vater kam die Treppe herauf!
Frau Trina errötete. Wenn ihr Mann sie jetzt gesehen hätte! Der würde schön schimpfen! Der Thür abgewandt, machte sie sich am Herd zu schaffen, um ihr erhitztes Gesicht zu verbergen.
Aber der Feldwebel schaute heute nicht wie sonst zuerst zur Tochter herein, er ging gleich in die Stube. Krachend flog die Thür hinter ihm zu.
»Och Jott, och Jott,« seufzte Frau Trina. All ihre Kümmernisse fielen ihr auf einmal wieder ein. –
Rinke hatte die vergangene Nacht schlecht zugebracht; seine Frau atmete schon seit Stunden tief und gleichmäßig, da saß er noch wach im Bett. Die Nacht war finster, schweres Gewölk hielt den Mond verdeckt, nur als ein, um weniges hellerer, Fleck hob sich das Kammerfenster aus der Schwärze. Graute der Morgen denn noch nicht?!
Es war ihm eine Erlösung gewesen, als der erste Frühschein über’m Platz dämmerte. Längst ehe die Reveille ertönte, stand er auf, schlich aus der Kammer und wanderte mit großen Schritten rastlos in der eiskalten Stube auf und ab, bis Josefine erschien und noch ganz verschlafen fragte, ob es denn schon so spät sei? Der Hornist lockte gerade.
Die Mehlsuppe schmeckte nicht, mit einem förmlichen Widerwillen hatte der Feldwebel den Napf von sich geschoben – der Junge, der Junge, der lag ihm auf dem Magen! War er nicht doch zu streng gegen den gewesen? Ah was, Strenge muß sein! Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es.
Feldwebel Rinke war heut unwirsch im Dienst gewesen, die Kerle wurden angeschnauzt; als er die zehntägige Löhnungsberechnung in’s Löhnungsbuch eintrug, verschrieb er sich. Beim Mittagessen wußte er nicht, was er aß; gleich danach ging er wieder fort, es litt ihn nicht in der Stube.
Als er mit dem Hauptmann auf dem Kasernenhof hin und her pendelte und den täglichen Rapport abstattete, hatte er sich auf sonderbaren Zerstreutheiten ertappt; seine Gedanken waren immer abgeschweift, hin zu dem schweren Thor, das auf die Straße führte, hin zur Kapuzinergasse, hin zum Haus, wo Wilhelms Meister wohnte. Er hatte sich geärgert, daß er das Denken an den Jungen nicht lassen konnte. –
Nun war der Dienst soweit zu Ende, nur das Rapportbuch brauchte er am Abend noch dem Bataillonsadjutanten zu überbringen. Er hätte sich ruhig hinsetzen können zu seiner Zeitung, aber sie hatte heut kein Interesse für ihn. Aus der Küche hörte er das unterdrückte Kichern Josefines und seiner Frau – warum lachten die nicht laut heraus? Warum war plötzlich das Singen verstummt, als er die Treppe heraufgekommen? War er denn so fürchterlich, daß alle ihn scheuten?!
Verdrießlich lief er auf und ab wie am Morgen, unruhig, mit knarrenden Stiefeln.
»Au weh,« sagte Frau Trina draußen, »er is noch schlechter Laun’!« Die Knaben, die lärmend nach Hause kamen, wurden rasch beschwichtigt; keiner traute sich in die Stube.
Der Feldwebel blieb allein. Und wie das Licht des Tages immer mehr und mehr erlosch, fing er an, sich einsam zu fühlen. Gähnend stand er am Fenster und trommelte einen Marsch auf die Scheibe. Vom Bataillonsadjutanten, der unten in der Kasernenstraße wohnte, war’s nicht weit zur Kapuzinergasse – ob er mal hinging und nach dem Jungen fragte? Er nahm seine Mütze vom Nagel und gürtete das Seitengewehr um.
Josefine, die den Vater fortgehen hörte, wollte ihm nacheilen, aber die Mutter hielt sie zurück: »Fina, bleib, du kriegst nur Brummes!«
Der Mond stand über’m Hof, ein rundes, bleiches Riesengesicht, als der Feldwebel aus der Thür trat. Die Straße war von Mondschein überzittert, die Lämpchen der Laternen glimmten dunkelrötlich gegen dies blauweiße Licht. Die Luft so klar; der über Tag geschmolzene Schnee glitzerte wie ein eisiger Spiegel. Wenig Menschen unterwegs, nur ein paar Dienstmädchen trippelten vorsichtig vor den Hausthüren und streuten Sand und Asche. Bei Kühling im ersten Stock, wo der Herr Bataillonsadjutant wohnte, waren die Fenster dunkel; Rinke guckte hinauf: der war noch nicht zu Hause – desto besser, so ging er auf dem Rückweg vor. Erst zur Kapuzinergasse!
Bei Meister Pickardt hatten die Gesellen bereits Feierabend gemacht, nur er selber saß noch auf dem Tisch unter der qualmenden Öllampe und stülpte einen Waffenrockkragen. »Eja, dat is en Leid mit de Jesellen,« klagte er, »heutzutag’ will keiner meh en Stund überarbeiten. Dat lernen se von Pariß, dat kömmt mit der neuen Mod’! Eja, en schlimme Zeit!«
»Thu dich nit so,« rief die Meisterin aus der offenen Küchenthür, »als ob du selber nit jenug schimpfen thätst, wenn de Offiziers e so pressieren: die verdammte Kuranzerei! Die Junges haben wohl recht: wenn mer sei janz Leben arbeit’, muß mer auch uf de Minut Feierabend machen. Hör uf, mach dich ens parat, wir wollen auch noch e bißche erausjehen!«
»Meister,« sagte der Feldwebel, »ist mein Junge da?«
»Ene.« Der Schneider packte schon die Arbeit zusammen.
»Wo ist er denn? Können Sie mir’s sagen?«
»Wer – de Willem? No, de is ja bei Ihnen!«
»Bei – mir?!«
Meister Pickardt hatte fertig zusammengepackt, nun hob er den Kopf: der Feldwebel hatte so etwas Eignes im Ton, etwas Ängstliches. Über die Brille weg sah er den an: »No, wat is dann?! Diese Morje früh kam de Jung mit sei’m Bündel un sagt, er thät’ sich krank fühlen, er wollt’ en paar Tag no Huus jehn.«
»Krank – nach Haus?! – Warum in drei Teufels Namen hat Er den Bengel laufen lassen?« Wütend brüllte der Feldwebel. »Hab’ ich Ihm nicht den Bengel in die Lehre gegeben?! Wie kommt Er dazu, ihn wegzulassen?«
»No, no!« Der Meister fing an, sich zu ärgern; seine Soldatenzeit lag längst hinter ihm, er brauchte sich doch nicht mehr von dem Preußen anschnauzen zu lassen.
»Warum hat Er mir nicht sofort Meldung gemacht?«
»Wat jeht mich dat an?! Wenn de Jung’ nit in der Lehr’ bleiben will, laß hän laufen. Heutzutag’ hält mer keinen meh.« Der Meister pfiff durch die Zähne. »Krank« – er kratzte sich – »freilich, dat sagen se immer, dat is so en Stücksken, eja! ›Adjüs,‹ sagt hä for mich un jab mich de Hand, ›adjüs so lang!‹«
Adjüs –! In des Vaters Ohren begann es zu sausen, und dazwischen hörte er eine heisere Stimme. An der Thür – auf der Schwelle hatte der Bengel gestanden: ›Adjüs!‹ – Durchgebrannt war der!
»Marijosef!« rief die Meisterin, die aus der Küche nähergekommen war, und bekreuzte sich, »wat schimpft Ihr! De arme junge Mensch, wat sah de schlecht aus! Wie en Leich’! ›Willem, wat is Ihnen?‹ sagt’ ich jestern abend. ›Nix,‹ sät hä, aber ich hört ein schlucksen, als hän de Trepp’ eruf jing nach Bett.«
»Er ist nicht nach Hause gekommen,« murmelte der Feldwebel und starrte vor sich hin. Das kam ihm alles so rasch, das stürzte über ihn her – der Junge fort! – Und die da, der Meister und seine Frau, die schienen noch seine Partei zu nehmen, heimlich Front zu machen gegen ihn, den Vater!
»Also de es nit no Huus jekommen?« sagte die Meisterin wieder. »O Jemmich! Wundern thut mich dat weiter nit. Dat war immer ’ne Anjang für em, nach der Kasern’ zu jehn. Wat hat Ihr dann mit em vorjehatt? Weiß Jott, wo de jetzt erumläuft, de arme Jung’! Un die Kält’ noch bei der Nacht!« Mit großem Behagen malte sie ein Umherirren bei Nacht und Schnee aus. »Letzte Winter haben se auch ’ne junge Mensch jefunden, de auf en Bank in der Hofjarten einjeschlafen war – erfroren!« Sie schlug die Hände über’m Kopf zusammen: »Wat wird Euer Frau sagen?! Lauft ’schwind nach der Polizei, dat se’m suchen!«
»Unsinn!« Der Feldwebel nahm sich zusammen, das geschwätzige Weib sollte ihm nicht seine Unruhe anmerken. »Wird sich schon wieder anfinden. Wird bei seiner Großmutter hocken!« Und wie sich selbst beruhigend, wiederholte er noch einmal: »Bei seiner Großmutter – ich wer’ ihn lehren! Morgen tritt er hier wieder an. ’n Abend!« Damit ging er.
Die Meisterin schimpfte hinter ihm drein: »De Preuß’! De hochmütige Kerl! Wat de wohl de arme Jung’ kuranzt hat! De Eisenfresser, de –«
»Bis still,« flüsterte ihr Mann und legte ihr rasch die Hand auf den Mund, »mach nit, dat ich Verdruß drum krieg’!«
»Ä wat, Verdruß oder nit, ich werd’ mich doch wejen dem Preuß nit scheniere! Wann et ihnen nit jefällt, laß se machen, dat se aus Düsseldorf erauskommen, wir sind se als lang leid!« –
Rinke eilte durch die Gassen. Gleich neckenden Fingern streckte der Mond seine Strahlen nach ihm aus; als langer, fliehender Schatten zeichnete sich seine dunkle Gestalt von den weißen Hauswänden ab. Er lief, daß ihm der Atem ausging und die zum Wirtshaus wandelnden friedlichen Bürger verwundert mit ihren langen Pfeifen nach ihm zeigten: »Wat hätt’ de?!« Warum lief der Preuße so? Sie brachten eine aufregende Frage mit an ihren Stammtisch.
Im ›Bunten Vogel‹ saßen die beiden Alten still beim Ofen, als der Feldwebel hereinstürmte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie seine hastigen Fragen begriffen – das Erstaunen, den Schwiegersohn bei sich zu sehen, hatte sie ganz übermannt – aber dann brachen der Großmutter fast die Kniee vor Schrecken: der Wilhelm vom Meister fort, nicht in der Kaserne, davongelaufen?! Nein, hier war er nicht! Mit zitternden Händen hakte sie ihren altmodischen Spenzer zu und knüpfte die Haubenbänder fester, sie wollte durchaus hinaus auf die Straße, den Wilhelm suchen. Wo war er hin? Ein angstvolles Zittern überlief sie, wenn sie an ihren armen Jungen dachte.
»Jesus Maria, dat Jüngesken!« Bitterlich weinend umschlang sie ihren Alten und barg das Gesicht an seiner Schulter.
Unwirsch, verstört enteilte der Feldwebel, diese Thränen jagten ihn fort, sie waren lauter Anklagen, brennende Anklagen – war er nicht doch zu streng gegen den Wilhelm gewesen?!
Die hochgegiebelten Häuser der Ratingerstraße reckten sich wie drohend vor seinen Blicken, von ihren Dächern flutete das Mondlicht und schoß blinkende Pfeile nach ihm. Er war wie in’s Herz getroffen. Stöhnend faßte er sich nach der Brust – ha, das Rapportbuch, gerade hatte er’s gefaßt! Und horch, acht schlug’s von der Rathausuhr, höchste Zeit, es abzuliefern! Der Herr Adjutant wartete wohl schon!
Er biß sich auf die Lippen – war’s so weit mit ihm gekommen, daß er der Pflicht vergaß?! Seine Gestalt richtete sich energisch, seine erregten Züge glätteten sich. Rasch, aber doch mit gemessen soldatischem Schritt, marschierte er zu Kühling zurück.
Der Bataillonsadjutant war, wie immer, angenehm berührt von der famosen Haltung des Mannes und verwickelte ihn in ein längeres Verhör über Gesundheitszustand und Urlaubsbewilligungen der Mannschaft.
Von der nahen Kaserne tutete der Zapfenstreich, als Rinke wieder auf der Straße stand. Es gellte ihm durchdringend in die Ohren:
›Zu Bett, zu Bett, ihr Lumpenhund’, Es schlägt die letzte Viertelstund’ – Zu Bett – zu Bett – zu Bett!‹
Der Hornist schloß mit einem verunglückten Trötrö. Der Feldwebel war an diesen Mißton gewöhnt, aber heut zuckte er zusammen. Sonst pflegte er um diese Zeit auch stets in der Kaserne zu sein, aber heut, was sollte er im Bett?! Er konnte ja doch nicht schlafen. Der Junge, der Junge! Suchend, mit Unruhe glitt sein Blick umher. Und dann – was sollte er der Mutter sagen?!
Ein paar verfrühte Fastnachtsgecken, die in spitzen Papiermützen zu einer Vor-Karnevalssitzung eilten, streiften an ihm vorbei. »Wat sühste schläch uhs!« gröhlte der eine und streckte ihm seine lange Nase von Papiermaché in’s Gesicht.
Erschrocken fuhr der Versunkene zusammen, unwillkürlich legte er die Hand an’s Seitengewehr. Mit lautem »Helau!« entsprangen die fröhlichen Gesellen. Er fluchte hinter ihnen drein – verdammte Zucht!
Jetzt war die Straße nächtlich still. Wie ausgeschnittene Silhouetten, scharf umrissen, hoben sich die Häuser in langer Reihe vom mondhellen Himmel. Und Sterne glitzerten und flimmerten, wie in einer bitter kalten Winternacht, und auf dem Pflaster blinkte es von lauter Diamanten.
Donnerwetter, wie kalt! Der Einsame rüttelte sich in einem Frostschauer; und dann machte er plötzlich Kehrt, war mit wenigen Sätzen um die Kasernenstraßenecke und eilte weit ausholenden Schrittes die Mittelallee zum Hofgarten hinauf. Zum Hofgarten!
Wie hatte doch das geschwätzige Weib gesagt? – ›Da haben sie ’nen jungen Menschen gefunden, auf ’ner Bank eingeschlafen – erfroren!‹ Unsinn! Der Junge saß irgendwo warm; der wußte ja Bescheid, der war kein fremd zugewanderter Handwerksbursche! Und doch mußte der Vater immerfort an diese Worte denken; sie peinigten ihn.
Der Atem ging ihm wie Rauch aus dem Mund; es war kalt, und doch stand ihm der Schweiß auf der Stirn, als er den Hofgarten erreichte. An dessen Rand, in der Nähe des Eiskellerberges, stöberte er noch ein paar Rheinkadetten mit ihren Frauenzimmern auf; am Napoleonsberg traf er schon keinen Menschen mehr.
Ganz allein stand er auf dem Hügel und starrte hinunter zum Rhein; ein eisiger Hauch stieg von dort empor. Die Wellen im Sicherheitshafen rührten sich nicht, sie glänzten wie starres Metall. Doch jetzt, ein Knirschen, ein Plätschern, ein Glucksen – horch, klang da nicht ein dumpfer Ruf?!
»Wilhelm! Wilhelm!«
Es preßte dem Vater einen Schrei aus; laut hallte der Angstruf weit über den Rhein.
Noch einmal: »Wilhelm, Wilhelm!«
Und dann lief er hinein, quer über die verlassenen Schießstände weg, hinein in den großen Park, der stumm und geheimnisvoll seine Waldbäume in’s kalte Mondlicht reckte.
Hier knackte noch der Schnee. Es war nicht geschüppt; der Suchende irrte bald vom Pfad, auf’s Geratewohl tappte er zwischen Stämmen und Gebüsch. Endlich erreichte er die einsamen, durch keinen Lampenschein mehr erhellten Häuser der Kaiserstraße. Im Nonnenklösterchen wimmerte ein Glöckchen, feindselig richtete sich sein Blick dorthin. Was, steckten da noch immer welche drin, waren die noch nicht ausgestorben? Er ballte die Faust – all das Leid kam von denen, von den Nonnen, von den Pfaffen, von den Römischen! Die hatten einen Graben gezogen zwischen ihm und seinem Weib, über den sich keine Brücke schlagen ließ. Die hatten ihm seine Kinder abwendig machen wollen. Viktoria! Bei der Josefine war’s ihnen nicht gelungen, die hatte er ihnen abgejagt – aber beim Wilhelm, beim Wilhelm! Der hatte immer bei den Großeltern gehockt, heimlich katholisch mochte der wohl sein. Mochten sie nun auch die Verantwortung für ihn tragen! Was ging ihn der Bengel noch an?!
Und doch rannte er weiter; er schrie nicht mehr, aber seine Augen suchten und suchten.
Hinter jeden Busch spähte er. Am Hofgartenhaus, um die Landskrone, in den Anlagen längs der Jägerhofstraße standen viele Bänke, er suchte sie alle ab – auf keiner einzigen Bank saß der Ausreißer!
Immer weiter suchte Rinke in steigender Hast; es trieb, es jagte ihn etwas, sein Herz schlug gegen die Rippen, so hart, daß er das Pochen durch die Stille zu hören vermeinte. Einzelne Statuen tauchten auf zwischen bereiften Büschen, er entsetzte sich jedesmal bei’m Anblick der bleichen Gestalten. Eine Maus schlüpfte durch’s dürre Laub, ein Nachtvogel schlug die Flügel; kaum Geräusche, und doch fing sein geschärftes Ohr sie auf – wo irrte sein Sohn?!
Der Mond ging allmählich nieder auf seiner Bahn; längst war es nicht mehr recht hell gewesen, nun wurde es dunkel. Der Vater machte sich nicht die Unmöglichkeit klar, jetzt, in der Nacht, in dem weiten Hofgarten den Knaben zu finden; der Gedanke, wie unwahrscheinlich es sei, daß dieser sich gerade hierher geflüchtet, kam ihm gar nicht – er suchte, suchte. Suchte mit angstbeflügelten Schritten, alle Sinne fieberhaft erregt.
»Halt, wer da?!«
Ein militärischer Ruf belebte plötzlich die einsame Finsternis, Gewehrläufe blinkten auf, harte Tritte hallten auf gefrorenem Boden. – »Wer da?!«
Ah –! Der Doppelposten vor dem Jägerhof!
Rinke stand, die Hand am leis klirrenden Seitengewehr: »Feldwebel Rinke, sechzehntes Infanterieregiment, neunte Kompagnie!«
Die Wachen sahen ihn; jetzt machten sie Kehrt und nahmen, Gewehr über, ihr unterbrochenes Hin- und Herwandeln wieder auf.
Ah, sehr gut, Kerle hatten nicht geschlafen!
Rinke war wieder ganz bei sich. Blödsinn, hier herumzulaufen bei nacht! Da war ja das Schloß; dunkel lag es auch schon, nur oben im breiten Mittelfenster des ersten Stockwerks war noch Licht. Man sah den Kristalllüster blitzen. Ihre Königlichen Hoheiten, der Prinz Friedrich und seine erlauchte Gemahlin, waren noch auf!
Unwillkürlich stand der Feldwebel stramm; wie ein großes, strahlendes Auge grüßte ihn das hell erleuchtete Fenster, wie Sterne funkelten die Kerzen des Schlosses durch die Nacht.
Ruhiger ging er fort. Gleich einer sanften Tröstung nahm er noch einen Lichtschimmer von da oben mit auf den Weg.
Treue, Tapferkeit und Gehorsam – diese drei – Pflichtgefühl und Ehre – aber die Ehre ist die größte unter ihnen!
Und war sein Wilhelm auch kein Soldat, als Soldatensohn mußte er wissen, was ›Ehre haben‹ heißt; er mußte es lernen. Nein – der Feldwebel schüttelte den Kopf – zu streng war er nicht gewesen!
Er hatte nur seine Pflicht erfüllt gegen sein Kind.
Nun hatte er Frieden mit sich selber gemacht, wie er wähnte. Er ging heim, sehr müde; ruhig zu schlafen gedachte er, aber jäh fuhr er auf nach kurzem, wildem Träumen, mit dem Schlafen war’s nichts. Er beneidete seiner Frau den friedlichen Schlummer. Die lag mit gefalteten Händen, ein behagliches Lächeln um den Mund.
Noch vor dem Reveilleblasen weckte er sie. Länger konnte er’s nicht mehr verschweigen, er mußte ihr Mitteilung machen von Wilhelms Verschwinden. Seine Stimme klang gepreßt, von neuem fühlte er sein Herz pochen in peinvoller Unruhe. Und sie, was würde sie erst sagen?!
Aber gelassener, als er gedacht, nahm sie es auf; nur daß sie aufstand und sich zum ausgehen anschickte. In den ›Bunten Vogel‹ wollte sie, da würde der Wilhelm schon sein.
Nein, nein, da war er ja nicht!
Aber sie blieb dabei: jetzt würde er schon da sein.
Frau Trina war ihrer Sache sicher; hatte sie nicht am gestrigen Nachmittag all ihre Sorgen und Kümmernisse im Gebet an die schmerzvolle Mutter niedergelegt und dann noch am Abend vor’m Einschlafen ihren Sohn den Schutzengeln empfohlen? Auch jetzt nahm sie sich noch die Zeit, bei der zur Frühmesse geöffneten Lambertuskirche vorzugehen und vor’m uralten Gnadenbild auf dem Pfarraltar den englischen Gruß zu flüstern.
Den Feldwebel litt es nicht zu Hause. Die qualvolle Ungewißheit ertrug er kaum mehr. Hatte die Käthe recht, war der Junge inzwischen bei den Großeltern angekommen? Und wenn er nun nicht da war, was dann?! Er fühlte, wie ihm das Blut vom Herzen wich.
Noch war kaum eine Stunde seit dem Fortgehen Frau Trinas verstrichen, so machte er sich auch auf. Über die morgendlich stillen Gassen eilte er, wie gestern durch die abendlich stillen. Hin zum ›Bunten Vogel‹, rasch, rasch! Und wenn der Junge nun nicht da war?! Verdammt, wie weit der Weg war!
Endlich klingelte er an, leise, fast zaghaft. Die Großmutter öffnete ihm. Ihre Haube war zerdrückt, ihr weißes Haar, noch nicht sauber geglättet, erschien weißer im Morgengrau. Ihr Gesicht so runzelig, so überwacht – und doch sah er auf den ersten Blick: der Junge war da! Gott sei Dank! Mit einem tiefen Aufatmen trat er ein.
Als wäre die alte Frau dem Schwiegersohn nie böse gewesen, so faßte sie jetzt seine Hand und leitete ihn zur Treppe, die dunkel und steil in’s Obergeschoß führte. Flüsternd berichtete sie: Mitternacht war’s gewesen, sie und ihr Peter hatten in aller Angst noch wach in der Wirtsstube gesessen, da hatte es leise an’s Fenster gepocht. Da hatte er draußen gestanden, furchtsam, totenblaß und ganz verfroren. Die Zähne hatten ihm geklappert; und verhungert war er gewesen, halb ohnmächtig vor Leere im Magen. Er hatte ja keinen Pfennig Geld gehabt, und zu jemand Bekanntem hatte er sich nicht hingetraut. Umhergeirrt war er, wie ein gescheuchtes Tier.
»De arme Jung’!« sagte die Großmutter mit einem gerührten Lächeln und wischte sich die Thränen aus den Augen. »Un dann hab’ ich hän in unser Bett jelegt, in sei’m kleine Kinderbettche kann de lange Mensch doch nit meh schlafen, un da« – ganz behutsam öffnete sie die Kammerthür – »da schläft hä noch!«
Den Atem anhaltend, trat der Feldwebel ein. Da war das alte Ehebett mit dem Kattunhimmel und der Muttergottes darüber; durch das ausgebaute Fensterchen schaute das fahle Morgenlicht und fiel gerade auf den Schläfer. Dieser hatte eine hohe Röte auf den Wangen und einen unruhigen, pfeifenden Atem. Seine eine Hand lag geballt an der Wange, die andre wurde von der Mutter gehalten.
Frau Trina saß am Bett mit glücklichem Gesicht; jetzt winkte sie lächelnd ihrem Mann zu – hatte sie nicht recht gehabt, hier war der Ausreißer?!
Hinter dem Kopfende döste der Großvater; er sah ganz verwittert aus, zum verlöschen müde, er und Frau Cordula hatten ja kein Bett gehabt. Hier hatten sie gesessen die ganze Nacht und den Schlaf des Enkels bewacht.
Auf den Zehen, sein Seitengewehr behutsam an sich drückend, schlich der Feldwebel näher. Hatte er doch Lärm gemacht?!
Der Schläfer rührte sich, seine Lippen murmelten Unverständliches; wie Angst huschte es über das hübsche Gesicht, die Brauen schoben sich zusammen, eine tiefe Falte bildete sich an der Nasenwurzel. Er riß seine Hand aus der der Mutter und tastete voller Unrast auf der Decke umher.
»Er is am träumen,« flüsterte die Großmutter.
»Bis still, mein Jüngesken,« liebkoste die Mutter und strich dem Unruhigen ein Locke aus der Stirn.
Der Junge schlug die Augen auf.
»Er is wach!« rief die Großmutter erfreut.
»Er is wach!« wiederholte die Mutter.
Auch der Großvater rappelte sich auf.
Aber keinen von diesen sah der Erwachende. Da, wo der Vater stand, dahin richtete sich stier sein Blick. Seine Augen wurden überweit – nur einen Moment, dann preßte er sie schaudernd zu. Mit einem unartikulierten Laut, die Decke ganz über den Kopf ziehend, kehrte er sich stracks ab gegen die Wand.
IX
Frühling war’s geworden, junger, schöner Frühling.
Singend that Josefine ihre Arbeit. Gestern hatten die beiden Jüngsten drüben am Kanalrand Veilchen gesammelt, ein volles Sträußchen davon trug sie an der Brust. Sie wünschte sich tausend Nasen, sie konnte gar nicht genug von dem Duft bekommen. Und Glocken läuteten den weißen Sonntag ein: morgen würden die Kommunion-Kinder in ihren schlohweißen Kleidern und Schleiern, weiße Kränze auf den Locken, weiße Sträußchen auf den in’s Taschentuch geschlagenen Gebetbüchern, wie weiße Blütenwolken über die Straßen ziehen.
Durch die geöffneten Fenster wehte eine linde Luft, wahrhaft verführerisch gaukelte sie vom Exerzierplatz herauf. Die Kastanien der Königsallee hatten lappige Blättchen aus den braunen Knospen gesteckt, bis hierherauf sah man den grünen Schimmer. Es roch nach Erde, nach Saft, nach verborgen treibendem Leben, nach Lenz, Lenz!
Josefine schaffte mit hochgeröteten Wangen – die Mutter war in der Beichte – sie war allein, ohne Hilfe, und noch waren die Fenster zu putzen; auch die frischgewaschenen Gardinchen sollten sich morgen im Sonntagswind blähen. Wie ein Junge schwang sie sich in’s Fenster und rieb mit nicht erlahmender Kraft die blasigen Scheiben blank. Das morsche Fensterbrett ächzte unter ihrem Gewicht. Wer von Soldaten unten über den Platz ging, guckte hinauf und bewunderte die drallen Waden und den blonden Zopf, der sich aus dem Nest gestohlen und der Emsigen lang über den Rücken hing.
Ein schönes Mädel!
Sergeant Conradi wußte das auch, er brauchte gar nicht erst durch die verstohlenen Blicke seiner Leute aufmerksam gemacht zu werden. Er ließ Wendungen üben.
»Rechts – um!«
Wenn sie doch nur heute im Schummern ein wenig herunter käme!
»Links – um!«
Dann wollte er ihr über den Hof nachsteigen und draußen auf der Straße eine Anrede riskieren!
»Ganzes Bataillon – Kehrt!«
Vielleicht spazierte sie ein bißchen mit ihm auf der Königsallee!
»Ganzes Bataillon – Front!«
Der Karlsplatz war auch nicht zu verachten, da schlugen sie die Buden auf für den Jahrmarkt, vielleicht, daß das Kölner Hänneschen schon spielte!
»Bataillon – Marsch!«
Er war ja ein Mann, der an’s heiraten dachte, sie konnte ruhig mit ihm in die dunkle Bude gehen!
»Links schließt – euch!«
Und einen Nähkasten wollte er ihr auf dem Jahrmarkt kaufen mit Nadeln und Zwirn, und ein Zuckerei, darauf mit bunten Farben geschrieben stand: ›Dein ist mein Herz!‹
»Bataillon – halt!«
So gut war er noch nie bei Stimme gewesen, das fühlte Conradi; weit hallte sein Ruf über den Platz, die Leute drehten sich wie die Puppen. Wenn =sie= doch nur auch Augen für ihn gehabt hätte! Aber nein – mit Betrübnis war er es schon oft inne geworden – einen jeden sah sie an, nur ihn nicht. Wenn sie über den Kasernenhof schwänzelte, ihr Körbchen am Arm, und die Leutnants das Augenglas einklemmten, lachte sie über das ganze Gesicht; er hätte vor Eifersucht platzen mögen. Und doch konnte man ihr nicht das geringste nachsagen. Mit einer gewissen Rührung dachte Conradi daran, wie fleißig sie arbeitete, morgens, mittags, abends, immer. Aus der Mannschaftsstube im Seitenflügel konnte er ihr Küchenfenster beobachten: sie wusch und kehrte und scheuerte und schälte Kartoffeln und rührte in den Töpfen. Und immer sang sie. Was sie für weiße, runde Arme hatte!
Er blinzelte hinauf und gab das Kommando mit schmetternder Stimme.
Aber Josefine beachtete ihn gar nicht, sie war ganz bei der Arbeit, und was ihr von Gedanken übrig blieb, war auf etwas andres gerichtet: heute feierte Cäcilie von Clermont ihre Hochzeit. Um sechs Uhr war die Trauung in der Kirche auf der Bolkerstraße. Wenn die Mutter bald nach Hause kam, konnte es noch geraten, daß sie hinlief und guckte – rasch, rasch, daß sie fertig wurde! Im ›Breidenbacher Hof‹ sollte das Hochzeitsmahl sein, im Blättchen hatte alles gestanden, haarklein. Man nannte das Fräulein von Clermont nicht umsonst die größte Schönheit der Stadt; nicht umsonst hatten die Maler sie auf so und so viel Bildern verewigt, nicht umsonst war die Frau Majorin mit der Tochter in der Mittagstunde die Alleestraße und am Nachmittag die Königsallee auf und ab promeniert – das allgemeine Interesse war rege.
Auf einem Bazar ›zum Besten der Notleidenden in Irland‹ hatte Fräulein von Clermont den reichen Freier kennen gelernt, den Sohn des großen Fabrikanten aus dem Wupperthal, den Herrn vom Werth, der von seinen Renten lebte, Weinberge an der Mosel und ein Schloß am Rhein besaß. Der junge Herr vom Werth war nach Düsseldorf gekommen, um die Bälle der Gesellschaft mitzumachen; er kutschierte selbst ein feines Gespann – Groom hintenauf – und gab kleine, feine Herrendiners. Er baute sich ein schönes Haus am Hofgarten.
Auf dem Bazar hatte er der reizenden Cilli alle Sträußchen, die sie feilbot, abgekauft; sie hatte die größte Einnahme des Tages erzielt. Und auf dem Wohlthätigkeitsfest, daß die Künstler gegeben, hatte er sich ihr erklärt. Kein Wunder! War doch die Tochter des Majors in dem lebenden Bild, das ›Die beiden Leonoren‹ des berühmten Karl Sohn verkörperte, die schönste Prinzessin von Este gewesen, die je eine Künstlerphantasie in verzückten Träumen geschaut.
Ach ja, diese Malerfeste! Josefine dachte mit einem leisen Seufzer daran. Sie hatte auch diesmal die spalten- und spaltenlangen Berichte über die lebenden Bilder im Täglichen Anzeiger gelesen – aber beinahe wäre sie diesmal selber einmal dazu gekommen! Als sie eines Tages auf dem Weg zu den Großeltern die kleine Schleife über den Burgplatz nicht scheute, um ein Blickchen auf die Hauptwache zu werfen, waren ihr von der Akademie her drei entgegengeschlendert, lustig, laut, Arm in Arm, Maler natürlich. Zwei blutjung; aber forsch alle drei. Sie hatten sie scharf angesehen, dann angelacht und dann angeredet. Ob sie Lust hätte, ›mitzuthun‹?
»Wat meinste, Andreas, wär’ dat nit jett für den Jordan? So en Heljoländer Fischerweib,« rief der eine von den jungen.
»Ne, Oswald,« – der ältere schüttelte den Kopf – »wat denkste! Dat hat ja jar nit dat Salzige für die Nordsee – viel zu lecker!« Und damit hatte er ihr die Wangen gestrichen. »Aber vielleicht en jut Seitenstück für dat schöne Cillchen. Wat meinst du dazu, Ludwig?«
»Um Gotteswillen,« hatte da der allerjüngste gerufen, »bleibt mir mit den großen Posen vom Leib – brrr – Genre, Genre!«
Sie hatten ihr noch viel Komplimente gemacht, und dann waren sie lachend davongestürmt: »_Addio bellissima!_« Eine Kußhand hatte der eine zurückgeworfen. Aber sie hatte sich doch geärgert, denn untergefaßt hatten sie sich alle drei und zu singen angefangen:
»Wie mich das Ding verdrießt, Daß ’s Mädel bucklig ist!«
Die ekligen Jungen, nur zum besten hatten die sie gehabt! Andre Bürgermädchen waren doch dabei gewesen; bei so was wurde kein Unterschied gemacht, wer hübsch, wurde eben begehrt, und wer garstig, konnte zu Haus bleiben!
Ob die Cäcilie von Clermont sie wiedererkannt hätte? Oder ob die stolz geworden war? Nein, nein, die hatte ihr ja auf der Schulbank Freundschaft geschworen; und daß die Freundschaft nicht stand gehalten, daran war niemand schuld – nein, auch nicht die eingebildete ›Vons‹, die ›Madam Habenix‹, wie die Mutter immer sagte. Es paßte nun einmal nicht mehr zusammen, eine Majors- und eine Feldwebelstochter. Ein Unterschied muß sein, hatte sie der Vater belehrt. Und so war sie immer ausgewichen, wenn es der Zufall wollte, daß die schlanke Gestalt der ehemaligen Freundin vor ihr auftauchte; nur mit einem stummen Nicken, wie eine Fremde, an der vorübergehen zu müssen, das wäre ihr doch zu schwer gefallen.
Aber heute wollte sie die Cilli gucken gehen, mußte sie die gucken gehen, die glückliche Braut! So bald Frau!
Schon heiraten – ach!
Josefine schoß das Blut zu Kopf, sie dachte daran, daß das ganz schön sein müßte, wenn man einen recht lieb hätte. Den Conradi?! Ach ne, den nicht! Daß der’s auf sie abgesehen hatte, merkte sie ganz genau, und ebenso, daß der Vater es begünstigte. Am Ostersonntag hatte dieser sie und die Mutter zum Konzert in Geislers Garten geführt – das spendierte er sonst nicht –, und mit Kaffee und Törtchen hatte er sie traktiert. Und als sie im besten Schmausen waren, fand sich der Conradi ein, mit frischgewaschenen Handschuhen, die Koppel eng gezogen; und der Vater hatte ihn aufgefordert, am Tisch Platz zu nehmen.
Es war noch etwas frostig gewesen, ein rechter Frühlingstag war’s noch nicht.
Ein ganz hübscher Mensch, ein bescheidener Mensch und gewiß auch ein guter Mensch! Er machte so treuherzige Augen, wenn er sie ansah. Aber es mußte einem doch wohl mehr pressieren, mit einem zusammen zu kommen. Sie war ja auch noch so jung. Jung? Die Cilla war nicht älter wie sie!
Wie der wohl heute zu Mut sein mochte?
Ach so – so –, daß man die Zähne zusammenbeißen muß, um nicht laut zu schreien vor Wonne, an sich halten muß, um den Liebsten nicht in den Arm zu nehmen – Kuß links, Kuß rechts, und dann einen mitten auf den Mund, fest, fest, heiß, aus aller Kraft, daß es fast schmerzt. Ach, solch einen Kuß hatte sie noch nie empfangen!
* * * * *
Als Frau Trina um halb sechs aus der Beichte kam, fand sie die Wohnung sonntäglich sauber und die Tochter ungeduldig ihrer wartend.
»Och, wat hetzt de dich dann wejen der Hochzeit so ab,« sagte sie, »dat Cilla hat sich ja auch nit meh um dich jekümmert!« Aber im Grunde wäre die Feldwebelin auch ganz gern noch einmal mitgegangen. –
Die Bolkerkirche war dicht umdrängt; auch wo die Leute nichts sehen konnten, standen sie. Allzuviele fanden ohnehin in dem engen Hofraum, in dem, versteckt, die Kirche zurücklag, nicht Platz. Die meisten hatten sich draußen vor dem Thor postiert – hier mußten die Kutschen halten. Ein langer Teppich war von da über die Steinfliesen des Durchgangs bis zur Kirchthür gelegt.
Es war Josefine geglückt, die Zuschauermauer zu durchbrechen, bis an die Kirchstufen hatte sie sich gedrängt; nun stand sie und harrte.
Eine gewisse Unruhe überkam sie, die Glocke schlug so unaufhörlich an. Sie hob die Augen – wie blau war der Himmel über dem alten Kirchdach! Und jetzt flirrte ein Schwarm Tauben auf mit sonnbeglänzten Flügeln; nur zwei blieben sitzen auf dem First der Küsterwohnung und gurrten und schnäbelten sich.
Der Küster stand im schwarzen Leibrock am Eingang.
Wie lang das dauerte! Ah, jetzt, draußen ein Rollen! Und jetzt kam das erste Paar vom Straßenthor her über den Läufer. Ein Herr im hohen Cylinder, mit Orden auf dem Frack; und die Dame, mit langgedrehten Schmachtlocken an den Schläfen, im ausgeschnittenen Seidenkleid, über die Spitzenberte einen pfirsichblütfarbenen Umhang mit Schwanen gelegt.
Und ähnliche Paare folgten, nur daß bei den Herren das Bunt der Uniformen mit dem Schwarz der Fräcke wechselte. Die sämtlichen Herren des Regiments waren eingeladen und der ganze niederrheinische Adel, der den Winter in Düsseldorf mitgemacht.
Das war ein Rauschen von starrer Seide, ein Blitzen von Familiendiamanten, eine lange Reihe von stattlichen Männern und blonden, blühenden Frauen.
Der alte Herr vom Werth, vornehm wie ein Fürst, dem man’s nicht ansah, daß er in seinen jungen Jahren selber das Weberschiffchen geworfen, führte die Frau des Kommandierenden. Hinter ihnen kam, als erster Brautführer, ein junger, schlanker Leutnant, der eine der Brautjungfern am Arm hatte. Sechs andre Fräulein mit ihren Kavalieren folgten, aber keiner der Herren, fand Josefine, war nur halb so nett wie der vorderste. O, der schöne, schlanke Offizier! Der gefiel ihr.
Die Glocken hallten und hallten. Und nun flog ein Raunen durch die zuschauende Menge, man reckte den Hals, man stellte sich auf die Zehen – da war die Braut! Josefine hätte beinahe laut aufgeschrieen: wie schön!
Am Arm ihres Vaters kam sie langsam geschritten; weißgekleidete, kleine Mädchen streuten Blumen vor ihr her, Knaben in Sammetkitteln trugen ihr die Schleppe. Spitzenschleier fielen vom Kranz herunter, eine lange Perlenschnur hing ihr um den Hals. Gerade, wie eine schlanke Tanne, hielt sich die stolze Gestalt, von ihrer wolkenlosen Stirn leuchtete das Glück; es ging ein Strahlen von ihr aus. Und hinter ihr kam der Bräutigam, am Arm die Schwiegermutter – auch ein schöner, heiterer Mann!
Das Düsseldorfer Volk, das sich drängte, hätte am liebsten laut zugejubelt: das waren einmal Kinder des Glücks!
Die Kirchthür schloß sich, die Glocken schwiegen. –
Josefine kam in großer Aufregung nach Hause, nicht genug konnte sie der Mutter erzählen; sie hatte auch noch die Braut wieder aus der Kirche kommen sehen, aber diesmal hatten sich die Zuschauer nicht zurückgehalten, Rufe der Bewunderung waren hörbar geworden, ein laut begrüßendes: »Ah!« Mädchen hatten sich herzugedrängt, von den Myrtenzweiglein aufzulesen, die sich von der Schleppe der Braut gelöst. Auf allen Gesichtern Freude an der Schönheit, Befriedigung über den Glanz.
Frau Trina beschloß, wenigstens am Abend noch mit der Tochter vor den ›Breidenbacher Hof‹ gucken zu gehen.
Der Feldwebel schüttelte zwar den Kopf über die Neugier seiner Weibsbilder, aber in diesem Falle hielt er sie nicht zurück. Er selber legte sich zeitig zu Bett – morgen gab’s noch viel zu thun für die Besichtigung. Das würde dem Major auch sauer ankommen, Montag in aller Frühe auf den Gaul! Na, bald hatte es ja für den ein Ende, der hatte seinen Abschied eingereicht. Nach Godesberg oder Mehlem oder Honnef wollte er ziehen, in eines dieser kleinen Nester am Rhein, und von da das Schloß des Herrn Schwiegersohn beaufsichtigen.
»Verdammt!« Der Feldwebel spuckte aus – nur nicht so einen Posten, so ein Schlenderleben! Ein Grausen kam ihn plötzlich an. Er stemmte die Beine unten gegen das Fußende des Bettes und reckte sich so in seiner ganzen sehnigen Länge. Er hatte noch Kräfte, noch Zeit, konnte noch lange im Dienst bleiben! Konnte noch lange des Königs Rock tragen – nein, niemand sollte ihm den herunterziehen! Hinter seinem Sarg sollte dermaleinst der Leutnant mit den dreißig Mann marschieren – vor’m Wagen her ein Kamerad seine Ehrenzeichen auf dem Kissen tragen – die Hoboisten sollten den Totenmarsch blasen, die Tambours gedämpft die Trommel schlagen, drei Salven über’s Grab dröhnen – – – Jesus, meine Zuversicht – – bis an’s Ende in des Königs Rock, in Ehren!
Glücklich lächelte er, der Gedanke war so schön. So wohl hatte er sich lange nicht gefühlt, sanft schlief er ein.
Währenddessen lauerten Mutter und Tochter vor’m ›Breidenbacher Hof‹ auf die Braut; sie hatten’s gehört, heut abend würde die noch abfahren auf die Hochzeitsreise. Sie hatten sich untergefaßt und trippelten ungeduldig hin und her. Verleugnen konnten sie einander nicht: das war derselbe weiche Gesichtsschnitt, dieselbe weißmollige Haut, dasselbe blondwellige Haar; nur daß die Mutter etwas aus der Façon geraten war.
Auch andre Neugierige hatten sich eingefunden: alte Weiber, junge Mädchen. Vor’m Hotelportal stand schon die Equipage, die das Hochzeitspaar zum Bahnhof bringen sollte. Es war ein dunkler, linder Abend, die Luft wie Sammet. Aus den Lindenbäumen der Alleestraße quoll ein zarter Duft auf nach jungem, sprossendem Grün; ab und zu sank leise ein Tropfen vom weichgrauen, von Sternen matt durchflinzelten Wolkenhimmel. Ein süßer Geruch verbreitete sich nach Primeln und Hyazinthen; eins der Mädchen hatte wohl ein Sträußchen vom Schatz bekommen und trug es an der Brust.
Das war so recht ein Abend zum flüstern, zum Wang’-an-Wange-lehnen, zum zärtlichen Ausschau-halten da droben nach dem blauen Stern der Liebe. Josefine war ganz still, aber ihr Herz pochte; sie lockerte sich das Tuch, das sie um die Brust geschlungen hatte, ihr war so voll, so heiß.
Oben im großen Saal hatte man die Fenster geöffnet, Gläserklirren und heitere Stimmen schallten heraus – jetzt wieder Musik – und jetzt kamen ein paar Gestalten die teppichbelegte Treppe herunter. Das waren sie!
Alles reckte die Hälse; aber dunkle Reisemäntel verhüllten den Staat, der Wagenschlag flog zu, die Pferde zogen an, fort waren die Neuvermählten. Nur ein Herr in Uniform, der das Paar geleitet, blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Hinter ihm strahlte die Ampel des Vestibüls und warf einen hellen Flimmer um seinen Kopf.
»Dat is de Bruder von der Braut,« sagte jemand hinter Josefine.
Was?! Der schöne, schlanke Offizier: Viktor?! Josefine lachte in sich hinein – wahrhaftig, das war der Viktor! Daß sie den nicht gleich erkannt hatte in dem ersten Brautführer heute vor der Kirche! Das war er ja, das war er ja! Wo hatte sie denn nur ihre Augen gehabt? Da stand er leibhaftig!
Erhitzt war er und vergnügt – jetzt trällerte er und drehte sich am Bärtchen – lieb sah er aus – auch ein bißchen hochmütig – riesig forsch! Ne, der Viktor!
Sie hätte in die Hände klatschen mögen vor Vergnügen, stellte sich auf die Zehen und reckte sich; es war ihr, als müßte sie ihn anrufen: Du, pst, Viktor! Ich bin hier!
X
Sergeant Conradi machte in diesem Frühjahr entschieden Fortschritte in Josefines Gunst. Er hatte sie auf den Karlstädter Markt führen und ihr etwas kaufen dürfen. Für einen Nähkasten und zwei Siamosenküchenschürzen hatte sie sich sehr erfreut bedankt, auch lachend in ein Zuckerei gebissen, aber ein vergoldetes Ringelchen mit einem blauen Stein wollte sie durchaus nicht annehmen. Er mußte es, etwas betreten, in der Brusttasche seiner Uniform bergen.
In’s Kölner Hänneschen hatte er sie auch geführt und sich schmählich dabei gelangweilt, denn er verstand das Hänneschen mit seiner Pritsche und Fistelstimme nicht; den Witz ebensowenig wie den Dialekt. Das einzige Vergnügen war für ihn, Josefine zu beobachten; sie lachte, daß ihr die dicken Thränen über die Backen kollerten. Karussell war er auch mit ihr gefahren, und immer hatte er noch die zwei jüngsten Brüder mitgeschleppt, die sich an die Schwester hingen wie Kletten.
Von dem Mann mit der ›Morithat‹ hatte er die Jungen gar nicht fortbringen können, obgleich er sich selbst nicht behaglich fühlte, zwischen der Menge eingekeilt. Allerlei Burschen – rechte Lotterbuben – mit roten Halstuchzipfeln, die Mützen schief auf dem Ohr, die Ellbogen herausgestreckt, standen breitbeinig umher.
»Lustige Rabauen,« sagte Josefine.
Conradi wußte es besser, sein militärisch geschultes Ohr hatte allerlei Bemerkungen aufgefangen:
»Wat will de Preuß hie?«
»Haal dei Muhl, de Kähl hat en Zäbel.«
»En Zäbel? Ene, en Kiesmetz!«[9]
[9] Käsemesser.
»Helau, en Kiesmetz!« Ein unterdrücktes Gelächter flog durch die Menge. Conradi fühlte es, diese staute sich gegen ihn, öffnete nur widerwillig eine Gasse, um ihn herauszulassen. –
Es war gegen Pfingsten, als der Sergeant Befehl erhielt, in Elberfeld zur Probedienstleistung bei der Gendarmerie anzutreten. Der Abschied wurde ihm sauer. War auch Elberfeld nicht aus der Welt, so würde es doch schwierig werden, des Sonntags nach Düsseldorf herüberzufahren: es rauchen viel Fabrikschornsteine im bergischen Land, und der Sonnabend, der Auszahlungstag, und der folgende Sonntag noch, erforderten strammen Dienst.
So schlich der Schüchterne denn umher und suchte die Nähe des Mädchens, das er liebte. Mit dem Feldwebel hatte er gesprochen, der hatte nichts dawider; aber wenn =sie= ihm nur treu blieb! Da hatte er Bedenken. Wenigstens wollte er bestimmt wissen, woran er war. Das Ringelchen, das sie damals, neckisch lachend, verschmäht, trug er noch immer bei sich und paßte auf die Gelegenheit. In seinen Mußestunden hatte er schön kalligraphisch auf ein goldgerändertes Blättchen Papier hingemalt:
›Mädchen, wenn ich einmal sterbe Und der Tod mein Auge bricht, So pflanz’ du auf meinem Grabe Eine Blum’: =Vergißmeinnicht=!‹
Viele Male hatte er das abgeschrieben; immer waren ihm die Buchstaben nicht zierlich genug, die Schnörkel nicht mächtig genug erschienen. Dies Gedicht wollte er ihr mit dem Ringelchen geben.
Am letzten Abend erwischte er sie. Unten auf dem Hof war’s, im Dunkeln. Sie stand am Brunnen und ließ Wasser in einen Krug laufen. Der Zapfenstreich hatte eben ausgetutet, einzelne Kerle wutschten noch geschwind hinein in ihre Blocks, letzter müder Lichtschein glomm in den Mannschaftsstuben. Die Ahornbäume auf dem Hof rauschten sacht, und der Pumpenschwengel quietschte leis. Am Himmel blinzelten die Sterne.
Da schob er sich zu ihr heran. »Finchen – liebes Finchen – morgen muß ich weg!« Seine Stimme klang betrübt.
»Dat ’s schad’ – ja, dat weiß ich!«
»Es fällt mir sehr schwer!«
»Och eja, dat jlaub’ ich wohl!«
»Sehr schwer, von – Ihnen zu scheiden!«
»Was jefällig?« Sie hatte nicht recht verstanden, was er sagte, er flüsterte immer leiser.
Nun tuschelte er es ihr in’s Ohr: »Von Ihnen zu scheiden!«
»Och, wat Sie nit sagen! Hihihi!« Sie kicherte gedämpft.
»St–, Finchen, st–!« Zärtlich faßte er ihre Hand; das Ringelchen hatte er schon in der seinen verborgen gehalten, nun versuchte er, ihr es an den Finger zu schieben. »Und da möcht’ ich – ich bitte Sie – wenn ich so weit weg bin« – nun hatte er den Reif glücklich auf ihrem Finger – »damals wollten Sie nich, dann tragen Sie’s jetzt, zur Erinnerung – teures Finchen – zum Gedenken an mich! Und sowie ich ’ne gute Stellung kriege, dann –«
Jetzt lachte sie verlegen auf und machte sich von seiner Hand frei.
Das Herz schlug ihm – wenn sie davon lief? Er fürchtete es schon, aber sie blieb stehen. Gerade über dem Baum, der den Brunnen beschattete, blinkte ein Stern, durch’s Gezweig warf er schimmerndes Licht auf das liebe Gesicht. Der Verliebte konnte das jetzt deutlich sehen, und ein eifersüchtiger Schmerz durchfuhr ihn – wenn das andren lächelte?!
»Darf ich Sie als meine Braut betrachten?« sagte er hastig und griff wieder nach ihrer Hand.
Sie ließ die ihm wohl, auch daß er einen Kuß auf ihre Wange drückte, litt sie, aber sie küßte nicht wieder. Er hätte sie gern umhalst, aber da war kein Ankommen.
»Oho, noch lang nit,« neckte sie und wich geschickt seinen Armen aus.
»Finchen, ’nen Kuß! Einen einzigen Kuß,« bettelte er.
»Ich mag Sie wohl jern leiden, Herr Sergeant,« sagte sie plötzlich ganz ernsthaft, »aber – aber –!« Und nun reichte sie ihm ihre Hand und schüttelte die seine herzhaft: »Adjüs! Lassen Se sich ’t immer jut jehen! Ich – ich will an Sie denken – oft denken – ich –« mehr sagte sie nicht, aber sie sah ihn treuherzig an. Und dann drehte sie sich um – gerade noch, daß er ihr sein goldgerändertes Papierchen zustecken konnte – und flüchtete, ihren Krug im Stich lassend, dem Hause zu.
Etwas verdutzt stand er – war sie nun seine Braut?! Aber dann faßte er sich: sie hatte ja seinen Ring und sein Gedicht. Und leise pfeifend schritt er von dannen, zärtliche Hoffnungen im Herzen. –
Sergeant Conradi war abgereist; Josefine hatte ihrer Mutter das Gedicht gezeigt, ehe sie es in den neuen Nähkasten verschloß. ›Mädchen, wenn ich einmal sterbe‹ – ach, das war doch sehr zum lachen! Auch das Ringelchen legte sie dazu, in Seidenpapier gewickelt, und vergaß dann bald, wo sie es hingethan.
Sie war sehr vergnügt; die Tage gingen hin, einer wie der andre, aber gerade darum schnell wie ein Traum. Der Vater war jetzt meist guter Laune, er war verjüngt, als sei ihm eine Hoffnung aufgeblüht: es sah kriegerisch aus. In Frankreich ging es toll her. Diesmal war es keine Täuschung, nein, diesmal gab es Krieg! Und mit den Franzosen ging es zuerst los.
Der Feldwebel saß, was er sonst höchst selten gethan, jetzt öfter mit den Kameraden zusammen. Der Kaserne gegenüber, an der Ecke der Bastionstraße, hielt ein Invalide eine Kneipe; da hatten sie ihr Standquartier aufgeschlagen, saßen in der gänzlich verräucherten Stube um den runden Tisch, tranken ihr dünnes Bier, disputierten gleich heftig wie die zankenden, französischen Parteien und amüsierten sich höhnend über den König, den Louis Philipp, der in dem allgemeinen Wirrwarr in Frankreich herumtrieb, wie ein Schiff ohne Steuer.
Krieg, Krieg war die allgemeine Losung.
Frau Trina glaubte nicht daran, sie ließ sich jetzt nicht mehr bange machen. Ihr Interesse gehörte dem ›Bunten Vogel‹, da schaffte der Wilhelm jetzt wirklich Wunder. Merkwürdig, was der Junge ein Geschick für die Wirtschaft zeigte! Die blühte ordentlich auf; in die verödete Wirtsstube war Leben gekommen.
»Kuckste, Rinke,« sagte Frau Trina oft triumphierend, »kuckste, wie jut et is, dat wir de Jung nit wieder beim Pickardt jethan haben! Für ene Schneider is de ja auch viel zu schad’!«
Rinke hatte anfangs nichts vom wirtschaften im ›Bunten Vogel‹ wissen wollen, der Junge sollte durchaus wieder in die Lehre. Die Großeltern hatten sich hinter den Doktor stecken müssen, und dieser konstatierte denn, daß dem jungen Menschen von der schweren Erkältung, die er sich beim umherirren in der Schneenacht geholt, eine Schwäche auf der Brust zurückgeblieben sei, und verordnete: keine sitzende Lebensweise, keine allzu anstrengende Arbeit!
Der Wilhelm schwach auf der Brust! Wie einen Vorwurf hatte es der Vater empfunden. Er hatte nicht mehr das Herz, drein zu reden – ja, ja, der Junge sollte den Großeltern in der Wirtschaft helfen! Wenn er sich wenigstens da bewährte!
Frau Trina fand sich oft im ›Bunten Vogel‹ ein, um den Sohn zu sehen; der kam Sonntags nicht mehr in die Kaserne, der Feldwebel hatte es nicht verlangt. Die Mutter hatte ihre Freude daran, wie geschäftig ihr Wilhelm umherlief, die große Küferschürze stand ihm gut; die Bürgersleute riefen ihn an ihren Tisch, auch die Rheinschiffer, die Hafenarbeiter und Verlader vom Kohlenthor tranken ihm zu.
Nach und nach zogen sich auch junge Maler von der nahen Akademie nach dem ›Bunten Vogel‹. Tische und Wände und Thüren waren bald mit ihren Studien bedeckt; da prangten erstaunliche Malereien und Zeichnungen mit Kohle. Gut, daß die gemütliche Polizei ein Auge zudrückte!
Über ihrem Bett und im Komptörchen hatten die Großeltern schon ein paar schöne Porträts von ihrem Wilhelm hängen: das eine Mal war er als Ganymed gemalt, das andere Mal in der Lederschürze mit dem Küferhammer. Zwei junge Maler hatten so die rückständige Zeche gezahlt und noch für eine Weile das Recht auf Freibier erworben.
Das war oft ein Gelächter, ein Spaßmachen im ›Bunten Vogel‹, den biederen Bürgern wackelte der Bauch. Die Jungen hielten Reden, und die Alten horchten darauf. Oft sprang einer auf den Tisch, die Wangen gerötet, die Augen blitzend, wild schüttelte er die Mähne, in freiem Schwung floß ihm die Rede. »Allotria,« sagten die Bürger kopfschüttelnd, aber sie freuten sich doch darüber. Ja, anders mußte es werden, das fanden sie auch!
Es wurde viel geredet, viel gesungen, viel geschrieen – Einheit! Freiheit! – und: »Gleichheit!« brüllten die Rheinkadetten und knallten die schwieligen Fäuste auf den Tisch. – – –
Der Sommer war da mit seinem heißen Sonnenbrand und den schwülen Nächten.
Die Ernte war gut, aber doch saßen die Bauern verdrossen auf dem Gemüsemarkt. Die von Stoffeln und Flehe, von Bilk und Derendorf, von Himmelgeist und Flingern, von Niederkassel und Heerdt, selbst die fetten Hammer klagten: es würde doch alles teuer sein, die kleinen Leute und der Bauersmann würden nichts von den Segnungen des Zollvereins spüren, die genoß nur der Reiche. Und wenn man in der Zeitung las, dann war’s wo anders noch viel schlimmer, als am gesegneten Rhein. Wie bewucherte man zum Beispiel die schlesischen Weber! Und in Frankreich machten die Arbeiter Aufstände. Über die holländische Grenze kamen die Brotlosen aus Flandern und klopften an die Fabriken im bergischen Land; aber die hatten selber kaum regen Betrieb genug, Arbeiter wurden entlassen. Wie sollte das erst im Winter werden?!
Die Düsseldorfer Bürger, die so behäbig in ihren sauberen Häusern wohnten, fragten sich das auch wohl einmal; aber Sorgen machten sie sich nicht weiter darum, es war ja so pläsierlich im schönen Sommer am schönen Rhein. Landpartien wurden arrangiert, man benutzte die Eisenbahn zu Vergnügungsfahrten; der St. Sebastianschützenverein veranstaltete sonntägliche Preisschießen mit Tanz, Gesangvereine zogen nach dem Grafenberg, lagerten sich dort im Wald und stimmten an aus voller Kehle:
›Lebe, liebe, trinke, schwärme Und bekränze dich mit mir.‹
Rege Geister unter der Künstlerschaft planten die Gründung des ›Malkasten‹, eines Sammelpunktes für jene, die, müde des alten Zopfs, einer jungen, freieren Kunst stürmisch entgegenjauchzten. –
Schon mischten sich unter das tiefgrüne Laub der Hofgartenbäume gelbe Blätter, die Morgen waren bereits duftig, die Abende verklärt von träumerisch verhüllten Sonnenuntergängen, aber die Mittage waren noch strahlend, vollerglüht, brennender denn je. »Dat jiebt ene jute Wein oben am Rhein,« sagten die Kenner und schnalzten mit der Zunge, »de kocht!«
Auch die Nächte waren schwül voll verhangener Glut; die Milchstraße schlängelte sich wie ein helles Band, Sternschnuppen fielen.
›Was soll ich mir wünschen?‹ dachte Josefine, wenn sie an dem Fensterchen ihrer Kammer neben der Küche lehnte. Sie konnte jetzt oft nicht schlafen, in der beklommenen Nacht wallte ihr das Blut. Tiefatmend beugte sie sich hinaus und sah über den Hof; der lag so still, ganz im Schlaf. Kein Fußtritt, kein wandelnder Schatten. Aber in den Ahornbäumen rührte es sich und wisperte und zitterte mit den Blättern in heimlicher, beständiger Unruhe. Auch ihr Herz klopfte. Sollte sie wünschen, daß der Conradi mal von Elberfeld zu Besuch käme?
»Och ene!« Sie sagte es ganz laut, und dann erschrak sie über den eignen Ton. Den Kopf in den Nacken legend, sah sie starr hinauf zum nächtlichen Himmel – was wünschen, was doch?! Ihre Nasenflügel zitterten, ein feuchter Glanz stieg in ihr Auge, wie eine heiße Welle übergoß sie’s.
Ha – da fiel eine Sternschnuppe! Blitzschnell schoß ihr blinkender Schweif durch die Nacht – nun lag sie unten im dunklen Ahorn. Wieder nichts gewünscht! Josefine hätte weinen mögen.
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin –‹
Ach ja, das schöne Lied! Das hatte sie neulich gehört, als sie, vom baden kommend, am Rhein entlang gegangen war. Ein neues Lied! Sie hatte es noch nicht gekannt, aber ihr Ohr hatte es gleich aufgefangen, aufgenommen, wie einen lieben, längst vertrauten Ton. Es sang sich von selber.
›Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn.‹
Der Sänger war ein Schiffer gewesen, ›Sankt Goar‹ stand am Stern seines Schleppkahns. Schwarz war der Bursche wie ein Teufel – er hatte Kohlen geladen – aber seine Zähne blitzten desto weißer, und seine Augen blitzten auch. Am Bugspriet saß er, ließ die Beine über Bord hängen und sang sein Lied, unbekümmert, mit schmetternder Kraft, als wäre er allein auf der Welt.
Weit, weit über die spiegelnden Wasser war es hingeflogen, auf glatter Bahn. An der Brücke mußte man es hören können, am alten Schloß, in den Giebelhäusern bis hinauf unter die roten Dächer, jenseits zwischen den Weiden, auf den grünen Wiesen, und weit, weit bis dahinten am Horizont, wo die Sonne, rotgolden, umhängt von Duftschleiern, in Rhein und Himmel versank.
Lange hatte Josefine gelauscht, der Sänger schien nimmer zu ermüden.
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein –‹
Das hatte sie mit nach Haus gebracht. Ach, wenn sie’s doch nur noch weiter könnte! Der Mutter hatte sie es vorgesungen, und die lernte es auch rasch, eben weil’s ihr gefiel; und die Brüder lernten es auch, sie sangen es um die Wette. Und die Soldaten unten auf dem Hof summten nach, was die Feldwebelstochter oben schmetterte.
Josefine seufzte und lehnte den Kopf an’s Fensterkreuz – ach ja, drei Wochen stand der Leutnant von Clermont nun schon bei des Vaters Kompagnie! Mitte August war er hergekommen. Der Vater hatte eine rechte Freude darüber gehabt und war beflissen gewesen, dem Sohn seines alten Hauptmanns zur Hand zu gehen. Bald im Anfang war’s, da hatte er in die Küche gerufen: »Josefine, koch’ Kaffee, ’nen guten, der Leutnant is ganz alle von der Felddienstübung!«
Der Bursche, der den Kaffee für seinen Herrn hatte holen sollen, kam und kam nicht, so war sie rasch selber gegangen und hatte die Tasse gebracht – nur das Endchen dunklen Gang, vorbei an den Kleiderkammern, ein paar verstaubte Stufen hinunter, ein paar hinauf, wieder ein Gang, und dann gleich die erste Thür war die der Offiziersstube!
Genäht hatte sie ihm auch schon was. Er trug unter seiner Uniform schöne, feinleinene, gesteifte Wäsche, da bügelte ihm die Wäscherin immer die Knöpfchen ab oder zerriß die Bändel. Er hatte ja niemand, der für ihn sorgte, seine Eltern wohnten nicht mehr in der Stadt, und auch die vom Werths waren auf ihrem Schloß am Siebengebirge, und – du lieber Gott, da war ja auch weiter gar nix bei, sie hatten doch schon als Kinder miteinander gespielt!
Das war aber doch merkwürdig, daß er sie sogleich wiedererkannt hatte! Auf dem Kasernenhof hatte er sie nicht angesprochen, nur gegrüßt, aber gleich den ersten Tag, oben auf dem Gang, hatte er ihr die Hand geschüttelt und eine ganze Weile bei ihr gestanden.
Sie hatte gewagt, ihm zu sagen, daß sie ihn im Frühjahr bei der Hochzeit seiner Schwester gesehen, vor der Kirche, und abends am ›Breidenbacher Hof‹.
Warum sie denn nicht ›Pst‹ gemacht hätte?
»Ich hab’ ja – ne, ich wollt’ ja,« verbesserte sie sich, rot werdend.
Da hatte er sie so strahlend angelacht, daß sie die Augen niederschlagen mußte.
Ein schöner Mensch – der Vater sagte es auch – kein andrer kam dem gleich! Und ein lieber Mensch! – – –
Das Mädchen am Fenster schauerte in der einsamen Nacht. Ach, daß sie doch schlafen könnte, wie die andern alle!
Ah, da fiel wieder eine Sternschnuppe! Mitten in den Hof sank sie.
Josefine beugte sich spähend hinaus, als wolle sie ihr Glück suchen. Drüben im linken Seitenflügel, gar nicht fern – da – da – da flinzelte noch ein Licht in der Offiziersstube! Auch ein Stern.
Der Atem der Nacht strich ihr über das heiße Gesicht – wachte der Leutnant auch noch?
Der Ahorn unter dem Fenster rührte beständig die Blätter, wisperte und raunte und zitterte, unausgesetzt, voll heimlicher Unruhe. Als ob er auf etwas wartete – auf was denn?!
XI
Viktor von Clermont war gar nicht entzückt über sein Kommando nach Düsseldorf, obgleich der Major es als eine besondere Artigkeit vermerkte, daß man den Sohn zum alten Regiment des Vaters versetzt, und so wieder in seine Nähe.
Traurig genug, daß es mit der Garde nichts geworden war – dazu fehlten die Gelder –, aber beim Regiment in Neu-Ruppin war’s doch auch ganz nett gewesen: Berlin so nah, man konnte des Sonntags immer und in der Woche abends öfter hinüberflitzen, unter den Linden flanieren und, als seiner Majestät Leutnant, gegen bedeutende Ermäßigung die Balletts im Königlichen Opernhaus genießen.
Jedoch hier, in dem kleinen Provinznest, was sollte man hier anfangen?! Das Theater am Markt war die reine Bude, man sah es ihm schon von außen an, daß innen nichts los war. Ein ruppiger Schusterjunge in Berlin hatte mehr Witz, als die ganzen Düsseldorfer zusammen aufbringen konnten. Es war nirgends etwas los, der Hofgarten zum sterben langweilig, die ziemlich breiten Straßen und Alleen förmlich ausgestorben.
Ach, so ein Abend unter den Linden und auf der Friedrichstraße! Nur das war Leben! Da brannten die Laternen hell, man schwamm mit in der Menge, die auf und nieder wogte, man betrachtete die Schaufenster, man ging zu Kranzler hinein, um ein Schälchen Eis oder eine Limonade zu schlürfen und die Hofequipagen vorübersausen zu sehen.
Und wie estimiert der Berliner seinen ersten Stand! Kam man zu Josty oder zum ›schweren Wagner‹, gleich stürzte der Kellner herbei, nahm den Mantel ab und fragte nach den Befehlen; er bediente so geschmeidig, als hätte man mindestens Sekt und Austern beordert. Hier zu Lande mußte man erst dreimal rufen, hier galt nur der Protz!
Viktor begriff nicht, wie sein Vater es so lange hier hatte aushalten können. Freilich, der mußte eben, der Knüppel lag beim Hund. Um Gottes willen, nur nicht hier sitzen bleiben! Man versumpfte ja ganz!
Der junge Offizier beschloß, sich fleißig vorzubereiten, und sich dann schleunigst zur wissenschaftlichen Prüfung auf Kriegsakademie zu melden. Dann mußte man doch hier wegkommen.
Mißmutig lag der Leutnant auf dem eingesessenen, zu kurzen Sofa der Offiziersstube. Alle Tage das Trampeln der Mannschaft, das stereotype Pfeifen, und wenn alles schwieg, das Wispern der Ahornbäume. Ein Tag wie der andre. Er gähnte und reckte die Arme über den Kopf. O, die Langeweile! Wenn jetzt nicht bald ein Krieg kam, dann war’s zum totschießen!
Er richtete sich halb auf und sah verzweifelt um sich. Den Fettfleck hier über dem Sofa an der Wand hatte wohl sein unglücklicher Vorgänger zurückgelassen; gleich ihm mochte der oft dagesessen haben, das Haupt angelehnt, in’s öde Nichts stierend. Und hier die Kopflehne wies auch solchen Fleck auf, und dort, wo die Füße ruhten, war der Überzug zerscheuert und das Heu der sogenannten Polsterung schimmerte durch. Elendes Dasein!
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin –‹
Horch, da sang wieder die Josefine! Die hübsche Josefine!
Viktor lächelte und schloß lauschend die Augen halb. Die war wahrhaftig der einzige Lichtpunkt hier! Wie sie sang! Hell wie ’ne Lerche, und doch hatte sie auch Töne, tief und warm.
Von der reinen Herbstluft getragen, veredelt, geklärt, schwebten die Klänge des Liedes zu ihm herein.
Nettes Mädel, liebes Mädel! Wahrhaftig, er mußte ihr doch mal eine Freude machen, sie erwies ihm so oft allerlei Gefälligkeiten. Der Alte war ein Rauhbein, die Mutter eine Null, aber die Tochter – alle Achtung! Was sollte er ihr wohl schenken: ein Band, einen Kamm, eine Brosche, Konfekt, Blumen, einen Almanach?!
Den seidengehäkelten Geldbeutel mit Stahlperlen, ein Geschenk seiner Schwester Cäcilie, herausziehend, zählte er nach. O weh, zwar erst gestern Gage bekommen, aber da waren die fünf Thaler für die Kleiderkasse, die Tischgelder, die andern Abzüge – was blieb noch übrig?! Wahrhaftig, er mußte sich beizeiten nach einer reichen Frau umsehen – was soll ein armer Leutnant in Friedenszeiten sonst wohl machen?!
Sein lächelndes Gesicht trübte sich – dem Mädel eine kleine Freude zu machen, selbst dazu fehlte es ihm! Plötzlich mußte er daran denken, wie er einst auf der Kasernenstraße gestanden und sehnsüchtig nach den Weckmännern im Bäckerladen geschaut. Jahre her, aus dem Kadetten ein Leutnant geworden, aber damals schon wie heute, immer dieselbe Misère! Und doch – er mußte wieder lächeln – ob er ihr damals eigentlich den Weckmann gekauft hatte? Er wußte sich nicht recht zu erinnern. Aber das wußte er noch genau, ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen im dunklen Keller, und ihre warmen Lippen hatten ihn geküßt.
Er strich sich den Schnurrbart. Horch, sie sang noch immer! Die hatte eine gute Lunge. Und nun sah er ihre schöne Gestalt vor sich, die kräftige Brust, die runden Arme, den federnden Gang. Was hatte sie eigentlich für Augen? ›Blaue Augen schön, aber sehr gemön‹ – nein, die ihren waren nicht gewöhnlich! Er mußte doch einmal tiefer hineinschauen. Sapperlot, unter welchem Vorwand ging er denn gleich hinüber in die Feldwebelwohnung?!
Plötzlich aus seiner Langenweile aufgerüttelt, sprang er auf und fing an, Toilette zu machen; er konnte ja dann gleich auf die Königsallee gehen, nachmittags pflegten sich die Schönen Düsseldorfs zu zeigen, und Kameraden waren immer dort.
Umständlich begann er sich zu pomadisieren und zu frisieren: Scheitel über den Hinterkopf gezogen, Haare rechts und links über den Ohren aufgebürstet. Den Schnurrbart gewichst, Mütze eine Ahnung schief gerückt, Taille eng gezogen, daß die wattierte Brust heraustrat. Nun noch die Nägel poliert, diese schönen, rosigen Nägel, mit den weißen Halbmonden und den langen, spitz zugeschnittenen Schuppen.
Als er den Gang zur Feldwebelwohnung entlang schritt – was brauchte er erst offiziell über den Hof zu gehn, hier war’s viel bequemer –, hatte er noch immer keinen Vorwand. Na, der Alte würde ja nicht gerade da sein! Vorsichtig schob er die nur angelehnte Küchenthür auf, enttäuscht wollte er den Kopf zurückziehen – niemand drin! – da trat Josefine aus ihrer niedrigen Kammerthür.
»Wer da?«
Sie hatte sich eben das Haar frisch aufstecken wollen, noch hing es ihr in schweren Zöpfen in den Nacken. Rot wurde sie bis unter das weiße Busentuch und dann blaß; sie war erschrocken, eben hatte sie an =ihn= gedacht.
Das Kommen und Gehen des Blutes unter der weißen Haut entzückte ihn. Und wie frisch ihre Lippen waren! Nun fiel ihm plötzlich etwas ein: er mußte sich bedanken für die gestopften Socken, die sie ihm gestern durch Bruder Karlchen geschickt.
»Sie haben so viel Freundlichkeiten für mich,« sagte er gedämpft und drückte ihre verarbeiteten Finger.
»Ich –? Och ene!« Sie wollte ihm ihre Hand entziehen, aber er hielt sie fest.
»Diese fleißigen Finger« – zart streichelte er darüber hin – »haben sich so für mich gequält!«
»Jequält!?« Sie hob auf einmal die gesenkten Lider und sah ihn so groß und voll an, daß er erschrak; dann drehte sie sich hastig um und lief an’s Fenster.
»Wat Sie für dumm’ Zeug reden, Herr Leutnant – jequält, haha, da war doch jar nit viel an zu machen! Un dat hab’ ich ja so jern jethan! So jern – ach, ich jlaub’, da kommt der Vater!«
Das war ihr offenbar eine Erleichterung, oder schien sie ihm nur so verlegen?
Jetzt winkte sie: »Vater, Vater!«
»Nanu? Ich komme noch nicht,« tönte des Feldwebels Stimme herauf.
Das war ja recht angenehm, daß der Alte noch nicht erschien! Als sich Josefine vom Fenster zurückwandte, begegnete sie dem feurigen Blick des jungen Mannes.
»Wollen Sie nit in’t Zimmer eintreten?« fragte sie beklommen, »die Mutter is drin!«
»Nein, ich danke!« Er lachte.
Da mußte sie auch lachen. Ein Bann war gebrochen, unbefangen schwatzte sie wieder, und dazwischen rief sie: »Jemmich, mein Haar!« und lief in die Kammer. Aber sie ließ die Thür offen, und er sah, wie sie die runden Arme hob und die schweren Zöpfe zur Krone aufsteckte.
Er wendete den Blick nicht. In Berlin gab’s auch hübsche Mädchen, aber schnippische, blaßwangige, hier von dieser ging ein Strom von Gesundheit aus, eine Fülle von Jugend. Eine Sehnsucht stieg in ihm auf, sie zu küssen, ein Verlangen, das seinen Blick starr machte. Er fühlte, es war besser, daß er ging, ehe er Dummheiten machte.
»Adieu, Josefine,« sagte er gepreßt.
»O, jehn Sie schon?« Sie kam auf ihn zugelaufen, Bedauern lag in ihrem Ton. »Adieu, Herr Leutnant!«
»Herr Leutnant –?!« Er konnte nicht dafür, ganz wie von selbst hob seine Hand ihr gesenktes Kinn in die Höhe; fragend sah er ihr in das offene Gesicht. »Herr Leutnant?! Warum nicht ›Viktor‹? – Nein, Sie wollen nicht?« Sie hatte heftig verneinend den Kopf geschüttelt. »Warum denn nicht, Sie haben’s doch früher gesagt, sind wir nicht dieselben geblieben?!«
Nun lachte sie hell auf, wie belustigt von einer Erinnerung. »Och ene! Dat sollt’ Ihnen jetzt wohl schlecht passen, am Speeschen Jraben im Dreck zu krosen und Rejenwürm’ zu suchen! Wissen Sie noch, wie wir als jewettet haben, wer ne Rejenwurm auf die Zung’ lejen kann? Ne, Herr Leutnant,« – ihr Blick streifte ihn von oben bis unten, wie es ihm schien mit einer leisen Bewunderung – »Sie sind nit derselbe mehr!«
»O doch! Freilich, die Regenwürmer« – er schüttelte sich – »die wären nicht mehr mein Fall. Aber wissen Sie noch, Josefine, wie wir im Keller fuhren, in der Bütte?«
»Och, auf Sankt Nikola – ja, ja!« Sie klatschte in die Hände.
»Und wie ich Ihnen ’nen Kuß gab und Sie mir, auf Sankt Nikola, im dunklen Keller?« Er hatte sie um die Taille gefaßt und sich nahe zu ihr gebeugt.
»Dat weiß ich nit mehr,« flüsterte sie; aber er sah es ihr an, daß sie log. Sie stand wie gelähmt, willenlos in einem süßen Schreck.
»Und ich bin doch noch derselbe!« triumphierte er. Lachend, ehe sie sich wehrte, gab er ihr einen Kuß.
Da raffte sie sich auf und stürzte zur Küche hinaus. Er hörte die Stubenthür klappen.
Sehr guter Laune trat Viktor von Clermont auf den Kasernenhof – dumm, daß ihm gerade der Feldwebel begegnen mußte! Der Alte hatte so ein verdammt ehrliches Gesicht. Aber was war denn Unrechtes dabei? Er hatte eine hübsche Kindheitsgespielin geküßt, weiter nichts! Und wohlgemut schlenderte der junge Offizier zum Thor hinaus.
War eigentlich gar nicht so übel, das alte Nest, nun die Sonne so freundlich alles vergoldete. Als Knabe waren die Ferien, hier zugebracht, doch immer eine Wonnezeit für ihn gewesen. Unwillkürlich schwenkte Viktor in die Bastionstraße ein – zur Königsallee kam er noch immer zeitig genug. Er ging zum Speeschen Graben, da war er undenklich lange nicht gewesen.
Über die Mauer des früheren elterlichen Gartens, an dessen Rückseite er nun entlang schlenderte, nickten die Bäume. Das Birnenspalier beim Nachbar war mächtig in die Höhe geschossen. Wie würde Josefine lachen, wenn er sie daran erinnerte, mit welchem Genuß sie die harten Birnen am Steintisch in der Laube mürbe geklopft hatten! Auch er lachte so laut auf, daß ein ehrsamer Rentner, aus der Vesper von der Maxpfarre hier entlang wandelnd ganz erschrocken nach dem Offizier hinstarrte, der einsam unten am Grabenrand stand und sich die Stiefel schmutzig machte. Was wollte der hier in dieser entlegenen Gegend?!
Ein seltsamer Duft stieg von dem dunklen, stillen Wasser auf, und die Frösche quakten. So hatten sie auch damals gequakt und – platsch – Viktor trat derb zu, daß der Schlamm spritzte – so hatten sie sich auch damals eilig in die Tiefe gerettet. Es wurde ihm ordentlich schwer, sich loszureißen von dem stillen Graben mit den großen Teichrosenblättern und dem grünen Entengries.
Die Herbstsonne fing an, sich zu neigen, ein schönes, warmes Rot hing wie ein Purpurmantel den Pappeln der Bergerallee im Rücken; vom Rhein her kündete ein feuchtes Wehen den nicht mehr allzufernen Abend. Beschaulich-friedvolle Ruhe lag über den weißen Häusern und den blauen Schieferdächern. Ein paar Knaben schlugen Dopp mitten auf der Straße; hier fuhr kaum je ein Wagen.
Nun war Viktor am Schwanenmarkt. Das war freilich das alte Kacheloch nicht mehr. Rund um das Viereck des Platzes standen Häuserreihen, die kaum eine Lücke mehr wiesen; Rasenflächen und wohlgepflegte Lindenbäume erinnerten nicht mehr an die stachligen Hecken und mannshohen Hollunderbüsche von ehemals. Und doch – lag’s an der Luft, die ihn frei umwehte, an den Schwalben, die zwitschernd über ihn hinstrichen zum nahen Lopohl? – er hörte wieder Kinderjubel. – – ›Eins, zwei, drei, mein Herz ist frei!‹ – so schrie Josefine, sich freischlagend, atemlos vom raschen Nachlaufenspiel. – – Und an jener Ecke stand der Schinderhannes, der dicke, freche Bürgersjung’, die Hände in den Hosentaschen, die Beine gespreizt, und spuckte. – – Und hier an der Ecke der Löwenapotheke hatten Taubnesseln geblüht, wilder Thymian und gelbe Kettenblumen, Josefine hatte sie zum Strauß gepflückt.
Überall Josefine und überall.
Und sich selber sah er springen im verwaschenen Kittel, in ausgewachsenen Hosen.
Und eine gewisse Rührung überkam ihn.
Er dachte nicht mehr daran, auf der Königsallee zu promenieren; nachdenklich ging er die Bilkerstraße hinunter, am Elternhaus vorbei, über den Karlsplatz, immer weiter hinein in die alte Stadt. Von den Kirchen läutete es, aus den Bürgerhäusern roch es appetitlich; Kinder mit großen Blatzschnitten standen in den offenen Thüren, hinter ihnen im Dunkel des Flurs glimmte das ewige Lämpchen vor’m Muttergottesbild. Am Markt, beim alten Jan Willem, saß noch wie früher die Obstfrau unter’m Regenschirm; aber es war nicht mehr ›das Appel-Len’‹, bei der er einst geröstete Kastanien für Josefine gekauft.
Noch lag oben auf den Firsten Abendglanz, unten in der engen Zollstraße war es schon dämmerig. Er schritt durch’s Thor. Der Strom in seiner ganzen Breite grüßte ihn. Die Wellen kräuselten sich im Abendwind, milchiger Schaum schwuppte an der Ummauerung hinauf, – und nun hallte ein Böllerschuß, dumpfdröhnend, die ›Rotterdam‹, das große Schiff der Kölner Dampfschleppschifffahrtgesellschaft, heischte Durchlaß.
Schrill gellt die Signalpfeife des Brückenwärters, rasselnd fällt die Kette, alle Mann an die Winde – das Joch ist ausgefahren, stolz rauscht die Rotterdam gen Holland hinunter, als lange Schleppe Fruchtkahn auf Fruchtkahn nach sich ziehend. Ein lautes ›Hoihoh‹ hallt über den Rhein, die Schiffer rufen sich zu, und ›Hoihoh‹ klingt’s wie ein Echo, langgezogen aus nebliger Ferne.
Der feuchte Rheinwind legte kühle Finger an des jungen Mannes Wange. Hier hatte er einst mit Josefine gestanden und das Hochwasser angestaunt, und dann waren sie auf Umwegen zur Ratingerstraße geschlichen. Heute ging er auf dem nächsten Weg dorthin.
Aus den uralten Häusern, unter deren Ziegeldächern einst die Rittergeschlechter gehaust, guckten Krämer und Kleinbürgersleute dem Offizier verwundert nach. Fast mißtrauisch. Was hatte der hier zu suchen?! Der Leutnant bemerkte nicht die unfreundlichen Gesichter. Er freute sich über die roten Dächer, die noch schimmerten, obgleich der Abend längst dunkelte, freute sich über den Stern, der heimatlich traut über dem ›Bunten Vogel‹ aufzog.
Die Laternen wurden angesteckt. Da glaubte er plötzlich Josefine vor sich her schreiten zu sehen – das war ihr Gang, ihr Wuchs, ihr blondes Haar! Rasch hinterdrein! Der schwankende Schein der nächsten Laterne war hell genug, ihm zu zeigen, daß er sich getäuscht. Aber auch ein schönes Kind, dieses andre rheinische Mädel!
Ihm war so wohl, so wohl zu Mut, so glückselig jung. Vom Rhein traf ihn ein voller Hauch; die Brust weitete sich und dehnte sich tiefatmend, belebt lief das Blut durch die Adern.
Am Himmel tanzten die Sterne. Er ging wie im Traum. Liebespärchen wandelten an ihm vorüber unter den Bäumen der Alleestraße, Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt; er hörte ihr gedämpftes Lachen.
Wie fing doch das Lied an, das die Josefine immer sang? Er summte es vor sich hin, und dann lächelte er – ob sie wohl daheim nach ihm ausschaute? Natürlich! Sie stand am Fenster ihrer Küche – der simple Kattunrock kleidete sie gut –, die Arme auf die Fensterbrüstung gestemmt, beugte sie sich hinaus und sah ihn an, voll und warm.
Er summte wieder:
»Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn –«
Ganz nettes Liedchen! Weiter wußte er’s leider nicht, aber es lag ihm im Ohr, förmlich auf der Zunge.
Am Alleeplätzchen in der Schaubschen Buchhandlung waren die Ladenfenster noch nicht geschlossen. Viktor hielt inne auf seinem Schlendergang. Er hatte doch Josefine etwas schenken wollen – ja, ja, er wollte ihr heute etwas mitbringen! Dumm, nun waren alle Läden schon zu! Nur dieser nicht! Er betrachtete die Auslage.
Schulbücher: ›Daniels Leitfaden der Geographie‹ – ›Zahns biblische Geschichte‹ – ›Rechenfibeln und Lexika‹ – Gott sei Dank, daß man so was nicht mehr brauchte!
Ferner: ›Briefsteller für Liebende‹ – ›Der Struwelpeter‹ – ›Franz Hoffmanns Erzählungen für die Jugend‹ – ›Campes Robinson‹ – ›Coopers Lederstrumpf‹ – und so weiter.
Und im andern Fenster allerlei Broschüren: ›Der Kassettendiebstahl‹ – ›Ehegeheimnisse des gräflichen Hauses H.‹ – ›König und Tänzerin‹ – niederträchtig, solche Intima dem Pöbel preiszugeben! Das konnte auch nur am sogenannten ›freien‹ Rhein passieren!
›Vier Fragen eines Ostpreußen‹ – ›Pfizer: Gedanken über Recht, Staat und Kirche‹ – ›Steinacker: Über das Verhältnis Preußens zu Deutschland‹ – ah was, Politisches, das hatte ja gar kein Interesse!
Viktor wollte sich schon zum gehen wenden – da gab’s ja doch nichts für ein junges Mädchen –, als ihm noch ein paar Bücher in die Augen fielen, hübsch gebunden, mit Goldschnitt. Aha, Gedichte! Das wäre am Ende was! Junge Mädchen schwärmen für Gedichte, er wußte das von seiner Schwester; sie schreiben sich die schönsten Stellen aus, lesen abends heimlich im Bett und legen sich das Buch unter’s Kopfkissen.
›Herwegh: Gedichte eines Lebendigen‹ – ›Freiligrath: Glaubensbekenntnis‹ – ›Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder‹ – und da, an der Seite, ein Bändchen, klein wie ein Gebetbuch, aber weit leuchtend, auffallend durch sein brennendes Rot. Goldene Passionsblumen rankten sich darüber, ein gelbseidenes Bändchen lag als Lesezeichen darin – riesig geschmackvoll! Es war weitaus das schönste der ausgestellten Bücher. O, sie würde sich gewiß darüber freuen!
Der blasse Ladenjüngling sah verwundert aus – was, ein Leutnant in der Buchhandlung?! Er riß die Augen weit auf.
»Ich möchte ein Gedichtbuch haben!«
»Ein Ge–dichtbuch?!« Maßloses Erstaunen lag nun auch im Ton.
Der Leutnant wurde ganz verlegen: »E – hm – ja, jawohl, ein Gedichtbuch!«
»Mit was dürfte ich dienen?«
Der Kauf kam nicht so leicht zu stande; der blasse Jüngling war bemüht, sich über den Geschmack des Käufers zu orientieren, und diesem wiederum waren die Namen, die der Verkäufer geläufig herzählte, Rauch und Schall.
Es war für beide eine Erlösung, als der Leutnant auf das kleine rote Buch wies: »Ganz scharmant!«
Im Nu war es vorgeholt. »Kann ich Ihnen sehr empfehlen, wunderbar schön,« rief enthusiastisch der Jüngling und schlug schwärmerischen Blicks die erste Seite auf: »Sehen Sie, schon sechste Auflage! Hochpoetisch! Sehr gefühlvoll!«
Gefühlvoll, ja, das war gerade das Richtige!
»Übrigens von einem geborenen Düsseldorfer!«
›Na, dann wird’s was Rechtes sein‹, wollte Viktor eigentlich sagen, aber er besann sich – das Buch sah doch wirklich sehr scharmant aus. Er bezahlte einen baren Thaler und fünfzehn Silbergroschen, obgleich er das im stillen für so ein kleines Ding ganz unerhört teuer fand. Da würde er eine Weile gehörig krumm liegen müssen, aber – na, wenn sie sich nur freute!
Diesen Abend brannte die Kerze in der Offiziersstube tief herunter, der Docht kohlte schon zolllang, niemand schnuppte ihn; eine wahre Traufe von Talgthränen floß auf den Tisch. Viktor lag auf dem Sofa, hatte die Beine über die Seitenlehne gehängt, den Rock auf der Brust offen, und las in dem Buch, das er morgen der blonden Josefine verehren wollte. Er las und las. Sein Gesicht glühte – Donnerwetter, der Kerl hatte das Dichten weg! Die Josefine würde sich nicht schlecht freuen, stand doch auch ihr Lied darin. Das war mal gut getroffen! Nun konnte sie es zu Ende singen.
»Hurra!« Ganz toll vor Vergnügen sprang er auf und rannte mit seinem Buche in der Stube umher.
Bis die Kerze erlosch, las der Leutnant in Heines ›Buch der Lieder‹. Nur das eine ärgerte ihn:
›Die Lieutnants und die Fähnerichs, Die lecken ab die Straße.‹
Das war unverschämt!
XII
Herbststürme zausten die Blätter von den Bäumen, der Westwind stieß gegen das Zollthor, der Rhein brandete ungestüm an die Werft, die Kähne, die die Schiffbrücke trugen, ächzten und rieben sich. Regentriefend, mit von der Nässe gedunkelten Mauern, schaute das alte Schloß finster in den Strom.
Die anwohnenden Bürger beklagten sich bitter, daß der alte Rumpelkasten ihnen Luft und Licht nähme und die freie Aussicht versperrte. Wozu stand der noch da?! Seine Zeit war vorbei. Die schöne Jakobe von Baden, die nächtens da oben spuken sollte, war weiter nichts wie ein Windzug, der durch die zerbrochenen Scheiben pfiff, und ihr Hilfeschrei, der über den Rhein gellte, war Eulenruf und Dohlengekrächz. Traditionen, Ammenmärchen, weg mit ihnen!
Ein häßliches, naßkaltes, wehmütiges Wetter! Josefine schauderte. Sie stand in einem engen Hof der Bolkerstraße und blickte an dem mit Kalk beworfenen kahlen Hinterhaus in die Höhe. Also da oben, hinter jenen Fenstern war er geboren, er, der die schönen Lieder gemacht?! Der für all das Worte gefunden, was hier im Wind über die Dächer flog und draußen vor’m Thor im Rhein rauschte!
Sie war wie verhext. Es hatte sie hergetrieben, sie wußte selber nicht warum.
Die Großmutter konnte sich seiner noch erinnern, die hatte den kleinen, blassen Jungen oft gesehen, wenn er in die Franziskanerklosterschule ging. Bei seinem Vater, dem ›Jud’ Heene‹, hatte sie in der Butike, die der auf dem Markt hielt, oft gekauft. Und die Madam Heene sollte eine zierliche, kluge Frau gewesen sein, eine Schwester von dem van Geldern aus der ›Arche Noae‹ in der Kützgesgass’. Aber daß der Heinrich Heine Gedichte gemacht, wollte Mutter Zillges durchaus nicht glauben.
»Du bis ja jeck,« hatte sie zur Enkelin gesagt »dat kleine Judenjüngesken, hie aus Düsseldorf?! De kann dat nit. Oder de hat se irjenswo anders jelesen un abjeschrieben, Papier is jeduldig. Ne, ne, de macht mich noch lang nix vor! ’ne freche Jung’ is de jewesen!«
Auch die Dauwenspeck, die, trotz ihres hohen Alters und obgleich sie, ein wenig kindisch geworden, tagaus tagein in ihrem Lehnstuhl hockte, für ihre Kunden ein treues Gedächtnis behalten hatte, wußte nicht viel. Zur Madam Heine war sie freilich auch geholt worden, in’s Haus auf der Bolkerstraße neben dem ›Roten Kreuz‹. Der Bäckermeister Cremer hatte gerade in der Thür gestanden und gerufen: »Et brennt, et brennt,« als sie mit Strohtasche und Spritze in’s Hinterhaus geeilt war. –
Heimlich war Josefine hergekommen – keiner durfte es wissen, alle hätten sie ja ausgelacht. Was sie eigentlich hier erwartet, war ihr nicht klar; aber sie war enttäuscht. Keine Rosen an den Mauern, keine Sonne in den Fenstern! Hinter dem hölzernen Gatter des engen Höfchens nur ein schwächlicher Akazienbaum, der seine letzten verkrumpelten Blättchen den Winden preisgab.
Sie fröstelte und seufzte – wie traurig, wie verlassen! Machte es die graue, kalte Nebelluft, die sich beklemmend auf die Brust legte, oder der scharfe Wind, der wie ein böses Tier gegen die Mauer des Hinterhauses fauchte und den Atem nahm? Es schnürte ihr etwas das Herz zusammen.
Ein altes Weib guckte aus dem Fenster und rief sie an: was sie denn hier wolle?
Zusammenschreckend stotterte das Mädchen etwas zur Entschuldigung.
»Kucken, wat? Hie is nix zu kucken! Heine – Heine?! De wohnt hie nit. Se meinen wohl Heimann, de mit wollene Strümp’ handelt? Jejenüber!« Krachend schlug die Alte das Fenster zu.
Traurig ging Josefine fort; aber sie wurde froh, als die Kaserne in Sicht kam. Wie ein warmes Wehen kam es von dort her durch die naßkalte Dämmerung und umschmeichelte sie. – –
Ob sie ihn heute noch sprechen würde?
Gestern hatte sie ihn nicht gesprochen, den ganzen Tag nicht! Eingeladen war er den Sonntag gewesen bei seiner Schwester; die vom Werths waren jetzt wieder in der Stadt.
Ach, da würde er nun oft seine freie Zeit zubringen! Das war natürlich, aber sie empfand einen Schmerz dabei.
Und Gesellschaften würde er mitmachen, viele Bälle! Sie würde abends nicht mehr das Flinzeln der Kerze in der Offiziersstube beobachten können.
Und ob er noch Zeit fand zu einem Flüstern im dunklen Gang?! Lieber Gott, weiter verlangte sie ja gar nichts, nur ab und zu ein Wort in abgestohlenen Minuten, ein rasches Sehen, ein heimliches Grüßen. Es war so schön gewesen.
Ein plötzlicher Schreck überfiel sie – wenn das nun alles ein Ende hätte?! Ach nein, kein Ende, es mußte ja immer schöner werden, immer schöner! Hatte er sie denn nicht lieb?
Sicherlich!
Sie dachte an das kleine rote Buch, das er ihr geschenkt! Da stand so viel von Liebe darin.
Könnte sie ihm nur einmal um den Hals fallen! Nur einmal ihm einen herzhaften Kuß geben!
Als Josefine an der Front der Kaserne vorbei ging, strich ihre Hand liebevoll längs der grauen Mauer hin. Die umschloß ja ein großes Glück. Eine heiße Zärtlichkeit wallte in ihr auf – wo gab es bessere, festere, schönere Mauern?! Sie liebte jeden Stein. Hier hatte sie einst mit Rötel einen mächtigen Strich gezogen – noch glaubte sie den Kratz zu sehen – und hier auf’s große Thor hatten die Jungens mit Kreide gekritzelt:
›Fina Rinke heiß’ ich, Schön bin ich, dat weiß ich‹
und eine furchtbare Fratze dazu gemalt.
Die liebe alte Kaserne! Mochten andre die Nase rümpfen über Mäuse und Ratten und Wanzen – pure Verleumdung! In der Kaserne war’s gut sein.
O Gott, wenn sie einmal wo anders wohnen müßte! Die Thränen schossen ihr plötzlich in die Augen, ein seltsames Angstgefühl erfaßte sie.
Als sie die knarrende Stiege hinaufkletterte, öffnete die Mutter oben die Stubenthür.
»No, Fina, endlich! Wo bleibste dann heut’ so lang?« Und leiser raunte sie: »Et is Besuch drin, de Conradi! De hat Urlaub bis morjen früh!«
»Jesus!« Mehr sagte Josefine nicht; sie war zu Tode erschrocken.
»Du brauchst ihn ja nit zu nehmen, wannste nit willst,« flüsterte die Mutter noch rasch. »De is ja reformiert, nit viel besser wie ene Jud’. Du kriegst noch lang ’ne andre!«
»Ich will jar keinen,« stieß Josefine heraus, und dann trat sie in die Stube.
Conradi saß beim Vater am Tisch, das flackernde Kerzenlicht fiel auf seine Gendarmerieuniform. Bei der Begrüßung lag Josefines Hand ohne Druck in der seinen, aber er merkte es nicht. Er war zu froh, denn gestern abend hatte er die Nachricht bekommen: eine feste Anstellung in Vohwinkel! Eigentlich sollte er gleich heute antreten, aber er hatte sich noch den einen Tag frei gemacht und war hierher geeilt.
»So pressiert es?« sagte der Feldwebel. »Na, Kamerad, ohne Ihn können die Vohwinkler wohl keine Nacht mehr ruhig schlafen? Ja, so’n strammer preußischer Sergeant – was?« Er lachte in sich hinein und hob sein Glas: »Na, Kamerad, zum Wohl!«
Josefine war erstaunt: der Vater machte Scherz, der Vater hatte Bier holen lassen, heute am hellen Werktag?! So vergnügt hatte sie ihn kaum je gesehen. Was er nur an dem Conradi fand?!
Sie selbst saß stumm und steif und zog ihre Hand, nach der der Sergeant immer wieder unter’m Tisch verstohlen faßte, ebenso oft wieder zurück. Als der Vater einmal an’s Fenster trat, nach den Wetteraussichten für die morgende Felddienstübung zu spähen, und Conradi ihr in’s Ohr flüsterte, ob sie seinen Ring und sein Gedicht noch hätte, da machte sie nur: »Hm!« Und stand auf, um nach der Thür zu gehen.
»Halt,« rief der Vater, »wohin?«
Da mußte sie bleiben und sich wieder niedersetzen. Es half ihr nichts, sie mußte sich von Conradi angaffen lassen, als hätte er was bei ihr verloren. Wie sehr sie auch den Kopf wegwendete und seinen Blick vermied, und wenn er auch mit dem Vater sprach, immer doch hingen seine Augen an ihr.
Als er mit strahlender Miene von Vohwinkel sprach, dem sauberen Örtchen, hoch oben auf den Hügeln gelegen, mit dem weiten Blick in’s bergische Land und auf all die Fabrikschornsteine, die Eisengießereien und Schleifereien, that er ihr jedoch fast leid. Selbst die Luft dort lobte er, die sei so stark, ganz anders, wie hier in der Stadt und in der Kaserne. Wenn dort auch wohl Fabrikruß flog, es gab doch noch viele Ackerfelder, und man konnte gegen billige Miete ein Häuschen für sich allein haben und ein Stück Garten, wo man Kartoffeln pflanzte und Gemüse zog. Er erzählte mit Behagen; solch eine Stelle hatte er sich immer gewünscht. Nun hatte er keinen Grund mehr, den ältesten Bruder, der in der fernen Heimat auf der ostpreußischen Hufe saß, zu beneiden; er hatte jetzt auch sein Glück gefunden. Mit aufglänzenden Augen strahlte er das Mädchen an.
Josefine hätte am liebsten geweint, sie wußte nicht aus noch ein. Blaß und verwirrt saß sie da.
Sehr interessiert ließ sich der Feldwebel von dem jüngeren Kameraden dessen Wirkungskreis und seine Pflichten beschreiben: Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Kontrolle von Versammlungen, Schließung der Wirtshäuser, Aufschreiben der das Polizeiverbot Übertretenden, Arretierung von Landstreichern und Bettlern, Prüfung von Maß und Gewicht und so weiter.
Conradi berichtete mit Eifer. In Vohwinkel hatte er keinen über sich – der Vorgesetzte war in Mettmann – er mußte allein aufkommen für Ruhe und Ordnung; und das würde nicht immer leicht sein. Wenn es ihm nicht widerstrebt hätte, sich selber zu loben, so hätte er wohl gern erzählt, wie es ihm gelungen war, einem größeren Krawall, vielleicht sogar einem Blutvergießen vorzubeugen, als letzten Samstag die entlassenen Arbeiter der Färberei zu Sonnenberg bei Elberfeld dem Fabrikanten Thür und Fenster einwarfen.
»Na, Heldenthaten habt ihr ja wohl nicht auszufressen,« lachte der Feldwebel.
»Nein, das nicht,« sagte Conradi bescheiden und merkte gar nicht den leisen Ton gutmütigen Spottes im Lachen des andern.
Er hatte sich ein wenig zurückgerückt und den Arm auf Josefines Stuhllehne gelegt; so saß er und sah unverwandt auf das weiche, blonde Gekräusel, das sich da hinten in dem molligen Genick aus dem straff aufgekämmten, glatten Haar herausgestohlen hatte. Er konnte nicht widerstehen, spitzte die Lippen und pustete zart auf die Härchen.
»Au,« sie zuckte unwillig zusammen.
Es war gut, daß Frau Trina jetzt mit einer Bewirtung kam: geschabtes rohes Fleisch mit Zwiebel, Leberwurst und frischer Holländer Käse. Sie hatte sich ordentlich abrennen müssen, das Traktament, das ihr Mann angeordnet, so allein zu besorgen. Auch noch ein Krug Bier wurde aufgesetzt.
Die Männer stießen fleißig an. Josefine aber mundete nichts – wenn der Conradi doch nur erst wieder fort wäre! Ihr Kopf glühte. Dieses Suchen nach ihrem Blick, dieses Tasten nach ihrer Hand machte sie so ungeduldig, so unglücklich, ganz böse. Sie wollte nicht – nein, nein, – und doch saß sie wie gelähmt unter dem Griff dieser festen, warmen Männerhand und hatte nicht mehr die Kraft, ihre Hand fortzuziehen. Der Verliebte streichelte sacht darüber hin und spielte mit ihren Fingern.
Ob wohl das Licht drüben in der Offizierstube brannte?! O, könnte sie es doch aufglimmen sehen!
Ob sie ihn wohl noch sprechen würde heute abend?! Ach, heute den ganzen langen Tag und gestern den ganzen langen Tag kein Wort mit ihm gewechselt!
Wo war er, was that er, was dachte er?! Wo blieb er, kam er, war er schon da?!
Eine ungestüme Sehnsucht packte sie – sie hielt’s nicht mehr aus, nein, nein!
»Jeses, Fina,« sagte die Mutter plötzlich, »wat siehste schlecht aus! Is dich wat?«
»Ich – ich hab’ – schrecklich Kopfweh,« stammelte Josefine.
»Nanu?« Der Feldwebel zog die Brauen in die Höhe, es war ihm augenscheinlich fatal, daß die Tochter heute abend ausspannte. »Nimm dich zusammen! So’n bißchen Kopfweh! Macht nichts!«
»O doch!« Mit einem Aufseufzen stützte Josefine den Kopf in die Hand. Sie wurde ganz blaß.
»O!« Der Sergeant erhob sich. »Dann werd’ ich lieber gehen,« sagte er kleinlaut.
Frau Trina erhob nur schwache Einsprache, Josefine gar keine.
Bloß der Feldwebel nötigte zum bleiben:
»Ä was, das Kopfweh geht schon vorbei. Man nich so ängstlich! Man reist doch nicht her bloß für die halbe Stunde! Das nenne ich Zeit und Geld verplempern. Geh, gieß dir Wasser auf den Kopf, mach ’nen Umschlag, leg dich ’nen Augenblick nieder, und dann kommste wieder ’rein – frisch, Mädel, hörste?!«
Die Tochter stand stumm auf; es zuckte um ihren Mund, als ob sie weinen wollte.
»Aber nein – es ist doch besser – ich werd’ jetzt doch –« Der Sergeant zögerte, das Wort ›gehen‹ kam ihm so schwer über die Lippen. Erwartungsvoll sah er zu Josefine hin – würde sie ihn denn nicht zurückhalten?! Aber sie sagte kein Wort; so mußte er sich schon entschließen, sich zu verabschieden. Lange hielt er beim Adieu ihre Hand in der seinen. Nun würde es vielleicht Wochen und Wochen dauern, bis er wieder herkommen konnte; es wurde ihm sehr sauer, =so= von ihr zu gehen.
Der Feldwebel begleitete Conradi hinüber in’s Stammlokal, da trafen sie viele Kameraden. Josefine atmete auf, als die Männer die Stube verlassen hatten. Auch Frau Trina rüstete zum ausgehen, sie wußte, nun kam Rinke vor Zapfenstreich nicht wieder, da konnte sie gut währenddes ihren Wilhelm besuchen.
»Leg dich im Bett,« sagte sie zur Tochter, und dann lachte sie hell auf: »O du schlau Dingen! Dem haste’t jut zu verstehn jejeben: ›Mach dich ab!‹ Hahahaha! ’nacht, Fina!« Damit ging sie.
Allein –! Mit einem zitternden Seufzer sah sich Josefine um, und dann stürzte sie hinaus an’s Küchenfenster. Alles dunkel. O –! Sie stand und starrte und starrte. Hinten in der Kammer rauften noch die Brüder beim zubettegehen, dann wurde es auch dort still.
Auf dem Hof kein Tritt. Keiner der Soldaten pfiff vor der Thür bei dem häßlichen Wetter. Der Himmel so dunkel, kein Stern, doch jetzt, jetzt – sie unterdrückte einen Freudenschrei – jetzt schimmerte einer da drüben: sein Licht!
Er war zu Hause! Wie mit Gewalt zog sie’s hinüber. Sie mußte ihn sprechen, heute noch sprechen! Wenn er doch käme, wie damals, zu ihr in die Küche träte! Ach, er wußte ja nicht, daß sie hier stand, ganz allein, und sich nach ihm sehnte!
Sie öffnete das Fenster, daß die feuchte Nachtluft sie durchschauerte, und fing an zu singen; der Wind nahm ihr den Ton vom Munde, aber sie strengte sich an, stark kämpfte ihre Stimme gegen das Sausen und Heulen:
»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten –«
Sie sang das ganze Lied, siegreich drang es durch den Sturm der Herbstnacht, aber kein Fenster drüben klirrte – hörte er sie denn nicht?!
Wenn sie nun rasch hinliefe und an seine Thür pochte? Was war denn dabei? Gewiß nichts Unrechtes – sie hatte ihn ja so lieb!
Sie überlegte nicht mehr, schon war sie draußen und huschte den dunklen Gang entlang. Rasch, rasch! Ihre Sehnsucht trieb sie schneller, als ihre Füße laufen konnten; sie strauchelte, sie stolperte – da – ein rascher, elastischer Tritt kam auf sie zu.
»Viktor!« Mit einem jauchzenden Ruf streckte sie die Hände aus.
Da faßte er sie um den Leib, wie damals im Keller in der schwankenden Bütte, und zog sie hinein in sein warmes, erleuchtetes Zimmer.
Und wie damals küßten sie sich. Sie war ihm um den Hals gefallen, ohne daß sie wußte, wie das gekommen; sie folgte einem tiefinneren, stürmischen Drang.
Er preßte sie an sich, in fast knabenhafter, durch die Heimlichkeit noch gesteigerter Verliebtheit. Auch er glühte.
Wie sie ihn liebte!
Aber – – _noblesse oblige_! Eine gute und ehrliche Regung ließ sein hübsches, junges Gesicht männlicher erscheinen: Sie war seines Feldwebels Tochter, und er war ein Edelmann und trug des Königs Rock!
XIII
Die Leiendecker in Düsseldorf hatten heuer mehr zu thun als sonst – der Februar achtundvierzig ging stürmisch zu Ende. Die Wetterfahnen quietschten, die Dachrinnen spuckten, jede Nacht klapperten die losen Ziegel und Schieferplatten, und der wilde Wind packte sie und schleuderte sie krachend hinunter auf die Gasse. Kopfschüttelnd stand der Hauswirt am nächsten Morgen vor seiner Thür: o weh, eine Reparatur dringend nötig! Alle paar Schritt baumelte das Seilchen mit dem Schieferstückchen unten daran vom Dachfirst nieder: Bürger, hüte dich, daß du nichts auf den Kopf kriegst!
Am Stammtisch wurde geklagt: was man doch nicht immer alles für Unkosten hatte! Überall krachte es. Auch im Hofgarten; und das entrüstete die Bürger am meisten. War es nicht ein Skandal, die schönen alten Bäume so massenhaft zu fällen? Den Hofgarten, die Hauptzierde der Gartenstadt, ratzekahl zu scheren?! Man wollte im Sommer doch mit Weib und Kind im Schatten spazieren gehen! Dem Friedlichsten lief die Galle über. Fulminante Artikel füllten die Spalten der Düsseldorfer Zeitung und des Kreisblattes und drückten durch ihre Länge und Breite das Politische ganz in ein Eckchen; was ging es einen am Ende auch an, ob sie sich mal wieder in Paris massakrierten?! Man bekreuzigte sich und dankte Gott, daß man im soliden Düsseldorf wohnte. Man druselte noch halb im Winterschlaf, und wären die fliegenden Dachziegel nicht gewesen, man hätte noch gar nicht an den Frühling gedacht.
Und doch zog er schon durch die Welt und stieß in sein Horn.
Auch über die Kaserne wehten Frühlingsstürme und tosten aufrührerisch um Dach und Wand. Aber die dicken Mauern dämpften den Schall, und kein lauschendes Ohr war drinnen, das ihn aufgefangen hätte. Drill Tag für Tag, von Reveilleblasen bis Zapfenstreich. Die Offiziere langweilten sich, die Unteroffiziere schimpften, die Gemeinen dachten sehnsüchtig an die Fleischtöpfe der Mutter und an die Küsse des Schatzes.
Josefine lebte den schönsten Traum. Alle Tage den Liebsten sehen, alle Tage ihn sprechen. Rasche Küsse auf dem dunklen Flur, innige Umarmungen in der stillen Offiziersstube.
Sie lebte ein Doppelleben. In dem einen flickte und strickte sie, kochte und scheuerte, und hastete sich ab, um im andern desto länger bei ihm sein zu können, mit seinem Kuß ein gesteigertes Gefühl zu empfangen, ein Gefühl, das sie so überglücklich machte, wie den Vogel, der mit jauchzendem Ruf in die Lüfte steigt, hoch, hoch, hinein in den sonnigen, blauen Himmel.
Enger als je hielt die Kaserne sie umschlossen: ihre Welt die kleine Feldwebelwohnung, die Küche, der Gang, die Offiziersstube, der Exerzierplatz, über den die Stimme des Geliebten schmetterte, der Hof, auf dem seine Tritte hallten.
Auch Viktor war benommen. Die jungen Damen der Bälle und Gesellschaften langweilten ihn sterblich. So viel er konnte, zog er sich von der Geselligkeit zurück, oder wenn ein Vorgesetzter eben ›befahl‹, stöhnte er den ganzen Tag und verwünschte Fest und Festgeber. Das einzig Gute war, daß Josefine ihn dann wenigstens hinbegleitete. Heimlich erwartete sie ihn unten auf der Straße, in einem nahen Thorweg versteckt; ein Tüchelchen, tief in die Stirn gezogen, dünkte ihr hinreichend als Vermummung. Sie fürchteten keine Entdeckung, sie dachten gar nicht an eine solche. Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt, machten sie Umweg auf Umweg. Herren, den Mantelkragen hoch geschlagen, und Damen in Schleiern und Galoschen, zu Gesellschaften trippelnd, Bürger, zur Karnevalssitzung eilend, kreuzten ihren Weg. Aber niemand achtete ihrer im Dunkel.
Und sie führten sich oft an der Hand und plauderten und lachten, und ehe er endlich hinaufstieg in den kerzenhellen Saal, drückte er sie noch einmal an sich, zärtlich süßschmerzlich, wie zu ewigem Lebewohl. Und während er im Tanz die feinen Taillen junger Damen umschlang, fühlte er im Geist die kräftigeren Formen Josefines – sie lag in seinem Arm, sie wiegte sich lustig auf den Klängen der Musik. Die jungen Damen tuschelten untereinander darüber, daß der Leutnant von Clermont beim tanzen so fest halte, die ganzen Blumen am Ausschnitt hatte er ihnen zerdrückt; sie beklagten sich darüber, aber sie hatten es doch gern.
Zu seiner Schwester, in deren elegantes neues Haus am Hofgarten, kam Viktor selten. Wenn sie sich darüber beklagte, konnte er mit Recht sagen: ich habe keine Zeit. Er hatte wirklich keine, sie ging hin mit auflauern, beobachten, verstohlenen Begegnungen, verliebten Träumen und Wünschen. Der Schwester hatte er nie von Josefine gesprochen, dazu war er längst nicht mehr unbefangen genug. Cäcilie fragte auch nicht, sie gab es nach und nach auf, dem Bruder über sein Seltenkommen Vorwürfe zu machen; ihr Leben war ganz ausgefüllt, es gehörte ihrem Mann, der sie auf Händen trug, es gehörte ihrem Glück, es gehörte vor allem dem Kind, das sie erwartete. Der zukünftige Vater strahlte schon: ein Sohn, ein Stammhalter! Der zukünftige Großpapa hatte den kostbaren Schmuck, den er seiner verstorbenen Frau einst aus einer besonders reichen Jahreseinnahme gekauft, dem berühmtesten Juwelier von Paris zu noch kostbarerer Neufassung geschickt; die Schwiegertochter sollte ihn am Tauftag, als einen von Generation auf Generation zu vererbenden Familienschmuck, tragen. Der alte Herr hatte jetzt nur die eine Sorge, daß bei den fortdauernden Krawallen in Paris seinem neukreierten Familienschmuck ein Ungemach passieren könne.
Josefine war seltsam bewegt, als Viktor ihr von Cäcilies Hoffnung erzählte. Sie sagte kein Wort, aber sie wurde glühend rot, und in ihre Augen kam ein Leuchten, ein feuchtes Flimmern. Still blieb sie den ganzen Tag, wie sonst nie.
Hätte der Feldwebel nicht so viel zu thun gehabt, ihm wäre wohl manches an seiner Tochter aufgefallen. Aber plötzlich waren von Berlin Befehle gekommen, die Reservisten einzuziehen, die Kompagnien zu verstärken, Proviantamt und Montierungsdepot neu zu versehen – was, sollte mobil gemacht werden?! Krieg gegen Frankreich?!
Mit Windeseile verbreitete sich das Gerücht. Jetzt sprach auch die Bürgerschaft nicht allein mehr vom Hofgarten, sondern von der drohenden französischen Kriegsgefahr; hatte doch jeder einen Sohn, einen Bruder, einen Verwandten, einen Freund, der im Kriegsfalle mit mußte.
Einige Überkluge in der Düsseldorfer Zeitung suchten freilich den Krieg ganz wo anders: sie redeten von einer ›Gärung im deutschen Volk,‹ von seinem ›Schrei nach Einheit und Freiheit,‹ sie wiesen auf Baden, Württemberg, Nassau, Bayern und Hessen hin, wo die Fürsten dem Volk stürmisch geforderte Freiheiten bereits bewilligten.
Ach was, in Düsseldorf wurde nicht gegärt! Und was sollte man denn fordern? Hatte nicht jeder sein behagliches Haus, sein gut Essen und Trinken, abends seine Pfeife beim Glase Bier? Schwarzkieker die! Erst wollte man einmal ordentlich Fastnacht feiern. Schon hielt der Präsident von der ›Dotzmühl‹ alle Abend Sitzung ab, die Gecken planten einen großartigen Umzug.
Daß die Fabrikarbeiter im Bergischen Skandal machten und Lohnerhöhung forderten, war weiter nichts Beunruhigendes. Da gab’s noch andrer Orten viel notleidendere Bevölkerung, die armen schlesischen Weber zum Beispiel, auf die das ergreifende Gemälde von Karl Hübner die allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt. Als nun der junge Verein ›Malkasten‹ die hungernden Gestalten im lebenden Bilde, gegen einen Reichsthaler Entree, vorführte, öffneten sich alle Herzen und alle Geldbeutel.
Auch die kleineren Bürgersleute machten sich über die Unruhen in der Nachbarschaft keine Sorgen. Sie hatten ihre Bälle im ›Breidenbacher Hof,‹ bei ›Geisler,‹ bei ›Cürten‹, im ›Luftballon‹, in sämtlichen größeren Sälen der Stadt; überall Karnevalssitzung mit Tanzvergnügen.
Die Mädchen kürzten ihre bunten Röcke, die Burschen suchten sich die greulichste Larve aus, manch ›komplette‹ Bürgersfrau zwängte sich in ein Schäferinnengewand oder setzte sich Kranz und Schleier der Düsselnixe auf’s Haupt. Bis tief in die Nacht brannten jetzt die Lämpchen der Näherinnen, Goldband und Flitter wurden rar, alle Läden waren übervoll von Larven und Pritschen und Brillen und Perrücken, Dreispitzen und Dormeusen. Selbst die Kinder verlangten ihre Mäskchen. Die Stadt war im Rausch, ein Duft von Naunzen und von Muzenmändelchen zog mit dem Wind.
Das Gerücht, in Elberfeld hätte sich eine Bürgerwehr gebildet, die mit weißen Binden um den Arm herumlaufe, war ein Hauptspaß. Helau, die Wupperthaler waren Fastnachtsgecken geworden! Am Rosenmontag trugen die Düsseldorfer ein großes Papierschild durch die Straßen: ›Wupperthaler Bürgerwehr‹; Lahme, Krüppel und Uralte folgten wankend, die weiße Binde mit: ›Schutz der Bürger‹ um den Arm.
Helau, helau!
Die Jungen schlagen Rad, die Mädchen kreischen, Hoppeditz packt die Maritzebill und rast mit ihr zwischen die Zuschauer; alles lacht, jauchzt, jubelt, schreit, selbst die gesetztesten Leute werden vom Torkel erfaßt.
»Helau, helau,« heult es die Straßen entlang. Pritschenschläge knallen, Männer stolpern in Frauenkleidern, Kinder führen Haube und Brille der Großmutter aus; die ›Ferken‹ in den Sackleinenanzügen, mit der Dummejungensfrisur und der bammelnden Schiefertafel um den Hals, tanzen einen Ringelreihen um den alten Jan Willem – weh dem Mädchen, das sie greifen! Abgeküßt wird es, da hilft kein Sträuben.
Nicht Stand noch Obrigkeit wird respektiert, jeder Rücken muß Pritsche kosten, jeder Cylinder wird eingetrieben.
»Verrücktes Volk,« schimpfte der Feldwebel.
Sonst hatte er sich an Karnevalstagen so viel als möglich in der Kaserne gehalten, auch seinen Weibsleuten verboten, die Wohnung zu verlassen, dort hörte man wenigstens nicht das verdammte ›Helau‹, das Rasseln der Knarren, das Schrillen der Pfeifen, das Knallen der Pritschen, das Tuten, das Parpen, das Trommeln, das Quietschen; von weitem nur sah man, jenseits des breiten Exerzierplatzes, das bunte Gewimmel in der Königsallee.
Heute mußte Rinke einen Zug Reservisten von der Köln-Mindener Bahn abholen. Und auch Frau Trina war, kaum daß er die Kaserne verlassen, entschlüpft, um spornstreichs auf die Straße zu eilen; galt es doch, ihren schönen Wilhelm zu bewundern, der zur Ehre auserwählt war in der Mitte des Fastnachtzuges als Prinz Karneval auf rosenbekränztem, goldenem Thron, im vierspännigen Schimmelwagen zu fahren.
Als Rinke an der Spitze seiner Reservisten vom Bahnhof zurückkehrte, stieß er, unweit des Lattenthores auf den Karnevalszug. Schon war er verdrießlich: Kerle hatten ja gar keine Haltung mehr, trotteten, ihre Bündel am Stecken, der eine so, der andre so, nicht mal Schritt am Leibe! Und nun kamen noch die Gecken! Nahmen die ganze Breite der Straße ein – Donnerwetter, die würden doch passieren lassen?! I wo, Bande! Mit Musik und Gejohle zogen sie ungeniert ihres Wegs.
Der Feldwebel mußte seinen Zug halten lassen. Er wendete seine Augen ab – wer mochte wohl solchen Unsinn ansehen? Aber die Reservisten grinsten; jetzt brachen sie in ein wieherndes Gelächter aus.
»Helau, die Dotzmühl! Vivat die Dotzmühl! Helau, helau!« rief das Volk.
Der Wagen des Karnevalvereins ›Dotzmühl‹ passierte. Er stellte eine ungeheure Kaffeemühle vor: oben wurden die Weiber hineingestopft, weißhaarig und bucklig, unten kamen sie wieder heraus, blondhaarig und schlank, schlugen Purzelbäume und warfen Kußhände in’s Publikum.
Aber nun – ein grelles Aufjohlen, ein furchtbarer Knall – Hanswurst hatte eine Riesenbombe oben in die Mühle geworfen, unten flatterte ein ellenlanger Zettel heraus und blähte sich im Winde:
›=Zwischen Mir und Mein Volk soll sich kein Blatt Papier drängen!=‹
»Helau, helau!«
Das war ein ohrenbetäubendes Freudengeschrei, ein unaufhörliches Gelächter; es pflanzte sich fort von vorn nach hinten, von links nach rechts, von groß zu klein.
Der Feldwebel rollte die Augen, der Atem verging ihm fast – ha, die Proklamation Seiner Majestät!! Die Proklamation, die Proklamation –!
Verfluchte Rasselbande! Mit Mühe hielt er an sich, blaß bis in die Lippen. Er kommandierte:
»Ohne Tritt – marrrsch!«
Auf was warteten die Kerle denn noch?! Er wollte sie lehren, zu grinsen! Noch einmal: »Marrrsch!«
Langsam setzte sich der Reservistenzug in Bewegung, aber er traf auf Widerstand. Die Gecken machten nicht willig Platz. Was wollte der Preuß’, der Störenfried?! Konnte der nicht warten, bis Seine Hoheit, Prinz Karneval passiert war?!
»Helau, helau!«
Es klang drohend; scheußliche Fratzen fletschten den Feldwebel an.
»De Preuß’, de Preuß’!«
Ein Geraune war’s nur, aber es wurde zum Murren, Vergebens zeterte Hanswurst, knallten neue Bomben, aller Aufmerksamkeit war auf den Preußen gerichtet, aller Blicke bohrten sich in die Uniform. Freche Bengels legten zwei Hände an die Nase: »Helau!«
Des Feldwebels Hand fuhr an’s Seitengewehr. Eine dunkle Blutwelle schoß ihm zu Kopf, die Stirnader schwoll ihm, rot tanzte es ihm vor den Augen, mit einem gewaltsamen Griff packte er den nächsten: »Platz!« Wütend drehte der sich um; doch Hanswurst legte die Hand auf’s Herz, wie ein Verliebter, warf dem Preußen eine schmatzende Kußhand zu, und dann sich abkehrend, schüttelte er sich mit einer Gebärde des Abscheus: »Brrr!« – Da löste sich der Zorn der Menge in schallendes Gelächter.
»Helau, helau, hahahaha!«
Die Lacher bildeten willig eine Gasse. Bebend vor verhaltener Wut, knirschend vor Empörung, führte der Feldwebel seinen Zug durch. Man ließ ihm freie Bahn, aber hinter ihm gellte das Gelächter.
Jauchzen und Vivatruf begrüßten jubelnd Prinz Karneval. –
Das war ein schlimmer Tag für Rinke. Als er, im Innersten empört, kaum die äußerliche dienstliche Haltung bewahrend, dem Hauptmann Meldung von dem Vorgefallenen machte, zuckte dieser nur die Achseln:
»Ja, in solchen Tagen! Überhaupt hier am Rhein! Wir sind auf exponiertem Posten. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Ich werde aber mit dem Herrn Major sprechen.«
Der Feldwebel war zum erstenmal mit seinem Vorgesetzten nicht einverstanden – was, diese Frechheit gegen des Königs Rock sollte vielleicht gar ungeahndet bleiben?! Kam das nicht fast einem Treubruch gegen den König gleich?! Und sich selber fühlte er ungeheuer blamiert. Das Knallen, Schreien, Kreischen, Juchzen, Lachen – das unverschämte Lachen – lag ihm unausgesetzt noch in den Ohren. Die Pflastersteine der Kasernenstraße, über die er marschiert, waren spitz wie Nadeln gewesen, sie stachen ihn noch jetzt; auch der Boden des Kasernenhofs prickelte ihm unter den Füßen. ›Ruhe, Vorsicht, Mäßigung‹ – ah, nun würde der Herr Hauptmann dem Herrn Major Meldung machen, der Herr Major dem Herrn Obersten, der Herr Oberst dem Herrn General. Und dieser würde die Herren zu einer vertraulichen Besprechung in die Mitte des Exerzierplatzes bitten, wo er, die Hände auf dem Rücken, reden, und die Herren Offiziere, im Halbkreis ihn umgebend, zuhören würden: »Ruhe, Vorsicht, Mäßigung!«
Am folgenden Mittag beim Appell sprach der Hauptmann zur Kompagnie, ganz besonders wendete er sich dabei an die neu Eingezogenen, die stramm, die Hände an der Hosennaht, die Augen starr auf den Vorgesetzten gerichtet, standen.
»Wir leben in einer ernsten Zeit,« sagte er, »ihr werdet es wohl auch schon bemerkt haben. Ihr seid wieder einberufen und habt auf’s neue die Ehre, Seiner Majestät, eurem König, zu dienen. Zeigt euch dieser Ehre würdig. Betrachtet euch nicht als solidarisch mit der Bürgerschaft, ihr seid jetzt nur Soldaten. Aber euer König wünscht ein gutes Verhältnis zwischen euch und der Bürgerschaft. Geht also Rempeleien aus dem Wege, mischt euch nicht unter das Volk. Seid immer eingedenk, daß ihr die Ehre habt, des Königs Rock zu tragen! – Ich mache also hiermit bekannt, daß von heute ab, gegen Androhung von drei Tagen Mittelarrest, jedem Mann hiesiger Garnison verboten ist, öffentliche Wirtshäuser zu besuchen, in denen Bürger verkehren; auch der eventuelle Besuch in Bürgerhäusern ist einzustellen. Es bleibe jeder Stand für sich. Wir leben in einer ernsten Zeit. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! – Und nun laßt uns nach guter alter Soldatensitte rufen: Seine Majestät, unser allergnädigster Herr und König, Friedrich Wilhelm IV. – hurra!«
Die Kerle rissen das Maul auf, dreimal schallte es über den Kasernenhof, kurz und scharf, wie aus der Pistole geschossen:
»Hurra! Hurra! Hurra!«
Der Hauptmann legte die Hand an die Mütze und ging.
»Weggetreten,« kommandierte der Feldwebel; auseinander stoben die Kerle. Lässig, mit müden Beinen stolperten sie dann zur Reissuppe mit Kohl. –
In der Feldwebelwohnung war schlecht Wetter, echte Aschermittwochstimmung.
Frau Trina trug ein, noch immer nicht ganz verwischtes, Aschenkreuz auf der Stirn, das sie sich heute morgen, nüchternen Magens, noch vor der Frühsuppe, in Lambertus geholt, gerade als die letzten Gecken am Calvarienberg hinter der Kirche vorbei durch’s Morgengrau nach Haus taumelten. Der Feldwebel sah’s mit Zorn.
»Kannste dich nich waschen?! Muß der Dreck den ganzen Tag kleben?!« fuhr er sie an.
Sie wischte zum Schein. »Et jeht nit ab!«
Da nahm er sein Sacktuch, spuckte drauf und rieb ihr damit unsanft über die Stirn. »So.«
Das Essen schmeckte ihm nicht – warum gab’s denn heute überhaupt so ein labbriges Fastengericht, nach dem einem der Magen schon um zwei Uhr wieder lang hing?! Was ging ihn der Aschermittwoch an?! Und noch dazu waren die Nudeln nicht einmal gar! Als er um zwölf Uhr hungrig heraufgekommen war und nach alter Gewohnheit zuerst in die Küche geguckt, hatte er Josefine nicht darin gefunden; das Wasser strudelte zwar aus dem Herd und floß zischend über, aber die Nudeln lagen noch trocken auf dem Tisch. Und als er nach ihr gerufen, war sie hastig den Gang heruntergekommen, hochrot, mit verwirrtem Haar. Sie entschuldigte sich: der Leutnant sei erkältet und habe um einen Thee bitten lassen, den habe sie ihm eben rasch selber hingebracht.
Warum war sie so verlegen gewesen, hatte so unnütz viel Worte gemacht, hatte ihm nicht in die Augen gesehen, wie sich’s gehörte, sondern scheu zur Seite geblickt?! Donnerwetter, was hatte sie bei dem Leutnant zu suchen?!
Jetzt beim Mittagessen nahm der Vater die Tochter scharf auf’s Korn. Sie aß nicht; er sah es wohl, wie sie heimlich dem jüngsten Bruder noch ihr Teil zuschob. Ganz benommen guckte sie vor sich hin mit einem verträumten Lächeln. An was, an wen dachte sie?! Rinke empfand es plötzlich wie einen Schmerz – da war was zwischen ihm und seiner Josefine.
»Na!« Früher hatte sie immer gleich seinen Blick bemerkt, jetzt mußte er erst die Faust vor sie hinlegen. »He, Josefine!«
Erschrocken zuckte sie zusammen.
»Nanu?!«
Die Brüder fingen an, verstohlen zu kichern.
»Nanu, an wen denkst du denn?« Es sollte vielleicht neckend klingen, aber er verstand nicht zu scherzen, seine Stimme war scharf. »Wohl an Conradi’n?!«
Sie gab keine Antwort, schüttelte nur, energisch verneinend, den Kopf.
»Na, na, das wäre doch nich unmöglich! Der wird nu wohl bald mal wieder einpassieren. Soll ich ihm schreiben?«
»Nein!« Kurz klang das ›Nein‹, wie angstvoll herausgestoßen.
»Warum denn nich, wenn ich fragen darf? Na?!« Argwöhnisch sah er sie an: das war nicht bloß mädchenhafte Thuerei! Blaß war sie geworden und preßte die Lippen aufeinander und senkte den Kopf.
Die Jungen fingen wieder an zu kichern.
»’raus,« schrie der Vater und zeigte auf die Thür, und sie flohen in die Küche. Dort stopften sie die Fäuste in den Mund und tanzten einen Indianertanz. Hau, nun kriegte die Fina es! Daß die Fina den Sergeanten nicht mochte, das wußten sie ja alle längst, nur der Vater nicht. Das war dem recht, warum war der immer so streng?!
Drinnen in der Stube fing die Mutter an, das Geschirr abzuräumen; sie that sehr geschäftig und wollte es nach der Küche tragen, aber: »Bleib!« rief ihr Mann.
»Was ist los mit dir?« sagte der Feldwebel zur Tochter. Seine Stimme war ruhig, scheinbar gemütlich, aber doch vibrierte etwas in ihr. Sie kannten den Ton, der verhieß Sturm. »Was hast du gegen Conradi’n?«
»Nix!«
»Er ist dir sehr gut!«
»Och –?!«
»Thu nicht so, als ob du das nicht wüßtest! Und en braver Kerl ist er – wenn auch en bißchen mau, – anständig ist er durch und durch! Warum bist du so obstinat? ’nen besseren Mann kriegst du nicht!«
»Ich will jar keinen!«
»Sie hat ja noch Zeit,« wagte Frau Trina einzulenken. Die Tochter that ihr leid; die saß da, wie verdonnert, hielt die Hände im Schoß und rang die Finger ineinander. »Un ich mein’, Rinke, du könnst et als auch noch abwarten, bis de dat Fina los wirst!«
Er brauste nicht auf, wie sonst wohl; ruhig klang es, fast müde: »Zeit – abwarten?! Zeit – jawohl, das ist jetzt ’ne tolle, kein Respekt mehr, kein Parieren! Man paßt nich mehr in den Kram.« Schwermütig stützte er den Kopf in die Hand und sah vor sich hin, versunken in seine Gedanken. »Zeit –?! Wer weiß, wieviel man noch hat!« Die Lippen spitzend, fing er leise an zu pfeifen. Es war das alte Soldatenlied: ›Morgenrot, Morgenrot.‹
Plötzlich fuhr er nervös aus: »Ich hab’ ’ne Unruhe! Ich hab’ sie nu mal! Eh’s los geht, möcht’ ich die Josefine versorgt sehen!«
»Jesus, Rinke, wat haste for Ideen,« sagte Frau Trina, »mer könnt ja wirklich meinen, et jäb Krieg, un du –«
Ein jäher Laut unterbrach sie. Mit weit aufgerissenen Augen hatte Josefine den Vater angesehen, nun sprang sie auf, nun hing sie ihm am Halse. Sie legte das Gesicht auf seine Schulter und schluchzte so in ihn hinein:
»Bis still, Vater, still! Du sollst so wat nit sagen, du darfst so wat nit sagen! Och, Vater, du mußt ewig bei mir bleiben! Vater, jelt, du läßt mich noch hier, ich brauch’ noch nit weg? Och, jelt ja, Vater?! Mein lieber Vater!«
Das war doch noch sein altes Mädel, seine Tochter, die kindlich an ihm hing! Ach, das that wohl! Ein Glücksstrahl flog über sein Gesicht. Er hob ihren Kopf von seiner Schulter und strich ihr die wirren Haare zurück, seine Hand ruhte für Augenblicke schwer und kühl auf ihrer glühenden Stirn.
»Treue, Tapferkeit und Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!« – Warum er das jetzt sagte? Er wußte es selber nicht, die Worte drängten sich ihm gewaltsam auf die Lippen. »Aber die Ehre ist die größte unter ihnen. Mein Kind, über alles die Ehre!«
XIV
Feldwebel Rinke war erstaunt, daß er auf seinen Brief an Conradi, der eine sehr freundliche Aufforderung zu recht baldigem Besuch enthielt, heute aus Vohwinkel die Antwort bekam: ›Leider jetzt unabkömmlich.‹
Was sollte das heißen? Sollte der die Josefine schon vergessen haben? Denn daß der Conradi nicht mal einen Tag Urlaub bekommen könnte, wie er schrieb, war doch kaum anzunehmen. So schlimm würden die Arbeiterkrawalle dort wohl nicht sein!
Mit einem etwas geringschätzigen Lächeln las Rinke den Brief noch einmal durch. Conradi sprach von einem Arbeiteraufstand in und um Solingen, von Bedrohung benachbarter Eisengießereien, von einem Aufgebot der ganzen Gendarmerie im Bezirk. Dienst Tag und Nacht – gar nicht aus den Kleidern kommen – Fabrikgebäude bewachen – Chausseen abpatroullieren und so weiter. Hastig war’s hingekritzelt, als wäre es im stehen geschrieben. Kaum ein Gruß darunter.
Ausreden! Als ob nicht der Anblick allein eines preußisch gedrillten Gendarmen mit blanker Waffe schon genügt haben würde, einen ganzen Haufen solchen Gesindels in die Flucht zu jagen! Der Conradi hatte nur keine Lust zu kommen.
Verärgert ging der Feldwebel heute seinen Pflichten nach. Er erboste sich in Gedanken gegen sich selber – wer hatte ihn geheißen, dem jüngeren Kameraden so die Avancen zu machen? Und böse war er auch auf Josefine – das kam von ihrem bockigen Wesen, nun schnappte der ab.
In einer nervösen Unruhe lief Rinke hin und her. Seit ein paar Tagen verließ ihn die Angst nicht mehr – in einer schlaflosen Nacht hatte sich’s in ihn eingebohrt wie eine fixe Idee –: hatte der Leutnant von Clermont mit der Josefine etwas vor?
Ein Wunder wäre das nicht, er war jung, sie war jung, sie war hübsch und er wahrhaftig ein glänzender Herr, in den sich ein Mädel wohl verschießen konnte. Und die Josefine war jetzt in den Jahren.
»Himmelkreuzsakrament!« fluchte der Feldwebel in sich hinein, und dann rannte er plötzlich, von einer heftigen Unruhe erfaßt, an die Stiege, die zu seiner Wohnung hinaufführte, und lauschte. Ob der Leutnant schon wieder nach der Küche kam und um heißes Wasser bat? Über den Gang waren es ja nur ein paar Schritt – und der Gang war einsam und dunkel!
Das Blut stieg dem Vater zu Kopf, er kletterte eilends hinauf. Vorsichtig lugte er durch die Thürspalte. Josefine war in der Küche – allein!
Sie saß auf dem Schemel am Fenster, das Messer, mit dem sie Kartoffeln schälen sollte, war ihrer Hand entfallen, die Kartoffeln waren aus ihrer Schürze bis mitten in die Küche gekollert, sie merkte es nicht. Sie merkte nicht einmal, daß der Zipfel ihres Rockes in die Wasserschüssel am Boden stippte. Mit einem glücklichen Gesicht träumte sie in den blauen Himmel hinein – oder starrte sie nach dem Fenster der Offiziersstube drüben?!
Behutsam schlich Rinke wieder hinunter, er schämte sich, den Spion gespielt zu haben; und doch war er erst beruhigt, als er den Leutnant von Clermont zum Thor schreiten sah.
Der ging nun aus. Schlank und elastisch schritt er über das holprige Pflaster längs der Blocks; geschickt balancierte sein Fuß im blitzblanken, schmalen Stiefel über schmutzige Stellen. Ein Stäubchen lag ihm wohl auf dem Waffenrockärmel, er schnippte es weg, und dann pfiff er in die laue Luft und machte mit einem: ›ksch, ksch – puff!‹ die hungrigen Spatzen bange, die unter den knospenden Ahornbäumen schirpend des Frühlings warteten. In einem Schwurr flogen sie auf; über’s ganze Gesicht lachend, sah er ihnen nach.
So heiter, so wohlgemut, was kostet die Welt?!
Der Feldwebel sah dem schlanken Offizier nach, bis das schwere Thor hinter ihm in’s Schloß gefallen war. Nein, da war kein Zweifel, den mußte ja ein Mädel lieben! Und konnte man ihr darum böse sein? Nein, nicht einmal! Lachte einem doch selber das Herz im Leib, wenn man dem nachsah. Der Junge hatte doch noch mehr los, wie sein Vater! Man merkte es, daß der im Korps erzogen war, von Grund auf militärisch. Forsch war er, ein Sappermenter. Vor der Front stand er wie ’ne Tanne, seine helle Stimme schmetterte über den Platz. Die Kerle hatten Dampf vor ihm; er sah jeden Mann, sein Auge, das sonst so lustig herumfackelte, bekam dann einen ganz niederträchtig scharfen Blick. Sein Kinn straffte sich, und wenn er zwischen den zusammengebissenen Zähnen herausstieß: ›Krummer Hund!‹ dann zitterten sie alle! Der Feldwebel schmunzelte. Und bei den Vorgesetzten war der Leutnant auch gut angeschrieben – ja, der kriegte noch mal die Generalsepauletten! Ach, wie stolz konnte der Major auf seinen Sohn sein!
Das Schmunzeln verschwand jäh, ein Zug von Gram vertiefte die Furchen, die Rinke von der Nase herab nach den Mundwinkeln liefen. Ach ja, =der= Junge konnte ’nem Vater schon Freude machen!
Er stand noch lange und starrte auf einen der schmalen Abdrücke, die der leichte Tritt des Leutnants, kaum sichtbar, im weichen Grund hinterlassen.
Wenn er nur die Josefine in Sicherheit wüßte! Ihm wurde heiß und kalt. Aber vielleicht täuschte er sich? Nun, desto besser. Doch gefährlich war die Nähe jedenfalls. Zu fatal, daß der Conradi dienstliche Abhaltung vorschützte! Der Esel! War es denn die Josefine nicht wert, daß man sich ein bißchen um sie mühte? Solch ein Mädel zu gewinnen, ist ebenso schwer, wie Major werden.
Der Feldwebel grollte dem Kameraden. Arbeiterunruhen – Unsinn! Grollend ging er zum Mittagessen.
Droben fand er große Aufregung. Die Knaben waren soeben aus der Schule gekommen, vor Eifer schrieen sie durcheinander: daß der Wehrwolf bei Hammersphar brennen sollte; daß die Gießereien zu Rinkenberg und Höchscheid und Burgthal demoliert würden; daß die Aufständischen auf Solingen selber los marschierten.
»Alle Maschinen, sagen se, sind ausenanderjerissen – hau – un auf de Eisenstangen han se de Fabricksherren aufjespießt!«
Frau Trina schrie laut auf: »Materdeies, wann die hiehin kommen!« Sie war gar nicht zu halten, wollte durchaus auf die Straße und Erkundigungen einziehen.
Der Vater wetterte noch über den Unsinn – die Jungen schwiegen, aber in ihren herausgedrückten Augen las man weitere Schreckensnachrichten – da wurde auch schon Alarm geblasen.
Grell tutete es von den Höfen herauf, die Trommel wirbelte. Aufgescheucht aus ihrer kurzen Mittagsrast, rannte die Mannschaft umher. Stiegen knarrten, Thüren klappten, Kommandos erschallten. In einer halben Stunde schon rückten zwei Kompagnien Sechzehner aus, sie waren für Solingen designiert.
Also Conradi hatte doch keine Ausflüchte gemacht?! Mit einer gewissen Befriedigung stand der Feldwebel im Kasernenthor und sah den Abmarschierenden nach, sah den letzten Tornister, das letzte Paar der nägelbeschlagenen Kommißstiefel um die Ecke verschwinden. Ihm war’s lieb, daß seine Kompagnie nicht Befehl zum ausrücken erhalten hatte – die Waffen gegen solches Pack zu gebrauchen, war keine Ehre. Das war keinen Schuß Pulver wert wie ein ehrlicher Feind. Stockprügel, Stockprügel! Gewehr umgedreht und mit dem Kolben ihnen den Hintern versohlt! Er spuckte aus:
»Bande!«
Die Aufregung seiner Frau war ihm lächerlich. Was, Angst?! Nur die Bajonettspitzen brauchte der Pöbel von weitem blitzen zu sehen und den gleichmäßigen Tritt der Kolonne zu hören, da gab er schon Fersengeld. Es giebt nichts auf der Welt, was so einschüchternd wirkt, wie die Geschlossenheit der Truppe und das militärische Kommando.
Frau Trina aber gab sich nicht zufrieden. Sie war im ›Bunten Vogel‹ gewesen; da hatte die Wirtsstube gestopft voll gesessen. Die Leute erzählten von einer Deputation, die von Köln nach Berlin gereist war. Alle waren sich darüber einig, daß der König mehr Freiheiten geben mußte. Etliche hatten gar gewußt, daß in Berlin selber auch Unruhen ausgebrochen seien – mit Pflastersteinen war nach den Soldaten vor’m Schloß geworfen worden!
Der Feldwebel höhnte: »I wohl, Soldaten mit Pflastersteinen schmeißen! Hat sich was! Daß du dir solchen Blödsinn vorreden läßt!«
Rinke glaubte an diese Gerüchte nicht. Ja, hier am Rhein, da mochte es wohl schon eher möglich sein, daß es einmal rebellisch spukte – Volk ohne Haltung, ohne Disziplin! – aber in Preußen, in der Hauptstadt, gleichsam unter den Fenstern Seiner Majestät?! Unmöglich!
Der Feldwebel hielt sich heute noch strammer als gewöhnlich. Als er auf die Straße trat, um hinüber in’s Stammlokal zu gehen, reckte er sich kerzengerade; wie Falken, zum niederstoßen bereit, lauerten seine Blicke. Die Mütze hatte er etwas schief auf das, an den Schläfen schon stark ergraute Haar gerückt und den Schnauzbart aufgestrichen; er sah unternehmend aus.
Die Kameraden am runden Tisch fanden, daß heute nicht gut mit Rinke auskommen war. In der That, die ewigen Erzählungen von den Pöbelrevolten reizten ihn – war es der Rede wert, nur ein Wort über so etwas zu verlieren?! Als gar einer im Flüsterton, mit bedenklicher Miene, die Geschichte zum besten zu geben wagte, die auch Frau Trina heute berichtet, riß ihm die Geduld. Was, der Pöbel sollte die Schloßwachen insultiert haben –?! Ein solcher Gedanke schon war eine Beleidigung des ganzen preußischen Militärs!
Mit Mühe nur ließ der Feldwebel sich beruhigen. Mißmutig, früher als sonst, ging er heim.
Auf der Straße war noch reges Leben. Vor den Hausthüren standen Gruppen, Menschenmassen wogten hin und her. Neugierige liefen hinter schreienden Knaben drein, die ausposaunten, daß man hinter Bilk und vom Hammer Damm aus die ganze Stadt Neuß brennen sehen könne.
Viele rannten hinaus auf die Felder. Jenseits Dorf Hamm, über’m Rhein, mußte ein mächtiger Brand wüten. Rauchmassen wälzten sich dem Strom zu, und Feuersäulen lohten auf; Funkenregen, ganze Funkengarben schossen durch’s nächtliche Dunkel.
Bleiche Gesichter sahen sich an. Bis auf die Kasernenstraße glaubten ängstliche Gemüter den Brandgeruch zu spüren. Viele Bürger stiegen zur Bodenluke heraus auf’s Dach und observierten den Himmel.
Am Morgen wurde es bekannt: eine große Fabrik zu Neuß war niedergebrannt, von ruchlosen Händen angesteckt. Und aus Mülheim an der Ruhr, aus Lübbecke, aus Gütersloh, aus Elberfeld, aus vielen andern Orten in geringerer und weiterer Entfernung liefen beunruhigende Gerüchte ein. Die Wirtshäuser der Stadt waren heute überfüllt, dicht gedrängt saßen die Bürger auf der Bierbank; so viel hatten sie lange nicht am Stammtisch zu bereden gehabt. Es war ein Sonntag, aber auch wenn es Wochentag gewesen, wäre keiner seinen Geschäften nachgegangen, denn der St. Sebastian-Schützenverein hielt heute Generalversammlung auf dem Hunsrück. Da strömte alles hin. –
In der Kaserne war es still, totenstill. Im Morgengrauen war noch Militär nach Lennep ausgerückt, dabei hatte es für kurze Zeit Leben gegeben. Jetzt lag der weite Platz leer, in den Pfützen spiegelte sich eine bleiche Sonne, und der scharfe Märzwind schnaufte darüber hin.
Die Sonntage waren immer langweilig, der heutige kam Rinke endlos vor. Zeitung mochte er nicht lesen, wozu sollte er sich ärgern? Mit großen Schritten lief er in der Stube auf und ab, und dann stand er wieder am Fenster und trommelte unruhig auf die Scheiben. Stirnrunzelnd betrachtete er den Himmel – so zerrissen war der, bedeckt von gejagten Wolken, die in fratzenhaften Umrissen Gestalt von Ungeheuern gewannen. Jetzt trieb ein Untier von der Allee heran, mit ausgebreiteten Schwingen segelte es über den Kanal, über den Exerzierplatz, gerade auf’s Fenster zu. Unwillkürlich trat der Feldwebel zurück, ihm war, als senke sich das schwarze Wolkengebild schwer herab.
»Josefine!«
Keine Antwort. Noch einmal:
»Josefine!«
Wo steckte sie nun wieder?! Er ging in die Küche, in die Schlafkammer, durch die ganze Wohnung. Er rief auch auf dem Gang. In der Leere hallte seine Stimme. Fröstelnd rieb er sich die Hände. Ganz allein! Die Käthe war mit den Jungen zu den Großeltern gegangen; vielleicht die Josefine auch? Sie hatte ihm aber nicht Adieu gesagt.
Er entschloß sich, auch auszugehen. Das Seitengewehr umschnallend, verließ er die Wohnung; auf einmal hatte er’s eilig.
War sie mit der Mutter gegangen – oder wo war sie? Einen scheuen Blick warf er hinauf zur Offiziersstube; der Leutnant schien nicht da zu sein, denn der Bursche fläzte sich am Fenster.
Seine Unruhe trieb ihn nach dem ›Bunten Vogel‹.
Als er so, weit ausholenden Trittes, durch die Straßen schritt, fiel ihm plötzlich ein, wie er schon mehr als einmal dorthin geeilt in Hast und Unruhe, einen Flüchtling zu suchen. Das erste Mal: die junge Mutter und das junge Kind – ach, was war die Josefine für ein süßes Kindchen gewesen!
Mit Blitzesschnelle entrollten sich ihm siebzehn Jahre. Immer Josefine! In der Wiege – in den ersten Schuhchen – pfeilschnell dahinschießend im wilden Lauf – beim exerzieren – mit dem Schulranzen – am Einsegnungstag im ersten langen Kleid – eine Mutter unter den Geschwistern – fleißig am Waschzuber – trillernd wie eine Lerche – immer und immer Josefine! Allezeit war sie seines Herzens Freude und Wonne gewesen.
Ihn dünkte heute die unbestimmte Angst um sie fast größer, als jene, die er empfunden in schneeiger Winternacht, da er hier entlang gestürzt, den verlorenen Sohn zu suchen.
Immer und immer der gleiche Weg, das Pochen an die gleiche Thür! Mußten sie denn alle dahin laufen, immer nach dem ›Bunten Vogel.‹ Weib, Sohn, Tochter?! Und er wie ein Narr hinterdrein?!
Ein jähes Gefühl stieg in ihm auf, das sein Blut wallen machte und sein Auge verdunkelte. O, dieses behäbige Bürgerhaus mit seiner allezeit offenen Thür, mit seiner ewigen Lampe unterem Marienbild, mit seinem Duft nach Rheinland und Rheinwasser! Es stahl ihm das, was sein war.
Des Feldwebels Gesicht wurde sehr finster, mit einem bösen Blick sah er umher – o, diese Stadt! Nein, er hatte sie nie lieben gelernt, verhaßt war ihm ihr Pflaster! Nie würde er hier eine Heimat finden, fremd blieb ihm ewig dieser Boden!
Diese nie versagende Fröhlichkeit widerte ihn an – horch, wahrhaftig, da gröhlten sie schon wieder!
Er war auf dem Hunsrück angelangt. In der Wirtschaft bei Prehl standen Fenster und Thüren offen, die Räume schienen zu eng, um die noch immer zuströmenden Männer und Burschen zu fassen. Drinnen redete einer mit mächtiger Stimme. Aha, jetzt erschallten brausende Hochrufe! Was war denn los?
Eine schwarz-rot-goldene Fahne entfaltete sich plötzlich aus einem Fenster des Obergeschosses, flatterte im Winde und blähte sich. Und innen im Lokal und außen auf der Gasse huben plötzlich hunderte wie aus einer Kehle an:
»Freiheit, die ich meine, Die mein Herz erfüllt!«
Weithin dröhnten die kräftigen Stimmen der St. Sebastian-Schützenbrüder.
Der Feldwebel blieb an der jenseitigen Häuserreihe stehen – was, waren sie jetzt schon alle betrunken?! Es schien so. Sie jubelten laut, sie schlugen sich auf die Schultern, sie schüttelten sich die Hände, sie sanken sich in die Arme, sie küßten sich – Männer küßten sich! Buben, kaum drei Käse hoch, wurden in die Höhe gehoben, jubelnd haschten sie nach dem schwarz-rot-goldenen Zipfel. Klatschend trieb der Wind die Fahne gegen Mauer und Fenster; jetzt breitete sie sich aus und spannte sich über die Gasse wie ein straffes Tuch in leuchtenden Farben.
Schwarz-rot-gold – hm! Kopfschüttelnd ging Rinke weiter; aber erneuter Gesang schallte hinter ihm drein und verfolgte ihn bis zum Ende der Gasse, noch weiter:
»Deutschland, Deutschland über alles!«
Trotzig stieg es in ihm auf – schwarz-rot-gold, was sollte das?! Es gab nur eine Fahne:
›Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben? Die Fahne weht mir schwarz und weiß voran!‹
Schwarz-weiß! Ein ungeheurer Stolz schwoll in ihm. Aufgereckt, kerzengerade stieg der Preuße über die Straße; ein paar Knaben lachten hinter ihm her. So kam er im ›Bunten Vogel‹ an.
Seine Frau und seine Söhne fand er dort. Josefine nicht.
»Och Jott, Rinke, du has auch immer jett,« sagte Frau Trina auf sein hastiges Fragen nach der Tochter. Ordentlich mitleidig sah sie ihren Mann an. »Wat du der immer für Sorg’ machst, rein um jar nix! Wenn mer so is, kann mer ja sein Leben nit froh werden. Wo soll dat Fina dann hin sein? Et is doch kein klein Stümpken meh, dat verloren jeht!«
Rinkes erstes Gefühl war gewesen, wieder nach Hause zu eilen und dort auf die Tochter zu warten; nun blieb er doch hier. Wenn er nun allein zu Hause blieb mit seinen Gedanken?! Ihm grauste davor. Mechanisch streifte er die Handschuhe herunter und schnallte das Seitengewehr ab.
Frau Trina hatte ihn neben sich auf die Bank gezogen, sie freute sich, daß er endlich wieder einmal mit ihr hier saß. Nun zwinkerte sie vergnügt ihrem Ältesten zu:
»Du, Willem, bring dem Pappa jett zu drinken!« Der Sohn that’s, aber dann drückte er sich zur Thür hinaus, die Großmutter mußte selber aufstehen und dem Schwiegersohn das Bierglas neu füllen.
Heute waren keine Gäste im ›Bunten Vogel‹, alles hockte beim Prehl auf dem Hunsrück. Eine große Behaglichkeit lag über der halbdunklen, altmodischen Wirtsstube. Das ewige Lämpchen unter’m Marienbild glimmte mild mit rötlichem Schein; friedlich still war’s draußen auf der Straße, kein Hund bellte, kein Fußtritt hallte.
Stiller wurde es auch in des Feldwebels Seele.
Frau Trina hatte ihre Hand in die seine geschoben; das war lange nicht geschehen. Auch das freundliche Gesicht der alten Frau, gegenüber am Tisch, that ihm wohl. Nachtragend war die nicht, das mußte man ihr lassen, und der alte Peter Zillges auch nicht, der lächelte in einem fort, kindisch zufrieden.
Ein Gespräch wollte aber trotzdem nicht in Fluß kommen; man begnügte sich, nur einander freundlich anzusehen. Langsam sank die Dunkelheit.
Da krachte auf einmal ein Schuß auf der Straße, die Frauen stießen ein erschrockenes: ›Jesus Maria!‹ aus. Die Knaben wollten neugierig zur Thür stürzen, ein barsches: ›Halt!‹ des Vaters rief sie zurück. Der Feldwebel war auch aufgesprungen und horchte, den Kopf vorgeneigt.
Noch mehr Schüsse.
Und nun plötzlich Fackelglanz draußen im Dunklen: ein ganzer Trupp Menschen zog vorüber, Männer, Jünglinge, Knaben.
Und nun Freudengeschrei: »Illuminieren! Bürjer, Lichtches eraus! Hoch de König! Vivat, de soll leben! Lichtches eraus, Bürjer, illuminieren!« Die Stimmen gellten durcheinander.
Das war ein Trappeln und Rennen, ein Pflasterdröhnen; die stille Ratingerstraße belebte sich wie durch Zauberschlag.
Hunderte von Menschen. Nun trabte ein Rudel Jungen heran:
»Hä küt, hä küt! Hoch de San Sebastian-Schützeverein! Hoch de König! Hoch, hoch, hoch!«
Ein paar Stadtmusikanten fiedelten und bliesen aus vollen Backen. Jetzt brausende Jubelrufe – der Chef von St. Sebastian erschien, fast wankend unter der Wucht der schwarz-rot-goldnen Fahne. Jubelnd, jauchzend, singend umringten ihn die Schützen. Heute marschierten sie nicht in Reih’ und Glied, heute lief jeder wie er wollte und schwamm auf Freudenwogen.
»Düsseldorfer Bürger, Stadt illuminieren!« Von allen Seiten tönte das Verlangen, der Rheinwind trug den Ruf weiter.
Und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen.
Und Freudenschüsse vom Mühlenplätzchen, vom Burgplatz, vom Markt her; nach dem Rathaus drängte die Menge.
Das knatterte und knallte und blies und fiedelte und juchzte und frohlockte. Die Träger schwangen ausgelassen ihre Fackeln, greller Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster; wie bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser.
Frau Trina war mit der Mutter und den Kindern an die Hausthür gelaufen, in größter Neugier faßte sie einen der Vorüberstürzenden am Ärmel: »Wat es dann passiert? Sagt doch!«
»Ich weiß et nit – Vivat hoch, hoch, hoch!«
Sie mußte sich an einen andern wenden: »He, wo lauft ihr dann hin?«
»Nao’m Rathuus! Mir bringen de Fahn’ derhin!«
»Warum dann? Warum schreit ihr dann eso?!«
»Ich weiß et nit!«
»Wat? Och, sagt doch!«
»Ich weiß et nit! Ho–ch!«
Keiner hielt ihr stand. Eine genügende Antwort bekam sie nicht. »Mir feiern,« das brachte sie endlich heraus.
Schnakenbergs Hendrich kam jetzt die Straße entlang. Der war auch bei den Schützen, eine Preismedaille trug er auf der Brust. Es gab Frau Trina einen leichten Stich durch’s Herz – ach, wie schön müßte es sein, am Arm eines solchen Preisschützen alles gucken zu gehen!
»Pst – Sie – ’n Abend, Herr Schnakenberg!«
Der Hendrich war doch immer noch galant; trotzdem alles vorwärts drängte, blieb er einen Augenblick bei ihr stehen. »Kuck ens an, dat Tring!«
»Och, sagen Se doch, wat wird dann jefeiert?«
»Och, de König in Berlin – no, wissen Se – de König, de hat en Amnestie erlassen. Freiheiten soll de jejeben haben. Vor en Stund’ is de Nachricht jekommen. ’schwind, Madam Rinke, ’schwind, nu jiebt et wat zu kucken! Mir bringen ene Fackelzug nao’m ›Jägerhof‹ – adjüs! De Prinz Friedrich, de Protektor vom Verein, de soll leben! Hoch de Prinz Friedrich! Hoch de San Sebastian-Schützenverein! Hoch de König! Hoch die Freiheit! Hoch dat janze königliche Haus – hoch!«
Und ›hoch‹ schrie’s nach, hundertfach. ›Nao’m Jägerhof, nao’m Jägerhof!‹
Das Durcheinander entwirrte sich schnell; zu zweien und dreien reihten sich die Schützen – Fackelträger rechts und links – voran die schwarz-rot-goldne Fahne. Wohlgeordnet, mit Musik und Gesang, setzte sich ein Zug in Bewegung. Und immer noch schlossen sich Bürger an, auch Frauen und Mädchen und Kinder liefen nebenher, immer mit im Schritt, und mischten ihre hellen Stimmen in den Chor der Männer:
›Was ist des Deutschen Vaterland?!‹ –
Mächtig dröhnte es durch die Nacht.
Nun hielt es Frau Trina nicht mehr aus – ihre Söhne waren schon längst auf und davon – sie stürzte in die Stube zurück: »Rinke, ich jeh’ ens kucken!«
Der Feldwebel stand am Fenster, beide Hände auf’s Fensterbrett gestützt, und starrte hinaus. Als seine Frau rief, sah er sich nicht um. Das mächtige ›O nein, o nein, o nein, o nein – sein Vaterland muß größer sein,‹ das draußen noch immer anschwoll, verschlang jeden andern Laut.
»Rinke, Rinke!« Trina stieß ihn an.
Da fuhr er herum. »Was willste?«
»Kucken jehn! Komm doch auch mit! ’schwind, lassen mir jehn!«
»Ja,« sagte er hart, nahm sein Seitengewehr vom Haken an der Wand und zog den Gurt mit einem Ruck straff zu.
»Mutter,« rief der alte Zillges von der Ofenbank her. Der Fackelschein, das Knallen, das Laufen draußen hatte ihn anscheinend gar nicht berührt, still hatte er dagesessen und die Daumen umeinander gedreht; nun hörte er den brausenden Chor. Aushorchend legte er die Hand hinter’s Ohr: »Mutter, wat singen se da?«
Seine Alte trat zu ihm; den Arm um seine Schultern legend, schrie sie ihm in’s Ohr: »Dat Lied von Deutschland!«
»Von Deutschland – Deutschland –?!«
»Eja. Wat es des Deutschen Vaterland?! Dat neue Lied!«
»Deutschland – Vaterland?!« grämelte der Greis. »Mir sin Düsseldorf Börjer!«
Der Feldwebel hatte es gehört; kurz sah er nach Bürger Zillges hin, seine Mundwinkel zogen sich dabei in einem verächtlichen Lächeln herab: der alte, eingefleischte, rheinische Dickkopf!
Dann folgte er seiner Frau zur Thür, strammen Schrittes. Seine Stiefel knarrten, sein Rock warf keine Falte – Brust heraus, jeder Zoll ein Preuße.
Die Straßen waren hell, in allen Fenstern brannten Lichter; wer nicht genug Leuchter hatte, stellte seine Kerzchen in ausgehöhlte Kartoffeln. Auch Öllampen halfen aus. Alle Hausthüren waren geöffnet, alle Gesichter glänzten froh. Der scharfe Märzwind hatte sich mit dem Abend gelegt, leichte Lüfte nur wehten vom Rhein und spielten um die schwarz-rot-goldene Fahne.
Im Hofgarten reckten die Bäume ihre Knospen in’s Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Feuchtwarmer Hauch strich säuselnd um erstes junges Gras. Der Winter war vorbei, Träume wachten auf, die noch geschlafen; hoch in den Wipfeln rauschte es von: Frühling, Frühling!
XV
Wie ein wüster Traum erschien dem Feldwebel die vergangene Nacht. War’s denn Wahrheit, die schwarz-rot-goldene Fahne wehte wirklich vom Rathaus, auch im hellen Licht des neuen Tages?! Die Verrückten!
Aber einen stillen Triumph hatte er: Der königliche Prinz im Jägerhof hatte ihren Fackelzug abgelehnt. Er war nicht auf dem Balkon erschienen trotz all der Rufe: ›Es lebe Prinz Friedrich.‹ ›Es lebe der König!‹ Trotz aller Gesänge waren die Fenster dunkel geblieben, das Schloß schien ausgestorben, einzig ein paar Lakaiengesichter hatten sich scheu hinter den Scheiben des Parterregeschosses gezeigt. Das enttäuschte Volk hatte lange geharrt, zuerst geduldig; aber dann, frech wie sie waren, hatten einige geknurrt, andere sogar gepfiffen. Das Blut war Rinke heiß zu Kopf gestiegen.
Da war ihm eiskalt geworden.
Ein Mädchen war vorübergegangen, ein blondes Mädchen, am Arm eines schlanken Herrn. War das nicht Josefine –?! Ja, und das war der Leutnant, trotz des Civils! Ja, sie waren es, und wenn sie sich auch noch so vorsichtig im Schatten hielten! Auf den Prellstein an der Jägerhofstraßenecke war Josefine neugierig geklettert, lachend hatte sie sich auf ihres Begleiters Schulter gestützt; dann hatte der sie herabgehoben, und in zärtlichem Aneinanderschmiegen waren sie wieder untergetaucht zwischen einsamen Büschen des Hofgartens. – – –
Nun sollte sie ihm aber her heute morgen!
Mit einem Fluch fuhr der Feldwebel aus dem zerwühlten Bett, aber der Fluch wurde zum Stöhnen. Sein Mädel, seine Josefine! Sie liebte den Leutnant, – wie unglücklich würde sie sein! Aber – laß sie weinen! – jetzt fest sein wie Eisen, kalt Blut! Er setzte die strengste Miene auf.
Als er nach ihr rief, kam sie ahnungslos gelaufen rosig angehaucht vom Morgentraum und einem inneren Glück.
»Willste wat, Vater?«
Er sah sie nicht an, machte sich mit seinem Anzug zu schaffen. Es klang nur so nebenbei: »Wo warst du gestern?«
»Jestern? – Och – de Illumination kucken!«
»So, hm« – er machte eine Pause und sah sie scharf an, sie war plötzlich dunkelrot geworden – »allein?! – Allein, he?!«
»Ich – och – Vater, wat biste so komisch! Ich – wat is dann, wat haste dann?«
Wie verlegen sie war! Gott sei Dank, das Lügen und Verstellen hatte sie doch noch nicht ganz gelernt! Sie war sehr ängstlich.
»Ob du allein gegangen bist, frag’ ich dich! Antwort!«
»Ich – ja – ne –« sie zögerte, sie wand sich, und dann sagte sie hastig: »Ja, ja, allein!«
»Du lügst!«
Zwei Worte nur waren es, aber sie fielen wie zwei Hammerschläge. Josefine knickte förmlich zusammen, ihre Röte verwandelte sich in Blässe, ihre Lippen zitterten. Nun war sie wie damals der Wilhelm – keine Silbe, kein Laut – sie wich nur zurück, langsam, Schritt für Schritt.
Der Vater folgte ihr. Jetzt faßte er ihren Arm und zog sie zu sich heran. Dicht waren seine Augen den ihren; ob sie die Lider auch niederschlug, sie fühlte doch seinen scharfen Blick. Der wühlte sich förmlich in sie hinein, der durchfuhr ihr Herz – so viel Strenge, so viel Zorn in diesem Blick, ach, und so viel Gram!
»Du lügst?!« wiederholte er. Es klang wie ein Schmerzensruf, wie eine bange Frage. »Hab’ ich dich lügen gelehrt? Sag, hab’ ich?« Er preßte ihren Arm mit eisernem Griff. »Hab’ ich dich nicht Ehre gelehrt?!«
Sie gab keine Antwort.
Da übermannte ihn der Zorn, er rüttelte sie, daß ihr die Haarnadeln herausflogen und die lose aufgedeckten Zöpfe herunterfielen. »Ich habe dich gestern gesehen!«
Die Tritte der Mutter näherten sich außen der Thür.
»Bleib draußen,« brüllte der Feldwebel und drehte den Schlüssel um; und dann packte er wieder den Arm der Tochter und flüsterte heiser: »Du lügst ja – pfui Teufel!« Mit einer Gebärde der Verachtung stieß er sie von sich.
Da raffte sie sich auf. Trotzig den Kopf aufreckend, trat sie vor ihn; entschlossene Energie ließ ihre weichen Züge fester erscheinen, den seinen ähnlich. Die Thränen herunterschluckend, sah sie ihm gerade in’s Gesicht.
Sein Ton wurde unbewußt milder, wie der einer Klage: »Du – du – warum belügst du mich?!«
Es kämpfte in ihrem Gesicht, und dann kamen die Thränen, schluchzend stieß sie heraus: »Wir – fürchten – dich – alle –! Weil wir dich fürchten!«
Er starrte sie entsetzt an: »Du – auch?!«
Sie gab keine Antwort.
Er stand gegen den Tisch gelehnt, als müsse er sich stützen. Jetzt fuhr er sich langsam mit der Hand über die Stirn, über das ganze erblaßte Gesicht.
»Also du – fürchtest mich auch,« sagte er tonlos. »Mein Gott, mein Gott!« – Dieses flüsterte er nur noch in sich hinein, wie ein heimliches Stoßgebet. – »Sie fürchten mich alle. Alle. Herrgott, nur diese eine hier laß mir – die Josefine! Sie soll mich nicht fürchten!«
Sein Blick verdunkelte sich, brennend schoß ihm etwas Heißes in’s Auge.
Josefine sah es.
»Vater!« schrie sie, lief auf ihn zu und zog ihm die Hand herunter. »Ich sag’ et ja, ich sag’ et! Nein, ich fürcht’ dich nit! Vater, mach kein so traurig Jesicht! Ja, ich bin mit dem Viktor jejangen – wir haben uns lieb« – ein Ausdruck des Entzückens verklärte ihr Gesicht – »ach, janz schrecklich lieb! – Ne, lügen will ich nit mehr, dadrum sollste dich nit jrämen! Meinswejen schlag mich – ich kann nix dafor, ich hab’ ihn so lieb!«
»Hm, ja – so sehr lieb?«
»Och ja, och ja!«
»Er dich auch?«
»Ja, och ja!«
Rinke holte tief Atem, es lag ihm allerlei auf der Seele – eine große Angst – aber er fragte nur noch: »Hat er dich oft bestellt?«
Sie nickte. Einen Augenblick zögerte sie, aber dann setzte sie ganz von selbst hinzu: »Spazieren jejangen sind wir abends, und dann –« hier wurde ihre Stimme leiser, sie flüsterte, alle Furcht vergessend, in einer glückseligen Erinnerung – »ich bin auch als mal auf seiner Stub’ jewesen.« Sie seufzte tief auf und strich sich mit beiden Händen das Haar aus dem Gesicht. »Nu weißte alles!«
Alles? – War das auch wirklich alles – alles?! Des Feldwebels Blick blieb auf der Tochter haften, als wolle er in ihrer Seele lesen. Sie hielt den Blick aus.
Halb kühn, halb bang, wartete sie, – was würde er sagen, was thun?! Jetzt hob er die Hand – unwillkürlich kniff sie die Augen zu – jetzt – jetzt würde der Schlag fallen –
»Setz dich,« sagte der Vater.
Erstaunt öffnete sie die Augen weit, seine Stimme klang ja weich.
Ein flüchtiger Sonnenschein war über Rinkes Gesicht geglitten, ruhiger nahm er am Tisch Platz. Gottlob, noch war nichts verloren, es konnte noch alles gut werden! Und rasch flogen seine Gedanken zu Conradi hin. Er atmete tief auf, wie von einer Last befreit, aber dann trommelte er energisch auf die Tischplatte.
»Nu machste aber ’n Ende! So weit, aber nich weiter, hörst du?! Ich mache dir keinen Vorwurf, wirst dir das Nötige wohl alleine sagen können, alt genug biste dazu. Jetzt heißt es: ›Ganzes Bataillon – kehrt!‹«
Sie ließ den Kopf hängen.
Er sprach weiter, scheinbar ohne die Thränen zu bemerken, die über ihre Wangen strömten. Lange redete er auf sie ein, ohne Zorn, ohne Härte – Donnerwetter, konnte er es dem Mädel denn verdenken, daß es in den Clermont verschossen war?! Schneidiger Junge! Und ein Mann von Ehre war’s nebenbei auch noch. Ja, ein echter Offizier, nicht nur adlig von Geburt! Rinke fühlte sich ganz beruhigt – nein, da war nichts passiert!
»Heule man nich, Josefine,« sagte er zuletzt und strich der Tochter leicht über das Haar. »Danke Gott, bei ’nem andern hättste böse ankommen können. Und nu, Kopf oben! So was vergißt sich, wenn man Mumm hat, und den haste ja. Heirate ’nen braven Mann. Der Conradi wird dich schon glücklich machen!«
Sie zuckte zusammen. Immer tiefer hatte sie den Kopf gesenkt, nun warf sie sich vornüber auf den Tisch und brach in fassungsloses Schluchzen aus.
»Na, na!« Rinke stand auf und sah ziemlich bestürzt auf sie nieder; dann aber lief er mit kurzen Schritten vor ihr auf und ab, diese ungebärdige Heulerei fing an ihn zu ärgern. Was hatte sie sich denn eigentlich eingebildet, sollte diese Liebelei immer los so weiter gehen?!
»Hör auf,« sagte er streng und zwang ihr den Kopf in die Höhe. »Nimm dich zusammen! Was fällt dir denn ein, du bist ’ne Feldwebelstochter, er ein Offizier. Was soll noch die Flennerei?! – Hör auf!« schrie er und stampfte mit dem Fuß, als ihr Weinen von neuem losbrach. »Wenn der Conradi will, könnt ihr bald Hochzeit machen – nur keine lange Zerrerei – dann hat die liebe Seele Ruh’. Na, dem Conradi wird’s schon recht sein!«
Ein verwirrter, banger Ausdruck kam in Josefines Gesicht, sie öffnete den Mund, aber ehe sie noch irgend etwas gesagt, schnitt ihr der Vater schon das Wort ab. Sie brachte es nur zu einem einzigen angstvollen Laut.
»Maul halten,« sagte er hart, und seine Züge wurden eisern. »Geantwortet wird nicht, aber pariert. Und daß du mit dem Leutnant nicht mehr weiter scharmutzierst, darauf giebst du mir dein Wort – dein Ehrenwort.« Er hielt ihr die Hand hin: »So!«
»Vater, ich kann nit – wat soll der Viktor wohl sagen – och, Vater!« Sie wand sich und schluchzte.
»Was der sagen soll?! Na, – sprich noch mal mit ihm, besser noch, schreib ihm – schreib ihm, was dir dein Vater gesagt hat. Und: ›Adieu,‹ wird er sagen, ›Adieu, Josefine!‹ Der hat Ehre.«
»Vater, ich kann et nit, wahrhaftijens Jott, ich kann’t nit – sag du et ihm! Ich sterb’!«
Nun that sie ihm doch wieder bitter leid, ihre Augen waren rot vom weinen, ihre Lippen schmerzlich verzogen; sie faßte ihn bittend am Rock: »Sag du et ihm!«
»Mädel, red’ keinen Unsinn, überleg’ dir’s doch, wie kann ich wohl mit dem Leutnant von so was reden – ich, als Feldwebel?! Du mußt dich alleine ’rausfinden. Zeig mal, daß du bist, für was ich dich immer estimiert habe, und daß du –« Es kam ihm etwas in die Kehle, er räusperte sich stark, und dann fiel er in seinen gewohnten Ton: »Donnerwetter, da schlägt’s ja schon sechse! Die Suppe, die Suppe, ich muß ’runter! Die Kerle werden täglich schlapper!«
Sie sprang auf, ihre Kniee zitterten, – die Suppe, die Suppe, es war höchste Zeit! Ob auch blind vor Thränen, tappte sie doch rasch zur Thür.
Die Morgensuppe schmeckte heute dem Feldwebel nicht. »Na, hast ihr wohl mit Thränen gesalzen,« sagte er mit einem Versuch zum scherzen, als er, an der Küche vorbei, zur Treppe ging.
Sonst hätte die Tochter gelacht, heute hörte sie nicht. Sie stand am Herd und starrte in die verlodernden Flammen. – –
Als Rinke im Bureau sich den Gänsekiel zurecht schnitt, beschloß er, nachher, in der ersten freien Minute, gleich dem Conradi zu schreiben – jetzt nur nicht lange gefackelt!
Er dachte gar nicht daran, wie schwer es ihm sein würde, die Tochter zu missen – nur fort mußte sie, bald Hochzeit machen! Und er wußte, sie würde nicht mehr widerstreben; jetzt ging sie lieber fort, als daß sie dem Leutnant täglich begegnete.
Eben legte er sich einen Briefbogen zurecht, als der Hauptmann ihn rufen ließ, der in großer Erregung draußen auf und ab ging.
Heute war alles in der Kaserne, überall sah man Offiziere. Auf dem Exerzierplatz stand der General von der Gröben inmitten der höchsten Chargen. Aber die Mannschaft hielt man auf den Stuben. Es wurden Gewehre geputzt, Munition verteilt – zwanzig Patronen pro Mann – der Pioniersektion das große Schanzzeug beordert, auch Brotbeutel gefüllt.
Ging’s wieder zu einem Tumult? Eine gewisse Neugier: wohin diesmal? bewegte die stumpfen Gemüter der Mannschaft.
Mit beunruhigten, gereizten Blicken sahen sich die Vorgesetzten an. Wer aus der Stadt kam, wußte von sich zusammenfindenden Volksmassen zu berichten. Eine aufgeregte Menge wogte durch die Straßen.
Was gestern einige nur besonders Eingeweihte gewußt, was als grauenvoll-geheime Kunde spät abends von Berlin eingetroffen war und den königlichen Prinzen im Jägerhof sein Ohr verschließen ließ vor den Hochrufen des fackeltragenden, fröhlichen Volkes, das war jetzt stadtbekannt – die Kämpfe des 18. März.
In der Hauptstadt Revolution!
Glocken heulten dort Aufruhr. Barrikaden auf den Straßen, Tote auf dem Pflaster, Blut und Hirn verspritzt. Vierzehntausend Mann Soldaten hatten von zwei Uhr nachmittags bis in die fünfte Morgenstunde des 19. März mit dem Volk gekämpft!
Was würde nun werden?! Würde es jetzt auch hier am Rhein losgehen?! Eine bange Schwüle lag in der Luft, eine erregende Spannung auf den Gemütern.
Die abgelöste Wache, die gegen mittag vom Burgplatz her ein gutes Stück durch die Stadt zu marschieren hatte, berichtete, in der Kaserne angekommen, von beleidigenden Zurufen, von pfeifen, johlen und Schimpfworten. Ein paar Mädchen in einem Fenster hatten sogar die Zunge herausgestreckt.
Die Sechzehner waren empört. Die Gereiztheit der Offiziere teilte sich nun auch der Mannschaft mit, man wäre am liebsten ausgerückt.
Der Feldwebel rannte umher wie ein Tier im Käfig. Niemand durfte die Kaserne verlassen. Hei, wenn er nur hervorspringen dürfte hinter dem schweren Thor, hinaus auf die Straße und den Pöbel, der schon seit Stunden Plätze und Gassen füllte, Achtung lehren! Die wollten sich wohl auch zusammenrotten, wie die Horden in Berlin, die erst die einzelnen Posten vor der Bank niedergeknallt und dann, berauscht von vergossenem Blut, es gewagt hatten, die Truppen vor dem Schloß anzugreifen, sozusagen dem König in’s Gesicht zu schlagen?!
Rinke hätte seine Frau prügeln können, die die armen Berliner Bürger bejammerte. Heftig gebot er ihr Schweigen. Die Frauenzimmer verleideten ihm die Wohnung; auch. Josefine hatte verheulte Augen, – war es denn jetzt an der Zeit, unnützen Liebesgedanken nachzuhängen?! Er hielt sich kaum oben auf, stieg wieder eilends hinab auf den Hof, machte die Runde und strich umher wie ein ruheloser Geist.
Mit Kartätschen und Bomben müßte Seine Majestät dreinfeuern lassen, dann würde es schon Respekt kriegen, das übermütige Bürgerpack, dem der Buckel juckte vor lauter Wohlleben! Gut, daß der Prinz Wilhelm dem König zur Seite stand und General von Prittwitz die Truppen befehligte; das waren zwei Schneidige! Wenn nur erst der Prinz Wilhelm seinen Posten als Gouverneur der Rheinlande anträte, dann sollten sie hier schon Augen machen: strammes Regiment, altpreußischer Geist, ein echter Soldatenprinz! –
Der Feldwebel zitterte darauf, etwas Genaueres über die Ereignisse in Berlin zu erfahren, waren es doch nur Bruchstücke, die in die Kaserne drangen. Die verzehrende Ungeduld zu stillen, schickte er einen seiner Jungen nach der Expedition der Düsseldorfer Zeitung. Unendlich lange blieb der aus und kam zuletzt wieder, ohne Zeitung. Kein einziges Blatt war zu haben gewesen, die Leute hatten sich darum geschlagen.
In Scharen standen die Düsseldorfer vor den Zeitungsausgaben und begehrten stürmisch zu erfahren, ob das teure Bürgerblut umsonst vergossen sei, ob der König in Berlin nun nicht schleunigst gut machen werde, was ›der heillose Kartätschenprinz‹ mit seinen ›Bluthunden‹, den Soldaten, am Volk verbrochen.
Auf einmal waren die Berliner Bürger den Düsseldorfer Bürgern wie Brüder. Man trug Leid um jeden der Helden, der auf den Barrikaden gefallen im Kampf um bürgerliches Recht. In jedem Wirtshaus wurde für die Hinterbliebenen der toten Brüder gesammelt, manch einer gab in der ersten Aufwallung weit mehr, als er vermochte. Viele schwarze Kleider zeigten sich, verweinte Gesichter und zornige Mienen. Hunderte waren ja hingemordet, von Bomben zerrissen, auf Bajonette gespießt, mit Kolben zerschmettert!
Wie ein Schneeball, der in’s rollen geraten, zur Lawine wird, so vergrößerte sich die Zahl der Opfer im Volksmund von Stunde zu Stunde. Die Straßen der Hauptstadt trieften von Blut, nicht Greise hatte man geschont noch Knaben, wehrlose Frauen hatte man gemißhandelt, wie die Bestien hatten die Soldaten gehaust!
Weg mit dem Militär! Wozu diese Tagediebe, diese unnützen Brotfresser?! Das Volk war Mannes genug, sich selber zu schützen, wenn Gefahr drohte – gebt ihm nur Waffen!
Ein Murren grollte durch die Stadt. – – – –
* * * * *
Es war abend, als Rinke den außergewöhnlichen Befehl erhielt, als Wachhabender die Hauptwache am Burgplatz zu beziehen. Das war sonst nicht seines Amtes, er fühlte es wohl, es war eine besondere Auszeichnung. Nicht umsonst hatte der Hauptmann heute ein Lied zum Preis der altgedienten Unteroffiziere angestimmt: ›Sie sind der Mörtel, der die Mauern des preußischen Heeres zusammenhält, sie sind gleich jonischen Säulen‹ – ja, so hatte er gesagt: jonische Säulen – ›die das ganze Gebäude tragen.‹
Ein hoher Stolz schwellte die Brust des Feldwebels, als er mit seinen Leuten im Dunkeln auszog.
Trüb’ nur flackerten die Laternen, der Märzwind wollte sie löschen. In den Häusern rechts und links brannte nur wenig Licht, früh waren auch die Läden geschlossen; kaum jemand schien daheim, alles auf der Gasse. Aber still waren trotzdem die Straßen; stumm gingen die Bürger hin und her, und wo ihrer mehrerer zusammen standen, flüsterten sie. Es war wie in einem Trauerhaus. Selten nur, daß das Lied: ›Was ist des Deutschen Vaterland‹, von einem Rudel halbwüchsiger Jungen gesungen, die heilige Stille unterbrach.
Rinke ließ seine Augen scharf umgehen: nichts Verdächtiges! Die Mannschaft war scharf bewaffnet. Der Erlaß dazu war heute nachmittag gekommen. General von der Gröben hatte auch das Militär, das drüben über’m Rhein lag, sämtlich in die Stadt zurückgezogen.
Wie immer marschierte die Wache ihres Weges, doppelt laut trappten die schweren Kommißstiefel durch die Stille. Von den Insulten des Mittags keine Spur. Um den alten Jan Willem und auf den Treppen des Rathauses standen zwar viele Menschen, aber sie verhielten sich schweigend.
Einen bösen Blick sandte Rinke zum Rathausgiebel hinauf – da flatterte die schwarz-rot-goldene Fahne; doch kein Pfiff ertönte. Mit einem Gefühl der Befriedigung reckte der Feldwebel seine lange Gestalt noch gerader – Bande! Angst hatten sie.
Finster lag das alte Schloß, und auch in dem Flügel, der der Akademie diente, flimmerte kein Lichtchen. Auch kein Licht vom Himmel. Vom Rhein her wehte es scharf. Das Knarren der Wetterfahnen auf den alten Häusern am Burgplatz und das Sausen des Windes waren die einzigen Geräusche, die die Mannschaft vernahm, als sie im Gewehr stand.
Da plötzlich ein schriller Pfiff! Dann alles wieder still.
Aus der Ratingerstraße schiebt sich stumm ein schwarzer Menschenknäuel gegen den Burgplatz; vom Markt her ein zweiter, und von ›Hinter der Akademie‹ noch ein dritter. Von allen Seiten drängt es zu. Im Moment ist der Platz von Menschen besetzt. In langen Reihen nehmen sie Aufstellung, der Hauptwache in geringer Entfernung gegenüber. Noch verhalten sie sich still, aber schon ruft eine spottende Knabenstimme:
»Helau, Preuß’! Preuß’!«
Meist sind es junge Bursche, kaum dem Knabenalter Entwachsene, die sich zusammengefunden haben; Lungerer sind auch dazwischen, Eckensteher und Betrunkene, die sich taumelnd kaum aufrecht halten.
Mit spöttischem Zucken des Mundes musterte Rinke die Gegner – das waren Helden!
Unbeweglich stand seine Mannschaft, Gewehr bei Fuß.
»Stillgestanden – das Gewehrr – üb’r!«
Die Läufe blitzen.
Da – wieder der gellende Knabenruf: »Se han jeladen!«
Hohngelächter. Und nun nachäffendes Geschrei:
»Stillgestanden – das Gewehrr über!«
Wiederum wieherndes Lachen aus hundert Kehlen. Aber auch andre Rufe mischen sich ein; ein Trunkener flucht, ein Aufgeregter heult: »Se schießen auf et Volk!«
»Wie in Berlin,« schreit ein andrer. Und: »Preußen weg, Platz for den Bürjer!« tönt es vielstimmig.
Des Feldwebels Augen funkelten. Er hatte blank gezogen; eine grimmige Lust kam ihn an, dem vordersten Schreier die flache Klinge auf dem Buckel tanzen zu lassen. Sein braunes Gesicht war fahl geworden, die Ader auf seiner Stirn dick geschwollen; er biß die Zähne zusammen, krampfhaft umklammerte seine Rechte die Waffe.
Das dauerte so eine Ewigkeit.
»Preuß’, Preuß’, kß, kß, kß! Ach–tung! Präsentiert das – Gewährrr! Bataillon marrrsch!«
Sie machten die Kommandos ganz gut nach, sie hatten sie oft genug vom Exerzierplatz schallen gehört.
Rinke fühlte die Blicke seiner Mannschaft; die brannten vor gereizter Ungeduld. Ein Wort, ein Kommando – es wäre eine Erlösung gewesen! Aber fest preßte er die Lippen zusammen – Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Er hatte keinen andern Befehl.
Regungslos stand er, wie aus Erz, keine Muskel zuckte, und doch lag Verachtung in seiner Haltung; sie reizte.
Ein paar Fackeln waren aufgetaucht, nun zeigte sich der Platz in hin und wieder huschendem Schein.
»Preußenkerl! Bluthund!«
Aus der hintersten Ecke kommt ein Stein geflogen, aus derselben Richtung schwirrt drohendes Gemurr. Immer drohender wird es. Die hintersten drängen die vordersten – immer näher rückt der Haufen, immer näher.
Jetzt stehen sich die Parteien dicht gegenüber, Auge in Auge.
Schon wieder fliegt ein Stein – gut gezielt – polternd fällt er zwischen die Gewehrstände.
Unwillkürlich packen die Soldaten ihre Waffe fester; des Feldwebels Hand, die die blanke Klinge hält, zuckt.
Wütende Augenpaare glitzern sich an.
»Nicht mit Steinen schmeißen! Um Jottes willen, nicht schmeißen!«
Vom Rathaus her kommen ein paar Männer angestürzt, barhaupt, mit flatternden Rockschößen. Angesehene Bürger sind es, ältere Leute. Sie verteilen sich unter der Menge, und man hört ihre beschwichtigenden Stimmen; sie ermahnen, sie bitten:
»Ruhe, um Jottes willen Ruhe!«
»De Preußen sollen sich scheren! Preußen, Schweinhunde, macht euch ab!«
Steine prasseln. Grell johlt der Pöbel auf.
Die Ruhestifter drängen sich durch; mit erhobenen Armen, wie zum Schutz, schieben sie sich zwischen die Parteien: »Ruhe, Ruhe, sie jehn ja schon! Der Befehl ist unterwegs – sie sollen abziehn – wartet nur! Wartet!«
Langsam weicht die Menge zurück; aber sie bleibt noch, auf der andern Seite des Platzes faßt sie Posto und wartet.
Wenig später erhält die Wache den Befehl: ›Abziehen! Zurück in die Kaserne!‹ –
Das war ein schmachvoller Rückzug! Feldwebel Rinke glaubte nie eine gleiche Demütigung erfahren zu haben; er wagte nicht aufzusehen, finster bohrte sich sein Blick in’s Straßenpflaster. Wenn auch der Pöbel, plötzlich vollständig zufriedengestellt durch den Abzug der Soldaten, lautlos, ohne höhnenden Zuruf, die Truppe passieren ließ, er glaubte doch den Spott zu fühlen. Aller Augen wähnte er auf sich gerichtet. Er hatte es nicht Acht, daß die Ruhestörer andre Wege einschlugen; die drängten in die Wirtshäuser, durchzogen Arm in Arm die Gassen, ›des Deutschen Vaterland‹ singend. Viele Häuser zeigten schwarz-rot-goldene Fähnchen, Bürger eilten nach dem Rathaus, um ihre nur durch das Nachtessen unterbrochene Beratung über die dringend notwendige Gründung einer Bürgerwehr fortzusetzen.
Als der Feldwebel die Mannschaft hatte abtreten lassen, torkelte er einsam über den nächtlichen Kasernenhof. Alles drehte sich mit ihm, er fühlte sich wie betrunken und hatte doch keinen Tropfen über die Lippen gebracht. Gleich einem Fieberkranken flog ihm der Atem. Nur einen Augenblick Rast – seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen – und dann noch einmal fort, zum Hauptmann! Er mußte den sprechen, und würde es Mitternacht. Warum eigentlich? Das wußte er selber nicht, aber so hielt er’s nicht aus; er mußte jemand ausschütten, was ihm das Herz abdrückte, was ihn erfüllte ganz und gar mit Schmerz, Zorn, Empörung. Ach, wäre nur erst der Prinz Wilhelm im Rheinland!
Einen sehnsüchtigen Seufzer stieß er aus. Sein Auge irrte zum Himmel empor und suchte verlangend einen hellen Stern – er fand keinen.
Jetzt stürmte jemand durch die Finsternis an ihm vorbei, er kannte den raschen, elastischen Tritt – der Leutnant!
»Feldwebel, sind Sie’s?« klang’s ihm durch die Nacht entgegen.
»Zu Befehl, Herr Leutnant!«
Viktor von Clermont blieb stehen. »Ist es wahr, die Wache ist zurückgezogen worden?« stieß er heraus.
»Zu Befehl, Herr Leutnant!«
»Donner und Doria!« Weiter sagte der junge Offizier nichts, aber Rinke, der in der Dunkelheit sein Gesicht nicht erkennen konnte, glaubte durch den Ton zu sehen – dem da schlug auch die Röte der Scham, des Unwillens in’s Gesicht!
»Haben Sie schon die neueste Post gehört?« fragte der Leutnant hastig. Man merkte es ihm an, er konnte es nicht mehr bei sich behalten. »Majestät hat die Truppen zurückziehen lassen – alle Truppen – da!« Er riß ein Zeitungsblatt aus der Tasche. »Das Allerneueste aus Berlin! Und die Proklamation Seiner Majestät! Hier, lesen Sie!«
Gierig griff Rinke nach der Zeitung; ehe er danken konnte, war Clermont fort, hineingeschossen in’s Dunkel, wie eine Rakete. Der Feldwebel nahm sich nicht erst Zeit, in seine Wohnung hinaufzuklettern; unten, vor’m Treppenaufstieg, schwankte eine Laterne und gab ein spärliches Licht, hier blieb er stehen.
Hastig entfaltete er das Blatt, – es war zerknittert und eingerissen, als hätte einer mit der Faust dreingeschlagen und es dann wütend zerknüllt – kaum konnte er es noch lesen.
Da stand’s! Die Hundsfötter hatten den König herausgeschrieen, auf den Balkon des Schlosses war er getreten, sie hatten ihm Leichen entgegengehalten – Rebellenleichen! Gebrüllt: ›Hut ab!‹ Und er – der König – er hatte sich verneigt!
Vor des Feldwebels Augen flimmerte es, die Buchstaben tanzten. Mit einem Fluch suchte er weiter.
Hier die Proklamation!
›=An meine lieben Berliner!=‹
Lieben Berliner! »Haha!« Rinke wußte nicht, daß er mißtönend auflachte. Ganz betäubt, ganz entsetzt, mit Blicken, vor denen alles verschwamm und die doch grausam deutlich sahen, verschlang er das folgende. Jetzt buchstabierte er wie ein Kind:
›=Ich gebe euch Mein königliches Wort, daß alle Straßen und Plätze sogleich von den Truppen geräumt werden sollen= –‹
Er konnte, er wollte nicht weiter lesen, nein, nein! Und doch noch dies, hier noch dies:
›=Vergesset das Geschehene, wie Ich es vergessen will= –‹
War es möglich?! Das Zeitungsblatt in seiner Hand zitterte. Ungestraft sollten die frechen Empörer ausgehen, ungeahndet Soldatenblut vergossen, mit Mörderhänden an Preußens Thron gerüttelt haben?! Wo blieb die Tapferkeit, wo blieb die Ehre – wo der Prinz Wilhelm?! Was sagte der?!
Brennend überflog sein Auge die Zeilen, suchte und suchte – Prinz Wilhelm, Prinz Wilhelm – da stand nichts von ihm!
Ein Windstoß löschte die schwankende Laterne, schwarz war der Hof, schwarz der Flur.
Der Feldwebel hatte sich schwer gegen die Wand gelehnt. Das in zwei Stücke zerfetzte Zeitungsblatt hielt er in beiden Fäusten und schluchzte in Zorn und Schmerz.
XVI
Im Düsseldorfer Kreisblatt spukte die Freiheit:
›Sie sind längst dahingegangen, die vom deutschen Frühling sangen, Und der Lenz der deutschen Freiheit, =endlich= hat er angefangen! Seht, es knospet eine Rose aus der blutgetränkten Erde! Eine Rose, nicht ein Veilchen, zeiget, daß es Frühling werde.‹
In schwarzer Umrahmung stand fettgedruckt:
#Berlins großen Toten!#
›Selig, die in Gott sterben! – Opfernd euer =rotes= Blut, gingt ihr in den =schwarzen= Tod für die =goldene= Freiheit!‹
Dem Theaterdirektor am Markt wurde öffentlich von vielen deutschen Brüdern gedankt, daß er Schillers Wilhelm Tell zur Aufführung gebracht.
Die Bürgerwehr bezog fleißig ihre Standquartiere in den besten Wirtschaften der Stadt.
Auch der ›Bunte Vogel‹ war von einer Kompagnie zum Sammelplatz ausersehen; ihr Hauptmann war ein Maler.
Die Bürgerwehr hielt sich tüchtig dran, das mußte man ihr nachrühmen. Der Chef des St. Sebastian-Schützenvereins war zum obersten Befehlshaber gewählt, und der ließ marschieren und exerzieren, drüben auf der andern Rheinseite in der Scheibenbahn schießen, hielt Paraden ab und veranstaltete Sammlungen, um ärmere Mitglieder ordentlich auszurüsten. Der Hofkappenmacher auf dem Stadtbrückchen lieferte die Kappen, die Offiziere stolzierten mit Säbel und Schärpe. Die Stadt war in guter Hut.
Daß die Bürgergarde nicht anwesend war, als eine Rotte Pöbel vor’m Hotel zum ›Prinz von Preußen‹ schimpfte und johlte und die Fenster einwarf, war eben nur ein unglücklicher Zufall.
Die resolute Hotelbesitzerin hatte sich aber auch ohne Bürgerwehr zu helfen gewußt: sie hieß den Hausknecht eine Leiter anlegen, und unter Beifallsjubel wurde das Schild, das den Namen des verhaßten ›Kartätschenprinzen‹ zeigte, heruntergeholt.
Alles trug die schwarz-rot-goldene Kokarde. Schwarz-rot-goldenes Band war rar geworden; die Damen trugen es auf den Hüten, als Schleifen am Busen, und die jungen Mädchen knüpften es um die Taille und ließen die Enden flattern. Selbst die Kinder trugen etwas Schwarz-rot-goldenes.
Der Feldwebel fühlte jedesmal ein Jucken in der Hand, wenn er solchen Rangen auf dem Schulweg begegnete. Seine eignen Buben hatten sich auch Kokarden gekleistert aus buntem Glanzpapier, aber als er die an ihren Mützen entdeckte, hatte er die Bengels verwichst, daß sie drei Tage nicht sitzen konnten. – –
Der Frühling war mit Macht gekommen, schöner denn je blühten die Kastanien drüben in der Allee. Sonst hatte sich Rinke gefreut, wenn die erste Lerche am grünen Kanalrand aufstieg und hoch über’m Exerzierplatz schmetterte – heuer nicht. Und er hätte doch froh sein können, seine Josefine war ja Conradis verlobte Braut; im Sommer sollte die Hochzeit sein. Seiner Tochter glanzlose Augen kümmerten ihn wenig. Ach was! Die würde sich schon schicken; das machte ihm keine Sorge. Aber etwas andres lastete auf ihm, quälte ihn: es war der stete Ärger über das, was er in den Zeitungen las. Und doch konnte er es nicht lassen, sie durchzustöbern. Ja, er hielt sich sogar, was er sonst als unerhörteste Verschwendung weit von sich gewiesen, auch noch das Düsseldorfer Kreisblatt, obgleich ihm die Gedichte, die ein gewisser Ferdinand Freiligrath, der am Windschlag wohnte, darin veröffentlichte, zu anstößig waren. Außerdem bat er, beim Leutnant von Clermont ab und zu einen Blick in die Kreuzzeitung werfen zu dürfen.
Viktor von Clermont hatte jetzt keine Langweile mehr. Er lag nicht mehr auf dem Sofa und ließ die Beine über die Lehne hängen, er lauerte auch nicht mehr im Gang auf die Schritte Josefines, beobachtete nicht mehr ihr Fenster – weit, weit, wie ein Frühlingstraum in rauhen Tagen, lag jene goldene Zeit. All sein Denken gehörte der Politik.
Mit seinem Schwager hatte er ein paarmal schon heftige Auseinandersetzungen gehabt; Herr vom Werth war ein blinder Bewunderer des Königs. Er nannte dessen Nachgiebigkeit Seelengröße, die der nicht nur erst jetzt, sondern auch früher schon gegen Andersgläubige bewiesen habe. Viktor ärgerte sich – aha, da merkte man den Rheinländer! Und ein Rheinländer – immer ein verkappter Katholik!
Viktor betrat kaum mehr das Haus seiner Schwester; wenn Cäcilie ihn sehen wollte, mußte sie sich schon mit ihm im Hofgarten treffen, oder einen Spaziergang auf der Allee verabreden. Dann machte es ihm wohl Spaß, neben der eleganten Frau, die nach der Geburt eines prächtigen Sohnes sich erst zu vollster Schönheit entfaltet hatte, herzugehen und die bewundernden Blicke aufzufangen, die ihr galten. Aber eigentlich langweilte er sich mit ihr; Weiber haben eben absolut kein Verständnis für Politik. Selbst Josefine hatte keine Ahnung gehabt. Und doch, wenn er in freien Momenten an die dachte, verlangte ihn nach ihr.
Das arme Ding! Wie mochte sie geweint haben, als sie ihm auf Befehl des Vaters geschrieben: ›Aus muß es sein!‹ Sie hatte so unbeholfen geschrieben und doch so rührend; Thränen waren auf’s Papier geflossen, man sah die Spuren. Auch seine wenigen Geschenke hatte sie zurückgeschickt: ein Armband von Rosenholzperlen, ein Muschelkästchen, ein kleines Bild von ›Paul et Virginie‹. Nur das rote Büchelchen mit den goldenen Passionsblumen bat sie, behalten zu dürfen: ›sie würde darin lesen und seiner gedenken.‹
Fatal, daß der Alte dahinter gekommen war, höchst fatal! Selbstverständlich mußte nun alles aus sein! Aber daß er, als Vater, sich nicht persönlich in die Sache gemischt hatte, war einfach riesig schneidig; der Kerl, der Feldwebel, hatte wahrhaftig Takt, wußte, was ihm, einem Vorgesetzten gegenüber, zukam. Mit keinem Blick ließ er ahnen, daß er um die Sache wußte, in respektvollster Haltung wie immer stand er da.
Viktor begann eine Art dankbarer Zuneigung für den Untergebenen zu empfinden, der ihm eine Beschämung erspart. Früher, mit dem Vater der Geliebten, hatte er sich nie in eine Unterhaltung eingelassen, jetzt sah man ihn öfter, nach dem Vorbild des Herrn Hauptmanns, mit dem Feldwebel über den Kasernenhof pendeln. Da war so vieles, was sie ähnlich empfanden; wenn sie auch nicht darüber sprachen, sie fühlten es sich an. ›Noch einer vom alten Schrot und Korn,‹ dachte der Leutnant, und in des Feldwebels trübes Auge kam ein Hoffnungsstrahl: In =dem= würde Preußen auferstehn! –
Keine Melodie mehr wehte aus dem offenen Küchenfenster in die neu grünenden Ahornbäume.
Der Frühling war geboren, aber das Lied war tot.
Jetzt klapperte Frau Trina in der Küche mit den Töpfen, nun, da die Tochter sich die Aussteuer nähte.
Drinnen in der Stube saß Josefine auf dem Fenstertritt hinter den Geraniumstöcken, tief über die Arbeit gebückt. Selten, daß sie den Blick erhob und die Augen hinausschweifen ließ über den Platz, auf dem die Mannschaften für die Frühjahrsbesichtigung übten. Wohl hatte das Exerzieren seinen Reiz für sie noch nicht ganz verloren, aber sie fürchtete, =ihn= vor der Front stehen zu sehen in seiner ganzen Schlankheit; mit Scheu wendete sie rasch den Blick ab. Blaß wurde sie, denn ihr Fleiß bannte sie immer in die Stube; die Mutter hatte ihr gern eine Hilfe nehmen wollen – das bucklige Stinchen, die Näherin, die so schöne Hemdenfältchen kratzte und die Priesen auf den Faden aufsteppte, half allen Bürgerbräuten – aber Josefine wollte keine Hilfe. Alles allein sticheln, das bringt Glück.
Ach, Glück –?! Sie hoffte doch darauf. Der Conradi war ja so gut, das sagte sie sich alle Tage vor. Wenn sie nur erst fort wäre, weit weg!
Und sie, die nie für einen ganzen Tag die Kaserne verlassen, die noch nie ihr Haupt wo anders zur Ruhe gelegt, als im Schutz dieser Mauern, begann zu träumen von einer neuen Heimat, unbestimmte Träume, von denen sie nicht wußte, ob sie angenehm waren oder traurig.
Fernab vom Leben des Tages lebte sie so in ihren Träumen; sie hörte nicht die Glocken hallen, die die Totenfeier für die letzt im März zu Berlin Gefallenen einläuteten.
In der Maxpfarre war ein Katafalk errichtet mit schwarzem Flor und Lorbeeren. Frau Trina lief auch hin, und sie kam wieder mit geröteten Augen – alle Welt hatte geschluchzt – und sie erzählte von Trauerfahnen und Immortellenkränzen, vom Requiem, das der Hiller, der Musikdirektor, aufgeführt, und von der ergreifenden Rede des Herren Pfarrer Schmitz.
Bis in die Kaserne hatten sich die Klänge des Trauermarsches verirrt, den die Musik dem Bürgerzug aufspielte, der nach der Kirche wallte, die für die Freiheit gefallenen Helden nachträglich noch einmal zu ehren. Josefine hatte keinen Ton vernommen – was ging sie das alles an?! Sie kümmerte nur das eigne Geschick.
Alle paar Wochen kam jetzt Conradi zu Besuch, oft einen ganzen Sonntag; er hatte nun wieder freie Zeit. Aber er war kein lästiger Bräutigam; ein Mensch von vielen Worten war er so wie so nicht. In seiner Heimat, dem fernen Ostpreußen, waren ja die Leute an Kargheit gewöhnt – kümmerliche Frühjahre, wie er sagte, und lange, schneevergrabene Winter. Er war zufrieden, wenn Josefine ihn freundlich ansah und ihm beim jedesmaligen Abschied einen Kuß schenkte; und das konnte sie doch nicht anders, er hatte ihr ja nichts Böses gethan.
Selbst Frau Trina, die anfangs viel Lust bezeigt hatte, gegen den Schwiegersohn zu rebellieren, – war er doch ein Reformierter, und die sind noch ärgere Ketzer wie die Lutherschen, – wurde durch seine ruhige Treuherzigkeit entwaffnet. Keine Uzerei verfing. Darin war er ganz anders wie Rinke, er brauste nie auf.
»Dumm is de,« behauptete die Mutter, aber die Tochter schüttelte den Kopf: nein, dumm war der nicht, hatte einen ganz nüchternen, praktischen Verstand; freilich, so wie der Viktor – ach, wie der Viktor! – so war er nicht!
Der Sommer war gekommen. Die Hochzeit rückte immer näher. Am letzten heißen Julisonntag hielt der Garnisonprediger das erste Aufgebot.
Der Leutnant von Clermont hörte es, er war gerade zur Kirche kommandiert. Von der Predigt hatte er nicht viel vernommen, seine Gedanken waren abgeschweift; nun aber, da der bekannte, oft genannte Name fiel – Josefine! – zuckte er zusammen. So bald schon heiratete sie?!
Und sie stieg vor ihm auf in ihrer ganzen blonden Frische. Er hörte wieder ihre volle Stimme, ihr heiteres Lachen. Am Fenster stand sie und sang und schaute nach ihm aus, Liebe im Blick. Ja, =sie= hatte ihm den Rhein lieb gemacht, vertraut die rheinische Stadt, – warm quoll es wieder in ihm auf – er würde sie doch nie vergessen! Unlöslich verknüpft blieb sie ihm mit Kindheitsfreuden, mit Jugendlust, sie war eins mit dem Rhein, mit dem Rhein! –
* * * * *
Großmutter Zillges hatte es sich ausgebeten, im ›Bunten Vogel‹ sollte die Hochzeit sein anstatt in der engen Kaserne. Der Feldwebel hatte zwar erst heftig dagegen protestiert, aber es half ihm nichts, die Weiber waren ihm über. Er ließ ihnen jetzt viel freie Hand, denn, war es nicht kleinlich, daheim zu zanken, während außen so viel auf dem Spiele stand?!
In Schleswig-Holstein wurden die Dänen besiegt; mit Neid und Hohn zugleich waren Rinkes Blicke zur Zeit der kleinen Freischar Düsseldorfer gefolgt, die, ihren Karnevalspräsidenten an der Spitze, mit glühendem Enthusiasmus den ›Deutschen Brüdern‹ zu Hilfe geeilt war. Haha, viel schlimmer als die Dänen waren andre Feinde, aber gegen die zog niemand aus!
Wo war der Prinz von Preußen?! Weit in England – ›geflohen‹ sagten welche. Verleumdung, elende! Nein, der wartete nur, bis seine Zeit kam. Aber wann kam die, wann?!
Eine fieberhafte Sehnsucht glühte dem Soldaten im Blut; noch war er nicht alt, und doch fühlte er sich schon so: müde und alt. Sollte er denn in’s Grab steigen, ohne jemals gekämpft zu haben?! Liegen und verwesen, ohne einmal gesiegt zu haben?! Wenn’s dem König, der jetzt in Düsseldorf erwartet wurde auf seiner Reise zum Kölner Dombaufest, doch nur einer sagen wollte, daß mit der Langmut nichts ausgerichtet ist!
Die Stadt rüstete zum Empfang des königlichen Besuches. Aber längst nicht alle Bürgergardisten wollten sich einreihen lassen in das Spalier, das sich vom Köln-Mindner Bahnhof die Königsallee hinauf und noch weiter ziehen sollte. Mochten sich da servile Fürstenknechte drängen, =sie= waren freie Bürger! Und doch war die Neugier groß.
Aus den Dörfern und Fabrikorten der Umgegend, von diesseits und jenseits des Rheins zogen Scharen schon am frühen Morgen des 14. August in die Stadt. Die Schulen waren geschlossen, die Comptoire und Kanzleien auch. Alles feierte. Der Männergesangverein allein plagte sich noch mit üben; er sollte, während der König beim Prinzen im Jägerhof das Diner einnahm, im Vorgemach singen.
Auch Frau Cordula im ›Bunten Vogel‹ stellte heute für ein paar Stunden die Arbeit ein; sie war tüchtig am schaffen für die morgende Hochzeit der Enkelin. Der Feldwebel hatte kurzerhand den 15. August dafür festgesetzt, da der Bräutigam die Wohnung längst hergerichtet; viel Wahl war für den Zeitpunkt auch weiter nicht, Conradi hatte wieder strammen Dienst und konnte knapp für diesen einen Tag abkommen. Josefine hatte keine Einwendungen gegen die Bestimmung des Vaters gemacht, auch sie dachte: ›Wozu noch zaudern? Ob heute, ob morgen, nur bald!‹
Es war der Großmutter gar nicht recht, daß die Hochzeitsfeier nur so kurz sein würde – am selben Abend noch sollte das junge Paar nach Vohwinkel fahren –, daran war niemand wie der Rinke, der knappe Preuße schuld! Eine richtige rheinische Hochzeit dauerte doch mindestens ein paar Tage: Wer sollte denn all das Leckers aufessen?! Unermüdlich war die alte Frau hin und her getrippelt. Die Kuchen für die Nachbarn standen schon parat; Wilhelm hatte bereits den lieben Nönnchen, für ihre Kranken in der Gemeinde, ein paar extra gute Flaschen Wein hingetragen. Die Kochfrau hatte schon die Braten gespickt, in dem Keller schwamm im Zuber pläsierlich ein großer Fisch.
Wenn nur der Großvater frischer gewesen wäre! Der hatte eigentlich für nichts mehr auf der Welt Sinn. Stunden und Stunden verschlief er. Ungern ließ ihn sonst Frau Cordula selbst für ein Stündchen allein. Aber heute, wo alles schon seit dem frühen Vormittag nach dem Bahnhof und der Königsallee rannte, mußte sie doch auch gucken gehen. Nur ein paar Augenblicke. Sie hatte noch nie einen leibhaftigen preußischen König gesehen.
»Mutter, wohin jehste?« fragte Peter Zillges, der im Lehnstuhl im Comptörchen döste und die Daumen umeinander drehte.
Als sie es ihm sagte, rief er ärgerlich, so laut er nur noch konnte: »Wat will de Mann hie?! Mir sin Düsseldorfer Börjer!« Aber dann vermischte sich in seinen Gedanken plötzlich dieser königliche Besuch mit dem des großen Napoleon, und er fragte interessierter: »Dazumal bauten se Ehrepooze, han se jetzt auch en Pooz jebaut?«
»Ich jonn ens kucke,« sagte Frau Josefine Cordula und lief eilig fort.
Sie sah nicht mehr, wie ihr alter Mann mit ungeahnter Kraft im Lehnstuhl auffuhr und zornig die zitternde Faust ballte: »De soll uns jewährde lasse!« Unruhig rollte Peter Zillges seine Augen umher, als suche er wo einen Schlupfwinkel: »Ich – ich jonn em ja auch aus der Weg!«
* * * * *
Am festlich geschmückten Bahnhof standen die Deputationen des Gemeinderates, der Militär- und Civilbehörden. Soldaten waren aufgepflanzt; auch Feldwebel Rinke stand dort in Paradeuniform. Ehern erschien sein Gesicht wie immer, aber in dem etwas vorgestreckten Hals, in dem krampfhaften Spiel der Finger an der Degenkoppel zeigte sich seine große Erregung.
Mit glühendem Blick suchte er seinen König.
Als die Equipage des Prinzen Friedrich vorüberfuhr, zuckte er zusammen, stier wurde sein Blick – =das, das= war der König?! In seinen Mantel gehüllt, lehnte der hohe Gast in einer Ecke des Wagens.
Dem Feldwebel wollte das Herz brechen. Wo war der Glanz des jugendlich schlanken Kronprinzen, dessen Augen von Geist und Leben gestrahlt hatten?! Er konnte die Züge, denen er einst in der eignen Jugendzeit zugejubelt, nicht wiederfinden; er wollte ›Hurra‹ schreien und brachte es nicht heraus.
Das Hurra um ihn her war auch matt – oder deuchte es ihn nur so? Viel Volks schwieg. Und die Sonne trübte ihren Schein, ein Wind machte sich auf und jagte den Staub in die Augen.
Als Rinke die Lider wieder frei öffnen konnte, waren die schnellen Räder längst verrollt. Aber eine unruhige Bewegung unter der Menge erschreckte ihn. Das war ein scheues Raunen, ein Flüstern – hier – dort – überall! Man wollte pfeifen gehört haben, man wollte wissen, daß plötzlich, von ruchloser Hand geschleudert, Pferdekot in den Wagen geflogen war und den Mantel des Königs gestreift hatte.
Verblüffte, betroffene Gesichter sahen sich an. –
Als Frau Josefine Cordula nach fünf Uhr durch die Ratingerstraße wieder zurückkam, war sie ganz außer Atem; sie hatte sich sehr geeilt und war doch fast an zwei Stunden fortgeblieben. Nun fiel es ihr plötzlich ein, daß der Peter ja ganz allein zu Haus war. Denn die Kochfrau hatte ihre Vorbereitungen unterbrochen und war mit ihr zugleich gegangen, und der Wilhelm war schon am Vormittag fortgelaufen. No, sie gönnte es dem Jungen ja! Der hatte jetzt so viele Freunde; und waren auch mal ein paar Rauhbeine darunter, zu streng durfte man nicht urteilen, Jugend ist noch kein Alter, und jung Bier muß ausgären. Bei ein paar Rempeleien war der Wilhelm wohl dabei gewesen, aber er hatte sich nicht selber an der Hauerei beteiligt – bewahre! Nur zugeguckt; die Polizei hatte denn auch ein Einsehen gehabt und ihn nicht mit in’s Speckkämmerchen gesperrt, als er sagte, er wäre der Enkel vom Bürger Zillges in der Ratingerstraße.
Ja, ihr Peter, der war wohl angesehen! Noch so ein echter Düsseldorfer Bürger aus der alten guten Zeit!
Ob er schon ungeduldig auf sie wartete? Ach, der schlief ja – hoffentlich! Verlohnt hatte sich’s nicht einmal, daß sie gucken gelaufen war – =so= sah ein König aus?! No ja, die Preußen – kein bißchen vergnügt!
Je näher sie ihrem Hause kam, desto eiliger trippelte sie; nun hörte sie einen Salutschuß, der galt dem Preußenkönig. Ob der Zillges den auch hörte?! Dann würde er sich ärgern.
Sieh mal, da saß er noch immer im Lehnstuhl hinter’m Spiönchen! Sie winkte und nickte. Er sah sie nicht.
»Zillges,« rief sie, als sie in den Flur trat, und: »Peter, Peterken, ich bin als widder hie,« als sie in die große Wirtsstube kam.
»Zillges!«
Keine Antwort.
Plötzlich von einem Gefühl der Beklemmung befallen, sah sich die alte Frau um: war jemand hier gewesen – ein Gast? – – Nein, kein Mensch!
Es war sehr still.
Die Eichenblätter und Dalien, die sie in einem Korb in die Ecke gestellt, um nachher eine Guirlande für das morgende Fest zu winden, dufteten stark und herb, wie fallendes Laub im Herbst.
Ein Frösteln lief der alten Frau über den Rücken, in der Kühle des leeren Zimmers.
Schlief er so fest?! Den Atem anhaltend, drückte sie leise auf die Thürklinke zum kleinen Comptörchen; die Thür knarrte und sang in den Angeln. »Zillges! Peter –!«
Er hörte nichts.
Der alte Mann saß in seinem Lehnstuhl am Fenster, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände gefaltet.
* * * * *
Während der Königliche Gast in die Stadt eingezogen, war ein anderer Gast in den ›Bunten Vogel‹ getreten. Auch ein König – der Tod. Peter Zillges hatte ihn empfangen, als Freund.
Es gab kein lautes Wehklagen. Als Josefine, atemlos, als erste, in den ›Bunten Vogel‹ gerannt kam – Wilhelm hatte weinend die Trauerkunde in die Kaserne getragen – fand sie die Großmutter oben in der Schlafkammer neben dem Ehebett sitzen, darauf der tote Großvater lag. Ganz friedlich ruhte dessen Gesicht im Flackerschein geweihter Kerzen; die sauberen weißen Haare umgaben in einem noch vollen Kranz die Stirn, die ganz glatt war, alle Falten und Schrumpeln wie weggewischt. Die Großmutter hatte ihm ein Kruzifix auf die Brust gelegt und um die gefalteten starren Hände den Rosenkranz geschlungen. Wie eine Wolke schwebte Weihrauchduft im engen Stübchen.
Die alte Frau wand aus den Eichenblättern und Dalien eine Guirlande, ihre Lippen murmelten Gebete. Als die Enkelin eintrat, sah sie auf und nickte wehmütig:
»Die sollt’ für dich sein, Finken! Nu muß Zillges die kriegen!«
Und sie flocht emsig weiter.
Josefine kauerte sich ihr zu Füßen nieder; ein Schauer nach dem andern überlief sie, sie hatte noch nie einen Toten gesehen. Eine Scheu packte sie vor dem stillen, kalten Großvater, und ihr Herz klopfte heftig. Sie begriff nicht, daß die Großmutter so gelassen war.
»Nu kann er nit mehr bei deiner Hochzeit sein,« flüsterte Frau Josefine Cordula, »oh, un was hätt’ er sich doch jefreut! Jelt, Zillges?!«
Sie wandte sich ganz ihrem Toten zu, sanft faßte sie dessen Hand. »Weißte noch, wie mir Hochzeit machten? Da flocht ich der Abend vorher auch en Jirland, aber nur eine aus Palm, die Blümkes un de Myrtestock hatt’ die fremde Einquartierung all ausjeruppt. Un de Hochzeitsabend fingen de Franzosen an, auf de Stadt zu schießen, von de Kirchen wurd’ Sturm jeläut’, dat Kloster brannt’ un de Türm’ vom Schloß auch. Mit Kanonen schossen se von der anner Seit’, aber mir krochen im Keller un du hielt’st mer de Ohren zu. Un wir sind doch eso jlücklich jeworden, jelt, Peter? Peterken!«
Josefines Herz krampfte sich zusammen – ach, die Großmutter, ja, die Großmutter, die hatte ihren Hochzeiter geliebt! Brennende, unendliche Thränen stürzten ihr aus den Augen; beide Hände vor’s Gesicht schlagend, schluchzte sie krampfhaft.
»Wein’ nit eso, Kind,« flüsterte die Großmutter. »Finken, mußt nit e so weinen – er schläft ja nur!« Und sich über den Gatten beugend, strich sie ihm zärtlich links über die Wange und rechts über die Wange.
Und dann machte sie das Zeichen des Kreuzes über ihn und sich: »Jesus! Maria! Josef! Euch schenk’ ich seine Seele! – Bis wir uns wiedersehn in der ewigen Jlorie, Peterken, schlaf’ jut!«
* * * * *
Josefines Hochzeit fand statt am festgesetzten Termin, trotz des Großvaters Tod. »Es ist jetzt ohnehin nicht an der Zeit, Freudenfeste zu feiern,« hatte der Feldwebel finster gesagt.
Auch die Großmutter wollte keinen Aufschub, sie schickte die Hochzeitskuchen in die Kaserne.
Nur eine stille Trauung fand statt, dann blieb die engste Familie noch unter sich ein paar Stunden zusammen. Gegen abend aber kam doch noch die Großmutter; seit langer, langer Zeit betrat sie zum erstenmal wieder die Feldwebelwohnung, sehen wollte sie die Enkelin wenigstens an ihrem Ehrentag.
Josefine hatte sich den Abschied leichter gedacht; nun konnte sie sich auf einmal nicht trennen. Laut weinend küßte sie die Geschwister, die Mutter, die Großmutter; am längsten hielt sie den Vater umklammert.
»Na, na,« tröstete der Feldwebel und klopfte ihr den blonden, zuckenden Kopf, »gehst ja nu in dein Glück – Mädel, Kopf hoch!« Er bezwang den eignen Trennungsschmerz – war seinem Kinde so das Loos nicht auf’s lieblichste gefallen? »Na, na, wir sehen uns ja bald wieder!« Aber als sie ihn nicht losließ, machte er sich frei; jetzt klang etwas wie Strenge durch: »Mach nu ’n Ende! Wisch’ die Thränen ab – ’s ist an der Zeit! Man los – voran, marsch!«
»Ja, komm, Finchen, komm,« drängte der junge Ehemann, »wir kriegen sonst den Zug nicht mehr!« Und als sie noch immer ihr Gesicht weinend verhüllte, nahm er ihre Hand in die seine und drückte die fest. »Du sollst es auch in Vohwinkel gut haben, verlaß dich drauf! Komm, Finchen, komm!«
Noch einen letzten schweren Blick ließ sie langsam über alles gleiten; ihre Nasenflügel hoben sich zitternd, als müsse sie noch einmal voll den Duft einziehn, den scharfen, eigentümlichen Kasernenduft. –
Die Sonne ging zur Rüste, als Conradi seine junge Frau über den Hof führte. Die Wipfel der Ahornbäume rührten sich im Abendwind, um die Stämme wob sich bereits leichter Dämmer. Rotgolden allein strahlte noch drüben das Fenster der Offiziersstube; da weilte die Sonne am längsten.
Ganz langsam ging Josefine, Schritt für Schritt. Aber so sehr sie auch zögerte, das Thor kam doch. Es that sich auf – sie schritt hindurch – schwer fiel es wieder in’s Schloß.
Sie hatte die Kaserne verlassen.
XVII
Rinke hätte nie geglaubt, daß er über die Trennung von der Tochter so verhältnismäßig leicht fortkommen würde. Die Not der Zeit half ihm über eignes hinweg.
Er glühte vor Unwillen. Täglich mehrten sich die Klagen über Rempeleien zwischen Civil und Militär. Nicht genug, daß ein Infanterist durch einen Schuß, der eines Abends an der Markt-Ecke fiel, meuchlings getötet worden, auch noch einen von den Jägern hatten die ›verfluchten Halunken‹ verwundet. Was half’s, daß der neue Kommandeur, General von Drygalski, dem Militär im Besuch der Wirtshäuser strengste Beschränkung auferlegte, ganz einsperren konnte man die Mannschaft doch nicht; und wo sich ein Soldat sehen ließ, überall wurde er molestiert. Schüsse, von unbekannter Hand abgefeuert, fielen zur Nachtzeit auf den Straßen, und, richteten sie auch kein sofortiges Unheil an, sie alarmierten doch und narrten Polizei und Militär.
Der Feldwebel machte es sich zur Aufgabe, in freien Stunden die Stadt abzupatrouillieren. Im Abenddunkel suchte er die berüchtigten Wirtschaften auf, um vor ihren Thüren beobachtend Posto zu fassen.
Leider gehörte der ›Bunte Vogel‹ auch zu den nicht gut angeschriebenen. Die alte Frau hauste jetzt dort allein mit dem Wilhelm: wie sollte das schwache Weib und der dumme Junge es am Ende hindern, daß sich da ebenfalls allerhand Gesindel zusammenfand?! Rinke hatte sich den Sohn schon gelangt und ihn wie einen Verbrecher in’s Verhör genommen, aber weiter nichts herausgebracht, als daß der Freiligrath zuweilen dort ein Maß trinke. Na, der Kerl, der rote Republikaner, war ja nun unschädlich gemacht, wegen eines ganz unverschämten, aufhetzenden, königsverräterischen Gedichtes hinter Schloß und Riegel gesperrt! Aber andre liefen noch frei herum. Ja, man hatte schon seinen Ärger!
Ingrimmig, mit geheimem Knurren, wie ein Hund, der Haus und Hof bewacht, schlich der Feldwebel durch die Straßen.
Aber auch die Bürgerwehr hatte ihren Verdruß. Wenn man sich auch nicht einig war, ob man =für= oder =wider= die Opposition stimmen sollte, jedenfalls war es allen höchst unangenehm, daß der König auf seiner Rückreise vom Dombaufest schlankweg an Düsseldorf vorbei gefahren. Die freundliche Gartenstadt schien in Berlin als gefährliches Rebellennest verzeichnet – daran war niemand schuld, als die verdammten Preußen selber, die verwünschten Militärs! Mußten die nicht durch ihre prahlerische Haltung, durch ihr herausforderndes Umherrennen mit blanker Waffe am Ende auch die gutmütigste Bevölkerung reizen?! Es half nichts, daß der Chef der Bürgerwehr eine Verordnung erließ, nach der ein Zusammenstehen von mehr als fünf Personen, das Umherziehen mit Fahnen, das Schießen in den Straßen verboten, Eltern und Meister gehalten waren, Kindern und Lehrlingen mit Eintritt der Dunkelheit das Ausgehen zu untersagen. Alle Maßregeln konnten nichts nützen, wenn die Soldatenkohorte sich abends auf dem Markt sammelte, aus voller Kehle das: ›Ich bin ein Preuße‹ schrie und dazu die Säbel am Pflaster schliff. – –
Der Sommer war zu Ende gegangen, der Spätherbst machte seine Rechte geltend. Im Hofgarten lagen die falben Blätter fußhoch, die Tage wurden kurz, die Reifnächte lang. Es wurde über allgemeine Arbeitslosigkeit geklagt; Bettler durchzogen die Stadt und forderten so ungestüm, daß Frauen und Kinder, waren sie allein, ängstlich die Thüren verschlossen. Im Hofgarten war’s nicht geheuer, selbst die verliebtesten Paare getrauten sich nicht mehr in seine Einsamkeit.
Der Magistrat hatte, um Bedürftigen Arbeit zu verschaffen, rheinabwärts an der Goltzheimer Insel Ausbesserungen vornehmen, auch den großen Teich im Hofgarten und die Kanäle ausmutten lassen, aber der erste frühe Frost setzte diesen Arbeiten ein Ende. So zogen ein paar hundert entlassene Arbeiter mit einer roten Fahne vor’s Rathaus: »Brot! Brot! Geld! Geld!« Und die herbeieilende Polizei wurde mit Steinwürfen empfangen: »Buh, macht euch ab, no Huus, buh!«
Es gab blutige Köpfe, die Brotlosen kannten keine Scheu, zumal alles Volk ihre Partei nahm; die hartbedrängte Polizei mußte retirieren.
Von jetzt ab machte sich der ›Volksklub‹ breit, ungeniert beraumte er Versammlung über Versammlung an; am helllichten Mittag setzten sich Arbeiterzüge in Bewegung und zogen unter dem Schwenken roter Fahnen, unter dem Singen demokratischer Lieder auf die Nachbardörfer. Der ›Barrikadenverein‹ feierte den inzwischen freigesprochenen Dichter Freiligrath mit schallendem Jubel und Illumination.
Das Schwarz-rot-gold war verdrängt – alles rot, rot, rot. Rot flammte die winterliche Sonne über’m Rhein, rot stieg sie auf im Osten, rot sank sie im Abend – blutig-rot. Und ein schneidend scharfer Wind fauchte durch die Straßen und fegte auf, was nicht ganz niet- und nagelfest war.
Die Düsseldorfer fingen an stolz zu werden auf ihren thatkräftigen Mut. Der Nationalversammlung zu Berlin, die trotz verschiedentlicher Auflösung sich immer wieder sammelte und Steuerverweigerung votierte, ließ man eine beistimmende Adresse zugehen. Steuerverweigerung, ja, das war das richtige! Riesenversammlungen fanden statt; mit unverhohlener Geringschätzung sah Düsseldorf auf seine Nachbarin Köln, die langjährige Nebenbuhlerin. Ei, hatten sich die Kölner mit ihrem Revolutiönchen blamiert! Die ganzen Rheinlande, nein, die ganze Welt lachte die ja aus! Unendliche Karikaturen auf die ›Preußenfresser in Köln‹ wurden in Düsseldorf gezeichnet.
Aber es kam ein Tag, an dem die beiden Nebenbuhlerinnen die Köpfe zusammensteckten und einig waren in Schreck und Empörung: Robert Blum zu Wien erschossen! Die Stadt Köln erinnerte sich plötzlich ihres ›Köllsche Jong‹, und die Nachbarin Düsseldorf fühlte sich mit in die Seele getroffen. Ein rheinischer Landsmann ruchlos ermordet!
Von Hand zu Hand wanderte das Zeitungsblatt mit Blums letzten Worten:
›Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk sein.‹
Heiße Thränen flossen, als der Abschiedsbrief an seine Gattin bekannt gemacht wurde:
›Mein teures, gutes, liebes Weib, leb wohl!‹
Tausend Fäuste ballten sich im Grimm.
Eine Riesenparade der ganzen Bürgerwehrlegion fand statt, vom Balkon des Rathauses herab sprach der Chef begeisterte und begeisternde Worte. Mit erhobenem Schwurfinger und mit Waffengeklirr gelobte man heilig:
›Gut und Blut für die Freiheit!‹
Wie ein Fieber ergriff es die Bürgerschaft. ›Genug des Druckes! Weg mit den Steuern!‹ gellte es in Fanfaren durch die Stadt.
Scheelen Auges sah man Scharen eingezogener Rekruten in die Kaserne marschieren – noch mehr unnütze Brotfresser! Es verbesserte die Gereiztheit nicht, daß die neuen Soldaten großspurig lärmten und sangen.
Das wurde eine wilde Nacht. Katzenmusiken wurden gebracht, höhnende Ständchen vor den Fenstern verhaßter Persönlichkeiten, Scheiben eingeworfen, Hausthüren besudelt, greuliche Schreie ausgestoßen, Schüsse abgegeben, Polizisten geprügelt.
Am Morgen des 22. November erklärte der Divisionskommandeur den Belagerungszustand.
Lange hatte Feldwebel Rinke sich nicht so gefreut, als da die Infanterie ausrückte, die öffentlichen Plätze zu besetzen. Artillerie bepflanzte den Hofgarten mit Piketts und Geschützen, Kavallerie schwenkte auf den Straßen hin und her und spornte die Pferde in die aufkreischende Menge.
Das Herz wurde Rinke ordentlich leicht, als er den Leutnant von Clermont einer Rotte Ruhe gebieten sah, die durch ungebürliches Betragen die Verlesung der ›Proklamation über eingetretenen Belagerungszustand‹ störte. Wie dem jungen Offizier die Augen blitzten! Den Degen hatte er blank gezogen, der Zorn grub eine Falte in seine weiße Stirn. Ha, wenn so einer Preußen schützte, dann konnte das nicht verloren gehen! –
Seit Josefine fort und in Sicherheit war, fühlte sich Rinke mehr denn je zum Sohn seines alten Hauptmanns hingezogen. Ihn deuchte, sie waren die beiden einzigen in der Kaserne, die die Schmach der Zeit so ganz empfanden; wenn die andern auch schimpften – grob am runden Stammtisch, formvoller im Offizierskasino – wurmte die’s denn so tief innen?! Ach, nur ihnen beiden zehrte es am Mark! Der Feldwebel fand die Sehnsucht seines Lebens wieder in dem jungen Offizier.
Auch Viktor von Clermont sehnte sich nach Bethätigung. Er meldete sich freiwillig zur öfteren Anführung der Patrouillen, die Tag und Nacht die Stadt durchstreiften. Seine Jugend entbehrte jetzt gern des Schlafs. Es machte ihm einen Hauptspaß, mit seinen scharfbewaffneten Leuten nächtlicherweile durch die dunklen Straßen zu tappen und nach Verbotenem zu spüren. War’s denn erlaubt, nach zehn Uhr noch das Wirtshaus offen zu halten?! Die Thür war zwar verschlossen, aber daß innen noch Gäste saßen, merkte man an dem Lichtschein, der durch die Spalten der Läden fiel, und an dem dumpfen Stimmengemurmel, das zu erlauschen war.
Hei, dann mit dem Gewehrkolben gegen die Thür gerannt und gegen die Läden gedonnert, daß sie sich aus den Angeln lösten! Eine grimme Lust überkam den Leutnant beim aufstöbern der Rebellen; konnte er es seinen Soldaten verdenken, die jetzt für so viele erlittene Verhöhnung Revanche nahmen?! Mancher Bürger, der bei der herrschenden Unsicherheit nur wagte über die Straße zu gehen mit einer Pistole in der Brusttasche, wurde aufgegriffen und, trotz Ausweis und Beglaubigung, auf die Wache verschleppt; mochte er die Nacht auf der Pritsche sitzen!
Die Bürgerwehr wurde aufgelöst.
In eiserner Strenge neigte sich das Jahr 1848 seinem Ende. Selbst der alte St. Nikola-Markt, der Naschmarkt für die Kinder, war verboten; nur vor dem Polizeigebäude durften ein paar Lebkuchenbuden stehen.
Aber Düsseldorf revoltierte nicht mehr. Es war ruhig geworden.
* * * * *
Feldwebel Rinke war wenigstens befriedigt, wenn er seiner Tochter gedachte. Er hatte letzthin von ihr einen Neujahrswunsch bekommen und die erfreuliche Nachricht, daß sie ein gutes Weihnachtsfest verlebt. Auch Conradi hatte geschrieben; ob der sehr vergnügt war, konnte man freilich nicht wissen, er ließ sich nie so recht aus, aber fast in jeder Zeile kam ›meine Frau‹ vor.
›Meine Frau hat mir drei bunte Taschentücher gesäumt. Meine Frau hat mir zu Christabend ein Hemd selbst genäht. Meine Frau hat mir einen Korb Äpfel geschenkt von dem jungen Baum in unserm Gärtchen, sie hat sie sich heimlich am Mund abgespart. Meine Frau hat auch Blatz gebacken.‹
Rinke stieß einen erleichterten Seufzer aus – ja, die waren glücklich! Aber daß sie einmal über Sonntag kommen wollten, sich den Eltern in ihrem Glück zu präsentieren, davon schrieben sie noch immer nichts. Na, man durfte nicht egoistisch sein, die waren sich eben vor der Hand noch genug!
Frau Trina konnte freilich ihre Neugier kaum bezähmen. »Wenn’t mer nit eso ekelig wär’, mit der Eisenbahn zu fahren, dann thät ich als janz jern emal hinreisen,« sagte sie zu ihrem Mann. »Et Fina kann am End’ jetzt nit jut kommen, denn« – sie zwinkerte ihm zu.
Er verstand sie nicht. »Wieso denn?« fragte er.
»No, Rinke!« Jetzt stieß sie ihn ordentlich vorwurfsvoll an. »Haste dann alles verjessen? Wie war et dann bei uns? Keine zwei Monat waren mir verheirat’!«
»So, so,« sagte er, und es flog wie eine Ahnung seltener Freude über sein Gesicht. »Meinste wirklich?«
»Mer denkt doch,« sagte sie. Er nickte dazu: ja, das hatte er immer gedacht, die Josefine würde Preußen wackere Soldaten schenken! Tüchtiges Mädel!
Seine eignen beiden Jüngsten sollten nun auch bald zum Militär, waren ja derbe, rotbackige Bengels. Er hatte schon eine Eingabe gemacht für ihre Aufnahme zum 1. April in die Militärerziehungsanstalt zu Annaburg.
»So weit weg,« klagte die Mutter, »och Jott, och Jott, die armen Jüngeskes!« Aber sie sah es doch ein, die Jungens waren zu wild zu Haus, tanzten ihr, war der Vater nicht in Sicht, auf der Nase herum, und sie hatte eigentlich, seit Josefine fort war, keine ruhige Stunde mehr. Nun würde das besser werden. Der Friedrich, der krumme Beine hatte und somit nicht zum Militär taugte, war seit Michaeli bei einem Schlosser in der Lehre, das dauerte noch lange, bis der auf die Wanderschaft ging; und dann blieb ihr ja doch immer der Wilhelm!
Der Mutter Gesicht verklärte sich, wenn sie an den dachte.
Wie flott war er geworden! Rotseidene Tuchzipfel ließ er unter’m umgeschlagenen Hemdkragen flattern, sobald er sich staats machte. Und schlau war er! Frau Trina lachte von Herzen darüber, wie er dem Verbot ein Schnippchen zu schlagen wußte: bis weit über die Polizeistunde hinaus saßen die Gäste im ›Bunten Vogel‹ zusammen. Hinter die geschlossenen Läden hatte der Pfiffikus dicke Matten gestopft, kein Lichtstrahl kam so durch, kein Stimmenlaut drang so hinaus auf die Gasse; dunkel und still lag der ›Bunte Vogel‹, wie in harmlos ruhigem Schlaf.
Ende Januar war zwar der Belagerungszustand der Stadt aufgehoben worden, gewisse Beschränkungen existierten aber immer noch, und die würden auch nicht aufhören, solange der Polizei-Inspektor von Faldern seine Spürnase überall hinstecken durfte. Der war tüchtig verhaßt; nicht allein, daß er Verhaftungen vornehmen ließ und die Ausweisung von mancherlei Personen veranlaßte, er hielt es auch für nötig, alle paar Tage Militär zu requirieren. Jeder Bürger war empört darüber.
Kein Wunder, daß so, als der von Freund und Feind geachtete General von Drygalski – ›Bürger‹ von Drygalski, wie er sich selbst genannt – abberufen wurde und schon wieder ein neuer Divisionär aufzog, auch wieder neue Unruhen anhuben. –
Der Frühling kam, es dehnte sich, was im Winterschlaf gelegen; es reckte sich und streckte sich, und wo es an hemmende Schranken stieß, klopfte es an mit Macht. Erste Knospen sprengten ihre Hüllen über nacht.
Regenschauer des April wechselten mit warmem Sonnenschein, auf und nieder auch schwankten Gerüchte.
Im Bergischen Land stöberte der Frühlingswind ganz besonders stark. Fabrikschornsteine hörten auf zu rauchen, Arbeiter revoltierten und drohten die neuen Maschinen zu zerstören, die ihnen, ihrer Meinung nach, das Brot verkürzten. Die Fabrikanten brachten ihre Familien in Sicherheit in die großen Städte.
Die erste Nachtigall schluchzte im feuchtwarmen Hofgarten, als auch Conradi seine junge Frau nach der Stadt schickte; in der Kaserne, bei den Eltern, war sie sicher. Seine Pflichten als Gendarm hielten ihn jetzt oft Tage und Nächte von Hause fern. Sein Häuschen lag außerhalb des Ortes an der freien Landstraße; mehr als einmal schon hatten Strolche der einsamen Frau einen Schreck eingejagt; und das mußte jetzt vermieden werden.
Josefine hatte anfangs nichts von der Reise wissen wollen, mit angstvoller Heftigkeit sich dagegen gesträubt – nein, nein, sie konnte jetzt nicht fort, jetzt, wo die Hühner so brav Eier legten, wer sollte die denn füttern? Wer sollte das schöne Ferkel versorgen, das er ihr Weihnachten zum fettmachen geschenkt? Und wer sollte denn für ihn selber kochen?!
Aber dann ergriff sie doch plötzlich eine Sehnsucht. Wenn sie die Augen schloß, hörte sie die Ahornbäume rauschen, sah die Sonne rotgolden auf den blinkenden Scheiben im Hof verglühen. Heim, heim!
Sie reiste. Sie konnte nicht still sitzen während der Stunde der Eisenbahnfahrt; immer stand sie am Fenster. Ihr Herz klopfte erwartungsvoll. Und wild schlug es, in einer unbezwinglichen Erregung, als sie das schwere Kasernenthor öffnete, das sich ihr förmlich entgegenstemmte. Sollte sie denn nicht hinein?! Sie stieß mit dem Fuß gegen und half so der bebenden Hand.
Nun trat sie das spitze Pflaster des Steiges. Ah, hinter den kleinen Fenstern der Blocks neugierige Gesichter! Sie kannte noch viele von ihnen. Und Kartoffelsuppe mit Zwiebel hatte es heute mittag gegeben! Sie atmete tief und zog den wohlbekannten Geruch ein. Ach, und das war der Kasernenduft, der eigentümliche Duft nach Schimmel und Knaster, der diesen Wänden so untilgbar anhaftete und den sie so lange, so ewig lange entbehrt!
Die Spatzen schirpten, die Ahornbäume zeigten zarte Blätter, das Küchenfenster der elterlichen Wohnung stand offen, wie eine Melodie schwebte es von dort herunter zu ihr: ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin‹ – sie war wie berauscht vor Glück. Nein, nicht Monate waren vergangen, nicht einmal Tage, sie war da, sie war nie fortgewesen! Josefine – horch, rief da nicht jemand?! Mit einem Zittern scheuer Wonne stürmte sie die Stiege hinan.
Sie hatte sich bei den Ihren nicht angemeldet; nun trat sie ein. Die Eltern saßen beim Essen, ganz allein. Mit einem: »Nanu?« sprang der Vater auf und schloß sie in die Arme.
Aber er freute sich doch nicht so, wie sie wohl erwartet hatte, er schien sich gar nicht mehr so recht freuen zu können. Als sie sagte, daß ihr Mann, für ihre Sicherheit besorgt, sie hierher geschickt, preßte er ihr die Hand mit einem seltsam krampfhaften Druck. »Recht, daß er dich geschickt hat. Nu kann’s losgehen!«
Frau Trina lachte: »Natürlich, der Rinke red’t von nix, als von losjehen!« Aber dann seufzte sie: »Och Jott, och Jott, dat is als janz schreckelich!«
Sie umhalste die Tochter mit großer Freude, es war ihr doch ein wenig bang gewesen so allein; die beiden Jüngsten waren vor vier Wochen nach Annaburg abgedampft. »Nu hab’ ich Ruh’,« klagte sie, »aber et is mich doch eso unjewohnt, et is mich als janz einsam! Un der Rinke is immer so verdrießlich!«
Josefine blickte den Vater an – ja, der sah grimmig aus, so recht in sich verbissen. Mager war er geworden, hager sprang die Nase vor zwischen den unruhig spähenden Augen.
»Jeht et dir nit jut, Vater?« fragte sie und legte die Hand auf seinen Ärmel.
Er schüttelte sie unwirsch ab. »Dumme Fragerei! Wie soll’s einem gut gehen, wenn die Kanaille frecher wird mit jedem Tag und man ihr keinen Tritt geben darf! – Siehst auch nicht zum besten aus,« setzte er nach einem prüfenden Blick hinzu.
»Mir jeht et sehr jut,« sagte die junge Frau leise und wurde brennend rot dabei.
Die Mutter deutete sich das Erröten auf ihre Weise – no, die Tochter würde sich ihr ja schon anvertrauen!– –
Wieder lag Josefine in ihrer Kammer, in ihrem schmalen Mädchenbett. Fast zärtlich glätteten ihre Hände das Kissen – ach, das war heut so verwühlt, sie konnte gar nicht schlafen.
Der Mond schien silberhell. Das Thürchen nach der Küche hatte sie aufgelassen, der ganze Boden drinnen war wie beschüttet mit Glanz. Sie konnte nicht widerstehen; rasch einen Rock überwerfend, schlüpfte sie aus der dumpfen Kammer an’s offene Küchenfenster. Wie still lag der Hof! Die Ahornbäume rührten sich nicht, jedes Ästchen stand silberumwebt. In den Blocks waren alle Lämpchen erloschen, nur drüben in der Offiziersstube brannte noch Licht.
Ob =er= noch da wohnte?!
Sie spähte lange hinüber – da – endlich – jetzt bewegte sich ein Schatten hinter’m Fenster! Sie glaubte seine schlanke Gestalt zu erkennen, und ein Schreck durchfuhr sie und zugleich eine Sehnsucht. Er wohnte noch da! Ach, wenn sie ihn nur einmal noch sehen könnte! Ihre Hände krampften sich ineinander – bloß einmal sehen!
Drüben erlosch das Licht.
Ihr wurde so heiß, so heiß, die schweren Zöpfe brannten sie im Nacken, sie schüttelte sie lang herunter; weit beugte sie sich zum Fenster heraus – ach, nur einmal sehen! Erinnerungen stürzten über sie her in der schmeichelnden Frühlingsluft, Träume –
Es tappte unten; eine Patrouille schritt über den Hof, hinterher ein schlanker Offizier. Das war =er=!
Zurückfahrend stieß sie an den Fensterriegel, daß es laut klirrte. Nun hatte er sie doch gesehen!
Sie konnte sich nicht rühren, starr stand sie mit weitgeöffneten Augen. Taghell war die Mondnacht.
Hatte er sie erkannt –?! Ja, ja!
Verstohlen sah er einmal zu ihr hinauf – und nun noch einmal! Und eh’ er das schwere Thor schloß, wandte er nicht noch einmal den Kopf?!
Viktor! Sie hatte es nicht gerufen, aber verlangend, bittend, beschwörend streckte sie die Hände aus. Den da hatte sie ja so lieb gehabt, den da liebte sie noch – jetzt wußte sie’s.
In leidenschaftlicher Wallung stürzten ihr Tränen aus den Augen.
Um ihr glühendes Gesicht strich der Nachtwind wie mit abkühlender Mahnung; er raunte etwas, sie verstand es nicht. Sie wollte es nicht verstehen.
Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – nein, an gar nichts mehr denken!
In einer heißen Freude glühte sie und schauerte doch – sie würde ihn wiedersehen!
Und dann –?!
Mit einem Seufzer warf sie den Kopf in den Nacken und schloß schwindelnd die Augen.
XVIII
Sie hatten sich bis jetzt nur flüchtig gesehen; sie waren sich begegnet im Hof, vor der Thür, auf der Straße, so oft, wie früher nie. Josefine war diesen Begegnungen nicht ausgewichen, nein, sie suchte sie sogar.
Wie war er schön, wie war er ritterlich! Er verblendete sie ganz. O Gott, ihn nur einmal noch sprechen, seine Stimme hören, diese Stimme, die so lustig necken konnte: ›Fina, blonde Fina, meine Fina!‹
Kein Gedanke ging zu ihrem Mann. Ihr war zu Mut, als wäre sie wieder die Josefine von einst – nein, doch nicht ganz dieselbe! Früher war sie schon beglückt gewesen, wenn sie Viktor nur von weitem gesehen – ein verstohlenes Grüßen von Fenster zu Fenster, ein flüchtiges Wort, ein heimlicher Händedruck – das war schön, das war schön gewesen, doch jetzt –?!
Ihre Augen begegneten den seinen mit stumm leidenschaftlicher Frage. In einer gesteigerten, rauschähnlichen, erwartungsvollen Spannung verbrachte sie friedlose Tage und schlaflose Nächte. –
Leutnant von Clermont hatte auch schon seit Nächten nicht viel geschlafen, eigentlich gar nicht, sein Blut war erregt. Wochen hatte er verbracht in stumpfem Groll – alle Tage Drill, für was denn? Immer von der Ehre, von der Offiziersehre hören und sich doch auf der Nase tanzen lassen müssen – äh was, Ehre, pfeif’ auf den ganzen Rummel! Er war wütend. Ein paarmal hatte er sich schon betrunken. Das war ihm sonst nie passiert; aber jetzt konnte er eben gar nichts vertragen, ein paar Gläser schon stießen ihn um. Gleich prickelndem Champagner stieg ihm der Säuerling, den sie im Kasino verzapften, zu Kopf.
Seine Nerven waren angespannt, all seine Sinne erregt. O, dieses müßige Warten, dieses ungeduldige Lauern in der muffigen Kaserne! Zum umkommen! Nur nach etwas greifen, sich zu zerstreuen, zu vergessen, den Lauf der Tage zu beschleunigen – ha, und nun kam diese blonde Frau! Er erwiderte ihre großen, stummen und doch so beredten Blicke.
Heut abend sprachen sie sich zum ersten Mal. Auf dem dunklen Gang trafen sie einander wie einst. Warum sollten sie sich länger meiden?! Auf halbem Weg waren sie sich entgegengekommen. Er unter dem Vorwand, den Feldwebel sprechen zu müssen; sie ganz ohne Vorwand, einfach gezwungen, schier ohne eigenes Wollen, wie eine Traumwandelnde, Schritt für Schritt gelassen auf den schwindelndsten Pfad setzend.
Sie hatten nicht Zeit zu vielem Reden. Jeden Augenblick konnte sie jemand überraschen, rumorte es doch heute überall in der Kaserne. Der dunkelste Gang war nicht sicher. Gerüchte gingen um, unheimlich schwirrend wie Fledermäuse in nächtlichem Dunkel; man hört nicht ihren lautlosen Flatterflug und spürt ihn doch am kalten, unheimlichen Wehen.
»Josefine,« flüsterte Viktor und faßte sie an beiden Händen, »Fina!«
Sie sagte kein Wort, aber sie neigte sich gegen ihn.
Ehe sie bedachten, was sie thaten, küßten sie sich heiß.
»St – still, kommt da jemand?« Er raunte es, erschrocken und unwillig zugleich.
»Nein – ja, ja!« Und doch huschte sie nicht fort.
Sie umschlangen sich; hastig küßten sie sich wieder, heiß und heißer.
Fatal, wieder Tritte!
»Komm zu mir,« flüsterte er im Kuß.
»Ja, ja, ich ko–«
Sie sprach das Wort nicht aus. Ein schriller Mißton gellte durch die Kaserne.
Horch, ein Trompetenstoß!
Und nun Trommelwirbel vom Platz, Trommelwirbel vom Hof herauf.
»He–rrraus!« Ein einziger, langgezogener Ruf in der Mainacht.
»Donnerwetter, Alarm!« Viktor riß sich los, fort stürzte er; Josefine stand wie betäubt.
Alarm, Alarm! Alle Mann heraus!
Und nun fingen die Glocken der Stadt an zu rufen, von allen Türmen bimmelte es. Ängstlich hilfesuchend wimmerte es: ›Feuer!‹ Mächtig dröhnte es: ›Sturm!‹ Und jetzt – huh – mit beiden Händen fuhr Josefine an die Ohren: das Lärmhorn der Bürger! Schrecklich tutete es; dazwischen das Blasen der Trompete, das Wirbeln der Trommel.
Generalmarsch wird geschlagen – die Infanterie rückt aus.
Feuer, Sturm, Aufstand, offene Rebellion! Grollend dröhnt ein Kanonenschuß. –
Es war wenig Militär in der Stadt, gestern erst eine große Zahl Truppen nach Elberfeld abgegangen, wo die Landwehrmänner sich ihrer Einberufung widersetzten; und heute in der Frühe war ein Nachschub gefolgt. Das ganze Bergische Land schien in Aufruhr.
Die Nacht war lebendig geworden. In den Lüften schien es zu klagen. Über den Exerzierplatz weg fuhr ein Geschrei – dann wurde alles still.
Oben in der Feldwebelwohnung hielt Frau Trina jammernd die Tochter umklammert: »Och Jott, och Jott, de Willem! So mitten in der Stadt, allein mit der alten Frau! Wenn de nur kein Dummheiten macht! Och Jott, och Jott, de Willem!«
»Ich will hinjehn,« sagte Josefine rasch. »Ich hol’ se her! Laß mich doch! Da is ja nix bei, ich hab’ kein Angst. Laß mich,« wehrte sie die Mutter ungeduldig von sich, die sie zurückhalten wollte.
Nach kurzem Kampf ließ Frau Trina ab. Am Ende war es ihr doch eine Beruhigung, wenn die Josefine nach dem Wilhelm sah. Das Gesicht verhüllend, sank sie auf den Stuhl im Winkel.
Ohne Besinnen lief Josefine die Stiege hinunter. Noch konnte sie zum Thor hinaus, es stand offen, ab und zu eilten Soldaten; in der Ferne verklang der Trommelwirbel einer ausrückenden Kompagnie.
Da zog =er= hin! Mit raschem Schritt lief sie hinterdrein.
Flüchtig berührte ihr Fuß kaum das Pflaster, eine Todesangst riß sie fort – wenn ihm ein Leid geschah! Wenn sie ihn in die Kaserne zurückbrachten, das Haupt vom Beilhieb zerschlagen, aus Stichen blutend, die ihm ein Strolch versetzt!
Eine heftige Wut ergriff Josefine gegen das Volk, das sich so vergaß. Sie ballte die Fäuste in ohnmächtigem Zorn: Drauf, wackere Soldaten, drauf!
Mehrere Bürger stürzten an ihr vorüber, die zu flüchten schienen. Aha, jetzt rannte schon das feige Gesindel!
Einer schrie: »Barrikaden, se bauen Barrikaden, se reißen dat Pflaster auf!«
»Wo, wo?«
»Da – da!« Er hob den Arm und zeigte im laufen zurück, von wo er gekommen. »Am Stadtbrückchen – an der Allee – ich weiß nit – da – da! Jesus Maria, se schießen, se schießen!«
Grell pfeift ein Signal – eine Gewehrsalve knattert – wo schießt es, wer schießt?!
Hurra, die Soldaten! Josefine glühte, ihre Blicke flammten begeistert auf. Die Soldatentochter war jäh in ihr erwacht.
Horch, Pelotonfeuer! Von weitem antwortet Kanonendonner. Und jetzt Pferdegetrappel – hei, die Ulanen rücken auch schon zur Stelle! Hurra, die Soldaten, die tapferen Soldaten, die schaffen Ruh’!
Links ab schwenkte Josefine; über die Allee, beim Stadtbrückchen konnte sie nicht durch, das sah sie wohl ein. Rasch hier hinein! Durch die kleinen, engen Gäßchen der Altestadt kam man noch leicht zur Ratingerstraße. Immer rascher lief sie.
Nun war sie am Hunsrück. Ach, wo mochte Viktor jetzt sein?! Viktor, Viktor –?! Verwirrt glitt ihr Blick umher – hier war es ja so dunkel, die Laternen sämtlich erloschen, die Häuser schwarz! Sie tappte, sie stolperte, unwillkürlich stieß sie einen leisen Schrei aus.
»Zurück!« Es klirrte im Dunkeln. Und nun noch einmal der Ruf: »Zurück!« Und jetzt ein laut hallendes Kommando: »Lichter heraus!«
Rechts, links, wie mit Zauberschlag erhellen sich die Fenster, sie sieht entsetzte, neugierige Gesichter hinter den Scheiben auftauchen, nur für einen Moment, dann ducken sie unter, denn: »Zurück!« brüllt es wieder. Blinkende Uniformen, drohende Flintenläufe. Sie will rufen, aber schon geht voreilig ein Schuß los. Dicht pfeift ihr die Kugel über den Kopf.
Taumelnd fällt sie gegen eine Hausthür; diese giebt nach, ein Arm streckt sich heraus und zieht die Wankende herein.
»Jesus Maria, is Euch wat passiert?!« Weinend leuchtete ihr eine Bürgerfrau in’s Gesicht. »Ne, Jott sei Dank, et hat noch jut jejangen! Och, meine Mann, meine Mann, wo is de?! Se werden ein wat duhn, se werden em dotschießen! Se hören ja jar nit, wat mer ihnen sagt. Vorhin jing einen hie langs, ich kenn’ em jut, auch so ene ruhije Börjer, wollt no Huus jonn – knall, schießen se ein kapores. O Maria, Materdeies, wat is dat for en Nacht!«
Josefine zitterte vor Aufregung. »Machen Sie die Thür auf, ich muß wieder eraus!«
»Ne, ne, Ihr könnt jetzt nit eraus – seid Ihr jeck? Se schießen Euch dot!« Die Frau umklammerte sie mit beiden Armen.
»Ich muß!« Josefine riß sich los. Das Weib war wohl toll vor Angst, Soldaten sollten auf ruhige Bürger schießen?! Unsinn! Schon hatte sie die Hausthür aufgezerrt, schon stand sie wieder draußen auf der Gasse.
Jetzt war alles still. Unsicher huschenden Schein warfen die Lichter aus den Fenstern, von den Soldaten war nichts mehr zu sehen. Doch dort – dort in jener Thürnische kauert einer, das Gewehr im Anschlag, und da, hinter den Fässern, die mitten auf’s Pflaster gekollert sind, reckt eben einer spähend den Kopf empor. Ein Flintenlauf hebt sich vorsichtig.
Josefines Augen werden schreckhaft starr – hat die Frau recht: wie ein Wild, wie ein Tier dem Jäger vor’m Schuß?! Sie macht einen Satz gleich dem scheuenden Reh; sich wendend, stürzt sie blindlings zurück.
Herr im Himmel, auch kein Zurück mehr! Lautes Gebrüll schlägt ihr entgegen.
»Zaruck-Buh! Zaruck-Buh!« Das ist der Hohnruf der Aufrührer!
An der nächsten Ecke hat sich ein Haufe postiert. Umgestürzte Karren, Bretter, Säcke, Stühle, Tische, alles was man in der Eile ergriffen, ist aufgestapelt.
»Zaruck-Buh! Preußen! Schweinhunde! Menschenschinder! Zaruck-Buh!« Steine fliegen, Ziegelsteine, Pflastersteine, Sand, Kot, Pferdemist.
Aber jetzt Trommelschlag und jetzt ein Kommando:
»Zur Attacke! Das Gewehr – rechts! Fällt das Gewehr! – Marsch, Marsch!«
»Hurra!« Mit vorgehaltenem Bajonett stürmt das Militär. Eine Bresche entsteht, ein höllisches Geheul, eine wilde Flucht.
»Feuer!«
»De Preußen, de Preußen, se schießen auf uns!«
Auf der rasch genommenen Barrikade stehen die Soldaten und feuern in die enge Gasse.
»Hochhalten!« tönt ein vereinzeltes Kommando, aber niemand hört es. Die Kugeln pfeffern in den Hunsrück – klatsch, in’s Pflaster – klatsch, gegen Thüren und Läden – zeigt jemand sich am Fenster, wird auch dahin geschossen.
Rette sich, wer kann! Josefine wird mit fortgerissen; in die Bolkerstraße hinein geht die Flucht, rechts und links durch eins der Seitengäßchen kann man vielleicht entschlüpfen. Aber dort aus der Kapuzinergasse tönt es: »Zurück!«
Huh, die ›Zaruck-Buh!‹ Die Mündung der Kapuzinergasse ist verstopft von Uniformen, das Eckhaus zur Bolkerstraße von Soldaten besetzt. Auch da kein Ausweg!
Auch da, gegenüber aus der Mertensgasse, gellt ein Hilferuf – das ist ein Verwundeter! Wie ein Tier kriecht er auf allen Vieren die Häuser entlang.
»Hilf’, Maria Josef, zu Hilf’!« Schwach wimmert der Unglückliche nur noch. Eine Thür öffnet sich, ein Mann stürzt heraus, schon hat er den Verwundeten unter die Schultern gefaßt, um ihn in’s Haus zu ziehn – ächzend drückt der die Hand auf die Leibseite – da, wieder der Ruf: »Zurück!«
»Gut Freund!«
Was nutzt’s? »Zurück!« Hähne knacken. Erschrocken läßt der Mann den Verwundeten fallen und springt, sich rettend, in’s Haus zurück; knatternd fährt der Schuß über die Stelle, wo er noch eben gestanden.
Weiter, weiter! Die Bolkerstraße weiter hinunter! Das Kleid ist Josefine abgetreten, zerfetzt hängt es ihr von den Hüften; die Haare, gelöst vom rasenden Lauf, züngeln ihr gleich Schlangen um den Kopf.
Weiter, immer weiter!
Hier unten, dem Markt zu, ist die Straße still, die Fenster sind nicht erleuchtet. Man tappt im Dunkeln, man gleitet, man strauchelt. Nun kommt aufgerissenes Pflaster, Josefine fällt.
Wie lange sie gelegen, weiß sie nicht; endlich rafft sie sich auf mit zerschundenen Händen, mit betäubtem Kopf. Nun ist sie ganz allein. Die Flüchtigen sind sämtlich verschwunden, wohin –?! Sie weiß es nicht. Sie sucht die nächste Thür, sie pocht, pocht wieder, niemand giebt Antwort, niemand öffnet; laut um Einlaß zu rufen, traut sie sich nicht.
Zitternd kauert sie sich auf eine Treppenstufe. Kein Kampf tobt mehr hier, kein Mensch geht, und doch dröhnt es ihr in den Ohren: die Glocken schlagen ununterbrochen an. Dumpfes Hallen von der Rathausuhr; mechanisch zählt sie – Gott im Himmel, schon elf!
Über die Dächer kommt’s wie ein Geheul. Aus der Richtung der Allee Kartätschenfeuer – nein, nicht allein daher, von allen Seiten Geknatter.
Es ist nicht mehr zu ertragen, sie kann es nicht mehr anhören, schaudernd hält sie sich die Ohren zu. Aber sie hört doch den Trommelschlag – ›Fällt das Gewehr!‹ – Die Bajonette blitzen, hinein geht’s in die flüchtende Menge – ›Feuer!‹ – Ein Verwundeter kriecht am Boden, niemand hilft ihm, verschmachten muß er, zertreten wird er – horch, das Pferdegetrappel! Entsetzt fährt Josefine auf.
Täuschung! Nur der Tritt einer nägelbeschlagenen Sohle klappt auf dem Pflaster. Vom Markt her nähert sich ein einzelner Mann. Er kommt auf sie zu, an dem großen Bollerwagen vorbei, der, umgestürzt, die Straßenmündung nach dem Markt sperrt.
Gott sei Dank, da ist jemand! Der wird ihr sagen, wo sie gehen soll. Er scheint sich nicht zu fürchten. So ruhig kommt er daher.
Sie springt auf ihn zu. Nun sieht sie’s im matten Sternenlicht, er ist schon alt, hat weiße Haare, trägt eine Kriegsdenkmünze auf der Brust und unter jedem Arm ein großes Brot.
»Is et sicher langs dem Markt? Kann mer da jehn?!«
»Ja, eja, jeht nur als janz ruhig da langs!« Und als er ihr angstvolles Gesicht sieht, schüttelt er, beruhigend lächelnd den Kopf: »Och ene, so leicht lasse mir uns nit bang mache! Ich komm’ von der Rhing, von mingem Kahn, ich muß noch nach der Pfannschoppenstraß’, mein’ Frau und mein’ Enkel lauern als auf dat Brot. Ich han kein’ Angst. Ne, ene, wenn mer ihne nix duht, duhn ei’m de Preußen auch nix; ich bin ene alte Soldat, ich –«
Ein leichter Knall, ein leichter Pulvergeruch – kurz springt der alte Mann in die Höhe. Zu Boden stürzt er, mit dem Kopf zuvorderst. Er fällt auf’s Gesicht; links fliegt ein Brot, rechts eins.
Jesus Maria, sie schießen aus dem Rathaus! Da, über dem dunklen Markt, – da, – hinter den dunklen Fenstern, da sind sie drin! Josefines Blut erstarrt: Die Preußen, die Preußen, die schießen auf wehrlose Bürger –?! Pfui!
Wie in’s Herz getroffen, sinkt sie bei dem alten Mann nieder. Ihre Hände tasten über sein weißes Haar, über seinen altersgekrümmten Rücken. Klebrig rinnt es ihr da über die Finger – Blut! Er ist tot!
Der Atem stockt ihr, sie will schreien und kann nicht; mit beiden Händen nach dem sich krampfenden Herzen fahrend, stürzt sie auf und fort.
Die Glocken wimmern und wimmern. Aus den Rathausfenstern fallen noch mehr Schüsse. Mit wehenden Haaren und flatternden Fetzen, wie ein Schatten, fliegt sie dort vorbei. –
* * * * *
Die Glocken hatten zu läuten aufgehört beim grauen des kommenden Morgens. Das Pelotonfeuer war verstummt, die Barrikaden in der Kommunikation und Flingerstraße waren genommen, Kanonen aus der Allee angefahren, am Stadtbrückchen hielt ein Pikett Ulanen die Wacht; auch über den Friedrichsplatz schwenkten Berittene. Auf die Gartenmauer des Präsidialgebäudes waren Schützen postiert, Rathaus, Theater und manch andre Gebäude vom Militär besetzt. Und doch fielen noch Schüsse in der Altestadt.
Sie fielen vereinzelt; aber schauerlicher tönten sie, wie eine ganze wildknatternde Salve, Ohren und Herzen der Bürger mit Grausen füllend: das waren bedächtige, wohlgezielte Schüsse!
Die Ein- und Ausmündungen der Gäßchen waren besetzt; an den Ecken lauerten die Soldaten, hinter irgend einer Deckung auf den Knieen liegend, Gesicht und Hände von Pulver geschwärzt. Jetzt gab’s kein Pardon. Lange genug hatte man Beleidigungen einstecken müssen, doch waren sie unvergessen; lange genug hatte zurückgedrängter Groll geschwelt, wie eine glimmende Kohle unter der Asche – jetzt war sie aufgeloht, vom Sturmwind der Nacht entfacht. Jetzt gab’s kein Löschen mehr.
Flammendes Blut war den Soldaten zu Kopf gestiegen und hatte ihre Herzen kalt zurückgelassen, kalt wie Eis.
›Zurück – halt, wer da?!‹ Die Hand war rascher als die Antwort, los ging schon der Schuß.
Die Rheinnebel wälzten sich über die Ratingerstraße und brauten um die Barrikade, drauf hoch eine rote Fahne wehte; noch war die nicht gestürzt, noch flaggte sie im Frühwind.
Still war’s in der alten Straße; die ziegelgedeckten Giebelhäuser hielten ihre Läden geschlossen, nur hier und dort öffnete sich behutsam ein Ritzchen, kaum groß genug, um einen angstvollen Blick hinaus spähen zu lassen.
Langsam kam jetzt eine Patrouille vom Ratinger Thor her, die Straße herunter. Vorsichtig gingen die Soldaten; sie schlichen. Auf der benachbarten Ritterstraße hallten Schüsse, aus dem Mühlengäßchen gellte plötzlich ein Schrei. Die Soldaten packten ihre Gewehre fester, rechts, links flogen spähend die Augen des vordersten; Feldwebel Rinke war’s, er führte die Patrouille an.
Eben hatte er sich von Leutnant von Clermont getrennt, dem die Meldung geworden, daß, nachdem man kaum die Barrikade aus der Mühlenstraße zerstört, in der benachbarten Ratingerstraße mit Zauberschnelle eine neue entstanden sei. Dahin, dahin! Nicht umsonst hatten sie beide zur Zeit die Stadt abpatroulliert, sie kannten das Gewirr der Gassen und Gäßchen.
»Führen Sie Ihre Leute von oben heran, Feldwebel,« hatte hastig der Offizier geraunt, »ich packe die Bande vom Montierungsdepot her im Rücken! Keiner entwischt uns!«
Mit Augen, die fast aus den Höhlen dringen, späht der Feldwebel jetzt in die Dämmrung. Verdammt, daß man nicht besser sehen kann! Wo, wo stecken die Schufte?! Sein Herz schlägt hart; seine lange Gestalt duckend wie zum Sprung, tappt er voran.
Dunkel ragt etwas vor ihm auf, ist’s ein Bollwerk, eine Verschanzung?! Hei, der Feind dahinter! Ein gellendes Pfeifen empfängt die Soldaten.
Hurra, da ist die Festung! Auf zum Sturm! Ein lautes Kommando schreit er heraus und dann ein jauchzendes Hurra; mit gewaltigem Anlauf stürmt er.
Fässer sind aufgetürmt, Bierfässer, Weinfässer, Bretter darüber gelegt und umgestürzte Karren; Stroh, Sand, Steine zwischengestopft.
Keuchend schafft sich Rinke Bahn. Die Pistole hat er in den Gurt gesteckt, mit mächtigen Griffen reißt er das Bollwerk auseinander. Wie ein Wütender, achtlos des Hagels von Steinen und Glasscherben, der auf ihn nieder saust, tollkühn, dringt er vorwärts. Wie in der Schlacht, hei, wie in der Schlacht!
Hier ein Stoß, da ein Tritt – er strebt nach der Fahne, die frech dort oben flattert.
Schwarze Gestalten – es sind ihrer nicht viele – geben Fersengeld.
»Hurra!« Jetzt stehen schon einige Soldaten oben, sie feuern hinter den Fliehenden drein. Und »Hurra!« tönt es von hinten, vom Depot her. Gleich angstvollen Bestien rennen die Umstellten hin und her.
Mit einem wilden Lachen langt Rinke nach der Fahne – halt, wer duckt sich da?! Er schwingt sich vollends hinauf; einer will entwischen. »Steh! Halunke, steh!«
Pardon wird nicht gegeben. Mit eiserner Faust packt der Feldwebel zu. Blitzschnell entwindet sich ihm eine schlanke Gestalt, will fliehen, sieht keinen Ausweg, rafft einen Stein auf und setzt sich verzweifelt zur Wehr.
Ohne Besinnen reißt der Soldat die Pistole heraus und schlägt an – Mann gegen Mann – da zeigt ihm ein Feuerstrom, der vorüberfährt, ein pulvergeschwärztes, angstverzerrtes Jungengesicht – Wilhelm!
»Verfluchter Bengel!« knirscht er zwischen den Zähnen; er hat ihn gesehen, er hat ihn erkannt. Und der Sohn hebt mit beiden Händen, zum niederschmettern bereit, den Pflasterstein.
Knall, wieder ein Feuerstrom. Der Feldwebel zuckt zusammen – können die Kerls denn nicht das Kommando zum schießen abwarten?! Dicht nebenan stürzt ein Aufrührer, fällt hintenüber, reckt im jähen Tod die Fäuste empor. Grausenvoll stiert sein Auge. Und er ist auch noch so jung!
In Rinkes Hand beginnt die Pistole zu schwanken; jetzt hat er keine Festigkeit zum zielen mehr, er läßt die Waffe sinken. Vater und Sohn starren sich an; nur Sekunden und doch Ewigkeiten.
»Halunke,« zischelt der Vater endlich und hebt wieder langsam, zögernd die Pistole.
»Vater!« schreit entsetzt der Sohn auf, läßt den Stein fallen und verbirgt das Gesicht.
»Halunke!« Die bebende Hand will nicht gehorchen.
Da – ein Stein kommt angeschwirrt, von unsichtbarer Hand geschleudert – gut gezielt. Der Feldwebel taumelt; vor die Stirn getroffen kollert er hinterrücks von der Barrikade.
Und der Sohn steht mit stierem Blick. Hat er geworfen, den Vater getroffen –?! Nein – ja – nein! Er weiß es selber nicht, er ist ganz betäubt.
»Halt, der da, der hat geschossen! Packt die Kanaille!«
Ein Offizier mit blankem Degen springt auf Wilhelm zu. Da rafft der Junge sich auf, die Betäubung weicht – rette sich, wer kann – in Lebensgier, in Freiheitsgier setzt er herab auf’s Pflaster. Dort, dort ist der ›Bunte Vogel‹ und Hilfe, Rettung!
Die Thür giebt nach – er hinein – Riegel zu – Treppe hinauf, in den Taubenschlag, auf’s Dach. –
Gewehrkolben donnern gegen die Thür des ›Bunten Vogel‹. Leutnant von Clermont verschafft sich mit Gewalt Einlaß; halb eingerannt, halb zerschossen, hängt die Thür nur noch lose in den Angeln. Die Soldaten stürmen in den dunklen Flur.
Wo ist der Kerl, der geschossen hat? Hier drin muß er sein! Man schickt sich zum suchen an. Ihrer zwei, drei stolpern in den Keller, ein paar andre die Stiege hinauf. Der Leutnant fährt das alte Weib an, das ihm aus der Wirtsstube entgegentritt:
»Wo ist der Kerl? Wir haben ihn hier herein fliehen sehen. Ihr habt ihn versteckt?!«
»Ne, och ene, ich weiß von nix, och Jott, och Jott!«
»Doch, er muß hier sein – keine Ausflüchte!«
»Och Jott, och Jott! Jesus Maria Josef!«
»Sucht, sucht!« Der Leutnant feuert die Soldaten an, und dann stößt er in ausbrechender Wut die jammernde Alte beiseite: »Gesindel, steckt alles unter einer Decke! Gebt ihn heraus!«
»Jetzt werd’t Ihr füsiliert,« sagt ein Soldat mit breitem Grinsen und schlägt das Gewehr auf die Alte an. Halbtot vor Angst sinkt das Mütterchen in die Kniee, sein schwacher Aufschrei zetert durch’s Haus.
Ein andrer Schrei folgt: »Viktor!«
Aus dem dunkelsten Winkel der Wirtsstube ist eine Gestalt hervorgestürzt, eine junge Frauensperson mit flatternden Haaren und zerfetztem Rock; ihre Augen sind überweit aufgerissen, wie irr stieren sie aus dem todblassen Gesicht. Die Arme abwehrend vorgestreckt, wirft sie sich zum Schutz vor die Alte.
Und wieder gellt ihr Schrei, halb wahnsinnig vor Zorn, Empörung und zitterndem Schmerz: »Viktor!«
* * * * *
Bis zum lichten Morgen hielten Soldaten die verlassene Barrikade in der Ratingerstraße besetzt, mit ihren Schüssen die Bewohner der verräterischen Straße in Schrecken erhaltend. Haus bei Haus war durchsucht, der Flüchtling nicht gefunden worden. –
Die warme Frühsonne des 10. Mai schien auf das Düsseldorfer Rathaus; übernächtig, fröstelnd, niederschlagen und ratlos, saß drinnen der Gemeinderat: zwanzig Bürger waren tot, viele sistiert, unter den Toten auch ein Mädchen! Man hatte die Leiche der unglücklichen Dienstmagd samt den Scherben des Topfes, darinnen sie Milch geholt, den Herren vor’s Rathaus gebracht. Viele weinten in nervösem Schreck. Auch Soldaten sollten gefallen fein.
Überall traurige Spuren des Kampfes; zerstampfte Erde, aufgewühltes Pflaster, Reste von Barrikaden. In der Kommunikation ein von Kartätschenkugeln demoliertes Haus, auf dem Friedrichsplatz ein Pferdekadaver. Überall bleiche Gesichter, verstörte Blicke. Auch die hell aufgegangene Sonne hatte sich bald verfinstert, wie eine Wolke von Unglück hing’s über der Stadt.
Gegen zehn Uhr vormittags war es, als Rinke in die Kaserne zurückkehrte, die Uniform zerrissen und besudelt, den Kopf mit einem blutgetränkten Sacktuch umwunden. Er taumelte und hielt sich kaum auf den Füßen; aber er war so lange bei den Kameraden geblieben trotz des starken Blutverlustes und der tiefen, stundenlangen Ohnmacht, die ihn nach dem Sturz von der Barrikade überkommen. Nur nicht nach Hause, nur nicht allein sein! Er klammerte sich förmlich an die Kameraden an. Er hatte treu bei seiner Kompagnie ausgehalten bis an’s Ende.
Ja, bis an’s Ende! Finster vor sich hinnickend, saß er jetzt auf seinem Platz am Fenster. Der Exerzierplatz war leer, die Wohnung auch – natürlich, die Käthe und die Josefine waren gleich am Morgen in den ›Bunten Vogel‹ gelaufen.
Da kamen sie noch lange nicht zurück!
Er zürnte heute nicht mehr darüber, wie früher wohl; ein wehmütig resignierter Zug glitt über sein Gesicht. Dann stand er auf und ging schwankend, sich längs der Wand weitertastend, zum Tisch.
Alles weg – was sollte er noch hier?! Das Höchste weg – er hatte es verloren. Verloren! Stöhnend lehnte er sich gegen den Tisch. Wie hatte er einst geschworen zu Gott dem Allwissenden und Allmächtigen?! – – – – ›Daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, meinem allergnädigsten Landesherrn, zu Land und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten, an welchen Orten es immer sei, getreu und redlich dienen, Allerhöchstdero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen, mich so verhalten will, wie es einem rechtschaffnen, unverzagten, pflicht- und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt – – –‹
Die Lippen zitternd bewegend, hatte er’s gemurmelt. Bei dem Wort ›ehrliebend‹ zuckte er, ein Ausdruck tiefsten Schmerzes krampfte sein Gesicht zusammen. Mit einem unartikulierten Laut die Hand zum Kopf hebend, riß er die Binde ab – mochte sein Blut hinfließen, was lag daran?! Er hatte die Ehre verloren, seine Ehre! Wo war sie? Ganz am Boden, unter der Barrikade, da lag sie, zertreten.
Was hatte er gethan?!
Er war ausgezogen gegen die verfluchten Rebellen – hatte er nicht geschworen, die zu vernichten, die seinem König Schaden und Nachteil brachten? Erbarmen war ihm dabei nicht aufgedämmert, für keiner Mutter Sohn, und nun, da der Bengel vor seiner Pistole stand, der Halunke, das räudige Schaf, war ihm eine Angst angekommen um dessen elendes Leben. Wie der Schuß knallte, der den andern Rebellen, jenen jungen Burschen nebenan traf! Dieser mörderische Schuß hätte auch seinen Sohn treffen können! ›Vater‹ –! hatte der gerufen. Da hatte seine Hand die Pistole sinken lassen.
Und nachher, war ihm nicht eine tödliche Furcht durch die Seele geschlichen, als die Kameraden die Ratingerstraße absuchten, Haus für Haus? Gott sei Dank, sie hatten ihn nicht gefunden! Er war entflohen.
Aber wenn der Sohn auch geflohen war, wurde der Vater das Bild darum los? Der Sohn auf den Barrikaden, unter der blutroten Fahne, die Hand frech erhoben gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit! Und wenn es auch niemand wüßte – mit einem dumpfen Stöhnen griff der Feldwebel an die Stirn, über die schwer ein Blutstropfen nach dem andern aus der noch frischen Wunde sickerte – du selbst weißt es doch! Du wirst es sehen bis an’s Ende deiner Tage! Du bist der Vater eines Rebellen, eines Königsverräters! Du hast nicht Ehre mehr, des Königs Rock zu tragen – leg ihn ab, leg ihn ab! Geh’ und schäm’ dich bis an das Ende deiner Tage!
Das war ein Kampf, der in ihm wühlte, hart und schwer. Sein Sohn auf den Barrikaden, der Sohn eines altgedienten preußischen Soldaten – war das nicht eine Schande für’s ganze Heer, eine Schande für Preußen?! Er stöhnte auf: »Preußen, mein Preußen!« Der Junge ein Verbrecher, gemeiner als ein Dieb, und er, er selber, der Mitschuldige! Mit Fingern würden sie auf ihn weisen: ›Seht, da schleicht der Vater von dem Schuft, von dem Halunken, muß seinen Sohn gut erzogen haben, daß der so feine Wege geht! Wird am Alten selber auch nichts sein! Reißt ihm das Ehrenzeichen ab – was hat das auf seiner Brust zu suchen? Zieht ihm den Rock herunter, er ist des nicht wert – schnell, schnell, was zögert ihr noch?!‹
»Nein!« Er schrie es laut heraus und packte mit beiden Händen den Rock über der Brust, eine flammende Röte schlug ihm in’s Gesicht. »Meinen Rock, den trag’ ich – bis an’s Ende! So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum zur Seligkeit!«
Tief neigte er den Kopf. Schweiß trat ihm auf die Stirn und rann ihm reichlich an den mageren Wangen herunter. So stand er lange, wie zusammengeknickt, die Hände in den Rock gekrampft, und rührte sich nicht. Still war’s um ihn, kein Mäuschen knusperte, kein Holzwurm schrabte, kein Vogel schirpte vor dem Fenster, keine Stimme des Lebens rief.
Da – horch! Jetzt ein Signal! Hell lockte es durch die Stille. Das rief zum Appell!
Da richtete er sich auf. Er stand kerzengerade, stramm: das hörte er nun zum letzten Mal und in Ehren! – –
Er war ruhig geworden. Gelassen zog er die Schublade des Tisches auf und suchte darin. Allerlei Kram war da zu finden: Lichtstümpfchen und Brotkrumen, Zeitungsblätter und Frau Trinas Strickzeug, Flicken und Wollreste, eine Griffelbüchse, eine zerbrochene Schiefertafel und ein Schulheft der Kinder. Ein altes Schönschreibeheft. Der Lehrer hatte vorgeschrieben: ›Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten‹ – ›Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es‹ – ›Ehrlich währt am längsten‹ und dergleichen Weisheit mehr. Und die ungeübte Kinderhand hatte sich gemüht, die schön geschwungenen Buchstaben nachzumalen.
Ehrlich – ehrlich! Der Feldwebel blätterte langsam das ganze Heft durch. Da war noch eine leere Seite. Sorgfältig löste er sie heraus, und dann suchte er nach einem Bleistift. Alles übrige wieder ordentlich zurechtlegend, schob er die Schublade zu.
Mit fester Hand, gleichsam die Kalligraphie des Lehrers nachahmend, schrieb er etwas auf das weiße Blatt. Nur wenige Worte, einen einzigen kurzen Satz; aber klar und deutlich stand da, schön wie eine Vorschrift:
=Über alles die Ehre!=
So. Das konnten sie gut lesen!
Mitten auf den Tisch legte er den Zettel und den Bleistift zum beschweren quer darüber.
Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, ehern war’s wie vor der Front, als er seine Pistole aus dem Lederfutteral nahm. Die Pistole war beschmutzt. Er ging und wusch sie und rieb sie mit dem Putzlappen glänzend; blank sollte sie sein. Sorgfältig prüfte er sie – seine Hand zitterte nicht – und dann lud er.
Noch einen Blick warf er hinaus auf den weiten Exerzierplatz, den keine Sonne erhellte. Einen Blick auch nach dem Sitz am Fenster, wo er die kleine Josefine die ersten Kommandos gelehrt, dann ging er ruhigen Schrittes nebenan in die Schlafkammer. Die Thür klinkte er hinter sich zu.
* * * * *
Ein scheues Flüstern ging durch die Kaserne, ein zittrig-banges Atmen: Feldwebel Rinke war tot! Er hatte sich erschossen – mit seiner Pistole in die Schläfe. Wenn auch der Hauptmann zu entschuldigen versuchte: die unglückselige That sei wohl infolge der Kopfwunde, in einem Fieberanfall, in einer Anwandlung von Geistesumnachtung geschehen – das glaubte doch keiner. Ein Gerücht ging von Mund zu Mund: Auf den Barrikaden hatte der Feldwebel den eignen Sohn getroffen unter der roten Fahne, und der hatte die Hand erhoben wider den Vater, ihn niedergeschmettert mit einem Stein. Ja, ja, der Rinke war immer zu streng gegen seinen Jungen gewesen! Er war überhaupt zu streng gewesen, aber – Friede seiner Asche – ein armer Kerl war er doch, der Feldwebel!
Das volle Mitleid gehörte den Weibern, der Frau und der schönen Fina. Bis weit auf den Platz hinaus hatte man den Schrei gehört, den die beiden ausgestoßen, als sie, um Mittag nach Haus kommend, den Toten fanden. Auf dem Bett hatte er gelegen, als ob er schliefe, noch in der Uniform.
Da lag er auch jetzt noch. Frau Trina durfte ihn nicht rühren, so hatte sie ihm nur ein Taschentuch über den Kopf gedeckt; und die Großmutter, die vom ›Bunten Vogel‹ herbeigewankt war, hatte drei Lichter angesteckt, die flackerten zu Häupten des Bettes: – ›Jesus, Maria, Josef, euch schenk ich seine Seele!‹
Es ging auf den Abend. Bald würde Conradi hier sein. Ach, wenn nur auch der Wilhelm käme! Wo war der?!
Das Herz der Mutter klopfte ängstlich. Ach, ihr hatte ja Unheil geschwant, gestern abend schon und die ganze letzte Nacht, die sie allein unter Seufzen und Thränen verbracht, während die Stadt in Aufruhr. Was war nur mit dem Wilhelm passiert?! Niemand gab ihr Bescheid; man zuckte verlegen die Achseln, man sah sie so scheu an, man flüsterte verlegen hinter ihrem Rücken. Was war geschehen?! War’s nicht genug, daß der Rinke ihr das angethan?! Sollte noch mehr Unglück kommen?!
Weinend warf sich Frau Trina vor ihrem Weihwasserkesselchen nieder, hinter dem noch geweihter Palm steckte vom letzten Osterfest her. Sie betete für die in Sünden abgefahrene Seele des Gatten, und sie betete in ungewisser Angst für den Sohn. Die Großmutter kniete neben ihr; so beteten sie miteinander, Stunde um Stunde:
›Herr, erbarme dich seiner! Christus, erbarme dich seiner! Heilige Maria, bitte für uns!‹
Im Nebenzimmer, allein, war Josefine. Sie kauerte auf dem Schemel in der Fensternische, die Arme um die hochgezogenen Kniee geschlungen, den Kopf tief gebeugt.
Sie mochte nicht hineingehen dort in die Kammer – da lag er, tot, tot! Ihr grauste vor dem Vater. Sie konnte ihn nicht ansehen in seiner Uniform, die von Blut befleckt war – war es sein eignes Blut, war es das Blut wehrloser Bürger?!
Schaudernd schüttelte sie sich in einem Entsetzen, das sie nicht mehr verließ seit der vergangenen Nacht. Ach, das war ja nicht ihr lieber Vater, der da drinnen lag; das war ein fremder Soldat! Der hatte gewütet wie die andern – ein Preuße, ein Preuße!
Mit einem Angstschrei sprang sie auf und streckte abwehrend die Hände von sich in einem wilden Grauen: der alte Mann mit den Broten – zu schrecklich, zu schrecklich – nein, den vergaß sie nie!
Die Großmutter öffnete spaltbreit die Kammerthür und streckte den Kopf in die Stube. »Komm, Finchen,« flüsterte sie fast vorwurfsvoll, »komm doch ens bei dein Vater!«
»Ich kann nit!« Wimmernd sank Josefine auf ihren Sitz zurück und verbarg das Gesicht in den Händen. Nein, sie wollte ihn nicht sehen! Und doch stieß es sie vorwärts – es war ja doch ihr Vater, der sie geliebt ihr ganzes Leben! »Vater, Vater, verzeih mir, ich kann nit, ich kann nit!«
Ein beständiges Zittern befiel sie. Heiß brannte es in ihrer Brust – ungeweinte Thränen – wo war Trost?! Wie sie die beiden da innen beneidete, denn die konnten beten und weinen! Kein Tropfen löste sich aus ihren Augen, trocken glühten sie in den Höhlen und schmerzten, und das Herz lag in der Brust wie ein Stein.
Wenn nur erst Conradi da wäre! Eine leise Sehnsucht begann sich in ihr zu regen. Der war so ruhig; der würde ihr die Hände streicheln und über’s Haar: ›Armes Finchen!‹ Ach ja, der war gut! Nur weinen! Wenn sie nur wenigstens weinen könnte!
Sie schreckte zusammen – hatte es nicht leise geklopft?! Behutsam wurde jetzt die Thür geöffnet. Scheu duckte sie sich in ihrer Ecke zusammen, ohne Laut, ganz entsetzt – da kam =der= – =der= –!
Leutnant von Clermont war eingetreten. Er bemerkte Josefine nicht. Blaß, die Augen auf den Boden geheftet, schritt er durch die Stube zur Kammerthür. Er trug einen kleinen Kranz.
Mit weiten Augen starrte sie ihm nach – nun war er hineingegangen!
Endlose Minuten verstrichen. Sie hörte die Mutter sprechen und dann schluchzen, und dann ward alles still. Seine Stimme hörte sie nicht. Warum blieb er so lang, was hatte er da drinnen zu suchen?!
Wider Willen stand sie auf und näherte sich der nur angelehnten Thür. Sie drückte sich durch den Spalt. Niemand gewahrte sie, Mutter und Großmutter beteten still. Am Bett stand =er=. Seinen Kranz – waren’s Lorbeern? – hatte er über den Pfosten gehängt; ohne sich zu rühren verharrte er und blickte starr auf den Toten.
Ob er ihr Auge fühlte? Jetzt schaute er verstört auf. Noch einen stummen Gruß dem Kameraden, dann wendete er sich zur Thür. Im Vorüberschreiten hielt er ihr wortlos die Hand hin, aber heftig stieß sie die von sich. Mit einer wilden Gebärde des Abscheus drehte sie ihm den Rücken. Da ging er.
In einer wahnsinnigen Verzweiflung rang sie die Hände. Nur beten! Wenn sie jetzt nur beten könnte! Ihr wirrer Blick fiel auf Mutter und Großmutter – o, die fanden Trost! Trost – Trost – Trost!
Und Josefine stürzte auf die Kniee und bekreuzte sich wie jene und hob die Hände und stammelte nach in inbrünstigem Flehen:
»Herr, erbarme dich unser! Christus erbarme dich unser! Heilige Maria, bitte für uns! Du Trost der Elenden, Du Stärke der Schwachen In unsern Trübsalen, In unsern Anfechtungen, In unsern Kämpfen, – bitte für mich!«
* * * * *
Die Trauerparade marschierte nicht vor dem Leichenwagen, die Hoboisten bliesen nicht den Totenmarsch, die Tambours schlugen nicht gedämpfte Trommel, keiner trug’s Ehrenzeichen auf dem Kissen voran – Feldwebel Rinke wurde in aller Stille zur letzten Stätte geführt, im frühesten Morgengrauen, eh’ noch die Stadt erwachte.
Düsseldorf lag wie in Grabesruh’; alle Fensteraugen fest geschlossen, alle Hausthüren verriegelt, niemand zeigte sich neugierig beim Rumpeln des Karrens. Ein trauriges, trübes Licht glomm über den Dächern.
Lang hing das schwarze Bahrtuch und versteckte ganz den schlichten, tannenen Sarg und die paar schüchternen Kränze.
Conradi hatte sich neben den Kutscher gesetzt; am Hofgarten schwangen sich noch ein paar, von der Kompagnie zum Begräbnis Kommandierte hinten auf. In rascher Fahrt erreichte man den Kirchhof, weit draußen am Rhein.
Es ging alles rasch, mit militärischer Schnelle. Die Soldaten halfen dem Totengräber zuschaufeln. Nebel brauten noch dick über’m Rhein, Tau fiel noch reichlich, im Rosengebüsch piepten noch verschlafene Vögel im ersten Erwachen, da war schon alles vorüber. Fröstelnd verließen die Soldaten den Kirchhof.
Nur Conradi stand noch allein am Grab. Das lag an einsamer Stelle, weit rechts ab von dem großen Mittelkreuz und allen reichen Monumenten des Friedhofs – nur wenige ungepflegte Hügel in der Nähe.
Der Sergeant war in bester Montur, das konnte ihm niemand wehren; sehr blaß leuchtete sein betrübtes Gesicht über dem Uniformkragen. Seine Lider waren schwer vom entbehrten Schlaf; hatte er es sich doch nicht nehmen lassen, dem toten Kameraden die Wacht zu halten die ganze letzte Nacht.
Traurig sah er sich um – niemand da zur letzten Ehre!
›Helm ab zum Gebet!‹ – niemand kommandiert es, und doch ruft es laut durch die große Stille, vom sich rötenden Himmel herab auf die graue Erde. Vom breitflutenden Rhein kommt’s wie Posaunenstoß, majestätisch befehlend: ›Helm ab zum Gebet!‹ Mit Orgelton braust der Morgenwind den Choral in den Wipfeln der Bäume.
Conradi nahm den Helm ab, seine weißbehandschuhten Hände falteten sich über der blanken Spitze. Langsam und feierlich, den Blick geradeaus gerichtet, daß die Thränen nicht rollten, sprach er laut gen Sonnenaufgang:
»Jesus meine Zuversicht Und mein Heiland ist im Leben; Dieses weiß ich, sollt’ ich nicht Darum mich zufrieden geben? Was die lange Todesnacht Mir auch für Gedanken macht!«
Drittes