Buch XIX
Auf den Düsseldorfer Gemüsemarkt schien prall und stechend die Herbstsonne. Wenn auch die Bauern über Mangel an Arbeitskräften beim Gemüsebau schwer gestöhnt hatten, diese letzten feuchten, treibhauswarmen Septemberwochen hatten dem Kappes noch gut gethan, ganze Karren voll herrlicher Kohlköpfe waren heute von Dorf Hamm her in die Stadt gerumpelt; schon am frühen Morgen weckte das unablässige Rollen der Räder die Bürger aus dem Schlaf: aha, Markttag!
Um den alten Jan Willem drängten sich die Marktleute; in der Mitte, am Standbild, waren die begehrtesten Plätze, da hatten die reichsten Bauern eine Leinenbedachung über ihre Körbe aufgeschlagen, oder unter großen, von Wind und Wetter mißfarben gewordenen Schirmen leuchteten die hellen Kopftücher der Weiber. Ein ganzes, fast unübersehbares Feldlager von Körben und Kiepen; einzelne Vorposten weit hinausgeschoben bis in die auf den Markt einmündenden Straßen. Am Burgplatz eine mehrreihige Auffahrt von Wagen und Karren.
Zwischen Körben und Kiepen durch schlängeln sich die Käufer: einfachere Bürgersfrauen, Kinder an Hand und Rock, Dienstmädchen in Gedruckskleidern und Siamosenschürzen, feine Damen, die sich von der Magd den Korb tragen lassen, behagliche Rentner, die gern das neueste vom Jahr essen und sich über die Preise orientieren, Handwerker, die ihre heute zu Hause in Anspruch genommene Ehehälfte vertreten, junge Leute, Maler augenscheinlich, die das Marktbild studieren, und Offiziersburschen in blau-weiß gestreiftem Drillich. Ein lebhaftes Gewimmel, ein anpreisendes Rufen und stetes Gesumm. Viele Farben: frisches Grün der Gemüse, leuchtendes Weiß der Eier und der sauberen Buttertücher, köstliche Reife herbstlicher Früchte, rot, gelb und blau; ein tiefgefärbter Himmel und goldener Sonnenglanz. Aber auch viel Schwarz – Trauerkleider – ein düsterer Unterton in der reichen Skala der Farben.
Die ersten Hasen waren heut zu Markt gebracht worden, und in den Körben lagen hochaufgeschüttet mit zart-duftigem Anhauch die ersten Zwetschgen. »Wie pure Honig,« versicherten die Marktweiber, »probiert ens, Madam, dat es jett Leckers!«
Aber doch lockten sie wenig Käufer. Manches Auge blickte zwar begehrlich, manche Kinderhand zupfte an der Mutter Rock, aber nur die Rheinkadetten, die vom Strom herangebummelt kamen, ließen sich von den Pflaumen in die Mütze messen. So billig wie dies Jahr, kamen sie sonst nicht zu Obst, es galt heuer rein gar nichts, denn niemand wollte es kaufen. Aber sie aßen mit Behagen: nur nicht bang, eine ›Bangbüx‹ kriegt sie am allerersten! Nur dreist sie auf’s Korn genommen, – piff, paff, trara – da hat sie keine Courage, einen anzupacken!
Arm in Arm dahinstapfend, sangen die kräftigen Kerle:
»Eins, zwei, drei Wir sechsundsechziger Musketiere Schießen mit Blei!«
Sie waren fast alle diesen Sommer mit im Krieg gewesen. Da am Rathaus baumelten noch die Guirlanden: ›Den Siegern von 66!‹ Noch prangten unter welken Kränzen die Tafeln mit den Schlachtennamen: Langensalza, Kissingen, Hammelburg, Gitschin, Nachod, Königgrätz. Und Sieger über hunderttausend Österreicher sollten sich vor ein bißchen Cholera fürchten?!
Die Zwetschgenkerne im Bogen auf’s Pflaster spuckend, nahmen die Rheinarbeiter ihren Weg zu irgend einer Schifferkneipe, um, nebst einem Cholerabittern, noch eine neue Gurke oder einen grünen Hering zu verzehren.
Fast ängstlich schauten die Bürger ihnen nach: O je! Morgen früh würde man im Blättchen wieder von neuen Erkrankungen lesen; in der Ritterstraße, in der Liefergasse und auch hinter der Ratinger Mauer, da hatte die Cholera so recht ihr Nest. Daß das Volk auch nicht klug wurde, sich Choleraleibbinden anschaffte und mit Suppen und ordentlicher Fleischkost nährte! Freilich, das Fleisch war jetzt unverschämt teuer, für Arme schier unerschwinglich. Nette Zustände das! Nicht allein, daß die Cholera einem das Behagen störte, nun munkelte man auch noch von Rinderpest; allenthalben hatte die Polizei die Viehställe geschlossen.
Ach ja – mancher Bürger schüttelte ärgerlich den Kopf, – all das Malheur kam von dem Krieg, dem unseligen Bruderkrieg! Wie konnte der König Wilhelm auch dem Premierminister, dem von Bismarck, so ganz und gar sein Ohr schenken?! Waren die Österreicher denn nicht deutsche Brüder, und die Hannoveraner, die Hessen, die Nassauer, die Sachsen, die Bayern erst recht? Aber dem von Bismarck war eben alles egal; ›Blut und Eisen!‹ hieß dessen ganze Politik – wär’ der nur, wo der Pfeffer wächst!
Ach, keine Hoffnung, der von Bismarck stand fest, den traf selbst eine Kugel nicht; der war gepanzert.
Und was hatte es genutzt, daß die Bürgerschaft von Köln und Düsseldorf und Krefeld, Dortmund, Duisburg, Iserlohn, Elberfeld-Barmen und noch vieler andrer Städte seinerzeit dem König Adresse auf Adresse geschickt:
›Wir fühlen uns gedrungen, als unabhängige Männer, es offen auszusprechen, daß bei aller Opferwilligkeit des Volkes, für die höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm die Begeisterung fehlt, deren ein Kampf für die wahren deutschen Interessen schwerlich entbehren kann.‹
All diese Rufe, die Bitten und Klagen waren ungehört verhallt. Die widerwillige Haltung der einberufenen Landwehrmänner und der, schon wieder aus ihrer Familie und ihrem Erwerb herausgerissenen Reservisten wurde nicht beachtet. Der von Bismarck hatte gesprochen, und seine mächtige Stimme übertönte alles: =ein preußisches Deutschland=! Jawohl, so war’s, so stand’s im Blättchen: Deutschland sollte mittels des Zündnadelgewehrs zu Großpreußen gemacht werden! So, dafür also hatte man seine Söhne in den Kampf schicken müssen? War’s nicht genug, daß jetzt jährlich weit über sechzigtausend Rekruten ausgehoben wurden? Daß man die Reservedienstpflicht von fünf auf sieben Jahre erhöht, die Stärke der Regimenter verdoppelt und sogar noch zehn neue kostspielige Kavallerieregimenter eingestellt hatte? Mußte denn auch gleich die neue Heeresmacht ausgenutzt werden? Blut und Eisen, jawohl, aber Handel und Wandel mußten darunter leiden. Was verschlang solch ein Heer, solch ein Krieg für schönes Geld! Dafür hatte man wahrhaftig nicht seine paar Sparpfennige auf die hohe Kante gelegt. Aber der von Bismarck sagte, wenn man ihm kein Geld gäbe, würde er schon sehen, wo er sich’s nähme.
Was hatten denn nun die kolossalen Ausdehnungen der Eisenbahnlinien, die man zu Beginn des Jahres so freudig begrüßt, die direkte Verbindung von Rheinland und Westfalen mit Berlin, Holland, Belgien, Frankreich, der Anschluß der rheinischen Industrie an den Welthandel, für Wert? Der von Bismarck machte Krieg, und aller Verkehr stockte; die Ausfuhr von Produkten, im Wert vielleicht von Millionen, war wie abgeschnitten. Die Rheinschifffahrt, die gerade so herrlich florierte, wurde lahm gelegt mit einem einzigen Federstrich; nur bis Koblenz durften die Schiffe aufwärts fahren, Bingen schon war Feindesland.
Und wenn es nun auch noch einmal ›jut jejangen hatte,‹ was die Düsseldorfer als einen schwachen Trost empfanden, Preußen gesiegt und seine Grenzen erweitert hatte, was lag an solch ein paar Schnippelchen Land?! Wenn die Zeitungen auch posaunten vom Jubel beim Einzug der rückkehrenden Truppen, – wo jubelte man? In Berlin vielleicht – hier nicht. Und was auch geschrieben wurde von der großen Armee, ›furchtbar im Krieg, edel nach dem Sieg,‹ von der =Volksarmee= – das Volk hatte gar nichts damit zu thun! –
Mancher Bürger blieb in solche Gedanken versunken stehen, mitten im lebhaften Marktgetriebe, und schaute mürrisch zu den dürren, rasselnden Kränzen am Rathaus hinauf. Wär’ auch Zeit, daß die heruntergenommen würden, verschimpfierten ja die ganze Fassade!
Die Marktpolizei schritt durch die Reihen und schnüffelte in die Körbe; einer zeternden Bauernfrau wurde ein Korb konfisciert – hier noch einer, dort noch einer – fort mit dem unreifen Zeug, den Cholerapflaumen! Gleich fünf, sechs Körbe auf einmal wurden hinunter zum Rhein geschleppt und in die Flut geschüttet.
Das Publikum blickte unwillig: die armen Weiber! Cholerapflaumen?! Ach was, die Cholera kam von was ganz anderm, die paar Pflaumen verschlimmerten nicht mehr viel daran. Eingeschleppt war die aus dem schlechtbeköstigten Heerlager, aus den schmutzigen böhmischen Dörfern, vom wüsten Schlachtplan, dem von Gewittergüssen durchweichten Acker und aus den überfüllten Lazaretten. Die Cholera schlich dem Krieg nach als sein Schatten.
Das Wegschütten des Obstes hatte alle Gemüter erregt. Das unheimliche Gespenst der Seuche machte sich plötzlich auf dem Markt breit, mitten im hellsten Sonnenschein, und ließ sein düsteres Gewand zwischen den Körben und Kiepen schleppen.
Überall fanden sich Bekannte zusammen, die einen neuen schrecklichen Fall besprachen: in der Liefergasse, in einem der alten Häuser mit den engen Höfchen, hatte die Cholera sämtliche Bewohner ergriffen.
Eine dicke Dame, die den Longshawl nachschleppte, schlug die Hände zusammen:
»Och Jott, och Jott, ne, et is heutzutag ja jar kein Pläsier mehr zu leben!«
Das Dienstmädchen, das mit dem Korb hinter ihr ging, zupfte sie.
»Frau Schnakenberg, Se schleppen Ihr Duch!«
»Och Jott, och Jott!«
Die dicke Dame arrangierte sich und zog umständlich ihr kostbares Tuch herauf, das Mädchen mußte ihr dabei behilflich sein.
Viele Bürger sahen ihr nach. Da war manch einer unter ihnen, der die behäbige Dame schon gekannt, als sie noch, jung und ledig, bei den Eltern im ›Bunten Vogel‹ war und noch nicht den Feldwebel Rinke geheiratet und sich in der Kaserne hatte plagen müssen. Das sah man der wahrhaftig nicht an, daß die so viel durchgemacht: Damals, neunundvierzig, der Mann sich erschossen, und der Sohn, der Wilhelm, ausgewiesen und verschollen! Ja, ja, Zillges’ Trina hatte einen guten Docht, aber freilich, – wenn man schon an die sechzehn Jahre Madam Schnakenberg heißt, das konserviert – keine Sorgen und ein neues Haus in der Königsallee!
Wen Frau Trina traf, pflegte sie einzuladen:
›Besuchen Se uns doch ens auf en Tass’ Kaffee. Da besehen Se sich mal unser neu’ Haus, jradüber vom Exerzierplatz. Jott sei Dank, mer sieht de nit vor lauter Bäum’. Wer haben in der Küch’ en Wasserleitung, et Mädchen braucht jar nit nach der Pump’ zu laufen. Wer haben auch nur eine Stock aufjesetzt, da braucht mer nit so viel Treppen zu rennen. Sieben Zimmeren, dat is ja lang Platz jenug für mich un den Hendrich!‹
Ja, die hatte ihr Glück gemacht! Der Schnakenbergs Hendrich war ein guter Mann; schon als sie noch Mädchen war, hatte der sie poussiert, und als er nun bald nach des Feldwebels Tod Witwer wurde, da paßten der Witwer und die Witwe ganz schön zusammen. Und was der Schnakenberg immer noch für Geld verdiente! Das Geschäft hatte er freilich längst nicht mehr, aber rheinische Industriepapiere, Bergwerksaktien und Köln-Mindener Eisenbahnprioritäten, die warfen von Jahr zu Jahr mehr ab. –
Frau Trina war mit ihrem Los zufrieden. Wenn nur der ›Verdruß‹ mit den Kindern nicht gewesen wäre! Auf die Wiederkehr ihres Wilhelm hoffte sie immer noch vergebens. Und mit der Josefine, das war doch auch ein ›Angang‹, daß die nun schon Witwe war und mit den Kindern dasaß! Und nun gar der Ferdinand, dem sie im Krieg das eine Bein abgeschossen!
»Och Jott, och Jott!«
Ein Schatten flog über Frau Schnakenbergs rundes Gesicht, und ihr freundlicher Blick trübte sich. Da zupfte das Mädchen sie wieder von hinten:
»Madam, se verkaufen als bald de letzte Has – wer haben kein Aussuche meh.«
»O jemmich! ’schwind, Drückche, ’schwind!«
Ganz entsetzt fuhr Frau Schnakenberg auf, alles andre vergessend. Wenn sie nun keinen leckeren Hasen mehr bekam?! Der Ferdinand, der morgen aus dem Mainzer Lazarett wiederkommen sollte, würde freilich nicht bei ihr wohnen, sondern bei der Josefine, aber zu einem guten Mittagessen wollte sie ihn doch gleich einladen. Und was Extras sollte er kriegen, hatte er doch lange Jahre nur ›Kasernenfraß‹ gehabt! Die Mehlsuppen auf der Militärschule zu Annaburg, der ewige Reis in der Unteroffiziersmesse zu Mainz, und nun erst gar das verschimmelte Brot im Krieg und zuletzt die magere Lazarettkost! Dem sollte es jetzt bei der Mutter gut schmecken!
Und mit Schaudern dachte sie plötzlich an die knappen Mahlzeiten in der Feldwebelwohnung zurück, und wie sie sich nur im ›Bunten Vogel‹ dann und wann regaliert. Ein Jammer, daß der ›Bunte Vogel‹ nicht in der Familie geblieben, daß die alte Frau ihn gleich damals, in dem Unglücksjahr, verkauft hatte! Mit Verlust natürlich, gerad’ daß die Enkel eine Kleinigkeit gekriegt; die Hauptsumme war dem Klösterchen zugefallen, wo sich Mutter Zillges hatte verpflegen lassen bis an ihr seliges Ende.
Du liebe Zeit, was war das alles schon lange her! –
Und doch war es eigentlich, als sei alles erst gestern gewesen. Die Jahre waren einförmig über Düsseldorf hingerollt. Siebzehn lange Jahre – man schrieb heut achtzehnhundertsechsundsechzig – aber das Bild der Stadt war dasselbe geblieben. Ein paar neue Straßen vielleicht waren dazugekommen, aber auch sie harrten noch, ungepflastert, der letzten vollendenden Hand. Große Pläne ruhten zwar im Rathaus: der Stadtrat überlegte den Bau einer festen Rheinbrücke, auch von einem neuen Theater war schon einmal die Rede gewesen. Doch vor der Hand schob man solche Projekte noch hinaus, erst mußte man den Krieg verdauen, der einem so über den Kopf gekommen war, unerwünscht wie ein Schneesturm im Mai.
Noch guckte der alte Jan Willem am Markt auf das alte Theater, das selbst die eingefleischtesten Düsseldorfer eine Rumpelbude nannten. Noch hatten die Maler ihre Akademie im linken Flügel des alten Schlosses. Noch behalf sich die evangelische Gemeinde mit den zwei in engen Höfen versteckten Gotteshäusern, und längs der Kasernenstraße dehnte sich noch immer der schmucklose, einförmige Bau der Kaserne, von deren Mauern schon Putz abfiel.
In denselben sauberen, behäbigen Häusern saß noch dieselbe saubere, behäbige Bürgerschaft wie damals; über den Klingeln standen noch dieselben Namen wie früher. Mit geschlossenen Augen hätte sich einer zurechtfinden können, und wäre er auch noch so lange nicht durch die Stadt gewandert. Dieselben Hörtchen innen an den Fenstern, dieselben Spiönchen außen an den Fenstern, dieselben Kaufläden, dieselben Wirtschaften in Gassen und Gäßchen, fast dieselben Menschen auf dem Bürgersteig.
Dieselben mächtigen Glocken riefen von St. Lambertus, St. Andreas, von der Jesuiterkirche und der Maxpfarre; aber da mengten sich jetzt noch neue, dünnere Stimmchen ein: die Schwestern vom armen Kinde, die Kreuzschwestern in Christi Hilf, die Clarissen, die Franziskanessen, die Franziskaner und Dominikaner, die Mägde Christi und andre mehr verstärkten den Chor. Es bimmelte von Klöstern und Klösterchen. Deren Zahl war gewachsen.
Auch die Bäume waren gewachsen; die Kastanien der Königs-Allee breiteten gewaltige, schattende Kronen, die Linden am Schwanenmarkt sandten ihren süßen Duft weit über die stillen Wasser des Lopohl und des Schwanenspiegels und mischten ihr sommerliches Rauschen mit den Klängen des Waldhorns, das ein Künstler der Militärkapelle drüben in dem kleinen Konzertgarten blies. Wanderte man über die Alleestraße zum Hofgarten, so blieb man unausgesetzt unter einem grünen Dach; und der Hofgarten selber war ein dichter, dunkler, heimlicher Wald, dem kein Bäumewegschlagen mehr anzumerken war. – –
›Ach, was die Bäume gewachsen sind!‹ Das war Josefines einziger Gedanke gewesen, als sie nach Jahren zum ersten Male wieder altbekannte Wege wandelte. Sie war wie betäubt; sie hatte gar nichts andres denken können, als immer nur: ›Ach, die Bäume, die Bäume!‹ Die waren wie die Menschen. Die sie jung gekannt hatte, standen nun in der Vollkraft des Lebens, Bäumchen waren emporgeschossen zu Bäumen, und wiederum schlanke Bäume hatten sich in knorrige Stämme gewandelt. Nicht jeder Baum war mehr da, sie vermißte hier einen und dort einen; sie hatte gar nicht gewußt, daß ihr eines jeden Standort so eingeprägt war.
Josefine war als Witwe zurückgekehrt. Im März des vergangenen Jahres hatte sie ihren Mann verloren. Bei stürmischem Wetter hatte Conradi sich im Dienst erkältet; abgemattet, fiebernd schon, kam er nach Hause, ein Stechen in der Brust plagte ihn. An einer Lungenentzündung war er gestorben. Nun hatte Josefine neben den Kindergräbern ihrer beiden kleinen Mädchen, die ihr die Diphtheritis genommen, draußen auf dem Vohwinkler Kirchhof noch ein drittes, ein großes Grab.
Es war ein trauriges Jahr, das die Witwe noch in dem Vohwinkler Häuschen verbrachte. Sie wußte nicht, sollte sie fortgehen, sollte sie hier bleiben. Die Mutter schrieb freundlich: ›Komm doch hiehin!‹ Bruder Friedrich, der in Essen bei Krupp angestellt war, meinte auch gleich: ›Du wirst doch nach Düsseldorf ziehn?‹
Gewiß, das wäre natürlich gewesen! Auch regte sich eine leise Sehnsucht in ihr; aber sie konnte sich doch nicht dazu entschließen. Der Vater tot, die Mutter an einen andern Mann verheiratet und ihr dadurch fremd geworden, – auch dort nichts wie Erinnerungen! War es nicht besser, hierzubleiben, wo alles sie an siebzehn friedliche, ruhige Jahre gemahnte? Wo der Apfelbaum im Gärtchen, in dessen Schatten sie all ihre Kinder gewiegt, reiche Blütenknospen zeigte und so viele der rotbackigen Früchte verhieß, an denen Conradi sich immer von Herzen delektiert?!
Und sie blickte zurück in ihre Ehe.
Anfangs hatte sie oft und viel Heimweh gehabt, manchen Abend vor der Thür gestanden und sehnsüchtig weggeschaut über die Felder. Dort, zwischen den ragenden Fabrikschornsteinen, die sich wie hohe Maste in’s Himmelsmeer reckten, dort, in abendsonnenverklärter Ferne, lag Düsseldorf. Und sie hatte geseufzt.
Aber dann wurden die Kinder geboren, – erst der Peter, dann das Gretchen, dann das Mariechen und zuletzt, als die beiden blonden Mädchen schon wieder Engel geworden, noch der Fritz, des Onkel Friedrich Patenkind. Ihre Tage waren ausgefüllt gewesen.
Doch nun, da sie einsam im Ehebett lag, da der Frühlingssturm mit Sausen durch die Nacht fuhr und schaurig gegen die Fenster der Schlafkammer heulte, mußte sie so sehr an die Vaterstadt denken. Wenn sie wieder altbekannte Straßen gehen, die Kaserne wiedersehen, mit der Hand an diesen Mauern entlang streichen könnte, die ihr einst ein großes Glück umschlossen! Ja, heim, heim – der Rhein rauschte, Glockenstimmen riefen. Nun wußte sie’s, hier im Bergischen Land hatten ihr immer die großen Glocken gefehlt; es war doch etwas Eignes um deren Klang, um die weihrauchduftenden, dämmrigen Kirchen mit den farbenglühenden, legendenbedeckten Fenstern, mit den segnenden Heiligen, mit den rosenumkränzten Märtyrern, mit dem lächelnden Jesuskind und mit Maria, der Gottesmutter, die so jung und schön!
Eine wahre Begier überkam Josefine, ihre Fingerspitzen in das Weihwasserbecken an der Thür von St. Lambertus zu tauchen, wie sie’s als Kind oft gethan. Ob endlose Prozessionen noch ebenso wie früher durch die Straßen wallten und um den Kalvarienberg bei der großen Kirche zogen?! Berückende Musikklänge – betäubende Weihrauchnebel – betendes Murmeln, sich fortpflanzend von Mund zu Mund – alt-köstliche Kirchengewänder – feuriges Rot der Chorknaben, unschuldvolles Weiß der Mädchenengel, strahlendes Gold der Stolas – wie würden der Peter und der Fritz da gucken! Besonders der Peter, der sah so gern was Schönes. Die armen Jungen, die kannten ja nur die nüchterne Sonntagspredigt in der kahlen, getünchten Vohwinkler Kirche, zu der sie regelmäßig mit dem Vater gegangen waren.
So reifte allmählich der Entschluß zur Übersiedlung in ihr. Mit fast freudiger Unruhe betrieb sie dann die Vorbereitungen. Bruder Friedrich stand ihr bei, er kam die letzten Tage sogar ganz herüber, und was sie nicht mitnehmen konnte oder wollte, verkaufte er ihr.
Er war ein rechter Praktikus. Das hatte wohl keiner gedacht, wie er damals als Junge zum Schlosser in die Lehre kam, daß der’s mit seinen krummen Beinen noch einmal so weit bringen würde. Nun war er schon mehr, als ein gewöhnlicher Arbeiter, und der Krupp bezahlte ihm guten Lohn. Sogar gespart hatte er sich schon etwas, und er wollte es gern der Schwester vorstrecken, wenn sie, auf seinen Rat, einen Laden in Düsseldorf aufmachte. Josefine fiel bei diesem Anerbieten eine Last vom Herzen: Gott sei Dank, dann brauchte sie von der reichen Madam Schnakenberg nichts anzunehmen! Nicht, daß die Kinder der Mutter böse waren, aber etwas Fremdes war da.
Im Mai bezog Josefine das Lädchen an der Bastionstraßenecke, gerade der Kaserne gegenüber – wo konnte es denn auch anders sein? – und der Friedrich half es ihr einrichten mit allerlei Utensilien zum Soldatengebrauch: mit Pfeifen und Tabak, mit Cigarren und Streichhölzern, mit Taschentüchern und Reservistenstöcken, mit Seife und Wichse und jeglichem Putzzeug, auch mit Knopfgabeln und mit Tinte und Briefpapier. Und er machte ihr auch Mut.
»Wer heutzutag auf’ dem Posten is früh un spät, de kömmt auch voran,« sagte der Bruder.
Auf dem Posten sein, ja das wollte sie; hatte sie sich doch schon Gedanken gemacht, ob sie mit der geringen Pension und den bescheidenen Zinsen, die das kleine Vermögen ihres Mannes und ihre eignen paar hundert Thaler großmütterliches Erbteil abwarfen, in der teuren Stadt bestehen könne.
Von Dank für alle seine Mühe und Arbeit wollte der Friedrich nichts wissen, auch nicht einmal für das der Schwester vorgestreckte Kapital.
»Du jiebst et mir ja wieder, Fina, paß ens auf, eine paar Jahr! Zinsen kannste mir ja zahlen, Jeschäft is Jeschäft! Ich rechen’ so: Krieg kriejen wir diesen Sommer sicher un jewiß, dann sollste ens sehn, dann jeht et dir im Kleinen, wie dem Krupp im Jroßen. Rückt die Armee in’t Feld, braucht se auch Ausrüstung, un ob et nu Stiefelschmier’ is oder en Kanon, dat bleibt sich janz jleich.« –
Friedrich hatte recht gehabt. Als Josefine heut am dunklen Herbstabend ihr kleines Lädchen schloß und die Kasse nachzählte, konnte sie zufrieden sein. Man hatte ihr fast den Laden gestürmt. Die letzten Reserven waren entlassen worden, keiner unter ihnen hielt den Ausmarsch aus der Garnison und den Einmarsch in die Heimat für möglich, ohne Stock in der Hand. Und bunte Sacktücher – gelb mit roten Rändern, die Schlacht von Königgrätz schwarz draufgedruckt, – war sie eine Menge losgeworden; denn das waren schöne Andenken für die Mitdabeigewesenen und interessante Anblicke für die Zuhausgebliebenen.
Die müde Frau gähnte und pustete dann die Lampe aus, die über der kleinen Theke von der Decke herabhing. Es war schon so spät, aber noch bis vor kurzem hatte die Thürglocke gebimmelt; jetzt endlich war Zapfenstreich geblasen und alles still geworden. Die Kaserne drüben streckte sich dunkel, nur in der Wachtstube flinzelte noch Lichtschein.
Es war Josefine eine Freude, daß die Hauptwache nicht mehr wie früher am Burgplatz, sondern hier gerade gegenüber war. So genoß sie täglich das militärische Schauspiel, und nachts auch weckte sie das ›Heraus‹ beim Nahen der Ronde. Dann lag sie lauschend mit gefalteten Händen, hörte, wie die Wache in’s Gewehr trat, und fühlte sich nicht mehr verlassen.
Mit heißen Wangen stieg Josefine die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. Im ganzen Haus war’s schon dunkel, nur in der Kammer, die ihre Knaben innehatten, brannte noch Licht.
Sie guckte hinein. Der Kleine schlief, aber Peter saß noch über den Tisch gebeugt und hörte die Mutter gar nicht. Ärgerlich trat sie näher.
Gewiß pinselte der wieder! Ob er denn seine Schulaufgaben auch fertig hatte? Dafür ließ sie ihn wahrhaftig nicht noch auf die teure Realschule gehen, daß er jedes freie Blättchen in seinen Heften verschmierte!
Sie sah ihm über die Schulter.
Herrjeh, das war ja der Kalvarienberg an der Lambertuskirch’! Genau so guckte der Gekreuzigte, wie hier auf dem Blatt! Nun konnte sie doch nicht mehr böse sein, er hatte das zu schön gemacht.
Leise legte sie ihm die Hand auf. Da schrak er zusammen und ließ den Tuschpinsel fallen. Rotwerdend, streckte er beide Hände über seine Malerei.
»Jleich, jleich, Mutter, jleich mach’ ich ja schon meine Aufjab’, schimpf nit!«
Was? Noch nicht die Schularbeiten gemacht?! Das war ihr doch außer’m Spaß. Zornig hob sie die Hand zum Schlag, aber Peter fing die auf und hielt sie fest.
Bittend sah er ihr in’s Gesicht.
»Ärjer dich nit,« schmeichelte er, »dann siehste jarstig aus. Ich kann doch nix dafor! In Vohwinkel war nit viel zu besehen, aber hier so viel, och, schrecklich viel! Bilder in allen Schaufensteren!« Seine Augen leuchteten auf. »Kuck emal, is dat nit fein?« Er hielt ihr vergnügt lachend sein Blatt hin. »Un nu mal’ ich noch dat alte Schloß, un den Rhein – dicke schwarze Wolken drüber un en Stücksken Blitzblau derzwischen – ich hab’ et so jesehen! Hau, dat war schön! Kauf mir doch noch ene Tuschkasten, aber ’ne bessere, Mutter, bitte, so ’ne richtige Farbkasten von Schönfeld! Bitte, Mutter, bitte!«
»Ne,« sagte sie, »da denk’ ich ja jar nit an, dann thuste für die Schul’ rein nix mehr.«
»Och, die Schul’,« stieß er heraus und hob mit einem Ruck den Kopf. »Wat soll ich dann noch da? Nimm mich doch eraus, Mutter, da lern’ ich ja doch nix. Kauf mir lieber ene Farbkasten, ich will Maler werden!«
»Unsinn,« sagte sie. »Leg’ dich hin un schlaf’! Morjen weck’ ich dich janz früh, dann lernste noch.«
»Aber ene Farbkasten schenkste mir,« bettelte er, »’ne Farbkasten, Mutter, thu et doch! Bitte, bitte!«
»Ne,« sagte sie wieder und ging aus der Thür. Aber ihr Herz klopfte.
Woher der Peter nur die Lust am malen hatte? Von Conradi nicht; von ihrem Vater sicher auch nicht. Von ihr selber auch nicht, sie konnte ja keinen geraden Strich machen. Aber verstehen konnte sie ihn. Und doch würde sie ihm keinen Farbkasten schenken. ›Erzieh’ die Kinder zu was Ordentlichem‹, hatte Conradi noch in letzter Stunde mit verlöschender Stimme gesagt, – – ach Gott, der Junge hatte zu früh seinen Vater verloren!
Heute schlief Josefine lange nicht ein, trotz aller Müdigkeit. Sie wußte, nebenan in der Kammer lag ihr großer Junge im Bett und weinte wie ein kleines Kind. Er fühlte so lebhaft, den Schmerz ebenso wie die Freude. Er war ja ganz ihr Sohn.
XX
Herr und Frau Schnakenberg wanderten am Vormittag über die Kasernenstraße. Die Hitze der letzten Septemberwochen war vorüber, die matte Oktobersonne spielte auf dem Pflaster und färbte die grauen Kasernenwände bleich.
Das Ehepaar wurde viel gegrüßt. Frau Trina war im schönsten Staat; sie trug ein Seidenkleid von einer ganz infam-gelbbraunen Farbe, doch war es das modernste vom Jahr, Sternefeld vom Alleeplätzchen hatte diese elegante Couleur als Herbstnouveauté eben mit aus Paris gebracht. Auch die Beduine von feinem Kaschmir mit Fransenabschluß war aus Paris, der Hut auch; das beste kam doch eben nur daher! Das Ehepaar Schnakenberg plante auch zum nächsten Jahr einen Besuch der Pariser Weltausstellung.
Jetzt gingen sie, um den aus dem Mainzer Lazarett endlich entlassenen Sohn, den sie im September schon zweimal vergeblich mit einem festlichen Mahl erwartet, zu begrüßen. Zu heut mittag hatten sie ihn auch gleich wieder eingeladen, aber er hatte sagen lassen: den ersten Tag wolle er bei der Fina bleiben, und der Weg nach der Königsallee wär’ ihm auch zu weit.
Ob er den wirklich nicht gehen konnte – dann hätte man ja einen Wagen schicken können – oder ob er bloß nicht wollte?! Diese Ungewißheit regte Frau Trina etwas auf; wahrhaftig, das war doch häßlich von den Kindern, daß sie ihr immer noch ihre Heirat mit dem Schnakenberg nachtrugen! Und der war doch so ein guter Stiefvater!
Den Ferdinand und ihren Jüngsten – das Karlchen – der bei der Marine kapituliert hatte und von dem man eigentlich nie wußte, wo er mit seinem Schiff war, hatte sie beide gleich lange nicht gesehen; an die sechs oder sieben Jahre mochte es her sein, daß die mal einen Tag in Düsseldorf gewesen.
Nun kam der Ferdinand wenigstens für dauernd her und würde bei der Josefine bleiben – wo sollte er denn als Junggeselle auch sonst hin? Ein Gedanke peinigte Frau Trina unablässig, als sie jetzt an der Kaserne entlang schritt: ›Ach, wenn der Rinke das erlebt hätte!‹ Der hätte sich am Ende noch darüber gefreut, daß seinem Sohn im Krieg ein Bein abgeschossen worden. So lebhaft hatte sie noch nie ihres ersten Mannes gedacht, wie heute auf dem Weg zum invaliden Sohn. Sie erregte sich mehr und mehr. Diese ganze Soldatenwirtschaft, dieses Knallen mit Pulver und Blei, was hatte ihr das alles schon für Leid gebracht!
Sie rief Schnakenberg, der ihr ein paar Schritt voraus war, und hing sich an seinen Arm. –
Vor der Thür, unter dem Schild:
_#Josefine Conradi geb. Rinke#_,
_Stöcke, Pfeifen, Putzzeug, alle Arten Militär-Bedarfsartikel_
stand der kleine Fritz. Sein rotbackiges Kindergesicht sah heute ganz betroffen drein.
»De Onkel is da,« sagte er ernsthaft, »aber de Mutter is traurig.«
Sie traten aus der Mittagshelle in’s Lädchen ein, es war etwas dunkel darin, das Auge mußte sich erst gewöhnen. Josefine stand hinter der Theke und ordnete einen Kasten, aus dem sie eben verkauft; beim Anschlagen der Ladenschelle hob sie die Augen.
»Wo is de Ferdnand?« fragte Frau Trina hastig.
Die Tochter wies mit einem stummen Blick nach der Ecke. Dort erhob sich jetzt schwerfällig eine Gestalt aus dem Sessel und humpelte an zwei Krücken den Eintretenden entgegen. Leer hing das eine Hosenbein, und –
»Jesus Maria, meine arme Jung’!« schrie die Mutter auf und fiel dem Sohn um den Hals. Der konnte sie nicht umarmen, er mußte sich auf seine Krücken stützen.
Josefine liefen die Thränen über’s Gesicht; auch Schnakenberg schneuzte sich mehrmals, dabei drehte er sich ein bißchen weg, das leere Hosenbein war ihm gar zu jämmerlich.
Frau Trina schluchzte noch immer:
»Meine Jung’, meine arme Jung’!« Und küßte ihn und tätschelte ihm die Backen, wie sie es vielleicht einst dem kleinen Knaben gethan.
Der Sohn war nicht sehr zärtlich, er nahm’s nur gnädig hin.
»Jammert doch nich,« sagte er fast ungeduldig. Und dann richtete er sich so stramm auf, als er nur irgend konnte, und wies auf das Militärehrenzeichen, das die Brust seines verschabten Uniformrocks zierte: »Das kriegt man nich umsonst! Im Lazarett machten se ’ne richtige Feier, als se mir’s überreichten. Ja, was denkt ihr wohl, das is en besondere Ehr’! Die meisten kriegen nur das Erinnerungskreuz von Bronze – ihr könnt mir gratulieren!«
Aber Mutter und Schwester gratulierten ihm nicht. Frau Trina war, ihr Taschentuch vor’s Gesicht haltend, auf einen Stuhl gesunken, Josefine sah den Bruder mit zuckenden Lippen an. Nur Schnakenberg schüttelte ihm die Hand und schlug ihm dann auf die Schulter:
»Jratuliere! No, ich sag’ et ja, da wolle mer mal tüchtig eins auf trinken – hoch de tapfre Vaterlandsverteidiger, hoch, hoch!«
Ferdinands Augen glänzten auf, und er schmunzelte. Heute morgen schon waren Nachbarn gekommen, um ihn zu sehen; die ganze Kasernenstraße erinnerte sich ja noch an den ›Rinkes Jung’‹, und jetzt natürlich war er erst recht der Mann des Tages. Ein paar Knaben hatten ihn flehentlich um ein Andenken vom Schlachtfeld gebeten. Ja, wenn nur erst seine Kiste nachkam, dann wollte er ihnen schon blutgefärbte Uniformläppchen und ein paar Granatsplitter austeilen. Er versprach dem Stiefvater, heute abend mit in dessen Stammkneipe zu kommen; da wollte ihn dieser den Herren vorstellen, und er sollte von seinen Erlebnissen zum besten geben.
»Wird der dat nit zuviel sein, Ferdnand?« fragte Josefine besorgt. »Du sagst doch, dat Jehen macht dich e so müd.«
Das wollte er jetzt nicht mehr Wort haben.
»Wer können ja auch ene Wage nehmen,« sagte Schnakenberg. »Och, wat dann, Fina,« – er kniff die Stieftochter in die Wange – »nur kein ängstlich Jesicht! So ne Krieger is nit von Zucker. Jelt, Herr Sergeant? Heut jehn wer nach Ahmer und morjen nach Löhmer un übermorjen nach Hintze, un im Römischen Kaiser un im Verein. Wer machen de Rund’, bis dat wer durch sind. De Jung’ soll nit sagen, dat wer em nit ordentlich befeiert haben!«
Als der Stiefvater mit der Mutter gegangen war, äußerte Ferdinand sein Wohlgefallen: Der Schnakenberg war doch ein sehr netter Kerl, ein sehr anständiger Mann!
Josefine wollte nicht widersprechen. Gewiß, der Schnakenberg war ein guter Mensch – sie war ihm dankbar für manche Freundlichkeit – aber seit sie in Düsseldorf war, mußte sie wieder so viel an ihren Vater denken. Es drängte sie plötzlich, von ihm zu sprechen.
»Ferdnand, wat würd’ der Vater sagen,« flüsterte sie in einem weichen Ton und blickte hinüber zur Kaserne.
»Ja, so was hätt’ der auch wohl haben mögen,« sagte Ferdinand und schielte nach der Auszeichnung auf seiner Brust. »Hab’ ich der denn schon erzählt, warum ich das gekriegt hab’?«
Und nun begann er in einer Weise zu erzählen, daß sie merkte, er hatte das schon so und so oft gethan. Es klang wie auswendig gelernt:
»Wir hatten die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke hatten die Hundsfötter, die Bayern, gesprengt; in Kissingen steckten sie drin, die verfluchten Kerle, und die Höhen hielten sie besetzt. Aber wir – hurra! – steil ging’s den Berg herauf, und –«
Er wurde unterbrochen. Die Ladenschelle klingelte, zwei bärtige Männer in Civil traten ein; man sah ihnen den ›entlassenen Landwehrmann‹ an. Sofort trafen sich ihre Blicke mit denen des Invaliden.
»Was jefällig?« fragte Josefine.
Aber sie wurde gar nicht gehört, die beiden hatten sich gleich mit Ferdinand in ein Gespräch vertieft.
»Division Göben, 53. westfälisches Infanterie-Regiment, 10. Juli bei Kissingen,« sagte der Invalide und wies auf seinen Beinstumpf.
»Niederrheinisches Füsilierregiment, Ersatzbataillon, 10. Juli bei Hammelburg!«
Das war ein Händeschütteln, waren sie doch am selben Tag, nicht weit von einander, im Feuer gewesen! Mit Bewunderung sahen die beiden Landwehrmänner das Ehrenzeichen auf der Brust des Kriegskameraden.
Der Invalide strahlte.
»Ja,« sagte er, »wir hatten die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke hatten die Hundsfötter gesprengt, in Kissingen steckten sie drin, die verfluchten Bayern –«
Josefine mochte die Erzählung nicht mehr mit anhören, sie ging hastig hinaus. Der Vater hatte ihr einstmals auch vom Krieg erzählt – aber wie anders! Und doch mußte sie froh sein, daß der Stolz dem Bruder über den Verlust seines Beines weghalf.
Als sie wieder hineinkam, hatte er eben geendet, mit hochrotem Kopf saß er in seinem Stuhl. Die Landwehrleute machten ein großes Hallo; sie ließen nicht nach, er mußte mit ihnen nebenan in die Wirtschaft gehen und ein kameradschaftliches Glas mit ihnen leeren.
Als sie Stöcke gekauft, schleppten sie ihn ab, und er ließ sich nur zu gern schleppen. Josefine sah ihnen nach: die zwei von der Landwehr mußten heute schon ordentlich was getrunken haben, sie wirbelten ihre Stöcke; jetzt huben alle drei ein lautes Singen an.
Lange nach mittag kam Ferdinand erst zurück, er war glückselig. So viele Freunde hatte er gefunden, und sie hatten ihn hoch geehrt, wie einen Helden gefeiert und ihn zuletzt im Triumph durch’s Lokal getragen. Wenn die neunundreißiger Füsiliere, die anfangs Winter als ständige Garnison in Düsseldorf einrücken sollten, ebenso nette Kerle waren, wie die vom Ersatzbataillon, ließ es sich hier schon leben. Er war freudig erregt, neckte sich mit den Neffen und schwatzte in einem fort. Mit Mühe überzeugte Josefine ihn, daß es dringend nötig für ihn sei, sich zu ruhen. Es kostete sie unsägliche Anstrengung, ihn die Stiege hinaufzubringen, denn die war eng und die Stufen hoch. Er stöhnte und fluchte, stützte sich mit der einen Hand auf’s Treppengeländer und legte den andern Arm so fest um ihren Nacken, daß er sie fast niederdrückte. Der kleine Fritz schleppte die Krücken nach. Sie dankte Gott, als sie dem Bruder oben auf’s Bett geholfen; noch sprach sie zu ihm, da schlief er auch schon.
Es dunkelte längst, als Josefine erst wieder etwas von ihm merkte. Fritz kam gelaufen und holte sie: der Onkel wolle sich nun fein machen und könne nicht allein damit zu stande kommen.
Der Invalide nahm es als ganz selbstverständlich an, daß ihm geholfen wurde; die Schwester that es ja auch gern, war sie doch froh, daß er sie aus heiteren Augen anlachte. Aber ein eigentümliches Grausen überlief sie, als er nur einen Fuß hinstreckte, um sich den Stiefel anziehen zu lassen. Ihre Hände zitterten und hatten keine Kraft, aber er merkte es nicht; lustig pfiff er den Königgrätzer Siegesmarsch und beorderte Fritz, ihm die beste Montur herauszusuchen. Er mußte doch eine Figur abgeben, wenn der Stiefvater ihn präsentierte.
Josefine war es weh um’s Herz, als der Bruder nun soweit fertig war, – im besten Rock mit dem Ehrenzeichen, die Haare pomadisiert, – und sich zuletzt noch sorgfältig den krausen Backenbart kämmte, nachdem er sich vorher das Kinn sauber ausrasiert. Sie betrachtete ihn: wahrhaftig, ein schöner Mann, fast dem Kronprinzen ähnlich – aber ach, nur ein Bein! Das andre war hoch am Oberschenkel amputiert.
»Ferdnand,« sagte sie aus einem Herzensdrang heraus, »wie fühlste dich dann?«
»Gut, sehr gut, ganz famos! Kuck doch mal nach,« schrie er dem Kleinen zu, »ob der Schnakenberg bald antritt!« Er schien es gar nicht abwarten zu können. Als eine Kutsche vorrasselte und der Stiefvater unten im Flur rief, humpelte er so eilig die Treppe hinunter, daß er fast gestürzt wäre und Josefine mit sich gerissen hätte.
»Immer langsam voran, immer langsam voran, Daß die österreich’sche Landwehr nachkommen kann,«
begann er da zu singen. Das ganze Haus schien von seiner lauten Stimme angefüllt.
Josefine wurde diesen Klang nicht los, auch als die Räder des Wagens längst verrollt waren. Zwischenhinein bimmelte die Ladenschelle; es kamen eine Menge alter Bekannter, die den Heimgekehrten besuchen wollten. Ein paar kleine Mädchen aus der Nachbarschaft erschienen, hübsch angeputzt, mit einem Kranz und wollten ihm ein Gedicht aufsagen.
Josefine war’s zufrieden, daß das Gelaufe ein Ende nahm, als der Zapfenstreich ertönte.
›Zu Bett, zu Bett, Wer en Liebsten hätt’, Wer keinen hätt’, Muß auch zu Bett. Zu Bett, zu Bett, zu Bett.‹
Wie oft hatte sie das als Kind ahnungslos der Trompete nachgeschmettert!
›Wer keinen hätt’, Muß auch zu Bett –‹
Von einer schwermütigen Regung befallen, sah sie sich jetzt um. Da stand ihr einsames Bett. Und sechsunddreißig Jahre – nein, das war noch nicht alt! Unwillkürlich breitete sie ihre Arme, in denen das warme Blut voll an die Pulse klopfte, und dann streifte ihr Blick den Spiegel. Sie trat davor und hielt das Lämpchen hoch. Hellbeleuchtet schaute ihr Bild sie an: blank die Augen, frisch das Gesicht und das Haar blond, nicht mehr so licht wie in der Mädchenzeit, ein wenig nachgedunkelt, aber blond doch, ganz blond, kein einziges, graues Fädchen an den Schläfen.
Seltsam genug stand das schwarze Kleid gegen das helle Gesicht. Sie hatte sich noch immer nicht entschließen können, die Trauer abzulegen, nur ein schmales, weißes Krägelchen gönnte sie sich am Halse. Aber nun sie sich selbst so sah, dünkte sie es auf einmal an der Zeit, ein andres Gewand hervorzusuchen.
Er würde es ihr nicht verdenken!
Nachdenklich ging sie zu der Truhe, dahinein sie all ihre bunten Kleider verschlossen. Hier das kornblumenblaue, das hatte er ihr den letzten Weihnachten geschenkt und sie so gern darin gesehen – ob’s ihr noch paßte? Sie hatte ein wenig an Fülle verloren seitdem – ob sie’s einmal anprobierte?
Es war etwas wie Scham in dem Gefühl, mit dem sie das blaue Kleid hin und her wendete, und zugleich war doch ein ganz eigentümliches, hastiges Zucken in den Fingern, mit denen sie ihr schwarzes Gewand herunterstreifte. Da lag es am Boden, wie eine tote Hülle, und sie warf das leuchtende Blau über und konnte sich wieder daran freuen. Was würden die Jungen dazu sagen?! Die würden sich auch freuen. Der Peter hatte schon oft gequält:
›Mutter, thu doch jetzt dat Schwarz aus, et steht dir nit.‹
Gedankenvoll nickte sie vor sich hin: ja, der Peter hatte recht, und vergessen würde sie =ihn= darum doch nicht!
Langsam kniete sie vor der Lade nieder und kramte darin weiter. Auch allerhand Kleidungsstücke von ihm kamen noch zum Vorschein; die würde sie für die Jungen zurechtmachen lassen. Wenn die nur auch so brav wurden, wie ihr Vater gewesen!
Ein hölzernes Kästchen mit eingelegtem Deckel fiel ihr in die Hände. Ach, das alte Ding! Das war in der Mädchenzeit ihr Staatsnähkasten gewesen, den sie nie für gewöhnlich gebraucht, in dem sie nur all ihre kleinen Heiligtümer verwahrt: Bandrestchen, Seidenfleckchen, Heiligenbildchen, ein Nadelbüchschen – und nun kam auch noch anderes daraus zum Vorschein. Ein kleines Buch mit zierlich gerankten goldenen Passionsblumen auf dem Einband. Es durchzuckte sie, als sie es ergriff: das hatte ihr einmal einer geschenkt, der sie geliebt hatte – und sie ihn! Rot, wie frisches Blut, glänzte noch das kleine Buch, es hatte nichts von seiner warmen Farbe eingebüßt, – so leuchtend wie am Tage, da der’s ihr gegeben.
Sie schlug es auf; ein gelbseidenes Bändchen lag als Zeichen, und runde, vergilbte Tropfen markierten sich auf dem Blatt – Thränentropfen. Sie mußte wohl einstmals darüber geweint haben.
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin, Ein Märchen aus alten Zeiten –‹
Leise begann sie zu summen. Das schöne Lied! Nun sangen es auch längst ihre Kinder. Es war unvergessen und würde unvergessen bleiben.
Lächelnd schlug sie das Büchlein zu. – – – ›Viktor – –!‹
Wie ein Gruß stieg es von dem roten Buch zu ihr auf; sie hielt das im Schoß und fühlte sich auf einmal wieder ganz jung.
Und zwei Papiere ruhten im Kästchen, neugierig griff sie auch nach diesen. Erst hier dies zusammengekniffte, goldgeränderte Kärtchen!
›Mädchen, wenn ich einmal sterbe Und der Tod mein Auge bricht, So pflanz’ du auf meinem Grabe Eine Blum’: =Vergißmeinnicht=!‹
las sie.
Ach Gott, das hatte ja Conradi geschrieben, damals, als er um sie freite! Und sie hatte darüber gelacht. Jetzt schossen ihr Thränen in den Blick, so ungeahnt rasch und heftig, daß sie kaum die schöngeschnörkelte Schrift mehr entziffern konnte.
›So pflanz du auf meinem Grabe eine Blum’: Vergißmeinnicht!‹ – Die erhobene Hand sank ihr nieder – nein, er brauchte keine Angst zu haben, sie pflanzte auf seinem Grabe mehr als eine Blume!
Ihr Blick irrte flüchtig zu dem roten Büchlein, aber nur einen Moment, um dann fest und lange auf dem goldgeränderten Papier zu ruhn. Ihre Thränen flossen; so hatte sie noch nie um ihren Mann geweint. Heiß fielen die Tropfen auf seine Schrift und auf die beiden Eheringe an ihrer Hand.
Ihre Gedanken flogen zurück Jahr um Jahr. – – Ihr guter Mann! Was wäre aus ihr geworden ohne ihn?! Er hatte sie an die Hand genommen und sie fortgeführt in das stille Häuschen nach Vohwinkel; er hatte für sie gesorgt und ihr nie ein böses Wort gesagt. Und wenn es sie auch manchmal gedeucht hatte, als könne man jauchzender glücklich sein – er war nüchternen Sinnes, und das Blut sprang ihm nicht so lebendig durch die Adern wie ihr – er hatte sie doch immer verstanden. Hundert Dinge, die ihr jetzt plötzlich einfielen, bewiesen ihr das. So verschieden sie auch waren, er hatte sie verstanden, weil er sie innig lieb gehabt.
Lange blieb Josefine vor der Truhe knieen. Die Kinder nebenan schliefen sanft, man hörte nicht einmal ihre Atemzüge. Auch die Stadt war still. Auf der Straße kein Tritt, in der Kaserne kein Ruf. Kein militärisches Signal mehr gellte weit hinaus und stöberte die schlummernden Gassen auf.
Die Witwe träumte. –
Plötzlich schreckte sie auf.
»Herrraus!« Rauh tönte es durch die Stille. Was, schon die Ronde? So spät war es schon? Und der Ferdinand noch immer nicht da? Es würde ihm doch nichts passiert sein?!
Sie öffnete das Fenster und spähte hinaus – kein Wagen, auch keine Gestalten! Nirgendwo mehr Licht, nur der Herbsthimmel, klar gestirnt, voll unzähliger, funkelnder Kerzen. Massig streckte sich der Bau der Kaserne, mit seinen endlosen Mauern die Straße begrenzend, in einer festen, einförmigen Linie. Jetzt fiel’s ihr auf, vielleicht zum erstenmal, wie häßlich eigentlich der Bau war. Aber sie wehrte sich gegen den Gedanken; denn den hatte ihr ja nur der Peter eingeblasen, der schimpfte immer über die langweilige Kaserne und fand sie so garstig, wie gar nichts anderes auf der Welt. Nun, mochte er – sie nickte vertraulich hinüber – ihr war sie trotzdem lieb. Eine plötzliche Sehnsucht überkam sie, einmal hinein zu dürfen, einmal sich wieder gegen das schwere Thor zu stemmen, das den Hof – ihren Hof – verschloß. Ob jemand oben in der Feldwebelwohnung wohnte?! Sie hatte schon einmal die Mutter danach gefragt, aber ein Schatten war über deren Gesicht geflogen: ›Ich weiß et nit.‹
Die Mutter hatte eine gewisse Scheu vor den Erinnerungen an jene Zeit. Und die Tochter begriff das wohl. –
Jesus, der Ferdinand kam doch gar nicht wieder, der schien sich zu gut am Stammtisch zu behagen! Noch einmal spähte sie die Straße hinauf und hinab, und dann zog sie sich mit einem Seufzer vom Fenster zurück. Es würde ihr wohl nichts helfen, sie mußte schon die ganze Nacht aufsitzen, denn wie sollte der Einbeinige sonst in’s Bett kommen? Ach Gott, das war doch zu traurig mit dem armen Kerl! Hätten die Preußen doch keinen Krieg angefangen!
Da fiel ihr Blick auf den andern Zettel, der ihr vorhin aus dem Kästchen entfallen war. Sie hob ihn auf. Wie eine Vorschrift, groß und fest und deutlich, stand auf dem liniierten Schulheftblatt:
›Über alles die Ehre!‹
Das hatte ihr Vater geschrieben in letzter Stunde! Sie setzte sich nieder und dachte und starrte und starrte und dachte, bis ihr die Augen zufielen.
Ein Wagengerassel erweckte sie, ein recht langsames, müdes Räderrattern. Ah, da kamen sie endlich!
Verschlafen taumelte sie die Treppe hinunter. Von St. Anna schlug’s drei.
»Och Jott, och Jott, bis du’t, Ferdnand?«
Noch ganz verwirrt schaute sie in den Wagen, aber sie wurde gleich hell wach: da lehnten der Ferdinand und der Schnakenberg im Fond, nebeneinander, Arm in Arm, und schnarchten.
»He, Sie, Schnakenberg! Ferdnand!« Jetzt die wach kriegen!
Schmunzelnd stieg der Kutscher vom Bock. »Wollen Se nit jefälligst aussteijen, Herr Schnakenberg?« sagte er.
Mit vereinter Mühe weckten sie Herrn Schnakenberg. Verdutzt kroch der aus dem Wagen und wackelte hin und her auf seinen einknickenden Beinen, aber er lachte vergnügt und kniff die ärgerliche Josefine in die Backe.
»Finken, mei lieb Dier, sei ens nit unjemütlich! De Jung’ kriegt auch en Bein, beim Brandt in Oberbilk, kost’ et wat et kost’! Et war des Juten en bißken viel, aber dat thut ja nix. Faß ens an, Kink, wer wollen dat Jüngesken ’erauftragen!«
Es war wiederum eine schwierige Sache, den Invaliden die Treppe heraufzubringen. Er war schwer wie ein Klotz. Als er auf dem Bett lag, schlug er für einen Moment die Augen auf und stierte verwundert der Schwester blaues Kleid an.
»Siehste, wie de biste,« lallte er, »auch blau – blau – blau – blau – der Schnakenberg is mein Freund – Bruderherz – ich krieg en Bein – dat andre is futsch – blau – blau – blau – Fina – ich geh’ noch tanzen mit dir – hurra!«
XXI
Ein glücklicher Stern schien über dem kleinen Laden aufgezogen zu sein und freundlich das schwarze Schild mit den weißen Ölfarbenbuchstaben zu beglänzen. Josefine konnte nicht in das allgemeine Lamento über schlechte Geschäfte einstimmen, obgleich auch sie die Teuerung der Lebensmittel, besonders den unerhörten Preis des Fleisches, empfand.
Der November hatte Düsseldorf eine neue Besatzung gebracht: das 39. Regiment, statt der alten Sechzehner, war vollzählig eingerückt. Die lustigen Füsiliere füllten die Höfe und Blocks der Kaserne wie summende Bienen und schwärmten aus, um sich in der neuen Garnison heimisch zu machen. Und: Rinke – Rinke – das war ein Name, der den Sechzehnern sehr geläufig gewesen, nun ging der wie ein Vermächtnis auf die Neununddreißiger über. Rinke, einstmaliger Feldwebel, – Josefine Rinke, Feldwebelstochter, hübsche Frau, bei der mußte man kaufen!
Und Josefine lächelte hinter ihrem Ladentisch und wußte ganz genau, was dem Soldaten not that. Der kleine Fritz half ihr schon getreulich, der Peter hatte desto weniger Sinn für’s Geschäft; und der Ferdinand, ach, du lieber Gott! Dem wurde gleich alles leid. War es Faulheit, oder that ihm sein weggeschossenes Bein wirklich noch weh? Er jammerte immer: ›Autsch, mein großer Zeh’!‹ Seine Stimmung war erbärmlich, und als die grauen Wintertage kamen, wurde sie noch grauer.
Der Jammer um’s verlorene Bein war nun doch nachgekommen und zwar gründlich. So ein Krüppel zu sein, so ein hilfloser Schächer in den besten Mannesjahren! Er verwünschte Gott und die Welt.
Solange der Herbst noch Sonne gegeben, hatte er vor der Thür gesessen und sich den Rücken bescheinen lassen; da hatten die Kinder sich um ihn gesammelt, und die Frauen der Nachbarschaft hatten ihn förmlich poussiert. Jetzt fehlte ihm jede Zerstreuung; das Interesse der Leute an ihm hatte nachgelassen.
»Natürlich,« sagte er bitter, »jetzt vergessen sie, daß man seine Haut zu Markt getragen hat! Un dreizehn Thaler Invalidenpension, was is denn das? Gar nix. So viel wie mein Bein gewogen hat, müßten se mir in Gold geben, un dann wär’ es auch noch nich genug. Mein Bein, ach, mein Bein!«
In solcher Stimmung schmiß er mit seinem einzigen Stiefel.
Josefine hoffte auf das künstliche Bein, das der Mechaniker Brandt in Oberbilk für Ferdinand in Arbeit hatte. Der war ein geschickter Mann; sie setzten nun alle ihre Zuversicht auf ihn. Schnakenberg machte sich ein Gewerbe daraus, fast alle Nachmittag nach dem Schläfchen hinauszuspazieren nach Oberbilk, um zu sehen, was ›sein‹ Bein machte.
Endlich kam es. Sie waren alle versammelt; Herr und Frau Schnakenberg waren extra dazu erschienen. Sie glaubten, der Ferdinand würde nun stracks laufen können, aber hilflos wie ein Kind stand er da und klammerte sich an den Tischrand.
»Jesus, is das schwer! Schwer wie Blei,« stöhnte er, und der Angstschweiß brach ihm aus. Er vergaß ganz, sich beim Stiefvater zu bedanken; er war wie geschlagen.
»Nu jeh doch, probier’ doch ens, mein Jüngesken,« redete ihm die Mutter zu.
»Ich kann nich!«
»De Brandt hat dat schlecht jemacht,« eiferte der Stiefvater. »Wahrhaftijens Jott, de Kerl verklag’ ich!«
Josefine bot dem Bruder ihren Arm zur Stütze, aber er stieß sie mit einem Fluch zurück und schloß die Augen. »Ach, wär’ ich lieber tot!« Er konnte ja doch nicht gehen.
Erschrocken schmiegte sich Fritz an die Mutter und lispelte ihr etwas in’s Ohr; aber man verstand es doch in der betroffenen Stille:
»Mer kann doch jehn, mer muß et nur erst lernen!«
Freilich, freilich, das hatte der Brandt auch gesagt! Nun fiel es ihnen ein. Schnakenberg tätschelte den Kleinen:
»Wat de Jung’ schlau is! Wart ens, klein Männeken, wann de zur Kommuni–, wollt’ sagen: zur Konfirmation jehst, dann kriegste auch en jolden Uhr von mir!«
Der Invalide rief den Knaben heran und küßte ihn in aufwallender Hoffnung. Ja, lernen! Dann ließ er sich helfen, das Bein abschnallen; für heute hatte er erst mal genug davon.
Josefine sah gerührt auf ihren Jüngsten; der hatte so viel von seinem Vater: die Ruhe, die Bedächtigkeit. Und auch von seinem Patenonkel was: den praktischen Blick. Dann schaute sie auf ihren Großen, es deuchte sie, der war totenblaß geworden; nun verließ Peter plötzlich die Stube. Ein komischer Jung’, der konnte gar nicht so etwas mit ansehen. Dem war sicher wieder schlecht!
Sie ging ihm nach und suchte ihn. Oben in seiner Kammer fand sie ihn, da hatte er sich über’s Bett geworfen und das Gesicht in’s Kissen gedrückt. Als sie ihn rief, richtete er sich auf und sah sie verstört an.
»Aber, Jung’,« sagte sie, »wat haste nu als wieder?«
»Huh, so häßlich! Ba, dat Bein, so eklig!« Er schüttelte sich.
»Wat is dann da eklig an? Et is doch en Jlück, dat der Onkel dat Bein kriegt.«
»Ja, ja, – aber red’ nur nit mehr dervon, et wird mir sonst übel. Huh, wie scheußlich, wie jreulich!«
Er kam gar nicht mehr davon los; seine Augen hatten sich schreckhaft erweitert und starrten geradeaus, als ob sie das Grausen vor sich sähen.
»Du bis ja en Bangbüx, schäm’ dich,« sagte die Mutter.
Er hörte sie gar nicht, immer mit demselben starren Blick murmelte er: »So schießen se sich auch de Arm’ ab, die Augen aus, in den Bauch, in de Brust, in den Kopf, wo’t trifft – Mutter,« sagte er dann plötzlich, wie sich besinnend, »komm du her, jieb mir en Bützken! Dat is ja all dumm Zeug, lassen wer nit mehr dran denken!«
Er lachte, und sie küßte ihn und strich ihm die Haare aus der Stirn, die ihm immer wieder in einer vollen weichen Locke hineinfielen. Die Thränen traten ihm in die Augen, als er jetzt sagte: »Der arme Onkel!«
Der gute Junge! Wie hübsch er war und wie weichherzig! Was nur aus ihm werden sollte? Sie beschloß, bei nächster Gelegenheit mit ihrem Bruder Friedrich Rücksprache zu nehmen, der würde ihr schon raten; denn daß der Peter zum Januar von der Schule mußte, stand bei ihr fest. Er kam da doch nicht weiter, hatte nur Lust am zeichnen und malen. – ›Maler, Mutter, Maler!‹
Ach, nun hatte sie’s so klug zu machen gedacht, als sie nach Düsseldorf gezogen. Wäre es ihrem Peter nicht besser, sie säßen noch in Vohwinkel? Oder hätte er dort auch am Ende denselben Wunsch gehabt: Maler, nur Maler! Jetzt entsann sie sich, schon als kleiner Junge hatte er Männchen und Häuschen auf die Tafel gekritzelt, so kraklig wie andere Kinder auch und doch wieder ganz anders. Und wie konnte er sich freuen über eine schöne Blume, ein grünes Feld, über den Mond am Himmel und die roten Abendwolken!
Und ihr eignes Kinderentzücken fiel ihr ein über die blühenden Wiesen am Rhein, über die grünen Wellen, die vorbeizogen am alten Schloß, über die roten Dächer der Ratingerstraße, über den dunklen Kalvarienberg, an dem bunte Prozessionen vorbeiwallten – ja, der Junge hatte so unrecht nicht, hier konnte einer wohl Bilder malen! Man hörte ja auch so viel davon reden – Bilder, Bilder – der Bendemann und der Keller, der Deger und der Müller, die Achenbachs, und wie sie alle hießen, waren in aller Leute Mund. Man konnte sogar im Blättchen von ihnen lesen. Und die Grablegung Christi von dem Roeting war sie selber gucken gegangen mit ihren beiden Jungen. Das war mal ein großes Bild, zwölf Fuß hoch und elf Fuß breit! In der Akademie war’s ausgestellt gewesen zum Besten der im Krieg Verwundeten; aber man hatte immer nur von dem Bild geredet, gar nicht von den Verwundeten. Das mit dem ›malen‹, das lag hier in der Luft. Der arme Jung’, wie sollte das noch werden?!
Ihr Herz bangte um ihn. – – –
Es war zu Beginn des neuen Jahres, als Onkel Friedrich aus Essen herüberkam. Josefine hatte ihn schon eher erwartet, aber er hatte nicht gut abkommen können; bei Krupp arbeitete man eifrig an einer Riesen-Gußstahlkanone für die Ausstellung in Paris. Alle großen Etablissements und Fabriken rüsteten jetzt Ausstellungsobjekte. Die Weltausstellung in Paris war ein Gedanke, der alle geschäftlichen Unternehmungen beseelte.
Auch Friedrich Rinke trug große Pläne. Er hoffte darauf, sich selbständig zu machen; freilich nicht heute und morgen, aber in Jahr und Tag vielleicht. Wenn ihm nur einer Kapital vorschießen wollte! Dann wollte er wohl zeigen, was man heutzutage in der Industrie vor sich bringen kann. Seine Zeit hatte er gut genutzt, und von allerlei Erfindungen, die er gemacht, war ihm schon eine patentiert worden. Er dachte ja auch nicht gleich an eine Maschinenfabrik, an ein Walzwerk oder einen Eisenhammer; mit einer bescheidenen Schmiede anzufangen, wäre auch keine Schande.
»De Krupp hat et auch nit anders jemacht,« sagte er und betrachtete seine verarbeiteten Hände. »Werkführer bin ich ja schon, Jott sei Dank! Un ich bin ja auch noch nit e so alt; ich fühl’ mich jung jenug, in zwanzig Jahren mit dem Krupp zu konkurrieren. Wenn nit mit Kanonen, dann mit Eisenbahnschienen. Eisenbahnschienen, Eisenbahnschienen, die jehen noch emal um die janze Welt. Die tragen noch weiter wie Kanonen. Un, paßt auf, sollten wer noch ne Krieg kriegen, dann aber! Wann wer dann wieder siegen, dann rauchen unsre Fabricken aus sechs Schornsteinen anstatt jetzt aus einem, un unsre Hochöfen sind noch sechsmal so heiß wie jetzt. Paris, Paris – wat brauchen wer dann noch französ’sche War’? Un englische auch nit. Wat denkt ihr wohl, 66, auf dat mer e so schimpft, hat dem Krupp mehr einjebracht als drei Friedensjahr’. De schickt jetzt auf die Weltausstellung, janz frech, und de kriegt auch der erste Preis, die jroße joldene Medaill’ – wetten?!«
Es fiel ihnen gar nicht ein, dagegen zu wetten; sowohl der Invalide als Josefine, die mit dem Bruder im Familienrat saßen, glaubten ihm.
»Och ja, der Friederich,« sagte Ferdinand mit einem Seufzer. »Krumme Bein’ sind immer noch besser wie ein Bein.«
»Lassen wer doch jetzt mal de Peter ’ereinrufen,« bat Josefine. Es wäre ihr lieb gewesen, der hätte den Onkel so sprechen gehört, dann würde er vielleicht nicht mehr so viel Anstoß an dessen Beinen nehmen. Sie rief, aber nur der kleine Fritz, der unten auf den Laden paßte, antwortete. Peter war nicht da; weggelaufen, obgleich er wußte, um was es sich heute handelte! Oder vielleicht gerade darum?!
»Er is nit da,« sagte Josefine kleinlaut, als sie in die Stube zurückkam, und stützte den Kopf in die Hand.
»No, also Fahnenflucht!« schrie der Invalide und paukte auf den Tisch. »Der feige Lümmel! Der muß jung bei ’s Militär! Fina, ich sag’ dir, der soll mal in die Schlacht – Kugel rechts, Kugel links – die pfeifen nur so um die Ohren. Aber da giebt es kein Auskneifen – Courage muß der Mensch haben! Immer drauf los, marsch, marsch – man patscht im Blut, macht nix, immer voran! Ich sag’ euch, als wir die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Ubergang auf einem Balken – autsch, Donnerwetter!« Er unterbrach sich und faßte nach seinem Beinstumpf. Ein plötzlicher Schmerz, wie er ihn so oft durchfuhr, riß ihn an der großen Zeh’. »Ach, ich sage euch,« wimmerte er in einem jetzt gänzlich veränderten Ton, »verfluchte Zucht!«
Friedrich lachte laut auf über des Bruders Gebahren; er machte sich immer einen Spaß daraus, wenn der andre mit seinen Kriegsgeschichten zu renommieren anfing. Aber Josefine lachte nicht mit; sie dachte an ihren Peter. Warum war er fortgerannt? Diesen Morgen noch, als sie ihm sagte, der Onkel würde heute kommen, um mit ihr über seine Zukunft zu reden, hatte er ihr versprochen, frei und offen mit seinen Wünschen und Plänen hervor zu treten. Und nun war er doch fortgerannt! Wo mochte er sein, gewiß wieder vor einem Bilderladen stehen?! Sie ärgerte sich über den Sohn, aber da er nun einmal nicht hier war, mußte sie wohl für ihn reden. Und sie legte fest die Hand auf den Tisch und sagte schnell:
»De Peter will Maler werden.«
Friedrich lachte sein kräftiges Lachen:
»Hoho, no ja, dat is so en Dummejungesidee!«
»Ne, ne,« ereiferte sie sich, »wahrhaftijens Jott! Er hat et sich in der Kopf jesetzt.«
Der Schlosser sah sie mit seinen klugen Augen an:
»Un du bis auch schon halb dafor, ich seh’ et dir ja an. Fina, biste dann jeck?«
Sie wurde rot und wußte nichts darauf zu entgegnen, denn jetzt, wo der Bruder ein Gesicht machte, wie: ›Maler, puh, Verrücktheit‹, fühlte sie, wie sehr sie dem Jungen die Erfüllung seines Wunsches gegönnt hätte.
»So en Tollheit ist dat doch nit,« sagte sie endlich, ein wenig gereizt. »Er hat Talent.«
»Talent« – Friedrich ereiferte sich gar nicht – »ich will dir wat sagen, Fina, wenn de mich frägst, dann sag’ ich der, laß de Jung’ en Handwerk lernen. Handwerk hat ene joldene Bodem. Un im Handwerk liegt unsre Zukunft. Nit, daß de denkst, er müßt’ nu immer mit de Fingeren knüddelen, wie sie’t früher jemacht haben; von früh bis spät, bei en Talgkerz oder en Öllamp’ – ne, Jott bewahr’! Handwerk, damit mein’ ich jetzt: Industrie! Wer haben jetzt Maschinen, Jott sei Dank! Wenn de Jung’ Talent hat, wie de sagst, dann laß ’n doch Mechaniker werden, Techniker meinswejen, dat klingt nobler, da kann er auch bei zeichnen.«
»Aber dat is doch nit Kunst,« sagte sie betroffen. »Er möcht’ doch Künstler werden.«
»Künstler, so!« Nun stieg Friedrich doch eine Röte in das, von der ewigen Fabrikluft ein wenig bleiche Gesicht. »Ich sag’ dir, et is ebenso en jroße Kunst, en Maschin’ richtig im Jang zu bringen, en Jeschütz zu montieren, ne Schienenstrang zu legen, ne Stollen zu bauen, als so Bildches zusammenzuklecksen. Un wat fingen dann die Maler mit ihre Bilder an, den Ofen könnten se dermit heizen, wann de Industriellen nit wären, die sie ihnen abkauften?! Un sag ens an, weißte dann, ob de Jung’ wirklich en jroß’ Talent hat, en Talent, wo mer auch wat mit verdient, oder ob er so ene kleine Schmierer bleibt, de hungren muß, so lang er lebt?«
Josefine schwieg – ja, ja, wer konnte das wissen?!
Nun mischte sich Ferdinand ein. Talent hätte der Junge keins, nicht die Bohne! Und damit zog er aus der Tasche seines alten Militärrockes ein Papier, faltete es auseinander und legte es vor die andern hin. »Hab’ ich gefunden – verflixter Rabau!«
Und nun raisonnierte er: War das eine Art, daß der Bube ihm gleich auflauerte, wenn er einmal nebenan in die Wirtschaft ging, mit ein paar Kameraden ein harmloses Spielchen zu machen? War ihm die kleine Abwechslung nicht zu gönnen in seinem Jammerdasein? Nur Fratzen konnte der Bengel kritzeln! Keine Spur von Talent!
Auf dem Blatt, mit ein paar Pinselstrichen hingeschmiert, aber doch deutlich erkennbar, saß der Invalide bei Kartenspiel und Schnapsflasche. Rechts und links ein Kumpan. Die Nase, die dem Ferdinand in Wirklichkeit leicht rosig schimmerte, war hier zu einer Riesengurke angeschwollen und mit einem feuerroten Farbklecks verunziert. Ein übergroßes Maul hatte er aufgerissen, er erzählte wohl eben eine Heldenthat. Darunter stand:
›Laß ab vom Kartenspiel, mein Sohn, Denn wisse, jede Sünde rächt sich, Verlor sogar ja Kron’ und Thron So mancher Fürst in – Sechsundsechzig!‹
Der Invalide schäumte vor Wut: woher wußte der respektlose Bengel, daß sie ihm kürzlich die ganze Barschaft abgenommen hatten?!
Eine unbezwingliche Lachlust kam über Josefine. Wahrhaftig, der Ferdinand war nicht gut weggekommen – der Peter, der freche Jung! – aber das Bild war zu komisch. Sie hielt sich beide Hände vor’s Gesicht und platzte laut heraus. Da humpelte der Invalide beleidigt aus dem Zimmer.
Auch Friedrich schmunzelte, aber er wurde gleich wieder ernsthaft. »Säuft de Ferdnand?« forschte er. »Spielt er Karten?«
Sie mußte es bejahen. Die Fröhlichkeit verging ihr. Noch Lachthränen in den Augen, sah sie den Bruder angstvoll an, und dann, von einem plötzlichen Impuls getrieben, ergriff sie seine Hand:
»Och, du, Friedrich, sei so jut, dat de Peter wat Ordentlichet lernt!«
Er zog sie zu sich – von Zärtlichkeiten war sonst zwischen ihnen nicht die Rede – aber nun gab er ihr einen Kuß. Es durchschauerte sie seltsam, als wieder einmal bärtige Männerlippen ihre Wange berührten.
Sie blieben eine Weile ganz still, ohne ein Wort zu sprechen. Die frühe Winterdämmerung war schon da und hüllte das Stübchen ein; im Grau verschwammen Kanapee und Tisch, Schrank und Stuhl, Fenster und Spiegelglas. Einzig die beiden kräftigen Gestalten waren noch scharf umrissen.
Jetzt klappte unten eine Thür, ein vorsichtiger Tritt kam die Treppe heraufgeschlichen; sich aufraffend stürzt Josefine hinaus – das war der Peter! Sie kam noch gerade zurecht, um ihn abzufangen, da er leise wieder hinabschleichen wollte.
»Du kömmst jetz ’erein,« sagte sie ungewöhnlich streng und zog ihn hinter sich her in die Stube. Hier zündete sie die Lampe an, und nun sah sie, wie rasch er die Farbe wechselte; bald rot, bald blaß wurde er, je nach dem, was der Onkel sagte.
Wenn der Junge doch nur was darauf erwidern wollte! Sie nickte ihm ermutigend zu, ging sogar zu ihm hin und gab ihm einen kleinen Schubs: »So sag’ doch ens wat!«
Aber er sagte kein Wort; den Kopf hielt er gesenkt, daß ihm die lockigen Haare in die Stirn fielen, und hörte alles still an.
Der Schlosser war ganz zufrieden: man merkte es ja, der Junge sah bereits ein, daß es mit dem Malerwerden Dummheit war, daß er etwas ergreifen mußte, was seinen Mann nährt! Er blinzelte der Schwester zu und drückte ihr, als er nach dem Abendessen Abschied nahm, bedeutungsvoll die Hand. »Pst, nu nit mehr viel drüber jered’t, laß ihm jetzt jewährden! De kriegt Hammer und Feil’ noch ebenso lieb wie Farb’ und Pinsel. Ich schreib’ der, sowie ich wat in Aussicht für ihn hab’!« Und als er ihr bekümmertes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Vielleicht find’t sich auch hier wat in der Stadt! Bis ruhig, laß mich nur machen!«
Josefine seufzte. Der gute Friedrich, wie ein Vater sorgte er – aber ach, sie kannte ihren Jungen doch besser! Der sah es noch lange nicht ein, der würde es vielleicht nie einsehen, daß es mit dem Malerwerden Thorheit war. Immer wieder hatte sie ihren Peter ansehen müssen beim Nachtessen; es schmeckte ihm gar nicht recht, obgleich sie dem Gast zu Ehren ›Schnüßkes und Oehrkes‹ gekocht hatte und von ihrem selbsteingelegten Kappes dazu aufgetragen. Immer hatte der Junge auf seinen Teller gestiert, und das schöne Rot auf seinen Backen war ganz weg. Der arme Jung’!
Als sie jetzt, spät am Abend, im Begriff, sich zur Ruhe zu legen, ein Knacken der Bettstatt und ein Rascheln des Strohsacks in der Nebenkammer hörte, schlich sie auf Strümpfen hinüber. Vielleicht, daß er sich zu fest zugedeckt hatte und sich nun in einem bösen Traum warf! Den Atem anhaltend, stand sie lauschend vor seinem Bett – schlief er? Licht anzuzünden wagte sie nicht; durch den Ladenspalt fiel nur ein spärlicher Mondschimmer, vergebens suchte ihr Blick sein Gesicht.
Horch, jetzt murmelte er!
»Die Fabrick, die eklige Fabrick!« Er stieß mit den Füßen. »Nit in die Fabrick!« Und jetzt stöhnte er laut auf, und es klang wie ein Schrei: »Mutter!«
Da hielt sie’s nicht länger aus, sie tastete mit der Hand, bis sie sein Gesicht fand, und strich über seine Wange. Und er war gleich wach.
»Mutter, bist du ’t?«
»Hm!«
»Mutter, mach doch Licht an, et is ja stichdunkel hier! Och, ich hab’ jeträumt, so eklig, so jräßlich« – er seufzte schwer – »Mutter, Mutter!« In einer großen Aufregung warf er sich hin und her, seine Stirn und seine Hände glühten. »Mutter,« sagte er plötzlich und packte sie fest an, »soll ich dann wirklich nit Maler werden?«
Sein Ton schnürte ihr das Herz zusammen. Seine unruhigen Hände in die ihren fassend, setzte sie sich zu ihm auf den Bettrand. Durch die Dunkelheit glitt ihre Stimme, weich wie Sammet. Sie wiederholte ihm, was der Onkel gesagt, sie setzte ihm alles auseinander, sie redete ihm zu – es half nichts, er blieb dabei: ›Maler!‹ Ja, jetzt konnte er reden. Warum hatte er denn all das dem Onkel nicht gesagt?!
»Du dumme Jung’, hättste doch wat riskiert!« Sie hatte eigentlich über sein Fortlaufen tüchtig mit ihm schelten wollen, aber jetzt wurde nur ein liebevoller Vorwurf daraus. »Warum haste dann nix jesagt?«
»Ne!« Er zog sich ordentlich in sich zusammen. »Och, de! De versteht da ja doch nix von. De denkt nur an Jeldverdienen. Mutter, Mutter, un ich möcht’ dich doch malen in deinem blauen Kleid, mit deinem blonden Haar, auf en Altarbild, so wie du bist, un wie du mich anlachst! Verhungeren werd’ ich schon nit, wenn ich Maler werd’, davor bist du ja da, jelt, Mutter, jelt?« Er warf sich in ihre Arme und küßte sie stürmisch.
Josefine fühlte ihr Herz aufwallen. Ihr lieber Junge! Unwillkürlich schloß sie die Arme fester um ihn. Worte der Zärtlichkeit drängten sich ihr auf die Lippen – aber da, halt, ein rauher Ton unterbrach das Geflüster.
›Herrraus!‹ schallte es von der Wache herüber. Wer auch im weichsten Bett lag, mußte es hören; knapp und klar, scharf und energisch drang das militärische Kommando durch die Nacht.
›Herrraus –‹ wie aus einem Traum erwachend, aufgeschreckt, mit starren Augen sah Josefine in’s Dunkel. Das war ihr durch Mark und Bein gegangen. Auf einmal sah sie das Kasernenthor und den Hof und die Feldwebelwohnung und den Vater und die Mutter. Lang und stramm der Vater, fest eingeknöpft in seine preußische Montur: ›Maulhalten, parieren, wird nicht gemuckt!‹ Aber die Mutter legte sich auf’s parlamentieren, auf’s bitten und betteln: ›Die armen Jüngeskes, die wollten doch auch ihr Pläsier haben!‹
Unwillkürlich lockerten sich Josefines Arme, mit denen sie ihren Sohn so zärtlich an’s Herz gedrückt. Ach, wer das doch könnte, nicht zu streng und nicht zu schwach sein! Sie stand vom Bettrand auf und reckte sich gerade.
»Peterken,« sagte sie – ihre Stimme wankte noch, aber sie wurde nach und nach fest – »ich kann dir nit helfen, du mußt jehorchen. Hör’ auf den Onkel Friederich! Siehste, de kömmt voran. Werd’ kein Maler! Et is ja schön, aber« – sie zögerte und seufzte – »aber ich bin doch e so bang, da wirste bummelig. Un wenn du nit so ’n jroß Talent hast, wie de Achenbachs oder wie de Knaus, dann sitzte da. Un du sollst doch deinem Bruder bald en Stütz’ sein, un wenn ich alt bin –«
»Och, Mutter,« nun lachte der Peter hell heraus, »sag doch jleich: ›Wenn ich mit’m Kopp wackel‹!« Er hatte schnell seinen Kummer vergessen und war jetzt wie außer Rand und Band. Sich in die Höhe schnellend, faßte er ihr heißes Gesicht zwischen seine Hände und lachte: »Mutter, du un alt?! Och, Mutter, ne, wenn mer sich dat vorstellt – zum Kobolzschießen! Ha, ha, du wirst nie alt, du bleibst immer jung!«
»Och Jott,« seufzte sie, seltsam durchschauert, und reckte die vollen Arme empor. »Früher, da hat et mich immer jejruselt vor’m altwerden, jetz nit mehr e so arg. Aber Freud’ möcht’ ich vorher noch haben, so lang’ ich se recht jenießen kann, viel Freud’ – an dir, mein Jung’!« Sie lächelte. »Peter, thu et mir doch zulieb, hör’ auf den Onkel Friederich un –«
»Hör’ auf, Mutter,« sagte er, plötzlich zusammenzuckend, unangenehm berührt, und vergrub den Kopf in sein Kissen. »So – so hör’ ich nix, ich hör’ jar nix mehr. Aber dat sag’ ich dir, wann ich dann durchaus nit Maler werden soll, in de Fabrick jeh’ ich nit. Denkt euch meinswejen wat anderes aus. Ich jeh’ nit in de Fabrick – ich kann nit!« Die letzten Worte kamen nur noch stoßweise heraus. Er weinte.
Tief betrübt schlich Josefine fort. Da fühlte sie sich am Rock gezupft. Am Bett ihres Jüngsten war sie vorübergestreift. Nun hielten die kräftigen Kinderarme sie fest.
»Ich schlaf’ nit,« flüsterte die noch zarte Knabenstimme. »Mutter, thu ens deinen Kopf ’erunter, dat ich dir wat im Öhrken sagen kann. So – du wirst doch alt, wenn de Peter auch sagt, du bleibst immer jung; dat denkt de sich nur all so aus. Alle Leut’ werden alt.« Er stand im Bett auf, steckte den Kopf unter ihrer Achsel durch und zog sich ihren Arm über die Schultern. So ruhte sie auf ihm mit ihrer ganzen Schwere. »Fühlst de’t nu, ich bin stark,« sagte er. »Un wann de mit dem Kopf wackelst, un en janz alt Mütterken bist, dann führ’ ich dich immer so – jelt?«
Sie nickte stumm, und dann strich sie dem Kind über den Kopf.
»Ja, du, du klein Stümpken! Nu leg’ dich!«
Er duckte sofort nieder. »Jut’ Nacht, Mutter!«
Und als sie noch einen Augenblick stand, hörte sie schon seine ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge.
Ihr Großer weinte noch immer dumpf in sein Kissen, aber sie ging nicht mehr hin zu ihm.
Das ›Herrraus!‹ der Wache dröhnte ihr noch immer in den Ohren.
XXII
Der Halbfastenmarkt auf dem Karlsplatz war im Gang. Eigentlich hätte es schon Frühling werden müssen, aber die Zelttücher der Buden wehten noch wild im Sturm. Der Madame Lefèbre, die wie alljährlich ihren Stand aufgeschlagen, war die Bedachung über’m Kopf weggeflogen, und der kalte Regen goß auf ihre berühmten Lebkuchen. Am Hammerdeich, auf dessen Rasenhang sich sonst längst die ersten Veilchen sonnten, stand das Rheinwasser hoch, und im Hofgarten duckten sich Bäume und Büsche noch scheu vor’m rasenden Märzwind.
In der Kaserne feierten die neununddreißiger Füsiliere mit Kling und Klang den siebzigsten Geburtstag König Wilhelms. Rinkes Fina, wie die Bewohner der Kasernenstraße die Witwe Conradi noch immer nannten, hatte unzählige weiße Wildlederhandschuhe dafür zu waschen gehabt. Bruder Friedrich hatte sie auf diesen Nebenerwerb gebracht. Jede Parade, jede Besichtigung gaben ihr nun zu thun; selbst die Herren Offiziere wandten ihr ihre Kundschaft zu.
Der Zahlmeister, eine wichtige, stattliche Persönlichkeit und Witwer, hatte die hübsche Frau unter seine ganz besondere Protektion genommen. Er brachte seine Handschuhe immer selber, und dann zögerte er länger im Lädchen, als nötig gewesen wäre. Er war sehr entgegenkommend. Josefine ging schon mit dem Gedanken um, ob sie ihn einmal bitten sollte, ihr den Eintritt in die Kaserne zu ermöglichen. Bis jetzt hatte sie nur immer durch’s Thor einen Blick erhascht auf die Ahornbäume. Die waren noch da, nur größer geworden. Aber daß die Feldwebelwohnung in Hof I nicht mehr als solche diente, das hatten ihr der Gefreite Hucklenbruch von der vierten Kompagnie und der Unteroffizier Schmidt erzählt.
Sie begriff gar nicht, was die immer über die alte Kaserne zu schimpfen hatten! Die Stuben wären zu klein und zu niedrig, die Thüren Nasenquetschen, in den Blocks seien keine Gänge, die Räume zu ebener Erde feucht! Ach, und ihr war doch alles so groß und weit und schön in der Erinnerung! Daß Düsseldorf freilich eine ganz nette Garnison wäre, das mußten Schmidt und Hucklenbruch zugeben.
Ja, es war besser geworden zwischen Militär und Bürgerschaft. Königs Geburtstag feierte die Stadt freundschaftlichst mit. Der Kartätschenprinz war ja nun König, ein alter schon und ein siegreicher dazu! Alle Ohren hatten sich gespitzt beim Klang der großen Reveille, der Paradeplatz war von Tausenden umdrängt, die Schulen hatten frei; man sah Offiziere in höchster Gala mit Helmbüschen und befrackte Herren in Cylinder und weißer Binde zum gemeinschaftlichen Festessen in der Tonhalle gehen.
Aus den Mannschaftsküchen wehten Schweinsbratendüfte Josefine in die Nase, als sie aus ihrem Fenster zur Kaserne hinüberblinzelte. Ach, sie erinnerte sich solcher Festtagsgerüche gar wohl!
Als gestern abend der große Zapfenstreich durch die Straßen quinkelierte und Bürger in Scharen gefolgt waren, da hatte auch sie ihre Jungen untergefaßt, und war mitgezogen im gleichen Schritt und Tritt.
»Mutter, kannst du aber marschieren!« sagten die Kinder und lachten. Ja, das konnte sie auch noch – eins, zwei – eins, zwei – hatte sie es denn nicht gelernt?
»Mutter, du hälst ja Tritt wie einer – äh, – bei Seiner Majestät Jarde – äh!« neckte der Peter und äffte den Berliner Gardeton nach.
Es verdroß sie fast ein wenig, daß der Junge so spottete. Vertraulich nickte sie zur alten Kaserne hinüber, deren Umrisse eben wieder im ungewissen Schein der im Wind flackernden Laternen auftauchten.
Zu Hause beim Ferdinand, der unterdes das Lädchen bewacht – dazu ließ er sich wenigstens herbei – hatte sie dann den Gefreiten Hucklenbruch gefunden.
»Och, Herr Hucklenbruch, wat sind Sie verdrießlich!«
Sie that verwundert darüber, aber eine Röte stieg ihr verräterisch in’s Gesicht. Wußte sie doch ganz genau, der junge Mensch kränkte sich, daß sie ihm schon neulich rundweg abgeschlagen, morgen mit bei dem Königs-Geburtstagsball zu sein. Nicht, daß sie nicht noch einmal in ihrem Leben gern getanzt hätte – o, sie wollte den Walzer wohl schleifen und den Rheinländer schon wiegen! Als er ihr die Einladung so dringend gemacht, da war ihr wohl für ein paar Augenblicke die Lust angekommen, aber nein, der junge Mensch, was würde sich der dann einbilden?!
Er sah sie so wie so immer so glühend wie möglich an mit seinen wasserhellen Augen und drehte dabei verlegen an seinem schüchternen, flachsblonden Schnurrbärtchen.
Nun wollte er noch einmal sein Heil versuchen. Nicht umsonst war er an der Porta Westfalica zu Hause – die von der roten Erde haben alle eine gewisse stille Zähigkeit.
»Sie wollen also sicher und chewiß nich, Madam Conradi, und es wird so schön.« Er sah sie an, als hinge seine ganze Seligkeit von ihrer Antwort ab.
»No, so geh doch als, Finken,« sagte der Invalide; der junge Westfale mußte ihn wohl gespickt haben, denn er redete sehr eifrig zu. »Wenn mer so lang Trübsal geblasen hat, wie du, kann mer sich wahrhaftig emal en klein Pläsier gönnen.«
»Ich hab’ nit Trübsal jeblasen,« entgegnete sie rasch und zeigte mit einem vollen Lachen ihre weißen Zähne.
»No, ich mein’ – no, du bis ja doch nu als zwei Jahr Witwe!«
»Och so, du meinst wejen dem Conradi?! Ne!« Sie schüttelte den Kopf, ihr Lachen wurde zu einem wehmütigen Lächeln. »Ne, wejen dem könnt’ ich ruhig auf der Ball jehn, de würd’ sich nur drüber freuen.«
»Och, dann kommen Sie doch hin,« bat der junge Westfale, und sein helles Gesicht, mit dem Sattel von Sommersprossen über der Nase, strahlte. »Chewiß und wahrhaftig, Sie riskieren nix!« Er hob ernsthaft die Hände. »Bei mir sind Sie wie in Abrahams S-chößchen. Chehn Sie doch mit, chehn Sie doch mit! Es wird chanz wunderschön!« Im Eifer that er, was er sich noch nie getraut hatte, und legte kühn den Arm um ihre Taille.
Da machte sie sich lachend frei; dem nahm sie das nicht übel, der war ja noch so jung und – er hatte ihr oft von Haus erzählt – guter Leute Kind. Der war nicht frech. So lächelte sie ihn freundlich an, aber sie blieb bei ihrer Absage.
»Danke sehr, Hucklenbruch, aber ne, dat wär’ ja wohl lächerlich, wann ich mit Ihnen wollt’ auf der Ball jehn. Ich hab’ ja so ene jroße Jung’!«
Der junge Mensch wurde dunkelrot: das verletzte ihn doch gar zu sehr. Nicht zum erstenmal ließ sie es ihn fühlen, daß sie ihn nicht recht für voll erachtete, daß er ihr zu jung war. Nein, er wollte auch gar nicht mehr an sie denken, es gab hübsche Mädchen genug, die gern mit ihm auf den Ball gingen. Er pfiff auf ihre Freundlichkeit! Sie brauchte ihn auch gar nicht mehr zu fragen, was denn seine Mutter geschrieben, und ob es beim Exerzieren ›gut gegangen hatte.‹ Und doch fuhr es ihm wie ein Stich durch die Seele, als jetzt die Ladenschelle bimmelte und der Unteroffizier Schmidt schnellen Schrittes über die Schwelle trat.
»’n Abend,« sagte Schmidt recht forsch und legte, die Hacken zusammenklappend, den Finger an die Mütze. »Wie steht das Befinden? Alles wohl? Freut mir unjemein!«
Wie der den militärischen Gruß und das Schwadronieren weg hatte, der Kerl! Natürlich, ein Berliner! Die lagen ja schon neunmal klug in den Windeln! Der kleine Hucklenbruch warf einen bitterbösen Blick nach dem, für einen neununddreißiger Füsilier auffallend großen Menschen.
Schmidt lehnte jetzt über den Ladentisch, den rechten Ellbogen aufgestützt, und redete auf Frau Fina ein. Was er sagte, konnte der Eifersüchtige nicht verstehen, wie sehr er auch die Ohren spitzte. Aber er sah, wie die blonde Frau mit gesenktem Blick zuhörte. Das Blut sauste ihm in den Ohren: ob sie am Ende mit dem hinging? Der sah natürlich älter aus, hatte dunkles Haar und ein entschlossenes Gesicht – ein freches Gesicht! Der war ihr nicht zu jung.
Aber nun durchrieselte ihn ein freudiger Schreck, denn sie sagte:
»Ne, danke, Herr Unteroffizier, wat Sie da auch all’ sagen, ich jeh’ nit mit.«
»Nanu, da brat’ mir doch eener ’n Storch!«
Der Westfale triumphierte. Das war recht, das war recht, daß der Berliner einen Korb kriegte!
»Un dann,« sagte Josefine und sah sich lächelnd nach Hucklenbruch um, »un dann hab’ ich et ja auch als dem da abjeschlagen!«
»So, – na denn!« Ein rascher Blick des Unteroffiziers streifte den flachsblonden Gefreiten. Dieser empfand es deutlich: das war lauter Geringschätzung, mit der der unverschämte Berliner ihn maß. Er hätte sich auf ihn stürzen mögen, ihn mit den Bauernfäusten zerbläuen.
Aber Schmidt drehte schon seine schlanke Figur mit einer gewandten Schwenkung zur Thür. »Na, denn nich schöne Frau! Adjö Sie!«
Noch einen schnellen Blick tauschten die beiden Rivalen, dann klappte die Thür; man hörte Schmidts Pfeifen draußen auf dem Trottoir.
Der freche Kerl! Was sollte das heißen, dieses verächtliche: ›Na, denn nich!‹?! Hucklenbruch grübelte; eigentlich hätte er dem Verhaßten nachgehen müssen, und ihn zur Rede stellen – ›na, denn nich! na, denn nich!‹ – aber es hielt ihn hier im Lädchen wie mit Banden. Er war sehr glücklich darüber, daß sie den Schmidt hatte ablaufen lassen; sein Herz puckerte, nun war er auf einmal gar nicht mehr so unglücklich, daß sie morgen nicht mitkam. Sie ging eben überhaupt nicht zu dem Ball; und wär’ sie gegangen, wäre er, er der Bevorzugte gewesen! Das machte ihn stolz. Er konnte die Thür nicht finden und merkte nicht Josefines verstohlenes Gähnen; er saß und saß.
Es war ein seliger Abend. Wäre nur nicht noch kurz vor Zapfenstreich der Herr Zahlmeister erschienen. Der brachte ein Paar Handschuhe, die er schnellstens gewaschen wünschte.
Achtung, der kam doch nicht bloß wegen der Handschuhe! Der Dicke mußte deftig viel getrunken haben; denn er kollerte wie ein Truthahn vor der Henne.
Auch er fragte, ob Frau Conradi nicht dem Fest morgen in der Kaserne beiwohnen wolle, ›unter seiner speziellen Führung,‹ wie er galant versicherte.
»In unsern Jahren liebt man zwar das Tanzen nicht mehr,« meinte er und beugte sich über den Ladentisch, »desto mehr aber die Gemütlichkeit. Leider Gottes hat man die ja im verwitweten Stande nicht immer –« er seufzte – »aber man sucht sie doch!«
Hucklenbruch wurde es bang. Die Witwe hörte das alles so still an und sah nachdenklich drein. Sie würde doch am Ende nicht mit dem Zahlmeister auf den Ball gehen?! Ungestüm fuhr er von seinem Sitz auf, da sah ihn des Zahlmeisters rotes Gesicht von oben herab an. »Was machen Sie denn noch hier, Gefreiter? Es wird gleich blasen!«
Hucklenbruch stand stramm und sagte: »Jawohl, Herr Zahlmeister!« Aber Wut kochte in ihm.
Draußen erklang das verwünschte: ›Zu Bett, zu Bett!‹ Da schlich er zur Thür und schluckte an den Thränen, die ihm brennend in der Kehle quollen.
* * * * *
Wenn die Witwe Conradi gewollt hätte, den Zahlmeister hätte sie kriegen können; nur einmal hätte sie die fleischige Hand mit dem breiten Daumen fester zu drücken brauchen. Aber sie drückte nicht. Die Spatzen pfiffen’s von den Dächern der Kasernenstraße, in den Blocks wurde es bespöttelt: der dicke Zahlmeister stieg Rinkes Fina nach. Nicht bloß Hucklenbruch und Schmidt, nein, manch andrer noch, der in’s Lädchen kam, schnüffelte neugierig, wie weit wohl die Sache gediehen sei.
Der kleine Hucklenbruch, der wacker von Hause geschickt bekam – sein Vater hatte einen schönen Hof unweit Bielefeld – machte sich an den Invaliden. Dieser war nie abgeneigt, sich nebenan in der Wirtschaft traktieren zu lassen; wenn er erst zwei, drei Gläser getrunken hatte, wurde er sehr gesprächig. Einige Schwierigkeiten machte es freilich immer, ihn von der Erzählung seiner Kriegsgeschichten abzubringen, aber Hucklenbruch hatte nun schon einige Geschicklichkeit, beim vierten Glas die Unterhaltung auf die Witwe hinüberzuspielen. Dann schimpfte der Invalide: ›Die Fina passe ihm gar zu sehr auf! Den Schlüssel kriege er nie; nie, daß er mal abends heimlich in’s Haus konnte! Auch daß sie den Zahlmeister nicht nehmen wolle – dummes Weibsbild! Was war über den zu lachen? Geld hatte der Mann – und dann die Stellung! Zahlmeister – Offiziersrang! Vielleicht ging’s einem auf die alten Tage dann noch mal ebenso gut, wie der Mutter, der reichen Frau Schnakenberg von der Königsallee!‹
Seit Ferdinand gelernt hatte, mit dem Bein des Stiefvaters zu gehen, sang er dessen Lob. Ein spendabler Mann! Ein- für allemal, Sonn- und Feiertags, konnte er sich da mit zu Tisch setzen und lecker essen. Und nach dem Essen verteilten sie drei sich auf drei bequeme Kanapees, und abends steckte ihm der Schnakenberg alle Taschen voll Cigarren.
Jedoch beim fünften Glase wurde der Invalide weich; dann beklagte er seine Schwester: ›So ein hübsches, kreuzbraves Weib! War’s nicht ein Jammer, daß die schon Witwe war und sich so plagen mußte?! Abends als letzte zu Bett, morgens als erste auf.‹
»Bekucken Se sich mal dem Fina seine Fingeren, junger Mann, wie die verarbeit’t sind,« sagte er dann wohl und sah so gerührt aus, daß auch der blonde Westfale weichmütig wurde. »Un alles für den Jung’, den Faulenzer, den Peter, der nix thun möcht’, als dem lieben Gott den Tag abstehlen un der Mutter auf der Tasch’ liegen!«
Insofern hatte das Humpelbein nicht ganz unrecht: Josefine hatte Sorgen um ihren Peter gehabt. Mit Händen und Füßen hatte der sich gesträubt, den Platz als Lehrling einzunehmen, den ihm Onkel Friedrich mit vieler Mühe in der Fabrik auf der Grafenberger Chaussee, wo man die schönen schmiedeeisernen Gitter machte, besorgt hatte. Der Junge war krank geworden. O, die Fabrik, die Fabrik! Er schlich umher und war blaß wie Wachs, richtig wie ein bleichsüchtiges Mädchen, sagte der Doktor, den die besorgte Mutter rief.
So waren sie nun übereingekommen – ganz den Willen konnten und wollten sie dem Jungen nicht thun – ihn zu einem Anstreicher in die Lehre zu geben. Die Werkstatt des Malermeisters Cremer war einem Atelier doch zum Verwechseln ähnlich. Das Anstreichen war der Peter denn auch leidlich zufrieden. Vorderhand durfte er freilich nur erst ›Pliesterer‹ sein und Hauswände und Hofmauern weißen, aber bald sollte er zur Ölfarbe avancieren.–
Der Sommer stand auf der Höhe, die riesige Fronleichnamsprozession war längst vorbei, auch die Jubelfeier des Martyriums der Apostelfürsten Petrus und Paulus; die Neununddreißiger hatten ihr Erinnerungsfest an die Schlacht bei Hammelburg begangen – da drückte sich schon der junge Peter einen Kalabreser auf den Lockenkopf, wie ein echter Kunstbeflissener.
Von dem Thaler, den ihm Onkel Friedrich einst gutgelaunt in die Hand gesteckt, hatte er sich sofort in der permanenten Ausstellung bei Schulte abonniert; sehen wenigstens wollte er Bilder. Aber er malte auch endlich selber eins – seine Mutter.
Mit einer seltsamen Bewegung saß Josefine dem Sohn an den Sonntagsstunden, an denen das Lädchen geschlossen war. Heimlich that sie’s, wie eine Sünde; sie schämte sich vor den Nachbarn, vor den Brüdern, vor der Mutter. Die würden sagen, sie sei närrisch mit dem Jungen.
Draußen brütete die Hochsommersonne auf dem Pflaster, oben in der versteckten Bodenkammer war der Nachmittag auch nicht kühl. Eine hohe Röte lag auf Josefines Wangen und verlieh ihren Augen gesteigerten Glanz. Sie saß auf einer alten Kiste und lächelte voll geheimen Entzückens den Sohn an, der ernsthaft und eifrig den Pinsel über die Leinwand führte. Eine stolze Freude überkam sie: das sollte sie sein, sie? Wahrhaftigens Gott, der Jung’ konnte malen!
Aber ein geheimes Grauen überlief sie, und sie wollte es ihm ausreden, daß dies ein Muttergottesbild werden sollte. Wie konnte das =ihre= Züge tragen?! Sie hatte ja nicht Krone, noch Mantel, noch ein sternbesticktes Gewand; auch Lilien ließ er nicht neben ihr sprießen.
»Dat thut auch nit nötig,« sagte er. »Ich denk’ mir dich hier als die Maria, wie sie noch jlücklich war. Aber kuck ens – hier dat Fältchen zwischen den Augenbrauen – siehste, dat deut’t schon drauf hin, dat se Leid kriegt. – Mutter, du brauchst doch nit als jetzt bang zu werden!«
Unwillkürlich hatte sich ihr Gesicht verfinstert; sie sah ihn an mit einem unruhigen Blick. Er lachte hell auf, und da lachte auch sie wieder.
Sie malten weiter. Ferdinand war mit dem Jüngsten nach Stockkämpchen marschiert – mit dem Fritz konnte man den Invaliden ruhig ziehen lassen, der paßte schon auf, daß der Onkel nicht des Guten zuviel that – niemand störte die Sitzung. Stunden vergingen, sie merkten es nicht; er nicht in seinem Eifer, sie nicht in ihrem Glück.
Sie sprachen nicht. Josefine hielt den Atem an und wagte nicht, sich zu rühren. Unverwandt hing ihr Blick an Peter: wie seine Augen leuchteten! Und auf der hellen Stirn, unter den dichten Haarringeln, perlte ihm der Schweiß vor. Und wenn er dann und wann zurücktrat, um mit prüfendem Blick sein Werk zu betrachten, strahlte sein ganzes Gesicht. Tausend Sonnenfünkchen spielten auf seinem weißen Malerkittel; über die verstaubten Dachsparren tanzten goldene Lichter. Auf den grauen Wänden, auf all dem alten Gerümpel eine Flut von warmem, lebensvollem Sommerglanz.
Als endlich die Dämmerung kam, schlichen sie leise herab von ihrer Bodenkammer. Noch waren sie allein. Sie gingen über das enge Höfchen in das kleine Gärtchen. Beide atmeten tief. Und sie schritten um die kleine Bleiche in der Mitte des Gärtchens, auf die schon der Tau fiel, immer rund herum und Hand in Hand, bis daß es ganz dunkel war und nur am verwitterten Plankenzaun der alte Rosenstrauch mit seinen mattduftenden, hängenden Blüten noch gespenstisch schimmerte.
XXIII
Herr und Frau Schnakenberg waren in Paris gewesen. Sie hatten sich alles mögliche von dort mitgebracht; es war eine förmliche Ausstellung in ihrem Haus auf der Königsallee.
Gleich der Läufer im Flur kam von der Weltausstellung. »Persianisch,« sagte Herr Schnakenberg. Und der Teppich im Salon war aus ›Ka–iro‹. Und in jeder Ecke stand ein Spucknapf, der war aus Kokusnußschalen von der Südsee; das war doch was andres, als die gewöhnlichen ›Quispeldörchen‹!
Den Garten zierten allerlei Gnömchen und Hasen und Rehe aus Porzellan. Der Transport hatte freilich mächtig gekostet, Herr Schnakenberg verriet nicht wieviel.
Frau Trina hatte mehrere seidene Kleider eingekauft: schwarze Seide aus Lyon, rohe Seide aus China, von leibhaftigen Würmern gesponnen. Auch Stickereien aus der Schweiz und Valencienner Spitzen, schöne Sofakissen und eingelegte Perlmuttertischchen und Vasen mit unverwelklichen Blumen. Ihr Hendrich hatte ihr zum Andenken an die Reise ein Armband aus Marokko um’s Handgelenk gelegt und eine Brosche mit römischer Kamee an den Busen gesteckt.
Das Reizendste aber war die Nuß mit einem winzigen Schachspiel darin, die sie dem Ferdinand mitgebracht hatten, und der kleine Regenschirm aus Elfenbein für Josefine. Wenn man durch ein Löchelchen oben an dessen Griff guckte, sah man die ganze Pariser Weltausstellung und die Porträts von Napoleon und Eugenie und Lulu. Jeder der Angehörigen, auch Peter und der Kleine, bekamen ein Stück Veilchenseife aus Parma und ein Flacon Rosenöl aus den Gärten von Schiras.
Ja, in Paris konnte man noch kaufen, da gab es was andres, als hier in den lumpigen Läden! Herr Schnakenberg bedauerte nur, daß er nicht auch von den Früchten aus der Bourgogne und dem prachtvoll schönen Gemüse aus Algier hatte mitschleppen können; das ging doch noch über den Hammer Kappes.
Man mußte gestehen, der Napoleon war ein kluger Kopf. Hatte er sich nicht durch seine prächtige Weltausstellung sämtliche Potentaten in’s Land gelockt, daß sie ihm sozusagen den Hof machten? Herr Schnakenberg hatte sich nicht entschließen können, zu Hause zu bleiben, wenn der Zar von Rußland, der König von Preußen, der Kronprinz und die Kronprinzessin nach Paris reisten. Besonders von der französischen Kaiserin war er sehr hingerissen. Die Königin Augusta sollte ja auch mal eine recht ansehnliche Dame gewesen sein, aber so schön wie die Eugenie war sie gewiß nie! Die trug eine Krinoline und einen Chignon. Herr Schnakenberg geriet noch in Ekstase, wenn er schilderte, wie er sie in der Avenue des Champs Elysées hatte fahren sehen, in malvenfarbener Seidenrobe, den Sonnenschein auf ihren rotgoldenen Haaren, und den Prinzen Lulu an ihrer Seite, in kurzen Hosen, roten Strümpfen, mit dem Kreuz der Ehrenlegion auf der Sammetjacke.
Paris, Paris – das war die Hauptstadt der Welt!
Viele Düsseldorfer Bürger hatten es wie Schnakenberg gemacht; es gehörte eigentlich zum guten Ton, diesen Sommer in Paris gewesen zu sein. S. Sternefeld & Co. konnten nun sehen, wo sie ihre Waren losschlugen, man hatte sich die Novitäten selber von Paris mitgebracht. Und nur was von dort kam, hatte jetzt Wert.
»Kümmel,« sagte zwar Peter und rümpfte die Nase, als er die Schätze der Großmutter besehen. Aber die hatte nur keinen Geschmack. Die Pariser waren schon voran, besonders in der Kunst! Waren nicht schon viele junge Künstler dorthin gewallfahrtet und als große Meister heimgekehrt? Warum fiel’s denn keinem Menschen ein, nach der preußischen Hauptstadt zu gehen, da gab’s doch auch eine Akademie? Bah, die Berliner hatten ja gar keine Kunst!
Er fabelte immer von Paris. Wenn seine Lehre bei Meister Cremer um war, wollte er auch nach Paris wandern, in die Stadt der Freude, der Schönheit, der Kunst. Wenn man dort nur auf’s Pflaster trat, flog es einem schon an. Da wurde auch noch ein Maler aus ihm, so ein richtiger, kein lumpiger Anstreicher!
Und doch fühlte er sich jetzt leidlich zufrieden; Farben, Farben – er roch sie wenigstens. Der Meister war erstaunt über die Fortschritte des Lehrlings; dem konnte man schon getrost ein Stück Arbeit überlassen, wie einem Gesellen. Freilich mit der Schablone klexte er noch oft über, aber so was aus freier Hand, so eine Verzierung: ›da hat er Idee von,‹ sagte Meister Cremer, ›un auch Talent for!‹
Josefine pries sich jetzt glücklich, wenn sie von der abscheulichen Roheit und den Messerstechereien hörte, die in erschreckender Weise in den Industriedistrikten zunahmen, daß ihr Peter nicht in einer Fabrik steckte. Denn von immer neuen Greuelthaten las man im Blättchen und sonst nur Klagen über die Bedrängnis des Heiligen Vaters und Adressen der katholischen Bürgerschaft mit der dringenden Bitte an den König, den Heiligen Vater zu schützen. Josefine zerbrach sich den Kopf: warum bedrängten sie denn den armen Papst, der that doch keinem was zuleide?! Nun, bald kam ja der König in’s Rheinland, und da würden die Rheinländer schon den Weg zu seinem Ohre finden! Recht leutselig sollte der ja sein und anders wie sein Bruder, Friedrich Wilhelm IV.! Es gab noch viele Bürger, die sich an dessen Besuch in der tollen Zeit erinnerten. – –
Am 20. August wurde König Wilhelm, auf der Reise zum Kölner Florafest, in Düsseldorf erwartet.
Ein patriotischer Lokalpoet begrüßte ihn:
›O König, Führer du der Künste und Gewalten, Mag Gott in Frieden dich noch lange uns erhalten!‹
Die gesamte Bürgerschaft jubelte Willkommen.
Als der Zug mit dem königlichen Gast in den Bahnhof einlief, flammte vom Turm der evangelischen Kirche ein riesiges, feuriges W; die Kaserne, das Präsidialgebäude, der Jägerhof, das Rathaus strahlten. Überall Illumination. Besonders das Hotel ›Zum Prinzen von Preußen‹ that sich hervor; das einst verbannte Schild thronte zwar längst wieder oben, heut aber war es wie ein Transparent durchglüht und zeigte in stolzem Freudenschein den prinzlichen Namen. Pechpfannen loderten, ein mächtiger Feueradler reckte seine Krallen.
Ein endloser Fackelzug – vierhundert Sebastian-Schützen voran – bildete Spalier. In der Königsallee quetschte sich die Volksmenge, einen Blick auf den Gefeierten zu erhaschen; die Hand mußte ihm ganz lahm werden vom vielen Grüßen. Kinder hingen auf Bäumen und Laternenpfählen; und auch Josefine stand auf einem Prellstein an der Benrather Brücke.
Eigentlich war es gar nicht ihre Absicht gewesen, gucken zu gehen. Nur auf dem Weg zu ihrer Mutter war sie in den Trubel geraten. Sie wunderte sich, daß die Bürger so laut jubelten, – hatten sie, vor nicht zu langer Zeit, nicht noch ebenso laut geschimpft?! Ganz verdutzt stand sie auf ihrem Prellstein; auch wenn sie gewollt, sie hätte nicht wieder herunter und weiter gekonnt, um sie breitete sich ein Meer von Köpfen, von winkenden Armen, von wehenden Taschentüchern.
Ein aufgeregtes Flüstern, ein Raunen und Tuscheln ging durch die Menge:
»Kömmt he?«
»Wo, wo, wo?«
»He küt, he küt!«
»Hurrah!«
»Hoch, hoch, hoch!«
Immer mehr schwoll der Ruf an:
»Es lebe König Wilhelm! König Wilhelm! König Wilhelm!«
Und nun klang majestätisch:
›Heil dir im Siegerkranz!‹
Die Musik spielte es, brausend fiel die Menge ein, das Volk warf sich fast vor die Räder.
›Herrscher des Vaterlands – Heil König dir!‹
Der Wagen mußte halten.
Schlicht, im dunklen Soldatenmantel, blitzend nur die Helmspitze – der Jäger auf dem Bock war feiner wie er – saß der König da.
Also das war er?!
In erwachter Neugier reckte sich Josefine. Der hübsche, alte Herr mit den weißen Bartkoteletten – hm – also das war der Herrscher des Vaterlands?!
Er lächelte über’s ganze Gesicht, er grüßte unablässig.
›Fühl in des Thrones Glanz Die hohe Wonne ganz –‹
O, wie er lächelte! So gut, so von Herzen! Josefine wurde es warm. Das war kein Herrscher, das war der Mann, auf den ihr Vater gehofft! Es gab ihr inwendig einen starken Ruck.
›Liebling des Volks zu sein!‹
brauste der Chor.
»Heil König dir!« Sie hatte ihre Stimme mit erhoben, ohne es zu wissen. Hell übertönte ihr starker Ruf den Gesang umher. Hoch hatte sie sich auf dem Prellstein aufgerichtet in ihrer ganzen Stattlichkeit, ihr Tuch sich vom Hals gerissen und schwenkte es nun heftig:
»Heil König dir!«
Nun sah er sie – sie ganz besonders! Ja, sie fühlte seinen Blick. Und dann lächelte er gütig und nickte. Ach, er nickte, er winkte! Ihr, hatte er ihr nicht ganz besonders zugenickt?!
Ihre Arme streckten sich aus, ihr Herz schlug ihm entgegen, hingerissen von so viel Freundlichkeit.
Sie stand noch verträumt, mit heißgeröteten Wangen, als eine bekannte Stimme sie aufschreckte.
»No, Finken, als auch kucken jejangen?«
Es war Schnakenberg. Er trug seinen feinsten Rock und den Stock – die Weinrebe mit dem goldenen Knopf –, den er sich aus Paris mitgebracht hatte.
»Haben Se ihn auch jesehn?« fragte Josefine noch zitternd vor Erregung, »den König, den König?!«
»Och, eja, en janz nette Mann,« sagte Schnakenberg. »Ene janz artige Mann. Et is ens jut, dat de von Bismarck nit mit derbei war, da wär’ et unjemütlich jeworden, denn de –«
Er unterbrach sich. »Lauf’ ens bei de Mutter, Fina, du weißt doch, heut is dem selige Willem sein Jeburtstag, da is se janz aus ’m Häuschen. Och, jemmich! Ich sag’ et ja immer, laß en Mess’ für ihn lesen oder auch zwei, de is längst tot un bejraben. Aber dat darf mer beileib nit sagen, dann wird se falsch. Se weint der janze Tag; et is wahrhaftijens Jott unjemütlich! Ich jeh’ nach der Uehl, da wolle mer ens de König lebe lassen. Aber dat muß mer sagen, alles wat wahr is, de Napoleon hat en noblere Kutsch’. De hat mehr _savoir-vivre_ – aber kann ei’m dat wunderen von so ene Preuß’?! Na, adjüs, Fina, viel Pläsier!« Er blinzelte ihr zu und schlug dann den Weg ein, der zum Wirtshaus, die Uehl, in der Ratingerstraße führte.
Die Volksmenge war dem königlichen Wagen, der zum Präsidialgebäude fuhr, nachgeströmt; einsam lag die Königsallee, stiller noch wie sonst am Abend, wenn unzählige Liebespärchen leise im Dunkel der schattenden Kastanien wandelten.
Da war schon Schnakenbergs Haus. Josefine war erstaunt: von den Mansarden bis herab zum Parterre prangte es in einer glänzenden Illumination. Der Stiefvater war doch ein besserer Patriot, als er zu sein schien!
Die Magd öffnete ihr, auf Strümpfen gehend.
»St,« flüsterte Drückchen, »jeht e bißke leis, Frau Conradi, de Frau Schnakenberg is im Hinterzimmerken.« Damit deutete das brave Drückchen alles an, was diesen Tag bewegte.
Frau Trina hatte überall neue Möbel: Kirschbaum im Salon, Eiche im Eß-, und Nußbaum im Schlafzimmer; nur ein ganz kleines Hinterstübchen war noch da, in das sie alle Möbel ihres einstigen Haushaltes zusammengepfercht hatte. Da standen sie in ihrer tannenen Armseligkeit, als ob sie sich genierten; keine Sonne beschien sie, fast nie wurden die geschlossenen Läden des Fensters geöffnet, das auf die dunkelste Ecke des Hofes hinaussah. In dieses Hinterzimmerchen zog sich Frau Trina zurück am Geburtstag ihres Wilhelm.
Josefine trat leise ein. Die Kattungardinen waren dicht vorgezogen, die Luft war dumpf-kühl und eingeschlossen, wie in einem Mausoleum. Keine Lampe brannte; auf dem Tisch vor Frau Schnakenberg flackerte einzig eine dicke Kerze, in einen Behälter mit Sand gestellt: das war das Lebenslicht, geweihtes Wachs, aber es brannte trüb.
Frau Trina trug ein schwarzwollenes Kleid; das marokkanische Armband, die römische Kamee und jede goldene Kette fehlte. Sie konnte den Sohn ja nicht feiern an Allerseelen, wie ihre andern Geschiedenen, nicht an sein Grab wallen und es schmücken mit Kränzen – er war ja nicht tot. ›Er kömmt wieder, er kömmt sicher und jewiß wieder –‹ sie sagte das nicht oft, aber sie dachte es immer. Und manchmal ging sie heimlich hinauf in das Gastzimmerchen, legte die Betten in der Sonne aus und klopfte den Staub aus dem Sofa. Und heut an dem einzigen Tag, der ›dem armen Jüngesken‹ ganz gehörte, ließ sie ihre Thränen fließen, als hätte sie die das ganze Jahr aufgespeichert.
»Mutter, hör doch auf mit weinen,« bat Josefine und setzte sich neben Frau Schnakenberg. Sie rückte ihren Stuhl ganz dicht heran und legte den Arm um die Schultern der alten Frau. Heute fühlte sie sich der Mutter so um vieles näher als sonst im ganzen Jahr – sie wußte ja, wie man einen Sohn lieben kann.
So saßen sie ganz still nebeneinander in dem engen, vollgepfropften Stübchen, an demselben tannenen Tisch mit den, von unruhigen Kinderfüßen abgeschabten Beinen, um den sich einst die ganze Schar in der Feldwebelwohnung gereiht.
Ach, wo waren sie alle hin?! Josefine stützte den Kopf in die Hand. Der Wilhelm war verschollen. Der Friedrich, ja der Friedrich – ein froher Schein glitt über ihr Gesicht – der würde jetzt des Vaters Stolz sein, wenn er auch kein Soldat war. Dann der Ferdinand – ach du lieber Gott! Den ganzen Winter hatte der verschlafen in der Ecke beim Ofen; nur vormittags zum Frühschoppen und abends wieder hatte er sein Bein angeschnallt, um in’s Wirtshaus zu gehen. Sonst war ihm selbst das anzuthun lästig; einen ganz gemeinen Stelzfuß hatte er sich machen lassen, der wär ihm bequemer. Nicht einmal, daß er den Laden versah; wie angeleimt blieb er in dem alten Ohrenlehnstuhl sitzen, den ihm der Stiefvater neu mit Wachstuch hatte beziehen lassen, und räsonnierte auf sein miserables Schicksal.
Und dann der Jüngste, das Karlchen! Vor Jahr und Tag hatte er einmal geschrieben, er sei jetzt Oberbootsmannsmaat auf S. M. Aviso ›Grille‹. Im Seegefecht bei Rügen unter Kapitän Jachmann hatte er auch schon mitgethan. Sie hatten damals gar nichts davon gewußt, ganz zufällig erfuhren sie’s und hatten sich wohl gefreut, daß er heil aus dem Kampf mit der dänischen Flotte davongekommen; aber so einen rechten Begriff konnten sie sich von ihm und seinem Leben nicht mehr machen. Wie um Jesuswillen war das Karlchen nur dazu gekommen, zur See zu gehen? ›Die Flotte, die Flotte,‹ das mußte man ja wohl den Jungen zur Zeit in den Kopf gesetzt haben. Von der Militärerziehungsanstalt zu Annaburg war er auf die Matrosenschule gegangen.
Josefine seufzte. Daß man bei der Marine, wie es hieß, zehnmal schneller voran käme wie beim Landheer, das wollte sie ja gern glauben, aber es war doch traurig, daß man auch von dem Karlchen so gut wie gar nichts mehr zu sehen und zu hören kriegte!
Unwillkürlich sagte sie laut: »Ob de wohl ens wiederkömmt?«
»De kömmt wieder, de kömmt sicher und jewiß wieder,« murmelte die alte Frau, nickte eifrig und starrte schwimmenden Auges, mit gefalteten Händen, in das trüb brennende Lebenslicht.
Josefine wußte es wohl, die Rückkehr ihres Jüngsten kümmerte die Mutter wenig, die dachte nur an ihren Wilhelm. Da wurde es ihr eng; sie stand auf, es litt sie nicht mehr in der dumpfen Stube, deren verschlossenes Fenster keinen Luftzug einließ, deren Winkel alle vollgestopft waren mit Erinnerungen, die nur =heute= Erinnerungen waren, sonst vergessen standen und verstaubten. –
Aufatmend trat Josefine unter den freien, reichgestirnten Augustnachthimmel; wunderbar schön strahlten die Sterne über dem Exerzierplatz und warfen ihr leuchtendes Bild in den dunklen Spiegel des Stadtgrabens. Fernab, vom Friedrichsplatz her, rollte noch das Branden einer aufgeregten Volksmenge; es klang wie Brausen der Empörung, und doch war’s lauter Freude. Dort, beim Regierungspräsidenten, war der König abgestiegen, dort stand er nun gewiß am Fenster, und sie jubelten ihm zu. –
In dieser Nacht schlief Josefine unruhig. Sie träumte: Bald stand sie auf dem Prellstein und schrie Hurra, bald saß sie in der dunklen Stube bei der Mutter – ›Er kömmt wieder, sicher un jewiß, er kömmt wieder!‹ Aber eine andre Stimme sprach hart: ›Er kommt nie wieder!‹ – Und dann nickte ihr der freundliche König zu, und sie nickte wieder. Da streckte der König die Hand aus und sprach: ›Was giebst du mir?!‹ – Er griff nach ihrem Herzen – sie schrie laut auf – und wie sie schrie, erwachte sie, ganz in Angstschweiß gebadet.
Es war sonniger Frühmorgen, Musikfanfaren schmetterten den Tag wach, drüben rückten die Neununddreißiger aus zur Truppenbesichtigung auf der Golzheimer Heide. Da sollten sie vor’m König paradieren.
Die Trommeln wirbelten, die Piccoloflöten schrillten:
›Freut euch des Lebens, Solang das Lämpchen glüht.‹
Hastig eilte Josefine an’s Fenster; hinter dem Gardinchen spähte sie den Truppen nach – Soldaten, Soldaten, all die blauen Röcke und all die roten Kragen und die frischen, gebräunten Gesichter drüber. Und alles blank geputzt; auf tausend Helmspitzen schien sich die Sonne zu entzünden, es war ein Blitzen und Blinkern. Ei, war das lustig!
»Freut euch des Lebens,« summte sie mit und sah ihnen nach, ganz vergessend, daß sie sich in der Nachtjacke zum Fenster hinauslegte.
Heute war ein stiller Tag für das Lädchen, die Kaserne wie ausgekratzt, auch die halbe Stadt auf den Beinen nach der Golzheimer Heide. Den König sehn, den König! Heute gegen abend reiste er ja schon wieder ab.
Spät mittags war die Parade aus; totmüde, bis zur Unkenntlichkeit von Staub bedeckt, marschierten die Soldaten wieder ein.
Der König aber besah sich noch rasch die Kunstausstellung bei Schulte und das Atelier des Schlachtenmalers Camphausen. Er hatte bei Schulte sogar einen Ankauf befohlen – das Bildchen hieß:
›Die Rekruten.‹
XXIV
Es war für Düsseldorf jetzt an der Zeit, seiner großen Männer zu gedenken. Die Stadt hatte es ja dazu, sie stand auf blühender Höhe und war, wenn auch noch nicht in Handel und Gewerbe, so doch in Kunst und Gartenanlagen der Rivalin Köln weit überlegen. Die Väter des Rats brauchten sich der Gelder wegen keine Sorgen zu machen; man saß im Wohlstand. Es war nicht mehr wie billig, jetzt auch äußerlich die dankbar zu ehren, deren Namen der Düsselstadt ewigen Glanz verliehen.
Ganz einig war man sich freilich nicht, wer diese eigentlich waren.
War es zum Beispiel nötig, an Immermanns Sterbehaus eine Gedenktafel anzubringen? Der war doch nur Theaterdirektor gewesen und hatte genug Ärgernis erregt mit seiner Ahlefeld in Jacobis Garten hinter’m Malkasten!
Ohne Widerspruch dagegen wurde die Errichtung eines Denkmals beschlossen für Peter Cornelius, ›den größten Sohn der Stadt, den Heros der deutschen Kunst, den Goethe unter den Malern, der die Kunst aus der Abhängigkeit undeutschen Wesens befreit.‹
Doch als einige wenige, etwas schüchtern freilich, vorzubringen wagten, da sei auch noch der Heinrich Heine, der sei doch auch ein Sohn der Stadt und eigentlich auch ein Genie und auch tot, da ging man einfach zur Tagesordnung über.
Aber in dem Beschluß, die neue Eisenbahnbrücke bei Neuß ›König Wilhelms-Brücke‹ zu taufen, ferner zur Jubelfeier der Kunstakademie und zur Liebesgabe anläßlich des Priesterjubiläums Pius IX. sich mit einer würdigen Summe zu beteiligen, war man einig.
Professor Caspar Scheuren hatte eben jetzt mit seiner frommen Aquarellkunst ein Gedenkblatt dieses fünfzigjährigen Priesterjubiläums entworfen, es hing in jedem besseren Bürgerhaus unter Glas und Rahmen. Der Dezember 1869 brachte, als passendstes Weihnachtsgeschenk, ein Pendant dazu: das Gedenkblatt zum ökumenischen Konzil.
Das neue Jahr war in Sicht. So freundlich ging 1869 zu Ende, wie 1870 begann. –
Wie ein Stein in einen stillen Weiher fiel plötzlich in den ruhigen Jahresbeginn die Kunde, das Konzil habe die Unfehlbarkeit des Papstes beschlossen. Immer größere und größere Kreise, glucksende Blasen und unruhige Wellchen bildeten sich auf der eben noch so glatten Fläche. Etwas war hineingeschleudert, was nicht still zum Grund sank, sondern wühlte und wühlte. Würde das Dogma von der Unfehlbarkeit durchgehen oder nicht? Mochte der Jesuitensuperior Rivé zu Köln auch predigen: ›das Dogma von der Unfehlbarkeit sei ein Glaubenssatz, einfach hinzunehmen,‹ mochte der Pater Roh seine ganze Beredsamkeit entfalten, – zweihundert Bischöfe stritten dagegen. Das war ein Hin und Her, ein Für und Wider. Die besten Freunde zankten sich, zwischen Vater und Sohn klaffte jäh ein Riß; Mägde, die belauscht, worüber die Herrschaft drinnen im Zimmer disputierte, kündigten. Manche Seele, die gern glauben wollte, was sie glauben sollte und doch nicht glauben konnte, ängstigte sich. Und die Andersgläubigen machten ihre Glossen.
Selbst in die Kaserne, in der sonst der Kommiß des Tages einförmigen Inhalt bildete, war ein Tropfen Ärgernis gefallen. Die Bauernsöhne erhielten Briefe von Haus, darin die Väter sie ermahnten, und die Mütter ein Gedenkblättchen vom Heiligen Vater mitschickten.
Auch in der Witwe Conradi Lädchen wurde viel über dies weltbewegende Ereignis verhandelt. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen hörte Josefine zu – war’s möglich: der Papst unfehlbar, ein Mensch unfehlbar?! Als zur Vesper die Glocken von der Jesuiterkirche, von Lambertus und St. Andreas so schön und sonor läuteten, fühlte sie sich nicht, wie sonst, bewegt von den frommen Klängen. ›Unfehlbar, unfehlbar,‹ summte es ihr immer in den Ohren. Im ersten, hastigen Impuls nahm sie die Heiligenbildchen, die über ihres Kleinen Bett hingen, herunter und schloß sie in eine Schublade. Jetzt fühlte sie’s: sie war doch nicht katholisch getauft. Wenn ihre Wiege auch geschaukelt hatte beim Klang dieser Glocken, einen guten Schuß Blut hatte sie auch von Vaters Seite her in den Adern; und der war ein Ketzer gewesen. Der arme Vater! Ihr Blick umflorte sich. Ach, der hatte hier nicht glücklich sein und auch nicht glücklich machen können! Der hatte die hier nicht verstanden, und sie hatten ihn nicht verstanden! Ihr war’s, als würde =sie= ihn jetzt verstehen. Daß sie doch so viel an ihn denken mußte!
Starren Auges blickte sie hinüber zur Kaserne – da ging sein Geist noch um. – – – –
Seit Oktober steckte der Peter auch drüben in der Kaserne. Seine Lehrzeit war um gewesen, der Meister Cremer hatte ihm ein halbes Jahr geschenkt. Was hätte er denn Klügeres machen können, als gleich seine Zeit abdienen? Dann war er’s los, und dann würde er die Mutter schon herumkriegen, ihn nach Paris zu lassen – und da würde er ein Künstler werden! Ja, das wußte er jetzt. Denn wenn sie ihm auch sagten: ›Hier streich’ diese Wände an,‹ es würden doch Bilder unter seinem Pinsel entstehen, Bilder, wie er sie in seiner Seele trug, wie er sie mit geschlossenen Augen sah, wie er sie nachts träumte. Er glaubte an seine Zukunft. Und in diesem Glauben erschien ihm das Leben so wunderschön, so strahlend hell, so voll von Farbe.
Der Kommißdienst machte ihm allerdings wenig Spaß, und die Drillerei fand er höchst überflüssig; aber da er einen schlanken Rücken und gerade Beine hatte und keinen so dicken Kopf, wie die westfälischen Jungen, kam er gut durch. Er war wohl anschrieben. Darüber lachte er sich freilich eins; er wußte ganz genau Bescheid über die Verehrer seiner Mutter.
»En janz schneidiger!« sagte Unteroffizier Schmidt oft und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Der Berliner erschien dem Peter als ein ganz umgänglicher Mensch. Mochte der Hucklenbruch auch auf ihn schimpfen, na, der war eben eifersüchtig! Peter war stolz auf die Triumphe seiner Mutter. Ja, so frisch wie die, war auch keine! All ihre weißen Zähne hatte sie noch, kein graues Fädchen im blonden Haar! Und freuen konnte sie sich, ja, freuen! Als er zum erstenmal in Uniform vor ihr gestanden, da hatte sie mit einem Jubelruf die Hände zusammengeschlagen, und dann war sie ihm um den Hals gefallen und hatte ihn geherzt und geküßt wie einen Schatz.
Josefine empfand eine Freude in ihrem Herzen, wie solche das kaum je bewegt – ihr Junge drüben in der alten Kaserne! Und so beliebt! Sogar der Hauptmann hatte ihn belobt, als er für die Weihnachtsfeier der Mannschaft ein Transparent gemalt, einen nackten Engel mit blauem Lendentüchlein und fliegendem Spruchband:
_Gloria in excelsis Deo!_
Gab es eine glücklichere Mutter? Morgens belauschte sie das Ausrücken ihres Sohnes, mittags seine Heimkehr von der Heide oder von den Schießständen im Bilker Busch.
* * * * *
Der Winter war nun vorbei, heller Frühlingssonnenschein beglänzte die schon gebräunten Gesichter der Füsiliere, der erste grüne Zweig steckte dem Peter am Helm. Hell trällerte Josefines Stimme der Marschmusik nach – Frühling, Frühling! Auch für sie war’s noch einmal Frühling mit ihrem, durch ihren jungen Sohn.
Ganz Düsseldorf feierte Frühling. Alltäglich wallfahrteten jetzt Scharen von Bürgern durch die schön bestellten Felder, über die frischer Dung durchdringenden Lenzduft breitete, nach Dorf Hamm zu Heckers Wirtschaft, wo der fortscheitende Bau der neuen festen Rheinbrücke die Augen, und der berühmte Spargel nebst Maiwein die Gaumen angenehm beschäftigte. Auch im Malkasten rührte sich’s; aufgeweckt durch das maigrüne Rauschen der Bäume im alten Jacobischen Garten, quakten die Frösche im Venusteich, und lustige Malerkehlen machten ihnen Konkurrenz.
Der Rhein rollte seine frühlingsgeschwellten Wogen wieder einmal am alten Schloß vorbei und begrüßte in übermütigem Umfangen die kleine Düssel, die ihm unter der verwitterten Schloßmauer her im jungen Liebesrausch in die Arme sprang. Im Hofgarten sangen sich die Nachtigallen müde; am Kanal, am Schwanenspiegel, in den vielen, vielen Gärten der Stadt klang ihr schmelzendes Locken.
Auch in Josefines Gärtchen schluchzte eine im hängenden Rosenstrauch am Plankenzaun. Josefine hörte ihr oft zu – was klagte die?! Lind und sanft und dunkel lag doch die stille Frühlingsnacht über den Dächern, jedes Windchen ruhte, ein großer Friede träumte am Himmel und sank nieder in den Schoß der empfangenden Erde.
* * * * *
Was wollte der Mann, der in allen Zeitungen unermüdlich annoncierte unter dem geheimnisvollen Namen: ›_Maran atha_‹ und seine Mitchristen zu einem Vortrag in der Bockhalle einlud?! Er kündigte an:
›Die baldige persönliche Wiederkunft unsers HERRN in Herrlichkeit.‹
Das war doch sicher ein Verrückter! Aber da der Eintritt unentgeltlich, und man sich gern einen Spaß machte, gingen viele hin. Es war ja sonst nichts los in der Stadt, aber auch rein gar nichts. Nur ein Bild machte noch von sich reden, das ein junger Kunstschüler, Michael Munkacsy, dessen Namen man bisher nicht gekannt, ausgestellt hatte: ›Letzter Tag eines Verurteilten.‹ Das Publikum stand davor, halb ergriffen, halb erstaunt; und die Maler gingen hin in hellen Haufen und besahen sich, die Augenbrauen hochgezogen, manche mit leisem Kopfschütteln, dieses ganz Neue.
Auch Peter sah das Bild. Brennende Thränen traten ihm in die Augen – der, der das geschaffen, war kaum älter als er! Aufgeregt kam er zu seiner Mutter. Mit fliegendem Atem sprach er:
»Mutter, dat is en Bild, ich sag’ dir, en Bild! Du sollst nur sehen, wie de Mann da sitzt, de Verbrecher, die Fäust’ im Jesicht – dat Jebetbuch liegt auf’m Boden, un se stieren ihn all an, de Leut’, die ihn kucken jekommen sind – un dat junge Weib weint an der Mauer – un dat Kind läuft zwischen Vater un Mutter un weiß von nix. Mutter, dat is en Bild, so eins hat noch keiner hier jemalt! Mutter, de kann wat! Mutter, nu weiß ich wat Kunst is! Mutter, un siehste, Mutter, so will ich auch malen!«
Er raffte die Mütze vom Tisch und rannte stürmisch davon. – – –
* * * * *
Die Julitage kamen mit drückender Glut, schwere Gewitter zogen schon am Morgen auf und gingen gegen mittag nieder, aber sie brachten keine Kühlung. Ebenso glühend kam der Abend wie der Morgen, die Nacht wie der Tag. Allerorten gab’s Gewitterschaden. Besorgt schauten die Landleute von ihren Feldern zum funkensprühenden Himmel. Eine eherne Hitze brütete in den Straßen der Stadt.
›_Maran atha_ – prüfet die Zeichen der Zeit!‹ predigte der seltsame Mann in der Bockhalle. Er hatte jetzt viel Zuspruch – es kamen nicht bloß solche, die ihn auslachten – nervösen Seelen wurde so merkwürdig angst bei der Gewitterschwüle; sie drückte alle Gemüter. Und plötzlich fingen an, undefinierbare Gerüchte umzugehen. Man hörte es und glaubte es nicht, aber erzählte es doch weiter: Frankreich suche mit Preußen Händel. Kühle Köpfe freilich beruhigten: man sah’s ja, in der Kaserne rührte sich noch keine Hand, und dort mußte man doch zuerst etwas merken. Es war ja auch absolut kein Grund zum Krieg vorhanden; die Erregung der Franzosen über die Kandidatur des hohenzollernschen Prinzen für den spanischen Thron war wirklich nicht so tragisch zu nehmen. Man konnte sich getrost anschicken, alle Vorbereitungen zum Düsseldorfer Schützenfest zu treffen; und das sollte in diesem Jahr ganz besonders glänzend werden.
Aber – merkwürdig – es ereignete sich wieder etwas, was die Bürger stutzig machte. Abend für Abend ließ sich eine junge, schöne Stimme im Hofgarten vernehmen, die, schmetternd und langgezogen, bis in die fernsten Büsche drang: ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein!‹
Alle Spaziergänger blieben stehen und lauschten, es sammelte sich rasch viel Publikum; aber so sehr auch die Zuhörer Beifall klatschten, der Sänger ließ sich nicht sehen, er blieb verborgen. Was war das – von wo kam das – was sollte das bedeuten?!
›Prüfet die Zeichen der Zeit‹ – eine Ahnung beschlich die Seelen, man hielt den Atem an.
Da – hui, ein Blitz am schweren, wolkenverhangenen Himmel: der französische Gesandte Benedetti hatte den greisen König, der in Ems zur Kur weilte, mit den frechen Forderungen Napoleons brüskiert!
Und nun ein krachender Donner, der den Himmel mit Getöse erfüllte und die Erde erbeben machte: die Kriegserklärung!
Am 15. Juli nachmittags stand die Depesche an allen Ecken Düsseldorfs angeschlagen.
Krieg, Krieg!
»Nu wird mobil jemacht, aber ’n bißchen plötzlich,« schrie Unteroffizier Schmidt, in Josefines Laden stürmend. Sie stand hinter der Theke und griff sich mit beiden Händen an den Kopf – Krieg, Krieg?! Sie hatte es schon gehört und konnte es doch nicht fassen. Krieg, Krieg! – Das kam zu rasch.
»Das is en schöne Bescherung,« rief Hucklenbruch, der auch gerannt kam, »oha, nu chiebt’s Krieg, Madam, un Ihr Peter –«
Das Wort erstarb ihm im Munde, er sah den Rivalen am Ladentisch stehen und machte sofort Kehrt. Er hatte der Mutter sagen wollen: ›Nur keine Angst, ich paß auf ihn auf, wie auf meinen Augapfel,‹ aber nun schnürte ihm der Grimm, daß der Berliner ihm schon wieder zuvorgekommen, die Kehle zu.
Und andre kamen, Soldaten, Nachbarsleute. Die Bürger glaubten, von den Füsilieren etwas Näheres erfahren zu können; aber die aus der Kaserne standen ebenso verdutzt vor dieser Kriegserklärung, wie vor einem großen, gewaltigen, erschütternden Naturereignis. Man war erst still, aber dann brach sich die Erregung Bahn; man schimpfte und lamentierte, man zog bedenklich die Augenbrauen und sprach auch wieder recht hochtrabend, man ballte zornig die Fäuste und faltete die Hände angstvoll zum Gebet, man lachte und weinte, man schrie ›Hurra‹ und flüsterte ›Gott erbarm dich‹ – dieser so, jener so. Aber des einen waren sich alle klar bewußt: das ließ man sich nicht gefallen! Zu frech war dem greisen König begegnet worden, zu frech hatte der Franzose den Fehdehandschuh hingeworfen! Neidisch war der, den Rhein wollte der haben! ›Unsern Rhein – kriegt er nicht! Hurra, mit Gott für König und Vaterland!‹
Eine jähe Begeisterung hatte sich plötzlich aller bemächtigt; Soldat oder Bürger, da war jetzt kein Unterschied, jeder fühlte sich gekränkt, angegriffen in dem, was ihm teuer war: König, Vaterland, Rhein.
Alle Arbeit wurde im Stich gelassen; die Handwerker liefen auf die Straßen, Meister und Gesellen. Die Wirtschaften waren gestopft voll, es wurde gelärmt und getrunken und auf den Tisch geschlagen: laß sie nur kommen, die Halunken, die Franzosen!
Aber auch ernste Gesichter sahen sich an – mit Frankreich wurde es heiß, das war kein Kinderspiel! Manch einem zitterte das Herz im Leib, wenn er draußen seinen Unmündigen, Stock auf der Schulter, im hellen Haufen der Knaben, trommelnd und pfeifend vorbeimarschieren sah. Die Jugend, die war schon mit ihrer Mobilmachung fertig, derentwegen konnte es gleich losgehen.
Bis in die Nacht hinein wogte es in der Kasernenstraße unruhig auf und ab, Bürgertracht und Uniform einträchtig bei einander. Wer zuerst angestimmt, wußte man nicht, helle Knabenstimmen mochten es wohl gewesen sein, aber kräftige Männerbässe fielen unverweilt ein – durch die dunkelschwüle, gewitterbange Julinacht zog laut und klangvoll das Lied von der ›Wacht am Rhein‹.
Josefine stand unter ihrer Thür und lauschte den Tönen, die stark zum Himmel stiegen. Ihre Mutter war am Nachmittag dagewesen in ratloser Verwirrung – das Kriegsgerücht hatte sie aus dem Mittagsschläfchen geschreckt – Herr Schnakenberg war in Karlsbad zur Kur! Josefine hatte ihr geraten, an ihn zu depeschieren. Frau Trina war außer sich, hatte sie ihm doch schon geschrieben: es sei nicht sicher, er solle nach Haus kommen. Aber er hatte es nicht geglaubt. ›Die Franzosen seien viel zu höflich, es gäbe keinen Krieg, Unsinn!‹ Was sollte sie nun machen, so allein, wenn die Franzosen nach Düsseldorf kamen? Die Tochter hatte sie beruhigt, und der Invalide war mit der Mutter zum Telegraphenbureau gehumpelt. Natürlich kam Ferdinand jetzt nicht wieder, sondern saß in irgend einem Wirtshaus fest.
Josefine war allein, ihren Kleinen hatte sie zu Bett geschickt; der hatte sich an ihre Seite geschmiegt, bis ihm die Augen zufielen. Nun wartete sie auf ihren Peter. Warum kam er nicht, wie sonst alle Abend, zu ihr herüber? Drängte es ihn denn nicht zu ihr? Sie fühlte ihr Herz heftig pochen ohne Unterlaß.
Drüben lag die Kaserne, mehr erhellt wie sonst je am Abend; in den Bureaux wurde noch gearbeitet, in fieberhafter Thätigkeit rührte es sich da. Krieg, Krieg mit Frankreich – o, wenn der Vater das erlebt hätte! Wie oft hatte er ihr erzählt von den Freiheitskriegen, in denen sich Preußen freigemacht von seiner Schmach. Es war das Märchen ihrer Kindertage gewesen. Und jetzt? Ihr war, als sei sie wieder ein Kind, als müsse sie dem lauschen, begierig lauschen, was wie ein Schwur zum finsteren Nachthimmel aufstieg:
›Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein!‹
Warum der Peter noch immer nicht kam?! Zum erstenmal hatte es schon Zapfenstreich geblasen. Sie strengte umsonst die Augen an. Endlich hörte sie seinen Schritt.
»Mutter,« sprach er durch das Dunkel, und seine Stimme klang matt, »’n Abend.«
Sie fuhr auf ihn zu, sie hatte ja so nach ihm verlangt. »Krieg – wat sagste derzu? Krieg!«
»Un ich muß mit,« sagte er dumpf.
»Och Jott, ja!«
Das hatte sie ja noch gar nicht recht bedacht. Ein plötzlicher Schreck durchfuhr ihr die Glieder, die Kniee wollten ihr brechen, taumelnd lehnte sie sich gegen die Hauswand.
Er sagte kein Wort, er stand nur immer da im trüben Laternenschein und starrte vor sich hin.
»Jesus, ja, och mein Jung’!«
Mit einem unterdrückten Schrei warf sie sich ihm plötzlich an die Brust, ihre Arme umwanden seinen Hals – da – ›trötrö‹ – der Zapfenstreich!
Er riß sich los ohne weiteres Wort, er mußte ja fort; wie ein Schatten verschwand er jenseits im Kasernenthor.
Heute nacht schloß Josefine kein Auge; nicht das Lärmen der spät aus den Wirtshäusern Heimkehrenden, nicht das Rumoren des Invaliden, der lange nach Mitternacht stürmisch Einlaß begehrte, raubten ihr die Ruhe. Etwas andres vertrieb ihr den Schlaf und ließ ihre Thränen auf’s Kissen fließen: der Peter mußte mit! Endlich, spät gegen morgen, als die Sonne das Dach der Kaserne längst mit Gold überschüttete, schlummerte sie ein.
Ein kurzes Stündchen Schlaf war ihr nur vergönnt, aber sie erwachte wunderbar gestärkt – ihr Vater hatte an ihrem Bett gesessen. –
Der Lärm des ersten Rausches hatte sich gelegt, stiller war’s geworden in den Bürgerhäusern, in den Wirtschaften, auf den Straßen. Aber emsig schaffte es in der Stille, denn heute war mobil gemacht. Scharen junger Leute strömten in die Kaserne, die sonst nichts drin zu suchen gehabt hätten: Knaben fast noch, blutjunge Abiturienten und Jünglinge, deren Fähigkeit, die Waffe zu tragen, mindestens sehr zweifelhaft. Aber alle, sie alle stellten sich als Freiwillige.
Eine ungeheure Rührung bemächtigte sich Josefines, als sie die Burschen vorüberziehen sah. Wie sie eilten, wie sie eilten! Wie überschlank, wie engbrüstig waren viele, und manche noch viel jünger als ihr Sohn. Etwas kam über sie – ähnliches hatte sie noch nicht empfunden, nein, nie! – es war wie ein Glück, und doch ein Schmerz zugleich. Sie schämte sich der Thränen, die sie geweint.
Die ganze Stadt war in Thätigkeit. Hier kündigten Schuhmacher ›schnellste Anfertigung von zweckentsprechenden Feldstiefeln‹ an, dort die Militärschneider ›Uniformen aller Waffengattungen binnen vierundzwanzig Stunden‹. Hunderte von Händen rührten sich Tag und Nacht. Fässer und Kisten kollerten am Proviantamt, Komitees gründeten sich in aller Eile, zu Liebesgaben wurde aufgerufen; wollene Unterkleider wurden trotz der Hitze in Masse gekauft, wollte doch ein jeder seine Liebsten ausrüsten und schützen so gut es ging.
Die Kreuzschwestern, allen voran, stellten hundert Betten für verwundete Krieger zur Verfügung und sechs Krankenpflegerinnen für’s Feld. In der Kaserne wurde nicht viel Unterschied mehr gemacht zwischen Tag und Nacht, die Vorgesetzten hatten keine Mußestunden mehr, jetzt hatten sie strammeren Dienst als je die Mannschaft. Und überall, im ersten Haus und im letzten, vom größten Schulmädchen bis herab zum kleinsten, fingen gewaschene und ungewaschene Finger an, Charpie zu zupfen.
›Gebt, gebt! Gebt für die ausrückenden Krieger, gebt für die zurückbleibenden Hilfsbedürftigen! Gebt ohne Rücksicht auf Religion! Alle geben für alle!‹
Josefine kam nicht zur Besinnung. Sie hatte ja nicht bloß ihren eignen Sohn auszurüsten, da waren noch so viele gute Jungen, die ihr Lädchen stürmten: Putzkreide! Wichse! Schreibpapier! Notizbuch! Bleistift! Portemonnaie! Schnupftabak! Mancher forderte eine kleine Bibel.
Bruder Friedrich konnte nicht herüberkommen, um ihr beizustehen. Krupp arbeitete auch Tag und Nacht – Aufträge aus Nord und Ost, Süd und West – Kanonen, Kanonen und wieder Kanonen, Geschütze schweren Kalibers. Nicht nur Frankreich und Deutschland, die ganze Welt schien sich rüsten zu wollen.
Und Gewitter brauten und brauten und zogen von Sonnenaufgang bis Niedergang, standen und dräuten und konnten sich nicht entladen in erlösenden Fluten.
›Betet, betet!‹
Ein allgemeiner Bettag war angeordnet. Die protestantischen Kirchen ließen ihre Glocken rufen, und in allen katholischen war Hochamt und nachmittags Betstunde vor dem ausgesetzten hochwürdigsten Gut.
»Mit Gott für König und Vaterland!« rief der Geistliche im schlichten Talar von der schmucklosen Kanzel herab und machte das Zeichen des Kreuzes über seine Gemeinde. »Der Herr segne euch und behüte euch, der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden, Amen!«
Und auch der Priester in der weihrauchduftenden, bildergeschmückten Kirche rief: »Mit Gott für König und Vaterland!« Und schlug das Kreuz: »Die Gnade Gottes und die Fürbitte aller lieben Heiligen sei mit euch, Amen!« –
Es hatte Josefine immer leid gethan, daß Hucklenbruch und Schmidt so spinnefeind waren; jetzt that es ihr doppelt leid, nun war es doch wahrhaftig an der Zeit, solche Dummheiten zu lassen. Sie redete Hucklenbruch, als dem jüngsten, energisch in’s Gewissen; er hörte sie auch ruhig an, und als sie zu Ende war, reichte er ihr treuherzig die Hand: »Chute Madam, Sie sind sehr chut!« Aber es blieb doch beim alten; kam der eine in’s Lädchen, ging der andre schleunigst hinaus, und sie sahen sich an, als ob sie sich vergiften wollten.
Josefine hatte sich noch alles mögliche eingethan zur Feldausrüstung, was sie sonst nicht geführt. Sie begriff selbst nicht, daß sie noch an’s Geschäft denken konnte; sie besorgte es auch eigentlich nur ganz mechanisch, alle ihre Gedanken waren bei Peter. Der war so stumm, so blaß! Sie sah ihn wenig; drüben in der Kaserne hielten sie ihn fest, da er eine schöne Handschrift hatte, mußte er beim Feldwebel schreiben die halbe Nacht. Ein eigentliches Bangen um den Sohn stieg nicht mehr in Josefines Seele auf, da waren ja so viele, so viele, die in’s Feld zogen. Das Gemeinsame gab Kraft, und das Singen auf den Straßen, und die erhöhte Arbeitsleistung, diese erregte Thätigkeit, die nie erlahmen zu können schien; und der Drang nach Freiheit, der allerorten, in allen Herzen verborgen ruht, und der hier neu wieder emporloderte, in Flammen, die niemand künstlich geschürt.
›Frei werden, frei werden,‹ das war wieder einmal die Losung. Von wem denn – von was denn?! Ei, vom Napoleon, dem Erbfeind, und von – von – recht klar hätte keiner darauf antworten können. Aber die Studenten sangen es zu Bonn vom alten Zoll hinüber zu den sieben Bergen – grüßend blitzten ihre erhobenen Schläger – und das ganze Volk sang es nach, das ganze Vaterland, das ganze Deutschland:
›O Rhein! O Rhein! Nicht Deutschlands Grenze, Du bist und bleibst ein deutscher Strom! Ich schaue dich im Freiheitslenze, Nicht Frankreich unterthan, nicht Rom!‹
XXV
Es war ein Sonntagmorgen, so schön, wie noch keiner in diesem Sommer gewesen. Noch war es nicht heiß, das Windchen, das den Aufgang der Sonne umschauert, kühlte noch sanft die Straßen. Verschlafen zirpten noch die Vögel in den Gärten, alles Grün war noch taubedeckt, aber die Stadt schlief nicht mehr; sie war hell wach im ersten Frühlicht – ihre Söhne zogen heut in’s Feld.
Im Gärtchen der Witwe Conradi hing der weiße Rosenstrauch am Plankenzaun wie von tausend Thränen beschwert. Josefine hatte die Nacht nicht geschlafen, sie war gar nicht zu Bett gegangen. Als besondere Vergünstigung hatte der Feldwebel erlaubt, daß der Peter die letzte Nacht unter’m Dach seiner Mutter schlafen durfte; und er hatte geschlafen, totmüde, erschöpft, und sie hatte an seinem Bett gesessen, die Stunden von Mitternacht bis zum Morgengrauen, und seine Hand gehalten, wie sie es dem Knaben gethan in Krankheitszeiten oder wenn böse Träume ihn gequält. Sie hatte kein Auge von ihm gewandt, und Thränen, von denen sie nichts wußte, waren über ihre Wangen geflossen.
Jetzt stand sie im Gärtchen, blaß und durchschauert, und wartete auf ihren Sohn. Drinnen mühten sich der Onkel und der kleine Bruder noch geschäftig um den Ausrückenden – hier draußen, hier ganz allein, wollte sie Abschied von ihm nehmen.
Jetzt kam er, schon fix und fertig, den Helm hatte er auf, nur den Tornister noch nicht auf dem Rücken. Sie hing sich an seinen Arm.
»Wie is dich?« fragte sie zärtlich.
Er gab keine Antwort. Sein Auge vermied das ihre und blieb zu Boden gesenkt.
Wie blaß er war, blaß bis in die Lippen! Und an ihrem Arm fühlte sie jetzt das Zittern des seinen. Da durchfuhr sie’s plötzlich wie eine Erkenntnis, wie ein Schrecken – daß sie das nicht längst gesehen, nicht längst gemerkt!
»Bis du bang, Peter?« stieß sie heraus, ließ seinen Arm fahren und hob ihm mit bebender Hand das Kinn in die Höhe. »Du bis ja bang!«
»Ja, ja!« Er schrie es jäh heraus mit erstickter Stimme, und, an ihr niedergleitend, warf er sich auf die Kniee, schlang beide Arme um ihren Leib und drückte den behelmten Kopf an ihre Brust.
Sie stand ganz still, wie gelähmt, und auch er blieb still.
Ein Vogel tirilierte im Rosenbusch; über’s Hausdach herüber, jenseits von der Kaserne, kam jetzt ein Ton, ein Trompetenstoß. Da murmelte er und drückte seinen Kopf fester an:
»O wie jräßlich, wie jräßlich! Ich seh’ immer den Onkel vor mir mit seinem einen Bein – huh!« Ein Grausen rüttelte ihn. »Oder sterben müssen, so jung – einundzwanzig Jahr! Och, und ich hab’ mich doch e so jefreut – all meine Plän’ – all, wat ich jewollt hab’ – nix wird nu draus!« Er hob den Kopf und sah sich mit einem verzweifelten Blick um. »Wie blau is der Himmel – wie lacht die Sonn’! Hörst du den Vogel, Mutter? De is verjnügt! Un ich – warum muß ich in den Krieg? Wat hab’ ich dann verbrochen?«
»Verbrochen? Du? Nix,« sagte sie laut. »Et is ja auch kein Straf’, in den Krieg zu ziehn, ne, en Ehr’, en Ehr’!« Eine brennende Röte stieg ihr in das blasse Gesicht. »Steh auf,« sagte sie fast heftig und zerrte ihn empor. »Schäm dich! Wat fällt dich ein? Wo tausend junge Leut’ sich auf freuen, da willst du dich vor fürchten?!«
»Sie freuen sich ja jar nit,« murmelte er, »sie schreien ja nur hurra!«
»O doch! Diesmal doch! Diesmal freuen sie sich. Sie sind stolz drauf. Jung« – sie faßte ihn bei beiden Schultern und rüttelte ihn – »wat is dich? Besinn dich doch! Och, wenn dein Jroßvater noch am Leben wär’, de würd’ dir wohl sagen, wat Ehr’ is! Un diesmal kämpft ihr ja nit bloß allein für den König, ne, für jeden Bürjersmann, für jede Bürjersfrau – wir wollen nit französisch werden! Ich müßt’ dich ja verachten, wenn de dich fürchten thätst. Ich sag’ dir, kriechste im Jraben, wenn die Kugeln pfeifen, dann« – sie reckte sich hoch auf, ihre Stimme wurde hart – »dann kannste ruhig en Haus weiter jehn!«
Er sah sie starr an, seine Augen füllten sich mit Thränen.
»Du bis hart, Mutter,« sagte er. Und dann weinte er laut heraus: »Un wenn se mich totschießen, wat dann? Aber du has mich ja nit lieb – laß se mich nur totschießen« – in Trotz und Angst brach seine Stimme – »totschießen, mir is’t ejal!«
»Dummer Jung’!« Ihr Ton war nicht mehr hart; so hatte sie oft zu ihm gesprochen in besseren Stunden: »Dummer Jung’!«
Er hörte es und faßte krampfhaft nach ihren beiden Händen – sie hatte ihn ja doch lieb!
»Mutter, Mutter!«
»Bis still, Peterken, bis still! Die Angst jeht vorbei, dat is nur heut morjen so, du has zu wenig Schlaf jekriegt, und du bis noch nit dran jewohnt. Lieber Sohn,« – sie faltete ihre Hände um die seinen und drückte sie so an ihr Herz – »sie schießen dich ja nit tot, jlaub’ mir, sie schießen dich nit tot. Ich bin en Witfrau, un du bis mein Ältester, mein« – es kam ihr etwas in die Kehle, aber sie schluckte es herunter – »sie schießen dich nit tot! Du kömmst wieder!«
War sie des so sicher oder that sie nur so? Er sah sie an und wurde aus ihrem Gesicht nicht klug, es trug einen Ausdruck, den er bisher nicht an ihr gekannt. In ihren Augen standen Thränen, aber sie lächelte, wirklich, sie konnte lächeln! Und sie fand Worte, wie sie bisher nie gefunden. Wenn er sein ganzes Leben zurückdachte, so hatte sie noch nie zu ihm gesprochen. Das war ein Beschwören und ein Bitten zugleich.
Ihre Augen leuchteten tief in die seinen, als wollten sie ihm bis in’s Herz dringen. Was der Vater sie einst gelehrt, das gab sie jetzt dem Sohn mit auf den Weg:
›Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!‹
Sie gingen um die kleine Bleiche herum, immer rund herum und Hand in Hand, und er klagte ihr ohne Rückhalt, ja, er schämte sich jetzt selber, daß er sich fürchtete; aber wenn er’s bedachte, er fürchtete sich ja nicht seiner selbst wegen.
»Mutter, Mutter, all mein’ Hoffnungen!«
Sie wunderte sich, daß er nicht zärtlicher war.
»Ich kann nit,« seufzte er, »wahrhaftijens Jott, ich kann nit. Weißte, dat Bild, von dem ich dir erzählt hab’, ›Der letzte Tag eines Verurteilten‹? De kümmert sich auch nit mehr um Weib und Kind. So is et mir. Ich muß sterben, ich komm’ nie wieder!«
Sie sagte jetzt nicht mehr: ›du kömmst wieder‹, aber sie reckte sich noch straffer auf in ihrer ganzen stattlichen Größe, und ihr Blick richtete sich zum strahlenden Morgenhimmel.
Es war wie ein stummes Beten.
»Un nu jeh,« sagte sie.
Von der Straße her tönte Lärm in den stillen Garten und erschreckte den tirilierenden Vogel; die ganze Kaserne schien in Alarm geraten, es trommelte und pfiff und blies. Der Hornist lockte zum Sammeln.
»Jeh, jeh,« drängte sie, »’t is Zeit, jeh, jeh!«
Der betaute Rosenbusch streifte schwer und kühl ihren Ärmel, da riß sie hastig die schönste Rose ab.
»Komm her, Peterken! Mein Jung’, laß dich noch ens schmücken!«
Und er beugte das Knie und ließ sich die Rose an den Helm stecken. – – –
Drüben auf der andern Seite, auf Bahnhof Oberkassel, sollten die ausrückenden Truppen in Extrazüge verladen werden; ganz Düsseldorf gab ihnen das Geleit.
Peter marschierte am Haus der Mutter vorbei, den gerollten Mantel über der Brust, den Tornister hinten auf, mit Stiefeln und Kochgeschirr; Gewehr über, Brotbeutel und Feldflasche und Faschinenmesser an der Seite. Da stand sie unter der Thür. Und ehe er sich’s versah war sie auf ihn zugesprungen und hatte ihm einen Zettel in die Hand gedrückt: »Nimm dat! Adjüs, Peter, adjüs!«
Und alle Nachbarn winkten:
»Adjüs, Peter, adjüs!« –
An der festlich beflaggten Rheinbrücke hatten sich der Ferdinand und der Fritz aufgestellt. Das Stelzbein des Invaliden verschaffte ihnen überall einen Platz ganz vorne an. So konnten sie nachher der Mutter genau berichten. Alle Behörden waren zugegen, der Oberbürgermeister an der Spitze; jenseits der Brücke hielt der Divisionskommandeur, Generalleutnant von Kameke; Böller knallten zu beiden Ufern des Rheins, und brausendes Hurrageschrei übertönte jeden klagenden Abschiedsruf. Die Regimentsmusik spielte, und tausende von wehenden Taschentüchern winkten den scheidenden Helden Lebewohl.
Der Invalide war ganz außer sich vor Aufregung: ja die, die wurden gefeiert, als hätten sie schon hundert Siege erfochten! Wer dachte noch derer von Sechsundsechzig?! Und wenn die hier wiederkamen, blessiert aus der Schlacht, dann brauchten sie sich nicht zu grämen, für sie würde der Staat Geld genug haben und die Bürgerschaft auch. Die brauchten sich nicht in den Ecken herumzudrücken und zu Tisch zu sitzen um Gottes willen. Der Neid fraß ihm am Herzen. Ä, dies lumpige Sechsundsechzig! Kein Hahn krähte mehr danach, und wenn man dran dachte, geschah’s fast wie mit Beschämung; Bayern und Hessen und Hannoveraner, die waren jetzt gute Freunde. Ach, daß er seine gesunden Glieder noch hätte, ach, daß er jetzt mitziehen könnte in diesen Kampf, den Deutschland ausfocht, ja, das ganze Deutschland! Er hätte weinen mögen.
Unweit des Bahnhofs, im nächsten Wirtshaus, setzte er sich fest und betäubte seinen Schmerz und Groll. Den Kleinen ließ er allein nach Hause laufen.
Josefine wußte nicht, wie ihr der Vormittag hingegangen, auch nicht, wie der Nachmittag; alle Vorräte im Lädchen waren durcheinandergewühlt, sie mußte nachsehen und aufräumen.
Aber am Abend, am Abend da kam ihr das Leid. Weinend warf sie sich vor ihres Peter Bett auf die Kniee und küßte das Kissen, darauf sein Kopf geruht. So lag sie lange, und dann stand sie am Fenster und starrte hinüber zur Kaserne. Wie verödet die war! Kein Licht hinter den Fenstern, nur die Sterne standen über’m Dach und funkelten darauf nieder mit grausamer Klarheit. Leer, leer – all die guten Jungen fort! Ob sie je wiederkamen?! ›Se schießen dich nit tot,‹ hatte sie dem zagenden Sohn gesagt, ›du kömmst wieder!‹ O, mein Gott! Jetzt rang sie die Hände empor zum nächtlichen Himmel in tödlicher Ungewißheit.
* * * * *
War die Garnison auch ausgerückt, die Stadt kam darum doch nicht zur Ruhe, und das war auch gut. Noch strömte es immer mit frischen Kräften zur Grenze; es schien, als zöge Deutschlands ganze Waffenmacht an Düsseldorf vorbei. Draußen auf der Wasserstation, weit vor der Stadt, passierten Truppenzüge Tag und Nacht. Patriotische Lieder aus vollem Halse singend, hingen die jungen Burschen mit halbem Leib zu den Waggonfenstern heraus; sie schmetterten mit allem Jugendeifer: Hurra, Hurra! Wie lange noch, und statt des munteren Singens würde man Stöhnen hören, und statt der lachenden Gesichter, der winkenden Arme, die nach Biergläsern und Butterbroten zappelten, Wunden sehen, bleiche Gestalten auf Bahren heben, die nichts mehr verlangten, als einen stillen Unterschlupf, ein Bett zum Ruhen, vielleicht auch zum Sterben.
Jetzt galt es, Lazarette zu rüsten.
Herr Schnakenberg war ungemein thätig. Er war zwar erst in der letzten Nacht vor’m Ausrücken der Garnison, in einen Militärtransport eingepfercht, verschmutzt und verschmachtet, von Karlsbad angekommen – zwei Tage und zwei Nächte hatte die Reise gedauert –, jetzt aber holte er nach, was er bislang versäumt. Diese strapaziöseste Tour seines Lebens kam auch noch auf Conto der Franzosen, die wollte er ihnen eingedenk bleiben. Er that alles, um sich an ihnen zu rächen. Tagelang konnte man ihn auf der Wasserstation geschäftig hin und her rennen und den durchpassierenden Vaterlandsverteidigern Cigarren in die ausgestreckten Hände stecken sehen – feine Marke, keine Liebescigarren! – und kleine Heftchen: ›Vorwärts! Auf nach Paris! Drei Krieglieder für deutsche Soldaten von Emil Rittershaus,‹ und Flaschen mit Cognac und Magenbitter und wollene Leibbinden gegen die Diarrhöe. Nichts war ihm zu teuer. Auch bei so und so viel Komitees war er im Vorstand, unter keinem Aufruf fehlte sein Name. Er hatte ja keine Kinder, wozu sollte er sparen? Die da auszogen für’s Vaterland waren alle, alle seine lieben Söhne.
So wie Herr Schnakenberg thaten viele in Düsseldorf; man war dort nie knauserig gewesen, jetzt wurde man fast verschwenderisch. War es doch auch, als ob alles Geld sich verdoppele, zwei Thaler hatten sonst nicht weiter gelangt, als jetzt einer; es ruhte ein Segen darauf.
Und es war auch, als ob die Häuser weiter würden, die Räume größer. Wie hätte man sonst so viel Betten aufschlagen können?
Die Nönnchen krochen in die engsten Winkel zusammen und überließen ihr Refektorium und ihren Betsaal. Die Schwestern vom heiligen Franziskus, die von Mariahilf, die Kreuzschwestern, die Karmeliterinnen, selbst die armen Dienstmägde Christi im Klösterchen zu Bilk stellten ihre Kräfte und alles, was sie sonst noch besaßen, zur Verfügung. Das neue Marienhospital wurde rasch eingeweiht. Im evangelischen Krankenhaus wußten die Diakonissen nicht, wo ihnen der Kopf stand, so viel hatten sie herzurichten; aber zwei Hände wurden zu zwanzig.
Und die Kaserne, die alte Kaserne mit ihren engen Blocks, dem niedrigen Offizierskasino und den verräucherten Kantinen wurde zum größten Lazarett. Da wurde gekehrt und gescheuert, frisch gekalkt und gestrichen, geräuchert und mit Karbol gespritzt. Auf dem Exerzierplatz wurden Baracken gebaut.
Josefine sah stündlich hinüber: wie sie sich da beeilten und schafften! Bald würden die ersten Verwundeten kommen. Das Herz krampfte sich ihr jetzt oft zusammen in einem jähen Schmerz, und doch hatte sie gute Nachricht von ihrem Peter. Dreimal hatte er ihr schon geschrieben, freilich nur Feldpostkarten mit Bleistift, aber sie sah doch seine schöne, deutliche Handschrift, und sie fühlte es aus jeder Zeile heraus, aus jedem Wort: er war ruhig. Sein Bataillon marschierte jetzt durch die Eifel auf Trier; er schrieb kaum was vom Krieg, die blühende Heide oben auf dem hohen Venn, die wunderbaren Sonnen-Auf- und Niedergänge entzückten ihn. Auch daß er nicht marode geworden sei beim glühenden Brand des Tages, wie so manch andrer, schrieb er, und daß er sich nicht die Füße durchgelaufen habe, sondern daß er gut marschiere in den wollenen Strümpfen, die sie ihm gestrickt, und in den neuen Stiefeln, die sie ihm beim Schuster Einbrodt hatte machen lassen. Ja, er war ganz ruhig – Gott sei Dank! Aber sie, sie war es nicht mehr.
Im Lädchen war kaum etwas zu thun; ruhelos irrte sie umher, hierhin, dorthin, vom Gärtchen bis zum Speicher – da oben stand noch ihr Bild, versteckt in der Bodenkammer. Sie zog es aus der Kiste und kauerte sich davor nieder. Es lachte sie an – aber da, da der Zug zwischen den Augenbrauen – ›der deut’t an, dat se mal Leid kriegt‹ –, nein, sie konnte es nicht mehr ansehen! Mit bebenden Händen, zitternd warf sie das Bild in die Kiste zurück. Nein, so konnte sie’s nicht mehr aushalten! Sie schrieb Briefe auf Briefe an ihr Kind – wann und wo würden die ihn erreichen?! Es genügte ihr nicht; wie nur konnte er fühlen, daß sie ihn umgab mit ihrer Liebe, mit ihren Wünschen, mit ihren Gebeten zu jeder Stunde, zu jeder Minute?
Nur was thun, was thun!
Wie eine Erlösung kam ihr der Gedanke, daß sie sich anbieten könne, wie so viele Frauen und Mädchen thaten, Kranke und Verwundete zu pflegen. Der Ferdinand hatte ihr ja gesagt, um’s Geschäft brauche sie sich keine Sorge zu machen, er wolle schon für den Rummel einstehen; und dann war doch auch noch der Fritz da und der sagte: »Mutter, du kannst ruhig jehn, ich pass’ schon auf!«
So lief sie hinüber in die Kaserne. Der alte Oberstleutnant, der, längst zur Disposition gestellt, nun noch einmal in Aktion getreten war, freudig die Lazarettverwaltung übernommen und schneidig, wie ein Junger, kommandierte, sah sie unter seinen weißen Brauen hervor freundlich an. Ja, die hier taugte ihm, die war besser, als die enthusiasmierten Damen, die ihm beinahe das Bureau einliefen!
Josefine nannte ihm ihren Mädchennamen. Rinke – Rinke – ja, ja, da entsann er sich. Soldatenblut, das war hier am Platz! Und er teilte ihr das größte Revier zu: Hof I mit all seinen Blocks und der früheren Feldwebelwohnung, und das Offizierskasino noch dazu.
Als er ihr dann die Hand gab, sah er ihr forschend in’s Gesicht:
»Sie haben einen Sohn dabei, Frau Conradi?«
»Jawohl, Herr Oberstleutnant.«
»Und ich ihrer drei,« sagte er, und es zuckte um seinen buschigen Schnurrbart. –
Kranke waren schon eingetroffen, Schwache, die auf den Eilmärschen zusammengebrochen; Mariahilf hatte sie aufgenommen. Aber noch harrte man der Verwundeten.
Wie ein dunkler Vorhang hing’s der Stadt vor den Augen – wer lüftete ihn?! Man hörte nichts von denen da draußen. Von einem Geplänkel an der Grenze, von einem Treffen bei Saarbrücken wurde gemunkelt. Aber wer war dabei gewesen, und war’s glücklich oder unglücklich ausgefallen?! Vermutungen sprachen sich von Mund zu Mund; kein Gerücht schien so unmöglich, daß es nicht kolportiert worden wäre. In einer qualvollen Ungewißheit verstrichen so die ersten Augusttage.
Da plötzlich ein Extrablatt, in Riesenlettern war’s angeschlagen – daß die Mauern nicht einfielen, die Bäume nicht umstürzten, die es trugen, dies:
›=Glänzender aber blutiger Sieg der kronprinzlichen Armee bei Weißenburg.=‹
Und kaum hatte man sich von dem Donnerschlag, der herrlich und furchtbar zugleich die Spannung löste, in etwas erholt, ein zweiter Donner:
›=Siegreiche Schlacht bei Wörth.=‹
Ein gellender Schrei stieg gen Himmel: Sieg, Sieg! Wer fragte vorerst nach Verlusten? Man las nichts von ›blutig‹, nur Sieg, Sieg! In hellem Jubel stürmte das Volk durch die Straßen; stolze Freudenfeuer, in jedem Herzen, in jedem Auge entzündet, lohten empor: Sieg, Sieg!
Die Zeitungsexpeditionen wurden gestürmt; sie mußten ihre Thüren und Fenster verrammeln. Man wollte mehr wissen, man forderte gierig sein Teil am Geschehenen: Wieviel Franzosen tot? Wieviel gefangen? Wieviel Kanonen erbeutet? Hat der Feind nun genug gekriegt?!
Die Nacht vom sechsten auf den siebenten August wurde ein vielstündiges Freudenfest; wer hätte an schlafen gedacht? Sieg, Sieg – das prickelte wie Champagner. Wer konnte noch bange sein, wenn Freudenschüsse es dröhnten, wenn alle Glocken es sangen: Sieg, Sieg!
›Deutschland, dein Sonnentag erscheint!‹ rief der begeisterte Dichter Rittershaus. Fürwahr, ein Sonnentag schien angebrochen, schon schimmerte der Rhein golden, die Krone, die versunkene, hob sich von seinem Grund strahlend zum Tageslicht.
Zwei große Schlachten gewonnen! Wahrhaftig, der seltsame Mann, der noch immer predigte: ›_Maran atha_ – kommt, der Herr ist nahe! Hört ihr den Donner, er kündet die nahe Wiederkunft des Herrn Herrn!‹ hatte recht – das jüngste Gericht brach an über die Franzosen.
Sieg, Sieg! Josefine wurde mit fortgerissen vom allgemeinen Jubel; auch sie war im Rausch. Ein unbeschreiblicher Enthusiasmus hatte auch sie ergriffen. Mit flatternden Röcken lief sie über die Straße, mit hochgeröteten Wangen und blitzenden Augen; sie konnte es nicht genug hören, es nicht genug selber künden:
»Sieg!«
Sie konnte nicht stillsitzen, wie ein flüssiges Feuer lief es ihr durch die Adern – Sieg! Wie würde der alte König sich freuen! Der würde jetzt noch mehr von Herzen lächeln wie damals! Er grüßte das Vaterland mit segnender Hand, und das Vaterland grüßte ihn wieder mit erhobenem Schwert: Sieg, Sieg!
Josefine war stolz, auch ihr Sohn trug ein Schwert. Nur nachts in stiller Stunde wollte ihr Herz bangen: wo war er? Zuletzt hatte sie aus dem Biwak an der Saar einen Brief bekommen – sie trug ihn stets mit sich herum – so einen lieben, verständigen, zärtlichen Brief:
›Es geht mir sehr gut. Viele Küsse an Dich und meinen Bruder, auch an Onkel Friedrich und Onkel Ferdinand‹
›aber wohin wir marschieren wissen wir nicht,‹ das stand auch darin. Wenn =er’s= nicht wußte, wie sollte sie’s dann wissen?! Wo war er, wo war er?! Eine unbezwingliche Angst ergriff sie plötzlich, eine Pein, keiner gleich, die sie je empfunden. Mitten in den Freudentaumel hinein, der gar nicht enden zu wollen schien, hätte sie schreien mögen: ›Peter, wo bist du, Peter, Peter?!‹
War er am Ende bei dem Gefecht gewesen, das in diesen Tagen bei Spicheren stattgefunden? Es war eine Depesche gekommen, nach der am sechsten August dort ein Treffen gewesen sein sollte, aber näheres war noch nicht bekannt; die siegreiche Schlacht am selben Tage bei Wörth verschlang vorderhand alles andre. Spicheren – Spicheren – ein komischer Name, ein häßlicher Name! Wo lag Spicheren? Josefine fragte ihren Jüngsten, der wußte es auch nicht, aber er brachte seinen Schulatlas, und da saßen sie, Wange an Wange gedrückt, die Köpfe gebeugt, und suchten Spicheren und fanden es nicht.
»Weißte,« sagte Fritz zuletzt ganz enttäuscht, – er hatte gehofft, der Mutter mit seiner Weisheit dienen zu können, – »ich jeh’ nach de Expedition vom Blättchen, da hängt en Spezialkart’ vom Kriegsschauplatz, da will ich ens kucken!« Und er lief eilfertig.
Als er wiederkam, wartete die Mutter schon vor der Hausthür. Aber als er außer Atem schrie: »Spicheren, dat is nur en Dorf, – Spicherer Berg steht auf der Kart’ mit enem Sternchen derbei, – nit weit von Saarbrücken,« wankten ihr die Kniee. Von der Saar, von der Saar hatte der Peter ja zuletzt geschrieben, und nahe bei Saarbrücken war nun die Schlacht gewesen! Lieber Gott, nur eine Nachricht von ihm, einen Satz, eine Zeile, ein einziges Wort!
Es war ein Glück, daß jetzt die ersten Verwundeten kamen. Die Eisenbahn hatte welche gebracht, und auch auf dem Rhein waren vier Schiffe angekommen, vollgepfropft, Mann bei Mann; die ersten Franzosen, Offiziere, Zuaven, Turkos darunter. Halb Düsseldorf drängte sich an der Landungsbrücke und am Zollthor.
Ha, da waren sie ja, die Franzosen, die Spitzbuben, die Erzkujone!
Ein erregtes Gemurr summte, ein unterdrücktes Räsonnieren und Schimpfen. Knaben, die auf die Laternenpfähle geklettert waren und an den Simsen der Häuser hingen, streckten lang die Zunge heraus: ›Franzos’, Franzos’, rote Hos’!‹ Aber als nun die Schwarzen passierten, Kerle, wie mit Stiefelwichse beschmiert, die langen Leiber in schmutzig-weiße Burnusse gewickelt, mit den Zähnen klappernd unter dem heute trübverhangenen Himmel, da wurde die Empörung ganz laut.
»Wie se de Zähn’ fletschen! Un so en Biester hat de Napoleon auf unsre Junges jehetzt?!«
Ja, nun glaubte man’s, was man wie ein Märchen angehört: daß diese braunen Teufel schreckliche Schandthaten an Verwundeten und Toten verübt, ihnen die Augen ausgestochen, die Finger abgehackt hatten, um so manchem treuen Landwehrmann den Ehering von der im Todeskampf zusammengekrallten Hand zu ziehen.
»Schlagt se tot, die Schweinhund’!«
Es war gut, daß Polizei aufgeboten war, und daß die den Transport geleitenden Unteroffiziere die Waffe blank trugen.
Und gar per Droschke wurden noch die meisten transportiert, konnten die Kerle nicht bis zur Kaserne laufen?! Die Erbitterung wuchs und wuchs, um plötzlich einem langgezogenen, zitternden ›Ah –!‹ Platz zu machen. Man wich zurück und stellte sich doch auf die Zehen: »St, st! Ein Toter!«
Von vier Männern getragen, schwankte die Bahre, von einer Pferdedecke überspreitet.
O, der Arme war auf dem Transport, eben vor der Ankunft, gestorben! War’s ein Deutscher, ein Franzose?! Man wußte es nicht. Man sah nichts von ihm, nur eine kräftige junge Hand hing schlapp an der Seite unter der Decke vor. Der jähe Tod hatte dieser jungen, kräftigen Hand nichts anhaben können, sie war noch mannhaft und muskulös; nur gebleicht war sie, wie weißes Wachs.
Eine plötzliche Beklemmung war über die Zuschauer gekommen, und als ein Gassenjunge noch kreischte: ›Franzos’, Franzos’,‹ da zog ihn ein ehrsamer Bürger am Schlaffitchen vom Laternenpfahl herunter und gab ihm einen tüchtigen hinten vor.
Im tiefsten Schweigen setzte der Zug seinen Weg fort. Still, still! Immer neue kamen vom Rhein herauf, Wagen, Bahren und mühsam Daherschreitende. Der, mit dem umwickelten Kopf, sich taumelnd auf den stützend, der den Arm in der Binde trägt. Alles durcheinander, preußische, bayrische und französische Uniformen – Arme, Elende, Beladene. Leichtverwundete, Schwerverwundete, aber alle todesmatt, seufzend, in Schmerzen ächzend. –
Die Kasernenbetten waren rasch belegt, die pflegenden Nonnen huschten auf leisen Sohlen hin und her, die gehetzten Ärzte reinigten ihre Sonden und griffen nach neuem Verbandzeug. Und auch Josefine lief der Schweiß vom Gesicht. Mit ihren starken Armen hatte sie manchen helfen in’s Bett heben, manch bleicher Kopf hatte an ihrer Brust geruht, während Arzt und Nonne den wunden Leib verbanden.
Helfen, helfen – an etwas andres hatte sie gar nicht denken können den ganzen Tag. Und die Nacht schlief sie zum erstenmal, seitdem der Peter ausgerückt, wieder ganz ruhig, so recht sanft, wie ein müder, von seinem Tagewerk befriedigter Mensch. Keiner jener wirren Träume, die sie so oft gequält, kam ihr; ihr Jüngster mußte sie am Morgen rütteln, sonst wäre sie gar nicht aufgewacht.
Das pausbäckige Knabengesicht war heute etwas blaß, es sah ängstlich und neugierig zugleich aus; auch der Invalide ging um die Schwester herum mit einem merkwürdig betroffenen Gesicht und einem etwas verlegenen Lächeln, er bemühte sich, besonders forsch zu sein, aber es mißlang. Doch Josefine merkte von alledem nichts, sie eilte nur, daß sie hinüberkam in ihre Kaserne. Dort fand sie gleich alle Hände voll zu thun; so hörte sie nichts von dem, was beängstigend durch alle Straßen lief, was bald wie ein hellloderndes Schadenfeuer den Leuten über den Köpfen zusammenschlug.
Endlich nähere Nachricht über Spicheren!
›=Furchtbarer Kampf, von größeren Dimensionen als nur geahnt. Starke Verluste, neununddreißiger Füsiliere im Feuer.=‹
»Unsre Neununddreißiger, unsre braven Füsiliere!« Ein plötzlicher Schreck lähmte die Herzen, die noch eben in Siegesfreude hoch geschlagen. Das bei Spicheren war auch ein Sieg gewesen, aber niemand jubelte darüber. Wie eine Ahnung schweren Leides zog es durch die Stadt. Ach, wer hatte nicht einen Vater, einen Sohn, einen Bruder, einen Freund, einen Liebsten dabei?! Spicheren, Spicheren, – dies Wort bohrte sich ein, mitten in’s Herz, spitz wie eine Nadel.
Wer war verwundet?
Viele.
Wer war tot?
Viele.
Blasse Gesichter sahen sich an. Auf den Straßen, an allen Ecken standen Leute in Trüppchen bei einander und flüsterten bang:
»Haben Sie ene Sohn derbei?«
»Och Jeses, ja!«
»Un Sie?«
»Ich auch!«
»Un Sie?«
»Meine Bruder steht bei de Neununddreißiger!«
»Och Jott, och Jott, meine Mann, meine Mann!« Eine weinende junge Frau kam herzugestürzt, ihr Kindchen auf dem Arm. »Is et wahr? Is et dann wirklich wahr, sind se all’ tot? O, meine Mann, meine Mann!«
Überall Angst, tödliche Bangigkeit, herzklopfende Erwartung. Was würde die nächste Stunde bringen?!
Noch waren keine Verlustlisten veröffentlicht, man erfuhr ja auch das Schlimme noch früh genug – hoffe noch, wer hoffen kann! Scheu sah einer den andern an: wer würde zuerst in Schwarz gehen?
Das angstvolle Geraune der Stadt war endlich auch bis in die Kaserne gedrungen. ›Spicheren, mörderische Schlacht, Neununddreißiger fast aufgerieben!‹ Die Verwundeten rührten sich ächzend und spitzten die Ohren. Spicheren – da gab’s wieder neue Leidensgefährten.
Spicheren – die Wärter flüsterten es auf den Korridoren, die Nonnen bewegten betend die Lippen, die Ärzte zogen die Brauen erwartungsvoll hoch und sahen nach ihren Instrumenten.
Achtzehn Schiffe mit Verwundeten waren signalisiert, heut abend noch sollten sie eintreffen.
Josefine hatte noch nichts von den Gerüchten gehört. Sie saß am Bett eines Schwerkranken. Das war ein junger, französischer Fahnenträger; vielleicht daß er gerade die Fahne geschwenkt und schreien wollte: ›_vive la France!_‹ als die Granate krepierte, die ihm beide Arme zerschmetterte, und die Kugel geflogen kam, die ihm zur rechten Wange hineinfuhr und zur linken wieder hinaus. Vor wenig Tagen erst war er angekommen, und es hatte Josefine gegraust, als sie zum erstenmal sein nur notdürftig verbundenes, von Blut und Eiter bedecktes Gesicht gesehen. Und ganz seltsam war es ihr geworden, als sie ihn in ihres Vaters Stube fand, fast an derselben Stelle, wo einst dessen Bett gestanden. Auch der hatte hier gelitten.
Sie hatte die Zähne zusammengebissen und war dem Arzt zur Hand gegangen, so flink und so geschickt, daß Schwester Daria, die am Nebenbett Beschäftigte, ihr unter dem schwarzen Nonnenkopftuch hervor, zu dem die roten jungen Wangen und die blanken Augen seltsam standen, zugelächelt.
Auch jetzt lächelte Schwester Daria, als sie zum Bett des Fahnenträgers trat und Josefine die Tasse mit Milch, aus dem diese dem Dürstenden mit Mühe einige Löffelchen einflößte, aus der Hand nahm.
»Gehen Sie nach Haus,« sagte sie sanft. »Sie müssen Mittag essen und auch ein bißchen ruhen.«
»Und Sie, Schwester?«
Die Nonne sah heiter drein:
»O, ich! Ich bin das ja gewöhnt. Und da ist auch ein Jung’ draußen, der fragt nach Ihnen. Ich glaub’, es ist Ihr Sohn.«
»De Fritz? Wat will de?!« Josefine fuhr so hastig empor, daß der Fahnenträger die Augen nach ihr rollte.
»St!« Die Nonne legte ihr die Hand auf die Schulter. »St! Haben Sie schon von Spicheren gehört?«
»Spicheren?« Josefine blickte sie erschreckt an.
»Bei Spicheren ist eine mörderische Schlacht gewesen,« sagte die junge Nonne so sanft, daß ihre Stimme wie ein Hauch das Ohr umschmeichelte. »Aber so einer fällt im Krieg, wird sein Tod ein christlicher Tod sein und die Thür zum ewigen Leben.«
XXVI
Wenn nur die Ungewißheit nicht gewesen wäre! Aber nein, keine Ungewißheit mehr, es war schreckliche Gewißheit. Josefine fühlte es an dem stummen Händedruck, mit dem der Oberstleutnant sie begrüßte, als er ihr auf dem Hof begegnete: er hatte Mitleid mit ihr.
Da waren einige Glückliche, die Nachricht von den Ihren bekommen hatten – sie hatte keine Nachricht von ihrem Sohn.
Nun war der zwölfte August schon herangekommen; wenn Peter noch lebte, hätte er ihr Kunde gethan, das wußte sie ganz genau. So suchte sie ein schwarzes Kleid hervor, sie mochte kein andres tragen. Stumm und starr that sie ihre Pflicht; die Verwundeten folgten ihr mitleidig mit den Blicken, aber wagten nicht, sie zu fragen.
So rastlos war Josefine noch nie umhergegangen, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett; ihre Füße waren dick geschwollen durch die Anstrengung, sie merkte es nicht. Die Nonnen baten: »Ruhen Sie doch!« Aber sie schüttelte stumm verneinend den Kopf. Wie konnte sie ruhen?! Wieder von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett.
Es ging auf den Abend des dreizehnten August, die warme Dämmerung senkte sich bereits auf die Ahornbäume im Kasernenhof; der lag ganz still, nur ein paar Wärter huschten in die Küchen.
Doch jetzt eine laute, klagende Frauenstimme, die bis hinauf zu Josefine drang. Und dann des Oberstleutnants dringendes Zureden:
»Gnädige Frau, hier ist er nicht, ich versichere Sie! Gnädige Frau, beruhigen Sie sich doch! Sie regen sich unnütz auf, er ist nicht hier!«
Zwei ängstliche Mädchenstimmen baten:
»Liebe Mama, hier ist er nicht, du hörst es ja! Mama, komm doch nach Haus, bitte, bitte! Papa wird ja Nachricht schicken! Komm doch, Mama, bitte!«
»Gnädige Frau, wie können Sie nur zweifeln? Wäre er hier, ich müßte es doch wissen!«
»Aber Leute sind doch hier, die mit ihm in der Schlacht waren, Verwundete! Die haben ihn gekannt. Ach, sie müssen ihn ja kennen!« Der laute Klageton wurde noch lauter: »Die will ich fragen!«
»Gnädige Frau, so sehr ich bedaure, der Eintritt ist nicht gestattet – besonders so spät – ich – gnädige Frau bemühen sich vielleicht morgen früh noch einmal –«
»Ich =muß= sie fragen! Gleich, jetzt!«
Josefine zuckte zusammen – das war Verzweiflung! Jetzt hörte sie auch schon eilende Schritte auf der Treppe – da gab’s kein Zurückhalten – die Thür zum ersten Zimmer wurde aufgerissen, fast stürmte eine schlanke Dame herein. Sie schlug den Schleier zurück, und ihre großen, dunklen, wie Irrlichter flackernden Augen fuhren über die Betten hin. Sie sah Josefine.
»Ist hier mein Sohn, mein Eugen?«
»Die gnädige Frau sucht ihren Sohn. Der Leutnant vom Werth war mit bei Spicheren,« sagte der Oberstleutnant erklärend und blinzelte der Pflegerin zu. »Er ist nicht hier, gnädige Frau – darf ich bitten?« Er bot der Dame den Arm, um sie wegzuführen.
Aber sie beachtete es nicht. Wie auf Flügeln eilte sie immer weiter, die Betten entlang, über jedes Lager beugte sie sich; mit einem Laut jammernder Enttäuschung fuhr sie jedesmal zurück, aber sie eilte weiter, weiter, durch alle Stuben, durch den Krankensaal im Offizierskasino, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett.
Den weinenden Töchtern und dem zugleich verwirrt und ärgerlich dreinblickenden Oberstleutnant blieb nichts übrig, als ihr zu folgen.
Auch Josefine folgte, mechanisch, wie hingezogen – die Frau suchte ja ihren Sohn!
Am letzten Bett drehte sich Frau vom Werth um.
»Er ist nicht hier!« schrie sie in einem herzzerreißenden Ton, und dann fiel ihr flackernder Blick auf Josefines schwarzes Kleid.
Auge in Auge sahen sich die beiden Mütter.
»Sie sind in – Trauer?« sagte Frau vom Werth stockend, und im Ausdruck des Entsetzens krampften sich ihre Züge zusammen. »Um – wen?«
»Um meinen Sohn!«
»Um Ihren Sohn?!«
Mit einem Wehlaut fiel die elegante Dame Josefine in die Arme; sie schluchzte herzbrechend:
»Mein Eugen war mit bei Spicheren, wir haben keine Nachricht, mein Mann ist hingereist, er sucht ihn – o, mein Gott, mein Sohn!«
Josefine blieb stumm, aber sie zitterte am ganzen Leib – das war die schöne Frau vom Werth, die reiche Frau vom Werth? Jetzt so arm wie sie! Das war die Cäcilie von Clermont, die einst mit ihr auf der Schulbank gesessen?! Sie suchte und fand keine Ähnlichkeit mehr, alle Schönheit war weggeweint.
»Kennen Sie mich noch?« flüsterte sie traurig. »Ich bin die Josefine Rinke.«
»Rinke – Josefine – Rinke – ah, Fina, Finchen!« Die unglückliche Frau rang die Hände. »Ach Fina, was ist uns geschehen!«
Sie löste sich auf in Thränen. Aber Josefine konnte nicht weinen.
Vergebens hingen sich die Töchter – schöne, schlanke Mädchen – an ihre Mutter. Sie stieß sie von sich: »Mein Eugen, mein Sohn!«
Endlich ließ sich Frau vom Werth von Josefine fortführen; diese leitete sie die Treppe hinunter. Unten im Hof, unter den wispernden Ahornbäumen, unter den Sternen, die blaß heraufzogen, standen sie kummervoll noch wenige Augenblicke zusammen.
»Mein Sohn, mein Eugen!« ächzte Frau vom Werth, als sie, halb ohnmächtig, von ihren Töchtern gestützt, an die wartende Equipage wankte.
Der Oberstleutnant schlug den Schlag zu und wischte sich den Schweiß ab: Gott sei Dank, daß das vorüber! –
Am nächsten Morgen veröffentlichte die Zeitung die, freilich noch längst nicht abgeschlossene, erste offizielle Verlustliste des neununddreißigsten Regiments:
›Tot .... Verwundet .... Vermißt .... Summa ....‹
Die Summa war groß.
Unter den Toten war Füsilier Peter Conradi verzeichnet; unter den Vermißten Sekondeleutnant Eugen vom Werth.
Aber auch der war tot; kurze Zeit darauf stand folgende Anzeige in allen Blättern:
›Den Heldentod für’s Vaterland starb, infolge einer am 6. August im Gefecht bei Spicheren erhaltenen schweren Verwundung, unser einziger, inniggeliebter Sohn =Eugen Ernst August vom Werth=, Sekondeleutnant im Niederrheinischen Füsilierregiment Nr. 39.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen.‹
Herr vom Werth hatte den Sohn gefunden. In einem Lazarett war der gestorben. Der gebeugte Vater hatte seinen Stammhalter unter unsäglichen Mühen mit in die Heimat geschleppt. Ob es wirklich Eugen war? Man hatte den Sarg nicht mehr öffnen dürfen. Aber so hatte die unglückliche Mutter wenigstens nun den schwachen Trost, auf dem Grabe Blumen pflegen und sie mit ihren Thränen begießen zu können.
Wo der Peter begraben lag, das konnte der Mutter niemand sagen. Und wenn sie hingeeilt wäre und hätte mit ihren Nägeln die blutgedüngte Scholle des großen Totenackers aufgerissen – sie hätte ihn nicht gefunden.
»Er ist im ewigen Leben,« sprachen Schwester Eustachia und Schwester Daria, die Mägde Christi, und ihre Oberin, Mutter Clara, die mit Josefine zusammen pflegten.
»Wär’ et dir so lieber, Fina?« tröstete der Invalide und wies auf sein fehlendes Bein.
»Finken, ich reis’ hin,« versicherte Schnakenberg, »so wie et irjend anjeht. Wat de vom Werth kann, kann ich auch. Un wenn ich ihm auch nit mitschlepp’, de Peter, ene schöne Stein laß ich ihm da setzen.«
»Du has noch einen Sohn,« sagte Bruder Friedrich, »verjiß dat nit! Un de wird jroß wachsen in der neuen Zeit – wer mit Thränen sät, wird mit Freud’ ernten!«
Und der Kleine schmiegte sich an sie:
»Mutter, ich bleib’ bei dir!«
Trost, so viel Trost! So viel mitleidsvolle Blicke, so viel teilnehmende Händedrücke – so viel schwarze Kleider, wie sie selbst eins trug, rings umher! Und doch kam in ihr Herz kein Friede. Ihr Sohn tot, von den Franzosen erschossen – gemordet! Ihr schöner, blonder Junge von diesen Bestien! Eine Wut überkam sie gegen die rotbehosten Horden, gegen den Napoleon, der all dies Unglück verschuldet. Auf der Straße sangen die Knaben Spottlieder:
›Was kraucht denn da im Busch herum? Das ist der Herr Napolium –‹
Das that ihr wohl. Und als ein paar französische Offiziere, die, den Arm in der Binde, spazierten, von der Straßenjugend belästigt und beschimpft wurden, hätte sie sich auch bücken und einen Stein aufraffen mögen. ›Was wollt ihr hier, ihr Räuber, ihr Mörder – Brot, Obdach, Pflege?! Krepiert! Gebt mir meinen Sohn wieder, meinen Peter!‹ Sie fühlte einen wilden Haß in sich, eine brennende Wut. Alles in ihr empörte sich, wenn sie sah, daß es Leute gab, die verwundete Franzosen, besonders Offiziere, in ihre spezielle Obhut und Privatpflege nahmen. Sie stimmte lebhaft denen bei, die darüber murrten; mußten nicht die Franzosen warten, zurückstehen, bis erst alle, alle Deutsche versorgt waren?!
Und es kamen deren so viele: Preußen, Bayern, Sachsen, Hessen, Württemberger, Hannoveraner, und so manch’ rheinischer Jung’! Man hatte geglaubt, unendlich viele Betten zur Verfügung zu haben, aber immer waren es deren noch nicht genug; aus dem Arresthaus wurden Arrestanten zum Exerzierplatz geführt, um dort schnell Matratzen fertigen zu helfen. Allerorten sammelte man Geld, Kleidungsstücke, Lebensmittel. Die reichen Hammer Bauern fuhren ganze Wagen voll Gemüse und Kartoffeln bei der Kaserne vor, und auch vom Wochenmarkt kam ein hochbepackter Karren an, zu dem selbst das ärmste Bäuerchen von den Eiern seiner wenigen Hühner, von der Butter seiner einzigen Kuh beigesteuert. Es galt alle die langsam der Genesung Entgegengehenden zu kräftigen, und alle die rasch dem Tod Verfallenden noch zu erquicken.
Täglich ging Josefine zur Mutter Brenzen, der Apfelkönigin, die das schönste Obst der Stadt vor Konditor Geislers Thür feil bot. Da thronte die Alte, die Füße auf dem Stovechen, Winter und Sommer in’s gleiche graue Umschlagetuch gehüllt, den mit schwarzen Bartstoppeln reichlich umsetzten Mund brummig geschlossen. Sie war berüchtigt grob. Aber jetzt lächelte sie und zeigte ihren einzigen Stockzahn: »Für Euer’ Kranken? Da!« Und sie legte noch drei extragroße, herrliche Trauben auf das Pfund obenauf und steckte ein paar Handvoll der erlesensten Spalierbirnen in Josefines Ledertasche. »Nehmt et nur, freut mich, wann ’t de Junges schmeckt – bis morjen!«
Manchem im Wundfieber Durstenden that so die alte Brenzen wohl. Die Augen der Kranken leuchteten auf, wenn Josefine mit den Früchten kam; besonders die Augen der Franzosen glänzten: Ah, Früchte, Früchte! Fast so schön wie zu Hause in Frankreich! Aber Josefine ging an den Feinden vorbei; für alle hatte sie nicht genug.
Mit dem französischen Fahnenträger in der Feldwebelstube ging es schlecht; beide zerschmetterten Arme hatte man ihm amputiert, und seine Schußwunde durch die Backe drohte brandig zu werden. Grausam entstellt, lag er regungslos; er klagte nicht, er konnte ja nichts sagen, nur seine Augen sprachen aus dem verschwollenen Gesicht und folgten sehnsüchtig der Traube, die Josefine täglich seinem Nebenmann reichte. Sie hatte sich wenig mehr um ihn gekümmert und seine Pflege fast ganz den Nonnen überlassen – wozu sollte sie ihr längst vergessenes Französisch wieder hervorholen?!
Heut kam die Nonne gelaufen: »Ach, Frau Conradi, haben Sie keine Traube mehr? Ich glaube, der Franzos’ möchte gern eine; er sah Ihnen so nach, die Thränen kamen ihm in die Augen.«
Josefine hatte nur noch eine Traube, und diese letzte war für einen andern bestimmt.
»Er wird bald sterben,« setzte die Nonne hinzu.
Da ging Josefine und holte die Traube, zögernd, fast widerwillig. Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Gier sah ihr der Franzose entgegen und bewegte die trockenen Lippen:
»_Des rai – des rai –!_«
Das war nur ein unartikuliertes Stammeln, mehr ein Wunsch als ein Wort. Eine große, saftige Beere drückte Josefine ihm in den mühsam ein wenig geöffneten Mund; und so fort, alle Beeren, bis die Traube nur noch ein leeres Gerippe war. Mit einem Seufzer und einem gehauchten ›_merci!_‹ schloß er die Augen.
»Der arme Junge,« sagte Schwester Daria, »wer weiß, zu Haus hat er vielleicht einen Weingarten gehabt!«
Arm, ja, aber es gab doch noch mehr arme Jungen! Josefine hätte ihm am liebsten kein Mitleid gegönnt, und doch ging sie nun morgens und abends zu ihm und erquickte ihn mit dem Saft einer Traube. Das war fast das einzige, was er zu sich nahm. Er wartete schon immer, er lauerte darauf, das merkte sie wohl. Aber sie sprach nie zu ihm, das konnte sie nicht über sich gewinnen. Ihr Peter, ihr Peter! – Sein blutiger Schatten reckte sich auf zwischen ihr und diesem da.
Am dritten Abend gab sie dem Fahnenträger wieder seine Traube, da sah er sie an, so bittend, so herzbeweglich, so über alle Maßen traurig, daß sie sich über ihn neigte. Zum ersten Male erwiderte sie seinen Blick.
Und sein Auge schweifte von ihrem schmerzversteinerten Gesicht hinunter über ihr schwarzes Trauerkleid; mit großer Willensanstrengung hob er ein wenig den Kopf und nickte:
»_Pau–vre mère!_«
Was, was hatte er gesagt?! Sie saß wie erstarrt, ganz erschrocken. Meinte er sie, oder dachte er an seine Mutter?! Sie wußte es nicht, es war auch gleich. Arme Mutter – arme Mutter – da sprang ihr plötzlich etwas wie ein Reifen vom Herzen, und lang entbehrte, heftige Thränen stürzten ihr jäh aus den Augen und blendeten ihren Blick.
Das war nicht mehr der feindliche Fahnenträger, ein verhaßtes, französisches Gesicht – das war nur ein Sohn, auch einer Mutter lieber Sohn! _Pauvre mère_ – das hatte sie getroffen in innerster Seele.
Mühsam ihr Schluchzen bezwingend, blieb sie an seinem Bett sitzen noch bis gegen Mitternacht. Sie sah, es ging zu Ende. Die Stunden schlichen, das Lämpchen an der Wand brannte trübselig, als wollte es erlöschen, matte Fliegen kreisten langsam oben an der getünchten Decke. Sie hatte ihr Taschentuch gezogen und wischte ihm ab und zu den Schweiß von der Stirn; dann öffnete er jedesmal die Augen und sah sie an.
»_Ma–man!_«
Es war nur ein Hauch. Sie fröstelte und zitterte und weinte.
Endlich mußte sie doch gehen, die Nonne, die die Nachtwache hatte, kam und trieb sie fort. Langsam schritt sie über den Kasernenhof heim; kaum konnte sie voran, so schwer trug sie – aller Mütter Leid lag ja auf ihr.
Die Ahornbäume rauschten einen Trauerchor. Als sie das schwere Kasernenthor öffnete, gähnte die Straße dunkel wie ein Grab. Verstummt die Vaterlands- und Siegeslieder, nur der Nachtwind wimmerte um die Ecken eine klägliche Melodie. Es klang wie weinen.
Als sie am nächsten Morgen mit dem frühesten ihre Traube in die Kaserne brachte, war der junge französische Fahnenträger tot. Er war einer der ersten, der draußen an der Duisburger Chaussee auf dem erweiterten Kirchhof begraben wurde.
Und andre folgten ihm nach.
* * * * *
Der große Sieg bei Mars la Tour war errungen. Wieder hatten die Glocken geläutet, Raketen geknattert, der Oberbürgermeister vom Balkon des Rathauses herab ein dreimaliges Hurra auf König und Heer ausgebracht, und wieder hatte Platz für Verwundete not gethan, und die Tonhalle mit ihren Festsälen war zum neuen Lazarett eingerichtet worden, und auch die Maler hatten ihren Malkasten geöffnet.
Und wiederum ein glänzender Sieg: bei Gravelotte! Jubelruf und Klageschrei erklangen zugleich – die braven Neununddreißiger hatten bei Gravelotte wieder heran gemußt, und wenn der Tod auch ihre Reihen nicht niedergemäht wie bei Spicheren, manch einer hatte dran glauben müssen. Der zweiundzwanzigste August brachte sieben Schiffe mit Verwundeten, zwei darunter ganz voll Turkos und Zuaven. Aber die Bürger rannten nicht mehr hin, die Schwarzen anzugaffen; nun hatte man deren genug gesehen, arme Kreaturen, die dankbar waren für einen Trunk und einen Bissen Brot.
In der Kaserne war schon manches Bett leer geworden; manch einer, der darin gelegen, war wieder in’s Feld gerückt, manch andrer auch als kriegsuntüchtig in die Heimat entlassen und mancher an einen ganz stillen Ort verzogen. Nun waren die siebenhundert Betten wieder frisch gefüllt, abgerechnet all die Passanten, die nur einen Tag ausruhten, um dann, frisch verbunden und gelabt, weitergeschafft zu werden.
Wer hatte noch Kraft zum Pflegen?! Alle. Keiner war müde.
Auch Josefine nicht; noch war kein Tag, an dem ihre Füße sie nicht getragen, ihre Arme versagt hätten. Ihr Saal im Kasino lag voll, ihre Blocks auch; und unter allen hatte sie nun zwei alte gute Bekannte zu pflegen: Unteroffizier Schmidt und den jungen Hucklenbruch, den bei Gravelotte die Kugel in die Brust getroffen hatte.
Bett an Bett lagen jetzt die beiden Rivalen, die sich einst gemieden; aber es war nicht der Zufall, der das so gefügt, Schmidt hatte flehentlich darum gebeten. Waren sie doch beide am selben Tag verwundet worden. Beide hatten sie unsäglich lange Stunden, unweit von einander, auf dem Schlachtfeld geschmachtet, bis es Schmidt gelungen war, auf allen Vieren zu dem schon bewußtlosen Kameraden hinzukriechen und ihm aus der Feldflasche, die er einem toten Tambourmajor aus der starren Hand gewunden, ein paar Tropfen einzuflößen. Dann hatte auch ihn das Bewußtsein verlassen; Seite an Seite waren sie beide hinübergeschlummert in die starre Unendlichkeit, bis sie, doch wieder erwachend, sich im gleichen fliegenden Feldlazarett fanden. Beide wurden sie mit dem gleichen Transport heimwärts geschafft. Und die ganze furchtbare Reise hindurch hatte Schmidt, dem ein kleiner Granatsplitter am Kopf noch lange nicht alle Schneid genommen, den nach Luft ringenden Hucklenbruch, dem der Atem durch ’s Kugelloch in der Lunge pfiff, in halbsitzender Stellung gehalten. Die wenigen Stunden Schlaf hatte der arme Junge an seiner Brust gefunden.
»’ne faule Sache,« flüsterte Schmidt bekümmert Josefine zu, die in halb schmerzlicher, halb freudiger Erregung des Wiedersehens an sein Bett geeilt war, und wies mit dem Blick hinüber nach dem Nebenmann. Der lag, wächsern und still, in seinen Kissen, bis auf’s letzte erschöpft vom Transport, vom Betten, Untersuchen und Verbinden.
Das Herz im Leibe drehte sich Josefine um. Wie oft hatte der Hucklenbruch seelenvergnügt in ihrem Lädchen gesessen, und nun mußte er so daliegen!
»Ja, denn man lieber jleich weg,« flüsterte Schmidt. Und dann sah er Josefine ganz seltsam an; seine sonst so kecken Augen wurden feucht und nachdenklich.
»Ich hab’ Ihnen auch noch was zu bestellen, Frau Conradi, ’nen –« er zögerte und strich sich verlegen den Schnurrbart – »’nen Jruß!«
»Von wem?« Warum fragte sie noch? Ach, sie wußte ja von wem! Es konnte nicht anders sein, sie empfand es am wilden, rasenden Schlagen ihres Herzens, jetzt kam etwas, ein Gruß, ein Gruß von – von –! Ihre Kniee brachen, unwillkürlich sank sie am Bett nieder und faltete die Hände krampfhaft: »Och Jott, vom Peter!«
Der Verwundete nickte. Die Botschaft wurde ihm nicht leicht, seine Stimme klang aufgeregt:
»Da – aus meinem Rock, jeben Se mal her – aus der Brusttasche – so, mein Notizbuch. Ich habe nämlich – was Jeschriebenes für Sie – ’nen Zettel – ich habe immer höllisch drauf ufjepaßt.«
Sie konnte das Notizbuch nicht gleich finden, ihre Hände zitterten zu sehr.
Nun kniete sie wieder am Bett, und Schmidt machte umständlich das Büchelchen auf, suchte umständlich darin. Sie hielt den Atem an und riß die Augen auf: was würde sie lesen?! Daß er tot war, daß wußte sie ja – aber =wie= war er gestorben, wie?!
Dauerte das Suchen denn Stunden lang?! Eine Ohnmacht wollte sie ankommen, ihre Lippen bebten, ihre ganze Gestalt; kein Wörtchen konnte sie lallen. Aber jetzt – jetzt, gleichsam aus weiter Ferne schlug Schmidts Stimme an ihr Ohr:
»Er starb wie ein Held!«
Da seufzte sie tief auf, als sollte der Atem ihre befreite Brust sprengen, und riß gierig den Zettel an sich. Laut schrie sie auf: das war ihr Zettel, ihres Vaters Zettel, den sie dem Sohn in letzter Stunde zugesteckt beim Ausmarsch!
Und er hatte das Vermächtnis angetreten.
Da stand: ›Über alles die Ehre!‹ und darunter gekritzelt, mit Blut:
›Liebe Mutter, adjüs.‹ – – –
»Ehre, wem Ehre jebührt,« sagte Schmidt. »Der Junge war ’n janzer Kerl, bis zum Tode!«
Josefine drückte dankbar die Hand, die ihr den Zettel überbracht, dies Teuerste, was sie von nun an in ihrem Leben hatte.
Viele Tage trug sie das verknitterte, vergilbte, blutbefleckte Papier auf ihrer Brust. Da lag es und gab ihr ungeahnte Kraft; aber dann schloß sie es doch in die Truhe, in ihr Nähkästchen, zu den Andenken ihrer Jugend und Ehe. Jetzt hatte sie den Talisman nicht mehr nötig, sie war ruhig geworden in sich. Nicht mehr von der steinernen Ruhe jener ersten Zeit, nein, Gott sei Dank, sie konnte weinen! Aber in ihre Thränen mischte sich das Gefühl des Stolzes: mein braver Sohn! –
Von ihren Kranken empfing Josefine besondere Zeichen des Vertrauens.
»Schreiben Sie an meine Mutter,« bat mancher Soldat.
Und so saß sie denn an den Betten und ließ sich in die Feder diktieren von schwachen Stimmen, aber von Herzen, die jetzt doppelt stark empfanden für die Mutter daheim.
Und wunderliche Antworten liefen ein aus Nord und Ost und Süd und West des weiten Deutschen Reiches. Aber immer, trotz der lächerlichsten Orthographie, trotz aller Verquickung, las man’s heraus, das in Angst und Liebe und Sehnsucht gestammelte: ›Mein lieber Sohn!‹
»Werte Frau,« sagte Unteroffizier Schmidt eines Tages – er war schon in der Besserung und schluffte bereits in Filzpantoffeln bis zum Bett des Westfalen –, »werte Frau Conradi, würden Sie für mir nich auch mal ’n kleenes Briefchen schreiben?«
»Jern.«
»Na, nämlich« – er zupfte schon wieder an seinem Schnurrbart und versuchte ihm den früheren kühnen Aufwärtsstrich zu geben – »na, da ich nu doch mal kein Glück bei Sie habe« – er sah ihren ernsten Blick und nickte – »nehm’ ich ja nich übel, is ja jetzt janz natürlich, und denn auch schon von wejen Hucklenbruchen – wär’ mir wirklich penibel! Na, nämlich, ich habe mir’s jeschworen, als mir die Kugeln man so um die Ohren pfiffen, und die Kameraden um mich ’rum fielen, in Schwaden, wie jemäht: ›Junge, Junge, wenn de ’rauskommst, wirste ’ne alte Schuld wieder jutmachen!‹ Denn die Schramme da am Schädel rechnet nich, die is balde heil, und ich mache noch mal los. Also: ich habe da nämlich en Mächen zu sitzen, an de Panke wohnt se, jroßer Staat ist jerade nich mit se zu machen, arm is se man, und auch lange nicht so hübsch wie Sie, werte Frau! Na – aber se hat nu mal ’nen Jungen von mir! Also, haben Se die Jüte, werte Frau, schreiben Se schon man los: ich wer’ ihr heiraten. Es drückt mir’s Herz ab, ich kann nich warten, bis ich alleene schreiben darf. Die Aujuste wird jeheirat’t stantepe, sowie der Krieg ’rum is. Denn, wissen Se, so in ’n Krieg wird einen janz schnurrig zu Mute. ’s is lange nich so, als wie die Leute sich denken. Un mit die Bejeisterung is det allens Mumpitz. Un mit den Haß auf den Feind auch. Davon weiß man jarnischt in der Schlacht, man weiß von sich selber so jut wie jarnischt; was befohlen wird, wird jemacht: einfach rin! Muß ’t nu mal sind, denn man los! Das können Sie mir jlauben. Aber an die Juste schreiben Se man, bitte!«
* * * * *
Die Firma S. Sternefeld am Alleeplätzchen hatte annonciert, fettgedruckt, die halbe letzte Seite im Blättchen allein für sich in Anspruch nehmend:
›=Fahnen, Fahnen=!
Fahnen in allen Größen, Fahnennessel, Flaggentuch und so weiter.‹
Wer noch keine Fahne im Besitz hatte, rannte heute eilig hin und kaufte; die große Eingangsthür klappte den ganzen Tag – ’raus – ’rein, ’rein – ’raus.
»Sie wünschen?«
»Fahnen, Fahnen!«
»Schwarz-weiß?«
»Nein, schwarz-weiß-rot!«
Ein Meer von Schwarz-weiß-rot hatte sich über die Stadt ergossen. Zu jeder Bodenluke, zu jedem Mansardenfenster heraus steckte bald eine lange Stange; und lustig flatternd und sich freudig blähend im frischen Herbstlüftchen, klatschte das schwarz-weiß-rote Tuch gegen das untere Stockwerk. Das klang wie Wellenrauschen, wie Musik einer stürmischen Brandung: Sedan, Sedan!
Überall flaggte und wimpelte es. Der Jägerhof, das Rathaus, die Kaserne, das Theater, die Kirchen, die Schulen, die Thore, die Rheinbrücke, selbst der alte Jan Willem hatten geschmückt. Um alle Dächer rauschte es, durch alle Lüfte sauste es: Sedan, Sedan!
Große Flaggen, kleine Flaggen, schmale Wimpel, breite Wimpel, kostbares Tuch, dünner Nessel, verwaschener Kattun, Papierfähnchen – aber strahlender Sonnenschein lachend über alle, und übermütig dreinharfender Wind: Sedan, Sedan!
Wer freute sich nicht?! Die Verwundeten setzten sich auf in ihren Betten und horchten mit gespanntem Ohr. Der Rhein brauste es, Kanonen donnerten es – wer hätte gedacht, daß die je solchen Jubel künden könnten –: Sedan, Sedan!
›=Gefangennahme des Kaisers Napoleon. Kapitulation der Armee Mac Mahons bei Sedan=!‹
Was wollten die Franzosen nun noch?! Ihr Kaiser gefangen, ihre größte Armee gefangen! Nun mußte es Friede, Friede werden!
Gegen Mitternacht war die erste Kunde nach Düsseldorf gekommen, atemlos hatte ein Depeschenbote sie in die schon schlummernde Stadt getragen. Vorbei war der Schlaf, vorbei die Ermüdung; die Leute stürzten aus ihren Häusern, auf den Straßen und Plätzen fanden sie sich zusammen, sie schüttelten sich die Hände, sie küßten und umarmten sich, sie lachten mit weinenden Augen: nun kam der Friede!
Leuchtend stand ein Stern am Himmel, und plötzlich fingen alle Glocken der Stadt an zu läuten – fromme Stimmen in heiliger Nacht.
Am kommenden Morgen zogen unzählige Schulkinder durch die Straßen; Maler Camphausen mit seinem weißen Bart hatte sich an die Spitze der rosigen Jugend gestellt und marschierte voran mit dem Trommlerchor. Und die bekränzten Knaben und Mädchen schmetterten aus hellen Kehlen:
›Es braust ein Ruf wie Donnerhall –‹
In allen Kirchen Gottesdienst, von allen Orgeln Dankeshymnen. In’s Beten klang Jubel hinein: ›Der Kaiser, der Kaiser gefangen!‹
In der Kaserne war ein Faß Bier aufgelegt – die Liebesspende eines begeisterten Bierbrauers – es trank davon, wer trinken durfte; und andre stießen mit Wein an.
Herr Schnakenberg kam auch gerannt mit ein paar ganz besonderen Bouteillen unter’m Arm: alter Rheinwein, firn und golden wie Harz. »Wat Extras, Finken, für dein’ Kranken,« flüsterte er der Stieftochter zu und steckte ihr die Flaschen unter die Schürze. »Hurra, wir haben ihn, den Napolium!«
Sie freuten sich alle. Als Josefine zum Mittagessen nach Hause kam, hatte der Invalide das ganze Schaufenster beflaggt und zugleich einen merkwürdigen Geschäftssinn dabei entwickelt. Zu Fähnchen hatten die bunten Kriegstaschentücher gedient: Weißenburg, Wörth, Spicheren, Mars la Tour, Gravelotte – sogar König Wilhelm und der Kronprinz, Moltke und Roon, selbst der von Bismarck hatte dran glauben müssen. Nicht allein die Straßenjugend stand vor so viel Pracht, auch Leichtverwundete, die draußen schon umherspazieren durften, kamen herein und kauften.
»No, wenn alle wat thun, können wir doch nit ganz müßig sitzen,« brummte Ferdinand, als die Schwester ihn belobte. Und dann fing er wieder an, auf sein Bein zu fluchen: wenn das nicht schon weggeschossen wäre, wäre er ja überhaupt mit ausmarschiert. Aber er begann nicht mehr seine alte Geschichte: ›Wir hatten die fränkische Saale überschritten –‹, die bekam man seit einiger Zeit nicht mehr zu hören; er war klein geworden im großen Krieg, und der Geruch des Lazaretts, der Hauch der vielen Leiden, den die Schwester aus der Kaserne mit herüberbrachte, ließen sein eignes, mißvergnügtes Gejammer ganz verstummen. Er war begierig darauf, zuweilen mit ihr herüberzugehen und ihr bei kleinen Diensten für die Kranken hilfreiche Hand zu leisten.
Auch der Junge durfte ab und zu mit der Mutter kommen. Er lernte jetzt Französisch und war ein guter Schüler; so konnte er als Dolmetscher dienen, wo ihre paar Brocken nicht ausreichten. Mancher Franzose streichelte ihm über den Kopf: »_Ah, merci, mon petit, Dieu vous bénisse!_« Fritz hatte viel Freunde unter den Feinden.
Aber waren denn diese armen Kranken wirklich Feinde? Was konnten sie für den Krieg? Die – gar nichts! Waren sie nicht weggerissen aus ihrer Familie, vom Pflug, vom Webstuhl, vom Maschinenrad, von all dem, was sonst ihr Leben ausgemacht, nur gehorchend dem Befehl? Es wollte Josefine nicht aus dem Sinn, was ihr der ›helle Berliner‹, wie die andern den Schmidt neckend nannten, gesagt hatte: ›Mit der Begeisterung ist das Mumpitz und mit dem Haß auf den Feind auch.‹ Und liebten die Franzosen ihr Vaterland nicht auch? Es sollte sehr schön in Frankreich sein. Mußte es ihnen nicht weh thun, wenn die Kanonen Sieg donnerten und die Glocken Freude läuteten und alles Volk jubelte?!
Unten auf dem Kasernenhof, unter den Ahornbäumen spielte heut nachmittag die Musik. Da stand, was Beine hatte, und schrie Hurra. Selbst die Nonnen waren an die Fenster geeilt. Das erste Eiserne Kreuz war nach Düsseldorf gekommen, hierher in die Kaserne!
Und der Glückliche, dem es verliehen wurde für besondere Bravour, war Unteroffizier Schmidt. Ja, das war einer! Der hatte gesagt, als sie die vom Feind besetzte Waldhöhe stürmten und der Zugführer zusammenbrach: ›Nu, Kinder, druf wie Blücher! Aber erst wer’ ik mir noch eene in’s Jesicht pflanzen!‹ Und er hatte seine Stummelpfeife angesteckt, und dann war’s losgegangen wie ein Donnerwetter, daß der Feind wich.
Der Oberstleutnant hatte es sich hübsch ausgedacht, diesen allgemeinen Freudentag dem Tapferen zu einem besonders festlichen zu gestalten.
Im Kreise standen das Wachtkommando und die Blessierten – Franzosen waren auch darunter – und in der Mitte stand Schmidt.
Josefine lugte hinunter – wie schneidig der Schmidt bereits wieder war, trotz des verbundenen Kopfes in voller Uniform! Und der Oberstleutnant umarmte ihn und heftete ihm selber das Eiserne Kreuz auf die Brust. Eine Nonne trat in den Kreis und kredenzte dem Helden Wein. Der Oberstleutnant stieß mit ihm an, hob dann sein Glas und hielt eine Ansprache. Die Rede schloß:
»Ein Hoch dem Braven, der hier unter uns steht! Ein Hoch unsrer Armee, die Frankreich in den Staub gezwungen! Ein Hoch Seiner Majestät, unserm Heldenkönig!«
Man verstand jedes Wort oben in den Krankensälen, deren Fenster geöffnet waren. Das war ein jubelndes Rufen und Schreien, ein Hoch und Hurra, und die Musik stimmte an: ›Heil dir im Siegerkranz!‹
Josefine schloß das Fenster. Es lagen hier so viel Schwerkranke, fast lauter Franzosen. Aber auch durch die geschlossenen Scheiben drang deutlich die markige Musik. Dort im Bett, nahe dem Fenster, hatte sich der junge Juwelier aus Paris ganz nach der Wand gekehrt und das Kissen mit beiden Händen gegen die Ohren gedrückt. Was hatte er nur? Erschrocken sah Josefine nach ihm hin, sein Körper zuckte unter der Decke wie im Krampf. Jetzt schlug ein unterdrückter Laut an ihr Ohr – er schluchzte: »_Oh ma patrie, ma pauvre patrie!_«
Da schlich sie hinaus, sie mochte ihn nicht ansprechen, sich gar nicht bemerklich machen – _oh ma patrie!_ – nicht seine schmerzliche Scham belauschen.
Draußen auf der Treppe begegnete ihr Schwester Daria, die atemlos vom andern Block herüberkam:
»Frau Conradi, ach, da sind Sie ja! Mit dem Hucklenbruch geht es wieder so schlimm.«
»Wieder ein Blutsturz?« fragte Josefine erschrocken.
Die Nonne nickte: »Es ist als nach Ihrem Herrn Pastor geschickt. Derweilen betet unsre Mutter Clara mit ihm.«
Auf den Fußspitzen schlich Josefine zu Hucklenbruch herein. Man hatte den Armen schon seit ein paar Tagen ganz allein gebettet, in dem Raum, der einst der Feldwebelwohnung als Küche zugehört. Jedes Geräusch hatte dem Leidenden Pein gemacht. Aber jetzt standen die Fenster nach dem Hof weit offen, die schöne Nachmittagssonne flutete voll herein und die Musik und das Singen – der Sterbende wurde all dessen nicht mehr gewahr.
»Höher – höher!« hauchte er nur noch mit verlöschender Kraft.
Kissen auf Kissen stopften sie ihm hinter den Rücken; noch immer nicht hoch genug, noch immer keine Luft.
»Höher – höher!«
Da setzte sich Josefine auf den Bettrand und nahm den nach Atem Ringenden stützend in ihren Arm.
Hucklenbruch war ein guter, evangelischer Christ. Ob er seine letzte Stunde nahen fühlte, wer weiß? Aber er hatte plötzlich Verlangen geäußert nach dem Abendmahl. Es waren ja noch nicht allzuviele Jahre, seit er’s mit seinen Eltern zum erstenmal genommen, zu Bielefeld in der Kirche, im langen Konfirmandenrock, das Myrtensträußchen im Knopfloch.
Nun kam der Geistliche.
»Nehmet hin und esset – das ist mein Leib – der für euch gegeben wird –«
Feierlich klangen die Einsetzungsworte, getragen von der heraufschallenden, festlichen Musik. Aber der danach Begehrende konnte den Leib des Herrn nicht mehr empfangen, das Schlucken versagte.
»Nehmet hin – und trinket alle daraus –«
Wohl neigte der Geistliche sich über das Bett und hielt dem Sterbenden den Kelch an die Lippen, aber der Wein verschüttete; der bleiche Mund streifte nur des Kelches Rand. Hucklenbruch merkte das nicht; ein verklärter Ausdruck lag auf seinem blutleeren Gesicht, mit dem jetzt verblaßten Sommersprossensattel über der scharf gewordenen Nase. Seine Augen waren ganz nach oben gekehrt.
Vor seinen Ohren spielte leise die Orgel der Bielefelder Kirche: ›Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd’ der Welt.‹ Da war eine große, andächtige Gemeinde – immer neue wallten zum Altar, immer neue – aber er hatte schon genossen, er war nun wohl vorbereitet. Und Vater und Mutter führten ihn fort – heim.
Unten auf dem Hof setzte die Musik einen Augenblick aus. Der Geistliche breitete die Hände zum Segen und sprach das Amen. Neben der würdigen Oberin lag die junge Daria auf den Knieen. Auch die Nonnenhände hoben sich empor: »Amen, Amen!«
Strahlender und strahlender vergoldete der warme Sonnenschein Stube und Bett und den Sterbenden.
Rauschend hub die Musik von neuem an, höchster Jubel stieg zu höchsten Höhen:
›Heil dir im Siegerkranz, Heil König dir!‹
* * * * *
Bis in die sinkende Nacht Jubel. Musik, Transparente, Illumination, bengalische Flammen. An den Rheinufern loderten Feuertonnen, und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen wallten. Das knatterte und knallte, blies und fiedelte, jauchzte und frohlockte. Fünfzehnhundert Träger schwangen ihre Fackeln; greller Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster, wie bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser. Hin zum Jägerhof wallte der endlose Zug, und Fürst und Fürstin von Hohenzollern traten auf den Balkon. Das Volk grüßte hinauf, und sie grüßten hinab. Der Fürst brachte dem König und der Armee ein donnerndes Hoch, ein dreifach donnerndes Hurra antwortete.
Im Hofgarten reckten die Bäume ihre schon herbstlichen Blätter in’s Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Ein letzter, sommerlicher Hauch strich säuselnd durch’s hohe Gras. Der Herbst war vor der Thür, der Winter würde kommen, Schnee und Eis bringen, aber was machte das?! Träume standen auf, frühlingsfrische, hoffnungsgrüne Träume. In den Wipfeln rauschte es von: ›Friede, Friede!‹
XXVII
Es waren rauhe Herbsttage, die nun folgten. Selten hatte der Wind so geblasen und den schäumenden Gischt des Rheins so hoch an die Ufermauer hinaufgespritzt. Selten hatte die große Prozession, die sich, wie alljährlich um diese Zeit, auf die Wallfahrt zur Mutter Gottes nach Kevelaar begab, so ungünstiges Wetter gehabt. Aber nicht Regen, nicht Sturm hielt die frommen Pilger ab; nie war der endlose Zug endloser gewesen, der Düsseldorf betend passierte und dem sich hier noch endlose Beter anschlossen. Es waren der bekümmerten Seelen heuer mehr denn je, die in der Kapelle, darin schon so viele geopferte Wachsgebilde an den Wänden hängen, vor’m wunderwirkenden Gnadenbild neue wächserne Füße und Hände niederlegten.
Schwarz hing das Kartoffelkraut auf dem Acker, modrig roch es auf den Feldern, die Störche sammelten sich auf den Hammer Wiesen, die Schwalben zogen fort, und frostig waren die Nächte.
Vorsichtige Leute bestellten Kohlen und suchten die warmen Sachen aus der Mottenkiste, bald war der Winter da – aber, ob auch der Friede?
Es gab eine bittere Enttäuschung. Hatten doch selbst die Soldaten aus dem Felde an die Ihren von baldiger Heimkehr geschrieben; aber Sedan hatte den Frieden nicht gebracht. Wohl saß Napoleon auf Wilhelmshöhe, wohl hatte Straßburg kapituliert und Orleans war erstürmt, doch noch immer mußten die deutschen Jungen vor Metz im Morast liegen, frieren und sich langweilen.
Ganze Waggons wollener Hemden, wollener Strümpfe, wollener Leibbinden gingen von der Stadt dorthin ab. Besorgt sah man die Rheinnebel steigen und sinken, schüttelte den Kopf über die unendlichen Regengüsse, lief verdrießlich mit Schnupfen und roter Nase umher – wie sollte es jetzt erst den Armen in den sumpfigen Metzer Gräben ergehen? Und wie vor Paris?! Man war des langen Krieges recht herzlich müde. Täglich bohrten sich tausende begieriger Augen in die Spalten der Zeitung: ›Kleine Ausfälle bei Metz, nichts Neues vor Paris‹ – das war die stete Losung. Wann denn, wann denn endlich?! Sollten die armen Jungen nicht einmal Weihnachten zu Hause feiern?
Ängstliche Seelen nahmen’s als schlechtes Zeichen, daß im Nordwesten der Stadt eines Abends ein Nordlicht auftauchte; man brauchte gar nicht auf die Sternwarte zu rennen, ein jeder sah’s mit bloßem Auge. Voll unheimlichen Scheines, groß und seltsam, mit rotem Kranz stand es über dem Strom. Warum kam das hierher, wie hatte sich das vom Polar an den Rhein verirrt? Das bedeutete Blut, noch viel Blut.
Es half nichts – Metz halsstarrig, vor Paris nichts Neues – man mußte sich auf den Winter gefaßt machen. Der Pelzmarkt war im Gang, seufzend kaufte manches Bäuerlein sich ein Paar Winterfäustlinge und dachte dabei an seinen frierenden Sohn – da kam die Nachricht: ›Metz hat kapituliert!‹
Wohl war die Freude groß, und die Stadt ließ sich nicht lumpen mit Festesglanz, aber es war nichts gegen den Jubel von Sedan. Jetzt verlangte das Herz zu sehr nach Frieden.
Der November brachte bitteren Frost, die Kartoffeln wurden teurer, und die Kohlenpreise stiegen rapide. Kinder von ausgerückten Landwehrmännern trippelten Mittags in die Häuser der Wohlhabenden und ließen sich die Suppentöpfchen füllen für sich und ihre Mütter und die hungernden Geschwister. Im Hofgarten lasen arme Buben Holz auf, Wohlthätigkeitsvereine verteilten Feuerung. Nun galt es nicht allein, Charpie zu zupfen, nun hieß es auch: Strümpfe stricken, Röcke nähen, Hemdchen zuschneiden, Mäntel zurechtmachen für die Familien der fernen Krieger. Und der Bedürftigen waren viele.
Auch Josefine gab – Gott sei Dank, sie konnte ja geben! – wenn auch alle Geschäfte klagten, ihr Lädchen ging. Sie hatte ihren Halt an der Kaserne, die gab ihr Kundschaft, die verließ sie nicht. Die alte Kaserne! Sie fühlte sich wieder ganz darin zu Hause.
Treppauf treppab, von Block zu Block, von Bett zu Bett.
Nun hatte sie viele neue Gesichter unter ihren Kranken, kaum einige der ersten Gäste waren noch da. Sechzig lagen draußen auf der neuzugekauften Parzelle des Kirchhofs, und der Winterschnee deckte sie zu.
Unteroffizier Schmidt mit seinem Eisernen Kreuz war längst wieder seiner Kompagnie nachgerückt. »Der wird schon wieder Schwung in die Gesellschaft bringen,« hatte der Oberstleutnant gesagt. »Ein Kerl wie der ist unbezahlbar. Immer fidel. Und namentlich zum Requirieren wie geschaffen. Treibt keiner ein Pfund Fleisch mehr auf, der kommt gewiß noch mit ’ner fetten Gans unter’m Arm!«
Auch die in der Kaserne Zurückgebliebenen vermißten Schmidt; er hatte sie alle aufgekratzt. Aber in Paris mußte er doch mit einziehen, das war sein Traum. Und dann wurde die ›Juste‹ geheiratet, hatte sie ihm doch eine selige Antwort gegeben und dem Bengel die Hand zum Gruß geführt: ›Lieba Vata!‹ –
Der Rhein trieb mit Eis, es war so kalt, so grimmig kalt, wie sich’s die ältesten Düsseldorfer nicht erinnern konnten, und doch kamen die jämmerlichen Franzosen durch ohne Mäntel, ohne Schuhe, zerrissene Lappen um die Füße gewickelt. Viele gar ohne Strümpfe, mit erfrorenen Zehen. Wenn’s hoch kam, hatte einer noch die Lumpen einer Pferdedecke. Das waren die Kriegsgefangenen, die Reste der großen Armee, die nach der Festung Wesel eskortiert wurden, nach Minden, oder nach den Baracken auf der Wahner Heide. Durch die Eifel waren sie marschiert, über die öden, endlosen Hochlandsstrecken, auf die der Schnee fiel wie ein Leichentuch. Sie hatten den Winterstürmen nichts mehr entgegenzusetzen gehabt: keinen gesättigten Magen, keine warmumhüllten Glieder, vor allem kein hoffendes Herz mehr – die _gloire_ verloren, alles verloren! Verstohlen blieb manch einer zurück. Der Zug war endlos – wer merkte das Fehlen eines einzelnen? Mutlos streckte er den ausgemergelten Körper in den Schnee und starb.
Josefine war zugegen, als solch ein Zug in Düsseldorf ankam. Ein eisiger Winterregen, der wie mit spitzigen Eisstückchen peitschte, ging nieder. In den halbzerflossenen Schnee des Exerzierplatzes hatten sich die Unglücklichen hingeworfen. Sie waren zu Tode erschöpft. Sterbenden glichen sie alle, und Sterbende waren auch unter ihnen. Dort trug man einen in’s Stroh des nächsten Stalles; bis auf den Platz war er noch gewankt, nun hatte er geendet. Und hier schrie einer in höchsten Nöten: »_Mon dieu, mon dieu! Ah, comme je suis malheureux!_«
Allen klapperten die Zähne, alle waren blau vor Frost, allen bluteten die Füße. Halbnackt streckten sich ihre mageren Glieder aus den abgerissenen Uniformen; alle ohne Haltung, alle ohne Disciplin. Sie hörten auf kein Kommando mehr; den Nonnen rissen sie die Blechnäpfe mit heißer Suppe aus den Händen, packten die Gefäße und stülpten sie sich in der Gier des Trinkens fast über den Kopf.
Josefine konnte nicht mehr an sich halten; im ersten Impuls unendlichen Mitgefühls kniete sie nieder und stützte die Elendesten. Blut, Wunden, Kanonendonner, Todesröcheln – es war nichts gegen dies! Die Thränen gossen ihr herab, sie hatte keine Hand frei, und so tropften sie in die Suppe, die sie den Verschmachteten reichte.
Allen wurden die Füße verbunden – eine kurze Rast – und dann hieß es weiter. Aber die Unglücklichen wollten nicht weiter, sie blieben im Schnee liegen; hier wollten sie sterben.
Es hatten sich zahlreiche Zuschauer eingefunden, nicht wenige unter ihnen weinten. Ein armer Arbeiter zog plötzlich seine Stiefel aus und reichte sie einem der Franzosen, der nur Lappen um die Füße gewickelt hatte; dabei fluchte er. Und auch andre stießen Verwünschungen aus – nicht die Besiegten, die hatten nicht einmal Kraft mehr zu einer Verwünschung – sie, die Siegreichen, verwünschten den Krieg. Nur Friede, Friede! Was man an Geld in der Tasche hatte, gab man her.
Josefine war nach Haus gestürzt; auch sie mußte geben, den Armen geben, was sie besaß an Hemden, Strümpfen, Kleidern. Die Sachen ihres Peter hatte sie nie, nie hergeben wollen – diese teuren Kleidungsstücke, diese heiligen Andenken – nun gab sie sie doch. Ein häßlicher Schwarzer warf seine zerlumpten Hosen weg und kroch mit Zähnefletschen in die ihres Peter, und ein todblasser Tambourmajor hüllte sich in den großen Mantel, den ihr Ältester noch von seinem Vater geerbt. Alles gab sie hin. Nun hatte sie nichts mehr. Mit schmerzlichem Bedauern zeigte sie ihre leeren Hände.
Heute fühlte sie sich zum erstenmal erschöpft, heute fühlte sie zum erstenmal die Kälte des Winters und den schneidenden Wind, der ihr die Haare um die Schläfen peitschte. Heute mußte sie zum erstenmal einen Augenblick ruhn. Als sie heim kam, waren der Bruder und Fritz nicht da. Thüren und Schränke und Kommoden hatten sie offen gelassen – wohin? Aber schon kamen sie atemlos zurück; der Knabe führte den Invaliden, der auf dem Glatteis höchst mühselig ging. Doch Ferdinand lamentierte nicht.
»Finchen,« schrie er im Eintreten und wischte sich den Schweiß der Anstrengung ab, »die armen Teufel! Heiliges Kanonenrohr, wie is da unser einer gegen dran! Fina, schimpf’ nit, aber ich hab’ denen mein’ andre Bux’ un auch wat Unterzeug un ne Rock mitgegeben – ich hab’ ja so viel!«
Da nickte sie ihm zu.
* * * * *
In die ernsten Stunden trüber Wintertage brachte der Besuch von Bruder Friedrich ein freundliches Licht. Ruhig, aber doch von einem gewissen Selbstbewußtsein erfüllt, teilte der Schlosser der Familie mit, daß er demnächst die Aussicht habe, selbständig zu werden, das heißt so gut wie selbständig: ein Konsortium von Geldleuten hatte ihn, neben einem kaufmännischen Direktor, zum technischen Leiter eines neu zu gründenden großen Etablissements für Fabrikation von Eisenbahnschwellen und Schienen ausersehen. Mit Beendigung des Krieges sollte das Unternehmen in’s Leben treten, bedeutendes Kapital stand zur Verfügung; und sein Kontrakt war unterzeichnet.
»Ja,« schloß er mit aufquellender Freude, »dat wär’ früher nit e so leicht passiert, nur ene simple Schlosser, und so en Stell’! Aber heutzutag’ jeht dat. In der Industrie wird nur jefragt: ›Wat leist’ de Mann?‹ Hör’, du, meine Jung’« – er legte dem interessiert lauschenden Fritz die Hand auf den Kopf –, »du sollst ordentlich in de Lehr’! Direktor – dat is mir noch lang’ nit jenug für dich, selber dein ’hören muß sie, die Fabrick!«
Herr Schnakenberg war Feuer und Flamme, als er von des Stiefsohnes Aussichten hörte. Wenn der Junge Kaution stellen mußte, er kam dafür auf!
»Ne, danke,« hatte der Schlosser mit Stolz gesagt, »Kaution brauch’ ich nit. De Krupp sagt für mich jut, un dat is jenug!«
Krupp konnte schon gutsagen, dessen Kanonen spieen die französischen Festungen an – Thionville, Montmédy und wie sie alle hießen –, daß sie klein beigaben. Und gar das große Paris schien zu zittern vor dem Gebrüll der Geschütze von Friedrich Krupp.
Mit Ungeduld wartete man auf die Kapitulation von Paris. Wenn Paris fiel, das ›große Sündenbabel,‹ dann mußte es doch Friede werden!
Weihnachten war gekommen, jedoch Christkindleins sanfte Lieder wurden noch immer übertönt von rauher Kriegsmusik. Aber die unschuldigen Kinder sangen doch unverzagt:
›O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!‹
Wer hätte sie schweigen heißen mögen?!
Und auch in der Kaserne erklangen Weihnachtslieder. Für mächtige Tannenbäume war gesorgt. Viele Abende hatte Josefine mit den Nonnen an dem Riesenbaum, der auf dem größten Krankensaal, dem Offizierskasino, stehen sollte, geschmückt. Die junge Schwester Daria mit den roten Wangen war unermüdlich im Schneiden bunter Papierketten und zierlicher Körbchen. Und sie war so voller Lust dabei, in ihrer schwarzen Tracht so heiter, als wäre sie eine glückliche Mutter, die ihren Kindern den Christbaum putzt. Josefine mußte sie oft erstaunt, fast bewundernd ansehen, diese still freundlichen Gestalten in den schwarzen Kutten; sie fühlte die alte Neigung wieder erwachen, die sie einst als Kind zu den lieben Nönnchen hingezogen – diese hier waren wahrhaft ehrwürdig!
›_Gloria in excelsis deo_‹ leuchtete in bunten Farben vom Spruchband des Engels auf dem Transparent im Weihnachtssaal. Ein ganzes Jahr hatte das Transparent versteckt gestanden in irgend einem verstaubten Winkel. Nun hatten geschäftige Hände es hervorgeholt und unter’m Tannenbaum aufgestellt. Josefine hatte nichts davon gewußt, nun sah sie es plötzlich bei der Bescherung im vollen Lichterglanz, und das Herz stand ihr still vor freudigem Schreck – das war ja das Werk ihres Sohnes! Das war von ihm übrig geblieben hier in der Kaserne: _Gloria in excelsis deo!_
Und in die Freude mischte sich der Schmerz. Aber der Schmerz übermannte sie nicht, ein heiliges Entzücken trug ihr Empfinden höher. Sie schlang die Finger ineinander und hörte still das uralte Weihnachtsevangelium an, das der Geistliche verlas: ›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!‹
Ein Chor sang, Schwester Darias Sopran schwebte hoch und hell über den rauhen Männerstimmen. Alte, vertraute Weihnachtslieder und ein Duft vom Tannenbaum – da fiel auch Josefine ein mit voller, kräftiger Stimme.
Andächtig hörten die Franzosen zu, als die ›_prussiens_‹ sangen. Sie kannten nicht die deutsche Weihnachtsfeier, aber sie gefiel ihnen. Wie die Kinder streckten sie die Hände aus nach den Äpfeln und Nüssen und nach dem Korinthenplatz: »Ah, weiße Brot, _oh, merci, merci_, weiße Brot, _très-bon_!«
Dann baten sie, auch ihrerseits etwas vortragen zu dürfen. Zwei rotbehoste Kerle traten an – der eine trug noch den Arm verbunden, der andere den Kopf – und führten eine Scene auf mit Gesang und Tanz. Hei, wie die Fußspitzen flogen! Immer dem andern bis an die Nase. Die Verwundeten, die noch zu krank waren, ihre Betten längs der Saalwand zu verlassen, ließen sich stützen, um mit gereckten Hälsen auch etwas von der Aufführung zu ergattern. Urdrollige Kerls! Die Zuschauer verstanden nichts, aber sie wanden sich vor Lachen.
Eine harmlose Fröhlichkeit wurde allgemein. Manch deutscher Landwehrmann, der bangend gedacht, es an diesem Abend vor Heimweh nach seinen Kindern nicht aushalten zu können, amüsierte sich königlich. Und die Franzosen sprangen immer höher und tanzten immer feuriger; heute war alles ›_malheur_‹ vergessen, sie wiegten sich auf dem Beifall, sie genossen das bescheidene Glück, bewundert zu werden.
Leise stahl sich Josefine hinaus. Rauh war draußen die Winternacht, durch die sie schritt, die Erde, auf die ihr Fuß trat, hart gefroren. Kahl standen die Ahornbäume, erstarrt wie im Todesschlaf; aber ihr Herz schlug warm und lebensvoll und doch voll Ruhe.
_Gloria in excelsis deo_ – in ihr war Friede.
* * * * *
Am 18. Januar ließ sich der greise König Wilhelm im Hauptquartier zu Versailles vom starken Bismarck die junge Krone des auferstandenen Deutschland auf die Stirn drücken.
Das war eine Erfüllung.
Der Rhein rauschte mächtig, und in sein Rauschen mischte sich der Jubelhall der Ufer. Nun waren Wünsche erfüllt, die man längst als hoffnungslos begraben.
Warum hatte man denn einst laut gemurrt und die rote Fahne gehißt auf den Barrikaden? Warum hatte man ein ununterdrückbares Sehnen getragen all die Jahre? Warum hatte man des Volkes Jugend hingegeben auf Schlachtfeldern? Alles nur darum.
Es war ja die alte Märchenkrone, die so lange im Rhein geruht, tief unten. Nun sollte sie erstehen in neuem Glanz; sie blinkte golden wie die Sonne.
Und wie die Sonne würde sie glänzen, mit gleicher Fülle über alle, über ein einiges und über ein freies Volk.
Manch alter Achtundvierziger, manch roter Demokrat jubelte mit; alles Volk freute sich.
Zwar kamen noch immer Verwundete, zwar rückte noch immer neuer Landwehrersatz aus; aber man glaubte nicht mehr an Schlachten. Das große Paris kapitulierte, das so hartnäckige Belfort folgte – nun war das Eis gebrochen.
Und Tauwetter flutete über die so lange winterliche Natur. Das erste Starenpaar war in Josefines Gärtchen erschienen und bezog häuslich den Kasten im Birnbaum. Der Lenz brach also wirklich an.
Ach, nun war auch die weiße Taube des Friedens gewiß nicht mehr fern!
Bald kam sie geflogen und baute ihr Nest für ewige Zeiten unter’m Giebel des Hauses.
Am 28. Februar meldete eine Depesche für ganz Deutschland:
Friede!
XXVIII
Nicht so rasch als man gedacht, rückten die beliebten Neununddreißiger wieder in ihre Garnison ein. Sie wurden noch immer erwartet, obgleich der Frühling schon mit Macht über Deutschland gekommen und des Rheines sonnenbeglänzte Wellen ruhig zwischen blühenden Ufern dahinflossen.
Im Düsseldorfer Hofgarten waren die Veilchen bereits verblüht, reichere Blumen drängten zur Entfaltung. Schon ließen die Kastanien auf der Königsallee die weißen Blättchen ihrer Blütenkerzen niederwehen und zeigten die Ansätze erster Früchte, da hieß es erst: sie kommen, sie kommen! Anfang Juni sollen sie hier sein, vielleicht auch ein paar Tage später. Aber sie kommen doch endlich, sie kommen!
So war noch nie zu einem Empfang gerüstet worden: geliebte Kinder kehrten ja heim, die Heldensöhne der Stadt. Wie sollte man sie nur würdig genug begrüßen?! Kanonendonner und Glockengeläute waren selbstverständlich. Und Flaggen sollten wehen von jedem Haus und lustige Wimpel auf der Rheinbrücke winken, Ehrenpforten sich wölben, das alte Zollthor selbst sollte sein düsteres Grau unter grünen Gewinden verbergen. Sogar das Pflaster der Straßen wurde jetzt schleunigst ausgebessert. Die Buchbinder kleisterten Inschriftenschilder, die Maler pinselten darauf: ›Herzlich willkommen!‹ Die Wirte schafften Fässer in die Keller, die Hausbesitzer ließen ihre Fassaden neu abputzen, die Hausfrauen scheuerten vom Speicher bis zum Keller, die Schuster stellten gestickte Pantoffeln in die Fenster – das Eiserne Kreuz darauf mit Eichenzweigen – die Gärtner düngten rasch ihre Lorbeerbäume noch einmal – die konnten ja nicht üppiges Grün genug haben – und auf dem Grafenberg wurden die Eichbäume ausgeräubert. Die Schreiner hämmerten an den Ehrenpforten, die Schneiderinnen nähten die Nächte durch an festlichem Weiß für die jungen Mädchen und Kinder, die Violinisten spannten neue Saiten, die Posaunisten probierten den Jubelchor, die Trommler übten die schönsten Wirbel, und die Dichter dichteten. Alles in Emsigkeit, in rüstender Geschäftigkeit, in festlicher Erwartung.
In der Kaserne hatte das Lazarett nun ein Ende. Wieder wurde dort geweißt und getüncht, gekehrt und gescheuert. Bald haftete kein Hauch der Wunden, des Leidens den Wänden mehr an; der frühere Knaster- und Schimmelduft, der alte Kasernengeruch, würde wieder einziehen, zusammen mit den wackeren Füsilieren.
Das Scheiden aus der Kaserne wurde Josefine schwer. Die letzten Genesenen hatten ihr die Hand geschüttelt und waren in die Heimat abgereist; da hatte sie noch lange einsam in der ehemaligen Feldwebelwohnung gestanden und vom Platz am Fenster auf den sonnigen Exerzierplatz hinausgestarrt. So viele Soldaten, so viele Soldaten würden dort bald wieder exerzieren, aber von denen, die sie liebte, war keiner mehr darunter!
Sie hielt sich mit der Hand am Fensterbrett, für einen Augenblick wurde ihr schwach. Hier an dieser Stelle, hinter den roten Geranienstöcken, die einstmals die Scheiben geziert, hier hatte sie oft als Kind und oft als Mädchen Auslug gehalten, hier hatte ihr der Vater das Märchen von Anno dreizehn erzählt – ei, wie hatte er doch gesagt?
›Und die keine goldenen Broschen und Armbänder hatten, ließen sich ihr schönes Haar abschneiden und opferten das für’s Vaterland.‹
Das hatte so herrlich geklungen, und – sie erinnerte sich dessen wohl – da hatte sie sich auch gern ihr Haar abschneiden lassen wollen für’s Vaterland.
»Ach –!«
Es war ein zitternder Seufzer, der jetzt ihrer Brust entfloh, beide Hände drückte sie gegen das hämmernde Herz – sie hatte mehr geopfert.
»Vater!« Sie wußte nicht, ob sie laut gerufen, sie wußte auch nicht, ob ihr Antwort ward, aber es hallte etwas durch die leeren Räume – horch! Ein Schauer überlief sie, kein Schauer der Furcht, ein Schauer heiliger Scheu.
Leise, auf den Zehenspitzen war sie hinabgeschlichen.
Nun rüstete auch sie zum Empfang. Kamen die Neununddreißiger wirklich jetzt bald, so sollten die guten Jungen auch alles finden, wie sie es liebten. Und wie sie’s liebten, das wußte sie ganz genau: kurze Pfeifen mit Porzellanköpfen und dem bunten Kaiser Wilhelm darauf; Knotenstöcke, recht derb in der Faust, stark, um’s Bündel dranzuhängen beim Wandern in die Heimat; und Taschentücher, Taschentücher, rot und gelb, groß wie Windeln, mit Schlachtenbildern und Pulverdampf und Kanonen und Franzosen und Preußen. Sie schaffte emsig in der Frühsommerwärme, ihre Wangen glühten dabei; sie dekorierte ihr Fensterchen, kroch auf einen Stuhl und ließ sich vom Bruder den Hammer reichen, um die Nägel einzuschlagen, dran die Guirlande hängen sollte. Grün, Grün in Menge wollte der Fritz aus dem Busch holen. Auch über die Thür sollte ein Kranz kommen, darin die Inschrift: ›Herzlich willkommen!‹ – O Gott, wie schön hätte der Peter das gemacht! Bitterliche Thränen schütteten ihr plötzlich über die heißen Wangen – ihr Peter, der kam nicht mit zurück!
Am letzten Sonntag, bevor die Truppen eintrafen erschien auf einmal Bruder Friedrich früh am Morgen. Mit Beginn des Friedens hatte er seine neue Stellung angetreten; er hatte es der Schwester geschrieben, aber Zeit zum Besuch hatte er bisher noch nicht gefunden. Nun kam er, in feierliches Schwarz gekleidet, einen Cylinder hatte er auf und feine Glacés an. Sie war erstaunt, wie stattlich er aussah; das war er nun wohl seiner neuen Stellung schuldig? Er trug einen Kranz aus Lorbeer gewunden, die ersten roten Rosen des Jahres darin.
»Finchen,« sagte er, zog den Handschuh ab und wischte sich mit der schwieligen Rechten gleichsam verlegen über die ernste Stirn, »nu is’t Friede, un ich hab’ en Stellung, wie ich se in meinem frechsten Traum mir nie hätt’ träumen können! Was unser Vater wohl dazu jesagt hätt’?! Heut’ is mein erster Feiertag. Komm, mach dich fertig, lassen wir all’ zusammen nach’m Kirchhof jehen!«
Sie machten sich auf den Weg. Schon war in vielen Straßen geflaggt. Die Bürger konnten es nicht mehr erwarten – bald, bald kamen sie ja! Es war heute milde, sanfte Luft, ein lichtgrau verhangener Himmel; noch schien die Sonne nicht, aber sie würde scheinen, man merkte es an der heller und heller sich färbenden Wolkenschicht. Grüner schimmerte das Grün der Bäume, erfrischt von einem köstlichen Getröpfel in der Frühe; die Kastanienbäume warfen schon breite Schatten, die Lindenbäume der Alleestraße strömten leisen Duft aus, ihre goldigen Blüten fingen an, sich zu öffnen.
In der Schaubschen Buchhandlung am Alleeplätzchen lauter Kriegsbilder und -Bücher: ›Dreißig schöne alte Lieder wider den Franzman‹ – ›_Va banque Louis Napoléon_‹ – ›Enthüllungen aus den Tuilerien‹ – ›Welche sollen des Deutschen Reiches Farben sein?‹ – ›Alldeutschland in Frankreich hinein! von Adolf Strodtmann‹ – ›Wachenhusens Tagebuch vom Kriegsschauplatz‹. – Hier ein kleines, rotes Büchlein in leuchtender Farbe mit dem Eisernen Kreuz: ›Kriegsdepeschen‹ – und dort: ›Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 von Th. Fontane‹.
Schmetterlinge, bis hierher verflogen, streiften mit ihren zarten Flügeln das Schaufenster. Bienen summten, angelockt von den Blumendüften der Häuser; alle Leute hatten ihre Gärten geplündert, jetzt mußte man Sträuße im Fenster haben: Rotdorn und Goldregen, Iris und Pfingstblumen, letzten Flieder und erste Rosen, schöner blühte es doch nie mehr im Jahr. Heitere Mädchengesichter blickten darüber weg; manch einer Jungen klopften die Pulse: er kam wieder, nun war er bald da! Ob er sie noch kannte? Den Chignon hatte sie abgeschafft – wer mochte den wohl noch tragen? Einen Strauß wollte sie dem Geliebten werfen, einen Rosenstrauß, und einen Kranz, einen Kranz von lauter Lorbeer. Sie konnte es nicht erwarten.
Und die Kinder spielten vor den Thüren: der Vater kommt. Je, wie die Mutter vor Freuden aufschrie, wenn der Vater in die Thür trat! Und ob er was mitbrachte? Eine Puppe im Tornister oder ein kleines Chassepot? Sie konnten es nicht erwarten.
Und Eltern fragten sich: wie wird er aussehen, der Junge? Er hat gewiß einen Bart! Sie konnten es nicht erwarten.
Die ganze Stadt konnte es nicht erwarten. Man fühlte es ihr an, es lag in der Luft, es vibrierte im unruhigen Gebimmel der Sonntagsglocken, die über dem Gewirr der alten Gassen von der Bolkerstraße und Ratingerstraße her ertönten. Auch sie konnten es nicht erwarten, sich auszuhallen im Freudengeläut. –
Die Geschwister gingen still, Josefine zwischen den Brüdern. Der Invalide war in voller Uniform, und den Fritz hatte er neben sich, dann brauchte er kaum seinen Stock.
Im Hofgarten tirilierten die Vögel, stark duftete der Jasmin und all die andern blühenden Büsche; jedes Unkraut am Wegrand blühte, jedes Ding, noch so bescheiden, trug heute sein bestes Kleid.
Der Rhein rauschte hinter’m Napoleonsberg, und das Rauschen der Wellen mischte sich mit dem Wind, der die Wasser kräuselte, zur Melodie.
Selbst hier draußen am fernen Kirchhof merkte man die Erwartung der Stadt. Die Wege waren geharkt, das Unkraut ausgejätet, die Gräber geschmückt. Manch einer der Heimkehrenden würde doch herkommen, einen guten Kameraden zu besuchen.
Die Geschwister wandelten erst den breiten Mittelweg bis zum großen Kreuz. Das war eine Pracht von Rosen rechts und links, ein berauschender Duft! Man ging wie zwischen lauter Gartenbeeten.
Josefine war lange nicht hier gewesen, nun blickte sie erstaunt – was war das dort für ein herrliches Monument? Auf dunklem Sockel, ganz aus weißem Marmor, leuchtete es hinter schmiedeeisernem Gitter und hob sich blendend aus einem Flor von Blumen. Unwillkürlich hemmte sie den Schritt – dort waren Leidtragende.
Vor dem weißen Monument kniete eine ganz mit langen Trauerschleiern verhüllte Frauengestalt. Jetzt erhob sie sich; den Kopf tief gesenkt, ganz gebrochen, kam sie langsam daher am Arm eines Offiziers.
Der Invalide machte Front; ernst aber freundlich dankte der Offizier. Ei, das war mal ein jugendlicher Oberst! Noch ein schlanker, schöner Mann mit blitzenden Augen!
»Habt ihr dat Kreuz auf seiner Brust jesehn? Dat war ’t Eiserne Kreuz erster Klass’,« tuschelte ganz aufgeregt der Invalide.
Josefine hatte es nicht gesehen; auch nicht den eleganten Herrn in Civil, der dem Paar folgte, zwei schwarzgekleidete junge Mädchen neben sich. Sie hatte auch die Dame unter all den Schleiern nicht erkannt; wohl aber hatte ihr Blick, seltsam angezogen, während der kurzen Begegnung auf dem Gesicht des Obersten geruht.
Wer war das?! Den mußte sie doch kennen? Und da – plötzlich durchfuhr es sie – die Erinnerung kam rasch wie ein Pfeil – jetzt wußte sie’s: das war der Viktor gewesen!
Sie trat auf das Monument zu. Unter dem jungen sterbenden Helden, den ein Engel zum Himmel weist, stand mit goldenen Buchstaben eingraviert:
=Eugen Ernst August vom Werth= Sek.-Lt. im Niederrh. Füsilier-Regt. Nr. 39.
Ja, Viktor von Clermont hatte hier mit seiner Schwester das Grab des gefallenen Neffen besucht.
Arme Cilly, hatte sie noch immer keinen Trost gefunden? Wie sie dahinwankte!
Noch einmal sah sich Josefine um, aber von den Trauernden war nichts mehr zu erblicken; es war ihr nur, als sähe sie noch ein letztes Blinken der Epauletten zwischen den Büschen.
Der Viktor –! Ein zartes Lächeln spielte um ihre Lippen: wie stattlich noch – und schon Oberst! Aber sein liebes Gesicht hatte er noch wie früher, nur nicht mehr so strahlend heiter und so vergnügt! Ach, so viele Jahre lagen dazwischen! Sie seufzte leicht: ach ja, da war sie eben an ihrer Jugend vorbeigegangen!
Sie stand in Gedanken verloren – ja, ja, heute morgen, als sie vor’m Spiegel ihr Haar gekämmt, hatte sie die ersten grauen Fäden im noch vollen Blond gefunden.
Fritz zupfte sie am Ärmel und drängte voran, die Onkels waren schon weiter gegangen. Da raffte sie sich auf und machte große Schritte.
Das Grab von Feldwebel Rinke lag jetzt nicht mehr abseits und allein, mit wenigen ungepflegten Hügeln in der Nähe. Jetzt waren hier rund herum auch Blumen gepflanzt und die Hecke erweitert; es grünte Hügel bei Hügel, es ragte Kreuz bei Kreuz. Franzosen und Deutsche reihten sich dicht um des alten Preußen Grab.
Friedrich legte seinen Lorbeerkranz darauf nieder. Josefine bückte sich, um hier und da zu ordnen und ein Unkräutchen auszurupfen; sie kniete dabei hin und blieb so knieend, eine lange Weile.
Um sie die große Stille. Kein Laut zwischen Himmel und Erde. Regungslos stehen die Büsche. Kein Säuseln in den Bäumen, die Wolken dicht. Doch jetzt ein starker Luftzug vom Rhein her, man hört die Wellen rauschen, der Wind ist umgesprungen. Und jetzt kommt er plötzlich daher und beugt die stolzen Kronen und bläst in die grauen, verhängenden Wolken, daß sie auseinanderfahren wie eilends geschobene Kulissen. Das geht mit Zauberschnelle – Hülle fällt auf Hülle – der letzte Vorhang weg – da steht sie, die Sonntagssonne, voll im Mittag, ohne Schleier, groß, blendend, leuchtend, und lacht hinunter auf die strahlende Erde.
›Jetzt scheint die Sonn’, Vater, siehst du?!‹ Es war Josefine fast, als müsse sie ihm das laut hinunterrufen in seine dunkle Kammer. Eine kindliche Liebe ergriff sie heiß zu dem Toten. Sie murmelte:
»Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – lieber Vater, ich dank’ dir!«
Langsam richtete sie sich auf. Aber dann stand sie doch fest auf ihren Füßen und nahm ihren Knaben an die Hand. Der war nun ihr einziger, ihr letztes Glück – nein, noch ein Glück hatte sie, ein schmerzliches freilich, dem sie auch noch Thränen schenken würde in stillen Stunden, aber es war ein Glück. Sie hatte einmal etwas empfunden, eine Begeisterung, die sie über sich selbst erhoben. Ihr Bestes hatte sie hingegeben für’s Vaterland, so wie der Vater sie gelehrt.
Und wenn jetzt der König kam, wie damals in ihrem Traum, und seine Hand ausstreckte: ›Was giebst du mir?‹ Dann konnte sie auch ihre Hand ausstrecken und, über das Grab ihres Sohnes weg, weg über Gräber von Tausenden von Söhnen, ihm weite, schöne Länder zeigen: das ganze, große, geeinigte Deutschland im höchsten Mittagssonnenglanz, – und stolz zu ihm sagen:
»Das gab ich dir!«
Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W 35.
Die stumme Mühle
Roman von
Otto von Leitgeb
Preis geh. M. 5.–; geb. M. 6.50
Aus den Besprechungen:
#Münchener Neueste Nachrichten.# Dieser Roman ist eine durchaus eigenartige, literarische Erscheinung, ein Werk voll großer Schönheiten, voll tiefen Ernstes und erfüllt von idealer künstlerischer Lebensauffassung. Vielleicht wird mancher sich nur zögernd entschließen, ein Buch zur Hand zu nehmen, das ihm für einen Roman etwas zu umfangreich erscheinen möchte. Es ist auch kein Buch für jene Kategorie von Lesern, denen es nur darum zu tun ist, mit möglichst aufregender Lektüre eine müßige Stunde auszufüllen. Der Verfasser, ein treuer Freund unseres unvergeßlichen Leibl, hat etwas von dessen Eigenart in sein Werk übertragen, und so wenig wir an Leibl Haß und Unvollkommenheiten kennen, so wenig werden wir auch hier Flüchtigkeiten entdecken; manchmal will es uns sogar erscheinen, als hätte sich der Verfasser hie und da allzu sorgfältige Ausmalung mancher Details schenken können. Über dem ganzen Werk aber liegt, was wir an Leibl schätzen: Naturtreue und Wahrhaftigkeit und innige Klarheit.
#Neue Preußische (Kreuz) Zeitung.# Der Roman, den wir mit Interesse gelesen haben, verdankt seinen ziemlich großen Umfang nicht der Mannigfaltigkeit der Figuren und häufigem Wechsel der Szenerieen, sondern dem auf die wenigen Gestalten verwendeten Fleiß und der Freude an stimmungsvollen Schilderungen. Die Handlung kann wohl menschlich ergreifen, und die Entwicklung vermag psychologische Vorgänge in anziehender und anschaulicher Weise nahe zu bringen. Immerhin ist der im Vordergrund stehende Charakter, ein Mann von Bildung, der jedoch seines Lebens ernste Aufgabe in der Jugend nicht streng genug erkannte und mit seinem verwundeten Herzen überhaupt nicht mehr in die scharfen Forderungen absoluter Sittlichkeit hineinzudringen versteht, eine etwas seltsame Natur, der auch in der Dichtung ein feiner Schleier umgehängt ist. Wir glauben, die Figur wäre wirkungsvoller, wenn seine Liebe zu Marie =ganz= ideal geblieben wäre. Es wäre etwas für die Menschheit gewonnen. So kommt eine doppelte Schwäche in die Sache hinein. Die Gestalt der Schwester ist tadellos gezeichnet, während das Ehepaar doch zuletzt aus der Skizzierung nicht herauskommt, auch Marie, die Frau, nicht, welche sich doch von Wolf, jenem erstgenannten Charakter, so sehr entwickeln und zum Schluß verwickeln läßt. Dem Dichter steht aber bei alledem Wahrheit und Sittlichkeit so hoch als wünschenswert; er ist infolgedessen auch gerecht und beschönigt nichts. Die beiden, welche schließlich den Rest des Lebensweges miteinander machen, sind die kernigen, wenig angefochtenen Naturen. Eine originelle Nebenfigur, sowie eine episodenartige Szenerie, die jedoch nicht ohne Verbindung mit der gesamten Entwicklung ist, kommt dem Eindruck zugute. Die Schreibweise ist einfach und entbehrt doch nicht großer Züge und poetischen Reichtums.
#New-Yorker Staatszeitung.# ... Auch in »Die stumme Mühle« von Otto von Leitgeb sendet dieses Motiv (– die Ehe –) seinen beängstigend fragenden Ruf. Tief unten im Flußtal, wohin die rings aufsteigenden Bergwände keinen Sonnenstrahl dringen lassen, liegt die Mühle, die noch keinem ihrer Besitzer Glück gebracht und oft lange Jahre hindurch stumm geruht, nur von Daniel, dem alten Müllerknecht, behütet, dem Hausgeist, der hin und wieder an die Mühlsteine klopft und die Schaufelräder streichelt und laut mit den Schlüsseln klirrt, die in den rostigen Schlössern knirschen, nur um doch einmal einen Laut zu hören in der Stille und dem Schweigen ringsum. Denn einsam war der Alte; sein Weib war ihm gestorben, sein Kind verdorben; und wie ein Unglücksrabe kreist er um die stumme Mühle und kündet denen, die sie an sich bringen, kein Glück. Auch Robert Willmut nicht, dem neuen Herrn, der einst als Kind mit dem Töchterlein des benachbarten Auhofs Mann und Frau gespielt, aber um das kräftig erwachsene, reiche Mädchen nicht zu werben wagt und eine zarte, feine Treibhausblume aus der Stadt als Weib heimführt: Marie. Aber die Kinderfreundschaft war nicht vergessen, und zwischen der stummen Mühle, wo die junge Frau neben dem nüchternen, rastlos tätigen Gatten sich in eine Traumwelt einspinnt und in die Vergangenheit versenkt, und dem einsamen Auhof, den die praktische, verständige Klara für den Bruder verwaltet, den Träumer Wolf, der eine Jugendschuld büßend die Welt flieht, entwickelt sich ein reger Verkehr. Denn diese Menschen sind aufeinander angewiesen; sie bedürfen einander. Eine Reihe entzückender Stilleben, wunderbar stimmungsvoller Naturbilder entrollt der Verfasser, aber fest und klar schlingt sich mitten durch der Faden der Tragödie, des Schicksals. Wird auch Marie, diese ideale Verkörperung des passiv Lust und Leid auf sich nehmenden Weibes sich dessen, was ihrer Ehe zum Glück fehlt, nicht bewußt; gesteht auch Klara, dieses arbeitstüchtige, mutige Mädchen, sich nicht ein, daß die schwesterliche Hingebung ihr Leben trotz seines Pflichtenreichtums nicht ausfüllt – tief unter der ruhigen Oberfläche dieser tragischen Idylle lauert das Schicksal auf den Augenblick, da es allgewaltig in das Leben dieser vier Menschen einschreitet und sie aufrüttelt aus ihrem stummen Dahindämmern und Dahinträumen.
Zu einer Tragödie der Selbsttäuschung spitzt sich die Handlung zu, als Marie, die sich in der sonnenlosen Mühle an der Seite des poesielosen Robert glücklich wähnt, allmählich verkümmert und dahinsiecht, bis die Ahnung eines echten Glücks ihr den Todesstoß versetzt. Seelenkundig hat Leitgeb die Wahlverwandtschaft angedeutet, die zwischen Marie und Wolf besteht, dieser fein gezeichneten, unruhigen Künstlernatur, und zwischen Robert und Klara, diesen beiden für das Alltagsleben geschaffenen Menschen. Es sind Gestalten von packender Lebendigkeit. Goldene Worte hat er Schmidt in den Mund gelegt, dem Fünften im Bunde; einem Lebensphilosophen von fesselnder Originalität und herzgewinnender Liebenswürdigkeit. Sympathisch berührt auch die Gestalt des Landarztes mit seiner aus der Kenntnis menschlicher Schwächen und Gebrechen gesogenen, viel verstehenden und verzeihenden, milden Lebensweisheit. Das welsche Wanderblut der schönen Hannah, der verbissene Proletariergroll Daniels, die prickelnde, lebensvolle und schaffensfreudige Atmosphäre des Münchener Künstlerkreises vollenden das wechselreiche Lebensbild. Sieghaft wie ein Sonnenblick durchbricht manchmal ein schalkhafter Humor die Wolken und die Schatten der stummen Mühle. Der Dichter versteht sich auf die Verteilung der Kontraste. Die Szene in der Künstlerrunde, wo in Gegenwart Wolfs von dem Bilde die Rede ist, dessen Modell Hannah gewesen, ist eine Prachtleistung. Leitgebs Kunst ist eine feinnervige. Schon in seinen Novellen offenbarte er sich als Meister im Erahnen und Erfassen der flüchtigsten und verborgensten Seelenregungen, im Empfinden und Wiederspiegeln der zartesten Naturstimmungen. Er schwelgt ordentlich in dieser seiner eigensten Kunst. Aber er ist zu sehr Künstler, um den Gang der Handlung dadurch aufhalten zu lassen; sie schreitet langsam vorwärts, steigert sich ganz allmählich zum tragischen Konflikt und bricht in dem Augenblick ab, da die alte Schuld gesühnt wird und ein neues Leben beginnen soll für die drei Überlebenden in der Tragödie der Wahlverwandtschaft, die sich uneingestanden in der stummen Mühle abspielt.
#Berliner Morgenpost.# Einen Band von nahezu vierhundert Seiten durchzulesen, dazu gehört heutzutage in der Zeit der _short story_ schon ein Entschluß. Man traut sich kaum, mit der Lektüre anzufangen, und in den seltensten Fällen bringt man sie zu Ende. Hat man aber sich selbst überwunden, so kommt man sich wie ein Triumphator vor und hat beinahe die Empfindung, als schulde einem der Autor Dank. Nun, bei Leitgebs Roman bleibt man von solcher Überhebung weit entfernt. Trotzdem die Handlung durchaus nicht sensationell ist, also keinen stofflichen Reiz bietet, folgt man ihr mit sich stets steigernder Spannung. Dabei hat man immer wieder Gelegenheit, den großen Gesichtskreis des Dichters zu bewundern, der alle Verhältnisse des menschlichen Lebens, die Beziehungen des einzelnen zur Natur und zur Allgemeinheit behandelt und in einer Fülle von gedankenreichen Bemerkungen seine Menschen- und Weltkenntnis zeigt. Unter dem Nachdenklichen des Buches leidet aber die Plastik der Figuren durchaus nicht. In vollem blühenden Leben stehen sie vor uns, und die »unwahrscheinlichste« von allen, der Schwärmer Schmidt, am meisten. Mit einem Worte ein gutes Buch, das aber ernste Leser verlangt.
Buchdruckerei Roitzsch vorm. Otto Noack & Co.
Liste korrigierter Druckfehler
Seite 6: Punkt am Satzende ergänzt (... gleich darauf fuhr sein Blick wieder rollend über die Soldaten hin.)
Seite 8: Punkt am Satzende ergänzt (Der armen, jungen Frau so den christlichen Taufnamen zu verschimpfieren.)
Seite 20: Punkt am Satzende ergänzt (Hinter dem letzten Pfeiler trat Vater Zillges auf sie zu.)
Seite 51: Punkt am Satzende ergänzt (Die Kleinsten konnten die Mutter noch nicht entbehren.)
Seite 60: Schließendes doppeltes Anführungszeichen nach „Wiedersehen,‹“ entfernt (»›Adjö, Karline, auf’s Wiedersehen,‹ sagte er.)
Seite 65: Öffnendes einfaches Anführungszeichen vor „Bunten“ ergänzt (Der Feldwebel machte sich eines Tages auf nach dem ›Bunten Vogel‹.
Seite 70: Komma am Satzende durch Punkt ersetzt (Aber schon war er bei ihr und faßte ihr Handgelenk.)
Seite 79: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Hörst du denn gar nicht?«)
Seite 79: Apostroph hinter „als“ entfernt (... aber er thut mindestens schon so, als ob er Major wäre wie Papa.)
Seite 81: „Freudin“ durch „Freundin“ ersetzt (Kräftig schlug sie die Freundin auf den Rücken.)
Seite 84: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Frech Weit!«)
Seite 93: Punkt am Satzende ergänzt (Selbst der Himmel ist sein; er hält den umarmt im grauen Dunst.)
Seite 100: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (Bande! Verfassungsreform – was heißt das?!«)
Seite 105: „gegesagt“ durch „gesagt“ ersetzt (»Ich begreife nicht, Rinke,« hatte der vertraulich gesagt, ...)
Seite 115: Zweimal „Tina“ durch „Trina“ ersetzt (Aber Frau Trina ließ sich jetzt so leicht nicht mehr einschüchtern, ... – »Rinke!« Frau Trina sprach es vorwurfsvoll und ...)
Seite 134: Gedankenstrich eingefügt (... die hatte er ihnen abgejagt – aber beim Wilhelm, beim Wilhelm!)
Seite 154: „Allerle“ durch „Allerlei“ ersetzt (Allerlei Burschen – rechte Lotterbuben – mit roten Halstuchzipfeln, ...)
Seite 166: Komma ergänzt hinter „los“ (Es war nirgends etwas los, der Hofgarten zum sterben langweilig, ...)
Seite 186: „flüsteree“ durch „flüsterte“ ersetzt (... und Conradi ihr in’s Ohr flüsterte, ob sie ...)
Seite 211: Schließendes einfaches Anführungszeichen ergänzt (... und machte mit einem: ›ksch, ksch – puff!‹ die hungrigen Spatzen bange, ...)
Seite 224: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Rinke, ich jeh’ ens kucken!«)
Seite 234: Punkt am Satzende ergänzt (Die Morgensuppe schmeckte heute dem Feldwebel nicht.)
Seite 237: „Gouverneuer“ durch „Gouverneur“ ersetzt (... Wenn nur erst der Prinz Wilhelm seinen Posten als Gouverneur der Rheinlande anträte, ...)
Seite 243: „Straßenplaster“ durch „Straßenpflaster“ ersetzt (... finster bohrte sich sein Blick in’s Straßenpflaster.)
Seite 256: Punkt am Satzende ergänzt (Sie hatte noch nie einen leibhaftigen preußischen König gesehen.)
Seite 262: Öffnendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Na, na,« tröstete der Feldwebel ...)
Seite 270: „Wirshaus“ durch „Wirtshaus“ ersetzt (War’s denn erlaubt, nach zehn Uhr noch das Wirtshaus offen zu halten?!)
Seite 281: „Kaferne“ durch „Kaserne“ ersetzt (Ein schriller Mißton gellte durch die Kaserne.)
Seite 298: „Konigsverräters“ durch „Königsverräters“ ersetzt (Du bist der Vater eines Rebellen, eines Königsverräters!)
Seite 303: „abwährend“ durch „abwehrend“ ersetzt (Mit einem Angstschrei sprang sie auf und streckte abwehrend die Hände von sich in einem wilden Grauen:)
Seite 303: Öffnendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Komm, Finchen,« flüsterte sie fast vorwurfsvoll, ...)
Seite 338: Punkt am Satzende ergänzt (Sie trat davor und hielt das Lämpchen hoch.)
Seite 338: „Klied“ durch „Kleid“ ersetzt (Seltsam genug stand das schwarze Kleid gegen das helle Gesicht.)
Seite 359: „Feldwebelwohnnng“ durch „Feldwebelwohnung“ ersetzt (Auf einmal sah sie das Kasernenthor und den Hof und die Feldwebelwohnung ...)
Seite 361: Punkt am Satzende ergänzt (Nun hielten die kräftigen Kinderarme sie fest.)
Seite 363: „Kartätchenprinz“ durch „Kartätschenprinz“ ersetzt (Der Kartätschenprinz war ja nun König, ...)
Seite 403: Punkt am Satzende ergänzt (... und machte das Zeichen des Kreuzes über seine Gemeinde.)
Seite 421: „Laternenfahl“ durch „Laternenpfahl“ ersetzt (... da zog ihn ein ehrsamer Bürger am Schlaffitchen vom Laternenpfahl herunter ...)
Seite 422: „Arzte“ durch „Ärzte“ ersetzt (... die gehetzten Ärzte reinigten ihre Sonden und griffen nach neuem Verbandzeug.)
Seite 422: Schließ endes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Unsre Neununddreißiger, unsre braven Füsiliere!«)
Seite 425: Punkt am Satzende ergänzt (Josefine fuhr so hastig empor, daß der Fahnenträger die Augen nach ihr rollte.)
Seite 427: Doppelpunkt am Satzende ergänzt (Und dann des Oberstleutnants dringendes Zureden:)
Seite 429: Gedankenstrich eingefügt („Josefine blieb stumm, aber sie zitterte am ganzen Leib – das war die schöne Frau vom Werth, die reiche Frau vom Werth?“)
Seite 478: „beänstigend“ ersetzt durch „beängstigend“ (... seinen beängstigend fragenden Ruf.)