Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1920 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
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gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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[Illustration]
Furche-Kunstgaben: Erste Veröffentlichung
Otto Speckter
von F. H. Ehmcke
Mit einer Bibliographie von Karl Hobrecker 2 Bildnissen des Künstlers und 104 Abbildungen nach dessen Werken auf 64 Tafeln
[Illustration]
Im Furche-Verlag / Berlin 1920
Dem Andenken meiner Frau, der Freundin der Kleinen und Kleinsten
~COPYRIGHT BY FURCHE-VERLAG, BERLIN 1919~
„Die Hamburger Familie hat in Speckters Kinderbüchern einen Schatz, den sie nicht vergessen sollte. Es dürfte sich lohnen, das Wertvollste zu einem Buche zu vereinen.“
Diese Worte, die Alfred Lichtwark am Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts schrieb, behielten auch ihre Richtigkeit, wenn man sie statt auf die Hamburger auf die deutsche Familie im weitesten Sinne anwenden wollte.
Es ist nachgerade unverständlich, daß bei der Fülle der Neuausgaben, Ausgrabungen und Wiederentdeckungen der letzten Jahrzehnte ein Werk wie dasjenige Otto Speckters vergessen bleiben konnte, während beispielsweise das Schaffen Ludwig Richters in unzähligen kleinen und großen Mappenausgaben den Lebenden ins Gedächtnis geführt wurde.
Es mag dies an der ausgesprochen norddeutschen Haltung der Speckterschen Arbeiten liegen, die in ihrer Sprödigkeit und Scheu dem Tageserfolg und der Schätzung der Menge ferner steht als die breite Volkstümlichkeit des Mitteldeutschen Ludwig Richter, die liebenswürdige Anmut des Österreichers Moritz von Schwind oder der naive Dilettantismus des Münchener Kinderfreundes Graf Pocci. Und doch zeichnet die Arbeiten Otto Speckters, abgesehen von ihrer nur dem Eingeweihten verständlichen graphischen Besonderheit, eine Innigkeit des Naturgefühls, eine Echtheit des künstlerischen Empfindens, eine tiefe Verwandtheit mit dem literarischen Gegenstand ihrer Darstellung aus, die ihn jenen vielgenannten Illustratoren wenigstens ebenbürtig erscheinen läßt.
Der schon erwähnte ausgesprochen norddeutsche Charakter seines Werkes kann, von höherer Warte betrachtet, nicht als eine Beschränkung im Sinne lokaler Enge gelten, sondern vielmehr als eine Bereicherung der gesamtdeutschen Leistung um eine Farbabstufung voll von besonderer Süße, Tiefe und Eigenart, die dem bunten Strauß deutscher Illustrationskunst als eine seiner schönsten Blüten erst Vollständigkeit gibt.
Erklärlich wird die Kraft dieser Wirkung einmal aus der strengen Einheit des geistigen, künstlerischen und gesellschaftlichen Zustandes, dem der Künstler entsprossen ist, zweitens durch die straffe Zucht, die ihn, veranlaßt durch bestimmte Familienverhältnisse, sich fast nur auf das graphische Gebiet beschränken ließ und ihm so die Mittel gefügig machte, um sich ihrer gleichsam spielend bedienen zu können.
Die künstlerische Welt, aus der Otto Speckter hervorging, ist jedem vertraut, der Hamburg und seine Sammlungen kennt.
Es gibt wohl kaum eine zweite Stätte in Deutschland, in der so stark bodenständige Überlieferung sich ausdrückt als in der Hamburger Kunsthalle, wie sie durch Lichtwarks Bemühen geworden ist. Neben Philipp Otto Runge, dem überragenden Haupt und geistigen Vater der Gruppe, finden sich die Gensler, Oldach, Milde, Asher, Morgenstern, Wasmann, Kauffmann, Erwin und Otto Speckter und manche kleinere Begabungen wie Haeselich, Heesche, Vollmer und wie sie alle heißen. Alle trotz der Verschiedenheit des Könnens und der Stoffgebiete verbunden durch die Gleichheit der Anschauung, die Echtheit der Gesinnung und den Adel der Form.
Die gemeinsame Bindung hatte ja tiefere Wurzeln als in einer bloß geistigen Übereinkunft der Kunstanschauungen: sie beruhte vielmehr auf der allgemeinen Kultur des bürgerlichen Daseins, des öffentlichen Lebens, in dem diese Künstler standen und in dem sie durch Freundschafts- und Familienbande wechselseitig aufs engste verknüpft und auf gegenseitige Verständigung und Förderung verpflichtet und angewiesen waren.
So in ihren Grenzen bestimmt ist die Welt Otto Speckters und seiner Familie, und was aus Überlieferungen davon bis auf uns gekommen, ist so bezeichnend für den Geist jenes alten Bürgertums, so reizvoll in seinen Einzelheiten, so wertvoll für die Kulturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts, daß es hier wenigstens in knappen Zügen wiedergegeben werden soll:
Die Familie Speckter, ursprünglich plattdeutsch Specketer, stammt aus Uthlede, einem alten Weserdorf im Hannöverschen, dem ehemaligen Herzogtum Bremen, in dem ihre Ahnen Generationen hindurch das dornenreiche Amt des Küsters und Schulmeisters verwalteten.
Ihre Lebensverhältnisse waren dürftiger Art. Erst Johann Michael Speckters, des Gründers der Hamburger Linie, Vater, der die Pfarre seines Heimatdorfes innehatte, festigte durch seine Heirat mit einer wohlhabenden Bauerntochter den Wohlstand der Familie.
Johann Michael Speckter, geboren 5. Juli 1764 zu Uthlede, gestorben 1. März 1846 82jährig zu Hamburg, kam als Jüngling in diese Stadt. Dem Knaben, der frühzeitig schon Neigung zur Wissenschaft, vorzugsweise zur Mathematik verriet, hatte der Vater, dank seiner guten Vermögensumstände, eine höhere Ausbildung angedeihen lassen können.
Zur Vervollständigung seiner Studien bezog er in Hamburg die damals berühmte Handelshochschule von Büsch.
Im „Büschischen Kreise“ mag er vielerlei Anregung erfahren und Männer von Bedeutung kennen gelernt haben. Nennt ihn doch Ernst Moritz Arndt in einem Brief an Otto Speckter vom Jahre 1848 seinen Jugendfreund und gehörte doch auch Alexander von Humboldt zu den Schülern der Anstalt.
Bei Sonnin, dem Erbauer der Michaelskirche, nahm Speckter auch Unterricht, was auf ein schon frühzeitig erwachtes Kunstinteresse schließen läßt.
Die Vielseitigkeit der Studien bekrönte eine längere Reise, die er als Begleiter eines jungen Adeligen, des Herrn von Stülpnagel, unternahm.
Nach deren Abschluß gründete er eine Kommissions- und Speditionshandlung gemeinsam mit drei Freunden, unter denen auch Daniel Runge, Philipp Ottos Bruder, sich befand, derselbe, der auf dem Bildnis mit dargestellt ist, das dieser von sich und seiner Braut malte. Die beiden anderen Teilhaber waren Hülsenbeck und Wülfing. Der kaufmännische Sinn und Geschäftseifer des letzteren entlastete die übrigen in solchem Maße, daß sie sich ihren Liebhabereien widmen konnten.
Zu diesen gehörte für Speckter seine Kupferstichsammlung, die ihm viele gleichgesinnte Männer zuführte und wohl als die Quelle all des künstlerischen Lebens zu betrachten ist, das in der Folge die jüngere Generation des Hauses in seinen Bann zog.
Der Buchhändler Fr. Perthes gehörte zu Speckters Kreis und des allgemeinen Interesses halber verdient es erwähnt zu werden, daß er diesem durch sein Bücherverzeichnis und seine systematische Art des Bücherkaufs die Anregung dazu gab, statt der bislang üblichen Gepflogenheit, nur geheftete, von jetzt an auch gebundene Bücher auf Lager zu halten und damit die Form des Sortimentshandels begründete.
Ein anderer Freund war der Freiherr von Rumohr, ein Liebhaber und Gönner der schönen Künste, auf den später noch zurückgekommen wird.
Der jüngere Philipp Otto Runge erfuhr mancherlei Förderung von seiten Speckters. Seine Dankbarkeit und Anhänglichkeit bezeugt ein in der Familienchronik aufbewahrtes plattdeutsches Hochzeitskarmen, das er von Kopenhagen aus schickte, als Johann Michael Speckter im Jahre 1800 Katharina Schott, die Tochter seiner früheren Hausleute heimführte.
Die junge Frau stammte selbst aus einer Familie, in der die Kunst nicht fremd war. Ihr Ahnherr, der Senator Gerhard Schott, war im Jahre 1678 der Begründer der ersten deutschen Oper gewesen und hatte mit dieser und anderen kunstfördernden Taten zum Ansehen und zur Ehre seiner Vaterstadt Hamburg beigetragen.
Aus der glücklichen Ehe sind außer mehreren Schwestern die beiden Künstlerbrüder Erwin, geboren 18. Juli 1806 und Otto, geboren 9. November 1807, hervorgegangen.
Eine fröhliche Jugend, der das wohlhäbige Bürgerhaus zum Tummelplatz diente, ließ alle schönen Anlagen der Kinder sich frühzeitig entwickeln. Eine Vorstellung von dem Kinderleben jener Tage gibt uns ja Runges bedeutendes Bild der Hülsenbeckschen Kinder. Nicht viel anders mag es bei Speckters ausgesehen haben. Die schlichte, geordnete und doch weitzügige Lebenshaltung jener Tage spricht uns aus alten Aufzeichnungen an.
Eine alte Jugendgespielin erzählt, wie sie die drei Ältesten kennen lernte: Erwin mit Otto um eine Peitsche ringend, bis Hermine diesen Streit durch Fortnahme des Zankapfels schlichtete. Diese größere Schwester führte überhaupt ein strammes und dabei weises Regiment. Als ein andermal ein Paar Schuhe zum Besohlen gebracht werden mußte, wollten die Jungen nicht mit, sollten aber doch unter Aufsicht bleiben. Da schlug Hermine vor, daß jeder einen Schuh wie einen Wagen am Schnürsenkel hinter sich her ziehen möge. Und nun ging’s.
Wenn man in den Familienchroniken blättert, so spiegelt sich darin die ganze harmlose Fröhlichkeit, aber auch der Ernst der Zeit, die den vaterländisch Gesinnten manchen Schmerz und viele Enttäuschungen brachten.
Da sind Schilderungen von Festen, in denen nach altväterischer Sitte von erlesenen Leckerbissen „vielerlei Kuchen, Wein, Bischof und Punsch“, „Bischof und Kuchen im Überfluß“ die Rede ist, wobei den Nichtnorddeutschen unter den Lesern mit dem Kandidaten Jobs gesagt sei, daß der Bischof in diesem Fall „ein sehr angenehmes Getränke“ bezeichnet.
Doch das Materielle überwog keineswegs. Musikalisch war man bei Speckters zwar nicht, aber es wurde viel gelesen und deklamiert. Die Schwestern führten in faltigen Gewändern klassische Theaterstücke auf, denen der große Mappenschrank des Vaters zum Podium diente. Man versuchte sich an Shakespeares Macbeth mit Übersetzungen und las den Tasso mit verteilten Rollen, während die Jungen, allen voran Otto, diese Deklamationen durch einen Höllenlärm, Hundebellen und Katzenmiauen zu stören suchten.
Da die beiden Brüder nach Knabenart stets miteinander in Streit lagen, kam der Vater auf den Gedanken, ihnen Stelzen zu schenken, aber nur ein Paar für beide zusammen. Sie sollten dadurch lernen, aufeinander angewiesen zu sein und sich über die Nutzung gemeinsamen Besitzes zu einigen. Aber Otto, der Springinsfeld, verstand bald auf seiner einen Stelze herumzuhopsen, und dieses Erziehungsmittel war jedenfalls für das spätere innige Verhältnis der beiden Brüder nicht von ausschlaggebender Bedeutung.
Schon früh zeigte sich bei Otto die Vorliebe für die Tiere, besonders für die Katzen, denen er später in seiner Kunst auch eine hervorragende Stelle einräumte. So bewahrt die Familie ein von Erwin gemaltes Kinderbildnis, das diesen sitzend mit dem Skizzenbuch, dahinter Otto stehend mit der Katze im Arm darstellt, neben ihnen die Freunde Nehrlich und Milde.
Der Schauplatz ist ein wechselnder, der Unruhe jener Zeiten entsprechend. Bald findet sich die Familie im Haus auf dem Herrengraben, bald auf dem Lande in ihrer Gartenwohnung beim Rosenhof, dann wieder während der Belagerung Hamburgs in Altona.
Freunde und Fremde gehen aus und ein: Künstler, Gelehrte, stattliche Officiers, die den jungen Mädchen die Cour schneiden, während diese gefühlsame Handarbeiten verfertigen, Kokarden häkeln, Hanseatenkreuze, die Sinnbilder vaterländischer und feindhässiger Gesinnung, in Kleider und Taschen sticken und derlei Konterbande heimlich durch die Douane schmuggeln.
Das gesellschaftliche Leben ist in vielen Zeichnungen Mildes wiedergegeben, die meist zahlreiche Familienmitglieder mit ihren Lieblingsbeschäftigungen um die häusliche Tafel gereiht zeigen. Auch unter Otto Speckters späteren Lithographien finden sich neben vielen Porträten derartige Gruppenbildnisse, unter anderen eines, auf dem in der linken Hälfte ein Mann in besseren Jahren mit bestimmter Fingerhaltung dargestellt ist. Es war dies ein würdiges Familienhaupt, das bei den abendlichen Zusammenkünften im voraus an den Fingern abzuzählen pflegte, welche seiner zahlreichen Schwiegertöchter er gerade zu Tische führen müßte.
Bot so das bewegte Leben der in Freundschaft verbundenen Häuser manche Ablenkung, so stand doch die Kunst und was damit zusammenhängt, im Vordergrund des brüderlichen Interesses, so daß die Freunde des Hauses bei ihren Besuchen vorzugsweise Bleistifte und ähnliches Zeichenmaterial als Gastgeschenke mitbrachten. Für die Vorherrschaft künstlerischer Neigungen sprechen schon die Namen des engeren Freundeskreises, der sich bald zusammenfand und unter denen Oldach, Milde, Morgenstern genannt sein mögen.
Eine Pastorin Mutzenbecher, die Mutter eines der Freunde, war durch ihre derben Redensarten berüchtigt. Ihre Aussprüche „mir bebt noch der Bauch vor Ärger“ oder „wir wollten ausfahren, und da schickte der Satan eine Taufe“ sind kleine, der Nachwelt übermittelte Kostproben ihres urwüchsigen Humors, der den alten Speckter höchlichst ergötzte. Die Zusammenkünfte der jungen Leute fanden abwechselnd in deren Elternhäusern statt, und als man zweimal hintereinander bei ihr tagte, verbat sie sich das mit den Worten: „Alle Week will ich den Hundedanz aber nicht hebben.“
Seitdem hieß der Freundeskreis scherzweise nur noch der „Hundedanz“, was wiederum den alten Speckter dazu veranlaßte, die Kränzchen der jungen Mädchen den „Kattendanz“ zu nennen.
Die beiden Brüder verehrten zeitweilig zwei Töchter der Pastorin, Erwin die schlanke, ältere, deren Gestalt er häufig für seine altdeutschen Bilder verwandte, während der lustige Otto der jüngeren, mehr rundlichen und rotbäckigen Karoline den Vorzug gab. Als Erwin ihn einst ob seiner Neigung für die blauroten Bäckchen neckte, rief Otto, schlagfertig auf einen der altmodischen Laternenpfähle weisend:
So lang wie dieser Leuchtenpfahl ist Erwin Speckters Ideal!
Während die Jugend so ihren Launen, unbekümmert um die äußeren Geschehnisse, lebte, wohl gar in diesen noch allerlei Anlaß zur Kurzweil fand, gingen die Zeitverhältnisse an den Älteren nicht spurlos vorüber.
Das blühende Kompagniegeschäft hatte unter der Franzosenherrschaft und Kontinentalsperre höchlich gelitten, und man entschloß sich, es aufzulösen. Das zwang den alten Speckter, sich nach einem neuen Tätigkeitsfeld umzusehen, das mehr in der Richtung seiner Neigungen liegen sollte. Dabei verfiel er auf den glücklichen Gedanken, eine lithographische Anstalt zu gründen.
Die Erfindung Senefelders war noch neu und bis dahin in Norddeutschland nicht eingeführt. Um die Mittel für das Vorhaben flüssig zu machen, mußte Speckter sich allerdings schweren Herzens dazu entschließen, seine geliebte Sammlung zu veräußern. Der Erlös betrug 18000 Mark.
Einer seiner Freunde, der Maler Herterich, den er als Mitarbeiter für seine Absichten gewann, reiste nach Süddeutschland, um sich dort mit dem Verfahren vertraut zu machen, Arbeitskräfte zu werben, Pressen und Steine einzukaufen, und im Jahre 1818 wurde das neue Unternehmen in Hamburg eröffnet, das für den künstlerischen Werdegang unseres Otto Speckter von so entscheidender Bedeutung werden sollte.
Man war zu dem Zwecke umgezogen in ein altes, etwas baufälliges Haus auf dem Valentinskamp, das ehemals dem italienischen Gesandten zur Residenz diente und weitläufig genug angelegt war, um den erhöhten Bedürfnissen zu genügen.
Eine geräumige Freitreppe führte in den ersten Stock, dessen Säle alte zopfige Stuckdecken aufwiesen. Ein angrenzender Schuppen war zur Steindruckerei eingerichtet. Das Ganze lag in einem alten Garten, in dem eine große Rosenlaube die Familienmitglieder bei den gewohnten Beschäftigungen vereinte.
Später zog man dann in das alte Haus in der Katharinenstraße, das sich wohl für die geschäftlichen Zwecke noch geeigneter erwies, und in dem man bis zum Verkauf der Druckerei verblieb. Der Elbkanal, der hinter diesem Hause vorbeifloß, bot Otto Gelegenheit zum Wassersport und zu Studienfahrten in ein noch unentdecktes Lagunengebiet, das mit seinen malerischen Durchsichten ein zweites Venedig genannt werden konnte. Doch mußte man sich die Zeit zu solchen Ausflügen abstehlen und durch sehr frühzeitiges Aufstehen gewinnen; denn die Berufsarbeit forderte den ganzen Mann.
Doch kam das erst späterhin, zählte Otto doch bei der Geschäftsgründung erst elf Jahre.
Zunächst blühten noch schöne Zeiten der Ungebundenheit, des Schwärmens und Schweifens in die Ferne.
Es war der schon eingangs erwähnte Freiherr von Rumohr, der die jungen Leute oft als Gäste auf seinem Gute Rothenhausen beherbergte und sie 1823 zu einer Studienreise durch Schleswig-Holstein veranlaßte.
Der Brüggemannsche Altar in Schleswig und Memlings Dombild in Lübeck gewährten Eindrücke, die bei den Brüdern die in der Zeit liegende Neigung für alte deutsche Kunst vertieften. Diese Einflüsse und der Aufenthalt im Hause des der Familie befreundeten ~Dr.~ Overbeck waren wohl die Ursache für die nazarenische Richtung, die Erwin in seiner Kunst einschlug.
Otto kehrte noch wiederholt auf Wochen, ja Monate nach Lübeck zurück, um Studien zu machen. Erwähnenswert ist, daß er bei dieser Gelegenheit im befreundeten Hause Curtius wohnte und mit dem Sohne Ernst, dem nachmaligen Philologen und Erzieher des Kaisers Friedrich, Freundschaft schloß.
Es ging auch hier im Kreise Gleichgesinnter lustig zu. Einmal hatte man nachts, bei losen Streichen ertappt, vor dem Nachtwächter Reißaus nehmen müssen, und Otto war, fix wie es seine Art, schnell entschlossen an einem Eisengitter auf den Balkon im ersten Stock eines fremden Hauses geklettert. Als das Feld wieder rein war, kam er hinunter; aber im Eifer des Gefechts hatte er vergessen, seine Studienmappe, die er oben an die Wand gelehnt, mitzunehmen und war nicht wenig verdutzt, als man sie ihm am nächsten Morgen beim Frühstück mit höflichen Empfehlungen überbrachte.
Die durchreisenden Freunde berichten übrigens seiner Familie von seinem großen Fleiß. Briefe der Mutter wieder erzählen von den kleinen häuslichen Erlebnissen, wobei die Tiere obenan stehen: Hero würde so ungezogen, daß er ihn bei seiner Rückkehr tüchtig prügeln müsse; beide Katzen hätten vier Junge bekommen, die alle ersäuft wären; die Vögel wären munter und Malvine (die dritte Schwester) füttere sie reichlich; seine Myrthe hätte drei Knospen; der ihm kürzlich geschenkte Laubfrosch piepe und verzehre täglich eine Fliege. Das Hauptinteresse beanspruchen in den Mitteilungen des Bruders Briefe, der aus der Fremde fleißig aber so undeutlich schreibt, daß Hermine, die Älteste, sie nur entziffern kann und den andern vorliest.
Aus dieser Zeit datiert ein erhaltener Brief des alten Speckter an Otto, der uns den Einblick in eine liebliche Familienidylle gewährt:
Erwin, der sich gleichfalls fern von den Eltern auf einer Stipendienfahrt in München befindet, hat zum Geburtstage des Vaters seinen eben vollendeten figurenreichen Karton der Auferweckung des Lazarus geschickt. Man hat die große Zeichnung vom oberen Saal herabgeholt und im Wohnzimmer dem Sopha gegenüber an die Wand geheftet. So schlürft man, dem Kunstgenuß hingegeben, behaglich seinen Kaffee, die kleine, dreijährige Adelheid, ein spätgeborener Nachzügling, springt im Zimmer umher, da wird dem alten Herren das Geburtstagsschreiben des zweiten abwesenden Sohnes gebracht.
Gerührt dankt er demselben für seinen „lieben, unordentlichen Brief“ und sagt zum Schluß: „Ist das nicht ein glücklicher Geburtstag eines 63jährigen Alten? Innerlich danke ich Gott herzlich für solche Freude und für Eure Liebe und Treue.“
Wird da nicht bei der Vorstellung dieser häuslichen Szene irgend so ein altes Kunsthallenbild lebendig?
Auch den Sohn zieht es zum Elternhause. Einmal wird das Heimweh danach so mächtig, daß er stracks von der Staffelei hinweg sich aufmacht und zu Fuß nach Hamburg wandert. Als dann in der Ferne die geliebten Türme der Vaterstadt auftauchten, wurde ihm wohler ums Herz und, zu Hause angekommen, war er ganz kuriert und begriff gar nicht, was ihn eigentlich hergeführt hatte. Am andern Morgen begab er sich wieder ganz vergnügt auf den Weg nach Lübeck. Otto zeichnete hier auf Rumohrs Anregung Memlings Altarbild aus der Greveradenkapelle und Overbecks präraffaelitisches Gemälde „Einzug Christi in Jerusalem“, beide im Lübecker Dom, um sie nachträglich auf den Stein zu bringen. Die Vervielfältigungen danach erfreuten sich großer Beliebtheit bei den Zeitgenossen.
Überhaupt wurde der junge Otto jetzt immer häufiger zu Arbeiten in der Steindruckerei herangezogen und bildete bald eine Hauptstütze der Anstalt.
Auch allerlei nebensächlich Erscheinendes wie Weinkarten, Frachtbriefe, Notenumschläge erhielt durch sein Zutun ein besonderes Gepräge. Als im Herbst 1830, veranlaßt durch den Besitzwechsel des alten Hauses, der Umzug nach der Katharinenstraße stattfand, radierte er Empfehlungskarten mit der Vorder- und Rückansicht der neuen Wirkungsstätte.
Die eigentliche Blütezeit des Geschäftes war damals schon dahin. Anfänglich in Norddeutschland wohl einzig in seiner Art, erhielt es von außerhalb, aus Dresden, aus Kopenhagen, Steine zur Vervielfältigung zugesandt.
Was Wunder, daß man sich der besten und wohlfeilsten Kraft nicht berauben wollte, erst recht nicht, nachdem sich der Existenzkampf durch den Wettbewerb neu entstehender Unternehmungen schwieriger gestaltete.
Ein Stipendium, das beiden Söhnen gleichmäßig zustand, überließ Otto auf Wunsch der Familie nach kurzem Gewissenskampf selbstlos ganz dem Bruder, der allgemein als der Begabtere galt. Erwin wanderte zunächst nach München, dann nach Italien. Otto blieb daheim und widmete sich noch eifriger dem väterlichen Geschäft, aus dem die Familie die Mittel der Lebenshaltung bestritt.
Seine Freunde haben später oft geglaubt, in diesem Verzicht eine Schädigung für Ottos Entwickelung zu sehen. Mit Unrecht.
Er selber hat wohl in Stunden des Kleinmuts, die keinem Künstler erspart bleiben, sich ausgemalt, wie seine Begabung auch hätte andere Wege einschlagen können. Allein schon sein religiöses Gefühl wird ihn dazu veranlaßt haben, diese Wende im Schicksal der Brüder als durch höhere Fügung bestimmt zu sehen.
Und so können wir Späteren, die die Dinge leidenschaftsloser betrachten, in Ottos Entschluß nur eine folgerichtige Entwickelung erblicken, eine Auswirkung des Gesetzes „nach dem er angetreten“. Während Erwins wenige Gemälde und zarte Stiftzeichnungen, von denen das beigefügte Jugendbildnis Ottos ein Beispiel gibt, dem Kenner wohl als seltene Köstlichkeiten gelten, in ihrer Anlehnung an fremde und historische Kunstart dem heutigen Zeitgeist jedoch noch fremder und historischer erscheinen als die Vorbilder, ist Ottos Werk der Kindheit seines eigenen Volkes zur Quelle dauernden Entzückens geworden.
Wenn es schon für einen Künstler keinen schöneren Ruhmestitel geben kann als diesen, so muß noch hinzugefügt werden, daß er den Erwachsenen gleicherweise ans Herz gewachsen ist, und daß seine Werke auch im Ausland sich weitester Verbreitung erfreuen und recht als der typische Ausdruck des Deutschtums gelten, wie es, durch seine besten Söhne verkörpert, im großen Weltbild sich darstellt.
Sein Genius führte ihn zur Griffelkunst, die von jeher für den deutschen Geist das eigentliche Gebiet war, auf dem er seine krausen Einfälle und rege Gestaltungskraft, sein Wesen „innerlich voller Figur“ erst recht zu voller Geltung bringen konnte.
Statt ein Vertreter eines nur die Oberschicht beherrschenden Stilideals ist er der Künder seiner Umwelt geworden, hat er der Nachwelt ein anschauliches Bild von den Daseinsformen seiner Zeit hinterlassen, dem Leben der Tiere innige Züge abgelauscht, und an ihnen mit herzlichem Humor kleine Schwächen und Lächerlichkeiten der Menschen gleichnishaft gedeutet, hat er endlich die geliebte norddeutsche Landschaft als Schauplatz und Hintergrund der menschlichen und tierischen Handlung in so bezeichnender Weise hingebreitet, daß erst aus ihrem Verständnis heraus das Verständnis für die Dichterwerke, die er damit schmückte, auch weiteren Kreisen des Vaterlandes nahegeführt wurde.
Wichtig dabei, ja die notwendige Voraussetzung für den Erfolg, war die Beherrschung der graphischen Mittel, durch die er seine Stoffe zur Anschauung brachte.
Und da ist es wieder der oft geschmähte Zwang der handwerklichen Schulung, der, ähnlich wie dies bei Menzel der Fall war, ihm für die Folge als Grundstock seines Könnens diente.
Ähnlich wie Menzel hat er auch in einem Blatte „Pegasus im Joch“ dem Gefühl des durch Unfreiheit bedrückten Musensohns Ausdruck verliehen.
Aber wir wissen heute nur zu gut, wie gerade die Brotarbeit der echten Begabung als Prüfstein der Bewährung dient und die Kenntnis der harten Lebenstatsachen der idealistischen Auffassung der Jugend erst Kraft und jene Schattentöne verleiht, von denen sich die Anmut leichten Spiels dann um so heiterer abhebt, während die Begabung, die es sich zu leicht werden läßt, meist in Schwächlichkeit und Dilettantismus, bestenfalls in eine ästhetische Spielart verfällt.
Dieser Anschauung hat auch der Freiherr von Rumohr Ausdruck verliehen und die Worte des trefflichen Mannes, der auf den Werdegang der beiden Brüder so bestimmenden Einfluß übte, mögen hier wiedergegeben sein:
„Wäre ich reich und mächtig, oder auch nur eines von beiden, wer weiß, welchen Einfluß ich gewonnen hätte auf das künstlerische Treiben und Wirken unserer Tage! Wäre ich nicht eben hinreichend begütert, in meinen Umständen durchaus geordnet, wer weiß, welch’ ein Künstler aus mir sich hätte hervordrehen lassen! Allein zum Gönner gewährte mir das Schicksal zu wenig, zum Künstler bei weitem zu viel. Denn es verdammt ein angeborner Wohlstand das Kunsttalent zum Dilettantismus, weil notwendig auf einer gewissen Stufe der Künstlerentwicklung das Urteil dem Vermögen vorauseilt, was die Hoffnung beugt, den Mut bricht -- -- eine Verstimmung, welche nur Künstler von Beruf überwinden, weil das Bedürfnis des Erwerbes sie dazu nötigt und zwingt. Ward ich freilich weder Künstler noch Gönner, so verschönte mir doch die Gabe zu sehen das Leben, gleich sehr in der Gegenwart und Erinnerung, gewann durch sie, was ich mündlich und in Schriften mitgeteilt, auch für andere einiges Interesse.“
Zeitweise verbrachte Otto mit anderen jungen Künstlern alle Sonntage auf dem Gute des Freiherrn, für dessen um einige Jahre ältere Nichte Lotte von Rumohr er seine erste ernstere Neigung faßte. Der Gegenstand dieser jugendlichen Schwärmerei blieb übrigens unvermählt und beschloß seinen Lebensabend als Stiftsdame im adeligen Fräuleinstift zu Plön. Viele Jahre später wird ihrer noch einmal Erwähnung getan, als sie das Bildnis einer Tante beim Künstler in Auftrag gibt.
Der Ernst des Lebens, von dem des Freiherrn Worte sprechen, trat denn auch in vollem Maße an Otto Speckter heran, ohne je seinen Humor noch seine angeborene und anerzogene tiefe Frömmigkeit beugen zu können.
Die andauernde Kränklichkeit und endlich der frühe Tod Erwins im Jahre 1835, dessen Dasein, nachdem es in wenigen hohen Werken wie ein Meteor aufgeflammt war, plötzlich gleich einem solchen im Dunkel verging, brachte der fröhlichen Familie große Trübsal.