Part 2
Das Erlöschen des zehnjährigen Privilegiums Ende der zwanziger Jahre schuf dem Geschäft Konkurrenten in zahlreichen neu entstehenden lithographischen Anstalten. Dies trieb Otto dazu, sich mehr dem Bildnisfach zuzuwenden und er leistete darin Vorbildliches. So malte er 1830 gelegentlich der großen Naturforscherversammlung Adalbert von Chamisso, was ihm seitens des Dichters einen schmeichelhaften Brief über seine Leistung, „ein vollendetes Kunstwerk“, eintrug. Auch der Zeichnungen Speckters zu einigen seiner Gedichte tut er in diesem Schreiben Erwähnung und findet namentlich Worte der Anerkennung für das Bild „Der Bettler und sein Hund“, das der Idee, die er sich selbst von dem Stoff gemacht hätte, ganz entspräche.
Um Weihnachten 1834 übernahm Otto die Anstalt in gemeinsamer Leitung mit dem Vater. Das noch erhaltene Zirkular, in dem der alte Speckter dieses Ereignis bekannt gibt, weist folgenden Passus auf:
„Was die Ausführung von Kunstsachen anbelangt, so glaube ich mich auf die größern, aus unsern Pressen hervorgegangenen Arbeiten meines Sohnes beziehen zu dürfen. Es wird aber auch unser vereintes, eifriges Bestreben sein, geneigten Aufträgen andrer Art, wie sie der merkantilische und gesellige Verkehr unsres Platzes veranlaßt, durch möglichst saubere, prompte und billige Ausführung entgegenzukommen.“
Und Otto schließt sich dem an:
„Dem vorstehenden Cirkular meines Vaters erlaube ich mir nur hinzuzufügen, daß ich auch in dem neuen Geschäftskreis bemüht sein werde, mir das Vertrauen des Publikums zu verdienen, indem ich es mir zur besonderen Aufgabe machen werde, daß unser lithographisches Institut (das älteste, und längere Zeit das einzige, das im Norden von Deutschland errichtet war) mit den Anforderungen der Zeit und den neueren, technischen Erfindungen fortschreiten möge.“
Daran hat er es nicht fehlen lassen. Trotz tüchtiger Hilfskräfte lag doch die ganze Last der Arbeit auf ihm und oft mußte er die Nächte zu Hilfe nehmen, um die Fülle trockener und reizloser Berufsarbeit, welche die Tagesaufträge mit sich brachten, zu bewältigen.
Oft mag ihm das Entsagen gegenüber seinen Lieblingsbeschäftigungen zu viel geworden sein, aber sein hohes Pflichtgefühl angesichts des einmal übernommenen Berufes und seiner zärtlich geliebten Familie überwog alle selbstischen Bedenken. Er selber schreibt von sich:
„Obgleich es von Jugend auf mein Wunsch gewesen war, Maler zu werden, konnte ich durch die täglichen Arbeiten in der Steindruckerei nicht dazu gelangen, bis ich 1847 meine ersten Versuche bei Bottomley machte. Ich habe nie eine Akademie oder Zeichenschule besucht, ausgenommen einige Stunden Sonntag morgens bei G. Hardorff, habe mich überhaupt nie längere Zeit zum Studieren außerhalb Hamburgs aufhalten können. Meine Reisen nach Kopenhagen, Dresden, Prag, Berlin, England und Schottland kamen so zufällig und mußten in so kurzer Zeit in Begleitung andrer abgemacht werden, daß ich die Kunstschätze nur flüchtig sehen konnte. So will ich es hier aussprechen, daß es gewiß selten ein so freundschaftlich-uneigennütziges Zusammenleben von Künstlern gibt, wie ich es hier erfahren habe. Abgesehen von der Anregung, die ich durch meinen Bruder Erwin, Oldach, Milde, Asher, Morgenstern und Vollmer empfing, war es das Zusammenhalten der verschiedensten Künstler durch den Künstlerverein, welches auf mich wirkte, und namentlich standen mir Kauffmann, Gebrüder Gensler, Bottomley, Bonkoff, Schröder, Bülau, Luis, Häselich und manche andre mit Rat und Tat bei. Abgesehen von ihren Kunstwerken schreibe ich Kauffmann und den Gebrüdern Gensler den größten Einfluß auf die jüngern Künstler zu. In den letzten Jahren (1853) habe ich in Günther Genslers Atelier Studienköpfe gemalt. Das Porträt von G. Gensler im Besitz des Künstlervereins stammt aus dieser Zeit.“
Der hier erwähnte Künstlerverein war 1833 gegründet worden. Unter den Namen der Gründer finden wir außer den schon vielgenannten auch denjenigen Gottfried Sempers. Allemal am Wochenende fand eine Zusammenkunft im Ratsweinkeller unter dem Eimbeckschen Hause am Dornbusch statt, dessen Eingang der bekannte, später aus dem Brande gerettete Bachus beschirmte. Den lustigen Zechgelagen, aber auch den ernsthaften Erörterungen von Standesfragen, die hier gepflogen wurden, ist Speckter bis in seine letzten Jahre treu geblieben, ja es kann nicht verschwiegen werden, daß seine späterhin gar zunftmäßig strenge Auffassung der Vereinspflichten nicht wenig zur Verknöcherung des Vereinslebens und zum Austritt der jüngeren Mitglieder beitrug.
Anfänglich herrschte jedenfalls ein ungebundener Ton. Bei der nächtlichen Kurzweil war es auch wieder auf die Langmut der Nachtwächter abgesehen und ertönten die dunklen Straßen der alten Stadt von lustigen Weisen. Solche Ausspannung mußte der mühseligen Tagesarbeit als Gleichgewicht dienen, ebenso wie die Wasserfahrten, die Otto unternahm, bei denen er mitunter die Nächte im Freien zubrachte und die ihm im Verkehr mit dem Volke und in der Beobachtung seiner Sitten das ersetzten, was der Mangel eines geordneten Studiums ihn entbehren hieß. Pferderennen wurden stets besucht. Großes Interesse erweckte in den dreißiger Jahren ein Zirkus, und eine kleine Schwärmerei für eine schöne Kunstreiterin gehört gleichfalls in dieses Kapitel.
Neue Schwierigkeiten tauchten auf, als mit der Erfindung der Daguerreotypie das Bildnisfach ganz unter den Einfluß dieses neuen Verfahrens gebracht wurde und damit ein wichtiger Geschäftszweig verloren ging.
Doch hatte das Geschick es gefügt, daß ein anderes Arbeitsgebiet sich dem Künstler erschloß, auf dem er die ganze Fülle seiner Persönlichkeit ausschöpfen konnte.
Es war wohl 1832, als sich Friedrich Perthes an ihn mit dem Ersuchen wandte, die Fabeln des ihm befreundeten Pastors Hey zu illustrieren. Das erste Entstehen dieses später so berühmten Jugendbuches ging ähnlich wie die Schöpfung des Struwwelpeters von statten, wie wohl füglich jedes gute Kinderbuch nicht aus verlegerischen Gewinnabsichten, sondern aus persönlicher Anteilnahme am Kinderleben auch in Zukunft entstehen dürfte. Pastor Hey hatte die Verse zur Belustigung seiner eigenen Kleinen niedergeschrieben, als sie an den Masern krank lagen und ursprünglich gar nicht die Absicht gehabt, sie zu veröffentlichen.
Die Zeichnungen, die Speckter nun in Perthes Auftrage dafür schuf, brachten ihm über Nacht den wohlverdienten Ruhm. Ihretwegen wurden die Fabeln in alle Kultursprachen übersetzt und die Bilder, nicht immer mit der besten Sorgfalt und in den verschiedensten Techniken wiedergegeben, machten ihre Runde um die Welt.
Kein Wunder! Das Tierleben ist hier in seinen innigen Zügen so belauscht und dem Kindergemüt nahegebracht, daß diese Sprache allen Rassen und Völkern geläufig ist.
In Japan sind die Fabeln sogar zum Schulbuch geworden.
Das möge unsere Schulbehörden zur Nachahmung aneifern! Soll doch mit der Reform auf allen Gebieten auch an dieser schon längst neuerungsbedürftigen Stelle eingesetzt werden. Statt der äußerlich und innerlich recht minderwertigen Lesebücher, die in fortwährend sich wiederholenden Neuauflagen doch immer von gleichem Unwert bleiben und jahraus jahrein zum Nutzen einiger Interessierter, aber sehr zum Schaden der Allgemeinheit ein gut Stück des Volksvermögens verschlingen, sollte man dem Kinde mit einer Auswahl lesenswerter Stoffe gute Wiedergaben dieser Fabelbilder geben und so die echte Kunst Otto Speckters in jedes Haus tragen.
Verhältnismäßig gehören ja die Fabeln zu den Arbeiten des Künstlers, die auch heute nicht ganz aus dem Gebrauch geschwunden sind.
Drum ist bei der vorliegenden Schau über das illustrative Gesamtwerk Speckters die Auswahl nur auf die schönsten und charakteristischsten der Fabelbilder beschränkt worden.
Es erübrigt sich, darüber viel Worte zu verlieren. Die Dinge sprechen für sich selbst. Zu betonen ist nur, abgesehen von der Art, wie das Wesentliche in Haltung und Ausdruck der Tiere gepackt ist, daß auch das scheinbare Nebenher, das Stückchen Umgebung, bald Hühnerhof und Hundehütte, bald Weidicht und Ried, bald Dachtraufe und Schornstein, mit wenigen meisterlichen Strichen gegeben ist. Man betrachte nur die ziehenden Störche mit der in der Vogelperspektive ruhenden Kleinstadt oder den Himmelsausschnitt mit den Papierdrachen, und man wird sich dem volksliedhaften Stimmungsgehalt dieser Zeichnungen nicht entziehen können.
Das Tierleben bildet auch das Stoffgebiet bei den weniger bekannten Kletkeschen Fabeln oder der in nur kleiner Auflage gedruckten „Kynalopekomachia“ des Freiherrn von Rumohr. Bei letzterem Buch ist die zarte und dabei bestimmte Strichführung der graphischen Darstellung von besonderem Reiz.
In den bedeutend späteren Bildern zur Geschichte von Feldmaus und Stadtmaus ist so recht das Tier als Darsteller menschlicher Schwachheiten zum Ergötzen der Kinderwelt vorgeführt. Den Höhepunkt dieser Art symbolischer Tiergestaltung bilden aber die Radierungen zum „Gestiefelten Kater“. Wie hier sein Lieblingstier menschlich zum Menschen sprechend, geradezu ins Dämonische gewachsen, wiedergegeben, dabei aber das spezifisch Katerhafte getroffen ist, das gehört zu den meisterlichsten Leistungen Speckterscher Kunst, ja unserer deutschen Illustrationskunst überhaupt. Alles Menschliche an Figuren tritt naturgemäß hinter dem Helden der Märe zurück; aber auch dieses und das Räumliche ist mit der Speckter eigenen Einfühlung in den Stoff gegeben. Das prachtvolle Blatt, das den Kater vor dem Hexenmeister zeigt, erinnert in seiner faustartigen Szenerie entfernt an Oldachs „Zwiegespräch zwischen Mephisto und dem Schüler“ aus der Hamburger Kunsthalle.
[Illustration]
Anklänge an Philipp Otto Runge finden sich in den Illustrationen zu Andersens Märchen, was nicht verwunderlich ist, da ja Speckter in jungen Jahren die symbolischen Blumenapotheosen Runges für die Ausgabe von dessen hinterlassenen Schriften lithographierte und auch sonst im Banne des genialen Künstlers und Freundes des Hauses gestanden haben mag.
Im übrigen ist es immer wieder die Naturanschauung, die ihn davor bewahrt, sich auf irgendeine Manier festzulegen.
Bezeichnenderweise ist das Blatt mit den ziehenden Schwänen eines der schönsten unter all diesen lieblichen Märchengebilden. Ich weiß es nicht, ob unter ihnen die Illustration zur Geschichte vom fliegenden Koffer die erste bildhafte Fassung dieses Zaubers darstellt. Jedenfalls ist das aus sich selbst Bewegende des von den Lüften getragenen seltsamen Vehikels mit all der Selbstverständlichkeit gegeben, die wir als Kinder bestaunten und auch heute noch als durchaus wahr empfinden, wo wir doch als Miterlebende des Flugwunders das Staunen längst verlernt haben.
Die reizenden, im besten Sinne märchenhaften Zeichnungen fanden Andersens Anerkennung. Er schreibt dem Künstler darüber: „Von all den vielen Illustrationen für meine Märchen sind die Ihrigen die schönsten und genialsten, darum freut es mich sehr, daß eben Sie den Auftrag bekommen haben, für die neueste englische Ausgabe Bilder zu zeichnen.“ Der Dichter ist dann auch einmal im Hause zu Besuch und ergötzt die Hausgenossen durch seine Geschichte von der Nähnadel und der Stopfnadel, die er aus dem Stegreif zum Vortrag bringt.
Noch ganz im Banne zeitgenössischer Manier sind die Zeichnungen zum „Hildrian“, einem verschollenen und äußerst seltenen Buche, deren einige hier des historischen Interesses halber wiedergegeben sind. Sie zeigen die zwar feine, aber etwas akademisch glatte Linienstilisierung, die von Asmus Carstens’ und Bonaventura Genellis klassizistischen Kompositionen ausging, auch bezeichnend blieb für den nazarenischen Kartonstil jener Zeit, und von der wir in allen Frühwerken der bekannten Graphiker Beispiele finden, etwa in Schwinds Tafeln zu Bechsteins Faustus, in Rethels Lithographien zum Rheinischen Sagenkreis der Adelheid von Stolterfoth u. a. m.
Speckters schlichte Anmut spricht sich aber schon absondernd in diesen vom Zeitgeschmack noch beherrschten Blättern aus.
Ebenso in den zierlichen Stahlstichen zu Eberhardts „Hannchen und die Küchlein“. Beim Anschauen dieser reinlichen und ordentlichen Idyllen wird man unwillkürlich an die englischen Tassen und Schüsseln im Stile der „~Willow dishes~“ erinnert, jener Steingutware, die in blauem, rotem oder schwarzem Aufdruck idealisierte Schilderungen des ländlichen und häuslichen Lebens ~Old merry England~’s schmücken, und die noch vor kaum einem Menschenalter an der ganzen Waterkant in jedem Hause zu finden waren, das durch seine Familienmitglieder in irgendwelcher Beziehung zur Schiffahrt stand.
Eine andere Aufgabe der Frühzeit war der Katechismus, den er im Auftrage des Rauhen Hauses ausstattete, einer Hamburger Erziehungsanstalt für verwahrloste Kinder, der sein Jugendfreund ~Dr.~ Wichern, der nachmalige Gründer der Inneren Mission, auch ein Mitglied des einstigen „Hundedanzes“, vorstand.
Es handelte sich hierbei fast ausnahmslos um eine Übertragung alter bekannter Gemälde religiösen Inhaltes in die graphische Form. Das einzige von Speckter selbst geschaffene Blatt, die Schöpfung darstellend, ist der Besonderheit halber hier wiedergegeben. Auch von den Illustrationen, die er für die Missionsschriften des Rauhen Hauses zeichnete, sind einige mit veröffentlicht. Sie heben sich von seinen anderen Arbeiten durch eine mehr derbe, volkstümliche Art der Ausführung ab, dem Holzschnittverfahren der Flugschriften entgegenkommend, die im Sinn der frühen Volksbücher gehalten sein sollten.
Der Realismus in der Darstellung des Figürlichen und Landschaftlichen findet verwandte Züge in den Zeichnungen Hermann Kauffmanns. Nur daß es bei letzterem bei der rein sachlichen Naturwiedergabe bleibt, während Speckter in höchst glücklicher Weise diesen Realismus nur als Regulativ für seine Phantasie benutzt und so in der Lage bleibt, seinen Bildern märchenhafter oder doch wenigstens erzählender Art die überzeugende Note, der Zauberwelt des Dichterischen die gesunde Farbe der Wirklichkeit zu geben.
Schon in ganz frühen Arbeiten findet sich dieser Hang zur Naturwiedergabe. Der Knabe zeichnet schon ganz bestimmte Plätze der landschaftlichen Umgebung seiner Vaterstadt.
So sind uns auch durch seine Hand eine Reihe von Ansichten des Hamburger Brandes im Jahre 1848 erhalten, die als Lithographien mit technischen Reizen behaftet, zum Teil höchst lebendige Vorstellungen dieses elementaren Ereignisses geben.
Er zeichnete die Blätter, nachdem er während des Brandes selbsttätig und durch sein heroisches Beginnen andre anspornend, aus den gefährdeten geliebten Kirchen an unersetzlichen Kunstwerken rettete was zu retten war, um schließlich vor der Allmacht der ungeheuren Katastrophe verzweifelt und erschöpft zusammenzusinken.
Auch diese Tat gibt ein anschauliches Bild seines ausgeprägten Gemeinsinns und seiner stets selbst zu persönlichen Opfern bereiten begeisterten Kunstliebe.
All die Beweise, die Speckter von Fall zu Fall für seine Befähigung zum Illustrator lieferte, trugen ihm 1852 den Auftrag des Verlegers Maucke zur Ausstattung von Klaus Groths „Quickborn“ ein, die allgemein für seine bedeutendste und beste Schöpfung angesehen wird.
So ganz kann ich diese Auffassung nicht teilen. Das Buch läßt in seiner Gesamthaltung die Einheit vermissen, die die meisten seiner übrigen Bücher auszeichnet.
Man kann das dem Künstler nicht so unmittelbar zum Vorwurf machen. Es liegt das in der Zeit begründet und hat gleichlaufende Nebenerscheinungen. Der Verfallstil in der Buchkunst hat um jene Zeit schon begonnen. Allerlei historisierende Anklänge an gotische Initialkunst und ähnliches mischen sich in die unbefangene Formvorstellung. Neben vignettenhaft frei gestalteten stehen bildhaft in feste Rahmen gefügte Darstellungen.
Die Bildmenge häuft sich mitunter und paßt mit der dünnen Schrift nicht recht zusammen. Die Verschiedenheit der Versform bringt schon Unruhe in das Gesamtbild, die durch Versuche, Bild und Schrift zu verbinden, wie es jene Initiallösungen anstreben, nur verstärkt werden.
Dieser Einwand soll nur etwas Grundsätzliches aussprechen, was man in sonstigen Abhandlungen über Otto Speckter vermißt, was aber zur Klärung der Stilfrage des Buchwesens von Wichtigkeit ist. Der „Buchkünstler“ Speckter, der in den Fabeln den lieblichen Bilderfries durch das obere Drittel des ganzen Buches führt, im „Gestiefelten Kater“ und in „Brüderchen und Schwesterchen“ die Illustrationen als Vollbilder sich ausbreiten läßt und nach ähnlichen Gesetzen auch seine übrigen Bücher ordnet, verläßt hier den Boden des nach einheitlicher Regel aufgebauten Buches.
Sieht man von diesem Umstand ab, so findet man alle Vorzüge seiner Kunst in verschwenderischer Fülle wieder, nur noch bewußter zur Anwendung gebracht als ehedem.
Sein eingeborener Natursinn veranlaßt ihn dazu, Holstein zum Zwecke vorbereitender Studien aufzusuchen. „Wer den Dichter will verstehn, muß in Dichters Lande gehn.“
Mit welchem schönen Erfolg er diesen Grundsatz anwandte, beweist ein Brief, den ihm ein anderer Dichter der Marsch, Theodor Storm, im November 1859 schrieb. Er lautet:
„Gestatten Sie mir, verehrter Mann, Ihnen mein neuestes Büchlein zu senden, und Ihnen dabei noch nachträglich meine Freude über Ihren Quickborn auszusprechen.
Ich war, als ich das Buch erhielt, mit meiner Familie eben von Husum nach Potsdam übergesiedelt, um mich bei dem dortigen Gerichte, wie so viele meiner Landsleute, für den Dienst der Fremde vorzubereiten. Noch niemals haben Bilder mir eine solche Freude gemacht: meine Frau und ich vertieften uns ganz darin. Das waren Land und Leute unserer Heimat; das war sogar die Luft, das Wetter von zu Haus. So wie Seite 209 hatte auch ich auf den kleinen Werften die Kinder im Abendschein spielen sehn; und Vollmacht Hansen meinte ich durchaus persönlich gekannt zu haben. Dieses männlichen Stiftes bedurfte es, um das Leben unserer Heimat zur Anschauung zu bringen. Maler und Dichter ergänzen sich hier in seltener Weise, und oftmals geht der Erstere über den Letzteren hinaus und gibt die vollendete Darstellung des Stoffes, wo die Worte des Dichters nicht ausreichten, noch öfterer wetteifern beide an Tiefe und Innigkeit.
Ich sprach dies damals gegen Eggers aus, der das Buch eben in seinem Kunstblatt besprechen wollte, und der, trotz der anfänglichen unwillkürlichen Opposition gegen meinen vielleicht etwas aufdringlichen Enthusiasmus, mir bald völlig beistimmte. Und diese Freude an Ihren Bildern ist noch immer dieselbe, sowie ich das Buch in die Hand nehme. Auch für meine Jungen, die natürlich im Besitz Ihrer Münchener Bilderbogen und des gestiefelten Katers sind, ist es eine unerschöpfliche Fundgrube. Ich erinnere mich lebhaft eines Abends vor drei Jahren, wo ich zum letzten Mal vor meiner Abreise nach hier mit Adolph Menzel und Franz Kugler -- mit Letzterem auf Nimmerwiedersehn -- in Berlin auf Eggers’ Zimmer zusammen war. Kugler und Eggers hielten auf dem Sopha Kunstgespräche; ich an einem andern Tische zeigte Menzel Ihren Quickborn, den er noch nicht kannte. Das erste Bild, das wir aufschlugen, waren die „Aanten int Water“. Die im Hintergrunde waren ihm zu groß; er kritisierte. Bald aber, als wir weiter blätterten („Dat Moor“ u. A.) wurde der kleine schwarze Mann ganz Feuer und Flamme. Mehrmals nahm er das Buch und lief damit zu Kugler hin. „Sehn Sie mal! Tausend ja! Wie das gemacht ist!“ Dies galt auch dem ersten Bild zu „Peter Kunrad“, was Eggers damals nicht vorzugsweise gefiel. Menzels Freude an Ihren Bildern kam mir nicht unerwartet; denn Sie haben eine Verwandtschaft miteinander, -- die große Energie der Anschauung. Nur zweierlei wünschte ich fort: die Hand an „De hilli Eek“ und die Teufelsfratze an dem Baum im Moor (S. 177). Das Gespenstische, was wir aus unserer Stimmung auf die Natur übertragen, dürfte -- so meine ich -- die Kunst nicht weiter ausdrücken, als daß sie durch die Art der Darstellung die +Stimmung+ in dem Beschauer zu erzeugen sucht, aus welcher sich derartige phantastische Anschauungen der natürlichen Dinge in uns zu bilden pflegen. Doch will ich mich mit dieser Privatmeinung gern bescheiden.
So seien Sie mir denn noch einmal herzlichst gegrüßt; und möge Ihnen Zeit und Gelegenheit werden, Ihre Mitlebenden noch öfter durch Werke von solcher Bedeutung zu erfreuen!
Theodor Storm.“
Zwischen dem Briefschreiber, den das damalige dänische Regiment von seinem Posten als Amtmann in Husum verdrängt und in preußische Dienste geführt hatte, und dem Künstler entwickelte sich im Laufe der Jahre eine Freundschaft, die sich auch auf die beiderseitigen Familien erstreckte und die auch ihre künstlerische Begleiterscheinung in Speckters Illustrationen zu Storms „Weihnachtsgeschichte“ gefunden hat.
Auch blieb es nicht aus, das er zu Klaus Groth selbst in Beziehung trat, der während des Fortschreitens der Arbeit des öfteren nach Hamburg kam, seine eben fertig gewordenen Gedichte vorlas und seiner Freude über das Gelingen des gemeinsamen Werkes durch Wort und Schrift Ausdruck gab.
Wie ist aber auch alles an den Zeichnungen voll echter Empfindsamkeit! Die Knickwege, durch die Fuhrwerke sich langsam hindurchmühen, die Dünen, der weite Strand, von einzelnen Wasservögeln bevölkert, das unendliche Meer und das kleine, intime Dasein der Dorfstraße, um deren Mulden und Ränder sich die Dorfjugend tummelt. Und Wasser überall, Wasser in den Lachen, die die Ebbe am Strande zurück läßt, Wasser in der Luft, Wasser im Meer und Wasser in den tausend kleinen Rinnsalen, die die Landwege durchfurchen. Und die Menschen, die mit diesem Wasser aufgewachsen sind, von ihm abhängen und ihm ihre Seele verschrieben haben, wie sind sie erfaßt!
Der Tagedieb, der unter dem Baumriesen dahinträumt, bunter Festtrubel, Liebende im Mondschein im schweigenden Anschaun der weißbeglänzten Leichensteine, Kindheit, die nach den Gestirnen greift und das Alter, das sich unter der Last der Jahre krümmt. Nachbarn im Meinungsaustausch beim lauschigen Hauseingang, Weiber beim Tratsch, Sehnsucht der Verlassenen, Unfall und Verbrechen, bis zum letzten bitteren Ende: das ganze Menschendasein wird in diesen Bildern vor dem Betrachter aufgerollt.
Und wie spiegelt sich in Speckters gesamtem Schaffen, nicht bloß im Menschenbilde, in der Landschaft, sondern auch in den nebensächlichsten leblosen Gegenständen das Wesen der Umwelt!
Wie ist der Zauber des Innenraums, das Formgeheimnis jener alten Hauswinkel gebannt, die noch nichts von der banalen Wirklichkeit der Bauten unserer Zinshaus- und Grundstücksspekulanten kannten! Bald ist es die Schummrigkeit des Alkovens, bald die spielzeugähnliche Kubik des kleinen Kramladens, bald die wohlhäbige Räumlichkeit einer Hausflur oder die ansprechende Sachlichkeit schlichtschönen Hausrats, die einen ganz klaren Stimmungsreiz auslösen. Und alles mit den geringsten Mitteln gemacht. Wie vieles mag der häuslichen Umgebung entnommen sein? Da ist dasselbe einfache Motiv der Wendeltreppe, das wir wiederholt finden, einmal in „Hannchen und die Küchlein“, dann wieder im „Katzenbuch“ und in den Fabeln.
Dieser Hauch der Unmittelbarkeit, der über alles ausgegossen ist, umspielt auch das Kleinstadtleben in Gassen, Hofplätzen und Dachwinkeln.
Mir fällt dabei ein Gedicht von Arno Holz ein, das „Erinnerung“ betitelt ist und zum Teil also lautet:
Rote Dächer Aus den Schornsteinen, hier und da, Rauch, Oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu, Tauben. Es ist Nachmittag. Aus Mohdrikers Garten her gackert eine Henne, Die ganze Stadt riecht nach Kaffee. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Nur drüben in Knorrs Regenrinne, Zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken, Ein Mann, der sägt, Und dazwischen, deutlich von der Kirche her, In kurzen Pausen, regelmäßig, hämmernd, Der Kupferschmied Thiel.
Wenn ich unten runtersehe, Sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett: Ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoyen, eine Geranie Und mittendrin, zierlich in einem Zigarrenkistchen Ein Hümpelchen Reseda. Wie das riecht? Bis zu mir rauf!!
So sind die Zeichnungen Otto Speckters. Man fühlt in ihnen ordentlich die reine klare Luft, in der das gesprochene Wort seinen Widerhall findet.
Wie kommt’s, daß mir beim Anblick dieser Blätter die Jugendjahre lebendig werden, daß mich hier oben im schönen bayerischen Land, im Anblick der Berge, die Sehnsucht nach der alten norddeutschen Heimat meiner Väter anfällt mit ihrem Strand, ihrer regenschweren Luft und ihren sausenden Stürmen? Was anders als die Stärke dieser Kunst, die eben in der Stärke des Naturgefühls wurzelt, die Meisterschaft, mit der all die Dinge in ihrer Wesenheit gepackt sind.
Freilich ist manches unbeholfen, ein wenig hart und trocken geraten. Aber ist diese Unbeholfenheit nicht auch ein Stück deutschen Wesens, diese Gradheit und Echtheit, die sich lieber scheu auf sich selbst zurückzieht, statt einer leeren Geste, dem hohlen Pathos, lieber Verhaltenheit in Ausdruck und Bewegung gibt?
Daß seinem ganzen Schaffen der kindliche Zug anhaftet, daß aus diesem tiefsten Grunde den Kinderbüchern der Preis gebührt, daß diese Seite seiner Kunst es ausschließt, daß das Tragische und Dämonische in seiner ganzen Stärke und Kraßheit damit zum Ausdruck gebracht wird, das sind Einschränkungen, die wohl gemacht werden müssen, aber das eigentümlich Specktersche nur unterstreichen und dem Liebhaber, der die Persönlichkeit über alles setzt, kaum als die Feststellung von Mängeln gelten werden.
Den Urgrund für all sein Schaffen, die Fülle, aus der er schöpfte, bildete des Künstlers eigenes glückliches Familienleben, das er sich schuf, nachdem das Elternhaus durch den Tod der Mutter (1842) und des Vaters (1846) verwaist war. Speckter hatte sich im Jahre 1847 mit der um 17 Jahre jüngeren Auguste Bergeest vermählt, die einer angesehenen Kaufmannsfamilie entstammte, deren Ahnherr Jahrhunderte vorher als durch den Religionshader verarmter Sproß eines elsässischen Adelsgeschlechts nach Hamburg eingewandert war und deren Familien- und Handelsbeziehungen über See nach England und dem dänischen St. Thomas reichten.
Dieses Eheleben, dem sieben Kinder erblühten, war voller Sonne, aber nicht ohne Schatten. Sorgen, nicht gerade ums tägliche Brot, wohl aber um die Aufrechterhaltung eines großen Hausstandes und eines Geschäftes, dessen Nutzen von Jahr zu Jahr fragwürdiger wurde, beeinträchtigten die ersten Jahre des harmonischen Zusammenlebens.
Zwei Schwestern, die weiter im Hause wohnen blieben, mußten mit versorgt werden. Der alte gleichfalls übernommene Teilhaber Herterich war allmählich etwas linkisch geworden. Seine Hauptbeschäftigung war das Kreidekochen, wenn er nicht stundenlang vor seiner Kopie nach Claude Lorrain saß, an der er bereits zwanzig Jahre lithographiert hatte und angestrengt darüber nachgrübelte, ob er sie nicht durch einige Punkte und Striche noch verbessern könnte. Der Specktersche Familienwitz erfand daher für derartige Beschäftigungen die Bezeichnung „Clauden“.
Um so unermüdlicher war Otto Speckter in dem Bestreben, das Geschäft aufrecht zu erhalten und die vielen Pflichten gegenüber der Familie zu erfüllen.
Um ihm die oft ermüdende eintönige Arbeit zu erleichtern, las die Gattin ihm dabei vor, wie es früher die Mutter und die Schwestern getan hatten. Das und die Unterweisungen, die er ihr wiederum im Blumenmalen gab, befestigte die innige Interessengemeinschaft zwischen den Eheleuten.
Bescheidene kleine Reisen an der Seite der Frau, die Mappe unter dem Arm, den Malkasten über die Schulter gehängt, waren die einzige Erholung, die sich der Rastlose gönnte.